Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
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| Kategorie | Keine Kategorie |
| Baustil | Keine Kategorie |
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Kunsthistorisch bemerkenswert durch die beiden lebensgroßen Statuen St. Dionys und Juliana am Hochaltar (ursprünglich in der Klosterpatronatskirche zu Schäftlarn); treffliche Werke der Münchner Schule, c. 1490 Kopf des Bischofs fein individualisiert; Gewandfalten im Wurf sehr einfach. In der Sakristei Holzfigur St. Sebastian; tüchtige, etwas derbe Arbeit c. 1520 [RM; KB].
Für die kath Studentenkorporation „Aenania“ 1912/13 im deutschen Renaissancestil erbaut von Hofbauamtmann Neu. Eingerichtet mit Kneipsaal (für 250 Personen), Speisezimmer, Bibliothek, Spielzimmer, Chargiertenzimmer und Studentenwohnungen. Lauschiges Gärtchen mit Monumetatalspringbrunnen.
Angerviertel, zwischen Dultstraße und Blumenstraße. Bei Entstehung der Stadt war hier ein Bach über einen Wiesenanger hereingeführt („Angerbach“), der die alte Stadt mit Wasser versorgte. Die hier gebauten Häuser lagen außerhalb der ältesten Stadtmauer und bildeten das „Angerviertel“ („in prato“) ; die neue Stadtmauer (1319) zog sie zur Stadt. Hier trieben die Tuch- und Lodenmacher und Färber ( „Färbergraben“) ihr Geschäft. Am Patroziniumsfest (St. Jakob, 25. Juli) wurde vor dem Angerkloster die „Jakobidult, “ abgehalten (jetzt verlegt nach Haidhausen [Kohleninsel]). Hier war schon im 16. Jahrh . die Schießstätte für die Armbrustschützen (1613 vor das Karlstor [„Schützen-Straße“ ] verlegt) [R ].
St. Anna-Klosterkirche (der Franziskaner am Lehel), S. Annastr. 13.
Geschichte. Als um 1700 die Bewohnerzahl im Lehelviertel (damals noch außerhalb der Stadt gelegen), auf 2000 gestiegen war (s. „Lehel"), berief man als Seelsorger die Eremiten von der Hieronymiten - Kongregation aus ihrem Kloster am Wallersee; daher die vielen Beziehungen der Klosterkirche zum hl. Hieronymus. 1727 erhielten sie Kirche und Kloster. Letzteres diente, nach Entfernung der Ordensleute durch die Säkularisation 1805 als „Lehel-Kaserne“; von 1827 an wurde ein Teil der Kaserne und die Kirche den Franziskanern eingeräumt zum Ersatz für den Verlust des älteren Münchner Klosters am Max Josephsplatz, und zwar auf Wunsch König Ludwigs I. „eingedenk, daß Mitglieder dieses Ordens unsern erhabenen Vorfahrer Kaiser Ludwig den Bayer zu einer Zeit verteidigt haben, in welcher dies mit größter Gefahr verbunden war“ [F ].
Kunst. 1727—39 von Joh. Mich. Fischer, dem „bedeutendsten Kirchenbaum eister des bayerischen Rokoko“ [ D ]; sein einziger Bau in der Stadt.
Grundriß: Hauptraum oval mit Muldengewölbe auf 8 elliptisch gestellten Säulen, in das die Bögen der Altar nischen, des Chores und der Emporen einschneiden. Oestlich Eingangshalle mit Empore; westlich der Hochaltarraum mit einer Apsis hinterm Altar, der wie ein Umgang aus der Mauerflucht heraus tritt und im Gewölbe so tief in den Hauptraum einschneidet, daß dem Hauptraum oval ein kleineres Oval vorgelegt erscheint. An jeder Längsseite des Hauptraums je 3 Kapellennischen mit interessantem Wechsel der Breite und Tiefe des Raumes; starke Kurven — im ganzen Innenraum keine gerade Linie ! — für Orgelempore und Hochaltarraum: „ein saalartiger Eindruck, der von höchst malerisch gedachten Seitenkapellen kontrastiert wird “ [W 181]. An den Ecken des Hauptraums gegen die Altarnischen Pilaster mit reichen korinthisierenden Kapitellen; darüber Gesimsstücke. (1850—55 Erweiterung nach Osten und Abschluß durch einen Ziegelrohbau mit 2 Türmen in nüchternen romanischen Formen von Vort). — Ueber den Bögen und in den Zwickeln Stuckornamente in äußerst zarten Formen, namentlich in den Pilasterkapitellen, die schon stark zum Frührokoko neigen; nicht überladen und aufdringlich. Grund tapetenförmig bemalt. Ueber dem Chorbogen bayerisch-österreichisches Allianz Wappen in großer Kartusche (die Gemahlin des damaligen Kurfürsten Max Emanuel war aus Oesterreich); darüber der rote Kurhut; um den Schild die goldene Vlieskette; unten ein lebensgroßer schwebender Engel mit der bayerischen Fahne (darauf die Patrons Bavariae).
Hochaltar, von Egid Asam. Die mehr breite als hohe Wand ist durch 4 Pilaster in 3 Flächen geteilt; an der größeren mittleren in geschwungenem Rahmen das figurenreiche Altarbild („St. Anna und Joachim unterrichten Maria“) von C. D. Asam; an den andern Flächen flott modellierte überlebensgroße Statuen: S. Hieronymus und Augustin. Charakteristisch die 4 kräftig gewundenen Säulen des Aufbaus auf reich verzierten Konsolen; Schaft aus feingeschliffenem Stuck, ohne Ranken, nur im untern Drittel mit kronenartigem Reif gegürtet; Kapitell mit nach einwärts gekehrten Voluten (Asamart). Auf den Säulen einfach geschwungene Kämpfer; darüber mäßig ausladende Gebälkstücke (in wohltuendem Einklang mit dem architektonischen Kranz gesims). Auf den beiden äußern Gebälkstücken schwingt sich der große, über den ganzen Altar sich wölbende Baldachin an (auf den mittleren Gesimsen Blumenvasen); am zierlichen Baldachin fein ausgeschnittene Lambrequins mit Quasten, von Blumen und Ranken begleitet; in der Innenfläche Kassetten, eingelassen mit Sternen, Rosetten und Spiegelteilchen. Die beiden großen Genien mit phantastischem Federhelm sind dekorative Lieblingsfiguren Asams. „Die kleinen heitern Putten, Wolken und Blumen am Giebel sind dem tändelnden Geist des Rokoko sehr nahe verwandt, wie hier überhaupt der Emst und die Kraft des Barocks (an Säulen und Gebälk) mit der eleganten Grazie des beginnenden Rokoko (im Giebel) mit Geschick und Geschmack vereinigt sind“ [H f].
Seitenaltäre, ebenfalls von E . Asam, zwar einfacher und kleiner, jedoch in Architektur und Dekoration ein wirkungsvolles Ganzes; rechts: 1. Franz von Assisi; 2. hl. Ludwig (hier byzantinisches Madonnenbild, Beutestück des bayer. Obersten Lydl aus dem im Türkenkrieg 1688 eroberten Semendria); 3. hl Paula (Altarbüd: „Hieronymus übergibt der von ihm bekehrten hl. Paula und deren Tochter Eustochia den Ordensschleier“; links: 1. St. Anton von Padua; 2. Kreuzaltar; 3. Hieronymusaltar (Altarbild „Der hl. Bischof Eusebius erteilt dem hl. Hieronymus die Wegzehrung“ von C. D. Asam; Giebelbild der „selig gesprochene“ Hieronymitenpater Nikolaus von Furca Palenae). Kanzel mit Relief des Guten Hirten -, oben Christus als Weltrichter (wahrsch. von Toh. Straub). Grabstein des Freiherrn von Mandeiß 1782. [F, Hf, KB , W].
Arbeitermuseum, Kgl. Pfarrstr. 3. Gegründet 1900 als erstes Museum seiner Art in Deutschland; 1911 zu seinem derzeitigen Umfang ausgestaltet (von Bauamtmann Schulze). Ständige Ausstellung für Unfallverhütung, Gewerbehygiene, Wohlfahrt und allgemeine soziale Einrichtungen insbesondere auf dem Gebiet des Wohnungs- und Ernährungswesens); Bibliothek; ausgedehnte Kraftanlagen, um Maschinen und Apparate im Betrieb vorführen zu können, zur Veranschaulichung der Wirkungsweise der Schutzvorrichtungen [BAJ 460].
An, Vorstadt. Geschichte. Die Häuser in der Isar-Au trugen seit alters den Namen „in der Au“. Im 12. Jahrh. ist bereits ein Haus „am Pichel“ (Rosenheimer Berg) beurkundet, bewohnt vom Wald- und Aumeister (jetzt „Schwanenayotheke). Dahinter zog der „Fürstenweg“ (jetzt „Hochstraße“) ins Jagdhege der bayerischen Fürsten bis Grünwald hinauf. Die eigentliche Anlage der Au beginnt erst im 15. Jahrh., als die Adeligen und Patrizier sich hier Gärten mit ßommervillen anlegten. Damals errichtete hier auch Herzog Wilhelm IV. „am Neudeck“ einen Hofgarten mit Jagdschloß (an dessen Stelle jetzt die Paulaner-Brauerei), Falknerei („Falkenstraße“, „Falkenwirt“) und Wohnhaus für seine Pagen (jetzt „Paschihaus“). Alsbald eröffnet» auch der Bürger Andreas Kadi eine Wirtschaft (jetzt noch „Radi-Wirt“). Herzog Albrecht V. gelobte hier den Bau einer Kirche St. Borromäus und Herzog Wilhelm V. führte dieses Vorhaben durch Baumeister Wendel Dietrich aus, vollendet 1623. 1627 berief Kurfürst Maximilian I. aus Burgund (Belgien) die Paulanermönche ins verlassene Neudeckschloß (vom Orden der vom hl. Franz v. Paula 1475 gestifteten „Minimiten“, der strengstes Fleischfasten vorschrieb und nur an den größten Festen Wein- und Biergenuß gestattete). Die Mönche hatten gleich bei ihrer Berufung die Begünstigung erhalten, zur Bestreitung ihres Unterhaltes an ihrem Kloster ein großes Mietgebäude (wie die Augustiner) zu erbauen („Paulanerstock“, jetzt Zuchthaus „am Neudeck“) sowie eine Bierbrauerei einzurichten, aus dem sie zum Feste ihres Ordenstifters (2. April), des „Sankt Vater“ Franz Paul [daher der weltberühmte „Salvator“] ein besonders stark eingesottenes „Fastenbier“ an den kurfürstlichen Hof und die Bürger ausschenkten. 1799 zog der Orden weg, 1807 wurde das Kloster in ein Strafarbeitshaus verwandelt und die Brauerei an den Bierbrauer Franz Xaver Zacherl verkauft, von dem sie sammt dem „Salvator-Privilegium“ an Schmederer überging. An Stelle der Borromäuskirche wurde das neue Amtsgericht errichtet, dessen Turmdach in Nachahmung des frühem Kirchenturmdaches als Wahrzeichen die Form eines Priesterbirettes zeigt.
Lilienberg. Um 1680 ließ (am Platze "des k. Bezirksamtes) der Hofbaumeister Sei). Gaisreitter eine Kapelle erbauen; 1715 errichtete daneben der Patrizier .loh. Max Alberti ein Kloster (1803 aufgehoben, jetzt Bezirksamt) für die Benediktinerinnen-Klosterfrauen aus Niederburg bei Passau. Seither heißt diese Anhöhe der „Lilienberg“. Ueber der Klosterpforte stand die Aufschrift: „Unter reinen Lilgen weidet hier der Göttlich Präutigam. — Diser Berg izo füret den so schönen Lilgen Nam“. [„Altmünchner Bauweise“ v. Prof. Arch. Kranz Zell, SB 08/10, B01, R].
Benno-Säule, auf dem Ferdinand Miller-Platz, Geschenk der „Sedlmayerschen Stiftung zur Verschönerung der Stadt“. Auf der 11 m hohen Porphyrsäule die Erzfigur St. Benno, Schutzpatron Bayerns, der Stadt und speziell der Benno-Kirche. Entworfen von Albertshofer, gegossen von Ferd. von Miller [B 11].
Biederstein Schloß am Kleinhesseloher See. Im Besitz der herzoglichen bayerischen Familie. Von König Max I. als einfacher Landsitz erbaut.
Bogenhausen, Vorstadt östlich der Isar.
Geschichte: 776 erstmals beurkundet als „pubenhusen“, 1304 „Pugenhausen“. Am Isarabhang herrschaftlicher Garten (früher Eigentum des Grafen Montgelas, jetzt der Familie des Herzogs Karl Theodor) mit Schlößchen „Neuberghausen“, früher Edelsitz der Steppberg, jetzt Kgl. Maximiliansstift für Töchter von Staatsbeamten.
In der Biedermeierzeit ist Bogenhausen ein beliebter Ausflugsort der Münchner gewesen. In der alten Betzschen Gastwirtschaft steht im Garten, verfallen und verträumt, ein Tanzboden, auf dem sich „der Großvater mit der Großmutter“ vergnügten (und der vielleicht auch zur Unterbringung von Kinderkarussels gedient haben mag). Die Anlage ist im einfachen Zimmermannswerk ausgeführt und die Decke war einst in lustigen Farben bemalt. Eigentlich ist das Gebäude eine Uebersetzung des. damals so beliebten Rundtempels (vgl. „Monopteros“ im Englischen Garten) ins Volkstümliche [BAJ 195]. Im Restaurant auch der prächtige Georgsbrunnen (St. Georg ist der Kirchenpatron von Bogenhausen) von Düll und Petzold: auf der völlig modern und selbständig aufgebauten Kandelabersäule, dessen Knauf von 2 reizenden Nixenkindchen und 2 glotzäugigen Meerungeheuern gebildet wird, steht als Bekrönung elegant und geschmeidig der Drachentöter, den trotz seiner mittelalterlichen Wehr und Waffen nichts mit seinen unzähligen Ahnen vergangener Jahrhunderte verbindet [KH 12/9]
Botanischer Garten, Neuer, in Nymphenburg. Da der alte Botanische Garten am Lenbachptatz infolge der in der näherer Umgebung herausgewachsenen Verkehrsverhältnisse so stark von Rauch und Ruß zu leiden hatte, daß beispielsweise alle Arten Nadelhölzer zugrunde gehen mußten, und da ihm auch der Riesenbau des Justizpalastes zuviel Luft und Sonne nahm, entschloß man sich 1913, ihn nach Nymphenburg zu verlegen. Diese neue Anlage besteht aus einer von West nach Ost laufenden 85 m langen, 14 Meter breiten Mittelhalle nebst einem aus der Mitte sich erhebenden 20 Meter hohen Kuppelbau und einem Vestibül am Ostgiebel. Hieran schließen sich südlich wie nördlich eine Reihe von 16, je 27 m langen Schauhäusern, von denen namentlich das Viktoria- Regiahaus südlich und das Baumfarrenhaus nördlich der Kuppel bemerkenswert sind. Nördlich davon steht das 28 m lange und 12 m hohe Ueberwinterungshaus, ganz aus Beton und Ziegeln. An die östliche Mittelhalle stößt ein 28 m langes Verbindungshaus, an das südlich wieder die Kulturhaus-Gruppe mit 13 Einzelhäusern und nördlich die Wirtschaftsgebäude angebaut sind. Südlich der Kulturhäuser sind 60 Stück je 6x1,50 m große Frühbeetkästen in den Erdboden einbetoniert, wovon die mittlern 30 heizbar sind; auch südlich der Schauhäuser sind doppelseitige Frühbeetkästen von 12x3 m Größe. Die Gesamtanlage steht auf gewachsenen Kiesboden. Eine Anzahl im Sockelmauerwerk schräg einbetonierter Kaltluftkanäle leiten die frische Luft unter die innen liegenden Heizrohre. Rings um die ganzen Mittelhallen ist im Innern unter den Seitengängen ein unterirdischer, bequem begehbarer Heizkanat von 1,50 m Breite und 1,90 m Höhe einbetoniert. Die Fußböden der Gänge sind nicht betoniert, sondern mit feinerm Kies abgedeckt zwecks Aufsaugen des Spritzwassers und Erhöhung der Luftfeuchtigkeit. Fast sämmtliche Gewächshäuser tragen ein Satteldach mit beiderseitigen Glasstandwänden; nur wenige Häuser sind pultdachartig bedeckt; die 2 Orchideenhäuser sowie der große Kuppelbau haben ein Zeltdach, letztere unten mit Mansardenbruch und oben mit Laterne. Die eigentliche Gewächshaus-Konstruktion ist eine kombinierte aus eiserner, durchweg freitragender Unterkonstruktion mit aufgelegten Dachsprossen und Rahmen aus südamerikanischem Original-Pitchpineholz, einer harzreichen Föhrenart, die wohl 25 Jahre aushält [Max Kolb, Bayer. Staatsztg. 1913/73],
Brunnenbuberl. Monumentalbrunnen in den Karlsplatzanlagen, entworfen von Gasleiger. Ein gutmütiger Faun speit dem Knaben, der ihn necken wollte, kräftig Wasser ins Gesicht.
Brunnthal (Bogenhausen). entstanden aus dem 1690 von der Stadt erbauten Pfründnerhaus für alte und gebrechliche Weibspersonen, das aber [nach F 1004] wohl weniger eine „Pfründe“ als vielmehr eine Strafanstalt war, nämlich das sog. „Spinnhaus“ oder „Wollhaus“ zur Unterbringung liederlicher Weibspersonen.
Busch-Haus, Renatastr. 6, Wohnhaus und Atelier des Bildhauers Gg. Busch, von Arch. Gebrüder Rank 1910. Charakteristisches modernes Künstlerheim mit Betonung der einheimischen, bodenständigen Formen, so durch ein System von horizontalen Eintiefungen in den ortsüblichen Verputz, durch ein großes, hohes Mansardendach. Fassadengliederung: wagrecht durch Sockel, Sims und Putzeintiefungen, senkrecht durch einen aus der Eckvorschiebung resultierenden Risalit und durch Hervortreten der Mittelwand. Im Ganzen eine glückliche Vereinigung eines villenartigen Wohnhauses mit weiträumigen Ateliers [SB 10/40, WM 12/12].
Christophorus-Monument, am lsarkai, 1909 von der Stadtgemeinde errichtet; Entwurf von Bernh. Bleeker BAJ 735].
Deroy-Denkmal in der Anlage der Maximiliansstraße-, 1856 errichtet vom bayerischen Heere für Graf Erasmus von Deroy;, General der Infanterie, gest. im russischen Feldzug 1812 in der Schlacht von Polotz (Entwurf von Halbig).
Deutsches Haus, Restaurant, Sophienstr. 1. Als einer der ersten Bauten Gabriel v. Seidls (1879) charakteristisch für dessen Auffassung der „deutschen Renaissance“ (daher vielleicht auch der Name „Deutsches Haus“). Fassade verputzt; Erker, Portale und Fenstereinfassungen des Erdgeschosses in Abbacher Sandstein. Fassadenfresken von Rudolph Seitz, 1905 in Tonstiftenmosaik erneuert. Im Gastlokale Bilder von Adam Kurz, Lambert Lindner u. a. [SB 00, KH 00, BAJ].
Dreifaltigkeitsplatz. Um 1270, bei Erhebung der hl. Geistkirche zur Pfarrkirche, wurde für sie auch ein eigener Gottesacker in der Nähe (mit einer Kapelle zu Ehren des hl. Paulus) gegründet. 1543 wurde «dieser Friedhof auf den jetzigen Dreifaltigkeitsplatz verlegt und 1681 eine Kirche zu Ehren der Dreifaltigkeit (anfangs 19. Jahrh. abgebrochen) erbaut: daher der Name [R].
Drey-Haus. Maximiliansplatz 7. Als Rahmen für die gärtnerischen Anlagen am Haus 6 Pfeilerfiguren von Dull und Petzold. „Die Wahl des Stoffes war den Künstlern vollkommen frei gestellt: ein weinseliger Silen, ein Weib von edler Schönheit und der Götterbote Merkur von geschmeidiger Männlichkeit korrespondieren auf der einen Seite der Anlage mit einem jugendlichen frohgemuten Dudelsackpfeifer, einer leichtbeschwingten Tamburinschlägerin und einem jungen, selbstbewußten Krieger (Mars).; irgendwelche Beziehungen der Figuren untereinander sind nicht gegeben; der Reiz der alten Motive bot Anregung genug, namentlich in der Differenzierung ihrer verschiedenen Charaktere, die denn auch gerade in ihrem köstlichen Wechselspiel den Künstlern glücklich gerieten: man vergleiche die beiden Vertreter edler Männlichkeit mit dem Abglanz weiblicher Körperschönheit und anmutsvoller Bewegung in den beiden Frauengestalten, die in ihrer abgeklärten Einfachheit durchaus die Selbständigkeit eines wahren Kunstwerkes in sich tragen; auch die Schlußsteine der Bögen des Erdgeschosses, jugendfrische Putten, teilen mit den großen Standfiguren die gleichen Vorzüge.“ Wohn- und Geschäftshaus 1911 von Gabriel Seidl erbaut. Fassadendekoration in Friesen und Gliederungen, die in Terrakotten von der Kgl. Porzellanmanufaktur Nymphenburg nach Modellen von Franz Naager hergestellt sind. Fassadenputz in Terranova. Hauptsteinmaterial Donaukalkstein [BAJ; KH 12, 9].
Eichthal-Palais, Theatinerstr. 16. Ein charakteristisches Frühwerk jenes Cuvillies, von dem die Reichen Zimmer der Residenz, das Residenztheater und ein großer Gesamtplan für einen projektierten Neubau der Residenz stammt. Es wurde 1728 für den Grafen Joseph von Riosaque de Non erbaut, wie denn überhaupt die Münchner Aristokratie bemüht war, den gefeierten Franzosen in ihre Dienste zu ziehen. Trotz der feinen, wohlabgewogenen Details charakterisiert einige Unsicherheit in der Gesamthaltung den Bau in der Tat als ein „Frühwerk“: er leidet offenbar noch unter der Ueberfülle von Formen. Dies gilt besonders von jenem Wechsel in den Fensterformen, der das Auge beunruhigt: so sind die Fenster im 1. Stock des Seitenflügels wie auch das mittlere Fenster im Mittelrisalit und die 3 Risalitfenster im 2. Stock im Rundbogen, die übrigen Fenster aber im flachen Segmentbogen abgeschlossen. Die Rundbogen im 1. Stock setzen auf Pilastern auf; die übrigen Rund- und Segmentbögen gehen ohne Gliederung in die seitlichen Gewände über. Dagegen ist die Anordnung des Grundrisses, namentlich der Einfahrt, der beiden Vestibüle und des Treppenhauses von vollendeter Meisterschaft: „hier wird man nicht so sehr an die (damals üblichen) Vorräume der Pariser (Wohnungs-)Hotels, als besonders an die Raumkomposition italienischer Barockmeister erinnert [BAJ]“.
Die innere Anlage, namentlich im Erdgeschoß, wurde 1896 durch moderne Umbauten (zu Geschäftszwecken) verändert, wodurch leider auch die Fassade stark gelitten hat, obwohl schließlich weiter nichts geschah, als daß unten ein paar Läden eingebaut wurden; allein dies hat gerade genügt, die Proportionen vollständig zu entstellen, so daß das Obere nun nicht mehr so recht aufkommen kann. Als Dekoration ist überm mittlern Fenster des 1. Stockes eine Kartusche mit einem Madonnenrelief, über dem des 2. Stockes ein von einem Adler gekröntes Allianzwappen angebracht. [BAJ 163.]
Elektrizitätswerk. städtisches. Die Verwendung von Elektrizität für öffentliche Zwecke begann 1888 mit der versuchsweisen Anwendung von Bogenlampen an der Blumenstraße. Der weitere größere Ausbau der Werke erfolgte unter der Leitung von Baurat Uppenborn; 1891» und 1898 wurde das 1893 durch Stadtbaurat Frauenholz errichtete Muffat-Werk (Zweibrückenstr. 83a) vergrößert; 1911 erfolgte die infolge eines Brandes notwendig gewordene Angliederung einer modernen Schaltanlage. Leistung der Kraftmaschinen 2000 PS., der Umformer 4450 PS.; Batterien-Kapazität 18960 Ampere-Stunden. 1895 wurde das Maximilianswerk (Aenßere Maximilianstr. 2, unterhalb der Maximiliansbrücke) errichtet, und zwar das zweigeschossige Gebäude — gleich jenem der Muffatwerke — von C. Hocheder aufgeführt, unter Rücksichtnahme auf die parkartige Umgebung; Turbinenleistung 500 PS. 1899 wurde das Isartal-Werk (Isartatstr. 48) von ü. Hocheder und R. Rehlen gebaut mit einer Leistung von 7200 PS., das größte Dampfwerk der städtischen Werke. Neben der 78,5 m langen und 23 m breiten Maschinenhalle ist einerseits das 17 m breite Kesselhaus mit seinem 60 m hohen Dampfkamin angeordnet und auf der entgegengesetzten Seite die Schaltanlage, die Wasserreinigungs- und Kondensationsanlagen und daran anschließend in einem Bautrakt Magazine, Akkumulatorenräume, Geschäftsräume für den Betrieb und 2 Dienstwohnungen. Diesem Werk wurden angegliedert die Unterstationen an der Karlstraße 1899, Schillerstraße 1899, Arcisstraße 1899, Prinzregententheater 1901, Oberpollinger 1905r Neuhausen 1906. Wegen weiterer Ueberlastung wurde 1906,07 bei Moosburg (52 km isarabwärts von München) ein neues Elektrizitätswerk von Zivilingenieur Telorac-Kempten erbaut mit einer Durchschnittsjahresleistung von 5200 PS.; die erzeugte Energie wird als Drehstrom mittelst Freileitung mit einer Spannung von 50000 Volt nach der an der Burgfriedensgrenze errichteten Transformatorenstation Hirschau geleitet, dort auf eine Spannung von 5000 Volt umgewandelt und durch das Hochspannungskabelnetz den einzelnen Unterstationen zugeführt. Inzwischen konnte auch das südlich von München an der Isar liegende Südwerk ausgebaut werden mit einer Jahresleistung von 3500 PS. und einem Drehstrom von 5000 Volt, der dem Hochspannungsnetz direkt zugeführt wird. Gleichzeitig wurden neue Umformerstationen errichtet, so 1907 die Unterstation Wurzerstraße, 1908 Ausstellungspark und 1910 in Schwabing (Krankenhaus), 1911 Giesing, Marienplatz und Polizeigebäude. 1911 beteiligte sich die Stadt an der Gründung der „Aktiengesellschaft Leitzachwerke“ mit 51% des Aktienkapitals und sicherte sich dadurch eine Leistung von 9000 PS., bezw. 20 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Betriebsaufnahme der Leitzachwerke 1915 [BAJ 774 f.].
Erntebrunnen am Thiersch-Platz, auch ,.Waitzfelderbrunnen“, der „Ceresbrunnen“; gestiftet von Waitzfelder 1905. Ein steiler Pfeileraufbau, an dem beiderseits Mascarons Wasser in große, ausgebauchte Steinmuscheln speien. Darüber ruht, über ein Getreidebündel gebeugt, eine weibliche Figur (auf diese Art wohl den Namen „Waitzfelder'“ symbolisierend .
Ertl-Schlösschen in Bogenhausen, Höchlstraße; eines der alten stilvollen Landhäuser, mit denen München schon im 16. und 17. Jahrh. umgeben war.
Fischbrunnen, am Marienplatz. Eine graziöse Schöpfung zur Erinnerung an den „Metzgersprung“, 1870 von Karl Knoll statt des alten errichtet; zwischen wasserspeienden Delphinen und Löwenköpfen schütten 4 Metzgerlehrlinge Wasser aus Eimern ins Brunnenbecken; darüber 4 musizierende Knaben zwischen Tannenbäumen mit Schildern und Inschriften über die Errichtung des Brunnens durch die Stadt; zu oberst bringt der Altgeselle mit erhobenem Becher das „Hoch“ aufs Königshaus aus; unter den Muscheln kauern die Gestalten der Pest und der Cholera. Seit dem 16. Jahrh. nämlich, wenn nicht schon früher, wurde hier jährlich am Fastnachtsmontag der Metzgersprung“ aufgeführt, dessen Ursprung auf eine Pestzeit zurückgeführt wird, in der (vgl. (Schäfflertanz) die mutigen Metzgergesellen, zum Zeichen des Aufhörens der Pest, sich mit ihren mutwilligen Späßen erstmals wieder an die Oeffentlichkeit wagten. Nach altem Brauche zog dann nach der zünftigen Freisprechung der Metzgerlehrlinge zu Gesellen der Festzug der Metzger zur Residenz: voran die Meistersöhne in alter Tracht zu Pferde, dann die freigesprochenen Lehrlinge in roten Fräcken; schwere Pokale wurden mitgeführt und der Ehrentrunk kredenzt; dann zogen sie zum Marienplatz, wo die öffentliche Freisprechungszeremonie stattfand und sodann der „Metzgersprung“ dargestellt wurde. Die dem kalten Bad Entstiegenen wurden als „freie“ Metzgergesellen erklärt und mit Gewändern in den Laudesfarben geschmückt. Der Brunnen hat seinen Namen von den Fischern, die bis ins 19. Jahrh. an diesem Platze an den Fasttagen ihre Fische verkauften [B 94].
Friedensdenkmal an der Luitpoldbrücke. Vom Magistrat 1895 aus Anlaß der 25jährigen Wiederkehr des Friedenschfusses nach dem deutsch-französischen Krieg gestiftet zur Verherrlichung der Ruhmestaten der bayerischen Armee und der Segnungen des 25jährigen Friedens, geschaffen von den Eberle-Schülern G. Düll, M. Heilmaier und G. Petzold, aufgestellt 1899. Herrlich gelegen: hoch oben in der Achse der prächtig angelegten Prinzregentenstraße, inmitten schöner, dekorativ wirkender Anlagen, an der grünen rauschenden Isar, über die hier die großartige Luitpoldbrücke führt — schon aus großer Entfernung sichtbar, auf einer Terrasse, zu der dem Schöpfer vielleicht die Anlage am Monte Pincio zu Born vorgeschwebt sein mag, und die schon allein wegen ihrer prächtigen Aussicht auf die Stadt berühmt ist. Unterbau im Grundriß quadratisch; nördliche und südliche Seite durch Treppenanlagen unterbrochen; eigentliche Säulen unterläge, fußend auf 2 hohen Stufen, in richtiger Erkenntnis ihres Zweckes glatt und schmucklos, abgesehen von 2 Profilen an der Basis und im obern Schlußgesims. Auf ihr die den Glanzpunkt des Werkes repräsentierende Halle: 4 quadratische Pfeiler an den Ecken, je 2 Karyatiden an den Seiten tragen das in jonischer Weise gegliederte Gebälk, das über der Sima mit den Löwenköpfen in eine Palmettenreihe ausklingt; übereck Kriegstrophäen (Rüstungen, Schilder, Schwerter, Speere u. s. w.); als Bedachung eine der griechischen Architektur nachgebüdete Steinbalkendecke mit den üblichen, durch den Uraniscus gezierten Kassetten in Gold und zartem Blau; Dachflächen mäßig ansteigend und mit kleinen Terracottaziegeln abgedeckt; „unschwer erkennt man das Vorbild der Halle, das Heiligtum des Erechtheus im Tempel der Athena Polias zu Athen-, das Gebälk ist das gleiche; die Karyatiden hier gleich edlen Schwestern jener Koren vom Erechtheion; in feierlicher Haltung, mit leicht abgebogenem Spielbein stehen sie uns gegenüber, in ihren Händen tragen sie Kränze, Füllhörner und vergoldete Lorbeerzweige; je 2 nebeneinander Stehende korrespondieren in Körperhaltung und in den Bewegungen der Hände miteinander und in gleicher Weise entsprechen sich je 2 gegenüberliegende Seiten [KH 99/00]“.
An den Eckpfeilern lorbeerumrankte Medaillons: an denen der Vorderseite die 3 deutschen Kaiser (Wilhelm I., Friedrich und Wilhelm II.) einerseits, andrerseits die 3 bayerischen Fürsten (Ludwig II., Otto und Prinzregent Luitpold), die in dieser langen Zeit des Friedens regierten; an den Pfeilern der Rückseite die Reliefs des ersten Reichskanzlers Bismarck und der kriegführenden Feldherrn Moltke, Boon, v. d. Tann, Hartmann, Prankh); an der nördlichen und südlichen Außenseite der Pfeiler die 12 Taten des Herkules. Innerhalb dieser Halle das eigentliche Fundament der Säule, ein massiger steinerner Würfel; an dessen Seiten musivische Rundbilder auf Goldgrund mit rechteckiger ornamentaler Umrahmung: westlich der „Friede“, eine antike sitzende Frauengestalt mit den Allegorien der Kunst und Wissenschaft zur Seite, im Hintergrund Zypressen; südlich der „Sieg“, ein heimkehrender Krieger, von der „Nike“ bekränzt; östlich die „Kultur“, eine antike Frau mit einer Fakel und mit Aehren; über ihr fruchtbeladene Bäume, unten der Schmied am Ambos, der Bauer beim Pflug, die mit Landesprodukten beladenen Kauffahrteischiffe; nördlich der „Krieg“, 2 fechtende griechische Kämpfer; „diese Kompositionen sind von echt antikem Geiste beseelt, und tatsächlich haben die Schöpfer des Denkmals ihre Entwürfe nach sorgfältigen Studien der alten Mosaiken in Bavenna hergestellt [KH 1. c.l“.
Ueber dem Dach, wie aus dessen Mitte aufsteigend, der guirlandengeschmückte Säulenfuß. Säule selbst über 20 m hoch, kanneliert, schlank und doch kräftig, im wundervollen Verhältnis sowohl zum Unterbau wie zum krönenden Engel; reizvoll komponiertes korinthisches Kapitell (gleich dem Engel) in der kgl. Erzgießerei gegossen. Friedensengel 6 m hoch, vergoldet mittels eines starken Eisenbalkens befestigt, der durch den Fuß in den Körper eingelassen worden, bis in die Hälfte der Säule hinunterreicht und hier mit 8 mächtigen Schlaudern befestigt ist; im Innern der Säule selbst ein 58 cm weiter Hohlraum, mit Steigeisen versehen, um — wenn nötig — die Figur von neuem befestigen zu können; „unser Friedensengel gehört zu den wenigen Werken, die sich in Hinsicht auf das Problem der „Fliegenden Gewandfigur“ mit der Nike des Paionios in Olympia messen dürfen; dabei muß erwähnt werden, daß unser Engel ohne sklavische Anlehnung an das erhabene Vorbild geschaffen worden ist. Aehnlich der klassischen Nike, die im Flug herabschwebend gerade nur mit des Fußes Spitze das attische Land berührt, so schwebt auch unser Friedensengel nur auf einem Fuß; leicht nach vorn neigt sich die von wallendem Gewand umhüllte Gestalt und beut in der Linken das Bild der Nike, in der Rechten die Palme des Friedens dar; die schwierige Aufgabe, eine als fliegend gedachte Figur auf eine Säule zu stellen, ist durch die Verbindung des Kapitells mit dem Engel durch ein Zwischenglied mit einer Halbkugel, wenn auch ungewohnt und eigenartig, so doch keineswegs unglücklich gelöst [KH 1. c.].“ Material des Unterbaues Muschelkalk, der übrigen Teile Kelheimer Sandstein [SB 99/15; „Zwei Friedensdenkmäler“ von Phil. Halm in KH 99/00].
Gasteig bei Haidhausen, Bezeichnung für das rechte Isarsteilufer (daher der Name: „steig“ = Weg, „gah“ = gach, steil. Bis 1861 Stätte des uralten „Leprosenhauses zu St. Nikolaus“, nordwestlich vom Gasteigkirchlein, der ehemaligen Spitalkirche, gelegen; nach Erlöschen der furchtbaren „Lepra“ (der „Krankheit des Mittelalters“) für ansteckende (unheilbare) Krankheiten überhaupt bestimmt. Beim Kirchlein jenseits der Straße an Stelle des alten „Schneeweißenburg-Schlößl“ oder der „Schwanenburg“ (von der Akademie der Wissenschaften 1763—79 zu einem astronomischen Observatorium eingerichtet) seit 1796 ein städtisches Versorgungshaus, das „Armeninstitut“ geheißen, seit dem ansehnlichen Neubau 1861/62 das „Pfründnerhaus“ oder „Gasteigspital“ genannt [F],
Der Gasteig als Kriegsschauplatz im Jahre 1796 in einem der sogen, „französischen Koalitionskriege“. Der französische General Moreau hatte am 24. August den kaiserlichen österreichischen General Latours bei Friedberg geschlagen und zog am linken Isarufer über Freising gegen München. Inzwischen ließ der Kurfürst Karl Theodor, der unterdessen nach Pillnitz in Sachsen geflohen war, mit Moreau einen Neutralitätsvertrag für seine Residenzstadt schließen, wonach die Franzosen von einem Durchmarsch durch die Stadt absahen und am 1. September das Terrain zwischen Stadtmauer und Isar besetzten. Die Oesterreicher, denen gleichfalls die Stadt verschlossen blieb, hatten zuvor schon die Anhöhen am Gasteig, Lilienberg, in Haidhausen und der Au eingenommen. Noch am 1. September wollten die Franzosen die Isarbrücke stürmen, jedoch erfolglos, trotzdem der Kampf von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends dauerte. Die Stadt litt dabei keinen Schaden; denn als die Bürger bemerkten, daß Latours am Gasteig 8 Bombenmörser auffahren und gegen die Stadt richten ließ, sandte der bayerische General Bnmford den Freiherrn von Lipowskg zu ihm, so daß eine Beschießung mit zündbaren Bomben unterblieb. Ein zweiter Sturm am 7. September ging gleichfalls schadlos vorüber. Als die Franzosen tags darauf, 8. Sept, um 5 Uhr früh ihren Angriff erneuerten und ihre Geschosse gegen das österreichische Lager richteten, gingen auch die Oesterreicher mit schwerem Geschütze vor: dabei fielen einige Bomben über die Stadtmauer und zündeten am Lehel. und auch der „rote Turm“ der Stadtmauer brannte nieder; andererseits verursachten diesmal auch die Kanonen der Franzosen in Haidhausen großen Schaden und viele Häuser brannten nieder. Inzwischen hatten, wenn auch unter harten Bedingungen, die Bayern mit den Franzosen zu Pfaffenhofen a. d. Ilm einen Waffenstillstand geschlossen, dessen Bedingungen schließlich von Bayern nicht verwirklicht zu werden brauchten, nachdem bald darauf Erzherzog Karl von Oesterreich durch siegreiche Kämpfe bei Amberg und Würzburg die Franzosen aus Bayern vertrieben hatte [B 96].
St. Nikolauskirchlein. Innere Wienerstr. 1. Ursprünglich gotisch (außen dreiseitiger Chorabschluß und Strebepfeiler); Stemrippengewölbe im einschiffigen Innern, wahrscheinlich gleich jenem der Herzogspitalkirche in den deutschen Renaissanceformen des 16. Jahrh.; aus dieser Zeit auch Rahmenstuckatur am Tonnengewölbe [KB, Rb].
Neben der Nikolauskirche (Innere Wienerstr. 2) die kleinere Loretto-Kapelle (auch Altöttinger Kapelle), wahrscheinlich gegen Ende des 16. Jahrh. erbaut; auf dem Altar eine vielverehrte, der Ältöttinger Mutter Gottes nachgebildete Madonna. Chornische außen dreiteilig abgeschlossen, innen zur halbkreisförmigen Apsis umgestaltet. An der Flachdecke hübsches Gemälde „St. Nikolaus“ von Julius Frank [Rb].
Gasteig-Anlagen; zwischen der Ludwigsbrücke und dem Maximilianeum, 1857—61 an Stelle der alten Leprosenspitalgebäulich- keiten errichtet; von hier köstliche landschaftliche Ausblicke hoch über der Isar auf die Stadt.
Giesing, Vorstadt am rechten Isarsteilufer. Geschichte. Im 8. Jahrh., noch vor Gründung der Stadt, als Kyesinga (d. h. Niederlassung des Kyso) und mit einer Kirche beurkundet; seit dem 12. Jahrh. Sitz des Edelgeschlechtes der Giesinger. Im Landshuter Erbfolgekrieg 1504 zugleich mit den andern Dörfern am „Isarrain“ verwüstet. Ursprünglich Filiale von Bogenhausen; seit 1827 Stadtpfarrei [F].
Gise-Palais, Prannerstraße 10. „Einer der wertvolleren Bauten aus der Schule Cuvillies [W 149]“. Fassade mit einer Front von 7 Fenstern in 4 Geschossen, einschließlich des Entresols. Vertikalgliederung angedeutet durch die beiden Pilaster am Mittelrisalit die auf der Altane über dem Rustikaportal aufstehen und merkwürdig dadurch sind, daß sie sich nach oben gewissermaßen totlaufen, indem sie noch unterhalb des obersten Geschosses in einfache trophäentragende Gesimsplatten endigen. Horizontalgliederung markiert durch sehr schwache Gesimse. Hauptgeschoß dekorativ reich durchgebildet durch plastisch verzierten Fensterabschluß mit stark betonten Segmentbögen darüber, durch die Einfassung der Fensterreihe oben und unten durch ein Konsolengesims (von denen sich das obere außerdem durch Guirlandenschmuck hervorhebt) und nicht zuletzt durch das Allianzwappen im Mittelrisalit in zierlichster Rokokomanier. Untern Dachsims breiter Konsolensims, deren Konsolen paarweise auf die Fensterachsen verteilt sind und mit Trophäenschmuck ausgestattet sind; im Mittelrisalit sind die Paare verdoppelt [KB].
Gluck-Denkmal, am Promenadeplatz. 1848 errichtet nach einem Entwurf Bruggers. Die schwierige Aufgabe, das Wesen eines Tondichters plastisch auszudrücken, ist hier (sowie beim benachbarten Orlando-Denkmal) glücklich und einfach gelöst: erläßt den frohen Singspieldichter mit der Linken gleichsam einen Akkord greifen und über den Wohlklang entzückt erscheinen. Gluck (wie Orlando) sind auf des Königs Ludwigs. Wunsch im Kostüm ihrer Zeit mit monumental herabwallenden langem Mantel (bezw. Talar) und in sprechender Porträtähnlichkeit dargestellt. Ursprünglich vor dem „Odeon“, dem Haus der Musik, aufgestellt, wurden sie später, um dem Reiter Standbild König Ludwig I. Platz zu machen, hieher übertragen [HR],
Gruftstraße. Beim Bestreben des Mittelalters, die Juden innerhalb des Gemeinwesens möglichst abzusondem und zu überwachen* darf es nicht wundernehmen, daß auch München sein Ghetto oder Juden - viertel (zwischen der Wein- und Dienerstraße) hatte. Ein eigenes Tor, jedoch nicht von einem Turm überragt, sondern nur ein sog. Einlaß, führte bei der früheren Polizeidirektion (Weinstraße) in die „Judengasse“, jetzt ,, Gruftstraße“. 1442 vertrieb Herzog Albrecht III. die Juden aus. allen seinen Landen und schenkte ihre Münchner Synagoge (damals die Judenschule genannt), die neben dem Judentore sich erhob und halbunterirdisch in den Stadtwall eingebaut war, seinem Leibarzt Johann Hartlieb; dieser errichtete daraus, wohl mit Benützung des Altbaues, ein der Mutter Gottes geweihte zweigeschossige Kapelle, genannt „bey unser lieben Frauen in der Gruftvon der die Gasse ihren Namen schöpfte. 1865 fiel die Kirche der Erweiterung des Polizeigebäudes zum Opfer [BAJ 29, It].
Haidhausen am rechten Isarufer zwischen Giesing-Au und Bogenhausen. Bereits 808, also noch lange vor Gründung der Stadt, mit einer Kirche beurkundet als „Heidhusir“, d. h. Häuser auf der Heide. Wie in der Au so siedelten sich auch hier allmählich Münchner Patrizier an, darunter auch die Familie der Leibifinger; als letztere 1683 dem aus dem Türkenkrieg (nach dem Entsatz von Wien) siegreich zurückkehrenden Kurfürsten Max Emanuel einen sehr feierlichen Empfang bereitete, wurde sie in den Adelsstand erhoben und ihr Haidhausen als Hofmark zugeteilt; später verkaufte sie ihren Besitz an den Grafen von Preysing-Hohenaschau (s. beim ,,Guten Hirten-Kloster“). Gegenüber dem Preysing-Schlößchen lag das Schlößchen „Haidenau“. Westlich davon (an Stelle des spätem „alten“ Schulhauses) das Törringschlößchen. Im französischen Koalitionskrieg 1796 (siehe unter „Gasteig“) richteten die Franzosen großen Schaden an; 12 Häuser brannten nieder. Anfänglich Filiale von Bogenhausen, wurde Haidhausen 1820 selbständige Pfarrei [F],
Heinemann Galerie, Lenbachstraße 5. Erbaut 1903 von Emanuel Seidl, charakteristischer Bau für den Anfang der modernen Münchner Architektur. Fassade als Mittelhaus einer Gebäudegruppe mit dem bereits bestehenden Eckhaus der Bayerischen Bank komponiert. Innere Ausgestaltung von hervorragender Bedeutung durch die nach völlig neuen Grundsätzen vollzogene Durchbildung der imposanten Galerie, deren Grundriß ganz nach den Lichtbedürfnissen entworfen ist; große Säle durch dünne Wände zerlegt in kleinere; kostbare Skulpturen allerorts in stimmungsvoller Weise angeordnet; „die Decken sind alle weiß gehalten: appart und feinsinnig gibt sich ihre ornamentale Gestaltung, vorteilhaft sehen wir die elektrischen Beleuchtungskörper angeordnet, mit einem Wort: die Decken erheben die Säle zu Festsälen; man sieht überall den Niederschlag einer neuen Zeit: allem Pompösen ist aus dem Weg gegangen, um die Kunstwerke für sich allein zur Geltung zu bringen; es schimmert und gleißt nicht, nirgends geraffte schwere Portieren, nirgends das theatralische Büstzeug alter Gemäldesammlungen; vornehm aber einfach sind die weißen Decken, grauen Wände, mattroten Türen und schlichten Vorhänge; rote und graue Möbel, durch Beschläg geschmückte Türen, am rechten Platz erscheinendes Mahagoniholz als schmückender Farbenweit, Opaleszentglas und viele andere sorgfältig auf die Wirkung geprüfte Details beleben und erwärmen das große Gesamtbild.“ [Br; SB 04,15; BAJ],
Die „Herbergen“, eine besondere Form des Altmünchner Wohnhauses, ehemals die Behausungen der ärmsten Klassen. Durch das ganz vorige Jahrhundert hat sich diese uralte, vorstädtische Wohnform zäh erhalten; jetzt hat ihr eine strengere Wohnungspolizei so ziemlich den Garaus gemacht. Für die Erbauung solcher Häuser kleinster Art durfte nach altem Gesetz niemals landwirtschaftlich nutzbarer Grund beansprucht werden; und so wuchsen sie aus dem Überschwemmungsgebiet der Isar, der Au, heran, klebten an den Steilhängen des Höhenrandes und drückten sich scheu zusammen in Kiesgruben (die „Grube“ in Haidhausen) und andern unfruchtbaren Stellen. Die Häuschen sind oft zimmerweise unter mehreren Eigentümern in der kompliziertesten Weise geteilt, doch meist so, daß ein jeder einen eigenen Zugang von der Straße aus hat. Oft kommt ja die Bodengestaltung der Zugangsmöglichkeit der obem Stockwerke entgegen; oft ist sie aber durch verwegene Außentreppen erzwungen. Beispiele in der Au, in Giesing und Haidhausen [BAJ 85],
Hitl-Haus, Prannerstraße. Diese Fassade ist merkwürdig durch die 2 von Franz Schwanthaler um 1805 geschaffenen Relieffriese nach Art jener am griechischen Parthenon, die als ein erster Versuch des Klassizismus angesehen werden können, in die Bürgerkreise Münchens einzudringen [BAS 194].
Hirschanger mit städtischer Spielhütte. Nach dem Prinzregent Luitpold den Hirschanger den Kindern der Volks- und Mittelschulen als Turnspielplatz überlassen hatte, ließ die Stadt auf ihm von W. Bertsch eine heizbare Spielhütte mit gedeckter Wandelhalle (für 30000 Mk.) errichten [BAJ 724].
Hirschgarten; Jägerhaus und Restauration am Eingang des Hirschgartens bei Nymphenburg. Erbaut 1791 „noch ganz im einfach liebenswürdigen Charakter der Nymphenburger Bauten |BAJ 136]“.
Hocheder-Haus, Renatastraße 30. Wohnhaus des Architekten Prof. C. Hocheder, von ihm selbst 1908 als Teil eines Gruppenbaues an das bestehende Nachbarhaus mit der Nordseite kommunisch als geputzter Backsteinbau angebaut. Im Innern enthält es eine geräumige Diele, von der aus mit Ueberwindung von 2/3 Stockwerkshöhe die ebenerdigen Räume mit der Küche, und mit Ueberwindung von 2/3 Höhe die Schlafzimmer erreicht werden können [BAJ 408].
Hofwagenburg, Kgl., Marstallplatz 5. Prachtschlitten und Prachtwägen namentlich aus der Zeit des Kurfürsten Max Emanuels und König Ludwigs II.; sehenswert als kunstgewerbliche Hochleistungen. Ueber dem Toreingang ein prächtiges Wappenstück.
Isaria-Korpshaus. Maria Theresiastraße 2; erbaut von E. Drollinger 1900/01 in der Formensprache der auskh'ngenden Gotik, gemischt mit den heitern Motiven der deutschen Frührenaissance. Hauptmotiv und Kernpunkt der ganzen Anlage ist der große Kneipsaal im ersten Stockwerk, nach außen stimmungsvoll gekennzeichnet durch das große gotische Maßwerkfenster. Längsfassade belebt durch den das Ganze überragenden Sechseckturm, in dessen unterm Teil das reichgegliederte, säulenflankierte Hauptportal; Portalsäulen bekrönt von 2 Kriegern als Sinnbildern von Mut und Wehrkraft. An der Nordwestecke eine von den Säulen getragene Loggia [SB 03,1].
lsmaningerstrafse 180. Wohnhaus für Kunstmaler Robert Böninger, 1910/11 von Arch. Paul Ludwig Troost erbaut. Die eigenartige Lage des Grundstücks gestattete eine besonders malerische Gestaltung der Bauanlage. Der Fassadenputz ist im primitiven, ländlichen Charakter ausgeführt und hell getönt. Dächer mit schwarzen S-Ziegeln ausgeführt [BAJ 422],
Karlsplatz, benannt zu Ehren des Kurfürsten Karl Theodor. der, nachdem er die Festungswerke hier vor dem Neuhausertor (jetzt ebenfalls nach ihm „Karlstor“ benannt) niederlegen, den Stadtgraben ausfüllen und eine gerade Ausfahrt herstellen hatte lassen, dieselbe am 1. Mai. 1791 feierlich eröffnete [JW].
Karmeliterapotheke, Promenadeplatz 13. Ein Privatgebäude, im Louis XVI.-Stil („Deutscher Zopfstil“) ausgestattet, — also noch nicht im ganz ausgesprochenen Klassizismus, der auch eine solche verhältnismäßig strenge, fast „lineare“ Disposition noch als „zu malerisch“ empfunden haben würde. Im Kern ist das Gebäude alter Provenienz, und „hat das zierliche Modekleid einfach hinübergeworfen“. Hier sind überall die Flächen bereits zu rechtwinkligen Ziermotiven ausgebildet, überall die Fenster mit schlanken, feinlinigen Profilen umgeben. So ist das Ganze nicht auf die Wucht des Ausbauchens, auf das Vor- und Zurücktreten hin angelegt, auch nicht auf eine gleichmäßige Bewegung, die über die Fläche hingeht, sondern auf jene Schönheit hin, die subtilerer Art ist, dabei am Einzelnen haftet und sich durchaus der Sache unterordnet und sich nicht vermengt mit etwas anderem, Heterogenem, was einer anderen Formklasse angehört. — Im Hof auf gotischen Erdgeschoßpfeilern eine leichte Bogenarchitektur mit toskanischen Säulchen, die jedenfalls eine mittelalterliche Holz loggia ersetzte, jetzt aber Steinmaterial vortäuscht [BAJ 116].
Klara Zieglerhaus, jetzt Theatermuseum, Königinstr. 25. Ehemals Wohnhaus der großen Münchner Schauspielerin Klara Ziegler, von ihr testamentarisch samt ihrer Sammlung als „Theatermuseum“ gestiftet, wobei sie betonte: „dem Höchsten und Wertvollsten unsrer schönen Kunst soll dies Haus eine Heimstätte sein.“ Das Museum, noch immer das einzige seiner Art in Deutschland, birgt eine große Anzahl von Bildern, Schriften und interessante Andenken berühmter Bühnenkünstler und Sänger, die in München tätig waren.
Kleinwohnungebauten für die minder bemittelte Bevölkerung. Eine 1904—07 und 1909 (letztere für leerstehende Wohnungen) vorgenommene Wohnungszählung ergab für Wohnungen mit 1 bis 3 Räumen 60,9 % aller Wohnungen, die ihrerseits 52,6 %, also über die Hälfte der Gesamtbevölkerung Münchens beherbergen mußten. Dabei handelte es sich in sehr vielen Fällen (bei 39940 Wohnungen oder 25,1 %) nicht einmal um selbständige Wohnungen, sondern um „Teilwohnungen“, indem die Hausbesitzer ihre ursprünglich abgeschlossenen größeren Wohnungen in 2 oder mehrere Teile getrennt vermieteten. Und trotzdem betrug der Durchschnittspreis für 1 Raum pro Monat 9,80 Mark. Zugleich ergaben sich nur 0,6 % leerstehende Wohnungen anstatt des allgemein angenommenen Normalsatzes von 3 %• Also nach beiden Seiten hin recht bedenkliche Resultate! Dem suchte man in den letzten Jahren durch Herstellung von „Kleinwohnungsbauten“ abzuhelfen, die gefördert wurden teils durch gemeinnützige Vereine (z. B. „Verein für Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in München E. V.), durch niedrig verzinsliche Darlehungsgewährung (so von 1909—1911 seitens der „Landeskulturrentenanstalt“ für rund 4 Millionen Mark und der Stadtgemeinde für 2!/, Millionen Mark) für größere Anlagen von mindestens 30 Häuser, durch gewährte Steuerfreiheit auf 6 Jahre usw. Der Erfolg war, daß in diesen 3 Jahren über 300 Häuser mit etwa 3600 Einzel Wohnungen hergestellt wurden.
Als Typ für solche Bauten führen wir an die Gruppe an der Dachauer-Karl Singer-Trivastrafse. 1909—1911 von Architekt Johann Mund erstellt. Grundstück rechteckig, 140 m lang und 68 m breit, mit insgesamt 24 Kleinhäuser an 4 Straßenfronten, die einen sehr großen Gartenhof umschließen. Kleinhäuser selbst durchschnittlich 13 m breit und 11,60 m tief, umfassend in einem Stockwerk entweder 2 Wohnungen mit je 3 Bäumen von rund 15 qm oder 3 Wohnungen mit je 2 solchen Bäumen (im Erdgeschoß, 2 Obergeschossen und haibausgebauten Dachgeschoß zusammen 7—9 Wohnungen). Lichte Stockwerkshöhe 2,75 m, im Dachgeschoß 2,60 m. Sämtliche Wohnungen für sich abgeschlossen mit eigenem Vorplatz und Wasserklosett in der Wohnung. An jedem Koch- und Wohnzimmer möglichst wettergeschützt ein Balkon oder eine Loggia. Beheizung durch Einzelöfen, in den Wohnküchen mittels Kachelsesselöfen oder mittels eiserner Regulieröfen. Koch- und Wohnzimmer mit Eichenriemenparkett; Wände und Decken durchwegs in gebundener Kalkfarbe gestrichen. Wert sämtlicher Anwesen inkl. Grundstück, Straßenherstellung, Pflasterung usw. 1400000 Mark [BAJ 427 f.]. Siehe Abbildung.
Kunstgewerbehaus, Bayerisches, Pfandhausstr. 7. Ein stattlicher Bau von Knab und Gedern von 1877, „welch letzterem hier der damals neu eingeführte deutsche Renaissancestil am glänzendsten gelang [P 291]“; bestimmt zur Ausstellung der Erzeugnisse des hochentwickelten „Münchner Kunstgewerbevereins“. Im gleichen Haus ein feines reizendes Weinrestaura nt, eingerichtet von Prof. Niemeyer 1906. Im 1. Stock Festsaal des Kunstgewerbevereins, noch ganz im Sinne der Renaissancekunst des letzten Jahrhunderts; mit etwas nachgedunkelten Wandbildern von J. A. Kaulbach [Br, Gs],
Das Kunstgewerbehaus ist Eigentum des „Münchner Kunstgewerbevereins“, dessen Entwicklungsgang im folgenden kurz skizziert sei: Trotz der in den Freiheitskämpfen 1813—15 erfochtenen politischen Unabhängigkeit von Frankreich blieb das deutsche Kunstgewerbe, soweit ein solches überhaupt dürftig genug existierte, abhängig von der Pariser Produktion. Ein Cornelius, Rauch, Schinkel und Semper haben zuerst wieder das Banner der künstlerischen Selbständigkeit aufgesteckt und uns — teils durch das Studium der Antike und Renaissance, teils durch Zurückgreifen auf unsere eigene alte Kunstübung — eine neue Kirnst verschafft. Die eigentliche Hebung des Kunstgewerbes begann aber hauptsächlich unter dem direkten Einfluß der Malerei, zunächst in den „Vervielfältigenden Künsten“ (hier besonders im Illustrationswesen), dann in der Glasmalerei (namentlich unter Ainmiller) und der Porzellanmalerei, die sich von Neureuther stark beeinflussen ließ; unter Stiglmayer hob sich die Bronzetechnik so sehr, daß damals die Münchner Erzgießerei als die berühmteste in Europa galt. Indes traten erst 1850 einige der Besten zusammen, wie Voit, Bürklin, Schwarzmann, Eug. Neureuther, v. Miller, Kieling unter den Künstlern, Glink, Weißhaupt, Edel, Dröhne unter den Handwerkern, und suchten die veredelnde Einwirkung der Kunst auf das Gewerbe durch die Gründung des „Münchner Kunstgewerbevereins“ zu organisieren und so der infolge des wachsenden Naturalismus einreißenden völligen Verwilderung zu steuern.
Ihm verdankte die „Kunstgewerbeschule“ zur Ausbildung der Gewerbe ihr Entstehen, die später von der Regierung übernommen wurde. Die Zeit von 1840—63 ist für die Münchner Kunst eine Periode voll reicher Ansätze, aber ohne viel Frucht, weil auf architektonischem Gebiet eine vollständige Prinzipienlosigkeit eingerissen war; kein Wunder, daß darunter das Kunstgewerbe nicht sonderlich vorwärts kam, wie dies die „Erste allgemeine deutsche Ausstellung“ von 1854 bald in kläglichster Weise offenbarte: man fühlte den Mangel eines festen, unserm Nationalcharakter besser (als z. B. der griechische Stil) entsprechenden Prinzipes. Endlich begann dann der Anfang jener glänzenden Erhebung der Nation 1870, die uns die deutsche Einheit brachte. Die künstlerische Produktion nahm alsbald einen kolossalen Aufschwung, der sich auf alle Gebiete verbreitete. Durch sein epochemachendes Werk über den Stil sowie durch seine herrlichen Bauten in Wien hatte gleichzeitig Semper eine ungeheure Anregung der Architektur und mit ihr dem Kunstgewerbe gegeben.
In München aber vollendete sein Gesinnungsgenosse Gottfried Neureuther das Polytechnikum (Technische Hochschule), jenen köstlichen Bau, der eine neue Aera der Münchner Architektur einleitete, an dem zum erstenmal unser Baugewerbe es unter seiner Leitung zu oft mustergültigen Leistungen gebracht hat.
Mit dem Jahr 1870 und dem sich rasch in alle Schichten sich verbreitenden Milliardensegen (auch zum Bau der Akademie der bildenden Künste flössen aus Bayerns Anteil 2 Millionen Gulden) beginnt daher eine ganz neue Epoche auch für München. Das mächtig erhöhte nationale Selbstgefühl sprach sich wie immer zuerst in der Baukunst aus und führte sofort — in München unter Gedons und Rudolf Seitz Vortritt — zu jener Wiederaufnahme der deutschen Renaissance, die sich von da an in ganz Deutschland merkwürdig rasch eingebürgert hat. Zugleich erwuchs damit auch den jüngern Talenten eine Fülle schöner Aufgaben, so einem Albert Schmidt, Lange, Hauberisser, v. Schmädel, Seidl.
Und die unter der Direktion von Millers vom „Münchner Kunstgewerbeverein“ zusammen mit der Künstlerschaft veranstaltete große „Nationale Ausstellung“ von 1876 hatte einen in Deutschland bis dahin unerhörten Erfolg. So also dauerte es lange, bis die Idee der Anknüpfung an heimische Ueberlieferungen, die noch heute für die Münchner Baukunst teilweise maßgebend scheint, auch von den Architekten erfaßt, und bis von da aus wieder weitergebaut werden konnte. Das ist das Werk der noch Lebenden, das in jüngster Zeit einen glänzenden Triumph feiern konnte in der „Bayerischen Gewerbeschau 1912“ [Fr. Precht „Der Münchner Kunstgewerbeverein“ in KH 1881].
Kurfürst Maximilian I.-Denkmal, Wittelsbacherplatz. Marmorpostament (6 m hoch) nach einem Entwurf Klenzes, Reiterstatue in Bronze nach einem Modell Thorwaldsens gegossen von Stiglmayer „das künstlerisch vollendetste Monument Münchens“. In voller Feldrüstung von der Zeit des 30jährigen Krieges (mit] Brust- lind Rückenharnisch, mit Halbschienen an Armen und Beinen, mit der Feldbinde und dem Goldenen Vließe geschmückt, das Schwert in der Scheide, die Pistolen im Halfter) mit der Linken das Pferd an den Zügeln zurückhaltend, mit dem Zeigefinger der Rechten nach einer bestimmten Stelle hinzeigend, ist Maximilian geschildert als Feldherr, „als der scharfblickende Lenker und Ordner der Schlachten, den wir hier mitten im Kampf sehen; das unbedeckte Haupt zeigt lang herabfallendes schlichtes Haar, eine mächtige hohe und etwas gefurchte Stirn, einen lebhaften scharfen Blick der Augen und ernste, männliche Züge, in denen sich der feste, entschiedene und unerschütterliche Charakter sowie der kriegerische Sinn des Helden bedeutungsvoll ausspricht“ [HR],
Liebig-Monnment, am Maximiliansplatz. 1883 für den großen Chemiker Liebig errichtet von Wagmüller (vollendet von Rümann); „war Wagmüller (beim allgemeinen deutschen Wettbewerb) durch seine persönliche Bekanntschaft mit dem berühmten Gelehrten begünstigt, so hat er dafür aus dieser in Carraramarmor ausgeführten Arbeit auch etwas gemacht, was in seiner Vereinigung von schlagender Naturwahrheit mit wohltuender Schönheit der Linien im Aufbau der sitzenden Figur nur äußerst selten seinesgleichen in Deutschland findet; denn das ganze Wesen des großen Gelehrten ist hier bis auf seine Art sich zu bewegen unübertrefflich wiedergegeben [P 305]“; am granitnen Postament allegorische Marmorreliefs (Chemie und Ackerbau) sowie vergoldete Bronzefestons.
Ludwigs I. Monument, am Odeonsplatz. Reiterstatue nah Widnmanns Modell, dem König zu seinem siebzigsten Geburtstag „vom dankbaren Magistrat München“ errichtet. Auf den Rat Klenzes wurde zur Ausführung des Monumentes eine von Schwanthaler Unterlassene Skizze zu einem Denkmal für König Stephan von Ungarn verwertet. Der König erscheint hoch zu Roß in treuer Porträtähnlichkeit, im Krönungsornat, das Szepter hoch in der Rechten schwingend, von 2 Pagen geleitet, die auf Tafeln den Wahlspruch des Königs zeigen: „Gerecht“ und „Beharrlich“. An den Ecken des Postaments die allegorischen Bronzegestalten der Religion, Kunst, Poesie und Industrie [HR].
Ludwigsstraße, genannt nach König Ludwig I. (1786: bis 1868), der hier viele große Prachtbauten errichten ließ. Ueber den für die Städtebaukunst nachmals so bedeutungsvollen Ausbau dieser Straße schreibt E. W. Bredt in seinem „München“ (S. 97 u. f.): Der monumentale Sinn (Ludwigs I.)1), durch Ludwigs Vater, den guten König Maximilian I. vorbereitet und unterstützt, fand in der Ludwigsstraße überzeugenden Ausdruck. Die stilistischen Verschiedenheiten verschwinden völlig dem Blick. Durch die Einheit des künstlerischen Gedankens werden hier alle Bauten zu einem großen Zusammenwirken, zu einem Gesamtbild vereinigt. Und durch den Abschluß des Ganzen südlich (Feldherrnhalle) und nördlich (Siegestor) wurde die ungewöhnlich breit angelegte Straße zu einem großartigen Raum 1).
Die beiden Fora vor der Universität und im Odeonsplatz unterbrechen die schlichten Wandungen, während im Fehlen von Baumreihen zweifellos eine Unterstützung des großen Raumgedankens zu suchen ist. Solche Straßen zu schaffen war ein Neues für München. Mit der Erbauung des „Bazars“ (s. „Hofgarten“) 1822 wurde die Richtung der Ludwigsstraße bestimmt. Freilich große und durchgehende Straßenzüge, große Häuserkomplexe hatte König Max I. auch schon angelegt; aber der künstlerisch abschließende Gedanke fehlte damals noch; nur das Karlstorrondell wäre vielleicht als künstlerischer Vorläufer der Stadtbaukunst Ludwigs I. anzusehen. Etwas reichere Gliederung hätte gleichwohl die Ludwigsstraße in ihren Bauten erfahren können, ohne die Monumentalität des ganzen Bildes zu beeinträchtigen; doch ist zu erinnern, daß München bis dahin sehr arm war, daß sich Bayerns Hauptstadt erst durch Ludwigs I. Kunstschöpfungen bereichert hat .
Ein Moderner seiner Zeit und mehr als das, ein vorauseilender Führer war Ludwig I., indem er die Stadt wie ein Kunstwerk behandelt wissen wollte. Gewiß ist’s unschwer, die Schulung zu dieser künstlerischen Erfassung in den großen Schloßanlagen des 18. Jh. zu finden — deren Form der König allerdings als fremdländisch haßte und deren reiche dekorative Pracht seinem schlichten monumentalen Sinn widersprach; aber jene Schlösser dienten den Fürsten, nicht dem Volke; durch Ludwig I. wurden deren weitschauende Anlagen endlich auch humanitär gesinnten Fürsten und Zeiten Vorbild für städtische Pläne: Ludwig hat zuerst als Volksfreund und Künstler diese Aufgabe ergriffen, sein Vater war nur als Volksfreund auf die Anlage weiter und langer „gesunder“ Straßen gekommen.
Ludwig I. hatte insbesondere wohl in Rom Beispiele großartiger Straßen- und Platzanlagen studiert und gleichzeitig noch mehr allzu kleinliche Gestaltungsart, wie sie dem Deutschen liegt, als minderwertig erkannt; freilich zunächst darf der Betrachter der Bauten Ludwigs I. einiges vermissen oder tadeln: insbesondere sind viele Fassaden von einer Nüchternheit, die uns wie ein Vergessen künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten vorkommt; und auch manche der Räume des Königsbaues (der Residenz) sind bei aller Pracht der Malereien arm und kahl, weil hier der Sinn für wohnliche Eleganz vermißt wird. Beide Erscheinungen sind nicht zu leugnen, sind aber zu erklären — und dann historisch gerechtfertigt: man muß die Baugesetze und Bauverordnungen lesen, die unter König Max I. erlassen wurden, also zu der Zeit galten, da Ludwig als Kronprinz ihnen sich nicht ganz entziehen konnte; es war die Zeit der vorschriftsmäßigen „Biederkeit“; die war teils Protest gegen alles vorherige Barock und Rokoko, teils begründet in starken, weitwirkenden humanitären Anschauungen: der Erker war ungesund für den Nachbar, das hohe oder gebrochene Barock- oder Mansardendach feuergefährlich; die „Symmetrie“ dagegen galt als Grundlage einer reinlichen Hausanlage; das Auge durfte nicht verletzt werden durch Farbigkeit oder Malereien. Solchen Gesetzen gegenüber waren die Bauten Ludwigs sehr viel mehr entgegen, als wir ohne Kenntnis der Baugesetze auch nur ahnen. Der König (Ludwig) wurde geradezu als Bauherr, der prunkhafte, unnütze Bauten aufführen lasse, befehdet (s. Glyptothek, „des narrischen Kronprinzen Haus“) — nicht nur vom „Volke“, sondern auch von „Maßgeblichen“. Historisch gewürdigt war also Ludwig ein erster Lossager von Biedermeierei.
1) Für den „monumentalen Sinn“ Ludwigs I. spricht namentlich' sein Kabinettsschreiben an den Münchner Magistrat vom 26. Nov. 1828, worin er aus der Kabinettskasse zum Bau der Lndwlgkirche einen königlichen Beitrag verheißt, unter anderm auch unter der ausdrücklichen Bedingung: „wenn diese Pfarrkirche in der Ludwigsstraße auf die Seite des. Kriegsministeriums aufgeführt wird und zwar so, daß die Mitte derselben der Löwenstraße (jetzt „Schellingstraße“) gegenüber zu stehen käme [F 797].
) Beide genannte Bauten liegen 1 km weit voneinander entfernt und nur wenige Städte Deutschlands verfügen über eine 60 lange und breite Verkehrsstraße, an der fast nur öffentliche Gebäude stehen.
Luitpold-Park an der Karl Theodorstraße. 1911 zum neunzigsten Geburtstag des Prinzregenten auf einer Fläche von 12,5 ha von der Stadtgemeinde errichtet. Inmitten einer Gruppe von 90 Linden der Prinzregentenobelisk.
Martius-Denkmal im (alten) Botanischen Garten-, 1905 entworfen von Prof. Erwin Kurz für den berühmten Botaniker Karl von Martius (1790—1868); zur Denkmalsenthüllung sandten die Universitäten zu Upsala, Washington und Montpellier Vertreter. Büste aus gelblich weißem Marmor; Postament seitlich mit Palmblättern geschmückt [B 05].
Maximiiliansanlagen, als Fortsetzung der Gasteiganlagen nordöstlich des Maximilianeums bis zur Prinzregentenbrücke; unter König Max II. 1856-61 von Hofgartendirektor Effner mit sinnigster Kunst angelegt.
Maximiliansstraße. König Maximilian II. übernahm nach der Thronentsagung seines Vaters Ludwigs I. 1848 mit allen andern. Regentenpflichten auch die Sorge um die Vergrößerung und Verschönerung der Stadt — und er besaß das volle Verständnis gerade für die öffentlichen Aufgaben, die das neue Jahrhundert der Kunst stellte. So, wie sein Vater in der Ludwigsstraße sein Hauptwerk hinterließ, so führte auch König Max einen breiten und stolzen Straßenzug fast vom Mittelpunkt der Stadt bis zur Peripherie, wo noch unbesiedeltes Neuland war. Seine breite „Maximiliansstraße“ wurde durch die Graggenau und das Lehel durchgebrochen. In der Nähe der Isar erweiterte sich die Straße zu einem Platz, der als „Forum“ (entsprechend dem antiken Marktplatz Roms, der gleichfalls aus einer Straßenerweiterung entstand) bezeichnet wurde; hier bekamen öffentliche Bauten ihren Platz: der Bau für die Königliche Regierung von Oberbayern und gegenüber das alte Nationalmuseum. Jenseits der Brücke benutzte man das hohe Isarufer zu einer prächtigen malerischen Architektur: dem „Maximilianeum“. In der ganzen Straßenanlage zeigen sich manche neue Momente, die gegenüber der Ludwigsepoche einen Fortschritt bedeuten. Wohl zeichnet sich die Straße Ludwigs durch feinen künstlerischen Sinn für Monumentalität aus (vgl. den Artikel „Ludwigsstraße“), aber ihm und seinen Baumeistern fehlte der Sinn für malerische Anlagen; sie hatten kein Auge für Bildwirkung, sondern waren mathematische Geister: gerade Linien und geometrische Verhältnisse wurden überall bevorzugt. Der maximilianische Baumeister aber war sich bewußt, daß Münchens Stadtbild durch einige freiere und malerische Schöpfungen bereichert werden mußte; ja man lebte so sehr unter dem Ideenzwang, etwas Neues schaffen zu müssen, daß man sogar eine Konkurrenz für einen „neuen Stil“ ausschrieb für die Bauten der neuen Straße; glücklicherweise verließ man sehr bald diese kühnen Wege: die Stunde war noch nicht da, wo sich der Trieb nach neuen Formen selbständig regte. Immerhin erreichte man in diesem neuen „Maximiliansstil“ (der im wesentlichen der englischen Neugotik gleicht, die Max II. auf seiner Englandreise bewundern konnte) gute Resultate; denn die einfache Gliederung der Häuserfronten in der Maximiliansstraße zeigt doch von einer gesunden Auffassung der wirtschaftlichen und sozialen Stellung der bürgerlichen Bauherrn: keine großmannsüchtige Prachtfassaden, sondern einfache und gut proportionierte Bilder; dabei an den vornehmen Bauten des Forums reichere Motive und mehr Aufwand in der Dekoration. Der Ausblick aufs Maximilianeum beherrscht das ganze Straßenbild in einer tatsächlich großartigen Peripherie [W 246, Br 135].
Neuberghausen, (Bogenhausen). 1730 entstand aus dem Kögelhof über Brünnthal ein Schlößchen, das 1740 zu einem adeligen Sitz (Besitzer Hofkammerrat Gregor v. Lachenmayer) unter dem Namen „Neuberghausen“ mit Patrimonialgerichtsbarkeit erhoben wurde, jetzt Maria Theresiastr. 35. König Max II. kaufte diesen am Ende seiner Maximiliansanlagen gelegenen Sitz und ließ ihn 1863—65 durch Baurat Riedel zu einer „Beamtenreliktenanstalt“ umbauen, so daß der König dadurch ebenso für den Abschluß der Laufbahn seiner Staatsdiener sorgte wie er das „Maximilianeum“ dem Beginn derselben gewidmet hatte. Max II. beabsichtigte auch, sich im Garten von Neuberghausen ein Mausoleum zu errichten, starb aber vor Ausführung des Planes [F 1004, Rb 57.]
Neuhausen. Geschichte. Das uralte Dorf ist 1164 als „Niwenhusen“ erstmals beurkundet, 1249 mit einer Kirche erwähnt und hat bereits 1293 der „Neuhauser Straße“ ihren Namen gegeben („Nuinhauser Gasse“). Nach der Legende verbreitete hier der selige Einsiedler Winthir, vielleicht ein zum Kloster Schäftlarn gehöriger „Säumer“, der auf Maultieren den Personen- und Güterverkehr mit dem Kloster vermittelte [vgl. Schäftlarn in „Münchens Umgebung in Kunst und Geschichte“ vom gleichen Verfasser], unter den hiesigen Bajuwaren die christliche Kultur; an der Mariahimmelfahrtskirche hat der vielverehrte Selige seine Grabstätte und 1901 errichtete ihm die Stadt durch den Architekten Th. Fischer und den Bildhauer J. Bradl einen eigenen Winthir- brunnenan der Nymphenburger Straße; auf einer Säule mit einfachem romanischem Kapitell, wie es der Lebenszeit des Seligen entspricht, steht der fromme Säumer Winthir, an sein Saumpferd gelehnt; die Säule selbst ruht auf dem steinern Brunnenunterbau, dessen mittlerer Teil in hohem Bogen sich wie zu einem Säulensockel aufschwingt. Früher schon wurde an die westliche Seite der Friedhofmauer die sogen. Winthirsäule gesetzt, die vordem auf freiem Felde stand und die Wohnstätte des fremden Missionärs angezeigt haben soll, aber [nach F 991] wahrscheinlich nur ein Markstein war. Die gotische Säule selbst ist vom 15. Jahrh. und aus Nagelfluh; Basis viereckig mit abgeschrägten Kanten; auf dem viereckigen Schaft der Aufbau in Form einer vierseitigen, von Eselsrücken gekrönten Aedicula; an der Vorderseite eingelassene Tafel von 1873. Die Besitzer der freien Hofmark Neuhausen waren von 1380 an: die (Freisinger ?) Küchenmeister von Lochhausen, die Münchner Patrizier Sömlinger (Tumblinger ?), ab 1484 die natürlichen Söhne des Herzogs Sigismund, Hans und Sigismund Ffadendorfer, ab 1502 deren Onkel Herzog Albrecht IV., dann der Hofkanzler Joh. Gailkircher, Freiherr Andreas v. Königsacker, seit 1705 das Augustinerkloster, seit 1715 Kurfürst Max Emanuel; hernach Kurfürst Karl Albert, der hier 1728 das Jagdschlößchen als ein Jagdrendezvous auf halbem Weg zwischen der Stadt und Nymphenburg (jetzt Nymphenburgerstr. 169) erbaute; es ist ein bescheidener aber malerischer, halbverfallener Bau, der besonders interessant ist durch den Wandschmuck am östlichen schmalen Giebelfeld: zu oberst das kurfürstliche Wappen, darunter ein gemalter liegender Hirsch mit aufgesetztem natürlichem Geweih; darunter das Gemälde einer Jagdgesellschaft: in einer Flachlandschaft mit Bergen im Hintergrund stehen in einem großen Halbkreis Jagddiener mit Hundemeuten, im Vordergrund der Fürst selbst mit Jagdgefolge. In einer kleinen Anlage vor dem Schlößchen steht das von der Gemeinde Neuhausen (N. wurde erst 1890 der Hauptstadt einverleibt) ihren 1870 gefallenen Söhnen errichtete Kriegerdenkmal: große Steinblöcke sind zwanglos zu einer Art Pyramide aufgestellt, woran sich der Genius des Friedens mit dem bayerischen Löwen zur Seite, in Erz gegossen lehnt; auf dem Bücken des ruhenden Löwen sitzt sicherund ruhig er germanische Sieger, dem Frieden die Hand zum Bunde reichend (BAJ, F, KB, Sighart J. „Von München nach Landshut]“.
Neuhofen, Ausflugsort gegenüber Mittersendling. Ursprünglich stand hier das ländliche Anwesen zum „Distelhof“, zur Kirche in Ottendichl bei München gestiftet; 1697 wurde es an den Geheimrat Math, von Joner verkauft, der hier ein Schlößchen mit Oekonomiegebäuden und Park errichtete, worauf es von Kurfürst Max Emanuel zum Edelsitz erhoben wurde. Eine andere Besitzung, dem Kloster Dießen gehörig, wurde 1759 vom kurfürstlichen Kämmerer J. M. Freiherrn von Packenreith gekauft und ging dann von diesem mit dem „Sitz Neuhofen“ an den kurfürstlichen Konferenzrat Joseph Albrecht Reichsfreiherrn von Zech über, dessen Nachkommen in den Grafenstand erhoben wurden und ihren Sitz um 1840 an Wirtsleute verkauften [F].
Nußbaummonument in den Anlagen vor dem Krankenhaus links der Isar, 1892 zu Ehren des hochverdienten menschenfreundlichen Chirurgen und Krankenhausdirektors Nußbaum errichtet. Auf Stufen von dunklem Syenit erhebt sich der Sockel von rötlichem schwedischem Granit mit der doppelt lebensgroßen Büste von Bildhauer Haf aus Carraramarmor.
Paulaner Brunnen, Mariahilfsplatz in der Au. Gestiftet von Kommerzienrat Schmederer, errichtet 1908 von Jos. Floßmann. Vor einer Rustikabrüstung mit Ruhebänken steht auf steinerm Sockel das Brunnenbecken, in das sich das Wasser aus einem quadratischen Aufsatz ergießt; auf letzterm erhebt sich das hohe, lebhaft ornamentierte Marmorpostament für das Standbild des hl. Franz von Paula, des Ordenstifers der Paulaner, dem die Au das Paulanerkloster und in der Folge das Paulanerbier (Salvator) verdankt. Siehe unter Au.
Prinz Alfonspalais, Fürstenstr. 1. Von Klenze als herrschaftliches Wohnhaus erbaut und später von ihm selbst bewohnt. Viergeschossiger Bau; Fenster (abgesehen von denen im Mezzanin) sowie Einfahrtstor im Rundbogen geschlossen. Alle Kämpfer als kurze Architravstücke und alle Schlußsteine als profilierte Konsolen gebildet. Die Eckquadern (in Putz hergestellt) gehen in gleicher Größe vom Sockel bis zum zweiteiligen Architrav, der das Konsolengesims des Dachkranzes aufnimmt [B 06],
Prinz Leopoldkaserne, Leonrodstr. 115.
I. Mannschaftsgebäude, als Doppeleskadronskaserne 1900/02 von Baurat Zeiser erbaut. Fassaden in verlängertem Zementmörtel verputzt, die Sockel gestockt; Gliederung durch ein stark betontes Gesims über dem Erdgeschoß und Dachgesims sowie durch leicht vortretende Mittel- und Seitenrisalite. Mittelrisalit ausgezeichnet durch einen geschwungenen Giebelaufbau. Das ganze Erdgeschoß sowie die Ecken und die zwischen den Fenstern bis zum Dachgesims reichenden Pilaster sind rustiziert.
II. Stabsgebäude. In gleicher Zeit, aber von Baurat Zeiser errichtet. Fassadenbehandlung wie beim Mannschaftsgebäude. Die Fenster des Mittelrisalits durch rustizierte Pilaster, die — das Dachgesims durchbrechend bis zum Giebelaufbau sich erstrecken. Im geschwungenen Giebelfeld das bayerische Löwenwappen in Relief [BAJ 558 und 559].
Prinz Leopoldpalais, Leopoldstr. 13. Von Gärtner 1845 in einfachem ländlichem Villenstil (damals stand an der „Schwabinger Straße“ noch kein Gebäude) für die Königin Therese erbaut; unter Prinz Leopold bedeutend erweitert [Gs].
Promenadeplatz 18. Maffei-Haus, um 1690 in Zuccalis Manier erbaut. Bis 1725 ein vornehmer Gasthof, dann Adelspalais [BAJ 150].
Regensburger Wurstküche, Münzstr. 2. Korpshaus der Cisaria. Von Richard Schachner 1908/09 erbaut. Im Kellergeschoß die Wirtschaftsküche und Kegelbahn, im Erdgeschoß die Gaststube der „Regensburger Wurstküche“, deren Wirtschaftsbetrieb sich bereits viele Jahrzehnte in dem vormals an der Stelle des Korpshauses gestandenen Hause befunden hatte (humoristische Darstellungen aus dem Studentenleben und zum Lied „Als wir jüngst in Regensburg waren“; desgleichen eine Darstellung des „Bierkönigreiches“ sowie im Korbfenster 4 Allegorien auf die verschiedenen Wurstarten); im 1. Obergeschoß vermietete Gesellschaftsräume; im 2. und 3. Obergeschoß Kneip- und Gesellschaftsräume der Cisaren (Kn ei ps aal in hellem Eichenholz getäfelt, Decke kassettiert, Wandflächen belebt durch breite glatte Felder zwischen schmalen Friesen, in den Fenstern Glasmalereien zum „Gaudeamus igitur“), im Dachgeschoß die Wohnung des Wirtes und ein Fechtboden. An der Nordfassade Ornamentmalereien mit Keimfarben auf Traßmörtelverputz (in den widerstandsfähigen Tönen grau und ockergelb) nach Kartons von Paul Neu, von dem auch die Entwürfe der übrigen Gemälde stammen [BAJ 307, SB 16, 52J.
Regina Palast-Hotel, Maximiliansplatz 5. 1907/08 erbaut von Earl Stöhr unter Heranziehung des Arch. Franz Lukas für den künstlerischen Teil. Im Grundriß ein Quadrat, um den großen Oberlichtraum des Palmenfoyers gruppiert. Am Vestibül eine Staatstelephon- und’ Telegraphenstelle sowie eine Hotel-Telephonzentrale, die es jedem Gast ermöglicht, Telegramme aufzugeben und sich mit allen Telephonämtern zu verbinden, ohne sein Zimmer zu verlassen.
Fassaden: Erdgeschoß in Rusticaimitation als Sockel der durch die 3 folgenden Geschosse reichenden Pilasterordnung; darüber das Hauptgesims; über diesem das an den Ecken zurücktretende 4. Obergeschoß und das Dachgeschoß; das Ganze belebt durch den Wechsel der Fensteröffnungen, durch die Baikone, die dunklen Loggienbogen und Plastiken.
Innenausstattung im Louis XVI. und Empire: Wandflächen, Decken, Stuckgesimse und -Ornamente weiß,, dagegen Holzwerk, Möbel, Kamine und Säulen kräftig gefärbt. Im Vestibül alles Holzwerk in dunkelrotem Mahagoni, Architekturteile in. rotem Stuckmarmor (hinter dem sich die eisernen Tragdützen bergen). Im Palmenfoyer orientalische Teppiche, Landschaftsmedaillons von Prof. Petersen und ein Prinzregentenporträt von Langhorst', Pilasterfüllungen aus Calacattamarmor. Im Speisesaal hellgrüne Stuckmarmorsäulen und dunkelgelbe Vorhänge;; 2 Ecksalons in weiß-grün-rosa bezvv. weiß-gelb. Caférestaurant (und Bar) modern stilisiert: Decken- und Wandgliederung durch glatte Gesimsstreifen ohne jedes Ornament; Vertäfelung und Möbel in dunkelrotem Mahagoni; Pfeiler aus maisgelbem Sienenser-Stuckmarmor mit weißgelben Basen. Im Untergeschoß des Westflügels die Bar, zerlegt in 4 Teile: kleines Gemach, Büfettraum, Hauptraum und Billardsaal; Wände des letztem mit Linkrusta belegt und durch die an der Längsseite hingeführte erhöhte Estrade ausgezeichnet; Nischen mit naturfarbenem, intarsiertem Eichenholz getäfelt und mit Mosaiken geschmückt [Gmelin in KH 07/08],
Renatastraße 5. Wohnhaus „Spranger“. Vom städtischen Baurat Hans Grassel erbaut. Freistehender verputzter Backsteinbau in der Villenkolonie Neu-Wittelsbach, „ein Beispiel des selbstlosen Eingreifens des Stadtbauamtes zu jener Zeit, um eine sonst mißglückende Sache im Interesse der Stadt und des erwähnten Villenviertels soweit ais- möglich zu retten [BAJ 381]“.
Rentamtsgebände im Alten Hof. Ein Teil der ehemaligen Wittelsbacher Residenz im „Alten Hof“, jetzt, nach 1902/03 erfolgtem Umbau des Nordflügels und Neubau des Ost- und Südflügels (durch Heilmann und Littmann) auf den alten Grundmauern für das Stadtrentamt verwendet. Dabei wurden vor allem Nord-, Ost- und Südbau in richtige Verbindung gebracht durch Abgleichen der verschiedenen Stock- werkshöhen, Neuaufführen sämtlicher Innenmauern und Heben des Dachstuhles. Die beim Nordbau allein noch erhaltenen Formen der Renaissance wurden auch auf den Ostflügel übertragen, während der Südbau mit der Gotik des anstoßenden ehemaligen Wohnungstraktes Kaiser Ludwig des Bayern in Uebereinstimmung gebracht wurde. Fassaden verputzt, Sockel und Hauptgesims betoniert, Hauptportale in gestocktem Feinbeton [BAJ 516].
Residenzstraße 6. Ehemaliges Palais des Grafen von Wahl. Aus der Zeit Zuccalis im großen Stil des Palais Portia. Straßenfront jetzt zwar verschwunden, jedoch Treppe, Hauskapelle und Korridore mit den alten Stukkierungen noch teilweise erhalten [BAJ 155].
Residenzstraße 13. Gut erhaltener, prachtvoller Arkadenhof in drei Geschossen vom Ende des 15. Jahrh. [BAJ 86].
Residenzatraise 21. Aus der Zeit Cuvillies Mitte 18. Jahrh. Erdgeschoß und Entresol umgebaut. Ohne architektonische Horizontal- und Vertikalgliederung. Stuckdekoration beschränkt auf die Fenster: im 2. Stock Belebung der Halbkreisbogen mit Kartuschen (aus denen Köpfe ragen), Trophäen, Palmen- und Blumenbündel; im 3. Stock sind nur die Konsolen der Fensterbänke leicht dekoriert [KB].
Rheno-Palatia-Corpshaus mit Torggelstube, am Platzl 8. 1910 erbaut von II. Grassel. Sehr günstiges Platzbild infolge des harmonischen Zusammenwirkens dieser Ostseite des Platzl mit dem Orlandohaus und den Barmbichlerhäusern (Pfisterstr. 4 und 5). Verputzter Backsteinbau mit Portalen und Erkern aus Muschelkalkstein. Plastiken von Bruno Diamant. Im Erdgeschoß Restaurant Torggelstube — etwas ähnliches wie das „Bräustüberl“ der Brauereien, hier die Tiroler Bezeichnung Torggelstube für eine direkt neben der Weinkelter gelegene Probierstube von Traubenwein; demgemäß auch die innere Einrichtung und Ausstattung. Neben der Torggelstube ein Hermstübl, im ersten Stock die Räume des Corps Palatia mit ausgezeichnetem Corpsbild von B. von Seitz, Malereien von J. Bradl u. a. [BAJ 303].
Rindermarkt 18. Bemerkenswerte Fassade um 1730. Interessante Hofarkaden aus gotischer Zeit: nach dem Vorbild der Altanen des Bauernhauses in der oberbayerischen Hochebene, die auf dem Lande das Haus umziehen, in der Stadt sich jedoch in die Höfe zurückzogen [BAJ 83],
Rindermarkt 18. Bemerkenswerte Fassade um 1730. Interessante Hofarkaden aus gotischer Zeit: nach dem Vorbild der Altanen des Bauernhauses in der oberbayerischen Hochebene, die auf dem Lande das Haus umziehen, in der Stadt sich jedoch in die Höfe zurückzogen [BAJ 83],
Rindermarkt 18. Bemerkenswerte Fassade um 1730. Interessante Hofarkaden aus gotischer Zeit: nach dem Vorbild der Altanen des Bauernhauses in der oberbayerischen Hochebene, die auf dem Lande das Haus umziehen, in der Stadt sich jedoch in die Höfe zurückzogen [BAJ 83],
Roigerhaus, Brunnstr. 12. Von Max Ostenrieder 1904/05 in den Formen des zum Gesamtbild von Münchens Altstadt gut passenden Uebergangs von der Gotik zur Renaissance erbaut. Fassade in Rauhverputz unter Verwendung von Muschelkalkstein. Als Wahrzeiche n für das von vielen Seiten her sichtbare Hauseck schuf Prof. Pruska einen aus knorrigen Wurzeln emporstrebenden Baum, in dessen Krone eine reizende Madonna mit Christkind Platz hat [BAJ 345, SB 11].
Rotes Kreuz, Nymphenburgerstr. 159. Vom „Bayerischen Frauenverein unterm roten Kreuz“ 1893 nach den Plänen G. Hocheders errichtet, bestehend aus einem Schwesternhaus und einem Krankenflügel für chirurgische Kranke. Ausgeführt als verputzter Backsteinbau mit Ziegeldachung; Sockel und Portalbauten aus Haustein; später mehrfach erweitert [BAJ 679].
Schackpalais, Briennerstr. 19. Für den Grafen A. F. v. Schach und dessen Gemäldegalerie 1872—74 von L. Gedon als erstes der Münchner Privatgebäude im Sinne der deutschen Frührenaissance errichtet; es geschah das bei Erstellung einer neuen Front, die die beiden Häuser, aus denen die ursprüngliche Galerie bestand, zu einem organischen Ganzen verband und zugleich ihre Bestimmung als Wohnung und Galerie aussprechen sollte; dabei „ist die Komposition für die beiden kleinen Häuser zwar viel zu schwer geraten, sie löst jedoch die Aufgabe mit bemerkenswerter Kühnheit [P 290]“. Die Gemäldesammlung ging nach dem Tode des Grafen 1894 infolge testamentarischer Bestimmung in den Besitz des Deutschen Kaisers über (vgl. unten „Schackgalerie“). Der Kaiser kaufte hierfür das Galeriegebäude an und ließ es 1894—95 durch E. Seidl umbauen und verbessern [J.W.].
Schauspielhaus, Münchener, Maximiliansstr. 34/35. Nach dem verunglückten Unternehmen, im Deutschen Theater der „Modernen“ Muse ein Obdach zu bieten, errichteten 1900 die Direktoren Schmederer und Stolberg auf einem geeigneten Gartenterrain als Bückgebäude nach den Plänen von Max Littmann und Richard Riemerschmied dem modernen Schauspiel ein Theater mit 727 Sitzplätzen. Klein und schlicht, ist es ein möglichst einfacher, mit billigen Mitteln hergestellter Baum von bürgerlichem, ansprechendem Aeußern. Riemerschmied gab ihm die ganze innere Ausstattung im großen wie im kleinen. Von andern Theatern weicht die Dekoration wesentlich ab; aber alles ist geistreich erfunden, den Erwägungen folgend, die Material und Zweck erheischen. Die rote Farbe ist dominierend: alle Theaterexperten erklärten Rot als unerläßlich für den Zuschauerraum; rot ist nicht nur die festlichste Farbe, sondern sie läßt auch wie keine andere den Saal nie als leer erscheinen, selbst bei schwachem Besuch [Br 136; BAJ 245; Bredt in KH 00/01].
Schwabing. Geschichte der Vorstadt. Erstmals 782 beurkundet und zwar unter der Bezeichnung „ad Svvapingas“, damals schon mehrere Gehöfte umfassend. Als Edelsitz das erstemal im 11. Jahrh. erwähnt. Nach dem Aussterben der „Edlen von Schuabing“ im 14. Jahrh. ging ein Teil des Besitzes an den reichen Patrizier Ainwich den Gollier über (vgl. Altes Rathaus) und nach dessen Tod an den Patrizier Ludwig Tömlein, der ihn hinwieder 1448 an den Bürger Scharfzant vertauschte. Außerdem hatte das Domstift und einige Klöster in Freising hier Besitzungen, die im 16. Jahrh. an den Herzog übergingen. Damals besaß Schwabing bereits einige 50 Familien und zugleich einige Herrschaftsschlößchen, so von Graf Waldkirch, dem Edlen von Stubenrauch. Die Patronin St. Ursula des ehemaligen Dorfkirchleins aus dem 12. Jahrh. läßt schließen, daß die ersten Bewohner des an der Isar gelegenen Dorfes Fischer und Flößer waren. Im Jahre 1724 wurde Schwabing zur Stadt gezogen, 1811 zur Pfarrei erhoben und 1890 mit der Stadtgemeinde vereinigt; 1894 wurde der Grundstein zur neuen Stadtpfarrkirche St. Ursula, an Stelle der alten, gelegt. 1910 wurde die uralte, in seinem damaligen Bau aus 1483 stammende „Nikolauskirche beim Leprosenhaus“ (für ansteckende Kranke außerhalb der Stadtmauer erbaut) niedergerissen, deren Namen aber im „Nikolaiplatz“ erhalten. Das Leprosenhaus verlor 1808 durch Ueberführung der Stiftung und der Kranken ans Gasteigspital seine ursprüngliche Bestimmung.
Sebastiansplatz zwischen Jakobsplatz und Blumenstraße; benannt nach der ehemaligen Sebastianskirche, die nach der Säkularisation aufgelassen und 1814 von ihrem spätem Besitzer in die Bierwirtschaft „Zum blauen Bock“ umgewandelt wurde [R].
Sendling. Geschichte der Vorstadt. Sendling (womit Obersendling gemeint ist) ist schon 782 als Bajuwarenniederlassung „ad Sentilingas“ (=bei den Nachkommen des Sentilo) beurkundet. Im 10. Jahrh. ist es bereits Sitz einer Ding- oder Gerichtsstätte des Edelgeschlechtes der „Sendlinger“, deren Burgen im sogen. Reichenthal an der Isar bei Obersendling gestanden haben und deren Ruinen noch 1773 sichtbar gewesen sein sollen. In Untersendling besaß Sigmund Marquard Freih. von Pfetten eine Taferne, neben der sich ein adeliges Gut mit Schlößchen befand, das 1698 an den kurf. Hofkammerrat und Landrichter zu Waldeck, Thomas Maccolini, überging und mit dem jetzigen Cafe Harras identisch sein dürfte [F],
Mordweihnacht von 1705, Episode aus dem unglückseligen Spanischen Erbfolgekrieg 1701—14. Der kinderlose König Karl II. von Spanien ernannte i698 den bayerischen Prinzen Joseph Ferdinand, Sohn des Kurf. Max Emanuels aus dessen erster Ehe mit Maria Antonia von Oesterreich, zum Erben der spanischen Länder und zwar unter Widerspruch des Kaisers Leopold von Oesterreich, dessen einziges Kind aus erster Ehe jene Maria Antonia war und der statt ihrer seine Söhne aus zweiter Ehe für erbberechtigt hielt. Aber der bayerische Prinz starb schon 1699. Da ließ König Ludwig XIV. von Frankreich seinen Enkel Philipp von Anjou als Erben aufstellen und versprach dem bayerischen Kurfürsten die Niederlande für seine Hilfe gegen den Kaiser. In dem nun ausbrechenden Kriege Oesterreichs und Englands als dessen Bundesgenossen (unter Marlborough) gegen die Bayern und die Franzosen (unter dem General Villars) unterlagen 1703 die Letzteren in der entscheidenden Schlacht bei Höchstädt a. d. Donau und Max Emanuel floh nach Frankreich, nachdem ihm Oesterreich alles Land — mit Ausnahme München mit Stadt und Umgebung — abgenommen hatte. Als aber bald darauf auch die Kurfürstin — unter Zurücklassung ihrer Prinzen — München verließ, besetzten die Oesterreicher auch die Landeshauptstadt. Jetzt erhob sich das unglückliche Volk, das unter dem furchtbaren Druck, den die Oesterreicher ausübten, schwer litt, gegen die Fremdherrschaft und zur Befreiung der bayerischen Prinzen — entschlossen, „lieber bayerisch zu sterben als kaiserlich zu verderben“. Zuerst, im Herbst 1705, standen auf die Leute im Innviertel, dann folgte das Oberland. Da waren es zuvörderst Münchner Bürger, wie der Bierbrauer Ballmaier, die Weinwirte Jäger und Khidler, der Weinhändler Schandl und der Postmeister Brix, die mit den Gesinnungsgenossen außerhalb der Stadt in Verbindung traten. Der Weinwirt Jäger, ein geborner Tölzer, eilte in seine Heimat, um seine Landsleute unter die Waffen zu rufen; am 16. Dezember fand im nahen Königsdorf die entscheidende Versammlung statt und Tölz wurde zum Mittelpunkt des Aufstandes. Im dortigen Franziskanerkloster versammelten sich die Pflegerichter von Valley, Aibling, Miesbach, Wallenburg, Beichersbeuern und Tölz sowie die Klosterrichter von Tegernsee, Dietramszell und Benediktbeuern. Nahezu 1000 Schützen unter Führung des französischen Hauptmanns Gauthier bewaffneten sich mit ihren Stutzen; der übrige Haufen schmiedete Sensen, Gabeln, Sicheln, Pflugscharen zu Waffen um. Inzwischen trafen auch die Patrioten Münchens ihre Vorbereitung, und schon hatte der Eisenhändler Senser (dessen Haus und Eisenhandlung an Stelle des jetzigen Kaufhauses Grießl an der Ecke Sendlingerstraße-Färbergraben stand), dem als Magistratsrat die Aufsicht über die Schlüssel zu den Toren und Schanzen zustand, die Schlüssel zum Hofgartentor einem Hofkoch übergeben, damit hier die Hauptmacht der Oberländer hereingelassen würde, während die kleine österreichische Garnison von 700 Mann damit beschäftigt werden sollte, den Angriff der übrigen Oberländler am Boten Turm beim Isartor abzuwehren; eine I’akctte würde vom Petersturm in die Höhe steigen und den Männern vor den Toren das Zeichen zum Angriff geben. Am 23. Dezember versammelte sich die ganze Macht der Patrioten bei Schäftlarn und der Hauptmann Mayer von der Leibgarde der Kurfürstin übernahm den Oberbefehl. Auch wurde jetzt die Verbindung mit den aufständischen Unterländlern herzustellen versucht, nämlich mit den Bauern von Erding, Haag und Grafing unter dem Befehl des Posthalters von Anzing. Doch wußte dies der österreichische General von Krieschbaum zu vereiteln. Also brachen am 23. Dezember die Oberländler allein von Schäftlarn auf nicht ahnend, daß sie in ihrer Mitte einen Verräter hatten, nämlich den Pflegrichter Johann Joseph Oettlinger von Starnberg. Der eilte ihnen voraus und verriet sie an den österreichischen Statthalter in München, der sofort den General Kriechbaum von Anzing her zu Hilfe rief. Die Hauptstadt selbst war im ganzen wenig vorbereitet auf den Kampf gegen die Oesterreicher: die Bürger waren im voraus niedergedrückt und unschädlich gemacht durch die Wachsamkeit der österreichischen Garnison; nicht einmal die Christmette durfte in den Kirchen gefeiert werden; unter Todesstrafe war es verboten, am Weihnachtsabend auf die Gasse zu treten; alle Waffen mußten abgeliefert werden. Unterdessen zogen die Oberländler bis Thalkirchen, wo sie ihr Mittagsmahl einbrachten. Hierauf ging ein Teil bei Harlaching über die Isar; die Hauptmacht aber bezog bei Unter-Sendling das Hauptlager und stellte die Wälle und Schanzen her. Unterdessen vereinigte sich die nach Harlaching ziehende Truppe in Giesing mit den „Zimmerleuten von der Au (96 Mann stark). Vergebens warteten sie auf das Zeichen vom Petersturm; da begannen sie den Ansturm auf den Roten Turm, dessen Tor unter den Axthieben der Zimmerleute fällt; die Besatzung wird niedergemacht und die Isarbrücke abgebrochen, um gegen den heranrückenden Kriechbaum sicher zu sein; doch die Stadtmauern bieten zu großen Widerstand. Inzwischen kam auch die Hauptabteilung vom Sendlingerfeld her an der „Schmerzhaften Kapelle“ (jetzt Kapuzinerkirche) vorüber bis zum Isartor. Sie erwarteten, ihre Freunde würden ihnen aufmachen; aber nicht diese waren es, sondern die Grenadierbataillone des österreichischen Obersten de Wendt. Um 1/28 Uhr kam endlich General Kriechbaum mit seiner Kavallerie und Infanterie an, und nun wurden die Bauern wieder bis Sendling hinaufgetrieben unter schrecklichen Verlusten an Verwundeten und Toten. In weitem Bogen umschlossen die Kaiserlichen das Dorf. Es wurde Pardon verheißen unter der Bedingung, daß die Leute sich aufs Sendlinger Unterfeld begeben, um dort die Waffen zu strecken. Eine große Menge gehorchte — und nun vernehmen wir einen zeitgenössischen Bericht: „Bei den Umrungenen aber ist es sehr übel und erbärmlich hergegangen, indem es geheißen: ihr habt Pardon, legt eure Spieße nieder, habt Reu und Leid über eure Sünden; alsdann erfolgte Feuer. Und wie die erste Salva vorbey: „Wer noch lebendig, stehe auf!“ — hat man gleich wieder Salva gegeben und türkisch umgemetzgert, bis 1100 Mann auf dem Platz gebheben.“ Die Pfarrkirche von Sendling und die Straßen des Dorfes wurden nun der Schauplatz des letzten Verzweiflungskampfes; vier Stunden lang dauerte das Gemetzel; nur wenigen gelang es, zu entrinnen und ein großer Teil des Dorfes ging in Flammen auf. Als der Letzte kämpfte nach der Erzählung der riesige Schmied Baltes, umgeben von seinen Söhnen; sein Morgenstern schmetterte mit jedem Hieb einen Gegner nieder, bis er selbst als der Letzte sterbend niedersank. Hauptmann Gauthier fiel durch eine Geschützkugel; Hauptmann Mayer, die Leutnants Clanze (Dolmetsch für Gauthier und Aberle wurden gefangen. Mayer erhielt nach neunjähriger Haft und Erstehung der schrecklichsten Tortur die Freiheit; Clanze und Aberle wurden gemeinsam mit dem Weinwirt Khidler am 29. Januar 1706 auf dem Marienplatz enthauptet, der Weinwirt Jäger aber wurde am 17. März 1706 in schauerlicher Weise hingerichtet, nämlich gevierteilt, sein Kopf auf dem Isartor und seine Leichenstücke auf der Stadtmauer zum abschreckenden Beispiel aufgesteckt. Andern Häuptern der Erhebung gelang es zu entfliehen; insbesondere waren es die Kapuziner und Franziskaner, die unter dem Schutz des Kleides des hl. Franziskus im stillen Frieden ihrer Klöster manchen vor dem Grimm der Feinde bargen. Der große Sprachforscher Joh. Schmeller forderte als erster (1818) zur Errichtung eines Denkmals für die braven Helden auf; 1831 fand ein solches in Form eines Weihbrunngefäßes aus Erzguß auf ihrem Massengrab (682 gefallene Bauern in 9 Gräbern) im Südlichen Friedhof (am äußeren westlichen Hauptgange) Aufstellung, gestiftet von König Ludwig I. Desgleichen stiftete Geheimrat Philipp Zwackh ein Denkmal auf dem Sendlinger Friedhof, woselbst 3—400 der Tapferen ruhen; 1831 wurden dortselbst das herrliche Fresko des Wilhelm v. Lindenschmitt „Heldentod des Schmid Balthes und seiner Kampfgenossen“ an der Außenwand der Margarethen-Pfarrkirche enthüllt. Endlich 1911 wurde der Gedenkbrunnen in der Lindwurmstraße errichtet (von Bildhauer W. Ebbinghaus und Arch. Carl Sattler); vor einer Ballustrade steht auf mächtigem Sockel der Held Schmid-Balthes, nur mit dem Schurzfell bekleidet und kampfbereit die Fahne der Erhebung geschultert. Ein literarisches Denkmal — aere perennius — weihte den Oberländlern Professor Joh. Nep. Sepp. Die Stadt München selbst aber ehrte die Wackeren, indem sie deren Andenken und das Andenken derer, die ihnen zum verdienten Ruhm für die Nachwelt verholfen haben, dadurch wach erhielt, daß sie in den Straßen Sendlings deren Namen sowie die Namen ihrer Heimatgaue verewigte. [Nach „Sendling und Aidenbach“ von Albert Clementi in B. 06.)
Singlspielerstraße 29 u. 30. Neuerbaut 1898, und zwar die äußeren Ansichten nach den Plänen des städtischen Baurates Grassel. Die Sendlingerstraße soll in ihrem mittleren Teil allmählich verbreitert werden; die Stadtgemeinde trug bei den Anwesen Nr. 29 und 30 ihren Teil dazu bei und bedang sich dafür die Ausführung der Neubauten in ihrem Aeußern nach den Plänen des Bauamtmannes aus. Dieselben wurden auf der Grundlage im wesentlichen vorhandener Baugrundrisse entworfen. Verputzter Backsteinbau mit Erkern aus Muschelkalkstein, 2 große Fresken {Musikant und Tänzerin, zur Charakteristik des Hausnamens) von A. Pfleiderer; ferner 2 kleine Fresken (das ehemalige Sendlingertor, vom Neubau aus gesehen, und die ehemalige Huf- und Wagenschmiede an der Ecke der Schmiedgasse). Die Malereien des südlichen Hauses wurden 1911 vom Besitzer ohne weiteres übertüncht.
Stephansplatz 1. Erbaut (1899?) von M. Ostenrieder als Benefiziatenhaus. Imponierender Bau mit außerordentlich ansprechender Fassade, wirkungsvoll namentlich durch die glückliche Massenverteilung. Kur Giebel und Erker reicher behandelt; alles übrige mit denkbar geringstem Aufwand dargestellt. Umrahmung der Parterrebogen in Stein; im übrigen Verputz [SB 00,40].
Straßen- und Flußbauamt. Ifflandstr. 10. Von Bauamtmann Schulze 1906,07 unterhalb der Max Joseph-Brüche links der Isar erbaut. Gebäudegruppe mit Wohngebäude für den Flußwart und Magazinsaufseher, sowie den eigentlichen Magazinsbauten, die 3 m tiefer als das an der Straße erbaute Wohnhaus liegen. Mauerwerk bis zur Sockeloberkante aus Beton, im übrigen aus Backstein. Fassaden mit Kalkmörtel rauh verputzt, Dacheindeckung mit roten Biberschwänzen [BAJ 479].
Thalkirchnerstraße 90. Ausgeführt 1905 von Aug. Zeh. Mächtige Fassade, belebt durch Erker; Hauptgiebel als dominierender Fassadenteil (wie der an dieser Seite befindliche Erker) reicher durchgeführt. Besonders charakteristisch das imposante Satteldach. Durchbildung der Fassade sehr charakteristisch für die durch Zeh selbständig entwickelte besondere Art der Putzdekoration [SB 06, 4J. Theatiner Hof- und Stiftskirche St.
Theatinerstraße 13. Bemerkenswert durch den dreistöckigen Bogengang mit einer einfach-sachlichen Backstein balustrade (durchbrochene Arbeit); Rest jener mittelalterlichen Hofarkaden, die sich — ihrem Ursprung nach die Altane, die sich am Bauernhaus der oberbayerischen Hochebene außen um das Wohnhaus zieht — bei den Häusern der Stadt in die engen Höfe zurückzog und hier manchem dunklen Winkel einen poetischen Beiz verlieh [BAJ 831.
Theatinerstraße 19. Zum Ministerium des Innern gehörig. Als Palais erbaut um 1730, vielleicht durch Joseph Effner [BAJ 163]. Fassade dreigeschossig mit 4 Fenstern in der Breite. Erdgeschoß in Rustika; überm Tor und den 2 Fenstern mäßig geschwungene Verdachungen; unter ihnen Füllungen mit Kartuschen, Guirlanden und Zweigen. Fensterverdachungen des 1. Stocks leicht verkröpft und auf konsolenartigen Zierstücken ruhend; zwischen ihnen Masken mit Füllhörnern. Fensterbänke im 2. Stock einfacher gehalten und mit Konsolen und Lambrequins ausgestattet [KB],
Theresienwiese (auch Oktoberfestwiese), genannt nach der Königin Therese, Gemahlin Ludwigs I.; dieser stiftete 1810 das Oktoberfest zur Vermählung mit der Prinzessin Therese. Das Fest war ursprünglich auf den 1. Sonntag im Oktober beschränkt, der dann als „Hauptsonntag“ galt, bis dieser auf der, letzten Sonntag im September verlegt wurde. Die landwirtschaftliche Ausstellung, die Preisverteilung für besondere Verdienste auf dem Gebiet der Landwirtschaft sowie das Pferderennen (zur Hebung der einheimischen Pferdezucht) bilden von Anfang an den eigentlichen Kern der Feier. Daran reiht sich das Festschießen und der Festzug. Gegenwärtig dauert das Fest mehrere Wochen und wird hauptsächlich wegen der unzähligen Schaubuden und großartigen Bierbuden von Einheimischen und Fremden stark besucht [R],
Viktualienmarkt im Tal, der Hauptmarktplatz für den Detailverkauf. Hier die in Eisenkonstruktion errichtete Bankmetzgerhalle, ferner die Halle für den Verkauf von Kutteln mit Brotverkaufläden an den Außenseiten, ein Ladengebäude und Pavillon für den Obstverkauf, eine eigene kleine Halle der Nordseefischerei; der übrige, größte Teil des Marktes ist von Holzbuden bedeckt, die in langen Beihen nebeneinanderstehen. Außer dem hiesigen eigentlichen „Viktualienmarkt“ bestehen noch Kleinhandelsmärkte am Wienerplatz in Haidhausen und am Elisabethenplatz in Schwabing. Der bis 1912 in der ehemaligen, nächst dem Viktualienmarkt gelegenen Schrannenhalle untergebrachte Großhandelsmarkt wurdein die Großmarkthalle am Südbahnhof verlegt. Vgl. auch Hl. Geistspital [BAJ 700].
Volkstheater. Josephspitalstr. 10a. Die Münchner waren von jeher große Freunde der dramatischen Kunst und ihr erstes „Volkstheater“ waren wohl jene „Mysterien“ und „Allegorien“, die schon vor Jahrhunderten (seit 1580) von den Jesuitenschülern zur allgemeinen Erbauung und Kurzweil öffentlich aufgeführt wurden. Was sich anno dazumal sonst noch an Schauspielkunst zeigte, kam meistens von wandernden Komödiantentruppen, die mit dem Thespiskarren zu den Dulten am Anger drunten oder bei sonst einer festlichen Gelegenheit in München erschienen und deren Repertoire natürlich vor allem von der Hanswurstkomödie beherrscht wurde. Anfang des 18. Jahrh. — um 1725 — erhielten dann die Münchner ein ständiges Volkstheater und zwar droben beim Faberbräu in der Sendlingerstraße.
Im Gegensatz zu diesem „Volkstheater“ existierte damals, aber nur für den kurfürstlichen Hof und die Adeligen, das „churfürstliche Opernhaus“ auf dem Salvatorplatz, wozu später noch das „Herzog Maxische Ballhaus“ in der Pfandhausstraße kam; an deren Stelle wurde später (1754) das Residenztheater und daneben (1800) das Hoftheater (1823 nach einem Brand von neuem erbaut} errichtet. Für das inzwischen untergegangene Volkstheater beim Faberbräu errichtete man um 1810 ein neues, das Isartor-Theater (jetzt städtisches Leihhaus). Hier setzte Direktor Carl — der später das Wiener Carltheater gründete — den Münchnern die neuesten Schwänke und Kührstücke vor. Dieses Theater wurde später ersetzt durch die sog. Schweigertheater, nämlich jenes des Johann Schweiger in der Au und jenes des Max Schweiger in der Isarvorstadt „zu den drei Linden“ in der Müllerstraße, an dessen Stelle heute das Kolosseum steht. Da baute man 1864 auf dem ehemaligen Eichthalanger ein großes modernes „Aktientheater“ — das heutige Gärtnerplatztheater. Außerdem tat sich beim Botanischen Garten, wo heute das „Deutsche Haus“ steht, das bescheidene Elysiumtheater auf und draußen zwischen Schwanthaler- und Bayerstraße das Thaliatheater Unter Direktor Jenny, der damals als erster die Offenbachschen Operetten hier einführte, hatte dieses Theater starken Erfolg — bis sich dann auch das Gärtnertheater der Operette zuwandte.
Nun riskierte der Schauspieler Binder draußen im „Senefelder-Hof eine Bühne und machte dort mit dem „Geschundenen Raubritter“ und ähnlichen Sensationen dem Volk viel Freude. Später übernahm Hilpert das Theater, verlegte es in die Westendhalle und machte dort ziemlich gute Geschäfte—bis es 1900 wegen Feuergefährlichkeit polizeilich gesperrt wurde.
Nun fand sich erfreulicherweise ein Mann, der die Sache rationell anpackte, der Baumeister Gerstenecker. Er kaufte den ganzen Baublock der alten Westendhalle auf Abbruch zusammen, errichtete dafür einen modernen Gebäudekomplex mid in dessen Hof stellte er das neue, jetzige „Volkstheater“. Erbaut von Karl Tittrich, wurde es 1903 eröffnet. Von vornherein nicht als prunkvoller Repräsentationsbau gedacht, sollte in ihm bei größtmöglichem Fassungsraum eben das „Volksstück“ wieder ein Heim finden. Da die durch den Grundriß gegebenen Abmessungen der Fassade zufällig die Verhältnisse des griechisch-dorischen Aeginetentempels ergaben — durch dessen plastische Ueberreste die Glyptothek Münchens ihren europäischen Kuf erworben hat, wurde für die Fassade- auch dieses neuen Münchener Kunsttempels die dorische Tempelfront gewählt, und — wie es wohl auch beim Original der Fall war — kräftig in Farbe gesetzt. Der Zuschauerraum enthält 2 Ränge, die— stufenweise vorspringend — trotz ihrer großen Ausladungen jeder sichtbaren Stütze entbehren, und umfaßt 800 Sitzplätze sowie 350 Stehplätze. In diesem ersten Jahrzehnt seines Bestehens (1903—13) hat das Volkstheater nicht weniger als 330 Klassikeraufführungen gegeben, darunter Schiller 178mals Goethe 74mal, Shakespeare 18mal. Von neueren Autoren gab man Ibsen 71mal, Hauptmann 33mal, Sudermann 128mal. Den größten Kassenerfolg unter allen klassischen und nichtklassischen Stücken hatte „Parkettsitz. Nr. 10“, das 159mal gegeben wurde — auch „ein Zeichen der Zeit“! [SB 05, 33; JD im M. Tagblatt 12. 1. 13].
Wagnerbräu Lilienstraße 29. Erbaut von Ludwig Markert. Stattlicher, nach 3 Seiten freigelegener Eckbau in den Formen der Deutschrenaissance. Wohl der erste Privatbau Münchens, der — unter Vermeidung von Eisengestell — vom Keller bis zum 2. Stockwerk ganz in Beton aufgeführt wurde [SB 01, 48J.
Zentral-Tanbstummeninstitnt, Goethestr. 70. Unter Oberleitung des Bauamtsassessors Stauffer 1895 errichtet. Die Anstalt gewährt taubstummen Kindern Volksschulunterricht und erzieht sie zu brauchbaren Handwerkern. Sockel aus Beton; Mauerwerk aus Backstein, in Kalkmörtel rauh verputzt und ockergelb getönt. Hauptportal in Muschelkalk. Läufe der Haupttreppe ruhend auf steigenden Bögen und Kreuzgewölben. Im südlichen Flügel die Knaben-, im nördlichen die Mädchenabteilung; im Erd- und 1. Obergeschoß die Lehr- und Aufenthaltsräume und das Direktorat, im 2. Obergeschoß die Schlafsäle, im Mittelbau die Hauskapelle und der protestantische Betsaal. In den Gängen und im Haupttreppenhaus zahlreiche Gemälde aus dem Depot der Schleißheimer Galerie [BAJ 491].
Die Krankenhaus-(Vinzenz-)Kirche ist in das Kloster der barmherzigen Schwestern eingebaut, welches mit der Kirche 1837— 1839 nach Plänen von F. Gärtner hergestellt wurde. Das Innere ist schlicht in Tonnenform gew lbt, doch ist der geräumige fünfseitige Chorabschluss nicht ohne Wirkung. An den zwei Langseiten vertreten geschlossene Oratorien die fehlenden Nebenschiffe; das romanische Ornament isi lediglich aufgemalt.
Die Marienkapelle mit Armen- und Kinderhaus der Niederbronnerschwestern (Vincentinum) in der Bogenhauserstrasse No. 10 bei dem sogen. Paradiesgarten ist ein einfacher Betsaal mit Flachdecke bei verglastem Hyäthrum und mit apsidalem Abschluss. Das Marienbild auf Goldgrund an der Apsiswand ist von A. Hess.
Die alte Pfarrkirche (hl. Kreuzkirche) in der Vorstadt Giesing, klein, einschiffig und unansehnlich, stammt gleichwohl aus einer bedeutend früheren Zeit, als ihn die etwas schweren Stuccaturen ans dem 17. Jahrhundert vermuthen lassen. Der massive Sattelthurm wenigstens, gross genug, um den Chor in seinem Inneren aufzunehmen, ist in seinen ganz ungegliederten unteren Theilen muthmasslich sogar älter als die gothischen Schalllöcher oben. Die Kirche selbst zeigt keine älteren oder sonstwie bedeutenden Bestandtheile.
1831 nach den Plänen Zieblands gebaut, befindet sich an der Ostseite des alten Hofes, unweit des Residenzplatzes und bietet selbst keine bauliche Merkwürdigkeit. Die Kellerräume desselben stammen z. Th. aus älterer Zeit in welcher sie dem herzoglichen Brauhause dienten. Jetzt werden daselbst die lithographischen Steine zum Katasterplane des K nigreichs aufbewahrt.
Das physiologische Institut liegt ganz in der Nähe der Anatomie (Findlingstrasse 3 c) und wurde von Voit (1853 und 54) erbaut. Das Aeussere ist in Backsteinrohbau ausgeführt. Der Inhalt wird von einer bemerkenswerthen physiologischen Sammlung gebildet, welcher die nöthigen Untersuchungsund Unterrichtsräume angefügt sind.
Das gegenwärtige chemische Laboratorium (Arcisstrasse 2) wurde bei der Uebersiedelung Liebig’s nach München nach dessen Angaben von Voit erbaut. In demselben konnte aber nur eine geringe Anzahl Studirender beschäftigt werden. In Folge der Berufung des Professors Dr. Bayer nach dem Ableben Liebig’s wurde daher beschlossen, ein neues Laboratorium, entsprechend den gegenwärtigen Bedürfnissen, zu errichten und zwar soll der Bau auf der Stelle der gegenwärtigen Anlage hergestellt werden. Die Pläne sind nach einem von Dr. Bayer aufgestellten Programm von Professor Geul bereits ausgearbeitet und soll im Laufe dieses Jahres mit dem Bau begonnen werden.
Die Gymnasien boten bis auf die neueste Zeit keine bauliche Merkwürdigkeit, denn die drei älteren, Wilhelms-, Ludwigs- und Maxgymnasium, das erstere, 1559 von Herzog Albert V. als Jesuitenschule gegründet, in der Herzogspitalgasse, das zweite im ehemaligen Karmelitenkloster und das dritte jetzt im Damenstiftsgebäude in der Ludwigstrasse entsprechen höchstens zweckdienlichen Anforderungen. Dafür ersteht eben in der Maximiliansstrasse ein Prachtbau im Frührenaissancestyl (von Oberbaurath Leimbach). Das erst seit einigen Jahren bestehende Realgymnasium ist neben dem Maximiliansgymnasium gleichfalls im Damenstiftsgebäude der Ludwigstrasse untergebracht.
Die Industrieschule bisher interimistisch locirt, ist eben im Begriffe einen stattlichen, von Direktor E. Lange geplanten Neubau an der Ecke der Gabelsberger- und Arcisstrasse zu erhalten.
Die Kunstgewerbschule unweit von dem letzteren Bau erhielt ihr Local durch einen durchgreifenden Umbau der ehemaligen kgl. Glasmalerei-Anstalt, und ist seit einem Jahre bezogen, ohne dass das Gebäude völlig fertig gestellt wäre. Der schöne Hof ist im Renaissancestyl ausgeführt worden.
14. Das kgl. Erziehungsinsitut für Studirende aus der Holland’schen Privatanstalt erwachsen und seit der Klosteraufhebung im Karmelitenkloster befindlich, steht mit dem Ludwigs- Gymnasium in Zusammenhang und wird von Ordensgeistlichen von S. Bonifaz geleitet.
Die Taubstummenanstalt ist in einem früheren Privatgebäude (Karlsstrasse Nro. 17) untergebracht.
4. Die Polyklinik oder das Reisingerianum
von dem 1854 verstorbenen Dr. Reisinger dotirt. 1863 vollendet, dient vorab wissenschaftlichen Zwecken und ist hiezu mit Hörsaal, Laboratorium, Bibliothek und Sammlungen ausgestattet. Doch fehlt es auch nicht an Räumen zu längerer oder kürzerer Untersuchung von Kranken und zu entsprechender Consultation.
Über die ehemaligen Richtstätten der in München zur Todesstrafe Verurteilten und ihre Volkssagen
Verfaßt und vorgetragen im historischen Vereine von Oberbayern den 1. September 1871
von
Direktor Dr. Anselm Martin
kgl. Universitätsprofessor ec in München
In unseren Vereine wurde die Frage angeregt, an welchen Orten ehemals in München die öffentliche Todesstrafe vollzogen worden ist.
Man erwähnte, das diese Plätze nicht mehr sicher zu bestimmen seien, - das das Bestehen des Fausttürmchen an der Stadtmauer des Sendlinger-Tores damit vielleicht in Beziehung sein könnte, -
Das überhaupt ein Rückblick auf diese kulturhistorische Seite des früheren Volksleben jetzt schon umsomehr geboten sein dürfte, als Vollziehungen von Todesstrafen vielleicht bald nur mehr der Geschichte angehören werden.
Ich habe diesen nun weiter nachgeforscht und dabei so Manches in Erfahrung gebracht, dass, in Schrift und Urkunden nicht verzeichnet, nur mehr im Volksmunde fortlebt, - später für die Stadtgeschichte somit verloren sein kann.
Ich weiß zwar, das die Quelle der Volkssage von Urkunden-Helden vielfach nicht gewürdigt, belächelt und verachtet wird.
Sie sagen, der alte Rechtssatz „was nicht schriftlich vorliegt, ist als nicht geeignet“ auch bei historischen Arbeiten grundsätzlich anzunehmen und zu beachten.
Ich muß aber auch in Rücksicht jener Überlieferungen des Volksmundes, die mein Vortrag zu berühren hat, dagegen besonders betonen, das das Volk über die öffentlichen Richtstätten und einst vollzogenen Hinrichtungen ein getreues Gedächnis sich erhalten und übereinstimmend vielmals zu berichten weiß. - Vielen Stadtplänen sind noch jetzt Namen geblieben, die ehemals dort zu Ausführung gekommene Todesurteile hindeuten.
Die Volksstimme ist in dieser Richtung mehr als in Anderen sich treu und fast unaustilgbat geblieben; bei dem Mangel weiterer Urkunden kann ihr daher vertraut werden, so wie sie überhaupt bei historischen Arbeitennicht nur wertvoll, sondern auch jeder Beachtung würdig ist.
Dieses veranlaßte mich, mir für meine Forschungen noch die Beihilfe des Herrn Beneficiaten Jakob Gufler an der Kreuzkirche dahier, des bekannten Kenners der Volkssagen und der Geschichte
Münchens, zu erbitten.
Ich bezeichne unter vollstem Danke, daß sie mir sogleich zugesagt und auch mit allbekannter Freundlichkeit umfassend dann geworden ist.
Da derselbe mir gestattete, diese seine Mitteilungen für den historischen Verein benützen zu dürfen, so sollen sie nun mit dem, was ich selbst als Volkssage gehört, im Folgenden berichtet werden.
Mehr, als noch bekannt und mit historischer Sicherheit angenommen und bewiesen werden kann, ist es glaubbar, daß an dem Platze, den jetzt der Burgfrieden der Stadt München und seine nächste Umgebung umfaßt, lange früher schon Wohnungen und germanische wie auch römische Ansiedlungsstätten gewesen sind.
Dieses beweisen bereits mehrere Funde von Waffen und Münzen aus heidnischer Zeit auf dem Boden des Stadtgebietes, die Nähe älterer Gräberplätze, die so nahen Hochäcker auf dem sogenannteu Marsfelde und dem rechten Isarufer bei der Vorstadt Giesing und so Anderes.
Ich selbst habe vor einigen Jahren dem historischen Vereine einige römische Münzen übergeben, die am Fuße des Lilienberges in der Vorstadt Au, acht Fuß tief, zugleich mit alten Mauerresten gefunden worden sind.
Der jetzige Stadt-Wegmeister Hr. Hartl berichtete mir erst kurz, daß man am Ende der Corneliusstraße, zunächst der Badstraße, bei dem Graben des neuen Kanales 8-10 Fuß tief auf einen ganz gut
und schön gepflaſterten Platz gekommen, der ihm und Allen, die ihn sahen um so mehr aufgefallen sei, als dieser Ort im weiten Umfange nie bewohnt und in den ältesten Stadtplänen immer nur als unbewohnt
bezeichnet ist. Den 20. September 1871 wurde tief unter dem Boden des alten Stadtbaches zunächst der seit den ältesten Zeiten Münchens bestandenen, nun aber erst kurz abgebrochenen alten Schleifmühle (zwischen dem Wohnhaus des Hofbräuhauses und der Lederergasse) eine mit breiten Steinen gepflasterte lange Stelle (Straße ?) bei den Aufgrabungen für den neuen Stadtkanal aufgefunden. Ober ihr befand ſich ein fast drei Fuß tiefes Steingerölle, wie es sich nach Überschwemmungen des Isarflusses findet. Auf diesem Gerölle erst floß bisher der alte Stadtbach Länge von fast 60 Schritte verfolgt werden, wurde aber dann nicht weiter für den im Baue begriffenen neuen Stadtkanal ausgegraben. Auch altes Gemäuer von Ziegelsteinen des ältesten Brandes wurde an ihr entdeckt.
Wenn uns nun zwar von allen diesen früheſten Bewohnern des Stadtgebietes Näheres urkundlich nichts bekannt ist, ſo dürfte doch angenommen werden können, daß auch sie, wie alle Bewohner des Bayerlandes, vor der Umfassung des Bezirkes Münchens zu einer Stadt
vem germanischen Volksstamme im Allgemeinen angehört und daß die Hinrichtungen ihrer Verbrecher damals daher auch nach einer alten Volkssage von einem Schwertmagen, nämlich von einemmännlichen Mitgliede der Familie des Verbrechers, vollzogen worden sind.
Als später die Wohnungen auf dem jezigen Boden des Stadtgebietes München zu einer Stadt erhoben worden waren, und überhaupt sich die ehemaligen Familiengerichte zu öffentlichen Gemeinde- , Dorf-, Markt-, und Stadt-Gerichten oder solchen von einem Vereine mehrerer Gemeinden als Land-, Provinzial- , Hof-Gerichte u. s. w. ausgebildet, kam diese Verrichtung bekanntlich in die Hände besonders hiezu gewählter oder ernannter Richter (Geschworner), die nebst der Untersuchung und der Verurteilung auch die Vollstreckung des Urtheiles in eigener Person, wenigstens durch bestimmte Mitglieder ihres Gerichtshofes, besorgten oder besorgen ließen.
So wissen wir es von allen germanischen Stämmen und auch von unserem München erzählt eine Vollssage, daß in der ersten Zeit ihrer Erhebung zur Stadt die Hinrichtungen durch den jüngsten freien Bürger, später durch den jüngsten Beisitzer (Ratsherrn, Schöppen, Scabinus) des zu einem Gerichtshofe gebildeten Bürger-Ausschusses (Rath, Magistrat) persönlich vollzogen worden seien.
Hiezu aber soll Jeder nur einmal verpflichtet gewesen sein und derselbe deßhalb die weißen Handschuhe, die ihm zu ſeinem Urtheils-Vollzuge gegeben worden waren, nach demselben seinem etwaigen Nachfolger auf dem Richtplatze noch feierlich überlassen haben.
Erst als im zwölften Jahrhunderte von Italien aus auch in Deutschland die Einführung des römischen Rechtes erfolgte, wurden eigene Männer für den Vollzug der Todesurteile angestellt, welc Römern einſtmals aus dem Stande der Sklaven genommen worden waren, auch in München, als auf der niedersten Stufe der bürgerlichen Gesellschaft stehend, angesehen, der allgemeinen Zurücſezung prei8Sgegeben und als sogenannte „Unehrliche“ behandelt und betrachtet worden sind.
Bekanntlich teilten mit ihnen im Mittelalter und selbst noch bis zum Anfange des 19. Jahrhunderts Schergen, Abdecker, uneheliche Kinder u. s. w., früher auchbis in das 13. Jahrhundert, Bader, Hirten und Andere das gleiche Verhältnis.
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In Müncen wurde um die Mitte des 13. Jahrhunderts erſt ein
eigener Bedienſteter für den Vollzug der Todesurtheile angeſtellt.
Er wird in den älteſten , lateiniſch abgefaßten Urkunden „car-
nifex“ d. i. „Fleiſhhauer“ benannt. Im Deutſchen führte er den
Namen „Scharfrichter, Henker oder HaHer“ (vom altdeutſchen
„Hahen» d. i. Henken), =- Freimann (wegen der angeblichen Vor-
rechte „der Freileute“), dann auch der Züchtiger (dieſes beſonders in
den Schriften der Gerichtſtellen).
Vom Volke wurde er aus Höflichkeit als „Meiſter“ angeſprochen
und in der Anſprache Arbeit ſuchender Knechte ſeines Standes mußte
er „Meiſter Morgenſtern" genannt werden, weil nach dem Ge-
brauche ſchon der älteſten Völker die Hinrichtungen ſtets am frühen
Morgen zum Vollzuge kommen, während man dem Waſenmeiſter den
Namen „Abendſtern» gab, weil ſein Geſchäft bei Nacht zur Ausübung kam.
No< vor 50 Jahren betitelte man den Sharfrichter in München,
wenn man ſich bei ihm wegen Menſchen- oder Pferde-Curen empfeh-
len wollte, als „g eſtrenFen Herrn“.
Die Benennung „Nachrichter“ kam erſt in neueſter Zeit aus Nord-
deutſchland nach Altbayern.
Die Bedienſtung des Scharfrichters wurde ehemals als „Amt“
bezeichnet und es kömmt daher auch die Benennung „Hachamt", näm-
liM „Amt des H«
Der zu dieſem Amte Adſpirirende (der Acceſſiſt des Hachamtes)
mußte gewiſſe Proben ſeiner Geſchiklichkeit in verſchiedenen Arten von
Hinrichtungen ablegen. Er wurde dann durch die weitere Uebung in
dieſem Geſchäfte auch ſpäter als der Art für „juriſtiſch gebildet“
angeſehen , daß er vor der Berſammlung der Richter das Gutachten
abgeben mußte, was für eine Art der Todesſtrafe der Verurtheilte im
gegebenen Falle für ſein Verbrechen erhalten ſollte, wie dieſes beſon-
ders in Kaiſer Ludwig des Bayern Rechtsbuch ſich findet.
In Müncen wurde er durch den Regenten des Landes angeſtellt,
nämlich den Herzog, deſſen beſtellter „herzoglicher Richter“ bis 1294
ſein einziger Vorgeſeßzter war.
Bekanntlich ertheilte aber in dieſem Jahre Herzog Rudolph auch
der Stadtgemeinde München das Recht , einen eigenen Stadtrichter zu
halten, der auch die Criminal-Jurisdiction (jus gladii) beſaß.
Seit dieſer Zeit war der Henker zugleich, nebſt dem nur für das Hofper-
ſonal verbliebenen Hofrichter, auch dem Stadtrichter zum Dienſte verpflichtet.
Er wurde deßhalb bis zum Anfange des gegenwärtigen Jahr-
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hunderts zur Hälfte vom Hof und zur Hälfte von der Stadt beſoldet,
was im Ganzen, bei der Gehaltsregulirung vom 29. Mai 1433, 40
Pfund Pfenninge und in Folge des ſteigenden Geldwerthes in neueſter
Zeit etwa 1000 fl. betragen dürfte.
Als Gehilfen waren dem Scharfrichter einige Knechte zugetheilt,
deren Zahl in früherer Zeit vier, nämlich nach gewiſſen Nebendien-
ſten in den vier Stadtvierteln, war.
In der ſpäteren Zeit hatte er nur mehr Einen, weil die früher
ſogenannten Richtersknechte als „Stadt- oder Viertels-Schergen“ in
den Dienſt des „Oberſchergen" (Eiſenſchergen, Eiſenmeiſters , Gefäng-
niß-Oberwärters) in der „Scergenſtube“ im Rathhauſe kamen und
nur noh bei öffentlichen Hinrichtungen als Begleiter des Gerichtshofes
zu Dienſte ſein mußten.
Der Platz, wo in Müncen die Hinrichtungen in den älteſten
Zeiten vollzogen wurden, war nach einer alten Bolksſage der öffentliche
Marktplatz vor dem damaligen Raths- oder Gerichtshauſe.
Das mit einem Thürmchen jezt noch verſehene E&haus an der
Dienersgaſſe gezen den Marienpla wird in ſeinem unterſten Stocke
und Kellerräumen als Gefängniß ſehr ſchwerer Verbreher der dama-
ligen Zeit benannt.
In dieſen Kellerräumen hat man mir als Knabe, da dieſes Haus
damals meinem mütterlichen Großvater, Kaufmann Lunglmaier, gehörte,
die Ringe der eiſernen Ketten und ſo manches Andere noch gezeigt,
das na<; Angabe der Bewohner und anderer alten Münchener die
frühere Beſtimmung dieſer Näume nachweiſen und die allgemeine Volks-
ſage beſtätigen ſollte.
In ſpäteren Zeiten wollte man die Todesurtheile nicht mehr in
den Ringmauern der Stadt vollziehen. Sie, wie auch die Beſtattung
der Hingerichteten, wurden daher außerhalb der Umfaſſung8mauer und
außer des dieſelbe umgebenden Grabens verlegt.
E3 geſc zur Reſidenz des Herzogs Ludwigs des Strengen erhoben, mit einer
herzoglichen Burg (Altenhof) und einem neuen Stadttheile dabei (Die-
ner- und Burg-Gaſſe) verſehen, wit ſc<önen Häuſern verziert und an-
ſehnlichen Einwohnern bereichert wurde.
Welcher Ort aber damals für die Richtſtätte und die Scharfrich-
ters- Wohnung auserwählt wurde, darüber haben wir eine uralte Ueber-
lieferung des Volkes, die zwar auf eine eingeſc gend der jehigen ſogenannten Hofſtatt nächſt vem Färbergraben als
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ſolche bezeichnet, näher aber durch jeht no< beſtehende Localbenenn-
ungen und Urkunden bewieſen werden kann.
Im Mittelalter wurde nämlich jede Richtſtätte wegen den ſie ſo
häufig umſ genannt. So wird 3z. B. unter vielen anderen Bekannten in der
Sammlung hiſtoriſcher Nachrichten eines Anonymen in Oefeles Scrif-
ten berichtet, daß „im Jahre 1503 in Regensburg aus dem Innern
„der Stadt vor die Thore verlegt wurde das Decollatorium (die
„Köpfſtätte), quod vulgus appellat Rabenſtein. “
Wenn wir nun dieſen ſogenannten Rabenſtein für München außer-
halb der damaligen älteſten oder nun „inneren“ Stadt ſuchen wollen,
ſo machen wir einen Gang von dem in ganz gleiher Entfernung von
den vier ehemaligen Thoren (dem ſ<önen Thurm , Wilprechtsthurm,
Raththurm und Ruffini-Thurm) befindlichen Mittelpunkte der Stadt,
nämlich von der alten Hauptwache aus, =- gegen Süd und Südweſt hin.
Zuerſt kommen wir durc< die Roſengaſſe an das E> derſelben
links am Rindermarkte. Dort hieß ehemals das Haus Nr. 6, wo
jet die Roſen-Apotheke iſt, das Rabene>, au< „innere Rabene>“,
beim Volke auch im bayeriſchen Dialekte als „Rappene>" ausgeſprochen ;
wie man noch jet beim Landvolke, beſonders im Gebirge nicht „Rabe“,
ſondern „Rappe" ſpricht.
Von dieſem Hauſe als Stammſiß hatte ein altes Patriziergeſchlecht
in München den Namen der „Rabene>er“ , wie in den Jahren 1309,
1316 u. ſ. w. ein Heinri „Ho auch es dort in dem Programm der Fronleichnams-Prozeſſion von
1581 noch heißt: „am Rabene>, gegenüber dem Hofbrau, 2c.“ (nach-
her und jeßt beim Spekmaier-Brauer genannt).
Screiten wir weiter fort durch das ſüdliche Stadtthor , das im
Laufe der Zeit nacheinander „Sendlingerthor, Pütrichthurm , Blauen-
Ententhurm und Ruffini-Thurm“ benannt wurde, ſo kommen wir über
eine, den die Stadt umfließenden Kanal überſezende Brücke, die früher
von Holz war, aber im Jahre 1434 überwölbt wurde und jett nicht
mehr als Brüce ſichtbar iſt, da der Stadtbach hier ganz zugede>t
und den Platz der ehemaligen Brücke nun die breite Straße bildet.
Dieſe Brü>e hieß die „Teüferbrücke“" und die daranſtoſſenden
Häuſer urkundlich „an der Teyferpruck.“
So 3z. B. das Haus des Werndl, des Münchbergers auf der
Teyferpru>k 1389 2c,
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Dieſer Name wurde von einem bekannten Hiſtoriker Münchens
im ſtädtiſchen Grundbuche gefunden und von ihm mit „tiefer Brücke“
erflärt, weil er ein Oberpfälzer war und man in der Oberpfalz „teüf“
für tief, wie „Beur“ für Bier , „Keu“ für Kuh u. ſ. w. ausſpreche.
Allein in München redete man nie oberpfälziſc wie immer die Verleihungs-Urkunden von Jurisdictionen im ehemaligen
Bayern geleſen, ſo wird ſicß finden, daß nach der altherkömmlichen
Gerichtsſprac ung vorbehaltenen Criminalfällen, neben Mord, Shachbrand d. i. Raub-
brand, Nothzucht u. ſ. w. es auch heißt, „Teuf oder Teyſ“" d. i. Die-
berei, Diebſtahl z =- ſowie es auch ſehr ſpät no vorfömmt.
Auf dieſer Brüfe war es nämlih, wo man einſt kleinere Ver-
brecher, insbeſondere Diebe, mit körperlichen Strafen, die nicht auf den
Tod gingen, belegte ; z. B. mit Ohren- und Naſen-Abſ marfen, Handabhauen, Auspeitſchen, StoFſizen, Prangerſtehen u.ſ. w. z
== daher man dieſe Brüce „die Teyfer- oder Diebsbrüce" nannte.
Nicht weit davon hieß das E>&haus an der Sendlingergaſſe und
dem Färbergraben , jezt Nr. 87 des ' Eiſenhändlers Baumann, das
„äußere Rabene>“z wie es auch no< in der Häuſerbeſchreibung des
Polizeicommiſſärs Huber vom Jahre 1819 als „Rappene>“., geſtükt
auf die Ausſage der Bewohner desſelben, erwähnt wird.
Neben dieſem Hauſe war vor Zeiten eine Höhlung im Boden, mit einer
Waſſerlacße, wo man es bei der Hüll hieß.
Als ſpäter im Hauſe dabei ſich ein Garko< etablirte, nannte man
es dort beim Koch „in der Hölle“" (eigentlih an der Hül).
Weil nun in der Speisſtube desöſelben ſpäter ein Gemälde mit
einem alterthümlich gekleideten Gaſt und deſſen Frau ſich befand, ſo er-
dichtete man das Märchen, es ſtelle dasſelbe „Martin Luther mit ſei-
nem Katherl“ vor, die da Bratwürſte gegeſſen , aber heute no Zec es nun in der „Hölle“.
Das Haus gegenüber im Färbergraben hieß der Volkswitz im
Gegenſaß zur Hölle = „im Himmel". In ihm befand ſich bis in
unſere Zeit ein Schäffler, der ſogenannte „Himmelſchäffler“z jetßt noch
ſo genannt.
Als dieſes Haus am 29. Juni 1631 gegen das Erſtere einfiel,
ſagte man ſcherzweiſe, „es ſei ter Himmel in die „Hölle“ gefallen,“
was auch lange Zeit eine „Ex voto“ Tafel bei der ſogenannten, jekt
#8
in der hl. Geiſtkirhe befindlichen, Hammerthaler-Muttergottes in der
ehemaligen Auguſtinerkirche im Bilde zeigte.
An das bezeihnete Kochhaus (Sendlingergaſſe Nr. 86) ſtößt das
frühere Bräu- nin Wirthshaus „zum Haſcher“ Nr. 85 an, und von
dieſen berichtet uns die Volksſage, daß es8 ehemals das Scharfrichter«
Haus geweſen ſei, daß im damit verbundenen vorſpringenden Gebäude
mit den Arkfaden (dem jezt noc< ſogenannten „Haſcher-Bögel“) die
Wohnungen der Knechte desſelben und auc< Gefängniſſe waren, =-
dann daß von dem Erker daran häufig die Todes-Urtheile abgeleſen
wurden, und daß ſich hinter demſelben, gegen Weſt zu, die Richtſtätte
und dann aufwärts, gegen Süd zu, im freien Felde, wo man es „im
Haggn“, auc< „Hagrain “, ſpäter verdorben „Habrain- oder Haberfeld“
nannte, wo nur wenige Häuſer, ſonſt aber ſtädtiſcher Weideplaß und
der „Hirtenbrunnen “ (an der Joſephsſpital- ehemals Brunngaſſe und
noH in einem Theile ſo benannt) ſich befanden, -- auch der Schind-
Anger oder die Waſenſtätte geweſen ſei und daß da die Hirten das
gefallene Vieh vergraben hätten.
Von dieſem Scarfrichterhauſe aus in der Sendlingergaſſe und
an der Südſeite des Färbergrabens von Haus Nr. 20 bis 22 -- und
auch wahrſcheinlich no< weiter weſtlich hinaus, erſcheint der Localname
„am Rabenberg“, deſſen auch Lipowsky in ſeiner Urgeſchichte von
München aus alten Urkunden hier erwähnt.
Hier iſt beſonders für unſere Forſ wo man es , wie Hr. geiſtlihe Rath Geiß in ſeiner Geſchichte der
Pfarrei St. Peter anführt, ausdrüli< „a m oder beim Nabenſtein“
nannte, ſomit nicht „Klaubenſtein“, wie es von einem Hiſtoriker aus
der ſchle ben wurde.
(Es iſt dieſes das Haus Nr. 28 am Färbergraben an der linken
E>e, wv man zur Hofſtatt hineingeht.
Am Anfang des 15. Jahrhunderts gehörte dieſes Haus Ste-
phan , vem Kaltſc Beneficiatenhaus, das es auch bis in das 18. Jahrhundert geblie-
ben. Es war zu dem von mehreren Weinwirthen Münchens geſtifte-
ten Beneficium, der ſogenannten Weinſchenken-Meſſe am St. Achatius
Altare bei Sct. Peter, angekauft worden.
Der Name dieſes Hauſes am „Rabenſtein“ deutet gewiß beſtimmt
genug die Nähe der einſtigen Richtſtätte in dieſer Wegend an.
Der beſondere Platz oder die Sagaſſe, wo man es
XXXI, 15
#9
wWeber ehematige Kichtſtätten in Wünchen und ihre Volkgſagen.
jezt „auf der Hofſtatt“ nennt, iſt auch in der Volksſage die
Localität, wo vor Zeiten die söffentliche Todesſtrafe
vollzogen worden ſein ſoll.
Wenn ſc Angaben für die Wahrheit dieſer Annahme Zeugniß geben werden, ſo
dürften ſie auch noch beſtätigen die vielen menſchlichen Knochenreſte, die
man auf dieſem Plaße und in ſeiner nächſten Umgebung noch erſt vor
wenigen Jahren wieder ausgegraben hat, da man ehemals die Hinge-
richteten gleich am Richtplaße verſcharrte. Dieſe Ausgrabungen wur-
den mir erſt wieder vor wenigen Monaien. von einem höchſt glaub-
würdigen Augenzeugen berichtet.
Ein Leichenacer iſt an der Hofſtatt nie geweſen und auch in fei-
nem alten Etadtplane oder einer Urkunde verzeichnet. Auch ſind die
Gebeine nicht in geordneter Reihe, wie in allen ern,
eingegraben.
Seit Menſc es an dieſem Platze „geiſtere“ und man Hingerichtete, ihre Köpfe im
Arme tragend, Nachts dort habe umherwandeln ſehen und dergleichen
Aberglauben mehr, wie ſie bei allen Richtſtätten berichtet werden.
Als in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts München im-
mer mehr ſich vergrößerte und beſonders die Häuſeranlagen außer ten
alten Thoren zu anſehnlichen Vorſtädten angewachſen, auch in dieſen
Vorſtädten oder Vororten (Haggen, Altheim, Konradshofen, Brandaß,
Graggenau, Thal, Anger,) bedeutende Gebäude und Anſtalten z. B. das
Kloſter der Auguſtiner, die ſcheftlarniſche Sc dem St, Nifkolaus- Kirchlein und großen Oekonomie - Gebäuden , das
Franzisfaner-Kloſter, die Seel- oder Beguinen-Häuſer der Pütrich und
Ridler, das hl. Geiſtſpital, das Kloſter Anger , Villen und Garten-
häuſer von zum Hofe hieher Üüberſiedelten Landedelleuten und Anderen
erſtanden waren, beſchloß man alle dieſe Vorſtädte mit der inneren
Stadt zu vereinigen und um dieſelbe eine neue Ringmauer mit
Thoren, Thürmen, Zwinger, Graben u. ſ. w. zu bauen, Hiezu gab,
=- dqa, wie es ſcheint, Ludwig der Strenge, um in ſeiner Burg bei
Altenhof durc< Nichts gehindert zu ſein, nichts davon wiſſen wollte, =-
deſſen ihm in der Regierung 1294 nachfolgender Sohn Herzog Rudolf,
die Bewilligung ; =- worauf dann auch die noch jekt in einigen Thei-
len vorhandene, bald aber ganz demolirte Stadtmauer in den Jahren
1295 bis 1315 ihre Entſtehung fand.,
#10
In Folge deſſen fonnte man die Richtſtätte nicht mehr
im Inneren der nunmehr vergrößerten Stadt belaſſen.
Sie wurde daher außer die neu angelegten Thore
verlegt.
Den bisherigen Richtplas ſchenkte “Herzoz Rudolf ſeinem dama-
ligen Stadtrichter Hartwich dem Schleißbecken ,- (in den Urkfunden
meiſt „Schleßbe>“ geſ Flöſc< für Fleiſch u. dgl. ausdrücklich findet), welcher ſein Stammſchloß
zu Scleißbach, glei<ß außerhalb dem Markte Mainburg, in der Haller-
dau hatte und ſpäter von München wegkam, dafür aber um das Jahr
1302 als Richter zu Kizbüchel und um 1303 und 1305 als ſolcher zu
Wolfratshauſen erſcheint.
Die obige Shankung des Richtplages in München geſchah um
die Jahre 1290 bis 1300.
Dieſer Hartwich verfaufte den ganzen Rabenberg an Bürger, die
ſich darauf Häuſer erbauten. Wo die ehemalige Nichtſtätte war, legte
er auf ſeine Koſten a die Volksſage noc< jet als Richterhaus bezeichnet, einige Zeit ſelbſt
bewohnte, die übrigen ſieben aber an Handwerker und dergleichen Leute
vermiethete. :
Daher nannte man es daſelbſt „auf des Schleißbe>en H of-
ſtatt“ über zwei Jahrhunderte lang.
Als aber ſchon Hartwichs Sohn Heinrich, Ritter von Schleiß-
bach, der nae< Hunds Stammbuch 4. Theit im Jahre 1343 ſtarb und
in der Auguſtinerkirche begraben wurde, einige Häuſer und deſſen-Sohn
Thomas, der verarmte, au<ß noch im Jahre 1366 das letßzte ihm
dort gebliebene Haus an Private verkaufte, kamen nach und na Schleißbecken in Vergeſſenheit, und es blieb bis jet nur mehr der
Name „auf der Hofſtatt“, der an ſie und ihre dort ſich befundene
Beſizung allein noch exrinnert.
Nach Verlegung der Richtſtätte kam auch die Wohnung des Scharf-
richters vom Rabenberge weg in eine abgelegene Gegend;z wohl aber
no< innerhalb der Mauern der Stadt, nämlich dorthin , wo man an
der Ringmauer vom neuen Sendlingerthore auf den Roßmarkt (jett
oberer Anger) zur Mühlgaſſe (jekt unterer Anger, nichtaber die jeßige
Mühlgaſſe an der Mauer) und zum eizentlichen Anger (jezt Heumarkt)
hinabging.
Das Haus desſelben wurde aber als das „einer unehrlichen Per-
ſon“ nicht zwiſchen andere Häuſer , ſondern in der Néi_t!*e der Straße
#11
neu erbaut, da man aucß ehemals an die Stadtmauer ſelbſt aus for-
tificatoriſchen Rüdſichten kein Gebäude anbauen durfte und deßhalb
Kaiſer Ludwig der Bayer hoch oben an den Mauern an verſchiedenen
Stellen eiſerne Stangen, die die Länge bezei bauen durfte, anlegen ließ.
Von dieſen ſogenannten „Kaiſer-Stangen“ erhielten ſich Einige
bis zu Ende des 18. Jahrhunderts.
Später wurde das Anbauen an die Stadimauer von den Her-
zogen ſelbſt ni burg und Sct. Rochus, Max I die Reſidenz und Max Emanuel die
Kreuzkaſerne, und ſo auch Andere, wie jeht noc< erſichtlich , ſich “Häu-
ſer anbauten.
Wo das der Stadt gehörende Haus des Scharfrichters , das in
dem Holzmodell der Stadt München von Sandtner aus dem 16. Jahr-
hunderte im National-Muſeum zu ſehen und im“ Münchener Grund-
buche von 1572 als „Haus des Züchtigers" eingeſchrieben iſt, geſtan-
den, nannte man die Gaſſe vom Anfang des 14. Jahrhunderts an
dur< mehr als ein halbes Jahrtauſend „das Henkergäßl" , =- bis
demſelben bei - der neuen polizeilichen Straßenbenennung vom Jahre
1819 der Name „Glo&>enbachſtraße“ , weil es zum Gloken- und An-
gerbache hinabführt, beigelegt wurde.
Dieſes beim Volke dur) manc ſeinem Vorgarten und beſonders mit ſeinem nach rü>wärts gelegenen
Stadel, in welchen die Materialien zur Blutbühne aufbewahrt wur-
den, iſt, = als der lezte der ſowohl vom Hof als auch zugleich von
der Stadt beſoldete Scharfrichter Martin Hörman im Jahre 1841 ge-
ſtorben, = bald nachher ganz demolirt und an ſeiner Stelle der Plaß frei
und geebnet worden, ſo daß ſich jeht von Außen keine Spur
mehr davon findet.
(Es dürfte hier der Ort ſein, auch des ſogenannten Fauſtthürm-
< ens zu gedenken, das ſic< zunächſt dem nun demolirten Sc ter-Hauſe an der Stadtmauer auf dem „Wehrgange“ derſelben be-
findet und oben auf ſeiner ganz runden, ſpißz zulaufenden Höhe das
ſteinerne Bild einer Fauſt zeigt, daher auch den Namen „Fauſtthürm-
Man ſieht es dieſem Thürmc Stadtmauer, alſo um das Jahr 1300, erbaut worden ſei.
Davon und über die Beſtimmung desſelben gibt es verſchieden
#12
Meinungen, von welchen ich zuerſt die aus der neueſten Zeit, vann erſt
die der Vorzeit berichten will.
In der Neuzeit werden von dem Fauſtthürm Romanen, Kalendern, Stadtbeſchreibungen und ſelbſt auch in Theater-
ſtücken die mannigfaltigſten Ereigniſſe erzählt, die aber faſt Alle nichts
Anderes ſind, als Umſchreibungen fremder Volksſagen auf dieſes ſoge-
nannte Henker-Thürmc gen geſeſſen, wie man auch ſonſt im Univerſität8sgebäude zu Ingolſtadt
ſeinen Kerker zeigte z dann daß da ein Bedienſteter der Stadt München,
angethan mit zweierlei Strümpfen , einem rothen und einem blauen,
dem Feinde außer der Stadt ein verrätheriſches Signal gegeben, welche
Sage von dem Blauſtrumpf, auch von dem ſogenannten „Stricker“ zu
Ingolſtadt , der vor Zeiten an der Mauer nächſt dem Feldkirchner-
Thore da angemalt war, hergenommen iſt. =- Dann daß der Hofnarr
eines Herzogs da eingemauert worden ſei, was von dem bekannten
Bilde eines ſolchen in der Trausniß zu Landshut hieher übertragen
wurde. Daß da ein Bürgermeiſter oder Rathsherr der Stadt Mün-
öffnet, mit dem Tode beſtraft wurde, was eine vomantiſc< klingende
Erdichtung eines ſehr geachteten Dichters iſt. Und ſo vieles Andere.
Von allen dieſen neuen Märchen wußte man zu Anfang dieſes
Jahrhunderts in München noc< nichts.
Dagegen hatte man früher andere 'Sagen.
Das Thürmc Knode r und erzählte, wenn ein Henker ungeſchikt gerichtet habe, ſei
er in dem engen Raume desſelben, wo man nicht ausgebreitet liegen,
ſondern nur ſtehen konnte und vor Mattigkeit ſich niederbücken (kno>ken
oder ho>ken) mußte, eine Zeitlang zur Strafe eingeſperrt worden.
Andere erzählten, ein Scharfrichter habe das Thürmc für ein falſc
Daß das Volk über ungeſchi>tes Richten ſtets ſehr aufgebracht
war und gerne ſelbſt Juſtiz geübt, iſt noF< Uns aus Erfahrung be-
kannt, da es no< zu Anfang dieſes Jahrhundert8 dem Scarfrichter
Hörman jun, die Fenſter einwarf und mehrere Tage lang das Haus
desſelben neugierig umſtand, um zu ſehen, wie die Studenten ihr ver-
meintliches altes Recht ausSüben werden, an dem ſchlechten Sc ter ſol Enthauptung des Franz Thalers, eines Getreidhändlers auf dem Hauſe
zum „Seißbö>“ in Reichertshofen bei Zngolſtadt, der unter dem Na-
#13
men. des „ſilbernen Franzl“ in München wohlbekannt war, und =-
einſt auf ſeine Wagenblache hatte ſchreiben laſſen: „Mix zum Nut,
der ganzen Welt zum Truß“ =- am 26. November 4814 ſieben Hiebe
gemacht, bis ex den Kopf abgehauen hatte.
Uehbrigens hatte das Volk auch eine Entſchuldigung bei ſolc Vorfällen damit, daß es glaubte, der Scharfrichter ſehe oft vabei nicht
einen, ſondern 3 oder 7 oder noc< mehrere Köpfe.
Die Fauſt mit der Feige an der Thurmſpize nannte man früher
die „Shwedenfauſt“, und es ſcheint, daß dieſelbe durch einen Bau-
meiſter oder Mauxer zur -Zeit des Z0jährigen Krieges, des Schweden-
Krieges, wie ihn das Volk nennt, als eine Drohung oder Trozung
gegen den Feind, vielleicht bei der Verſtärkfung der alten Feſtungswerke
der Stadt, ſei hinaufgeſezt worden.
Einige glauben auch, daß das Henker-Thürmc Endpunkt jenes Plaßzes bezeichne, wo der Volksſage zufolge, im Zwinger
außerhalb des Scharfrichter-Hauſes derſelbe die Selbſtmörder „als auf einem
außerhalb der Stadt befindlichen ungeweihten Orte“" begraben mußte.
Es ſoll dieſes zum lezten Male mit dem ehemaligen Prokurator,
nachher ſtädtiſchen Rathdiener K. , der ſich geiſteskrank anfangs vom
rechten Frauenthurme herabſtürzen wollte, jedoch verhindert ward Fdieseund
zulezt voch im ehemaligen Stadtrichterhauſe , jeht Thal Nr. 1, durch
Selbſimord im Jahre 1790 ſeinen Tod fand, geſchehen ſein.
Meiner eigenen Anſc haft, ob:an der Spiße des Thürmchens wirklich eine drohende Fauſt
zu ſehen iſt. Mir ſcheint ſie mehr. das Endſtü> einer größeren Mauer-
verzierung, vielleiht einer irgendwo abgebro benen, zu ſein, die zufällig an die Spitze des Thürmchens aufgeſekt
wurde und allerdings in ſolher Höhe einer Fauſt ähnlich iſt. Solc lichkeiten finden ſich bei vielen Verzierungen und architektoniſchen Figuren.
Vielleicht auch, daß früher dieſe Fauſt ein Windfähnlein zu halten hatte,
das ſpäter daun abgefalilen oder wie immer von ihr weggekommen iſt.
Den Namen „Knocder- oder Ho>er-Thürm leicht in früheſter Zeit das Thürmchen deßhalb erhalten, weil ſich die
Wache haltenden Männer, nachdem ſie ſiH in dem langen Wehrgange
an der Mauer müde gegangen, hier d. i. im Thürmchen geſichert nie-
derſitzen, d. i. nach dem Münchner-Dialekt niederhoc>ken konnten, was
auch die ganze innere Geſtalt des Thürmc Die Nähe der Scarfrichter-Wohnung , die der Grabſtätten für die
- Selbſtmörder , die Aehnlichkeit der Spißex mit einer drohenden Fauſt
#14
zunächſt der ſtark befeſtigten Sendlinger- und. Angerthore u. ſ. w.
erzeugten und begünſtigten die Entſtehung der e:zählten Märchen und
des Namens . „Fauſtthürmc beſonders in der Neuzeit, das Weitere hiezu.
Dieſes von dem Fauſtthürm
Bei der ſchon erwähnten Erweiterung der Stadt um das Jahr
1300 waürde die Richtſtätte außerhalb derſelben vor das
Neuhauſer- Thor (jeht Karlsthor) auf den Umfang des
jogenannten „Unſeren lieben Frauenfeldes“, der jetigen
Max-BVorſtadt, verlegt, wo ſchon im Jahre 1331 urkundlic gens erwähnt wird.
Galgen und Köpfſtätte waren hier aber getrennt.
Die Köpfſtätte war an der äußeren Schüßkenſtraße links, da wo
jezt der Vordertheil des Oſtbahnhofes iſt und gerade vor der Front
der nun demolirten Salzfiädel,
Es war dort eine gemauerte Teraſſe, auf der die Enthauptungen
geſ Plan von München im Jahre 1613 neben der Schießſtätte und der
Schübzen-Lache an der Augsburgerſtraße abgebildet iſt.
Ehe man zu dieſem Plaße fam, fand man ſonſt ein großes Krucifir
an der Straße, vor dem der Verurtheilte no< zuletzt ſein Gebet ver-
richten fonnte.
Im Jahre 1749 wurde aber ſtatt dieſes „Armenſünder-Kreuzes“*,
wie es genannt wurde, eine Kapelle errichtet, die von Auſſen roth an-
geſtrichen war und.daher „die rothe Kapelle“ hieß.
Um das Jahr 1772 aber, als in jene Gegend die Salzſtädel von
ihrer ehemaligen Stätte in der Mitte de8 Promenade-Plaßes (ehema-
ligen Kreuzgaſſe) verlegt wurden , demolirte man die Köpfſtätte und
die Kapelle.
Die Enthauptungen wurden nun auf einer hölzernen, mit einem
rothen Tuche überhangenen Bühne vollzogen , die für jede Execution
beſonders aufgebaut und nach ihr wieder entfernt worden iſt.
Dieſe Bühne errichtete man Anfangs an der Salzſtraße außer-
halb der Salzſtädel, ſpäter außer dem neuerbauten Getreide-Magazin
(jebt Kaſerne), und zulezt no< weiter hinaus auſſerhalb
dem Abhang zum Marsfelde. :
In früherer Zeit wurde der Kopf des Hingerichteten nicht von
einem Gehilfen gehalten, was aber ſpäter wegen dem grausli herrollen desſelben angeordnet worden iſt.
#15
232 tlteber ehemaltige Bichtſtätten in München und ihre Volksfagen.,
Die Volksſage erzählt, daß einmal ein Enthaupteter dem ihn be-
gleitenden Geiſtlichen, dem ſogenannten Galgen-Pater, erſchienen und
ihm geſagt habe, daß er durc< den herumrollenden Kopf noch große
Scmerzen habe erdulden müſſen.
Der Galgen mit dem Rade kam aber noh weiter hin-
aus auf die Anhöhe, die ſic) von Sendling yet hinzieht, und zwar
an den Platz an der Landſtraße nach Paſing, den jetzt der große Pſchorr-
Keller einnimmt. .
Dort hieß man es „am Galgenberge"“ bis in unſere Zeit.
Dieſe Erecutionsſtätte lag ſchon nicht mehr im Stadtburgfrieden,
ſondern im Umfange des Landgerichtes Dachau.
Nur während eine Hinrichtung geſchah, hatte dort der Stadtrich-
ter über etwa eintretende Frevel die Gerichtsbarkeit und das Straf-
Recht.
Früher ließ man die Gehängten, die Geräderten und weiter Ver-
urtheilten zum abſchrefenden Anblie oft lange an ihren Strafpfählen.
No
Jedoc< eben dieſes Churfürſten Gemahlin Maria Anna Sophia,
Prinzeſſin von Sächſen, konnte, wenn ſie naM Nymphenburg fuhr,
dieſes nicht mehr anſehen und erwirkte den Befehl, daß die Leiber der
Hingerichteten ſogleich abgenommen und begraben werden ſollen. Die-
ſes geſc in dieſer Gegend vielfach (beſonder8 jeßt bei dem Eiſenbahnbau) äuf-
gefundenen Gebeine- von dieſen Verurtheilten herrühren dürften.
Nach einer Volksſage mußten in früheren Zeiten die Müller die
Leitern für den Galgen zufahren und wieder abholen , die Weber aber
dieſelben anlehnen.
No< früher ſollen dieſe Leizteren auch die Stri>e der -Verurtheil-
ten haben anknüpfen müſſen, weil, wie der Volkswiß dazu ſeßte, ſie
am beſten mit dem „Knüpfen“ umgehen könnten.
Doh ſollen ſih Müller und Weber im 18, Jahrhunderte von
dieſer Verpflihtung lo8gekauft haben.
Wenn die Richtſtätte neu errichtet und reparixt werden mußte, ſo
wurden alle Zimmerleute des Bezirkes angehalten, wenigſtens durch
Anſchlagen mit der Art Hand anzulegen , damit Keiner „unehrlich“
werde und einem Anderen dieſes vorwerfen konnte.
In ſpäterer Zeit übernahm ein“ Einziger die ganze Arbeit, welchen
man dann, meiſt für ſein ganzes Leben „den Galgen-Palier“ nannte.
#16
Ueber ehemalige Bichtſtätten in München und ihre Volksfagen. 233
Der lete Galgen-Palier in München war der bei dem Hofzim-
mermeiſter in Arbeit ſtehende Zimmermann Seidl, ſonſt auch der
„Traunſteiner“ genannt, der in einem Alter von mehr als 80 Jahren
im alten Dafelmaier-Haus am Kreuz Nr. 29, wo ſein Sohn, auch
Zimmermann, noch jezt wohnt, im Jahre 4848 erſt geſtorben iſt.
Der lete auf dem Galgenberge 1804 Gehenkte war ein 17 Jahre
alter Dienſtbube bei dem Pfarrer von Sendling, der nur 9 fl. ſoll ge- |
ſtohlen haben, und der lete Geräderte der gleichfalls noc< junge Fer-
dinand Bündel. Es war dieſes no
Er war der Sohn eines Apothekers, vorher Proviſors in der
Roſen-Apotheke, die damals dem Vater des nachher ſo berühmten Ju-
riſten und Heidelberger Profeſſors Mittermaier gehörte. Er hatte den
Lottocolleeteur in der Vorſtadt Au ermordet.
Der letzte mit dem freien Schwerte auf dem Marsfelde Enthaup-
tete, wobei auc< 7 Hiebe geführt wurden, war Chriſtian Huſſendörfer
aus Sieburg, k. Ldg. Greding, 19 Jahre alt, am 11. Mai 1854.
Er hatte als Sattlergeſelle an ſeinem Meiſter zu Eurasburg bei Fried-
berg einen Mord begangen.
Bekanntlich wurde noc
Fallſ Perſonen kurz nacheinander vollzogen.
. €Es wird au< erzählt, es habe in München einſt im Inno»rn der
Stadt ein Galgen in der Sendlingergaſſe in der Nähe der Johannis-
kirhHe, wo man daher den nachher ſogenannten Knöblkrämer (jekt
Kaufmann Ravi:za) früher beim „Galgen-Krammerl" hießz dann es
habe ein Galgen auch in der Neuhauſergaſſe unfern des Bürgerſaales,
wo auch beim Kaufmann Findel man es ſonſt „Galgenkrämmer“, ge-
wöhnlich aber beim „grünen Ladel“ nannte, und endlich auch noch ein
ſol ſtanden *).
(Es ſoll aber an allen dieſen Orten nie zum Vollzuge von Todes-
Urtheilen gekommen ſein. An dieſen Plätzen, ſowie auch als vierte
Himmelsgegend irgendwo in der Theatiner-Straße, ſollen dieſe Galgen
nur als Schre>mittel von den als Feinde in München eingedrungenen
Oeſterreichern in den Jahren 1705 und 1742 aufgerichtet worden ſein.
I
*) Hier wurden ehemals auch die Bä>er, die zu gering g-wichtiges oder gefälſchtes Brod
verkauften , zur Strafe in einem hölzernen Gitter-Korbe von einiger Höhe in den Bach
geſc Vorrichtung nannte man „Bä>er-Galgen, -- Bätfer - S zum Codex jur. bay, crim. 8: 9.1). Sieiſtjezt im National-Muſeum aufbewahrt und zu ſehen.
#17
234 teber ehemalige Bichtſtätten in Wünchen und ihre Volkügſagen.
der dem ehemaligen Landgerichte MünTon rechts der Iſar (am Lilien-
berge in der Vorſtadt Au) angehörenden Verbrecher ſeit deſſen Be-
ſtehen (vom Jahre 1803 an) außerhalb Haidhauſen guf den ſogenannten
ESanzen zunächſt dem Garten des jeßigen Kloſters „zum guten Hir-
ten“ vollzogen worden ſind.
Die lete Hinrichtung fand Anfangs der zwanziger 'Jahre, ſomit
erſt vor circa 50 Jahren, an einem Maurer Namens Georg Wengert,
der „ſchwarze Sachs" genannt , wegen Mordes ſtatt. Derſelbe ſoll
ſich dabei ſehr frech und gottlos benommen haben.
Schließlich dürfte es von Intereſſe ſein, auch Einiges über den
Gehalt und die Nebenämter , welche ehemals der Scarfrichter von
Müncen inne hatte, ſowie über die Art und Weiſe wie in früherer
Zeit die Verurtheilten von der Stadt aus zur Richtſtätte „ausgeführt“
wurden, in Kürze zu berichten.
Der Gehalt des Scharfrichters und ſeiner vier Richtersfknechte
wurde durch die zugleicß regierenden Herzoge Ernſt und Wilhelm T]1].
erſt am 29. Mai 1403 regulirt, indem ein Fixum in Geld ausge-
ſprochen, die Ausleihung zu Erecutionen im Bezirke der Landgerichte
Starnberg, Wolfratshauſen , Päl (ſpäter Weilheim), Tölz, Aibling,
Dachau und Pfaffenhofen bewilliget und alle bisher unſtändigen Ein-
nahmen aufgehoben wurden. (Mon. boic. Bd. 35.)
Vorher hatte der Henker Einkünfte vom Halten öffentlicher Plätße
für Hazardſpiele und Aehnlichen, in welcher Eigenſchaft man ihn „Plagt-
meiſter“ nannte.
NoH - bis in unjer gegenwärtiges Jahrhundert hatten in Landge-
meinden in Bayern die Schergen dieſe Spiele unter ſich.
Auch waren dem Scharfrichter die öffentlichen Luſtmädchen unter-
geben und er bezog Tantiemen vou ihren Verdienſten.
Damals wohnten dieſelben theils zerſtreut in der Stadt , beſon-
ders bei Wirthen und in den Bädern, theils aber auc Jahrhunderte in eigenen ſogenannten „Frauenhäuſern“, die aber nach
und nach aufhörien oder polizeilich geſchloſſen wurden. Wie z. B. das
Frauenhaus im Gäßc bingerthor hinein, wo man es „hinter der Kuh“ nannte, (an der Stelle
der Nordſeite des nachmaligen Theatinerkloſters ; jezt Miniſterium).
Auch war dem Heunter in München die Straßen-Reinigung gegen
Bezahlung übertragen. Er benüßte dazu „die Fräulein“ in-den „un-
fertigen Häuſern“, wie man ſie nanate , welche den Unrath in zwei-
rädigen Karren wegſchaffen mußten.
#18
Veber ehemalige Bichtſtätten in München und ihre Volksſagen. 235
Dieſe Bezüge des Henkers hörten ſeit dem Jahre 1433 auf und
der- Magiſtrat erlaubte wieder Frauenhäuſer , beſchloß aber bald nur
ein einziges und allgemeines zu errichten.
Er kaufte hiezu eine Hofſtatt, die dem hl. Geiſtſpitale gebörte und
ernannte einen Namens „Haberl“ zum ſtädtiſc „Frauen-Wirth“ , worauf dann im Jahre 1436 der Maurer Strobl
den Grundſtein zu einem Neubau des Frauenhauſes legte.
Dieſes Haus ſtand in der jezigen Mühlgaſſe in der Nähe ves
Angerthores, der Stadtmauer gegenüber, weßhalb das Volk die vahin
beim Heuthurme und der nun demolirten Schleiſmühle über den Bach
führende Brü>e „die Hurrenbrü>e“ nannte und vielmals noch nennt.
Geſc Befeölen ver Herzoge Albert IV. und Wilhelm V. im Jahre 1579
und daſſelbe dann zur Wohnung dem damals neu aufgeſtellten ſtädti»
ſchen Waſenmeiſter (Schinder genannt) angewieſen.
Wie bereits berichtet, geſchah die Verſcharrung der gefallenen
Thiere früher auf dem Umfange des jezigen Haggenviertels und zwar
durch den Stadthirten.
Der neu beſtellte Waſenmeiſier übernahm ſie aber ſchon auf dem
Platze zwiſchen der Dachauer- und Schleißheimer-Straße (jezt Ober-
wieſenfeld und Turnſchule), wohin ſie inzwiſchen verlegt worden war.
Erſt kurz vor dem Jahre 1819 kam der Waſenmeiſter von München
auch von dieſem Plaße weg, weiter vor die Stadt hinaus, in das ſo-
genannte „weiße Haus“ an der. Staubſtraße. Die Waſenſtätte war
früher (vor 200 Jahren) in die nahen Iſar-Inſeln (jeßt die ſchönen
mägiſtratiſchen Anlagen) gekommen.
Später wurde das Abdecker-Haus in der Stadt demolirt und an
der Stelle desſelben ſiecht man jekt nur mehr eine Mauer neben dem
Hauſe Nr. 3 in der Mühlgaſſe.
Nur eine einzige Erwerbsquelle iſt dem Scharfrichter auch ſpäter
noc Thieren, was ihm, wie auch dem Waſenmeiſter, lange Zeit ſillſ gend geſtattet war, =- während nach einer ſonderbaren Anſicht unſerer
Vorältern es ihm, wenn er „ſich ehrlich gerichtet“ hatte, d. i., wenn
die Zahl ſeiner Hinrichtungen über 100 geſtiegen, ſogar „rechtlich“ er-
laubt war.
Dazu trug vorzüglich der Volksglaube bei, daß Leute ſeines Stan-
des beſondere geheime und ſympathetiſc Anwendung mehr als Aerzte verſtehen. Auch glaubte man, ſie könn-
#19
236 tleber ehemalige Bichtſtätten in München und ihre Volksſagen.
ten, mit Zaubereien durc< ihre Hingerichteten umgeben, Schäßze heben,
ſchußfeſt machen, Diebe ſtellen, Geiſter, Hexen und Wetter bannen u.ſ. w.
Davon hatten die Bewohner nächſt dem Sendlingerthore
no< vor 60 Jahren den Beweis, indem man ihnen erzählte, der um
die Jahre 1760 und 1770 fungirende Scarfrichter , genannt der alte
Martin, habe alle Heren der Stadt ſo gebannt, daß, wenn ſie Nachts
zu ihren- Teufelsfeſten ausführen, alle mit dem Hintertheil an dieſem
Thore anſtoſſen müßten, wodurch der ſchwarze Fle> an der Stadtmauer
entſtehe, ven man ſehen könne.
Der alte Martin und ſein- guter Freund und Zechbruder , der
neben dem Thore wohnende Hofzimmermeiſter Mall, dem er es ver-
traut habe, lachten ſich ſtet8 halb kranf, wenn ſie beide in ſol Nächten zum Fenſter hinausſchauten, bis der Scharfrichter dann auf vie-
les Bitten und Geſchenke der ausfliegenden Damen den Bann endlich
wieder löſte.
Nach alten Ueberlieferungen wurden die zum Tode Verurtheilten
in früherer Zeit, entweder vom Rathhauſe oder von dem Falkenthurme
aus, zur Richtſtätte, wie folgt, „ausSgeführt“.
Voraus ging, ein großes Kruzifix tragend, der ſtädtiſche Bettel-
richier (Bettelvogt, Bettelputz, meiſt kurzweg der „Puß“ genannt),
wie auch ſeine Wohnung neben dem Heuthurme in der Glo>enbach-
gaſſe no<) das „Pußenhäus8chen“ heißt, auch in der Vorſtadt Au da-
von der Name „Bettelpuß-Krämer“ no< beſteht.
Dann kam zu Pferd der „Obergerichtsdiener“ (Eiſenſcherg, Eiſen-
meiſter, Blutſcherg), der vor der Hinrichtung dreimal „Stillo“ aus-
rufen mußte, in einem ſc
Ihm folgten zu Fuß mehrere Schergen mit rothen Röken, die
gelb gefüttert waren und gelbe Aufſchläge, auch eine Menge Hädeln
hatten.
Dann kam der Frohn- oder Gerichtsbote, der das Urtheil ableſen
oder auSrufen mußte.
Hierauf eine Anzahl Nacht- oder ſogenannte „Schar-Wäcter“ in
alter eiſerner Rüſtung mit Helm, Küraß , Beinſchienen , Sarras und
Helleparten.
Dann kamen die vier Nachtkönige der vier Stadtvierteln mit Spie-
ßen und bei dieſen der ſogenannte „Spikßwürfel“, der einen Wurfſpieß
(Spiculum) führte und von dieſem ſeine Benennung hatte und auch bei
Enthauptungen den Verurtheilten beim Kopfe halten mußte.
Hinter dieſen gingen die ſtädtiſc
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Ueber ehemalige Bichtſtätten in München und ihre Volksſagen. 237
zontal lang ineinander gefügte , hölzerne Stangen, welc „Schranne“ (Sc welcher der Verurtheilte, geführt von Waſenmeiſter-Knehten und Scher-
gen, begleitet von den Geiſtlichen, und hinter dieſen der Scharfrichter
ging, bis erſt ſpäter das Fahren auf dem Schinderwagen aufkam.
Hierauf folgten der Stadtoberrichter, ſein Beiſißer, Schreiber und
Boten z alle zu Pferd.
Zum Scluße reihte ſic Geſchlechtern an, manc und Beiboten, wie deren Weiber und Kinder, die gedruckten „Urgich-
ten“ (Urtel) verkauften und in Hüten Geld zu hl. Meſſen für den
„Armenſünder“ ſammelten.
Am Wege waren die Kirc lieben Frau“, bei St. Michael u. ſ. w. weit geöffnet, damit der Ver-
urtheilte, wenn es ihm zu entkommen gelingen ſollte, darin eine „Frei-
ung“ (Freiſtätte, Aſyl) finden könnte , während in den Kirchen ſelbſt
Meſſen geleſen und gebetet wurde.
Nac< der Urtheils-Verleſung auf der Stiege des Rathhauſes
wurde am Raththurme die ſogenannte „Armenſünder-Glo>e“ geläutet
und auch am „ſchönen Thurme“ an der Kaufingergaſſe: läutete man
eine Glo>e, die noch jet in dem Stadthauſe am Anger
als „Feuerglo>e“ dient,
Dieſe Glo>e nannte das Volk die „Haller-Glo>e“ und es wird
von ihr erzählt, daß ſie- Einer Namens „Haller“ geſtiftet und dabei
geäußert haben ſoll, er ſei do< neugierig, wem ſie zum erſten Male
geläutet werden würde. Es habe ſich hierauf ereignet, daß er ſelbſt
zuerſt zum Tode ausgeführt wurde und man ſie ihm geläutet hat.
Einige ſagen , es ſei dieſes ein „Haller“- (nachher Schüßinger-)
Brauer in der Neuhauſergaſſe geweſen. =- Andere geben an, es war
ein betrügeriſcher Goldſchmid im Hauſe rechts neben dem ſc<önen
Thurme; =- wieder Andere der ſogenannte „E>bä>“ an der Augu-
ſtiner-Brücke außerhalb des ſchönen Thurmes, der in einer Theurung
Roßkaſtanien,Mehl unter das Brod gemiſ worden ſei.
Soviel aus der Vergangenheit Mündhens mit dem Wunſche, daß
die Herren Verbrecher der Zukunft das Morden einſtellen und mit
Verachtung nur mehr zu den antiquirten Dingen zählen möchten.
An seiner Ostseite liegt das neugebaute Militär-Lazareth. Dasselbe wurde zum dringenden Bedürfniss, als mit der allgemeinen Wehrpflicht die Zahl der pr senten Mannschaft sich vermehrt hatte und das bis dahin ausreichend grosse Militär-Lazareth No. 33 an der Müllerstrasse — erbaut 1773 bis 1776 — nur mehr dadurch genügte, dass alle transportablen Kranken nach dem nahen Fürstenfeldbruck evacuirt wurden. Auch hatte dasselbe mit der Erweiterung der Stadt seine frühere isolirte Lage verloren, wodurch es sich zum Hospital immer ungeeigneter erweisen musste, weshalb auch die Vorlegung beschlossen, und das alte Gebäude nach fast hundertjähriger Benützung anderen Zwecken, zum Theil dem Landwehr - Bezirks-Commando, überwiesen wurde. Das neue Militär-Lazareth ist diesem Uebelstande nicht ausgesetzt, weil es auf 2 Seiten von Militär-Eigenthum umgeben ist und das Privateigenthum auf den beiden andern Seiten bei der bedeutenden Entfernung vom Centrum der Stadt und den Bahnh fen nicht so bald überbaut werden wird. Bei den in München vorherrschenden Südwest- und West-Winden und der unerschöpflichen Menge eines noch reinen von Westen gegen die Isar ziehenden Grundwassers ist seine Lage eine seinem Zwecke sehr entsprechende. Der Entwurf wurde von dem Baurathe der Stadt München, Herrn Zenetti, gefertigt. Nach der Genehmigung desselben wurde am 21. Juni 1868 der Bau begonnen und der eine Flügel (d des beifolgenden Grundrisses Fig. 49), das Oeconomie-Gebäude (b) und das Verwaltungs
Gebäude (a), das Leichenhaus (f), Reserve-Gebäude (g) und zwei Sommer-Pavillons (e) hergestellt. Der Flügel diente sodann zur Aufnahme erkrankter Kriegsgefangenen. Der andere Flügel (c), mit den 2 anderen Sommer-Pavillons (e) wurde im Jahre 1872 begonnen und im August 1874 vollendet. Jeder Flügel nimmt in 3 Stockwerken (Erdgeschoss. I. u. II. Etage) circa 200 Kranke auf. In jedem Stockwerke sind: 4 grosse Krankens le, 8 Sepearat -Krankenzimmer. 4 Aborte, 2 Bade-Cabinete, 2 Theeküchen, 2 Warterzimmer und 2 Lokale zum Wäschewechsel.
Das Reserve-Gebäude (Blatternhaus) (g) enthält 1 grosses und mehrere kleine Krankenzimmer mit Warterzimmer dazwischen, dann Badelokal. Jeder der 4 Sommer-Pavillons fasst 30 Kranke. Dieselben sind aus Holz, mit Glaswänden an den Langseiten (Südost und Nordwest), die aussen noch Vorhänge erhalten, mit Schindeln eingedeckt und haben Dachreiter. Um sie zur Aufnahme der Cholera-Kranken im Winter 1873/74 benützen zu können, wurde der Fussboden verdoppelt, ein Bretterplafond angebracht, der Raum durch Scheidewände getheilt. der Luftzug durch Verkleidung der bezüglichen Oeffnungen mit Brettern vermindert und hierauf die nöthige Anzahl von Oefen aufgestellt. Diese Einrichtungen machten es möglich, auch bei ziemlicher Kälte die Pavillons als Krankensäle zu benützen und zu verhüten, dass ein Cholera-Kranker in das Hauptgebäude gebracht werden musste.
Das Oeconomie-Gebäude enthält die Kapelle — ein Betsaal für die Protestanten ist in dem zuletzt erbauten Flügel — die Koch und Wasch-Küche, Apotheke und Laboratorium, Dampf- und Douche-Bäder, Wohnungen für den Messner, die Köchin und den Maschinisten; in Keller und Dachraum sind Magazine. Ein Anbau bildet den Maschinenraum. — Das Verwaltungsgebäude enthält die Bureaux, ärztlichen Jourzimmer, die Wohnungen der Lazareth-Inspektoren, der Aerzte, des Pfarrers, der dienstfreien Krankenwärter und des Hausdieners. Keller und Dachräume enthalten Magazine. Das Leichenhaus enthält den Hörsaal für den Operations-Curs, Leichen- und Secir-Saal, Docenten-Zimmer und Präparaten-Cabinet.
Die Ausmaasse der Gebäude sind: Jeder Flügel hat 138,34 M. L nge, 11,07 M. Breite und 4.3 M. Höhe der Geschosse im Lichten. Das Verwaltungsgebäude ist 51,22 M. lang und 14,:ts M. breit. Das Oekonomiegebäude hat mit Einrechnung des 35,02 M. langen und 27,n M. breiten Hofes eine Länge von 53.41 M., eine Breite von 44,39 M. Diese Gebäude sind durch gedeckte Gänge mit einander verbunden, welche in obigen Maassen nicht in Betracht gezogen sind. Das Reserve-Gebäude ist 23.78 M. lang und 11,53 M. breit. Die Sommer-Pavillons haben 34,40 M. Länge, 6,"2 M. Breite und 5,13 M. Höhe bis zum Kehlbalken. Das Leichenhaus ist 22,i& M. lang und 14,39 M. breit.
Von sonstigen Anordnungen ist erwähnenswert: Die Krankenzimmer liegen gegen Südost, die Gänge gegen Nordwest; zu ebener Erde und in der I. Etage sind letztere gewölbt; die Treppen sind in dem einen Flügel alle, im andern nur eine von Eisen, die hölzernen aber unterwölbt; die 1,5 M. breiten Thüren haben ungleiche Flügel, wovon der 0,5 breite in der Regel nicht benützt wird; die Krankensäle haben Hannoveraner-Oefen, die mit Steinkohlen geheizt werden; die Abtritte haben Wasser Verschluss (der Wasserzufluss findet nur während der Bewegung der Deckel statt); eine Wasserleitung für kaltes und warmes Wasser mit Reservoirs auf den Speichern wird durch eine Dampfmaschine von 10 Pferdekraft mit Kesseln nach System Alban (24 M. Heizfläche) und 2 Vorwärmern bedient, welche eine Pumpe bewegt, die stündlich 12,900 Liter Wasser liefert.
Die Röhren verzweigen sich mit Ausnahme des Verwaltungsgebäudes in alle übrigen Gebäude. — Eine Abwasserleitung führt alles Abwasser mit Ausnahme des für Spülung der Abtritte benützten in einen städtischen Canal. — In dem Oeconomie Gebäude besteht eine Dampf- Waschanstalt mit Exhaustor-Spülc und Mange, dann durch Dampf erhitzter Trockenkammer. Die Maschinenbau-Gesellschaft Humboldt in Kalk bei Deutz am Rhein lieferte Dampfmaschine, Vorwärmer, Pumpe und Reservoir; die Dampf-Wascherei-Einrichtung ist von Oskar Schimmel & Comp. in Chemnitz.
Nachdem die Erbauung dieses Lazarethos in die Zeiträume vor und nach dem Kriege von 1870/71 fällt, dürfte die Vergleichung einiger Preise und Taglöhne von Interesse sein und sind desshalb die nachstehenden in der Note *) angefügt.
§ 76. (Allgemeine Bestimmungen). Fußgänger haben sich soweit möglich und ganz besonders da, wo lebhafter Fährverkehr stattfindet, auf den Trottoirs und sonstigen Fußwegen zu halten und jedenfalls alles zwecklose Stehenbleiben auf den Fahrbahnen zu vermeiden. Auf den Trottoirs und sonstigen Fußwegen ist bei lebhaften: Verkehr tunlichst rechts zu gehen.
Das Ueberschreiten der Fahrbahnen hat soweit möglich unter Benützung der Traversen bezw. in senkrechter Richtung zu erfolgen. Nebeneinandergehen mehrerer Personen in der vollen Breite der Trottoirs und sonstigen Fußwege, sowie verkehrstörendes Stehenbleiben auf denselben ist verboten.
Soferne durch polizeilichen Anschlag das Rechtsgehen angeordnet ist, muß die vorgeschriebene Straßenseite eingehalten werden.
Den zur Regelung des Verkehrs, namentlich zur Vermeidung von Verkehrsstörungen an Ort und Stelle ergehenden Anordnungen der Polizeiorgane, auch wenn diese Anordnungen nur durch Hochheben der Hand oder durch Winke erfolgen, ist Folge zu geben.
Auf den Verkehr in den öffentlichen Anlagen finden außerdem die besonderen Vorschriften der 88 84 mit 90 Anwendung.
§ 77. (Begehen der Trottoirs und sonstigen Fußwege in geschlossenen Reihen oder Abteilungen). Das Begehen der Trottoirs und sonstigen Fußwege in geschlossenen Reihen und Abteilungen ist — unbeschadet der allgemeinen Bestimmungen in § 76 Abs. V — nur in Reihen von nicht mehr als 2 Personen nebeneinander und nur auf solchen Trottoirs und Fußwegen gestattet, auf welchen neben solchen Abteilungen noch genügender Raum für den ungehinderten Verkehr von mindestens 2 Personen nebeneinander erübrigt.
§ 78. (Tragen von Gegenständen ec.) Auf den Trottoirs und sonstigen Fußwegen, sowie vorbehaltlich besonderer Berechtigung durch die K- Residenz und deren Höfe ist das Tragen von Lasten und umfangreicheren Gegenständen, wie Tragkörben, größeren Handkörben, Kisten, Ballen und Mulden, ferner von Aexten, Hacken, Sensen und dergleichen schneidigen oder spitzigen Gegenständen, endlich von Rohren, Schienen, Stangen, Latten, Leitern und ähnlichen langgestteckten, leicht hin und her schwankenden Gegenständen verboten. Derartige Gegenstände dürfen nur auf der Fahrbahn und nur so getragen werden, daß der Verkehr weder gefährdet noch gehemmt wird.
Metallwaren oder sonstige Gegenstände, welche beim Tragen ein starkes Geräusch verursachen, müssen hiegegen entsprechend verwahrt sein. Das geräuschvolle Niederlegen solcher Metallwaren, sowie schwerer Gegenstände ist verboten.
Unreine und leicht beschmutzende Gegenstände, wie Farben, Pinsel und dergleichen dürfen nur in geschlossenen Behältnissen, bezw. vollständig umhüllt getragen werden, so daß hiedurch jede Beschmutzung anderer Personen ausgeschlossen ist. Verboten ist das Begehen der öffentlichen Straßen, Wege und Plätze mit blutbefleckter Schürze.
Das Tragen von Stöcken, Schirmen ec in einer die Passanten gefährdenden oder belästigenden Weise ist verboten.
Mit brennenden Fackeln jeglicher Art oder Lampions zu gehen oder Aufstellung zu nehmen, ist abgesehen von der herkömmlichen Begleitung bei Leichenkondukten von besonderer polizeilicher Erlaubnis abhängig.
§ 79. (Hundeführrn aus Trottoirs und sonstigen Fußwegen.)
Das Führen von Hunden an der Leine ist auf den Trottoirs und sonstigen Fußwegen bei lebhaftem Verkehr verboten.
§ 80. (Aufspringen auf Fuhrwerke ec.) Auf Fuhrwerke während der Fahrt unbefugt aufzuspringen oder aufzusitzen oder sich an solche anzuhalten, ist untersagt.
Verboten ist ferner, Führer von Fuhrwerken, von Wagen und Karren aller Art, Reiter, Radfahrer und Treiber von Tieren im Verkehr mutwillig zu hemmen oder ihnen die Befolgung der verkehrspolizeilichen Vorschriften zu erschweren.
§ 81. (Eisschleisen, Schlittschuhlaufen, Eisschießen, Tummeln von Kindern). Das Eisschleifen, Schlittschuhlaufen, Eisschießen, das Werfen mit Schneeballen, das Steigenlassen von sog. Drachen und Ballons ist untersagt. Das Tummeln der Kinder auf öffentlicher Fahrbahn ist verboten.
Für Einhaltung dieser Vorschriften durch Kinder sind die zu deren Beaufsichtigung verpflichteten Personen verantwortlich.
§ 82. (Truppenkörper, öffentliche Auszüge.) Geschlossene Truppenkörper, sowie öffentliche Aufzüge dürfen in ihrer Bewegung von Fußgängern nicht durchbrochen oder gehemmt werden
Adreß- und Anfrage-Bureaux sind in der Salvatorgasse Nr. 20, und in der Gruftgasse Haus Nr. 14 der Weinstraße Wohnungs-Vermiethnngs-Bureau). Auch Commissions- und Geschäfts-Bureaux sind vorhanden.
Die Au, oder München rechts der Isar, hat ihre eigene Geschichte, welche mit dem 1.1289 beginnt. Wir haben aber über die örtliche Entwicklung dieser Vorstadt in der topograph. Geschichte von München gehandelt, und verweisen den Geschichtsfreund darauf. Somit beschränken wir uns zunächst nur auf die neue Mariahilfkirche, nach deren Vollendung die ältere Kirche derselben Dedication weichen mußte. Der Grundstein wurde am 28. Nov. 1831 gelegt, und sofort begann der Bau nach dem Plane des 1839 verstorbenen Baurathes Joseph Daniel Ohlmüller. Die Einweihung fand den 23. August 1839 statt, der Baumeister ruhte aber bereits im Grabe. Nach zehn Jahren wurden seine Gebeine in der Kirche beigesetzt, und ein Denkstein bezeichnet die Stelle. — Diese im reinsten gothischen Style erbaute Kirche ist 235' lang und 81' breit. Das 95' hohe Gewölbe wird von 16 Säulen getragen, welche die Kirche in drei Schiffe theilen. Ueber dem Hauptportale ist eine Madonna von L. v. Schwanthaler, und darüber erhebt sich der 270' hohe Thurm mit seiner prachtvollen Fensterrose und seinem durchbrochenen Helme. Beim Eintritte richten vor Allem die neunzehn 52' hohen und 11—13' breiten gemalten Fenster den Blick auf sich. Sie sind ein Geschenk des Königs Ludwig aus der Münchener Glasmalerei-Anstalt. Die sämmtlichen Verzierungen sind von Ainmüller componirt, die Leitung über den historischen Theil hatte aber Professor Heinrich v. Heß.
Zur Linken anfangend zeigen sich folgende Darstellungen nach den Compositionen der in Parenthese genannten Künstler:
Die Grablegung desselben Fensters, grau in grau, ist von W. Röckel. Rechts vom Eingänge zeigt sich
Die Altäre mit den Holzsculpturen sind von F. Schönlaub. Der Hauptaltar stellt die Kreuzigung vor, und dazu St. Ludwig und St. Theresia. Hinter dem ersteren bietet der Architekt das Kirchenmodell dar, und daneben steht der Bildhauer. Schönlaub fertigte auch die andern Altäre und die Lcidensstationen. Die Kanzel ist nach Ohlmüllers Zeichnung von I. M. Entrcs geschnitzt.
Das südlich von der Kirche gelegene Rathhaus wurde 1829 erbaut. Ueber das Strafarbeitshaus, ehedem Paulaner-Kloster, ist in der Geschichte der Au gehandelt, sowie über den Neudeckergarteu, früher herzogliches Schloß. Die Zacherl'sche Brauerei ist jene der Paulaner. Hier wird um Ostern acht Tage das Salvatorbier geschenkt. Es besteht seit 1737.
(Die vordere Ansicht der Auer-Kirche in Stahlstich n 12 kr. und eine Innenansicht a 24 kr. sind bei Gg. Franz zu haben. Die Gemälde der Kirche sind in Stein gravirt, und von F. Eckert hcrausgegcben, gr. Fol. Bergt, auch Paulhubers Beschreibung der Kirche. Mit 2 Stahlstichen, gr. 8. Preis so kr. Auch eine Uebersichrskarte zur Oricntirung in der Borstadt Au erschien ebendaselbst. Preis 20 kr.
Die Börse befindet sich in der Kaufingergaffe No. 9. Vom Handelsstande 1832 eröffnet, steht sie dem Geschäftsverkehr an Werktagen von 11—12 Uhr offen.
Brunnthal, eine Anlage des 18. Jahrhunderts, hat als Natur-Heilanstalt und als Vergnügungsort in der Nähe des englischen Gartens eine doppelte Bedeutung. Die Heilanstalt, welche bei der trefflichen Beschaffenheit seiner Quelle schon vor Jahren eine gewisse Berühmtheit erlangte, als noch ausschließlich das Prießnitz'sche Heilverfahren daselbst zur Anwendung kam, hat in neuerer Zeit einen wesentlichen Aufschwung genommen, seitdem sie unter ärztlicher Leitung die richtige Mitte zwischen dem Priesnitz- u. Schroth'schen Heilsystem z. Anwendung kommen läßt. Die Anstalt ist mit Allem, was zu dem Zwecke gehört, ausgerüstet. Jährlich finden Hunderte Heilung oder theilweise Besserung in dieser Anstalt. In einer reizenden Lage in der Nähe des englischen Gartens, ist dieser Platz aber auch an heißen Sommertagen stark besucht.
Die Bürgersänger-Zunft ging aus dem im Jahre 1840 im Bürgerverein gegründeten Liederkranz hervor, und 1842 nahm diese musikalische Gesellschaft den Namen der Bürgersänger-Zunft an. Der Zweck war und ist, nach dem Vorbilde der Singschulen des 15. Jahrhunderts auch unter Handwerkern die Poesie mit dem Gesänge zu verbinden. Von dieser Zeit an erfolgten öffentliche und Privatproduktionen, es wurden Sängerfahrten unternommen, und die Freunde des Männergesangs haben oft Gelegenheit, die Leistungen dieses Vereins zu bewundern.
Casernen bestehen fünf:
Außerdem hat auch die Gendarmerie eine eigene Caserne in der Weinstraße Nr. 10.
Der Cassations- und Revisionshof befindet sich im Akademiegebäude auf der Rückseite. Schon vor 1848 bestand dieser Gerichtshof, jedoch nur für die Rheinpfalz; als aber in jenem Jahre das Princip der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit zur Geltung
kam, wurde er zum obersten Gerichtshöfe des Reiches umgeschaffen. Er ist die letzte Instanz in allen Streitsachen, prüft die eingereichten Nichtigkeitsbeschwerden, und revidirt die schwurgerichtlichen Todesurtheile ex officio. Die Zeit der öffentlichen Sitzungen ist am Eingänge an der schwarzen Tafel abzulesen.
Das Conservatorium der Musik, seit 1846 bestehend, hat einen Direktor und 12 Lehrer für den Unterricht im Gesang, in der Harmonielehre, in der Composition und im Contrapunkt, im Clavier-, Orgel-, Violin- und Violoncellspiel, und in der italienischen Sprache. Direktor ist gegenwärtig Fr. Hauser.
Die Lokalität befindet sich in der II. Etage des k. Odeons, und besteht aus einem geräumigen Saal zu Produktionen mit einer vortrefflichen Orgel von Walker in Ludwigsburg, und sieben Lehrzimmern.
Die Hauptaufgabe dieses viele Zöglinge zählenden Instituts besteht in der Bildung von Sängern für Kirche, Concert und Theater. Der Zutritt zu dem Unterricht, wofür ein jährliches Honorar von 100 st. in vierteljähriger Vorausbezahlung entrichtet wird, ist In- und Ausländern ohne Unterschied des Geschlechtes gestattet, und die Vorbedingungen der Aufnahme sind die Nachweise eines Alters von mindestens 10, und für die höheren Klassen von mindestens 18 Jahren bei den Schülern, und von mindestens 16 Jahren bei den Schülerinnen, eine angemessene Schulbildung, entsprechende Kenntnisse und Fertigkeiten in der Musik und untadelhafte Sittlichkeit.
Die Dauer der Studienzeit ist auf 3 Jahre festgesetzt, vor deren Ablauf kein Schüler ohne Erlanbniß des Direktors austreten darf. Das Schuljahr beginnt jährlich am 13. September und endet am 13. Juli.
Ungenügend Vorbereitete finden in der mit dem Institute verbundenen Borbereitungsklasse Gelegenheit, den zur Aufnahme erforderlichen Bildungsgrad zu erlangen.
Das adelige Damenstift, an der Ludwigsstraße Nr. 14, wurde von 1834 —1836 nach dem Plane des Oberbaurathes F. von Gärtner erbaut. Die Fonds der Stiftung datiren aus dem Jahre 1787, dieselben haben sich aber durch die ansehnlichen Miethzinse des neuen Gebäudes bedeutend vermehrt. Es befinden sich in dessen Räumen die Bureaux des Genie-Corps-Commando, die Administration des Centralschulbücherverlags, und mehrere Privatwohnungen. Das Maximilians-Waisenstift im Hinterhause wird nach Neuberghausen verlegt.
Denkmale besitzt München viele, theils von ausgezeichnetem Kunstwerthe.
Aeltere:
1) Das Monument des Kaisers Ludwig des Bayern in der Frauenkirche, s. D.
2) Das Standbild Otto's von Wittelsbach in dem Brunnenhofe der alten Residenz, aus der Veste Albert IV.
3) Die Mariensäule auf dem Marienplatze, s. D.
Neuere:
4) Die Reiterstatue des Churfürsten Maximilian!., s. Wittelsbacher Platz.
5) Die Statue des Königs Maximilian I., s. Max-Josephs-Platz.
6) Standbild des Churfürsten Max Emanuel, s. Promenadeplatz.
7) Grabmonument und Statue des Herzogs von Leuchtenberg, siehe St. Michaelskirche.
8—12) Die Statuen von Orlando di Lasso, Gluck, Baron von Kreitmayer und Lorenz Westenrieder, s. Promenadeplatz.
13) Die Statue des Generals Dero i, s. Maximiliansstraße.
14) Die Statue des Philosophen Schelling, s. Maximiliansstraße.
13) Das Reiterbild des Königs Ludwig I., s. Ludwigs-Monument.
16) Das Standbild des Friedrich v. Schiller an derBriennerstraße und am Maximiliansplatz, s. Maximilians- od. Dultplatz.
17) Die Denkmäler auf dem Gottesacker, s. Gottesacker.
18) Der Obelisk, s. D.
Die hl. Dreifaltigkeitskapelle, ehedem auf dem Gottesacker des heil. Geistspitals, s. Geschichte v. München S. 30.
Dulten, oder Jahrmärkte finden jährlich zweimal statt, vom 6. Jänner und vom 23. Juli an immer 14 Tage. Die Jakobi-Dult nahm auf dem Anger vor der Kirche des hl. Jakob ihren Ursprung, und man glaubt das Wort Dult sei von Inäultus oder Inäulgentiu (Ablaß) herzuleiten. Die älteste Jndulgenz, welche die Kirche erhielt, datirt von 1257, eine spätere wurde bei Gelegenheit der Ausstellung der Reliquien des Klosters Andechs 1387 ertheilt. Die zu jener Zeit gehaltene Messe, oder Dult soll unserer Jakobi-Dult den Ursprung gegeben haben. Allein dieser Markt bestand schon früher aus dem Platze vor der St. Jakobskirche, und das Wort Dult ist gleichbedeutend mit „Patrocinium", wie aus Urkunden von 1402 und 1431 erhellet.
Dultstände - Magazin, (städtisches) an der Findlingsstraße vor dem Sendlingerthor. Es wurde in den Jahren 1830 und 1831 erbaut, um für die in den Zwingern und hinter den Mauern vom Einlaß bis zum Angcrthor untergebrachten Dultstände einen passenden Aufbewahrungsort zu schaffen, weil der bisherige durch den Bau der neuen Schrannenhalle verloren ging. In diesem Magazin werden auch diejenigen größeren Geräthschafteu aufbewahrt, welche zum Fluß- und Wasserbau nöthig sind, sowie auch die Requisiten und Holztheile zu den Schaugerüsten und Buden des Oktoberfestes.
Dultplatz, s. Maximiliansplatz.
Der englische Garten ist ein beneidenswerther Park mit seinen Wiesen, Baumgruppen, Waldungen, schattigen Gängen, sonnigen Ruheplätzen, reizenden Partien, Straßen, Wegen, und Kanälen, Hütten, Tempeln und Wirthschaften. Er wurde 1793 dem Publikum geöffnet, erhielt aber erst später durch den Hofgarten - Intendanten Skell seine jetzige Anlage. Diejenigen, welche eine Wanderung durch diesen Garten unternehmen wollen, und des Weges unkundig sind, können sich eines niedlichen, bei G. Franz in der Perusagasse Nr. 4 erschienenen Tascheuplanes (Preis 20 kr.) bedienen. Der Garten ist l'/2 Stunde laug, und hat einen Flächeninhalt von 693 Tagwerk.
Aus dem k. Hofgarten gelangt man in die Königinstraße, und rechts au dieser erhebt sich auf einem Piedestale die Statue eines Jünglings, dessen Einladung zum Naturgenussie am Postamente steht. Sie beginnt mit dem Worte „harmlos", und daher nennt man diesen Jüngling häufig Harmlos. Er ist das Werk des älteren Schwanthaler.
Das erste Haus der Straße ist seit Jahren Palais des Prinzen Carl von Bayern. An seiner Stelle breitete sich der Garten der Theatiner aus, zu welchem auch der Wall gehörte, welcher an der Galleriestraße noch sichtbar ist. Das neue Palais wurde 18t 1 nach dem Plane des Architekten Karl von Fischer im Auftrage des Ministers Salabert erbaut, die Erweiterung gegen die Frühlingsstraße ließ aber der gegenwärtige Besitzer nach dem Plane des Baurathes F. Eichheim vornehmen. Links von diesem Palaste zieht sich am Westrande des englischen Gartens die Königinstraße mit einer Reihe von Villen hinab, und an diese schließt sich das Cafe Fritsch mit einem freundlichen Garten. Weiter unten erhebt sich das Gebäude der k. Central Veterinärschule, als solche seit 1810 bestehend. Der Bau datirt aber aus dem Jahre 1790, in welchem eine Thier- Arzneischule errichtet wurde.
Von da in den Garten hinein und über die Brücke gelangt man auf einem schattigen Wege nach, dem chinesischen Thurm, welcher in seiner Holzkonstruktiou den Porzellanthurm in Pecking gerade nicht zu Schanden macht. Auf diese Idee verfiel 1790 der Graf von Rumford, dessen Verdienste um die Anlage des Gartens übrigens die höchste Anerkennung verdienen.
Der Churfürst CarlTheodor verwirklichte in diesem Garten einen Liebtingsplan, und zierte ihn auch mit Gebäuden. Reben dem Thurme wurde das gegenwärtige Wirthsgebäude mit den Stallungen erbaut, und nicht ferne davon ist ein Garten-Salon errichtet, der heutige Rumfordsaal. Den Plan zu diesen Gebäuden, sowie zu einem Apollotempel fertigte der Ingenieur und
Hofkriegsrath Joh. Bapt. Lechner unter Einwirkung des Grafen Rumford. Im Jahre 1798 standen die Gebäude fertig da.
Vom chinesischen Thurme südwärts gelangt man nach dem Monoptcros, welchen König Ludwig I. nach dem Plane des L. v. Klenze auf einem künstlichen Berge erbauen ließ. Die Kosten beliefen sich auf 42,000fl., und als ein Werk des reinsten griechischen Styls ist er die erste Zierde der Anlage. König Ludwig setzte damit dem Begründer des englischen Gartens, dem Churfürsten Karl Theodor, und dessen Vollender, dem König Maximilian I., ein großartiges Monument.
Nördlich vom chinesischen Thurm breitet sich ein See aus, welcher 1802 angelegt wurde. Das Monument am jenseitigen Ufer, welches der Bildhauer Bandel aus Stein fertigte, ist dem Hofgarten-Inteudanten F. v. Skell geweiht, nach dessen Plan der Garten die Vollendung erhielt.
Auf der oberen Seite des Gartens, in gerader Linie vom Palais des Prinzen Karl herab, fand auch Graf Rumford ein Monument, die Inschrift ehrt ihn aber mehr, als der zopfige Gedenkstein. Er wurde unter der Regierung des Königs Maximilian I. gesetzt.
In der Nähe des Sees befindet stch die Wirthschaft Klein-Hesselohe, und weiter unten führt die über den Kanal gehende Brücke nach den Anlagen von Biederstein. Das freundliche Schlößchen war der Landaufenthalt des Königs Maximilian I., und nach dessen Tode (1828) bewohnte es häufig die Königin Karoline. Der jetzige Besitzer ist Fürst Theodor von Taxis, welchem das Schloß als Hochzeitsgeschenk von der Herzogin Louise Max in Bayern zufiel. Bei Biederstein führt ein Kanal in nördlicher Richtung nach Garching, und geht dann im rechten Winkel nach Schleißheim hinauf. Auf diesem Kanäle fuhren frühere Churfürsteu in Prachtgondeln nach dem erwähnten Lustschloße.
Am Ende des englischen Gartens, 1½ Stunde von München entfernt, liegt auf einem angenehmen Platze das Försterhaus mit
Wirthschaft, der Aumeister genannt.
Wenden wir uns nach der Südostseite des Gartens, so kommen wir zu dem großartigen Etablissement des Herrn v. Maffei, zu dessen Maschinenfabrik. In der Hirschau erbaut, mit ausgedehnten Werkstätten, liefert sie alle Arten von Maschinen, besonders Locomotiven. Aus dieser Fabrik ging 1884 die Semmering Preis-Locomotive „Bavaria" hervor. Den 4. Mai 1861 wurde die 400ste Locomotive im Festzuge nach dem Münchener Bahnhof gebracht, von welchem aus sie unter dem Namen „Maffei" die Schienen befährt. Diese Maschinenfabrik gehört zu den großartigsten technischen Etablissements Deutschlands. Es ist auch eine Eisengießerei damit verbunden. Je nach Bedarf kann sie 1200 Arbeiter beschäftigen.
Weiter aufwärts liegt das sogenannte Milchhäuschen, und seitwärts von diesem am Rande des Gartens die freundliche Wirthschaft Tivoli. Nicht weit davon, am Kanäle im Garten ist die Naturheilanstalt zum „Dianenbad", über welches wir oben einen eigenen Artikel geliefert haben.
Wer vom Dianenbad an den Waldweg nach der Stadt verfolgt, gelangt nach dem Paradiesgarten, dessen Areal außerhalb des englischen Gartens liegt, aber unmittelbar an denselben stößt. Ursprünglich ein Gartenhaus am Damme nach dem Lehel, welches aus der Zeit des Churfürsten Karl Theodor stammte, wurde das gegenwärtige Wirthschaftsgebäude vor ungefähr 30 Jahren errichtet, und seit dieser Zeit hatte der Paradiesgarten zahlreichen Zuspruch.
Im Verfolge der Straße nach der Stadt gelangt man an dem Palais des Prinzen Karl von Bayern an, wer aber aus dem Hofgarten kommt, und den englischen Garten besuchen will, wird sich am Palais besinnen, ob er die Wanderung am Westrande durch die Königinstraße, oder üben die Brücke nach dem Paradiesgarten, dem ^.ianenbad, dem chinesischen Thurm und weiter hinab nach den beschriebenen Localitäten machen will. Vom chinesischen Thurm südwärts nach Tivoli führt auch der Weg über die Jsarbrücke nach Brunnthal und Bogenhausen. Wir handeln darüber im Abschnitt über die Excursionen in die nächste Umgebung der Stadt.
Das Erziehungs-Institut für Studirende, an der Karmelitengasse Nr. 1, nimmt das von Maximilian I. votirte, aber erst von seinem Sohne Ferdinand Maria erbaute, und 1660 eingeweihte Kloster der Karmeliten ein. Die von Hans Conrad Asp er erbaute Kirche erhielt 1802 durch den Baudirektor Nikolaus v. Schedel die jetzige Fayade, und bald darauf wurde im Kloster das Lyceum, Gymnasium und Erziehungsinstitut eröffnet. Für diese Kirche malte Peter v. Langer von 1814 —1816 ein kolossales Altarbild, welches Christus vorstellt, wie er die Kleinen zu sich kommen läßt. Dieses Gemälde enthielt mehrere weibliche Nacktheiten, welche des Anstosses wegen zuletzt bedeckt wurden. Als die Benediktiner von Metten das Institut übernahmen, wurde das Altarbild ganz entfernt. An der Stelle desselben ist jetzt wieder das frühere Altargemälde mit der heil. Jungfrau auf Wolken von Heiligen umgeben. Dieses Bild ist von Nikolaus Pfieger ( † 1688), und jenes der heil. Anna von Michael Gumpp.
Die ethnographische Sammlung, besonders reich an Gegenständen aus Brasilien, befindet sich im ehemaligen Jesuitengebäude, an der Neuhausergasse Nr. 81 im zweiten Stocke.
Die Feiertagsschule wurde 1793 durch den Professor der Militär-Akademie Franz Xaver Kefer gegründet, und der Bestand derselben war ein segensreicher. Kefer richtete die Schule in einem Privathause an der Angerbachgasse ein, der Churfürst Karl Theodor überließ aber bald darauf der Anstalt einen Theil des von Max Emanuel gegründeten Hof-Waisenhauses an der Kreuzstraße Nr. 28. Im Jahre 1803 wurde dieses Institut aufgelöst, und der damalige Churfiirst Maximilian Joseph ließ der Schule vollen Schutz angedeihen. Im Jahre 1808 richtete der Professor Mitterer eine lithographische Anstalt ein, da der Staat von Alois Senefelder das Geheimniß der neuen Kunst angekauft hatte. Aus dieser Anstalt gingen Tausende von Zeichnnngsvorlagen für die Schulen Bayerns hervor. Im Jahre 1815 erwarb sie Mitterer, und nach seinem Tode gelangte sie in den Besitz des Professors Schopf. In dem erwähnten Gebäude bestand bis 1816 auch die Realschule, an deren Stelle damals die höhere Bürgerschule trat, welche noch besteht.
Feste. Mit besonderem Glanze werden die kirchlichen Feste gefeiert. In den letzten Tagen der Charwoche ist in jeder Kirche ein heil. Grab aufgerichtet, und in der St. Michaels- und Allerheiligen - Kirche hört man Meisterwerke alter Tonkünstler. Am Fronleichnamsfeste findet eine glänzende Prozession statt, welcher selbst der König mit großem Cortege beiwohnt. Es besteht seit dem Jahre 1394, und der Zug ging von der Mitte des 16. Jahrhunderts an durch den Zwinger. Am Allerseelenfeste schmückt die kindliche Pietät die Gräber der dahingeschiedenen Lieben. Die Geburt des Erlösers zu Weihnachten wird um Mitternacht mit einer Mette und einem Hochamte gefeiert.
Es fehlt auch nicht an Belustigungsfesten. Der Carneval hat überall seinen Mummenschanz und seine Balle. Der Faschings- Montag bringt aber den eigenthümlichen Metzgersprung in den Fischbrunnen. Der Ursprung dieses originellen Festes der Metzger ist nicht bekannt. Es datirt aus alter Zeit nach dem Aufhören der Pest, vielleicht von 1613. In der St. Peterskirche ist ein Gemälde, welches an die Pest in jenem Jahre erinnert; das Bild hat die Jahrzahl 1517. Ein altes Herkommen ist auch der Schäfflertanz, welcher aber nur alle sieben Jahre während des Carnevals stattfindet. Das großartigste Fest ist indessen das Oktober-Fest, welches den 18. Oktober 1810 bei der Vermählung des Königs Ludwig mit der Prinzessin Therese von Sachsen-Altenburg gegründet wurde. Es findet alljährlich auf der Theresien- Wiese statt, zieht Tausende von Menschen herbei und ist auch ein landwirthschaftliches Fest, s. Oktoberfest.
Das alte Franziskaner-Kloster von 1286—1294, siehe Geschichte von München S. 32.
Gabelsberger Stenographen-Central-Verein. Weit über die Gränzen Deutschlands hinaus ist der Ruf des Erfinders der Stenographie, des Xaver Gabelsberger, gedrungen, und König Maximilian II. benannte unlängst eine Straße nach ihm. Wenige Tage nach seinem am 4. Jänner 1849 erfolgten Tod einigten sich seine Schüler zur Sttftung eines Vereins unter dem Namen: Gabelsberger Stenographen-Centralverein, und ihr Streben ging dahin, Einheit in der Erhaltung und Fortbildung der Stenographie und möglichste Verbreitung derselben durch Unterricht und Lehrmittel zu erzielen. Bis zum Jahre 1830 waren in München nur 60 Mitglieder, und 25 auswärtige korrespondirten. Gegenwärtig zählt der Verein 400 Mitglieder, und 53 Zweigvereine schließen sich an. Der Central-Verein in München hält jeden Monat eine Generalversammlung, und jede Woche ein Uebungskränzchen. In wie weitem Kreise jetzt die Stenographie verbreitet ist, und wie wohlthätig diese Kunst wirkt, ist bekannt. Als Lehrmittel an Schulen in Bayern dient vorzüglich die auf Veranlassung unsers Vereins herausgegebene Preisschrift.
Der Gasteig wird schon in derfrühern Geschichte von München, im 13. Jahrhundert genannt, indem sich auf demselben das Leprosenhaus, eine Anstalt zur Aufnahme von Unheilbaren befand. Wir haben darüber in der Geschichte von München S. 30 berichtet. Die Spitalgebäude mußten Anfangs des Jahres 1863 weichen, da die Anlagen vom Maximilianeum aufwärts fortgesetzt werden. Den Unheilbaren ist jetzt das Irrenhaus in Giesing eingeräumt, die St. Nikolauskirche am Gasteige bleibt aber erhalten, sowie die angrenzende Lorettokapelle. Das alte Bersorgungshaus auf der Anhöhe gegenüber, früher Schloß Schwanenburg , wurde 1861 abgebrochen und für den Zweck neu und bedeutend vergrößert aufgebaut, s. Armenversorgungshaus.
Gedenk- und Geschichtstafeln sind unter der Regierung des Königs Maximilian II. an mehreren Häusern angebracht worden, um die Erinnerung an berühmte Männer und historisch-merkwürdige, aber verschwundene Lokalitäten fest zu halten. Sie halten indessen nicht alle die strenge Kritik aus.
Das kgl. General-Conservatorium der wissenschaftlichen Sammlungen des Staates befindet sich im Jesuitengebäude an der Neuhausergasse Nr. 81. Ueber die einzelnen Zweige desselben handeln wir an den betreffenden Stellen. Wer über die diesem Conservatorium untergeordneten Attribute, Kabinete und Sammlungen sich genau unterrichten will, s. die Schrift: Die k. Akademie der Wissenschaften und das k. Gencral-Eonservatorium der wissenschaftlichen Sammlungen. München bei Georg Franz.
Das geognostische Cabinet, im ehemaligen Jesuitengebäude an der Neuhausergasse Nr. 81, bietet die geognostisch-oryktognostische Repräsentation des bayerischen Gebietes, die allgemeine Petrographie, die Nachbildung der vorzüglichsten thätigen und erloschenen Vulkane, die geognostischen Suiten der Lander Europas, Pflanzenformen der Steinkohlenbildungen ec.
Die Gewehr- und Sattelkammer befindet sich in dem alten Gebäude am Marstallplatze Nr. 8, links von der k. Reitschule. Neben den prächtigen neuen Krönungs- und Gallawägen sieht man hier auch sehr alte, historisch merkwürdige Carossen. Darin sind auch die Pferdegeschirre und die Sammlung von Gewehre Dolchen, Messern u. s. w. Die Zeit des Besuches ist aus dem Tages-Anzeiger zu entnehmen.
Die Gewerbeschule befindet sich im Damenstiftsgebäude an der Damenstiftsstraße Nr. 2. Wir werden unter „Polytechnische Schule daraus zurückkommen.
Giesing, auf der Isaranhöhe ober der Au, kommt schon 772 unter dem Namen Kyesinga vor, blieb aber immer ein einfaches Dorf. Jetzt ist es mit der Au, und Haidhausen unter „München rechts der Isar" begriffen. Das daselbst von 1800—1860 bestandene Irrenhaus bezogen die Unheilbaren vom Gasteigberge, indem aus den Lüften eine neue Kreis-Irrenanstalt eröffnet ist. Ausserdem befindet sich in Giesing die v. Eichthal'sche Lederfabrik, und wer nach einer guten Wirlhschaft sucht, findet auf dem Berge den sogenannten Weinbauer.
Der Glasgarten, an der Blumenstraße Nr. 19, ist aus dem des ChurfürstenCarl Theodor. Die gegenwärtige Fasade erhielt aber
das Haus erst in neuester Zeit. Der Tanzsaal ist elegant eingerichtet, und die musikalischen Produktionen ziehen das Publikum an. Den Tag bestimmt der Tages-Anzeiger.
Der Gottesacker vor dem Sendlinger Thore an der Thalkirchner - Straße wurde 1877 angelegt, und zum Unterschiede der noch an den Kirchen der Stadt bestehenden Friedhöfe der „ferrer Gottesacker" genannt. Im Jahre 1789 wurden alle
inneren Leichenäcker aufgehoben, und daher mußte der Raum des allgemeinen Gottesackers vergrößert werden. Die jetzige Gestalt erhielt er aber erst 1818 nach dem Plane des Baurathes Vorherr, welcher in den Umrissen die Form eines großen Sarges festhielt, und am breiteren Theile die Arkaden im Halbkreise einbaute.
Die Halle des daranstoffenden neuen Gottesackers wurde 1846 nach dem Plane des Oberbaurathes F. v. Gärtner erbaut. Die
B Gräber wurden bis 1790 ausschließlich mit Kreuzen geziert, und wer viel verwenden wollte, setzte ein grosses Kreuz von Eisen. Franz Schwanthaler, der Vater des Ludwig von Schwanthaler, war der erste, welcher eine trauernde weibliche Figur bei der Urne aufstellte, fand aber mit dieser Neuerung solchen Anstoß, daß die Statue zur Nachtszeit zerstört wurde. Allein von dieser Zeit an war die Bahn gebrochen, und Schwanthaler setzte nach und nach 80 Denkmale, welche aber bis auf wenige der Witterung erlagen. Dieser Künstler starb 1820, und von dieser Zeit an erhoben sich zahlreiche Monumente, so daß jetzt der Gottesacker reich an schönen Werken aller Art ist. Die Auswahl überlassen wir dem Wanderer, welcher nach dem, was
gesagt, keine alten Monumente suchen wird. Doch machen wir auf die alte Denksäule rechts vom Mittelgange des Kirchhofes aufmerksam. Sie stand ehedem an der Stelle der unter Albrecht IV. 1480 demolirten Kapelle Unsers Herrn beim Schwabinger Thore. Das colossale Krucifix auf dem neuen Gottesacker ist nach dem Modelle des Professors Halbig in Bronze gegossen. Die im mittelalterlichen Style erbauten Arkaden enthalten Prachtmonumente. Darunter sind die colossalen Figuren der berühmten Aerzte F. v. Walther und von Breslau von Halbig ausgeführt. Das schöne Freskobild mit der Erweckung der Tochter des Jairus ist von Professor Schraudolph gemalt.
Ueber die Gottesacker-Kirche zum hl. Stephan werden wir unten handeln. (Bei G. Franz in München erschien ein Plan der beiden Gottesäcker;mit Nummerirung und Angabe der hervorragendsten Monumente (Preis 18 kr.). Auch Abbildungen von Denkmälern sind vorhanden: Auswahl der vorzüglichsten Denkmale der Münchener Kirchhofes von R. Gottgetreu. 3 Hefte, a Heft i fl. 18 kr., und von Berger 1 Heft zu 1 fi. 3« kr.)
Der Gottesacker der Israeliten, eine Viertelstunde westwärts vom allgemeinen Gottesacker, wurde 1816 unter der Regierung des Königs Maximilian I. angelegt, da den Juden seit ihrer Vertreibung unter Albert III. 1442 nicht mehr gestattet war, einen eigenen Gottesacker zu benützen. Die Herzoge Ernst und Wilhelm hatten ihnen 1416 einen Platz an der Dachauerstraße überlassen, in der Gegend des sogenannten Wiesenfeldes, da wo jetzt das Anwesen Nr. 24 sich befindet. Der Platz war damals unwirthsam, und daher wurde in derselben Richtung auch dem Wasenmeister eine Stelle angewiesen. Die Juden mußten nach ihrer Verfolgung die Todten nach Kriegshaber bringen lassen, und somit war die Gestattung des Gottesackers eine Wohlthat. Man findet jetzt schöne Monnmente auf demselben.
Gymnasien mit obligaten Lateinschulen gibt es drei; das älteste ist aber das Wilhelms - Gymnasium an der Herzog - Spitalgafse. Herzog Albert derGroßmüthige stiftete den 21. Novbr. IRLS eine Gymnastisch-orthopäd. u. elektrische Anstalt — Haidhausen. 68 höhere lateinische Schule, und übertrug die Leitung und den Unterricht den Jesuiten. Im Jahre 1860 wurde dieses alte Gymnasium eröffnet, und 1860 feierte es das Jubelfest des dreihundertjährigen Bestandes. Mit dem Jesuiten-Gymnasium verband Herzog Wilhelm V. ein Seminarium, welches jetzt an der Karmelitengasse Nr. 1 von den P. P. Benediktinern versehen wird. Neuere Schöpfungen sind das Ludwigs- und das Maximilians-Gymnasium.
Haidhausen, mit der Au und Giesing jetzt München rechts der Isar, wird schon 808 urkundlich (Heidhusir) genannt, und besteht fortan als Dorf mit einer Kirche. Im Jahre 1685 erhielt Franz Pangratz von Leiblfing die Jurisdiktion über die Hofmark, welche nach mehrmaligem Besitzwechsel 1826 an den Staat überging. Im Jahre 1834 zogen die Frauen vom guten Hirten in das Schloß des Leiblfinger ein, und 1840 wurde dieses zum Kloster erweitert, wie die beigegebene Vignette zeigt. Die Frauen besorgen ein Institut für verwahrloste und arme Mädchen, welche in den Räumen des Klosters unter Aufsicht stehen. In Haidhausen ist auch eine Kinderbewahranstalt, ein Pfründnerhaus, und seit 1834 ein schönes und zweckmäßig eingerichtetes Krankenhaus. Eine Zierde der Vorstadt ist die neue von Mathias Berger im gothischen Style erbaute Pfarrkirche. Die ältere,
am Ostende des ehemaligen Dorfes erbaute St. Johannes-Kirche stammt in der jetzigen Gestalt aus dem 17. Jahrhundert, und
war schon lange zu klein für die wachsende Bevölkerung. Die 70 Handzeichnuugs-Cabinet — Heilanstalten. Kirche hatte aber zum Neubau nicht hinreichende Mittel, und daher ergriff der würdige Pfarrer, Herr Walser, den Wanderstab, um fromme Beiträge zum Baue zu sammeln. Die Kirche ist noch nicht vollendet, gegenwärtig ist aber die Spitze im Bau begriffen. Das Schiff der Kirche kann die Altäre aufnehmen, und schon ist der Hochaltar von Marmor mit Christus und Johannes am Jordan in Arbeit. Die am Maximiliane um vorbeiführende Straße verbindet jetzt Haidhausen mit der Stadt.
Oestlich von Haidhausen liegt Berg am Laim, mit einem Institut der englischen Fräulein und einer Kirche.
Die Hauptwache am Marienplatze wurde unter Maximilian III. (✝ 1777) eingerichtet. Früher war die ganze Reihe der Häuser bis in die Weinstraße hin mit Arkaden zum Gebrauche der Schranne versehen, und die Hauptwache halte ein auf dem Platze stehendes, vom Chursiirsten Ferdinand Maria 1686 erbautes Häuschen inne, welches Maximilian III. niederreißen ließ. Vor der Regierung des Ferdinand Maria bestand keine eigene Hauptwache, indem die Bürger und Stadtsöldner alle Posten versahen. Auch erwartet man noch gegenwärtig ein neues, der Hauptstadt entsprechendes Wachtgebäude. Jetzt spielt Mittags zur Ablösung die Militärmusik, sowie an den Vorabenden allerhöchster Namens- und Geburtsfeste. Am Charfreitage findet hier eine Trauermusik statt.
Heilanstalten. Äusser dem allgemeinen Krankenhause (s. d.) erwähnen wir:
1. Das Militär-Lazareth (s. d.)
2. Die Kreis-Irrenanstalt (s. d.)
3. Das Spital der Unheilbaren, bisher am Gasteig, aber jetzt in Giesing.
4. Or. Steinbacher's Naturheilanstalt, Ottostraße Nr. 3.
3. Das Kinderspital des Hofstabsarztes Dr. Buchner.
6. Das Kinderspital des Prof. vr. Haun er, Jägerstr. Nr. 9.
7. Die Augenheilanstalt von Dr. Rothmund, von Dr. Schlagintweit 1822 gegründet, Mathildenstraße Nr. 9.
8. Die Augen- u. Kinderheilanstalt, Viktualienmarkt Nr. 9.
9. Die von Or. Rain er gegründete Besuchsanstalt für Kinder, Augen- und Ohrenkranke, unter Leitung des Dr. Wimmer.
10. Das orthopädische Institut von Professor Schlotthauer, Frauenhoferstraße Nr. 2.
11. Die Sprachheilanstalt von dem Wundarzt Strobl, Windenmachergasse Nr. 3.
12. Das homöopathische Spital des Dr. Joseph Buchner, Wiesenstraße Nr. 6.
13. Die gymnastisch - orthopädische und elektrische Anstalt von Dr. M. Knorr, Rsidenzstraße Nr. 6.
14. Die gymnastische und orthopädische Anstalt von Ludwig Krieger, Nymphenburgerstraße Nr. 22.
15. Die Naturheilanstalt von Lindemann (Dr. Gleich), Müllerstraße Nr. 19.
16. Die Naturheilanstalten in Brunnthal und Dianenbad (s. d.).
Das Herbarium befindet sich dermal noch als Attribut der Akademie der Wissenschaften im Jesuitengebäude au der Neuhausergasse Nr. 51. Es umfaßt auch das reiche brasilianische, und das an griechischen Pflanzen sehr vollständige Herbarium der Universität. Conservator Dr. v. Martins. Vgl. auch botanischer Garten.
Das k. Hof- und National-Theater an der Ostseite des Max-Josephs-Platzes, wurde in der gegenwärtigen Gestalt von 1823—1825 hergestellt, da der frühere fast ähnliche Bau am 14. Jan. 1823 ein Raub der Flammen wurde. Den Plan dazu fertigte Carl von Fischer, der Vorgänger des F. von Gärtner in der Professur an der Akademie, und der Kronprinz Ludwig legte am 26. Oktober 1811 den Grundstein. Im Jahre 1818 wurde das Theater eröffnet, aber nach wenigen Jahren zerstörte der nächtliche Brand alles bis auf die Mauern. Diese wurden beibehalten, und somit hielt sich Leo v. Klenze im Wesentlichen an den alten Plan. Am 2. Jänner 1825 fand die feierliche Eröffnung statt. Das Theater hat eine Länge von 335 Fuß und eine Breite von 195 Fuß. Der Portikus mit seinen acht korinthischen Säulen erhebt sich auf einem 12 Fuß hohen Unterbau, und ist mit einem Giebelfelde versehen, welches man mit einer Attika vertauschen möchte, da auch der 150 Fuß hohe Hauptbau mit einem Giebelfelde geziert sehn muß. Die Entwürfe zu den Frescobildern in den Feldern fertigte L. v. Schwanthaler, und Professor Hiltensperger und Nilson führten sie polychromisch aus.
Durch die mit vier korinthischen Säulen gezierte Vorhalle gelangt man zu den rechts und links angebrachten Marmortreppen, welche zu den Sälen vor der großen Hofloge führen. In den Corridors stehen Statuen von Marmor, jene des Sophokles und Euripides von I. Haller, des Schiller und Goethe von Stiglmayer, und des Menander, Shakespeare und Calderon von L. Schwanthaler gefertigt. Die drei Flügelthüren führen in den Zuschauerraum, au den beiden Seiten zu den Logen und den Gallerie, durch den Mitteleingang in das Parterre, lieber diesem erheben sich sechs Logenreihen, und auch der übrige Raum macht noch einen kolossalen Eindruck. Im Jahre 1853 wurde das Innere in glänzender Weise restaurirt. Der vergoldete Kronleuchter hat 400 Gasflammen, und die Armleuchter an den Logenreihen zählen deren 296. Der Vorhang stellt die Aurora nach Guido Reni's Frescobild in der Villa Rospigliosi zu Rom vor.
Der ursprüngliche Bau hatte 1,920,000 fl. gekostet, der Neubau erforderte an Bau- und Einrichtungskosten 958,356 fl. 30 ½ kr. Die Ausgaben erliefen der Stadt, sie erhielt aber dafür einen Vierpfennig. (Ausführlicheres findet man in der Schrift: Das k. Hof- und Nationaltheater-Gebäude, seine innere Einrichtung, Maschinerie und Feuersicherheits-Maßregeln, von F. Meiser. Mit einer Ansicht, zwei Grundrissen und einem Durchschnitt. München bei Georg Franz, gr. 8. Cartonirt 1 fl. 30 kr. Zm Vorstoß des Einbandes ist ein lithographirter Grundriß des Zuschauerraumes mit Nummerirung der Sitze beigefügt. Der Tagesanzeiger macht das Weitere bekannt. Um die Einrichtung im Innern zu sehen, wendet man sich an den k. Theater-Inspektor.)
Das homöopathische Spital wurde 1836 von Freunden der neuen Lehre gegründet, dann als Poliklinik fortgeführt, und seit 1889 wieder in ein Spital, Wiesenstraße Nr. 6, umgestaltet, damit Unbemittelte bei schwerer Erkrankung Gelegenheit finden, ihrem medicinischen Glauben getreu zu bleiben. Raum gibt's nur für 16 Kranke, weßhalb nicht alle Hilfesuchenden ausgenommen werden können.
Die freiwilligen Beitrage der Vereinsmitglieder betragen jährlich 1860 fl.
Die Hypotheken- und Wechselbank hat an der Residenzstraße Nr. 27, der alten Residenz gegenüber, das ehemalige
grafl. Preising'sche Palais inne, welches an die Feldherrnhalle stößt. Sie wurde 1838 unter dem Schutze des Staates von einer Aktiengesellschaft gegründet, welche nun Feuer-, eine Lebensversicherungs- und eine Rentenanstalt damit verbindet. Das Palais wurde um 1740 von J. Effner im Rococostyl erbaut.
Die St. Jakobs-Kirche, an der unteren Angergasse Nr. 1, und das anstossende Kloster werden schon in der Urgeschichte von
München erwähnt, wie wir in der topographischen Geschichte der Stadt S. 28 gezeigt haben. Die innere, aber jetzt veränderte
Kirche wurde von 1220—1230 erbaut, die dem Publikum geöffnete äußere Kirche stammt aber aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die gegenwärtige Facade erhielt sie 1810 nach dem Plane des Professors Karl v. Fischer, welcher das gothische Gepräge gänzlich verwischt hatte. Alte Kunstwerke sucht man ebenfalls vergeblich darin. Ein aus dem 14. Jahrhundert stammendes Steinbild der Madonna mit dem Kinde, welches wahrscheinlich durch Kaiser Ludwig den Bayer in das Kloster kam, da das Motiv der Madonna in Ettal zu Grunde liegt, befindet sich jetzt im k. Nationalmuseum. Das alte Refektorium mit Täfelwerk war bis 1842 erhalten, wurde aber damals ausgebrochen, da eine Abseite der inneren Kirche dazu eingerichte wurde. Zwei geschnitzte Pfeiler sind im zweiten Stocke des alten Hofes aufbewahrt. Die Gemälde und Altäre der innern Kirche sind verschwunden, die der äußeren stammen aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Das Bild der hl. Jungfrau, welches an die Stelle einer thronenden Maria kam, und das Bild der hl. Klara ist von Georg Desmares gemalt? Franz Joseph Winter führte die Altargemälde mit der mibefleckten Empfängniß, dem hl. Jakob und dem hl. Franziskus aus. Das damit verbundene, und von 1842—1843 erweiterte Kloster, ist seit 1841 Mutterhaus der armen Schulschwestern.
Das Institut für krüppelhafte Kinder an der Staubstraße Nr. 13 a, wurde durch einen edlen Menschenfreund, I. R. von Kurz, im Jahre 1832 mit Privatmitteln gegründet, aber am 28. Februar 1844 zur Staatsanstalt erhoben. Die Zöglinge werden zum selbstständigen Betrieb einer freien Erwerbsart, als Holzschnitzerei, Graviren, mechanische Arbeiten re. vorbereitet, oder zum Uebertritt in ein ordentliches Gewerbe befähiget.
Das Institut für Pflanzen-Physiologie ist eine neue akademische Schöpfung des Königs Max II. von 1862. Es hat den Zweck, die Vorgänge der Entwicklung der Kulturgewächse einer experimentalen wissenschaftlichen Untersuchung zu unterwerfen. Die Leitung ist dem Professor Or. Nägele, dem Direktor des botanischen Gartens, übertragen.
Die Jubiläums-Stiftung, Kreuzstraße Nr. 2, ist eine Pfründe- Anstalt für das weibliche Geschlecht unter Leitung des Ordens der barmherzigen Schwestern. Durch freiwillige Beiträge (worunter 1000 fl. als Geschenk der Königin Marie) mit einem Dotationszuschuß des Magistrats von 6000 fl. gegründet, wurde die Anstalt den 7. Februar 1859 feierlich eröffnet.
Das Kinderhaus befindet sich an der Findlingstraße Nr. 3, in der Lokalität, welche 1784 für ein Findelhaus hergestellt wurde. Es ist zugleich auch das städtische Waisenhaus, s. d.
Das Kinderhospital des vr. Hauner, Jägerstraße Nr. 9, ist ein wohlthätig wirkendes Institut, in welchem Kinder unentgeldlich geheilt werden. Auch außerhalb desselben werden Kinder ärztlich behandelt, und zum größten Theil unentgeldlich mit Medikamenten versehen. Im Jahre 1862 hatte das Institut einen Aktivfond von 36,431 fl.
Kleinkinder - Bewahranstalten besitzt München links und rechts der Isar seit 1839 mehrere. In diesen werden Kinder von 3—6 Jahren des Tages beaufsichtiget und spielend für die Schule vorbereitet. Sie bekommen Mittags eine Suppe, theils unentgeldlich, theils für 1 kr. Solche Anstalten findet man: Theresienstraße Nr. 14, Louisenstraße Nr. 3, Westenriederstraße Nr. 2, Müllerstraße Nr. 7, Pfarrstraße Nr. 2½. In der Au: Hochstraße Nr. 8, Entenbachstraße Nr. 77. Haidhausen: St. Johannesplatz Nr. 3. Giesing: Kistlergasse Nr. 6. Die Prinzessin Alexandra ist Protektorin dieser Anstalten, welche größtentheils auf Schankungen und Vermächtnissen beruhen.
Klöster besaß München schon in der ältesten Zeit, und fortan bis zu der 1802 und 1803 erfolgten Säkularisation. Ueber die alten Klöster haben wir in der Geschichte von München gehandelt, und daher sollen nur diejenigen genannt werden, welche dem König Ludwig I. ihre Entstehung verdanken.
Die Abtei von St. Bonifaz, s. Basilika.
Die barmherzigen Schwestern, f. Krankenhaus.
Die armen Schulfchwestern, f. St. Jakob am Anger.
Die Franziskaner, f. Franziskaner-Klosterkirche-
Die Kapuziner, f. schmerzhafte Kapelle.
Die Frauen zum guten Hirten, s. Haidhausen.
Die Servitinncn, s. Herzog-Spital.
Die Niederbronnerschwestern zum allerheiligsten Erlöser am Lehel. Sie stammen aus dem Hause Niederbronn im Elsaß,- und widmen sich der Krankenpflege. Dieses Institut verdankt seine Entstehung dem Vincentius-Verein, und steht unter dessen Curatel. Im Oktober 1838 wurde das Klösterchen und das Oratorium eingeweiht. Das Altargemälde mit der heil. Jungfrau ist von A. Heß gemalt.
Die Krippenanstalten in München, der Au und in Haidhausen stehen unter dem Protektorate der Prinzessin Adalbert. In denselben werden ganz kleine Kinder und Säuglinge armer Leute ausgenommen, welche ihrer täglichen Handarbeit nachgehen müssen. Für Aufsicht und Verpflegung wird ein geringer Ersatz gefordert.
Die Kunstfabrik kirchlich-plastischer Arbeiten am Stiglmayer-Platz Nr. 1, wurde in der letzten Zeit von dem Inspektor der Beschäftigungs-Anstalt für krüppelhafte Kinder, I. G. Mayer, gegründet. Es gelang ihm, eine Masse zu erfinden, aus welcher Figuren in jeder Größe hergestellt werden können, die, wenn nach guten Modellen gefertiget und bemalt, eine Zierde von Kirchen und Zimmern seyn können. Die Anstalt beschäftigt viele Künstler und Former, da diese verhältnimäßig billigen Kunstsachen nach allen Richtungen verlangt werden. Auch Statuen in Holz werden geschnitzt. Dabei ist der Bildhauer I. Knabl betheiliget, einer der tüchtigsten Meister seines Faches. I. G. Kitzinger's Kunstanstalt für Oelfarbendruck auf Leinwand, hat alle Gattungen von Oelgemälden in großer Auswahl. Sonnenstraße Nr. 8, und Kaufingergasse Nr. 7. L. Schöning er 's galvanisch-Pholographische Kunst- Anstalt. Schwanthalerstraße Nr. 76.
Der Kunstverein, der erste dieser Art in Deutschland, fand 1820 seinen Anfang in einem Privathause, in jenem des Malers und Radirers Raphael Winter, und mehrere Künstler und Kunstfreunde nahmen an den Versammlungen Theil. Später öffnete der Kupferstecher und Kunsthändler Hermann seine Wohnung im sogenannten Himbselhause auf dem Maximilians-Platze, und den 26. November 1823 wählten 42 Künstler und Kunstfreunde den ersten Ausschuß. Von dieser Zeit an vermehrten sich die Mitglieder von Monat zu Monat, und daher wurde schon während des Baues des Bazar durch den Baurath Himbsel Anstalt getroffen, ein geeignetes Lokal in demselben zu erhalten. Himbsel bestimmte dazu den nördlichen Pavillon, in welchem sich der Verein seit vielen Jahren befindet. Er bezahlte anfangs für Miethe die Summe von 600 fl., dann 700, 900 und 1100 fl.,
eine Kleinigkeit für so lange Zeit. Der Verein besitzt auch noch ein Zimmer des Nachbars, so daß er vorläufig 1400 fl. Miethe bezahlt. In diesem Lokale findet eine beständige Ausstellung von Kunstwerken statt, und davon wird eine Anzahl zur Verloosung angekauft. Außerdem erhält jedes Mitglied jährlich die Nachbildung eines der angekauften Kunstwerke. Der Jahresbetrag ist für ein ordentliches Mitglied 12 fl., für ein außerordentliches 6 fl. Der Rechenschaftsbericht von 1862 weiset 3230 Mitglieder nach.
Fremde werden von einem Mitglied? eingeführt, und kann auch die Dauer des Zutrittes auf einen Monat ausgedehnt werden. Das Lokal ist täglich von 10 Uhr Morgens an bis Abends 6 Uhr, und im Sommer bis 7 Uhr offen.
Die Kunst-Zinkgießerei-Gesellschaft, Karlsstraße Nr. 31, liefert Gußwaren aller Art, richtet aber ein Hauptaugenmerk auf Kunstprodukte. Aus dieser Anstalt ging die Bavaria auf dem bayerischen Nationalmuseum hervor. Auch die übrigen Gruppen wurden in Zink gegossen.
Künstler-Ateliers.
Bildhauer:
Maler:
Die Zahl trefflicher Maler jeden Faches ist hier groß. Weiteren Aufschluß erhält man im Kunstverein.
Die k. b. privilegirte Kunstanstalt von Piloty und Löhle befindet sich an der Louisenstraße Nr. 14, und ist durch großartige Unternehmungen bekannt. Das Werk der k. Pinakothek, das König-Ludwigs-Album, die Gallerie der Schönheiten in der k. Residenz u. s. w. erschienen in dieser Anstalt. Gegenwärtig werden diese schönen Lithographien durch die Photographie vervielfältiget.
Das chemische Laboratorium, ein Attribut der Akademie der Wissenschaften, befindet sich in der Arcisstraße Nr. 1. Die Gründung dieser jetzt von Frhrn. Justus v. Liebig zum Ruhme der Wissenschaft geleiteten Anstalt fällt in die Zeit des König Maximilian I. Der ältere Theil des Gebäudes wurde 1812 nach dem Plane des Baurathes Franz Thurn und den neuen ließ König Maximilian ll. hinzufügen. Der Oberbaurath A. v. Voit fertigte den Plan, die innere Einteilung gab aber Frhr. v. Liebig an, welcher in diesem Gebäude seine Vorlesungen hält.
Der Landwirthschaftliche Centralverein ist eines der wichtigsten Organe zur Förderung des Landbaues. Im Jahre 1810 gegründet, und 1836 reorganisirt, erhielt derselbe 1849 eine jährliche Dotation von 18,000 fl. aus Staatsmitteln. Er ist in Bezirks- und Kreisvereine gegliedert, während das General-Comits mehr formell leitend, als maßgebend einwirkt. An der Türkenstraße Nr. 2 besitzt der Verein ein eigenes Haus mit Garten. In diesem Lokale befindet sich die Bibliothek, das Sekretariat, und die Sammlung von Modellen, Maschinen rc. Das Centralblatt des Vereins zeugt von dessen größter Thätigkeit. Ueber seine mit dem Oktoberfeste verbundene Ausstellung und Preisevertheilung s. Oktoberfest.
Leihhäuser befinden sich an der Pfandhausstraße Nr. 7, Westenriederstraße Nr. 1 und in der Au, Lilienstraße Nr. 79. Das Entstehen eines Pfand- und Leihhauses datirt sich aus das Jahr 1784 zurück. Damals erhielt ein churfürstlicher Kammerdiener das Privilegium, und nach dessen Tod ging es 1783 an das hl. Geistspital über. Im Jahre 1802 überließ der Churfürst Maximilian Joseph der Anstalt das Kloster der Karmelitinnen an der Pfandhausstraße Nr. 7, wo sie sich seit dieser Zeit befindet. Das Pfandhaus im ehemaligen Isarthor-Theater an der Weslenrieder-Straße ist eine spätere Filiale (1844), und jenes in der Au wurde von einem Privaten gegründet, ist aber jetzt städtisch.
Das Darlehen von 1 —150 fl. trägt 8, 150 —199 6⅔, und 1000 fl. 5 Prozent. Alle Monat findet eine Versteigerung der nicht ausgelösten oder umgeschriebenen Gegenstände statt.
Lesevereine. 1. Der literarische Verein befindet sich im k. Odeon zu ebener Erde; täglich von früh 8 Uhr bis Abends 9 Uhr geöffnet. Hier ist eine große Auswahl deutscher, französischer, englischer und amerikanischer, italienischer, spanischer, griechischer und russischer Journale. Man kann durch ein Mitglied auf drei Tage unentgeldlich eingeführt werden. Nichteingeführte Fremde bezahlen für drei Tage 24 kr. Monatsbeitrag als außerordentl. Mitglied 1 fl. 12 kr. Jahresabonnement 8 fl. 2. Das Museum, siehe dieses.
Die Liedertafel, eine 1840 gegründete aus Chorsängern des k. Hoftheaters bestehende Gesellschaft, erfreut durch öftere Produktionen, wozu Einladungskarten ertheilt werden. Sie steht unter einer umsichtsvollen Direktion.
Lithographische Anstalten bestehen mehrere, welche aufzuführen zu viel Raum wegnehmen würden. Jeder Fremde findet sie in dem Adreßbuch.
Das Ludwigs-Monument auf dem Odeonsplatze ist ein Zeichen des Dankes und der Verehrung, welche die Stadt München dem König Ludwig I. darbrachte. Schon L. v. Schwanthaler hatte die Idee zu einem Monumente des Königs gefaßt, doch liegt nicht das von ihm hinterlassene Modell zu Grunde. Das Reiterbild ist eine selbstständige Schöpfung des Professors M. Widnmann, dessen Meisterschaft auch die Schillerstatue beurkundet. Der König gab selbst die Genehmigung zur Ausführung dieses colossalen Werkes. Den 22. Februar 1862 Morgens 10 Uhr unternahm F. v. Miller in der Erzgießerei den Guß, und am 25. August 1862 wurde was Werk feierlich enthüllt. Mit derselben Stelle sollte 1833 der Obelisk des Karolinenplatzes errichtet werden, und es waren bereits die Fundamente gelegt, als sich mit Gewalt die Idee geltend machte, daß da zu seiner Zeit dem Gründer der Ludwigsstraße ein Denkmal errichtet werden müsse. Der Magistrat verwirklichte sie 1862.
Die Mannhardtsche Maschinenfabrik an der Amalienstraße Nr. 26 liefert verschiedenartige Maschinen, deren Construktion meist von Mannhardt selbst erdacht ist, wie denn auch die von ihm gefertigten großen Uhren und Schlagwerke ob ihrer sehr vereinfachten Zusammensetzung rühmlichst bekannt sind. Von ihm sind die neuesten konischen Thurmuhren, unter diesen auch die Uhren der Frauenkirche, der Theatinerkirche u. s. w.
Das Hotel Marienbad, an der Barerstraße Nr. 4, zur Zeit Eigenthum des Herrn Kopp, inmitten eines großen Gartens mit Laubengängen, bietet alle Arten von Bädern, täglich frischbereitete Molken, jede Sorte von Mineralwässern und ermöglicht, da mit dieser Anstalt auch ein Rötel garni verbunden ist, so namentlich den aus Badeorten hieher Kommenden auf die bequemste und zeitersparendste Art den Gebrauch einer Nachkur.
Das neue Maschinenhaus an der St. Annastraße nimmt das Areal der alten Stadtmühle ein, wurde vom Münchener Gewerbeverein erbaut, und zum gewerblichen Zwecke eingerichtet. Anfangs Mai 1863 feierlich eröffnet, sind jetzt alle Maschinen im Gange, und können von jedem Vereinsmitgliede gegen mäßige Erläge benützt werden.
Die mathematisch-physikalischen Sammlungen befinden sich im ersten Stocke des ehemaligen Jesuitengebäudes an der Neuhauser-Gasse Nr. 31. Sie enthalten alle Apparate, Instrumente, Vorrichtungen und Maschinen, die dieser Zweig der Wissenschaft bedarf.
Das Maximilians-Waisenstift an der Ludwigsstraße Nr. 14 wurde von Sr. Majestät dem regierenden Könige gegründet, und aus höchsteigenen Mitteln reichlich dotirt. Es soll verwaisten unbemittelten Töchtern von Staatsdienern einen sorgenfreien Aufenthalts- und Zufluchtsort gewähren. Die erhabene Vorsteherin und Protektorin dieser wohlthätigen Anstalt ist I. K.H. Prinzessin Alexandra. Bisher war im Hintergebäude nur ein beschränkter Raum, gegenwärtig wird aber auf der Anhöhe bei Bogenhauseu, auf dem Areal der Wirthschaftsgebäude Neuberghausen, nach dem Plane des Hofbauinspektors E. Riedel ein neuer Bau geführt, welcher außer den Sälen hundert Zimmer enthält und den Ab- schluß der Anlagen auf der Isarhöhe bildet.
Die k. mineralogische Sammlung befindet sich im Jesuitengebäude an der Neuhausergasse Nr. 51. Sie bewahrt die interessantesten Exemplare. Die frühere herzoglich Leuchtenberg'sche Sammlung ist damit vereiniget.
Die Ministerien des Staates sind folgende: des k. Hauses und des Aeußeren, Promenadeplatz Nr. 22; der Justiz, Augustinergasse Nr. 2; des Inneren, Theatinerstraße Nr. 21/1; für Kirchen- und Schul-Angelegenheiten, Theatinerstraße Nr. 21; der Finanzen, Theatinerstraße Nr. 21/1; des Handels und der öffentlichen Arbeiten, Neuhausergasse Nr. 51/1; des Krieges, Schönfeldstraße Nr. 1.
Die Münchner Künstlergesellschaft, in einem gothisch dekorirten Lokale im Cast Dosch an der Dienersstraße Nr. 20, bildete sich 1840 bei Gelegenheit des großen Künstler-Maskenzuges mit Kaiser Maximilian und Albrecht Dürer. Das erste Constitutionsfest feierte sie im Bräuhause zum Stnbenvoll, und wiederholte es bis 1852. Damals trennte sich die Gesellschaft, und ein Theil ging nach Altengland. Von dort wurde eine Vereinigung angestrebt, und diese neu constituirte Gesellschaft hauset im Cafe Dosch, ehemals Schafroth. Auch ein Künstler-Sänger-Verein besteht, welcher aber mit der erwähnten Gesellschaft nicht verbunden ist.
Der Münchner Sängerbund erstrebt die Verbindung aller Gesangvereine, und zieht daher ein weiteres Band.
Das Münz- und Medaillen-Cabinet, im ersten Stocke des Jesuitengebäudes an der Neuhausergasse Nr. 81, wurde von Herzog Albert V. gegründet, von dem Churfürsten Carl Theodor mit der Mannheimer Sammlung vereiniget, und von den späteren Königen durch mehrere Ankäufe vermehrt. Freunde der Numismatik finden reiche Schätze, welche auf vorherige Anfrage bei dem Conservator Professor Dr. I. Streber besichtiget werden können.
Das Museum, ein Verein für gesellschaftliche Unterhaltung an der Promenadestraße Nr. 12, nimmt das ehemalige von F. Couvillier erbaute fürstlich Portia'sche Palais ein, und besitzt es eigenthümlich. Fremde können eingeführt werden und genießen einen Monat lang freien Eintritt; dann können sie für einen Monatsbeitrag von 2 fl. 43 kr. als außerordentliche Mitglieder beitreten. Eine eigene Abtheilung des Museums bildet der Leseverein, in welchen man ebenfalls als ausserordentliches Mitglied gegen einen Jahresbeitrag von 12 fl. oder einen solchen von 1 fl. 30 kr. monatlich sich aufnehmen lassen kann. — Man findet hier eine gute Auswahl der vorzüglichsten Zeitschriften Deutschlands, Frankreichs und Englands; auch Flugschriften und Werke belletristischen Inhalts. — Ebenso werden Vorlesungen, Concerte und Bälle veranstaltet.
Das k. Naturalien-Cabinet befindet sich an der Neuhausergasse Nr. 31, und ist Samstag Vormittags im Sommer dem Publikum geöffnet. Es entwickelt in drei Sälen einen großen Reichthum an Säugethieren, Vögel, Amphibien, Fischen, Conchylien u. s. w.
Das Oktoberfest, das großartigste aller Feste in München und für ganz Bayern, wurde 1810 gegründet. Den 12. October dieses Jahres vollzog Kronprinz Ludwig seine, Vermählung mit der Prinzessin Therese von Hildburghausen, und diese freudig begrüßte Begebenheit sollte besonders gefeiert werden. Man beschloß, sie durch ein seit längerer Zeit nicht mehr gesehenes nationales Pferderennen zu verherrlichen, und die Einleitung traf der Major der Bürger-Cavallerie A. v. Dallarmi. Den 17. October war der erste Tag, an welchem Tausende von nahe und ferne herbeiströmten, um das Fest und den Kronprinzen mit seiner jungen Gemahlin Therese zu sehen. Auf der nach dieser benannten Wiese wurde für den König und die allerhöchsten Herrschaften ein Pavillon erbaut, und nach seiner Ankunft setzten sich die Züge in Bewegung; zuerst das zur Ehrenwache bestimmte Bürger-Militär mit fiiegenden Fahnen und Musikcorps, die Preisfahnenträger, und zuletzt die Rennpferde mit ihren Führern von der Landwehr-Cavallerie angeführt. Inzwischen spielten Musikchöre und wurden vaterländische Lieder gesungen. Neun in die Nationalfarben gekleidete Kinder brachten als die Kreise des Landes vor dem Königszelte ihre Huldigung dar. Endlich erfolgte das Zeichen zum Absprengen der Pferde, und in 18 Minuten war der Kreis von 11,368 Fuß dreimal umritten. Die Bürger-Cavallerie spielte damals die Hauptrolle. Es wurden sogar von Auswärts Reiteroffiziere mit Mannschaft abgesandt. Den Schluß des Festes machte die feierliche Preisevertheilung. Im Jahre 1811 fand wieder ein Pferderennen statt, diesmal betheiligte sich aber der landwirthschaftliche Verein, welcher auf den 14. October zur Ausstellung von Zuchtvieh verschiedener Art einlud. Die Besitzer des schönsten Viehes und die Sieger auf der Rennbahn erhielten ansehnliche Preise. So wurde es auch im folgenden Jahre gehalten, 1813 und 1814 unterblieb aber das Fest. Im Jahre 1818 war wieder großer Jubel, und im folgenden Jahre, jenem der großen Theuerung, wurde das Fest erweitert, um dem Volke bei den trüben Zeiten eine Aufheiterung zu geben. Aus dem Jahre 1816 datirt der Glückshafen und das Vogelschießen. Der 4. October 1818 wurde zu einem Central- feste des landwirthschaftlichen Vereins bestimmt, wie immer mit Pferderennen und feierlicher Preisevertheilung. Damals wurde statt des Vogelschießens das erste Scheibenschießen veranstaltet, wobei ein gesatteltes Pferd den ersten Preis bildete. Der landwirthschaftliche Verein veranstaltete auch 1819 ein Central-Landwirthschaftsfest, jetzt aber traf der Magistrat alle Anstalten, und es war zum Erstenmal ein Nachrennen mit Preisevertheilung. Im Jahre 1826 wurde das Decennium gefeiert, und sofort wie- derholte sich das Fest mit immer größerer Ausdehnung auf Kosten des Magistrates. Von 1827—1830 fanden auch Feuerwerke statt. Im Jahre 1836 galt das Oktoberfest zugleich auch zur Feier der 28jährigen Vermahlung des Königs Ludwig. Damals wurde ein Festzug veranstaltet, wie München nie einen solchen gesehen hatte. In anderer Weise wiederholte sich ein prachtvoller Festzug 1880 bei der Enthüllung der Bavaria, doch nicht bei Gelegenheit des Octoberfestes, sondern acht Tage später.
So ist also unser Oktoberfest auf der Theresienwiese als Nationalfest von kulturgeschichtlicher Bedeutung. Es zieht alljährlich viele Tausende aus allen Gauen des Landes heran, indem das Schönste zu schauen ist, was die Landwirthschaft hervorbringt und die Mechanik für dieselbe leistet. Nie fand ein Fest ohne Pferderennen statt, und seit vielen Jahren knallt die Büchse des Scheibenschützen. Der landwirthschaftliche Verein erwarb sich für dieses Fest den Dank des Landes.
Der Oratorien-Verein, jetzt im k. Odeon, besteht aus Gesangs-Dilettantinnen und Dilettanten der gebildeten Stände, welche unter sich, sowie in einigen Jahresconcerten für die außerordentlichen Mitglieder, Compositionen im Fache älterer nnd neuerer Kirchenmusik, im classischen Opern- und im gediegenen Liederfache zur Ausführung bringen. Musikalischer Dirigent ist zur Zeit Frhr. v. Perfall.
Die k. Pagerie, im oberen Stocke des Hof-Feuerhauses an der Kapellenstraße Nr. 2, dastrt ihren Ursprung in die Zeit des Herzogs Albert V. hinauf. Er nahm 1377 Zöglinge in das adelige Convict unentgeldlich auf, und noch genießen Söhne aus dem Adel Freiplätze in der Anstalt. Der Aufenthalt erstreckt sich in der Regel auf fünf Jahre. Im unteren Geschosse sind die Feuer-Requisiten aufbewahrt.
Die paläontologische Sammlung des Staates, zu ebener Erde des ehemaligen Jesuitengebäudes, ist unter allen derartigen Sammlungen in Deutschland die größte und merkwürdigste, da seit 1843 die Sammlung des Grafen Münster damit vereiniget ist. Der Ichthyosaurus, Mystriosaurus, Pterodactylus u. s. w. nehmen den ersten Rang ein. Die versteinerten Theile der Thiere sind hier zoologisch, nicht geognostisch geordnet, und in 7 Sälen ausgestellt.
Das Palais des Herzogs Maximilian in Bayern gehört zu den geschmackvollsten Bauten an der Ludwigsstraße (Nr. 8). Es wurde von 1828 bis 1830 von L. von Klenze im Style der italienischen Renaissance erbaut, und im Inneren kunstvoll ausgeschmückt. Im Empfangssaal sind Fresken aus der Mythe des Herkules von Robert Langer, im Tanzsaale solche aus der Fabel von Amor und Psyche von W. von Kaulbach, und tanzende Figuren von Clemens von Zimmermann ausgeführt. Der plastische Fries mit dem Bacchuszug ist ein Werk des L. v. Schwanthaler. Es fehlt auch nicht an Kunstsammlungen verschiedener Art, Und die moderne Eleganz erstreckt sich bis auf das Kleinste.
Das Panorama von München kann in jeder Hinsicht großartig genannt werden. Um es zu übersehen, mag man den nördlichen Frauenthurm oder den St. Petersthurm besteigen, von wo aus sich die interessantesten Prospekte darbieten. Vom Petersthurme aus nahm A. Meermann das Panorama des Hochgebirges auf, welches in Kupfer gestochen bei Gg. Franz zu haben ist. Genußreiche Ansichten über die Stadt und das Isarthal hat man auch auf der Isaranhöhe, sowohl stromaufwärts nach Harlaching, oder vom Gasteigberg abwärts nach Bogenhausen. Die Wanderung auf dieser Bergstrecke ist genußreich, indem seit drei Jahren die Anlagen in reicher Fülle sich entwickelt haben.
Photographische Anstalten existiren hier sehr viele, davon sind nur einige zu nennen:
Das physiologische Institut an der Findlingsstraße Nr. 3/c steht mit dem an der Schillerstraße Nr. 24 erbauten anatomischen Theater in Verbindung. Es wurde von 1833 bis 1834 nach dem Plane des Oberbaurathes Ä. v. Voit erbaut. Die da aufbewahrten Präparate können durch den Hausmeister gezeigt werden.
Das k. Kupferstich- und Handzeichnungs-Cabinet befindet sich im Erdgeschosse der Pinakothek, und ist Dienstag und Freitag dem Publikum geöffnet. Die Thüre rechts in der Vorhalle führt dahin. Die Kupferstich-Sammlung enthält über 300,000 Blätter, welche von dem verstorbenen Inspektor F. Brulliot und seinem Nachfolger R. Brulliot nach Malerschulen geordnet sind. Man findet hier einen großen Reichthum von alten, neueren und neuesten Blättern, dann alle vorzüglichen Galeriewerke und eine gewählte Bibliothek. Die Handzeichnungs-Sammlung zählt ebenfalls an 9000 bedeutender älteren und neueren Blätter. Der Inspektor Robert Brulliot hat in den letzten Jahren einen vollständigen Catalog hergestellt, aber nur nach den vorhandenen unkritischen Aufzeichnungen, und ohne die Reserve von Zeichnungen zu benützen. Der gegenwärtige Conservator, Dr. I. H. von Hefner- Alteneck, richtet auf die Zeichnungsschätze älterer Zeit ein beson- deres Augenmerk. Hier werden auch die Zeichnungen des Cornelius zu den Bildern in den Loggien der Pinakothek, sowie jene des Malers Moriz Rugendas, welche er in Südamerika ausgeführt hatte, aufbewahrt. R. Brulliot hat seltene alte Kupfer- stiche und Holzschnitte, und dann auch Handzeichnungen durch Photographien bekannt gemacht.
Die Vasensammlung des Königs Ludwig ist im Erdgeschosse des westlichen Flügels der Pinakothek in fünf mit Copien der Grabgemälde zu Cvrneto und altgriechischen Ornamenten geschmückten Sälen aufgestellt. Die großentheils mit Figuren und Arabesken gezierten Gefässe wurden in Grabkammern griechischer und alfitalienischer Städte gefunden, und wurden selbe bei den Todtenopfern gebraucht. Als Weih- und Festgeschenke dienten sie aber auch zum Schmuck der Wohnungen, und ein Theil selbst zum häuslichen Gebrauche. Die Zeit der Entstehung läßt sich nicht genau bestimmen, doch weist die Form der Buchstaben in In- schriften bis auf 600 Jahre vor Christus hinauf. Man findet hier aus allen Perioden der Vasenfabrikation die schönsten Exemp- lare. Eine Menge sind einzig, nicht nur was ihre Form, sondern auch was die bildliche' Darstellung betrifft. Mehrere hundert Gesässe kommen aus Griechenland, welche meistens schwarze oder braunrothe Figuren auf weißem Grunde zeigen. Ueber 1800 Vasen stammen aus den Gräbern von Tarquinii, Vulci, Corneto, Montalto, Girgenti, Canosa, Basilicata rc. Es sind die Sammlungen der Gräfin Lipona mit Prachlgefäsien aus neapolitanischen Museen, des Ciantes Paniteri von Girgenti u. s. w. vereiniget, im Ganzen mehr denn 3000 Stücke. Den Fußboden des großen Ecksaales ziert ein antikes Mosaikgemälde: Helios im Thierkreise mit der Gea und den Horen. Auch Wandgemälde aus Pompeji sind vorhanden. Der Eintritt wird nur ausnahmsweise mit Billeten gestattet, welche von den Herren Conservatoren der Pinakothek ausgegeben werden.
Die Sammlung von Porzellangemälden enthält vollkom- mene Nachbildungen der vorzüglichsten Kunstschätze der Pinakothek, ausgeführt von Adler, C. Heinzmann, Auer, Lefeubure, Werberger, Wustlich rc. Sie ist gleichfalls im Erdgeschosse aufgestellt.
Die k. Polizei-Direktion befindet sich an der Weinstraße Nr. 13. Dieses Gebäude, aus der Zeit von 1690—1694, war für das Institut der englischen Fräulein bestimmt. S. Geschichte von München S. 88. Die Polizeiverordnungen für Fremde s. Einleitung.
Die polytechnische Schule nimmt mit der Gewerbsschule einen Theil des Danlenstiftes an der Damenstiftsgasse Nr. 1 ein. Sie wurde den 27. September 1827 gegründet, und ein Regulativ vom 7. Februar 1829 stellte das Verhältniß und den organischen Zusammenhang beider Anstalten fest. Damals gingen alle Real- schulen des Landes in Gewerbsschulen über. Den 16. Februar erhielt der Bestand dieser Schule eine neue Normirung, und sie hatte mit den landwirthschaftlichen und gewerblichen Anstalten dem Zwecke zu dienen, die Kunst in die Gewerbe zu übertragen. Den 4. April 1836 erfolgten Bestimmungen über die Gesammtorganisation der technischen Schulen, und 1861 wurden Einleitungen getroffen, die drei bayerischen polytechnischen Schulen in eine einzige technische Hochschule zu verwandeln.
Die k. Porzellan-Manufaktur in Nymphenburg hat ihre Niederlage im Hause Nr. 9 an der Kaufingergasse. Diese Anstalt entstanv 1747 zu Neudeck in der Au, und wurde 1758 nach Nymphenburz verlegt. Bis 1856 war sie wesentlich eine Kunst- und Musteranstalt, welche in dem erwähnten Gebäude ihre Einrichtung hatte, aber als solche keinen Aktivrest abwarf. Bei der Reorganisation von 1856 wurde daher aus der Kunstanstalt eine Commissionsniederlage, und da zu gleicher Zeit die Inspektion und die Malerei nach Nymphenburg verlegt wurden, fand man es gerathen, das der Manufaktur gehörige Gebäude zu verkaufen, um die zur Wiederherstellung des technischen Betriebes erwachsenen Kosten zu decken. Der Commissions hat seit 1857 den Verkauf der Produkte der Nymphenburger Manufaktur. Diese Anstalt erfreute sich viele Jahre eines europäischen Rufes, und was sie theils geleistet hat, und noch leistet, ist in der erwähnten Niederlage ausgestellt. Die Manufaktur in Nymphenburg wurde 1861 verpachtet.
Der Prater heißt eine kleine baumreiche Isarinsel mit einem besuchten Wirthshause. An bestimmten Tagen findet Musik und zuweilen auch ein Feuerwerk statt. Die zu dem Prater führende hölzerne Brücke wurde 1813 von Wiebeking erbaut, und sie ist die einzige, die ihn nach verschiedenen Reparaturen überlebt hat. In der Nähe führt die neue Maximiliansbrllcke nach dem Maximilianeum auf der Anhöhe.
Privatgebäude, welche den höheren Anforderungen der Archi- tektonik entsprechen, besitzt München viele. Die'fürstlichen Paläste haben wir schon oben erwähnt, und auch die Erinnerung an einige Häuser der Maximiliansstraße ist durch Vignetten festgehalten. Hier wollen wir zeigen, wie einige Maler und Architekten bauten, bevor die Anlage der Maximiliansstraße die Anwendung eines freieren Styles gestattete. Von sehr gefälliger Form, und von glücklicher Anwendung des italienischen Rundbogen-Styl ist ein Haus an der Barerstraße Nr. 6, welches der Hofrath Baron von Bernhard erbaute, und dann in den Besitz des Grafen von Lippe- Weissenfeld überging. Nur durch den Garten getrennt ist ein prächtig ausgestattetes kleines Haus, welches 1848 eine gewisse Berühmtheit (Lola) erlangt hat. Jetzt ist es im Besitze der Wittwe Anna Brey.
Zu den schönsten früheren Gebäuden zählt auch das Palais des Grafen Schönborn-Wiese nthaid an der Ottostraße Nr. 9.
Die Villa der höchstseligen Königin Therese an der Schwabinger Landstraße gehört in dieselbe Categorie.
Das Haus des Direktors Wilhelm von Kaulbach an der oberen Gartenstraße Nr. 16'/, hatte der 1843 verstorbene Schlachtenmaler Dietrich Monten erbaut, und es wurde als Muster eines neuen Styls gepriesen.
Der Baurath und Professor Lud. Lange wich beim Baue seines Hauses an der Kasernstraße Nr. 16 von den stylistischen Zwangsregeln vollkommen ab, ohne daß seine Collegen diese Licenz streng tadeln zu müssen glaubten.
Zuweilen fand aber auch ein Künstler wieder Lust zur Anwendung der Formen der Gothik, und gefiel sich im Aeußern und Innern mit denjelben. Das Haus des Malers und Lithographen P. Herwegen an der Heustraße Nr. 21 erinnert uns au die Zeit des deutschen Mittelalters.
Gebäude ähnlichen freien, theils malerischen Styls findet man in den äußeren Straßen viele, und wir laden den Freund der Architektur ein, in denselben herum zu wandern, wenn ihm auch viele styllose Häuserkästen begegnen.
Die Privat-Gemäldesammlungen stehen den Kunstfreunden nach vorheriger Anmeldung bei ihren Eigenthümern freundlich zur Besichtigung offen. Wir erwähnen darunter jene der Gräfin Mathilde von Waldenburg (Ludwigsstraße Nr. 12), des Fräulein E. Linder (Karlsplatz Nr. 23), des Grafen L. von Arco (Wittelsbacher Platz Nr. 1), des Baron Rettberg (Landwehrstraße Nr. 10/2), des Grafen von Schönborn (Ottostraße Nr. 9), des Institutinhabers D. Lenoir (Sendlingerstraße Nr.,63/2), des Advokaten Hierneis (Promenadeplatz Nr. 13), des Bildhauers I. M. Entres (Herbststraße Nr. 3), des Senftfabrikanten I. K. Develey (Sonnenstraße Nr. 21/0), des Baron v. Schack (Briennerstraße Nr. 22). Merkwürdig ist auch die Hirschgeweihsammlung des Grafen M. v. Arco, Wittelsbacherplatz Nr. 1.
Promenaden oder Spaziergänge, im Bereiche der Stadt, bieten die Ludwigs- und die neue Maximiliansstraße. Besonders besucht ist letztere, da sich das Auge an Prachtbauten weiden kann. In weiterer Fortsetzung gelangt man über die Isarbrücke nach dem Prater, und über den Berg nach dem Maximilianeum. Von da aus laden die schönen Anlagen auf der Isaranhöhe zu einem weiteren Spaziergange nach Bogenhausen oder Brunnthal ein. Bei. minder günstigem Wetter nehmen die Arkaden des Hofgartens zahlreichen Besuch an, und von da aus gelangt man in den englischen Garten. Auch an dem linken Ufer der Isar auf- wärts sind herrliche Anlagen an den Dämmen. Wer äusser den genannten Straßen auch noch andere Straßen und Plätze der Max- und Ludwigs-Vorstadt besucht, findet viele schöne Häuser und Gärten.
Das k.Regierungsgebäude, am Marienplatz Nr. 9 und 10, ist ein alter gothischer Bau, dessen Facade im 16. Jahrhundert im Renaissancestyl hergestellt wurde. Das Eckhaus Nr. 10 kaufte zu Anfang des 15. Jahrhunderts der Magistrat, und richtete im Erdgeschosse eine Trinkstube ein, indem er bereits auch einen Weinstadel inne hatte, nämlich das Haus Nr. 20 an der Dienersgasse, das heutige Hotel „Dosch", dessen Parterre-Lokal die alte Weinschenke ist. Von 1514 an tagten im oberen Stocke der Trinkstube die Landstände, welche aber 1554 das anstossende, und 1565 auch die beiden folgenden Häuser käuflich erwarben. Das Nr. 9 gezeichnete Haus besteht also aus drei Complexen, und bildet mit Nr. 10 das Regierungsgebäude. Gegen 1570 wurde die.Fayade der Häuser geändert, um sie möglicher Weise in Uebereinstimmung zu bringen. Bei dieser Gelegenheit wurden die Flächen auch mit Gemälden geziert, welche aber längst verschwunden sind. Die Trinkstube vertauschte der Stadtrath 1807 an die Landstände, diese wurden aber 1808 aufgelöst. Jetzt nahm die k. Regierung Besitz, noch lange aber kannte das Volk die Häuser Nr. 9 und 10 als die der Landschaft. Das Haus Nr. 8 wurde als Wohnung des Regierungs - Präsidenten eingerichtet.
Das k. Reichs-Archiv befindet sich—im Erdgeschosse der k. Hof- und Staatsbibliothek. Es enthält in 26 Sälen einen staunenswerthen Reichthum an alten Urkunden und Akten, welche ans den landesfürstlichen Archiven, und dann aus den Archiven der Hochstifte und Reichsstädte zusammenflossen. Ueber den dreißigjährigen Krieg allein befinden sich hier 804 Foliobände und 74 Faszikel werthvoller Akten. Der Besuch dieser Anstalt ist beschränkt.
Renten- und Unterstützungs-Verein für Frauen und Mädchen. Er ist berechnet, einerseits seinen Mtgliedern gegen verhältnißmäßige geringe Einzahlungen später eine Jahresrente zu gewähren, andererseits aber denselben Arbeit und damit Verdienst zu verschaffen, daher er einen Verkaufsladen, Löwengrube Nr. 1, hält. Er besteht erst seit Anfang September 1862, hat in der kurzen Zeit von 6 Monaten aus seinen Reservefonds bereits 12,000 st. auf Hypotheken fruchtbringend ausgeliehen, zählt dermal über 2300 ordentliche und mehr als 300 außerordentliche Mitglieder, hat Corporationsrechte, ist im Verband des St. Johannisvereins ausgenommen, und verspricht in der Folge eine weitgehende Thätigkeit mit großem sittlich-moralischen Einfluß.
Die k. Residenz zerfällt in drei Theile: die alte Residenz, den Königsbau und den Saalbau.
Die alte, von Maximilian!, erbaute Residenz steht auf dem Areal der von Herzog Albert IV. erbauten neuen Veste, über welche wir in der Geschichte von München S. 48 gehandelt haben. Der ältere Theil ist jener, zu welchem das erste Portal vom Königsbau herführt. Dieser Bau, an welchen sich in schiefer Linie das Antiquarium im Brunnenhofe schließt, war mit der Hofkapelle 1601 vollendet. In das Antiquarium, einen großen tiefgelegenen Saal, über welchen wir unter „Anti- quarium" bereits gehandelt haben, gelangt man vom Grottenhofe aus. Letzterer enthält ein niedliches Gärtchen, und eine mit Malereien verzierte Halle. Das in der Mitte derselben eingebaute, ehedem mit Wasser reich versehene Grottenwerk verdeckt die eine Wand des Antiquariums, welches mit dem alten Residenztheile nicht in unmittelbarer Verbindung steht, sondern der 1597 noch vorhandenen, aber durch Brand beschädigten neuen Veste gegenüber als Kunst- und Antiquitäten-Saal erbaut, und 1600 vollendet wurde. Die in letzter Zeit von dem Conservator Eigner in Augsburg xestaurirten Gemälde 'der Halle sind von Friedrich Sustris und einem Padoanino ausgeführt. Die Darstellungen sind großentheils den Verwandlungen Ovid's entnommen, und in Fresco gemalt. Die Brunnenstatue des Theseus mit dem erhobenen Medusenhaupte ist nach der Zeichnung des Christoph Schwarz von Hubert Gerhard modellirt uud in Erz gegossen. Die auf der Südseite angebrachte Thüre im Grottenhofe führt zur k. Schatzkammer, welche mehrere Millionen an Werth enthält. Sie kann auf Anfrage gezeigt werden, und es wird darin der Kenner ebenso befriediget, als die staunende Neugierde.
Die alte Hofkapelle enthält keine Kunstmerkwürdigkeit. Das Altargemälde wurde 1600 von Hans Werle oder Wöhrl gemalt. Man schreibt es dem Christoph Schwarz zu, es ist aber aktenmäßig, daß Werle 300 st. dafür erhalten hat. Seit dem Baue der Aller- heiligenkapelle ist diese Kirche gewöhnlich geschlossen. Nur die hohen Ritterfeste werden darin gefeiert. Bei dieser Gelegenheit sind die Wände mit Hautelisse - Tapeten und mit Wappenschilden geziert. Besonders merkwürdig ist qber die im ersten Stocke befindliche, und 1607 von Maximilian I. eingerichtete reiche Kapelle. Man sieht hier überall Gold, Silber, Perlen, Edelsteine und Kunstwerke aller Art, unter welchen aber die kirchlichen vorherrschend sind. Auf Anfrage, und zu bestimmten Stunden wird der Besuch der Kapelle gestattet.
Dem alten Flügel gegenüber, und durch den Kapellenhof getrennt ist der Neubau des Churfürsten Maximilian I. Den Plan fertigte der churfürstliche Hofbaumeister Heinrich Schön, nicht der Maler Peter Candito, wie man angibt. Wir haben dieses in der Geschichte von München S. 73 nachgewiesen, wo überhaupt die Geschichte des ganzen Residenzbaues nachgelesen werden kann. Der Grundstein wurde 1612 gelegt, und 1619 war das Gebäude vollendet. Der ältere Bau ist durch eine gemeinschaftliche 130' lange Facade mit dem Neubau verbunden, und die ganze Anlage verkündet einen Meister , welcher im Renaissance-Styl noch wohl erfahren war. Zwei Portale führen in Höfe: den Kaiserhof, den Kapellenhof,- den Brunnenhof und den Küchenhof. Ueber den Portalen sind allegorische Figuren von Bronze, die Tapferkeit und Mäßigkeit, die Weisheit und Gerechttgkeit vorstellend, nach der Zeichnung des Peter Candito von Hans Krümper ausgeführt und in Erz gegossen. In Mitte der Faxade ist die Statue der hl. Jungfrau als Patrona Bavariae mit dem Kinde, ebenfalls von H. Krümper gegossen. Unter der Statue ist eine große Laterne von Bronze angebracht, in welcher Maximilian!. u. die späteren Churfürsten Samstags bei einttetender Dunkelheit ein Licht anzünden ließen. Vor der Residenz war eine Balustrade angebracht, welche bis 1731 bestand. Die auf Basen ruhenden Löwen mit Wappenschilden waren die Wächter derselben. Sie wurden von Carlo Pellago oder Pallagio nach den Modellen des Hubert Gerhard gegossen, und waren ursprünglich für den Jesuttenbau bestimmt. Deßwegen sind auf den Schilden symbolische Vorstellungen, und nicht das bayerische Wap- pen angebracht.
Den westlichen Flügel bewohnte Maximilian I., und es sind noch viele Erinnerungen an ihn vorhanden. Die alten Stuccaturen sind nach Modellen von Hans Krümper von Blasius Fistolator ausgeführt, und die Hautelisse-Tapeten stammen theils aus der von Maximilian I. im Jahre 1603 gegründeten und bis 1616 bestandenen Hautelisse-Manufaktur. Auch ältere Tapeten aus Arras und Brüssel sind vorhanden. Zu den letztern gehören Darstellungen aus dem alten und neuen Testamente nach den Cartons des Malers Jan Cornelis Vermeyen. Die Teppiche aus der Münchner Manufaktur haben das Monogramm des Churfürsten Maximilian I. und seiner Gemahlin, und dann jenes des Obermeisters Hans van Biest. Prachtvoll sind die zwölf Teppiche mit der Geschichte Otto's des Großen in Seide mit Gold durchwirkt. Sie befinden sich aber nicht an den Wänden, sondern werden eigens bewahrt. In Seide sind diese Vorstellungen im bayerischen National-Museum zu sehen. Die Zahl der noch vor- handenen Wandtapeten ist bedeutend, man muß aber die Zeit unterscheiden, in welcher sie entstanden sind. Ein Theil kommt aus der von Max Emanuel 1718 wieder in's Leben gerufenen Manufaktur. In den ersten Jahren herrschte eine große Thätigkeit,. da der Churfürst auch für das Schloß in Schleißheim Teppiche ausführen ließ. Im Jahre 1767 war nur mehr ein einziger alter Arbeiter vorhanden, der Churfürst Maximilian Joseph III. gewährte aber dem Institute wieder die größte Unterstützung, und es wurde in Zeit von 13 Jahren mehr gearbeitet, als früher in 43. Auch Carl Theodor ließ mehrere Tapeten ausführen, und die letzten stammen aus der Zeit des Königs Maximilian I. als Churfürsten. Diese Zeitverhältnisse sind bei der Betrachtung der Münchner Hautelisse- Arbeiten zu berücksichtigen. Die Plafond- gemälde der Maximilianischen Gemächer sind größtentheils von Peter Candito, und einige von Hans Werle ausgeführt. Die Stuccaturen fertigte Blasius Fistolator mit seinen Söhnen nach den Zeichnungen und Modellen des Hans Krümper. Dieß gilt aber nur von den alten Maximilianischen Gemächern, die Decoration in jenen der übrigen Flügel erlitt in verschiedenen Perioden eine Abänderung.
Im Kaiserhofe links führte eine prächtige Treppe in den Kaisersaal, welchen aber König Maximilian I. in zwei Stockwerke abtheilen ließ. Das untere Geschoß nahm er selbst, das obere die Königin Caroline ein. Beide haben noch das Meublement dieser hohen Herrschaften.
Von hier aus gelangt man in die Kaiserzimmer. Die Gemächer des Kaisers Karl VII. (s 1745) sind äusserst prächtig im Geschmacke der Zeit desselben ausgestattet. Das erste enthält den kaiserlichen Thron, das zweite war zur Audienz für die Gesandten, das dritte zu Conferenzen bestimmt. Von hier aus tritt man links in die an Gemälden reiche grüne Galerie, und das vierte Zimmer ist das Schlafzimmer, in welchem Napoleon I. wohnte. Das Paradebett unter dem Thronhimmel, welches demselben für zu kostbar erschien, soll mit dem Himmel in den Stickereien 800,000 st. Gold enthalten haben. Das fünfte Gemach nennt man das Spiegelzimmer, und hierauf folgt ein Cabinet mit schönen Gemälden und Miniaturen. Der Kronleuchter von Elfenbein ist eine eigenhändige Arbeit des Churfürsten Maximilian I.
Die sogenannten schönen Zimmer ließ der König Maximilian I. einrichten. Sie bestehen aus einem Audienz- und Thronzimmer, aus dem Speisesaal und Schlafzimmer.
Die Fürstenzimmer, gegen den Brunnenhof, bewohnte der Churfürst Carl Theodor (P1799), sie haben aber nicht mehr die frühere Decoration. Diese Zimmer nahm König Ludwig I. bis zur Vollendung des Königsbaues ein.
Hieran stößt der Herkules-Saal, welcher zu den kölnischen Zimmern führt. Sie haben von dem Churfürsten Clemens August von Cöln ihren Namen, uud sind mit Wand- und Deckengemälden geschmückt.
Nächst dem jetzt zu Hofconzerten und Bällen bestimmten Herkules-Saal hat die Residenz noch einen Hartschier-Saal, in welchem einst Tapeten von vergoldetem Leder waren. Aus diesem kommt man in die jetztigen Conferenz-Zimmer, und von da aus in die päpstlichen Zimmer, welche im Jahre 1782 Pius VI. bewohnte. Die ehemalige Pracht ist im Verbleichen.
Äusser diesen Gemächern befindet sich hier noch der kleine schwarze Saal, und die steinernen oder griechischen Zimmer, wo König Otto von Griechenland wohnte.
Wir müssen uns auch noch durch den Kapellenhof in den Brunnenhof begeben. Unter dem beide verbindenden Bogen ist links oben an der Wand eine Tafel, welche besagt, daß Herzog Christoph (1490) den unten liegenden Stein mit dem Fuße aufheben und wegschleudern konnte, und daß er im Sprunge den obersten der drei eingeschlagenen Nägel mit der Fußspitze erreichte. Das Factum ist wohl richtig, der Sprung geschah aber nicht an der bezeichneten Stelle, indem die Residenz des Herzogs Albert IV. beim Baue der jetzigen demolirt wurde. Sehenswerth ist auch der Brunnen mit Figuren in Erz im Brunnenhofe. Die Statue auf der Säule ist jene des Herzogs Otto von Wittelsbach, und die Erzbilder auf der Brüstung stellen die vier Elemente mit anderen phantastischen Bildungen vor. Man nimmt gewöhnlich an, daß die Bildwerke nach P. Candito's Zeichnungen von Hans Krumper modellirt und gegossen worden seien, die Hauptstatue kommt aber von dem alten Brunnen der Albertinischen Veste, und die übrigen Bildwerke auf der 1689 neu hergestellten Brunneneinfassung sind von gleichem Alter. Sie sind bis auf die stehenden weiblichen Figuren (von Hans Krumper) der Fontaine im alten Hofgarten (jetzt Marstallplatz) der neuen Veste entnommen. Diese Fontaine ließ Herzog Albert V. (+1379) herstellen, so wie den Neufestbrunnen mit der Statue Otto des Großen.
Der k. Saalbau. 1832 nach dem Plane des Leo oder der nördliche Residenzflügel, wurde v. Klenze begonnen, und am 12. Oktober 1842 eröffnet. Die Mitte der 800' langen Frome bildet ein dreifaches Portal im Style der spätitalienischen Re- und auf Attika stehen kolossalen Figuren der ehemaligen acht Kreise Bayerns von L. v. Schwanthaler in Marmor aus- ia enthalten Darstellungen aus der geführt, bayerischen Geschichte.
Am Ostende des Baues ist ein alter runder Thurm eingeschlossen, in welchem Herzog Christoph der Starke gefangen saß. Der Thurm wurde um die Mitte des 13. Jahrhunderts gebaut, gleichzeitig mit der Veste des Herzogs Albert IV.
Erdgeschoß. Es enthält sechs Säle mit großen Wandgemälden aus der Odyssee, theils nach Skizzen L. v. Schwanthaler's von Hiltensperger enkaustisch ausgeführt. Die nicht malerisch geordneten Zeichnungen des genannten Bildhauers bedurften jedoch in vielen Dingen einer Umbildung zur Erzielung des malerischen Effektes, und in den beiden letzten Sälen tritt Hiltensperger selbstständig auf. Die Gemälde bilden eine fortlaufende Reihe von Bildern, an deren Spitze im ersten Saale Homeros mit der Lyra in Begleitung der Calliope vorgestellt ist, mud sofort werden die Homerischen Gesänge illustrirt.
I. Saal. 1. Beschluß der Götterversammlung, den Odysseus von der Insel Ortygia in die Heimath zu führen. 2. Telemachos vor den Freiern der Penelope. 3. Penelope beim Trennen des Gewebes belauscht. 4. Telemachos besteigt mit Mentor das Schiff. 5. Telemach bei Nestor. 6. Teleniach bei Menelaos und Helena. 7. Die Hochzeit der Tochter der Helena. 8. Traum der Penelope vom Verrath der Freier an Telemachos.
II. Saal. 1. Merkur bringt der Kalypso die Botschaft, laß Odysseus die Insel verlassen müsse. 2. Die Abfahrt desselben. 3. Nausikaa bei der Wäsche. 4. Odysseus nach dem Schiffbruche vor Nausikaa. 3. Odysseus vor dem Palaste des Alkinoos. 6. Das Gastmahl im Palaste. 7. Odysseus als Diskuswerfer. 8. Deuodokos besingt den Fall Troja's.
III. Saal. 1. Odysseus erzählt dem Könige der Phäeken seine Abenteuer. 2. Die Flucht desselben vor den Lästrigoren. 3. Odysseus in Liebe entbrannt zur Cjrce. 4. Odysseus vor den Schatten in der Unterwelt. 8. Odysseus vor den Syrenen der Scylla. 8. Das Schlachten der Rinder des Phöbus auf Tnnakria. Ueber der Thüre gibt Aeolus dem Odysseus den Schlauch mit den Weiden.
IV. Saal. I. Odysseus schaut Ithaka. In der Ecke Telemachos. 2. Odysseus beim göttlichen Schweinhirten. In dec Ecke Penelope. 3. Theoklymenos deutet dem Odysseus den Flug der Vögel. 4. Telemachos gibt sich zu erkennen. 8. Seine Ermordung wird beschlossen.
V. Saal. Odysseus wird von dem Geißhirten Timantes beleidigt. 2. Odssens überwindet in Gegenwart der Freier den Jros. 3. Die Freier bringen der Penelope Geschenke. 4. Odysseus wird von der Schaffnerin Erykleia beim Fußbad erkannt. 8. Die Frauen schmücken sich zum Hochzeitsfeste, Theoklymenos verläßt den Saal. Ueber der Thüre ist Odysseus vorgestellt, wie ihn sein auf dem Misthaufen sterbender Hund noch erkennt.
VI. Uber der Thüre erscheint Penelope, wie sie, den Bogen über die Kniee gelegt, ihr Schicksal beweint. 1. Odysseus als Bettler im Saale der Freier, wie er den Bogen spannt. 2. Odysseus wie er im Saale die Freier erschießt. 3. Odysseus nach Erlegung der Freier, wie er den Saal räuchert, und vom Blute reinigen laßt. 4. Dessen Wiedervereinigung mit Penelope im Glanze seiner früheren Gestalt. Der Sänger greift in die Lyra und die Frauen schicken sich zum Tanze an. Ueber der Thüre der Herold und der Sänger um ihr Leben bittend. An der nördlichen Wand ist Hermes, wie er die Seelen der Erschlagenen in die Unterwelt führt, und Odysseus, wie er in das Landhaus des Laertes kommt. Ueber der zweiten Thüre sieht man das Ruhebett aus Oelbaumholz als Wahrzeichen der Erkennung. Die Malereien dieses Saales wurden 1861 vollendet.
Das obere Stockwerk.
Der Aufgang ist am Ostende, wo eine breite Doppelstiege nach den Vorzimmern führt, durch welche man in die Festsäle gelangt. Baalsaal. Mit Gruppen von Tänzern in Relief von L. von Schwanthaler.
Säle der Schönheiten. Mit Bildniffen junger Damen aus allen Ständen, von I. Stieler gemalt.
Bankettsaal. Mit 14 Schlachtbildern in Oel von Peter Heß, Wilh. von Kobell, A. Adam, General von Heideck und D. Monten. Kehren wir in den Baalsaal zurück, so führt uns die Thüre gegenüber in die drei großen Säle, wie folgt:
Saal Carl des Großen. Im oberen Friese sind zwölf Bilder mit Begebenheiten aus dem Leben dieses Kaisers, von A. Strähuber, Palme, Gießmann, G. Jäger gemalt. Die Anlage geht von Julius v. Schnorr aus, die genannten Künstler haben aber an den kleineren Bildern auch selbstständigen Antheil. Die Composition und Cartons zu den großen Gemälden sind von Schnorr, aber von den Künstlern in Parenthese in Farben ausgeführt, 1. Die Salbung Carls zum König der Franken durch Papst Stephan II. (Palme). 2. Der Einzug in Pavia nach der Besiegung des Langobarden Königs Desiderius. 3. Carl's Sieg über die Sachsen bei Fritzlar. (Gießmann). 4. Die Taufe der Sachsen. (Gießmann). 8. Die Synode zu Frankfurt a. M. (Jäger und Palme). 6. Die Krönung in Rom durch Papst Leo. (Jäger). Auch die kleineren Bilder beziehen sich auf Carl den Großen.
Saal des Barbarossa. Er enthält sechs große und vier kleinere Gemälde, alle in Composition und Cartons von I. von Schnorr. Die Ausführung in Farben ist von anderen Künstlern. 1. Friedrich der Hohenstaufe wird in Frankfurt zum deutschen Kaiser ausgerufen. 1182. (Gemalt von Schnorr und Jäger). 2. Sein Einzug in das erorberte Mailand 1162. (Jäger). 3. Die Zusammenkunft mit Papst Alexander III. in Venedig 1183. (Jäger). 4. Das große Volksfest in Mainz, bei welchem Friedrich als Schutzherr der Gedicht- und Gesangskunst erscheint 1188. (Gießmann). 8. Die Schlacht bei Jkonium. (Gießmann). 6. Sein Tod im Fluße bei Seleucia 1190. (Jäger). An der Fensterwand stellt: das eine Bild die Reichsachterklärung Heinrich des Löwen, das andere die Belehnung Otto's von Wittelsbach vor. In den Fenslerecken sind die allegorischen Figuren des Imperium und der JScclesia, der Kampf um die oberste Gewalt. Die Gemälde über 170 Residenz-Theater. Rindermarkt — Ruhmeshalle mit der Bavaria. 171 den Thüren sind von Schnorr ausgeführt: 1. Friedrich nimmt bei der Eroberung von Crema einen verwundeten Italiener auf. 2. Der Friede zu Coustanz. 3. Friedrich begrüßt nach der Schlacht von Jkonium seinen Sohn. — Der Fries mit Reliefs von Schwanthaler stellt den Kreuzzug des Kaisers Friedrich vor.
Saal des Rudolph von Habsburg. Mit vier Wandgemälden, und einem Fries nach den Compositionen des M. v o n Schwind. Letzterer schildert in einem Zuge von Kindern die Folgen des durch Rudolph geordneten öffentlichen Lebens, den Triumph der Künste, Wissenschaften und Gewerke. Die Wandgemälde sind in Composition und Cartons von Schnorr, und die beiden ersten auch von ihm gemalt. 1. Rudolph überläßt einem Geistlichen mit dem Sakrament das Pferd, nm über den Fluß zu setzen. 2. Rudolph erfährt im Lager zu Basel seine Wahl zum Kaiser 1273. 3. Rudolphs Schlacht gegen Ottokar v. Böhmen 1278 (Jäger). 4. Rudolph setzt den Landfrieden ein, verurtheilt die Raubritter rc. (Gießmann).
Der Thronsaal, in einer Länge von 112' und einer Breite von 77', mit von je zehn korinthischen Säulen getragenen Galerien» enthält als Kuustschmuck zwölf colossale vergoldete Erzstatuen von Fürsten aus dem Hause Wittelsbach, nach den Mo- dellen L. v. Schwanthalers, von I. Stiglmayer gegossen. Jede dieser Statuen wiegt 3V Centner und ist mit 300 Dukaten ver- goldet. Sie sind zwischen den Säulen in gtueeo lustro vom Eingänge links an in folgender Ordnung aufgestellt: 1. Otto der Erlauchte (ch 1233). 2. Ludwig der Bayer, Kaiser (st 1347). 3. Ruprecht von der Pfalz, Kaiser (ch 1410). 4. Friedrich der Siegreiche von der Pfalz (ch 1476). 3. Ludwig der Reiche (ch 1479). 6. Albert IV. der Weise (ch 1308). 7. Friedrich II. der Weise, von der Pfalz (1-1536). 8. Albert V. der Großmüthige (ch 1579). 9. Maximilian I. Churfürst (ch 1651). 10. Karl XI. König von Schweden (ch 1697). 11. Johann Wilhelm, Churfürst von der Pfalz (ch 1716). 12. Karl XII., König von Schweden (ch 1718). Diese beiden Könige waren Herzoge von Zweibrücken, und erscheinen daher in der Reihe bayerischer Fürsten.
Rumfordische Suppenanstalten befinden sich am Anger, in der Au und am Lehel. Sie haben den Namen von dem Grafen Rumford, welcher zu Anfang dieses Jahrhunderts jene am Anger gründete. Im Jahre 1861/62 wurden 161,000 Portionen Suppen vertheilt. Die Königin verlieh das Protektorat.
Die k. vereinigten Sammlungen befinden sich in den Sälen über den nördlichen Arcaden des Hofgartens, und wurden 1844 auf Veranlassung des Königs Ludwig aufgestellt. Zu Grunde liegt die ältere bayerische, an Elfenbeinschnitzwerken reiche Sammlung, welche früher unter dem Namen „Elfenbein-Cabinet" bekannt, und auch dem Publikum zugänglich war. Damit ver- einigte der König Ludwig die neueren Erwerbungen, und somit sind über 16,000 Stücke vorhanden. Es sind alle Cultnrperioden der Völker vertreten.
Vorsaal. Altgriechische Terracotten, aus fer Sammlung des Bildhauers Fogelberg. In der Mitte steht Schiller's Arbeitstisch.
I. Saal. Die Birgelstein'sche Sammlung, bestehend in Goldschmuck, silbernen und irdenen Gesässen, Sculpturen verschie- dener Art, Waffen und Geschirren aus Eisen und Bronze, Gläsern k. Die Modelle des Hauses des Sallustius in Pompeji, und des Neptun-Tempels in Pästum sind aus Kork geschnitzt (phello- plastische Arbeiten).
II. Saal. Äusser den Nachbildungen der antiken Wand- gemälde aus der Villa Pamfili, und den Modellen antiker Bauwerke sieht man hier antiken Goldschmuck verschiedener Art, Geschirre von Silber, Alabaster, Glas und Bronze, Alterthümer aus Her- kulanum und Pompeji, Terracotten, Abraxe, Figuren verschiedenen Stoffes, Pateren, Spiegel, Instrumente, Helme, Harnische u. s. w.
III. Saal. Enthält nur chinesische und japanische Arbeiten: Götzenbilder, Gefässe, Geräthschaften, Sculpturen, Malereien u. s. w.
IV. Saal. Reich an indischen Sculpturen aus Brouze, Alabaster, Holz und Stein, Waffen, Geräthschaften, Menschen- und Thiergestalten u. s. w.
V. Saal. Äusser mehreren phelloplastischen Modellen sieht man hier Waffen, Schmucksachen, Götzen, Geräthschaften aus Brasilien, Terracotten und andere Bildwerke aus Mexico u. s. w.
VI. Saal. Schnitzwerke in Elfenbein und Holz, auch Bilder in Stein und Metall, aus verschiedenen Jahrhunderten, welche bereits im alten Elfenbein-Cabinet vorhanden waren. Es liegt ein gedruckter Catalog vor.
VII. Saal. Die Waffensammlung. Viele türkische Waffen, erbeutet von Max Emanuel, dann Waffen des 18. und 16. Jahrhunderts von bayerischen Herzogen, das Schlachtschwert des Churfürsten Maximilian I. rc. Auch der Rock des General Tilly, und ein Anzug Friedrichs des Großen ist vorhanden. In Mitte des Saales ist das große Modell des Heidelberger Schlosses, und im Glaskästchen an der Wand eine Feder, deren sich König Ludwig I. in den Märztagen 1848 bediente.
Schulhäuser besitzt München mit Giesing, Au und Haidhausen dreizehn, und darunter sind solche von großartiger Anlage, wie jenes der protestantischen Schule (Glockenstraße Nr. 18), wel- ches nach dem Plane des Baurathes C. Muffat 1833 nach einem Kostenaufwand von 66,000 fl. vollendet wurde. Doch auch andere Schulhäuser sind sehenswerth, nämlich jene der Dompfarrmädchen- schule (Löwengrube Nr. 19), ein Neubau von 1860; der St. Anna-Vorstadt in der Straße dieses Namens Nr. 1, von Baurath Muffat von 1840—1841 erbaut; der St. Bonifacius - Pfarrei (Louisenstraße Nr. 8), von 1828—1829 von Baurath Himbsel erbaut; der Dompfarrknabenschule (Fingergäßchen Nr. 2) 1829 von Baurath Himbsel erbaut; der hl. Geistpfarre (Rosenthal Nr. 7), im Jahre 1823 aus dem ehemaligen gräflich Törring-Seefeld'schen Palais von dem Baurath Probst hergestellt, u. s. w. München hatte im Jahre 1772 nur 909 Schulkinder, und 1779 konnten unter 1400 Kindern kaum vier einen gemeinen Druck ohne Anstand lesen. Erst König Maximilian I. machte sich 1803 die Verbesserung des Schulwesens zur Aufgabe.
Die armen Schulschwestern am untern Anger Nr. 2 bewohnen einen Theil des ehemaligen Klosters der Klarissinnen, über welches wir in der Geschichte von München Seite 28 ge- handelthaben Nach der Auf Hebung des dens im Jahr • 1803 wurde das Gebäude der Armenbeschäftigungs-Anstalt eingeräumt, seit dem 28. Juli 1841 ist es aber Mutterhaus der armen Schulschwestern. Die Neubauten an der Westseite datiren von 1842—1843. Der Eingang ist neben der St. Jakobskirche. Das Frescogemälde über dem Portale Schüler des Professors Schraudolph ausgeführt. S. auch Jakobskirche.
Das Schwanthaler-Museum, an der Schwanthaler-Straße Nr. 33, umfaßt den größten Theil der Modelle des im Jahre von München 1848 im 47. Jahre verstorbenen Professors Ludwig v. Schwanthaler. Sie sind ein Vermächtniß desselben au die k. Akademie der Künste, welche einen eigenen Conservator aufstellt, jetzt in der Person des Bildhauers Hautmann. Man findet hier monumentale Standbilder hoher Fürsten und berühmter Männer jeder Categoric, Büsten und Bildnißmedaillons, Statuen und Reliefs verschiedener Art, die Gruppen der Giebelfelder der Walhalla, und des Kunstausstellungsgebäudes, die Metopen der Ruhmeshalle, den kolossalen Kopf der Bavaria, das Modell zum Nibelungen-Tafelaufsatz des Königs Maximilian II. u. s. w. In diesem Museum bewundert man den erfinderischen Geist des großen, zu früh verschiedenen Künstlers.
Gegenüber ist das Atelier Schwanthalers, in welchem alle diese Werke, und noch andere geschaffen wurden. Auch in diesen Arbeitssälen sind noch viele Gypsmodelle vorhanden, und darunter solche von Cabinetsstatuen mythologischen Inhalts von höchster Schönheit. Bon allen diesen Werken sind Modelle in drei Größen vorhanden, und außerdem noch viele andere Statuen, Modelle und Reliefs, welche der Sammlung des Museums fehlen. Der äusserst produktive Künstler hatte Bestellungen für viele Jahre hinaus, und daher wurden sie nach seinem Tode im Atelier unter Leitung des im Jahre 1854 ebenfalls verstorbenen F. X. Schwanthaler ausgeführt. Es blieb aber auch jetzt noch vieles zu schaffen übrig, so daß noch gegenwärtig das Atelier reich an Kunstwerken ist, in welchen L. v. Schwanthalers Geist wirkt.
Einzig in ihrer Art ist die sogenannte Humpenburg im südlichen Theile des Wohnhauses, wo der große Künstler im geselligen Kreise von Freunden und Genossen seine vergnügtesten Abende zubrachte. Zu dem Hort der Burg ernannte er im Testamente den Dichter, Künstler und Oberstceremonienmeister Franz Grafen von Pocci.
Die Zeit, um sowohl das Museum, als das Atelier zu besuchen, ist im Tagesanzeiger angegeben.
Die städtische Sparanstalt, gegründet 1822, befindet sich am unteren Anger im Communalgebäude Nr. 13 und 14.
Springbrunnen von monumentaler Bedeutung besitzt München noch nicht. Die großartigsten sind jene auf dem Universitätsplatz, über welche wir unter „Universität" handeln. Sehenswerth ist aber auch der schöne mit Erzbildern gezierte Brunnen in der k. Residenz, dessen wir in der Beschreibung derselben erwähnt haben. Sehr gefällig ist ferner der Springbrunnen in der Allee der Sonnenstraße. Eine kulturgeschichtliche Bedeutung hat der sogenannte Fischbrunnen auf dem Marienplatze. An diesem findet am Faschingsmontag der Metzgersprung statt, worüber unter „Feste" nachzulesen ist.a
Das Ständehaus, in der Prannersgasse Nr. 19, war einst Palais des Grafen von Seeau, und wurde Nachher als Redouten- und Concertsaal benützt. Seit 1818 tagen alle drei Jahre die Stände des Reichs in demselben. In der neuesten Zeit wurden die Lokalitäten erweitert und in eleganter Weise ausgeschmückt. Die Malerein sind in jeder Hinsicht sehenswerth. Die Prannersstraße, ehedem Prandasgasse, erhielt erst im 18. Jahrhundert größere Bauten, da bis 1803 die Communication nach Aussen abgeschlossen war. In jenem Jahre wurde das Max-Josephsthor eröffnet, da der Wall weichen mußte.
Dr. C. A. Steinheil's optische und astronomische Werkstätte in der Landwehrstraße Nr. 15/a, 1835 gegründet, liefert ausgezeichnete Instrumente, und erfreut sich eines weit verbreiteten Rufes.
Das Taubstummen-Institut befindet sich in der Karlsstraße Nr. 17, wohin es erst 1861 aus dem neuen Flügel des Elisabethen-Spitals an der Mathildenstraße verlegt wurde. Das Institut ging aus einer zu Freising von Bernhard v. Ernsdorfer 1797 gegründeten, und 1804 von dem Chnrfürsten Maximilian Joseph unterstützten Freischule hervor. Bei ihrem Entstehen war nur ein einziger Zögling vorhanden, bald aber wurde der Besuch stärker. Am 23. August 1818 wurde diese Schule zu einer k. Anstalt erhoben, und am 22. September 1826 von Freising nach München gezogen. Damals waren Plätze für 80 Zöglinge vorhanden, bis 1861 zählte man deren 72, und als Centralanstalt kann das Institut jetzt einer größeren Anzahl Raum gewähren. Das Haus ist jenes des verstorbenen Prinzen Eduard, und besitzt einen mit Arkaden versehenen Garten, wie kein zweiter sich in München findet. Ueber 30 Jahre war Herr I. A. Weiß Lehrer und Vorstand des Institutes. Im Jahre 1863 wurde er in den wohlverdienten Ruhestand versetzt.
Die Theresienwiese ist seit 1810 in den ersten Oktobertagen der bayerische Hippodrom, auf welchem sich oft mehr als 60,000 Menschen im bunten Gewimmel bewegten, besonders seitdem die Eisenbahnen das bayerische und schwäbische Gebirge, dann das Unterland der Hauptstadt annähern. Das Oktoberfest mit seinem freundlichen Dörfchen, mit seinem Reichthum an Produkten- und Vieh, seinem Freischießen und Pferderennen, trägt aus dieser Wiese einen patriarchalischen Charakter, und kündet die Einigkeit von Fürst und Volk an. Zugleich schaut die kolossale Bavaria auf das frohe Getümmel, und wer an ihr hin die Hügelreihe zur Promenade wählt, hat nicht nur die schönste Ansicht über die Wiese, sondern es liegt auch die herrliche Gebirgskette der Salzburger und bayerischen Alpen vor seinem Blick. Die neue Schießstätte nördlich von der Bavaria, und dann die Bierkeller weiter hin lassen Erfrischung für den Wanderer erwarten; s. Oktoberfest.
Die Thore der Stadt sind unter: Anger-, Isar-, Karls-, Max-Josephs-, Seudlinger- und Sieges-Thor erwähnt. Ueber die Zeit ihrer Entstehung mit den Mauern und dem Zwinger s. Geschichte von München S. 13 und 35 ff. Dazu kommt äusser dem Siegesthore noch ein anderes Prachtthor welches unter dem Namen der Propyläen bekannt ist.
Die Turnhalle in der Nähe der drei Linden an der Müllerstraße entstand aus Privatmitteln. Der Grundstein wurde am 8. September 1862 gelegt, und den 10. Mai 1863 fand die feierliche Einweihung statt. Es ist dies ein schöner und zweckmäßiger Bau mit einem Turnraum von 9300 Quadratfuß. Die Kunst des Turnens hat somit in München einen festen Sitz. Gut Heil !
Die Besiegung der gallischen Völkerschaften in dem weiten Thule des Po unterwarf diesen Garten der Halbinsel und damit ganz Italien endlich den Körnern und breitete die Herrschaft des ersten Kriegervolkes der Welt bis an den Fuss jenes Riesenwalles der Alpen aus, der von der Natur bestimmt zu sein schien, eine unübersteigliche Grenze zu bilden zwischen dem üppigen Süden und dem rauhen Norden unseres Erdtheils.
So blieb es bis zum Jahre 15 vor Christus. Octavianus Augustus beherrschte, nachdem die alte Republik gesunken, das unermessliche Reich als Imperator. Er konnte — war es Vorwand, war es wirkliche Noth ? — nicht ferner so nahe den Thoren der ewigen Stadt die häufigen, stets erneuten Einfälle der kleinen aber tapferen rhätischen Alpenvölker in die römischen Gränzlande dulden. Ihre Unterwerfung bot den Wallen seiner Legionen willkommene Gelegenheit, auch nach dieser Seite hin die Gränzen des Reiches zu erweitern.
Da sandte denn August ein Heer unter seinem Stiefsohne Drusus gegen sie in s Feld. Am Südfusse der Alpen bei Trient kam es zum ersten blutigen Zusammenstösse mit den Bergvölkern, welche hier in einem grossen Heere vereinigt stunden, zu dem selbst vom Lech her Schaaren zur gemeinsamen Vcrtheidigung gestossen, und in welchem sogar Weiber, mit Streitäxten bewaffnet, kämpften. Die Rhäter unterlagen, und nun drang Drusus, ihre Pässe stürmend und ihre festen Burgen, in denen sie den Raub von Jahrhunderten geborgen, brechend, immer tiefer ins Land. Durch’s Vintschgau hinabsteigend, überschreitet er die Eisak bei Botzen, dessen alter Name „pons Drusi“ noch den des Feldherrn bewahrte, und gelangt so zu den Breonen am Brenner und den nördlich angränzenden Genaunen im Innthale. Auch diese, „die wilden und behenden,“ wie Horaz sie nennt, werden nach verzweifelter Gegenwehr besiegt, und über den Brenner, wohl dem ältesten und gewöhnlichsten Uebergange des Gebirges, hinabgestiegen, rücken die Legionen immer weiter vorwärts in dem weiten Thals des Innstromes. Während aber solches auf der östlichen Seite vorging, während Aller Augen auf den vom Süden her eindringeuden Feind gerichtet waren, erschienen plötzlich vom Lech her in ihrem Rücken die Adler des Tiberius, des zweiten Stiefsohnes Augusts. Dieser war durch Gallien an den Rhein und an den aeronischen (Boden-) See gerückt, hatte auf einer Insel desselben, der damals noch weit grösseren Reichenau, Schiffe gezimmert, die üferorte der Vindeliker erobert — aus dieser Zeit dürften wohl die zerstörten Pfahlbauten herrühren — und selbst auf dem Rücken des Sees Gefechte mit ihnen bestanden. Vergebens widersetzte sich ihm dieses Volk, vergebens alle jene Rhäter, die vor Drusus Schaaren gegen Norden gewichen waren. Der Vindeliker Hauptburg Damasia — wohl Hohenems? — ward erstiegen und es kam zur letzten, zur Entscheidungsschlacht. Wo diese geschlagen wurde, hat uns Keiner der Alten auf bewahrt, das aber melden sie, wie mit so beispielloser Wuth gekämpft ward, dass selbst die Weiber, nachdem sie von ihren Rüstwagen herab alle Geschosse verbraucht, ihre Kinder tödteten und deren Leichen den Römern in’s Antlitz schleuderten.
Im Sommer des Jahres 15 vor Christus war die Eroberung vollendet. Drusus zog nun entweder dem Innstrom entlang oder wahrscheinlicher auf der von den Römern schon damals angelegten Hauptstrasse durch die Pässe der Scharnitz und über Partenkirchen heraus in die Vorberge unseres Vaterlandes, wohl der erste Römer, dessen Blicke von den Höhen bei Ettal aus über die unermesslichen Waldebenen Bayerns schweiften und der die Sonne sch in den grossen Seebecken unseres Oljerlandes spiegeln sah.
Schwer mussten die unterworfenen Völker die Hand des Siegers fühlen. Nur die nöthigsten Kräfte blieben zur Bestellung des Ackerszurück; die krittlige, streitbare Jugend ward fortgeführt und in die römischen Legionen vertheilt. So geschah es, dass schon nach dreissig Jahren jene tapferen rhätischen und vindelikischen Kohorten in der Idistavisus-Schlacht im Kampfe gegen die Deutschen den wankenden Sieg wieder an Korns Adler fesselten.
Nach ihrer Weise hatten die Römer das eroberte Land in Provinzen abgetheilt, mit Heerstrassen durchzogen und mit Kastellen und Lagern bedeckt, auf deren Ueberresten sich viele der heutigen Süddonaustadte erhoben. In diese Pflanzstädte wurden Römer, meist Veteranen, übergesiedelt, das menschenleer gewordene flache Land aber allmählig wieder durch germanische Einwanderer von jenseits der Donau bevölkert. Auch der ganze Abschnitt des jetzigen deutschen Landes, von Kelheim an der Donau bis hinab über den untern Main wurde allmählig mit zum Reiche geschlagen, vollkommen zur Provinz gemacht und von spätem Imperatoren durch eine fortlaufende Gränzbefestigung gegen die jenseitigen Deutschen gedeckt. Ja so sicher fühlten sich deren Bewohner, dass sie es wagten, kaum eine Stunde diesseits des Gränzwalles prächtige Villen zu erbauen, um sich im fernen Barbarenlande in wehmüthiger Erinnerung ein schwaches Bild der heimischen Anlagen am Tiber oder an der wundervollen Bucht von Bajä herbeizuzaubern.1)
Von drei Hauptstrassen der Römer zogen sich aus Italien heraus in die neucrol>erten Provinzen die eine, westlichste, vom larischen See, dem Lago maggiore, über das altrhätische Clavenna und durch die schauerlichen Schluchten der via mala nach Chur und über die altena Tode, so lange noch lag die Hand der arianischen Barbaren nun doppelt schwer auf den Romanen des Donaulandes, zog Odovacer, nunmehr längst schon König Roms, über die Alpen heraus, Blutrache zu üben an Friedrich, den Neffen des Rugierkönigs, welcher seinen gleichnamigen Oheim, den Sohn König Fava’s, vom Throne gestossen und erschlagen hatte. Der Mörder floh zu den Ostgothen, und als er bald darauf wiederkehrte, kam Aonulf, der Bruder Odovacers, nochmals ins Land der Rugier, machte deren Reich vollends ein Ende und führte Alle, die römischer Zunge waren, unter seinen schützenden Waffen nach Italien heim. Severin’s Schüler zogen mit ihm und nahmen, dem Gebote des geliebten Lehrers folgend, seine sterblichen Reste mit hinüber, ihnen eine Stätte in Cucullanum bereitend, an derselben Stelle, wo sich heute die (lüstern Mauern des Castell Ovo bei Neapel erheben, und wo Odovacer dem letzten Römerkaiser Romulus A igustulus, seine Jugend grossmüthig schonend, ein Asyl angewiesen. Wegen der .Sarazenengefahr wurden sie im Jahre 910 in die Stadt Neapel selbst übergetragen, wo sie bis auf diesen Tag, hochverehrt vom Volke, ruhen. Hat der merkwürdige Mann auch nicht das Evangelium in unsern, Gegenden zuerst gepredigt, da Chroniken uni Legenden und selbst seine eigene Lebenslwschreibung vieler christlicher Priester und Bischöfe vor und mit ihm lebend, in den römischen Ländern diesseits der Alpen gedenken, so trägt er seines weitverbreiteten, segensvollen Wirkens wegen doch mit vollem Rechte den Ehrennamen des Apostels der Noriker, mit den ihn liewährte Autoren schmücken.2)
Das Bild, den Heiligen predigend im Kreise der Barbaren dar- stellend, ist von Frank gleich meisterhaft in Composition und Farbe in Fresko ausgeführt.
1) Der Werterhofer Fussboden, ein.· der schönsten Mosaiken diesseits der Alpen, wurde kaum eine Stunde vom Gränzwalle gefunden. Ihn bewahrt das National-Museum.
2) Wäre zu erweisen, was bisher zur grössten Wahrscheinlichkeit gebracht, dass nämlich die alten Markomannen die Stammväter 4er Bajuvaren sind, so lütte unser Volk bereits im Ausgange des IV. Jahrhunderts in Fridigild, der markomannischon Fürstentochter, die begeistert von der Lehre dos Heilandes durch den heiligen Ambrosius die Taufe einplangen, die erste Christin zu verehren, welche diesen Glauben auch unter ihrem Volke verbreitete.
Der Verein zur Ausbildung der Gewerke wurde 1850 gegründet, um in Verein mit den bildenden Künsten das Handwerk auf eine volksthümliche Weise zu fördern, es zu einer künstlerischen Thätigkeit, und somit zum selbstständigen Schaffen zu bringen. Der Verein wirkt außer den permanenten Ausstellungen auch durch eine eigene Zeitschrift, welche heftweise mit Musterblättern verschiedener Art erscheint. Das Ausstellungslokal befindet sich im Erdgeschosse der nördlichen Arkaden des Hofgartens.
Der historische Verein wurde von Freunden der Geschichte und des Alterthums gegründet, und seit 1830 erscheint als Organ desselben das oberbayerische Archiv für vaterländische Geschichte. Im Jahre 1837 erfolgte die förmliche Constituirung durch k. Genehmigung mit dem Beizwecke der Erhaltung, Wiederherstellung und Veröffentlichung vorhandener Kunstdenkmale. Der Verein kam diesem Zwecke mit allen Kräften nach, legte. eine Sammlung und eine Bibliothek an, und publizirte eine Menge von Abhandlungen und Beiträgen zur oberbayerischen Geschichts- und Alterthumskunde. Am ersten Wochentag eines jeden Monats findet eine Plenarversammlung statt, seit etlichen Jahren im Akademiegebäude. Am 26. Mai 1863 feierte der Verein sein 25jähriges Bestehen.
Der literarische Verein befindet sich im Erdgeschosse des k. Odeons, und ist von Morgens 8 bis Abends 9 Uhr geöffnet. Hier ist eine große Anzahl von Journalen in den Sprachen der gebildeten Nationen. Man kann durch ein Mitglied auf drei Tage eingeführt werden, nicht eingeführte Fremde bezahlen für diese Zeit 24 kr. Das Jahresabonnement beträgt 8 fl., außerordentliche Mitglieder bezahlen einen Monatsbeitrag von 1 fl. 12 kr. Oratorienvercin, s. das.
Der philharmonische Verein ist eine von dem im Jahre 1860 verstorbenen Hofmusikus Schönchen gegründete Gesellschaft, in welcher sich einheimische und auch fremde Künstler sowie Dilettanten zu musikalischen Produktionen versammeln, welche in der Regel einen Sonntag um den andern stattfinden. Das Lokal ist im k. Odeon.
Der polytechnische Ccntralverein richtet seine Thätigkeit auf Kunst- und Gewerbsfleiß, und alle einschlägigen Erfindungen und Verbesserungen. Er wurde 1814 von den Herren v. Utzschneider und v. Schlichtegroll als Privatgesellschaft gegründet, und ist durch Rescript vom 22. August desselben Jahres bestätigt worden. Am 18. Mai 1813 erschien die erste Nummer seiner Zeitschrift unter dem Titel: Wöchentlicher Anzeiger für Kunst- und Gewerbsfleiß im Königreiche Bayern. Später wurde der Titel geändert in „Kunst und Gewerbeblatt des polytechnischen Vereins", und als solches besteht es noch. Die Bibliothek und das Sekretariat befinden sich auf der Hundskugel Nr. 7. Versammlungsort ist der Augsburgerhof.
Die k. Central-Veterinärschule an der Veterinärstraße Nr. 6 wurde 1790 als Thierarzneischule gegründet, und dem Hofgerichtsrath untergeordnet. Als Central-Veterinärschule besteht sie seit dem 1. Febr. 1810. Das Haus, im Jahre 1790 von N. v. Schedel erbaut, erhielt unter König Ludwig eine Erweiterung. Merkwürdig sind die vorhandenen Sammlungen u. die Einrichtung für künstliche Fischzucht.
Der Viehmarkt war in München von jeher nicht auf einem und demselben Platze, und wir haben daher noch die romantischen Straßennamen „Rindermarkt und Saumarkt." Ersterer hieß in früheren Jahrhunderten Watmanger-Straße, weil an der alten Stadtmauer Loden- und Tuchmacher ihre Werkstätten und Verkaufslokale (Watgadem) hatten. Der Name Saumarkt datirt aus dem vorigen Jahrhundert. Ursprünglich ist da Althaim, die Altham-Gasse, und davon hat sich das Althamer-Eck erhalten. Viehmarkt war in alter Zeit aus dem Anger, und dann bis zur Erbauung der Maximilians-Getreidehalle vor dem Angerthore im Graben. Die größeren Pferdemärkte werden jetzt auf dem Dultplatze abgehalten. Der Kälbermarkt ist seit 1830 im alten Stadtgraben von der Herrenstraße hinab. Hier ist noch eine Strecke der alten Stadtmauer und des Zwingers aus der früheren Zeit des 14. Jahrhunderts erhalten.
Die Villa der Königin an der Schwabinger Landstraße ist mit dem Garten eine Zierde der Strecke vom Siegesthor bis nach Schwabing. Den Plan fertigte 1845 F. v. Gärtner, und die Herstellung kostete 100,000 st. An dieser Straße sind auch noch andere Gebäude nach Art der italienischen Landhäuser.
Wachtparaden sind täglich zwei, etwas vor 12 Uhr, an der Residenzwache in der Feldherrnhalle, und auf der Hauptwache am Marienplatz. Die Regimentsmusiken spielen gewöhnlich drei Stücke, worauf die abgelöste Mannschaft mit klingendem Spiel in ihre Kaserne zurückkehrt.
Das städtische Waisenhaus vor dem Sendlinger-Thore an der Findlingsstraße Nr. 3 wurde 1784 im sogenannten „Kiengarten" als Findelhaus erbaut. Die Gebär- und Kindsstube befand sich vom 13. Jahrhundert an bei dem hl. Geistspitale, und es wurden auch arme Waisen ausgenommen. Das eigentliche Stadt-Waisenhaus, dessen Begründung in's Jahr 1625 fällt, blieb aber immer nothdürftig ausgestattet, so daß der Magistrat erst 1774 das an der St. Johanniskirche gelegene Haus des Baron Maximilian von Alt- und Neufrauenhofen kaufen konnte. Nach der Centralisation 1808 wurde ein Theil der Kinder in das erwähnte Findelhans gebracht, welches seit dieser Zeit Waisenhaus genannt wird. Der Kaiser Dom Pedro von Brasilien schenkte bei seiner Vermählung mit der Prinzessin Amalie von Leuchtenberg der Anstalt 40,000 st. zur jährlichen Ausstattung von vier Mädchen. Die Stiftungsrechnung von 1861/62 weiset an Einnahmen 77,391 fl. und an Ausgaben 77,631 fl. nach.
Die Wasserleitungen znr Versorgung der Stadt mit Trinkwasser durch Brunnhäuser in gegenwärtiger Anlage datiren aus neuer Zeit. Die Stadt war im 17. Jahrhundert und noch später voll von Schöpfbrunnen, und nur wenige Brunnen gaben laufendes Wasser. Von einer eigentlichen Wasserleitung war erst unter dem Churfürsten Maximilian I. die Rede, welcher den berühmten Simon Reifenstuel damit beauftragte. Im Jahre 1820 waren nur noch vier alte verfallene Brunnwerke vorhanden, und der Magistrat mußte daher für gesundes Trinkwasser sorgen. Im Jahre 1821 wurde das Brunnhaus am Glockenbach gebaut, und 1834 gab er jenem am Katzenbache eine geeignete Einrichtung. Damit war das bestandene allerdings verbessert, er wollte aber durch Fassung der vorhandenen Quellen am Gasteigberge der Stadt ein vollends gutes Trinkwasser liefern, und stellte von 1836—1837 mit einem Aufwande von 113,483 fl. 11 kr. das Brunnhaus auf der Kalkinsel vor der äusseren Isarbrücke her. Der Erbauer dieses trefflichen Brunnhauses ist der städtische Baurath Carl Muffat. Durch die genannten Anlagen gewann die Hälfte der Stadt bis hinaus an die Süd - Westgränze derselben hinreichend Wasser. Der Hauptwasserbehälter war aber auf dem Berge bei Haidhausen im Brunnthal in der Nähe des Maximilianeum, von welchem schon Reifenstuel Wasser nach dem Restdenztheile leitete. König Ludwig ließ ein neues Brunnhaus erbauen und in demselben zwei Dampfmaschinen aufstellen, welche im Februar 1836 zu arbeiten anflngen, nach allen Richtungen treffliches Quellwasser abgaben, und besonders die Residenz reichlich versahen. Im Jahre 1833 wurde das Brunnhaus demolirt, und das Wasser in eine große Brunnstube gesammelt, welches nun durch eigene Schwere durch eiserne Röhren in das Hofbrunnhaus neben der Hospfisterei strömt, von welchem aus es durch Dampfkraft durch die Straßen getrieben wird. Das neue Brunnhaus erbaute 1854 der Hofbauinspektor F. Jodl. Andere Brunnhäuser um den nördlichen Theil der Stadt kamen dadurch in Quieszenz, aber wir hatten seit der neuen Einrichtung im Brunnthal nicht immer gutes Wasser. Es mußte daher in neuester Zeit in Haidhausen ein Abzugskanal erbaut werden, um das Wasser vor beuureinigeuden Stoffen zu sichern. Uebrigens ist eine zweite Hoffnung der Realisirung nahe. Der Magistrat läßt das kostbare Quellwasser bei Thalkirchen hereinleiten, und schon ist die provisorische Brunnstube in Angriff genommen.
Eine mächtige Wassermasse liefert durch Dampfkraft der Wasserthurm am Wasserfalle im englischen Garten nach der Ludwigsstraße. Von da aus kommt das Wasser der Brunnen auf dem Universitätsplatz, deren Strahl seit dem ersten Mai 1844 hoch empor braust. Jener Stadttheil ist wasserarm, und somit sind diese Brunnen eine Wohlthat, wenn sie auch nicht Quellwasser geben.
Die Wieskapelle hinter der St. Peterskirche auf dem alten Stadtwalle, soll nach der an der Aussenseite angebrachten Stein- tafel um 1280 erbaut sehn. Ueber die Unrichtigkeit dieser Angabe haben wir in der Geschichte von München S. 15 gehandelt. Der Bau ist nicht vor 1315 zu setzen, und daher fällt der Glaube, daß dieß die älteste Kirche der Stadt sei, vollkommen zusammen. Die Kapelle auf dem Widem — irrig Wieskapelle — wurde 1804 in eine magistratische Registratur verwandelt, und der daselbst verehrte Christus an der Säule, ein Werk des Andreas Wunhart um 1415, befindet sich in der St. Peterskirche.
Der Wittelsbacher-Platz erhielt seinen Namen 1827, und begrenzt von herrlich en Palästen, ist seine Hauptzierde die Reiterstatue des Chursürsteu Maximilian I. in Feldherrnrüstung, 17 ½ Fuss hoch auf einem eben so hohen Piedestal. Die Statue wurde nach dem Modelle Thorwaldsen's von Stiglmayer in Erz gegossen. An der Vorderseite des Postamentes steht der Name des gefeierten Wittelsbachers,, an der Rückseite liest man: Errichtet von Ludwig I., König von Bayern, XII. Oct. MDCCCXXXIX. Die Statue des großen Churfürsten hat Portraitähnlichkeit, indem Thorwaldsen das große von Nikolaus Prucker gemalte Bildniß desselben im Saale der Stifter der Pinakothek vor sich hatte. Dieses Monument hat eine eigene Literatur, welche sich vom Hufe des Pferdes bis zum bloßen Haupte des Helden im dreißigjährigen Kriege erstreckt. Er ist nach der Schlacht am weißen Berge (1620) gedacht, wie er sich das Vorwärts zuruft.
Das Zacherl-Bräuhaus an der Ohlmüllerstraße Nr. 11 in der Au gehört zu den sehenswürdigen Etablissements dieser Art. Der verstorbene Bräuer N. Zacherl gab derBierfabrikation die größte Ausdehnung, und legte auf dem Isarraine einen entsprechenden Keller an. Die Braugerechtsame ist jene, welche der Churfürst Maximilian I. den Paulaner Mönchen verliehen hatte. Sie brauten das erste Salvatorbier, dessen Ruf noch jetzt auf dem Zacherl-Bräuhause ruht. Das Salvatorbier und der Bock reichen sich in den Monaten April und Mai die Hände, uud erfreuen sich einer Legion von Anhängern. In dem geräumigen Garten, welcher an die ausgedehnten Kellergebäude stößt, finden oft musikalische Produktionen statt. Die gegenwärtigen Brauereibesitzer sind die Gebrüder Heinrich und Ludwig Schmederer.
Das königliche Zeughaus befindet sich in einem provisorischen Zustande an der Frauenhofer-Straße Nr. 8. Das alte Militär-Zeughaus rechts in der Tiefe der Maximiliansstraße wurde 1862 geräumt.
Der zoologische Garten ist eine Schöpfung der neuesten Zeit, und zwar aus den Mitteln eines patriotischen Mannes, des Ban- quier Benedikt. Er erwarb 1862 rechts vor dem Siegesthor das ehemalige Maillot-Schlößchen mit dem großen Garten, und be- nützte diesen zu seinem Zweck. Die Gebäude, Behältnisse und Umzäunungen für die Thiere, und alle neue Pflanzungen und Wege wurven 1863 vollendet. Der Eingang ist vom englischen Garten unterhalb der Veterinärschule.
Die zoologisch-zootomische Sammlung befindet sich im ersten Stocke des Jesuitengebäudes, ist sehr reich an Skeletten, ausgestopften Säugethieren und Vögeln ec. Es ist damit auch die ausgezeichnete Sammlung europäischer Schmetterlinge des Freiherrn von Mulzer vereinigt.
Das Gerstenhaus der Aktienbrauerei zum Löwenbräu wurde 1910 nach den Entwürfen der Architekten Gebrüder Rank ausgeführt. Die Kostensumme betrug M. 175000, pro edm M. 13.70. Um bei verhältnismäßig niederen Stockwerken von nur 2,80 m i. L. möglichst viel Grundfläche zu gewinnen, wurden sogar die Speicher in Eisenbeton ausgeführt, damit sie zur Lagerung von Gerste benützt werden können. Die ganze Fassade bis in die Dacherker ist als Eisenbetonkonstruktion ausgeführt und zwar derart, daß die Säulen mit vorher hergestellten Betonhohlkörpern ausgeführt und nachträglich ausgestampft wurden. Ein kleiner Dachreiter dient zur Anbringung von Telephondrähten.
Dieses Haus wurde von Architekt Max Ostenrieder 1896/97 zu Wohn- und Geschäftszwecken errichtet. Erdgeschoß, Er ker, Fensterumrahmungen und Giebelbekrönung bestehen aus Muschelkalk, während die übrigen Mauerflächen in Rauhputz gehalten sind. Die Erdgeschoßdecke ist massiv, die Stockwerksdecken dagegen sind einfache Holzbalkendecken.
Das Haus Kaut am Platzl entstand in den Jahren 1896/97 nach den Plänen des Architekten Max Ostenrieder. Die Fassade zeigt eine einfache Putzarchitektur mit Muschelkalkumrahmung. Das Erdgeschoß besitzt eine Massivdecke, die anderen Stockwerke Holzbalkendecken.
Das Haus Gautsch wurde im Jahre 1902 nach den Plänen des Baugeschäftes Heilmann & Littmann errichtet. Die Fassade, ausgeführt in Kalkputz und Muschelkalkstein, ist architektonisch reich gegliedert, unter Verwendung von Glasmosaikbildern und Plastik. Die Erker und Vordächer sind mit Kupferblech eingedeckt. Das Gebäude steht an ex ponierter Stelle, weshalb Wert darauf gelegt wurde, es in die Umgebung glücklich einzugliedern und so ein gutes Straßenbild zu schaffen. Mitarbeiter: Architekt E. Goebel.
Das Haus Roiger wurde in den Jahren 1904/05 zu Wohn- und Geschästszwecken nach den Plänen des Architekten Max Ostenrieder erstellt. Die Mauerflüchen zeigen nur einen ein fachen Rauhverputz, unter Verwendung von Muschelkalk.
Antiquar Julius Böhler ließ 1904 05 an Stelle des Baron Hirschschen Anwesens an der Briennerstraße ein Geschäfts- und Wohnhaus errichten. Den Entwurf hierzu lieferte Professor Dr. Gabriel von Seidl. Das Haus enthält im Erdgeschoß Ausstellungs- und Geschäftsräume, in den beiden oberen Geschossen die Privatsammlung des Besitzers und dessen Wohnung. Die Fassade ist dem ruhigen italienisierenden Charakter der Straße entsprechend gehalten. Der plastische Schmuck stammt von Professor J. Seidler.
Das Geschäfts- und Wohnhaus Rosental 15 wurde 1909/10 nach dem Entwürfe des Architekten Max Neumann erbaut. Die Bausumme betrug M. 240 000, pro e1)m M. 28.50. Die Hofumfassungsmauern sind in Zementmauerwerk, die Fundamente, Pfeiler und Decken über Erdgeschoß und 1. Stock in Eisenbeton, die Decken der oberen drei Etagen in Holzbalken ausgeführt. Erdgeschoß und 1. Stock enthalten Verkaufsräume, die übrigen Etagen Wohnungen. Bei der äußeren Gestaltung des Gebäudes war neben der Betonung der inneren Einteilung die Umgebung und die geringe Straßenbreite mitbestimmend. Der figürliche Schmuck an der Fassade stammt von Bildhauer M. Gasteiger.
Das Haus Pettenbeckstraße 5, erbaut im Jahre 1909/10 nach den Plänen des Architekten Ludwig von Weckbecker, dient im Erd- und ersten Obergeschoß Geschäfts-, in den anderen Geschossen Wohnungszwecken. Die Wirkung derFassade ist durch den Gegensatz der vertikal gerichteten Erker und Lisenen zu der im übrigen stark betonten Horizontale zu beleben versucht. Der plastische Schmuck ist auf das Einfahrtstor und auf die Erkerfelder beschränkt. Kosten pro edm umbauten Raumes rund M. 20.
Die Immobilienhandelsgesellschaft ließ im Jahre 1910 nach den Plänen des Architekten Georg Meister in der Theatinerstraße, an Stelle des alten Kommandanturgebäudes, einen modernen Geschäfts- und Bürohausneubau errichten, wobei Verkehrsverhältnisse eine Zurücksetzung der Baulinie erforderten. An der in Muschelkalk ausgeführtenFassade ist wegen Unterbringung der Firmenschilder die Horizontale stark betont. Teils zur verstärkten Horizontalwirkung, teils zur scheinbaren Minderung der Höhe des Gebäudes ist über dem 3. Stock vor dem terrassenartig zurückgesetzten 4. Stock ein durchlaufendes Balkongitter angebracht. Künstlerische Mitwirkung: Architekt O. E. Bieber.
Im Jahre7l911 mußte ein charakteristischer Bau der Altstadt am Marienplatz, das alte d'Orvillehaus am Schleckergäßchen, einem dem neuen Geschäfts- und Verkehrsleben angepaßten Neubau weichen, der nach den Plänen des Architekten Georg Meister errichtet wurde. Der cbm umbauten Raumes kam auf M. 32.70 zu stehen. Das Aeußere ist ein Putzbau, einzelne Partien sind dagegen in Werkstein hervorgehoben. Künstlerische Mitwirkung: Architekt D. E. Bieber.
Das Wohn= und Geschäftshaus A. S. Drey am Maximiliansplatz wurde 1911 nach dem Entwurf des Professors Dr. (Gabriel von Seibl erbaut. Die Fassadendekoration besteht aus Friefen und Gliederungen, welche in Terrakotten von der Kgl. Porzellanmanufaktur Nymphenburg nach Modellen von Professor Frz. Naager hergestellt sind. Der Fassadenputz ist in Terranova ausgeführt. Die Steinfiguren schufen die Bildhauer Düll und Pezold. Als Hausteinmaterial wurde Donaukalkstein verwendet.
Das Haus des Apothekers Erhard wurde im Jahre 1888 als eines der ersten Häuser am Bavariaringe nach den Plänen des Professors Dr. Gabriel von Seidl erbaut. Die Ausführung war dem Baumeister O. Strelin übertragen. Die Plastik stammt von Professor Anton Pruska. Als Hausteinmaterial wurde Donaukalkstein von C. A. Lang in Kelheim verwendet.
Das Wohnhaus Widenmayerstraße wurde im Jahre 1909 durch den Architekten Ludwig Grothe erbaut.
Die im Jahre 1896 entstandene Miethausgruppe am Isartorplatz sollte einen wirksamen Abschluß dieses Platzes gegen Osten bilden. Die Häuser sind von Baumeister Kalb auf eigene Rechnung erbaut und als verputzte Backsteinbauten mit Ziegeldach durchgeführt worden. Die architektonische Durchbildung stammt von Professor Carl Hocheder.
Das Haus Ferdinand-Miller-Platz 2 wurde 1898/99 nach den Plänen des Professors Leonhard Romeis (†) erbaut.
Das Haus Reinemann wurde 1898/99 nach den Plänen des Architekten Geh. Hofrat Professor Dr. Friedrich von Thiersch erbaut. Im Hauptgebäude sind drei herrschaftlich ausgestattete Wohnungen, im rückwärtigen Flügelbau Bureauräumlichkeiten, Hopfenlager, Remisen, Stallungen enthalten. Die Baukosten betrugen M. 200 000, das sind pro qm überbauter Fläche M. 507 oder pro cbm überbauten Raum M. 23. Die Ausführung derMörtelstuckfassade nach Skizzen des Architekten lag in den Händen des Professors E. Pfeifer.
DasHausKreiller an derWienerstraße wurde imJahre 1900 als geputzter Backsteinbau mit Ziegeldachung nach den Plänen des Baumeisters Hans Hartl errichtet. Die Fassadengestaltung erhielt es durch Professor Carl Hocheder.
Das Haus Franz-Josephstraße 34, em Teil einer großen Gruppe, welcher sich vom Habsburgerplatz bis zur Römerstraße erstreckt, wurde 1900 nach den Plänen des Architekten Max Lang Heinrich erbaut. Der Hofraum konnte wegen der anstoßenden großen freibleibenden Flächen auf das zulässige Minimum von einem Drittel der Gesamtfläche beschränkt werden. Durch die spmmetrischeAnordnung derWohnungen und durch das Bestreben, jedem einzelnen Raum genügend Belichtung zu schaffen, entstand die eigentümliche Grundrißform, welche sich gut bewährt hat. Das Haus ist den Münchner Verhältnissen entsprechend als verputzter Backsteinrohbau ausgeführt und hat im Innern eine besseren Ansprüchen genügende Durchbildung erfahren. Baukosten M. 180000.
Das Haus Hiltensbergerstraße 3 am Josephsplatz wurde im Jahre 1903 nach den Plänen der Architekten Stengel und Hofer erbaut. Die Fassade, in einfachster Putztechnik gehalten, wird durch Erker belebt, von denen derjenige an der Ecke in Muschelkalk ausgeführt ist.
ImJahre 1906 ließ dieFirma Brend'amour, Simhart Co. durch den Architekten Georg Meister an der Nymphenburgerstraße einen Neubau errichten, der in seinem vorderen Trakt Wohnungen, in seiner mittleren und rückwärtigen Anlage geschäftliche Lokale enthält. Puttenbekrönte Pfeiler flankieren den Eingang zum Wohnhaus. Der cbin umbauten Raumes kam auf M. 21.30 zu stehen. Künstlerischer Mitarbeiter: Architekt O. E. Bieber.
Die Baugruppe Kapuzinerstraße 65/67 wurde im Jahre 1906 nach den Plänen der Architekten Stengel und Hofer errichtet. Beide Gebäude kamen über den Glockenbach zu stehen, weshalb sich Konstruktion, Fundierung und Aufbau ziemlich schwierig gestalteten. Es mußte bei schlechtem Baugrunde ein großer Wasserandrang bewältigt werden. In einer Tiefe von zirka 5 in unter dem Wasserspiegel wurde mit der 2 m breiten Fundamentsohle begonnen. Die Fundamentmauern erhielten zur Sicherung gegen ein Abreißen oder einseitiges Setzen starke, der ganzen Länge nach durchgehende Eiseneinlagen. Beide Bauten enthalten kleine Mietwohnungen, im Erdgeschoß jedoch Läden.
Das Haus Tengftraße 31 wurde im Jahre 1910 nach den Plänen der Architekten O. O. Kurz und E. Herbert erbaut. Die Bausumme betrug rund M. 140 000, wobei zu erwähnen ist, daß in der Innenausstattung großer Wert auf vornehm gediegene Ausführung gelegt wurde.
Der Häuserblock an der Nymphenburgerstraße, zwischen Alfons- und Hedwigstraße, enthält herrschaftliche Mietwohnungen von vier bis acht Zimmern und allen modernen Nebenräumen für die Wirtschaft. Die Bebauung und Ausführung der Fassaden erfolgte im Jahre 1911 nach den Plänen des Professors Richard Berndl, während die Ausarbeitung der Grundrisse, gleichzeitig mit der Ausführung des Blockes, von der Firma Heilman & Littmann übernommen wurde. Als Material diente Backstein mit Kalkmörtelputz, zu den Terrassen und Vorgarteneinfriedungen Beton.
Das Wohnhaus „Spranger" an der Renatastraße Nr. 5 in München-Neuhausen wurde 1894 nach den Plänen des städtischen Baurates Dr. Hans Grässel erbaut. Es ist ein freistehender verputzter Backsteinbau mit rotem Ziegeldach, in der Villenkolonie Neuwittelsbach. Der Bau ist ein Beispiel des selbstlosen Eingreifens des Stadtbauamtes München zu jener Zeit, um eine sonst mißglückende Sache im Interesse der Stadt und des erwähnten Villenviertels so weit als möglich zu retten.
Gern an der Kratzerstratze
Die Kleinhäuser an der Kratzerstraße in Gen wurden im Jahre 1897 durch die Architekten Heilmann & Littmann erbaut. Die Gesamtgröße des einzelnen Anwesens beträgt ca. 220 qm, wovon 65 qm überbaut siud. Ein Haus enthält fünf Zimmer, Küche, Kammern und Nebenräume.
Das Haus Professor Toni Stadler wurde im Jahre 1899 nach den Plänen des Professors Dr. Gabriel von Seidl erbaut. Das Gebäude ist als verputzter Backsteinbau ausgeführt. Das Portal und einzelne wichtige Bauteile sind aus Douaukalkstein. Die Bildhauerarbeiten schuf Professor Joseph Rauch.
Das Haus Professor Toni Stadler wurde im Jahre 1899 nach den Plänen des Professors Dr. Gabriel von Seidl erbaut. Das Gebäude ist als verputzter Backsteinbau ausgeführt. Das Portal und einzelne wichtige Bauteile sind aus Douaukalkstein. Die Bildhauerarbeiten schuf Professor Joseph Rauch.
Das Haus Klopfer wurde im Jahre 1901 nach den Plänen des Professors Dr. Gabriel von Seidl erbaut. Die Fassaden sind in Terranova geputzt. Als Hausteinmaterial des Portales wurde Donaukalkstein verwendet. Der plastische Schmuck des Hauses stammt von Professor A. Pruska. Die Ausführung erfolgte durch die Firma Heilmann & Littmann.
Das Haus, als herrschaftlicher Wohnsitz des Konsuls und Fabrikbesitzers Hugo Kustermann dienend, wurde 1901/02 vom Baugeschäft Heilmann & Littmann (Architekt Professor Max Littmann) erbaut. Die Kosten betrugen ohne Nebenarbeiten und teilweise Innenausstattung M. 188000, pro cdm rund M. 31. Die Ausführung erfolgte in Massivbau mit Deckenkonstruktionen aus Beton mi tBimsmaterial. Der Bodenbelag ist teils Parkett, teils Linoleum. Das Haus besitzt Niederdruckdampfheizung und Warmwasserbereitungsanlage. Die Fassaden haben Putzarchitektur mit teilweiser Verblendung von Kunst- und Haustein. Als Übergang zum Garten ist im Süden eine geräumige Terrassenanlage vorgelegt.
Die Villa Lindenhof wurde 1902/03 als Eigenheim des Professors Max Littmann in Bogenhausen erbaut. Bei der künstlerischen Ausstattung der Räume galt der Grundsatz, Ersatzstoffe vollständig auszuschließen und nur echtes Material zu verwenden. Das Haus enthält Warmwasserheizung, Ventilation, elektrisches Licht, Gas für Küche, Herd, Rost, Waschküche und Bügelofen, Warmwasser für Bad, Wasch und Spültische und Ausgüsse.
Das Wohnhaus Prinzenstraße 8 wurde nach den Plünen des Architekten Peter Birkenholz 1903/04 als Arztwohnung für die Privatheilanstalt Neuwittelsbach erbaut. Das Baumaterial wurde zum größten Teil aus dem Abbruch eines alten Wohnhauses, das auf dem gleichen Areal stand, gewonnen. Die Baukosten betrugen als Pauschalsumme M. 40000, pro cbm umbauten Raumes M. 13.
Das Haus Lautenbacher wurde im Jahre 1905/06 nach den Plänen des Professors Emanuel von Seidl erbaut. Es ist bezüglich der Wohnräume nach der Himmelsrichtung und Gartenseite orientiert und so im wesentlichen von innen herausgebaut, wobei auf eine gute Gruppierung Wert gelegt wurde. Die Wandflächen in Putz mit rotem Kunststein stehen gegen ein tiefbraunes, altes Ziegeldach. Baukosten M. 175000.
Ecke Großhesseloher- und Fridastraße
Das mit Zentralheizung versehene Einfamilienhaus Gebhardt, Prinz-Ludwigshöhe, wurde 1906 auf Wunsch des Bauherrn von Architekten Th. Veil in einem den Bauten um 1800 verwandten Sinne erbaut und enthält außer den erforderlichen Wohnräumen im Erdgeschoß eine hinter der Säulenvorhalle gelegene Wohnhalle, im Dachgeschoß ein Atelier mit Nebenräumen. Der plastische Schmuck der Säulen und des Architraves ist ein Werk des Bildhauers I. Rauch in Berlin. Die Baukosten betrugen M. 80000, pro cbm umbauten Raumes M. 26.
Cuvilliesstraße 27 und Lamontstraße 30
Die Einfamilieuhüuser Cuvilliesstraße 27 und Lamontstraße 30 wurden 1907 durch die Architekten Brüder Ludwig erbaut. Das erstere Objekt kam auf M. 127000, das letztere auf M. 98000 inklusive Einfriedung und Gartenanlage zu stehen, was einem Preis pro cbm umbauten Raumes von M. 26, bezw. M. 24 entspricht. Beide Häuser sind mit roten Biberschwänzen gedeckt und besitzen im Innern Warmwasserheizung und Warmwasserleitung. Die beibeii Anwesen bilden mit ihren gegen Süden vorgelagerten Gärten gleichsam die nördliche Platzwand der hierzu einem kleinen Platz erweiterten Euvilliösstraße. Deshalb sind die Einfriedungen der beiden Anwesen als hohe Mauer mit darauf lastenden Gartenhäusern an den Ecken und einer Pergola auf massiven Pfeilern dazwischen durchgebildet.
Das Einfamilienhaus Kolbergerftraße 16 wurde 1907/08 nach den Plänen des Architekten Karl Jäger erbaut. Baukosten M. 48000 oder M. 25 pro ebm. Das Grundstück grenzt an eine öffentliche Parkanlage, deshalb wurden die Hauptwohnräume nach der Gartenseite gelegt.
Das Wohnhaus Christmann, Nenatastraße 29, wurde im Jahre 1909 als Putzbau mit gestocktem Betonsockel und Ziegeldach nach den Plänen der Architekten Honig und Söldner erbaut. Das äußerlich einfache Haus hat innen den Charakter eines feinen Bürgerhauses mit ausgedehnter Verwendung von Holztäfelung an den Wänden und Decken. Nach Süden ist ein architektonisch ausgebildeter Garten mit mittlerem Brunnen vorgelagert. Im Erdgeschoß sind Schiebefenster mit Spiegelglas verwendet. Das Untergeschoß enthält u. a. eine Kegelbahn mit Kneipzimmer. Durch die im 1. Stock eingeschobene Separatwohnung ist der Charakter als reines Einfamilienhaus verwischt. Die Gesamtbaukosten betrugen M. 110000, pro ebm umbauten Naum M. 31.
Das Einfamilienhaus Julius Gritzner wurde 1909/10 durch Architekt Ludwig Grothe erbaut. Die Hauptfassaden sind größtenteils in Kunststein ausgeführt; zur Ausstattung des Innern wurden nur echte und wertvolle Materialien verwendet. Das Haus, welches nur aus dem Erdgeschoß besteht, enthält in diesem mit Ausnahme von einigen Nebenräumen sämtliche Räume. Die Wohnrüume sind nach dem Garten zu gelegen, der dem Hause in beträchtlicher Ausdehnung vorgelegen ist, und dessen Abschluß letzteres bildet. Künstlerischer Beirat war Ehristian Seebach.
Das Dienstgebüude ist durch die Vermögensadministration S. M. des Königs Otto von Bayern im Jahre 1910 nach den Plänen des kgl. Hofoberbaurates E. Drollinger erbaut worden. Es enthält in dem vorderen, den Anlagen zugewendeten Teil im Erdgeschoß eine Dienstwohnung für den Kgl. Hofgartenverwalter und im Obergeschoß zurzeit eine Wohnung für den Oberinspektor der Kgl. Hofgärten. Im anstoßenden eingeschossigen Flügelbau sind das Bureau, Wohnung für Bedienstete, Räume für Sämereien und Magazine für die Gärtnerei untergebracht. Im rückwärtigen Anbau befindet sich die Stallung mitHeuboden. DasAeußere des Baues ist der landschaftlichen Umgebung inmitten hoher Baumanlagen angepaßt und trägt der Zweckbestimmung des^Hauses entsprechenden gärtnerischen Schmuck. Die Gesamtbaukosten betrugen M. 92300, d. i. pro ebm umbauten Raumes M. 22.
Das Einfamilienhaus Aiblingerstratze Nr. 9 wurde 1910 nach den Plänen des Architekten Emil Leykauf erbaut. Die Baukosten betrugen inkl. Einfriedung M. 41000, pro cbm umbauten Raumes rund M. 19.50. Das Gebäude besteht aus Souterrain, Erd- und Obergeschoß, sowie teilweise ausgebautem Dachgeschoß. Es ist auf betoniertem Sockel in Backsteinwerk mit glatten Putzfassaden ausgeführt. Das Dach ist mit Biberschwänzen doppelt eingedeckt. DieKellerdecken sind zwischen ^-Trägern ausbetoniert und teils mit Hartholz- teils mit fugenlosen Fußböden belegt. Die übrigen Decken sind Holzbalkendecken mit Linoleumbelag. Das Gebäude besitzt eine Zentralwarmwasserheizung, eine vollständige Wasserzu- und ableitung, Gas- und elektrische Beleuchtung. Außer den in den Grundrissen ersichtlichen Räumen enthält das Gebäude im Souterrailn Hausmeisterwohnung,Waschküche,Heizraum,GarageundKellerräume.
Die St. Ulrichsapotheke wurde 1910/11 uach dem Entwürfe des Professors Theodor Fischer mit einem Kostenaufwande von M. 93400, pro cbm umbauten Raumes M. 19, erbaut. Die Kellermauern sind in Beton, die Fassaden in Kalkputz ausgeführt. Den Keller überspannt eine flache Betondecke, alle Stockwerksdecken sind Balkendecken.1912
Das Wohnhaus für Kunstmaler Robert Böninger wurde 1910/11 nach den Plänen des Architekten Paul Ludwig Trooft erbaut. Die eigenartige Lage des Grundstückes gestattete eine besonders malerischeGestaltung der Bauanlage. Der Fassadenputz ist im primitiven, ländlichen Charakter ausgeführt und hell getönt. Die Dächer sind mit schwarzen 8-Ziegeln ausgeführt.
Das Haus Freundlich wurde 1911 nach den Plänen des Professors Dr. Gabriel von Seidl umgebaut und aufgebaut. Die Fassaden des Hauses sind mit Terranova verputzt, während die Architekturteile, wie Säulen und Balustraden in Donaukalkstein ausgeführt sind. Der Bildhauerfries in Betonguß stammt von Professor Anton Pruska.
In den Jahren 1909,1910 und 1911 errichtete die Terraingesellschaft Neuwestend, Aktiengesellschaft in München, auf ihrem ausgedehnten Grundbesitze in München-Laim, welcher sich durch seine gesunde Lage mrd vor allem durch seine ganz vorzügliche Verbindung bei Tag und bei Nacht mit dem Stadtinnern, sowohl durch Straßenbahn wie Vorortszüge, auszeichnet, 20 Neubauten nach Plänen von Professor Dr. Theodor Fischer und zwar in der Perhamerstraße die vier Miethäuser Nr. 1, 3, 4 und 6, welche aus Parterre und zwei Stockwerken bestehen und 2-, 3- und 4-Zimmerwohnungen mit Küche, Kammer und Bad enthalten, mit gut bürgerlichem Komfort ausgestattet uud mit Gas uud elektrischem Licht versehen sind. Die Mietpreise dieser Wohnungen stellen sich gegenwärtig für2-Zimmerwohnungen aufM.45, 3-Zimmerwohnungen aufM. 60,4-Zimmerwohnungen auf M. 85 pro Monat. Im Hause Perhamerstraße Nr. 3 bebefinden sich die Amtslokale der Postsiliale München W. 42. In der Stadtlohnerstraße sind die Häuser Nr. 2,5,7,9 und 16 Miethäuser in gleicher Ausstattung wie die Häuser der Perhamerstraße, auch hier sind 2-, 3- und 4-Zimmerwohnungen und diese zu den Mietpreisen der Häuser in der Perhamerstraße vermietet. Die Anwesen Stadtlohnerstraße Nr. 4, 6, 8, 10, 12 und 14, sowie 1 und 3 sind herrschaftliche Einfamilienhäuser mit 7, resp. 6 und 5 Zimmer mit Küche, Kammern,Bad, sehr gut ausgestattet, durchwegs mitWarmwasserheizung versehen, ebenso mit Gas und elektrischem Licht, Speisenaufzug, sowie zu jedem Hause ein eigener Garten mit Sommerhaus. Die Einfamilienhäuser sind bereits aus dem Besitze der Terraingesellschaft Neuwestend A.-G. in dritteHünde übergegangen. Die drei Häuser in der Camerloherstraße Nr. 62, 64 und 66 enthalten nur 2-Zimmerwohnungen; es kosten in diesen Häusern 2 Zimmer mit Küche durchschnittlich M. 30 pro Monat. Auch diese Häuser, deren Innenausstattung eine einfachere ist, haben Gas und elektrisches Licht.
Die Terrain-Aktiengesellschaft Bavaria ließ in den Jahren 1910/11 durch das Baugeschäft Heilmann&Littmannan der Valleystraße und ihren Seitenstraßen insgesamt 40 Wohnhausneubauten ausführen. Der Baublock enthält hauptsächlich Kleinwohnungen mit 2 bis 3 Wohnräumen und Küche. Für die Wohnungen jedes Stockwerks wurde ein gemeinschaftliches Bad angeordnet, was sich sehr bewährt hat. Die Ausstattung ist einfach, aber solid: Parkettböden, Doppelfenster und Rolläden. Die Fassade ist in Kalkmörtel ausgeführt und durch Giebel, Erker, Loggien und Balkone belebt. Durch die großen Durchfahrten gewinnt man von der Straße aus einen Einblick in den Hof mit den gärtnerischen Anlagen.
Die Häuser wurden in den Jahren 1909/10 an der ThalKirchner- und Dreimühlenstraße von den Architekten Heilmann & Littmann errichtet. Bemerkenswert ist die Eingruppierung der Anlage in die schon vorhandenen älteren Bauquartiere. Besondere Rücksicht wurde auf die Ausstattung der Höfe genommen, damit diese nicht nur genügend Licht für die Wohnräume, sondern auch einen behaglichen und freundlichen Eindruck gewähren. Die Häuser enthalten nur 2- und 3-Zimmerwohnungen mit Küche, teilweise auch Kammern. Für sämtliche Bewohner der Häuser wurde im Souterrain jedes Hauses eine gemeinschaftliche Badeeinrichtung ausgeführt. Die überbaute Fläche beträgt 4030 qm, derKubikinhalt 6400 cbm, die nutzbare Fläche einschließlich der Gänge und Klosetts 11225 qm, die Größe des Bauplatzes 7390 qm.
Der Verein zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in München E.V. ließ in den Jahren 1909—11 an derAeußeren Dachauerstraße nach den Plänen des Architekten Johann Mund einen Kleinwohnungsblock erstellen. Das rechteckige Grundstück ist 140 m lang und 68 m breit. An den vier Straßenfronten, die einen sehr großen Gartenhof umschließen, liegen insgesamt 24 Kleinhäuser. In den Kleinhäusern, die durchschnittlich eine Breite voit 13 m und eine Tiefe von 11,60 m haben, liegen in einem Stockwerk entweder zwei Wohnungen mit drei Räumen von rund 15 bis 17 qm oder dreiWohnungen mit je zwei solchenRäumen. Kammern sind dabei nicht mitgezählt. In einem normalen Kleinhaus mit Erdgeschoß, zwei Obergeschossen und halbausgebautem Dachgeschoß sind nur 7—9 Wohnungen untergebracht. Die lichte Stockwerkshöhe beträgt 2,75 m, im Dachgeschoß 2,60 m. Sämtliche Wohnungen sind für sich abgeschlossen, haben eigenen Vorplatz und Wasserklosett in der Wohlmng. Jedes Koch- und Wohnzimmer hat einen möglichst wettergeschützten Balkon oder Loggia. Die Beheizung geschieht durch Einzelöfen, in den Wohnküchen mittels Kachelsesselöfen oder mittels eiserner Regulierfüllöfen. Die Koch- und Wohnzimmer sind mit Eichenriemenparkett versehen, Wände und Decken durchwegs in gebundener Kalkfarbe gestrichen. Der Wert sämtlicher Anwesen inklusive Grundstück, Straßenherstellung, Pflasterung usw. beträgt nach Abschlußrechnung ziemlich genau M. 1400000.
Altmünchen war reich an behaglichen Hausgärten und an öffentlichen Erholungsgärten (siehe die Aufnahmen von Gustav Steinlein nach dem im Nationalmuseum befindlichen Stadtmodell vom Jahre 1571, Heft 5,6. und 7. Jahrgang 1910 der Monatsschrift des Bayerischen Vereins für Volkskunst und Volkskunde in München, Damenstiftstraße Nr. 5, und die Stadtplüne Münchens vom Anfang des 19. Jahrhunderts).
Ein Hausgarten mit plätscherndem Brunnen und einem „Salettl" war früher ein notwendiger Bestandteil jedes besseren Bürgerhauses. Infolge Vergrößerung der Einwohnerzahl und der damit verbundenen Steigerung der Grundstückpreise, besonders im Innern der Stadt, verschwanden diese Hausgürten immer mehr. Der hohe Grundstückpreis führte zum Abbruch der älteren Gebäude und zur größtmöglichsten rentierlichen Ausnützung für Geschüftszwecke. Vorhanden sind u. a. noch der Hausgarten, Hackenstraße Nr. 7, und die früheren Klosterhausgürten beim Damenstift, Damenstiftstraße Nr. 2, beim Herzogspital, Herzogspitalstraße Nr. 9, beim Iosephspital, Josephspitalstraße Nr. 11, beim ehemaligen Iohannisspital, Sendlingerstraße Nr. 64 und im ehemaligen Jesuitenkollegium, Neuhauserstraße Nr. 52, anschließend an den Chor der Michaelskirche.
Bei den zu Wohnzwecken errichteten neueren Gebäuden ist meist nur eine kleine, das baupolizeiliche Mindestmaß erfüllende, kahle Hofraumflüche oder ein Vorgarten oder Pavillonzwischenraum mit einiger Anpflanzung vorhanden. Die Zwecke eines Hausgartens können hierdurch natürlich nicht erfüllt werden. Nur einzelne neuere Wohnsitze Münchener Künstler und Kunstfreunde haben Hausgürten im Sinne der alten erhalten. Schöne Beispiele dieser Art sind der Garten beim Hause v. Lenbach, Luisenstraße Nr. 33 (Abb. Seite 446), beim Hause v.Kaulbach, Kaulbachstraße Nr. 15, beim Hause v. Stuck, Aeußere Prinzregentenstraße Nr. 4 (Abb. Seite 446), beim Hause Littmann, Höchlstraße Nr. 2 (Abb. Seite 447).
Gute Beispiele von größeren, den örtlichen Geländeverhältnissen gut angepaßten Gartenanlagen befinden sich beim Hause v. Hildebrand, Perfallstraße Nr. 4, beim Hause Frhr.v.Karg-Bebenburg,JensenstraßeNr. 1 und beimHause v. Borscht, Heilmannstraße Nr. 33 in Prinz Ludwigshöhe. Letzterer Garten ist besonders bemerkenswert durch seine Lage am steilen Jsarufer und durch die Ausbildung desselben zu Terrassen, Grotten usw.
Hier anzuführen sind sodann auch die Ergebnisse der Bestrebungen derStadtgemeinde,inneuenBauquartieren durch Gewährung gewisser Gegenleistungen auf dem Wege des Übereinkommens, durch Erlaß ortspolizeilicher Vorschriften oder durch Ziehung einer rückwärtigen Baulinie innere Höfe mit Anpflanzungen und Erholungsplätzen zu schaffen. Am besten gelingt dieses Vorhaben, wenn das betreffende Bauquartier im Einzelbesitze oder in Händen einer Baugesellschaft sich befindet. Die Gebäude des Vereins für Verbesserung der Wohnungsverhültnisse an der Aberleund Alramstraße (Architekt: städtischer Oberingenieur S. Langenberger bezw. Gebrüder Rank), des Kleinwohnungsblockes Thalkirchnerstraße Nr. 117—123 (Architekt: städticher Baurat R. Rehlen), an der Peißenbergstraße (Baugechäft Jos. Kalb) und der Wohnhausneubauten Nymphenburgerstraße Nr. 120—126 (Architekt: Professor R. Berndl) sind Ergebnisse dieser Bestrebungen.
Zu erwähnen sind endlich noch eine besondere Art neuerer Hausgürten,nämlich die Bierwirtschaftsgürten. Schöne solche Beispiele befinden sich beim Ausschank der Augustinerbrauerei, Neuhauserstraße Nr. 16 (Architekt Professor Emanuel v. Seidl), der Pschorrbrauerei, Neilhauserstraße Nr. 11 und im K. Hofbrüuhaus am Platz! Nr. 9 (beide von Heilmann & Littmann)
Wie die Kunst im allgemeinen seit Jahrhunderten in Münchens Mauern gepflegt worden ist, so ist dies auch hinsichtlich der Grabmalkunst der Fall gewesen. Dies zeigt sich jedem in raschem und hochinteressanten Ueberblick bei der Betrachtung der alten Grabdenkmale, welche ringsum in die Umfassungsmauern der Domkirche zu Unserer lieben Frau und der Pfarrkirche St. Peter als Reste der aufgelassenen ehemaligen Kirchhöfe dieser Gotteshäuser eingelassen und dadurch der Nachwelt erhalten geblieben sind. Aber auch in späteren Zeiten ist die Grabmalkunst in München immer bemerkenswert gewesen. Von den vielen Denkmälern, die davon Kunde geben, können wir hier aus Raummangel nur einige seit dem Jahre 1870 errichtete typische Beispiele bringen, wie selbe die Abbildungen (Seite 449 mit 452 darstellen.
Trotz dieser schönen Einzelbeispielen zeigten die Münchener Friedhöfe in der Gesamtheit der Denkmäler aas bekannte gleich unerfreuliche Bild wie anderwärts infolge des in ganz Deutschland aufgetretenen kaufmännischen Vertriebes fabrikmäßig hergestellter unkünstlerischer Dutzendware und infolge des Tiefstandes der künstlerischen Allgemeinkultur. Im letzten Jahrzehnt ist dieser barbarische Zustand unserer Friedhöfe allgemein erkannt worden und es wurde von den verschiedensten Seiten insbesondere angestrebt, dem einzelnen Denkmal künstlerisch befriedigende Gestalt zu verleihen. Auch wurden Gruppen von solchen Denkmalen in kleinen Musterfriedhöfen zusammengestellt.
In keiner deutschen oder außerdeutschen Stadt ist jedoch eine durchgreifende Reform vollzogen worden außer in München in dem im Jahre 1907 in Betrieb genommenen Waldfriedhof.
Die Grundzüge dieser von Baurat Dr.H. Grassel 1907 vorgeschlagenen und seitdem mit großem Erfolge durchgeführten Reform gründen sich auf das Bestreben nach harmonischer Gesamtwirkung und dem hieraus folgenden Verlangen
der gegenseitigen Rücksichtnahme der nebeneinander be-sindlichen Einzelgrabdenkmäler in Material, Form und Höhe sowie auf das Verbot jeder Art von Einfriedung. Das Nähere hierüber ist enthalten in der von Baurat Grassel für den „Dürerbund" verfaßten 60. Flugschrift desselben: „Ueber Friedhofanlagen und Grabdenkmale." (Verlag von D. W. Gallwey, München.)
Der vorgenannten Reihe von Abbildungen neuerer Einzeldenkmale fügen wir daher auch einige solche an, welche harmonische Gesamtheiten von Grabdenkmalen darstellen. (Abb. Seite 453 und 454.)
Infolge des allgemein ersichtlich gewesenen großen Erfolges auch für die beteiligten Grabmalfirmen, hat mit Verordnung vom 22. März 1911 der Magistrat der Stadt München die Grabmalreform auch auf die vou da ab zu belegenden neuen Gräberfelder der übrigen drei städtischen Hauptfriedhöfe ausgedehnt, bei welchen es bisher nur in der Umgebung der dort errichteten Neubauten gelmigen war, einigermaßen befriedigende Grabdenkmalgruppen zu erreichen. Der Waldfriedhof ist der bevorzugteste Friedhof der Münchener Bevölkerung geworden und selbst von auswärts werden dort Familienbegrübniffe erworben.
Dieses Einverständnis sowohl der Allgemeinheit wie insbesondere auch der näher Beteiligten mit der im Münchener Waldfriedhof durchgeführten Reform ist eine der bedeutendsten kulturellen Errungenschaften der Neuzeit.
Das Gebäude der Flurbereinigungskommission wurde 1905/06 vom Landbauamte München nach Entwurf und unter Leitung des Bauamtsassessors Bestelmeyer erbaut und durch den Bauamtsassessor C.Voit vollendet. Der Bau ist ein verputzter Backsteinbau. Die Dächer sind mit Biberschwänzen, die Erker mit Kupfer gedeckt, die Terrassen mit Asphaltbelag auf Korkplattenunterlage versehen. Das Gebäude hat Niederdruckdampfheizung und elektrische Beleuchtung. Gesamtbaukosten rund M. 288000; hiervon entfallen auf das Gebäude M. 240 590 (pro ebm M. 13.65) auf die Nebenanlagen M. 21019.
Ausgeführt 1906/1907 vom Landbauamt München nach Entwurf und unter Leitung des Bauamtmannes Schulze. Die Gebäudegruppe, etwas unterhalb derMax-Iosephbrücke auf dem linken Jfarufer gelegen, besteht aus dem Wohngebäude für den Flußwart und Magazinsaufseher, sowie den eigentlichen Magazinsbauten, die 3 m tiefer liegen als das an der Straße erbaute Wohnhaus. Das Mauerwerk ist bis Sockeloberkante aus Beton, im übrigen aus Backsteinen hergestellt; die Ansichten sind mit Kalkmörtel rauh verputzt, die Dächer mit roten Biberschwänzen eingedeckt. Gesamtbaukosten rund M. 56000; hiervon treffen auf die Gebäude M. 46157, d. i. M. 13.58 auf 1 cbm. Die Nebenanlagen erforderten M. 4431.
Das Gebäude wurde 1899/1900 nach dem Entwurf und unter der Leitung des Oberbaurates Stempel erbaut. Verputzter Backsteinbau auf Betonfundamenten. Das Hauptportal erhielt einige Plastik in Muschelkalk. Die Dachbinder der großen Halle sind als Eisenfachwerk konstruiert, die Dächer mit Biberschwänzen eingedeckt; Zimmer und Hallen haben eichene Riemenböden, die Gänge Tonplattenbelag, Aborte und Waschraum Asphaltpflaster. Die große Halle überspannt ein Tonnengewölbe in Rabitzkonstruktion. Das Gebäude hat elektrisches Licht und wird durch irische und Kachelöfen geheizt. Gesamtbaukosten M. 148048; Kosten des Gebäudes M. 129 555, pro edm M. 12.80. Kosten der Nebenanlagen M. 18493.
Das Zentral-Taubstummeninstitut an der Goethestraste wurde 1895 unter der-Oberleitung des Bauamtsassessors Stauffer des Landbauamtes München von der Firma Heilmann & Littmann (Architekt Max Littmann), die auch den Entwurf fertigte, erbaut. Die Anstalt gewährt taubstummen Kindern Volksschulunterricht und erzieht sie zu brauchbaren Handwerkern. — Das Kellermauerwerk besteht bis Sockeloberkante aus Beton, das aufgehende Mauerwerk aus Backsteinen; die Fassaden sind in Kalkmörtel rauh verputzt uud ockergelb getönt. Das Hauptportal ist in Muschelkalk hergestellt, das Dach mit roten Biberschwänzen, das Türmchen mit Kupfer gedeckt. Die Läufe der Haupttreppe ruhen auf steigenden Bögen und Kreuzgewölben, die Stufen bestehen aus Granit. Im Keller hat die Küche Mettlacher Plattenbelag; die übrigen Räume sind betoniert. Die Gänge im Erdgeschoß haben Steinterrazzo, die Lehrsäle Linoleumbelag, die Obergeschosse durchweg eichene Riemenböden. Im südlichen Flügel befindet sich die Knaben-, im nördlichen die Mädchenabteilung; Erd- und 1. Obergeschoß enthält die Lehr- und Aufenthaltsräume, und das Direktorat, das Obergeschoß die Schlafsäle und im Mittelbau die Hauskapelle und den protestantischen Betsaal. Zahlreiche Bilder aus den Depotbeständen der Schleißheimer Galerie schmücken Gänge und Haupttreppenhaus. Die Baukosten betrugen M. 393 000, pro edm umbauten Raumes M. 16.44.
Das Entstehen umfangreicher Häuserquartiere in der Nähe des an der Ruffinistraße gelegenen landwirtschaftlichen Versuchsfeldes der Technischen Hochschule zwang zur Verlegung und Neuherstellung der Anlage. Diese erfolgte 1907 durch das Landbauamt München unter Leitung des Bauamtsassessors C. Voit nach den Entwurfsskizzen des Bauamtsassessors G. Bestelmeyer. Die Fundamentmauern bestehen bis Sockeloberkante aus Beton, ebenso die Terrassenbrüstungen; das Backsteinmauerwerk erhielt rauhen Kalkmörtelputz, das ausgemauerte Fachwerk eine Verkleidung mit Allgäuer Schindeln. Die Dächer find mit roten Biberschwänzen gedeckt. Die Böden bestehen im Erdgeschoß aus Linoleum, im Obergeschoß ausFöhrenlangriemen, während das Nebengebäude Tafelböden erhielt. Die Aborte haben Wasserspülung unter Anschluß an eine Kläranlage und Versitzgrube. Die Gesamtbaukosten betrugen M. 81500, wovon das Hauptgebäude M. 38499 (1 ebm M. 22.81) erforderte.
Das Gebäude bildet einen Teil der, die Bezeichnung „Alter Hof" führenden ehemaligen Residenz der Wittelsbachischen Herzöge. Nach dem Umbau des Nordflügels und dem Neubau des Ost- und Südflügels auf den alten Grundmauern diente das Gebäude den Zwecken der Rentämter München I und II und des Katasterbureaus. Durch die Verlegung des letzteren in einen Neubau konnte mit einem umfassenden Umbau, dem durch die damalige Reorganisation der Rentämter veranlassten Bedarf nach Schaffung geeigneterer Räume Rechnung getragen werden. Dieser Umbau erfolgte 1902/1903 durch die Firma Heilmann & Littmann unter Leitung des Bauamtmannes Schulze vom Landbauamt München. Es waren vor allem Nord-, Oft- und Südbau in richtige Verbindung zu bringen, durch Abgleichen der verschiedenen Stockwerkshöhen, Neuaufführen sämtlicher Jnnenmauern undHeben des Dachstuhles. Die beim Nordbau allein noch erhaltenen Formen der Renaissance wurden auch auf den Ostflügel übertragen, während der Südbau mit der Gotik des anstoßenden ehemaligen Wohnungstraktes Kaiser Ludwigs des Bayern in Übereinstimmung gebracht wurde. Die Fassaden sind verputzt, Sockel und Hauptgesims betoniert, die Hauptportale in gestocktem Feinbeton ausgeführt, die Dächer mit Biberschwänzen gedeckt. Sämtliche Treppen bestehen aus Eichenholz. Das Gebäude hat Niederdruckdampfheizung und Gasbeleuchtung. Gesamtbaukosten M. 630000, Kosten für den Ebm M. 13.30.
Die Baugenossenschaft des Eisenbahnerverbandes München- Ost wurde im Jahre 1899 gegründet. Im Jahre 1900 wurde mit dem Bau der Wohnungskolonie in Berg am Laim, an der Ampfinger-, Münchener- und Welserstraße, begonnen. Die Anlage hat zehn Häuser mit insgesamt 102 Wohnungen, vier Läden und zwei Wirtschaften. Die kleinste Wohnung hat ein Zimmer und eine Küche oder ein Kochzimmer und ein Abort mit insgesamt 32,50 qm, die größte Wohnung hat zwei Zimmer, Küche oder Kochzimmer, Kammer und Abort mit insgesamt 62,20 qm. Die Preise für monatliche Miete bewegen sich zwischen M. 13 und M. 20. Der edm umbauten Räume kostete M. 12. Die Häuser sind in Backsteinmauerwerk mit Kalkmörtelverputz auf Sockel von Portlandzementstampfbeton hergestellt. Die Dächer sind mit Biberschwänzen eingedeckt.
Die Kleinwohnungsanlage der Baugenossenschaft des Verkehrspersonals München-Südbahnhof an der Thalkirchnerstraße hat sechs Typen von Wohnungen zu 1—2 Zimmern, Küche oder Kochzimmer,Kammer und Abort mit einem Flächeninhalt von 39—56 qm zu einem Mietpreis von M. 12 bis 25.50monatlich.DieHerstellungskostenfürdieimJahre1909 begonnenen Gebäude betrugen pro ebm umbauten Raumes M. 14.70, bei den im Jahre 1911 ausgeführten Gebäuden M. 13.35. Die Gebäude sind in geputztem Backsteinmauerwerk hergestellt, die Umfassungssockelmauern in Beton. Der Entwurf zum ersten Teil der Gebäude stammt von Regierungsbaumeister Allwang, der zur Erweiterung der Kolonie vom technischen Sekretär Schindler unter jeweiliger Oberleitung des Regierungsrates Dr. Gröschel.
Mit der Erbauung der Wohnuugskolonie der Baugenossenschaft des Bayer. Post- und Telegraphenverbandes an der Arnulf-, Birker- und Weiglstraße wurde 1909 begonnen. Die Wohnungen haben durchschnittlich je 1—2 Zimmer, Küche oder Kochzimmer, ferner hat jede Wohnung ihren eigenen Abort, Keller- und Speicheranteil. Eine große Waschküche ist im Keller jeden Hauses untergebracht. Der Mietpreis bewegt sich zurzeit zwischen 42'/- und 54 V- Pfennig pro gm und Monat. Der gm überbauter Fläche kam auf M. 295 zu stehen. Die Gebäude sind in Backsteinmauerwerk mit Kalkmörtelverputz hergestellt, die Umfassungsmauern bis Erdgeschoßfensterbrüstung in Beton. Die Pläne sind von Baumeister Ferchel entworfen.
Die Arbeiterhäuserkolonie der Baugenossenschaft München-Hauptbahnhof an der Donnersbergerstraße bietet billige Wohnungen mit durchschnittlich je zwei Zimmern, Küche oder Kochzimmer und Kammer. Der Mietpreis beträgt für eine Wohnung mit 38 qm Bodenfläche M. 12.50, für eine Wohnung mit 60 qm Bodenfläche M. 20.40. Mit der Anlage wurde im Jahre 1909 begonnen. Die Herstellungskosten für den ersten Teil der Gebäude betrugen pro cdrn umbauten Raumes M. 12.28, für die im Jahre 1911 hergestellten Gebäude M. 13.50. Die Gebäude sind in Backsteinmauerwerk mit altdeutschem Fassadenputz in Kalkmörtel hergestellt, die Fundamente und Umfassungssockelmauern in Portlandzementstampfbeton. Die Entwürfe wurden von Regierungsbaumeister Eisenrieth unter Leitung von Regierungsrat Dr. Gröschel ausgearbeitet.
Jeder Kessel ist mit einer Kettenrostfeuerung System Babcock & Wilcox von je 6,65 qm Rostfläche ausgestattet, ferner sind noch acht Ekonomiser von je 160 qm aufgestellt, die das Speisewasser auf etwa 90» C. erwärmen. Die Kohlenbeschickung der Kessel ist durchwegs mechanisch. Auf einem eigenen Zufuhrgleise werden die Kohlenwagen an den neben dem Elektrizitätswerk erbauten Kohlensilo herangefahren, auf ein Wagenkipper gestellt, durch ein Hebewerk gehoben und sodann schräg gestellt, so daß der Inhalt durch einen Rost von 8 cm Maschenweite in eine Grube fällt. Bon dieser aus werden die Kohlen vermittelst einer Becherkette emporgefördert und gelangen über eine selbsttätige Kohlenwage entweder auf das zu den Kesselbunkern oder auf das zum Kohlenspeicher führende Förderband, wo sie durch Abwurfwagen an den gewünschten Stellen abgeladen werden. Der Kohlenspeicher ist nach der gesetzlich geschützten Schrügtaschenbauart der Gebrüder Rank hergestellt. Er ermöglicht die Lagerung von ziemlich bedeutenden Kohlenvorrütew auf einem verhältnismäßig knappen Platze. SollenKohlen aus dem Speicher zu den Kesseln befördert werden, dann wird ein drittes unter dem Speicher angebrachtes Förderband benützt, das die Kohlen wieder in die Füllgrube der vorerwähnten Becherkette zurückbringt, um von hier aus von neuem gehoben und zu den Kesselbunkern gebracht zu werden. An das Kesselhaus schließt sich der Hauptschaltraum für die Fernheizanlage an; von hier aus führt ein begehbarer Heizkanal zum Berkehrsministerialgebüude (Hauptkanal, 1400 m Länge) und ein kleinerer Kanal zum Hauptzollamt (470 Hl lang). Der stündliche Wärmebedarf sämtlicher angeschlossener Gebüudeheizungen betrügt bei —25° C. etwa 25000000 Wärmeeinheiten in der Stunde. Der Dampf wird mit einer Ueberhitzung von etwa 225° in den Hauptkanal durch drei Rohrleitungen von 253 mm, 216 illm und 156 nun lichten Durchmesser mit einem Druck von 8 Atm. zu den einzelnen Druckverminderungsstationen geschickt, in denen die Dampfspannung auf h-o Atm. für die Gebüudeheizungen erniedrigt wird. In jeder Station sind Wasserbehälter aufgestellt, in denen sich das Niederschlagwasser sammelt. Sobald die Behälter gefüllt sind, wird das Wasser durch selbsttätig sich einschaltende, elektrisch angetriebene Pumpen in das Elektrizitätswerk zurückgepumpt. Die Niederschlagswasserleitung hat einen -Durchmesser von 131 mm im Lichten. Zur Ermöglichung einer sicheren Durchführung des Betriebs ist eine ausgedehnte Fernmeldeanlage eingerichtet, welche gestattet, an bestimmten Stellen der Fernleitung den Dampfdruck und die Dampftemperatur sowie die Ueberhitzung im Elektrizitätswerk an Instrumenten abzulesen. Ferner wird durch Lärmoorrichtungen im Elektrizitätswerk gemeldet, wenn sich ein Rohrbruchventil ausgelöst hat und wenn die Pumpen in den Druckverminderungsstationen trotz der Füllung der Behälter nicht anlaufen. Um über alle Einzelheiten des Betriebes unterrichtet zu sein, sind noch zahlreiche Kontrollinstrumente, wieManometer, Thermometer,Dampfmengenmesser, selbsttätige Kohlensäuremesser, Zugmesser, Pyrometer, sämtliche Instrumente selbstschreibend und von einer Normaluhr aus augetrieben, im Elektrizitätswerke aufgestellt. Die Aulage ist seit etwa zwei Jahren in Betrieb und hat bis jetzt zu keinerlei Beanstandung Anlaß gegeben.
Das Mannschaftsgebäude für das Telegraphenbataillon wurde 1909/10 vom k. Militärbauamtmann Sigismund Göschel entworfen und ausgeführt. Gesamtbaufummeführen Inneneinrichtung) M. 662000, 1 cbm umbauter Raum M. 14.50. Die Fassaden sind in rauhem Kalkmörtelputz unter Verwendung von Quetschsand hergestellt. Der Sockel ist aus gestocktem Beton, das Portal und die Hoheitszeichen in den Giebeln aus Ettringer Tuff. Das Dach ist mit Neufahrner Dachplatten gedeckt. Die Decken sind fast durchwegs massiv, System Secura. Die Fußböden der Gänge, Aborte, Wasch- und Putzräume haben Fliesenbelag, die Kompagniekammern Linoleum. Die Wohnräume besitzen Kachelöfen, die Mannschaftsräume eiserne Kasernöfen, die Unteroffizierszimmer und Lehrsäle Reguliersüllöfen. Das Gebäude enthält außer den Räumen für die Unterbringung von 540 Mann zwölf Lehrsäle für Telegraphie und eine funkentelegraphische Station. Der Mittelbau ist von einem 40 m hohen Turm bekrönt, der in Eisenbeton ausgeführt und mit Kupfer verkleidet, als Antennenträger für die funkentelegraphische Station dient. Der plastische Schmuck des Gebäudes stammt von Bildhauer Professor Julius Seidler.
Das Wirtschaftsgebäude für das Telegraphenbataillon wurde 1909/10 vom k. Militärbauamtmann Sigismund Göschel entworfen und ausgeführt. Gesamtbausumme (ohne Inneneinrichtung) M. 120000, l cbm umbauter Raum M. 17. Die Fassade: sind in rauhem Kalkmörtelputz mit Zementzusatz hergestellt. Der Sockel und einzelne Architekturteile sind aus gestocktem Beton. Das Dach ist mit Neufahrner Dachplatten gedeckt. Die Decke:: sind massiv, Sytem Westphal. Der Futzbodenbelag besteht in den Speiseölen und Nebenzimmern aus imprägnierten Buchenriemen in Asphalt, in den Küchen, Speisekammern, Aborten und Gängen aus Tonfliesen. Die Heizung erfolgt durchwegs durch Regulierfüllöfen.
Das Werkstättengebäude für das Telegraphenbataillon wurde 1909/10 vom k. Militärbauamtmann Sigismund Göschel entworfen und ausgeführt. Gesamtbausumme (ohne Inneneinrichtung) M. 75 000, 1 cbm umbauter Raum M. 13.60. Die Fassaden sind in rauhem Kalkmörtelputz unter Verwendung von Quetschsand hergestellt. Der Sockel ist aus gestocktem Beton. Die Zwischendecken sind aus Eisenbeton. Das Dach ist mit Neufahrner Dachplatten auf Lattung, Schalung und Pappunterlage eingedeckt. Der Fußbodenbelag der Vorplätze und Gänge, sowie der Fahrzeugrüume und der Schmiede besteht aus Großhesseloher Klinkern, in der Schlosser-, Schreiner- und Büchsenmacherwerkstätte aus Holzstöckelpflaster, in den übrigen Räumen aus imprägnierten Buchenriemen in Asphalt. Die Treppen sind vollständig in Eisenbeton hergestellt.
Das Familienwohngebäude für das 1. Fußartillerieregiment wurde 1909/10 vom k. Militärbauamtmann Sigismund Göfchel entworfen und ausgeführt. Gesamtbausumme (ohne Inneneinrichtung) M. 99 000,1 ebm umbauter Raum M. 18.80. Die Fassaden sind in rauhem Kalkmörtelputz unter Verwendung von Quetschsand hergestellt. Der Sockel besteht aus gestocktem Beton. Das Dach ist mit Neufahrner Dachplatten gedeckt. Das Kellergeschoß besitzt eine massive Decke, System Siegwart, die Decken über den anderen Geschossen sind Holzbalkendecken.
Als Beispiel für die Mannschaftsgebäude möge die Doppeleskadronskaserne der Prinz-Leopold-Kaserne behandelt werden. Die übrigen Mannschaftsgebäude sind in ähnlicher Weise ausgestattet. Die Kaserne wurde 1900/02 durch Baurat Zeiser entworfen und ausgeführt. Gesamtbausumme M. 168 677, 1 cbm umbauter Raum M. 11.20. Die Fassaden haben Verputz in verlängertem Zementmörtel, die Sockel sind gestockt. Das Dach ist mit Biberschwänzen eingedeckt. Ueber dem Kellergeschoß wurden Klein'sche Decken, über den Gängen im Erd-, 1. und 2. Geschoß Betondecken, sonst Hourdisdecken verwendet. Der Keller besitzt Klinkerpflaster. Im Erd- und den beiden Obergeschossen haben die Aborte, Waschräume und Hauptgänge Asphaltboden, alle anderen Räume Eichenschrägriemen. Die Montierungskammern im Dachgeschoß haben Linoleum- sonst rauhen Bretterbelag.
Das Stabsgebäude der Leopold-Kaserne wurde während der Jahre 1900 bis 1902 erbaut. Das Gebäude wurde vom Baurat Zeiser entworfen und ausgeführt. Gesamtbausumme M. 586O7, 1 cbm umbauter Raum M. 12.72. Die Fassaden sind in verlängertem Schlackenzementmörtelputz, die Sockelansichtsflüchen in gestocktem Portlandzementbeton ausgeführt. Das Dach ist mit Biberschwänzen eingedeckt. UeberdemKellersindHötz'sche Decken, sonstBalkendecken verwendet. Die Keller haben Klinkerpflaster, Erdgeschoßvorplatz und Vestibül Mettlacher Platten, Wache und Aborte Asphalt als Bodenbelag. Zu den sonstigen Räumen sind Eichenschrägriemen verwendet. Das Dachgeschoß hat Gipsestrich. Die Geschäftszimmer besitzen Kachelöfen, die Mannschaftszimmer Säulenösen.
Die Kleinwohnungshäuser des Bekleidungsamtes enthalten die Wohnungen für die Werkmeister, Unterbeamten usw. des Bekleidungsamts. Es find 12 Gebäude, von welchem in 5 je 4, in 2 je 3 und in 5 je 2 Wohnungen untergebracht find. Von den 36 Wohnungen bestehen 29 aus je 1 Wohnstube und 2 Kammern, die übrigen aus je 1 Wohnstube und 1 Kammer; außerdem hat jede Wohnung 1 Küche, 1 Waschküche mit Badeeinrichtung, eigenen Abort, Keller und Speicherräume. Zu jedem Hause gehört ein Vor- und einNutzgartenmitObstbäumen. DieHäuser wurden 1909/10 nach dem Vorentwurfe des Geh. Baurates Beetz von Baurat Besold erbaut. Gesamtbausumme für ein Vierfamilienhaus rund M. 35000, 1 cdrn umbauter Raum M. 17.84. Gesamtbausumme für ein Dreifamilienhaus M. 25900, 1 cbm umbauter Raum M. 17.60, Gesamtbausumme für 1 Zweifamilienhaus M. 17 200, 1 cbm umbauter Raum M. 18.90. Die Fassaden haben verlängerten Portlandzementmörtelputz, auf den Wetterseiten Wunnerschen Putz. Die Sockel sind aus gestocktem Beton. Die Dächer sind mit Biberschwänzen eingedickt. Die Küchen haben eiserne Sparkochherde, je 1 Zimmer und 1 Kammer einer Wohnung einen gußeisernen Regulierfüllofen.
Die umfangreichen Auswechslungs- und Instandsetzungsarbeiten an den Hauptfassaden der übrigen Trakte der K. Residenz; die Restauration verschiedener reicher Innenräume; der Neubau der Schatzkammer. Die vollständige Restauration des Inneren desK. Residenztheaters, der ein Anbau zur Erweiterung des Bühnenhauses vorausging. Die Restauration des Krongutes Blutenburg samt Kirche. Die Restaurierung der reichen Stuckfassaden der Schlößchen Amalienburg, Badenburg und Pagodenburg im Parke zu Nymphenburg sowie die Instandsetzung des Schlößchens Lustheim in Schleißheim.
Die Restauration der sämtlichen Fassaden und der Neubau der beiden großen Terrassen samt den Freitreppen des K. Schlosses Nymphenburg. DieRestaurierung de rsänttlichen Monumente im Englischen Garten einschließlich des Monopteros. Der Neubau der Brücken und der Umbau der Kaskaden im Park von Nymphenburg und Schleißheim. Die Instandsetzung der Vierungskuppel samt Laterne der Theatinerkirche, die Erneuerung der Abdeckung des Hochschiffdaches; die Restaurierung des nördlichen Turmes. (In Aussicht genommen ist die Fortsetzung dieser Arbeiten durch Iuangriffuahme zunächst des südlichen Turmes und dann der Hauptfassade.)
Die Neubauten erstreckten sich in München und Umgebung auf die Neuherstellung von Ergänzungsbauten, von Betriebs-, Dienst- und Oekonomiegebäuden. Fertiggestellt wird zurzeit der Neubau des Restaurations- gebäudes zum Chinesischen Turm im Englischen Garten, durch den unter Wahrung der Verhältnisse des alten Gebäudes ein den heutigen Ansprüchen entsprechendes Garten- restaurant in einfacher aber gediegener Ausstattung gewonnen werden soll.
Marienplatz 16 und Petersplatz 3 und 4
Erbaut 1890/92. Architekt Dr.-Jng. h. c. Hans Grassel, städtischer Baurat. Neubau Marienplatz: Gliederungen aus Muschelkalk. Einrichtungen aus Eichenholz mit Flachschnitzereien. Umbau Petersplatz: Gliederungen aus Bettinger rotem Mainsandstein, Bild „Ritter Gollier" in Keim'schen Mineralfarben. Neu- und Umbaukosten mit Einrichtung M. 70000 (Münchens Stadtarchiv von Ernst v. Destouches, Verlag G.D. W. Callwey, München 1908).
Erbaut 1891. Architekt Dr.-Ing. k. c. Hans Grässel, städtischer Baurat
Erbaut 1891. Architekt Dr.-Ing. h. c. Hans Grässel, städtischer Baurat
Erbaut 1899. Architekt Dr.-Ing. h. c. Hans Grässel, städtischer Baurat
Erbaut 1899/1900. Architekt Dr.-Jng.k.e. Hans Grassel, städtischer Baurat. Verputzter Backsteinbau inmitten der schönen Jsaranlagen. Grüne Fensterläden und Ziegeldeckung. Enthält im Keller vier Geräte- und Werkzeugräume, eine Waschküche und zwei Wohnungskeller; im Erdgeschoß: zwei Amtszimmer, ein Zeichnungs- und ein Schreibzimmer, zwei Wachräume, eine Kammer und eine Abortanlage; im ersten Stock die Dienstwohnung des Wasserbaumeisters, bestehend aus fünf Zimmern mit Zubehör, Holzbalkendecken, Parkettböden, elektrische Beleuchtung. Baukosten einschließlich 24x6 in großer Remise in Holzkonstruktion M. 66 700.
Durch den Neubau einer Obstzollhalle und einer städtischen Großmarkthalle in der Nähe des Südbahnhofes wurde die Erbauung eines Dienftwohngebüudes für Beamte der K. Zollverwaltung an der Thalkirchnerstraße nötig. Aus verwaltungsrechtlichen Gründen wurde das Gebäude durch die Stadtgemeinde errichtet und nach Fertigstellung an das K. Zollürar käuflich abgegeben. Die Ausführung erfolgte auf Grund des von der Staatsbauverwaltung angegebenen Raumbedarfes, als Doppelwohnhaus mit acht Wohnungen durch den städtischen Baurat Robert Rehlen im Jahre 1910. Die Baukosten betrugen M. 183 629 bei M. 18.60 für den cbm umbauten Raumes.
Die Gebäudegruppe wurde durch den damaligen Bauamtmann Carl Hocheder in zwei Bauperioden errichtet. Der größere Bauteil an der Ecke der Columbus- undHumboldtstratze kam 1894, der kleinere doppelreihige Teil 1896 zur Ausführung. Das Schulhaus enthält 27 Lehrfüle und die erforderlichen Nebenräume. Die beiden Turnsäle wurden hier erstmals in einem terrassenartigen Vorbail vereinigt, welcher an der spitzwinkeligen Straßenkreuzung eingefügt ist. Der die Gebäudegruppe beherrschende Turm enthält eine Haupttreppe. Ebenso wie beim später oft wiederholten Turnsaalmotiv kam in der Außenarchitektur hier erstmals in ausgesprochener Form die in Süddeutschland einheimische Putztechnik zur Anwendung. Baukosten M. 610000 bei M. 16.42 für den cbm umbauten Raumes.
Das Direktorwohnhaus wurde 1893/94 durch den damaligen städtischen Bauamtmann C. Hocheder mit der Hauptfront gegen die Lindwurmstraße erbaut. Das zweigeschossige Gebäude ist vollständig unterkellert und hat eine durch das erste Obergeschoß reichende Diele mit der Haupttreppe. Das Erdgeschoß enthält ein Warte-, ein Diener-, ein Sprech- und ein Speisezimmer sowie die Bibliothek. Im ersten Obergeschoß befinden sich Wohn- und Schlafzimmer, ein Salon mit Balkon, ein Musikzimmer mit daranstoßender offener Veranda und ein Badezimmer. Im Dachgeschoß sind die Räume für die Dienerschaft, ein Fremdenzimmer und ein Trockenraum für Wüsche, im Kellergeschoß die Kochküche mit Vorratsrüumen untergebracht. Eine Nebentreppe mit Eingang für Lieferanten verbindet sämtliche Stockwerke untereinander. Das Gebäude ist in Ziegelmauerwerk hergestellt. Die Fassaden sind verputzt und in Barockstil gehalten. Eine reichere Ausgestaltung hat die Diele, durch iu die Wände eingelassene Gemälde erhalten. Die Baukosten betrugen M. 82000.
Das Krankenhaus liegt im Norden der Stadt am Kölnerplatz und ist vom Stadtzentrum in der Luftlinie ungefähr 4 km entfernt. Das Areal hat ungefähr die ^orm eines Rechteckes, dessen Langseiten zirka 550111 und dessen Schmalseiten zirka 330 in messen. An der Südseite gegen die Stadt zu ist eine große Baugruppe am Kölnerplatz angelegt, deren Mittelpunkt das dreigeschossige Hauptgebäude mit dem Hauptzugang zum Krankenhause bildet. Mit dem Hauptgebäude ist die katholische Kirche durch einen zweigeschossigen Zwischenbau verbunden. Die Kirche ist weiterhin durch eine kleine, geschlossene Hofanlage (Klosterhof) mit dem Schwesternhaus der katholischen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul in Verbindung gebracht. Westlich schließt sich an das Hauptgebäude das Buchhaltungs- uud Apothekengebäude an, das jedoch vom Hauptgebäude durch eine kleine Hofanlage, in die die Krankentransportwagen einzufahren haben, getrennt ist. Durch das Hauptgebäude geht die in der Nord-Südrichtung verlaufende Hauptachse der Bauanlage. In dieser liegen dasOperationsgebäude, dasZentralbad und das Kochküchengebüude. Zur Linken und Rechten sind zurzeit je zwei größere Krankengebäude erbaut. Die beiden ersten bienen zur Aufnahme von chirurgisch Kranken, die beiden folgenden sowie die zurzeit im Bau befindlichen zwei weiteren Bauten für Aufnahme innerlich Kranker. In der Mitte zwischen den beiden Bauten für chirurgisch Kranke ist das Operationshaus angeordnet. Zwischen den beiden folgenden Gebäuden für innerlich Kranke liegt das Zentralbad. Die Bauten auf der linken, westlichen Seite gehören zur Mäunerabteilung, jene auf der rechten, östlichen Seite zur Frauenabteilung. Durch eingeschossige, unterkellerte, geschlossene und heizbare Gänge sind alle vorgenannten Bauten miteinander in Verbindung gebracht. Die Unterkellerung der Gänge dient zum Transport der Leichen und aller unreinen Sachen. Die in der Nord-Südrichtung verlaufenden Hauptverbindungsgünge schließen mit dell ül der Mittelachse gelegeneil Gebäuden (dem Hauptgebäude, deni Operationshaus, dem Zentralbad und dem Kochküchengebüude) drei größere Gartenhöfe eill. Die 99 m langen, in der Ost-Westrichtung gelegeneil Krailkeilgebüude, die durchAbzweiggünge mit dell erwühntenHauptverbindungsgüilgell verbunden sind, bestehen aus drei Geschossen und haben eille Froilthöhe von rund 15 in über dem umgebendell Terraül. Ihr Abstalld voneinander betrügt zwischeil dell Mauerll derLallgbauteil gemessell 57 m,zwischeil dell Flügelbauteil 37 ui. Das Operationsgebüude uild das Badehaus silld in der Hauptmasse eingeschossige Bauten, die ilur in deli Mittelteilell Aufbauteu eines Obergeschosses erhalten haben. Das Kochküchengebüude hat dllrchweg zwei Stockwerke. Auf denl ltördlichen Teile des Gelältdes sind die eiugeschossigen Bauten der Desillfektioilsallstalt und der Waschanstalt mit eitlem dreigeschossigen Altbau für Wohllungen des Personals, das zweigeschossige Werkstüttenund Gärtnereigebäude, das Gebäude für die Regulieruug der Heizungs- lmd Warmwafferversorguugsanlage mit angebautem kleinem zweigeschossigen Dienstwohngebäude, das zweigeschossige ailatonlisch-pathologische Institut (Prosektur), das Stallgebäude fürVersltchstiere, sowie das zweigeschossige Absonderuugshaus nebst einem kleinen zugehörigell Sektions- uild Leichelthaus errichtet. Das Anstaltsareal ist mit einer gemauerteil Umfriedung umgeben. Das Maschinen- tlndKeffelhaus ulld ein zugehörigesDieitstwohltgebälide liegen außerhalb dergenlauertellUmfriedung. Diese Anlage bildet eilte Betriebsstation der städtischen Elektrizitätswerke. Das Areal der Krankenhausanlage hat ausfchließlich des Gelältdes, auf dem sich das Kessel- und Maschinenhaus befindet, eine Flüche von 178000 qm. Da das Krankenhaus für eilte Aufitahme vou 1300 Kraltkeit ausgebatlt werdeli soll, treffen auf das Krankenbett rund 137 qm Geländeflüche. Die Kosten für delt gesamtelt Ausbau uitd die Einrichtung sind aus rund M. 14 000000 veranschlagt; sottach treffen auf das Krankenbett rund M. 10700 an Kosten für Bau und Eiltrichttmg. Zurzeit kann das Kraltkeithaus in Müitcheit-Schwabiitg in den vier großen Krankengebütlden 600 Kranke (in jedem 150 Kranke) aufnehmen; das Absoltderungsgebüllde ist zur Aufitahme voll 70 Kränkelt bestilttint. Gegenwärtig siitd eilt Erweiterungsbau an das Schwesternhaus, zwei große Gebäude für innerlich Kraitke, ein Gebäude für Iitfektioltskrallkheiteit uitd das Wohlthaus für delt Direktor der Aitstalt iit Ausführuitg.
Bezüglich der Baukonstruktionen ist zu bemerken, daß alle Bauten aus Stampfbeton und Ziegelmauerwerk errichtet wurden und fast durchweg Eisenbetondecken erhalten haben. Die großen Krankenbauten und ein Teil des Operationshauses find mit Eisenbetondachstühlen versehen; die Dachungen der Bauten wurden mit Biberschwänzen eingedeckt. Als Bodenbelag kam in den bewohnten Räumen und Gängen meist Linoleum, in den der Krankenbehandlung dienenden Räumen und in den Neben- und Betriebsräumen Fliesenbelag, im Absonderungshause und in einigen Räumen des Waschküchengebäudes fugenloser Bodenbelag (Pyrofugont) zur Verwendung. Der Anstrich der Wandund Deckenflächen erfolgte fast durchweg mit Kalkfarben. Die Ausgestaltung der Bauten und ihrer Einrichtung ist sehr einfach gehalten. An technischen Einrichtungen im Krankenhaus sind besonders zu nennen: die Fernheizungsund Warmwasserversorgungsanlage, die Aufzugsanlage sowie die Einrichtung des Kochküchen-, des Waschküchengebäudes nebst Desinfektionsanstalt, sowie des anatomischen Institutes. Die vier Krankengebäude sind mit Warmwasserheizung, die übrigen Gebäude mit Dampfheizung ausgestattet; das warme Wasser zu Heiz-, Bade- und Waschzwecken sowie der Dampf für Heizung der Gebäude und für medizinische Zwecke wird im Kessel- imd Maschinenhaus der städtischen Elektrizitätswerke teils direkt erzeugt, teils durch Ausnützung des Abdampfes der Maschinen gewonnen. Von dort aus führen Rohrleitungen in unterirdischen, begehbaren Kanälen von insgesamt 1'/2 km Länge nach dem Zentralregulierraum und weiter nach den einzelnen Gebäuden; die Gesamtlänge der in diesen unterirdischen Kanälen verlegten Rohrleitungen beläuft sich auf 12 km. Die Aufzugsanlage besteht zurzeit aus 14 mehrgeschossigen und 13 eingeschossigen elektrisch-hydraulischen Aufzügen für Personen- respektive Lastenförderung, die mittelst einer l1/2 km laugen Druckrohrleitung für 15 Atm. Betriebsdruck an eine ihnen gemeinsame Druckzentrale mit Wasserförderung aus eigenem Brunnen angeschlossen sind. Die Zubereitung der Speisen geschieht durch Dampf und Gas, eine maschinelle Kühlanlage dient gleichzeitig zur Eisbereitung. Im Wäschereigebäude haben außer den Wasch- und Spülmaschinen sowie Zentrifugen ein Kettentrockenapparat und eine Dampfmangel Aufstellung gesunden; die Bügeleisen sind ausschließlich elektrisch geheizt. Zur Seifenersparnis ist eine Wasserenthürtungsanlage mit eigenem Brunnen eingerichtet. Die Desinfektionsanstalt weist eine Reihe von Sterilisier-, Koch- und Waschapparaten auf, die in die Trennungswand zwischen reiner und unreiner Seite eingebaut sind. Das anatomische Institut birgt neben anderen mannigfachen Apparaten in seinem Kellergeschoß eine maschinelle Leichenkühl- und Gefrieranlage, an welche Einzelgefrierschränke für Präparate angeschlossen sind. Die elektrischen Einrichtungen in den ausgeführten Bauten des Krankenhauses umfassen eine Beleuchtungsanlage mit etwa . 3500 Glühlampen, 1000 Steckkontakten und 64 Bogenlampen, eine Kraftübertragungsanlage für den Betrieb der Druckzentrale der hydraulischen Aufzüge, der Kühlanlagen, der verschiedenen Wirtschafts- und Werkzeugmaschinen und der Ventilatoren, ferner eine Uhrenanlage, eine Kontrolleinrichtung für den Wächterdienst, eine Feuermeldeanlage, ein Haustelephonnetz, eine Temperaturfernmeldeanlage für die Dauerbäder, sowie eine Signal- und Kontrollanlage für die Fernheizung.
Die Anstalt wurde im Jahre 1893 vom „Bayerischen Frauenverein untermrotenKreuz" nach den Plänen desProfessors C. Hocheder errichtet und besteht aus einem Schwesternhaus und einem Krankenflügel für chirurgische Kranke. Das Gebäude, ausgeführt als verputzter Backsteinbau mit Ziegeldachung, Sockel und Portalbauten aus Haustein, hat späterhin mehrfach Erweiterungen erfahren.
Durch die Erbauung des Volksbades mußte ein nächst der Ludwigsbrücke gelegener städtischer Kulturgarten mit Wohnhaus des Stadtgarteninspektors aufgelassen werden. Das Wohnhaus wurde in den Kulturgarten an der Frühlingstraße verlegt; das durch den damaligen städtischen Bauamtmann Carl Hocheder 1896 erbaute Haus enthält in einem Erdgeschoß und ausgebautem Dachgeschoß fünf Zimmer mit Nebenräumen. In einem Anbau sind die Geschäftsräume der Abteilung für Gartenbau untergebracht. Die Baukosten des Wohnhauses betrugen M. 27911 bei M. 21 pro cbm umbauten Baumes.
Nachdem Se.Kgl.Hoheit Prinzregent Luitpold den Hirschanger den Kindern der Volks- und Mittelschulen als Turnpielplatz überlassen hatte, ließ die Stadtgemeinde auf demselben eine Spielhütte nach dem Entwürfe des städtischen Baurates Wilhelm Bertsch mit einem Kostenaufwand von rund M. 30000 errichten.
Vom Ursprung der Stadt München
Weil hier folgend von den Münchner Wahr- und allerlei Denkzeichen verhandelt wird, ist es wohl billig, vom Ursprung dieser Stadt ein paar Worte verlauten zu lassen. Damit war es aber in Kurzem so beschaffen.
Als Kaiser Carolus der Große in uralten Zeiten den bayrischen Herzog Teßel vom Thron stieß und in das Kloster verwies, weil er sich nicht unter fränkische Herrschaft beugen wollte, worin man ihm unmöglich unrecht geben kann, so kamen Herzoge aus anderen Landen an das Regiment, und der Lezte derselben war Herzog Heinrich der Löwe, welcher Sachsen und Bayern zugleich inne hatte.
Mittlerweile nun Heinrich der Löwe die Herrschaft führte und auf seinen Vortheil bedacht war, bemerkte er, daß es ihm ungemein nüßlich sein möchte, wenn eine gewisse Brücke, welche bei Vöhringen über die Isar ging, statt dessen ein wenig näher zu stehen käme, da, wo jeßt München befindlich ist.
Während des Heranreifens dieser Bemerkung umgab der Herzog einen hinlänglichen Bezirk mit Gräben und Mauern, ob auch in viel engerem Raum, als wir die Spuren der Stadtmauern heut' zu Tag noch sehen. Dieß that er, um sich gehörig sicher zu stellen, denn ganz wohl war ihm bei der vorhabenden Sache doch nicht. Darauf über fiel er Anno Domini 1156 die besagte Brücke in einer stillen Nacht - vielleicht war es aber auch am Tag, die Urkunden sind in diesem Betreff nicht so ganz genau - brach sie ab und ließ dann eine andere in der genannten Münchnergegend errichten .
Mit dieser tapferen und redlichen That erreichte er den Zweck, daß der Bischof Otto von Freisingen, dem die Brücke bei Vöhringen unten zugestanden, den Salzzoll nicht mehr erheben konnte; vielmehr alle Leute mit diesem Artikel und sonſtiger Waare über die Brüde des Heinrich reisen mußten, um weiter in's Land zu fahren, und vorher dem Herzog den Salzzoll zu erlegen hatten. Dazu kam der Marktzoll, und überdieß errichtete der Herzog nach eine Münzstätte.
Ueber alles das entstand begreiflich kein kleiner Groll und Streit, die Sache kam bis zum Kaiser Friedrich Barbarossa und Der entschied Bischof von Freisingen zu bezahlen.
Als nun Heinrich Leo seiner Sache insoweit sicher und gewiß war, zogen sich immer mehr Menschen an den Ort mit der Brücke, und statt etlicher Hütten, welche in der Gegend der heutigen, oberen Kaufingergasse standen, wuchs eine ganze Ortschaft heran. Dieser verlieh er einen eigenen Gerichtsstand und später eine Pfarrei, und mit dem Auen wurde München zu einer rechten Stadt.
Wie sehr sich nun die Nachfolger des Freisinger Bischofes, der Adalbert und ein anderer Otto bemühten, München wieder seine Bedeutung zu nehmen, ja gar zu vernichten, so half doch alles nichts mehr,sondern es kam immer mehr in Aufnahme und blühte fort und fort in guten und schlechten Zeiten, bis die Stadt, ihrer vielen schönen Kirchen und frommen Leute wegen, im vorigen Jahrhundert das "deutsche Rom" genannt wurde.
So war es mit dem Ursprung Münchens, das da schon in Mitte des zwölften Jahrhunderts entstand.
Bei alle dem verdienen die umliegenden Orte auch ihren Respekt. Denn zur selben Zeit geht schon die Rede von Ismaning, Brunnthal, Rammersdorf, Schleisheim, Neuhauſen und Hohenschäftlarn; noch hundert Jahre früher von Forstenried, Berg und Kempfenhausen; wieder früher, im zehnten Säculum, von Feldmochingen, Perlach und Mosach; noch früher, im neunten, von Alling, Sendlingen und Pullach; gar im achten von Giesingen, Hessellohe, Menzing, Pasing und Bayerbrunn. Es handelt sich also da schon um das eigentliche Uralterthum. Am allerurältesten aber ist das berühmte Dorf Drudring, denn das schreibt sich gar aus der germanischen Heidenzeit her, als noch die Druiden ihren Spuck trieben.
Von all diesen wußte ich gar Manches zu berichten, und wer weiß, lass´ ich deshalb noch eine ganz eigene Geschrift in die Welt ausgehen.
Da wird sich dann das Weitere schon ausweisen .
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Die Narren im Rathhaussaal
Selbige Narren schreiben sich von einem sehr großen Bankett her, welches in den 1480ger Jahren und zu Zeiten des starken Herzogs Christoph auf dem Rathhaussaale stattfand. Weil man nun in alten Zeiten viel lustigen Spott trieb und den Narren einräumte, die Wahrheit zu sagen, womit dann oft viel mehr gedient war, als mit gar manchen hochweisen Leuten, welche heut zu Tage das Große Wort führen, so wurde da die menschliche Thorheit gegeiselt, indem die bewußten Narren lauter sonderbare Eigenschaften und Bestrebugen der Welt schilderten, und zwar zuerst mit größtem Ernst, hinterdrein dann mit Selbstverspottung. Da ging es also über den Ehrgeiz und die Herrschsucht, den Hochmuth der Gelehrten, die Gefahr der Leidenschaften aller Art her, in Kurzem, es war da nichts geschont, und es bewiesen die Narren auf das Schlagendste, daß vom Besten bis zum Schlimmsten und vom Ernstesten bis zum Lächerlichsten ein ganz kleiner Schritt sei, wenn sich der Mensch nicht im Zaum halte.
Weil nun jene Narren von ihrem Privilegium einen so trefflichen Gebrauch machten und durch ihre diversen Reden und Grimassen männiglich auf das Höchlichste delektirten, wurden sie sämmtlich in Holz abkonterfeit, ganz und gar, wie sie leibten und lebten, und zu beiden Seiten des Rathhaussalles aufpostiert. Die Gesellen müssen aber nicht wenig kühn gewesen sein, denn mit kam in Ansehung der Sache irgenwo vor Augen, das Herzog Albrecht der Weise, welcher sich auch bein Bankett befand, anfangs fast zornig gworden sei, als ihn ein Narr zuerst reimweise wegen seiner fadenscheinigen Gerechtigkeit für seinen Bruder Christoph fragte. Dann aber habe er gelächelt und auch reimweise gesagt:
„Wöllt mich ein Andrer so fragen,
Möcht es Ihm schlechte Früchte tragen,
Dann du aber ain narre bist,
Voll Schalkheit und List,
Magst du so unschamenliches fragen;
Narren und Kinder dörfen was wagen.“
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Die Gründung der Stadt München und deren Aufkommen. 1157
Groß war in alter Zeit die Macht und Herrlichkeit des Hochstiftes Freising, und seine Bischöfe waren eifrig, dessen Ansehen und Gebiet zu vergrößern.
Der deutsche König Ludwig das Kind hatte am 30. September 903 dem Bischofe Walto den königlichen Weiler Vöhring an der Isar als Beisteuer zum Wiederaufbaue des erst kurz zuvor durch Brand zerstörten Domes zu Freising geschenkt. Dahin setzte Bischof Otto im Jahr 1140 Salzniederlage und Zoll, um sich alle Frachten des inneren Handels von Bayern, besonders die Salzfuhren, die von Reichenhall nach Franken, Schwaben und Burgund gingen, zinsbar zu machen.
Herzog Heinrich der Löwe aber, welcher in Folge des mit dem Herzoge Heinrich Jasomitgott im Jahre 1156 abgeschlossenen Vergleiches am 8. September desselben Jahres von Kaiser Friedrich dem Rothbart mit dem Herzogthume Bayern belehnt worden war, war nicht gewillt,
sich durch diese Beschränkungen von Seite des Bischofes Otto in seinem eigenen Gebiete beengen zu lassen, und überfiel endlich nach fruchtlosen Streitigkeiten und Unterhandlungen im Anfange des Jahres im Anfange des Jahres 1157 den reichen und blühenden Markt Vöhring und zerstörte dort das bischöfliche Schloß, die Münzstätte und die Isarbrücke.
Da lag eine Stunde oberhalb Vöhring an der Isar eine waldige Gegend, in der Nähe einer später unter dem Namen „Konradshof” vorkommenden Besitzung des Kloster Schäftlarn. Diese Gegend erschien dem Herzoge Heinrich dem Löwen passend zur Anlage seiner neuen Salzniederlage, denn es führte bereits seitwärts von der Reichenhallerstrasse her eine Nebenstrasse nach dem uralten Dorfe Haidhausen, welches schon im Jahre 808 als „Heidhusir” urkundlich vorkömmt, und von da aus über die Isar zig wahrscheinlich bereits eine weitere Strasse nach Sendling (ad Sentilingas urkundlich schon im Jahre 782) und nach Schwabing (Suuapinga, 782). Keine Nachricht, keine Spur aber deutet darauf hin, daß zu jener Zeit an diesem Platze schon eine Ortschaft bestand; sondern vermuthlich lagen hier einzelne Zellen von Mönchen, welche sich vor den Verheerungen der Ungarn in diese Wildnis geflüchtet hatten, oder es besaßen hier etwa die Mönche einen Hof oder ein Hospitium, daher man diese Gegend lediglich mit dem Namen „bei den Mönchen”, — Munichen — bezeichnete.
Hierher nun verlegte Herzog Heinrich der Löwe noch im desselben Jahre 1157 die neue Salzniederlage sammt Münzstätte und Zoll, und baute eine Brücke über die Isar.
Der Beschwerden und Einwendungen des Bischofs Otto ungeachtet bestättigte Kaiser Friedrich durch Urkunde vom 14. Juni 1158 die Gewalthat des Löwen, und diese Urkunde ist es, in welcher zuerst der Name „Munichen” erscheint.
In Folge der obwaltenden Verhältnissse und der Art feines Entstehens muß dieser neue Ort München wunderbar schnell angewachsen sein und sich vergrößert haben. Es kamen nämlich mit dem Salzzoll, der Maut und der Münze eine Menge Beamte und Münzarbeiter dahin. Zum Schutz aber der neuen Anlage war eine hinreichende bewaffnete Mannschaft nothwendig, um einem von Seiten Freisings zu befüchtenden Ueberfall kräftig zu begegnen; denn namentlich boten Bischof Adalbert I und Otto II Alles auf, um die neue Anlage zu vernichten, ja Leßtere baue sogar eine Trutzburg, - die Ottenburg genannt, - um die Züge zu überfallen, die auf dem linken Isarufer den Weg nach München suchten, und dadurch die Hadelsleute zu zwingen, auf dem rechten hohen Isarufer den Weg nach Freising zu nehmen. Daher war die schleunigste Anlegung von Wällen, Gräben und Thoren nothwendig, welche eine Menge von Arbeitern erforderte. Alle diese in Masse herbeigezogenen Menschen machten wider eine große Anzahl von Hadwerksleuten und Gewerbetreibenden jeder Art, sowohl zur Errichtung von Wohnungen als zur Beschaffung der Nahrung, der anderweitigen Bedürfnisse des Lebens und selbst auch des Luxus nöthig; es zogen selbst Handelsleute hierher, denn die der jungen Stadt verliehenen Marktfreiheit lockte viele gewerbslustige Ansiedler, und die große Salzstrasse von Reichenhall, die Geleitstrasse von Augsburg, und der italienische Handelsweg über Innsbruck und Rosenheim begünstigten Handel und Wandel und reichlichen Umsatz von Waaren aller Art. In der That sehen wir schon gegen Ende des zwölften Jahrhunderts, sohin nach noch nicht füntzigjährigem Bestehen der jungen Stadt, daselbst einen Handel mit Tuch, Leder, Eisen, Kupfer, Silber, Wein, insbesonders mit Salz, sehr im Schwunge. Diese neue Einwohnerschaft Münchens bestand natürlich zunächst aus Landleuten, die nicht nur aus der nächsten Umgebung, sondern selbst aus weiterer Entfernung in die Stadt hinein zogen. Denn es bestand damals allenthalben ein großer Zudrang vom Lande in die Städte. Die Unfreiheit nämlich und die Dienstbarkeit des Landbewohners unter seinen Grundherrn beengte und verkümmerte ihn auf jegliche Weise; hingegen erwarb er in den Städten, so auch in München, Stadtrecht, daß kein Unfreier, der Jahr und Tag ohne Forderung seines Herrn in der Stadt gelebt hatte, mehr zurückgefordert werden durfte. Auch gab die Stadt mancherlei Gelegenheit zum Verdienste, zum Handwerk und Verkehr, wie ihn das offene Land nicht bot. Ja selbst viele Adeliche verlegten ihren Wohnsitz in die Städte, wenn sie dabei größeren Vortheil erblickten. In Folge dieser Einwanderung vom Lande her begegnen wir schon in der allernächsten Zeit nach Gründung der Stadt dahin deutende Namen der Einwohner, als: Sentlinger, Freimanner, Auer, Mamminger, Schongauer und dergl. Die ersten Namen aber von Münchener Bürgern, die urkundlich vorkommen, sind: Ortlof, der Stadtbaumeister,
Wernher, ein Wechsler, Wernhard, Münzer, Wernher, Zöllner, Engilschalk, Münzer, ein Konrad von Schongau.
Ein weitere Nothwendigkeit dieser raschen Vergrößerung der Stadt war schon in den ersten Jahren die daraus entspringende Obfolge für Aufstellung der benöthigten Richter und Geistlichkeit. Noch Heinrich der Löwe hatte daselbst einen eigenen Richter, Namens Heinrich, bestellt, welchem zwölft Schöffen beigegeben waren, die ihm "das Urtheil finden sollten"; im Jahr 1164, - also kaum sechs Jahre nach Gründung der Stadt, kommt urkundlich schon ein Heribert, Dechant von München, und ferner im Jahre 1236 ein "Thunrad von Illmünster, Kanonikus und Schulmeister" vor, welcher von den freien Gaben der Aeltern der schulbesuchenden Kinder und von den Erträgnissen der Kirche lebte. Es bestand daher bereits eine Pfarrkirche und eine Schule.
Die alte Stadt war schon von Heinrich dem Löwen, wie wir bereits erwähnt haben, mit Wällen und Gräben umgeben worden und hatte vier Hauptthore, welche die jetzt noch bestehenden vier Hauptstrassen abschließen, nämlich das Thalbruckthor (jetzige Rathhausthurm), das Schwabingerthor (bei dem gegenwärtigen kgl. Polizeigebäude in der Weinstrasse), das obere oder Thufringerthor (später schöne Thurm genannt, in der Kaufingerase), und das Sendlingerthor (später Ruffinithurm genannt, bei dem sogenannten Ruffinihause am Eingange der Sendlingergasse). Diese ursprüngliche Altstadt Münchens ist gegenwärtig noch kennbar an dem noch vorhandenen inneren Stadtgraben.
Wernher, ein Wechsler, Wernhard, Münzer, Wernher, Zöllner, Engilschalk, Münzer, ein Konrad von Schongau.
Ein weitere Nothwendigkeit dieser raschen Vergrößerung der Stadt war schon in den ersten Jahren die daraus entspringende Obfolge für Aufstellung der benöthigten Richter und Geistlichkeit. Noch Heinrich der Löwe hatte daselbst einen eigenen Richter, Namens Heinrich, bestellt, welchem zwölft Schöffen beigegeben waren, die ihm "das Urtheil finden sollten"; im Jahr 1164, - also kaum sechs Jahre nach Gründung der Stadt, kommt urkundlich schon ein Heribert, Dechant von München, und ferner im Jahre 1236 ein "Thunrad von Illmünster, Kanonikus und Schulmeister" vor, welcher von den freien Gaben der Aeltern der schulbesuchenden Kinder und von den Erträgnissen der Kirche lebte. Es bestand daher bereits eine Pfarrkirche und eine Schule.
Die alte Stadt war schon von Heinrich dem Löwen, wie wir bereits erwähnt haben, mit Wällen und Gräben umgeben worden und hatte vier Hauptthore, welche die jetzt noch bestehenden vier Hauptstrassen abschließen, nämlich das Thalbruckthor (jetzige Rathhausthurm), das Schwabingerthor (bei dem gegenwärtigen kgl. Polizeigebäude in der Weinstrasse), das obere oder Thufringerthor (später schöne Thurm genannt, in der Kaufingerase), und das Sendlingerthor (später Ruffinithurm genannt, bei dem sogenannten Ruffinihause am Eingange der Sendlingergasse). Diese ursprüngliche Altstadt Münchens ist gegenwärtig noch kennbar an dem noch vorhandenen inneren Stadtgraben.
ins heilige Land einen großen Theil seines Vermögens dem heil. Geistspital vermacht, ist wohl ein Stadtthor mit einem darüber schwebenden Vogel, aber noch keine Stadtmauer angebracht, während hingegen auf einem späteren Siegel von 1313, also zu einer Zeit, wo die äußeren Stadtmauern bereits bestanden, neben dem Thore schon eine Stadtmauer angebracht erscheint.
Weiters sprechen mehrere Urkunden von Häusern, welche an dem Graben gelegen waren, keine aber von einem Hause, welches an der Stadtmauer lag; so z.B. in einer Urkunde vom Jahre 1289, befindlich im Stadtarchive, ertheilt der Rath und die Gemeinde München dem Abte Volkmar aus dem Convente, des Klosters Fürstenfeld, "besonderlich dem Hof und Hofmarch zu St. Bernhard, der da leit an dem niedern Graben bei Sendlingerthor in St. Petersparr," mehrere gewisse Freiheiten. Dieser Hof lag in der Fürstenfeldergasse und ist der sogenannte Fürstenfelderhof. Mehrere Häuser befinden sich noch gegenwärtig auf den alten Wällen und an den alten Gräben gebaut, keines aber existiert, welches auf einer alten Stadtmauer später erbaut worden wäre. Nirgends finden sich in der Nähe der innern Gräben und Wälle Reste und Ueberbleibsel einer alten Stadtmauer, welche, wenn je eine solche bestanden wäre, bei Ausgrabungen und Neubauten zum Vorschein kommen müßten, denn es ist nicht wohl denkbar, daß bei einer ehemaligen Niederlegung solcher Mauern dieselben bis auf den letzten Stein des Grundes gänzlich aus der Erde herausgerissen worden sein sollten.
Man darf daher als gewiß annehmen, daß die alter Stadt München Heinrichs des Löwen nicht mit Mauern
umgeben war. Es waren auch wohl Wälle und Gräben zur Sicherstellung gegen plötzliche Ueberfälle und Angriffe von der Hand hinreichend.
Bald aber war München bei der raschen Zunahme seiner Bevölkerung nicht mehr das alte, sondern hatte sich weit über seine anfänglichen Gränzen ausgedehnt. Es war noch kein Jahrhundert nach der Gründung der Stadt verflossen, so waren schon die meisten der außerhalb der alten vier Thore gelegenen Strassen entstanden und werden urkundlich genannt, z.B. die hintere und vordere Schwabingergasse, die Neuhausergasse, die Sendlingergasse, das Thal, die Prandasgasse und so mehrere; außerdem lagen die Klöster der Franziskaner, das zu St. Jakob am Anger, das Augustinerkloster und das von Herzog Ludwig I im Jahre 1204 erbaute Pilgerhaus für arme Pilger, aus welchem durch Herzog Otto dem Erlauchten im Jahre 1251 das heil. Geistspital sammt der Katharinenkirche entstand, außer der damaligen Stadt. Bisher hatten sich die früheren Herzoge, die Nachfolger Heinrichs des Löwen, nämlich Otto der Große, Ludwig IV und Otto der Erlauchte bis Ludwig dem Strengen nicht viel um die Stadt München bekümmert, da sie ihre Residenz meistens in Kelheim oder in Landshut hatten. Erst nach der im Jahre 1255 unter den bayerischen Herzogen geschehenen ersten unseligen Landestheilung, dem Anfange der nun folgenden mehrmaligen Zersplitterung der bayerischen Lande, in Folge deren Herzog Ludwig der Stenge mit der Stadt Landshut auch die allda befindliche Residenz verlor, mußte derselbe sich eine neue Residenzstadt wählen, und dazu war ihrer ganzen Lage und ihrer Größe nach
keine schicklicher, als München. Dorthin baute er auch sogleich noch im nämlichen oder während der beiden nächstfolgenden Jahre sein Schloß, später genannt die "alte Veste" oder der "alter Hof". Dieser war die erste Residenz in München; alle Erzählungen von einer früheren schon bestandenen Residenz Heinrichs des Löwen im ehemaligen Stadtrichterhause (später Leinwandkeller) im Thale oder in der Fürstenfeldergasse sind unerwiesene Sagen und Muthmassungen.
Nun aber entstand dadurch die Nothwendigkeit, die erweiterte Stadt mit neuen Gräben und mit einer Stadtmauer zu umgeben. Solches wurde auch alsbald begonnen, indem schon in einer im kgl. Reichsarchive befindlichen Urkunde vom 21. September 1287 das Kloster des heil. Jakob vom Orden der heil. Klara am Anger als „innerhalb der Mauern der Stadt gelegen“ bezeichnet wird. Im Jahre 1301 verlieh Herzog Rudolf der Stadt zur besseren Fortsetzung des Baues der Stadtmauern das Ungelt bei dem obern und untern Thore, und unter Kaiser Ludwig dem Bayer sehen wir im Jahre 1315 die Stadtmauern vollkommen hergestellt und vollendet, denn in diesem Jahre ertheilte dieser Kaiser der Stadt die Freiheit, alles, was diesen Stadtmauern inner= oder außerhalb zu nahe ist, abzubrechen. Dieser Umfang mit seinen Gräben, Mauern und Thoren, den man jetzt gewöhnlich mit dem Namen der „Altstadt“ bezeichnet, behielt München bis zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts, und erst in unserer Zeit sind die Wälle und Stadtmauern Kaiser Ludwigs größtentheils in Folge der Erweiterung der Vorstädte gefallen.
Wie aber war das Bild und die Ansicht der innern Stadt zu damaliger Zeit?
München befand sich im 13. Und 14. Jahrhunderte noch in sehr primitvem Zustande, und sah eher einem Dorfe als einer Stadt gleich. Die Häuser waren mit sehr wenigen Ausnahmen alle von Balken, Holz und Lehm erbaut und mit Schindeln eingedeckt, neben ihnen gegen die Strasse heraus Scheunen voll Stroh und Heu, Schupfen, Ställe, Läden, „Fürschuß“ , an denselben überdieß Lauben (Altanen), Freitreppen und Vordächer angebracht. Da Jeder nach eigenem hohen Belieben baute, so waren die Strassen krumm, eng und winkelig, wozu noch der Uebelstand kam, daß durch die sogenannten Kellerhälse und offenen Kellerfenster der Weg für die Fußgänger, der nur aus einem an den Häusern laufenden drei Schuh breiten Fußpfade von Ziegelsteinen, das „rothe Pflaster“ genannt, bestand, unsicher und selbst gefährlich wurde. Die Strassen der Stadt waren ungepflastert, und überdieß befanden sich vor den Häusern Misthaufen und Düngerstätten. Von einer Strassenbeleuchtung war noch gar keine Rede; wer zur Nachtszeit auf der Strasse ging, mußte eine Laterne bei sich tragen. Wir sehen also wirklich das Bild eines Dorfes, nicht aber einer Stadt vor uns.
Bei solch einem Zustande aber mußten Brände sehr verheerend werden, und es wüthete auch wirklich wohl in keiner anderen Stadt das Feuer, oft geschürt durch Mordbrenner, heftiger, als in München. In der Valentinsnacht – vom 13. Auf 14. Februar – 1327 brach in der Pfisterei des Angerklosters ein Brand aus, welcher sich über den Sebastiansplatz, das Kroten=und Rosenthal, den Rindermarkt, Pfarrgebäude und Kirche von St. Peter, das ganze Thal, das heil. Geistspital und Katharinenkirche, die Lederergasse, die Graggenau (Platzl), die Burggasse, die Residenz des alten Hofes und das Franziskanerkloster verbreitete, so daß sohin der größte Theil der Stadt niederbrannte. Ungeachtet dieser schrecklichen Warnung wurden die neuen Häuser wieder von Holz erbaut und mit Schindel eingedeckt, so daß Kaiser Ludwig sich veranlaßt sah, in einer Urkunde vom Himmelfahrtstage (8. Mai) 1342 im Einverständnisse mit dem Stadtrathe anzubefehlen, daß die neu zu erbauenden Häuser künftig mit Ziegeln gedeckt und wo möglich von Stein erbaut werden sollten. Zu gleichen Zeit sorgte der Magistrat auch dafür, daß anstatt der bisherigen schlechten und theuren Ziegel, deren Fabrikation auf einer sehr niedern Stufe stand, besseres Ziegelmaterial verfertigt werde. Aber erst langsam nach dieser Zeit und nur nach und nach verschwanden die hölzernen Häuser und machten steinernen Platz. Im Jahre 1418 brannte das mit zwei Holzdäraggenau nieder; selbst die Thore und die hölzernen Wehrgänge der Stadtmauern wurden vom Feuer ergriffen; dessen ungeachtet aber ließ der Magistrat das Rathhaus wieder neuerdings mit Schindeln decken. Mondtag nach Georgi 1429 entstand an der Kreuzstrasse, - dem heutigen Promenadeplatz, - ein Brand, welcher die enge Gasse (die heutige weite Gasse), das Augustinerkloster und Kirche bis zum Neuhauserthore ergriff und über hundert Häuser verzehrte. Im Jahre 1434 entstand ein Feuer, durch Mordbrenner gelegt, in der Prandas= (Pranners=) Strasse
und verbreitete sich durch die Promenadestrasse und Platz über die Neuhauser= und Röhrenspeckerstrasse (heutige Herzogspitalgasse).
Kaiser Ludwig der Bayer war es, welchem die Stadt München hauptsächlich ihr Aufblühen verdankt. Dieser große Kaiser hatte die prächtigen Städte Italiens und am Rhein gesehen, und sein gewaltiger Geist beschloß daher, auch seine Residensstadt München zu verschönern. Duch seine vorhin angeführte Bauordnung vom Jahre 1342 wurde zuerst das Bauwesen zweckmäßiger organisirt. Die Strassen, besonders die von ihm neuangelegten, wurden nach Baulinien geführ und erhielten mehr Breite, wie man noch zum Unterschiede von den alten Strassen an dem späteren, z. B. Herzog= und Josephspitalgasse, Hreusgasse, Prannersgasse, Lederergasse u. dergl. ersehen kann. Plätze und Strassen durften nicht mehr durch Gebäude, Hütten und Buden verengt werden; namentlich richete der Kaiser sein Augenwerk auf den Marktplatz, den er schon im Jahre 1315 zu räumen und die dort befindlichen Fleischbänke, Kramladen und Hütten abzubrechen befahl und verbot, daß irgend Jemand weiter auf diesem Platz bauen soll, auf „daß der Platz desto luftsamer, schöner und gemachsamer sei Herrn, Bürger und Gästen“. Er ordnete ferner an, daß alle lärmenden oder übelriechenden Gewerbe eigene Gassen entstanden, die heut zu Tage noch solche Namen führen, welche ihre frühere Bestimmung bezeichnen, z.B. die Lederergasse, der Färbergraben, die Schäfflergasse, Windenmachergasse,
und so mehrere, welche alle damals in der äußern Stadt lagen.
Troßdem scheint aber die Ausführung dieser wohlthätigen Anordnungen sehr lässig betrieben worden oder bald wieder in Vergessenheit gekommen zu sein, denn der Stadtrath erließ im Jahr 1370 eine neuerliche Bauverordnung, in welcher er die früheren Anordnungen wiederholt einschärfte, und namentlich die Häuser bezeichnete, welche innerhalb eines bestimmten Termines zurückgesetzt oder in die Linie vorgebaut werden sollen, an denen die Lauben (Gallerien) abgebrochen, die außerhalb der Häuser angebrachten Treppen anders geführt und Stufen weggenommen werden mußten; er befahl die hervorstehenden Dächer abzubrechen und dafür andere zu setzen, er duldete die Kellerhälse an den Strassen nicht mehr, und gestattete dafür Kellerfenster mit eisernen Stäben verwahrt. Er gebot, daß die Häuserkünftig „nach der Schnur gezogen“, das heißt, in einer Linie gebaut werden sollen. Welcher Bürger solches bis nächsten Sonnenwendtag (24. Juni) nicht gethan, dem wurden von der Stadt wegen Werkleute geschickt, die auf seine Kosten die gerügten Mängel und Anordnungen abthun mußten.
So bekam München nach und nach ein schöneres und mehr städtisches Ansehen.
Gegen Ende des vierzehnten Jahrhundertes wurde auch begonnen die Strassen der Stadt zu Pflastern; denn am 4. August 1394 erließen die beiden Herzoge Johann und Ernst eine Urkunde, in welcher sie der Stadt die Erhebung eines Pflasterzolles zur Herstellung und Unterhaltung des Strassenpflasters bewilligten, und solle derselbe
so lange dauern, bis das Pflastser in München vollendet sein wird und seine Kosten ersetzt sind. Im Jahre 1430 wurde dieser Pflasterzoll von den Herzogen Ernst und Wilhelm neuerdings bestätigt. WAS ABER DIE Reinigung Der Strassen betrifft, so war es mit dieser noch herzlich schlecht bestellt. Nur an den höchsten Festtagen, Ostern, Pfingsten und Weihnachten oder bei der Dult wurden die Strassen gereiniget und Mist entfernt. In den Jahren 1425 und 1441, in welch letzterem der deutsche König Friedrich III nach München kommen sollte, mußte der Magistrat die Bürgerschaft förmlich und ernstlichst unter Androhung von Straße auffordern, die Strassen vom Miste zu säubern, und gleiches geschah, als die junge Gemahling Herzog Albrechts, Anna von Braunschweig, nach ihrer Vermählung im Jahre 1436 in München einzog.
Ungeachtet aller dieser Mißstände, die unseren heutigen Begriffen von dem Aussehen einer Haupt- und Residenzstadt ganz fremdartig erscheine, wurde damals München schon eine „schöne Stadt“ genannt. Freilich lesen wir von dem damaligen Zustande der Städte Paris und London auch nichts besseres und erfreulicheres. Aber in der That muß in jener Zeit München, und namentlich der Marktplatz, ein belebter Bild des regsten Lebens gezeigt haben. Im Mittelpunkt der Stadt und der vier dieselbe durchkreuzenden Hauptstrassen gelegen, concentrirte sich auf diesem Platze aller Verkehr und as ganze öffentliche Leben der Stadt. Das Rechts- oder Dinghaus stand am obern Theile des Platzes, dem noch bestehenden Hause mit dem Lindwurm (Wurmeck) gegenüber, und von da aus gingen die gerichtlichen Ladungen auf ein Taiding (Rechtsspruch),
welches an einem bestimmten Tage auf öffentlicher Gerichtsschranne gehalten wurde, woher dieser Platz den Namen Schrannenplatz bekam, und auch der Getreidemarkt, der unter den Bögen abgehalten wurde, den Namen Schranne später erhielt. Im Erdgeschoß des Rechthauses befanden sich Kaufläden und Brodbäke. An diese schloß sich die Gollierkirche an, welche da stand, wo jetzt die Mariensäule sich befindet. Auf der linken Seite des Platzes lag das Haus der Patrizierfamilie Impler, welches von dem Magistrate angekauft und zur städtischen Trinkstube eingerichtet wurde, „der Stadt zu Ehren, daß ehrbar Leut, Gäst und Burger daselbst zu Kurzweil zusammenkommen mögen, wann sie wollen ihren Pfenning vertrinken“. Am untern Theile des Platzes stand das Rathhaus, „meiner Herrn der Bürger Hofstatt“, wie es der Stadtschreiber Tänzel in dem Statutenbuch von 1365 nennt, und die Häuser links und rechts des Platzes htten damals schon die noch jetzt bestehenden offenen Bögen. Am Marktplatze selbst war der Lebensmittelverkauf, zu welchem die Landleute der umliegenden Ortschaften heinkamen.*) – Auf diesem Platze versammelten sich Sonntags
nach dem Gottesdienste die Bürger und die Gesellen im Sonntagsstaate, sich in Gesprächen ergehend, ihre häuslichen oder der Stadt Angelegenheiten besprechend, Geschäfte beredend und schließend, oder auch nur im Austausche von Neuigkeiten; hier fanden die öffentlichen Festlichkeiten und Volksbelustigungen statt, z.B. die Turniere des Adels, das Sonnwendfeuer am St. Johannestage, bei welchem die jungen Leute über das Feuer sprangen, und Andere, ja selbst die Herzoge, mit den Frauen und Töchtern um dasselbe tanzten, ferner die Festzüge und Feierlichkeiten der Zünfte, und die Belustigungen durch herumziehende Gaukler, Schalksnarren und Pritschmeister.
Zum Gedeihen der Stadt gehörte aber auch notwendig die innere Entwickelung und feste Regelung ihrer Verfassung.
Wie wir schon oben erzählt haben, kömmt bereits in der ersten Zeit nach Entstehung Münchens urkundlich ein Richter vor, und es bildeten sich auch forwährend die obrigkeitlichen Verhältnisse immer mehr aus. Der Richter, der Kastner (Rentbeamte) und der Vizedom waren aber lediglich herzogliche Beamte; sie wurden von den Herzogen eingesetzt und die Gerichtsbarkeit, sowie die Verwaltung der Stadt war also eine herzogliche. Als aber Ludwig der Strenge im Sommer 1255 seine Residenz nach München verlegte, gewann das Bürgerthum dieser Stadt ein regeres
Leben, und sie fühlten den instinktmäßigen Trieb in sich, auf eine höhere Stufe der Selbstständigkeit und der Kraft sich aufzuschwingen. Die ersten Anfänge dieses Strebens zeigten sich bei den Bürgern in einer näheren Verbindung unter sich durch Gewerbsinnungen. Diese Zunfverbände wurden von den Fürsten möglichst begünstiget, denn sie erblickten darin nicht nur einen höhern Gewerbsaufschwung und Wohlstand ihrer Bürger, sonder insbesondere auch in ihnen einen wohlthätigen Damm gegen die Macht und die Anmassungen des Adels und der Ritterschaft. Die Fürsten ertheilten daher den Bürgern immer mehr Gerchtsame und Freiheiten, wodurch zwar die Rechte der Bürger mehr ausgedehnt, die Rechte der Fürsten aber sehr beschränkt wurden.
Was aber bisher nur fürstliche Gnade war, erhielt durch Herzog Rudolf eine feste und bleibende Gestaltung, und damit die Stadt München eine Förmliche magistratische Verfassung. Herzog Rudolf ertheilte nämlich am „nächsten Sonntag von St. Johannistag zu Sonnwende 1294“ (18. Juni) der Stadt den sogenannten Privilegienbrief, welcher im Originale noch gegenwärtig im Stadtarchive aufbewahrt wird. In dieser Urkunde ertheilt Herzog Rudolf den Münchenern das Recht, sich selbst einen Richter und Verwaltungsbeamte zu setzen, und ihre inneren Angelegenheiten und ihre Steuern selbst zu ordnen; der Stadt wurde sowohl die Zivil- als Kriminal- Gerichtsbarkeit mit alleiniger Ausnahme des Todschlages überlassen, und dazu noch mehrere gesetzliche Bestimmungen gegeben. Zugleich erhielten die Bürger die freie Rathswahl.
In Folge dessen steht von nun an an der Spitze des Stadtregimentes der innere Rath der Geschworenen, bestehend aus zwölf der einsichtsvollsten und angesehensten Männer „aus aller Stadt“. Dieser Rath wurde jährlich neu gewählt und von den Herzogen bestätiget, und er mußte dem Herzoge Treue schwören. Hiezu kam der äußere Rath, bestehend aus vier und zwanzig Bürgern, welche dem innern Rathe schwören mußten. Der innere und äußere Rath gestellten zugleich zwei Redner aus ihrer Mitte, welche die Vorträge halten mußten. Alle diese Aemter und Würden waren mit keinem Gehalte verbunden, sondern waren Ehrenämter, die überdies mit viel Zeitaufwande, Kosten und Auslagen, welche die Rathsherrn aus ihrem eigenen Säckel zu bestreiten hatten, verbunden waren.
Der erste urkundlich bekannte Stadtoberrichter war Albrecht Muracher.
Das Recht der Fürsten war hiedurch freilich nur mehr auf ihre fürstliche Burg beschränkt; die Stadt aber erhielt diese errungenen Freiheiten mit aller Kraft aufrecht, selbst gegen die Herzoge, welche bei ihrem Regierungsantritte jederzeit der Stadt Freiheiten mit einem neuen Freiheitsbriefe bestätigen mußten, bevor ihnen von der Bürgerschaft der Eid der Treue geleistet wurde. Kaiser Ludwig war der erste, welcher im Jahre 1315 den Münchenern alle ihre Freiheiten bestätigte, und allen Bisthunen, Richtern und Amtleuten gebot, „daß sie den Bürgern von München volles und unverzüliches Recht thun über all ihre Gelder und alle ihre andern Sachen, was sie nur immer zu klagen haben“.
Volle fünf Jahrhunderte, bis zu Anfang des gegenwärtigen, blieb diese Verfassung des Stadtregimentes in ihren Grundzügen in Wirksamkeit.
Dieser errungenen Freiheit der innern Bewegung und Verwaltung aber, der Weisheit ihrer Räthe, dem festen Zusammenwirken und der Einträchtigkeit der Bürgerschaft hat die Stadt München ihr rasches Aufblühen und ihre Wohlhabenheit zu danken.
Besonders war es der Handel, der im Mittelalter in München einen großen Aufschwung nahm, ohne daß es eigentlich eine Handelsstadt in unserm heutigen Sinne zu nennen war. Die levantischen und überhaupt südlichen Waaren und Güter aller Art, besonders in Seidenstoffen und edle Gewürzen, nahmen den Handelsweg aus Italien über Innsbruck und Mittenwald, oder über Tölz nach München, von wo aus sie entweder über Augsburg nach Nürnberg, oder über Regensburg nach Wien geführtwurden. Schon Kaiser Ludwig suchte diesen Handel mit Italien auf jede Weise zu begünstigen, und er bewilligte daher durch Urkunde, gegeben am Samstag vor St. Jakobstag 1323 den Bürgern Münchens und Nürnbergs gegenseitigen Zollfreien Handel mit Kaufmannsgütern zu Wasser und zu Land. Welcher Münchener- oder Nürnberger- Bürger jährlich zuerst nach St. Michaelstag in jenseitiger Stadt mit Kaufmannsgütern ankommen würde, mußte daselbst dem Zöllner ein Pfund Pfeffer, zwei paar weiße Handschuhe und ein weißes Stäbchen zum Geschenke geben. Ein ähnlicher Vertrag wurde von der Stadt München sechs Tage vor Maria Geburt 1325 bezüglich des Handels mit den Regensburger Bürgern abgeschlossen.
Wie ausgebreitet der Handel Münchens damals war, geht daraus hervor, daß Balduin, Erzbischof und Kurfürst von Trier, im Jahre 1339 den Münchener eine Urkunde gab, worin er dieselben, gleich denen von Nürnberg, von allen Zöllen und abgaben im Kurfürstenthume Trier befreite.
Ein weiteres Beförderungsmittel des Handels war auch das Pfändungsrecht, das Kaiser Ludwig den Münchenern verlieh und das darin bestand, daß die Bürger Münchens von keinem landesherrlichen Richter im Namen der Herrschaft gepfändet werden durften, die Bürger selbst aber ausstehende Schulden durch den Pfändermeister mittelst Pfändens einholen lassen konnten.
In Folge mehrerer solcher Verordnungen nahm der Reichthum und die Bevölkerung der Stadt bedeutend zu. Wir kennen zwar nicht die Volkszahl Münchens in den frühesten Jahrhunderten; allein nach der Steuerrechnung vom Jahre 1412 hatte München 2125 Steuerpflichtige, also immer beiläufig 10,000 Einwohner. Die erste bekannte Volkszählung geschah im Jahre 1580, und diese wie 20,000 Einwohner nach.
München aber verlor, gleichwie viele andere Städte, seinen bedeutenden Handel, als am Anfange des sechzehnten Jahrhundertes in Folge der Entdeckung von Amerika und des Weges um das Vorgebirge der guten Hoffnung der Welthandel eine andere Richtung nahm; allein der Bestand Münchens war zu dieser Zeit bereits fest gegründet, und die Stadt erhielt für den Verlust des Handels dadurch wieder Ersatz, daß sie in Folge des von Herzog Albrecht IV gestifteten Rechtes der Untheilbarkeit
Bayerns und der Erstgeburt in der Thronfolge im Jahre 1507 alleinige Residenzstadt von Bayern wurde.
Am Schlusse dieses Abschnittes dürfte es geeignet sein, das Münzwesen des vierzehnten Jahrhundertes mit wenigen Worten zu berühren, da die damalige Rechnungsweise eine von der unseren verschiedenen ist. Man zählte und rechnete nach Pfunden, Schillingen und Pfennigen. Ein Silberpfund enthielt acht Schillinge, und ein Schilling dreizig Pfennige oder Denarien, sohin ein Pfund 240 Pfenninge. Der Werth des Geldes aber änderte sich häufig nach dem verschiedenen Gehalte der Pfenninge; durchschnittlich darf man den Wertz eines Pfundes Pfenninge auf 12-16 Gulden heutigen Geldes annehmen. Bringt man nun die damaligen Preise der Lebensmittel, wie wir oben in einer Anmerkung mehrere aufgeführt haben, in das Verhältniß mit unsterem gegenwärtigen Geldwerthe, so ersehen wir, daß damals keineswegs wohlfeilere Zeiten waren, als heut zu Tage,
Ungeachtet dieser hohen Geldpreise war aber, in Folge des Reichthumes, der Aufwand und der Luxus im vierzehnten Jahrhunderte auf eine ernorme Weise gestiegen. Die Münchener Bürger verschmähten es, sich, ihre Frauen und Töchter mit einheimischen oder böhmischen Tüchern zu kleiden, sondern sie trugen feine Tücher aus Brüssel, Mastricht, Mecheln und Löwen, davon die Elle Fünfzig Pfenninge kostete, und Mäntel und Wams von Seiden, wohl auch mit kostbaren Pelzen verbrämt und mit Gold, Perlen und Edelsteinen geziert; bald mit langen, bald mit offenen, oder, wie man es nannte, mit zerhauenen Aermeln; die Frauen mit weit nachrauschenden Schleppen, mit Silberketten
und goldenen Schaustücken auf dem Busen oder am Grtel, die Haare mit Perlenbändern und Perlenkränzen, „Schappeln“ und „Gebende“ genannt, durchflochten. Bei Festen, Hochzeiten, Kindtaufen und vieltägigen Gastmalen unmäßiger Aufwand an kostbaren Speisen, künstlichen Schaugerichten uns ausländischen Weinen, dazu zu Hause und in Wirthshäusern theuren Spiele mit Katen, Würfeln und Kugeln.
Gegen solchen verschwenderischen Uebermuth mußten endlich polizeiliche Einschreitungen erfolgen. Bereits im Jahre 1405 erließ der Stadtrath von München eine strenge Kleiderordnung. In dieser verbietet er den Frauen und Jungfrauen alle Perlen, Kränze und Harrbänder von Gold und Perlen, und erlaubt ihnen dagegen nur seidene Halsbänder; keine soll mehr als anderthalb Mark Silber auf ihrem Leibe tragen, es soll fürdas keine Frau noch Jungfrau einen Rock tragen mit „Bethem“ (ausländischem Pelzwerk) unterzogen, noch mit offenen Aermeln, und keine soll weder Mantel noch Rock mehr tragen, der länger sei, als daß er zwei Finger auf der Erde nach geht. Die Uebertretung dieser Bestimmungen wurde nicht an den Frauen oder Jungfrauen, sonder an deren Mann oder Vater mit Geldstrafe gebüßt. Es wurde ferner verordnet, daß zu einer Hochzeit höchstens vier und zwanzig Frauen und Jungfrauen aus der Verwandtschaft geladen werden dürfen, ausser es seien Fremde da; Kinder aber unter zehn Jahren soll man gar nicht zur Hochzeit gehen lassen.
Eben so wurde gegen die unsinnige Spielwuth eingeschritten, und durch die große Polizeiordnung vom Jahre
1420 verbot der Rath zu München alles Würfelspiel, sei es um wenig oder viel Geld, und erlaubte nur das Bretspiel in öffentlichen Häusern, und auch dieses nur am Tage, nicht aber bei der Nacht.
Ueberhaupt erließ der Stadtrath in den Jahren von 1420 – 27 eine Menge umsichtiger und strenger Verordnungen in Bezug auf Sicherheit der Personen und der Eigenthums, auf Schutz vor Feuersgefahr und auf Regelung der gewerblichen und Zunft-Verhälnisse.
So haben wir denn die Stadt erwachsen sehen aus ihren kleinen und rohen Anfängen bis zu ihrer vollen Ausbildung.
Wir haben daher nun auch von jenen Familien zu sprechen, deren Glieder nicht nur in diesem Zeitraume, sondern noch bis in spätere Zeiten herab die Zierde, der Stolz und der Ruhm der Stadt München waren; es sind dieß die sogenannten Geschlechter oder Patzizier. Davon im nächsten Abschnitte.
Es dürfte hier den freundlichen Lesern nicht unwillkommen sein, einige Viktualienpreise aus dem 13. Jahrhundert kennen zu lernen. Ein Schäffel Weizen kostete 80-90 Pfennige, ein Schäffel Korn 60, Haver 30 Pfenninge, ein Pfund des besten Ochsenfleisches 1 Pf., ein halbes Pfund Kalbfleisch 2 Pf.; ein Lamm 8 Pf.; ein Schaft 16 Pf., ein Huhn 2Pf., z., das Pfund Schmalz 2 ½ Pf., eine Semmel 1 Pf., zwei Roggenbrote 1 Pf. – Eine halbe Maß besten wälschen Weines kostete 2 ½ Pf., eine halbe Maß Neckar Elsaßer oder österreischen Weines 3 Heller, eine halbe Maß vayerischen Landweines 1 Pf., eine Maß Bier 1 Heller, - ein Schwein 30-40 Pfenninge ein Pferd 3-6 Pfund Pfenninge.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die alten Geschlechter Münchens
Die deutschen Städte des dreizehnten und vierzehnten Jahrhundertes bilden ein eingethümliches Bild selbstherrlicher und republikanischer Gestaltungen dar. Den Anmassungen des Adels und den Auswüchsen des Ritterthums gegenüber waren sie zu einem festen, einmüthigen Zusammenhalten genöthiget, um so mehr, als der Adel von seinen Burgen herab nur ungern das Aufkommen der verachteten und gehaßten Städte sah, die ihm Einfluß und Ansehen schmälerten, weshalb er sie auf jede Weise zu necken und zu schädigen suchte. Allein eben dieser Kampf trug wesentlich zum Aufblühen nicht nur der freien Reichsstädte, sondern auch der andern Städte bei, denn nicht nur die gemeinen Handwerker, sondern auch die Künstler jeder Art ließen sich in den Städten nieder, deren Mauern ihnen nicht nur Sicherheit, sondern auch größeren und freieren Spielraum ihrer Kunst und einträglicheren Erwerb gewährten. Dadurch wuchs die Bevölkerung der Städte in den erwähnten beiden Jahrhunderten auf rasche Weise, er erblühte in ihnen ein kräftiges Leben, und die
Bürger wurden die Vertreter deutscher Kultur und Sitte. Aus diesen Gewerben und dem Handel ging bald großer Wohlstand und selbst Reichthum der Bürger hervor. Der Handel war es besonders, der damals in hohem Grad blühte. Dieser nahm in dieser Zeit ganz andere Wege, als in den neueren Jahrhunderten; der Landweg über Deutschland war es, welcher den Norden Europa´s mit dem Süden verband. Und eben an diesem Handelswege lag die junge Stadt München, wie wir in dem vorhergehenden Abschnitte gezeigt haben. Mit diesem Handel aber waren auch nothwendigerweise Geldgeschäfte verbunden, die in großer Ausdehnung betrieben wurden.
Natürlich war es, daß einzelne Männer und Familien dadurch zu größeren Reichthume gelanten, und dadurch ein größeres Ansehen von ihren anderen Mitbürgern erlangten. Allein eben ihre Strebsamkeit mußte es mit sich bringen, daß sie nicht allein durch ihren Wohlstand hervorragten, sondern auch durch Kenntnisse und Bildung vor ihren Mitbürgern sich hervorthaten, und daher auch in geistiger Beziehung einen Vorrang und eine Uebergewicht vor Anderen erhielten. Es war daher nothwendige Folge, daß solchen ausgezeichneten Männer vorzugswise die Verwaltung der städtischen Aemter, die als Ehren-Aemter keine Besoldung mit sich brachten, übertragen wurden, ja daß, - da auch ihre Söhne eine bessere Erziehung und Bildung genossen als die der gemeinen Bürger, - sich die hervorragenden Befähigung der Väter auch auf die Söhne, welche sogar häufig nach Italien gesendet wurden, um auf der Universität zu Bologna die Rechte zu studieren, fortpflanzte. Daher hatten diese beinahe ausschließend den alleinigen Zutritt in die höheren Stellen des städtischen Regimentes.
So bildete sich nach und nach eine eigene Klasse von Familien, welche man „Patrizier“ oder „Geschlechter“ nannte. Aus diesem Stande eines siegelmäßigen Bürgers schwangen sich später mehrere sogar in den Stand der Edlen und Ritter empor. Solche waren z. B. die Barth, Schrenk, Rudolf am Anger, Ligsalz u. a.
Aber auch mehrere landsassige Rittergeschlechter, die also nicht aus den ursprünglichen Bürgern hervorgegangen waren, wanderten im Laufe der Zeit nach München ein, z.B. die Pütriche, Sendlinger, Schluder, Diener u. a., und zählten nunmehr zu den Geschlechtern Münchens.
Wie groß aber der oben erwähnte Reichthum dieser Patrizier war, können wir daraus abnehmen, daß z. B. die Ligsalz, Freimanner, Altmann und andere, den bayerischen Herzogen und den Städten oftmals aus der Geldnoth halfen und ihnen bedeutende Anlehen machten, wogegen ihnen behufs der Rückzahlung Zölle, Angelder und dergl. verschrieben wurden. Lin Folge dieses Reichthums kamen sie auch zu mächtigem Grundbesitze, und wir finden sie als Eigenthümer großer Güter, adelicher Schlösser und Hofmarken.
Aber sie machten auch von ihrem Vermögen den edelsten und großartigsten Gebrauch. Wie wir weiter unten sehen werden, bauten sie in München Kirchen und Klöster, machten Stiftungen der Frömmigkeit und Wohlthätigkeit, gründeten z.B. Armenhäuser, Pfründen, Almosen,
Seelhäuser und Benefizien, deren gegenwärtig noch viele trotz allen Stürmen der Zeit, ja selbst noch unter dem Namen der ursprünglichen Stifter bestehen. Sie verwendeten also einen großen Theil ihres Vermögens zum allgemeinen Besten und zum Nutzen und Wohle ihrer Mitbürger.
Mit hoher Auszeichnug erblicken wir sie im Besitze und in der Verwaltung der verschiedenartigsten wichtigen und ansehnlichen Aemter und Stellen, sei es beim Fürsten, sei es in der Gemeinde, oder in der Kirche, oder im Kriege. Sie sind im innern und zuweilen auch im äußern Rathe des Magistrates, sie bekleiden die Stellen der Bürgermeister, wir sehen sie als herzogliche Räthe und Hofmeister (heut zu Tage Minister genannt), so wie als Pfarrer und Dechante bei Unser Lieben Frau und St. Peter oder in noch höheren geistlichen Würden. So waren Konrad Sendlinger und Johann Tulbeck Fürstbischöfe von Freising, Jakob Pütrich im Jahre 1567 gefürsteter Probst von Berchtesgaden, Zacharias Riedler im Jahre 1400 Rektor der Universität Wien. Wir finden Sie als Kriegshauptleute in mehreren Kriegen, z. B. in der Schlacht bei Alling. Die Verhandlungen der Stadt mit ihren Herzogen oder mit dem Kaiser wurden durch die Patzizier gepflogen, denn nur diese wurden von dem Rathe mit den Gefandtschaften betraut, und sie wurden zu damaliger Zeit in verschiedenen Angelegenheiten an mehrere Höfe und Städte, z.B. nach Kärnthen, Venedig, Verona, Wien, Frankfurt, Holland, ja selbst nach Spanien und Sicilien gesendet, welche Reisen sie als Ehrenmissionen gewöhnlich aus ihrem eigenen Säckel bestreiten mußten.
In Anbetracht ihres Ansehens und ihrer Würden war den Geschlechtern gestattet, schönere und ausgezeichnetere Kleidung zu tragen, als die übrigen Bürger; doch waren sie auch darin vor übermäßigem Luxus beschränkt. Wir finden nämlich im Mittelalter, ja beinahe bis auf die neuere Zeit herab, strenge Kleiderordnungen, durch welche die verschiedenen Stände genau geschieden waren; insbesondere sah die Vorzeit Gold und Silber als ein ausschließendes Vorrecht der Könige und Fürsten an, und noch in der Polizei-Ordnung vom Jahre 1577 war Gold und Silber auf Kleidern zu tragen, keinem Grafen erlaubt, wenn er nicht zugleich Ritter war.
Die Kleidung der edlen Geschlechter in München bestand aus Wolle, Kamelot oder höchstens aus Taft. Das seidene Wamms durfte wohl mit Altlas, doch nie mit Sammt oder karmoisinrothem Zeuge ausgeschlagen, die Beinkleider durften mit Taft gefüttert und mit seidenen Spangen geziert sein. Aber verboten war den Patriziern eine goldene Kette, eine silberne Scheide am langen oder kurzen Seitengewehre, oder sammtene Baretschuhe zu tragen; hingegen waren ihnen gestattet zwei goldenen Ringe, jedoch nicht über zwanzig Gulden im Werthe. Den Frauen und Kindern dieser Geschlechter waren goldene Ketten und sammtene Hauben zu tragen erlaubt. Ein Sammtrock für die Frauen durfte nicht mehr als Zwölf Ellen erfordern, aber als unstatthafte Zierde war verboten, denselben zu verbrämen oder mit Gold und Silber auszustatten.
Die Zahl der Patriziergeschlechter in München im 14. Jahrhundert mag ungefähr vierzig betragen haben.
Von allen diesen existiren gegenwärtig nur noch zwei Familien, die der Barth und der Schrenk, beide heute noch durch Ehren und Würden ausgezeichnet. Alle übrigen sind ausgestorben.
Aus dieser reichen Zahl edler Geschlechter erlauben wir uns dem freundlichen Leser mehrere vorzuführen, welche in der Geschichte Münchens besonders hervorragen.
Ein nur kurz blühendes, aber durch Adel und Reichthum ausgezeichnetes Geschlecht.
Das Haus, der Sakristei der St. Peterskirche gegenüber, jetzt Haus Nr. 3, in welchem sich gegenwärtig das städtische Archiv befindet, war urkundlich eines der zwei Häuser, welche die Familie Gollir in München besassen, und es reicht dasselbe sohin in die älteste Zeit der Stadt hinauf. Es ist ganz von Quadern gebaut, was von dem großen Reichthume dieser Familie zeugt. Dieses Haus erkaufte im Jahre 1443 der Magistrat München von Hans Eugenbeck, Kaplan der Gollirskapelle, um 200 Pfund Pfennige, um es mit dem Rathhause zu verbinden.
Ritter Ainwich der Gollir erbaute zu Ende des 13. Jahrhunderts auf dem Münchener Marktplatze, auf der Stelle der im Jahre 1295 zerstörten herzoglichen Münze, - (welche wir im nächstfolgenden Abschnitte berühren werden) – eine Kirche aller Heiligen, bekannt unter dem Namen der Gollirkapelle und dotirte sie reichlich. Nachdem diese Kapelle später im Jahre 1480 oder 1485 wegen Alter und Baufälligkeit abgebrochen werden mußte, errichtete Kurfürst Maximilian I. anderen
Stelle im Jahre 1635 die Mariensäule zum Andeken an die siegreiche Schlacht am weißen Berge.
Dieses reiche und angesehenen Geschlecht scheint schon mit dem Sohne Ainwigs, Namens Johann, ausgestorben zu sein, denn Kaiser Ludwig, dem die beträchtlichen Güter der Gollir zufielen, fundirte und dotirte aus denselben das von ihm erbaute Kloster Ettal.
Diese, vermutlich aus dem nahen Dorfe Sendling herstammend, waren wohl die reichsten und mächtigsten der Münchner Patrizier.
Die Sendliger erscheinen schon vor Gründung der Stadt München als Edle des Landes; in einer Urkunde vom Jahre 1154 (Mon. boica Bd. V S. 134) wird ein „edler Mann Rortpert von Sendlingen“ Genannt. – Nachdem die Minoriten oder Franziskaner im Jahre 1284 das Barfüßerkloster St. Jakob am Anger deshalb verlassen hatten, weil ihnen Herzog Ludwig der Strenge in der Nähe seiner Residenz ein neues Kloster – an dessen Stelle heute das kgl. Hof- und National-Theater steht – hatte erbauen lassen, Stiftete Sighart der Sendlinger aus eigenen Mitteln dahin ein Kloster der Klarissinen und ließ Ordensschwestern aus Söflingen bei Ulm kommen, welche am St. Gallus-Tage dieses Klosters am Anger bezogen. Der Sohn dieses Sighart und seiner Gattin Diemut der Wechslerin wurde am 3. Oktober 1314 als Konrad III zum Bischofe von Freising erhoben, und sttarb am 12. April 1322. Heilwig die Sendlingerin war von 1306 bis
1309, und dann von 1320 bis 1324 Aebtissin des Nonnenklosters am Anger, Im Jahre 1398 stach Heinrich der Sendlinger im Turniere mit dem Ritter Gewolf; er wurde also als adelig und turnierfähig angesehen.
Mathias Sendlinger war einer unter den sechs aufrührerischen Bürgern Münchens, welche Herzog Stephan im Jahre 1398 bei den Unruhen in Unruhen in München wollte ausgeliefert haben; allein als man ihn fangen wollte, war er bereits nach seinem Schloße Päl geflüchtet.
Die Sendlinger hatten ansehnliche Güter in Obersendling, in Thalkirchen und Alling und saßen im Rathe der Stadt.
Um das Jahr 1500 starb dieses edle Geschlecht aus.
Auch diese Familie gehört zu den ältesten Stadtgeschlechtern Münchens. Ein Konrad Ligfalz kommt schon im Jahre 1288 urkundlich als Zeuge for. In der Folge sind die Ligfalze oft als Rathsherren und Bürgermeister genannt. Sie besaßen die Hofmarken Fueßberg, Gerichts Starnberg, Uttenhofen bei Pfaffenhofen und Pilhofen bei Moosburg. Die Brüder Karl und Johann Ligfals, innere Stadträthe von München, erkauften im Jahre 1469 von Sebastian Dichtel die Hofmarkt Ascholbing; die Familie erlangte 1596 auf dieses Gut die Edelmannsfreiheit, und wurde später in den Freiherrnstand erhoben.
Ferdinand Josef Anton Freiherr von Ligfalz auf Ascholding, zuvor Bürgermeister in München, dann
kurbayrischer Hofrath und Truchfeß, starb im Jahre 1739 als der Letzte seines Stammes und Namens.
An der Außenseite der Frauenkirche befinden sich zahlreiche Grabsteine dieser edlen Familie; das älteste Denkmal dieses Geschlechtes ist der in der Ligfalz´schen Kapelle der Frauenkirche dahier befindliche Grabstein des im Jahre 1354 gestorbenen Johann Ligfals und seiner im Jahre 1361 ihm nachgefolgten Gattin Hailwig.
Die Pütriche stammen wahrscheinlich aus Regensburg, denn im Traditions-ütriche stammen wahrscheinlich aus Regensburg, denn im Traditions-Cober des Klosters Weihenstephan kommt um das Jahr 1156 ein Baldwein Pütrich aus Regensburg vor. In München erscheint dieser Name zuerst urkundlich im Jahe 1239, wo Heinrich Pütrich im Rathe saß.
Dieses Geschlecht war stts im Besitzeder angesehensten Aemter und Würden in München, namentlich als Räthe und Bürgermeister. Von großem Reichthume war es in und um München sehr begütert.
Am heutigen Max-Josef-Platze, dem damaligen Franziskanerkloster (jetzt kgl. Hoftheater) gegenüber, befand sich schon in früher Zeit eine dem heiligen Christoph geweihte Kapelle, und zwar auf einem der Pütrich-Familie gehörigen Grunde. Dahin bauten die Pütrich mit reicher Dotierung ein Kloster für die büßenden Schwestern des dritten Ordens des heiligen Franziskus, genannt das Pütrich-Regelhaus, welches von Herzog Ludwig dem Strengen bestätiget wurde. Die Folgenden Nachkommen der Pütriche waren stets freigebierige Wohlthäter dieses
Klosters und insbesondere erweiterten sie das alte Convent, indem sie um 1385 das Eckhaus dazu erwarben und mit dem alten Hause verbanden. Noch heut zu Tage ist ein Theil des alten Klosters vorhanden; es sind die Häuser, in welchen sich gegenwärtig die Mey und Widmayer´sche Kunsthandlung, die Falter´sche Musikhandlung und die Groß´sche Tabakhandlung befinden.
Ein Jakob Pütrich war ein ruf- und händelsüchtiger Mann. In dieser Zeit des Faustrechtes kam Jakob Pütrich am St.Barbara Abend 1370 gewaffnet nach Augsburg, lagerte sich bei einem Thurme am Gögginger-Thore und lauerte auf einige junge Bürger. Wirklich gelang es ihm, deren zwei, den Jakob Konzelmann und Thomas Rappolt zu fangen; aber indem er sie aus der Stadt Augsburg wegführten wollte, wurde er von den herbeigeeilten Peter Langenmantel und Hans Groß ergriffen, und in Eisen und Banden in das städtische Gefängniß auf dem Rathhause abgeführt. Er fand jedoch Mittel zu entkommen, indem von seinen Verwandten die Wächter mit dreihundert Gulden bestochen wurden. Aber im Jahre 1375 kam dieser Jakob Pütrich abermals nach Augsburg, um an dieser ihm verhaßten Stadt Rache zu nehmen. Am Auffahrtstage fing er zwei Bürger und verstümmelte sie, indem er ihnen Hände und Füße abhieb. Entrüstet ob dieser Frevelthat erklärte ihn der Magistrat dieser Reichsstadt für vogelfrei, und setzte eine Prämie von 1500 Gulden für jenen fest, der ihn lebend und 1000 Gulden für jenen, welcher ihn todt einliefern würde. Allein Jakob Pütrich ließ sich hiedurch nicht schrecken, sondern wagte eine neue Unthat, indem er am
St. Bartholomäus Abend in die Vorstadt ritt und daselbst vier arme Männer erstach.
Solchen düsteren Vorfällen jenes rohen Zeitalters gegenüber sehen wir von anderen Gliedern dieser Familie ein desto efreulicheres und erhebenderes Wirken. Im Jahre 1371 ließ der Stadtkämmerer Pütrich das Rathhaus sowohl im Innern als von außen renovieren, jedoch auf Kosten der Gemeinde, und im Jahre 1393 wurde auf seine Veranstaltung wiederholt die Rathsgebäude mit Malereien verziert, der Raththurm neu mit Blei eingedeckt und oben darauf ein „Bändl“ mit dem Münchenerkindl angebracht.
Ludwig Pütrich erbaute im Jahre 1370 in der Pfarrkirche zu U. L. Frau in München einen Altar zur Ehren der Dornenkrone Christi und des heiligen Erasmus, wozu er ein Meßbenefizium stiftete, das heutigen Tages noch besteht.
Eine Linie der Pütrich hatte das Schloß und Gut Reicherthausen erworben, und diese nannten sich nun die Pütriche von Reichertshausen. Diese stifteten im Jahre 1349 das heilige Geistspital zu St. Pölten bei Weilheim, welches Herzog Albrecht im Jahre 1440 neuerdings bestätigte.
Johann Pütrich war nebst Georg von Waldeck, Schweither von Gundelfingen, und Konrad von Preysins Unterhändler und Vermittler des zwischen Herzog Ernst von Bayern und Elisabeth, des Herzogs Barnabas von Mailand Tochter, im Jahre 1395 abgeschlossenen Heiratsvertrages. In diesem Vertrage werden obige vier Abgeordnete „ die edlen und ansehnlichen Ritter
und Herrn“ genannt, woraus hervorgeht, daß das Geschlecht der Pütriche damals unter die edlen und rittermästigen gezählt wurde.
Barbara Pütrich war in den Jahren 1408 bis 1415 Aebtissin im Kloster der Klarisinen am Anger.
Wilhelm Pütrich und dessen Mutter Sabina stifteten 1402 in der St. Peters-Pfarrkirche hinter dem Hochaltar eine Kapelle nebst Altar, unsers Herrn Leichnam geweiht, welche noch heut zu Tage den Namen Pütrichkapelle führt.
Jakob Pütrich von Reichershausen hat uns ein größeres deutsches Gedicht hinterlassen, das er im Auftrage der Pfalzgräfin Mathilde von Oesterreich im Jahre 1452 verfaßte. Dieses Gedicht ist namentlich dadurch von höchstem Interesse, weil er uns darin erzählt, wie er eigens eine Reise nach Eschenbach in Franken machte, um die Grabstätte des Minnesängers Wolfram von Eschenbach zu besuchen, wobei er genau den seitdem verschwundenen Grabstein dieses großen Dichters beschreibt.
Die Reichershauser-Linie starb zu Ende des 15. Jahrhunderts aus.
Jakob Pütrich, gest. 1594, war gefürsteter Probst von Berchtesgarden. Mit diesem starb das ganzke Geschlecht der Pütriche aus.
Das Geschlecht der „Riedlaer“, vornehm und reich, glänzt als das angesehenste unter den edlen Geschlechtern Münchens. Im Stadtmagistrate spielten sie stets eine hervorragende Rolle als Stadträthe und Bürgermeister.
Heinrich Ridler schenkte sein Haus, welches er an der Nordseite des heutigen Max-Josef-Platzes, wo jetzt der Königsbau sich ausbreitete, besaß, im Jahre 1295 der Gemeinde für Seel- und Krankenschwestern. Noch heut zu Tage, noch beinahe sechshundert Jahren besteht der Namen der Ridler-Seelnonen.
Gabriel Ridler baute daselbst an diesem Platze im Jahre 1295 ein neues Fauenkloster mit einer dem heilgen Johnnes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten geweihten Kirche. Letztere befand sich über eine Stiege, und daher nannte man das Kloster gewöhnlich Ridler-Regelhaus auf der Stiegen. Dieses Kloster wurde 1782 aufgehoben.
Da bei dem großen Stadtbrande im Jahre 1327 auch das Franziskanerkloster sammt der Kirche ein Raub der Flammen geworden war, so entschloßen sich die beiden Brüder Gabriel und Vinzent Ridler im Jahre 1380 dasselbe wieder aufzubauen. Gabriel Ridler gab die für jene Zeit große Summe von sechshundert Gulden dazu her. Kirche und Kloster werden im Jahre 1385 vollendet.
Zacharias Ridler, Pfarrvicar an der St. Peterskirche in München, wurde im Jahre 1400 zum Rektor der Universität in Wien ernannt.
Martin Ridler, Mitglied des inneren Rathes, stiftete im Jahre 1449 das sogenannte goldene oder reiche Almosen in München, welches noch heut zu Tage besteht. Zur Doierung desselben gab eer seine Gilten und mehrere Güter her; namentlich bestimmte er hiezu sein Haus in der Weinstraße, welches jetzt Nro. 10 trägt, und es
wurden in dasselbe Pfründner aufgenommen. Anfangs nur für sechs Personen bestimmt, nahm diese Stiftung in kurzer Zeit so zu, daß täglich eine große Anzahl Armer ausgespeiset wurde. Diese Ausspeisung geschah am Wurzerthore, welches dadurch den Namen Kostthor erhalten hat.
Die Ridler besaßen seit dem 15. Jahrhunderte das Landgut Johanneskirchen und schrieben sich seitdem Ridler auf Johanneskirchen.
Die Patrizierfamilie stammt offenbar aus einem Orte Namens Chufringen oder Kaufringen, vielleicht dem bei Landsberg her. Urkundlich kommt diese Familie zum erstenmale im Jahre 1217 vor, wo Friedrich der Cufringer, Ministerial des Kaisers Friedrich II. durch einen Brief, ausgefertiget zu Augsburg, mit Bewilligung seiner Ehefrau ein „Mannwerk“ (mansus) bei Schorring gelegen, dem Kloster Benediktbeuern übermacht.
Konrad Chufringer kömmt im Jahre 1239 unter den Mitgliedern des Stadtrathes vor.
Bereits im Jahre 1300 hat der Thorthurm, welcher Thufringerthor und die dahin führende Strasse hieß die Thufringerstraße, heutzutage „Kaufingerstraße“ genannt.
Die Barth stammen wahrscheinlich aus Augsburg; in mehreren früheren Urkunden werden sie Bürger von
Augsburg genannt. Von da übersiedelten sie rst zu Anfang des 14. Jahrungdertes nach München, wo zuerst im Jahre 1318 ein Barth unter den Mitgliedern des Gemeindeausschusses vorkommt, Im Jahre 13416 saß Heinrich Barth schon im inneren Rathe. Er starb 1362, liegt in der St. Peterskirche unter dem hintern Musikchore begraben, woselbst sich die B arth'sche alte Familiengruft befindet, und sein noch daselbst an der Wand stehenden Grabstein ist der älteste dieser Kirche.
Heinrich der alte Barth, und dessen Söhne Hans, Ulrich, Heinrich und Vitus erbauten in der St. Peters-Pfarrkirche den hl. Drei König-Altar, der von seinen Enkeln Hans, Jakob, Peter und Georg im Jahre 1407 mit einem Meßbenefizium dotirt wurde, das noch gegenwärtig besteht.
Ruhmvoll ist das Unternehmen eines Heinrich Barth. Dieser wollte mit Bewilligung des Abtes von Benediktbeuern in den dotigen Gebirgen einen Bergbau eröffnen und auf Metall graben; allein, da ihm dieses mißlang, so legte er im Jahre 1492 mit großen Kosten die großartige Straße nach Italien über den Kesselberg an. Eben dieser Heinrich Barth ließ zur Befestigung der Stadt München am Ende des 15. Jahrhundertes am Neuhauser-, jetzt Karlsthore eine Bastei auf seine Kosten erbauen.
Von einem Barth wurde ein Seelenhaus in der Herzogspitalgasse gestiftet, welches noch gegenwärtig daselbst H.-N. 6 unter dem alten Namen des Barth'schen Seelenhauses besteht.
Diese aus der Bürgerschaft Münchens hervorgegangene Patrizierfamilie stand schon in den ältesten Zeiten der Stadt in Würden und Aemtern. Sie besaßen ein Haus am Markt- oder heutigen Marienplatze, welches im Jahre 1555 vom Magistrate behufs Erweiterung des Landschaftsspäteren Regierungsgebäudes dem Bartholomä Schrenk abgekauft wurde.
Von dieser Familie stammt der wundervolle Steinaltar, welcher im Jahre 1841 in der St. Peterskirche hinter einem hölzernen Altar bei dessen Abbruche entdeckt wurde. Derselbe steht links in der Kirche, in einer Seitenkapelle gegen den Ausgang nach dem Rathhause zu, und trägt die Jahreszahl 1372. Er stellt in erhabener Arbeit Christus als Erlöser und Weltenrichter vor. Die Kapelle, in welcher dieser Altar sich befindet, ist eine Stiftung der Schrenk und Ridler aus dem Jahre 1331.
Die Schrenk´sche Familie wurde später in den Freiherrenstand erhoben, und glänzt noch gegenwärtig in großer Auszeichnung und Würde.
Ein reiches und angesehenes Münchner-Geschlecht, welches schon im dreizehnten Jahrhunderte erscheint, drei Jahrhunderte lang in der Stadtgeschichte glänzte, und in der Mitte des 16. Jahrhundertes ausstarb.
Eberhard der Pötschner saß bereits 1318 im Rathe, und wurde öfters in wichtigen Angelegenheiten von der Stadt an den Kaiser abgeordnet.
Ritter Balthasar Pötschner von Riedersheim,
von welchem Gute, das er von Hans von Schönstetten erkauft hatte, er sich so nannte, 1475 Bürgermeister und herzoglicher Rath, erbaute im Jahre 1477 in seinem hause, damals in der „Watmangergasse“ am Pötschenbache genannt, gegenwärtig Nr. 8 am Rindermarkte, im Eck- und Durchgangshause dem Rosenthal zu, eine Kapelle, stiftete darin ein Benefizium, dotirte es für damalige Zeit hinreichend, und zierte es mit einem Gemälde der heil. Drei Könige, sammt Portraitfiguren der Pötschner. Kapelle und Bild, letzteres wahrscheinlich von dem Maler Hans Olmdorf herrührend, sind noch vorhanden. Die Kapelle war später unter dem Namen der Kamel´schen, so genannt von den spätern Hausbesitzern, bekannt. Dieser Balthasar Pötschner starb im Jahre 1505, und sein prächtiger Grabstein, der als Kunstwerk besondere Beachtung verdient, befindet sich noch gegenwärtig in der St. Peterskirche in einer Kapelle unter dem Thurme.
Ludwig Pötschner, seine Hausfrau Katharina, und Niklas ihr Sohn, erhielten im Jahre 1484 von Pabst Sirtus einen speziellen Ablaßbrief, weil sie zu dem heiligen Kriege gegen die „allerverruchtesten“ (nefandissimos) Türken eine bedeutende Geldsumme hergegeben hatten.
Eines der edelsten, frömmsten und wohlthätigsten Geschlechter.
Wir begegnen zuerst dem Eberhard dem Dichtl im Jahre 1358, dann Ulrich dem Dichtl 1365 und 1366 als inneren Stadträthen.
In dem großen Bürgeraufruhre in München in
den Jahren 1397 – 1403, den wir weiter unten in einem besonderen Abschnitte beschreiben werden, standen die Dichtl auf Seite der demokratischen Partei, und der Bürgermeister Georg Katzmair führt in seinem Gedenkbuche über diese Unruhen vier Bürger aus diesem Geschlechte, nämlich Ulrich Dichtl, Hans Dichtl den jungen, Franz und Andre Dichtl unter den ärgsten Revolutionären, oder wie er sagt, als „die ersten Bösen, die den Lauf zu München allermeist trieben und angefangen haben, und noch allermeist thun“, an.
Im Jahre 1447 war Franz Dichtl Bürgermeister. Dieser ist der Stifter des feierlichen Umganges, welcher in der Kirche zu U. l. Frau alle Donnerstage nach vorausgegangenem Hochamte noch gegenwärtig gefeiert wird. Die Stiftung wurde von Herzog Albrecht III. durch Urkunde, ausgestellt am Freitag vor dem heil. Pfingsttage 1447, bestätiget.
Nachdem dieses Geschlecht zu Anfang des 16. Jahrhundertes das Bürgerrecht in München aufgegeben, saß es zu Tutzing am Starnbergersee und zu Fußberg.
Auch diese gehörten schon frühzeitig unter die vornehmen Bürgergeschlechter Münchens.
Ainwich der Sluder war in den Jahren 1295, 1296 und 1297 Stadtrath in München und wurde später Herzogs Rudolf Rentmeister (Finanzminister). Er war es, der, wie wir unseren Lesern in einem der folgenden Abschnitte näher vorführen werden, im Jahre 1302 auf Befehl seines Herzogs das Schloß Schiltberg überfiel
und daselbst die Herzogin Mechtild und ihren Hofmeister Döwald Oettlinger gefangen nahm.
Hans Sluder war unter den, als Anhänger der Herzoge Ernst und Wilhelm während der Unruhen von 1397 – 1403 vom Herzog Stephan geächteten Münchner Bürgern. Als er im Jahre 1402 mit Wiguläus Schrenk zu seinem Herzog nach Ingolstadt reiten wollte, entrannen beide bei Reuburg an der Donau mit Mühe der Gefangenschaft und konnten sich nur durch eilige Flucht retten. Aber 1429 wurde dieser Hans Sluder aus dem Rathe gestoßen, weil er nach dem Rechtsspruche zwischen Ludwig dem Gebarteten und seinen fürstlichen Vettern den Huldigungseid nicht leisten wollte.
Die Brüder Peer und Wilhelm Schluder erbauten im Jahre 1450 das noch bestehende Hofseelenhaus, ursprünglich in der hintern Pranners- jetzt Promenadegasse, das sich gegenwärtig am Rochusberge, gegenüber der St. Salvatorkirche befindet. Eine alte Tafel über der Hausthüre desselben verkündet uns noch diese Stiftung.
Ein Vitus Tulbeck war im Jahre 1315 bereits innerer Stadtrath.
Dieses Geschlecht ist uns besonders merkwürdig durch einen Mann, der sich zu hohen kirchlichen Würden aufschwang. Johann Tulbeck widmete sich dem geistlichen Stande, ward Doktor der Theologie, dann Pfarrer bei U. l. Frau in München und Probst bei St. Vitus in Freising, wo ihn Probst Martin zu verschiedenen Geschäften und Sendungen gebrauchte. Im Jahre 1431
wurde er als Domherr in Freising gewählt, und endlich 1453 zum Bischofe daselbst erho en. Nachdem er Alters halber seinen bischöflichen Funktionen nicht mehr vorzustehen vermochte, resignierte er und begab sich in seine Vaterstadt München zurück, wo er die gegenwärtig unter dem Namen „Tulbeck´sche Benefizium“ noch bestehende Messenstifung seiner Vorältern Jakob und Johann Tulbeck, und seiner Verwandten Heinrich und Berchtold stattlich vermehrte und am 20. Mai 1476 starb. Sein Grabstein, ein Meisterwerk der Bildhauerkunst, befindet sich in der Frauenkirche unter dem nördlichen Thurme.
Dieses Patriziergeschlecht starb in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundertes aus.
Ebenfalls ein sehr reiches Patrizier-Geschlecht.
Das Eckhaus an der Dienersgasse gegen den Marienplatz zu, mit Nr. 11 bezeichnet, wurde um 1370 von Hans Impler, einem reichen Kaufmann und Rathsherrn, erbaut; in neuestr Zeit aber, 1861, unglücklich mit einem gothischen Zopf restaurirt.
Ein anderer Hans (nach Aventin Ulrich) Impler was Günstling des Herzogs Johann und als solcher dem Volke verhaßt. Deshalb entstand im Jahre 1385 ein Aufstand, Impler wurde gefangen, peinlich processiert und öffentlich am Marktplatze enthauptet. Die nähere Erzählung hierüber folgt in einem dernächsten Abschnitte.
Die Impler besaßen obigem Hause Nr. 10 gegenüber gleichfalls am Ecke der Dienersgasse ncoh ein zweites Haus. Dasselbe wurde am Anfange des 15. Jahrhundertes
vom Magistrate angekauft und zur städtischen Trinkstube eingerichtet.
Die Impler´sche Familie stiftete auch in der Kirche zu U. l. Frau ein Meßbenefizium, und noch gegenwärtig besteht die Kapelle der Implerl´schen Stiftung.
Wir haben hier die ausgezeichnetsten der edlen Geschlechter aufgeführt; es möchte aber für die Geduld des freundlichen Lesers zu weit führen, sie alle weitläufiger auseinander zu setzten. Unter der großen Anzahl derselben wollen wir nur in Kürze nnen die Diener, welche später zu Rittern erhoben wurden, sohin zum Adel zählten, und von welchen noch heut zu tage eine Straße den Namen „Dienersgasse“ führt, da sie in derselben ein Haus besaßen; ferner die Herren von Anger, unter denen namentlich Rudolf von Anger, Günstling der Herzoge Ernst und Wilhelm sämmtlich reich begütert und dem rittermäßigen Adel zugehörend, und Peter Rudolf, dem der Magistrat wegen seiner Bemühungen für Zustandekommens des Friedens zwischen seinen Fürsten und Ludwig dem Gebarteten im Jahre 1436 einen Ehrenbecher verehrte, eine Ehre, die vor ihm noch keinem anderen Bürger von München erzeigt worden war, und worüber es in der Kammerrechnung heißt: „item 22 Pfund 28 Denarien haben wir geben um den Becher, den man dem Rudolf schenkte von Raths Geschäft und Armen und Reichen wegen zu einer Erkanntniß seiner großen Mühe wegReitens das er da that, da Gott und er den Frieden zuwege brachte“; weiters die Altmann, von denen Heinrich Altmann schon in den Jahren
1295 -1297 der Rathes „Pfleger“ (Bürgermeister) genannt, und alle stats Mitglieder des innern Rathes; die Astaller, von deren Kunstsinn heute noch ein um 1470 gemaltes Glasfenster in der Kirche zu U. l. Frau spricht; die Eisenmanner, schon in einer Urkunde vom Jahre 1293 „Herrn“ genannt und daher zu den Edlen zähltend, von denen einer in der damals neuen Vorstadt, am „Hacken“ genannt, das erste Haus baute, und dadurch der Eisenmannsgasse den Namen gab; die Freimanner, wahrscheinlich aus dem nahe gelegenen Orte Freimann herstammend, von großem Reichthum, und die Meisten ihres Geschlechtes innere Räthe der Stadt; Endlich die Katzmair, schon seit 1318 als Mitglieder des Stadtrathes genannt, und unter denen der biedere und einsichtsvolle Georg Katzmair eine hervorragende und einsichtsvolle Rolle in den Bürgerunruhen von 1397 – 1403 spielt, über welche Vorfälle er ein „Gedenkbuch“ schrieb, das handschriftlich in der königl. Staatsbibliothek aufbewahrt, eine vorzügliche Geschichtsquelle jener verworrenen Zeitbegebenheit ist. In der Kirche zu U. l. Frau besteht noch immer die Katzmairkapelle mit einer Meßbenefiziums-Stiftung dieser Familie.
Es ist stets würdig und ehrenvoll für die späteren Nachkommen, die Tugenden und Vorzüge verdienter Vorfahren zu ehren und ihr Andenken zu bewahren.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die große Judenverfolgung in München im Jahre 1285, und die Gruftkirche
In München hatten sich schon seit den ersten Zeiten der Entstehung der Stadt Juden angesiedelt, Im Verlaufe jener Zeit war ihre Anzahl nach und nach sehr angewachsen, denn sie hatten sich durch Reichthum sowohl den Fürsten und der Geistlichkeit, als auch selbst der Bürgerschaft unentbehrlich gemacht. Jede Art des Handels war in ihrer Gewalt; sie vermittelten nicht nur den levantischen Handel mit edlen Gewürzen und Früchten, mit Gold, Geschmeide und Edelsteinen, mit köstlichem Pelzwerke, feineren Tüchern und Seidenstoffen, sie trieben auch verkehr und Handel mit Salz, Holz und Wein und anderen Erzeugnissen des bayerischen Bodens. Dabei wurden von ihnen Geldgeschäfte mit gewissenlosem Wucher getrieben, denn der Aufwand und Luxus jener Zeit, dem nicht nur Fürsten und Geistliche, sondern selbst die Bürger sich hingaben, nöthigte diese forwährend Geldhilfe bei den Juden zu suchen, denen das ausschließnde Recht gegeben war, gegen Handschrift oder Unterpfand Geld auf Zinsen auszuleihen, was dagegen den Christen im Mittelalter durch Pabst und Kaiser streng verboten war. So ersehen wir aus dem Eremptionsprozesse des Klosters St. Emmeram zu Regensburg (Zurbgubk Abg, S. 112), daß Aebte bei ihnen oft Meßbuch, Kelche, Kirchenleuchter, Raugefäße und Thorkleider versetzten; Abt Hermann und das Koster Steingaden beklagen sich in einer Urkunde vom Jahre 1287 sehr, daß sie wucherische Zinsen an die Juden bezahlen müssen; in einer Urkunde von 1257 wird Heinrich, Abt von Benediktbeuern, durch einen gewissen Pilgrim aus einer Schuld an die Juden zu fünf Talenten ausgelöset. Als Herzog Otto von Landhut seine Burg, die Trausnitz, erbaute, schoßen die Juden Geld dazu her, wofür er ihnen erlaubte, in der neuen Stadt zu wohnen; ja sie besaßen in Bayern sogar viel Landeigenthum, welches sie als Pfand oder in Hoffnung vortheilhaften Wiederverkaufes inne hatten. In München hatten die Herzoge und die Bürgerschaft ihnen selbst eine eigenen Synagoge gestattet, welche in der nach ihnen benannte Judengasse, - der heutigen Gruftgasse - und zwar an jener Stelle stand, wo bis in die neueste Zeit das Haus des Bäckers Wanney, Nr. 1 sich befand.
In jenen Zeiten aber, dem 12. und 13 Jahrhunderte, tauchte zugleich in allen Ländern Europas eine große, fortwährend sich steigernde Erbitterung, namentlich des gemeinen Volkers, gegen die Juden auf. Erste Ursache und Veranlassung hiezu waren wohl die Kreuzzüge, und die durch dieselben erregte religiöse Schwärmerei. Letztere zeigte sich zuerst in der Raserei der Geißler, welche aus Italien gekommen zu hunderten und tausenden, Männer und Weiber, alle Länder durchzogen und ihre gräßlichen Bußthaten öffentlich zur Schau stellten. Wandernd durch Dörfer, Mörkte und Städte, mit bernnenden Kerzen und Kreuzbildern, nackt bis zum Gürtel, aber das Gesicht mit schwarzen Tüchern verhüllt, wilde Bußgesänge heulend, stellten sie sich angesichts des herbeigelaufenen Volkes in einen großen Kreis und schlugen sich die nackte Brust und Lenden mit Geißeln voller Knoten und Nägel, bis sie unter herabströmendem Blute ohnmächtig zu Boden fielen. Rasch aber hatte sich dieser Fanatismus gegen die Juden gewendet, welche nicht nur Reichthum, sondern auch durch ihren Glauben und durch den Kreuzestod des Herrn der Christen Abscheu waren, der durch diese Geißler zur Wuth aufgestachelt wurde. Schon bei dem ersten verunglückten Kreuzzuge unter Peter dem Einsiedler glaubten die Schaaren ihren Beruf als Streiter Christi durch grausame Verfolgung der Juden zu bewähren, und es wurden in den Städten am Rheine viele tausend jüdische Familien niedergemetzelt und ihre Habe geplündert. In Mainz suchten die Juden sogar Schutz bei dem Erzbischof Rothart und vertrauten ihm ihre Personen und Schätze an, und dieser barg sie in dem oberen Stockwerk eines festen Hauses. Aber der wilde Graf Emicho von Leinigen stürmte mit einem Schwarm zusammengelaufener Kreuzfahrer das Haus; sie schoßen mit Pfeilen und Speren in dasselbe, sprengten die Schlößer und Thüren; und ermordeten im Hause des Bischofes siebenhundert Juden, Männer, Weiber und Kinder. Als die Juden keine Rettung vor den Mördern fanden, tödteten die Frauen ihre Kinder, die Männer ihre Weiber, und dann sich selbst!
Ein weiterer Grund zu diesen Verfolgungen war aber auch der ganz verarmte und verwilderte Zustand des geringeren Volkes sowohl, als auch der gänzlich verschuldeten Großen. Hiezu kamen noch in diesen Zeiten Mißärndten und Nothjahre, und in Folge dessen eine ungeheuere Sterblichkeit. So fiel z. B. im Jahre 1281 am 17. Juli in ganz Süddeutschland ein so tiefer Schnee, daß die ganze Aerndte vernichtet wurde. Viele Menschen wanderten zur Stillung ihres Hungers nach Ungarn aus, viele starben an schlechter Nahrung, ja es wurde die Sterblichkeit in Folge der Hungersnoth so arg, daß man im nächstfolgenden Jahre 1282 die Todten haufenweise auf den Feldern einsammelte. Durch diesen Nothstand wurde daher auch die Habsucht des Pöbels mächtig angeregt, welcher hoffte, die reichen Schätze der Juden sich aneignen zu können.
Wir sehen nunmehr an vielen Orten Süddeuschlands Judenverfolgungen, wozu immer der Aberglaube des Volkes, und die schnell entstandene und verbreitet Sage, daß die Jeden Brunnen vergiftet und so eine ungewöhnliche Sterblichkeit veranlaßten, oder das sie Christenkinder schlachteten, um mit deren unschuldigem Blute religiöse Ceremonien an ihrem Passahfeste vorzunehmen, oder daß sie mit geweihten heiligen Hoestien argen Unfug und Verunerhrung getrieben, die erste Veranlassung und das erste Zeichen des Aufstandes gab.
Da geschah es auch in München im Jahre 1285, daß eines Tages plötzlich das Geschrei entstand, die Juden hätten einem alten Weibe ein Kind abgekauft oder gestohlen, und hätten dasselbe in einem unterirdischen Keller mit Nadelstichen zu Tode gefoltert. Grund genug, um des Pöbels Wuth auf das Höchst zu entflammen. Er drang mit Gewalt in die Häuser und Wohnungen der Juden, durchsuchte dieselben, ohne jedoch etwas Verdächtiges zu finden, plünderte ihre Schätze, ermordete einen großen Theil der Juden und schleifte ihre Häuser. Das erwähnte alte Weib wurde zu Tode gefoltert, ohne daß man ein Geständniß aus ihr erpressen konnte. – Ein Theil der Juden, welche dem Blutbade entranne, flüchtete sich, und zwar, wie die Sage erzählt, auf Anrathen des Pfalzgrafen Ludwig des Strengen, welcher umsonst zu ihrer Rettung herbeigeeilt war, in ihre Synagoge, das erbitterte Volk aber umstellte und verrammelte die Synagoge, damit kein Jude entrinnen könne, und warf dann Feuerbände in dieselbe. Die ganze Synagoge wurde ein Raub der Flammen, und mit ihr verbrannten 180 Juden, welche sich in dieselbe geflüchtet hatten.
Dessen ungeachtet hatten sich die Juden im Verlaufe der Zeit wieder in München angesiedelt und ihre Synagoge wieder aufgebaut. Herzog Albrecht III. nahm aber im Jahre 1442 Gelegenheit sie aus der Stadt zu weisen, worauf er ihre Synagoge „aus freiem Bedacht“ seinem geschworenen Leibarzte Han Hartlieb, einem gelehrten und respektirten Manne, der in Italien die Azneikunde und Alchemie studiertynagoge in Gruftkapelle der heilgen Jungfrau Maria gewidmet, um und erbaute sich und den Seinen darüber eine Behausung. Die ehemalige Judengasse hieß jetzt die „Schreibergasse“.
In diese Gruftkapelle hatte Herr Doktor Hartlieb ein wunderbares Vesperbild der heiligen Jungfrau Maria gesetzt. „aber eine kurze Zeit hernach“, erzählt Johann Bartholomä Schreckenfuß, der im Jahre 1625 eine Beschreibung der Kirche zu unser lieben Frauen Gruft in Druck herausgab, „ließ sich hier nun unsere liebe Frau mit Gutthaten merklich verspüren, also daß es einen großen Zulauf dahin gegeben.“ Deshalb ließ Her Harlieb aus frommer Gesinnung im Jahre 1450 sein Wohnhaus niederreisen, und erbaute über die Gruftkapelle eine Kirche, welche zum Unterschiede von der alten Pfarrkirche zu U. l. Frau den Namen U. l. Frauen Neustift erhielt. In diese setzte er drei Altäre und versah sie wohl mit Heilthümern. Von nun an wurde diese Gasse die Gruftgasse genannt. Die Kirche und die Gruftkapelle erhielten einen ausserordentlichen Zulauf von Andächtigen; ja selbst die Bischöfe von Freising, Passau und Regensburg kamen hierher, hielten darin ihre Andachten, wohnten den sieben kleinen Tageszeiten bei, die jeden Samstag früh gesungen wurden, und begabten das Gotteshaus mit Ablässen und Indulgenzen.
Aber im Laufe der Zeit veränderte sich vieles; der fromme Eifer hatte nachgelassen, der alte Glaube war erkaltet, diese Kirche wurde weniger mehr besucht, obwohl sie noch immer in Ehren blieb; aber die unterirdische Gruftkapelle wurde ganz öde und endlich stieg Niemand mehr in dieselbe hinab. So verkam sie allgemach und wurde ein Keller daraus, „zur leeren Fässer und Buttern Behaltnuß.“ Das wunderthätige Vesperbild war vergessen und unbekannt.
Allein ein eigener Vorfall sollte das wunderthätige Bild nach langer Zeit wieder zu Ehren bringen.
Im Püttrich-Regelkloster der Franziskanerinnen auf dem heutigen Max-Josef-Platze befand sich eine Schwester, Namens Katharina Kammerloher, welche schon länger als ein Jahr an heftigen Schmerzen beider Füße krank darnieder lag. Keine Kunst der Aerzte mochte ihr Gebresten heilen oder auch nur lindern, weßhalb sie, auf alle menschliche Hilfe gänzlich verzichtend, ihr Vertrauen und ihre Zuflucht allein zu Gott wendete. Da erschien ihr im Jahre 1612 in einer Nacht im Traume das gedacht Vesperbild, von dem sie vorher doch niemals auch nur die geringste Kenntniß gehabt hatte, und bedeutete ihr, es sei das in der Gruft versteckte Bild. Von diesem Augenblicke an war die Kranke völlig geheilt und aller ihrer Schmerzen entlediget. Der Ruf dieses Wunders verbreitete sich schnell, das vergessene und verlassene Kellerlein wurde gereiniget und man fand wirklich hinter einer Menge alten Gerümpels das wunderthätige Bild.Der fromme Zulauf durch die erneute Andacht von Gebrechen und schweren Anliegen befreit. Die durchlauchtige Frau Mechtild, Herzogs Albrechts VI Gemahlin, welche ein schweres Augenleiden mit gänzlichem Verluste des Augenlichtes bedrohte, wendete sich vertrauensvoll hieher und verlobte zwei ganz goldene Augen in die Gruft, worauf ihr Leiden sich vollkommen hob, und sie sich ihres Augenlichtes wieder erfreute.
Auch Herzog Maximilian I besuchte sehr gern diese Kapelle, und dann wurde jedesmal „eine feine Messe mit künstlichen uns Süßen Instrumenten“ gesungen. Als Herzog Albrechts erstgebornes Söhnlein, Namens Johann
Franz Karl im Jahre 1620 an schwerer Krankheit darniederlag und es sich hieher verlobte, wurde nach wiedererlangter Genesung des Kindes das Kirchlein mit einer kostbaren Ampel beschenkt, und außen vor der Kirche an der Strasse ein in prachtvollem Erzguß ausgeführtes Bild der seligsten Jungfrau Maria aufgestellt. Viele fromme Geschenke und Vermächtnisse, darunter manche Kostbarkeiten, floßen von nun an reichlich der Kirche zu; ein Kistlein allein enthielt bei tausend Ringe.
Diese Kirche stand bis zur Säkularisation im Jahre 1805, wo sie in Privatbesitz überging, abgetragen und in ein Wohnhaus umgeändert wurde. Das verehrte Vesperbild kam dabei ebenfalls in Privathände. – Dieses Wohnhaus gehörte, wie schon oben erwähnt, dem Bäcker Wanney, wurde im Jahre 1865 vom Staate zur nothwendigen Vergrößerung des anstoßenden Gebäudes der kgl. Polizeidirektion angekauft, im Jahre 1866 abgebrochen, und gegenwärtig steht an dessen Stelle ein geschmackvoller großer Neubau. Bei diesem letzten Abbruche fand man ein paar alte geschwärzte Mauern, die offenbar noch vom Synagogenbrande herrührten.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die erste herzogliche Münze. 1295
Bei Gründung Münchens im Jahre 1157 durch Heinrich dem Löwen wurde sogleich, wie wir bereits erzählten, daselbst eine herzogliche Münzstätte errichtet. Dieses Münzgebäude befand sich in der Mitte des Schrannen- oder heutigen Marienplatzes, nämlich da, wo gegenwärtig die Mariensäule steht.
Damals war im Münzwesen eine große Verwirrung in Deutschland, Zwar wurde allenthalben nach gleicher Weise gerechnet, nämlich nach Pfunden, Schilligen und Pfenningen, ein Pfund zu 8 Schillingen, der Schilling zu 30 Pfenningen, das Pfund also, wie noch bis in die neueste Zeit der Gulden, zu 240 Pfenningen oder Halbbrakteaten.
Allein die Habsucht und Spekulation der Herzoge, welche einerseits kostspielige Haushaltungen und ungemessenen Aufwand führten, anderseits aber außer ihren Privatbesitzungen kein anderes Einkommen hatten, als jenes, welches ihnen, oft nur mit großen Opfern, von den Ständen und Stäbten bewilliget wurde, veranlaßte sie, sehr häufig schlechtere Münze zu prägen.
Während Regensburg seinen guten alten Münzfuß fortwährend handhabte und daher die Regensburger Pfenninge in gutem Rufe standen, kauften die Herzoge das gute alte abgenutzte Geld auf und setzten es mit Kupferzusatz und neugeprägt, also verschlechtert wieder in Umlauf. Z. B. 36 Mark alte Pfenninge, die Mark zu 10 Schillingen, kaufte man um 14 ½ Pfund neue Pfenninge; aus diesen , auf einen Tiegel gesetzt, prägte man 30 Mark neue Pfenninge, die man, die Mark zu 11 Schillinge weniger 10 Pfenninge, oder die 30 Mark zu 320 Schillingen gesteigert, gleich 40 Pfund Pfenninge schätzte. Es gewann also der Herzog an jedem Tiegel 5 ½ Pfund Pfenninge. Dieses Handwerk, das alte Geld mit Gewinnst einzukaufen und immer dafür ein neues schlechteres in Umlauf zu setzten, mußte nothwendig die herzogliche Münze sehr sinken machen, daher es denn auch kam, daß um die Mitte des 13. Jahrhundertes die Münchener Pfenninge um die Hälfte weniger galten, als die Regensburger sogenannten langen Pfenninge, so das z. B. im Jahre 1253 hundertfünfzig Münchener Pfenninge nur 60 Regensburger Pfenningen gleich kamen.
Die nothwendige Folge davon waren große Hindernisse und Verluste in Handel und Wandel und im gemeinen Verkehre. Darüber entstand natürlich große Erbitterung im Volke, und zwar um so mehr, als dieser Aufkauf der älteren feinhaltigen Münzsorten hauptsächlich durch die Juden geschah, welche sich, ungeachtet der erst vor zehn Jahren, im Jahre 1285 erlittenen Verfolgung, wieder zahlreich in München angesiedelt hatten.
In Folge dessen entstand im Anfange des Jahres 1295 ein Aufruhr der Bürger; die herzogliche Münze wurde durch das Volk zerstört und der herzogliche Münzmeister, Namens Smichen, ermordet.
Herzog Rudolph strafte deshalb strenge die Stadt, indem er durch Urkunde vom Sonntag vor Fastnacht – 6. Februar – 1295 Rath und Gemeinde „zur Besserung der Unthat, indem sie die am Hauptplatze gelegene „Münzschmiede niederbrachen und Uns nicht achteten an „Smichen unsern Diener,“ in die Bezahlung von 500 Pfund Pfenningen, (nach unserm heutigen Gelde das Pfund Pfenninge zu 12 4/9 fl. Süddeutscher Währung, also circa 6450 fl) binnen 14 Tagen binnen 14 behufs Erbauung einer neuen Münze mit dem Beisatze verurtheilte, daß sie sich an den Thätern schadlos halten können.
Diese neue Münze wurde hierauf von dem Herzoge in der Graggenau gebaut, und ist jenes Gebäude am sogenannten Platzl, in welchem sich heut zu Tage der Bockkeller befindet. In diesem Gebäude blieb die Münze bis zu Angang dieses Jahrhundertes, wo sie erst in das gegenwärtige Münzgebäude verlegt wurde.
An der Stelle der 1295 zerstörten Münze erbaute Rittern Ainwig der Gollir eine dieser Familie gehörige Kapelle zu Ehren aller Heiligen, welche die Gollirkapelle hieß. Diese Kapelle wurde nach Aussterben dieser Familie beiläufig im Jahre 1485 wegen Baufälligkeit abgebrochen, und die Gilten derselben fielen der gegenwärtigen kl. Kreuzkirche, (erbaut in den Jahren 1480 bis 1485) zu. Der Platz, auf welchen diese Kapelle gestanden, wurde eingeebnet und endlich im Jahre 163-38 von Churfürst Maximilian I. zum Andenken an die Schlacht am weißen Berge die gegenwärtige Mariensäule errichtet.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Stadt München Kriegswesen und Fehden
Im Mittelalter kannte man noch nicht die stehenden Heere, welche erst in viel späterer Zeit die Hauptstärke und Macht der Fürsten ausmachten, nachdem sich das Prinzip der Souveränität ausgebildet hatte. Die Fürsten der damaligen Zeit, durch ungemessenen häuslichen und Öffentlichen Aufwand entkräftet, in schwere Schulden gerathen, und dadurch ohne hinreichende Kraft im Inneren des Landes, waren nicht einmal im Stande, die kostspielige Ausrüstung und Verpflegung der Landsknechte regelmäßig zu bestreiten, auf deren Treue sie sich überdieß nur wenig verlassen durften. Dieselben dienten dem, der den meisten Sold zahlte, und gingen daher nicht selten von einer Partei zu andern über, und wurden im Frieden durch Raub und Zügellosigkeit dem eigenen Lande oft noch gefährlicher als im Kriege.
Hingegen aber waren die Städte durch die Mannhaftigkeit ihrer Bürger, durch Handel und Reichthum, sowie durch ihre Freiheit unaufhaltsam emporgestiegen; das öffentliche Leben hatte sich in diesen Städten glänzend
Ausgebildet, und ihre Bürger waren zugleich durch ihren fortwährenden Kampf mit dem Adel, der sie um ihre Größe und ihre Unabhängigkeit beneidete, kriegerisch geworden. In diesem fast zweihundert Jahre dauernden kleinen Kriege zum Schirme und Schutze ihrer selbst und der Ihrigen, gelangten sie zu einer Ausrüstung, zu einer steten Kriegsbereitschaft, und zu einer Tapferkeit, in der sie an Ruhm selbst der stolzen Ritterschaft nicht wichen.
Die Fürsten aber, machtlos, waren eben dadurch gezwungen, nicht nur den Bürgern der Städte zu gestatten, sich selbst zu schirmen, sondern auch deren Gerechtsame und Freiheiten fortwährend zu erweiter, wogegen sie dann in ihren Kriegen die bewaffnete Hilfe der Städte in Anspruch nahmen.
So auch in München.
Die Bürger waren nach den vier Vierteln der Stadt in vier Abtheilungen eingetheilt, über deren jegliche ein Hauptmann gesetzt war. Diese Stadtmiliz bestand sowohl aus Fußvolk als aus Reiterei; ein Hauptbestandtheil waren aber die Armbrustschützen. Die Armbrust mit Stahlbogen und Bolzen waren bereits seit dem elften Jahrhundert die wichtigste Waffe des Fußvolkes, und war als mörderische und heimtückischw Waffe so gefürchtet, daß sogar das zweite lateranensische Coneilium unter Pabst Innocenz II. im Jahre 1139 ein Interdikt gegen den Gebrauch derselbern erließ. In dieser Waffe nun wurde zu Friedenszeiten die Mannschaft fleißig eingeübt. Schon im vierzehnten Jahrhundert bestand eine Scißstätte vor dem Angerthore an dem Platze, wo jetzt der Pechgarten sich befindet; im Jahre 1401 wurde aber eine neue „Zielstatt“ vor dem Neuhauserthore rechts gegen die Dachauerstraße erbaut. Weitere Zielstätten kommen in den Jahren 1411 und 1437 bei der neuen Veste und an der Kreuzgasse (dem heutigen Promenadeplatz) vor. Die Aubung der Armbrustschießens wurde auf jede Weise befördert; Knaben mit zehn Jahren mußten schon den Gebrauch dieser Waffe lernen, und die jungen Bürger sich forwährend darin vervollkommnen. Als vorzügliches Aneiferungsmittel hiezu wruden Schützenfeste gehalten. Schon um das Jahr 1300 entstehen in den Städten die Genossenschaften der Schützen mit einer Ordnung, und es finden von nun an in ganz Deutschland beinahe jährlich Freischießen statt. Diese wurden mit allem Glanze veranstaltet, und nahmhaft Preise, „Abenteuer“ genannt, ausgesetzt, daher von nah und fern Schützen mit Armbrust und wohl auch schon mit Büchse zahlreich zu diesen Festen zogen. Im Jahre 1431 war ein großes Armbrustschießen auf der Zielstatt in Haidhausen, wobei das Beste in zwei Ochsen und Kleioden bestand, „aber die von München thaten das Beste“, ist in der Rechnung beigefügt. Im Jahre 1467 war in München wider ein großes
Armbrustschießen, welches wohl zu den bedeutendsten der damaligen Zeit gehörte. Es begann am Pfingstmondtage und dauerte bis zum Fronleichnamsfeste; zwölf Fürsten und Grafen und drei und fünfzig Städte waren dabei durch ihre Abgesandten vertreten. Dieses Festschießen wurde vor dem Angerthore gehalten, allwo Zelte und Buden aufgeschlagen waren. Den ersten Preis gewann Erhard Schnitzer von Geislingen; er bestand aus einem goldenen Kopffschmucke im Werthe von Fünfzig Gulden; den zweiten Lutz von Freiberg, ebenfalls ein goldener „Kopf“ im Werthe von Fünf und vierzig Gulden; - den dritten Lienhart Stemli von Zürich, gleichfalls ein solcher Kopfschmuck im Werthe von vierzig Gulden. Die drei zunächst folgenden Preise waren silberne Pokale; den einen im Werthe von 35 Gulden gewann Hauf von Ulm, den anderen in Werthe von 31 Gulden erhielt Hans Perendle von Lauingen, und den sechsten im Werthe von 28 Gulden Ludwig Schopper von Biberach. Außer diesen wurden noch sechzehn Preise vertheilt, und als Weitpreis ein goldener Ring, den gewann Hans Plank von Kaltennordheim, Schütze des Grafen Heinrich von Henneberg.
Der Magistrat München ließ aber auch seine Schützen oftmals nach anderen Städten zu solchen öffentlichen Schießen reisen, und bestritt hiezu nicht nur die Reisekosten der Schützen, sondern ließ ihnen noch dazu besondere Geschenke aus der Stadtkammer geben, auf daß sie ein „Kleinod gewinnen möchten der Stadt zu Ehren, daß man sehe, daß wir auch gute Schützen haben, und daß andere junge Gesellen sich desto eher das Schießens annehmen, damit wir bei der Stadt gute Schützen haben,“
heißt es in der Kammerrechnung. So reiseten die Münchner Schützen namentlich 1392 nach Augsburg, wo am Rosenauberge bei neunhundert Schützen sich einfanden, 1410 nach Aichach, 1414, 1416 und 1425 nach Augsburtg, 1415 nach Landsberg, 1420 nach Dießen, 1426 nach Landshut, 1432 und 1437 nach Straubing, 1433 nach Nürberg, 1437 nach Freising. Die Schützen von München zeichneten sich hiebei vortheilhaft aus; der Söldner Kammer gewann 1420 zu Dießen eine Armbrust, welche ihm der Magistrat abkaufte; vier Schützen von München, welche 1426 der Stadt zu Ehren nach Landshut geschickt wurde, gewannen dort das „Kleinod“, nämlich eine silberen Schale und ein Tuch von Aachen; sie hatten sich so sehr durch ihre Geschicklichkeit hervorgethan, daß die von Landshut nicht mehr mit ihnen schießen wollten. Es hat sich in München folgendes Ladschreiben als das Älteste erhalten, welches wir hier einrücken, da es dem freundliche Leser nicht ohne Interesse sein wird:
„Den ehrbaren und weisen dem Schützenmeistern und allen Schießgesellen der Stadt München. Unsern willigen Dienst wißt vor liebe Herrn und Freude. Wie lassen euch wissen um die Abenteuer, die wir zu uns gebracht mit Schießen von euerer Stadt zu München nach Gewohnheit der Stadt, die sie ausgegeben hat, nach derselben Gewohnheit wie dieselben Abenteuer ausgerufen und ausgesetzt haben darum zu schießen an dem nächsten Sonntag nach St. Johannestag zu Sonnenwende. Es sind die Abenteuer ein würdiger Widder, ein paar Hosen, eine rothe Haube, daran hangen vier silberne Schilde, ein
Reisspitz, eine Armbrust, ein Schießzeug, ein Schwert, und unsere Besserung nach Ehren. Welche Armbrust die Abenteuer gewinnt, der hat einen silbernen Ring voraus, darum liebe Herrn, Freunde und Gesellen bitten wir euch mit allem Fleiß, daß ihr auf ehgenannten Sonntag bei uns zu Kelheim seid und bei allen Schießgesellen, die wir auch dazu geladen haben. Versiegelt mit der Stadt Kelheim geheimen Insiegel. Datum am heiligen Pfingsttag 1404. Von uns Jörgen Schützenmeister und allen Schießgesellen der Stadt zu Kelheim“.
Der Gebrauch der Armbrust als vorzugsweisen Waffen dauerte bis zum Anfange des sechzehnten Jahrhunderts; von da an wird sie im Kriege, und sogar auf der Jagd, durch das Feuerrohr verdrängt. Aber nicht bols die Bürger hielten solche Festschießen, um sich in den Waffen zu üben, und ihre Geschicklichkeit öffentlich zu zeigen; auch die Patrizier der Stadt München hatten zu gleichem Zwecke ihre Festkämpfe, die Turniere, welche auf dem Marktplatze gehalten wurden. Denn der Riter, die Schußwaffe als unritterlich verschmähend, kämpfte hoch sitzend auf seinem Streitrosse, die Ritterrüstung, die alte Lanze und das Schlachtschwert führend. Bei einem solchen Turniere zu München im Jahre 1398 kämpfte der Ritter Gewolf mit dem Heinrich Sendlinger, 1399 thaten die von Ingolstadt mit dem Rindsmaul eine Fahrt zu einem Turniert nach München, und zu einem großen Turniere im Jahre 1404 kamen die von Augsburg, Ulm, Memmingen, Landshut, Erding und Amberg nach München, welchen allen der Magistrat den Ehrentrunk reichte, und
nach dem Kampf einen Tanz auf dem Rathhause veranstaltete.
Nachdem auf diese Weise die Bürgerschaft stets kampffähig und kriegsbereit gehalten wurde, war auch für den nöthigen Waffenvorrath bestens gesorgt.
Im Jahre 1410 kaufte der Magistrat am Neumarkte, da wo jetzt die Gebäude Nr. 1 und 2 stehen, mehrere Häuser zum Baue der Hauses „zu der Stadt Rossen und Wagen, auch darein zu legen der Stadt Zeug und lange Hölzer, auch Büchsen und was die Stadt Zeug hat.“ Dieses Gebäude ist das gegenwärtige Stadthaus. Aber bald war dasselbe unzureichend, und es wurde im Jahre 1431 ein neues Zeughaus erbaut, jenes, welches noch heute als solcher am Anger neben dem Stadthause besteht. In demselben wurden die Büchsen, d. h. die Kanonen und andere Geschosse aufbewahrt. Das schwere Geschütz war damals an Kaliber, Länge und Namen sehr mannigfaltig; es gab schafte Metzten, Karhaunen, Falkaunen, Falkonete, Rothschlangen, Feldschlangen, Scharfentin, u. dergl., das Kanliber war in jener Zeit höchst bedeutend,eine große und lange Kanone, von Hans dem Orgelmeister 1425 gegossen, wog 43 Zentner 33 Pfund; eine kleiner, die Schermbüchse, wog 7 Zentner 21 Pfund; eine große Büchse, die „Stachlerin“ genannt, schoß 31/2 Zentner schwere Kugeln, eine andere, der „Bocker“ genannt, schoß Kugel zu 2 Zentnern und drei andere Büchsen Kugel zu 25 Pfund. Der „Stadt Armbrust“ war in diesem Büchsenhause nicht aufbewahrt, sondern befand sich in dem Tömlinger- oder Wilbrechgs-Thurme in der Dienersgasse, und war dazu
ein eigener Schnitzer zur Verfestigung der Pfeile besoldet. Das Pulver wurde in einem eigenen Pulverthurme aufbewahrt. Die Stadt besaß ausser den Kanonen in dieser Zeit zahlreiches Kriegsgerät aller Art; eine Aufschreibung führt an 400 Tarrasbüchsen, Schermbüchsen, Steinbüchsen, Hackenbüchsen,123 Armbrust,11,000 Pfeile, 6 Eimer Pulver, 16 Eimer Schwefel, 23 Zentner Galiter, 12 Zentner Blei und Kugeln, Büchsensteine ohne Zahl, 600 Fußeisen oder Fußangeln, welche bei dem Anrücken Werke, womit man Steine über und gegen die Festungsmauern warf, und viele andere ähnliche Dinge. Die Artillerie der Münchener Bürger war so beträchlich, daß bei dem Ausrücken derselben im Jahre 1421 zur Fortschaffung des Zeuges 150 Pferde erforderlich waren.
Bei einer so tüchtigen Wehrverfassung konnten die bayerischen Fürsten in ihren Kriegen mit Recht auf die Stärke und Tapferkeit der Münchener Bürger zählen und in der That zeichneten sich dieselben in allen Kämpfen aus. Schon unter Kaiser Ludwig hatten sie sich in der Schlacht von Gammelsdorf am 9. November 1313 gegen die Oesterreicher und den niederbayerischen Adel, dann später in der Kaiserschlacht bei Ampfing am 28. September 1322 mit hohem Ruhme bedeckt. Als die Herzoge Ernst und Wilhelm im Jahre 1410 Tirol wieder zu erobern suchten, nahmen die Bürger an diesem Kriegszuge den lebhaftesten Antheil; nicht nur hatte der Stadtrath den Herzogen zu diesem Kriege das Geld vorgeschossen,
sondern es zog auch ein Viertheil der Bürgerwehr unter Anführung des Hauptmannes Heinrich Barth, unter welchem auch der Schützenmeister Hans Tömlinger und Alrich der Büchsenmeister mit zwei Kanonen standen, mit in das Feld. Auf diesem Kriegszuge gab ihnen der Magistrat alle Bedürfnisse mit, als Wein, Korn, Brod, Futter, Safran, Pfeffer, Ingwer, Wachs, Schmal, Unschlitt, Erbsen, Gerste, Kraut, Käse, Sals, Essig, Pfannen, Kessel, Zuber, Banzen, Schapfen, Mehl, Zwiebel, Tisch- und Handtücher und anderes Geräthe, welches alles dem Münchener Heere auf Heerwagen, die mit gemalten Schilden und Fahnen geziert waren, mitgeführt wurden. Die belagerten die festen Schlösser Matzen, Freundsberg und Tratzberg in Tirol; nur der am Himmelfahrtstage abgeschlossene Waffenstillstand verhinderte ihre siegreichen Erfolge.
Die größte kriegerische Thätigkeit entfalteten die Münchener Bürger in den langjährigen Kämpfen gegen Herzog Ludwig den Gebarteten. Es galt, die oberbayrischen Lande und die Umgebung von den Mord- und Brandzügen dieses Herzoges zu reinigen und seine festen Plätze zu zerstören. Der Münchener Hauptmann Hans Barth zog von Landshut, - der Patrizier Rudolf von Aibling, Hauptmann Wilbrecht nach Riedenburg an der Altmühl, Hauptmann Bartlmä Schrenk mit dem Büchsenmeister Danz vor das feste Schloß Schwaben, welches aber, als es die Münchener mit ihren Kanonen und Kriegsmaschinen hart bedrängten, sich ergab und hierauf von den Münchener Armbrustschützen besetzt wurde. Der Patrizier Ludwig Riedler berannte mit einer Abtheilung der
Münchener Bürger die festen Schlösser an der Glon, andere Abtheilungen zogen vor die Festen Ranhofen an der Maisach und Bayerbrun an der Isar, und eroberten sie. –
Im Anfange des Jahres 1422 zog Herzog Wilhelm selbst persönlich mit den Münchnern vor Friedberg. Die Hauptleute Lorenz Schrenk, Franz Dichtel, Hans Barth und Hans Pütrich befehligten das ansehnliche Heer der Münchener, welche ihre große Büchse, die „Stachlerin“ mit sich führten. Vom Münchner Magistrate wurde der Arzt Rarziß Trömmlinger mitgegeben, um den Verwundeten eizustehen. Auf ausdrückliches Verlangen schickte ihnen der Rath von München eine stadtische Sturmfahne „mit dem München, daß sie desto lieber anlaufen möchten.“ Da liefen nun die Söldner und eine Menge Volk von München nach Friedberg. Der Sturm begann, und die Veste ward genommen um Jakobie 1422. Ein Knecht Martin am Anger hatte sich dabei besonders ausgezeichnet, weil er von den Mauern Friedbergs eine Kriegsmaschine, „den langen Schwänkel der Tuifelszagl“, herabgestürzt hatte, weshalb er vom Rathe der Stadt München eine besondere Belohnung erhielt.
Die im Herbste desselben Jahres darauffolgende für die Münchener Bürger so ruhmvolle zweitägige Schlacht die Alling werden wir in einem späteren Abschnitt erzählen.
Die Führung solcher Kriege, wenn sie auch nur kurz dauerten, war damals mit ungeheueren Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden. Die Landstrassen, auf denen sich das Heer bewegte, waren schlecht, ja oft grundlos; die Verpflegung der Mannschaft und der Pferde war
ungeordnet und daher größtentheils höchst elend, aller Lebens- und sonstigen Bedürfnisse mußten von München aus in oft weit entfernte Gegenden auf Wagen beschwerlich mitgeführt werden, die Zufuhr war unregelmäßig, und die Erhaltung eines auch noch so kleinen Heeres hatte immer die Ausplünderung der ganzen Gegend, wo es stand, im Gefolge, so daß auch die fruchtbarsten Landschaften in kurzer Zeit völlig ausgezehrt und verheert waren.
Aber nicht diese größeren Kriege ihrer Herzoge waren es allein, welche die Münchener Bürger damals häufig beschäftigten; zunächst waren es in jenen Zeiten die kleineren Fehden, wodurch die Münchener in einen fortwährenden Kriegszustand und in immerwährende Unruhe versetzt wurden. Es geschah nämlich oftmals, daß Münchener Patrizier mit auswärtigen Adelichen in Differenzen geriethen, die jederzeit sogleich in gegenseitige Gewaltthätigkeiten durch Wegelagern, Rauben, Plündern und Brennen oder in Gefangennahme und Hinwegführung von Angehörigen ausarteten. Die meisten Fehden aber entstanden wegen Schuldforderungen, welche auswärtige Ritter an die Herzoge zu machen hatten, wobei aber Letztere bei ihren beschränkten Einkünften sogleich Zahlung zu leisten nicht vermochten. In den Archiven der Stadt München sind noch viele Briefe jener Ritter vorhanden, in welchen sie den Magistrat baten, mit den Herzogen zu reden und sie zu bewegen, daß sie ihre Schulden bezahlen und sie unklaghaft machen möchten; für den Fall, daß dieses nicht geschehen würde, ist fast immer die Drohung der Befehdung der Stadt beigefügt. Die Ritter richteten auch wirklich ihre Feindseligkeiten immer sogleich gegen die Stadt München, weil hier die Herzoge wohnten, und weil sie aus der Stadtsteuer befriediget sein wollten, welche München den Herzogen jährlich bezahlten. Ueberdieß wurde von dem Adel eifrig eine Veranlassung zu solchen Zwisten gesucht, denn der Groll, welchen die im Untergange begriffene Ritterschaft gegen die aufnehmende Macht der Städte und den Reichthum und den Stolz ihrer Bürger empfand, war zu reizend und zu verlockend, und das Ritterthum war längst in wildes und wüstes Raubritterwesen ausgeartet. Auf diese Weise erhielt die Stadt München fortwährend eine Menge Absagebriefe oder Kriegserklärungen; so entsagte der Stadt im Jahre 1404 der Steuerer, der Rindsmaul un der Frauenberger, 1406 der Wildeck, 1409 der Schittenberger, 1410 Peter von Harlach, 1412 der Schenk von Geiern, Hans Warter, Weinmann der Egkler und die Mandorfer, 1414 der von Oetting und Arnold von Seckendorf, 1415 der Kölbel , Auer, Rothast und Egkler, 1416 Gebhard von Kammer auf dem alten Berg, 1420 der Ruckhofer, 1424 Ott Eisenhofer, Wilhelm Hoder und der Zenger, 1428 der Egkler, Torrer, Kalkfleisch, Winsberg, Rückkhofer, 1432 der Wildenholzer, 1433 der Ranninger, und so fort viele andere. Jeder Abfagebrief, den die Stadterhielt, mußte die gerechtesten Besorgnisse erregen, und nahm zur Abwendung der Uebel die größte Aufmerksamkeit des Magistrates sowohl als auch der Bürgerschaft in Anspruch. Da die ersten Feindseligkeiten gewöhnlich darin bestanden, daß die Ritter den in Geschäften verreiseten Bürgern auflauerten, um sie unterwegs zu berauben oder gefangen zu nehmen, so mußten vor Allem Boten an sie agbeschickt werden, um sie zu warnen. Der Magistrat schickte im Jahre 1401 solche Boten nach Ingolstadt „zu unseren Mitbürgern, die daselbst in der Dult waren, daß sie sich besorgten, daß sie mit Lieb wieder herheim kämen“ heißt es in der Rechnung der Stadtkammer, welche die Kosten dieser Botengänge tragen mußte. „Ebenso schickte Magistrat 1410 drei Boten nach Haag, Wasserburg, Kirchdorf, Kreuz und Miesbach, um die Bürger von München dort zu warnen vor dem Peter von Harlach, der die Stadt zu dieser Zeit angriff; 1411 wurden soche Boten nach Würzburg und 1418 nach Trient geschickt, 1424 nach Frankfurt, woselbst mehrere Bürger von München wegen der Herbstmessen eben dort verweilten, da der Marschalk von Pappenheim der Stadt München abgesagt hatte; ebenso wurde im Jahre 1431 eine Bote nach Venedig zu Ludwig dem Ridler gesandt, „da man ihn warnte vor der Rauberei auf der Isar,“ und 1427 nach Wien, um die Bürger von München, die dort waren und Wein kauften, ihrer wohl dreißig, „zu warnen vor dem Zenger, der sie meint zu fangen, und dem Rückhofer.“ Unter solchen höchst unsicheren Verhältnissen mußte der Magistrat die Bürger der Stadt, wenn sie auch nur die nächsten Märkte zu Aibling, Ebersberg, Wasserburg, Landshut bezogen, von Abtheilungen der Bürgermilitärs begleiten lassen, oder ihnen von Anderen sicheres Geleit erwirken; so schrieb Friedrich Reithersheimer, Pfleger zu Schwaben, im Jahre 1413 an den Magistrat, er wolle nächsten Mittwoch früh zu Zorneding auf die Bürger von München warten und sie mit
den Seinen treulich begleiten bis an den Stein, wie es von Alters Herkommen ist. In der Stadtkammerrechnung vom Jahre 1422 kommt eine „Ehrung“ für die Kanzler vor wegen zwei Briefen, die sie von der Herrschaft wegen und der Stadt zu Liebe geschrieben haben an die Herrn von Görz und an den Herzog Friedrich von Oesterreich um Geleit für die Bürger von München nach Venedig und in das Gebirg hinein.
War man bei solchen Fehden für die Sicherheit der Stadt selbst in Sorge, so ließ der Magistrat bei herannahender Gefahr alle Thore der Stadt mit Wachen besetzen, die Wächter auf den Kirchthürmen vermehren, um das allenfallstige Herannahen der Feinde desto genauer zu beobachten und zu erspähen, und bewaffnete Wächter, „Tirker“ genannt, rings um die Stadt zirken, nämlich patroullieren. Die Bürger mußten zur Abwehrung eines Angriffes bereit sein, und nicht selten in entfernte Gegenden ausziehen, um die Feinde der Stadt aufzusuchen und zu bekämpfen.
Einer der gefährlichsten dieser Feinde war der Ritter Gebhard von Kammer zu Hohenkammer, Sein Vater, Arnold von Kammer, war einigen Bürgern von München Geld der Herzoge wegen schuldig geworden, und nach dessen Tode wollte sein Sohn über die Bezahlung der Schuld sich nicht einigen. Darüber kam es zur gegenseitigen Befehdung. Gebhard von Kammer besaß die Beste Schaumburg zwischen Murnau und Eschenloh. Bei der nun ausgebrochenen Fehde beschloß der Magistrat München, sich dieser Veste rasch zu bemächtigen, weil zu befürchten stand, daß von ihr aus die vorüberziehdende
Landstrasse und die Floßfahrt auf der Loisach bedeutend beunruhiget werden möchten. Die Hauptleute Bartholomä Schrenk und Heinrich Barth wurden mit dem Vollzuge dieses Beschlusses betraut. Mit einer ansehnlichen Streitmacht, unter derselben alle Schützen und Söldner der Stadt, der Handwerkmeister Jakob, der Brückenmeister Konrad, dann die Zimerleute der Stadt mit acht Kanonen und anderen Kriegsmaschinen, zogen die Hauptleute im Jahre 1414 nach Murnau, von wo aus sie Schaumburg belagerten. Allein die Sache war nicht so leicht, - es wurde so hartnäckig gefochten, daß die Bürger von München sogar eine Kanone sammt den Seilen verloren, die man von der St. Peterskirche entlehnt hatte. Erst nach einer Belagerung von ellf Wochen gelang es, die Veste Schaumburg einzunehmen, worauf sie fogleich vom Grunde aus zerstört wurde. Dieses Unternehmen verursache der Stadtkammer eine Ausgabe von 211 Pfd. Pfenning. Also nach unsterem Gelde über viertausen Gulden.
Allein Gebhard von Kummer brütete wegen des Verlustes der Veste Schaumburg schwere Rache über München. Er sandte sogleich Mordbrenner aus, um die Stadt in Brand zu stecken. Der Magistrat aer ließ acht Wochen lang die Thore der Stadt wohl bewachen, und die Bürger zur Vorsicht und Wachsamkeit auffordern. Es brach wirklich bei den Augustinern Feuer aus, das aber glücklicherweise bald gelöscht wurde, Einer dieser Mordbrenner wurde in der Stadt gefangen, zweien andern Knechten des Gebhard von Kammers wurde nachgeritten und ihnen die Köpfe abgeschlagen.
Lange Zeit hielt sich Gebhard von Kammer ruhig;
aber gegen Ende des Jahres 1417 vernahm man, daß er mit andern Feinden von Schwaben her in das Land einfallen wolle. Um dieses zu verhindern, zog Herzog Wilhelm mit einem Theile der Bürger von München an den Lech, Aber nun, im Jahre 1418, schickte der Kammer Mordbrenner nach München, und es gelang denselben dießmal leider, einen fürchterlichen Brand zu stiften, welcher beinahe das ganze Thal, das Heil. Geistspital, ds Rathhaus, die Graggenau, die hölzernen Gänge um die Stadtmauern und die Thürme verzehrte. Ein altes Weib welches aussagte, sie sei zu diesem Brande von Herzog Ludwig dem Gebareten und seinen Genossen, zu denen der von Kammer gehörte, gedungen worden, wurde aus der Stadt gejagt. Die Thore der Stadt aber ließ der Magistrat durch eigenen Thorhüter noch sieben und zwanzig Wochen lang bewachen, „von des von Kammer und er Brunft wegen“, wie es in der Stadtkammerrechnung heißt.
Eine andere Fehde war die des Ritters Ulrich Muracher zu Flügelsberg, gesessen zu Egersberg an der Altmühl. Wegen einer Forderung an die Herzoge Ernst und Wilhelm befehdete er im Jahre 1405 die Stadt München, ließ vier Bürger derselben gefangen nehmen und in die Veste Egersberg setzen. Die Schützen und die Artillerie von München zogen aber unter Anführer der Hauptleute hans Lappeck und Georg Holzhauser vor die Veste, eroberten sie, und kamen nach vierzehn Tagen wider siegreich nach München zurück, wo sie vom Magistrate zur Belohnung eine „Ehrung“ erhielten.
Der Rückhofer von Rückhofen bei Straubing war viele Jahre der Stadt München Feind „von der Herrschaft wegen.“
Im Jahre 1428 sagte er der Stadt wieder ab. Wie wir schon oben angeführt haben, sendete der Magistrat sogleich Boten nach Wien, um die eben daselbst befindlichen Münchener Bürger vor dem Rückhofer zu warnen, der an drei Orten auf sie lauerte. Ungeachtet dessen fiel dennoch einer derselben, Namens Eckler, in Rückhofers Hände. Da zog nun Ull Liebhart mit einer Anzahl Reiter von München aus. Unterhalb Vilshofen trafen sie Ihn; der Rückhofer ergriff die Flucht, „er band“, wie die Stadtkammerrechnung sich ausdrückt, „Hasenpfoten an“, aber die Liebhart rannte ihm nach und stach ihn vom Pferde. Der Magistrat schenkte dem Liebhart „für dieses ehrbare frische That“ drei und ein halbes Pfund Silber, denn er hatte dadurch eine gefährliche Fehde schnell beendiget.
Dieser Ulrich Liebhart zeichnete sich noch öfter im Dienste der Stadt aus. So heißt es in der Kammerrechnung vom Jahre 1412; „Mendorfer Reis. Item haben wir gegen von der Reis wegen, die man that auömlinger und seinen Schützen – item wir haben geben ein halber Pfund dem Liebhart und dem Söldnern, da sie den Pucher brachten, item 28 ungarische Gulden Jobst Rorbek unserm Richter für ein Pferd, das ihm erstochen ward, da man den Pucher sing, item Meister Hans dem Züchtiger, daß er gerichtet hat über Hans Pucher und seine Gesellen.“ Dieser Raubritter erlitt also sammt seinen Gesellen die Todesstrafe.
Eine andere für München sehr verderbliche Fehde war die mit dem Ritter Hartl Ranninger zu Ranning
bei Straubing, der im Jahre 1433 der Stadt absagte „ von des Wildrechts wegen“ und ihr mit seinen vielen Helfern, Schalken und Buben großen Schaden zufügte. Der Magistrat sendete sogleich Boten ab, um die abwesenden Bürger u warnen. Der Ranninger aber schickte dagegen Mordbrenner nach München, welche baselbst eine furchtbare Feuersbrunst anstifteten. Sie brach am 1. Mai 1434 Mittags 11 Uhr in der Prandas- (jetzt Pranners-) Gasse aus, und verbreitete sich über die Prommenadestrasse und Platz in die weite Gasse, wo wie das Augustinerkloster und Kirche einäscherte, und von da in die Neuhauser- und Röhrenspecker- (jetzt Herzogspital-) Gasse. In den folgenden Jahren 1435 bis 1438 wurden aus Furcht vor den wiederholten Drohungen des Ranningers, die Stadt mit Brand zu verderben, vier Thürmer auf dem St. Petersthurme und viele Wächter unter den Stadtthoren gehalten, und das Wurzer- (Kost-) Thor blieb ganz geschlossen.
Ranninger aber fuhr fort, den Münchener Bürgern alles Uebel anzuthun, sie zu fangen und zu berauben. Erst im Jahre 1438 wurde die Stadt von diesen „Bösewicht“ befreit, indem Wilhelm von Rechberg ihn bei Mindelheim gefangen nahm und in Eisen und Banden legte. Dem von Rechberg bewies der Magistrat seine Dankbarkeit dafür dadurch, daß er ihm einen Jagdhund schenkte, um welchen eigens zu dem Patrizier Schluder nach Weilbach geschickt wurde; ein Beweis, wie hoch damals vorzügliche Hunde geschätzt wurden.
Diese sich immer wiederholdenden Fehden waren, wie wir sahen, in gemeine Räubereien ausgeartet, welche
allenthalben in Deutschland die Städte auf das empfindlichste schädigten. Denn nicht nur wurden dadurch den Städten fortwährend große Kosten aufgebürdet, sondern der Bürger wurde auch, abgesehen von den ihm direkt zugegangenen Schäden, durch den beinahe unausgesetzten Waffendienst seinem bürgerlichen Gewerbe entzogen, und sein Wohlstand untergraben. Ungeachtet des von den Kaisern mehrmals ausgeschriebenen und gebotenen Landfriedens dauerte der Unfug des Faustrechtes doch noch immer fort. Es war daher nöthig, daß die Herzoge und die Städte zur Unterdrückung dieses Uebels kräftig zusammenwirkten. Im Jahre 1432 kamen deshalb Abgeordnete der Städte Augsburg, Nürnberg, Ulm, Regensburg, dann der Herzogs Heinrich von Landshut Räthe nach München, um Rathes zu werden, wie man diese Räubereien auf den Landstrassen abwenden könne. Die Stadt München wirkte zu diesem Zwecke kräftig mit; viele Raubritter, z.B. Wilhelm Auer, wurden eingefangen und zu München auf dem Marktplatze öffentlich enthauptet.
Dessen ungeachtet trieb dieses Unwesen noch lange fort. Erst nachdem gegen Ende dieses 15. Jahrhundertes die Souveränität der Fürsten gestärkt und ihr Einkommen gemehrt, dagegen aber die Macht des stolzen und unbändigen Adels niedergedrückt wurde; nachdem ferner die Vervollkommnung der Feuerwaffe eine vollständige Umänderung der Kriegswesens mit sich brachte, konnte die Fürsten sich selbst eine Militärmacht durch ein Heer von gedungenen Kriegsknechten schaffen. Die militärische Wichtigkeit der Bürger hatte dadurch freilich aufgehört, und die Wehrkraft und Kriegstüchtigkeit des ganzen deutschen Volkes den Todesstoß erhalten, es war bereits der Anfang der späteren stehenden Heere gegeben; - allein anderseits war der Bürger eben dadurch, daß er der militärischen Thätigkeit und der Zeit und Geld raubenden Kriegszüge enthoben war, seinem bürgerlichen Berufe und Erwerbe ungestört wieder gegen; er konnte diesem seine ganze Thätigkeit widmen, und diese Aenderung der Verhältnisse hatte daher auf den Wohlstand der Bürger, sowie auf die Ausbildung der Gewerke den wohlthätigsten Einfluß.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Standarte der Schuhmacher in München. 1295
Die Schuhmacher von München führen auf ihrer Fahne nebst dem Bilde der heiligen Mutter Gottes und ihrer Patrone, der Heiligen Trispinus und Trispinianus, auch noch den Mönch des Münchener Stadtwappens, gewöhnlich im Volke das „Münchnerkindl“ genannt, abgemalt. Den Mönch erhielten sie durch folgende Veranlassung.
Herzog Rudolph I von Bayern, welcher in früher Jugend schon die Verwaltung Oberbayerns während der Verhinderung seines Vaters, Pfalzgrafen Ludwig des Strengen übernehmen mußte, war mit den Augsburgern wegen des von Bayern beanspruchten Schirmherrn-Rechtes über die Stadt in Zwist und Hader gerathen, so daß er, um die stolze Reichsstadt zu schrecken, eine Veste am Lechstrome erbauen ließ. Allein die kriegslustigen Augsburger erschienen vor der Veste, ehe sie noch vollendet war, eroverten und schleiften sie. Das geschah im Jahre 1291. Anderweitige plötzlich eingetretene politische Verwickelungen verhinderten zur Zeit Rache und Vergeltung an der kühnen Kaufherrnstadt.
Als aber nach dem Tode Ludwigs des Strengen am 3. Februar 1294 Rudolph die Regierung des Herzogthums von Oberbayern und der Rheinpfalz übernommen hatte, gedachte er alsbald der Schmach, welche ihm die Augsburger durch Zerstörung seiner Burg am Lech angethan hatten, und beschloß die Sstadt zu züchtigen. Im Frühsommer des Jahres 1295 sendete er einen Haufen muthiger Münchener Bürger, unter Anführung seines Feldhauptmannes Konrad von Haltenberg gegen die Burg Mergenthau, gelegen an der Paar oberhalb dem Lechfelde. In einem nächtlichen Ueberfall wurde die Burg von den Münchenern erstiegen. Als diese Nachricht nach Augsburg kam, entstand große Aufregung; alles lief zu den Waffen. Vergebens zwar versuchten die Augsburger das verlorene Schloß wieder zu gewinnen; dagegen aber fielen sie in bayerisches Gebiet ein, und sengten und brennten weit und breit herum. Ein blutiger Krieg erfolgte zum Unheil und Verderben des Landes, bis endlich der Kaiser Ruhe gebot und fernere Fehde zwischen Herzog Rudolf und den Augsburgern gänzlich abthat.
In einem dieser Gefechte, - die Sage nennt nicht, welches – waren des Herzoges Rudolf Kriegsschaaren schon sehr im Nachtheile, so daß die Schlacht für ihn verloren schien. Alle Banner lagen bereits zu Boden, nur das Banner der Schuhmacher von München stand noch unerschüttert und setzte den Kampf muthig fort, bis die Augsburger endlich geschlagen weichen mußten. Die Münchener Schuhmacher hatten die Schlacht gewonnen.
Zur Belohnung setzte ihnen der Herzog Rudolf, - (die spätere Sage nennt aber den Kaiser Ludwig den
Bayern, der jedoch im Jahre 1295 noch nicht regierte) – den Mönch des Münchener Stadtwappens in ihr Banner.
Das alte Zunftbuch des löblichen Schuhmacherhandwerkes vom Jahre 1440 gibt hierüber folgende Nachricht:
„Volgt zu ainer gedächtnuß des Handtwercks Freyhait des Pniers verzaichnet. Item es ist zu wissen, warum das Handtwerck der schuechmacher den münch fürent, wie die Stat an dem panir. Das ist wol wissentlich, daß pey ainem kayffer dem got genadig sey, ain streitt gevochten ist wordtn. Da ging sein panir untter undt alle ppanir, dann das der schuechmacher, das beleyd. Da ward der streitt unter gewunnen und behabt. Darumb begabt der kaysser dye schuechmacher von münchen mit dem Münch, das sye in dem rotten pueck geschriben, das mein Herrn von ainem rat haben. Item meine Herrn vom ganzen Ratt haben geordnet zu dem umbgang unseres Herrn fronleichnamstag, das dye schuster und ir knecht soln gehen vor den kupferschmiden.“
Weiter alte Verse, auf einer Tafel befindlich, lauten:
„Als sich zu Kaiser Ludwigs Zeit,
Erheben thet ein harter Streit
Dermassen, daß in kurtzer stundt
Alle Banner gingen zu grundt
Ausgenommen der Schuechmacher werth
Blib aufrecht und ganß unversert,
Der feindt kein mie und fleiß nit spart
Diesem Fändlein zusetzet hart.
Mit aller macht zu undertreiben.
Standhafft thet es vor ihm bleiben
Mit herzenhafft männlicher Handt,
Und fand so großen widerstant
Die Ritter sich lagen ob,
Den Sieg erhielt mit Preis und lob.
Von wegen dieser ritterlichen that
Vergabt Kayserliche Mayestatt
Die Schuemacher insonderhalt
Mit einer ewigen Freyhait,
Daß so döfen on menniglich Irren
Den Münch in Irem paner führen
Und die Schuehmacherknechte will sie so treu
Iren Maistern seind gestanden bey
Und dargestreckht Ihr leid und leben,
Hat Kayserliche Mayestatt In geben,
Auch eine ewige Feyhait zwar,
Daß sy zu Altenhoff alle Jar,
In der furstlichen Kürchen herrlich
Iren Gottesdiest verrichten ehrlich
Ein ewigs Licht brennen daneben.
Solch Freyhayt hat Kaiser Ludwig geben
Das ist geschehen offenbar
Als man nach Christi Geburth klar
Zält aintausen zweyhundert Jar
Und fünfundneunzig Jahr, und wahr.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Otto Krondorfer, herzoglicher Rath. 1295
Herzog Ludwig der Strenge starb am 3. Februar 1294. Noch bei seinen Lebzeiten hatte er angeordnet, daß nach seinem Tode seine beiden Söhne das Land unter sich theilen sollten, und das Rudolph, der ältere, die Theinpflaz mit einem Theile von Oberbayern, (denn Niederbayern besaß Herzog Heinrich, Bruder Ludwig des Strengen) Ludwig aber den übrigen größeren Theil von Oberbayern zu erhalten habe. Von diesen beiden Brüdern entstanden auch die zwei Hauslinien Bayerns, die Rudolphinische, deren Nachkommen gegenwärtig auf Bayerns Throne sitzen, und die Ludwigische, welche mit Kurfürsten Max Josef im Jahre 1777 ausstarb.
Bei dem Tode Ludwig des Strengen war Ludwig erst etwa Zwölf Jahre alt, daher noch minderjährig. Deshalb übernahm Herzog Rudolph die Regierung nicht nur in der Rheinpfalz, sondern auch im Herzogthume Oberbayern, sowie auch die Vormundschaft über seinen jüngeren Bruder Ludwig. Solches aber gab Veranlassung
zu Streitigkeiten mit der Wittwe Herzogin Mechtilde, der Mutter der beiden Herzoge, welche nicht nur auf Mitvormundschaft, sondern auch auf Mitregierung im Namen ihres minderjährigen Sohnes Ludwig, des nachmaligen Kaisers, Anspruch machte. Allein vergebens waren ihre Einreden; sie erhielt nur den Genuß eines kleinen Striches des Landes von Oberbayern mit den Städten Ingolstadt, Neuburg und Höchstädt an der Donau, und wurde ihr die Erziehung der jungen Ludwig überlassen. Den brachte sie nun nach Wien an den Hof ihres Bruders Albrecht; denn damals blühten in Wien Künste und Wissenschaften, und der Hof daselbst stand im Ruhme der Pracht und der seinen Sitte. Daselbst wurde der junge Ludwig mit den beiden schönen und hoffnungsvollen Söhnen Herzog Albrechts, den Prinzen Friedrich und Leopold, seinen nachmaligen Gegnern, als er Kaiser ward, erzogen. Frau Herzogin Mechtilde aber wohnte unterdessen in Ingolstadt.
Aber die Zwistigkeiten der Frau Wittwe Mechtilde mit ihrem älteren Sohne, dem Herzoge Rudolph, währten fort, denn ein Mann, der Herzoges Günstling, hatte sich zwischen die Herzen der Mutter und des Sohnes gestellt. Dieser Mann hieß Otto Krondorfer.
Aus dem niedrigsten Stande geboren, hatte er durch Schlauheit und Geschicklichkeit, durch einschmeichelndes Wesen und Heuchelei sich schon unter Ludwig dem Strengen am Hofe empor zu schwingen gewußt. Er stieg nach und nach auf zum ersten geheimen Rathe des Herzoges und endlich zur Würde eines Hofmeisters, was damals gleichbedeutend war mit der Stellung eines Ministers. Noch
höher stieg sein Einfluß bei Herzog Rudolph, den er als Günstling gänzlich beherrschte. Otto Krondorfer benutzte nun zunächst seine Allgewalt, um das Feuer der Zwietracht zwischen dem Herzoge Rudolph und seiner Mutter Mechtilde zu schüren, und keine Versöhnung zwischen beiden aufkommen zu lassen, welche allenfalls seinem Ehrgeize und seiner Herschsucht hätte gefährlich werden könne. Frau Mechtilde konnte unter solchen Umständen nicht wagen, mütteliche Ermahnungen und Bitten an ihren Sohn Rudolph darüber zu richten, was zu des Landes Nutzen und Frommen dienen möchte: denn viel hatte sich die alte Ordnung Sparsamkeit der Haushaltung Bayerns und die alte Gerechtigkeit verschlimmert. Und alle Schuld dessen lastete auf Otto Krondorfer. Auf der Höhe seiner Allgewalt stehend vermeinte er dieselbe als unerschütterlich, und glaubte seiner Eigenmacht und seiner habsüchtigen Begierden nicht mehr Maß und Ziel halten zu dürfen. Er unterschlug die Einkünfte des Herzoges, und füllte damit seinen eingenen Beutel; gegen Geschenke war ihm die Gerechtigkeit und die Besetzung der Stellen feil, er unterdrückte Wittwen und Waisen und zog deren Vermögen an sich. Das Land seufzte unter ihm, die Unterthanen zitterten vor ihm, denn er mußte jeden Biedermann fürchten und ihn darum verfolgen und verbannen, um seiner eigenen Schlechtigkeit gesichert zu sein. Seinen feilen Kreaturen aber gab er reiche Geschenke.
Solche Ungebühr mußte endlich ihr Ziel finden. Dem Pfalzgrafen Herzog Rudolph kam nach und nach mehreres zu Ohren, was ihn veranlaßte, selbst der Wahrheit nachzuspüren; die Schandthaten des Otto Krondorfer kamen allmählich zu Tage. Da ließ der enttäuschte Pfalzgraf den falschen Diener in München ergreifen, ihn verhören, und da er nicht bekennen wollte, so lange im Kerker foltern, bis er die Wahrheit gestand. Dann ward er nach Dachau gebracht und daselbst am 2. März 1295 auf die grausamste Weise hingerichtet; denn es wurden ihm die Augen ausgestochen und die Zunge abgeschnitten.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Konrad Oettlinger. 1303
Durch die Beseitigung des Otto Krondorfer war aber Friede und Eintracht zwischen dem pfalzgrafen Rudolph und seiner Mutter Mechtilde keineswegs hergestellt.
Rudolph hatte nämlich unglücklichen Krieg gegen Albrecht von Oesterreich, dem deutschen Könige, geführt und war in Folge dessen gezwungen, nicht nur dem Könige große Summen Geldes zu bezahlen, sondern auch seinen Bruder Ludwig, der nunmehr im neunzehnten Lebensjahre stand, Theil an der Mitherrschaft Bayerns zu geben. Ludwig wohnte nunmehr bei seiner Mutter Mechtilde, und diese, eine Frau männlich wissen Geistes, frommen Sinnes, dabei von strenger Rechtlichkeit und großer Sparsamkeit, übte fortwährend Einfluß auf ihren Sohn Ludwig, welcher nur wohlthätig auf das zerrüttete Bayern wirken konnte.
Darüber war in der Brust Rudoph´s große Erbitterung und Haß, und zwar um so mehr, als der Stolz
seiner Mutter, welche sich in Öffentlichen Schriften stets nannte „des weiland großmächtigsten Kaisers und Königes Rudloph Tochter, und Schwester Albrechts, römischen Königes, Pfalzgräfin am Rhein und Herzogin in Bayern“, ihn beleidigte, er ihre ihm überlegene Klugheit fühlte, und sie außerdem für die Hauptursache seiner Unfälle hielt, da sie und sein Bruder Ludwig sich in dem unglücklichen Kriege mit König Albrecht auf des Letzteren Seite gestellt hatten. Er beschloß daher, durch einen Gewaltstreich sich des Zwanges seiner Mutter zu entledigen, und sie ausser Thätigkeit zu setzen. Dazu fand sich bald ein Vorwand und eine Veranlassung.
Die Frau Herzogin Mechtilde wohnte im Sommer des Jahres 1303 mit ihrem Sohne, dem jungen Herzog Ludwig auf dem Schloße Schiltberg bei Aichach. Bei ihr befand sich ihr Hofmeister und vertrauter Rath, der Ritter Konrad von Oettlingen, Burghauptmann zu Mühlhausen, dessen Burg an der Donau bei Pföring stand. Eines Tages erschien vor dem Schloße Schiltberg Kurt Schluder von München, Rentmeister und Rath der Pfalzgrafen mit bewaffneter Mannschaft. Herzogin Mechtilde und ihr Sohn Ludwig wurden aufgehoben und gefangen nach München gebracht, Konrad von Oettlingen aber in Ketten und Banden dahin geschleppt und in den Kerker geworfen. Das Schloß Schiltberg wurde von den Kriegsschaaren des Schluder rein ausgeplündert.
Um diese rohe Gewaltthat zu beschönigen, wurden der Herzogin Mechtilde nicht nur ihr Einfluß auf die Regierung des Landes und auf den jungen Herzog Ludwig, und strafbare Anschläge gegen den Pfalzgrafen Rudolph
vorgeworfen, sondern der Letztere war untern Anleitung seines Rathes Kurt Schluder so gewissenlos, seine betagte Mutter zu beschuldigen, sie habe unerlaubte Vertraulichkeit mit ihrem Hofmeister Konrad von Oettlingen gepflogen.
Nach längerer Untersuchung der Sache, wozu auch der Herzog Otto von Niederbayern und der Bischof Enicho von Freising beigezogen waren, wurde ein Vergleich dahin geschlossen, daß die Herzogin Mechtilde allen Regierungsgeschäften ganz zu entsagen, alle Schlößer und Gebiete, deren Nutzung sie bisher genossen, zurückzugeben, und sich dagegen mit einem Jahresgehalte von tausend Pfund Münchener Pfenningen und mehreren Naturalbezügen von Wein und Käse zu begnügen habe, Die schlaue Fürstin, wohl einsehend, daß sie als Gefangene dem Drange der Umstände nachgeben müßte, und sich daher verzagt und ergeben stellend, willigte ein. Hierauf wurde sie aus dem Gefängnisse entlassen.
Allein ihre Freiheit fühlend, begab sie sich alsbald nach Nördlingen, wo ihr Bruder König Albrecht eben Hof hielt, und klagte demselben die von ihrem Sohne erlittene Mißhandlung. Der König mißbilligte das Verfahren, erklärte den Vertrag als einen erzwungenen für ungiltig, und zwang den Pfalzgrafen, ihr das Entrissene wieder zurückzubeben.
Pfalzgraf Rudolph aber, ergrimmt darüber, daß er durch seine Mütter überlistet worden war, und des Verdachtes, daß ihr hiezu von dem noch immer gefangen sitzenden Konrad Oettlinger Rath und Anleitung gegeben worden sei, ließ denselben ohne richterlichen Spruch im Juli 1303 im Kerker zu München enthaupten.
Ram Die Herzogin Mechtilde überlebte diese Schmach nicht lange. Sie starb, von Gram gebeugt, im Sommer 1304, und wurde neben der Asche ihres Gemahles, der Herzog Ludwig des Strengen zu Fürstenfeld begragen.
Kurt Schluder, darüber angeklagt, daß durch seine Verwaltung das Land in große Schuldenlast gerathen sei, ritt von München nach Nördlingen, um sich vor dem Könige Albrecht zu rechtfertigen. Auf dem Weg dahin wurde er von Kriegsleuten der Herzogin Mechtilde und ihres Sohnes, der Herzoges Ludwig, überfallen und todt gestochen.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Münchener Bäcker in der Schlacht von Mühldorf. 1322
Es war am 28. September 1322, als auf der weitern Vehenwiese zwischen Ampfing und Mühldorf die Entscheidungsschlacht zwischen Kaiser Ludwig dem Bayer und Friedrich dem Schönen von Oesterreich statt fand, die zum Vortheile des Kaisers endete.
In dieser Schlacht geschah es, wie die Sage erzählt, daß als der Kaiser mit persönlicher Tapferkeit in dem Kampf verflochten war, sein Pferd von Pfeilen durchbohrt zusammenstürzte, und den Kaiser mit sich zu Boden brachte. Von den Oesterreichern umringt, war er in augenscheinlichster Gefahr, gefangen genommen zu werden; da eilten die Bäckerknechte von München rasch herbei, schlugen die andringenden Feinde zurück und befreiten den Kaiser aus der Gefahr, so daß er ein anderes Pferd besteigen und sich zu den Seinigen zurück begeben konnte.
Zur Belohnung für diese muthige That verlieh der Kaiser der „Bäckerbruderschaft“, wie sie damals hieß, die Erlaubniß, auf ihrer Standarte den kaiserlichen Adler
führen und diesen Adler auch bei ihren gottesdienstlichen Feierlichkeiten anbringen zu dürfen, worüber sie einen eigenen Freibrief erhielten. Zugleich erhielten sie zum Lohne für ihre Bewiesene Tapferkeit vom Kaiser ein Haus im Thale zu München neben der Hochbrücke, welches gegenwärtig Nr. 15 führt, zum Geschenke. Dieses Haus führte von nun an den Namen „Bäckerbruderschafts-Haus,“ und es diente fortan nicht nur als Bäckerherberge, sondern der älteste Bäckerschießer von München, war er gebrechlich und arbeitsunfähig, fand darin jederzeit freie Unterkunft und Verpflegung auf Lebenszeit.
An diesem Hause befand sich früher ein Freskogemälde, darstellend wie Kaiser Ludwig den Bäckern den Freibrief übergibt, ferner Wappen und nachstehende Reime angebracht:
„Kaiser Ludwig der theure Held,
Ein Fürst in Bayern auserwählt,
Hat der Bäckerknecht Bruderschaft,
Bestellt mit Briefen großer Kraft,
Von wegen ihrer ritterlichen That,
Weil sie Kaiserliche Majestat
In einer Schlacht errettet haben.
Thät sie auch mit dem Haus begaben,
Und setzet ihnen in ihr Panier
Den Adler schön mit großer Zier,
Man thät in alten Briefen lesen,
Der Bäckerknecht sind fünf gewesen,
So diese Bruderschaft haben aufgericht.
Gott geb´allen Brüdern und Schwestern Glück.
Geschehen nach der Geburt Christi 1322.“
Rechts standen folgende Reime:
Als man eintausend dreihundert Jahr
Und zwei und zwainzig zählen war,
Nach der Geburt Christi hinfort,
Hat sich begeben an dem Ort,
Weil die Stadt noch war schmal und klein,
Stand an der Stätt´ein Linden sein.
Gar oft die Bäckerknecht befunder
Hielten ihr Versammlung darunter,
Brachten ihren Rathschlag zu Hauf,
Ein Bruderschaft zu richten auf.
In der Ehr unser lieben Frauen,
Thäten die Sach fleißig anschauen,
Legten die Ding dem Kaiser für,
Und als er verstand ihr Begier
Bewilligt er ihnen herzlich gern,
Thät sie auch noch dazu hoch verehr´n,
Als der ihn´n so vergünstigt war,
Dieweil sie ihn aus der Gefahr
Erst in der Schlacht errettet haben,
Ließ ihnen bauen das Häuslein klein,
Gab ihnen Brief und Siegel drein,
Vergunnt ihnen auch daneben ehrlich
Zu führen des Reiches Adler herrlich,
Den sonst kein Handwerk führen darf,
Ob es gleich künstlich und scharf.
So thät die Bruderschaft bauen
Zum Lob Gottes und unser Frauen,
Und sich hernach erstrecken thät
Bis auf dreihundert Märkt und Städt.
Die Bäckerbruderschaft in München soll nämlich ihren Zunftverein auf dreihundert Städte und Märkte ausgedehnt haben.
Links nachstehende Verse:
Als man zählt eintausend dreihundert
Und zwei und zwanzig noch befundert,
Nach Christ Geburt auserwählt,
Thät regieren der theure Held
Kaiser Ludwig ganz offenbar,
Ein frommer Fürst von Bayern war.
Wider ihn zog gewaltigleich
Herzog Friedrich von Oesterreich
Mit einer großen Heeresmacht.
Bei Mühldorf da geschah die Schlacht,
Unglück thät ob dem Kaiser schweben,
Den Feind hätt ihn gar hart umgeben,
Da solches die Bäckerknecht ersahen,
Thät sie sich dem Kaiser nahen,
Trieben mit ihrer Gegenwehr
Zurück das österreichische Heer,
Und erretteten den Kaiser bald,
Gewunnen die Schlacht mit großer Gewalt.
Darauf der Kaiser ihnen mit Zier
Den Adler setzet in ihr Panier.
Bestätt ihnen auch mit großer Kraft
Unser lieben Frauen Bruderschaft
Baut ihnen zu München auch zumahl
Ein Haus, welches liegt in dem Thal,
Hängt an der Hochbruckmühl daneben.
Gott gab dem Kaiser das ewig Leben,
Wünschen all Bruder und Schwestern eben.
Leider sind sowohl die Freskogemälde als auch vorstehende Reime durch die Unbild und den Unverstand neuerer Zeit verschwunden.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Gründung des Klosters Ettal durch Kaiser Ludwig den Bayer. 1330
Kaiser Ludwig der Bayer hatte im Jahre 1326 beschlossen, über die Alpen nach Italien zu ziehen, um dieses wieder an das deutsche Reich zu bringen und sich in Rom die deutsche Kaiserkrone nach Sitte seiner kaiserlichen Vorfahren auf das Haupt zu setzten. Dieses Jahr verfloß jedoch über den Zubereitungen zu dem Römerzuge. Am Anfange des nächstfolgenden Jahres 1327 aber reiste Ludwig an der Spitze von sechshundert Rittern nach Italien, hielt, seine Gemahlin Margaretha von Holland zur Seite, prachtvollen Einzug in Mailand und setzte sich daselbst die eiserne Krone der Lombarden auf das Haupt.
Von da setzte er seinen Zug fort, indem sich ihm der seiner Zeit berühmteste Herrführer Castruccio Castracani, Fürst von Lucca, mit fünfhundert Reitern anschloß. Endlich am 7. Jänner 1328 zog Ludwig in Rom ein und empfing zehn Tage nach seinem Einzuge in der Kirche zu St. Peter die kaiserliche Krone. Unter Festen und
Freuden, und dem Jubel und Zujauchzen des römischen Volkes gebar ihm seine Gemahlin Margaretha einige Tage darauf einen Sohn, welcher darum Ludwig der Römer genannt wurde.
Allein die während dieses Verlaufes entstandenen kleineren Feldzüge, der Unterhalt des deutschen Heeres, der glänzende Aufwand, den ihm seine Krönung und sein langes Verweilen in Rom verursachte, hatten seinen Schatz gänzlich erschöpft; und als er nun deshalb Steuern von der Stadt Rom fordern musste, wurde er nicht nur von seinen italienischen Anhängern verlassen, sondern er zeigte sich selbst im Volke eine bedenkliche Gährung, so dass er Empörung und Aufruhr befürchten musste. Er war daher gezwungen am 6. August 1328 Rom wieder zu verlassen, wobei das wetterwendische römische Volk, welches ihn vor einem halben Jahre mit Frohlocken empfangen hatte, seinen Auszug mit Hohn und Spott verfolgte.
Langsam, unter fortwährenden Kämpfen durchschritt er Italien, erreichte im Frühlinge des Jahres 1329 die Lombardei und Pavia, woselbst er den berühmten Hausvertrag über seine Lande schloß.
Allein sein Römerzug war fruchtlos gewesen, keinen seiner Entwürfe konnte er vollenden; was er bereits in Italien erworben, war wieder verloren. Unter den betrübtesten Umständen, wegen Mangel an Geld in große Noth gerathen, trat er seinen Heimzug über die Alpen, ohne Mittel diesen zu bestreiten, an.
In dieser bitteren Verlegenheit, sein Gemüth niedergedrückt von bangen Sorgen um sein künftiges Schicksal, wendete er sich an den Himmel und nahm seine Zuflucht
zum Gebete. In einem Kirchlein des Gebirges, der heil. Mutter Gottes geweiht, - erzählt uns eine Sage, welche Lukas Zeyffenmair von Wessobrunn und Falkenstein uns aufbewahrten, - warf er sich zu den Stufen des Altares, richtete inbrünstige Bitten zur himmlischen Jungfrau und rief sie an um ihren Schutz und ihre Fürbitte bei ihem göttlichen Sohne, auf dass dieser ihm Gnade und Barmherzigkeit wolle verleihen.
Und siehe da, während seines Gebetes, spaltete sich plötzlich die Mauer, und es stand vor ihm ein alter Mann in schwarzer Benediktinerkleidung. Der Kaiser erschrack heftig über diese Erscheinung, doch der Mönch sprach: „Willst du meinem Rathe folgen, o Ludwig! so wollte ich dir wohl einen Vorschlag machen, der alle deine Sorgen endete.“
„Ich will deinem Rathe gerne Gehör geben,“ antwortete der Kaiser, „wenn er anders nicht wider Gott und seine heilige Mutter Maria ist.“
„Nein,“ erwiderte der Mönch, „vielmehr wird dadurch Gott und seine Mutter Maria erst recht geehrt.“
Als der Kaiser nun einwilligte, fuhr der Mönch fort:
„Du besitzest in deinem Lande einen gewissen Ort, der Ampferang heißt; an diesem orte sollst du zur Ehre Gottes und der glorreichen Jungfrau Maria ein Kloster bauen. Er wird morgen ein mächtiger welscher Herr zu dir kommen und dich um die Freiheit seiner Person und seines Gebietes bitten, und wird Lehen von dir empfangen. Dieser Herr wird dir soviel Geld geben, als du verlangest und dann kannst du nach Hause kehren.“
Bei diesen Worten zog der Mönch aus seiner Kutte
zum Gebete. In einem Kirchlein des Gebirges, der heil. Mutter Gottes geweiht, - erzählt uns eine Sage, welche Lukas Zeyffenmair von Wessobrunn und Falkenstein uns aufbewahrten, - warf er sich zu den Stufen des Altares, richtete inbrünstige Bitten zur himmlischen Jungfrau und rief sie an um ihren Schutz und ihre Fürbitte bei ihem göttlichen Sohne, auf dass dieser ihm Gnade und Barmherzigkeit wolle verleihen.
Und siehe da, während seines Gebetes, spaltete sich plötzlich die Mauer, und es stand vor ihm ein alter Mann in schwarzer Benediktinerkleidung. Der Kaiser erschrack heftig über diese Erscheinung, doch der Mönch sprach: „Willst du meinem Rathe folgen, o Ludwig! so wollte ich dir wohl einen Vorschlag machen, der alle deine Sorgen endete.“
„Ich will deinem Rathe gerne Gehör geben,“ antwortete der Kaiser, „wenn er anders nicht wider Gott und seine heilige Mutter Maria ist.“
„Nein,“ erwiderte der Mönch, „vielmehr wird dadurch Gott und seine Mutter Maria erst recht geehrt.“
Als der Kaiser nun einwilligte, fuhr der Mönch fort:
„Du besitzest in deinem Lande einen gewissen Ort, der Ampferang heißt; an diesem orte sollst du zur Ehre Gottes und der glorreichen Jungfrau Maria ein Kloster bauen. Er wird morgen ein mächtiger welscher Herr zu dir kommen und dich um die Freiheit seiner Person und seines Gebietes bitten, und wird Lehen von dir empfangen. Dieser Herr wird dir soviel Geld geben, als du verlangest und dann kannst du nach Hause kehren.“
Bei diesen Worten zog der Mönch aus seiner Kutte
ein weißes Muttergottesbild, und gab er dem Kaiser mit dem Auftrage, über diese Bild die Kirche zu bauen. Hierauf verschwand der Mönch.
Und bald darauf geschah es, wie es der Mönch vorhergesagt, dass sich ein vornehmer Herr bei dem Kaiser melden ließ, und ihn um die Freiheit sowohl seiner Person, als auch seines Gebietes bat. Der kaiser gab ihm solche und verlangte zugleich von ihm hunderttausend Gulden. Der unbekannte Herr gab ihm nicht nur diese Summe, sondern noch fünfzigtausend Gulden dazu, und seinem Kanzler zweitausend Gulden.
Der Kaiser zog nun heim in die deutschen Lande und in sein Herzogthum Bayern. Sogleich erkundigte er sich allenthalben, wo denn der Ort Ampferang liege. Allein lange kam kein Mensch, welcher den Namen dieses Ortes und die Gegend kannte, wo er liege, bis sich endlich ein Jäger von Oberammergau, Heinrich Vendt genannt, hervor that, dem der Name und der Ort bekannt war. Und er zeigte dem kaiser eine wilde, schauerliche Gegend in einer großen Wildniß unseren Partenkirchen und der Flüsschens Amper, Ettal genannt. Als nun der Kaiser in dieser Gegend über einen Steig heraufgeritten war, wurde das Marienbild, das er bei sich trug, plötzlich so schwer, daß er es schier nimmer weiter tragen mochte; auch fiel hier sein Roß dreimal mit den Vorderfüßen auf die Kniee, da merkte der Kaiser, daß dieß die Stelle sein müsste, welche ihm der Mönch angedeutet hatte.
Der Kaiser ließ nun an diesem platze die Wildniß ausroden und den Grund zum Kloster ausgraben, wobei man auf viele menschliche Gebeine stieß, so daß man
vermuthete, er müsste an diesem Orte vor uralten Zeiten eine große Schlacht geschlagen worden, oder derselbe ehedem von Menschen bewohnt gewesen sein.
Am 28. April 1330 legte der Kaiser eigenhändig den ersten Stein, und als sich endlich das Kloster und die Kirche, - welche er mit den heimgefallenen Gütern der damals ausgestorbenen, dem Ritterstande angehörigen alten Familie der Gollir in München dotierte, - erhoben hatte, schenkte der Kaiser dahin das ihm von dem Mönche übergebene Muttergottesbild. Bei diesem Bilde erwuchs nachmals eine berühmte Wallfahrt, und dir Fromme Sage erzählte, Niemand kenne den Stoff, aus welchem dieses Bild gemacht sei, und der Mönch, der dem Kaiser erschienen und dieses Bild schenkte, sei ein Engel gewesen. Auch könne Niemand, der eine schwere Sünde auf sich habe, diese Bild heben. – Es sei hieraus zu schließen, schreibt der alte Chronist Falkenstein, daß der frommer Kaiser mit Unrecht im banne war, vielmehr sich im Stande der göttlichen Gnade befunden habe.
Das neue Kloster aber, Ettal genannt, stiftete der Kaiser als ein Ritterkloster mit neuer noch nicht erhörter Regel. Zwanzig Mönche aus dem Orden des heiligen Benedikt, unter ihnen vierzehn Priester, und dreizehn im Kriege wohlverdiente Ritter unter einem aus Ihrer Mitte gewählten Meister sammt ihren Frauen sollten es bewohnen, auch sechs Wittwen tapferer Männer. Die Mönche sollten ihren Orden, die Ritter und Frauen ihre Ehen halten. Sie empfingen Vorschrift strenger Zucht. Den Männern deren Kleidung von grauer und blauer Farbe, war wohl Spiel um Geld verboten, jedoch nicht die ritterliche Lust
am Armbrustschießen, Pürschen, Baizen und Jagen; den Frauen, deren Tracht blau, war der Tanz untersagt. Der Meister, welcher über das Kloster wachte, hatte vier Rosse, einen Koch, zwei Junker, einen Schreiber mit zwölf Hunden und einen Falkner mit zwei laufenden Knechten; den übrigen Rittern wurden gemeinschaftlich acht Rosse gehalten. Zu ihrer Bedienung hatte jeder Ritter mit seiner Ehefrau einen Knecht, eine Dirne und einen Heizer, die Wittwen alle gemeinschaftlich aber zwei Mägde. Immer sollten zwei Ritter und zwei Frauen am Tische gemeinsam essen, wobei Niemand ohne Erlaubniß der Meisters reden durfte, dagegen aber wurde aus frommen Büchern in deutscher Sprache vorgelesen. Wessen Frau starb, der durfte sich im Kloster wieder vermählen.
Aber diese wundersame Ordnung bestand nur so lange, als der Kaiser lebte; nach seinem Tode ging das Ritterstift ein, und blieb Ettal nur ein Benediktinerkloster. In den Stürmen der neuen Zeit dieses Jahrhunderts ward das Kloster Ettal aufgehoben; noch immer aber ist das Muttergottesbild ein Gegenstand der Verehrung und Andacht des Volkes und das Ziel gläubiger Wallfahrer.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Tod und Beerdigung des Kaisers Ludwig des Bayern. 1347
In steter Thatkraft, obgleich hochbetagt, - er war bereits 72 Jahre als, - und in vollster Liebe seines Bayernvolkes lebte Kaiser Ludwig im Jahre 1347 seiner Gewohnheit nach in München in seiner Residenz, dem alten Hofe. – Auf freundlichem Besuche verweilten bei ihm die Burggräfin von Nürnberg, deren heitere Gesellschaft er gerne genoß, und Johanna, Herzog Albrechts von Oesterreich Gemahlin, welche auf einer Heimreise aus Schwaben zu ihm gekommen war.
Mit diesen saß er eines Tages, es war am 11. Okt. desselben Jahres, beim Mittagstische, als ihn plötzlich Schmerzen im Unterleibe befielen. Um diese durch Bewegung zu vertreiben, wie er schon öfter gethan, bestieg er sein Roß und ritt hinaus gegen Fürstenfeld um auf Bären und anderes Wild zu jagen. Als er hinter dem Dorfe Puch, seinem Gefolge weit vorausgeeilt, über eine Wiese ritt, sah man ihn plötzlich auf seinem Rosse
wanken und von demselben zu Boden niedersinken. Erschrocken eilten einige in der Nähe befindliche Landleute herbei, und in den Armen eines Bauers gab er alsbald seinen Geist auf. Seine letzten Worte waren: „Herr! Ich habe viel gesündiget, aber Treue dir gehalten im Herzen und Glauben.“ Als sein Gefolge herbei kam, war er bereits verschieden. Dieser Anger wird noch heutigen Tages die Kaiserwiese genannt. Er verbreitete sich damals im Volke das Gerücht, der Kaiser sei auf Anstiften seiner Feinde vergiftet worden, und diese Sage ging auch in die Chroniken über; allein sie ist durch nichts begründet, sondern vielmehr ist bei seinem hohen Alter und den schweren Sorgen und Kümmernissen, die er zeit seines Lebens gehabt, anzunehmen, er sei am Schlagfluße gestorben. An dem Platze, wo der Kaiser starb, wurde zum Gedächtnisse eine kleine Kapelle erbaut, welche aber in der Länge der Zeit verfiel; erst König Max I errichtete an dieser Stätte im Jahre 1808 eine Pyramide von Ettaler Marmor.
Der kaiserliche Leichnam wurde zuvorderst in das Kloster Fürstenfeld gebracht. Am dritten Tage aber kamen die treuen Münchener Bürger, um die Leiche nach München abzuholen, da der Kaiser als seine letzte Ruhestätte die Kirsche des Augustinerklosters bestimmt hatte. Erst spät Abends unter Fackelschein traf der feierliche Trauerzug in München ein. Da aber hatten die Augustiner, deren Kloster Pfalzgraf Rudolf und Ludwig selbst im Jahre 1294 gegründet und mit zahlreichen Wohlthaten überschüttet hatten, ihre Thore gesperrt und verweigerten aus Furcht vor dem von Pabst Clemens VI erneuerten
Bannfluche in Undankbarkeit den sterblichen Ueberresten des Kaisers die Aufnahme in geweihtes Erdreich. Allein die Münchener Bürger, von Liebe und Dankbarkeit gegen ihren verstorbenen Fürsten beseelt, der seinerziet für die Verschönerung und Vergrößerung der Stadt München das war, was König Ludwig I in unsern Tagen, ließen sich hiedurch nicht abschrecken, sondern verbrachten sogleich den kaiserlichen Leichnam in die Krypta der St. Michaelskapelle auf Unser. I. Frauen Freithofe, um ihn vorläufig so lange dort beigestzt zu halten, bis die feierliche Bestattung angeordnet sei.
Endlich nach hergestelltem neuen Grabe in der alten Frauenkirche wurde der Leichnam der Kaisers und zwar, wie ein ganz glaubwürdiger Chronist bei Oefele (Script. Rer. Bois. I. 605) angibt, mit kaiserlicher Pracht an der Seite seiner ihm schon im Jahre 1322 vorangegangenen Gemahlin Beatrix im Chore der Kirche, vor dem von ihm in eben diesem Jahre gestifteten und der heil. Jungfrau, dem heil. Kreuze und der heiligen Beatrix geweihtem Altare begraben. Dieser Altar kommt fortan als Kaiseraltar vor, und jede fromme Erinnerung und gottesdienstliche Handlung haftet von nun an diesem Altare, da wohl für die Kaiserin Beatrix, aber nicht für den im Banne gestorbenen Kaiser eine Seelenmesse gelesen werden durfte.
Damals erzählte man sich folgende schöne Sage: „Am andern Tag nach dem Tode des Kaisers ist geschehen in einem Kloster zu Stams, (andere sage bei den Patres der Franziskaner), dass ein überaus frommer und andächtiger Pater den Gottesdienst vollbrachte und Messe las.
So er nun kommen war bis auf die heil. Wandlung, schwieg er eine kleine Zeit gar still, darnach sprach er zu deutsch dreimalen: O wie weh die ist, und wird dir doch schier wohl besser! Nach diesen Worten vollbrachte er sein Amt und wandelte. Auch so er wollte genießen das hochwürdige Sakrament, verzog er abermals eine kleine Zeit und schwieg still. Darnach sprach er, wie vor, in deutsch zu dreimal: O wie weh ist dir und wird dir doch schier wohl besser! Nach dem genoß er das heil. Sakrament. Das alles vernahm der Altardiener, und so die Meß vollendet war, fragte der Diener gar demüthiglich den Priester, was er doch mit den deutschen Worten, die er in dem Amt der Meß also gemelt, gemeint oder angezeigt hatte. Antwortete ihm der Priester und verkündt ihm, wie Kaiser Ludwig gestorben und ihm in der Meß fürkommen in großer Pein, aber doch daraus erlöst worden sei. Daraus männiglich mag merken, dass er ist in den Gnaden Gottes des Allmächtigen.“
Bald aber wäre die Ruhe der kaisers im Grabe beinahe gestört worden; denn als sein Sohn Ludwig der Brandenburger am 2. September 1359 in der im alten Hofe befindlichen Kapelle der heil. Margaretha vom päbstlichen Banne feierlich losgesprochen wurde, wollte, wie der Chronist Heinrich Rebdorf erzählt, der Bischof Paul von von Freising die Gebeine des Kaisers aus der geweihten Erde hinauswerfen lassen, und schon hatte man zur Ausgrabung Anstalten getroffen, als die Söhne des Kaisers mit der herzoglichen Leibwache dieser Ruhestörung mit Gewalt sich widersetzten, und so den beabsichtigten Freevel verhinderten. Der todte Kaiser selbst aber seine übrigen
Kinder und alle Mitglieder seiner Familie bis zur vierten Sippschaft blieben im Kirchenbanne. So unversöhnlich war der Zorn der Päbste! Noch im Jahre 1431 schickten daher die Herzoge Ernst und Wilhelm an den Pabst Martin V Botschafter mit der Bitte, sie von diesem Kirchenbanne, der auf ihnen ruhte, da sie noch in die vierte Sippschaft gehörten, loszusprechen. Ja, im Jahre 1615 setzten sich Herzog Maximilian I dieser Sache wegen mit dem päbstlichen Hofe in einen Briefwechsel und verlangte die Lossprechung des Kaisers vom Kirchenbanne. Er scheint aber seinem Wunsch nicht erreicht zu haben, denn noch jetzt nennen die römischen Kirchenhistoriker Ludwigs Zeitalter ein „erledigter Reich“ (imperium bacans).
Es scheint nicht, dass dem Kaiser sogleich über seinem Grabe ein Denkmal gesetzt wurde; hingegen aber wissen wir aus einer Nachricht des Abtes Volkmar, dass seiner im Jahre 1322 verstorbenen Gemahlin Beatrix sogleich ein Mausoleum im Chore der alten Frauenkirche errichtet wurde. Erst im Jahre 1438 ließ Herzog Albert III daselbst ein Denkmal fertigen, welches von jenem „Meister Hans dem Steinmeißel“ herrührt, der auch im Jahre 1445 unter Abt Kaspar Ahndorfer von Tegernsee jenen ausgezeichneten Marmorsarg für die Stifter der Klosters fertigte, der gegenwärtig über dem Portale der Kirche zu Tegernsee eingemauert ist. Dieser Grabstein, ein Meisterwerk der Bildhauerkunst aus rothem Schlehdorfer Marmor gefertiget, ist noch gegenwärtig vorhanden und befindet sich im Innern des Denkmales, welcher Kurfürst Maximilian I im Jahre 1622 durch den kurfürstlichen Hofmaler Peter Candit und dem
Steinmetz Hans Krumper von Weilheim in der jetzigen Frauenkirche setzen ließ, wo der horizontal liegende Grabstein durch die Oeffnungen der großen Tumba zu sehen ist.
Aber schon im 16. Jahrhunderte entstand und verbreitet sich die sonderbare Sage, man wisse gar nicht wo der Kaiser beerdiget sei, und seine Grabstätte sei unbekannt. Diese Sage hat sich bis zur heutigen Stunde im Volke erhalten und erlitt im Laufe der Zeit mancherlei Ausschmückungen. So sagt schon Aventin in seinen Annalen, des Kaisers Leiche sitze in der Gruft verborgen auf einem Sessel. Diese Fabel gründet sich wahrscheinlich auf eine gleiche, welche vom Kaiser Karl dem Großen, der ebenfalls im Dome zu Aachen in einem Sessel beigesetzt worden sein soll, erzählt wird. Mehrere bayerische Geschichtsschreiber, z.B. Falkenstein und Bacchiery, schrieben dieß dem Aventin nach, und so bildete sich diese Sage nach und nach im Volke mit dem Zusatze aus, daß der Kaiser an einer unbekannten Stätte begraben sei, und daselbst im Kaiserornate mit Krone und Scepter im Sessel sitze. – Allein fortlaufende unzweifelhafte Urkunden lassen uns über die wirkliche Stätte nicht im geringsten Zweifel. Schon als Ludwig der Brandenburger, des Kaisers Sohn, wie schon oben erzählt, im Jahre 1359 vom Banne losgesprochen wurde, wollte der Bischof Paul von Freising die Gebeine des Kaisers aus der geweihten Erde ausgraben lassen, woraus sich ergibt, daß man damals gewiß wußte, wo die Gebeine des Kaisers ruhten; dieser Ludwig der Brandenburger, welcher im Jahre 1361 starb, wurde, wie L. Guntheim bestätiget, „bei seinem Vater und Mutter, dem Kaiser Ludwig und der Beatrix, Herzogin von Polen, begraben“; - im Jahre 1385 stiften die Herzoge Stephan, Friedrich und Johann ein ewiges Licht in der Frauenkirche „für den Fronaltar bei Unser und Unser Vorvordern Begräbniß“ (Mon. Boic. Bd. XX Nr. 93); - in gleicher Weise machen die Herzoge Stephan und Johann in einer Urkude vom Jahre 1396 (M. B. XIX Nr. 33) auf die weige Messe und Bigil aufmerksam, welche sie mit ihrem seligen Bruder Friedrich zum Seelgeräth ihrer Vorvordern, des Kaisers Ludwig, des Markgrafen Ludwig von Brandenburg, der Herzoges Stephan (mit der haft, + 1375) des Markgrafen Otto V (+ 1379) des Herzoges Friedrich I (+ 1392) ihre Gemahlinen Thaddea und Katharina und eines Kindes (Adolf) „ hie ze München hintz unser frawe pfarrkirchen bay unser grednuzz“ gestiftet hatten; - am Sonntag Deuli 1417 bestätigen Ernst und Wilhelm Gebrüder, Herzoge in Bayern, die von Kaiser Ludwig gestiftete tägliche Messe auf dem heil. Kreuz-Altare in der Frauenkirche zu Münche „auf dem Thore bei seiner Begraäbniß;“ – ferner drücken die bischöfliche Konfirmations-Urkunde vom Jahre 1436 (M. B. XX Nr. 215) sowie die Jahrtagsstiftung der Herzoge Ernst und Albrecht von 1437 aus, dass der Gottesdienst für die verstorbenen Herzoge stets auf dem Kreuz- oder Kaiser-Altare abgehalten wurden. Ja sogar eine päbstliche Urkunde vom Jahre 1480 (M. B. Bd. XX Nr. 368), also zu einer Zeit, wo schon die neue Frauenkirche im Baue war, spricht von der alten Pfarrkirche als von einem Gebäude, welches sehr alt sei, und „in welcher zum ruhmvollen Gedächtnisse die
Körper Ludwigs des römischen Kaisers und mehrer anderer bayerischer Fürsten ehrenvoll begraben sind.“
Als nun nach oder während des Baues der neuen Frauenkirche (vollendet 1488) die alte Marienkirche abgebrochen wurde, wurde das obenerwähnte Denkmal des Meisters Hans des Steinmeißels in den Chor der neuen Frauenkirche übergetragen. Herzog Albrecht IV aber ließ die Ueberreste seiner vorfahren aus der alten Frauenkirche erheben, dieselben in einen großen zinnernen Sarg sammeln, und diesen in der Gruft der neuen Frauenkirche unter dem Chore beisetzen. Die Gebeine des Kaisers befanden sich daher nunmehr unzweifelhaft in diesem zinnernen Sarge.
Hierbei verordnete Herzog Albrecht IV durch Urkunde von 1490 (M. B. Bd. XX. S. 696) daß in der neuen Frauenkirche zum Gedächtnisse und für ewige Zeiten jeden Sonnabend das Salve regina unter feierlichem Geläute gesungen werden soll, (woher die große Glocke den Namen „Salve-Glocke“ erhielt) und dann der Pfarrer mit der gesammten Geistlichkeit zum St. Anna-Altare, der von nun an der Kaiseraltar hieß, gehen und im Chore der Kirche ein Miserere sprechen sollte, „zu unserer vorfarn Fürsten von Bairn und unserer begrednuß.“ Schon aus dieser Urkunde allein geht hervor, daß die Gebeine der Vorfahren Albrechts IV, sohin auch des Kaisers, in der Gruft der neuen Frauenkirche beigesetzt waren, und alle Zweifel daran müßen vor diesen bestimmtesten Urkunden schwinden. Aber auch noch in einer zweiten Urkunde dieses Herzoges, gegeben zu München am St. Veitstage 1498,
abgedruckt in Hund´s Metropolis Salisb. Bd. II S. 341 ist seiner herzoglichen Vorältern und des Kaisers namentlich gedacht, welche „bei vorgemelter unser lieben Frauen Stifft und Kirchen leidlich begraben und liegend sind.“ Herzog Albrecht IV starb am 17. mai 1508, wurde in der Gruft der Frauenkirche begraben und das feierliche Leichenbegängniß „am Mondtag und Erchtag nach Sebastiani 1509 abgehalten.“ Diese Leichenfeier, welche kaum zwanzig Jahr nach der Vollendung der heutigen Frauenkirche, also zu einer Zeit, wo die meisten Einwohner von München noch aus eigener Erfahrung die genaueste Kenntniß von der Uebertragung der Gebeine des Kaisers und der übrigen Fürsten aus der alten, nun abgebrochenen, in die neue Frauenkirche mussten haben, beschreibt auf das Genaueste ein Augenzeuge.
Diese Beschreibung, handschriftlich im kgl. Reichsarchiv und abgedruckt von Lipowsky, beginnt mit den Worten:
„Wie weyland des durchläuchtigen hochgeborenen Fürsten und Herrn Herrn Albrechten ec. ec. Sein Leichenbegängnus in unser Lieben Frauen-Pfarrkirchen zu München, allda sein Korpus in kaiser Ludwigs, und ander Fürsten zu Bayrn Begräbden ligt, löblich vollbracht ist.“
Im Anfange des 17. Jahhundertes wurde unter Kurfürsten Maximilian I die alterhwürdige gothische Frauenkirche im damals allein herrschenden Geschmacke der Renaissance modernisirt, wie wir in einem späteren Abschnitte über die Erbauung der Frauenkirche ausführlicher erzählen werden. In Folge dessen wurde im Jahre 1622 über dem alten Grabstein des Kaisers nach dem Entwurfe
des Hofmalers Peter Candit ein Mausoleum von schwarzem Marmor, in Kaltem Prunke und beladen mit heidnischen Emblemen und Zierrathe durch den Meister Hans Krumper von Weilheim errichtet. Die Inschrift dieses neueren Denkmales lautet in deutsche Sprache übersetzt: „Ludwig dem Vierten, dem erlauchten Kaiser, hat dieß gesetzt Maximilian des heiligen Reiches Kurfürst, auf Geheiß seines Großvaters Albert V und seines Vaters Wilhelm V im Jahre des Heiles 1622.“
Schon vor Errichtung dieser Tumba ließ Kurfürst Maximilian I, und zwar im Jahre 1606 die Gruft restauriren. Der Domherr Stephan Ligsals erzählt uns als Augenzeuge den Hergang und befindet sich dessen Manuscript im Archiv des erzbischöflichen Ordinariates zu München. Darin heißt es, daß man in einem alten offenen Sarge von Zinn, Köpfe und Knochen vorgefunden habe, welche die Ueberreste der alten Herzoge waren. Man war aber nicht mehr im Stande, die Gebeine des Kaisers aus denselben auszuscheiden. Maximilian ließ daher einen neuen drei Schuh hohen Sarg fertigen, und die erhaltenen Ueberreste der alten Herzoge hieinlegen Darüber wurde ein Marmostein angebracht, dessen Inschrift in deutsche Sprache übertragen lautet: „Hier liegen aus altem erlauchten Geschlechte der Bayern erhabene Könige, die christlichen Fürsten, geboren zum Heile des Staates, der väterlichen Religion aufrichtige Vorkämpfer, die Bezwinger der Ketzereien; damit deren Ruhm nicht mit der Asche untergehe, ward dieses ewige Denkmal, das du siehst, um hohen Preis errichtet. 1606.“
Aus allem diesen ergibt sich, daß wenn von den Gebeinen es großen Kaisers noch etwas vorhanden ist, dieser Sarg, der heutigen Tages noch in der Gruft befindlich ist, sie einschließt; alles weitere Suchen darnach ist vergebliche Mühe.
Welche ausserordentliche Sensation der plötzliche Tod der Kaisers in der Welt damals hervorrief, geht daraus hervor, daß gleichzeitige Geschichtsschreiber, wie Konrad von Meidenberg, ja selbst der weit spätere Aventin die aussergewöhnlichen Naturereignisse, die im nächsten Jahre 1348 in ganz Europa sich ergaben, mit dem Tode des Kaisers in Verbindung setzten, und sie gleichsam als ein allgemeines Entsetzten der natur und als eine Ungnade Gottes ansehen. In diesem Jahre, 1448 nämlich, am Abende von Paul Bekehrung kam ein großes Erdbeben, welches 40 Tage lang anhielt. Sechs und zwanzig Städte und Schlösser gingen zu Grunde, Berge stürzten ein, Menschen und Vieh wurden erschlagen, - ja Konrad von Meidenberg läßt sogar fünfzig Menschen in Salzstatuen verwandelt werden, die er selbst gesehen zu haben behauptet, Und darauf erfolgte ein großes Sterben, so daß kaum der vierte Theil der Menschen mehr übrig blieb.
Im nämlichen Jahre des Todes des Kaisers, am 10. April 1347, starb auch der berühmte Minorit Wilh. Occam, der Vertheidiger des Kaisers in seinem Streite mit den Päbsten. Er wurde in der Franziskanerkirche begraben, an der Seite des nicht minder berühmten Schriftkämpfers für Ludwig, des Minoriten Michael a Tefena.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Johann Schiltberger. 1380.
Im Jahre 1380 wurde dem Münchener Bürger Schiltberger ein Söhnlein geboren, das in der heiligen Taufe den Namen Johann erhielt, Derselbe erlebte erstaunliche und wunderbare Abenteuer, die er selbst beschrieb.
Da seine Aeltern nicht vermöglich waren, so begab er sich schon als Knabe in die Dienste des Ritters Leonhard von Reichartingen.
Damals war im Morgenlande ein gewaltiger Sultan der Türken, genannt Bajazeth. Seine Grausamkeit und noch mehr seine blutigen Siege und sein rasches Vordringen hatten ihm den Beinamen Jilderim (der Blitz) gegeben. Nachdem er Kleinasien und einen großen Theil Griechenlandes erobert hatte, drang er mit einem unermesslichen Heere gegen die Donau vor.
Da erschrack vor dem drohenden Ungewitter ganz Europa. König Sigmund von Ungarn schickte Gesandte durch alle Lande und begehrte Hilfe gegen die Grausamkeit und den Blutdurst der Türken. Alsbald erschien aus
Frankreich ein großes Heer, tausend Ritter, eben so viele Knappen uns sechstausend Söldner zählend, unter den Befehlen des Grafen Artois, der Herzogs Johann von Burgund und des weitberühmten Connetable Boucicault. Auch die Deutschen kamen in großer Zahl, unter ihnen viele bayerische Edelherren, als Pfalzgraf Rupert, die Frauenhofer, Sandizell, Ulrich Kugler, der kleine Ritter von Stein, zwei Frauenberger, ein Törringer, Ott und Notthaft und Leonhard von Reichartigen, den sein Diener, unser Johann Schiltberger, auf diesem Zuge begleitete. Die Bayern zogen im Jahre 1394 über Regensburg nach Wien, wo sie sich mit den Franzosen und den Oesterreichern vereinigten. Von da ab ging der Zug nach Ofen, wo bereits Sigismund von Luremburg, König von Ungarn, mit den Seinigen stand. Sechzigrausend war die Zahl der von Sigismund gegen die Türken geführten Krieger, ein Heer, wohl stark und tapfer genung zum Siege, wenn Uebermuth und Uneinigkeit es nicht ins Verderben gestürzt hätte, Die ersten kleinen Gefechte waren glücklich für die Franzosen, was ihren Siegesübermuth verstärkte, und sie zu gemeiner und unnützer Grausamkeit hinriß´- Sie vermaßen sich, „den Himmel, wenn er einstürzen sollte, mit ihren Lanzen aufzuhalten.“ Aber auch gleich prahlerisch waren die Türken, und Bajazeth drohte, „sein Pferd Haber fressen zu lassen am Hochaltar zu St. Peter in Rom.“
Mit der Belagerung des von den Türken besetzten Nikopolis begann der Feldzug, worauf schnell Bajazetz zum Entsatze dieser Festung herbeieilte. Am 26. September 1396 fiel die große Schlacht bei Nikopolis vor.
Die Franzosen kämpften anfangs sehr glücklich, die zuerst erschienenen leichten türkischen Reiter und dann auch die Janitscharen und Spahis wurden geschlagen und flohen. Aber siegestrunken und übermüthig zerstreuten sich die Franzosen voreilig. Da rückte Bajazeth mit seiner Reserve, vierzigtausend Mann stark, die er bisher vorsichtig in geschlossener Ordnung zurückgehalten hatte, vor. Als die ermatteten Franzosen diese frischen Truppen sahen, entfiel ihnen der Muth; die meisten flohen bestürzt, die übrigen wurden von den Türken getödtet oder gefangen; aber auch die Fliehenden erreichte das Verderben. Vergeblich kam der König Sigismund mit den Ungarn, mit den bayerischen und märkischen Rittern ihnen zu Hilfe; ein stürmischer Angriff der Servier, die als Bundesgenossen der Türken fochten, machte bald der Schlacht ein Ende. König Sigismund konnte sich nur mit genauer Noth mit seinem Freunde Oswald von Wolkenstein und einigen wenigen Edlen auf einem Nachen über die Donau retten. Auch Ritte Leonhard der Reichartinger wurde mit seinem Schildknappen Johann Schiltberger gefangen.
Des anderen Morgens beschaute Bajazeth das Schlachtfeld. Als er sechzigtausend der Seinen todt liegen sah, weinte er vor Wuth und schwur Rache zu nehmen an den Gefangenen, Nachdem mehrere der vornehmsten Franzosen, worunter der Graf von Revers, die Herren von Couch und Tremouille, die Grafen von Eu und Marche, des hohen Lösegeldes wegen, das für sie erwartet wurde, ausgesondert waren, ließ der Sultan vor seinen Augen ein ungeheures Gemetzel beginnen; einzeln wurde jeder Gefangene vorgeführt und enthauptet oder erschlagen.
Unter diesen Hingerichteten war auch Leonhard von Reichartingen; sein Diener Hans Schiltberger aber wurde begnadiget, weil er erst sechzehn Jahre als war, denn nur jene über zwanzig Jahre alt sollten sterben. Vom frühen Morgen bis spät nachmittags was schon das Blut von zehntausen Gefangenen vor Bajazetzs Füßen hingerieselt, als seine Großen sich ihm zu Füßen warfen, um Schonung für die Uebergebliebenen flehed; sie wurde gewährt.
Bei der Theilung der Gefangenen fiel Schiltberger dem Sultan Bajazeth zu, dem er nun sechs Jahre als Laufer, nach diesen sechs weitere Jahre zu Roß dienen musste. Er machte während dieser Zeit alle Feldzüge Bajazeths mit. Nach Bajazeths Tode fiel er in Tamerlans Hände. Mit ihm kam er nach Syrien, Armenien, Persien, nach Babylon, Indien und in die Tartarei bis in das Reich des großen Chan con Cathay, das neben dem lande des Priesterköniges Johannes gelegen ist. Nach Tammerlans Tode trat Schiltberger in die Dienste seiner Söhne nund Nachfolger, fuhr unter Scharoch, Miramschlar und Abudachir dem Starken weit umher, bis er im Gefolge des Prinzen Zegra zu den Eskimos und in die nördlichen Gegenden, vielleicht sogar nach China und Japan abenteuerte.
Alle die auf seinen Zügen erlebten wunderbarlichen und erstaunlichen Dinge erzählt er in seiner verfassten Beschreibung ohne alle Zeitordnung, in fast unauflösbarer Verwirrung und untermischt mit allerlei Fabeln, die er hörte, Er führt an: „Wie der türkische König Weyafit (Bajazeth) eine ganze Landschaft bei Hungarn einnahm, (dessen Streifzug durch Salvonien und Kroatien nach Pettau). – Wie der Weyafit mit seinem Schwager Karaman kriegt und ihn zu todt schlägt. – Wie der Weyasit den König Bursanadin von Sebast aus seinem Land vertrieb. – Wie Weyasit von dem König Soldan die Stadt Malathea und das Könifreich begehrt. – Wie der Temerlin (Tamerlan) den Weyasit vertrieb, und das Königreich Sebast gewann. – Wie der Weyasit dem Temerlin eine Landschaft, klein Armenia genannt, einnahm und erobert. – Wie der Temerlin mit König Soldan kriegt, Babylon gewann und zerstörte, mit dem großen Chan wollt gestritten haben und mocht ihm doch nichts abbrechen, - ein grausame und erbärmliche Histori, wie Temerlin vor der Stadt Hispahen (Ispahan) 7000 junge Kinder unter 14 Jahren jämmerlich umbracht, des Temerlins Tod und wie und was Ursachen er gestorben sei, - wie der Schiltberger in Babylonia und in der großen Tartarey gewesen, den Euphrat, Tigris und Nil, Jerusalem und das heilige Grab gesehen“ ec. Dessen Behandlung war zwar eben nicht hart, doch das Unglück Sklave, und unter den blinden Heiden zu sein, die den Gott Machomet anbeten, war dem biedern Münchener Hans Schiltberger unerträglich. Darum entfloh er einst nach langer Ueberlegung mit noch sechzig Mitsklaven. Schon hatten sie zwei Tage Vorsprung in der unbekannten Gegend unter vielen Entbehrungen und Leiden. Aber fünfhundert Spahis holten sie am dritten Tage ein; nach kurzem Gefechte ergaben sie sich und Bajazeth verzieh ihnen auf Bitten seines Sohnes. Bei Samsun sah Schiltberger eine große Schlacht zwischen vielen tausend Waldnattern und Meerschlangen, in welcher die Nattern siegten, nachdem sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gekämpft, Er Sah und beschreibt die entsetzlichen Grausamkeiten der Kriege Bajazeths und Tamerlans, wie dieser in Ifpahan Alles über vierzehn Jahre erwürgte, von den Köpfen der Erschlagenen eine Pyramide baute und die Kinder unter sieben Jahren auf´s Feld hinausschleppen ließ unter die Hufe seiner Rosse. Er erzählt die Geschicklichkeit Abubachir´s, des Enkels Tamerlans, der durch eine Raschiene schoß und auf einen Streich einen dreijährigen Ochsen in zwei Theile hieb. – Schiltberger sah, wie die tartarische Fürstin Sadurmelik, die mit viertausend Weibern wider einen andern Tartarfürsten, der ihren Gatten getödtet, auszog, diesen besiegte, gefangen nahm, und ihm mit einem Streiche seinen Kopf vor die Füße legte. – Im Gebirge sah er die Zauberburg mit der schönen Jungfrau und dem Sperber, wo Jedem ein Wunsch gewährt wird, jedoch nichts Unrechtes, sonst wird er verflucht. Schiltberger und seine Genossen zogen bei der Sperberburg sich bekreuzend vorüber, nur Einer wollte das Abenteuer bestehen; die Andern widerriethen´s, als heller Teufelswerk. – In Chorosan sah Schiltberger einen dreihundertfünfzigjährigen Greis, der zum drittenmale Zähne bekam und dessen Bart ihm dis auf die Knie hinabrechte. Er sah, wie die Tartaren das Fleisch unter dem Sattel mürbe reiten, und wenn es ihnen an selbem gebricht, ihren gebricht, ihren Rossen zur Ader lassen und das Blut saufen. – Er sah auch die Brieftauben, und auf dem Hafenthurm zu Alexandrien den übergroßen Spiegel, darin man Alles sah, was der Feind in Cypern vorhatte. Diesen Spiegel zerbrach ein Priester, dem man dafür das beste Bisthum versprochen, und der vom Pabst Erlaubniß erhalten, zum Scheine ein Götzendiener zu werden. – Er sah ferner das St. Katharinenkloster mit seinen griechischen Mönchen, die immerfort fasten. Stirbt ein Mönch, so lischt seine Ampel von selbst aus. Nach dem Tode jedes Abtes finder man einen Brief auf dem Altar, darin steht, wer ihm folgen soll. Für die Tausende von Ampeln haben sie immer Oel genug; denn wie die Oelbeeren reif werden, kommen alle Vögel des Landes zusammen, und jeder bringt in seinem Schnabel einen Ast auf St. Katharinenberg. – In Aegypten war ein Riese, dessen Schinbein legte man in Arabien als Brücke über einen Felsenpaß so hoch, daß man den unter ihr sich durchzwängenden Strom nicht sieht, sondern nur brausen hört. Diese Riese trug einmal so viel Holz nach Kairo, daß man alle Backöfen der Stadt damit heizen konnte. Dafür bekam er zwölftausend Brode, die fraß er alle auf einem Sitz. „Wär es nicht wirklich dem also, so thät ich es nicht schreiben,“ sagt der gute Schiltberger. – Nicht weit von Hebron, erzählt er weiter, ist das Thal Mamreh, in dem der berühmte dürre Baum steht. Die Muhmedaner nennen ihn Kirrutherek, sonst heißt er auch Sirpe, Dieser baum stand schon zu Abrahams Zeiten und grünte ununterbrochen fort, bis er zur Zeit des Kreuztodes Christi plötzlich verdorrte. Nun hat sich eine Prophezeiung unter den Landeseinwohnern erhalten: ein abendländischer Fürst werde Jerusalem mit einem christlichen Heere erobern und unter diesem Baume Messe lesen lassen, da soll dann der Baum wieder ausschlagen und Frucht tragen. Die Muhamedaner
warten dieses Baumes wohl und halten ihn hoch in Ehren. Sie haben auch große Ursache dazu, denn wenn Einer mit der fallenden Sucht behaftet ist und nur irgend ein Zweiglein dieses baumes bei sich trägt, so ist er gegen das Hinfallen gesichert. – Zu Pabst Silvesters Zeiten war in den Bergen hinter Rom ein Drache und ein Einhorn, die den Vorüberziehenden viel Unangenehmes thaten und Viele auffrassen. Silvester hatte die Ehre, den König von Armenien zu kennen, der so stark war als vierzig Ochsen, und bat ihn um Erlösung. Der König ging hinaus, und traf Einhorn und Lindwurm, wie sie just mit Zähnen und Klauen mit einander stritten. Da schlug der König dem Lindwurm geschwinde das Haupt ab; das Einhorn, dadurch aus dem Gleichgewicht gebracht, stützte rücklings über den Felsen und war gleichfalls todt.
Der König von Armenien schickte dem Kaiser in Konstantinopel Hilfe wider die Tartaren und schlug Sie; die Griechen aber waren undankbar gegen ihre Retter, bewirtheen sie köstlich durch drei Tage, und legten jedem eine Jungfrau zu, des Sinnes, in der Brautnacht Alle zu ermorden. Das geschah ihnen auch, bis auf einen Einzigen; den hatte seine Bettgenossin aus inniger Liebe gewarnt, daß er floh. Darob strafte der König die Griechen mit blutigem Krieg, und sing ihrer einen solch großen Schwarm, daß man um eine Zwiebel dreißig Griechen kaufte.
Endlich nach langer Zeit gelang es dem Schiltberger doch, mit noch fünf Andern aus Mingrelien zu entfliehen; er kam glücklich ans schwarze Meer, wo er noch langen Irrfahrten, von Muscheln, Merrspinnen und
Meerkrebsen kümmerlich lebend, endlich zum griechischen Kaiser nach Konstantinopel kam, der kaum glauben wollte, daß er ein Gefangener von Rikoplis sei, und ihn nach Galacz überführen ließ. von da kehrte er mit Regensburger kaufleuten in die Heimat über Lublin, Krakau, Breslau, Eger, Regensburg, Landshut und Freising.
Wohlbehalten kam er nach so langer Zeit und nach so vielen Führlichkeiten im Jahre 1427 in seiner Vaterstadt München wieder an, wo er mit Verwunderung und Freude empfangen wurde. Eer ließ sich nunmehr zu Hause als wackerer Bürger nieder, verheiratete sich, und erzählte noch in hohem Alter seinen Kindern und enkeln seine wunderbaren Erlebnisse. Sein darüber geschriebendes Buch aber wird noch heut zu Tage von Jung und Alt gelesen.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Bürgeraufruhr im Jahre 1385
Herzog Stephan I., genannt mit der Haft, war am 10. Mai 1375 verstorben, und ihm folgten in der Regierung seine 3 Söhne, welche ihm seine Gemahlin Elisabeth von Sizilien geboren, nämlich Friedrich, sein Erstgeborener, dann Stephan, von seiner kleinen und zierlichen Gestalt und seinem köstlichen Putze genannt der Knäufel, und Johann, der Jüngste. Eingedenk, welches Unglück und welche Verluste die unseligen Ländertheilungen, vor welchen der alte Kaiser Ludwig so sehr gewarnt hatte, über Bayern gebracht hatten, hielten sie brüderlich und fest zusammen, und regierten so anfangs fünfzehn Jahre lang gemeinschaftlich das land. Die Bürger in München waren besonders dem Herzog Johann zugethan, welcher leutseligen und liebreichen Gemüthes, genügsam und einfacher Lebensweise war, nur die Freuden des edlen Waidwerkes Pflegend. Seine Brüder Friedrich und Stephan hingegen, ehrgeizig und prachtliebend, waren theils durch ungemessenen Aufwand so sehr in Noth und Schulden versunken, das Herzog FriedrichBürgerunruhen
sogar seiner Gemahlin Magdalena, einer Tochter des Herzoges Visconti von Mailand, Schmuck an die Juden versetzen musste, ja sie vergeudeten zudem viel herzoglichen und städtischen Gutes, darob ihnen die Bürger Münchens sehr zürnten und große Unzufriedenheit über die traurigen Finanzverhältnisse der Herzoge herrschte.
Namentlich aber fiel der Zorn der Bürgerschaft auf einen Günstling der beiden Herzoge Friedrich und Stephan, welcher in der großen Chronik von Augsburg Hans, von Aventin aber Ulrich Impler genannt wird. Dieser Impler hatte nämlich die Verschwendung der Herzoge begünstiget und sich dabei mancherlei Eingriffe in die Gerechtsame der Stadt erlaubt. Darüber stieg die Erbitterung der Bürgerschaft, und es kam endlich im Jahre 1385 oder nach anderen 1386 zum offenbaren Aufruhre. Impler wurde in demselben gefangen, von dem Stadtrathe prozessirt und der Tortur unterworfen, und endlich auf öffentlichem Marktplatze enthauptet.
Die Herzoge, darob schwer entrüstet, verließen sogleich München, begaben sich nach Dachau, widersagten der Stadt, und rüsteten sich hierauf mit großer Macht, um schwere Rache und Strafe an der Stadt zu üben. Jetzt sank der Bürgerschaft der frevelhafte Muth; eingeschüchtert und in Angst und Schrecken über das Schicksal der Stadt und ihrer Räthe, sendete sie einhundert der angesehensten Einwohner Münchens als Abgeordnete an die Herzoge, welche mit wohlgerüsteten Schaaren zum Angriffe bereit, in Dachau lagerten.
Lange war alles Bitten vergebens, die schwer beleidigte Würde der Herzoge ließ keine Schonung erwarten.
Endlich, nach vielen inständigen Flehen auf den Knieen um Gnade, ließen sich die Herzoge erweichen, jedoch unter der Bedingung, daß die ganze männliche Bevölkerung von München barhauptig, demüthig ohne Wehr und Waffen, in Bußkleidern, den Stadtrath an ihrer Spitze, von welchem aber der Bürgermeister zum Zeichen, daß er wegen seiner Frevelthat das Leben verwirkt habe, statt der goldenen Kette einen Strick um den Hals tragen mußte, vor dem Neuhauserthore den Herzogen entgegen gehen, dortselbst auf den Knieen um Gnade bitten, und die Schlüssel der Stadt übergeben solle, was auch geschah.
Die Herzoge bewilligten nun Gnade, jedoch mussten die Bürger noch weiters den Herzogen ihre beträchtliche Geldschuld, welche alle Jahre 2000 fl, Zins ertrug, nachlassen, denselben ferner 6000 fl. Baar und 2000 fl. An die herzoglichen Räthe zahlen, und noch überdieß den Herzogen gestatten, neben ihrem bisheringen Schloße, der „alten Burg“, sich ein neues, gleichsam zur Ueberwachung der unruhigen Bürgerschaft erbauen zu dürfen, und ebenso, daß sie sich zum ungehinderten Aus- und Einreiten aus der alten Veste ein eigenes Thor erbauen durften. Dieses Thor, zuerst „Thürmleinthor“ genannt, ist der noch heute bestehende, sogenannte Schlichtingerbogen, welcher von der Burggasse in die Graggenau, heutige Lederergasse führt; das Schloß aber war die sogenannte „neue Veste“, welche im Jahre 1392 erbaut wurde, und an der Stelle stand, wo jetzt die neuen Flügel der Residenz gegen den Hofgarten und die Reitschule sich hinziehen. Zugleich verordneten die Herzoge, einer alten, jedoch unverbürgten Sage nach, daß der Bürgermeister fortan, zum ewigen Gedäcchtnisse dieser Missethat, zweimal des Jahres, nämlich am Feste der Kreuzerfindung und dem der Kreuzerhöhung bei dem öffentlichen Gottersdienste mit einem Stricke um den Hals statt der goldenen Ketter erscheinen müsste. Dieses wurde von nun auch so gehalten. *)
Schon nach dem großen Brande im Jahre 1327, als das heilige Geistspital wieder aufgebaut wurde, wurde die alte Katharinen-Kapelle mit dem Spitale vereinget und in den Spitalbau eingeschlossen. In dieser Katharinenkapelle musste nun der regierende Bürgermeister zweimal der Jahres an den obengenannten Feiertagen in Amtskleidung, jedoch den Strick um den Hals, dem Gottersdienste beiwohnen, und dazu öffnete sich ihm eine Thüre, die sonst für Jedermann verschlossen blieb. Zu diesem behuse wurde im Jahre 1427 ein eigener Gang hergestellt, welcher vom kleinen Rathhause aus über die Fleischbank und über einen noch gegenwärtig vorhandenen großen Bogen in das heil. Geistspital führte, um in die Katharinenkapelle gelangen zu könne. Erst die neuere Zeit am Anfange unseres Jahrhundertes soll diesem angeblichen demüthigenden Gebrauch ein Ende gemacht haben. Die Katharinenkapelle aber ist seit dem Jahre 1823 zerstört und in ein Amtslokal umgewandelt, der Eingang jedoch und das aus dieser Kapelle in die heil. Geistkirche hinabführende Fenster ist vermauert, aber noch gegenwärtig sichtbar. München aber ist durch diese Zerstörung neuester Zeit um ein gothisches Baudenkmal ärmer geworden. Das Erdgeschoß jedoch, die gegenwärtige Produktenhalle, mit seinem mächtigen gothischen Gewölbebaue, zuerst erbaut im Jahre 1253 und noch dem Brande 1327 wieder hergestellt, besteht noch als Ueberbleibsel jener alten Zeit.
*)Diese demüthige Strafte scheint im Mittelalter nicht ungewöhnlich gewesen zu sein. Wir werden sie in dem Abschnitte über den großen Bürgeraufruh in München1397 – 1403 wiederholt finden. So mussten auch, als die Stadt Mailand im Jahre 1158 sich dem Kaiser Friedrich Barbarossa auf Gnade ergab, bei der auf freiem Felde geschehenen Huldigung, die Geistlichkeit, der Adel, und die Consuln von Mailand barfuß, ohne Oberkleider und mit Schwertern auf dem Nacken, die Bürger aber mit Strichen um den Hals vor dem aufgerichteten Throne des Kaisers erscheine.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das Haus der Schymelin. 1391
Wie wir bei der vorstehenden Erzählung über den Bürgeraufruhr im Jahre 1385 gelesen haben, mussten die Bürger von München den Herzogen einen eigenen Durchgang aus der Burggasse in die Graggenau gestatten, wozu der sogenannte Schlichtingerbogen mit einem nun abgebrochenen Thürmlein erbaut wurde. Das Haus Nr. 11 in der Burggasse, zu welchem dieser Bogen gehört, soll der Sage nach in alten Zeiten der herzogliche Marstall gewesen sein; Kaiser Ludwig verpfändete es aber an Ulrich den Snitzer, Bürger in München. Konrad der Preisinger, Hofmeister des Herzogs Friedrich, löste dieses Haus von dem Pfandbesitzer aus, worauf unterm 24. Aug. 1385 die Herzoge Stephan, Friedrich und Johann es diesem Konrad Preisinger übergaben. Im Jahre 1391 verkaufte Konrad der Preisinger das Haus an Otto Schymel, Bürger von München.
Otto Schymel errichtete nun in diesem Hause eine Schenkwirthschaft oder Gaststube, und zugleich in dem ihm
ebenfalls gehörigen Hause in der Lederergasse – heut zu Tage Hausnummer 25 – ein Bad, welches von nun an mehrere Jahrhunderte lang unter dem Namen des „Thürlbades“ bestand. Dieses Gasthaus, wahrscheinlich ganz in der Behäbigkeit – wie wir heute sagen würden, dem Comfort – der damaligen Zeit eingerichtet und wohl mit Imbiß und gutem Labetrunke versehen, wurde bald die beliebteste Einkehr der Bürger, der Geschlechter und der Ritter. Noch mehr erhob es sich nach dem nicht lange nachher erfolgten Tode des Otto Schymel , wo es seine Wittwe Adelheid Achymel die Gastwirthschaft ausübte. Ihr half in der Wirtschaft ihre Enkelin, eine Tochter ihres Sohnen Hans Schymel, ein holdes liebliches Mädchen, deren Taufname uns leider nicht erhalten ist.
Aber nicht nur die Bürger und die Edlen Münchens besuchten gerne dieses Gasthaus, sondern auch die bayerischen Herzoge kehrten daselbst häufig ein, verweilten dort im Gespräch und bei Speise und Trank stundenlang, und schienen sich gerne an den lieblichen Augen der schönen Enkelin zu weiden.
Herzog Ludwig im Bart von Ingolstadt, ein schöner, geistvoller und freudiger Jüngling, einschmeichelnder und gewandter Sitten, der herablassend mit dem Volke verkehrte und mit den Bürgerinnen und deren Töchtern auf dem Markte oder auf der Trinkstube tanzte und daher der Liebling der Münchener war, pflegte jederzeit, so oft er nach München kam, bei der Adelheid Schymlin zuzusprechen und einzukehren. Ebenso war dieses Gasthaus der Lieblingsaufenthalt der Herzoge Stephan und
ebenfalls gehörigen Hause in der Lederergasse – heut zu Tage Hausnummer 25 – ein Bad, welches von nun an mehrere Jahrhunderte lang unter dem Namen des „Thürlbades“ bestand. Dieses Gasthaus, wahrscheinlich ganz in der Behäbigkeit – wie wir heute sagen würden, dem Comfort – der damaligen Zeit eingerichtet und wohl mit Imbiß und gutem Labetrunke versehen, wurde bald die beliebteste Einkehr der Bürger, der Geschlechter und der Ritter. Noch mehr erhob es sich nach dem nicht lange nachher erfolgten Tode des Otto Schymel , wo es seine Wittwe Adelheid Achymel die Gastwirthschaft ausübte. Ihr half in der Wirtschaft ihre Enkelin, eine Tochter ihres Sohnen Hans Schymel, ein holdes liebliches Mädchen, deren Taufname uns leider nicht erhalten ist.
Aber nicht nur die Bürger und die Edlen Münchens besuchten gerne dieses Gasthaus, sondern auch die bayerischen Herzoge kehrten daselbst häufig ein, verweilten dort im Gespräch und bei Speise und Trank stundenlang, und schienen sich gerne an den lieblichen Augen der schönen Enkelin zu weiden.
Herzog Ludwig im Bart von Ingolstadt, ein schöner, geistvoller und freudiger Jüngling, einschmeichelnder und gewandter Sitten, der herablassend mit dem Volke verkehrte und mit den Bürgerinnen und deren Töchtern auf dem Markte oder auf der Trinkstube tanzte und daher der Liebling der Münchener war, pflegte jederzeit, so oft er nach München kam, bei der Adelheid Schymlin zuzusprechen und einzukehren. Ebenso war dieses Gasthaus der Lieblingsaufenthalt der Herzoge Stephan und Messe am Altare des heil. Sebastian, des heil. Sirtus und der heil. Agnes in der alten Frauenkirche, welche Stiftung der Bischof Nikodemus von Freising im Jahre 1440 bestätigte. Von dieser Zeit an hieß dieser Altar der Schimmel=Altar. Dieses Meßbenefizium ging nach Erbauung der jetzigen Frauenkirche in dieselbe über, woselbst es bis zum Jahre 1844 verblieb, in welchem Jahre es zur Verbesserung der Dotation der neuerbauten St. Ludwigskirche in dieselbe transferirt wurde und daselbst noch gegenwärtig fortbesteht.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Jakobi-Dult. 1392
Unser bayerischer Geschichtsschreiber Westenrieder führt in seiner Beschreibung von München folgendes an:
„Der Jakobimarkt ist bei Gelegenheit des Portiunkula-Ablasses erntstanden, welchen Pabst Bonifacius IX. im Jahre 1481 der Kirche zu St. Jakob auf dem Anger, wegen heil. Reiliquien, die man auf dem Berg Andechs gefunden, und in das Klarissinenkloster am Anger versetzt hat, verlieh, Da sich nun dieser Ablaß bis auf die Okrav St. Jakobs erstrecket, und sich dabei täglich eine unzählige Menge Volkes versammelt hat, so ist ein privilegirter Jahrmakt aufgerichtet worden, den man davon, weil selber vom Indulto angefangen, in deutscher Sprache die Jakobidult nennt.“
Diese Angabe des gelehrten und fleißigen Geschichtsforschers ist in den Volksmund als Sage übergegangen, ist aber großentheils unrichtig.
Nicht im Jahre 1481, sondern beiläufig um das Jahr 1390, also beinahe ein Jahrhundert früher, unter den drei Herzogen Friedrich, Stephan dem Knäufel und Johann geschah es, daß ein Minoritenbruder, Namens Jakob Dachauer, da er eben am Hochaltare der Kirche zu Andechs die hl. Messe las, eine Maus erblickte, welche aus einem Loche ein Pergamentblatt hervorschleppte. Als der Geistliche dieses Blatt ergriff, fand er, daß es ein Verzeichniß von 288 Reliquien und Heiligthümern enthalte, welche an dieser Stelle vergraben seien. Wirklich wurden diese aus dem Boden an das Tageslicht gebracht, und zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt. Weil aber die Klosterkirche zu Andechs für die Menge der herbeiströmenden Gläubigen zu klein war, so ließ herzog Stephan diese Heiligthümer in das Kloster zu St. Jakob auf dem Anger in München überbringen, und auf seine Bitte verlieh der Segen-Pabst Bonifacius IX. (regierte von1389 bia1404, also nicht erst im Jahre 1481) der Stadt München ein Gnadenjahr mit der Bedingung, daß die Hälfte der geistlichen Einkünfte aus dieser Gnadenzeit dem heiligen Stuhle überlassen würden. Dieses grope Gnadenfest währte von Ostern bis zum Jakobitag 1392. Aus aallen deutschen Ländern strömten nun Tausende und aber Tausende von Andächtigen herbei; nach Angabe eines zeitgenossischen Geschichtschreibers betrugen deren Geldspenden an der Kirche Täglich einen Augsburger Metzen Regensburger Pfenninge; 40 Geistliche spendeten täglich die heiligen Sakramente. Natürlich zog eine solche Menschenmenge auch eine Menge anderer Leute, nicht nur für Speise und Trank, sondern auch zum Vergnügen herbei, als Kaufleute, Gaukler, Spielleute und selbst fahrende Fräulein.
Völlig irrig und unhaltbar ist aber die Meinung, daß von diesem Ablasse, zu lateinisch indultum, der Name Dult herrühre. Dieses Wort ist vielmehr ein altdeutsches, und kömmt zuerst, schon in der gothischen Bibelübersetzung der Ulphilas, - zu Ende des 4. Jahrhunderts, - vor, in welcher er die Stelle Lukas Kap. 2 V. 41: „zum Osterfeste“ mit al dulth paska, übersetzt. In der Uebersetzung der Regel des heil. Benedikt vom Mönche Kero von St. Gallen um das Jahr 720 ist „Fest“ mit „tult“, und in des Mönches Rotker von St. Gallen Psalmenübersetzung († im J. 1022) das Wort „Festtag“ mit tuldtag übersetzt.
Diese altdeutsche Bezeichnung der Bedeutung „Fest“ mit „Dult“ wurde später nicht auf Kirchenfeste allein beschränkt, sondern auch auf andere weltliche Feste, namentlich auf Jahrmärkte übertragen. In einer Münchener Stadt-Verordnung aus dem Anfange des 4. Jahrhundertes (sieh vo. Gutners Gew. Münchens in den historischen Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1813, Bd. II. S. 541) heißt es: „An Sant Jakobstag an dem Anger an dem rechten tultmarkt.“ Aus dieser letztern Stelle geht mit vollster Evidenz hervor, dass die Münchener Jakobi-Dult nicht erst durch den Ablaß der Jahres 1392 entstanden ist, sondern dass sie schon hundert Jahre früher an der St. Jakobskirche auf dem Anger abgehalten wurde und den Namen Dult trug. – Allein nicht nur in München, sondern auch an andern Orten kommt dieser Name schon weit früher vor, z. B. „Es soll auch der Richter um und um in einer Meile das Schenken verbieten auf dem Gäu, als allein nur auf den Tulden (Traunsteiner Stadtordnung vom Jahre 1375)., Im Jahre 1373 gibt Herzog Stephan der Stadt Landsberg eine freie Dult und einen zollfreien Jahrmarkt. (Lori Lechrain f. 72). Im Freisinger Stadtbuche, Manuscript vom Jahre 1359, heißt es: Daß kein Gewandhinschneider hier kein Gewand verschneiden soll, dann zu den rechten Dulten und Markten.“
Eine ganz ähnliche Umwandelung dieser Bezeichnung ging auch in anderen Sprachen vor. So ist aus dem lateinischen feriae, mittelallterlich – latein feria (Feiertag) als Benennung für Jahrmakt entstanden: im Spanischen feria, im Italienischen fiera, und im Französischen foire.
Die Münchener Jakobidult nahm daher wohl auf dem Anger vor der Kirche des hl. Jakob ihren Ursprung, aber keineswegs von jenem Ablaße im Jahr 1392, und ebenso wenig leitet sich das Wort Dult vom lateinischen indultum her.
Uebrigens heißt noch heut zu Tage ein Gässchen, welches vom alten Dultplatze auf dem Anger in die Sendlingergasse führt, das „Dultgäßchen“:
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der große Bürgeraufruhr in München. 1397 - 1403
Wir begegnen einer traurigen Epoche verhängnißvoller Zwistigkeiten und Wirren sowohl unter den bayerischen Fürsten, als auch unter der Bürgerschaft von München, die während einer Reihe von mehreren Jahren nicht nur über das ganze Land, sondern insbesondere auch über die Stadt München großes Unglück und unsägliches Unheil brachten.
Von verderblichen Folgen für das Land Bayern waren in älteren Zeiten, wo die Grundsätze der fürstlichen Erbfolge noch schwankend und das Recht der Erstgeburt noch ganz unbekannt war, die Ländertheilungen unter den Söhnen des verstorbenen Herzoges, gewöhnlich Nutztheilungen genannt; denn diese fortwährende Zersplitterung des Landes hindere das Aufkommen Bayerns zu einem großen und mächtigen Staate.
Schon im Jahre 1255, wie wir bereits gesehen haben, geschah die erste Nutztheilung zwischen Herzog Ludwig dem Strengen und seinem Bruder Heinrich, wodurch
die Rheinpfalz vom Stammlande Bayern abgerissen wurde. Kaiser Ludwig, die üblen Folgen dieser Zersplitterungen wohl einsehen, hatte daher schon durch seine weise Haussatzung von Pavia – 4. August 1329 – die Untheilbarkeit Bayerns festgestellt, und ferner im Jahre 1341 ernst ausgesprochen; „das Ober= und Niederland Bayern solle fürdaß nur ein Land sein, und ungetheilt einem Herrn verbleiben ewiglich. Könnte dieß aber doch nicht geschehen, so soll in Bayern doch zwanzig Jahre nach des Kaisers Tode keine Theilung statt finden und der Sohn, der diese väterliche Satzung umstiße, sollte verstoßen sein von seinem Erbe.“ Dessen ungeachtet aber theilten bald nach der Kaisers Tode dessen Söhne das Land unter sich und die traurige Folge davon war, daß in kürzester Zeit Tyrol, die Mark Brandenburg, Hennegau, Holland und Friesland, welche Länder unter dem großen Kaiser alle zu Bayern gehört hatten, wieder abgerissen wurden und verloren gingen, und somit die bayerische Macht zerfiel.
Einem solchen Kampfe um die Theilung der bayerischen Lande begegnen wir nun jetzt wieder.
Wie wir in einem vorangehenden Bilde erfahren, regierten nach dem Tode des Herzoges Stephan mit der Haft seine drei Söhne Friedrich, Stephan der Knäusel und Johann fünfzehn Jahre lang gemeinschaftlich. In der That aber führten nur die beiden Brüder Stephan und Friedrich die Regierung; denn ihr jüngerer Bruder, Herzog Hohann, genügsam und sparsam den Ergötzlichkeiten der Jagd fast ausschließlich sich hingebend, bekümmerte sich wenig um die Regierungsangelegenheiten. Andern Sinnes aber wurde er, nachdem er sich mit Katharina von Görz, des Grafen Meinhards Tochter, welche ihm zwei Söhne, Ernst und Wilhelm gebar, vermählt hatte. Sei es nun, daß etwa seine Gemahlin in ihrem Ehrgeize sich an seiner bisherigen bescheidenen Zurückziehung und einfachen Hofhaltung nicht mehr gefiel, und auf ihren Gemahl aufregend einwirkte, oder daß Herzog Johann, von Schulden gedrückt, gezwungen war, eine Verbesserung seiner Lage anzustreben, oder daß die Bürger von München, welche im Herzen geheimen Groll gegen die beiden Fürsten Stephan und Friedrich wegen des in einem der vorigen Bilder erzählten Vorfalles mit Hans Impler und ihrer nachgefolgten Demüthigung trugen, und dagegen dem Herzog Hohann anhingen, ihn aufreireizten, und ihm ihre Hilfe und ihren Beistand zusagten. Letzterer begehrte deshalb von nun an an der Mitregierung wirklich Theil nehmen zu dürfen und seinen beiden Brüdern an Gewalt und Nutzen gleich zu stehen. Diese aber, nicht gewillt, ihre bisher geübte Gewalt und Herrlichkeit mindern zu lassen, weigerten sich dessen. Da beschloß Herzog Johann, sich durch einen Gewaltstreich in seine verlorenen Rechte zu setzten, eilte daher heimlich nach München, und mit Hilfe der Bürger überfiel er plötzlich im Jahre 1392 die aalte Veste in München und nahm sie und damit die Stadt in Besitz. Als seine Brüder, beide eben abwesend, solches erfuhren, wagten sie bei dem Abfalle der Münchener Bürger nicht offene Fehde; vielmehr kamen sie nach vielen Differenzen endlich dahin überein, in Weise der Altvorderen das Land wieder zu theilen. Diese neuerliche unheilvolle Landestheilung, die viele Kriege veranlasste, kam am
24. November 1392 zu stande. Herzog Johann bekam München sammt Zugehör zwischen der Isar und dem Lechrain, und vom Fuße des Gebirges bis Regensburg, Herzog Stephan Ingolstadt und alles was dazu gehörte, und Herzog Friedrich erhielt Landshut und Niederbayern, den größten und schönsten Theil. Durch diese Theilung entstanden die drei Linien, Bayern=München, Bayern=Ingolstadt und Landshut=Niederbayern.
Nicht lange überlebte Herzog Friedrich von Landshhut diese Theilung, er starb am 4. Dezember 1393 und hinterließ zwei Kinder Heinrich, erst sieben Jahre alt, nunmehr Herzog von Landshut=Niederbayern, und Elisabeth, welche später an den Burggrafen Friedrich von Nürnberg verheiraet wurde und den Kaiser Sigmund zum Markgrafen von Brandenburg machte. Friedrichs Tod war der erste Anlaß zu Misshelligkeiten zwischen den Herzogen von Ingolstadt und München. Herzog Stephan war mit seinen in der Theilung von 1392 erhaltenen unzusammenhängenden Landestheilen sehr wenig zufrieden, und wähnte sich durch diese Theilung sehr verkürzt. Zugleich aber maßte er sich, als ältester Fürst des Hauses, die Vormundschaft des minderjährigen Heinrich an, worin er von der ihm geneigten Ritterschaft von Niederbayern unterstützt wurde. Diese Gährung der Fürsten brach bald in offenbare Thätlichkeiten aus, und die Herzoge von Ingolstadt und München befehdeten sich wechselseitig einander. Man kam allerseits zur Einsicht, daß die Landestheilung von 1392 unhaltbar und die Quelle aller entstandenen Misshelligkeiten sei, und beschloß sie aufzuheben. Durch einen Ausspruch der gewählten und in Landshuat am
25. September 1395 versammelten zehn Mittelsmänner wurde entschieden, daß die Theilung aufgehoben werde. Oberland und Niederland Bayern wieder zusammen geworfen ein Gut sein, und von den drei Fürsten Stephan, Johann und Heinrich gemeinschaftlich regiert werden solle, so dass also z.B. München in gleicher Weise sowohl den Herzog Stephan und seinem Sohne Ludwig dem Gebarteten, als auch Ingolstadt dem Herzog Johann und seinen beiden Söhnen Ernst und Wilhelm gemeinschaftlich angehörte. Über diesen Ausspruch wurde im Monate November desselben Jahres auf einem Landtage zu Ingolstadt Urkunde errichtet, und die Fürsten empfingen von den Ständen neue Huldigung. Diese gemeinschaftliche Regierung währte anfangs ruhig und friedlich; aber bald sollten wieder neue stürmische Tage kommen.
Herzog Johann von Bayern=München starb am 8. August 1397 und hinterließ drei Kinder, die Herzoge Ernst, und Wilhelm und eine Tochter, Sophia, seit 1393 zweite Gemahling des Königes Wenzel von Böhmen.
Kaum hatte Herzog Johann die Augen geschlossen, so brach die lang verhaltenen Feindschaft zwischen dessen Söhnen Ernst und Wilhelm einerseits, und dem Herzoge Stephan von Ingolstadt und dessen Sohn Ludwig dem Gebarteten anderseits aus. Herzog Stephan, der einst zu seinem Schwiegervater, dem Herzoge Galeazzo von Mailand mit Recht sangen durfte: „Wir haben zu den Unsern in unsern Landen ein solches Trauen, daß kleiner ist, in dessen Schooß wir nicht eine Nacht ohne Sorge schlafen dürften,“ und sein Sohn blickten mit neidischen Augen auf die schöne Stadt München und die geräumige Burg, welche die beiden Söhne Herzog Johanns bewohnten, und sie verhehlten ihren heißen Wunsch nicht, dieselbe allein zu besitzen und als ihren Wohnsitz zu haben. Denn das Haus, welches sie in München am Eingange der Sendlingergasse, - das ehemalige Ruffinihaus, - besaßen, genügte ihrem Ehrgeize nicht. Anderseits aber hegten auch die Herzoge Ernst und Wilhelm gegen ihre Vettern von Ingolstadt große Erbitterung im Herzen, denn Herzog Stephan beanspruchte, als ältester Fürst des Hauses, und auch dem vom verlegten Herzoge Johann auf seinem Sterbebette geäußerten Wunsche gemäß, die Oberleitung der gemeinschaftlichen Staatsverwaltung, wogegen die Herzoge Ernst und Wilhelm eine solche Unterordnung unter ihren gehassten Vetter sich nicht gefallen lassen wollten. Mit um so größerem Unwillen ersahen daher die beiden Herzoge Ernst und Wilhelm wie ihre beiden Ingolstädter Vettern sich durch herablassendes und einschmeichelndes Wesen die Gunst der Münchener Bürger auf jede Weise zu gewinnen trachteten, wie Herzog Stephan mit den Bürgerinnen und ihren Töchtern freundlich verkehrte, oder wie der gewandte und am französischen Hofe sein geschulte Ludwig der Gebartete mit den Münchener Bürgern gerne beim Weine saß, sich mit ihnen in leutseligen Gesprächen erging, und ihre Frauen und Töchter zum Tanze führte. Darum hingen auch die Bürger in München den Ingolstadter Herzogen sehr an und hätten sie lieber zu ihren Fürsten gehabt, als die beiden Herzoge Ernst und Wilhelm. Die Patrizier aber und die Herrn des Rathes, die in dieser Verhätschelung des gemeinen Bürgers nur Schädigung und Minderung ihres eigenen
Ansehens ersahen, hielten standhaft zu den Herzogen Ernst und Wilhelm. Wie die Herzoge, so war auch die Bürgerschaft Münchens in zwei feindliche Lager getheilt, und es bedurfte nur eines Funkens, um die Zwietracht zum Ausbruche kommen zu lassen. Und es kam auch dazu. Die ersten Unruhen gingen aber von der Bürgerschaft aus und zwar in einer Richtung, die anfänglich mit dem Zwiste der Herzoge in gar keiner Verbindung stand.
Eine Gährung hatte sich im Laufe des 14. jahrundertes sowohl über die Reichs= als auch anderen Städte Deutschlands verbreitet, welche eine nothwendige Folge Ihrer fortschreitenden Entwicklung war, eine bewegung wie wir sie im alten Rom unter den Grachen gesehen. Wie wir bereits in einem frühren Abschnitte erfuhren, waren die Patrizier im Verlaufe der Zeit zu einer hervorragenden Klasse erwachsen, welches sich im ausschließenden Besitze aller höheren städtischen Stellen und Würden befand und in deren Händen lediglich die Verwaltung des städtischen Vermögens lag, ohne der Gemeinde darüber zu einer Rechnungsablage verpflichtet zu sein. Die geringeren Bürger wurden von ihnen verachtet, ja oft mit empörender Härte behandelt, und von allen höheren Ämtern, insbesondere vom innern Rathe gänzlich ausgeschlossen. Allein nach und nach traten die Gebrechen dieser Verfassung immer greller zu Tage, ebenso unerschwingliche Auflagen und Lasten der Gemeinden und Vergeudung der städtischen Gelder, Die Gemeinen, erstarkt durch ihre Vereinigungen zu Zünften und Innungen, fühlten die Norhwendgkeit einer Abänderung, und wir sehen sie daher in diesem Zeitalter allenthalben in den Städten im
Aufstande gegen die bevorrechteten Stadtaristokratie und gegen das stolze Patziziat, wir erblicken in Folge dessen blutige Kämpfe in den Städten mit rücksichtslosen Hinrichtungen, mit Vertreibung oder wenigstens Beschränkung der Patrizier in den höheren magistratischen Stellen; in den bisherigen Rath werden Handwerker aufgenommen, und eine gewisse Zahl von Rathsstellen mit ihnen besetzt, oder eine eigene Abtheilung derselben gebildet. So in den italienischen Städten, ferners in Köln, in Zürich (im J. 1335), in Straßburg, in Regensburg (im J. 1330), in Augsburg (im J. 1368).
Ähnliches geschah auch in München. Diese Stadt erhielt, wie früher bereits erwähnt, ihre Verfassung durch Herzog Rudolf im Jahre 1294, und diese Urkunde ist die eigentliche Magna Charta der Münchener, der die Bürgerschaft ihre Freiheit und ihren Wohlstand verdankte. Um diese ihre erworbenen Rechte und Freiheiten zu schirmen, hatten bereits im Jahre 1384 alle Räthe und die Gemeinde einen feierlichen Eid geschworen, „sich gegen jeden, der ihre guten Briefe, so sie von den Herrschaften haben, irren wolle, wechselseitig beizustehen.“ Um aber die Kraft der Gemeinde zu verstärken, musste schon bei Lebzeiten des Herzogs Johann auf Andringen der Bürger im Jahre 1396 dem inneren und äußeren Rathe ein Kollegium von dreihundert Geschworenen aus der Gemeinde beigegeben werden. Da tauchte im Jahre 1397 unter der Bürgerschaft deas Gerücht auf, daß von Seite des inneren Rathes, der bisher nur mit Patriziern besetzt war, das Gemeindegut gewissenlos verwaltet und vergeudet werde. Je größere Dimensionen dieses Gerücht gewann, desto schwieriger wurde die Bürgerschaft und wuchs die Aufregung. Der geschworene Rath der Dreihundert, seiner ganzen Stellung nach ohnehin schon die Opposition gegen den innern Rath bildend, nahm sich rasch der Sache an, und forderte vor Allem, daß man ihm gestatte, „zwei Redner zu haben.“ Bei der herrschenden leidenschaftlichen Erregtheit musste man ihm diese geben und es wurden als erste zwei Redner die Bürger Poschel und der Chrel, beide der demokratischen Partei angehörig, dem Rathe der Dreihundert beigegeben. Diese beiden im Vereine mit den Dreihundert begannen sogleich ihr Amt damit, dass sie vom inneren Rahte Rechenschaft verlangten, „wo der Stadt Gut hingekommen“, und forderten Rechnungsstellung vom Jahre 1390 an bis 1397. Vergebens weigerte sich dessen der innere Rath, indem er entgegnete, er sei Niemand Rechenschaft schuldig über die vergangenen Jahre, denn jährlich sei ein neur Rath und neue Stadtkämmerer und Steuereinnehmer gesetzt worden, welche bei ihem Austritte jederzeit Rechnung gelegt hätten und hierauf ganz und gar ledig gesagt wurden, oder, wie wir uns heut zu Tage ausdrücken, das Rechnungsabsolutorium erhalten hatten. Allein die Dreihundert, weit enrfernt, sich mit dieser Ausflucht zu beruhigen, bestanden auf ihrer Forderung, so daß der innere Rath endlich nachgeben und ihnen ihre Kammerrechnungen und Steuerbücher mit Zuziehung von Sechsen des Rathes, unter ihnen der Bürgermeister Georg Katzmaier, vorlegen musste. „Nachdem sie nun Wohl vierzehn Tage ob allen Kammer= und Steuerbüchern gesaßen und hin und her rechneten, da fanden sich Einnahmen und Ausgaben gleich, eines wie das andere.“
Dieses formelle Rechnungsergebniß genügte ihnen begreiflicherweise nicht, und sie beschlossen Auszüge aus den Büchern zu machen, und diese den Dreihundert und der Gemeinde behufs einer gütlichen Abgleichung vorzulegen, da sie sich zu einem Entscheid nicht für kompetent erachteten, - was ihnen auch der Rath zugestand.
Aber während diese Differenzen die Gemeinde in Aufregung und Spannung erhielten, brach der Zwist der Herzoge selbst aus.
Herzog Ernst richtete zunächst seinen Groll gegen die Räthe des Herzoges Stephan. Unter diesen waren die herovorragendsten dessen Günstling und Hofmeister Warmund von Pienzenau und Georg von Waldeck. Ersterer, Warmund von Pienzenau, aus altbayerischem Geschlechte, in der Gegend von Miesbach begütert, von großem Reichthume, und dessen Vorfahren als Bitzthum, Pfleger, und Räthe und Kriegshauptleute ihren Fürsten stets gedient hatten, war in München besonders thätig, den Stadtrath und die Bürger für seinen Herzog und dessen Sohn Ludwig den Gebarteten zu gewinnen, weswegen ihm Herzog Stephan hold war und ihm, der wegen eines Darlehens von ihm den Markt Kitzbühel als Pfand besaß, statt dieses ortes das weit einträglichere Rattenberg gab. Darüber trug Herzog Ernst große Feindschaft gegen den Pienzenauer. Gegen Georg von Waldeck scheint aber der Groll des Herzoges Ernst noch größer gewesen zu sein und seine Feindschaft gegen denselben noch tiefer gewurzelt zu haben, obwohl der Waldecker noch im Jahre 1395 der Vermittler des Herzoges Ernst bei seiner Werbung um die Hand der
Prinzessin Elisabeth Galeazzo von Mailand war. Wir kennen zwar die Ursache dieses Grolles des Herzoges Ernst.nicht, allein Ernst hatte bereits scharfe Drohworte gegen den Waldecker ausgesprochen, so daß dessen Sicherheit als sehr gefährdet erschien. Es wurden daher Vermittlungs=Versuche gemacht, deren Hergang der Bürgermeister Georg Katzmair in seiner handschriftlichen Denkschrift sehr lebhaft schildert und die wir daher nachfolgend unsern Lesern vorführen.
Die Ungelt=Einnehmer von Wasserburg, welche Stadt dem herzog Stephan gehörte, hatten nämlich Münchener Bürgern gehöriges Vieh wegen einer Differenz über das zu zahlende Ungelt aufgehalten. Zur Schlichtung dieser Angelegenheit wurde Bürgermeister Georg Katzmair und der Stadtschreiber Peter Krümbel einige Tage vor Weihnachten 1397 an den Herzog Stephan, der bereits im 68. Lebensjahr stand, abgeordnet. Diesen trafen sie im Gasthause der Adelheid Schimmel in der Burggasse, wo er in Gesellschaft des Herzoges Wilhelm eben aß. An einem anderen Tische saßen Herr Warmund von Pienzenau und Albrecht von Thanheim. Nachdem nun Georg Katzmair seinem Auftrage entsprochen hatte, sprach Warmund von Pienzenau zu ihm: „Lieber Bürgemeister! ihr sollt uns doch erfragen, ob der Waldecker sicher sei von Herzog Ernst oder nit, der Herzog hat gar heftiglich geredet.“ Der Herzog Stephan trat diesem Gesuche bei und sprach: „Lieber Katzmair, das verscht uns!“ Nur ungern und unter Weigern unterzog sich Katzmair diesem Auftrage; erst auf wiederholter Andringen des Herzoges Stephan begaben er und Peter Krümbel sich in die Alte Veste, wo sie von dem
herzoglichen Hofmeister Albrecht dem Türnl in die Kapelle gewiesen wurden. Dortselbst trafen sie den Herzog Ernst. Bürgermeister Katzmair hob an und sprach: „Gnädiger Herr! wir sind von unseren Bürgern wegen bei Herrn Herzog Stephan gewesen. Der bat uns darnach zu Euch zu gehen, weil er hörte von harten Worten, die Ihr sollt geredet haben gegen den Rath meines Herrn Herzoges Stephan und hat uns daher gebeten, Euer Gnaden zu fragen, so daß Ihr mit meines Herrn Herzogs Stephan Räthen und Dienern nichts zu schaffen sollet haben, Ihr sagt ihnen denn ab, so wie auch mein Herr Herzog Stephan desgleichen mit Eueren Räthen und Dienern.“
Darauf antwortete Herzog Ernst: „Gehet zu meinen Vettern und sprecht: Ich wolle meine Ehre um Niemand geben. Däucht aber dem Waldecker oder einem Andern, daß er etwas wider mich habe gethan, der widerrufe es, oder hüte sich vor mir sehr!“
Mit dieser Antwort kamen die beiden Abgesandten wieder zurück in das Gasthaus der Schimmlin und richteten dem Herzoge Stephan diese Worte aus. Allein diesem schien diese Antwort zweifelhaft, er drang daher in den Bürgermeister, nochmals sich zu Herzog Ernst zu begeben, um deutlichere und bestimmtere Auskunft zu erholen. Georg Katzmair weigerte sich dessen, indem er sagte: „Gnädiger Herr! es ziemt sich für uns nicht, uns weiter mit solchen Dingen zu befassen, da man es uns von Raths wegen nicht befohlen hat.“ Ihm entgegnete aber Herzog Stephan: „Solches ziemt sich für Niemand besser
denn für Euch, denn Ihr habt es getaidiget zwischen Uns und Unseren Vettern mitsammt dem Bitzthum.“ Diesem Begehren endlich nach längerem Widerstreben entsprechend, begaben sich Georg Katzmair und Peter Krümbel wiederholt in die Kapelle des alten Hofes und mit ihnen Albrecht von Danheim. Auf ihre wiederholt vorgebrachte Frage erwiederte ihnen Herzog Ernst: „Sagt meinem Vetter, ich wolle meine Ehre weder um den Waldecker noch um ihrer einen Anderen geben, und auch um die Kapelle voll Goldes nicht. Hat aber der Waldecker oder Jemand Anderer etwas wider mich gethan, der möge sich vor mir sehr hüten.“
Mit diesem Bescheide kamen sie zu Herzog Stehan zurück, wurden von diesem noch ein drittes mal zu Herzog Ernst gesendet, und erhielten auch zum drittenmale dieselbe Abfertigung. Sofort sandte Herzog Stephan nach dem Waldecker, und setzte ihn in der großen Stube bei der Schimmlin von dem so eben Geschehenen in Kenntniß. Es war offenbar für die Sicherheit des Waldeckers kein Heil mehr. Deshalb ritt sogleich Herzog Stephan fort nach Wasserburg und führte den Herrn von Wakdeck mit sich.
Auch im Rathe des Magistrates mögen diese Aeusserungen des Herzogs Ernst große Besorgnisse hervorgerufen haben, denn auf Vortrag des Bürgermeisters Katzmair hielten sie Tages darauf hierüber Berathung in der großen Rathsstube.
Ein Theil der Drohungen des Herzogs Ernst sollte bald wahr werden. Einige Tage später, am heil. Weihnachtsabende Morgens 10 Uhr, trafen Herzog Ernst und
Warmund von Pienzenau im Gasthaus der Adelheid Schimmel zusammen. Bald entspann sich zwischen ihnen ein Wortwechsel, Herzog Ernst machte dem Piemzenauer wegen des Besitzes von Rattenberg bittere Vorwürfe und schalt ihn einen Schmarotzer des Herzogs Stephan und einen Vergeuder fürstlichen Gutes.
Der Pienzenauer entgegnete diesen Beschuldigungen nicht viel weniger heftig, so daß Herzog Ernst, im Zorne seiner nicht mehr mächtig, das Schwert zog und ihm eine Wunde hieb. Klagend eilte Herr Warmund sogleich zu den Herzogen nach Ingolstadt.
Rasch benützte Herzog Ludwig der Gebartete, der sich eben zur Zeit in dem hause seines Vaters am Ruffinithurme in der Sendlingergasse befand, diesen Vorfall, seinen lange gehegten Wunsch durch schnelles Handeln zu erreichen. Er ritt mit den Seinigen am nämlichen Tage in die neue Veste und nahm sie in Besitz.
Die Herzoge Ernst und Wilhelm aber, die sich wohl in München nicht mehr sicher fühlten mochten, begaben sich schleunigst aus der Stadt. Herzog Ernst ritt nach Wolfratshausen, Herzog Wilhelm aber zu seinem Vetter dem jungen Herzog Heinrich und dessen Mutter Frau Magdalena von Mailand, nach Landshut.
Im Stadtrathe war über diese That des Herzoges Ernst gegen Warmund von Pienzenau große Bestürzung und Besorgniß, denn Herzog Stephan und sein Sohn Ludwig beschuldigten die Stadt, deren ein Theil noch immer an den Herzogen Ernst und Wilhelm hing, geradezu als Mitwisser dieser That. Der Stadtrath mochte auch wohl gefühlt haben, daß er seine Pflicht, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, schlecht erfüllt habe, und er hatte deshalb allerdings den Unwillen des hitzigen und heftigen Herzogs Ludwig der Gebarteten zu befürchten. Denn es war unter Dazwischenkunft des Rathes von München und des Vicedomes von Oberbayern, Konrad des Preisingers, zwischen Stephan und Ernst ein förmlicher Vertrag abgeschlossen worden, daß keiner des Andern Räthe und Diener anders als auf vorausgegangenes ehrliches Absagen feindlich behandeln dürfe, und hatte sich dabei der Rath von München gewissermaßen verbürgt, mögliche Gewaltthätigkeiten zwischen den Herrn zu verhüten. Es wurde daher schleunigst eine Rathsversammlung gehalten und darin bescholssen, eine Deputation an Herzog Ludwig abzusenden, den Vorfall mit dem Pienzenauer zu entschuldigen und den Herzog zu besänftigen. Dieß geschah auch. Aus der getroffenen Wahl und Zusammmensetzung dieser Deputation ersehen wir, daß die aufrührerischen Bürger schon die Oberhand gewonnen hatten; diese Abgeordneten waren: Schrenck, Alrich Dichtl, Wilhelm jprgner, Loenhard Land, Mendelhauser, Pronhauser und nach sechs andere. Unter diesen nämlich benennt Georg Katzmair in seinem Gedentbuch den Dichtl, Jörgner, Lang und Mendelhauser als diejenrigen, welche die ersten Bösen gewesen, die den Lauf zu München allermeist trieben und angefangen haben. An deren Spitze musste Bürgermeister Georg Katzmair treten. Diese kamen nun vor den Herzog Ludwig und sprachen: „Gnädiger Herr! Wir sind bei unserem Volke gewesen, wir haben wahrlich nichts darum gewusst, und es ist uns treulich
leid, und wir wollen auch gerne bazu thun.“ Lange weigerte sich der Herzog, ihre Entschuldigung wohlwollen aufzunehmen. Erst bei nochmaliger Botschaft erwiderte ihnen Ludwig: „Ich habe Euch zu danken, und will euch meine Feinde nennen. Doch will ich zuvor mich darüber wohl berathen, auf daß ich keine anderen vorbringe, als die rechten und man keinen unrechten ergreife. Und dankt mir dem Volke fleißig, denn ich sehe nun wohl, daß er Euch leid ist.“
Herzog Ludwig hatte indessen seinen Vater, Herzog Stephan, schleunigst von dem Vorgefallenen benachrichtiget, und dieser kam auch sogleich am zweiten Tage darnach, am St. Johannestage den 27. Dezember, von Wasserburg her nach München. Gleich des folgenden Tages, - Freitag den 28. Dezember, - trat Herzog Stephan vor die versammelte Gemeinde „mit großen Worten“, und forderte, daß diejenigen, „die solchen Zwilauf zwischen den Herrn und den Ihrigen anstifteten, die dadurch die Herrn hintereinander und in das verderben bringen,“ und von denen er sechs oder sieben nennen wolle, verhaftet, und in sein Gefängniß abgeführt werden sollen. Die Abgeordneten aber erklärten hierauf, daß sie die Schuldigen gerne sahen, aber nur in der Stadt eigenes Gefängniß legen wollen, nach der Stadt Rechten, aber ohne Recht wollten sie nichts mit ihnen schaffen lassen. Als der Herzog wiederhlot darauf bestand, die Schuldigen in sein Gefängniß zu legen, entgegneten die Abgeordneten standhaft und fest: „Herr! das ist weder unsere Gewohnheit noch Recht; wir wollen sie selbst behalten zum Recht so lang, als unser Stadt Recht ist, das ist vierzehn Tage.
Kommt ihnen dann innerhalb dieser Zeit mit dem Rechte Niemand nach, so sollen sie wieder ledig sein.“ Da willigte Herzog Stephan endlich ein, führte die Abgeordneten in die große Stube der neuen Veste, und benannte ihnen die sechs Schuldigen. Von diesen wurden nun verhaftet Gabriel Ridler und Ludwig Potschner, und ersterer auf den Taschenthurm und letzerer auf den Raththurm gesetzt. Mathias Sendlinger und Hans Schluder waren ausgeritten nach Päl, und Ulrich Ebner befand sich schon seit Martini in Venedig, daher diese drei Personen nicht gefangen gesetzt werden konnten. Der sechste aber, Konrad Diener, war schwer erkrankt und dem Tode nahe. Ungeachtet zweimaliger Fürbitte des Rathes bei Herzog Stephan bestand dieser auf dessen Haftnahme, so dass auch er in das Gefängniß gelegt wurde, worin er am 13. Tage darnach starb.
Diese Verhaftungen geschahen noch am Freitag den 28. Dezember. Am folgenden Tage, Samstag den 29. Dezember, trat aber der Rath und die Gemeinde zusammen, um über diese unerhörten Vorfälle zu berathen. Einmüthiglich schwuren sie, daß sie weder den Verhafteten noch irgend jemand Anderem ohne Recht Übler zufügen lassen, und auf den Rechten der Stadt standhaft beharren wollten. Keine Verhandlungen sollten wegen der Gefangenen gepflogen werden, hätten diese etwas verschuldet, und würde solches mit Recht befunden, ginge es dann denselben an Leid oder an Gut, das sollten sie leiden.
Allein ungeachtet aller Bemühungen, die sich Herzog Stephan gab, Zeugen gegen die Verhafteten aufzubringen, konnte keine Schuld an ihnen ermittelt werden. Deshalb,
am Freitag den 11. Januar 1398, als die vierzehn Tage verflossen waren, bestand die Gemeinde darauf, daß sie wieder der haft ledig gegeben würden. Das geschah auch, und die beiden Herzoge wurden wieder des Ridlers, des Pötschners und des Ebners gnädige Herrn. „Aber noch kann Niemand hören, warum sie der Herr hat fahen lassen“, setzt Georg Katzmair in seinem Gedenkbuche dazu.
Die Fürsten befanden sich nun gegenseitig in offener Fehde, und es schien auch beinahe zum Kampfe kommen zu wollen, zumal Herzog Ernst schon zu Fastnacht 1398 mit fünfhundert Pferden von Landsberg kommend zu Aubing lag, angeblich, um wider den Waldecker, seinen erklärten Feind, zu ziehen gegen Taufkirchen, und auch anderseits Herzog Ludwig die Landschaft und die Bürger von München aufforderte, „zu ihm zu reiten und die Gäste aus dem Lande zu schlagen“. Die Münchener aber überlegten sich die Sache, und fanden es unpolitisch und gefährlich, am Streite der Herzoge thätigen Antheil zu nehmen. „Die Herren“, - sprach der Rath, - „müssen doch zuletzt wieder geeiniget wwerden. Laßt uns weise sein, und lasst uns gedenken, daß wir friedlich unter einander seien, und alle unsere inneren Irrungen abschneiden, ehe noch die Herren geeiniget werden; das ist unser aller Nutz und Frommen. Wir haben ohnehin noch Irrung und Zwiespalt wegen den Kammerbüchern und dem Rechnungsauszuge, der möcht´ uns wohl eines Tages zu großem Unfrieden und Schaden kommen, und geziemt uns allen, nicht dahinter zu stehen, denn es möchte´ eines Tages die
Stadt davon verderben; denn es ist ein Lauf, der unbillig ist und ungerecht. Das bedenkt!“
Die Münchener „fassten daher still,“ ordneten aber im Verein mit denen von „Niederland“ – (Niederbayern) – an Herrn Fastnacht eine Botschaft nach Fürstenfeld, wo Herzog Ludwig mit seinen Leuten lagerte, ab und veranlassten ein versöhnendes Gespräch de beiderseitigen fürstlichen Räthe zu Pasing, das aber ohne Erfolg blieb.
In der Woche vom Mitterfasten 1398 frug Herzog Ernst von Aubing aus in München an, ob man ihn mit 30 oder 40 Pferden in die Stadt wolle einlassen. Die Münchener ließen ihn zurück erklären, sie hätten mit der Herren Krieg nichts zu schaffen, es sei der als wohl ihr Herr als jener, Er möge daher wohl kommen mit 30 oder 40 Pferden, desgleichen Herzog Stephan und Ludwig auch. So kam Herzog Ernst wieder nach München, zum erstenmale, seit er den Pienzenauer geschlagen; sein Volk zog nach Taufkirchen, um auf dem Waldecker zu fahen. Die Münchener aber ritten fortwährend vermittelnd zwischen den Herzogen hin und her, und brachten es endlich so weit, daß man zu Ostern, am 21. März, zu München dahin übereinkam, die Schlichtung und Beendigung der Streitgkeiten zwischen den Fürsten einem Schiedsgerichte zu übertragen, bestehend aus zwanzig Männern der beiderseitigen Ladestheile, sohin zehn von jeder Seite und einem Obmann. Zugleich verpflichteten sich die Herzoge, dem Ausspruche dieses Schiedsgerichtes dergestalt folge zu leisten, daß derjenige Theil, welcher nur im Mindesten dagegen handle, die Stadt München oder Ingolstadt an die Gegenpartei verlieren
sollte, Zugleich warb die Stadt München, an welcher beidenTheilen gelegen war, dem Vicedome Konrad dem Preisinger, einem Biedermanne, dem Jeder vertraute, in Verwahr gegeben.
Während aber auf diese Weise die Bürger von München löblicherweise trachten, die Fürsten, welche schon gegen einander das Schwert erhoben hatten, auf dem Wege friedlicher Verhandlung zu vergleichen und auszusöhnen, entbrannte dagegen im Innern der Stadt die Zwietracht und der Kampf wegen der Stadtkammerrechnungen und des Steuerbuchsauszuges erst recht und brach in volle Flammen und Aufruhr aus.
Seit Anfang des Jahres 1398 war der auf Seite der revolutionären Gemeinde stehende Ulrich Dichtl, einer „der ersten Bösen“, an der Stelle der gesetzmäßig abgetretenen Georg Kazmair Bürgermeister geworden.
Die vom Rathe, sowohl jene, welche, wie Katzmair, dabei ganz unbetheiliget waren, weil sie vor dem stritigen Jahre 1396 in dem Rahte saßen, suchten auch diese Sache gütlich zu beseitigen, indem sie vorstellten, man möchte wohl am besten thun, bei diesen gefährlichen Zeitläufen „das unfriedliche Ding mit dem Buche und dem Auszuge abzuschneiden.“ Allein die Gemeinde, an ihrer Spitze Leonhard Lang, - auch einer „der ersten Bösen“, - bestand auf durchgreifender Rechnungsablage und Revision.
Es wurde daher im Rathe beschlossen, die Sache an die Dreihundert zu bringen, Diese wurden auch auf Donnerstag in den Osterfeiertagen (11. April) auf das
Rathhaus besendet. Allein diese hielten sich zur Entscheidung nicht für kompetent ohne die Gemeinde. Deshalb wurde nun diese auf den folgenden Tag Morgens auf das Rathhaus geladen. Nach vielseitigem Hin- und Herreden hielt sich die erschienene Gemeinde nicht für zahlreich genug und beschlossen daher, wiederholt nächsten Sonntag zusammen zu kommen.
Am Sonntag nach dem Ostertag Nachmittags kam nun die Gemeinde sehr zahlreich zusammen. Die Versammlung war äußerst stürmisch. Die Bürgerforderten vor Allem 33 aus dem Rathe vor, mit denen sie den Rechnungsauszug besprechen wollten. Allein statt ruhiger Verhandlung erfüllte wüstes Geschrei den Saal, jeder wollte nach seiner Weise sprechen, und es fielen harte und wilde Worte. Ein Schwertfeger rief: „ Wir sollten die Bösewichter drinnen in der Stube jetzt alle nehmen und ihnen die Köpfe abschlagen.“ Darüber wurde es spät Abends ohne daß ein Resultat erzielt wurde. Mit Mühe kam man endlich dahin überein, die streitige Sache durch einen Ausschuß von sechzig Männern in Vereinigung mit dem Rath prüfen zu lassen, wozu ihnen eine Zeit von acht Tagen vorgestreckt wurde. Aber weit entfernt, daß die gemeinschaftlichen Verhandlungen dieser acht Tage eine gütliche Abgleichung aller Rechnungsdifferenzen zu Stande brachten, wurde vielmehr die Kluft immer größer. Selbst dem einsichtsvollen und bei der Sache ganz unbetheilgten Georg Katzmair, der sich sogar, um so besser vermitteln zu können, den demokratischen Sechzigen anschloß, gelang es nicht, eine gütliche Ausgleichung herbei zu führen, vielmehr blieben die von der Gemeinde hartnäckig bei ihrem Begehren, daß der Stadt Gut wieder, wo sie verkürzt Worden, zurückersetzt werden müssen. Hiermit war der Bruch vollständig, und es musste eine Krisis eintreten, die auch nicht ausblieb. Am folgenden Samstag, den 20. April, weigerte sich der Rath, zur Nachmittags-Sitzung mit dem Sechziger Ausschuße auf dem Rathhause zu erscheinen. Die Gemeinde, hierüber aufgebracht, verlegte sogleich ihre Sitzung in den Saal des Augustinerklosters. Da verbreitete sich ein dunkles Gerücht, daß die Bürger auf Anstiften Einzelner heimlich beginnen, sich zu bewaffnen. Bestürzt hierüber sandte der Rath den Georg Katzmair hin zu den Augustinern, um nochmals bei der aufrührerischen Gemeinde Güte zu versuchen. Allein es war schon zu weit gekommen. Auf Antrag des Hans Ferber sendete die Gemeinde eine Deputation, bestehend aus Ulrich Dichtl, Jörgner, Menges, Glesein, Jörg von Nanhofen, harder und Katzmair zum Bürgermeister Karl Ligsalz, und ließ demselben die Schlüssel zu den Stadtthoren und den Sturmglocken, und das Stadtbanner abfordern. Der in der Eile zusammengerufene erschrockene Stadtrath gehorchte und antwortete das Geforderte aus. Die Gemeinde setzte hierauf Sogleich den bisherigen Stadtrath ab, und dafür probisorische „Hauptleute“ ein, und übergab die Sturmglocken dem Ulrich Dichtl und Georg Katzmair, auf deren Befehl allein die Sturmglocken geläutet werden dürften. Das Stadtbanner empfahlen sie dem Mendelhauser, und gaben ihm noch achtzehn Männer dazu, die desselben warten sollten. Die Schlüssel zum Neuhauserthore wurden dem Wilhelm Jörgner, die zu Unseres Herrn- (Schwabinger-) Thore dem Franz Impler, die zum Thalburgthore (Raththurm) dem Konrad Poschel,
Die zum Angerthore dem Dargreis, und die zu allen anderen dem Ulrich Dichtl ausgeantwortet.
Dieser ganze Umsturz des bisheringen Stadtregimentes war das Werk dieses Nachmittages. Die beiden Herzoge Stephan und Ernst, die sich eben in München befanden, wurden noch an selbem Nachmittage von dieser Veränderung in Kenntniß gesetzt.
Dieneuen demokratischen Gewalthaber beschlossen, die Sache wegen des Rechnungsauszuges nun schleunigst zu ordnen, und zu diesem Behuse sollte des Sechzigerausschuß mit den beim Auszuge Betheiligten die nächsten beiden Tage freundlich zusammentreten. Aber dieses ward vereitelt, denn die dabei betheilgten Hans Rudolf, Ulrich Ebner und Bartholomä Schrenk hatten sich bereits aus der Stadt geflüchtet und die Uebrigen kamen mit der Sache nicht zurecht, „denn des Auszug war ihnen ein gar fremddes Ding.“ Es wurde daher in dieser Sache neue Sitzung auf Dienstag anberaumt, und Utz Halbenberger den Flüchtigen nachgesendet, um sie zu beauftragen, zu erscheinen, oder ihr Leib und Gut wäre verfallen der Stadt. Da aber diese hierauf brieflich antworteten, sie wollten nur unter der Bedingniß des sicheren Geleites in die Stadt zurückkehren, so wurde all ihr Gut in der Stadt und auf dem Lande in ihrenHäusern mit Beschlag belegt und versiegelt, Utz Haldenberger aber in den Thurm gefangen gesetzt, weil es so lange bei den Flüchtigen verweilt und deren Brief zurückgebracht.
In Folge dieser Entweichung mussten am Philipp- und Jakobs-Abend, - 1 Mai, - alle diejenigen, die beim Rechnungsauszuge compromittiert waren, auf ihre
Treue an Eidesstatt angeloben, daß sie mit Leib und Gut der Stadt unentfremdet bleiben, und sich dem, was durch Urtheil Rechtens über sie verfügt würde, unterwerfen wollten. An einem Maisonntage wurden sie hierauf einzeln vor die versammelte Gemeinde berufen, um nach den Bestimmungen des „Stadtrechtes“ gebüßt zu werden. Sechs Tage lang währte die Untersuchung über den Rechnungsauszug, wobei die Angeschuldigten durch ihren Vorspreche, den Rieslin von Weilheim, vertheidiget wurden. Dann wurden die Schuldigen, ungeauchtet der Abmahnungen des biederen und rechtlichen Georg Katzmair, der nur ungerne an diesen leidenschaftlichen Verhandlungen hatte theilnehmen müßen, verurtheilt und zwar die Handwerker in eine Geldstrafe von fünf Pfund Pfennigen, die Vornehmeren aber in bedeutend höhere Summen, und wer sich nicht auf solche Art wollt büßen lassen, mußte in den Thurm wandern.
Hierauf wurde von den aufrührerischen Bürgern ein neuer innerer und äusserer Rath und Ausschuß der Dreihundert eingesetzt. Ulrich Dichtl wurde Bürgermeister, und Georg Katzmair, den man, obgleich er sich in den Verhandlungen wegen des Rechnungsauszuges mit Ulrich Dichtl verfeindet hatte, wegen seiner Kenntnisse nicht leicht entbehren konnte, Andreas Dichtl und Franz Impler zu Stadtkämmerern ernannt.
Das Städtische Gemeinwesen war hiedurch wieder in gesetzliche Ordnung getreten, nur war durch diese Bürger-Revolution das Stadt-Regiment von den Patziziern jetzt in die Hände der Plebejer übergegangen.
Aber bald sollte die Stadt neuen Stürmen entgegengehen.
Wie wir oben gesehen haben, wurde am 21. März 1398 die Schlichtung der Streitigkeiten zwischen den Herzogen einem Schiedsgerichte übertragen. Dieses aber entschied sowohl auf den Tagen zu Augsburg als zu München nichts, und es wurde daher ein neuer Tag zu Göppingen im Würtembergischen auf Anfang des Monates Juli angesetzt. Dort versammelte sich das Schiedsgericht unter Vorsitz des Kurfürsten Ruprecht von der Pfalz und des Grafen Eberhard von Würtemberg, und that am 4. Juli den Ausspruch, daß Ernst und Wilhelm rechtmäßige Erben ihres Vaters Johann und Mitregenten des Landes seien, daß sie sogleich in Besitz ihrer Erbschaft in dem Maße, als ihr ater selbe „lebendiger und todter“ (am Tage da er starb) inne gehabt, gesetzt, die sie treffenden Einnhmen berechnet und ihnen überantwortet werden sollen.
Die beiden Parteien erfuhren im Grunde durch diesen Spruch um nichts mehr, als was sie wohl längst schon gewusst, nur daß etwa nun auch jeder Uebergewicht des Herzoges Stephan als Aeltesten förmlich abelehnt war. München blieb nach wie vor allen vier Herzogen gleich angehörig.
Es sollte nun in Folge des zu Göppingen erlassenen Spruches in Oberbayern den Gebrüdern Ernst und Wilhelm als Mitregenten geschworen werden. Diese Huldigung geschah auch von Seite der Stände von Bayern-München am 31 Juli zu München. Die Stadt München aber verweigerte den Huldigungseid. Auf Anstiften der aufrührerischen Mitglieder Ulrich Dichtl, Leonhard Lang, Johann Mörhammer und noch dreier verlangte nämlich der Rath, die Herzoge sollten ihnen die der Stadt München
bis auf den heutigen Tag gegebenen Freiheitsbriefe bestätigen. Solches verweigerten die Herzoge Ernst und Wilhelm aus dem Grunde, weil möglicherweise die Herzoge Stephan und Ludwig in der letzten Zeit seit Herzog Johann´s Tod, und während der Dauer ihrer Gewaltherrschaft zu München bis Lichtmessen 1398 der Stadt könnten Freiheitsbriefe ertheilt haben, die ihnen unbekannt wären und vielleicht selbst ihre fürstlichen Rechte beeinträchtigen. Die Herzoge Ernst und Wilhelm blieben daher dabei stehen, daß sie die Freiheitsbriefe der Stadt von aller vergangenen Herrschaft her nur bis auf den Tag bestätigen wollen, da ihr Vater lebendig und todt war.
Vergeblich war alles wohlmeinende und versöhnende Bemühen und Zureden des einsichtsvollen Georg Katzmair, der in der ersten Versammlung des Rathes und der Gemeinde Donnerstags den 1. August 1398 zu diesen sprach: „Liebe Freunde! wie ich es als das Beste verstehe, so gehen wir mit Leuten aus den drei Räthen nochmals zu Herzoge Ernst und seinem Bruder, und rufen sie an und bitten sie, daß sie unsere ferneren willigen Dienste ansehen, und uns unsere Briefe alle bestätigen bis auf den heutigen Tag, wie das ehedemauch die anderen Fürsten gethan; denn die Herrn wollen öfter gebeten sein und angerufen.“ Ueber diesen wohlmeinenden Rath kam es an diesem Tage zu keinem Beschlusse; als aber des folgenden Tages der Rath und die Gemeinde wieder auf dem Rathhause zusammen kam, und Georg Katzmair wegen Unwohlseins abgetreten war, wurden von den Hitzköpfen alle gütlichen Verhandlungen verworfen und
Beschlossen, nicht zu schwören, es würden ihnen denn die Herren alle ihre Briefe bestätigen bis auf den Tag.
Auf die Kunde von diesem Beschlusse entfernte sich Herzog Ernst sogleich noch am nämlichen Tage aus der Stadt. Dieses erregte unter den Bürgern große Aufregung und es scheint sogar, daß man in München einen Handstreich des Herzoges Ernt gegen die Stadt befürchtete, denn die Bürger wappneten sich; allein diese Vermuthung zeigt sich bald als ungegründet, denn der Herzog hatte sich nach Landsberg und in andere Städte begeben, um sich huldigen zu lassen.
Allein nun wendete sich der Unwille der neuen Gewalthaber auch gegen Georg Katzmair, bei politischen Umwälzungen führt nur Leidenschaftlichkeit die Zügel, und die extremen Richtungen gewinnen ausschließend die Oberhand. Der gemäßigte Bürger ist dann verdächtig, ein Feind der neuen Ordnung der Dinge zu sein, und Georg Katzmaier hatte bei den Vorfällen jüngster Zeit zu oft den neuen Gewalthabern widersprochen, und versöhnlichere Mittelwege angerathen, als daß er nicht in den Verdacht kommen musste ein Anhänger der gehassten Herzoge Ernst und Wilhelm, und deshalb, - um die heut zu Tage gewöhnliche Bezeichnung zu gebrauchen, - ein Reaktionär zu sein. Insbesonders war er in den letzten Tagen mit Ulrich Dichtl und einigen Räthen zu harten Reden gekommen, und Ulrich Dichtl hatte zu ihm „ mit üppigen Worten gesprochen, so daß er wohl verstund, Dichtl hätte gerne gesehen, daß er ihm antworte.“ Zudem vernahm er von mehreren Personen, es
sei das Gerücht verbreitet, er liege bereits in dem Thurm. Deß erschrak er „hart.“ Einen Schritt, den er wohl schon längere Zeit erwogen hatte, brachte er schnell zur Ausführung, er flüchtete sich nächsten Morgens, Samstag den 3. August, aus der Stadt, und ritt zunächst nach Tölz zu seinen Freunden. Hier erfuhr er, daß die Münchner, als seine Flucht ruchbar geworden, sogleich seine Güter in der Stadt mit Beschlag belegt hatten, Mit ihm wurden noch als Anhänger der Herzoge die ehemaligen Rathsherrn Konrad Schluder und Mathias Sendlinger aus der Stadt verbannt. Katzmair begab sich sofort zu Herzog Ernst, den er zu Wolfratshausen sand, um bei ihm über dies Gewaltthat Klage zu führen.
Herzog Ernst berief nach einer Beratschlagung, die er hierauf mit seinen Räthen zu Dachau pflog, auf Bartholomä (24. August) eine Landschaft nach Freising, welche beschloß, daß aus ihrer Mitte vierundzwanzig Männer, aus Rittern und Bürgern der Städte und Märkte bestehend, nach München gehen sollten, im nochmals zu versuchen, die Einwilligung derer von München in das Begehren des Herzoges zu erlangen. Am Freitag nach Andreas sollten sie dem Herzoge die Antwort bringen.
Während diese Vermittlung versucht wurde, geschah, wohl ohne Herzogs Ernst Vorwissen, eine Gewaltthat, die wohl nicht geeignet war, den Sinn der Gegenpartei günstiger umzustimmen. Münchner Kaufmannsgüter fuhren, vom Landshuter Markte nach München zurückkommen, auf der Straße gegen Freising; der alte Herzog Stephan selbst war heimlich von Freising weggeritten um ihnen mit siebzig Pferden das Geleit zu geben. Das erfuhr
Der fürstliche Hauptmann zu Dachau. Sogleich zog dieser mit vierhundert Pferden aus, lauerte auf das Gut und überfiel den Zug. Da wurde Herzog Stephan „überrannt.“ Als man nun gewahr wurde, daß es der Herzog sei, ließ der Hauptmann ihn und die Seinigen sowie die Güter wieder frei, ausser sechs Münchener Bürger, die man als Feinde nach Dachau führte. Als aber Herzog Ernst dahin kam, wurden sogleich auch diese wieder in Freiheit gesetzt.
Dieser unangenehme Vorfall trug dazu bei, den Haß der Münchener gegen die Herzoge Ernst und Wilhelm, sowie ihre Besorgniß, von ihnen mit bewaffneter Hand angegriffen zu werden, zu verstärken. Die Münchener schlossen daher am 10. September 1398 mit Stephans Sohne, Ludwig dem Gebarteten, ein Bündniß, zusammen zu halten, und sich gegenseitig mit Gut und Blut gegen Jedermann zu vertheidigen.
Am festgesetzten Tage, Freitag, den 6. Dezember, kamen die vierundzwanzig von München wieder zurück nach Dachau mit dem Bescheide, daß ihre Unterhandlungen vergeblich waren, und die Münchener auf ihren Forderungen beharren.
Da erklärte Herzog Ernst mit den Seinigen der Stadt München offne Fehde, und ebenso erklärte Herzog Ludwig seinen Vettern den Krieg, Der Kampf begann.
Herzog Ludwig zog mit der Münchener Miliz vor Pfaffenhofen, nahm diese der Gemahlin Herzog Ernst pfandweise gehörige Stadt, und ließ sie ausplündern. Auch Dachau, Nanhofen, Pasing, Grünwald und andere Orte griff er an, und plünderte allenthalben.
Vergebens wendeten sich die Brüder Ernst und Wilhelm an den Kaiser Wenzel, vergebens an die in Ingolstadt versammelte Landschaft. Erst am 11. Jäner 1399 kam man auf Keiser Wenzels Friedgebot dahin überein, die Sache durch Friedensrichter schlichten zu lassen, und bis zur Entscheidung gegenseitig Frieden zu halten. Am 1. Mai 1399 erfolgte endlich ein Uebereinkommen, welches dießmal dadurch erleichtert wurde, dass Herzog Ernst eben ausser Landes war, und der mildere Wilhelm minderen Anstand nahm, in das Begehren der Münchener Bürgerschaft einzugehen. Nach Inhalt dieses Ausspruches verblieb es beim Göppinger Spruche, und sollte alles auf den Stand gesetzt werden, wie vor Anfang der Fehde es gewesen; neu entstehende Streitigkeiten soll Kurfürst Ruprecht von der Pfals als Obmann mit drei Beiständern von jeder Seite obthun. Den Münchenern wurde zugleich alle ihre bisherigen Freiheiten, namentlich das Recht, ihre Mitbürger selbst zu strafen, bestätiget, und ihnen Vergessenheit alles Vergangenen zugesichert.
Auf dieses hin begaben sich die Herzoge Ernst und Wilhelm wieder nach München, und die Münchener Bürger leisteten ihnen nunmehr den Huldigungseid.
Es begann hiermit wider die gemeinschaftliche Regierung der vier Herzoge.
Er wäre nun denn wohl zu erwarten gewesen, daß Friede und Eintracht in die Stadt mÜnchen zurück kehre. Dem war aber nicht so. Die Erbitterung unter den Parteien der Münchener Bürger war gegenseitig zu groß, als daß sie sich geeiniget hätten. Namentlich erwuchsen aus dem den Bürgern zugestandenen Rechte, die Ihrigen selbst Zu strafen, neue Misshelligkeiten; denn die noch immer herrschende aufrührerische Partei übte dieses Recht in vollem Maaß gegen diejenigen, welche in Folge des oben angeführten Streitesüber den Rechnungsauszug aus der Stadt verbannt, oder die aus derselben eigenmächtig entwichen waren. Diese Verbannten waren: Gabriel Ridler, Rudolph Ligsalz, zwei von Hausen, Pötschner, Schluder, Sendlinger, Schrenk, Ebner, Georg Katzmair, Tulpeck, Andrä Resch, Hans Bart, Hans Pütrich, Hudl, Stran, Nogerlin und Spiegel. Die Güter und sämmtlichen Einkünfte dieser geächteten Bürger wurden gleich nach ihrer Entfernung eingezogen und zur städtischen Gemeindekasse verrechnet, und ihre Mobilien, sowie alles vorgefundene Getreide, Weine und dergl. wurden verkauft. Gegen die in München zurückgebliebenen weiblichen Familienglieder der Geächteten wurde von Seite der städtischen Machthaber mit der größten Härte und Unbilligkeit verfahren, und Georg Katzmair erzählt uns in seinem Gedenkbuche ausführlich, welche Unbarmherzigkeit und selbst Hohn gegen seine in der Stadt zurückgebliebene Mutter und Schwester ausgeübt wurde, wie man an diese die 250 fl. Gefordert, um welche Katzmair für den Ligsalz, vielleicht als die demselben vom Rechnungsauszug her zuerkannte Geldstrafe, Bürge geworden, und wie die Mutter endlich zu Michaeli aus der Stadt, die Schwester aber, der man gar den Backstein umzuhängen gedroht, zu der Herzogin in die Veste entwichen sei, von wo Herzog Ernst sie am Palmabend (10. April) 1400 zu Nacht endlich heimlich heraus geleitet habe. Ja, die von München gingen so weit, daß
sie eine „Einigung“ dahin machten, gelobten und mit ihren Siegeln bekräftigen, daß alle Entwichenen oder Vertriebenen nie mehr in die Stadt kommen sollten.
Aufgebracht hierüber suchten sich die Geächteten an der Stadt und ihren Mitbürgern zu rächen, wo und wie sie nur konnten. Sie ließen die Güter der Münchener, wo sie selbe auf dem Lande antrafen, gleichfalls mit Arrest belegen oder bemächtigten sich derselben, sie machten alle Strassen unsicher, und legten den ganzen Handel der Stadt darnieder. Zu diesen Unternehmungen fanden und gewannen die Geächteten leicht überall Anhang. Anderseits aber, um sich gegen diese schädlichen Unternehmungen zu sichern, mussten die vom München nicht allein alle Güter ihrer Bürger durch bewaffnete Bedeckungen begleiten lassen, sondern auch durch Aussendung von Streifmannschaften die nächst gelegenen Landstrassen von feindlichen Ueberfällen zu bewahren und zu reinigen suchen. Die Stadt München befand sich dadurch in den beiden Jahren 1399 und 1400 in einem fortwährenden kleinen Kriege, der je länger je mehr an Ausdehnung und Erbitterung zunahm als auch die Herzoge daran theils einen mittelbaren theils unmittelbaren Antheil nahmen, wozu sowohl der Umstand, daß eben diese streitenden Theile zu ihren wechselseitigen Parteien gehörten, als auch die alte gegenseitige Unzufriedenheit beitrug, welche durch die Entscheidung von Göppingen, wie auch durch mehrere spätere Vergleichsversuche vom 8. Januar 1400 zu Heidelberg, am 20. April desselben Jahres zu Ingolstadt und zu Jakobi gleichen Jahres zu Landshut, die alle fruchtlos geblieben waren, keineswegs geschlichtet und gehoben wurden.
Die Herzoge Ernst und Wilhelm wohnten während dieser Zeit theilweise in der neuen Veste in München, zu welcher ein eigenes Thor führte, oder theilweise in Wolfratshausen, und die beiden Herzoge Stephan und Ludwig wohnten abwechslungsweise entweder in ihrem Hause in der Fürstenfeldergasse in München oder in Ingolstadt.
Zu Ende des Jahres trug sich wieder ein trauriges Ereigniß zu. Wie die Stadt München in verschiedene Fraktionen getheilt war, haben wir gesehen. Die bereits lange währenden inneren Unruhen, die Sperre aller Handels und die dadurch zugegangenen Verluste, die beträchtlichen Kriegsausgaben und Leistung persönlicher Kriegsdienste und dergl. mussten die innere Gährung immer mehr anfachen; die bestehenden Verhältnisse wurden für die Bürgerschaft immer unerträglicher, das städtische Regiment, wie es aus dem Umsturze des vorigen Rathes im Jahre 1398 hervorgegangen, stand auf unsicheren und schwankenden Stützen. Das Missvergnügen war ein allgemeines, und es ist natürlich, daß auch der ruhige Bürger sich wieder die Herstellung eines geordneten Zustandes wünschen musste. Bei solchen inneren Lagen geschieht es immer, daß endlich Mehrere sich vereinigen, um einen Umsturz des missliebigen Zustandes zu bewirken. So geschah es auch jetzt.
Am Allerheiligen 1400, als eben die beiden Herzoge Ernst und Wilhelm wieder nach München gekommen waren, verbanden sich drei dieser Missvergnügten, Konrad Triener, Thomas Haidfolk und Ulrich Stromair, zur Ausführung,Sie hielten zu diesem Zwecke heimliche Zusammenkünfte in der alten Veste, und suchten auch die
Zünfte in ihre Interessen zu ziehen und zu einem allgemeinen Aufstand zu bewegen. Allein die Verschwörung wurde verrathen, die obigen drei Aufrührer gefänglich eingezogen und verurtheilt. Dieses gerichtliche Urtheil ist, nicht nur in Beziehung auf die Sache selbst, als auch bezüglich der damaligen Rechtsformen, zu merkwürdig, als daß es hier nicht vollständig aufgeführt werden sollte. Dasselbe befindet sich in dem städtischen Urkundenbuche aufbewahrt und lauter wörtlich wie folgt, nur mit dem nöthigen Abänderungen der Orthographie zum besseren Verständnisse der Leser.
„Ich Jörg Oettinger, zur Zeit Richter in München, bestätige von Gerichtswegen mit diesem offenen Briefe, daß vor mich kam mit Vorsprechen Ulrich Halmberger der Jüngere, zur Zeit Bürgermeister in München, und Konrad Angstlieb, zur Zeit des großen geschworenen Rathes, der dreihundert ist, Redner, beider Bürger von München, und klagten mir Vorsprechen, da ich saß an offenem Gerichte zu München in dem Rathhaus, und da bei dem Rechte gesessen ist der innere und äussere Rath, und auch der große geschworenen Rath der Dreihundert, und auch viele Führer aus den Handwerken, und klagten mir Vorsprechen über Thomas den Haidfolk, und über Konrad den Triener, und über Ulrich den Stromair, alle drei Bürger zu München, daß sie und andere Leute heimlich Rath gehabt haben in der alten Veste zu München, und haben daselbst gerathen, und vier Hauptleute zu ihnen Allen gegeben, die zu den Handwerken gegangen sind, welcherlei Sach sie anfingen, daß sie deß bei ihnen bleiben sollten, damit sie uns arm und reich, um Leib und Gut gebracht wollen haben. Deß wollten die Handwerke nicht bei ihnen bleiben, und das wieder unsere Stadt zu München Briefe, Freiheit, Recht und Gewohnheit, und wider unser Gesatz und Bot, das wir öffentlich beruft haben, gewesen ist; und wer oder welche die wären, die heimliche Räthe oder Bündnisse mit einander hätten, an irgend andern Stätten, dann in dem offnen Rathhaus, daß der oder dieselben der Stadt mit Leib und Gut verfallen, und haben auch dieß einbekannt vor dem geschworenen Richter und vor den geschworenen Bürgern, daß sie solche heimliche Räthe und Büdniß gehabt haben. Und nach ihren Geständnissen sind sie der Stadt verfallen mit Leib und mit Gut, und baten mich vorgenannten Richter der Rechtens zu fragen, welchen Tod sie verdient hätten; Also warich ehegenannter Richter des Rechtens nicht geweiset, ob ich billig über sie zu dem Tode richten solle in dem Rathhause vor den geschworenen Räthen. Also sprachen die vorgenannten zwei Ankläger mit Vorsprechen, ich möchte (dürfe) es wohl thun, und thäte das billig, da es unserer Stadt Recht zu München ist, und wir auch dessen guten Brief von unserer gnädigen Herrschaft zu Bayern haben, und die sie mich versiegelt ( mit den Siegeln versehen) sehen und hören ließen. Und nach desselben Briefes Laut und Sag´ und nach ihrer Stadt Recht und Freiheit fragte ich des Rechtens, wie ich es richten solle. Da ward geurtheilet auf den Eid von dem innern Rath und von dem äußern Rath, und von dem großen geschworenen Rath, der dreihundert ist, und von den Führern, die auch dabei waren, von den Handwerken, daß sie den Tod wohl verdient haben. Und das ward
auch genehmiget mit Folg´ und mit Frag´ und mit rechtem Urtheil, ich ehegenannter Richter solle dem Freimann (Scharfrichter) zusprechen, welchen Tod sie verdient hätten. Und also sprach ich dem Freimann zu, welchen Tod sie verdient haben; der urtheilt auf seinen Eid, sie hätten nach der Anklag einen anderen Tod verdient, man soll aber mit dem Schwert hinter ihnen richten und sie enthaupten. Und nach dem vorgeschriebenen Urtheil Aller baten mich die vorgenannten zwei Ankläger mit Vorsprechen, zu fragen des Rechtens, ob Jemand wäre, immer Landes oder ausser Landes, wie er auch genannt wäre, Niemand ausgenommen noch hintangesetzt, der wider das genehmigte Recht etws redet oder thäte, mit welcherlei That das geschähe, es wäre wider unsere gnädige Herrschaft zu Bayern, oder wider unseren Richter, oder wider die Räthe und Gemeinde, gemeinlich der Stadt zu München, der (ein solcher) oder dieselben sind alles dessen schuldig und gebunden, und soll auch gegen sie gerichtet werden, wie man gethan hat gegen Thomas dem Heidfolk,, und gegen Konrad den Triener und gegen Ulrich dem Stromair. Und das beschlossen Rechtens alles begehrten die vorgenannten zwei Ankläger mir Vorsprechen des Gerichtsbriefes, den ich ihnen gebe von Gerichtwegen, versiegelt mit meinem eigenen anhangenden Insiegel, mir selbst und meinen Erben ohne Schaden. Das ist geschehen am Mondtag vor Sankt Martinstag, da man zählt nach Christi Geburt vierzehnhundert Jahr.“
Gemäß diesem Urtheile wurden diese drei genannten Bürger am 8. November auf öffentlichem Marktplatze enthauptet. Drei weitere Angeschuldigte lagen ein halbes
Jahr lang gefangen, und mussten zur Strafe rothe Räder und Kreuze (wahrscheinlich auf dem Kleide), oder einen Strick um den Hals tragen, „auf daß man sollt sehen, daß sie bös wären.“ Mehrere andere Bürger, die bei der Verschwörung mitbetheiliget waren, entflohen aus der Stadt; unter diesen lief einer in die St. Peterskirche, tauschte mit einem dort betenden Priester die Kleider, und entrann in dieser Verkleidung, ein anderer sprang über die Stadtmauer, mehrere andere begruben und verdeckten sich in Mistwägen und wurden so aus der Stadt geführt.
Die Herzoge Ernst und Wilhelm hatten sich bei Endeckung dieser Verschwörung sogleich aus der Stadt begeben, kehrten aber nach geschehener Hinrichtung der Schuldigen wieder in ihre Residenz nach München zurück.
Das Jahr 1401 verlief im Ganzen für München ruhig. Sowohl die Herzoge als auch die ausgewanderten oder verbannten Münchener wandten sich an den neuen römischen König Ruprecht mit unablässigen Klagen und Bitten, ihnen Recht zu verschafften. In Folge dessen wurden auch mehrere Kongresse ausgeschrieben, auf Georgi 1401 zu Nürnberb, dann zu Heidelberg, auf Maria Geburt im September zu Augsburg und endlich zu Amberg. Aber eine Ausgleichung kam auf keinem dieser Tage zu Stande, „es war nichts“, wie Georg Katzmair in seinem Bericht sagt, „da ward viel geredt und nichts geendt“.
Und trotz dieser Wirren sehen wir doch in diesem Jahre die feindseligen Fürsten und die Bürger mehrmals zu München zu Ergötzlichkeiten und Festlichkeiten vereiniget. Im Monat Juni 1401 was daselbst eine große Feierlichkeit:
Der 72 Jahre alte Herzog Stephan hielt Hochzeit mit Elisabeth, der Tochter des Grafen Adolf von Cleve und Wittwe Rainalds von Ravenstein; rüstig sprand der alte Herr mit seiner jungen Frau in der Sonnenwende auf dem Markte zu München über das lodernde Johannesfeuer und tanzte mit den Bürgersfrauen und Jungfrauen um dasselbe. Bei Gelegenheit dieser Hochzeit war auch in München „in der Woche vor Antoni“ ein großes Turnier gehalte.
Zu Ende des Monates September in diesem Jahre zog König Ruprecht mit einem Kriegsheere durch Bayern und Tirol gegen den Herzog Visconti von Mailand, welcher weder ihn noch den Pabst anerkennen wollte. Mit ihm zog Herzog Ludwig der Gebartete.
Während Ruprechts und Ludwigs Abwesenheit kamen die Herzoge Ernst und Stephan zu Wasserburg zusammen und setzten da auf Sonntag nach Ostern, - 1. April 1402 – einen Tag fest nach Landshut, um dort die Sache gänzlich zu enden. An diesem Tage erschienen in Landshut die beiden Herzoge Ernst und Stephan mit vielen Rittern und Räthen, dann als Abgeordneter des römischen Königes dessen Rath, der Staufer, ferner die Abgeordneten der Stadt München Ulrich Dichtl und Leonhard Lang, und die geächteten Münchener Bürger Mathias Sendlinger, Hans Rudolf, Bartholomä Schrenk, Georg Katzmair, Franz Dichtl, Finsinger der Schneider, Gebhart der Schuster, Heintz der Goldschmid und Hans Offing.
Zuerst versuchte vor allem des Königes Rath, der Staufer, die streitige Sache der Herzoge zu schlichten.
Aber des Herzoges Stephan Halsstörigkeit vereitelte jede Ausgleichung, indem er auf dem Besitze der Stadt München fest beharrte. Es kam dabei zu harten Worten. Die Ritter der Herzoges Ernst sprachen: „Herzog Stephan fasst mit viel Dingen zu, ob es sich dessen nicht schäme!“ und ein Ritter rief: „Wahrlich, Herr! Gebt ihr Eueren Vettern jetzt nicht ein Ende, wie ihr es öffentlich geredet und geschrieben habt, so seid Ihr zu einem Fürsten desto untheurer und müsst sicherlich des Teufels sein!“
Hierauf wurden die Geächteten und die Abgesandten der Stadt München mit ihren Anklagen gegen einander verhört. Die Verbannten forderten die Aufhebung ihrer Verbannung, die Erlaubniß zur Rückkehr nach München und die Wiedererstattung aller ihrer eingeogenen Güter. Schwere Vorwürfe erfolgten gegenseitig, selbst des Herzoges Ernst wurde von denen von München nicht geschont und schriftliche Klagen auf einem Zettel gegen ihn vorgebracht.
Da schieden die Herren ungeeiniget und unversöhnter als ehevor.
Im Herzen aber blieben die Münchener dem Herzoge Stephan am meisten zugethan. Dieser suchte auch auf jede mögliche Weise sich einen Anhang in der Stadt zu machen und sich in der Gunst der Münchener Bürgerschaft zu erhalten. Er gelobte daher auch in einer Urkunde, gegeben zu München am Sonntag nach Georgi 1402, den Münchenern, denen er erst kurz zuvor ein Darlehen von 10000 ungarischen Goldgulden gegen Verpfändung der Steuergefälle schuldig geworden war, daß er die Stadt München in Niemands Hand oder Gewalt übergeben, sondern sie mit Theilung oder Urtheilsspruch zu seinen Handen bringen wolle;
worauf die Stadt München in einer zweiten Urkunde von nämlichen Tage versprach; daß „wenn das ist und geschieht, also daß sie von den hochgeborenen Fürsten Herzog Ernst und Herzog Wilhelm Gebrüder der Eide, die sie ihnen zu ihrem Theile geschworen haben, ledig gesagt werden, sie dann dem obgenannten HerzogeStephan allein, dieweilen er lebt, getreulich beigeständig, beholfen, und unterthänig sein wollen.“
Am 2. Mai 1402 kam König Rupert mit Herzog Ludwig dem Gebarteten aus Italien zurück und trafen in München ein. Die Herzoge Ernst und Wilhelm bestürmten den König mit Klagen über die Umtriebe der Herzog Stephan und der Uneinigkeiten, die der Münchener wegen entstanden seien. Der König mußte nach dem bisherigen Erfahrungen wohl einsehen, daß eine gemeinschaftliche Regierung unter den Herzogen eine Unmöglichkeit sei, und durch eine solche nie eine dauerhafte Ruhe zu Stande kommen werde, indem schon der gemeinschaftliche Genuß der Einkünfte stets Anlaß zu Zwistigkeiten gab, wozu noch der beiderseitige Aufwand während der vorgängigen Streitigkeiten und Kriege, in Folge dessen die vielfältigen wechselseitigen Anweisungen auf die Einkünfte der gemeinschaftlichen Städte und Schlösser, dann die Verschiedenheit der Charaktere der Fürsten und ihre tiefgegründete Abneigung gegen einander kam. Der König als nächster Anverwandter des bayerischen Hause, fand es für nothwendig die Stelle eines Vermittlers zu übernehmen, und dabei unter den vorliegenden Umständen eine Theilung der Lande Bayerns vorzuschlagen, wie sie ehedem bestand. Der König lud daher die Herzoge
Ernst und Wilhelm auf eine Tag nach Ingolstadt zu den Herzogen Stephan und Ludwig. Aber auch dieser Sühnetag war wieder ohne Erfolg, denn die Herzoge Stephan und Ludwig wollten durchaus zu ihrem Theile München haben und den Herogen Ernst und Wilhelm dagegen Ingolstadt geben, „und etwas kleines dazu, da München um 8000 Gulden Geldes (Einkünfte) mehr denn Ingolstadt“ ertrage.
Nach diesem abermals gescheiterten ersuche wurden die Neckereien und Fehden gegenseitig wieder fortgesetzt. Herzog Ludwig nahm den Patrizier Rudolf, einen der von Herzog Ernst hochgehaltenen Münchener Verbannten, gefangen, und führte ihn nach seiner Veste Baierbrunn. Die beiden Verbannten Schluder und Schrenk, auf welche Herzog Stephan einen Preis von 80 Gulden gesetzt hatte, konnten nur mit Mühe, der Gefangennahme entgehen. Die Herzoge Ernst und Wilhelm nahmen diese Gewaltthat höchst übel auf, und übten als Repressalie Feindseligkeiten gegen Land und Leute aus, welche den Herzogen Stephan und Ludwig gehörten. Herzog Ernst nahm am Sonntag nach Michaeli 1402 die Stadt und Veste Wasserburg ein, Herzog Wilhelm eroberte Aichach, beide Städte und Vesten des Herzoges Stephan.
Unterdessen trat doch eine bessere Wendung der Dinge ein. König Rupert sendete im Monat August 1402 den Herzog Ludwig den Gebarteten als seinen Großbotschaften nach Paris; dortselbst sollte er durch seine Schwester, die Königin Isabella, bewirken, daß Frankreich die dem Geleazo Visconti von Mailand geleistete Hilfe, welche hauptsächlich den italienischen Feldzug scheitern machte, zurückziehe.
Herzog Ludwig, der sich in Paris mit Anna, Tochter des Herzogs Johann von Boubon und Wittwe des Don Peter von Montpensier, die ihm als Brautschatz eine Summe on 95,000 Turonen zugebracht, verheiratete, kam erst um Georgi 1403 wieder nach München zurück.
Diese lange Abwesenheit des heißblütigen und unversöhnlichen Herzoges wurde benüßt, um den verderblichen Zwistigkeiten der Herzoge endlich ein Ende zu machen. Am Sonntag nach Michaeli, - 1. Oktober 1402, - kamen die Herzoge Ernst, Wilhelm und Stephan, dann die Abgesandten des innern Rathes derer von München, sowie der Vertriebenen, zuerst in Ingolstadt zusammen. Schiedsrichter für Herzog Stephan war Johannes I, Dechant und Bischof zu Regensburg, ein natürlicher Sohn Stephans; Schiedsrichter für die beiden Herzoge Ernst und Wilhelm waren Arnold von Chamer und Mächselrainer. Obmann war Burggraf Friedrich von Nürnberg. Obwohl nun auch hier eine Vereinigung noch nicht zu Stande kam, so gedieh doch die Sachs so weit, daß zur definitiven Entscheidung der Streitigkeiten auf Mondtag vor Martini, - 6. November 1402,- ein Landtag nach Freising festgesetzt wurde.
Dahin kamen auch die Herrn. Wenn auch hier nach vierwöchentlichem Bemühen bei dem Widerstreben des Herzoges Stephan der Streit noch nicht geschlichtet ward, so kam man doch überein, die beantragte Landestheilung gänzlich dem Ausspruche von Vierundzwanzigen aus der Landschaft unterzustellen, und zwar mit der Bestimmung, daß, falls eine Partei dem Ausspruche sich nicht
Unterwerden würde, die Landschaft befugt und verpflichtet sei, den widerstrebenden Theil zur Verfolgung des Spruches anzuhalten. Zur Fassung dieses Spruches ward ein weiterer Tag auf Sonntag vor dem Christtag 1402, - 17. Dezember, - nach Ingolstadt festgesetzt.
An diesem Tage, - wobei jedoch die Abgesandten des inneren Rathes von München nicht erschienen, - erfolgte die Entscheidung der vierundzwanzig Schiedsrichter dahin, daß die bisherige gemeinschaftliche Regierung des Landes, welche der Zunder alles Uebels sei, aufgehoben und die Theilung vomJahre 1392 wieder hergestellt werde. Demgemäß erhielt Herzog Stephan den Antheil von Bayern-Ingolstadt, den er ehemals besaß, und die Herzoge Ernst und Wilhelm bekamen Bayern-München. In einer nochmaligen Zusammenkunft am 6. Jänner 1403 wurde festgesetzt, daß im Falle die Hauptstädte der beiden Theile, München und Ingolstadt, diesem Beschlusse widerstreben würden, derselbe mit Waffengewalt in Vollzug gesetzt werden sollte.
Somit war nun der langjährige Kampt zwischen den bayerischen Fürsten geendet, und die gemeinschaftliche Regierung, die in Oberbayern seit dem Jahre 1395 eingeführt war, wieder abgethan. Alle bayerischen Fürsten, mit Ausnahme des in Frankreichbefindlichen Herzogs Ludwig, unterwarfen sich diesem Spruche, und selbst Herzog Stephan erklärte in einer öffentlichen Urkunde, daß er die zwischen ihm und den übrigen Fürsten gepflogene Theilung gänzlich anerkenne und bekräftige.
Alle Städte huldigten nun ihren Fürsten, nur nicht München. Die Bürger von München verweigerten den
Herzogen Ernst und Wilhelm die Huldigung aus dem Grunde, weil sie ihnen ihre Freiheiten und Rechte in dem von ihnen gewünschten Umfange nicht bestätigen wollten. Schleunigst schickten die von München Botschafter an Herzog Ludwig nach Frankreich, um ihn nach Bayern zurückzurufen und sich zugleich bei ihm Raths zu erholen, was in dieser Lage für sie zu thun wäre. Zugleich aber beschlossen sie, sich zur Wehre zu setzten, da sie nach den Bestimmungen des Beschlusses vom 6. Jänner 1403 militärische Erekution zu befürchten hatten. Es wurde daher die Brücke, die in die neue Veste führte, abgeworfen und zwischen dieser und der Stadt Verschanzugen und Palisaden (eine „große Tüll“ nennt sie Georg Katzmair in seinem Gedenkbuche) errichtet, in die Stadtgräben wurde Wasser eingeleitet, die Thürme und Brustwehre wurden mit den damals schon im Gebrauch befindlichen Donnerbüchsen oder kleinen Kanonen besetzt, das Angerthor wurde geschossen und vermauert, *) und die Bürgerschaft bewaffnete sich.
Aber die Herzoge Ernst und Wilhelm riefen vertragsmäßig die Erekution der Landschaft an; rasch trat das ganze Land Bayern, selbst das Niederland untern Anführung des Herzoge Heinrich von Landshut und Johann von Straubing unter die Waffen. Mitten im Winter, im Monat Februar, rückten zwei Kriegsheere gegen die Stadt München heran, das eine unter Anführung
Der Herzoge Ernst und Wilhelm mit tausend Pferden gegen Mosach, und unter Herzog Johann mit tausend Pferden gegen Feldmoching, das andere Heer unter Anführung des jungen kriegslustigen Herzogs Heinrich von Landshut über Erding an den Gasteigberg. Am Mondtag den 26. Februar 1403 gelangte die Armee vor München, stürmte die Isarbrücken und schnitt der Stadt das Wasser in den Kanälen ab. Sechshundert Münchener Bürger machten dagegen einen Ausfall aus den Thoren, wurden aber zurückgeschlagen und mussten sich wieder in die Stadt flüchten. Am Aschermittwoch – 28. Februar – zogen die Heere abermals vor München, ohne daß jedoch diesmal die Münchner einen Ausfall machten, nur vier Büchsenschüße fielen in die Stadt. Ein Kampf fand an diesem Tage nicht statt, hingegen aber verbrannten die Belagerer alle Häuser und alle Mühlen um die Stadt, sowie alle aufgeschichteten Holzvorräthe. – Herzog Johann von Straubing zog nach einigen Tagen jedoch über die Isar wieder heim, ohne daß und die Ursache dieses Rückzuges bekannt ist.
Die Belagerung Münchens durch die anderen drei Herzoge, Ernst, Wilhelm und Heinrich dauerte bis zur Zurückkunft Herzogs Ludwig aus Frankreich im Monate April 1403 fort, jedoch ist über die näheren Umstände dieser Belagerung sowie deren Verteidigung keine sichere Kunde auf unsere Zeiten gelangt; jedenfalls scheint sich die Stadt München, obwohl von den Herzogen hart gedrängt und vom alten Stephan ihrem Schicksale überlassen,durch eigenen Kraft gehalten zu haben.
Herzog Ludwig genehmigte mittelst Urkunde, gegeben
Zu Aichach am 22. April 1403, die in seiner Abwesenheit gepflogene Landestheilung. Durch eine weitere Urkunde aber, gegeben zu München am nächsten Freitag nach St. Georgi 1403, erneuerte Ludwig mit der Stadt das alte Bündniß und verpflichtete sich auf eine eben so worttreue als ritterliche Weise, der Stadt beizustehen und sie zu vertheidigen, bis ihre wechselseitigen Streitigkeiten mit den Herzogen Ernst und Wilhelm entweder im Wege der Güte oder des Rechtes entschieden sein würden. Zugleich leitete Herzog Ludwig gütliche Unterhandlungen ein, und es wurde Burggraf Friedrich von Nürnberg von beiden Parteien als Schiedsrichter gewählt und aufgestellt.
Zu Freising am 31. Mai 1403 erfolgte sein Spruch: Alles, was zwischen den beiden Herzogen und er Stadt München in Kriegsweise vorgefallen, soll wechselseitig verziehen und dergestalt vergessen sein, daß keinem der Münchner Bürger diese Sache wegen von Seite der Herzoge je das geringste Leid widerfahre; würden die Herzoge diese Artikel nicht halten, so haben die Münchner das Recht, mit vereinter Kraft zu widerstehen. Die bisherigen Freiheiten der Stadt werden von den Herzogen bestätiget, namentlich das Recht, ihre Mitbürger selbst zu richten und zu strafen, und dieselben werden nur in der Stadt auf dem Rathhause von den eigenen Stadtrichtern gerichtet. Den bisher von dem Rathe bestraften und aus der Stadt verbannten Bürger soll ihre Strafe nachgelassen und sie in Gnade wieder aufgenommen werden; aber auch bürgern, welche in der Stadt nicht verbleiben wollen soll die Auswanderung an andere Orte nicht verwehrt werden.
Weiters sollen die Gefangenen losgegeben, die Schatzungen aufgehoben, die Eroberungen zurückgestellt, und die Befestigung der Stadt niedergerissen werden. Die Bürger von München entsagen ihrem bisherigen feindlichen Vereine gegen die Herzoge und erkennen dieselben als ihre gnädige Obrigkeit.
Diesem Spruche unterwarfen sich alle Theile.
Noch am nämlichen Tage – 31. Mai – sagten die Herzoge Stephan und sein Sohn Ludwig, jeder in einer besonderen Urkunde, die Stadt von ihren ihnen geleisteten Eiden los. Diese merkwürdige Urkunde lautet:
„Wir Ludwig von Gottes Gnaden, Herzog in Bayern ec. entbieten den Bürgern gemeiniglich, reichen und armen, der Stadt zu München unsern Gruß und Förderung. Liebe Getreue! wir lassen euch wissen von solcher Theilung wegen als unser lieber Vater Herzog Stephan und unsere lieben Vettern Herzog Ernst und Herzog Wilhelm unser Land jetzt miteinander getheilt haben. Nun ist München, und was dazu gehört, denselben unsern Vettern mit Theil angefallen nach der alten Theilbriefe Sag. Davon schaffen wir mit euch, und meinen auch ernstlich, daß ihr den obengenannten unsern Vettern und ihren Erben huldiget, schwört und gelobt, unterthänig, gehorsam und gewärtig zu sein als euern rechten Erbherrn, und wenn ihr das also thut und gethan habt, so sagen wir euch, euere Erbe und Nachkommen, euerer treuen Eide und Gelöbniß, der ihr uns vor dieser Theilung schuldig seid gewesen, für Uns und Unsere Erben gänzlich ledig und los mit gegenwärtigem Briefe, der gegeben und mit Unserem Insiegel versiegelt ist zu Freising am Sankt
Petronellen Tag anno Domini millesiomo quadringentesimo tertio.“
Die Entlassungs-Urkunde des Herzogs Stephan ist gleichlautend mit dieser.
An gleiem Tage bestätigten auch die Herzoge Ernst und Wilhelm von Freising aus den Bürger von München alle ihre bisherigen Freiheiten, Rechte, Gesetzte, gut Gewohnheiten, insbesondere das Rechtsbuch, den Brandbrief und alle anderen Briefe, „die sie von aller vergangenen Herrschaft, wie die genannt ist, also auch von den Herzogen Stephan und Ludwig bis auf den heutigen Tag gehabt haben.“
Am folgenden Tage, den 1. Juni 1403, ritten die Herzoge Ernst und Wilhelm in Begleitung des Burggrafen Friedrich von Nürnberg und des Herzoges Heinrich von Landshut in die Stadt München ein und empfingen den Huldigungseid von Seite der Bürger. Die Herzoge erhielten dabei nach Sitte der damaligen Zeit von dem Rathe das übliche Huldigungs-Geschenk, und es findet sich daher in den Stadtkammerrechnungen eine Ausgabe verzeichnet „um Wein und um Fisch, das man Herzog Ernsten, Herzogen Wilhelm, HerzogenHeinrich, dem Burggrafen von Nürnberg, und Herzog Ernsts Hausfrau schankt, da sie all miteinander von Freising nach München kamen.“
Bei so veränderter Sachlage konnte nicht fehlen, daß bald die Reaktion im Stadtregimente eintrat, und die alte Ordnung der Dinge wiederhergestellt wurde. Schon nach wenigen Tagen, am 15. Juni 1403, wurden neue Rathswahlen vorgenommen, wobei sämmtliche Vertriebene, unter
Ihnen auch Georg Katzmair, wieder in ihre Stellen eingesetzt wurden. Jene Männer, welche in diesen vergangenen unruhvollen Zeiten die Hauptfiguren gespielt hatten, die Dichtl, Jörgner, Lang, Mendelhauser, Poschel, Haldenberger ec. Und die bisher im innern Rathe saßen, mussten nicht nur abtreten, sondern es wurden besonders jene, welche die Gemeindekasse zu verwalten gehabt hatten, zur Verantwortung gezogen, und da es sich zeigte, daß die Stadt unter ihrer Verwaltung in große Schuldenlast gerathen war, wurden sie nicht nur zum Schadenersatze, sondern auch in Geld- und Gefägnißstrafen verurtheilt. Es zeigte sich selbst die Nothwendigkeit, die ganze städtische Verfassung einer gründlichen Revision zu unterwerfen, welche auch erfolgte und von den Herzogen Ernst und Wilhelm mittelst einer eigenen Urkunde unter dem Namen des sogenannten Wahlbriefes am Dinstage von St. Bartholomä 1403 – 21 August – bestätiget wurde. In dieser neuen magistratischen Verfassung ist von den etwas demokratischen geschworenen der Dreihundert gar keine Rede mehr, und die Redner der Gemeinde werden ausdrücklich abgethan.
So war endlich der Bürgeraufruhr in München, der sechs volle Jahre gewährt hatte, geendet; es war wieder Ruhe in München und für Bayern zurückgekehrt, aber die beiden Linien, Bayern-München und Bayern-Ingolstadt, blieben von nun an getrennt.
*) Das Angerthor blieb auch nach wiederhergestelltem Frieden zugemauert, und wurde erst wider eröffnet nach vier hundert Jahren am 25. Oktober 1806
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Bürger von München in der Schlacht von Alling. 1422.
Herzog Ludwig der Gebartete war, wie wir am Ende des vorigen Bildes gesehen, nachdem der langjährige Hader zwischen den Herzogen geschlichtet war, im Monate März 1405 wieder zu seiner königlichen Schwester nach Paris gereist.
Als nunmehr sein Vater, der alte Herzog Stephan, im Jahre 1413 gestorben war, kam Ludwig mit vielen Reichthümern, bis er nicht ohne Lebensgefahr aus Paris hinweggebracht hatte, wieder nach Bayern zurück. Am üppigen und ränkevollen Hofe von Paris hatte er die Kunst seiner Politik und Umtriebe, dabei aber auch die vollkommenste äussere Abgeschiedenheit und ein glänzendes Benehmen sich angeeignet, mit dem sich ungemessene Prachtliebe, unbändiger Stolz und leidenschaftliche Wildheit des Gemüthes paarte.
Mit Vorliebe nannte er sich von einer normänischen Graffschaft, die ihm mit der Aussteuer seiner Gemahlin zugefallen war, Graf von Mortain.
Sein unruhiger Geist gab bald nach seiner Zurückkunft Anlaß zu neuen Verwicklungen. Den vor zwanzig Jahren geschehenen Schiedsspruch hatte er immer noch nicht anerkannt, und noch immer gelüstete ihn nach dem schönen Fürstensitz tz München, Haß trug er daher gegen die Herzoge Ernst und Wilhelm von München, noch mehr aber war entrüstet gegen Herzog Heinrich von Landshut, welcher ihm die geforderte Zahlung einer jährlichen Entschädigung von achttausend Gulden für abgetretene Theile des Niederlandes Bayern verweigerte, und den er nur den er nur den „fahrigen Mörder Heinrich, der sich nennt von Bayern“ nannte, -- und gegen den Burggrafen Friedrich, welcher von Kaiser Sigmund die Mark Brandenburg um viermalhunderttausend ungarische Gulden erhalten hatte (wodurch er Stifter des gegenwärtigen königlichen preußischen Hauses wurde). Seit dessen Erhebung in seine neue Würde, wodurch er zugleich Kurfürst des Reiches geworden war, nannte Herzog Ludwig ihn nur den „Neu-Webel“.
Die Fürsten, fürchtend den unruhigen Geist Ludwigs, machten am 17. Februar 1414 zu Kelheim mit einander ein Schutz- und Trutzbündniß auf vier Jahre. Herzog Ludwig hielt sich zwar zur Zeit noch immer ruhig; jedoch entschlossen, dem Herzog Heinrich bon Landshut die Ortschaften, welche er bei der Theilung vom Jahre 1392 zu viel erhalten, um jeden Preis wieder abzunehmen, schloß er mit mehreren ausländischen Fürsten, z.B. mit dem Erzbischofe Eberhard von Salzburg und mit den Herzogen
Ernst und Friedrich von Oesterreich heimliche Bündnisse. Um diese Zeit vereingten sich auf 26 der vornehmsten und mächtigsten bayerischen Ritter, an ihrer Spitze Kaspar der Törringer, zur Vertheidigung ihrer alten Freiheiten gegen Jeden, der sie antasten würde, und seien es selbst ihre eigenen Fürsten,d ie Herzoge von Bayern. Am 5. Juni 1416 schlossen sie diesen Bund. Auf Herzog Ludwig ruhte der Verdacht, der Anstifter und eifrigste Unterstützer dieses Bundes zu sein, in der Absicht. Sich desselbern zu gelegener Zeit gegen Herzog Heinrich bon Landshut zu bedienen.
Eine Gelegenheit zum offenen Ausbruche des Zwistes und Kampfes ergab sich bald.
In Konstanz war eben das berühmte Concilium, berufen von Kaiser Sigmund, versammelt, dahin begaben sich die Herzoge von Bayern; auch Ludwig der Bartige war daselbst erschienen. In einer öffentlichen Sitzung des Conciliums im Monate Mai 1417 kam Herzog Ludwig mit Herzog Heinrich in einen Streit, forderte von Letzterem die Ortschaften zurück, die er noch immer unrechtmäßigerweise besitze und nannteihn einen Räuber, einen Bluthund, einen Bastaden. Heinrich verklagte ihn nun beim Kaiser sowohl dieser Beschimpfungen wegen, als auch wegen Landfriedensbruches, weil Ludwig die ungesetzliche Vereinigung der Bayerischen Ritterschaft vom 5. Juni vorigen Jahres angestiftet habe. – Nach mehreren Verhandlungen in dieser Sache entschied das im Hause des Bischofes von Passau sitzende Fürstengericht am 19. Oktober 1417, daß Herzog Heinrich so lange im Besitze der von Ludwig angesprochenen Ortschaften zu belassen sei, als Letzterer nicht besseres Recht nachweisen könne.
Am folgenden Tage, den 20. Oktober, waren Kaiser Sigmund und die Fürsten bei einem Gastmahle bei dem Bischofe von Passau versammelt. Hier kam es wieder zwischen den Herzogen Heinrich und Ludwig zu einem scharfen Wortwechsel und zu beiderseitigen Schmähungen, so daß ohne des Kaisers und des Kurfürsten Friedrich Dazwischentreten sie beide sogleich an Ort und Stelle zum Zweikampf geschritten wären. Stürmisch entfernte sich Heinrich, rief aber beim Fortgehen noch unter der Thüre mit lauter Stimme dem Herzog Ludwig zu: „Seit du nichts als fechten willst, dir soll des Fechtens noch satt werden, das laß ich dich bestehen.“ Eilig versammelte er seine Genossen, und lauerte zu Pferde dem Abends nach Hause kehrenden Ludwig auf, fiel ihn ungestüm an und versetzte ihm mit dem Schwerte mehrere Hiebe, so daß Ludwig schwer verwundet vom Pferde zu Boden sank. Blutend wurde er von seinen Dienern in ein nahes Haus getragen.
Heinrich aber entfloh mit seinen Genossen, Georg von Burgau und Kurt von Reischach aus der Stadt. Nur auf flehentliches Bitten seines Schwagers, des Kurfürsten Friedrich, dr vor dem Kaiser auf die Kniee fiel, ließ dieser sich besänftigen so daß nicht die Reichsacht wieder Heinrich, als Conciliumsfrevler, ausgesprochen wurde.
Nur langsam genas Herzog Ludwig zu Konstanz von seinen Wunden. Dann aber, es war im Monate Juni 1418, ging er Rache brütend in sein Land zurück, und trat dort sogleich in offenen Bund mit Kaspar dem Törringer und dessen Rittern und Genossen.
Auf Seite des Herzogs Heinrich aber standen die beiden Herzog Ernst und Willhelm von München, Herzog Johann von Straubing und vor allem der Kurfürst Friedrich von Brandenburg. Bezeichnend für die damalige Zeit sind die Schmähbriefe, die sich die Fürsten einander zuschrieben, so daß wir uns nicht enthalten können, unsere Lesern Stellen hieraus zur Probe mitzutheilen:
„Du entrischer Mann,“ schrieb Ludwig an den Kurfürsten, „welchen der Kaiser unverdient zu einem Markgrafen gemacht.“
„Du lügenhafter, schändlicher Mensch,“ antwortete der Kurfürst, „der du dich einen Grafen von Mortan nennst in einem Lande, wo du dich nicht mehr sehen lassen darfst, wie bist du zu deinen heiligen Bildern, zur französichen Krone, zu andern Schätzen gekommen?“
„Du hochgemachte unentliche Edelmann,“ erwiederte Ludwig, „du lügenhafter Markgraf,du schäbiger Hund, du Glossirer der Lüge zur Wahrheit, der Ehre ist an deinem ganze Leib nicht so viel, dass man damit eine Bolz füttern könnte. Wollte ich englisch werden, ich wollt die Grafschaft Mortan bald wieder haben; aber es fällt mir sauerer als die, des Nutzens wegen zu den Feinden eines Wohlthäters überzutreten.“
Am 4. Februar 1419 sagte der Kurfürst dem Herzoge Ludwig ab und nun begann der Krieg. Mit Anfang des Jahres 1420, loderte die Kriegsflamme in Bayern, dießseits und jenseits der Donau, in Schwaben, in Franken und in der Oberpfalz. Beide Theile wütheten brennend und raubend in den gebieten des Gegners.
Nachdem nun am Anfange des Jahres 1421 Herzog
Ludwig sich nach Bayern gewendet hatte, und in den Heinrich Kraiburg, Trostberg, Rosenheim, Traunstein, Erding, Neumarkt unzählige Dörfer und Ortschaften in Flammen aufgingen, erklärten am 10. April 1421 die Herzog Ernst und Wilhelm den Krieg, in welchem leider auf beiden Seiten bayerische Fahnen wehten. Die Münchener hzogen nach Bayerbrunn, welches Herzog Ludwig durch Kauf erworben hatte, nahmen es ein, und machten das Schloß dem Boden gleich; von da wendeten sie sich zu den Schlössern Nanhofen, Lichtenberg und Schwalben, welche gleichfalls dem Herzog Ludwig gehörten, eroberten und verbrannten sie. Herzog Heinrich von Landshut aber fiel in die schwäbischen Ortschaften Ludwigs ein, nahm sie gleichfalls ein und verbrannte sie, und erfüllte diese Gegenden mit schauderhaften Gräuel der Verwüstung.
Dem Kaiser Sigmund gelang es zwar, einen Waffenstillstand herzustellen, der von Mondtag nach Kreuzeserhöhung bis Weihnachten 1421 dauerte: einen dauerhaften Frieden aber zu erreichen und den ungesättigten Haß de feindlichen Verwandten zu zähmen oder zu mäßigen, vermochte er nicht. Kaum war die Waffenstillstandsfrist abgelaufen, stand mit Anfang des Jahres 1422 wieder aller unter den Waffen. Selbst die fürchterlichen Verheerungen der Hussiten, welche über den bayerischen Wald her eingebrochen waren und ganz Bayern bedrohten, sowie die Bemühungen des Kaisers Sigmund, welcher von Nürnberg aus Boten an den Herzog Ludwig mit der Weisung sandte, die Fehden abzustellen und vereint mit ihm gegen die hussitischen Ketzer zu Felde zu ziehen,
Waren nicht im Stande, dem unheilvollen Grimme der Herzoge Einhalt zu thun.
Da beschloßen die Herzoge Ernst, Wilhelm und Heinrich, mit vereinten Kräften zusammen zu wirken, ihre Kriegsmacht auf die möglichste Höhe zu bringen, und dann mit einem einzigen Schlagediesem langen erderblichen Kriege ein Ende zu machen. Vor allem aber mussten zwei feste Waffenplätze Ludwigs, Friedberg und Wasserburg genommen werden, da diese beiden Orte die gewöhnlichen Anhaltspunkte für die Kriegsoperationen Ludwigs bildeten. Die Herzoge sammelten daher um die Sonnenwende 1422 bei Rain ein Heer von 3000 Pferden und 900 Wagen. Bei diesem Heere waren besonders die Münchener Bürger, an ihrer Spitze die Hauptleute der vier Münchener Stadtviertel, Hanns Barth, Lorens Schrenk, Franz Dichtl und Franz Pütrich, zahlreich und wohlgerüstet erschienen, denn die Stadt hatte schon viele wackere Büchsenmeister und Konstabler in ihrem Solde, die Meister Dantz, Niklas und den Konrad Läufft von Amber; der Hanns in der hintern Schwabingergasse machte ihnen fleißig Pulver, und ihre Feuerpfeile, Feuerstrahlen und glühenden eisernen Kugeln, sowie ihre große Donnerbüchse, „die Stächlerin,“ waren gefürchtet.
Das wackere Heer zog vor Friedberg, da drangen die vier Münchener Hauptleute in ihren Herzog Wilhelm auf schleunigen Sturm. Sie schrieben an den Rath zu München, „er solle ihnen schnell eine städtische Sturmfahne schicken mit dem Münnich (Mönch), daß sie desto lieber anlaufen möchten.“ Das geschah auch. Nun begann der Sturm. Trotz eines rasenden Widerstandes,
Und obwohl Ludwigs Pfleger, der Marschall Peter von Stumpfsberg sich mit ausserordentlicher Tapferkeit wehrte, wurde Friedberg von den tapferen Münchener Bürgern erstiegen.
Durch diesen Erfolg ermuthiget, von keiner Mühsal ermüdet, vor keiner Gefahr erschrocken, rüsteten die Münchener eine neue Schaar aus, und es ging der Zug derselben nun gegen die mit unbeugsamer Standhaftigkeit an Ludwig festhaltende Stadt Wasserburg, das sie am 22. August 1422 einschlossen und ebenfalls die Belagerung begannen.
Schon hatten die Münchener aus ihren Feuerschlünden 1400 steinerne Kugeln in die Stadt Wasserburg hineingeschleudert, die Mauern und Thürme waren an mehreren Orten beschädiget, und ungeachtet das ungebeugten Muthes der Wasserburger war ihre Stadt schon in der größten Gefahr. So aufs äußerste bedrängt, beschloß Herzog Ludwig rasch einen großen Handstreich zu wagen, München zu überrumperln, die Fürsten gefangen zu nehmen, und so den Krieg mit einem Schlage zu beenden, selbst aber wieder in den Besitz des ersehnten Münchens zu gelangen. Ludwig rechnete dabei vorzüglich auf die alte Zuneigung der Münchener gegen ihn, sowie darauf, daß die Festungswerke de Stadt, welche bei dem großen Brande vor vier Jahren hart gelitten hatten noch in üblen Zustand seien. Allein er hatte sich getäuscht, eben dieser Brandt hatte eine völlige Umstimmung der Münchener gegen ihn gewirkt. Ein altes Weib nämlich, das damals als Mordbrennerin aus der Stadt gestäupt worden war, hatte ausgesagt, von den Edelherrn und Anhängern Herzog Ludwigs hiezu gedungen worden zu sein. In Folge dessen herrschte daher in München gegen Herzog Ludwig nunmehr Erbitterung.
Unbemerkt zog bereits Hanns Wessenacker, einer der Hauptleute des Herzogs Ludwig mit 700 Pferden auserlesener Krieger aus dem Gebirge am Starnbergersee herab; Herzog Ludwig und sein Sohn, Ludwig der Bucklichte waren mit ihren Rittern und Volk von Ingolstadt her gegen München angerückt, und lagerten schon zwischen der AMper und de Würm unweit Fürstenfeld.
Die Münchener hatten von der ihnen so nahe drohenden Gefahr bis zum frühen Morgen des Donnerstages 17. September 1422 gar keine Ahnung. Da erblickten die Thürmer plötzlich die Flammen der brennenden Dörfer Pasing, Germering, Gauting und Aubing, und gaben das Feuerzeichen. Die erschrockenen Münchener sahen von der Wällen die Feuersäulen dieser Dörfer, welche die Feinde in Brand gesteckt hatten. Es ertönten nun in München die Sturmglocken und rasch erhob und sammelte sich die ganze Bürgerschaft und trat in Waffen, gepanzert und wohl gerüstet mit Lanzen, Schwertern, Armbrüsten und Pfeilen, in Fähnlein eingetheilt und unter Anführung tüchtiger Hauptleute; ihnen trug man vor die alten Banner der Stadt. Es erschienen zu Roß und mit ritterlicher Rüstung die edlen Geschlechter de Stadt, unter ihnen Loren Schrenk, Franz Dichtl, Hans Barth, Hans Pütrich, die Diener, Potschner, Gießer, Ligsaltz, Ridler, Hunderpfund und andere mehr, dazu noch viele ehrenfeste Ritter, voran Kaspar der Torrer von
Eurasburg, und Bartholomä Stapfer von Wessobrunn, ein riesenmäßiger, verwegener Mann, in allen kriegerischen Händeln zu Hause, der geharnischt von rückwärts in den Sattel sprang, mit zwei Schwertern zugleich fecht und dazu brüllte wie zwölf Stiere; ferner die Ritter Fritz von Wolfstein, Johann von Geblitz, die Preising, Closner, Eglofsheim, Stein, Zangberg, Königseck, Billenbach, Helfenstein, Adelzhausen, Uhelfinge, Eberheim, Leutenbeck und Hohenrainer; ferner von Neumarkt der Pfalzgraf, die beiden jungen Fürsten Erzherzog Albrecht und Johann von Brandenburg, der Starnberger Pfleger Engelschalk und der Burgvogt von Grünwald. – Ihnen schlossen sich an die Bauern der nächstgelegenen Dörfer, dem Aufrufe der Herzoge freudig folgend, und die Flüchtlinge der von dem Feinde besetzten oder brennenden Ortschaften, bewaffnet mit Schwertern und Spießen, mit Morgensternen, Kolben und Picken.
An der Spitze der ganzen zahlreichen und mannhaften Heeresmacht standen die Herzoge Ernst und Wilhelm, und der junge Herzog Albrecht, Herzog Ernst´s Sohn, ein damals sechsundzwanzigjähriger Jüngling, eben derselbe, der später durch seine Liebe zur unglücklichen Agnes Bernauer bekannt wurde; die Ritterschaft stand unter Anführung des oben genannten Kaspar dem Torrer von Eurasburg.
Am Samstag den 21. September früh Morgens um fünf Uhr hörten die Fürsten in der St. Lorenzer-Hofkirche die heilge Messe.
Unterdessen aber war Hans Wessenacker schon unmittelbar vor die Stadt gerückt, und gedachte das Angerthor zu übefallen und mit einem raschen Anprall einzunehmen. Aber seine Krieger wurden von den Münchner Bürgern mit einem Hagel von Geschossen von den Mauern herab empfange; zu gleicher Zeit stürzten ihm die um ihr Panier geschaarten Geschlachtgewandtner (Tuchmacher) entgegen, die andern Zünfte stürmten mit ihren Schwertern und Helleparten ungestüm nach, so daß Wessenacker diesem gewaltigen Andrange keinen wirksamen Wiederstand entgegensetzen konnte, und sich daher flüchtend auf das Hauptheer zurückzog.
Nun brachen auch die Münchener auf und folgten ihm auf dem Fuße nach; „Maria, reine Maid!“ war das Feldgeschrei.
Unweit München, zwischen Menzing und Pasing, trafen die beiden feindlichen Heere zusammen, als eben Ludwigs Reiter über einen Bach setzten wollten, um die Münchener unvermuthet zu überfallen. Mit heißem Ungestüme griffen die Schaaren der Münchener die Schlachthaufen Ludwigs an, und warfen sich mit solcher Kraft auf die selben, daß schon die ersten Reihen der Feinde durchbrochen und geworfen wurden. Es war ein schrecklicher Kampf, Mann focht gegen Mann mit äußerster Erbitterung:
„Nu chomen die mit reichem Schall
Die hochgepormen Fürsten all,
Do sah man ritterliche that
Von den Fürsten an der stat
Ir swerter vil ser erklungen“,
heißt es in einem gleichzeitigen Gedichte über diese Schlacht.
Während dieses Kampfes begab sich aber, daß sich der
Junge Prinz Albrecht auf seinem Pferde in Verfolgung eines Feindesbanners zu tief in das Schlachtgewühl gewagt hatte, und sich nun allein unter dem dichtesten Feindeshaufen befand. Umsonst aber war all sein kühner Heldenmuth und sein starker Arm, mit dem er ringsum die Feinde niederschlug; die Menge derselben war ihm überlegen, er wurde von diesen umringt und in dem Gedränge nicht mehr gesehen. Da drang, um seinen Sohn zu retten, Herzog Ernst ungestüm in die feindlichen Reihen, bahnte sich mit Kolbenschlägen einen Weg durch dieselben über Haufen von Leichen, rechts und links die Feinde niederwerfend, bis er endlich seinen Sohn errechte und ihn befreite.
Die Schlacht währte noch den ganzen Tag, jedoch wurde an diesem Tage der Sieg nicht entschieden. Ermüdet von dem heißen Kampfe, denn „es war ein gar rasches Schlagen,“ lagerten die Münchener auf dem Walfelde, und die Nacht deckte die schlummernden Kämpfer, sowie die Todten und Verwundeten mit ihrem Schleier. Herzog Ludwig aber hatte sich mit seinen Schaaren gegen Germering und Alling zurückgezogen.
Kaum war aber der folgende Tag, Sonntag 22. September angebrochen, so begann die Schlacht von neuem. Gleicher Erbitterung wie am vorigen Tage, gleicher Heldenmuth von beiden Seiten! Auf Herzog Ernst´s Anordnung griffen die Bauern mit ihren Pichen und Morgensternen die beiden Flügel des feindlichen Heeres an; die Ritterschaft aber umging den linken Flügel des Feindes, und drang in denselben ein, alles vor sich niedermetzelnd. Während dem durchbrach der Münchener Bürger
Tapfere Schaar das Centrum der feindlichen Schlachtordnung. Hier war es, wo die Münchener Tuchmacher sich durch Tapferkeit auszeichneten, und zum Gelingen des umsichtigen Planes wesentlich beitrugen. Dadurch war aber der Sieg für die Herzoge entschieden. Allgemeine wilde Flucht riß in die Schaaren Ludwigs ein; wer sich nicht retten konnte, ward erschlagen oder gefangen, Herzog Ludwig selbst floh knirschend.
Noch am selben Abende zogen die Herzoge mit den siegreichen Bürgern in München unter dem Frohlocken und Jauchzen des Volkes wieder ein, zweihundert feindliche gefangene Ritter mit sich führend. Ulrich Ungerathen war der einzige namhafte Rittersmann, der auf den Münchener Seite blieb.
Der Schlag war entscheidend für Ludwig den Gebarteten; er war gezwungen, sich nun bittend an den Kaiser zu wenden, der eben in Regensburg Hof hielt. Sigmund nahm sich auch des unglücklichen Herzogs Ludwig an, und am 20. Oktober wurde in feierlicher Versammlung der Stände der Frieden geschlossen, gemäß welchem beiderseits alle eroberten Orte zurückgegeben werden mussten.
Von diesem blutigen Kampfe soll der Sage nach der Name Blutenburg herrühren, welchen das Schloß in Obermenzing noch des heutigen Tages führt.
Um Gott für den erhaltenen Sieg und für die Rettung seines Sohnes zu danken, oder wie eine andere Sage erzählt, in Folge eines Gelübdes, welches er that, als er zum Kampfe auszog, ließ Herzog Ernst der „reinen Maid“ am Schlachtfelde, und zwar auf einem Hügel an der Straße, eine Viertelstunde von Alling entlegen, am Parsberge genannt, ein Kirchlein nebst einem daranstoßenden Benefiziatenhause erbauen, das den Namen Hoflach erhielt. Zum Andenken an diesen Sieg ließ er in dieses Kirchlein ein großes Bild malen. Dieses ist noch vorhanden, aber leider ist der Maler unbekannt, der es gefertiget. Auf diesem an der rechten Kirchenwand befindlichen, 22 Fuß langen und beinahe 8 Fuß hohen Gemälde thront in der Mitte die allerseligste Jungfrau Maria mit dem Christuskinde auf dem Arme, die Hand segnend gegen die Herzoge Ernst, Wilhelm und den jungen Albrecht erhebend, welche vor der Gottesmutter im andächtigsten Gebete knieen, von Kopf bis zu Füßen gepanzert und mit Waffenrocken, auf denen das bayerische Wappen, angethan. Hinter den Herzogen steht in riesiger Gestalt der heilige Georg, der Schutzpatron des bayerischen Hauses, mit der Kreuzesfahne, die Hand dem Herzoge Wilhelm auf die Schulter legend. Auf ihn folgt der Bannerträger mit der großen herzoglichen Fahne. Dann kommt , in dichte Reihen geschaart, ebenfalls kniend, die gesammte Ritterschaft, die am Kampfe Theil genommen hatte, kenntlich durch ihre kleinen Wappenschilde, welche an der Hals- und Schulterbedeckung angebracht sind. Der erste gleich nach dem Herzoge Wilhelm ist Johann von Gedlitz, dann folgen die Eglofsheim, Zangberg, Hohenrain, Adelzhausen, Rohrbach, Closen u. f. m. Nach den Rittern kommen, geführt von einem Bannerträger mit dem Münchener Stadtwappen, die Schaaren der Münchener Bürger, an ihrer Spitze die ebenfalls durch Wappenschilde kenntlichen
Geschlechter, die Barth, Ligsalz, Gießer, Püttrich, Diener u. f. w. Die meisten derselben sind ebenso gekleidet und bewaffnet wie die Ritter. Dann folgt eine Anzahl Armbrustschützen und den Hintergrund füllt der mit Hellebarden und Spitzen aller Art bewehrte große Haufen der Landleute. Auffallend ist, daß unter den Rittern auf dem Gemälde das Wappen der Torrervon Eurasburg nicht vorkömmt, wahrscheinlich ist er in Folge einer späteren Restauration des Bildes durch Unkenntniß des Uebermalers verschwunden.
Wie schon erwähnt, hatten sich in dieser Schlacht unter den Münchener Bürgern besonders die Tuchmacher hervorgethan; noch bewahren sie zum Denkzeichen an ihre damals bewiesene Tapferkeit ein Schlachtschwert, Helleparten und andere Waffen, die sie in dieser Schlacht einem Anführer und Reisigen des Herzogs Ludwig des Gebarteten abgenommen haben, und heutzutage noch tragen sie bei der alljährlichen Fronleichnamsprozession diese alten Waffen mit sich herum, und eröffnen den Zug.
Sind auch diese Brüderkämpfe ein trauriges Bild in den Blättern der bayerischen Geschichte: der tag von Alling bleib immer ein ruhmvolles Andenken der tapferen Münchener Bürger.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das Rathhaus
Über die Zeit der Erbauung des Rathhauses fehlen alle urkundlichen Nachrichten, doch müssen wir als sicher annehmen, daß das Haus, wo die Bürger „ob der Stadt Geschäft und ob ihren Sätzen“ sitzen wollten, gleichzeitig mit der Entstehung des Rathes der Stadt gegen Ausgang des dreizehnten Jahrhundertes erbaut wurde. Nur der Rathhausthurm ist älter; er war eines der vier Stadtthore und hieß früher „Thalbruckthor“, Dieses ursprüngliche Rathhaus stand aber an der nämlichen Stelle, wo jetzt noch das große Rathhaus sich befindet; das älteste Saalbuch der Stadt vom Jahre 1444 bemekt nur: „Es ist zu wissen, daß die Stadt vor langen Jahren des Rathhauses einen Theil gekauft, gebaut und zuwegen bebracht hat, immer darher.“
Als sich nach und nach die Stadt vergrößerte, und die Rathsgeschäfte sich vermehrten, genügten die bisheringen Gebäulichkeiten nicht mehr, und mussten daher nicht nur ein grooßer Saal sür die Gemeindeversammlungen hergestellt, sondern auch das Gebäude erweitert werden. Das
Rathhaus bereitete sich auf diese Weise nun links und rechts des Raththurmes aus. Dieses erfolgte wahrscheinlich im Jahre 1415. Zur weiteren Vergrößerung erkaufte der Magistrat im Jahre 1443 das Haus Nr. 3 gegenüber der Sakristei der St. Peterskirche, in welchem sich gegenwärtig das städtische Archiv befindet, um die Summe von zweihundert Pfund Münchener Pfennigen von Hans Eugenbeck, Kaplan, und Peter und Hans den Schludern, Lehensherr der Gollierskapelle auf dem Marktplatze. Dieses Haus was also in alten Zeiten Eigenthum der Familie Gollir.
Im Jahre 1460 brannte der Raththurm in Folge eines Blitzstrahles beinahe ganz ab, wobei auch das Rathhaus stark beschädiget wurde. Das Fragment einer Münchener Chronik von 1460 – 1468 schreibt hierüber folgendes:
„Des Raththurms Brunst, Somstag vor Aegidi
Anno 1460.
„Item an derselben Samstag-Nacht um eins nach Mitternacht schlug das Wetter in den Raththurm und anfeuerte sich, und verbrann daselbst das ganze Dachwerk, das Zinnwerk verfloß alles, und die Glocke zerging einestheils, und der Knopf fiel herab auf die Gassen; und belag das Feuer auf dem ersten Boden, der war mit Ziegeln gepflastert und ward daselbst das Feuer aufgehalten, daß es von Gottes Gnaden nicht weiter kam. Item die Bäche waren dieselbe Zeit abgelassen und gingen nicht in die Stadt; aber es regnete gar vast (Sehr), und man machte am Markt ein Geschwell, daselbst wurde das Regenwasser und alles Brunnwasser aufgehalten, und man schöpfte alle
Brunnen an der Kaufingergasse, am Rindermarkt, am Markt und anderwärts, damit das Wasser zufloß.“
In Folge dieses Brandes wurde das ganze Rathhaus erweitert, vollendet und ausgestattet, dann um das Jahr 1470 – 1474 der große Rathhaussaal in seiner gegenwärtigen Gestalt mit seinem großartigen Tonnengewölbe von Holz hergestellt. Der Wappenfries in demselben und die Statuetten, welche in den Zwischenräumen auf Postamenten ruhen, sind von dem Schnitzermeister Erasmus Graßer verfertiget. Die Narrengestalten schreiben sich bon einem glanzvollen Tanzbankett zu Zeiten Herzog Christophs des Kämpfers her, und sind wahrscheinlich die wirklichen Conterfeie von Lustigmachern bei fraglichem olling oder Halsbach, der Stadt Maurer und Baumeister und Erbauer der Frauenkirche und der Kreuzkirche. Zugleich erhielt der Raththurm bei diesem Neubau ein neues Zinndach mit acht Wimpergen, und eine „reisende Hor zum Läuten.“ Der äußee Theil des Thurmes wurde von dem Maler Ulrich Füterer bemalt.
So blieb das Rathhaus bis zum Jahre 1778, wo es unter dem Stadtoberrichter Michael von Bergmann durch den Maler Augustin Demmel aus München auf der Aussenseite gelb in Gold mit gemalten Pilastern und üppigen Blumen- und Fruchtgewinden auf jene Weise ausgeschmückt wurde, wie wir solches bis zu der im Jahre 1863 geschehenen Renovation gesehen haben.
Der Rathhaussaal war Jahrhunderte lang der Vereinigungspunkt der magistratischen Geschäfte und Verhandlungen, insbesondere solcher, bei welchen man größerer
Räumlichkeiten bedurfte. Dem Wahlbriefen vom Jahre 1403 zufolge musste der alljährlich neu erwählte innere Rath, nachdem er bei Hofe dem Landesfürsten geschworen hatte, alsogleich den äußern Rath erwählen, und hiezu die Gemeinde auf den Rathhaussaal besenden, wo der äussere Rath vor der Gemeinde zu schwören hatte, wie es der innere vor der Herrschaft gethan, worauf entgegen die Gemeinde dem gesammten Rathe den Schwur leisete.
Eben so wurde der große Rathhaussaal zur Erhebung der Stadtsteuer, die am Anfange des fünfzehnten Jahrhundertes 2000, in manchen Jahren sogar 3000 Pfund Pfennige betrug, verwendet. Nach den Vorschriften des Wahlbriefes wurde in jedem Jahre die Bürgerschaft auf das Rathhaus berufen, um die Erhebung der Stadtsteuer zu berathen und zu bewilligen. War dieses geschehen, so begannen die drei Steuereinnehmer die Erhebung der Stadtsteuer öffentlich im Rathhaussaale, indem die Steuerfahne, auf welcher nach der Stadtkammerrechnung vom J. 1409 ein Scherge gemalt war, ausgehangen wurde, und die Frohnboten hierauf von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse gingen, und einem Jeden sagten; „daß er steuere, man sitz´ an der Steuer.“
Auch die militärischen Einrichtungen wurden auf dem großen Rathhaussaale berathen. Dort geschah die Wahl und die Verpflichtung der Hauptleute der Bürgerwehr, dort pflog man die Berathungen, wenn ein Kriegszug nothwendig wurde, was sehr häufig der Fall war, wie wir in einem der vorhergehenden Abschnitte über das Kriegswesen und die Fehden Münchens gesehen haben.
Hier versammelte sich auch die Gemeinde zur jährlichen Ablage der Kammerechnung. Die Stadtkämmerer ließen nämlich die täglichen Einnahmen und Ausgaben durch den Stadtschreiber in ein eingenes Tagebuch, welches man Memorial nannte, eintragen und für jedes Jahr eine eigene Kammerrechnung stellen, welche Rechnungen vom Jahre 1396 bis 1430 noch vorhanden sind. Die jährliche Abrechnung der Kämmerer geschah öffentlcih im großen Rathhaussaale, es waren dabei die beiden Bürgermeister, mehrere innere und äussere Räthe, die künftigen Kämmerer und die Steuereinnehmer gegenwärtig; zudem wurde die ganze Gemeinde dazu einberufen. Alle Anwesenden mußten schwören und auf ihren Eid bestätigen, „daß die Kämmerer ehrbarlich wiederraitet, und der Stadt ein gut Genügen gethan haben,“ was sodann von dem Steuerschreiber als Gegenschreiben am Schlusse der Rechnung vorgemerkt wurde.. Hierauf wurde im Rathhause ein fröhliches Kammermahl auf Kosten der Kammerrechnung gehalten, wobei alle Anwesenden Theil nahmen. Die abtretenden Kämmerer erhielten ein Badegeld, und die untergeordneten Bediensteten das sogenannte letzte Geld, d. h. kleine Trinkgelder. Blieb dann allenfalls eine Baarschaft übrig, so wurde dieselbe sogleich den neuen Kämmerern übergeben, Häufig aber verschlang das Kammermahl den letzten Rest der Baarschaft, und dann hieß es am Schluße der Kammerrechnung: „Residuum consumtum est in prandio,“ d. h. „der Rest wurde beim Kammermahle verzehrt.“ Glückliche Zeit, wo noch nicht die Feder eines Ritters von der rothen Dinte, Revisor genannt, dagegen grundgescheidte Revisionsnotaten ergehen ließ, und das harmlose Kammermahl abstrich; Manchmal kam es aber
Auch vor, daß zu diesem nichts übrig blieb; so hatte der Stadtkämmerer Pütrich im Jahre 1371 so viel auf die innere und äußere Dekoration des Rathhauses verwendet, daß nicht einmal mehr die Summe von drei Pfund Pfenningen für das Kammermahl übrig war. Erst seit dem 17. Jahrhunderte, als schon eine unromantische und nüchterne Zeit angebrochen war, unterblieben diese Mahlzeiten.
Wie kurz und bündig aber man in jener Zeit alle Rathsgeschäfte abmachte, wie wenig man überhaut im Gegensatze zu unserer heutigen Vielschreiberei damals zu schreiben pflegte, beweist der Umstand, daß inhaltlich der Stadtkammerrechnung im Jahre 1424 beim Magistrate nicht mehr als sieben Buch Papier angeschafft und verbraucht wurden!
In dem großen Rathhaussaale wurden auch dem neuen Landesherrn die Erbhuldigungen abgelegt, worauf die feierliche Bestätigung der hergebrachten Rechte und Freiheiten erfolgte. Herzog Wilhelm V (1580) und Kurfürst Karl Albrecht (1727) nahmen sie hier persönlich entgegen; die Kurfürsten Max Emanuel (1680) und Maximilian Josef III (1747) aber ließen sie von einer Kommission, an deren Spitze der Hofrathspräsiden stand, vollziehen; die Erbhuldigungen für Maximilian I (1598) und Ferdinand Maria (1650) waren in der Residenz abgelegt worden.
Die Landstände versammelten sich, so oft sie hieher berufen wurden, gleichfalls zu ihren Berathungen auf dem Rathhaussaale, bis sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundertes ein eigenes Haus auf dem Marienplatze, das erst in neuester Zeit abgebrochene Regierungsgebäude erwarben.
Allein nicht blos zu amtlichen Zwecken, sondern auch zu Erholungen und Vergnügungen wurde dieser große Saal benützt. Zur Fastnachtszeit, bei vornehmen Hochzeiten der Fürsten oder der Patrizier, bei anderen festlichen Gelegenheiten, z. B. bei der Anwesenheit fremder fürstlicher Personen wurden Bälle, Tafeln, Schauspiele und andere Kurzweil in demselben gegeben, so daß er in den Rechnungen häufig als „Tanzhaus“ bezeichnet wird; von seinen Fenstern aus sahen die Fürsten, der Adel und die Damen den auf dem Platze unten stattgefundenen Turnieren oder anderen Aufzügen zu. Ja selbst in späterer Zeit finden wir solche Benützung dieses Saales. So veranstaltete ein Herr von Duclos mit Erlaubniß des Bürgermeisters von Schobing im Jahre 1716 daselbst die erste Redoute. Der letzte Ball, der in diesem Saale gegen wurde, war jener Freiball, welchen im Jahre 1789 die Bürgerschaft zur Feier der Rückkehr des Kurfürsten Karl Theodor veranstaltete.
Im Jahre 1760 sehen wir sogar ein Theater in dem großen Saale errichtet, Mit Bewilligung des Magistrates und gegen Entrichtung einer Summe führten die Stadtmusiker darin während der Fastenzeit sogenannte Passionstragödien auf, und ward dazu eine Bühne, Orchester, ein Parterre mit zweiundzwanzig gesperrten Logen, worunter zwei Fürstenlogen, nebst Garderobe- und Ankleidezimmer hergestellt. Eine Truppe franzöischer Schauspieler hatte im Jahre 1761 die Erlaubniß erhalten, in diesem Saale Vorstellungen zu geben. Nochmals wurde derselbe im Jahre 1827 von einer Gesellschaft Adelicher zu theatralischen Vorstellungen in französischer Sprache zum Besten der Armen benützt.
Aber auch zu anderen weniger erfreulichen Zwecken diente der große Rathhaussaal. War in alten Zeiten ein Verbrecher zum Tode verutheilt, so hing aus dem Mittelfenster der westlichen Facade vor der Hinrichtung ein rothes Tuch heraus, von diesem Fenster aus wurde dem armen Sünder das Todesurtheil nochmals verlesen und der Stab über ihn gebrochen. Von eben diesem Fenster aus aber schmetterten auch die Trompeten und wirbelten die Pauken bei den Ziehungen des in neuerer Zeit glücklich heimgegangenen Lotto.
Nicht minder traurig waren aber auch die Stimmen des Aufruhres und der wilden Leidenschaft, welche diesen Saal durchtosten, in den Jahren 1397 – 1403, wie wir bereits in dem vorhergehenden Abschnitte erzählt haben, war dieser Saal Zeuge der heftigen Kämpfe der Bürgerschaft Münchens gegen ihre Herzoge und des Umsturzes des bisherigen Stadtregimentes durch die demokratische Partei. Die Ccenen des Jahres 1848, wo eben dieser Saal von einer entfesselten tobenden Menge angefüllt war und von ungezügelten Reden und wüstem Geschrei seine Wände erzitterten, ist noch in unser Aller Andenken!
Doch – wir hoffen – solche trüben Erinnerungen tönen nur mehr aus verklungenen Zeiten. Möge dieser Saal sich nur mehr öffnen zu den Segnungen des Friedens und der Bürgereintacht!
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Sage vom Raubritter Diez von Schaumburg. 1337
Ritter Dietz von Schaumburg, ein sehr tapferer und Kühner Mann, hatte im Heere des Kaisers Ludwig gedient; weil er aber von diesem, der nicht immer gut bei Kassa war, den rückständigen Sold von einigen hundert Pfenningen nicht erhalten konnte, verlegte er sich aufs Rauben. Dieses Handwerk war in den damaligen Zeiten unter der Ritterschaft sehr gewöhnlich, und es ging damals allgemein der Spruch:
Reiten und Rauben ist keine Schande,
Das thun die Besten in dem Lande.
Diez von Schaumburg trieb aber sein Unwesen zu arg, so daß die Reichsstädte Augsburg, Nürnberg, Donauwörth und Rothenburg auf seine Befehdung drangen, weil er Kaufleuten aus diesen Städten auf ihren Waarenzügen angegriffen und ausgeraubt hatte.
Endlich wurde der Schaumburger samt seinen vier Knechten von den Münchener Bürgern lebendig gefangen und nach München gebracht. Alle wurden zum Tode der Enthauptung mit dem Schwerte verurtheilt; schon waren die fünf Verurtheiten auf dem Marktplatze in München nebeneinander gestellt, um von dem Henker gerichtet zu werden. Da stellt Diez von Schaumburg die Bitte, der Kaiser wolle diejenigen Knechte, an denen an denen er nach abgeschlagenem Kopfe der Länge nach noch vorbeilaufen könne, begnadigen. Der Kaiser bewilligte es. Als hierauf dert Hencker dem Diez von Schaumburg den Kopf abgeschlagen hatte, lief dieser ohne Kopf an allen vier Knechten vorrüber, worauf der entseelte Körper zu Boden fiel. Die vier Knechte wurden begnadigt, der Leichnam des Schaumburgers an Ort und Stelle begraben, wo er noch liegt.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Kindsmarter. 1345
Am 26. Mai 1345 wurde zwischen den Neuhauser- und Unseres Herrn Thor ein todtes Knäblein mit ungefähr sechzig Wunden bedeckt gefunden. Der Hergang dieses Mordes blieb unbekannt, aber im Volke entstand der Glaube, dieses Kind sei von den Juden so schändlich gemartert und getödtet worden, daher man es mit großer Prozession in die Stadt zum Begräbnisse auf den Freithof brachte. Auf dem Platze aber, wo dasselbe gefunden wurde, errichtete man eine Veitkapelle, zu der dann ein ungeheurer Zulauf geschah und bei dieser Gelegenheit eigene Hütten Essen und Trinken errichtet wurden. Kaiser Ludwig jedoch, der Unfug nicht duldete, befahl die Kapelle Am 26. Mai 1345 wurde zwischen den Neuhauser- und Unseres Herrn Thor ein todtes Knäblein mit ungefähr sechzig Wunden bedeckt gefunden. Der Hergang dieses Mordes blieb unbekannt, aber im Volke entstand der Glaube, dieses Kind sei von den Juden so schändlich gemartert und getödtet worden, daher man es mit großer Prossesinin die Stadt zum Begräbnisse auf den Freithof brachte. Auf dem Platze aber, wo dasselbe gefunden wurde, errichtete man eine Veitkapelle, zu der dann ein ungeheurer Zulauf geschah und bei dieser Gelegenheit eigene Hütten Essen und Trinken errichtet wurden. Kaiser Ludwig jedoch, der Unfug nicht duldete, befahl die Kapelle
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Ermordung des Herzogs Konrad von Teck. 1348
Am Hofe des Kaisers Ludwig befand sich Herzog Konrad von Teck, ein Anverwandter des herzoglich würtenbergischen Hauses. Derselbe war früher innerster Rath des Markgrafen Ludwig von Brandenburg gewesen, wusste aber durch Klugheit und Tüchtigkeit in allen Geschäften die Freundschaft des Kaisers so sehr zu gewinnen, daß dieser ihn zum Hauptmann (Statthalter) von Oberbayern ernannte. Konrad von Teck besaß eine Wohnung in der Nähe des Isarthores. Aus Rücksicht auf seine einflussreiche Stellung bei Hofe ließ ihm die Stadtgemeinde München zu seiner Bequemlichkeit ein eigenes Thor durch einen Stadtthurm und die Stadtmauer brechen, welche über den äusseren Stadtgraben führte, damit er leichter zu seiner Wohnung gelangen konnte. Dieses Thor hatte von dem nahegelegenen Färberhause im Jahre 1337 den Namen Färberthor, wurde aber später das Teckenthor, und die dahin führende Gasse die Teckengasse – heut zu Tage „Sterneckergäßchen“ – genannt. In der heutigen Westenriederstrasse gelegen, wurde es später nach dem Tode des Herzogs von Teck wieder vermauert und erst im Jahre 1867, bis wohin es noch erkennbar war, mit der dortigen Stadtmauer abgebrochen. Herzog Konrad von Teck hatte insbesondere im
Jahre 1333 dem Kaiser Ludwig wichtige Dienste geleistet, denn als der Kaiser wegen der ihm von Frankreich und dem Pabste angesonnenen provisorischen Niederlegung der Krone, bis er vom Banne losgesprochen sei, Verhandlungen mit dem Herzog Heinrich bon Niederbayern in Landshut pfleg, folgte ihm Herzog Konrad von Teck dahin, und wirkte durch seine Klugheit und List so vortheilhaft für Kaiser Ludwig, daß dieser verderbliche und hinterlistige Projekt wieder zerfiel. Dadurch eben aber scheint sich der Herzog von Teck den Haß der päbstlichen Partei zugezogen zu haben, der seinen Untergang herbeiführte.
Damal lebte in München Ritter Schwitker von Geundelfingen, Rath und Hofmeister des Herzogs Luwig von Brandenburg und seines Bruders Stephan, und zugleich Pfleger von Wolfratshausen und Landsberg, welcher in dem sogenannte Gundelfinger- später Törringerhofe in der Fürstenfeldergaße wohnte. Dieser, sowohl im vermeintlichen Interesse des Pabstes und des Landes, als auch wahrscheinlich aus Privatgeschäßigkeit, da ja der Herzog von Teck früher ebenfalls Rath des Herzoges Ludwig von Brandenburg gewesen war, beschloß den Herzog von Teck zu ermorden. Eines Tages, es war am 6. April 1348, als Letzterer sich in Angelegenheit seines Kaisers in der Behausung des Markgrafen Ludwig von Brandenburg am Ruffinithurm, - heut zu Tage Nr. 12 am Rindermarkt, - befand, trat Ritter vonGundelfingen vor ihn und stach ihn mit seinem Schwerte nieder. – Dem Mörder geschah aber ob dieser That nichts, vielmehr findet man ihn noch lange später in hohen Ehren und Ansehen am Hofe.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Ein Ritterkampf
Im Frühjahre 1370 kämpften zu München an einem Tage abends die beiden Ritter Diepold Guß von Güffenberg und Seitz von Altheim auf Leben und Tod. Der Seitz von Altheim durchbohrte dabei Ersterem den Unterleib in der Nabelgegend, so daß derselbe augenblicklich starb.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Zwei Hunde am Galgen.
Im Jahre 1423 wurde ein Jude wegen eines Verbrechens, das uns die alte Chronik nicht nennt, zum Tode verurtheilt, und auf dem sogenannten Galgenberge vor der Stadt an der Landsbergerstrasse gehenkt. Mit ihm führte der Knecht des Scharfrichters zwei Hunde mit auf den Richtplatz, welche zum Hohn und Spotte und natürlich auch zur Ergötzung des Publikums zu beiden Seiten des Juden gleichfalls gehenkt wurden.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die schöne Urschel von Wolfratshausen
Im Jahre 1426 kam ein junges Mädchen von ausserordentlicher Schönheit, genannt die schöne Urschel, von Wolfratshausen nach München. In kurzer Zeit hatte sie die gesammte Männerwelt der Stadt dermaßen entzückt, daß nicht nur unter den Münchener Mädchen und Frauen, sondern auch unter den Münnern selbst eine Eifersucht und Unruhe entstand. Ein Herr von hohem Stande soll sogar über ihren Anblick so sehr verzaubert gewesen sein, daß er, um ihre Gunst durch reiche Geschenke zu erlangen, geheiligte Kirchengegenstände an Juden verkaufte. Plötzlich verschwand die schöne Urschel von Wolfrathausen und der hohe Herr, und man hat nichts mehr von ihnen gehört.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der begnadigte Dieb
Im Jahre 1427 hatte ein Dieb Leintücher von der Bleiche weggestohlen, und wurde deshalb zum Tode verutheilt. Da der Dieb ein junger und hübscher Bursche war, fühlten alle schönen Frauen der Stadt Mitleid und baten um Gnade. Der galante Stadtrath ließ sich von ihrem Flehen erweichen und begnadigte den Verbrecher, der dann nur aus der Stadt verwiesen wurde.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Fürstlicher Uebermth
Der erstgeborne Sohn des Herzogs Albrecht III, Johann, geboren im Jahre 1437, war ein lebhafter junger Mann, muthig und kühn in verschiedenen Wagnissen, der sich aber eben dadurch manchmal zu unbesonnen und übermüthigen Handlungen hinreissen ließ. So wurde im Jahre 1457 ein Raubritter Wilhelmer, der oftmals die reisenden Kaufleute Münchens und Augsburgs auf der Straße angefallen, geplündert und geschädiget hatte, endlich von den Münchener Bürgern gefangen und als Straßenräuber zum Tode verurtheilt. Schon wurde er zur Richtstätte auf den Galgenberg geführt, als der zwanzigjährige Prinz Johann mit seinen Gesellen heran ritt und den ritterlichen Räuber aus der Mitte der Schergen befreite.
Im folgenden Jahre 1458 zogen die Münchener Bürger gegen zwei Straßenräuber, den Hans Kistler und Hans Rögglin, welche reisende Augsburger Kaufleute überfallen und ausgeplündert hatten, aus. Er gelang den Münchener Schützen, diese beiden Missethäter in ihre Hände zu bekommen, jedoch nur den Ersteren lebendig, da der Zweite im Angriffskampfe todt geblieben war. Hans Kistler wurde zum Galgen verurtheilt, und dem todten Hans Rögglin sollte noch der Kopf abgeschlagen werden. Da ritt Prinz Johann an der Spitze von fünfzig jungen Adeligen heran, und rettete den Hans Kistler mit Gewalt vom Galgen.
Wie unausgebildet und verwirrt die aristokratischen Begriffe damaliger Zeit waren, ersieht man daraus, daß man in adeligen Kreisen diese That als eine ritterliche pries.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Agnes Bernauer. 1431 – 1435
Die bekannte Geschichte der Agnes Bernauer gehört nicht zur Geschichte der Stadt München, und es werden daher auch die verehrlichen Leser dieses Buches, welche die Aufschrift dieses Abschnittes wohl etwas verwunderlich angeblickt haben, damit unbehelligt bleiben, Aber München blieb der Verlauf dieses bedauerlichen Vorfalls keineswegs ganz fremd, und wir werden daher einige Episoden anführen, die in unserer Stadt sich zutrugen und von denen die Stadtkammerrechnungen melden.
Im Jahre 1431 wurden einigen Bauern – die Rechnungen benennen den Ort nicht – ihre Pferde von einem gewissen Münchhauser und seinen Gesellen entwendet. Münchhauser, der deshalb verfolgt wurde, flüchtete sich in die alte Veste nach München und behauptete, er habe diese Pferde auf Befehl der Herzogs Ernst genommen. Da dem Stadtoberrichter aber eine Jurisdiktion über Personen, die in der herzoglichen Burg sich befanden,
Nicht zustand, so sendete der Magistrat einen Boten nach Straubing an die Herzoge um Verhaltungsbefehle, „worüber die Bernauerin gar zornig war.“ Doch brachte der Bote gnädige Briefe von der Herrschaft, worauf der Münchhauser in die Schergenstube gebracht und im folgenden Jahre hingerichtet wurde.
Im Jahre 1434 wurde eine Weibsperson, Namens Aicherin und ihre Gespielin, eine Bettlerin von München, verhaftet, wie sie, wie es in der Rechnung heißt, „die jungen Bürger von München verschrieben hat gegen (zu Gunsten) die Bernauerin.“ Die Aicherin wurde aus der Stadt verbannt.
Die Gemahlin des Herzogs Wilhelm hatte ihm im Jahre 1434 ihren ersten Sohn, Adolf, geboren, der aber bald nach der Geburt starb. Die Münchener beschuldigten nun die Bernauerin, sie habe diesen Prinzen hinterlistigerweise vergiften lassen, um allenfalls ihren Kindern, wenn sie solche bekäme, die dereinstige Thronfolge zu sichern. Dieser Verdacht war aber wohl ein ungegründeter, vielmehr scheint dieser Prinz schon sehr schwächlich zur Welt gekommen zu sein. Als nämlich im Monate März 1434 ein Hofdiener dem Bürgermeister Ligsalz, als Vorstand des Rathes, die Nachricht meldete, daß die Herzogin niedergekommen sei und einen schönen Sohn gewonnen habe, sendete der Magistrat München sogleich einen Boten mit der Stadt Brief zu Herzog Wilhelm, der eben nicht in München war, um ihm von dem erfreulichen Ereignisse Kunde zu bringen. Hier ist nun in der Stadtkammerrechnung die Bemerkung beigefügt: „wir wollen sehen, ob dieser Knabe bis zum Schluße
Dieser Rechnung noch leben wird.“ Diese Bemerkung scheint auf die sehr schwächliche Beschaffenheit des Kindes hinzudeuten, wodurch dessen baldiger Tod zu befürchten war, und damit wäre jeder Verdacht eines boshaften Verbrechens von Seite der Bernauer ausgeschlossen.
Die Schwester des jungen Herzogs Albrecht, die Prinzessin Beatrix, vermählt an Herzog Johann von Amber, scheint über das Liebesverhätniß ihres Bruders mit de Agnes Bernauer sehr aufgebracht gewesen zu sein, was aus zwei Stellen der Stadtkammerrechnung hervorgeht. Als nämlich die Herzogin Beatrix im Jahre 1431 nach München kam, und ihr der Magistrat den üblichen Ehrentrunk brachte, heißt es darin: „daß sie mit Herzog Albert genug zornig war von Frauen Ressen wegen, der hoch- und großfürstlichen Bernauerin wegen.“ Auch in dem Jahre 1434 brachte der Münchener Stadtmagistrat der Herzogin Beatrix wieder den Ehrentrunk, „als sie hier war im Advent und geschaut unsere gnädige Frauen Herzogs Wilhelm Gemahlin, und thät ihr etwas Zorn von ihres Bruders Albert wegen, dass der nicht auch eine schöne Frauen hätt.“
Im Monat September 1435 starb Herzog Wilhelm zu München. Der Magistrat schickte sogleich einen Boten mit der Stadt Klagebrief nach Moosburg zu Herzog Ernst. Bald hierauf reiste Bürgermeister Ligsalz mit Herzog Ernst nach Kelheim, wo die Fürsten und Herrn eine Unterredung hatten wegen Herzog Ludwig dem Gebarteten, „um der Bernauerin wegen.“ Der nächstfolgende Rechnungsvortrag nach diesem meldet schon den
Tod derselben mit folgenden Worten: „item 60 Pfennige haben wir bezahlt nach Rathgeschäft unseres gnädigen Herrn Herzog Ernst Boten zur Ergötzung seiner müden Beine, daß er reschlingen (schnell) von Straubingen her war geloffen, und die Mähre brachte, dass man die Bernauerin gegen Himmel hat gefertiget, Sonntag nach Gallus 1435.“ Der Magistrat München schickte darauf einen Boten nach Landsberg, um dem daselbst eben weilenden Herzog Ernst zu verkünden „den Untergang der Bernauerin in der Donau zu Straubing hinz der Brücke zu St. Peter im Kirchlein.“
Herzog Albrecht war wegen dieser That gegen seinen Vater Herzog Ernst so erzürnt, dass er sich nach Ingolstadt zu seinem Vetter Herzog Ludwig dem Gebarteten, dem alten Feinde seines Hauses, begab, seinem Vater absagte und den Krieg erklärte. Deshalb ließ nun der Magistrat München einen feierlichen Gottesdienst halten, um „da Herzog Albrecht sich etwa gegen seinen Vater Herzog Ernst richtete, Gott zu bitten, daß er sich gnädig niederließe.“ – Der Magistrat sendete ferner die Räthe Peter Rudolf, Lorenz Schrenk und Ludwig Wilprecht nach Ingolstadt, um Herzog Albrecht mit seinem Vater zu versöhnen, und verkündigte der auf das Rathhaus berufenen Bürgerschaft, daß Herzog Albrecht sicheres Geleit habe, um nach München zu kommen. Noch vor dem Schluße des Jahres 1435 erhielt der Magistrat die Botschaft, daß Herzog Albrech mit seinem Vater ausgesöhnt sei, „doch war es dennoch nicht eine ganze Richtigung,“ fügt die Stadtkammerrechnung hinzu.
Als sich Herzog Albrecht im Monat November des folgenden Jahres 1436 mit Anna, Prinzessin von Braunschweig, vermählte, sind in der darauf bezüglichen Rechnung die Worte beigefügt: „des sollen wir alle froh sein, daß wir nicht wieder eine Bernauerin gewonnen haben.“
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Anekdoten über Herzog Albert III. (dem Frommen) von Bayern
(Aus einer alten Handschrft.)
„Herzog Albrecht ist gewesen gar ein barmherziger Herr und ist auch vast (sehr) gütig gewesen gegen arme Leut. Das hab ich zu einemmale gesehen und gehört, daß ein arme alte Wittib kam für ihn, und klagt ihm über einen Richter, dadurch sie beschwert wär, und sprach aus ihrer Einfalt: „Edler Herr, edler Fürst! Ich bitt´, Euer Gnad wolle mir mein Wort reden, wann ich hab´ sonst Niemands. Ich hab dem Richter geschenkt ein halbs Schaff Haber und ein Hafen mit Schmal; noch will er kein Genügen haben und kümmert mich arme Wittib. Ich getrau, Euer Gnad wolle mir mein Wort reden.“ Da sprach er zu der Wittib gar gütlich: „Liebe Frau, soll ich euer Wort reden?“ Da sprach sie: „Ja, edler Herr, edler Fürst!“ Da berieth sich der obgenannte Herr und Fürst und ward in Rathweise erkannt, daß man den Pfleger sollt setzen von der Pfleg, darum, daß er dem
Richter solches gestattet hätt´, und dem Richter soll man abhauen seine Hand, mit der er dem Fürsten den Eid geschworen hätt´und von der armen Frau die Schankung genommen. Aber darum, daß er ein gütiger Herr war, ließ er dieß alles aberbitten; nur der Richter ward allein abgesetzt von dem Amt, und die arme Frau schuf er müßig.
Item der obgenannte Fürst und Herr stach oft mit Worten etlich seiner Räthe die da Allfanz und Schankung einnahmen, als hernach geschrieben steht.
Es kam einmal ein armer Mann zu Seiner Gnaden, und schankt ihm einen Gulden; deß wollt er nit nehmen, wann er keine Schankung einnahm, und sprach zu dem armen Mann: „Geh und gib den Gulden dem,“ und nennt ihm einen seiner Räthe und sprach; „sag ihm nicht von mit.“ Der arme Mann gab den Gulden dem Rath, den nahm er zu Hand und half dem armen Mann vast, und rufet vast an den Fürsten von seinetwegen. Da sprach der Fürst: „Hätt mir der Bauer einen Gulden geschenkt, wie dir, so wollt ich ihm auch ehrlich helfen.“ Also ward er zu Schanden, da er mocht sein nicht gelangen; doch sprach er, er wollte drum nicht unrecht thun. Aber seiner Gnaden Meinung war, es könne der nicht ganz gerecht sein, der Schankung nähm, da er wäre allweg dem geneigt, der ihm die Schankung gäb, ob er vielleicht auch unrecht hätte.
Der obgenannt hochgeboren Fürst nahm auch strafe an von armen Leuten. Als dieweil er noch war ein junger Fürst, da kam zu ihm und seinen Räthen ein armer Mann, und klagt ihm sein anliegende große Not. Dem Fürsten ging das nit vast zu Herz, und er luget (sah) stetig zu einem Fenster aus. Da sprach der arme Mann: „Herr! Euer Auslugen ist mein groß Verderben, wann ihr sollt merken auf meine Klag, die ich Euern Gnaden thu, damit mir geholfen würde und ich nit also verfürb.“ Der Fürst nahm das von ihm gar gütiglich auf und die Räthe lobten den Bauern, daß er dem Fürsten die Wahrheit hätt gesagt. Der Fürst richtet sich auch nach dem Bauern Worten, und luget nit also mehr zum Fenster, so arm Leut für ihn kamen.“
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das erste Pferderennen in München
Herzog Albrecht III hatte zur Gemahlin Anna, Tochter des Herzogs Erich von Braunschweig. Dieselbe trug großes Verlangen, die in ihrer Heimat üblichen Pferderennen wieder einmal zu schauen, und der Herzog sowohl als der Magistrat beeilten sich, ihren Wunsch zu entsprechen. Es wurde daher zur Zeit der Jakobidult 1448 ein Pferderennen angestellt, welches das erste ist, welches in München gehalten wurde.
Wir besitzen zwar keine nähere Beschreibung dieses Festes mehr, hingegen aber befindet sich noch im Münchener Stadtarchiv die Anordnung zur Abhaltung desselben, die wir hiemit unsern freundlichen Lesern mittheilen.
„Ordnung des Rennen im Jahrmarkt zu München anno 1448
„Item Konrad Eglofsteiner, Kammermeister und Otto Pienzenauer, Hofmeister, Unserseits, und zwei des Rathes derer von München, die sollen Hauptleut sein ob dem Rennen und alle Sach ordnen.
„Item des Morgens früh, als man rennen will, desselben Tags soll man die Pferde vor die benannten Hauptleut bringen an eine benannte Statt in ein Haus. Da sollen die Pferde eigentlich beschrieben werden, was jegliches sei, was Farbe es hab, und sollen dann mit Unserem Secret versiegelt werden, und jegliches versiegeltes Pferd soll in den Toppel (Topf) an dem Tuch geben einen ungarischen Gulden, oder einen rheinischen. Sich darum zu bedenken.
„Item es soll der Scharlach auf dem Rennen bei der Streu ausgestruckt werden, und der Sperber auch dabei stehen, und das Armbrust hangen, und auch die Sau dabei angebunden sein.“ (Dieß waren also die ausgesetzten Preise).
„Item es soll auch aufgesteckt werden, wo und wie fern der geraisig Zeug soll halten.
„Item es soll auch die Statt gezeigt werden dem Fußvolk enthalb der Planken in den Aengern, und an denselben Enden soll Jedermann zu Roß und zu Fuß reiten und gehen, auch da bleiben und nicht serrer (weiter), bei großer Pön und Straf.
„Item es sollen auch Leut dazu geordnet werden, als oft ein Pferd, als oft ein Mann, deren jeglicher auf sein Pferd soll luegen (schauen), in welcher Zahl zum vordersten er gelaufen sei, daß man sie nach derselben Zahl wisse nacheinander eingehen zu lassen.
„Item es soll auch Niemand unterrennen noch zusprengen nach den laufenden Rossen, nicht unter dem Weg reiten noch gehen, und nicht irren, bei großer Pön und Straf.
„Item es sollen auch Leut dazu gegeben werden, die die laufenden Pferd dort aussen bei dem Ziel anlassen und unpartheiisch sind. Und soll Niemand bei dem Anlassen hinaus reiten noch gehen, dann die dazu gehören, und deren ein Nothdurft dazu ist; und die, deren die Pferde sind, sollen auch nicht bei dem Anlasen sein, sondern nur ihre Knechte dabei haben.
„Item, wie die Pferd herein laufen, eines nach dem andern, also sollen sie nacheinander herein gehen bis für die Herberg, da das Pferd steht, das das Tuch gewonnen hat. Und soll das vorderste Pferd das Tuch gewinnen, das andere darnach den Sperber mit seiner Zugehörung, das dritte das Armbrust, und das letzte Pferd die Sau.
„Item es sollen auch die Pferde alle gar herein bis über die Streu gerennt werden.
„Item und was die vier Hauptleut mehr Leut zu ihnen dazu bedürfen, die sollen sie nehmen ohne Schicken und Schaffen von Unserm Hofgesind und Burgen, wer ihnen dazu gefällt, wo es Noth thut, und in allen Dingen gute Ordnung machen.
“Item die Fräulein um das Barchenttuch zu laufen, soll dieselbe Ordnung redlich gehalten werden; und angelassen mit dem Laufen, und allen Sachen sollen die Hauptleut des Rennens sein auch gewaltig.“ (Also war mit dem Pferderennen auch ein Wettrennen von jungen Mädchen verbunden, denen zum Preise ein Barchenttuch ausgesetzt war.)
„Item was mehr Nothdurst zu den Sachen, zu ordnen und zu bestellen sei, das sollen und mögen die vier Hauptleut von Unser Seits auch thun nach dem Besten,
Damit solches alles gerichtlich und mit guter Ordnung zugehe und ausgerichtet werde.“
Dieses erste Pferderennen wurde vom Neuhauserthore aus auf der Straße nach Feldmoching hin gehalten.
Von dieser Zeit an wurde in München alle Jahre ein Haupt-Pferderennen zu Jakobie bei Gelegenheit der Dult gegeben. Von München aus wurden diese Pferderennen schon in den nächsten Jahren nach Augsburg verpflanzt.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Herzog Christoph der Kämpfer
Herzog Albrecht III. war am 28. Februar 1460 gestorben und hatte 5 Söhne hinterlassen. Unter diesen war Christoph, geboren am 5. Juni 1449, ritterlichen Sinnes, ruhmbegierig und feurig und im Kampfe und Ritterspiele, sei es im Ernste oder zum Schipfe, that es ihm keiner zuvor. Zugleich war er, obgleich unscheinbar von Gestalt, von ungewöhnlicher Leibesstärke.
Noch heut zu Tage liegt in einem Hofe der Residenz zu München an einer Kette ein gewaltiger Stein, mehr als drei Zentner schwer, den er weithin schleuderte, und an der Wand darüber stecken drei Nägel, deren obersten, zwölf Schuh über dem Boden, er im Sprunge mit dem Fuße herabgeschlagen hatte. Die zum Andenken hieran an einer steinernen Tafel angebrachten Verse lauten:
Als nach Christi Geburt gezehlet war
Vierzehn hundert neun und achtzig Jahr,
Hat Herzog Christoph hochgeborn,
Ein Held aus Bayern auserkorn,
Den Stein gehebt von freyer Erd,
Und weit geworfen ohngesehrd.
Wiegt dreyhundudert bier und sechzig Pfund,
Das giebt der Stein und Schrift Urkund.
Drey Nägel stecken hie vor Augen,
Die mag ein jeder Springer schaugen,
Der Höchste zwölf Schuh von der Erd,
Den Herzog Christoph ehrenwerth
Mit seinem Fuß herab thät schlagen.
Kunrad lief bis zum andern Nagel,
Wohl von der Erd zehnthalb Schuh,
Neunthalb Philipp Springer luef,
Bis zum dritten Nagel an der Wand.
Wer höher springt, wird auch bekannt.
Dieses geschah im sogenannten alten Hofe, an dessen Eingange der Stein zum Andenken lag. Erst Kurfürst Maximilian I. ließ die drei Nägel, den Stein sowie die Tafel in das neue Residenzgebaude versetzen.
Einen Beweis seiner Mannlichkeit und Tapferkeit gab Herzog Christoph auf der Hochzeit Herzog Georgs des Reichen in Landshut mit Hedwig, Tochter des Königes Kasimir III. von Polen im Jänner 1475. Eine Beschreibung dieses Festes gibt uns ein Augenzeuge der Hochzeit, der damalige Klosterschreiber von Seligenthal, Hans Seibold von Hochstetten. Mit nie gesehener Pracht und Herrlichkeit und maßlosem Aufwande wurde dieses Beilager in Landshut gehalten. Es kamen dahin Kaiser Friedrich mit seinem Sohne Maximilian, ferner Herzog Albrecht Achilles von Brandenburg nebst vielen andern Kurfürsten und Fürsten des Reiches,
Den Stein gehebt von freyer Erd,
Und weit geworfen ohngesehrd.
Wiegt dreyhundudert bier und sechzig Pfund,
Das giebt der Stein und Schrift Urkund.
Drey Nägel stecken hie vor Augen,
Die mag ein jeder Springer schaugen,
Der Höchste zwölf Schuh von der Erd,
Den Herzog Christoph ehrenwerth
Mit seinem Fuß herab thät schlagen.
Kunrad lief bis zum andern Nagel,
Wohl von der Erd zehnthalb Schuh,
Neunthalb Philipp Springer luef,
Bis zum dritten Nagel an der Wand.
Wer höher springt, wird auch bekannt.
Dieses geschah im sogenannten alten Hofe, an dessen Eingange der Stein zum Andenken lag. Erst Kurfürst Maximilian I. ließ die drei Nägel, den Stein sowie die Tafel in das neue Residenzgebaude versetzen.
Einen Beweis seiner Mannlichkeit und Tapferkeit gab Herzog Christoph auf der Hochzeit Herzog Georgs des Reichen in Landshut mit Hedwig, Tochter des Königes Kasimir III. von Polen im Jänner 1475. Eine Beschreibung dieses Festes gibt uns ein Augenzeuge der Hochzeit, der damalige Klosterschreiber von Seligenthal, Hans Seibold von Hochstetten. Mit nie gesehener Pracht und Herrlichkeit und maßlosem Aufwande wurde dieses Beilager in Landshut gehalten. Es kamen dahin Kaiser Friedrich mit seinem Sohne Maximilian, ferner Herzog Albrecht Achilles von Brandenburg nebst vielen andern Kurfürsten und Fürsten des Reiches, Die Krone des ganzen Festes war aber nach Sitte alter Zeit das Turnier. Die Ritter schimmerten im Glanze ihrer Rüstungen; ihre edlen Rosse waren mit Silber und Edelsteinen geziert und deren Decken von Damast oder Sammt. Der Bräutigam selbst eröffnete das Turnier mit scharfer Lanze gegen den Ritter Hans von Bodmann.
Unter den fremden Gästen war auch ein Ritter aus Lublin in Polen. Von ungewöhnlich großer und starker Leibesgestalt, Stolzes und Hochmuthes voll, war er zur Hochzeit gekommen, um den Waffenvorzug polnischer Nation gegen die deutsche Ritterschaft zu Ehren seiner Fürstin und seines Volkes zu vertreten und zu wahren. Mit fast königlicher Pracht war er erschienen, sein Roß, welches er ritt, hatte sogar silbernen Hufbeschlag. Als er nun des Turnierens der deutschen Ritter zusah, spottete er dessen und nannte es ein Kinderspiel, forderte dagegen alle Fürsten und Grafen zu einem scharfen Rennen mit ihm auf, und setzte einen Preis von 1000 fl. für den aus, der ihn besiegen würde. Allein Niemand fand sich, der es mit ihm aufnehmen wollte; die riesenhafte Gestalt des Polen schreckte Alle. Darüber war der Bräutigam, Herzog Georg, sehr betrübt und er wendete sich an den Kaiser Friedrich mit der Bitte, Er möchte allen deutschen Fürsten zu Ehren an Herzog Christoph von Bayern sein kaiserliches Begehren stellen, mit dem Polen zu kämpfen. Der Kaiser willigte ein, sandte sogleich nach Herzog Christoph und redete diesen, wie uns J. J. Fugger berichtet, dessen Handschrift sich auf der k. Staatsbibliothek in München befindet, mit folgenden Worten an: „Lieber Herr Oheim und Fürst Christoph. Wir haben von Euer
Starke und Gewandtheit sehr viel gehört, nämlich daß Ihr der mannlichste Fürst und zu dem Ritterspiel des Rennen und Turnieren der geschickteste und beherzigste sein sollt, und weil solches gute Lob von Euch allenthalben an aller Fürsten Höfen ausgebrochen und erschollen ist, und dieser Polack einen so großen Uebermuth wider die deutschen Fürsten so verächtlich treibt, wäre Unser gnädigstes Begehren an Euer Lieb, daß Jhr der Deutschen Ehre retten und erhalten, auch ein Fürst gebotener 1000 fl. gewinnen soll, und Herr Vetter Herzog Georg der Bräutigam noch heimlich 1000 fl. dazu verehren will, darum Wir Euch gut sein wollen, denn Wir wollen immer der Deutschen Ehre von Euch gern erhalten sehen."
Ueber dieses kaiserliche Begehren ward Herzog Christoph so von Kühnheit bewegt, daß er die Hand des Kaisers ergriff und sogleich zusagte, den Kampf mit dem Polen innerhalb zwei Tagen zu bestehen. Es wurde nun mit dem Polen bestimmt, daß solches Rennen ein freies Treffen ohne allen Vortheil sein, und der Sieger den ausgesetzten Kampfpreis von 1000 fl. erhalten solle.
Am bestimmten Tage erschien der Kaiser sammt seinem Sohne Maximilian, und mit allen Fürsten, Grafen und Herren, dann die fürstliche Braut mit allen Frauen und Fräulein als Zuschauer. Jn die Bahn ritten ein Herzog Christoph auf einem Schimmel, und der Pole auf einem Wallachen. Da begehrte Christoph, daß sie beide zuvor von ihren Pferden absteigen sollten, damit Jedermann sehe, daß der Verabredung gemäß dieses Rennen ein freies ritterliches und ohne allen Vortheil sei. Zugleich mit diesen Worten sprang Herzog Christoph vom
Rosse in seiner vollen Rüstung herunter, worüber, der Pole sehr erschrocken war und sich weigerte gleiches zu thun. Allein Herzog Christoph bestand auf seinem Verlangen, und siehe da, der Pole mußte sich erst die Riemen lösen und die Bünde aufschneiden lassen, mit denen er auf sein Pferd gebunden war, worüber großes Gelächter und Spott über den polnischen Woiwoden erfolgte. Nachdem nun auch der Pole abgestiegen war und den Fürsten in deren Hand gelobt hatte, ein freies ritterliches Treffen zu leisten, schwang sich Herzog Christoph mit voller Rüstung in den Sattel, welches der Kaiser und die Fürsten mit Verwunderung sahen, während der Pole mit Hilfe seiner Knechte und mit vieler Mühe auf sein Pferd gebracht wurde. Auf ein mit einem Trompetenstoße gegebenes Zeichen ritten beide Kämpfer so hart aneinander, daß beider Lanzen zersplitterten; aber der Pole war bei zwei Manneslängen hinter sein Pferd in den Sand gestreckt, während Herzog Christoph frei und aufrecht im Sattel sitzen blieb. Lautes Frohlocken des Kaisers und sämmtlicher Fürsten erschallte, und Herzog Christoph erhielt den Dank sammt dem ausgesetzten Preise von 2000 fl.
Der Pole aber ritt des andern Tages beschämt und über schwere Schmerzen des Leibes klagend fort, und starb am dritten Tage hierauf, nachdem er mehrmals ausgerufen hatte: „Es sei der Teufel in diesem langen, schwarzen und magern Herrn gewesen, der habe ihm das Herz im Leibe entzwei gestoßen; denn ein solch starker Stoß sei ohne Hilfe des Teufels nicht zu thun möglich gewesen."
So viel von der großen Stärke und der Ritterlichkeit des Herzogs Christoph.
Von ernsten und unheilvollen Folgen waren aber die Zwistigkeiten begleitet, die er mit seinem Bruder, dem Herzoge Albrecht IV. hatte.
Bei den bisherigen oftmaligen verderblichen Landestheilungen der Herzoge, — wie wir in den vorangehenden Abschnitten ersehen haben, — hatte Herzog Albrecht III. allen Grund zu befürchten, daß nach seinem Tode das Land wieder unter seine Söhne in fünf Theile zersplittert werden würde. Um nun dieß zu vermeiden, zumal er bei seiner zunehmenden Altersschwäche und den Leiden des Podagras den Tod mit raschen Schritten herannahen sah, verordnete er in seinem letzten Willen, daß nie wieder das bayerische Erbe durch Nutztheilungen zersplittert, sondern nach seinem Tode je von den zwei ältesten Söhnen zugleich verwaltet werden solle. Jn Folge dieser Bestimmung hatten daher nach dem am 28. Februar 1460 erfolgten Tode des Vaters dessen beiden ältesten Söhne Johann und Sigmund die gemeinschaftliche Regierung angetreten; als aber Herzog Johann am 18. November 1463 plötzlich gestorben war, trat Herzog Albrecht IV. in die Mitregierung mit Herzog Sigmund ein. Zwei Jahre lang herrschten die Brüder mit einander, dann aber, theils den überlegenen Geist seines Bruders Albrecht erkennend, theils der Ruhe des Stilllebens, der Jagd und den Künsten hold, trat Sigmund die Mitregierung am 3. September 1467 an seinen Bruder Albrecht ab, und zog sich in die Einsamkeit abwechselnd nach Grünwald, Nanhofen oder Menzing zurück. Dieser Herzog Sigmund war späterhin der Erbauer der Frauenkirche in München.
Herzog Alb recht, genannt der IV. oder der Weise, des Landes Wohl ins Auge fassend beschloß nun, mit starker Hand die Alleinherrschaft in Bayern zu behaupten, und nimmermehr in eine Mitherrschaft oder eine Landestheilung zu willigen, wobei ihm seine Räthe Dr.Ulrich Ursinger, Domherr und Pfarrer bei St. Peter, Peter Schluder und Balthasar Ridler, Bürgermeister zu München, treulich beistanden. Nicht so aber seine beiden jüngeren Brüder Christoph und Wolfgang. Diese, von den Vertrauten des Ersteren, dem Ritter Gewolf von Degenberg und Hans dem Nußberger besonders unterstützt und aufgemuntert, verlangten die Mitherrschaft oder Theilung des Landes, drohten selbst mit offener Gewalt, und vereinten sich mit dem ihnen anhängenden Adel Niederbayerns zu einem Bund, die Gesellschaft der Böckler des Einhorns genannt. An der Spitze des Böcklerbundes stand Herzog Christoph selbst, Hauptmann war Sebastian von Pflug, und hervorragende Glieder desselben waren die Ritter Gewolf von Degenberg, Hans Fraunberger, Hans Nußberger und der von Massenhausen. Aber rasch war Herzog Albrecht bereit; plötzlich griff er die Ritter des Bundes an, verwüstete und zerstörte die Burgen des Gewolf von Degenberg und des Nußbergers und löste den trotzigen Böcklerbund auf. Zerschneiden ließ er hierauf des Bundes Brief, gab jedoch jedem der Verbündeten sein daran hangendes Siegel zurück. Als nun der Widerstand auf diese Weise gebrochen war,
wurde von beiden Seiten gütliche Ausgleichung angestrebt und Herzog Ludwig von Landshut, der Sieger von Giengen, als Schiedsrichter erwählt. An dem festgesetzten Tage saßen zu Landshut im großen Saale der Burg Trausnitz Herzog Ludwig von Niederbayern, Philipp, Pfalzgraf bei Rhein, Otto von Neumarkt, Bischof Mathias von Speier, die Grafen von Werdenberg und Hanau, die Rathe der Herzoge Dr. Martin Mayr, Ritter Seifried von Venningen, Lutz Schott, Ulrich Ratz, Jakob von Helmstatt und Jakob Kratzl, ferner die Abgeordneten der Landschaften aus Ober- und Niederbayern. Herzog Albrecht war dabei einfach ohne Gepränge erschienen, die Herzoge Christoph und Wolfgang aber ritten mit einem stattlichen Gefolge von zweihundert Rittern, namentlich Herzog Christoph mit seinem Hofstabe, bestehend aus seinem Hofmeister Christoph von Parsberg, dem Hofmarschalle, Küchenmeister, Stallmeister, Kämmerer, den Thürhütern, Köchen, Trompetern ec., mit großer Pracht ein. Am 16. Februar 1468 erfolgte der Schiedsspruch zu Christophs Gunsten dahin, daß diesem die Mitherrschaft nach Verfluß eines Jahres anfangend zuerkannt wurde.
Herzog Albrecht unterwarf sich zwar schweren Herzens diesem Spruche, welcher wieder das alte Unheil Bayerns hervorrufen sollte; doch suchte er während dieser Frist eines Jahres durch gütliche Unterhandlungen die Sache zum Bessern zu wenden und die nachtheiligen Folgen des Landshuter Spruches abzuwenden. Und es gelang ihm. Zuerst wurde Herzog Wolfgang gegen Uberlassung des Schloßes Greifenberg, eines Hauses
am Rindermarkte in München und eines Jahrgeldes von 2400 fl. gewonnen, auf zwölf Jahre auf die Mitherrschaft zu verzichten, und endlich überließ am 6. Mai 1469 auch Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft auf fünf Jahre gegen 3000 fl. Jahrgeld, Ueberlassung des Schlosses Paal und beträchtliche Nebennutzungen.
Durch diesen Vertrag schien zwar Einigkeit unter die fürstlichen Brüder gekommen zu sein, allein sie war nur von kurzer Dauer. Christoph, von seinen alten Freunden aufgewiegelt, bereute bald das Uebereinkommen, da er dadurch seinen Ehrgeiz und feinen Fürstenstolz verletzt und sich in eine gewisse Abhängigkeit von seinem Bruder Albrecht versetzt sah. Dem Unmuthe folgten bald Neckereien, die auch gleiches Beginnen von Seite der Anhänger des Herzogs Albrecht nach sich riefen; ihre Anhänger ritten bei Tag und Nacht einander zu Leid mit unter den Kleidern verborgenen Harnischen und Waffen. Auf den Straßen geschahen Angriffe und Verwundungen, dazu immerwährend Zank und Streit in Wort und That unter dem beiderseitigen Hofgesinde, besonders wenn die Herren Christoph und Wolfgang nach München gekommen waren, was gewöhnlich zur Fastnachtszeit geschah. So begab es sich einstmals, daß als Herzog Albrecht mit etlichen seiner Diener Nachts, der Kurzweil willen, in den Straßen der Stadt München herumging, einer der Diener des Herzogs Christoph, Namens Christoph Lung, plötzlich einen der Diener Albrechts, Namens Westendorfer, anpackte, ihn freventlich von der Seite Albrechts riß, auf ihn schlug und zur Gegenwehr nöthigte. Bei dieser Gelegenheit
erhielt zwar Lung einige Wunden, wurde aber ohne alle Lähmung geheilt. Herzog Albrecht erbot sich, dem Lung Entschädigung zu geben, allein dieser, obgleich er zugestand, den Handel stlbst angefangen zu haben, wollte dem Herzog Albrecht keinen Frieden zusagen; ja Herzog Christoph verbot ihm solches sogar ausdrücklich mit den Worten: „Lung, ich will dich rächen, das sollst du sehen, und ich will den Westendorfer an einen Baum hängen, oder kein Fürst sein." Diese Feindseligkeiten hatten beinahe drei Jahre gedauert.
Da geschah es, daß in der Fastnacht des Jahres 1471 zu München ein großes Stechen und Rennen auf Veranstaltung des Herzoges Albrecht gehalten wurde. Dahin kamen auch die Herzoge Christoph und Wolfgang mit einem großen Gefolge von Rittern und Anhängern. Bald verbreiteten sich üble Gerüchte im Volke, die beiden Herzoge hätten böse Anschläge gegen Herzog Albrecht beredet, Letzterer solle bei dieser Gelegenheit überfallen und gefangen oder getödtet werden. Mochten nun auch diese Gerüchte unwahr oder übertrieben sein, Herzog Albrecht, von seinen Röthen, von Bürgern, ja selbst von Frauen gewarnt, mußte auf seine Sicherheit bedacht sein, und ernste Maßregeln ergreifen. Es war am sogenannten „schmalzigen" Samstag in der Fastnacht — 23. Februar 1471 — als die beiden Fürsten Christoph und Wolfgang beschlossen, ein Bad zu nehmen und sich zu dem Zwecke in das sogenannte „Thürlbad" — jetzt Haus-Nummer 25 an der Lederergasse — begaben. Und als Herzog Christoph im Bade war und auf seinen Bruder Wolfgang wartete, kamen Herzog Albrecht und mehrere seiner Vertrauten vom Adel,
welche sich auf Albrechts Befehl bewaffnet hatten, unvermuthet zu ihm in das Bad, und Albrecht redete seinem Bruder Christoph zu, er solle sich willig gefangen geben. Da aber Herzog Christoph solches verweigert, griffen ihn Herr Niklas Graf von Abensberg, Herr Burkhard der Rohrbeck von Rohrbach und Lorenz Bogner von Kelheim im Bade an und sagten: „Herzog! du bist deines Bruders unsers gnädigen Herrn Herzogs Albrecht von Bayern Gefangener!" Herzog Christoph entgegnete ihnen: „Jhr ehrlosen Bösewichter, wie seid ihr so verwegen, daß ihr euere Hände an einen frommen Fürsten von Bayern, der euer Herr ist, legen dürft, da doch in allen Bädern Freiung ist, und ich meinem ungetreuen Bruder des Rechten nie vorgewesen, auch solches nie an ihm verdient habe!" Allein es half alles nichts, er ward mit Gewalt nackt aus dem Bade geführt, mit schlechten Kleidern angethan und in die Gefangenschaft in den Thurm der neuen Veste abgeführt.
Als Herzog Wolfgang solches vernahm, erschrack er sehr, und für seine Freiheit besorgt, ritt er in der Eile mit einem Schildknappen und zwei Knechten zum Thore hinaus nach Augsburg. Dortselbst erschien er vor dem Rathe und den Herrn mit weinenden Augen, erzählte ihnen sein und feines Bruders Mißgeschick und bat sie um ihren Schutz. Die Herrn von Augsburg sagten ihm auch Beistand zu, und machten ihm auf sein Begehren ein Darlehen von 500 fl.; denn die Augsburger waren dem Herzoge Albrecht gram, weil sie mit ihm wegen verschiedener Grundstücke und Rechte schon vorlängst in Streit gerathen waren.
Albrecht suchte die Strenge seines Verfahrens in einem Ausschreiben an die Reichsfürsten zu rechtfertigen, und es gelang ihm auch, auf dem Reichstage zu Regensburg, wohin sich Wolfgang in schlechter Kleidung und mit ungeschorenem Haare und Barte, gleichsam als Trauernder, persönlich gewendet hatte, sowie auf einer späteren Versammlung der Gesandten des Kaisers Friedrich III. und der Fürsten zu München, dieselben von der Gerechtigkeit seines Verfahrens zu überzeugen.
Während dieser Verhandlungen aber wachte ein treuer Freund des Herzoges Christoph für ihn. Dieser war der Pfalzgraf Otto von Neumarkt im Nordgau, den das Schicksal des Gefangenen jammerte und der daher beschloß, ihn durch List und Wagniß aus dem Kerker zu befreien. In einer dunkeln Nacht erschien er heimlich und in aller Stille mit hundert Rittern vor der neuen Veste da, wo noch gegenwartig die Strasse zwischen dem Hofgarten und der neuen Residenz sich hinzieht. Sie begannen mittelst mitgebrachter Balken und Bretter einen Steg über den die neue Veste umgebenden Stadtgraben zu machen, und bereits einige Thüren zu öffnen, als die durch dieses Geräusch aufgescheuchten Schwäne, die in diesem Stadtgraben gehalten wurden, ein Geschrei erhoben, wodurch die Wächter der neuen Veste herbeigelockt wurden. Der Anschlag war hiedurch vereitelt, und Otto von Neumarkt mußte mit seinen Rittern und unter Hinterlassung der herbeigeschafften Werkzeuge unverrichteter Sache wieder abziehen. Allein in Folge dieses Versuches wurde die Haft des gefangenen Fürsten verschärft, und selbst gegen den Pfalzgrafen Otto wurden drohende Rüstungen angeordnet.
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
Das für Herzog Christoph angeregte Mitleid ruhte aber nicht, es stellten die Fürsten dringende Anträge zur Freilassung des Gefangenen. Die Verwandten des fürstlichen Hauses, Herzog Ludwig an ihrer Spitze, bestürmten den Herzog Albrecht mit ihren Bitten, selbst die Landstände Bayerns verwendeten sich für Christophs Befreiung, und sechsunddreitzig Herrn aus der Ritterschaft verbürgten sich für sein künftiges friedliches Verhalten, und bekräftigten ihre Bürgschaft mit einer von allen besiegelten Verschreibung. Da endlich ließ sich Herzog Alb recht erweichen, unterwarf sich dem vermittelnden Spruche der Herrn, welche am 9. Oktober 1472 zu diesem Zwecke unter Vorsitz des Herzogs Ludwig von Landshut im großen Saale des Rathhauses zu Regensburg versammelt waren, und entließ seinen Bruder Herzog Christoph und seine Mitgefangenen, nachdem dieselben nach alter Sitte und Gewohnheit Urphede geschworen hatten, aus der Gefangenschaft, in der sie neunzehn Monate und drei Wochen gelegen waren.
Der runde Thurm aber, in welchem der Sage nach Herzog Christoph gefangen gehalten worden sein soll, wurde, als König Ludwig I. 1832 bis 1842 den Prachtbau der neuen Residenz gegen den Hofgarten zu errichtete, aus historischer Pietät erhalten und in den östlichen Neubau aufgenommen.
Drei Jahre später, im Jahre 1475 am Mondtage nach dem Palmtage (20. März) verglichen sich beide Brüder Albrecht und Christoph aufs Neue, und kamen in freundlichem Einverständnisse dahin überein, daß Herzog Christoph seinem Bruder Albrecht die Alleinherrschaft
wieder auf zehn Jahre überließ, wogegen er für diesen Zeitraum das Schloß und die Stadt Landsberg, das Schloß Paal und die Stadt Weilheim zum Genuße mit allen Renten und Nutzungen und zudem noch jährlich 1400 Gulden baar erhielt.
Der Friede zwischen beiden herzoglichen Brüdern war nun hergestellt, und in Liebe und harmloser Freude begaben sich beide bald darauf zur Feier der großen Hochzeit des Herzogs Georg des Reichen nach Landshut, wie wir oben gelesen haben.
Aber diese brüderliche Eintracht sollte neuerdings gestört werden. Als nämlich im Jahre 1485 die zehnjährige Frist der Alleinherrschaft Albrechts dem Ende nahe war, versuchte dieser, entschlossen Bayerns Untheilbarkeit zu behaupten, den Vertrag zu verlängern. Allein Christoph weigerte sich dessen. Da beschloß Herzog Albrecht mit Gewalt seine Entschlüsse gegen den widerwilligen Bruder durchzusetzen, und nachdem er sich zuvor der Zustimmung des Kaisers, der gesammten Landschaft und des Adels versichert hatte, ritt er am 24. Februar 1485, dem Tage des heil. Apostels Mathias, mit 350 Pferden und 600 Fußknechten, einer Feldschlange und 4 Stück groben Geschützes in die Stadt Landsberg ein, nahm sie in Besitz und kehrte darauf, nachdem er hinreichende Besatzung unter den Befehlen des Georg von Freyberg und Hans Pienzenauer dortselbst zurückgelassen hatte, mit den Reisigen, Zeug- und Fußknechten, deren Hauptmann Graf Niklas von Abensberg war, wieder nach München zurück.
Herzog Christoph erfuhr in Augsburg, wo er eben weilte, um Mannschaft gegen seinen Bruder Albrecht anzuwerben, diesen Vorgang. Von Wuth entbrannt und von heftiger Leidenschaft aufgestachelt, beschloß er sich blutige Genugthuung zu verschaffen. Aber sein größter Haß warf sich auf Niklas von Abensberg, der ihn einst im Bade zu München gefangen genommen hatte und der jetzt wieder als Hauptmann die Truppen seines Bruders befehligte. An dem wollte er vor Allem blutige Rache nehmen und schwur seinen Tod. Durch seine Kundschafter hatte er genau Tag und Stunde vernommen, wann der von Abensberg mit den Seinigen München verlassen und wieder heim reiten würde. Dann ließ er, es war am Mondtag in der zweiten Fastenwoche — am 28. Februar 1485 — schnell satteln und seine Reisigen aufsitzen und ritt mit sechzig Pferden den Weg gegen Freising zu. Unterwegs kehrte er zu Kranzberg bei dem Pfleger Oswald Schönbichler ein, und sprach ihn für sich und die Seimgen um ein Reitermahl mit den Worten an: „Lieber Gesell Oswald, thue so wohl und gib mir und den Meinigen zu essen, denn ich habe wahrlich nicht mehr als drei Gulden und mein Schwert mit Silber beschlagen und glaube gewiß, daß ich dir solches vergelten und bezahlen will, als fromm ich ein Fürst von Bayern bin." Herzog Christoph nahm mit seinen Reitern die ihm vom Pfleger dargebotene Mahlzeit so eilig ein, daß sie gar nicht niedersaßen, sondern im Auf- und Abgehen aßen und tranken. Während dem kam einer seiner Reiter, den er auf Kundschaft ausgesendet hatte, zurück und meldete ihm heimlich, daß er Niklas den Abensberger, Burkhard Rohrbach, Lorenz Bogner und andere des Adels mit 64 Pferden auf zwei Meilen Weges entfernt getroffen habe. Ferner erzählte ihm der
Kundschafter, daß als Herr Niklas von Abensberg aus München ausgeritten sei und zuvor von Herzog Albrecht Urlaub nahm, dieser ihn warnte und sprach: „Herr von Abensberg, ich fürchte für euch, mein Bruder Christoph ist am Land, wir wissen aber nicht wo; wann ihr uns folgen wollt, so wollen wir euch noch dreißig Pferde zugeben, damit ihr desto sicherer heim kommt." Hierauf antwortete der von Abensberg : „Gnädiger Herr, da ist weder bei mir noch bei den Meinigen eine Furcht, sondern sagt Euer Gnaden nur, ob Ihr Eueren Bruder todt oder lebendig haben wollt, wenn er auf uns stoßt." Herzog Albrecht erwiederte ihm: „Lieber Herr von Abensberg, nicht todt, sondern lebendig." Ueber diese Nachricht wurde Herzog Christoph so betrübt und ergriffen, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen.
Hierauf saß Herzog Christoph mit den Seinigen wieder zu Pferd und sie ritten gegen die Stadt Freising. Zu Weihenstephan angekommen, befahl der Herzog den Seinigen hinter einem Holze seiner zu warten; er selbst aber ritt mit dem Pfleger von Kranzberg etwas weiter vorwärts und setzte sich auf die Mauer des uralten Kirchleins St. Jakob, welches am Rande des Berges stand, von welchem Punkte aus die weite Ebene und die Strasse nach München vor den Blicken ausgebreitet liegt. Lange Zeit wartete er spähend da, als er aber endlich den Abensberger mit seinen Begleitern von ferne auf der Strasse daher ziehen sah, siel der Fürst auf die Kniee, dankte Gott und empfahl sich seiner Allmacht. Dann ritt er zu den Seinigen zurück und sprach zu ihnen: „Liebe Mitbrüder von Adel und sonst ihr mannlichen Reiter, weil euer ritterliches Gemüth mir zuvor wohl bekannt, brauche ich nicht viel Worte. Allein ich thue euch aus getreuem fürstlichen Gemüthe anzeigen und klagen, daß der große Bösewicht von Abensberg mit den Seingen, dem Rohrbecker und Bogner, welche mich zuvor als ihren natürlichen Herrn und Fürsten von Bayern, wider Gott, Ehr und Recht, zu München im Bad gefangen und meinen Bruder Herzog Albrecht dahin gebracht, daß derselbe mir meine zugetheilte Erbschaft, die Stadt Landsberg, eingenommen, die Meinigen verjagt, auch sonst große Uneinigkeiten zwischen uns beiden angerichtet haben, nicht weit von uns ist. An diesem will ich mich als ein frommer redlicher Fürst von Bayern rächen, und ihm für seine bewiesene Untreue mit meiner Faust gute Bezahlung geben. Deshalben, liebe Reiter von Adel und Andere, welche mir als fromme ritterliche Reiter nachfolgen, und solche redliche That mit mir vollbringen helfen, will ich anzeigen, was ihr thun sollet, auf daß wir einander erkennen mögen." Damit ritt er zu einem Eichbaume, brach einen Zweig ab, und steckte ihn auf seine Stirnhaube. Achtundfünfzig Ritter folgten sogleich seinem Beispiele, nur einer seiner Begleiter, der Suntheim er genannt, nahm anfangs Bedenken und sprach: „Gnädiger Fürst und Herr, Euer Gnaden werden uns arme Gesellen auf diesen Tag verführen!" Der Fürst antwortete ihm: „Lieber Suntheimer, weil du dich fürchtest und das Herz, einem frommen Fürsten zu helfen, nicht hast, so reite hinweg und bist mir lieber weit von mir, als nahe bei mir." Suntheimer erwiederte hierauf: „Nein, gnädiger Herr, da ist gar keine Furcht bei mir; allein ich sagt nur solches, weil ich
Sorge trage, daß der von Abensberg viel stärker ist als wir, und vielleicht hundert oder mehr Pferde bei sich hat, denn ich kenne den von Abensberg dermassen, daß er Euer Gnaden nicht mit Wenigen begegnen wird, wenn er anders Sorge hat." Herzog Christoph gab ihm hierauf zur Antwort: „Lieber Suntheimer, ich weiß, daß er nicht über zwei Pferde mehr hat als wir, denn ich habe meine gute Kundschaft, daß er auch nicht mehr als sieben Armbrust hat, und wir haben achtundzwanzig; darum, was du thun willst, das thue bald." Der Suntheimer rief auf dieses voll frohen Muthes, er wolle bei seinem Fürsten heute sterben oder genesen, ritt sodann zu dem Eichbaume, und steckte sich wie die anderen einen Zweig auf seinen Sturmhut.
Herzog Christoph sprengte nun mit seinen Begleitern durch das St. Veitsthor in die Stadt Freising und ritt durch die Strassen zum Münchener Thor wieder hinaus. Da erblickten sie bereits den Abensberger mit seinem Zuge herannahen; Herzog Christoph ordnete nun sogleich seinen Zug in der Art, daß im ersten Gliede er selbst allein voraus, im andern zwei, darnach vier, und so immer die Glieder verdoppelt ritten, auf jeder Seite aber vierzehn Armbrustschützen sich befanden. Dann gab er Befehl, daß seine Leute sich nur an die Haupturheber halten, die unschuldigen armen Gesellen aber verschonen sollten. So kamen auf der Straße die Züge beider Gegner neben einander zusammen bis auf die Hälfte des Zuges. Der von Abensberg rief zuerst den Herzog an mit den Worten: „wohl, Herr, wohl, Herr Herzog!" worauf Christoph seinem Trompeter zuschrie: „Nun blase auf mit Schall!"
Augenblicklich rannte der Pfleger Pietz er auf den von Abensberg mit eingelegtem Speere los, desgleichen der von Abensberg auf den Dießer, vermeinend, es sei der Herzog Christoph; aber der Dießer rannte den von Abensberg vom Gaule, so daß er auf der Erde liegend sich ihm gefangen geben mußte. Herzog Christoph stach den Herrn Burkhard von Rohrbach und den Lorenz Bogner nieder, so daß diese beiden todt auf dem Boden lagen. Der Angriff der übrigen Begleiter des Herzoges war so heftig und dessen Armbrustschützen trafen so gut, daß viele Reiter und Pferde verwundet wurden, der Zug des Abensbergers aus der Ordnung kam, und dessen Leute in wilder Flucht der eine Viertelstunde entfernten Stadt Freising zueilten. Als Herzog Christoph dieß sah, eilte er ihnen mit Wenigen der Seinigen nach in die Stadt, erstach deren mehrere, die sich in Kirchen, in Ställe und Keller geflüchtet hatten, und nahm die Uebrigen gefangen.
Während dem war der Pfleger Dießer bei dem gefangenen Herrn von Abensberg geblieben. Letzterer versuchte vom Boden aufzustehen, war aber von dem Sturze so schwach, daß er nur mit Mühe sich ein wenig erheben konnte. Jn diesem Augenblicke kam der junge Seitz von Fraunberg, Christophs Diener, herbei und stieß, da er von der Gefangengebung des Herrn von Abensberg nichts wußte, ihm von unten herauf durch den Panzer den Dolch in den Leib. Als nun Herzog Christoph von der Verfolgung der Flüchtigen wieder zurück auf die Walstatt kam, und seine drei Feinde todt neben einander liegen sah, erhob er feine Hände gegen Himmel, und
rief: „Wollte Gott, daß allen Falschen des Adels, und welche sonst durch ungetreuen Rath die Fürsten gegen einander in Uneinigkeit bringen, also geschehen sollte, und Gott Dank gesagt, daß er mir so viele Gnade verliehen!"
Das war der Tod des Letzten aus dem alten Geschlechte der Abensberger, dessen Gemahlin, Frau Martha von Werdenberg, bald darauf vor Entsetzen und Jammer starb. An der Stelle, wo er fiel, wurde ihm in späterer Zeit ein marmornes Denkmal errichtet.
In diesem Gefechte waren auf Seite des Herrn Niklas von Abensberg sieben todt geblieben und vierunddreißig verwundet, auf Seite des Herzogs Christoph waren nur sieben verwundet, aber keiner erschlagen worden.
Der Bischof von Freising ließ die Todten auf der Walstatt aufheben, in die Stadt führen und in der St. Georgs-Pfarrkirche beisetzen.
Sehr große Bestürzung war in München, als durch Warmund Pienzenauer die Nachricht von diesem Frevel dahin kam. Die Bürger von München blieben die ganze Nacht unter den Waffen, um für jeden Fall gefaßt zu fein, wenn etwa Herzog Christoph mit seinem Gefolge dahin sich begeben wollte. Aber Herzog Christoph ritt von der Walstatt weg sogleich durch die Stadt Freising nach Landshut zu Herzog Georg, versuchte von hier aus seine That zu rechtfertigen und brachte seine Beschwerden gegen seinen Bruder Albrecht neuerlich vor. Da ward darauf zur endlichen Schlichtung aller dieser Uneinigkeiten auf den Ostermondtag ein Landtag zu München angesetzt, und sollten vierundsechzig Schiedsmänner allen
Hader abthun. Herzog Albrecht aber, in seiner Klugheit voraussehend, daß ein Schiedsrichterspruch kaum eine wahre und dauernde Einigung herbeiführen werde, lud den Herzog Christoph zu sich nach München ins Schloß. Christoph kam und während die Landschaft im Rathe beisammensaß, vertrugen sich die beiden Fürsten brüderlich dahin, daß Herzog Christoph die Alleinherrschaft in Bayern seinem Bruder Albrecht gänzlich abtrat, und dagegen die Städte Weilheim und Schongau und die beiden Herrschaften Paal und Rauhenlechsberg auf Lebenszeit zur Nutznießung, sowie auch eine jährliche reichliche Baarzahlung erhielt. Dieser Vertrag — er geschah am 17. Juni 1485 — wurde durch den Spruch der Schiedsmanner bekräftiget. So ward der brüderliche Streit auf immer beendiget.
Herzog Albrecht, der zwar bei der ersten Kunde von dem Tode des Herrn Niklas von Abensberg heftig erschrack, tröstete sich jedoch bald hierüber. Er zog dessen Güter, bestehend aus Stadt und Schloß Abensberg und den Marktflecken Randeck und Altmannstein ein und vereinigte sie mit Bayern nach altem Herkommen, da Herr Niklas von Abensberg der letzte seines Stammes und Namens gewesen.
Von Herzog Christoph aber melden uns die historischen Ueberlieferungen noch mehrere Proben seiner Tapferkeit, seines Muthes und seines ritterlichen Sinnes.
Auf der Hochzeit des Kurfürsten Philipp von der Pfalz mit Margaretha, der Tochter Herzog Ludwigs des Reichen von Landshut, die im Jahre 1469
zu Amberg während des Faschings mit großem Glanze gehalten wurde, zeichnete sich der junge, damals zwanzigjährige Herzog Christoph nicht nur durch seine stattliche Pracht, sondern auch als der geschickteste Kämpfer im Turniere, im Rennen und im Stechen aus.
Gleichen Ruhm erwarb er sich in jenem Turniere, welches Kaiser Friedrich III im Jahre 1479 zu Ehren des jungen Herzogs Georg von Landshut zu Wien gab, wohin Letzterer in Begleitung seines Vetters Christoph gekommen war, um das Lehen über Niederbayern zu empfangen. Christoph, der zu Georgi dieses, Jahres mit 40 Pferden in Wien einritt, erhielt im „Roßlaufen" als ersten Preisdank eine Armbrust, und als hierauf am Ostermondtag das Turnier gehalten wurde, war Herzog Christoph, der in roth, weiß und schwarz in die Bahn eingeritten war, der mannhafteste Kämpfer.
Ferner erzählen uns die Geschichten von dem Kriege in Flandern im Jahre 1488, wobei des Kaisers Friedrich Sohn, der junge römische König Maximilian in Brügge, in dessen Mauern er sich damals befand, am 5. Februar von dem aufrührerischen Volke gefangen genommen wurde. Kaiser Friedrich forderte rasch die deutschen Fürsten auf, diesen Schimpf zu rächen und stellte sich selbst, obwohl schon dreiundsiebzig Jahre alt, an die Spitze des Reichsheeres. Die Herzoge Christoph und Wolfgang von Bayern eilten, sich diesem Zuge anzuschließen, und die Tapferkeit, die namentlich Herzog Christoph in diesem Kriege bewies, erwarb ihnen hohen Ruhm und des Kaisers Gnade. Nach sechzehnwöchentlicher Gefangenschaft wurde König Maximilian befreit.
Um die Tapferkeit dieser beiden bayerischen Fürsten zu ehren, machte König Maximilian nach geendetem Kriege in München einen freundlichen Besuch, und hielt daselbst am 17 Mai 1489 Abends 6 Uhr, die beiden Herzoge Christoph und Wolsgang zur Seite, seinen festlichen Einzug.
Auch bei dem Kriege, den der Kaiser gegen die Ungarn unternahm, als ihr König Mathias im J. 1490 gestorben war, betheiligte sich Herzog Christoph, indem er sich den Kriegsschaaren seines Vetters Georg von Landshut anschloß, die dieser mit 500 Pferden dem Kaiser zu Hilfe schickte. Bei der Belagerung von Stuhlweißenburg, als die Armee schon an der Möglichkeit der Einnahme der Stadt verzweifelte, sprang Herzog Christoph vom Pferde, riß einem Landsknechte die Lanze aus der Hand und mit dem Rufe: „Wohlauf, liebe Brüder, kommt mir nach!" sprang er über den Graben hinüber und erkletterte kühn die Stadtmauer. Von solchem Heldenmuthe begeistert, eilten ihm die Kriegerschaaren über den Graben nach, ein Theil derselben erstieg die Mauern, wo bereits Herzog Christoph im heftigsten Kampfe war, ein Theil gewann das Stadtthor und hieb es ein. Die Besatzung der Stadt war hiemit geschlagen und wich zurück. Nach einem blutigen Straßenkampfe unter Anführung des Herzogs Christoph war die Stadt erobert, welche alsdann geplündert wurde. Hiebei gewannen sie „großes unsägliches Gut, daß man nicht meinte, es könne in einer Stadt so viel des Reichthumes und der Schätze sein." Um diese Heldenthat würdig auszuzeichnen und zu belohnen, hielt König Maximilian feierlichen und öffentlichen
Ritterschlag, und wurden von ihm zuerst mit eigener Hand die Herzoge Georg und Christoph von Bayern, und dann erst Markgraf Sigmund von Brandenburg, Wilhelm Landgraf von Hessen, und erst hierauf andere Fürsten und Edle vom Könige zu Rittern geschlagen.
Nach einem sturmbewegten und wechselvollen Leben schien endlich der Drang der jugendlichen und wilden Leidenschaften sich gelegt zu haben, und Ruhe über den Herzog Christoph gekommen zusein. Es war im Jahre 1493— Christoph stand jetzt im vierundvierzigsten Lebensjahre — als er zu überlegen und einzusehen begann, daß die bessere und schönere Hälfte seiner Tage vorüber sei, und all sein Mühen und Ringen nach der Herrschaft oder wenigstens Mitregentschaft in Bayern ein vergebenes und fruchtloses gewesen. Zwar hatte er sich mit seinem Bruder, dem Herzoge Albrecht, ausgesöhnt und lebte in Frieden und Eintracht mit ihm; aber schwer und mit bitterer Reue lastete die Erinnerung an mehrere begangene Missethaten auf ihm, besonders machte er sich bittere Vorwürfe über die Ermordung des Grafen Niklas von Abensberg und dessen Mitgenossen. Er entschloß sich, zur Sühnung seiner vielen Sünden und zur Buße in's heilige Land an das Grab unseres Erlösers zu wallfahrten, dort in frommer Andacht zu beten und Verzeihung zu erlangen.
Er verband sich zu diesem Zwecke mit Friedrich, dem Sohne des Kurfürsten Ernst von Sachsen und dessen Gemahlin Elisabeth, seiner Schwester und mit mehreren Fürsten und Edlen. Zu Landsberg in Bayern war der Sammelplatz dieser Fürsten und ihres Gefolges im Frühjahr des genannten Jahres 1493, von wo sie den
Weg über Tirol nach Venedig einschlugen. Als er in dieser Inselstadt angekommen war, und vor sich das weite Meer erblickte, überkam ihm ein Zagen über die große und gefahrvolle Reise, er gedachte der Möglichkeit, sein Vaterland nie wieder zu sehen, und sühlte tiefe Reue über den feindseligen Hader, den er mit seinem Bruder Albrecht gehabt und über die viele Noth, die er ihm geschaffen. Daher schrieb er in Venedig seinen letzten Willen nieder, und vollendete sein Testament am heiligen Himmelfahrtstage — 16. Mai 1493. Als Haupterben seines ganzen Vermögens und seines Besitzthumes setzte er seinen Bruder, den Herzog Albrecht und dessen eheliche Leibeserben ein.
Hiedurch beruhiget, schiffte er sich mit seinen Genossen ein, kam glücklich in das gelobte Land, betete am Grabe des Erlösers und empsing die heiligen Sakramente der Beicht und der Kommunion bei den Franziskanern am heiligen Grabe zu Jerusalem.
Dann aber trat er die Rückreise an; doch sein Vaterland sah er nicht wieder. Während der Reise besiel ihn eine Schwäche und krank kam er auf der Insel Rhodus an, woselbst der Orden der tapferen Johanniter seinen Sitz hatte. Deren Großmeister, Rudolf Graf von Werdenberg, dessen Vaters Bruder herzoglich bayerischer Pfleger zu Landsberg gewesen, pflegte mit Sorgfalt und Liebe des kranken Herzoges; allein dessen ungeachtet verschlimmerte sich feine Krankheit. Als er nun den Tod herannahen fühlte, zog er ein verborgen gehaltenes köstliches Armband hervor und übergab dasselbe dem Großmeister mit der Bitte, es seiner Schwägerin, der Herzogin Kunigunde, zum frommen Andenken nach
München zu übersenden. Am Maria Himmelfahrtstage — 15. August 1493 — starb Herzog Christoph in den Armen des Großmeisters, des Bruders der Martha Gräfin von Abensberg, deren Gemahl er bei Freising erschlagen.
Acht Ritter trugen in schwarzen seidenen Kleidern die Leiche in feierlichem Zuge nach der Kirche des heiligen Anton unter Vortretung zweier Bischöfe und dem Gefolge der übrigen Ritter mit brennenden Wachskerzen zum Grabe. Auf dem Sarge lagen die herzoglichen Insignien, und das bayerische Panier, von einem Ritter geführt, eröffnete den Leichenzug.
Als Herzog Albrecht von seinem Tode Kunde erhalten, war er sehr bestürzt und ließ in der neuerbauten Kirche zu Unser lieben Frau in München am 20. Sept. 1493 die Trauergottesdienste für ihn halten.
Das sind die Thaten Herzog Christophs des Kämpfers.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das Leichenbegängniß Herzog Alberts IV. 1509
Albrecht IV., Herzog von Bayern, schon von seinen Zeitgenossen als der Weiseste der Fürsten seiner Zeit gepriesen, wird mit Recht der Weise genannt; denn er war es, der den verderblichen Landestheilungen, die seit dem Tode Kaiser Ludwigs zweihundert Jahre lang das Land zersplitterten und zum Verfalle brachten, mit Kraft und Beharrlichkeit ein Ende machte, indem er durch Urkunde vom 8. Juni 1506 für ewige Zeiten die Einheit und Ungetrenntheit des Landes Bayern und das Recht der Erstgeburt von Sohn zu Sohn in der Thronfolge anordnete.
Dieser große Fürst starb zu München am Morgen des 18. März 1508 im dreiundsechzigsten Jahre seines Lebens und dem dreiundvierzigsten seiner Regierung. Sein Leichnam wurde erst am Mondtag nach Sebastiani im Jahre 1509 in die Gruft seiner Ahnen in der Frauenkirche eingesenkt.
Wir besitzen noch gegenwärtig eine ausführliche Beschreibung dieses prunkvollen Leichenbegängnisses, welche handschriftlich in dem kgl. Reichsarchive sich befindet, und , als Zeugniß alter Sitten und Gebräuche von Interesse ist.
Auf ergangene Einladung des Herzogs Wolfgang, Bruders des Verstorbenen erschienen in München - die Abgeordneten des Kaisers Maximilian: Domdechant von Zillenberg zu Augsburg und Ritter Adam von Frundsberg;
- die Abgeordneten des Pfalzgrafen und Kurfürsten Ludwig V. von der Pfalz: der Abt von Waldersbach und Wolfgang Fuchssteiner, Landrichter zu Arnberg;
- der Abgeordnete des Kurfürsten Friedrich von Sachsen: Ritter Kaspar Spött;
- der Abgeordnete des Herzoges Johann von Sachsen: Ritter Melchior von Stein;
- die Abgeordneten des Landgrafen Wilhelm zu Hessen: Peter von Dräspach, Landvogt an der Lain und Hofrichter zu Hessen, und Adolf Rauch, Amtmann zu Germsheim;
In Person erschienen:
- Markgraf Friedrich von Brandenburg, Markgraf Kasimir und dessen Sohn, sammt ihrem Gefolge von Rittern und Edlen mit 180 Pferden;
- Herzog Ulrich von Würtemberg und Herzog Heinrich von Braunschweig, sammt ihrem Gefolge mit 380 Pferden;
- Leonhard, Erzbischof von Salzburg;
- Niklas, Bischof zu Chiemsees
- Rudolph Kienberger, Domprobst zu Salzburg;
- der Bischof zu Konstanz;
- der Probst zu Ellwangen;
- der Bischof zu Eichstädt mit dem Abte von Plankstetten und dem Probste von Herrieden, und einem Gefolge von Rittern und Edlen mit 80 Pferden;
- der Bischof von Augsburg und der Abt von St. Ulrich zu Augsburg mit Gefolge von Rittern und Edlen mit 70 Pferden;
- der Bischof von Freising sammt Gefolge von Rittern und Edlen mit 50 Pferden;
- der Bischof von Passau, sammt Gefolge von Rittern und Edlen mit 55 Pferden:
- die Abgeordneten der Fürsten des schwäbischen Bundes;
- und die Abgeordneten der Reichsstädte Nürnberg, Augsburg und Ulm, dann der Städte München, Landshut, Ingolstadt, Straubing, Landsberg, Braunau, Burghausen und Wasserburg.
Mit dem Leichenzuge gingen ferner, mit:
- die Wittwe des verstorbenen Herzogs Albrecht IV. Kunigunde, eine Tochter Kaisers Friedrich III. geführt von den Rittern Ulrich Graf von Ortenburg und Hans von Pfeffenhausen, Hofmeister, mit ihren Frauen;
- die Prinzessin Sibilla, später Gemahlin des Kurfürsten Ludwig V. von der Pfalz, geführt von den Rittern Johann von der Leiter, Herrn zu Bern, und Johann von Aichberg, Herrn zu Hals; mit ihren Frauen und Jungfrauen;
- die Prinzessin Sabina, Gemahlin des Herzoges Ulrich von Würtemberg, geführt von den Rittern Wolf von Fraunberg, Herrn zu Haag und Hieronimus von Stauf, Herrn zu Ehrenfels, mit ihren Frauen und Jungfrauen.
Vor allen diesen schritten dem Leichenzuge voran fünfzig der armen Leute von München, paarweise in langen, schwarzen Röcken in der Guglhaube*), jeder ein Wachslicht eines Pfundes schwer in der Hand mit anhängenden bayerischen Wappen;
- ein Herold im Klagerocke und Guglhaube, seinen Wappenrock am Arme tragend und den Stab gegen die Erde gesenkt zum Zeichen der Trauer.
Den Zug, der sich aus der alten Veste in die Kirche zu U. l. Frau bewegte, schloßen 80 Edle.
In der Frauenkirche waren der Hochaltar, die zwei Seitenaltäre im obern Chore und die zwei Altäre neben dem sogenannten Untermeß-Altare mit schwarzwollenem Tuche bedeckt, und an dem Tuche große weiße Kreuze und ein Schild mit dem bayerischen Wappen angebracht. Die Betstühle sowohl, des oberen als des unteren Chores waren gleichfalls mit schwarzem Tuche überdeckt, an deren Seiten Schilder mit den bayerischen Wappen und einhundertsechzig brennende Wachskerzen, jede zu einem Pfunde schwer.
In der Mitte des Chores vor dem Hochaltare war ein Katafalk errichtet, überdeckt mit schwarzem Tuche, an dem weiße Kreuze angebracht waren. Auf und neben dem Katafalke brannten dreihundertfünfzig Wachskerzen, jede zu einem Pfunde schwer. Von den oben erwähnten armen Männern standen dreißig mit ihren Wachslichtern neben dem Katafalke, die übrigen zwanzig standen vor den Betstühlen, gleichfalls mit ihren Lichtem.
Die Fürsten oder deren Abgeordnete, an deren Spitze Herzog Wolfgang und der nunmehrige noch minderjährige Thronfolger, Herzog Wilhelm IV., die Grafen, die Ritter, die Edlen und die Abgeordneten des schwäbischen Bundes stellten sich in der Kirche auf der rechten Seite des Chores und des Mittelschiffes, die bei dem Trauergottesdienste nicht beschäftigten Bischöfe und fremde Geistlichkeit und die Abgeordneten der Städte auf der linken Seite auf.
In der Mitte befand sich die herzogliche Wittwe Kunigunde und die Prinzessinen mit ihren Frauen und Edelfräulein, ferner die Frauen und Töchter der Fürsten, Grafen, Ritter und Edlen, hernach die Frauen und Jungfrauen der Geschlechter von München und nach diesen vierzig Kloster-Ordensschwestern.
Zunächst unterhalb des Katafalks stand der Herold, seinen Stab zur Erde kehrend.
Das erste Traueramt hielt Herr Philipp, Pfalzgraf bei Rhein und Herzog in Bayern, Bischof zu Freising. Ihm ministrirten Graf Georg von Ortenburg als Evangelier und Herr Degenhard von Weichs als Epistler.
Das zweite Traueramt hielt Herr Leonhard, Erzbischof von Salzburg. Ihm ministrirten Herr Niklas, Bischof von Chiemsee als Evangelier und der Herr von Trautmanns dorf als Epistler.
Während des Traueramtes geschah der Opfergang.
Bei diesem ging zuerst der Herold mit niedergesenktem Stabe, und gab einen Golddukaten, der im Jahre 1500 unter Herzog Albrecht geschlagen wurde, zum Opfer.
Auf ihn folgten zwei Klagebrüder mit brennenden Kerzen.
Hiernach wurden auf schwarzsammtenen Kissen getragen die Reichskleinodien, Krone und Scepter. Vor diesen gingen Herr Sigmund von Rohrbach, Ritter, und Wendel von Haunburg, Hauptmann.
Nach diesen trugen Graf Christoph von Ortenburg das Panier des verstorbenen Herzogs Albrecht, Herr Johann von Degenberg das Schwert, Herr Hieronimus von Stauf und Herr Hans von Pfeffenhausen den Schild, und Herr Gregor von Eglofstein, Hofmeister und Wolf von Fraunberg, Herr von Haag, den Helm.
Hierauf wurden 6 Leibpferde des verstorbenen Herzoges, mit schwarzem Tuche bis auf die Erde bedeckt, jedes eine brennende Kerze auf der Stirne tragend, mit den bayerischen Wappenschildern behangen, von zwölf Rittern geleitet um den Hochaltar geführt.
Sodann gingen die Fürsten, die Abgeordneten, die Grafen, Ritter und Edle und die Abgeordneten der Städte, und nach ihnen die Fürstinnen und Damen zum Opfer.
Den Opfergang beschloß Herr Hieronimus von Seiboltstorf, Vitzthum, eine große brennende Kerze, mit hundert Gulden besteckt, tragend.
Nach gesungenem Libera wurde der Sarg mit dem Leichname des Herzogs Albrecht in die Gruft unter den Hochaltar getragen und daselbst neben den Ueberresten Kaiser Ludwigs und seiner anderen Vorfahren beigesetzt.
Nach geendigter Kirchenfeier bewegte sich der Zug in der nämlichen Ordnung zurück in die alte Veste; die Frau Wittwe Kunigunde aber ging nicht mehr in ihr herzogliches Schloß, sondern begab sich in das Pütrich-Regelkloster der Franziskanerinen, wo sie sich gottseligen Uebungen und der Trauer um den dahingeschiedenen Gemahl weihte und nach zwölfjähriger Andacht am 5. Aug. 1520 das Leben beschloß.
An demselben Tage Mittags ein Uhr war große Hoftafel. Die näheren Umstände dieses Leichenschmauses sind von unseren gegenwärtigen Hofceremonien zu abweichend und darum zu interessant, als daß sie nicht nach der alten handschriftlichen Beschreibung dem Leser hier vorgeführt werden sollten. Es wurde dabei nicht, wie heut zu Tage, an einer Tafel gespeist, sondern die zur Hoftafel eingeladenen Gäste waren an vier verschiedenen Tischen vertheilt.
Am ersten Tische saßen, und zwar am oberen Platze: der Gesandte des Kaisers, Domdechant Herr von Zillenhart von Augsburg, des Pfalzgrafen Ludwig V. von der Pfalz abgesandter Abt von Walderbach, der, Erzbischof von Salzburg und der Bischof von Eichstätt. Am untern Platze saßen: des Landgrafen von Hessen Gesandter, und der Abgesandte des schwäbischen Bundes, Hauptmann Wilhelm Gutz.
Die Tischdiener waren und zwar: Vorschneider: der Graf Christoph von Ortenburg; Truchseß: Herr Wolf von Weichs, Ritter; vor den Speisen gingen: Graf Ulrich von Ortenburg und Herr Wolf von Aheim, Ritter; Weinschenken : Herr Johann von Bern, Herr Wolf von Fraunberg und der Herr von Haag. Tischdiener: Lorenz von Seiboltstorf und Utz, Marschall von Pappenheim.
Am zweiten Tische saßen und zwar am obern Platze: der Gesandte des Kurfürsten Friedrich von Sachsen, Markgraf Friedrich von Brandenburg, und Herzog Ulrich von Würtemberg. Am untern Platze saßen Herzog Wolfgang von Bayern, der Bischof von Augsburg und der Bischof von Konstanz.
Tischdiener waren und zwar: Vorschneider: Herr Peter von Altenhausen, Ritter; Truchseß: Herr Sigmund von Schwarzenstein; vor den Speisen gingen: Herr Hans von Pfeffenhausen und Erhard Bernthaler, Hofmeister; Weinschenken: die Vorigen, Herr Johann von Bern und Herr Wolf von Fraunberg; Tischdiener: Herr Christoph von Paulstorf, Ritter, und Peter Rainer der junge.
Am dritten Tische saßen und zwar am obern Platze: der Bischof von Freising, Markgraf Kasimir von Brandenburg und Herzog Heinrich von Braunschweig. Am untern Platze der Bischof von Passau, Herzog Wilhelm in Bayern, und Markgraf Johann von Brandenburg.
Tischdiener waren und zwar: Vorschneider: Hans von Kammer; Truchseß: Hildebrand Kitscher; vor den Speisen gingen: Hans von Closen, Ritter, und Gregor von Eglofstein, Hofmeister; Weinschenk: Herr Hieronimus von Stauf; Tischdiener: Hans von Au und Peter von Maxlrain.
Am vierten Tische saßen: der Bischof von Chiemsee, der Probst von Ellwangen, der Abt von Salmansweil, der Abt von Kempten, der Abt von St. Ulrich in Augsburg und Herr Hans Adelmann, Komthur zu Mergentheim.
Tischdiener waren und zwar: Vorschneider: Hans von Pfeffenhausen der junge; Truchseß: Andreas Fröschl; vor den Speisen gingen: Herr Hans von Closen und Gregor von Eglofstein; Weinschenk: Herr Hieronimus von Stauf.
Die Hauptpracht und Zierde der fürstlichen Tafeln bei festlichen Gelegenheiten bestand damals in sogenannten Schauessen, in welchen sich die ganze Kunst des Zuckerbäckers zeigte. Diese Schauessen bei gegenwärtiger Tafel stellten die sieben Alter der Welt und das Begräbniß des Herzoges Albrecht vor. Zur Ergötzung der freundlichen Leser und Leserinnen dieses Buches möge hier die wörtliche Beschreibung dieser Schauessen und der aufgetragenen Speisen folgen:
Das erste Essen
war das erste Alter der Welt, nämlich Adam und Eva in einem Garten, und stund zwischen ihnen ein grüner Baum, darum sich eine Schlange gewunden hat, einen Apfel im Maul und neiget sich damit gegen Eva, dabei Maurachen und Pfifferling von Zucker und Mandeln gemacht.
Das ander Essen
war ein gesottener Schweinskopf auf einem Rost abgetrocknet.
Das dritte Essen
war gesottenes Fleisch mit Kapaunen, Hühnern und getrocknetem Fleisch.
Das vierte Essen
war eine Figur des anderen Alters der Welt, nämlich die Arche Noe mit beiliegenden Oblaten von Zucker gebacken.
Das fünfte Essen
war ein heißes Fischessen von Lachsforellen, Aschen und andern guten Fischen.
Das sechste Essen
war ein Zettlkraut und was darauf gehört.
Das siebente Essen
war das dritte Alter der Welt, nämlich die Figur, wie Abraham seinen Sohn hat opfern und enthaupten wollen, anbei ein Thurm von Zucker und Mandeln gemacht.
Das achte Essen
war eine durchsichtige hohe Sulz mit Fischen.
Das neunte Essen
war grün, und gesalzenes Wildpret in einem Pfeffer.
Das zehnte Essen
war das vierte Alter der Welt, nämlich wie David, das kleine Königlein, gegen Goliath, der in Gestalt eines Riesen gemacht, dastund und seine Schlinge in der Hand hätte, dabei süße Krapfen von Zucker und Mandeln gemacht.
Das eilfte Essen
war ein Gemüs.
Das zwölfte Essen
war ein eingemachter Haufen.
Das dreizehnte Essen
war das fünfte Alter der Welt, nämlich der Thurm zu Babylon stund mit etlichen Häusern in einem Gemüs.
Das vierzehnte Essen
war eine Pastete mit eingemachten Vögeln.
Das fünfzehnte Essen
war ein Rehschlegel mit einem Zyseindl.
Das sechszehnte Essen
war das sechste Alter der Welt, nämlich die Menschwerdung Christi, Maria mit ihrem Kindlein, auch mit Joseph, dem Eselein, Oechselein und Krippe in ein weiß Mandelnuß gemacht.
Das siebenzehnte Essen
war eine Pastete mit Birnen und anderem Gemüs.
Das achtzehnte Essen
war von eingemachten Vögeln.
Das neunzehnte Essen
war das siebente und letzte Alter der Welt, nämlich das jüngste Gericht, wie der Salvator unter einem Regenbogen sitzt, zur rechten Seite die Jungfrau Maria als eine getreue Fürbitterin und zur linken Seite St. Johannes niederknieend. Dabei ein Marzipan von Zucker und Mandeln.
Das zwanzigste Essen
war von eingemachten Karpfen und Wallern.
Das einundzwanzigste Essen
war ein Gebratenes von Fasanen, Haselhühnern, Rebhühnern, Vögeln und anderm guten Wildpret.
Das zweiundzwanzigste Essen
war unseres gnädigen Herrn Herzogs Albrecht hochlöbl. Gedächtniß Begräbniß, nämlich die Form des Grabes mit allen Fähnlein oder Panieren des Landes und der Herrschaft, wie dann das wirklich gemacht und geziert in unser lieben Frauenkirche steht auf dem Grab nach seiner Bildung, ein geharnischter Mann am Rücken liegend, in der rechten Hand ein Panier und in der linken ein bloßes Schwert, bei den Füßen zwei Schilde, einer mit Bayern, der andere Osterland gemalt, dabei gefüllte Oblaten.
Das dreiundzwanzigste Essen,
das letzte zum Morgenmahl, war ein Gebackenes in Form eines Kachelofens, daraus wurden lebendige Vögel gelassen.
Hiernach folgen mehr Schauessen, die zu andern Mahlzeiten gegeben und eingetheilt worden sind:
Eine Galeere mit aufgerichtetem Segelbaum;
Unser lieben Frauen Bild in der Sonne, darüber ein Tabernakel auf vier Säulen stehend;
Eine Pastete mit etlichen Thüren, darauf ein Hirsch mit einem vergoldeten Geweih; ein Pelikan, der sich selbst in seine Brust sticht, daraus Blut fleußt auf seine im Neste liegenden Jungen;
ein Brunnen mit etlichen Röhren, daraus Rainfal floß und wieder in ein Kästchen zurückfiel;
ein brauner Igel in einem weißen Gemüs;
Samson auf einem Löwen sitzend, wie er ihm das Maul aufreißt;
drei Löwen in einem Gemüs;
St. Johannes Enthauptung;
Item etliche gegossene Schlösser;
das Abendessen Christi;
ein schöner Pfau;
ein lustig Gejaid;
und etliche gegossene Mandelmödel.
Ausser den geladenen Gästen wurden überdieß vier Tage lang, Sonntag, Mondtag, Dienstag und Mittwoch 2500 Personen aus der herzoglichen Hofküche und dem Keller ausgespeiset, und 1860 Pferde gefüttert.
Haben unsere freundliche Leser und Leserinnen, absonderlich die Freunde der edlen Kochkunst sich etwa an diesem Speisezettel höchlich ergötzt, so erlauben wir uns noch ein Seitenstück hiezu von der Hochzeit Herzog Georgs des Reichen von Landshut im Jahre 1475 anzuführen, worüber wir eine umständliche und genaue Beschreibung des damaligen Klosterschreibers zu Seligenthal, Hans Seibolt von Hochstetten, besitzen. Bei dieser fürstlichen Tafel wurden folgende Speisen aufgetragen.
Der erste Gang, das „Hochessen", bestand aus Eiern und Schmalz,
einem Picktvogel (?) ein Mandelgemüs, ein Essen von Confeet;
darnach gefüllte Oblaten;
dann Hühner in einer weißen Brühe,
dann ein heißer Fisch,
ein Oerbraten (?),
ein weißes Gemüs,
drei Pasteten aufeinander, darin dreierlei Essen,
ein braunes Gemüs,
Schwein-Wildpret,
Sulzsisch,
Hühner in einer Rosinenbrühe,
frische Lachsforellen in einem Ziseindlein,
dann Schweinsköpfe,
gebackene Schiffeln,
gesottenes Fleisch,
hohe (?) weiße Milch,
eine Lebersulz von Spanferkeln,
Krebse,
gepreßter Schweinskopf in einer Galerte, hohe Grüsen,
Vögel in einer braunen Brühe,
ein gefärbtes Gemüs,
grüne Lachsforellen mit Petersilie,
Braten,
ein braunes Gemüs,
Gebackenes,
ein langer Kuchen für zachen (?),
eine gefärbte, geschnittene Milch,
ein gefärbtes Gebäck,
ein Essen in Form eines Schachspieles,
Mandelkuchen in Weinsauee,
ein Essen von Lebzelten.
Tragen auch diese Speisen nicht die hochtrabenden und wunderlich klingenden französischen Namen, mit welchen sie heut zu Tage auf den fürstlichen Tafeln bei besonderen festlichen Anlässen prangen, so können wir doch nicht umhin, den Kochkünstlern damaliger Zeit zuzugestehen, daß sie es wohl verstanden, die Tafel mit großer Mannigfaltigkeit und Abwechselung zu bestellen. Die „Schauessen" insbesondere mögen alle wohl kleine Kunstprodukte des Zuckerbäckers gewesen sein, deren sich auch ein Konditor unserer Tage nicht schämen dürfte.
*) Die Gugel, eine Verhüllung des ganzen Kopfes mit schwarzem Zeuge, aus dem lateinischen cuoulliis, die Kapuze, franz. capuchon.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Kaiser Karl V. in München 1530
Im Jahre 1530 hatte der großmächtigste Kaiser Karl V. von Bologna aus ein Ausschreiben an die Stände erlassen, in welchem er sie zu einem am 8. April zu Augsburg zu eröffnenden Reichstage einlud, um die lutherischen Religionsstreitigkeiten zu ordnen. Es fand sich hiezu in Augsburg eine große Anzahl von Fürsten, Rittern und Geistlichen mit einem zahlreichen Trosse von Dienern und Pferden ein.
Der Kaiser selbst aber ließ lange auf sich warten, denn nur langsam und in kurzen Tagreisen näherte er sich. Der Kurfürst Joachim I. von Brandenburg und die Herzoge Georg von Sachsen und Wilhelm IV. von Bayern waren ihm bis Innsbruck entgegen geritten.
Am Freitag in der Pfingstwoche, den 10. Juni, nahte Kaiser Karl der herzoglichen Hauptstadt München mit großem Gefolge, wobei sein Bruder, der König Ferdinand von Böhmen, die Herzoge Friedrich, Otto Heinrich, Markgraf Friedrich und Hans Albrecht,
ferner der Kardinal Lorenzo Campeggio, die Erzbischöfe von Salzburg, Lüttich und Trient, und die Bischöfe von Passau und Briren, sammt einer Unzahl polnischer und spanischer Geistlichen. Da zogen ihm auf eine Stunde Weges der Adel, die Geschlechter, die Bürgerschaft und das Landvolk zum Empfange in ausgewähltem reichen Schmucke entgegen. Auf einem freien Platze waren sechzehnhundert Mann Fußvolk in Schlachtordnung aufgestellt, neben ihm fünfhundertfünfzig zu Roß; sie führten bei hundert Stück Feldgeschütz mit sich, darunter eine hölzerne mit eisernen Ringen umwundene Kanone, die den aufrührerischen Bauern bei Rastadt abgenommen worden war. Auf diesem Platze war eine hölzerne Burg mit Thürmen und Basteien versehen und mit steinfarb angestrichener Leinwand überzogen, aufgebaut, mit Kriegsvolk wohl besetzt und mit Handgeschütz bewehrt.
Als nun der Kaiser mit den Kardinälen, Bischöfen, Fürsten und Herrn angelangt war, wurde ihm das Schauspiel der Erstürmung einer Festung gegeben; mit Kriegsgeschrei lief das Fußvolk Sturm, der von der Burg aus mit großem und kleinem Geschütze kräftig empfangen wurde; ein Theil der Besatzung der Burg machte sodann einen Ausfall und es entspann sich nun auf der Ebene ein Gefecht, während die Burg aus Mörsern tüchtig beschossen und endlich erobert wurde. Nach Beendigung, dieses Manövers, in welchem jedoch mehrere Personen unglücklicherweise wirklich umkamen oder beschädiget wurden, stellte sich das Heer wieder in Schlachtordnung, worauf es vom Kaiser inspizirt, und namentlich das Geschütz besichtiget wurde.
Hierauf trat der Zug seinen Weg gegen die Stadt zu an, während ein künstlicher Drache mit dem kaiserlichen Wappen geziert in den Lüften schwebte.
An der Isarbrücke angekommen, hielten die Münchener Fischer, in weiß und blaue leinene Wämser und Hosen gekleidet, ein Fischerstechen, „wobei mehrere in das Wasser gefallen, ist fast lächerlich und lieblich anzusehen gewesen."
Darauf zog Kaiser Karl um 5 Uhr Nachmittags unter dem Donner der Geschütze von den Wällen in die Stadt ein, zu seiner Rechten sein Bruder, König Ferdinand von Böhmen, zu seiner Linken der päbstliche Legat Cardinal Lorenz Campeggio. Dem Kaiser voran wurden Reichsschwert und die Krone, dem Kardinal aber das Kreuz vorangetragen. Den Zug eröffneten sämmtliche herzogliche Beamte, die Geistlichkeit und der Magistrat der Stadt München. Im Thale, etwa zweihundert Schritte innerhalb des Thores, hielt der Zug und es wurde auf einer errichteten Bühne ein biblisches Schauspiel gegeben, die Geschichte der Esther vorstellend, „so lieblich, künstlich und wohl geordnet, daß männiglich sich verwundert, und nit wohl möglich zu bessern gewesen wäre." Zweihundert Schritte wieder weiter, ehe man zum Raththurm gelangte, wurde abermals auf einer errichteten Bühne ein geistliches Schauspiel aufgeführt, darstellend die Geschichte der Massageten-Königin Tomvris, „die dem König Cyro sein abgeschlagen Haupt in einen Zuber voll Bluts stoßet." Am Marktplatze erhob sich ein zierliches Schloß von Holz und Leinwand, welches, nachdem aus demselben einige hundert Schüsse und Freudenfeuer losgebrannt waren, in Flammen auflodern mußte.
In der Burggasse, wohin der Zug einlenkte, erwartete den Kaiser wieder ein Schauspiel. Auf einer Bühne wurde die Geschichte des Königes Kambyses von Persien dargestellt, „der einen ungerechten Richter schinden und seine Haut über einen Sessel spannen ließ, darein dessen Sohn zum Richter schuf und ordnete, damit er bei der Haut, des ungerechten Urtheils feines Vaters eingedenk, ein Recht ertheile nach Gerechtigkeit."
Dann erst folgte der Einzug des kaiserlichen Gastes in die neue Veste.
Vier Tage lang weilte der Kaiser in München, wo seine Anwesenheit mit großem Glanze und Aufwand gefeiert wurde. Tafeln und Bankette wechselten mit den Vergnügungen der Jagd und den Freuden des Tanzes. In des Herzogs Lustgarten an der Residenz, der Rosengarten geheißen, hielt bei einem solchen Balle die kaiserliche Majestät den Vortanz mit der Gemahlin des Herzoges Wilhelm, Maria Jakobäa.
Nach viertägigen Festlichkeiten begleiteten am 14. Juni die beiden herzoglichen Brüder den Kaiser zum Reichstage nach Augsburg. Er übernachtete an diesem Tage im Kloster zu Fürstenfeld, und hielt am folgenden Tage, den 15. Juni, seinen feierlichen Einzug in Augsburg.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Ein Bäckersohn von München. 1553
In der Mitte des sechzehnten Jahrhundertes lebte in München ein Bäckermeister, Namens Klesel, geringen Vermögens und ohne Ansehen, aber ein Mann alter Treue und Redlichkeit und frommen christlichen Sinnes. Dem wurde von seiner lieben Hausfrau im Jahre 1553 ein Sohn geboren, der in der heiligen Taufe den Namen Melchior erhielt.
Früh schon zeigte der Knabe, der zudem von schöner Leibesgestalt war, herrliche Anlagen des Geistes und des Herzens und einen Drang zur Wissenschaft, so daß seine Aeltern ihn zum geistlichen Stande bestimmten. Nach zurückgelegten theologischen Studien, die er bei den Jesuiten machte, wurde er zum Priester geweiht und in den Orden der Gesellschaft Jesu aufgenommen.
Hier fand sich bald ein erweiterter Schauplatz seiner Thätigkeit; die Jesuiten, seine Kenntnisse sowohl als seine Klugheit und seinen Eifer für die katholische Kirche erkennend, fanden ihn geeignet, ihm einen wichtigeren
Wirkungskreis anzuvertrauen. Durch Vermittelung derselben wurde er dem Erzherzoge Mathias von Oesterreich empfohlen, bei welchem sich Melchior Klesel so sehr in das Vertrauen zu setzen wußte, daß er dessen geheimer Rath ward. In kurzer Zeit wurde er Administrator von Neustadt und später Bischof von Wien. In dieser Eigenschaft entfaltete Klesel nunmehr feine ganze Thätigkeit und seine Einsicht in Staatsangelegenheiten. Als Erzherzog Mathias aus Böhmen,, wo er dem Kaiser die ungarische , Krone abgerungen, nach Oesterreich zurückkehrte, wurden die protestantischen Stände schwierig, und verlangten vor ihrer Huldigung Abstellung ihrer Beschwerden und freie Religionsübung. Hier war es nun Bischof Melchior Klesel, welcher diesem Begehren entschieden entgegen trat und dem Erzherzog Mathias unausgesetzt vorstellte, „es sei besser, die Protestanten nähmen alle katholische Kirchen mit Gewalt ein, als daß man ihnen etwas mehr einräume, als sie zuvor gehabt." Dessen ungeachtet mußte am Ende Erzherzog Mathias nachgeben und am 21. Februar 1609 den evangelischen Ständen Oesterreichs die freie Ausübung ihrer Religion bewilligen.
Inzwischen hatte den Melchior Klesel eine große Sehnsucht ergriffen, nach langer Zeit seine Vaterstadt und seinen greisen Vater wieder zu sehen. Deshalb reisete er Ende Juni 1607 nach München, wo er als Kirchenfürst mit großen Ehren empfangen wurde. Dortselbst las er zwölf Tage nacheinander am Altare des heiligen Benno, dessen Gebeine erst vor einiger Zeit nach München gekommen und im Jahre 1580 in die Kirche zu U. l. Frau
transferirt worden waren, die heilige Messe und stiftete in diese Pfarrkirche auf den 11. Juli ein Meßstipendium. In dem darüber ausgestellten Stiftungsbriefe nannte er sich: „Wir Melchior Klesel, nominirter Bischof zu Wien, Administrator des Bisthumes Neustadt, römisch kaiserlicher Majestät Rath und Hofprediger." — Am 22.Juli hielt er in der Frauenkirche eine Predigt unter großem Zudrange des Volkes.
Am 3. Juni 1612 wurde Mathias durch einstimmige Wahl der Kurfürsten zum deutschen Kaiser ernannt. Die nächste Folge dessen war die Erhebung des Melchior Klesel zum Kardinale. Die religiösen Wirren nahmen in der Zeit fortwährend zu, in Böhmen hatten die Unruhen begonnen, die den Ausbruch des dreißigjährigen Krieges herbeiführten. Der friedliebende Kaiser Mathias, alt und kränklich, dazu ohne bereite Heeresmacht, ohne zureichende Geldmittel, neigte sich zur Nachgiebigkeit gegen die aufrührischen Böhmen; in diesen Gesinnungen wurde er namentlich von seinem einzigen Vertrauten, dem Kardinal Klesel, der sich allen von den beiden Brüdern des Kaisers, den Erzherzogen Ferdinand und Maximilian vorgeschlagenen kriegerischen Maßregeln eifrigst und energisch widersetzte, unterstützt. Da beschlossen die beiden Erzherzoge, des Kaisers vertrauten Rath, der ihren Ansichten im Wege stand, mit Gewalt zu entfernen. In der Hofburg zu Wien wurde Melchior Klesel eines Abends ergriffen gefangen und unter der unwahren Beschuldigung des Einverständnisses mit den böhmischen Protestanten in ein Kloster in Tirol geführt.
Der römische Hof nahm diese Eingriffe in seine geistlichen
Jurisdiktionsrechte sehr übel auf; nur den Bemühungen des gelehrten Kardinals Bellarmin gelang es, von den beiden Erzherzogen und allen Mithelfern dieser Gewaltthätigkeit die kirchliche Erkommunikation abzuwenden. Pabst Paul V. sendete aber als ausserordentlichen Legaten den Auditor der römischen Rota, Fabrizio Verospio, nach Wien ab, um die Ausantwortung des Kardinals Klesel zu seiner Vernehmung vor dem Kardinals-Collegium in Rom zu verlangen. Allein die Bemühungen des Legaten waren fruchtlos, die kaiserlichen Räthe bestanden darauf, daß die Sache Klesel's in Wien unter Zuziehung einiger vom Pabste zu delegirenden Richter untersucht und entschieden werde. Pabst Paul V. war inzwischen verstorben, aber fein Nachfolger Pabst Gregor XV. nahm sich der Angelegenheit lebhaftest an, und sendete wiederholt den Fabrizio Verospio mit dem gemessensten Befehle nach Wien, die Auslieferung des Kardinales Klesel zu erwirken. Dießmal gelang es; Klesel wurde aus der Klosterhaft entlassen und dem Legaten übergeben, wobei er ausrief: „Wir wollen gehen, wo Ihr uns hinführet; die Unschuld hat nichts zu befürchten, werde sie dem Pabste oder dem Kaiser vorgestellt."
Nach seiner Ankunft in Rom wurde Klesel zwar in der Engelsburg verwahrt, allein die gegen ihn geführte Untersuchung ergab bald die Unwahrheit aller erhobenen Verläumdungen und seine völlige Unschuld, so daß er vom Kardinalseollegium einstimmig freigesprochen und der Haft entlassen wurde.
Bald hernach verblich Pabst Gregor, und Kardinal Klesel betrat das Conelave, welches den Pabst Urban VIII.
erwählte. — Als die Heiligsprechung des Ignaz Loyola, des Stifters des Jesuitenordens, erfolgte, saß auch hier Melchior Klesel im Collegium und ist die Kanonisationsbulle von ihm mit unterschrieben.
Da aber bisher das Bisthum zu Wien noch immer erledigt stand, begab sich Melchior Klesel, vom Pabste mit vielen Heiligthümern beschenkt und mit der päbstlichen Benediktion entlassen, wieder dahin, wurde in Wien im Triumphe empfangen und stand diesem Bisthume noch sieben Jahre bis zu seinem im Monate Oktober des Jahres 1630 erfolgten Tode vor. Sieben und siebzig Jahre war er alt geworden.
Kurz vor seinem Hinscheiden übersendete er seiner Vaterstadt München seinen Kardinalshut zum Andenken, daß er ein schlichter Bäckerssohn dieser Stadt sei. Dieser Kardinalshut wurde in der Pfarrkirche zu U. l. Frau im Chore an der Decke des Gewölbes aufgehängt, woselbst er bis in die jüngste Zeit zu sehen war, ein ehrenvolles Denkzeichen für die Münchener Bürger!
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Hochzeit Herzog Wilhelm V. 1568
Unter allen Fürstensitzen in Deutschlands Gauen glänzte im 16. Jahrhunderte keiner herrlicher, als der zu München unter Herzog Albrecht V. Mit königlichem Aufwande hatte er die Hauptstadt und seine Schlösser verschönert.
Alles übertraf aber an Pracht und Verschwendung die Ausstattung und Vermählung seines Sohnes Wilhelm; selbst des reichen Herzog Georgs von Landshut berühmte Hochzeit war nicht mit größerem Aufwande begangen worden. Diese ist's, welche wir hier unsern freundlichen Lesern vorführen wollen.
Herzog Wlbrechts Sohn Wilhelm, ein durch die edelsten Leibes- und Gemüthsgaben sowie durch Wissenschaft ausgezeichneter Jüngling, war geboren am 29. September 1548. Als er zwanzig Jahre alt war, gedachte sein Vater ihn zu vermählen, und feine Wahl fiel auf Renata, die Tochter des im Jahre 1545 verstorbenen Herzogs Franz I. von Lothringen, geboren im nämlichen
Jahre, also 23 Jahre alt. Herzog Albrecht sendete im Mai 1567 den Grafen von Schwarzenberg, den Hofmeister Wilhelm von Lösch und den Dr. Perbin ger als Bevollmächtigte nach Wien, und am 3. Juni wurde der unter dem Namen des Kaisers Maximilian ausgefertigte Heiratsvertrag abgeschlossen. Die Verlobung geschah am 18. September im Schlosse zu Blamont, und wurde sodann die Vermählung auf 22. Februar 1568 festgesetzt.
Herzog Albrecht beschloß, die Hochzeit seines Sohnes und Thronfolgers mit aller Pracht zu begehen. Es wurden daher Gesandtschaften an die befreundeten Höfe, den Pabst, den Kaiser, den König von Spanien, die Fürsten, die Bischöfe und den ganzen Adel des Herzogthumes mit Einladungsschreiben gesendet.
Die Zeit der Vermählung nahte heran. Da wurden, um die fürstliche Braut aus Lothringen zu geleiten, die Herren Wolf Wilhelm von Mächselrain, Freiherr von Waldeck und Hans Georg von Preising nach Naney gesandt. Bereits am 12. Februar 1568 langte die Mutter der Braut, die verwittwete Herzogin Christine, Tochter des unglücklichen Königs Christiern II. von Dänemark und deren Tochter Dorothea, die jüngere Schwester der Braut, und Sonntag den 15. die Braut selbst in Ingolstadt an, wo sie von Herzog Ferdinand von Bayern, dein jüngeren Sohne des Herzogs Albrecht, empfangen wurden. Von da begaben sie sich nach Dachau, um dortselbst den Tag des feierlichen Einzuges in München zu erwarten.
Nun nahten auch die eingeladenen Gäste.
Am 15. Februar ritt Erzherzog Ferdinand von Oesterreich mit einem Gefolge von 700 Pferden und mit wundervoller Pracht in München ein. Am 17. Februar kam Otto, Bischof von Augsburg, Truchseß, Kardinal und Fürst des heiligen römischen Reiches als Gesandter des heiligen Vaters, um die Ehe einzusegnen. Sein Gefolge bestand aus 125 Pferden, 30 Herren und Vasallen. Am 18. erfolgte die Ankunft des Erzherzogs Karl von Oesterreich mit 800 Pferden und einem stolzen Gefolge der vornehmsten Grafen, Barone und Ritter Deutschlands und Jtaliens. — Am nämlichen Tage traf der Großmeister des deutschen Ordens als Abgesandter Kaiser Maximilians und diePfalzgräsin Dorothea, Tochter des Königs Christiern II. von Schweden, Wittwe Friedrichs II. des Weisen, Kurfürsten von der Pfalz und Tante der erlauchten Braut ein.
Am 20. Februar erschien Prinz Eberhard von Württemberg mit einer großen Anzahl von Pferden, und am nämlichen Tage, eine Stunde später, der Erzbischof Johann Jakob Khuen, Legat des apostolischen Stuhles, mit unzähligen Pferden. Spät Abends erfolgte die Ankunft der Mutter der Braut, Herzogin Christine von Dänemark in einer mit schwarzem Sammt geschmückten Sanfte, mit vier Wägen besetzt mit ausgezeichneten Damen, und einer großen Anzahl Pferde. Ueberdieß war eine große Anzahl von Gesandten der Höfe und eine beinahe unzählbare Menge hoher Personen und Ritter bereits angekommen.
Am folgenden Tage, Samstags den 21. Februar, geschah der feierliche Einzug der hohen Braut, der Prinzessin Renata in folgender Weise.
Schon mit dem frühesten Morgen war München in freudiger Aufregung, die neue Herzogin von Bayern zu empfangen. Die beiden erlauchten Herzoge von Oesterreich sammt den Fürsten und Gesandten waren schon voraus nach Dachau geeilt, die Braut zu geleiten.
Den Zug eröffneten die Bürger von München mit rothen, gelben und weißen Schärpen quer über die Brust, mit Fahnen, Trommelschlägern und Pfeifern zu Pferde. Ihnen folgten die Schützen und sammtliche Dienerschaft aller hohen Herrn und Vornehmen aus Bayern. Auf diese kamen die Abgeordneten der bayerischen und der Reichsstädte. Sodann folgten die Pferde sämmtlicher fremden Grafen, Barone und Edlen, dann die der Erzherzoge von Oesterreich. Nach ihnen 150 Edelknechte der Herzoge von Oesterreich und Bayern, alle in köstlicher Tracht. Nun kamen die Grafen, Barone und Herren aus Bayern, die Beamten und hohen Personen des Hofes selbst, je zu drei mit einander; hierauf die Gesandten und Fürsten. Ihnen folgte Herzog Albrecht und der Großmeister des deutschen Ordens, in ihrer Mitte der Bräutigam Herzog Wilhelm, gekleidet in einen prächtigen scharlachrothen Mantel mit karmoisinrothem Kragen, verbrämt mit Gold, mit Beinkleidern und einem Wamms so reich mit Gold gestickt, daß die Farbe des Stoffes nicht kennbar war, und einem kostbaren Hute, dessen Einfassung mit Gold und Diamanten geziert war; unter dessen Federn schimmerte eine glänzende Medaille. Neben ihnen gingen auf beiden Seiten über hundert Trabanten. Den Zug schloß eine große Anzahl Diener und Knechte zu Fuß in festlicher Tracht.
Dieser Zug bewegte sich gegen das Dorf Neuhausen,
wo zwei Gezelte, jedes ungefähr 30 Schritte von dem andern entfernt, und jedes mit zwei Ausgängen versehen, aufgeschlagen waren. Daselbst angekommen stiegen die erlauchten Fürsten von ihren Pferden und traten in das erste Zelt.
Wohl eine gute Stunde verging bis zur Ankunft der Braut, während sich der gairze Aug zum Rückwege gegen die Stadt ordnete.
Endlich nahte die Braut in einer prächtigen, mit rother Seide innen ausgeschlagenen Sänfte welche von zwei Maulthieren getragen wurde, mit ihrem Gefolge, aus ungefähr vierhundert Pferden bestehend. Unweit der Gezelte stieg sie auS der Sänfte, setzte sich auf einen weißen, prachtvoll geschmückten Zelter und ritt mit ihrem Gefolge den Gezelten zu. Das Kleid der Braut war nach spanischer Art, lang, vom Gürtel an nach unten zu offen, von karmoisinrother Seide, worauf Figuren aus Gold und Silber eingewebt waren, mit einem bei vier Finger breitem Saume geziert mit großen Perlen und herrlichen Rubinen. Auf dem Kopfe trug sie zierlich gearbeitete Spitzen mit Perlen und Rubinen, dann Perlenschnüre um die Stirn gewunden; ferner eine prächtige Halskette von Diamanten, Rubinen und Perlen, an der auf der Brust ein ausgezeichneter Rubin von unschätzbarem Werthe hing, endlich einen Hut mit unzähligen kostbaren Perlen geschmückt. Ihre Schleppe trug Louise, die Tochter des Herzogs von Vaudemont.
Nach ihrer Ankunft an dem zweiten noch leeren Zelte begaben sich die Braut, der Herzog von Vaudemont, der Graf von Schwarzenberg, die Prinzessin Dorothea von
Lothringen, Schwester der Braut, Fräulein Louise von Vaudemont und die Gräsin von Salm in dasselbe und traten alsbald durch die entgegengesetzte Thüre wieder hinaus. Jn dem nämlichen Augenblicke trat auch der erlauchte Bräutigam mit seinem Vater Herzog Albrecht und den angesehensten Hofherren hervor, und beide begegneten sich ungefähr in der Mitte der zwei Gezelte. Nach den erfolgten Begrüßungen und den gegenseitig gehaltenen Anreden begann der Zug nach der Stadt unter dem Donner der Geschütze, wobei die Braut in einem schön vergoldeten Wagen saß. Der Zug war so groß, daß als die ersten Reiter durch das Neuhauserthor einzogen, die hohe Braut sich noch in ihrem Gezelte befand. Der Reiter waren 5640.
In der Stadt ging der Zug unter dem Gedränge der schaulustigen Leute, die die Straßen füllten, nach der Kirche U. l. Frau. Unter Glockengeläute und Trompetenund Paukenschall trat Herzog Wilhelm mit feiner Braut in die Kirche auf die für sie bereitete Bühne, worauf der Bischof von Augsburg, Kardinal und Legat des Pabstes, das äsum lauüamus anstimmte, wozu der herzogliche Kapellmeister Orlando di Lasso eine kunstvolle sechsstimmige Musik komponirt hatte. Nach geendeter Kircheneeremonie nahm der Zug seine Richtung in die herzogliche Burg, in welche nur die erlauchten fürstlichen Personen eintraten. Hierauf war große Hoftafel, wozu ungehindert Jedermann der Eintritt zum Zuschauen gestattet war. Während dieser Tafel, welche zwei Stunden dauerte, spielte die herzogliche Kapelle verschiedene Vocal- und Instrumentalstücke.
So endete der erste Tag des Empfanges.
Der nächste Tag, Sonntag der 22. Februar, war zur Vermählungsfeier bestimmt.
Die hohen Fürsten hatten Morgens einem Hochamte in der Hofkirche.zum heiligen Lorenz beigewohnt, wozu Orlando di Lasso eine sechsstimmige Messe componirt hatte. Hierauf wurde das Frühmahl eingenommen, und dann begaben sich alle Fürsten und Damen in das Gemach der erlauchten Christina von Dänemark bis zur Vesperzeit. Nun wurde der festliche Zug zu Fuße in die Kirche U. l. Frau angetreten.
Lange zuvor aber wogte das Volk schon in den festlich geschmückten Straßen, und die Häuser waren bis an die Giebel mit Menschen dicht gefüllt, welche das edle Brautpaar schauen wollten. Vom wolkenlosen Himmel schien die Sonne, gleichsam als wolle auch sie den Freudentag begünstigen.
Unter dem Jubel des Volkes, unter dem Glockengeläute von allen Thürmen der Stadt und unter Trompeten und Paukenschall bewegte sich der Zug durch die Straßen. Der Bräutigam ging in der Mitte zwischen dem Herzog Albrecht und dem Gesandten des Kaisers Maximilian, und die Braut wurde vom Erzherzoge Ferdinand von Oesterreich zur Rechten und dem Herzoge von Vaudemont zur Linken geleitet.
Die Braut trug ein Kleid von Brokat mit silbernen und azurblauen Streifen, einem breiten mit Diamanten und Perlen geschmückten Saume und einer langen Schleppe, welche von Fräulein Louise von Vaudemont getragen wurde. Den Hals zierte eine Kette von den reichsten Edelsteinen, und ein Diamant im Werthe von 16,000*) Scudi hing
an der Brust herab. Am Kopfe trug sie ein Häubchen reich besetzt mit Diamanten und Perlen im Werthe von wenigstens 14,000 Scudi.
Der Bräutigam trug Beinkleider mit Wamms und Collet von Brokat mit Silber gestickt, ein Oberkleid von schwarzem Sammt mit Zobelpelz gefüttert, ein Barett mit Perlen und Diamanten besetzt, die wallenden Federn von einer Agraffe von unschätzbarem Werthe gehalten. An der Schnalle des Gürtels, dem Griffe des Degens und Dolches waren von massivem Golde geschmackvolle Verzierungen in erhabener Arbeit angebracht.
In der Kirche an dem außerhalb des Chores in der Mitte aufgerichteten Altare begannen mm die Trauungs-Ceremonien, welche von dem hochwürdigen Kardinale, Bischof von Augsburg abgehalten wurden. Nach beendigter Trauung erfolgte der Rückzug in die herzogliche Burg, die neue Veste, unter dem Jubelgeschrei und Jauchzen des Volkes.
Dort angekommen begaben sich die hohen Herrschaften zur Tafel in der sogenannten Langstube, welche mit den herrlichsten Tapeten behangen war. Die Ordnung der Tafel war folgende: Obenan unter einem reich mit Gold gestickten Thronhimmel saßen der hohe Bräutigam mit der Braut, alsdann folgten auf der rechten Seite herab der Kardinal, Bischof von Augsburg, dann die Abgeordneten der hohen Fürsten, als der Großmeister des deutschen Ordens, dann Karl Graf von Zollern, Gesandter des Königs Philipp von Spanien, Christoph Baron von Losenstein, Gesandter der Königin von Polen, Johann Graf von Schwarzenberg, Haushofmeister und Gesandter des Herzoges von Bayern, dann der Baron von Limburg,
Gesandter des Kurfürsten von der Pfalz, Otto von Biland, Gesandter des Markgrafen von Baden, und Troilo Orsino, Gesandter des Herzoges von Medieis. Zur linken Seite von der erlauchten Braut herab saßen zuerst der Herzog Ferdinand von Oesterreich, dann die Herzogin Anna von Bayern, der Erzherzog Karl von Oesterreich, Dorothea von Dänemark, Herzog Albrecht, Herzogin Jakoba von Bayern, der Herzog von Vaudemont, seine Gemahlin Johanna von Savoyen, der Erzbischof von Salzburg und Herzog Eberhard von Württemberg. Jn der nebenanstoßenden „großen Rundstuhe" speisten: Herzog Ferdinand von Bayern, Dorothea von Lothringen, der Bischof Ernst von Freising, die Prinzessinen Maria und Marimiliana von Bayern, Fräulein Louise von Vaudemont, Philipp Markgraf von Baden mit seiner Schwester, und die Gräsin von Salm. An einem andern Tische im nämlichen Saale speisten die Abgeordneten von Nürnberg, Augsburg und die Begleiter der Gesandten.
Die fürstliche Tafel wurde nur von Grafen, Baronen und Herrn von Adel bedient.
Die Tafel begann mit einem Coneerte, worunter namentlich eine Schlachtsinfonie zu acht Stimmen von der Komposition des Organisten Annibale aufgeführt wurde. Vier Marschälle, die Grafen Heinrich von Schwarzenberg, von Arko der ältere, Ulrich von Montfort und Friedrich von Dettingen trugen hierauf die Speisen auf, aus acht Gängen bestehend. Bei jedem Gange wurden von der herzoglichen Kapelle angenehme Musikstücke aufgeführt. Da wir schon in einem früheren Bilde über das Leichenbegängniß des Herzoges Albrecht IV. zwei Küchenzettel geliefert haben, so wollen wir dießmal die Geduld der Leser durch Aufzählung der Speisen und Schaugerichte nicht ermüden; hingegen geben wir dießmal dem muflkfreundlichen Leser das Repertoir der aufgeführten Musikstücke. Beim ersten Gange wurde eine sechsstimmige Motette mit fünf Zinken und zwei Posaunen von der Komposition des Orlando di Lasso gespielt; beim zweiten Gange ein anmuthiges Madrigale von Alessandro Striggio für sechs Posaunen; beim dritten eine Gesangs-Motette von Cyprian de Rore mit Begleitung von sechs Saiteninstrumenten; beim vierten ein zwölfstimmiges Coneert von Annibale aus Padua für sechs Streichinstrumente, fünf Posaunen, einer Zinke und einem angenehmen Positiv; beim fünften Gerichte ein sechsstimmiges Vokal-Madrigal mit Begleitung von sechs Violen di Gamba, sechs Flöten und einem Geigen-Clavieembal; beim sechsten ein Coneert für ein Clavieembal, Posaune, Flöte, Laute, eine Sackpfeife, eine Zinke, eine Viola di Gamba und eine Querpfeife; beim siebenten ein Coneert von zwölf Musikern, die in drei Chöre vertheilt waren, nämlich vier Violen di Gamba im ersten, vier große Flöten im zweiten, einen Dulzian, eine Sackpfeife, eine Querpfeife und ein sanftes Horn im dritten Chore; endlich beim achten Gange verschiedene Quartetten von Orlando di Lasso, welche von ausgezeichneten Sängern vorgetragen wurden. 'Wie wunderlich auch für unsere modernen musikalischen Ohren diese Zusammenstellung von Jnstrumenten erscheinen mag, so muß man doch gestehen, daß die damaligen Musiker in ihre Coneerte große Abwechselung und Verschiedenheit zu bringen verstanden, trotz unsern Coneerten der Neuzeit.
Nach der Tafel folgte ein Ball, nach welchem die Neuvermählten von fämmtlichen Herrschaften in das herzogliche mit reicher Pracht gezierte Brautgemach geführt wurden. Dortselbst wurde die fürstliche Braut von allen hohen Damen entkleidet; die Frau Pfalzgräsin Dorothea von Dänemark bekleidete sie mit einem aus rother Seide und Gold gewebten Nachthemd, Herzogin Anna setzte ihr auf das Haupt ein Häubchen mit Gold und Silber und den Namen des herzoglichen Brautpaares gestickt, und die Herzogin von Vaudemont reichte ihr einen Schlafrock, mit Goldfäden durchwebt und mit Fuchspelz gefüttert, und geschmückt mit goldenen mit Rubinen besetzten Knöpfen. Auf eben diese Art entkleidet erschien der fürstliche Bräutigam. Dann empfing die Braut von ihrer Mutter Christine einen zärtlichen Kuß und den mütterlichen Segen; dasselbe thaten die Aeltern des Bräutigams, Herzog Albrecht und Herzogin Anna, worauf sich dann alle in ihre Zimmer zurückzogen.
So endete der Tag der Vermählung.
Am folgenden Tage, Montag den 23. Februar, empsing das hohe Brautpaar Morgens von dem versammelten Hofe die Glückwünsche, und es wurde hierauf unter dem Schalle der Trompeten und Pauken in der nämlichen Ordnung, wie Tags zuvor, in die Kirche zu U. l. Frau gezogen, wo sie dem Hochamte beiwohnten, das von dem Cardinale und Bischofe von Augsburg abgehalten, und wobei eine schöne sechsstimmige Messe von der heil. Dreifaltigkeit, komvonirt von Orlando di Lasso, gesungen wurde. Nach geendigtem Gottesdienste begaben sie sich zu Fuße wieder in die herzogliche Burg zur Mittagstafel.
Bei dieser wurde ein Scherz aufgeführt, welcher die anwesenden hohen Gaste sehr ergötzte. Es wurde nämlich beim ersten Gerichte eine große Pastete aufgetragen. Nachdem sie einige Zeit auf dem Tische gestanden war, öffnete der Marschall dieselbe, und zur großen Verwunderung der Anwesenden sprang aus derselben ein Zwerg des Erzherzogs Karl von Oesterreich, ein nicht zwei volle Spannen hohes Kind von sechs Jahren, in glänzend weißer Rüstung und bewaffnet hervor, ging behende auf der Tafel herum, zog sein Schwert, schwang selbes viermal, und reichte dann mit großer Ehrerbietung zuerst dem herzoglichen Bräutigam, dann der Braut und sofort allen fürstlichen Gästen die Hand.
Nach der Tafel begaben sich die Fürsten und die Damen auf das Rathhaus, woselbst im großen Saale bis am Abend getanzt wurde, worauf sich die hohen Herrschaften wieder in die herzogliche Burg zurück verfügten.
Dienstag, den 24. Februar, Nachmittags war am Marktplatze ein Ring rennen, bei welchem alle edlen Theilnehmer auf lustige und ergötzliche Art maskirt waren, z. B. als alte Römer, als alte Deutsche, als Amazonen, als Nymphen, als Bauern, als ein Baechus, als Göttin Diana, als Bären, Wölfe und Harlekins.
Am Mittwoch, den 25. Februar, nachdem die hohen Herrschaften zuerst einem Hochamte in der St. Lorenz-Hofkapelle beigewohnt hatten, wobei eine neue siebenstimmige Messe von Orlando di Lasso aufgeführt wurde, begaben sich die hohen Neuvermählten in Begleitung aller Fürsten und fremden Abgeordneten in einen Saal zur Ueberreichung der Brautgeschenke, wozu dem Volke der Eintritt gestattet war. Zuerst überreichte der Kardinal, Bischof von Augsburg, der Herzogin Renate als Brautgeschenk zwei große silberne und vergoldete Becher im Werthe von 2000 Seudi; hierauf übergab der Abgeordnete des Kaisers Maximilian in dessen Namen eine mit Diamanten und Edelsteinen besetzte Halskette im Werthe von 4000 Scudi, sodann der Graf Karl von Zollern im Namen des Königs von Spanien eine prächtige mit großen Diamanten geschmückte Halskette im Werthe von 5000 Scudi, und im Namen des Infanten von Spanien einen auf 2000 Scudi geschätzten werthvollen Diamant; Franz Graf von Thurn im Namen des Erzherzogs Ferdinand von Oesterreich eine ebenfalls mit Edelsteinen besetzte Halskette im Werthe von ungefähr 3000 Seudi, Baron Karl von Fels im Namen des Erzherzogs Karl von Oesterreich eine Halskette von gleichem Werthe. Durch den Grafen Paul von Salm, dem Abgeordneten des Herzogs von Lothringen, wurden drei Packete der verschiedensten kostbaren Juwelen, welche ans 15,000 Scudi geschätzt waren, dann silberne und vergoldete Becher, Salzgefäße und ein Credenztisch, deren Werth auf 18,000 Scudi angegeben war, ferner ein prächtiges Ruhebett von karmoisinrothem Sammt, init herrlichen seidenen und mit Gold gestickten Tapeten im Werthe von 30,000 Scudi übergeben. Von ihrer Mutter Christine erhielt die hohe Braut kostbare Juwelen im Werthe von 13,000 Scudi. Herzog Albrecht übergab ihr eine mit Edelsteinen reich besetzte Halskette, auf 8000 Scudi geschätzt; Herzogin Anna eine desgleichen im Werthe von 7000 Scudi. Der herzogliche Bräutigam überreichte seiner Braut einen Gürtel und eine Halskette, beide auf
10,000 Scudi geschätzt. Zahlreich und kostbar waren die Geschenke der übrigen Fürsten und Fürstinen, deren Aufzählung dem Leser langweilig dünken möchte; wir erwähnen nur noch, daß Graf Heinrich von Schwarzenberg im Namen des ganzen Landes Bayern zwei silberne und vergoldete Trinkgefässe, gefüllt mit 6000 neugeprägten Dukaten überreichte.
Nach dem Mahle begaben sich die hohen Herrschaften aus den festlich geschmückten Marktplatz, wo ein Fußturnier stattfand, dem die Braut und die Fürstinen und Damen aus den Fenstern des Landschaftsgebäudes zuschauten. Die Kämpfer, in ritterlicher Rüstung, theilten sich in zwei gleiche Theile, je zu achtzig Rittern. Hierauf begann der Kampfe zuerst mit Lanzen, und nachdem deren eine große Anzahl gebrochen war, mit Schwertern. Nach geendigtem Kampfe begaben sich die Fürsten, Fürstinen und hohen Gäste zurück in die herzogliche Burg, wo Tafel gehalten und nach dieser ein Ball stattfand. Nach diesem geschah die Preisevertheilung an die Sieger im heutigen Turniere.
Der erste Preis wurde von den Kampfrichtern dem Erzherzog Karl von Oesterreich zuerkannt, und derselbe empfing ihn, aus einem sehr kostbaren Kranze bestehend, aus den Händen der erlauchten Braut.
Den zweiten Dank erhielt Herr Heinrich Zobel, erzherzoglicher Truchseß, aus den Händen der Gräfin von Salm.
Den dritten Dank überreichte die Gräfin von Dettingen dem Herrn Grafen von Tübingen.
Den vierten Dank empsing Herzog Ferdinand von Bayern von den Händen der Herzogin Dorothea von Lothringen.
Den fünften Dank erhielt Ritter Johann von Rennsberg von Fräulein Eisenreich.
Alle diese Kampfpreise bestanden in herrlichen mit Blumen von Seide und Gold und einem kostbaren Juwel gezierten Kränzen.
Donnerstag, den 26. Februar, war Morgens in der Lorenzer Hofkirche wieder feierliches Hochamt, während welcher eine neue kunstreiche achtstimmige Messe des Orlando di Lasso aufgeführt wurde. Nach hierauf eingenommenem Frühmahle begaben sich die fürstlichen Damen zu Wagen und die Herren zu Pferde wieder auf den Marktplatz, wo ein Turnier zu Pferde gehalten wurde.
Die Herren rannten zuerst einzeln mit einander und brachen ihre Lanzen; zuletzt aber endete das Turnier mit einem allgemeinen Kampfe.
Hierauf war wieder Tafel in der Burg und dann Ball. Nach diesem erfolgte die Austheilung der Preise, wie sie von den erwählten Kampfrichtern zuerkannt wurden.
Den ersten Preis erhielt auch heute Erzherzog Karl von Oesterreich aus den Händen der Braut, wobei gegenseitig zierliche und anmuthige Anreden gehalten wurden.
Den zweiten Dank empsing Herr Furio Molzo, Kammerherr des Erzherzogs Karl, von den schönen Händen der Gräfin von Salm.
Der dritte Dank wurde dem Herzoge Ferdinand von Bayern von der Freifrau von Blamont überreicht.
Den vierten Dank übergab die schöne Euphrosine von Oetting einem polnischen Ritter Namens Jean Maluwitz.
Am folgenden Tage, den 27. Februar, an einem Freitage, war nach katholischem Gebrauche nicht erlaubt ein Turnier zu halten. Dieser Tag begann mit einem Hochamte, während welchem eine sechsstimmige Messe von Cyprian de Rore gesungen wurde. Während der hierauf folgenden Frühmahlzeit war Coneert von der herzoglichen Kapelle. Unterdessen wurde im Hofe der herzoglichen Burg eine Bühne errichtet, und auf selber nach der Tafel von den Jesuiten ein Schauspiel aus dem alten Testament, darstellend das Leben und den Tod des starken Simson, aufgeführt.
Nach beendigtem Theater war große Tafel, und nach dieser wurde auf einem großen geräumigen Platze vor der herzoglichen Burg ein Feuerwerk angezündet, den Brand eines Castells vorstellend.
Samstag, den 28. Februar, wurde auf dem Marktplatze ein komisches Turnier, Kübelstechen genannt, abgehalten. Die Kämpfer, vierundzwanzig an der Zahl, waren vom Gürtel an nach unten in weißer Rüstung, am ganzen Oberleib aber und den Armen bis über die Schultern ganz dick mit Heu angeschoppt. Anstatt des Helmes trugen sie auf dem Kopfe einen hölzernen mit verschiedenen, fratzenhaften Darstellungen bemalten Kübel. Ihre Pferde waren Bauernpferde, die Sättel auf denselben ohne Gürtel, und die Lanzen hatten anstatt der Spitze eine Scheibe. Dieser Kampf war höchst ergötzlich anzusehen, denn die Ritter fielen zum großen Gelächter der Zuschauer wie Ballons zur Erde, und die erschreckten Pferde liefen wie besessen auf der Bahn umher. Da dieses Turnier nur ein Scherzspiel war, so wurden Kampfpreise nicht
ausgetheilt. Ein zweiter derartiger Spaß wurde nach beendigter Tafel im Hofe der Burg aufgeführt, indem zwanzig Ritter auf Pferden aus Pappdeckel geformt einherritten und verschiedene lächerliche Cavalkaden machten, nach deren Beendigung Raketen, die im Innern der Pferde angebracht waren und Feuer aus deren Mäulern, Ohren, Nasenlöchern und dem Schweife sprühten, zur großen Belustigung der hohen Herrschaften angebrannt wurden, da die Ritter mit ergötzlichen Sprüngen und Gebärden herumtummelten, gleichsam als wären diese Pferde vor dem Feuer scheu geworden. So endete auch dieser Tag.
Sonntag, den 29. Februar, war nach dem Morgengottesdienste das Frühmahl, wobei eine von Orlando di Lasso zu Ehren dieser fürstlichen Hochzeit eigens komponirte Festmusik, deren Tert der gelehrte Nikolaus Stoppius verfaßt hatte, mit ungetheiltestem Beifalle aufgeführt ward. Die Musik dieser Cantate wurde zu Paris 1571 gedruckt, und findet sich unter den Musikschätzen der hiesigen kgl. Hof- und Staatsbibliothek.
Nach der Abendtafel fand wieder großer Ball statt.
Am folgenden Tage, Montag den 1. März, wurde Mittags zwölf Uhr wiederholt ein glänzendes Turnier auf dem Marktplatze abgehalten, worauf folgende Preise vertheilt wurden: Den ersten Dank erhielt Herr von Rennsberg aus den Händen der Maria di Parchi, Kammerfräulein Christine von Dänemark; den zweiten Dank empsing Herr Rupprecht von Hermanstein durch die Baronesse von Lamberg; den dritten Karl Graf von Zollern aus den Händen der Gräsin Euphrosine von Oetting; den vierten Baron Gottfried Prainer von der Baronesse von Blamont;
den fünften Erzherzog Karl von Oesterreich aus den Händen der Prinzessin Maria von Bayern; den sechsten Herzog Ferdinand von Bayern von der Herzogin Louise von Vaudemont; den siebenten Herzog Wilhelm von Bayern aus den Händen der Herzogin Dorothea von Lothringen, und den achten Baron von Eitzing, Kämmerer des Erzherzogs Karl von Oesterreich, von Fräulein Katharina Viri, Kammerdame Christinens von Danemark.
Dienstag, den 2. März, wurde in der herzoglichen Kapelle eine kunstreiche Messe von Orlando di Lasso gesungen. Während des Frühmahles war Coneert der herzoglichen Kapelle und wurde zum Schlusse ein sechsstimmiger Festgesang auf die Feier der Vermählung, komponirt von Jakob de Kerle, aufgeführt.
Nach dem Frühmahle war wieder ein komisches Turnier unter dem Namen das „Kröndlgestech" auf dem Marktplatze zur Belustigung der Zuschauer.
Nach und nach begannen nunmehr die hohen Herrschaften abzureisen. Es wurden zwar, so lange Gäste noch anwesend waren, täglich noch Hoffestlichkeiten veranstaltet, die aber nichts besonders Merkwürdiges mehr darboten, sondern mehr im Geleise des Gewöhnlichen blieben. Hoftheater, Festopern und Festschauspiele, die in unseren Tagen bei allen Feierlichkeiten eine Hauptrolle spielen, gab es damals noch nicht. Nur am Montag, den 8. März, wurde auf Veranlassung des Herzoges Wilhelm in einem Saale der herzoglichen Burg eine improvisirte italienische Komödie in Gegenwart der noch anwesenden hohen Herrschaften gegeben. Dem Herzoge Wilhelm kam nämlich in den Sinn, eine Vorstellung dieser Art zu sehen,
und beauftragte deshalb den Orlando di Lasso, der dergleichen Komödien aus Italien her kannte, hiezu. Dieser erfand im Einvernehmen mit dem herzoglichen Sänger Massimo Trojans rasch ein Thema, beide dachten sich die Worte und Phrasen hiezu aus, und mit Zuziehung noch einiger Herren wurde die Komödie aus dem Stegreife aufgeführt, welche eine gewöhnliche Liebesintrike zwischen Pantalon und Arlequin vorstellte, und in welcher Orlando selbst mitspielte. Die komischen Scenen, wobei natürlich eine Prügelei zwischen Polidcro und Pantalon nicht fehlte, erregten allgemeines Gelächter und gefielen außerordentlich.
Die Gesammtkosten dieser Hochzeit, welche alle Herzog Albrecht trug, beliefen sich auf 194,000 Scudi.
Unsere freundlichen Leser und insbesondere die holden Leserinen haben wohl bei obiger Beschreibung der herrlichen Prachtgewänder der Prinzessin Renata einen leisen Wunsch nicht unterdrücken können, ein so wunderbares Brautkleid aus alter Zeit zu schauen und zu bewundern! Aber nur eine kleine Geduld, meine holden Leserinnen! dieser Wunsch kann erfüllt werden. Die Herzogin Renata verehrte ihr Brautkleid von Brokat mit den Silberstreifen der Jesuitenkirche zu St. Michael dahier, um als Meßgewand zu dienen, und wird noch heutigen Tages in der Sakristei dieser Kirche aufbewahrt, wo es zu sehen ist.
*) Scudie gilt nach unserem heutigen Münzfuße 2 fl.30 kr.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der heilige Benno, Land und Stadtpatron. 1576
Im Jahre 1010 wurde dem Grafen Friedrich von Bultenburg und seiner Gattin Bezela ein Sohn geboren, Namens Benno.
Als der Knabe fünf Jahre alt war, wurde er einem Anverwandten, dem frommen, gelehrten und kunstreichen Bischofe Bern ward zu Hildesheim zur Erziehung übergeben, der ihm als Lehrer den gelehrten Wiger, Probst Von St. Michael daselbst, beiordnete.
Nach dem Tode feines Vaters trat Benno, nunmehr achtzehn Jahre alt, in das Benediktinerkloster St. Michael in Hildesheim, machte dort Profeß und wurde, 30 Jahre alt, zum Priester geweiht. Als aber nach vier Jahren der Abt dieses Klosters Adalbert verstarb, wurde Benno ungeachtet seines demüthigen Sträubens im Jahre 1045 zum Abte erwählt.
Kaiser Heinrich III. hatte die Kirche und das Stift Goslar, zu welchem sein Vater Kaiser Konrad den Grund gelegt, vollendet, versah es mit großen Ein
künften, Gütern und Renten, und ließ es durch Pabst Leo IX. im Beisein von 73 Kardinälen, Bischöfen und Aebten im Jahre 1051 feierlichst einweihen. Auf Wunsch Kaiser Heinrichs und auf des Pabstes Befehl wurde Benno im nämlichen Jahre zum Kanonikus und Vorsteher dieses Stiftes berufen. Siebzehn Jahre lang wirkte er an diesem berühmten Stifte, und erhob es zu so großem Rufe der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, daß aus demselben in kurzer Zeit achtunddreißig Bischöfe, acht Erzbischöfe und ein Pabst, nämlich Clemens II., hervorgingen.
Als daher im Jahre 1066 das Bisthum Meissen in Erledigung gekommen, fand man zu Besetzung desselben keinen würdigeren Mann als Benno. Seine Wahl wurde vom Pabste bestätiget, und er demnach vom Erzbischofe Wernher von Magdeburg zum Bischofe von Meissen geweiht. Dieses Amt versah Benno mit hohen Ehren und Würden, vermehrte das Vermögen der Kirche und brachte an dieselbe zurück, was unbillig ihr genommen worden war; selbst sein eigenes Erbe schenkte er und feine Mutter Bezela der Kirche. In den Kirchen des Bisthumes Meissen führte er den römischen Choralgesang ein, wie er in der Kirche zu Hildesheim gebräuchlich war. Dann aber, als fein eigenes Bisthum wohl geordnet war, zog er zu den heidnischen Wenden, die an beiden Seiten der Elbe noch in großer Anzahl saßen, dort ihre Abgötter Czernebohu und Swantewig verehrten und ihnen Menschenopfer schlachteten, und bekehrte sie, daß sie sich taufen ließen.
Nun aber kamen Tage schwerer Sorge und großen Wehes über den heiligen Bischof.
Auf dem deutschen Kaiserthrone saß dazumal Heinrich IV.
Dieser führte einen bösen Krieg gegen Sachsen und kam mit seinem Kriegsheere bis nach Meissen, wo er von den arglosen Bürgern ganz friedlich in die Stadt eingelassen wurde. Dort nahm er aber hinterlistig den Bischof Benno gefangen, verbannte ihn nach Böhmen, und übergab die Verwaltung des Bisthums einem Kriegsmanne, Namens Burkhart, der aber die Kirche und das Bisthum nur verwüstete und schädigte.
Unterdessen hatte ein böser Streit zwischen dem Kaiser und dem Pabste Gregor VII. begonnen, denn der Kaiser hatte eigenmächtig und ungerecht in die geistlichen Gerechtsame eingegriffen und geistliche Aemter, Würden und Güter um Geld an unwürdige Männer verkauft und Bischöfe nach seinem Belieben ab- und eingesetzt. Um diese Uebel abzustellen, schrieb Pabst Gregor im Jahre 1076 ein Coneilium nach Rom aus, und lud alle Bischöfe, sowie auch den Kaiser Heinrich ein, welch Letzterer jedoch ungehorsam nicht erschien. Bischof Benno, der unterdessen aus seinem Gefängnisse wieder befreit war, begab sich zu diesem Coneilium nach Rom; ehe er aber seine Reise dahin antrat, schloß er die Thüren seiner Kirche und warf die Schlüssel in die Elbe, damit des sündhaften Kaisers Leute die Kirche nicht betreten möchten.
In Rom verweilte er lange Zeit und trat dann, von dem Pabste mit dem Segen und vielem Ablaß und mit kostbaren Heiligthümern beschenkt, die Rückreise über die Apenninen, Schwaben und den Nordgau an.
Damit aber bei seiner Ankunft in Meissen kein großer Auslauf sich erhebe, kehrte er daselbst in einem öffentlichen Wirthshause als gemeiner Pilgrim ein. Der Wirth, der
eben einen großen Fisch aus der Elbe bekommen hatte, wollte seinem unbekannten Gaste damit aufwarten; als er ihn aber öffnete, um ihn auszunehmen, siehe! da fanden sich in seinem Innern die Kirchenschlüssel, die St. Benno bei seiner Abreise in die Elbe geworfen hatte. Davon ging rasch die Kunde durch die ganze Stadt, die Domherren eilten sogleich in das Wirthshaus, und erkannten in dem Pilgrim ihren Hirten, der dann von ihnen mit großen Freuden und unter Zulauf und Frohlocken des Volkes feierlich in die Stadt eingeführt wurde. Mit großer Kraft verwaltete er nun wieder sein Bisthum und verkündete allenthalben Gottes Wort.
Da geschah es einmal, daß die Kirche die große Menge des Volkes nicht faßte, das herbeigeströmt, die Predigtworte des heiligen Mannes zu hören. Deshalb begab er sich einige tausend Schritte vor der Stadt in ein weites Thal, um das Volk zu lehren. Aber es war ein sehr heißer Tag und die Sonne schien glühend auf die Menge, so daß viele verschmachten zu müssen vermeinten. Als der heil. Bischof solches wahrnahm, erhob er seine Augen betend zum Himmel, und schlug dann mit seinem Stabe auf die Erde. Da entsprang sogleich ein frischer Quell, an dessen Wasser sich Alles erlabte. Der Brunnen aber quillt noch heutigen Tages und heißt der heilige Brunnen, das Thal aber das heilige Thal.
Ein andermal ging er hinaus auf das Feld, und sah auf der Wiese viele Arbeiter, die eben das Heu umkehrten; sie waren sehr müde und von der Hitze des Tages durstig. Da gesegnete er ihre Wassergefäße mit dem heiligen Kreuze, und augenblicklich war anstatt des Wassers der beste Wein darin.
Wieder einmal hatte er sich auf dem Wege sehr verspätet, so daß er vor der Sperre der Stadtthore die Elbbrücke nicht mehr erreichen konnte. Er wendete sich daher des nächsten Weges der Elbe zu, bezeichnete sich mit dem heiligen Kreuze, und ging trockenen Fußes über den Strom. Dieß ersah ein Bauer, der eben mit einem Fuder Heu desselben Weges fuhr, und weil er seinen Bischof für einen heiligen Mann und seinen liebsten Vater hielt, wollte er es in seiner Einfalt nicht für unbillig erachten, solches nachzuthun. Er fuhr also dem heiligen Bischof nach und kam mit Roß und Wagen trocken über den Fluß hinüber, nicht ohne Verwunderung des heiligen Benno, der ihm einen Verweis darüber gab, daß er sich in solche Gefahr begeben, und ihm verbot, diesen Vorfall weiter zu erzählen.
Der heilige Benno pflegte gerne an Feldern, Weihern und Bächen zu gehen, um in der Einsamkeit frommen Betrachtungen und Gebeten obzuliegen. Bei einem solchen Gange geschah es einmal, daß die Frösche in einem nahen Sumpfe ein großes Gequacke und Lärm erhoben, wodurch der heilige Mann in seinen frommen Gedanken gestört wurde; er befahl daher den Fröschen zu schweigen. Da schwiegen sie augenblicklich still. Indem St. Benno fortging, da kamen ihm zu Gemüthe die Worte der heiligen Schrift: „Lobet Gott den Herrn ihr Wallfische und alles was im Wasser schwimmet, lobet Gott alle Thiere." Da übersiel ihn eine seltsame heilige Furcht, er bedachte, ob nicht dieser Thierlein Geschrei vielleicht Gott angenehmer sei, als sein Gebet. Es gereute ihn daher sein Verbot, und er sprach zu den Fröschen: Fahret fort, meine Thierlein, und
lobet euern Gott, ich will euch solches nicht wehren! Sogleich singen die Frösche wieder an zu quacken und die Luft mit ihrem Lobgesange zu erfüllen.
Die große Verehrung und der sich steigernde ungemeine Zulauf des Volkes setzte den demüthigen Benno in bange Sorge; er befürchtete, durch das Ansehen der Welt an der Gnade Gottes zu verlieren, und beschloß daher die Einsamkeit aufzusuchen. Zu Naumburg, an der außersten Gränze seines Bisthumes, erbaute er sich ein Kirchlein, der allerseligsten Jungfrau Maria geweiht, daneben für sich und einen Kaplan eine kleine Zelle, und widmete sich dem einsamen beschaulichen Leben. Da bemerkte der Kaplan, daß Bischof Benno oft nach gepflogener Andacht Morgens aus seinen Augen verschwand, zum Mittagsessen aber wieder in seiner Zelle anwesend war; zugleich aber erfuhr der Kaplan von andern Leuten, daß der Bischof während seiner Abwesenheit im Dome zu Meissen den Gottesdienst abgehalten habe. Um dieser auffallenden Sache auf den Grund zu kommen, machte er sich nachsten Tages, nachdem sein Bischof wieder verschwunden war, auf den Weg nach Meissen, das fünf Meilen von Naumburg entlegen ist. Plötzlich erfaßte den Kaplan ein Sturmwind, trug ihn fort durch die Luft, und verfetzte ihn in den Dom zu Meissen hinter seinen Herrn, wo er denselben das heilige Amt verrichten sah. Nach geendigtem Gottesdienst begab sich der Kaplan wieder auf den Weg nach Naumburg zurück, wo er erst des andern Tages ankam, und von dem heiligen Mann mit einem scharfen Verweise, seines Fürwitzes halber, empfangen wurde.
Als St. Benno endlich vermerkte, daß die Zeit seines Hinscheidens herannahe, versammelte er die Domherren um sich, gab ihnen gottesfürchtige Ermahnungen, küßte allen die Hände, empsing das heilige Abendmahl und gab dann seinen Geist auf, am 16. Juni des Jahres 1196, im 86. Jahre seines Alters und im 40. Jahre seines Bisthumes.
Im Jahre 1270 wurden die Gebeine des heiligen Benno erhoben, und darüber in der Mitte der Domkirche zu Meisten ein herrliches Grabmal von schwarzem Marmor erbaut; damals wusch man seine Gebeine mit Wein, um sie zu reinigen, und gab solchen den Kranken und Bresthaften zu trinken, die alle davon genasen. Im Grabe fand man auch seine Insul, seinen Chormantel und Bischofsstab unversehrt, welche gleichfalls aus dem Grabe erhoben wurden.
Im Jahre 1523 erfolgte in Rom durch Pabst Hadrian VI. die feierliche Heiligsprechung des Bischofs Benno.
In derselben Zeit war aber eine große Umwälzung in kirchlichen Dingen und Glauben erfolgt: die Reformation. Namentlich war es die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien, welche die neue Lehre als abgöttisch und verdammlich erklärte. Da nun auch in Meissen unter Herzog Heinrich gegen die katholische Kirche Verfolgungen stattfanden, und die Verunehrung der Gebeine des heiligen Benno zu befürchten stand, so brachte Johann, aus dem freiherrlichen Geschlechte von Maltiz, Bischof von Meissen, dieselben heimlich in die fürstliche Hofkapelle zu Stulpen, sechs Meilen von Meissen.
Da beschloß Herzog Albrecht IV. von Bayern, die Gebeine des heiligen Benno zu erwerben, um sie für ewige Zeiten zur Ehre der Kirche zu erhalten. Er wendete sich durch den Dechant Hieronymus von Kommerstatt zu Meissen an den dortigen Bischof Johann, und dieser willfahrte dieser Bitte und übersendete die heiligen Reliquien, wie er sich in dem Schreiben an den Herzog von Bayern am Sonntag Lätare 1576 ausdrückt, „mit freiem und andächtig geneigtem Gemüthe, um dadurch alle besorglichen Entehrungen zu verhindern." Diese Gebeine wurden dann in München in der herzoglichen Residenz, der neuen Veste, vier Jahre lang aufbewahrt.
Allein durch ihre Verwahrung in der Residenz waren diese Reliquien der öffentlichen Verehrung entzogen; der herzogliche Kammerrath von Kommerstatt, ein Bruder des Dechanten von Meissen, stellte daher dem Herzoge vor, er möge doch zu Ruhm und Lob des heiligen Benno und zum Trost und Nutzen der Gläubigen dessen Reliquien in die Frauenkirche überbringen lassen. Der Herzog bewilligte solches 1578; doch wegen verschiedener Hindernissen verzögerte sich diese Ubertragung bis zum Jahre 1580. Da geschah dieselbe mit großer Andacht und Pracht durch Herzog Albrechts Sohn Wilhelm V. in feierlicher Prozession, in Begleitung der Fürsten, der Geistlichkeit, der Beamten und einer unzähligen Menge Volkes. Der heilige Leib wurde in einer Kapelle der Frauenkirche in einem Altare niedergelegt.
Jm Jahre 1601 wurde sein Brustbild von schwerem Silber gefertiget, mit Gold und Edelsteinen reich verziert, und das Untergestell mit heiligen Reliquien belegt.
Dann ließ 1604 Kurfürst Maximilian I. einen neuen Altar fertigen, der von nun an der Bennoaltar hieß, und unter dem seit der letzten Restauration der Frauenkirche beseitigten sogenannten Bennobogen stand; der Rock, Stab und die Insul des Heiligen wurden in einem Glaskasten aufbewahrt.
In dem für München verhängnißvollen Jahre 1632, wo die Schweden München besetzten, wurde das silberne Brustbild des Heiligen sammt Reliquien mit den übrigen Kirchenschätzen nach Salzburg geflüchtet, und erst in dem schrecklichen Pestjahre 1634 wieder in feierlicher Prozession durch das Isarthor eingebracht; ein Gemälde am Benno-Brünnlein, an der nördlichen Aussenseite der Frauenkirche, zeigt uns noch diesen Vorgang.
Durch die Fürbitte des heiligen Benno sind aber viele erstaunliche Wunderthaten geschehen, davon mehrere Bücher erzählen.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Aus dem Leben Orlando di Lassos
Unter den beiden Regierungen der Herzoge Albrecht V. und Wilhelm V. warder berühmte Tonkünstler Orlando di Lasso Kapellmeister in München.
Derselbe war zu Bergen im Hennegau 1532 geboren, kam 1557 an Albrechts V. Hof, und ward daselbst 1562 mit 400 fl. Gehalt dessen Kapellmeister. Von Kaiser Marimilian geadelt, starb er im Jahre 1594 und wurde in der Franziskanerkirche begraben. Sein Grabstein, welcher die sinnvolle Inschrift tragt:
Hic jacet 0rlanckus ille Lassus,
Qui lassum recreat orbem,
befindet sich gegenwärtig im bayerischen National-Museum.
Ausserordentlich zahlreich sind seine Musikkompositionen, bestehend aus Messen, Offertorien, Hymnen und dergleichen Kirchen-Musiken, dann Madrigalen und Liedern in deutscher, italienischer und französischer Sprache.
Aus seinem Leben erzählt der Rath Herzog Wilhelms V. Lizenziat Müller, in seiner Beschreibung der Fronleichnamsprozession — handschriftlich in der k. Staatsbibliothek,
— folgende interessante Anekdote, die wir hier wörtlich mit den einfachen und treuherzigen Worten des Lizenziat Müller wiedergeben.
„Jtem was sich auuo 1584 mit dem Wetter zugetragen.
„Wie anno 1584 die hohe Fronleichnamsprozession, wobei der Bischof von Eichstädt allhie gewesen, und man bei St. Peter ausgegangen, ist gleich im Anzug zu Morgen um 4 Uhr ein gähling Wetter entstanden, donnert und gehimmlitzt und zwei Wetter zusammen gegangen, auch dermaßen zu regnen angefangen, daß alle Personen der Figuren eilends in die Häuser und Kirchen unterstehen und der Kleider verschonen müßen; ist also Jedermann der Meinung gewesen, man werde von des Ungewitters wegen den Umgang bis auf einen andern schönen Tag einstellen. Als haben die Fürstenspersonen etlichmal auf St. Peters Thurm sehen lassen, wie sich das Wetter anlasse, ob demselben zu vertrauen oder nit, aber allzeit durch die Thürmer herab entboten worden, dem Wetter sei keineswegs zu vertrauen, es gehen wieder auf der andern Seiten zwei neue schwarze Gewilk und Wetter auf. Also seien die Fürstenpersonen lang im Zweifel gestanden, ob man ausgehen soll oder nit; nun haben Ihre fürstliche Durchlaucht mich Liceneiaten Müller, dero unwürdigen unterthänigsten Rath und Diener, zum Stuhl in der Kirchen hinzugefordert und angefragt, was ich vermein das zu thun sei, darauf ich unterthanigst geantwortet, es würde, da es regnen sollte, großen merklichen Schaden bringen, aber dieweil der, welcher das Wetter machen und aufhalten könnte, selbst mitgetragen werde, und Jhm als dem allmächtigen Gott diese Ehr geschehe, so vermeinte ich, es wär Demselben billig zu vertrauen, gesiel Ihm diese Andacht und Ehrerzeigung, so würde Er den Regen schon aufhalten, und wo nit, so würde Er auch ein andermal regnen lassen, ich meinte, man soll fort gehen. Darauf Ihr fürstl. Durchl. gnädigst geantwortet, Sie wollens Gott in seinen göttlichen Willen heimstellen und demselben billig vertrauen, ich soll nur anziehen lassen. Wie ich nun mit meinen Mitcommissarien Jederman in die Ordnung angestellt, hat es anders nit gesehen, als wöll es alle Augenblick einen großen Platzregen thun, und etlichmal angehebt zu tröpfeln. Nun wie alle Ding in Ordnung gewesen, bin ich wiederum zu Ihr Durchl. geritten, in die Kirchen hineingegangen und Ihr fürstl. Durchl. gehorsamst vermeldt, alle Sachen seien schon in guter Ordnung, Ihr fürstl. Durchl. sollen nur in Gottes Namen das hochwürdige Sakrament lassen bis zu der Kirchenthür anziehen, und bis die Clerisev mit ihren Kreuzen und Fahnen auch die Bruderschaften vorüber gehen, allda verharren lassen, und allda der ganzen Clerisey Zug fortziehen sehen, welche Zeit allweil der Himmel gar schwarz und trüb gewesen. Wie nun gleich das hochwürdig Sakrament durch die Kirchthüre herausgetragen wird, und Herr Orlando di Lasso sein wohlberühmtes und liebliches Gesang gustate et videte anhebt, so hebt die Sonne dermaßen an St. Peters Thurm an zu scheinen, daß ich vor lauter Freuden aus der Ordnung tritt und zu Ihr fürstl. Durchl. hinzugehe und zeig derselben, wie die Sonne an die Thürme scheint, und sag mit diesen Worten zu Ihr Fürstl. Durchl.: Gustate et videte quam suavis sit Dominus timentidus eum et confidentidus ei, welches Ihr fürstl. Durchl. mit Freuden angehört, auch mir darauf gnädigst geantwortet: freilich, freilich. Ist auch also die ganze Prozession mit schöner Sonnen, und doch auch einem feinen kühlen Lüftlein gar glücklich und schön ausgangen und um die ganze Stadt herum, auch wiederum männiglich ohne Schaden zu Haus kommen ; alsbald aber die Prozession vorüber gewesen, hat sich ein solcher jammerlicher Platzregen erhebt, als der mit Schapfen gieße, also daß man vermeint, als wolle ein Wolkenbruch kommen, daraus die Allmächtigkeit Gottes, und die wahre Präsenz des zarten Fronleichnams Jesu Christi und daß diese schuldige Ehrerzeigung und aller Personen einhellige Andacht Gott dem Allmächtigen wohlgefällig gewesen, leichtlich hat können abgenommen und verstanden werden mögen, welches nit allein damals, sondern auch noch etlichemal unterschiedlicherweis hat können gemerkt werden, dann man heuer augenscheinlich gesehen, daß der ganze Himmel auf etlichen und vielen Meilen Wegs mit Regen umzogen gewesen, auch ausser der Stadt überall gräulich geregnet, aber durch den Segen Gottes und frommer Leute treuherzigem Gebet solcher Regen miraouloss durch einen sanften Wind ist aufgehalten und letztlich gar verjagt, also daß sich Jedermanniglich von Herzen darüber verwundert und es für ein miraoulum und sondere Gnad Gottes gehalten worden. Und ist also etlichmal auch in währender Prozession observiert worden, wenn der Herr Orland und die fürstl. Cantorei dieß Gesang Gustate et videte zu singen angefangen, daß allemal die Sonne mehr und schöner als zuvor geschienen, welches die Fürstenpersonen selbst gemerkt, und etlichmal einen Kammerdiener oder Lakai zu mir geschickt und sagen lassen, ich soll aufs Gustate et videte merken, und den Himmel ansehen, welches ich auch hierinnen billig Gott und der ansehnlichen Prozession zu Lob, und dem herrlichen wohl componirten lieblichen Gesang des Herrn Orland zu Ehren melden wollen."
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Ein schöner Lobspruch und Beschreibung von der fürstlichen Hauptstadt München
gestellt durch Thomas Greill von Steinfeld Carinthium.
(Gedicht beiläufig aus dem Jahre 1620.)
Als mancher im Land thut wandern
von einer Stadt zur andern,
ohngefähr kam ich ins Bayerland,
welches mir war gar unbekannt.
In dem war mancher dicker Wald,
in ein'm ich mich verirret bald,
dann es war so ein dunkle Nacht,
daß es mir schier ein Grausen macht.
Im Wald da ging ich auf und nieder,
kein Straß kunnt ich sinden wieder,
kam letztlich zu eim Haus ohngefär,
darin wohnt ein alter Einsiedler.
Ich klopfte fein leise an,
gar bald der Alt thät herfür gahn.
Ich bat fleißig den alten Mann,
daß er mich über Nacht wollt han.
Er sprach zu mir: von Herzen gern
will ich dich deiner Bitt gewähr'n.
Wir zween thäten da verzehrn
die Nacht, bis es gar Tag that wer'n.
Red'ten von Sachen hin und wieder,
von der Welt Lauf auf und nieder,
wie die war in einer Summen
in ein so seltsam Ordnung kummen.
In unsern Reden hin und her
brach es der helle Tag daher.
Indem da thät ich schnell aufstohn,
wollt wiederum ziehen davon,
danket dem Einsiedel fleißiglich
umb sein Herberg, wie billig.
Er sprach: laß dich nicht reuen die Müh,
sondern thu verziehen allhie,
bis ich mein Gebet hab gethan,
nach dem so will ich mit dir gahn,
und das Geleitsrecht geben dir,
bis du kommst aus dem Wald herfür.
Im Wald sagten wir von viel Dingen.
Indem hörten wir gar hell klingen
ein überaus schönes Geläut, .
welches man hörte gar weit.
In unsern Reden sahen wir bad
eine schöne Stadt, gar wohl gestalt.
Ich bat den Einsiedel fleißiglich,
wofern es ihm wäre wißlich,
mir zu sagen, wie die Stadt war genannt,
und wie herum heißt dieses Land.
Er sprach: das Land heißt man durchaus
das Bayrland, ein sehr festes Haus,
und die Stadt wird München genennt,
welche man sehr weit und breit kennt.
Darin ein frommer Fürst regiert,
mächtig und streng er gubernirt
in christlicher wahrer Religion,
seinsgleichen man kaum finden konn.
Eine schöne Kirchen ließ er schnell
bauen in der Ehr St. Michael.
Diese Kirchen ist schön geziert,
mit Silber und Gold renoviert,
auch hat sie der Altär wohl neun,
in der Ehr der neun Chör Engelein.
Zu Mitten in dem Chor nit schmal,
da liegt begraben sein Gemahl,
Renata Herzogin ward sie genannt,
und Arm und Reich wohl bekannt.
Bei ihrem Grab da stehet man
ein glockenspeisen Englein stah'n;
derselbig thut heben allein
ein ausgehallten schwarzen Stein,
darin ein Beck von Silber gut,
darein man das Weihwasser gießen thut.
So ist die Kirchen durchaus fein
gepflastert mit Marmorstein.
Neben der Kirchen man auch sicht
ein schön und gewaltigen Bau aufgricht,
Herzog Wilhelm hat ihn bauen lassen,
der ist sehr schön über die Maßen,
darin er selber Hof thut halten,
ordentlich alle Ding verwalten.
Er ist ein Fürst, wie man ihn begehrt.
Krank' und arme Leut er verehrt
täglich mit Kleid, Speis und Trank,
dafür ihm Manches sagt großen Dank.
Nit weit von München der Hauptstadt
Ihr Durchlaucht bauen lassen hat
in ein Holz bei Schleißheim
genannt, jedermänniglich wohl bekannt,
neun schöne Kirchen gar hübsch und fein,
bei einer jeden ein Klausner thut seyn,
die da Tag und Nacht dienen Gott
Sommer und Winter früh und spat.
Jeder Klausner hat bei seiner Zell
ein Gärtel, drein baut er was er wöll,
Blumen und viel andere Sachen,
damit sie ihm die Weil kurz machen.
Auch sieht man in dem Holz gar hell
entspringen die schönste Wasserquell.
Sein Sohn Herzog Maximilian,
der jetzt regiert, sag' ich dir an,
der ist ein Fürst gar fromm und fein,
tapfer, thut auch kurzweilig seyn.
Dieser hat ihm auch bauen lassen
ein'n schön Pallast über die Maßen,
drin er selber Hof thut halten
ordentlich alle Ding verwalten. —
Da ich nun in die Stadt thät kommen,
Hab ich von einem Burger vernommen
derselb mir alles saget fein,
was in der ganzen Stadt thät seyn.
Sprach: es ist ein schön katholische Stadt,
zwölf schöne Kirchen es darinnen hat.
So hat's der Thurm insonderheit
zween, seind dick, groß, man sieht sie weit.
Nun ist aber ein Thurm darunter,
an dem kann Ainer sehen Wunder.
Den Meister soll man billig loben,
spitzig ist er unten und oben,
rührt weder Erd noch Himmel an,
thut dannoch unbeweglich stah'n. *)
Sammt den zwölf Kirchen noch, dabei
stehet man auch fünf Klöster frei,
zwei Mönch-, drei Frauenklöster daneben.
Eines ist ganz verschlossen eben.
Die Kapuziner jetzt auch haben
ein Kloster da bei dem Städtgraben;
Herzog Wilhelm hat's lassen bauen,
welches gar wohl ist zu schauen.
Er sagt mir auch da wohl besunnen,
die Stadt hab 36 Schöpfbrunnen,
welche da frei seind alle Tag,
davon Jedermann schöpfen mag.
Auch sieht man in der Stadt rinnen
Tag und Nacht 18 Rohrbrünnen.
Ein schöner Brunen darunter, wißt,
aus allen andern der schönste ist;
zu oberst ein Ritter schön und jung
thut mit seinem Roß einen Sprung,
aus seinem Helm springen gar hoch
siebzehn Röhren, daß ainer mag zählen noch.
Herum auch die Heidengötter sitzen,
die alle Wasser von sich spritzen.
Aber in einer Summ' allein
Hat der Brunn 152 Röhrlein.
Ihr Durchlaucht Herzog Ferdinand
Hat ihn machen lassen zu Hand.*)
Wir ließen diesen Brunnen stah'n,
und thäten in die Kirchen gah'n.
Da ward' ich meine Wunder sehen
der großen Mirakul, so da geschehen
bei Bischof Benno den heiligen Mann,
den man da nit gnug loben kann
täglich mit Beten und auch Singen.
Etlich Zentner Kerzen da brinnen,
ein großes Gut thut da hin kommen
von Wachs und Geld auch in der Sommen,
davon man ihm hat bauen lassen
ein schön Pallast über die Maßen.
Da stehn große wächsene Bild,
auch große Herrn mit ihrem Schild.
In dieser Kirchen ist er blieben
wohl etliche Jahr lang verschwiegen.
Jetzt ist es kommen an den Tag,
was er für groß Wunder vermag.
Wir ließen diesen Heiligen stah'n,
und thäten weiter herumb gah'n.
Im Gehen sagt er mir auch borten,
die Stadt München habe sieben Porten,
erstlich vier große Hauptthor allein,
und dazu drei kleine Thörlein.
Zwei Ringmauern sind umb die Stadt,
zwischen denen es ein Zwinger hat,
darin man alle Jahr pflegt zu gah'n
in Fronleichnams Prozession.
An den zwo Ringmauern thut man sehen
der Thürm einhundert und achtzehen.
Auch ist diese Stadt rund umgeben
gar tief mit einem Wassergräben.
Ich sollt dir sagen noch das Best,
das Schloß heißt man die neue Vest,
dieß ist viel schöner Zimmer voll,
wie die ein Fürst auch haben soll.
So rinnet auch um dieses Schloß
ein tiefer Wassergraben groß,
überlegt mit einer Schlagbrucken,
wann's Nacht ist, thut man sie anzucken.
So hat er auch, sag ich fürwahr,
der Löwen wild etliche dar,
die man sonst in Afrika findt,
dieselben laßt er holen geschwind.
Die Iser rinnt hin für der Stadt,
deß die Burgerschaft großen Nutzen hat.
Dieses Wasser treibt für und für
Dreizehn Mühlen, das sag ich dir,
Dazu auch fünf Schiffmühlen rund,
drei Hammer klopfen schier all Stund
Kupfer; auch viel ander Sachen
thut man auf diesen Hämmern machen.
In der Stadt ist viel zu bekummen,
was Eins will haben in einer Summen,
dann es ist so ein weite Stadt,
die sieben und fünfzig große Gassen hat,
darin man kann zu allen Zeiten
mit Lust fahren und auch reiten.
Deren andern wären zu zeigen an
gar viel, die ich nit all nennen kann.
Auch kann ich sagen, daß's in der Stadt
zwei und vierzig Weinhäuser hat,
vierzehn thut der Methschenken fem,
die das süße Trank sieden fein*),
darzu zwei und siebenzig Bierbrauer
die sieden gut Bier, wie fert auch heuer,
dazu noch zwei und sechzig Bäcken
die bachen gut Brod, Semmel und Wecken,
Vergessen hätt' ich schier noch eins,
welches denn noch auch ist kein kleins,
datz's da zwölf offne Bad thut han,
darin man sich kann putzen lan.
Darumb sag ich zu aller Zeit,
welcher da herumb zeucht so weit,
der soll zu München auch einkehren,
Da wird er gehalten in guten Ehren.
*) Der spitzige Thurm im alten Hof; für München ein Wahrzeichen, wie der Stock am Eisen in Wien.
*) Wohin mag wohl dieser Brunnen gekommen sein? Auf den Brunnen in der Residenz paßt obige Beschreibung nicht.
*) Es muß also damals noch sehr viel Wein in München getrunken worden sein. Von Kaffee und Kaffeehäusern ließ man sich noch nichts träumen.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Schweden in München, 1632, und die große Pest. 1634.
Im Anfange des siebzehnten Jahrhundertes stand Bayern auf einer hohen und blühenden Stufe der Kultur. Das Mittelalter mit seinen kräftigen aber rauhen Charakteren und Formen war bereits abgeschlossen und verschwunden, ein neues Leben, ein neuer Geist, angefacht durch das Wiederaufleben der altklassischen Wissenschaften, durchwehte die Völker; die Morgenröthe der neueren Zeit war bereits angebrochen, überall erblickt man einen Fortschritt.
Auch München war im Verlaufe des vorangegangenen Jahrhundertes eine andere Stadt geworden. Schon der äußere Anblick derselben bot eine blühendere Physiognomie dar. Prachtvolle Gebäude und Paläste, die jetzt alle von Stein erbaut und deren Fronten häusig mit Freskogemälden ausgezeichneter Meister geschmückt waren, zierten die reinlichen Straßen, in welchen sich ein regsames, kräftiges und wohlhabendes Volk tummelte. Gewerbe,
Handel und Wandel blühten, obwohl der Großverkehr mit dem Auslande in Folge des veränderten Handelsweges schon bedeutend abgenommen hatte. Der Bürger genoß die Früchte dieses Fortschrittes und der gehobenen Industrie ; die Wohnungen derselben waren ansehnlicher, schöner und bequemer geworden, ein Comfort, unbekannt in den früheren Jahrhunderten, war in dieselbe eingekehrt und verbreitet; die Ausschmückung der Zimmer und Gemächer war nunmehr reicher und geschmackvoller, ja selbst kostbar, die Einrichtung derselben und der Hausrath reicher, zierlicher und zweckmäßiger geworden. Der Bürger selbst hatte großentheils die eckigen und ernsten Formen des Mittelalters von sich abgeworfen, er war geselliger, sein Benehmen zeigte feinere Bildung, und er suchte bei jeder Gelegenheit sich zu vergnügen. Ein Wohlbehagen hatte sich über alle Stände verbreitet.
Hiezu trug aber wesentlich der blühende Stand der Künste und Wissenschaften bei. Namentlich war den beiden vorigen Herzogen Albrecht V. und Wilhelm V. keiner der Fürsten seiner Zeit an Liebe und Pflege für das Anmuthige und Schöne der Kunst, wie für das Erhebende der Wissenschaft gleichgekommen. Die klassischen Werke des Meißels der alten Griechen und Römer wurden in Italien angekauft und nach München geführt, aus den köstlichen Schöpfungen berühmter Maler wurde eine Gemäldegallerie errichtet, durch Ankauf werthvoller Sammlungen von Büchern und Handschriften wurde damals der Grund zur berühmten Staatsbibliothek gelegt, und zugleich eine Münzsammlung angelegt. Die berühmtesten Künstler, wie der Tondichter Orlando di Lasso,
die Maler Christoph Schwarz, Hans Mielich, Peter Kandit, Anton Viviani, Friedrich Sustris, der Bildhauer Karl Pelagio wurden von den Herzogen nach München berufen, die Gelehrtesten des Landes, ein Wiguläus Hund, der Kanzler Simon Eck, Erasmus Bend, geheimer Archivar, saßen im herzoglichen Rathe. Ja, als Zeichen der fortgeschrittenen Entwicklung und des erwachten Interesses des Volkes an den öffentlichen Angelegenheiten sehen wir zu dieser Zeit die ersten regelmäßigen Zeitungen entstehen.
So bot München einen erfreulichen Anblick dar, es hatte sich zu einer der schönsten und blühendsten Städte Deutschlands emporgeschwungen. München trug alle Hoffnungen einer großartigen Zukunft in sich.
Aber alles dieses sollte plötzlich mit einem Schlage vernichtet und München in den Abgrund gestürzt werden. Dieß geschah durch den unseligen dreißigjährigen Krieg.
Schon vor dem Ausbruche des Krieges hatte sich, ungeachtet des eben geschilderten glänzenden Zustandes, in Folge der fortwährend wachsenden Religionswirren eine Gewitterschwüle trüb auf alle Gemüther gelagert, die einen nahenden Sturm, ein hereinbrechendes entsetzliches Uebel prophezeite. Alle Freude umdüsterte ein innerer Zug von Trauer und Beklommenheit, obwohl ein dringender Grund hiezu noch nicht berechtigt war und die Gefahr noch nicht so nahe erschien; es war eine unbewußte Ahnung, welche sich aller Gemüther bemächtiget hatte.
Aber den schon bald erfolgenden wirklichen Beginn des dreißigjährigen Krieges bezeichnete großes Unheil und Uebel, nicht nur für Bayern, sondern namentlich auch für die Residenzstadt München. Drohende Anzeichen verbreiteten Angst und Schrecken; es war nämlich im Jahre 1618 ein großer Komet am Himmel erschienen, der nach dem Wahne damaliger Zeit ein Vorzeichen kommender schrecklicher Ereignisse, Aller Herzen mit Bangigkeit erfüllte. Bald darauf wurden die Folgen des Krieges, ohne daß noch ein Feind den bayerischen Boden betreten hatte, für das Land, und insbesondere für München immer drückender; die vielfältigen Truppendurchzüge, die Kriegscontributionen, der gehemmte Handel brachten alles Ungemach und steigerten die Preise aller Lebensmittel. Das Elend wurde aber erst in den Jahren 1622 und 1623 durch ein neues fürchterliches Uebel recht erhöht, namlich durch die eintretende ungemeine Verwirrung im Münzwesen, die unter dem damaligen Namen der Kipper- und Wipper-Zeiten bekannt ist. Die Münzen wurden nämlich ungeachtet aller landesherrlichen Verbote durch eine Menge unregelmäßiger Münzstätten der kleinen Fürsten und Herrn, geistlichen Stiftern und Städten, damals „Heckenmünzen" genannt, immer schlechter geprägt, wodurch den Wucherern Gelegenheit gegeben war, die guten groben Münzsorten zu ihrem Vortheile gegen geringhaltiges Geld einzuwechseln. Der Werth des Geldes stieg dadurch so sehr in die Höhe, daß z.B. in München ein Reichsthaler 15 fl. galt. Da, um alles Uebel voll zu machen, das Jahr 1622 überdieß ein Mißjahr war, so erfolgte in ganz Bayern die drückendste Theuerung, so daß auf der Münchener Schranne vom 8. April 1623 das Schaffel Waizen 60 fl., Korn 52 fl,, Gerste 21 fl. und der Haber
19 fl. kostete. Aller Handel und Wandel stockte, die Kreditlosigkeit wurde allgemein, alle Zahlungen waren eingestellt, da Niemand das schlechte Geld annehmen wollte, die Handwerker wollten nicht mehr arbeiten, die Bäcker nicht mehr backen, die Metzger nicht mehr schlachten, alle bürgerliche Ordnung war des Kipper und Wippers halber aus den Fugen gewichen. Die Verarmung der Bürger und das Elend in München, wozu noch Krankheiten und gefährliche Seuchen kamen, war groß. Mehrere Tumulte, die in der Stadt entstanden waren, konnten nur mit Mühe beschwichtiget werden. Kurfürst Maximilian setzte hier auf zwar durch Verordnungen vom 23. September 1622 und 29. April 1623 den Werth der schlechten Münze zur Hälfte und zum Drittel herab, aber weit entfernt, dem Unheile hiedurch zu steuern, war durch diese gewaltsame Maßregel die allgemeine Noth nur noch schwerer geworden.
Obwohl bisher unmittelbare Kriegsgefahr für München nicht vorhanden war, wurde von Herzog Maximilian dennoch schon gleich im Anfange des Krieges für die Sicherheit der Hauptstadt möglichste Vorsorge getroffen. Bereits im Jahre 1619 wurde mit der äusseren Befestigung der Stadt unter Leitung des Hofbaumeisters Heinrich Schön begonnen und mit größtmöglichster Eile fortgesetzt; im Jahre 1620 wurde der Wall vor dem Schwabingerthore hergestellt. Noch größer wurde der Eifer der Bürger der Stadt, als im Jahre 1630 der König Gustav Adolf von Schweden in Deutschland erschien. Die Einwohner in München rüsteten sich nun rasch zum Widerstande, alle fähigen Bürger wurden zu den Waffen gerufen, die Befestigungswerke der Stadt wurden ausgebessert,
die Gräben mit Wasser gefüllt, und ein neuer Wall um die Stadt gezogen, wo er nicht schon in gutem Stande sich befand. Dreitausend Arbeiter der Stadt, selbst Weiber und Kinder arbeiteten sechs Wochen lang Tag und Nacht daran, ja selbst Züchtlinge wurden zur Arbeit verwendet.
Da erscholl zu Ende des Jahres 1631 die Schreckensnachricht, daß König Gustav Adolf nach feinem Siege bei Leipzig am 17. September 1631 in Bayern eingedrungen sei. Es nahte das für München fürchterliche Jahr 1632.
Schon am 2. April 1632 hatte Gustav Adolf Donauwörth eingenommen, und drei Tage später am 5. April erfolgte die für Bayern unglückliche Schlacht bei Rain, in welcher der große bayerische Feldherr Tilly die Todeswunde empfing. Rasch wendete sich nun Gustav Adolf nach Augsburg, um sich den Uebergang über den Lechstrom zu sichern, und von da nach Ingolstadt, um diese Festung zu belagern. Allein da der Kurfürst Maximilian I. inzwischen Regensburg besetzt hatte, entschloß sich Gustav Adolf, die Belagerung von Ingolstadt aufzuheben und geradewegs nach München zu gehen. Am 8. Mai traf das schwedische Heer in Landshut ein, das sich mit hunderttausend Thalern von der Plünderung loskaufen mußte, und gleich darauf in Freising.
München war in der schreckenvollsten Lage, und dessen Einwohner zitterten vor Angst und Furcht. Der Kurfürst befand sich bei seiner Armee; dessen Gemahlin, die Kurfürstin Elisabeth, begleitet von Herzog Albrecht und dem ganzen Hofe, flüchtete sich am Gründonnerstag, den 8. April,
nach Salzburg, wohin auch der kurfürstliche Schatz, die Gebeine des heil. Benno, das vorhandene Baargeld und andere Kostbarkeiten gebracht wurden. Dahin wurden auch die städtischen Urkunden in zwei Fässern unter Begleitung des Mühlrichters Ferdinand Ligsalz geflüchtet. Auch die wohlhabenden Bürger flüchteten sich mit ihren Schätzen und Kostbarkeiten aus der Stadt. Dagegen aber wanderten ganze Schaaren von Bauersleuten in die Stadt, und die nächstgelegenen Kirchen, Au, Haidhausen, Rammersdorf, Perlach u. a. brachten ihre Kirchengeräthe und Urkunden nach München, hinter den Mauern der Hauptstadt sicheren Schutz hoffend.
Anfangs, als die Gefahr noch nicht so nahe gerückt war, war die Bürgerschaft Münchens kampfmuthig und zur äussersten Vertheidigung ihrer Stadt entschlossen; alle Bürger hatten sich gerüstet, und man besoldete eigene kriegskundige Männer als ihre Anführer. Die jungen Bauernbursche, welche in die Stadt gekommen waren, wurden in Rotten eingetheilt, bewaffnet und fleißig eingeübt; überdieß wurden im April die Dachauer- und Wolsratshauser Landfahnen, 1022 Mann, stark, nach München verlegt; zum Stadtkommandanten wurde Julius Burggraf ernannt; ferner wurden sämmtliche Thore der Stadt gänzlich gesperrt und verrammelt, und auf die Wartthürme doppelte Wächter gesetzt, um ein allenfallsiges unvermuthetes Herannahen feindlicher Schaaren zu erspähen.
Als aber am 8. Mai Abends die Nachricht eintraf, daß der König von Schweden in vollem Anzuge nach München sei, änderte sich plötzlich der Stand der Sache.
An die Stelle des Muthes und der Entschlossenheit war Muthlosigkeit und Verzagtheit getreten; man sah ein, daß die Befestigung der Stadt nicht hinreichend sei, einer kriegsgeübten Armee einen nachhaltigen Widerstand zu leisten, und daß bei der großen Entfernung der bayerischen Armee auf eine Unterstützung oder auf einen Entsatz nicht zu rechnen sei. Man begann zugleich für das Schicksal der Hauptstadt ernstlich zu fürchten, als man die Drohung Gustav Adolfs vernahm, die er in Landshut gemacht hatte, München abzubrennen und wegen Magdeburg Rache zu nehmen. Zu dieser augenblicklichen Entmuthigung gesellte sich noch eine gränzenlose Verwirrung. Man gab daher den Gedanken an eine Vertheidigung der Hauptstadt gänzlich auf, und hielt für räthlicher, zu gütlichen Unterhandlungen seine Zuflucht zu nehmen.
Zu diesem Behufe wendete sich nun die Stadt an den eben zu München anwesenden französischen Gesandten am bayerischen Hofe, St. Etienne, da der Kurfürst Maximilian bereits durch Befehl vom 16. April den Magistrat angewiesen hatte, im Falle drohender Gefahr die Vermittlung desselben in Anspruch zu nehmen. St. Etienne, ein Mann von menschenfreundlicher Gesinnung, entsprach bereitwilligst dem Gesuche, reiste am 14. Mai dem vorrückenden Könige entgegen, den er zu Freising antraf, und machte demselben alle möglichen Vorstellungen zur Schonung der Stadt. Allein die Erbitterung des Königs war anfangs sehr groß; er wollte von irgend einer Schonung der Stadt nichts wissen, und zeigte sich besonders deshalb über München im höchsten Grade aufgebracht, weil ihm von Seite dieser Stadt noch keine Ab
geordneten entgegengeschickt waren, die er doch schon in Moosburg erwartet hatte.
St. Etienne schickte daher noch in der Nacht einen Boten nach München, und in Folge dessen wurden zwei Bürgermeister der Stadt, Friedrich Ligsalz und Ferdinand Barth, der äussere Rath Paul Parstorffer und der kurfürstliche Rath Johann Küttner von Kunitz abgeordnet, die auch am 15. Mai Mittags in Freising eintrafen. Erst nach dreimaliger Abweisung ließ sie der König vor, und nach langem fußfälligen Bitten ließ sich Gustav Adolf erweichen, uns schloß einen Accord, welcher von dem Feldmarschall Horn schriftlich aufgesetzt wurde, dahin ab, daß der König gegen Erlegung von 300,000 Thalern Brandschatzung Seitens der Stadt, davon die eine Hälfte während des Königs Anwesenheit, die andere mit ehester Gelegenheit bezahlt werden sollte, die Erhaltung der katholischen Religion und der städtischen Verfassung, Schonung der Stadt vor Brand und Plünderung, Sicherheit des Privateigenthumes und der Person aller Klassen der Einwohner Münchens versprach. Froh kehrten die Abgeordneten am 16. Mai nach München zurück und brachten der Stadt die freudige Nachricht.
Noch am nämlichen Tage, den 16. Mai, trafen die ersten schwedischen Truppen vor der Stadt ein; denn nach dem städtischen Ausgabenverzeichnisse mußte noch in. dieser Nacht einem schwedischen Offiziere vor das Neuhauserthor hinaus Wein und Brod geliefert werden. Auch kam an diesem Tage ein schwedischer Oberst in München an, der in dem Hause der französischen Gesandtschaft wohnte, und
wahrscheinlich zur Anordnung der nöthigen Maßregeln hieher beordert war.
Mondtag den 17. Mai Vormittags 11 Uhr hielt König Gustav Adolf seinen Einzug in München, an seiner Seite der ehemalige Böhmenkönig und Pfalzgraf Friedrich, Pfalzgraf August von Neuburg, die Herzoge Wilhelm und Bernhard von Weimar, der Herzog von Holstein und der berühmte schwedische Feldherr General Horn, geleitet von einer schwedischen Kavallerie-Compagnie und dem hebronischen Infanterie - Regimente. Der Zug ging, da der König von Freising her seinen Marsch auf dem rechten Isarufer über Ismaning genommen hatte, durch das Isarthor über das Thal und den Marktplatz, die Weinstraße und obere Schwabingerstraße (jetzt Theatinerstraße), zur kurfürstlichen Residenz, wo der König mit dem Pfalzgrafen Friedrich sein Quartier aufschlug.
So erblickte München zum erstenmale seit seiner Gründung ein feindliches Heer in feinen Mauern!
Sofort wurden alle Wachen und Stadtthore von den Schweden besetzt, das städtische Zeughaus bekam eine Sicherheitswache von 15 Mann und jedes Kloster eine von 4 Mann. Die Schweden übernahmen zugleich die übrigen Sicherheitswachen, worauf die Bürgerschaft entwaffnet, der ganzen Stadt hingegen aber eine schriftliche salva, guardia gegeben wurde. Kein Bürger wurde ohne schwedischen Paßzettel mehr in die Stadt ein- oder ausgelassen. Bei dieser Gelegenheit zeichnete sich ein Bürger, der Goldschmid Ferdinand Czaky, durch Patriotismus aus. Derselbe war Fähndrich beim Bürgermilitär, übergab aber bei der Entwaffnung der Bürgerschaft seine Fahne nicht
in die Hände der Schweden, sondern brachte sie mit großer Lebensgefahr in seine Wohnung und verbarg sie daselbst.
Die Armee bezog ein Lager vor dem Schwabinger Thore, wurde aber nach einigen Tagen bei den Bürgern einquartirt. Die Reiterei war auf die umliegenden Dörfer vertheilt. Dem Obersten Hebron, einem eifrigen Katholiken, welcher „beim Stubenwirthe einlosirt war," wurde das Kommando über die Stadt übertragen.
Schon Mittwoch den 19. Mai wurde die gesammte Bürgerschaft auf den Anger berufen und ihr verkündiget, daß der König der Stadt München eine Brandschatzung von 300,000 Reichsthalern auferlegt habe. Allgemeinen Jammer verursachte das Begehren einer solchen ungeheuren Summe, die bei den herabgekommenen Verhältnissen der Bürgerschaft unerschwinglich war. Allein eben so groß war die Opferbereitwilligkeit der Einwohner; Jeder steuerte bei, was er niit Anstrengung aller seiner Kräfte konnte. Man ging von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung, Edle und Bürger, Vornehme und Geringe, arm und reich, selbst Dienstboten gaben an Geld, was sie vermochten, ihre Schmucksachen, ihr zurückgelegtes Schatzgeld; die Kirchen der Stadt und Umgegend opferten ihre entbehrlichsten heiligen Geräthe von Gold und Silber, ihre Kelche, ihre Monstranzen. Dennoch konnten nicht mehr als 104,340 fl. an baarem Gelde und 40,568 fl. an Goldund Silbergeschmeide zusammengebracht werden. Man suchte zwar den Abgang an der Kontribution durch Geldaufnahme an andern Orten zu ersetzen, und sendete zu diesem Zwecke eine gemeinschaftliche Deputation des Hofes und der Stadt nach Augsburg; allein alle Mühe zur
Erhaltung eines Darlehens war ungeachtet eines vom Kurfürsten ausgestellten offenen Kreditbriefes vergebens.
In dieser Bedrangniß versuchte der Magistrat in einer Bittschrift das Herz des Königs zu rühren, in welcher er die traurige Lage der Stadt lebhaft darstellte, indem er anführte, „daß leider in vielen Häusern nicht ein einziger Heller, ja auch nicht ein Bissen Brod mehr zu sinden sei, und wohl anders nichts übrig bleibe, als daß nach und nach die unschuldigen Bürger vor Hunger verschmachten und sterben müßten." Es wurde daher um Nachlaß der noch fehlenden Summe gebeten; allein vergebens, der König bestand hartnaekig auf der Erlage der ganzen Brandschatzungssumme.
Die gleichzeitigen Schriftsteller rühmen zwar ungemein die strenge Mannszucht, die Gustav Adolf unter seinen Truppen hielt. Allerdings hatte er in dieser Beziehung sehr strenge Befehle erlassen. Keiner seiner Soldaten durfte sich Angriffe auf die Sicherheit der Personen oder des Eigenthumes erlauben und die Uebertreter wurden unnachsichtlich mit dem Tode bestraft. So wurde ein schwedischer Soldat, der Nachts beim Moserbräu Kleider stahl, ein anderer, der den alten Johann Pfringer, Lebzelter in der Dienersgasse, um einige Reichsthaler „ranzionirte", gleich des andern Tages auf öffentlichem Marktplatze gehenkt; ein anderer, der im Thale einem jungen Buben die Kleider auszog, hatte gleiches Schicksal, ein weiterer Soldat wurde eines ungenannten Frevels wegen enthauptet. Die Soldaten mußten ihre Lebensbedürfnisse, die sie einkauften, als Bier, Brod, Kleidungsstücke u. dgl. fleißig bezahlen, ebenso war ihnen auch bei Lebensstrafe
verboten, den katholischen Gottesdienst zu stören oder zu verspotten. Daß aber dessen ungeachtet Gewalttaten, Erpressungen, Diebstähle uns Bedrückungen des Volkes vorgingen, die selbst unbestraft blieben, kann dem Könige wohl nicht zur Last gelegt werden; solche Dinge geschahen gegen seinen Willen, ohne sein Wissen, selbst oft begünstiget von den schwedischen Ofsizieren und Generälen, deren Habsucht die Strenge des Königs nicht sehr erwünscht sein mochte.
In der That scheinen nach allen gleichzeitigen Berichten die Exesse, welche sich die Soldateska ungeachtet der vielgerühmten schwedischen Mannszucht erlaubte, nicht gering gewesen zu sein. Trotz einzelner strenger Bestrafungen und Hinrichtungen, die wie man glauben möchte, nur vorgenommen wurden, um an einigen armen Teufeln ein „Exempel zu statuiren," hausten die Soldaten in dem unglücklichen München auf eine schreckliche Weise; Diebstahl und Plünderung waren an der Tagesordnung, nichts war ihren habgierigen Händen zu gering, woraus sie Geld inachen konnten, und wo sie nicht stahlen, verwüsteten sie. Nicht nur wurden einzelne Privathäuser und öffentliche Gebäude rein ausgeplündert, sondern selbst die kurfürstliche Residenz wurde nicht verschont, die prachtvoll ausgeschmückten Gemächer wurden verwüstet, die kostbaren Tapeten von den Wänden gerissen und zerfetzt, die Möbel zerschlagen, die Bilder gestohlen. Gingen ja selbst die schwedischen Generäle mit einem schlechten Beispiele voran. Die beiden sächsischen Prinzen Bernhard und Wilhelm nahmen aus der kurfürstlichen Bibliothek manches Buch und kostbare Handschrift, die später in der
Gothaischen Bibliothek aufgestellt wurden; Pfalzgraf Friedrich nahm aus der Kunstsammlung mehrere Gemälde und Kunstsachen, die von ihm nach Mainz gebracht wurden. Erst nach langem Briefwechsel des Kurfürsten Maximilian an den Hauptmann Rudolf von Donnersberg in Burghausen, in dessen Gewahrsam sich der in der Schlacht von Nördlingen in bayerische Gefangenschaft gerathene Feldmarschall Horn befand, konnte die Restitution eines geringen Theiles der entwendeten Werth- und Kunstgegenstände erwirkt werden! Feldmarsschall Horn selbst, der Marschall von Krailsheim und andere hohe schwedische Offiziere eigneten sich werthvolle Kunstschätze an! In der Residenzkapelle rissen die Soldaten das Pflaster auf, um nach verborgenen Schätzen zu suchen, wobei Gewaltthätigkeiten vorfielen und ein Mann erschlagen wurde. Dem Schlosse in Schleißheim ging es nicht besser; es wurde gänzlich geplündert und fast einer Ruine gleich gemacht.
Was sie der Bürgerschaft, oder der Gemeinde, oder auf den umliegenden Dörfern raubten und stahlen, mußten ihnen die Einwohner der Stadt wieder abkaufen! So heißt es in den magistratischen Rechnungen unter anderm einmal:
„Demnach in den Schwedischen Ueberfall allhie des Feindes Soldaten Alles, was sie umb die Stadt angetroffen, ausgeplündert und davon« getragen, und daher auch bei gemeiner Stadt Zimmerstädeln viel eiserne Werk hinweg genommen, welches sie hernach hin und wieder verkauft; und weilen der Martin Dieth, Hammerschmid, eine ziemliche Portion von denen
Soldaten erhandelt, also hat man's ihm wieder gelöst, wie er's bekommen, als: 750 Wassernägel, 24 Pickel, 170 Deichbüchsen, 12 Wagenketten, 2 Sägen, 1 messingene Stampf zu 96 Pfund, etliche Gaisfüß, Schaufeln u. a. item ein kupfern Kessel, so in des Ländhüters Thurm herausgenommen worden, item eine Glocke, ein Tischl, 4 paar eiserne Bänder, ein eiserne Hebtatzen, eine Stange zum Schleifstein, 4 paar Wasserstiefel und mehreres."
Aus einem gleichzeitigen „Bericht und Urkhundt deß entstandenen Ubels und Unruehe in München im Jahre 1632," verfaßt von einem Augenzeugen und abgedruckt in Westenrieders Beiträgen Band 7, entnehmen wir folgendes: Aus ihrem Lager, welches zuerst auf den Schwabinger Aengern, und dann vor dem NeuhauserThore sich befand, brachten die Schweden alle möglichen Gegenstände in die Stadt zum Verkaufe, Tische, Stühle, Bänke, Bretter und dergleichen; ferner eine Menge Rosse, Rinder, Schweine, Leinwand, Flachs und Garn, Weiberschleier, Höllhafen, zinnerne Schüsseln und Kandeln, Kupfergeschirr, gestohlene Kelche, Wachsstöcke und was sonsten zur Kirche gehörig, ganze Bauernwägen, die Schienen von Rädern, Schlösser und Thürbänder, Mäntel, Weiberröcke, Pelze, ganze Betten, welchesalles um den geringsten Preis von der Stadt Jnwohnern ist aufgekauft worden."
Gegenüber diesen kleinen Dieben verschmähte aber selbst Seine Majestät der vielgepriesene große König Gustav Adolf es nicht, den großen Dieb zu machen. Ungeachtet des mit der Stadt München eingegangenen „Accordes" betrachtete er sich als Eroberer Bayerns, das er „durch Gottes des Allmächtigen alleinigen
Gnaden in seine rechtmäßige Gewalt gebracht," und sich sohin als zuständig, „damit nach feinem königlichen gerechten Willen zu disponiren und zu verordnen' wie er selbst „geben im k. Veltlager bei Donawörth den 3. Abrilis 1632" erklärt!
Er selbst nahm aus der kurfürstlichen Residenz, aus der Bibliothek und aus der Kunstkammer eine Menge werthvoller Gegenstände weg, wozu ihn insbesondere der Marschall von Krailsheim aufgemuntert haben soll. Unter diesen Gegenständen war, wie der Kurfürst aus einer schriftlichen Aeusserung vom 5. April 1635 entnehmen läßt, besonders ein Gemälde von ausserordentlichem Werthe und ein Kunstwerk von Silber, das „Goldbergwerk" genannt. Die meisten dieser Werthgegenstände, namentlich die Gemälde, machte er der Königin, seiner Gemahlin, zum Geschenke. „Was man", fährt obiger Bericht eines Augenzeugen fort, „in der kurfürstlichen Residenz, Kunstkammer und Bewehrung (Zeughaus), großen Stucken, deren nit eine geringe Anzahl vergraben lag, und andern vornehmen Sachen, gefunden, das alles hat der König nach Augsburg führen lassen, welches die Münchener Zimmerleute begleiten haben müssen. Zudem hat er auch viel tausend Salzscheiben, so allhie in den Salzstädeln gelegen, feil gemacht, denen Burgern dieselben anfänglich um 2 fl., alsdann um einen Reichsthaler verkauft, bisweilen armen Leuten ein wenig mittheilen lassen." Als der König das kurfürstliche Zeughaus besah, bemerkte er eine Menge leerer Lafetten, und argwohnte nicht ohne Grund, daß die dazu gehörigen Kanonen irgendwo vergraben feien; leider fand sich auch dießmal unter den Bayern selbst ein Verräther,
ein Bauer entdeckte dem Könige das Geheimniß, und man fand in einem Keller der Residenz 140 metallene Kanonen unter der Erde vergraben, worunter 50 Fünfundsiebzig Pfünder, und die sogenannten zwölf Apostel. Diese Kanonen, welche größtentheils im pfälzischen und dänischen Kriege erobert worden waren, fand man mit Gold gefüllt; nach einigen Behauptungen mit 30,000 Goldgulden, nach andern mit eben so vielen Dukaten. Sie wurden als gute Beute nach Augsburg geführt, wurden aber später nach Eroberung dieser Stadt durch die Bayern wieder zurück gebracht.
Die vielgerühmte Mannszucht, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit des Königs Gustav Adolf reduzirt sich sonach auf ein sehr geringes Maß!
Dem Könige scheint die innere Pracht der Stadt München ausserordentlich gefallen zu haben; man erzählt, daß er sie mit einem goldenen Sattel auf einem dürren Gaule verglichen und einmal geäußert habe, er wünsche die Residenz auf Walzen nach Stockholm führen zu können. Sein Benehmen gegen das Volk war ausserordentlich freundlich und herablassend. Strömte ihm dasselbe haufenweise nach, wenn er öffentlich auf der Straße erschien, so warf er Dukaten unter die jubelnde Menge; am heiligen Auffahrtstage, den 20. Mai, begab er sich zu Fuße mit den beiden Pfalzgrafen, den beiden Herzogen von Weimar und einem ansehnlichen Gefolge in die Kirche zu U. l. Frau, wohnte dem Gottesdienste stehend an dem Benno-Altare bei, unterhielt sich freundlich mit dem Dechante, und besah sodann die Merkwürdigkeiten der Kirche, insbesondere die fürstliche Gruft, wobei er diesen um die nähere Erklärung der katholischen Ceremonien und Gebräuche befragte. Hierauf begab er sich in das Jesuiteneollegium, woselbst er des Pater Rektors lateinische Anrede in der nämlichen Sprache beantwortete. In der Kirche frug er nach den Gründern des majestätischen Gebäudes. Als er nun vernommen, daß Herzog Wilhelm der Stifter des Hauses und Tempels gewesen, und daß dieser an der Stelle, wo man sich eben befinde, begraben sei, war seine weitere Frage, wo das Mausoleum des Stifters zu sehen sei? Und als der Rektor dem Könige eröffnete, daß nach des Stifters Willen außer dem Bilde des Gekreuzigten ein weiteres Denkmal nicht errichtet worden, zollte König Gustav Adolf dieser Demuth seine volle Bewunderung. Nach Beendigung des eben gehaltenen Gottesdienstes drängte sich eine Menge Volkes an die Schranken des Hochaltares. Der König wollte die Ursache dieses Gedränges wissen, und erfuhr durch den Rektor, daß das Volk nach geendigtem Amte heran zu kommen pflege, um die Besprengung mit dem Weihbrunnen zu empfangen. Gustav Adolf beobachtete aufmerksam den Verlauf dieses Gebrauches, und stellte sofort viele Fragen über den Sinn und Zweck des katholischen Ritus an den Rektor. Alle diese Gespräche führte der König in lateinischer Sprache. Hierauf wendete er sich vom Hochaltare weg zu jenem des heil. Ignaz, dem er in dem Augenblicke nahe kam, als der pontifieireiche Priester bei der Wandlung eben die heilige Hostie erhob, so daß die gesammte den König umgebende Menge, sich zu Boden werfend, dem heiligen Sakramente ihre Anbetung bezeugte, welches ingleichen auch von dem Rektor des Hauses ge
schah. Als sich dieser wieder erhoben, wurde er von dem Könige mit vielen Fragen zur Erklärung aller Einzelnheiten aufgefordert, die der Monarch während der Feier des Meßopfers vor sich gehen sah. Auch ließ sich Gustav Adolf in eine ausführliche Diseussion über das heilige Sakrament des Altares ein. Darauf begann er über das Opfer für die Verstorbenen zu reden, und stellte die Frage: ob der Rektor auch ein solches für Tilly gehalten? Als dieser es verneinte, sagte der König: „Und wo glaubt Ihr wohl, daß er sich jetzt befinde?" — „Das steht nur Gott zu wissen zu", war des Rektors Antwort; „doch ich hoffe, er sei im Himmel, denn er war fromm im Leben und Gott sehr eifrig ergeben." — „Er war", erwiderte der König, „ein Tyrann (fuit tyrannus)." — Der Jesuiten-Rektor erstattete über diesen Vorfall und das Benehmen des Königes einen so lobpreisenden Bericht an den Ordeusgeneral nach Rom, daß er darauf die Weisung erhielt: „sich kälter und kürzer zu fassen, wenn man doch von Ketzern Gutes zu sagen habe."
Am 27. Mai begab sich Gustav Adolf auf einige Tage nach Augsburg, kehrte am 5. Juni wieder nach München zurück, wohnte aber dießmal nicht mehr in der Residenz, sondern bei dem Gastwirthe Freihammer am Marktplatze. Dieses Haus ist gegenwärtig mit einer Gedenktafel, die den Aufenthalt Gustav Adolf's in demselben kund gibt, versehen und trägt die Haus-Nummer 5. Die gemeine Volkssage in München bezeichnet aber als Absteigquartier des Königs jenes Haus am untern Theile des Marktplatzes Nr. 18, an welchem über einem Fenster drei Kronen angebracht sind. Allein mit Unrecht, denn
dieses Haus heißt schon im Stadtgrundbuche vom Jahre 1449 „das Gröndl", und im Grundbuche vom Jahre 1572 „die Gron," unbekannt aus welcher Veranlassung. Wahrscheinlich waren an dem Hause das man später mit dem wirklichen Absteigquartiere des Königs Gustav Adolf am Marktplatze verwechselte, seinem Namen entsprechend schon in älterer Zeit drei Kronen angemalt, wozu dann noch ein späterer Maler irrthümlich das seinige beitrug, indem er bei einer Restauration die alten drei Kronen in schwedische umwandelte, wonach die Sage nun augenscheinlich erst fix und fertig dastand!
Die Stadt München hatte inzwischen an der verlangten Brandschatzung nicht mehr als 90,000 Reichsthaler erlegt, indem der Ueberrest der eingeholten Kontributionsbeiträge zu besonderen Geschenken für die habfüchtigen schwedischen Generäle verwendet werden mußte. Mehr konnte zur Zeit nicht erlegt werden, denn alle Mittel der Stadt und der Bürger waren auf das Aeusserste erschöpft. Die Bürger fürchteten, und nicht ohne Grund, es möchte deshalb der Stadt Uebles widerfahren; denn Pfalzgraf Friedrich, der sogenannte Winterkönig, der gegen den Kurfürsten Maximilian, welcher ihm Böhmens königliche Krone entrissen, den größten Haß trug, hatte um seine Rache zu befriedigen, dem Könige Gustav Adolf dringendst angerathen und darauf gedrungen, die Stadt anzuzünden und die vier Hauptthore und die kurfürstliche Residenz in die Luft sprengen zu lassen. Wirklich wurden hiezu schon Vorbereitungen getroffen; es waren an den betreffenden Stellen bereits Gruben gegraben, um sie mit Pulver anfüllen zu lassen, und das an der Stadtmauer
am Anger aufgeschichtete Holz war mit Stroh und Pechkränzen untermischt bereit, auf Befehl jeden Augenblick angezündet zu werden. Doch trafen glücklicherweise diese schrecklichen Befürchtungen nicht ein. Gustav Adolf, milder gesinnt, begnügte sich bis zur völligen Bezahlung des rückstandigen Restes die Stellung von vierundvierzig Geiseln, von denen die Hälfte aus weltlichen, die Hälfte aus geistlichen Einwohnern der Stadt München bestimmt wurde, zu fordern, welche aber, da unter ihnen zwei sich krank befanden, auf zweiundvierzig reduzirt wurden.
Da kam plötzlich die Nachricht, daß der kaiserliche General Wallenstein, der bisher allen Verheerungen in Bayern ruhig zugesehen hatte, sich mit einer Armee über Eger her gegen die Oberpfalz wende, und Kurfürst Maximilian mit seinem Heere von Regensburg aus ihm entgegenziehe, um sich mit ihm zu vereinigen. Gustav Adolf, diese Vereinigung zu hindern, eilte ihnen über Augsburg, Donauwörth uns Weissenburg entgegen.
Der 7. Juni war der glückliche Tag, an welchem München von seinen fürchterlichen Feinden und Drängern befreit wurde, um dieselben glücklicherweise nie wieder in seinen Mauern zu sehen. Nachdem Gustav Adolf die Truppen, die in Landshut, Freising und Umgegend vertheilt waren, rasch an sich gezogen hatte, verließ er an diesem Tage Vormittags zwischen 9 und 10 Uhr mit seiner ganzen Armee die Stadt. Mit sich nahm er die zweiundvierzig Geiseln, deren Schicksale wir weiter unten berichten werden, um hier den Gang der Ereignisse in Munchen nicht zu unterbrechen.
Die Lage der Stadt nach dem Abzuge der Schweden
war aber eine traurige; der innere Wohlstand der Bürger war auf mehrere Jahre zerstört, der größere Theil der Einwohner, welche zur Aufbringung der Brandschatzung ihren letzten Heller hergegeben hatten, war gänzlich verarmt, alle Gewerbe stockten, alle Felder, Wiesen und Gärten in einem weiten Umkreise um die Stadt waren zerstört und verdorben, alle um München herumliegenden Wohnungen und Dörfer abgebrannt oder verödet. Die Felder waren mit todten Körpern von Menschen und Vieh, die unter einander zerstreut lagen, wie besäet; bei dreißig Menschen hatten zwei Tage lang zu thun, um die Leichname wegzuschaffen und zu begraben, — auf den Feldern des Burgfriedens allein lagen bei vierzig Körper von Manns und Weibspersonen. Die städtischen Kassen waren ganz leer, und selbst die vorzüglicheren Quellen des Einkommens versiegt, denn der Geldvorrath, der vor der feindlichen Besetzung nach Salzburg geflüchtet worden war, war bei den großen und ungewöhnlichen Ausgaben bald erschöpft; man mußte zur Aufnahme neuer Kapitalien schreiten, wo man doch die Zinsen der älteren Schuld zu bezahlen nicht im Stande war. Nur allein der Schaden, den die städtische Kassa während des dreiwöchentlichen Aufenthaltes der Schweden an geliefertem Proviant, Haber, Holz und den entwendeten Kriegsgeräthschaften erlitten hatte, übersteigt die Summe von 13,000 Gulden.
Die nächsten beiden Jahre verflossen für München ruhig vor feindlichen Anfällen, obwohl der Pfalzgraf Christian von Birkenfeld, der die in Bayern zurückgebliebenen schwedischen Kriegsvölker befehligte, die Gegenden um München, Augsburg, Landsberg und Landshut
verheerte und beinahe zu einer Wüste machte. Da erfolgte am 7. September 1634 die entscheidende Schlacht von Nördlingen, worin die Schweden total geschlagen wurden, die Hälfte ihres Heeres auf dem Schlachtfelde blieb, und ihr Feldherr Gustav Horn in bayerische Gefangenschaft gerieth. Bayern war auf lange Zeit von den Schweden befreit. Da erschien ein neuer noch schrecklicherer Feind vor den Thoren Münchens, die Pest.
Es sei dem Verfasser vergönnt, ehe er den unsäglichen Jammer dieser Tage beschreibt, über das frühere Auftreten der Pest in München in Kürze zu berichten.
Es war im Jahre 1348, ein Jahr nach Kaiser Ludwigs Tod, als fürchterliche Naturereignisse und Trübsals Europa erfüllten und erzittern machten. Am 25. Jänner desselben Jahres Nachmittags begann ein Erdbeben, welches vierzig Tage lang mit abwechselnden Stößen alle Länder erschütterte; Berge senkten sich und fällten mit ihrem Schutte die Thäler aus; ganze Städte versanken in die Tiefe des Abgrundes, namentlich in Kärnthen die Stadt Villach; Flüsse traten aus und veränderten ihren Rinnsal; viele tausende von Menschen wurden von ihren einstürzenden Häusern erschlagen, und in Oberbayern allein stürzten die Mauern von mehr als zwanzig Städten und Schlössern zusammen. Allein kaum waren diese Schreckenstage vorüber, als ein noch größeres Unheil kam. Genuesische Schiffe brachten die Pest aus dem Morgenlande nach Italien. Die Krankheit zeigte sich an einer dunkelfärbigen Beule, besonders unter der Achsel; der davon befallene starb längstens am dritten Tage. Diese
Pest, der schwarze Tod genannt, verbreitete sich mit unglaublicher Schnelligkeit über ganz Italien, in Venedig allein starben hunderttausend Menschen; von da schritt sie rasch nach Frankreich und England, und kam im Jahre 1349 nach Deutschland. Vier Jahre währte diese Seuche, in Bayern im Jahre 1349 am heftigsten. Cortusius, ein gleichzeitiger Geschichtsschreiber, bemerkt daß die Sündfluth kaum so viele Menschen möge hinweggerafft haben, als diese Seuche. In der damals sehr bevölkerten Stadt Lübeck starben innerhalb eines Jahres 90,000 Menschen, in Straßburg starben 16,000, in Wien wurden einmal an einem Tage 500 begraben, aus den Thoren von Passau trug man an einem Tage bei 300 Leichen. In Bayern starb der achte Theil der ganzen Bevölkerung, Städte und Flecken waren entvölkert, ja in manchen Dörfern war auch nicht ein einziger Mensch mehr vorhanden. In gleicher Weise wüthete sie auch in München, dasselbe hatte den siebenten Theil seiner Einwohner verloren.
Eine zweite bedeutende Pest in München kam im Jahre 1462 vor. Die naßkalte Witterung dieses Jahres erzeugte bösartige Fieber und Ruhren. Die Seuche (Brechruhr?) dauerte von Weihnachten 1462 bis Ende 1463 nicht nur in München, sondern auch in ganz Deutschland; Städte und Dörfer waren voll von Leichnamen, in Augsburg allein starben von Jakobi bis St. Lueia bei 9000 Menschen. Die Wissenschaft der Arznei, damals auf noch tiefer Stufe und in den Händen unwissender Bader, brachte keine Hilfe. Da entschloßen sich die Müchener zur Abwendung des Uebels die Hilfe des Himmels anzuflehen. An einem Tage um Michaeli 1463 zogen
5000 Personen, die Männer und Frauen gesondert gehend, mit großer Andacht, „mit weinenden Augen und doch frohlockendem Herzen," — wie uns das Fragment einer Chronik der Stadt München erzählt, — in großer Prozession zu dem würdigen Heiligthume auf den Berg nach Andechs. Dem frommen Gebete wich endlich die Seuche. Herzog Johann war aus Furcht von München nach Haidhausen geflüchtet, wo ihn aber dessenungeachtet am 18. Dezember 1463 der Tod fand.
Alten Chroniken nach herrschte auch in den Jahren1515 und 1517 in München die Pest, worüber in der ehemaligen Wiskapelle hinter der St. Peterskirche eine Votivtafel vorhanden gewesen war. Ebenso im Jahre 1572 in Folge eines großen Nothjahres.
Während des dreißigjährigen Krieges trat sie in München zuerst im Jahre 1628 auf. Am 28. September dieses Jahres starb plötzlich eine Dienstmagd des kurfürstlichen geheimen Vicekanzlers Richel, und man erkannte am Leichname die Spuren der Pest; sogleich aber wurden die strengsten Vorsichtsmaßregeln angeordnet, das Haus wurde gesperrt, die Seelnonne, der Arzt, der Bader und überhaupt alle Personen, welche mit der Verstorbenen Umgang gepflogen hatten, wurden abgesperrt, und so griff dießmal dieses Uebel ausser wenigen Personen nicht weiter um sich.
Das Jahr 1634 brachte aber die Pest als Kind des Krieges in ihrer vollen zerstörenden Wuth.
Ganze Strecken Landes waren während dieser Kriegsläufe unbebaut geblieben, da es theils an Leuten zur Arbeit fehlte, theils die Landleute das nöthige Getreide und Geld nicht hatten, theils auch, weil Niemand aus Furcht vor Verwüstung die Felder zu besäen wagte. Die Folge davon war allgemeiner Mangel und Noth. Der Werth der Güter war so sehr gesunken und der Mangel des Geldes war so groß, daß Bauerngüter im Werthe von 20,000 fl. und mehr um 70 bis 80 fl. feil standen. Ausgehungerte, abgemagerte, hohlaugige Schattengestalten von Menschen wankten allenthalben umher, zu diesem körperlichen Elend gesellte sich der tiefste Gram und die Verzweiflung ; viele waren glücklich, den Hunger mit Hunden, Katzen und Mäusen stillen zu können; ja in Augsburg verschmähte sogar die wüthende Gier des Hungers nicht, das Fleisch menschlicher Leichname zu verzehren! Dazu die weit und breit auf den Feldern liegenden Leichen von Menschen und Vieh, die wochenlang unverscharrt liegen blieben und durch ihre Verwesung die Luft verpesteten. Unter solchen Umständen konnten verheerende Seuchen nicht ausbleiben. Da kamen im Juli 1634 spanische Kriegsschaaren bei 4000 Mann stark von Weilheim und Tölz hieher nach München, ein sehr unreinliches Volk, das einen Krankheitsstoff mit sich führte, denn in den wenigen Tagen ihres Aufenthaltes in München zählten sie über 150 Todte. Schon im nächsten Monate August darauf zeigten sich in München Spuren von ansteckenden Krankheiten, die man aber Anfangs nicht, als gefährlich achtete. Allein im September brach die wirkliche Pest mit größter Heftigkeit aus. Aeusserlicher Frost bei innerlicher Hitze, heftige Kopfschmerzen, große Ermattung, Blutergießungen, waren die ersten Anzeichen der Krankheit, denen sehr schnell Pestflecken und Pestbeulen als tödtliche
Symptome folgten. Der Verlauf der Krankheit war ein sehr rascher. In aller Eile wurden vier Lazarethe und ein Garten vor der Stadt zur Aufnahme der Kranken hergerichtet, und alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen, um die Verbreitung der Seuche zu verhindern ; nur zwei Thore, das Isar- und das Neuhauserthor, blieben geöffnet, vor jedem dieser Thore wurde ein Garten zur Beherbergung der Fremden, denen der Eintritt in die Stadt verboten war, hergerichtet, den Einwohnern der Stadt aber auch der Eintritt in diese Garten verwehrt. Alle Briefe wurden geöffnet, geräuchert und dann wieder verschlossen, das Geld, das angenommen wurde, zuerst in Essig geworfen. Alle Gemeinschaft mit angesteckten Personen, der Eintritt in deren Häuser oder der Gebrauch ihrer Kleidungsstücke war bei Lebensstrafe verboten, und zur Abschreckung und zum Vollzuge dieser Androhung waren in den Gassen der Stadt öffentlich Galgen errichtet; alle Kleider und alles Bettgewand der angesteckten Personen wurden vor den Thoren verbrannt. Um die Communikation und dadurch die Verbreitung der Seuche zu verhindern, wurden die Strassen mit eisernen Ketten gesperrt, ja die Eisenmannsgasse, Damenstiftsgasse und das Kreuz, als gänzlich insizirt, wurden mit Brettern verrammelt und vollständig abgesperrt. Hingegen blieb sonderbarerweise die Herzogspitalgasse von der Pest ganz verschont.
Aber alle diese Bemühungen und Vorkehrungen waren fruchtlos. In den Monaten Oktober und November wüthete die Pest am ärgsten, in jeder Woche dieser beiden Monate wurden 200 bis 250 Wohnungen, unter diesen theils ganze Häuser, theils nur einzelne Zimmer gesperrt,
die Leichname wurden von den Straßen oder aus den Häusern zur Nachtszeit auf die Todtenwägen, deren Räder mit Filz umwunden waren, geworfen, ohne auf die Namen oder den Stand zu merken oder dieselben aufzuzeichnen ; den Todtengräbern mußten längere Zeit hindurch gegen 20 Tagelöhner beigegeben werden, um die nöthigen Gruben zuzurichten, in deren jede an 940 Leichen gelegt oder geworfen wurden; der bisherige Raum des Gottesackers wurde zu enge, und mußte derselbe beträchtlich erweitert werden.
Im Dezember ließ die ausserordentliche Sterblichkeit etwas nach; allein erst im Februar 1635 hörte sie endlich beinahe ganz auf.
Was nun die Anzahl der Menschen betrifft, die dieser Seuche in München zum Opfer sielen, so geben die Sterberegister der beiden Pfarreien zu U. l. Frau und St. Peter nur geringen und unverläßigen Aufschluß, sie sind in dieser Zeit höchst mangelhaft und unvollstandig geführt, was auch bei der Größe dieser Kalamität sehr begreiflich ist; hingegen aber gibt der bekannte Geschichtschreiber Adlzreiter, ein Zeitgenosse dieser traurigen Verwüstung, der als kurfürstlicher Hofkanzler und Oberaufseher der Polizei während der ganzen Periode in München sich befand, nebst andern gleichzeitigen Schriftstellern an, daß während dieses Zeitraumes, nur in München allein, bei 15000 Menschen verstorben seien. Da nun München nach der amtlichen Volkszählung vom Jahre 1589 eine Bevölkerung von 20,000 Seelen hatte, die sich während der Schrecken des dreißigjährigen Krieges eher verminderte als vermehrte, so hätte nach der Adlzreiter'schen Angabe die Stadt
durch die Pest drei Viertheile ihrer Einwohner verloren! Diese Angabe ist auch vollkommen wahrscheinlich, denn nach einer Zählung der Bevölkerung Münchens am 15. August 1704, also 70 Jahre später, hatte die Stadt damals nicht mehr als 13,649 Einwohner, stand also noch gegen das Jahr 1580 weit zurück! Ueber dem Thore des Hauses Nr. 7 in der Kaufingergasse sieht man noch heut zu Tage ein T (Tod bedeutend) angemalt, zum Andenken, daß dieses Haus bei dieser Pest ganz ausgestorben war.
Aber alle Geselligkeit des menschlichen Lebens, selbst die Bande der Natur waren zerstört. Der Mann verließ seine kranke Gattin, das Weib ihren Gatten, Aeltern und Kinder trennten sich gegenseitig, das Schicksal, das sie betroffen hatte, war ihnen unbekannt, und nachdem die Häuser wieder eröffnet und der gemeinschaftliche Umgang erlaubt wurde, sah man überall unglückliche Waisen um den Verlust ihrer Aeltern, Wittwen um ihre Männer, Aeltern um ihre Kinder trauern. Viele Häuser und Wohnungen waren öde, und von manchen Familien nicht eine Seele mehr vorhanden.
Die Leiden der Stadt München während des dreißigjährigen Krieges schienen sich mit der Pest erschöpft zu haben. Zwar war im Jahre 1646 der schwedische General Wrangel wieder in Bayern eingebrochen und verwüstete die Gegenden an der Jsar. Allein seit dem Jahre 1638 hatte Kurfürst Maximilian mit einem Kostenaufwand von beinahe 2,000,000 fl. und mit angestrengtester Thätigkeit die Befestigung der Stadt München vollenden lassen. Als daher im September 1646 die vereinigte französische und schwedische Armee in der zuversichtlichen
Erwartung, die Thore offen zu finden, vor München erschien, und die gute Befestigung der Stadt und die Menge der streitbaren Männer auf den Wallen, — ausser den Bürgern und den zahlreich hergeflüchteteil Landleuten waren sie mit 600 Soldaten unter dem Kriegsbefehle des tapfern Obersten von Puch er wohl besetzt, — erblickte, zog sie wieder, ohne einen Angriff zu versuchen, ab. Im nächstfolgenden Jahre 1647 mußte München einen gleichen Anfall dieser feindlichen Horden befürchten; allein auch dieser wurde, gleichwie jener vom Jahre 1646, durch den Muth der Einwohner und durch die Thätigkeit des Kommandanten Generalmajors von Rouyer vereitelt.
Das nächste Jahr 1648 brachte den westphälischen Frieden und damit das Ende des dreißigjährigen Krieges.
Es erübriget uns jetzt noch, die oben unterbrochene Erzählung von den Schicksalen der Münchener Geiseln fortzuführen.
Diese Geisel waren folgende.
Geistliche:
Anton Mandl, Dr. der Theologie, Kanonikus und Pfarrer bei U. l. Frau.
Georg Agrikola, regulirter Chorherr vom Kloster Jndersdorf.
Michael Strobl, Zisterzienser von Fürstenfeld.
Georg Graf, Zisterzienser von Fürstenfeld.
Johann Lanz, Jesuit
Joachim Gotthart, Jesuit.
Andreas Brunner, Jesuit
Christoph Kletzlin, Jesuit
Christoph Widmann, Jesuit
Adam Schifferl, Jesuit
Benedikt Hagn, Augustiner
Vinzenz Geßler, Augustiner
Liberat Hörker, Augustiner
Fulgenz Kirchmair, Augustiner
Paul Albl, Franziskaner
Kaspar Mair, Franziskaner
Franz Sigl, Franziskaner
Blasius Rechbacher, Franziskaner
Klaudius Keller, Franziskaner
Eusebius Saherr, Kapuziner
Gemiman Ronpeckh, Kapuziner
Philibert Meinl, Kapuziner
Weltliche:
Wolfgang Jakob Pronner von Prandthausen, innerer Stadtrath.
äussere Räthe und Handelsmänner.
Paul Parstorfer,
Johann Rapp,
Hartman Reischl,
Martin Valpichler,
Georg Perhammer,
Albrecht Jnderstorfer, Gastgeber.
Johann Geyersperger, Gastgeber.
Georg Egetter, Lebzelter.
Mathias Biecher, Rothgerber.
Georg Voith, Barettmacher.
Melchior Kamerloher, Lebzelter.
Johann Jakob Koch, Krämer.
Johann Nindorfer, Eisenhändler.
Georg Starnberger, Bierbrauer.
Johann Hub er, Rothgerber.
Johann Stöberl, Eisenfaktor.
Ludwig Reutter, Methschenk.
Michael Reutter, Lebzelter.
Wilhelm Mayr, Handelsmann.
Am 7. Juni 1632, Morgens 10 Uhr, bei dem Abmarsche der feindlichen Armee, wurden die sämmtlichen Geisel, nachdem sie noch zuvor in der Jesuitenkirche dem Gottesdienste beigewohnt, in Kutschen gesetzt und in Begleitung von zwei Kompagnien Dragonern nach Augsburg geführt, woselbst sie am folgenden Tage ankamen, und von dem liebenswürdigen Augsburger Pöbel, der schwedisch gesinnt war, mit Hohn und Gespötte, mit rohen Beschimpfungen und selbst Mißhandlungen empfangen wurden. Das erste nach ihrem Eintritte war, daß sich alle für einen, und einer für alle zur Haftung ihrer Personen schriftlich verbindlich machen mußten, worauf sie am 16. Juni nebst den Geiseln von Landshut, Freising und Weilheim unversehens aus dem Gasthofe, in welchem sie bisher untergebracht waren, abgeholt, in die alte bischöfliche Residenz geführt und hier wie förmliche Gefangene behandelt wurden, indem sie alle, in der Zahl von etlichen und sechzig Personen, zusammengesperrt und alle Ausgänge der Residenz, bis auf einen, vermauert wurden. Hier nun wurden sie auf das Härteste behandelt, sie hatten mit allen Entbehrungen und mit jeglicher Art des Elendes zu kämpfen, ja sie wurden mehrmals selbst mit dem Tode bedroht.
Deshalb machten am 21. Juni sämmtliche Geiseln das Gelübde, nach ihrer glücklichen Wiederkehr nach München einen Dankgottesdienst zu Ramersdorf abhalten und daselbst zur ewigen Erinnerung eine Gedächtnißtafel errichten zu lassen.
Ungeachtet die Geiseln mehrere schriftliche Vorstellungen durch ihren Mitgefangenen Andreas Brunner, den sie zu ihrem ersten Rathgeber und Sekretär erwählten, sowohl an die Regierung als auch an den Magistrat München machten, um die Bezahlung des Restes der Brandschatzung und dadurch ihre endliche Freilassung zu erwirken; obwohl sie zu diesem Zwecke mit Erlaubniß der schwedischen Machthaber selbst Abgeordnete nach München sendeten so hatten alle ihre Bemühungen lange keinen Erfolg, da das Geld nicht aufzutreiben war. Erst unterm 23. Juli wurden 5000 Thaler und am 2. August 68,000 Reichsthaler von München nach Augsburg gesendet. Diese Verzögerung und diese zu geringe Zahlung gab den Schweden erwünschte Veranlassung, die Geiseln noch härter zu behandeln, ungeachtet der von ihnen dem schwedischen Kommandanten gemachten großen Geschenke, worunter eine mit Diamanten besetzte Hutschnur im Werthe von 1030 Reichsthalern. Täglich wurde die Bezahlung des Restes von 137,000 Thalern unter den schärfsten Drohungen und Vorwürfen gefordert, neue Bedrückungen und Mißhandlungen gegen die armen Geiseln wurden verübt, ja sogar die Androhung gemacht, München und Landshut gänzlich in Asche zu legen.
Der Tod des Königs Gustav Adolf in der Schlacht bei Lützen am 1. November 1632 brachte den Geiseln
nicht nur keine Verbesserung ihrer Lage, sondern vielmehr war ihr Schicksal in noch üblere Hände gerathen, indem man ihnen verkündigte, daß sie nun nicht mehr Geisel der Krone Schweden, sondern Gefangene der Generäle und Obersten wären, welchen man den Rest der Brandschatzung zugewiesen habe.
So zog sich ihre Gefangenschaft fort, denn ungeachtet oftmals Abgeordnete von ihnen nach München und an den Kurfürsten, der in Braunau weilte, abgesandt wurden, obgleich auch im Anfange des Jahres 1633 von München aus der kurfürstliche Kriegsrath Küttner und der Bürgermeister Ridler nach Augsburg abgeschickt wurden, um mit dem Gouverneur Orenstierna und den übrigen schwedischen Generälen wegen eines Nachlasses an der noch ausständigen Kontributionssumme und wegen Ausgleichung des Restes in Unterhandlung zu treten, so waren diese Schritte doch alle ohne Erfolg; die Sache gerieth in's Stocken, wobei eine Partei der andern die Schuld gab uud Vorwürfe machte. Aber dabei kam kein Geld, und so wurde die Lage der Geiseln immer trauriger und schrecklicher. Dazu kam noch, daß eine unehrenhafte Handlung von zweien der Geiseln selbst Veranlassung gab, die Schweden auf das Aeusserste zu erbittern. Wie erwähnt, mußten dieselben öfter Abordnungen nach München und an das Hoflager des Kurfürsten nach Braunau machen, wobei sich die Abgeordneten immer schriftlich und bei ihrem Eide verpflichten mußten, nach verrichteter Sache zurückzukehren. Allein zwei dieser Abgeordneten, der innere Rath und Handelsmann Martin Valbichler von München und einer von Landshut, welche Anfangs Juni 1633 nach
München abgeschickt worden waren, kehrten ungeachtet ihres Eidschwures und trotz mehrfältiger Aufforderung nicht mehr zurück, sondern verblieben ruhig zu Hause bei ihren Familien und Anwesen. Die Schweden beschlossen nun, ihre oftmals gemachten Drohungen wahr zu machen, die Geiseln zur Armee abzuführen, und sie unter die Obersten zu vertheilen. Wirklich wurden sie am 16. Juni 1633 zu Fuße unter starker Militärbedeckung von Augsburg weg nach Biberbach, des folgenden Tages aber nach Donauwörth transportirt, wo sie bis zum 25. Juni verblieben, dann aber unter Bedeckung von I0O Musketirern und paar» weise gefesselt mit der Armee nach Nördlingen geführt wurden. Herzzerreißend sind die Schilderungen, welche sie von ihren Leiden und den Mißhandlungen machten, denen sie ausgesetzt waren und noch ferner zu erdulden erwarten mußten. „Sie bitten nur zu Gott," — heißt es in einem dieser Briefe, — „daß, weil er sich alles Gericht und Rache vorbehalten habe, ihnen kein ungeduldiger Himmelschrei ausbreche, der ihn vermöge, seine Waffen auf alle die zu wetzen, so sie in diese Noth gesteckt und so, erbärmlich sitzen lassen."
Doch wurde ihnen nach vielen Bitten erlaubt, am 29. Juni wieder zwei Abgeordnete, den Jesuiten Andreas Brunn er und den Handelsmann und Rathsherrn Hartman Reischl an den Kurfürsten nach Braunau abzusenden , nachdem sich die übrigen Geiseln schriftlich für deren Zurückkunft innerhalb längstens drei Wochen „mit Leib und Blut" verbürgen mußten. Allein auch diese Verhandlungen, die mit dem Bürgermeister Max Ridler von München gepflogen wurden, nahmen einen untröstlichen
Ausgang, da dieser wohl einen Nachlaß an der noch schuldigen Kontribution anstrebte, was der schwedische KomMandant in Augsburg verweigerte, aber eine Zahlung als zur Zeit unmöglich darstellte. Auch in Braunau beim Kurfürsten waren alle Bemühungen, Geld zu erlangen, fruchtlos. Doch hatten ihre Bestrebungen wenigstens zur Folge, daß die Geiseln am 27. August wieder von Nordlingen nach Augsburg zurücktransportirt wurden. So verstrich das ganze Jahr 1633.
Am Anfange des Jahres 1634 wurden vom Kurfürsten und von der Stadt München neue Abgeordnete, nämlich der Höfkammerrath Wangereck und der Stadtschreiber Melchior Erhard abgesendet, welche die Sache dahin schlichteten, daß man den schuldigen Rest mittelst Salzlieferungen abtragen wolle, zu welchem Ende mit den beiden Stadtpflegern von Augsburg Jakob Stenglin und Paul von Stetten, dann den Handelsleuten Hans und Jeremias Buron er, Georg Hunold's Erben, Otto Lauginger und Heinrich Thenn die Uebereinkunft getroffen wurde, gegen Empfang von 49,765 Scheiben Salz an den schwedischen Gouverneur Georg aus dem Winkel und den Obersten Pfuhl eine Summe von 141,000 Reichsthalern zu erlegen.
Durch diese Ubereinkunft war zwar die Befreiung der Geiseln noch nicht bewerkstelliget, vielmehr mußten sie noch in der Gefangenschaft verharren, da theils wegen Mangels an Pferden, theils wegen der Kriegsverhältnisse und der Pest nicht mehr als 1,100 Scheiben Salz geliefert werden konnten; aber ihr Schicksal war doch durch eine etwas mildere Behandlung erleichtert. Dessen ungeachtet war ihre Lage eine gränzenlos unglückliche und schreckenvolle. Nicht nur waren ihre Gemüther von Angst und Sorge über das Schicksal ihrer Heimath und ihrer Familien erfüllt, sondern man ließ sie absichtlich, um sie zu martern, das Unglück ihres Vaterlandes schauen, indem man das aus Bayern geraubte Vieh und die entwendeten Güter vor ihrer Wohnung vorbei führte, und sie den Brand und die Verwüstung der bayerischen Grenzen von dem erhöhten Dache ihres Gefängnisses sehen ließ. Zu diesem gesellten sich die Drohungen und Vorwürfe der Einwohner von Augsburg, welche die Sperrung des Handels, die Theuerung und den Mangel, die lange Blokirung und all das Uebel, das Augsburg von Seite Bayerns drückte, auf ihre Veranlassung schob. Was aber alle diese Qualen übertraf, war der beständige drückendste Mangel der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse, worüber fast alle ihre Briefe die lautesten Klagen enthalten. Anfangs schaffte der Kredit der unter ihnen besindlichen Handelsleute bei ihren Bekannten in Augsburg Rath; allein da diese aufgenommenen Gelder meistens ,,mittelst Wechsel" in Botzen und Salzburg bezahlt werden mußten, und hier manchmal der Mangel an Geld, "oder die Unsicherheit der Wege u. dgl. eine Verzögerung verursachte, so fing ihr Kredit allmählig an in Abnahme zu kommen. Man schickte zwar von München aus vielfaltig Wägen mit Viktualien, Salz und Baargeld zu ihrer Unterstützung, allein auch diese Lieferungen wurden meistens verzögert, und es war unterdessen ihre Schuld oft schon größer angewachsen, als daß sie durch die angekommene Summe,
die überdieß zu ihrem ferneren Unterhalte bestimmt war, hätte getilgt werden können. Dadurch geschah es, daß sie von den Gastgebern keine Kost mehr erhielten, und oft manchen Tag ohne alle Nahrung zubringen mußten. Ihre Noth stieg aber am höchsten zur Zeit der schrecklichen Blokade von Augsburg, wo die Einwohner nur das Fleisch von Pferden, Hunden, Katzen und Mäusen hatten, zur Stillung ihres Hungers das Leder kochten und aßen, ja selbst am Ende zum Fleische menschlicher Leichname ihre Zuflucht nehmen mußten.
Endlich aber schlug die Stunde ihrer Befreiung. Nach der großen Niederlage der Schweden bei Nordlingen am 7. September 1634 dachte man zwar noch nicht daran, die Geiseln gegen den gefangenen Feldmarschall Horn auszuwechseln. Hingegen aber inhaltlich des zwölften Artikels der Leonbergischen Accords-Einigung vom 13. März 1635 mußten sie ohne Entgeld frei gegeben werden, obwohl von den geforderten 300,000 Reichsthalern bis dahin nicht mehr als 253,000 fl. erlegt worden waren.
Während der Gefangenschaft waren vier derselben gestorben, nämlich «der Augustiner Benedikt Hagn, Johann Nindorfer, Johann Stöberl und Johann Huber. Der Franziskaner Blasius Rechpacher war zu Ostern 1634 zum Protestantismus übergetreten.
Die Uebrigen wurden am 27. März 1635 aus der Gefangenschaft entlassen, und trafen nach einer traurigen Abwesenheit von beinahe drei Jahren unter lautem
Jubel ihrer Mitbürger und Familien glücklich wieder in München ein.
Die von den Geiseln gelobte Votivtafel besindet sich zum fortwährenden Andenken noch heutigen Tages in der Kirche zu Ramersdorf.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
München im spanischen Erbfolge-Kriege und Sendlinger Mordweihnachten. 1705 - 1715.
Welchen unglücklichen Verlauf der spanische Erbfolgekrieg, in welchem der Kurfürst Max Emanuel in Folge der hinterlistigen Politik des Königs Ludwig XIV. sich mit Frankreich verbündet hatte, nahm, lehrt uns die bayerische Geschichte, und es ist nicht Zweck dieser Blätter, eine Erzählung dieses für Bayern so traurigen Krieges zu geben. Eine so glänzende Tapferkeit und ein so hervorleuchtendes Feldherrntalent Max Emanuel auch entwickelte, so wurde alles dieses durch die Ungeschicklichkeit, durch die totale Unfähigkeit und die übermüthige Eitelkeit der französischen Heerführer, insbesondere des Marschalls Tallard vereitelt.
Am 13. August 1704 erfolgte die unglückliche Schlacht bei Blindheim. Max Emanuel hatte auf dem linken Flügel bei Lutzingen. eine vortheilhafte Stellung genommen, gute Anordnungen getroffen, mehrere österreichische Reiterangriffe zurückgeschlagen und die Feinde bereits so geworfen, daß ihr berühmter Feldherr, Prinz Eugen von Savoyen, schon dreimal überwältigt zum Nebelbache zurückweichen mußte. Die gänzliche Niederlage der Oesterreicher schien unvermeidbar. — Allein plötzlich erblickte man die Franzosen, welche auf dem rechten Flügel beim Dorfe Blindheim standen, in voller Flucht. Marschall Tallard hatte seine Infanterie so schlecht und noch dazu meistens in Dörfer postirt, daß sie von den mit Oesterreich verbündeten Engländern unter Marlborough's Befehl überall umzingelt und mit Ungestüm zurückgeworfen wurde. Marschall Tallard, der in Folge der Kurzsichtigkeit seiner Augen unter Marlborough's Reiter gerieth, die er für die Seinigen hielt, wurde gefangen. Die Schlacht war dadurch verloren. Die Bayern zogen sich langsam, immer noch kämpfend zurück; die Franzosen streckten muthlos die Waffen, mehr als 15,000 derselben wurden gefangen.
Die Oesterreicher verbreiteten sich nun in ganz Bayern, so daß Kurfürst Max Emanuel gezwungen war, sich mit den Ueberbleibseln seines Leibregimentes durch Schwaben und Elsaß nach Frankreich zu flüchten, von wo er sich sodann nach Brüssel, dem Sitze seiner niederländischen Statthalterschaft begab.
Die Kurfürstin Theresia Kunigunda, welche sich mit ihren fürstlichen Kindern noch in München befand, suchte auf das äußerste bedrängt nun Unterhandlungen am kaiserlichen Hofe zu Wien einzuleiten, und sendete deshalb ihren ehemaligen Gesandten,
Freiherrn von Mörmann nach Wien; dieser aber wurde an der Grenze zurückgewiesen. Hierauf wurde er mit dem kurfürstlichen Hofkammerrath und geheimen Sekretär Neusönner an den römischen König Josef in's Heerlager nach Landau geschickt. Allein Josef, der einst lediglich durch die Bemühungen Max Emanuels zum römischen König erhoben war, gab ihre Beglaubigungen uneröffnet mit dem Bemerken zurück: „Es gebe keinen Kurfürsten von Bayern mehr.“
Lange scheiterten alle Unterhandlungen an der Rachsucht und Unbeugsamkeit Kaiser Leopolds, der beschlossen hatte, das Haus Wittelsbach auf immer zu vernichten. Endlich wurde am 7. November 1704 ein Vertrag zu Ilbersheim geschlossen. Gemäß diesem blieb der Kurfürstin zu ihrem Unterhalte und Besitze nichts als das Rentamt München; überdieß zur Nutznießung Ingolstadt, Rain und Wemding. Die Festungswerke von München sollten geschleift, alle Waffenvorräthe der Zeughäuser ausgeliefert, und alle bayerischen und französischen Soldaten entlassen werden; nur eine Leibwache von vierhundert Mann ward der Kurfürstin zu halten vergönnt. Als aber am 16. Februar 1705 die Kurfürstin, deren Gesundheit durch diese Unglücksfälle sowie durch die Geburt eines Kindes während dieser Ereignisse tief erschüttert war, auf Anrathen ihrer Aerzte nach Venedig reiste, um dort bei ihrer Mutter Trost und Erleichterung zu finden, wurde Kaiser Leopold als alleiniger rechtmässiger Landesherr von Bayern verkündet, und mußte ihm Anfangs Mai 1705 gehuldigt werden. Zugleich wurde eine kaiserlich österreichische Landesadministration über ganz Bayern eingesetzt, welcher
der Graf von Löwenstein-Werthheim vorstand; neben, ihm Graf von Lamberg für Kriegssachen, von Mollart und von Seeau für Finanzen und Freiherr von Tastung für Polizei.
Der bald darnach folgende Tod des Kaisers — er starb am 5. Mai 1705 — brachte keine Linderung der Sachlage, vielmehr steigende Härte und Rücksichtslosigkeit, denn sein Nachfolger, Kaiser Josef I., hegte noch ingrimmigeren Haß gegen Bayern, als sein Vater. Die Bedrückungen aller Art gegen die Unterthanen stiegen aufs höchste; plündern und rauben, brennen und mißhandeln war an der Tagesordnung. Das verzweifelnde Volk, das alle seine rührenden Vorstellungen und Bitten mit verächtlicher Gleichgiltigkeit und empörendem Hohne zurückgewiesen sah, konnte diesen Zustand nicht länger ertragen. Es wurden im Lande heimlich Waffen gesammelt und vergraben, man versicherte sich der versprengten oder abgedankten Soldaten, Anführer standen heimlich an der Spitze, man berieth sich im Verborgenen, man wollte an einem Tage sich erheben und die Feinde bekämpfen, wo möglich einen festen Platz an der Donau erringen, und mit einem Schlage sämmtlicher Besatzungen los werden. Boten zogen zu diesem Zwecke Land auf Land ab. Es konnte nicht fehlen, daß die gefährliche Stimmung des Volkes und die drohenden Anzeichen eines sich erhebenden Sturmes den feindlichen Machthabern gänzlich verborgen blieben; nur durch einen unglücklichen Zufall wurde der schon vorbereitete Aufstand verrathen. Der Hofkammerrath des Kurfürsten, Freiherr von Lier, kam Anfangs des Frühlinges 1705 mit Briefen seines Fürsten an die Kurfürstin und die jungen Prinzen Karl Albrecht und Philipp nach Donauwörth; von den Oesterreichern erkannt, wurde er verhaftet, und aus seinen Papieren das ganze Geheimniß der Verschwörung entdeckt. Schleunigst wurden nun die österreichischen Truppen, welche bereits auf dem Marsche nach Italien waren, um dort die gegen den französischen Marschall Vendome im Felde stehende Armee des Prinzen Eugen zu verstärken, zurückberufen; man entwaffnete sodann die Bürger und Landleute, bemächtigte sich der verborgenen Waffen, und verhaftete alle jene Männer, von denen man glaubte, daß sie das Vorhaben des Volkes begünstiget hätten.
Am 15. Mai erschien der österreichische Feldmarschall Graf von Gronsfeld mit einigen tausend Mann ganz in der Stille und unerwartet vor München und führte Geschütz gegen die Stadt auf. Die Bürger von München schloßen ihre Thore, besetzten die Wälle und machten alle Anstalten zur Vertheidigung, obgleich ein großer Theil der Bürgerschaft in Besorgniß, der Marschall möchte die Stadt beschießen und einäschern lassen, zur Nebergabe rieth. Unterdessen gelangte ein Schreiben des Marschalles Gronsfeld in die Stadt, worin er ihr volle Sicherheit verhieß und erklärte, daß er Nur zum Schutze des Eigenthumes der Bürger und der kurfürstlichen Prinzen die Stadt besetzen wolle, und daß Niemandem ein Leid widerfahren solle; wobei er zugleich aber auch drohte, beim geringsten Widerstande die Stadt in Asche zu legen. Hierüber erging an die Einwohnerschaft Münchens nachstehende öffentliche Verkündigung:
„Kayserl. Proposition
so geschehen bei Anruckung der Kays. Truppen vor die
Statt München.
Freitags den 15. Mai 1705."
„Ihre Kayserl. Mt. glorwürdigsten Andenkhens sowohl alß die jetz Regierend Kays. Mt. haben mir allergnädigst befohlen, der Hofstatt zu München, vnd denen Burgermeistern Wissen zu lassen, wie daß dieselben wichtigen Vrsachen halber, vnd zu des Landts aigenen innerlichen Ruehe vnd sicherheit vnumgänglicher nothdurfft zu seyn befunden, eine besatzung in die Statt München ainzulegen, vnd Sie dannenhero unverzüglich in die Statt einzunemen, anbey aller Schutz und Gnad: auch von der Besatzung gute Sisciplin versichert, wie nit weniger die Printzen ausser aller forcht vnd sorg zu seyn hetten, zumahlen Jhnen kein Leyd widerfahren, auch Jhrem stand nach mit geziemender Ehrerbietigkeit begegnet: vnd alle sicherheit geschafft werden solle.
publicirt zu München den 15. May 1705.
Graf von Löwenstein.
Graf von Seeau.
Graf von Lamberg.
Graf von Gronsfeldt.
Herr von Förster."
Auf diese Zusage hin öffneten die Bürger am 16. Mai die Thore Münchens. Allein kaum hatten die Oesterreicher die Stadt besetzt, so zeigten und benahmen sie sich nicht mehr als Beschützer, sondern als Herrscher der Stadt und des ganzen Landes. Alle Einwohner Münchens wurden entwaffnet, und das fürstliche sowohl als das bürgerliche Zeughaus ausgeleert. Sodann wurde der kurfürstliche Hofkammerrath und geheime Sekretär Neusönner, welcher den Ilbersheimer Vertrag im Namen der Kurfürstin abschloß, freier Aeusserungen wegen gesanglich nach Oesterreich abgeführt, und wurden noch mehrere andere Manner, welche als Freunde ihres Vaterlandes verdächtig waren, ins Gefängniß geschleppt. Dem geheimen Sekretär Ulrich Beckensteller gelang es, den Nachforschungen der Oesterreicher dadurch zu entkommen, daß er sich unter ein Dach versteckte, und dann in der Verkleidung als Franziskaner nach Freising flüchtete, wo er zehn Jahre lang, bis Bayern von der österreichischen Gewaltherrschaft wieder befreit war, im Franziskanerkloster, dem er und sein Haus viel Gutes gethan, unter dem Namen Frater Orbil Dienste leistete. Alle vaterlandstreuen Bayern, welche der Gefahr eingekerkert zu werden entgehen wollten, mußten flüchten oder sich verbergen. Jedes laut gesprochene Wort, jede geheimnißvolle Miene war verdächtig; die österreichische Landesadministration hielt und besoldete überall geheime Spione; jede Zusammenkunft der Bürger in München oder der Landleute, sei es in der öffentlichen Gaststube oder in Privathöusern, wurde aufs schärfste überwacht, der geringste Schein eines Verdachtes führte belästigende Haussuchungen nach sich, und es wurden die Privatpapiere durchwühlt und Familiengeheimnisse nicht geschont. Die Familienglieder der mit dem Landesherrn ausgewanderten
oder flüchtig gewordenen Bayern wurden nicht nur auf jede Weise mißhandelt, sondern sogar aus ihren Wohnungen hinausgestoßen, worauf dann die Oesterreicher mit deren Wohnungen, Vermögen, Habe und Gut nach Belieben schalteten. So erging es den Gräsinen von Törring - Seefeld, von Rechberg, der Freifrau von Prielmaier, deren Männer ihrem Kurfürsten ins Exil gefolgt waren.
Selbst gegen die Kurfürstin und die kurfürstlichen Kinder wurde von den österreichischen Gewalthabern nicht besser verfahren. Die Kurfürstin Kunigunde, welche in Folge der erhaltenen traurigen Botschaften sich von Venedig wieder zurück nach München begeben wollte, wurde an der Grenze angehalten und ihr des Kaisers Befehl eröffnet, daß sie den bayerischen Boden nicht mehr betreten dürfe, worauf sie sich wieder nach Venedig zurückbegab. Die kurfürstlichen Kinder wurden in München Gefangenen gleich bewacht. Alle kurfürstlichen Güter wurden eingezogen.
Die versteckten Kriegsvorräthe und Waffen in München, Wasserburg und Schwaben wurden, leider durch Verrath ehrvergessener Bayern, von den Oesterreichern großentheils aufgefunden und hinweggenommen; ihre Anzahl war sehr groß: 73 große und kleine Kanonen, 343 Doppelhacken, 2500 Flinten, 2337 Flintenläufe, 289 Büchsen, 193 paar Pistolen, 177 Flintenschlösser, 100 Degen und Spieße, 500 Bajonette, 346 Zentner Pulver, 3800 gefüllte Handgranaten, 2871 Stückkugeln, über 300 Zentner Bleikugeln, bei 200,000 Flintensteine, 25 Standarten, 3000 Patrontaschen, mehrere Wägen für Gepäck und Kanonen.
Den schlimmsten Eindruck machte es aber, als im ganzen Lande zwölftausend junge Leute sollten ausgehoben werden, um unter den österreichischen Fahnen in Italien und Ungarn zu dienen. Diese Maßregel brachte das Volk zur Verzweiflung, denn sie wurde mit einer barbarischen Härte und Grausamkeit vollzogen. Die jungen Männer flohen aus den Städten und Dörfern in die Wälder und Gebirge. Um sie einzufangen, streiften österreichische Reiter in kleineren Haufen herum, anderwärts wurden die Häuser plötzlich Nachts von Reitern überfallen und durchsucht, die jungen Bursche, die man fand, aus ihren Betten gerissen und nur schlecht bedeckt bei empfindlicher Kälte nach Tirol transportirt. Natürlich gab es gegen solche gewaltsame Hinwegschleppung oft Widerstand, oder es rotteten sich die Bauern zusammen, und versuchten den Reitern die gefangenen jungen Bursche mit Gewalt wieder zu entreissen; allein alle Landleute, die bei solchen Vorfällen in die Hände der österreichischen Reiter fielen, wurden auf der Stelle entweder niedergehauen oder zum abschreckenden Beispiele an den nächsten Baum gehenkt. Die Verzweiflung des Volkes über, so unerhörte Mißhandlung mußte bald zur Empörung führen.
„Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last, — greift er
Hinauf getrosten Muthes in den Himmel, '
Und holt herunter seine ew'gen Rechte."
(Schiller's Tell.)
Durch das ganze Land ging die Losung: „lieber bayerisch sterben, als österreichisch verderben." Es sammelten sich die Einwohner anfangs in kleinen
Schaaren bis auf 1000 Mann, diese Schaaren vergrößerten sich rasch unter dem Namen der „Landesvertheidigung abgedankte bayerische Soldaten gesellten sich zu ihnen und unterwiesen sie in der Führung der Waffen, und tüchtige junge Manner, als Georg Plinganser, Meindl, Xaver Oertel und andere traten an ihre Spitze. In wenigen Wochen standen 20,000 —30,000 Landleute unter den Waffen, und der Kampf gegen die österreichische Unterdrückung begann.
Wir unterlassen es, hier die Geschichte des Aufstandes des bayerischen Volkes zu erzählen, sondern wollen nur die Schicksale Münchens berichten.
Im Allgemeinen war in der Haupt- und Residenzstadt München ziemliche Ruhe, wenn auch die Einwohner dieser Stadt gerechten, aber ohnmächtigen Grimm im Herzen trugen. Der kaiserliche Oberst von Mendt, ein kluger und vorsichtiger Mann, hielt in der Hauptstadt gute Ordnung und Zucht.
Die Landesvertheidiger hatten sich unterdessen mit abwechselndem Glücke geschlagen; ja in der letzten Zeit hatten dieselben unter Plingansers Führung große Vortheile bei Braunau, Altötting und Schärding errungen, so daß der Weg nach München ihnen offen stand. Die ganze Macht des Landsturmes, fast 40,000 Mann stark, setzte sich, nachdem sie den Uebergang über die Innbrücke bei Treuburg nach einem hartnäckigen Scharmützel errungen hatten, gegen München in Bewegung. Der Plan und die Verabredung ging dahin, sich auf St. Johannes des Täufers Tag, den zweiten Tag nach Weihnachten, mit dem Heere der Gebirgsbauern vor München zu vereinigen,
und dann mit Hilfe der Bürgerschaft, die mit verhehlter Freude der Kommenden sehnsuchtsvoll harrte, die Hauptstadt zu erobern, und mit ihr das Ziel ihres heiligen Strebens, die Befreiung des Vaterlandes zu erringen.
Schon im Frühjahr 1705, als der Marschall Graf von Gronsfeld München einnahm, waren mehrere tausend Bauern im Oberlande zum Aufstand bereit. Es waren die Bewohner der Gebirgsgegend um Tölz und Kochelsee, ein Volksstamm, fest und stark wie die himmelhohen Felsen, die in ihre Seen und Ströme hineinschauen, von stattlicher Größe und schönem und wohlgebildetem Körperbau, von alter Treue und Redlichkeit, einfachen und genügsamen Sitten, die sich oft unter einer rauhen Aussenseite verbargen, dabei treuherzig und gesellig im Umgange. Sie trugen damals und tragen noch heut zu Tage eine eigenthümliche malerische und alterthümliche Tracht; ihr kurzer Ueberrock, Joppe genannt, ist von ungefärbter Schafwolle oder Loden; ein enganliegendes schwarzledernes Beinkleid reicht nur ober die Kniee, so daß diese, von Sonne und Wetter gebräunt, bloß bleiben; der dicke wollene Strumpf bedeckt die Füße nur bis zum Knöchel. Um den Körper tragen sie einen gewöhnlich reich und schön gestickten Gürtel; der Hals ist bloß und auf dem Kopfe sitzt ein spitziger grüner Hut, den eine Spielhahnfeder oder der Flaum des Jochgeiers ziert.
Dieses durch kriegerische Sitten gebildete kräftige Volk erhob sich etwa dritthalhtausend Mann stark aus den Thälern der Jachenau, Lengries, Tölz, Kochel und Miesbach. Nur etwa fünfhundert derselben hatten Schießgewehre — die kurze Kugelbüchse, Stutzen genannt — die
übrigen Sensen, Picken, Keulen, Morgensterne in Eile ergriffen und zugerichtet. Alle strömten bereits am 24. Dezember durch die Waldthäler herab auf die als Sammelplatz bestimmte große Wiese bei Schäftlarn, wo die Brücke über die Isar geht. Da fanden sich auch ihre Anführer ein, der Hauptmann Maier, Lieutenant von Lange und der Adjutant Abel, sämmtlich Offiziere des aufgelösten bayerischen Heeres, und ein junger Franzose, der sich Gauthier nannte, dessen wahrer Name aber ein Geheimniß blieb. Das Oberkommando war dem außer Dienst gesetzten bayerischen Hauptmann Hans Maier vom Regiment Kronprinz übertragen. Außer diesen erschienen noch der Landrichter von Tölz, und ein Kriegskommissär Namens Fuchs. Die ganze Schaar erhielt vier Fahnen; von der einen nur weiß man, daß der Wirth von Bayerbrun sie getragen.
Bereits war wieder der ganze Zug der Oberländer vom Sammelplatze aus gegen München aufgebrochen, als der Oberkommandant Maier mit seinen Offizieren nochmals Rath über ihr Unternehmen hielt. Sie beschlossen, nicht sogleich jetzt schon nach München vorzurücken, sondern vielmehr über die Schäftlarner Brücke zurückzugehen, sich bei Vallay festzusetzen und dort die Ankunft der niederbayerischen Landesvertheidiger abzuwarten, welche den gepflogenen Abredungen gemäß 40,000 Mann stark unter Plingansers Anführung bereits auf dem Wege sein mußten, um sich am St. Johannes des Evangelistentag — 27. Dezember — mit den Oberländern zu vereinigen und dann vereint gegen München zu ziehen.
Aber die heißblütigen Oberländer, deren Wuth und
Streitbegier nicht zu bändigen war, und begeistert für die augenblickliche Befreiung Münchens, widersetzten sich dieser Anordnung; ja als der Oberkommandant Hans Maier ihrem ungestümen Drängen nicht nachgab und auf dem klugen und umsichtigen Beschlusse beharrte, wurde er von den Tölzer Schützen sogleich seines Kommandos mit der Drohung entsetzt, daß er sich nicht mehr vor ihnen blicken lassen dürfe, wenn er nicht in Stücke zerhaut oder erschossen werden wolle. Die übrigen Offiziere und Beamten wurden unter gleicher Drohung zum Vorrücken genöthigt. Als der Zug vor Bayerbrun angekommen war, beschlossen die Oberländer, anstatt des entsetzten Hans Maier den Pfleger Alram zu ihrem Oberkommandanten zu wählen, was derselbe jedoch ablehnte. Dadurch waren die Oberländer nunmehr ohne alle militärische Oberleitung; denn die von unsern bayerischen Geschichtsschreibern aufgestellte Behauptung, sie seien unter der Anführung des französischen Hauptmannes Gauthier gestanden, entbehrt alles Nachweises und aller Wahrheit.
Das begeisterte Drängen der Oberländer, die Vereinigung mit der niederbayerischen Armee nicht abzuwarten, sondern heute noch den Zug nach München anzutreten, stützte sich hauptsächlich auf die Nachrichten, die sie aus der Stadt selbst durch den angeblichen Abgeordneten der Münchener Bürgerschaft, den Weinwirth Johann Jäger im Thal, Mitglied des äusseren Rathes, erhalten hatten, und der ihnen die Zustimmung und Mitwirkung der Münchener Bürger zugesichert hatte. Dortselbst bestand nämlich eine heimliche Verschwörung. Ein Theil der Bürgerschaft hatte sich wieder in der Stille bewaffnet, es war verabredet,
daß die Bürger auf ihrem Gange zur mitternachtslichen Christmette ihre Gewehre unter ihren Mänteln bergen und zu gleicher Stunde die Oberländerbauern an den Mauern Münchens erscheinen sollten, wo ihnen der Bräuer des weißen Brauhauses das Kostthor eröffnen werde. Sollte aber die Oeffnung des Kostthores mißlingen, so habe sofort der Strassenkampf mit dem Feinde und die Erstürmung der Thore zu beginnen. Hiezu hatte sich ein Theil der bewaffneten Bürger am Augustinerkloster einzusinden; als Sammelplatz für die sechshundert Studenten war der Anger und für die churfürstlichen Hofbedienten die Residenz festgesetzt. Der Eisenhändler Senser gab hiezu unentgeltlich Pulver, Blei, Schanzzeug und Gewehre her. Die Einzelnheiten aller dieser in München getroffenen Voranstalten und Verabredungen wurden den Oberländer Bauern von dem Weinwirth Jäger mitgetheilt, und daher ihr ungestümes Drängen, um die Mitternachtsstunde der heil. Christnacht vor München einzutreffen, was ihnen unter solchen Umständen als unerläßliche Pflicht erschien.
Und wirklich hätte, auch ohne die Vereinigung mit der »iederbayerischen Armee, der gut angelegte Plan wohl gelingen können, obgleich die kaiserliche Besatzung der Stadt München fünftausend Mann betrug.
Allein leider waren unter den Bayern selbst Verräther. Schon am 19. Dezember hatte der Posthalter von München der österreichischen Landesadministration angezeigt, daß ihm aus dem Oberlande Post und Staffeten ausblieben. Bereits einige Tage früher hatte der Abt von Benediktbeuern dem Grafen Löwenstein-Werthheim Botschaft geschickt, die Jsarwinkler, Tölzer und Jachenauer hätten das
Kloster überfallen, den Klosterrichter, zwei kleine Kanonen und zwei Trompeten mit vielen Gewehren mitgenommen, auch den Gerichtsschreiber über seine Pflicht durch Maulschellen belehrt. — Am 23. Dezember Abends kam wieder ein Eilbote des Prälaten nach München mit der Nachricht, das Kloster .sei abermals besetzt, es gelte einer Überrumpelung Münchens im Einverständnisse mit den beiden von Braunau und Burghausen über Oetting und Haag vorrückenden Heersäulen der Landesvertheidiger.
Der schändlichste dieser Verräther war aber der Pfleger von Starnberg, Johann Josef Etlinger.
Dieser hatte sich hinterlistige,rweise mit den Aufständischen vereinigt, um ihre Pläne zu erforschen; dann aber eilte er heimlich auf wohlbekannten Seitenwegen, wobei er einem Bauern unter Vorspiegelung hochwichtiger Aufträge an die Landesvertheidigung sein Pferd wegnahm, nach München, und entdeckte dem Grafen Löwenstein-Werthheim den ganzen Anschlag der Bauern, ihre Zahl und Bewaffnung, sowie auch, daß in München selbst eine Verschwörung und ein Einverständniß mit den Bauern bestehe. Ja, dieser des Namens eines Bayern unwürdige Verräther begnügte sich mit dieser Anzeige nicht, sondern reiste selbst zu dem Befehlshaber von München, dem kaiserlichen General von Mendt, welcher am rechten Ufer der Jsar stand, um diesen von Allem zu unterrichten. General Mendt beorderte zuförderst den zwischen Ebersberg, Hohenlinden und Haag stehenden kaiserlichen Oberst Kriechbaum, mit seinen Truppen, ungefähr dreitausend Mann stark, sich in der Gegend von Anzing aufzustellen, den Anmarsch des Feindes auf der Oettinger- wie auf der
Wasserburgerstraße scharf zu beobachten, seine Vorpostenkette zu verstärken und dem Feinde jeden Fuß breit Terrain streitig zu machen. Vernähme er aber aus München her Geschützesdonner, so solle die Reiterei in gestrecktem Trabe, das Fußvolk im vollen Laufe nach der Hauptstadt vorrücken und den Bauern in den Rücken fallen. Hierauf eilte General Mendt selbst nach München, um alle zur Vereitelung des Aufstandes nöthigen Schritte zu thun.*) Die Bürgerschaft wurde sogleich neuerdings entwaffnet, der Eisenhändler Senfer und der Jägerwirth Johann Jäger verhaftet, an den Orten, die als Versammlungsplätze der Bürger beim beabsichtigten Aufstande bezeichnet waren, mit Kartätschen geladenes Geschütz aufgestellt und wurden die Festungswerke der Stadt, wo sie schadhaft waren, eiligst hergestellt. Der Bürgermeister Vaechiery ließ an die Bürger von Haus zu Haus die mündlichen Auftrag ergehen, ruhig zu bleiben und sich in die Sache nicht zu mischen, wenn sie vor den Thoren der Stadt schießen hörten. Ferner wurde, um von der Stellung der Bauern Kunde zu erhalten, ein Rittmeister mit achtzig Dragonern auf Rekognoseirung geschickt. Diese trafen im Forstenrieder-Walde, zwei Stunden von München,
eine Anzahl von Schützen, mit welchen sie ein Scharmützel begannen. Die Schützen schossen aus einem Gebüsche so gut, daß die Dragoner mit Hinterlassung einiger Todten zurückweichen mußten. Diese Schützen waren nämlich schon die Vorhut der einen Hälfte Oberländer Bauern, welche von Schäftlarn her am linken Ufer der Isar gegen Sendling zogen. Die andere Hälfte des Landsturmes, welche bei Schäftlarn über die Brücke gegangen war, war auf dem rechten Ufer der Isar über Harlaching im Anmarsche gegen München.
Von der Verrätherei des Pflegers Etlinger und den Vorgängen in München hatten die tapfern Oberländer keine Ahnung; muthvoll rückten sie daher auf beiden Seiten der Isar gegen die Hauptstadt vor.
Der Vortrab des auf dein rechten Ufer des Stromes ziehenden Landsturmes traf bald bei Harlaching auf österreichische Vorposten, griff diese mit Ungestüm an und warf sie zurück. In der Vorstadt Au war bereits die ganze Zunft der Zimmerleute aufgestanden und vereinigte sich mit dem anrückenden Landsturm. Von da aus, es war am 25. Dezember gegen zwei Uhr Morgens, wurden die Werke, welche die Isarbrücke beschützten, die beiden Brücken selbst und der rothe Thurm mit größter Wuth angefallen und nach einem kurzen Kampfe genommen, so daß die bestürzte feindliche Besatzung in Eile nach der Stadt floh. Nun drangen die Oberländer gegen die Stadt, während von Sendling her auch der andere Theil des Landsturmes sich derselben näherte.
In bangster Erwartung hofften die tapfern Bayern jeden Augenblick nun auf die verabredeten Zeichen und
Signale aus der Stadt; aber die Bürger verhielten sich still, da ja Alles schon entdeckt und vereitelt war, das Kostthor wurde nicht geöffnet und am Neuhauserthore blieb das verabredete Aufsteigen einer Rakete aus!
Und dennoch wäre ungeachtet dieses Mißgeschickes nicht Alles verloren gewesen, hätten die Bauern tüchtige Führer und einen Oberkommandanten gehabt, wäre dann unter dessen Leitung die Stadt München energisch angegriffen und zugleich bewerkstelligt worden, das Korps des Obersten Kriechbaum, der noch auf dem Marsche von Anzing her sich befand, und von der Eroberung der Isarbrücke keine Kenntniß hatte, abzuschneiden und aufzureiben oder wenigstens zu versprengen. So aber geschah von allem diesen nichts, vielmehr verbreiteten sich die führer- und rathlosen Bauern rings um die Stadt herum, wodurch sie zerstreut und geschwächt wurden, und beschossen nutzlos die Wälle mit den mitgebrachten kleinen Kanonen und ihren Büchsen, wodurch uur einige Oesterreicher verwundet wurden, aber die kostbare Zeit von früh Morgens zwei bis acht Uhr rein verloren ging.
Während dieser verhängnißvollen Stunden war aber Oberst Kriechbaum von Anzing her mit seiner, Reiterei und dem Fußvolke in aller Eile herbeigerückt, und gab auf der Höhe des Gasteigberges durch drei Kanonenschüsse der Besatzung der Stadt das Zeichen seiner Ankunft. Da die Bauern den unverzeihlichen Fehler begingen, die Isarbrücke unbesetzt zu lasten, so eilte Oberst Kriechbaum mit seinen Grenadieren im Sturmschritte über dieselbe, während seine Kavallerie durch die Isar ritt. Ohne Verzug siel er über die Oberländer her, während General
von Mendt aus dem Isar- und Schifferthore einen heftigen Ausfall machte. Die Bauern, nirgends in größern Massen gesammelt oder regelmäßig aufgestellt, überall zerstreut, planlos ohne alles Kommando kämpfend, wurden von der Kavallerie entweder zusammengehauen oder zur Flucht gedrängt; nur auf eine kurze Zeit gelang es ihnen sich in der Gegend des Gottesackers zu sammeln. Auch hier wurden sie mit Kleingewehrfeuer und schwerem Geschütze angegriffen und zwischen zwei Feuer genommen, so daß sie eine fürchterliche Niederlage erlitten und endlich, kaum noch fünfzehnhundert Mann stark, und verfolgt von der feindlichen Kavallerie und den Grenadieren, den Rückzug nach Sendling antraten.
Ein Theil der Bauern, etwa fünfhundert Mann, von panischem Schrecken ergriffen, flüchtete sich mit dem Hauptmann Gauthier gegen den Wald von Forstenried zurück, den sie auch mit einem geringen Verluste von etwa vierzig Mann erreichten. Auf diesem Rückzuge siel Gauthier durch eine Geschützkugel und wurde aus dem Kirchhofe von Leutstetten begraben.
Die übrigen Bauern, todesmuthig in voller Begeisterung ausharrend, hielten in Sendling Stand, verschanzten, sich in den Verhauen, die sie bereits bei ihrem Vorrücken am vorhergehenden Tage dortselbst angelegt hatten, bildeten eine neue Schlachtordnung und boten dem Feinde den Kampf an. Allein zu schwach, hatten sie keine Hoffnung, sich zu halten. Sie wurden hier von den österreichischen Husaren von zwei Seiten angegriffen, und zwar einerseits vom Wirthshause und anderseits vom sogenannten heil. Geisthof her. Zu gleicher Zeit machte die öster
reichische Jnfanterie von vorn einen allgemeinen Sturm auf die Verhaue. Jedes Haus, jeder Zaun, jede Hecke, jeder Graben wurde mit Wuth vertheidiget, gewonnen und wieder verloren; endlich wurden die Verhaue vom Feinde nach einem mörderischen Kampfe genommen, und der kleine Rest der Bauern zog sich auf seinen letzten Stützpunkt, den Kirchhof, zurück, wo die Kirchhofmauer ihre Brustwehr bildete. Hier fochten sie, entschlossen ihr Leben theuer zu verkaufen, mindern Muthe der Verzweiflung ihren letzten Kampf; nur wenigen gelang es zu entfliehen, sie sanken fechtend Mann an Mann in blutigen Reihen als Heldenbrüder!
„Ein Schlachten war's, nicht eine
Schlacht zu nennen!"
Die vier Offiziere starben den Degen in der Faust, indem sie mit ihren Kriegern bis auf den letzten Mann ausharrten. In diesem schauerlichen Kampfe sielen auch die vierunddreißig Zimmerleute aus der Au neben einander wie Brüder, die sich auch im Tode nicht verlassen, unter den Streichen der Mörderbande!
Das blutige Trauerspiel des heil. Christtages war um die Mittagsstunde geendet; achthundert Leichen der patriotischen Gebirgsbewohner deckten die Felder und den Kirchhof von Sendling. Dort schlafen sie ihren Heldenschlaf unter den noch erhaltenen Grabeshügeln; der Ruhm aber, den sie sich erwarben, und ihre hohe Vaterlandsliebe leuchten als ein unvergänglicher Stern für alle Zeiten in den Blättern der bayerischen Geschichte!
Spät am Abend, als schon die kalte Winternacht hereingebrochen war und die feindlichen Mörder den Kampfplatz
wieder verlassen hatten, erhoben sich einige Leichtverwundete, die seit Mittag unter den Todten gelegen, vom grauenvollen Leichenfelde, flohen auf abgelegenen Pfaden weiter und brachten die Schreckensbotschaft nach Hauses Ein junger Bauernknecht von Sendling, Namens Polal, hatte sich in einem Häuschen beim Angerbauernhofe in einen Schornstein geflüchtet und hielt sich in demselben drei Tage und drei Nächte lang verborgen. Dieser und ein Anderer, Georg Hechensteiner von Tegernsee, der obgleich durch einen Bayonnetstich in die Seite und einen Säbelhieb schwer am Kopfe verwundet, geheilt wurde und ein hundertjähriges Alter erreichte, erzählten noch als Greise ihren mit Schaudern horchenden Enkeln und Urenkeln von der Sendlinger Mordweihnachten.
Die Sage spricht von einem riesenhaften Manne, dem Schmid Balthasar Maier von Kochel, gewöhnlich der Schmidbalthes genannt, welcher mit seiner ungeheuren Keule Wunder der Tapferkeit gethan, eine Menge der Feinde erschlagen habe, und endlich als der Letzte unter seinen Mitbrüdern gefallen sein soll. Allein kein Zeitgenosse, kein älterer Geschichtschreiber erwähnt seiner, erst im gegenwärtigen Jahrhunderte taucht sein Name und ! sein Kampf zuerst in Gedichten auf. Deshalb ordnete ier verstorbene König Maximilian II. genaue Erhebungen an; aber die sorgfältigste Untersuchung der pfarramtlichen, Tauf-, Trauungs- und Sterberegister und der Akten des Landgerichtes, Rentamtes und der Gemeindeverwaltung in Kochel zeigten von der Existenz dieses Mannes keine Spur. Es ist daher Schade, daß diese hochromantische Heldengestalt lediglich in das Reich der Sage verwiesen werden muß.
Sechs Kanonen, fünf Munitionskarren, zwei Heerpauken und vier Fahnen mit den bayerischen Wappen fielen in die Hände der Sieger.
Auf dem Münchener Freithofe wurden die Leichen von mehr als tausend Oberländern begraben, welche vor der Stadt geblieben waren. Ein Hügel deckt ihre Gebeine, ein geschmackvolles Denkmal von Erz zeigt uns die Stätte, wo sie ehrenvoll ruhen.
Während des Gemetzels in Sendling war die Hauptmacht der Landesvertheidiger in vollem Anmarsche gegen Anzing und München. Da kamen ihnen Flüchtlinge entgegen, des Tages Unglück verkündend, und „daß Alles verloren sei." Diese unerwartete Botschaft erfüllte die Armee der Landesvertheidiger mit großer Furcht, so daß sie in Eile umkehrten und fast gänzlich auseinander gingen.
Die Oesterreicher aber verfolgten ihren traurigen Sieg nicht als edelmüthige Sieger, sondern als unmenschliche Barbaren. Bei sechshundert schwer Verwundete, worrunter drei Offiziere, wurden von den Schlachtfeldern um München und in Sendling nach München gebracht, blutend aus Wunden aller Art in der Dezemberkälte in der Neuhausergasse auf den Boden gelegt, und, — wie der damalige Bürgermeister von München, Herr von Bacchiery mit empörender Gleichgiltigkeit in einem Briefe vom 28. Dezember 1705 erzählt, — pro terrors (zur Abschreckung) lang auf denen Gassen liegend gelassen;" die meisten verbluteten elend ohne Verband und ohne ärztliche Hilfe. Endlich wurden die Verwundeten, die ihr Leben noch nicht ausgehaucht hatten, in die Spitäler und in die nahe liegenden Klöster der Jesuiten und Augustiner gebracht, um dort Pflege und Heilung zu erhalten. Der Hauptmann Maier, Lieutenant von Lange und Adjutant Abel wurden, obwohl schwer verwundet, in Gefängnisse geworfen; letztere beide, sowie der Eisenhändler Senser wurden später, nachdem sie von ihren Wunden wieder hergestellt waren, auf dem Schrannen(heutigen Marien-) platze enthauptet; der biedere Jägerwirth Johann Jäger aber wurde enthauptet und geviertheilt. Die amtliche Notiz hierüber lautet nach den Akten: „München, den 17. März 1706. „Diesen Vormittag ist Johann Jäger, Weinwirth allhier, 38 Jahre alt, wegen des Lasters der beleidigten Majestät, absonderlich aber, weilen er bei der verdammten Rebellion ein Rädelführer, und an dem Blutbad der Bauern Ursacher gewesen, mit dem Schwerdt hingerichtet, der todte Körper puplice geviertheilt, der Kopf auf den Isarthurm, die vier.Theile aber, wie mit dem Kidler geschehen, im Burgfrieden aufgesteckt, auch dessen Vermögen confisiert worden. Dieser Jägerwirth war mit dem Kidler ein Haupträdelführer, dan Er nacher Immerstorf geritten, einige Bürger von Tölz (allwo sein Vater Bürgermeister und noch am Leben ist) dahin berufen, dieselben zum Aufstand, und daß sie sämmtlich rottiren sollten, animirt, auch ein anderer (so der Haydt seyn wird) zu Machung eines Patents überredt, das Signet aufgedruckt, mit dem Kidler, und anderen wie die Sache anzugreifen, und das Wasser beim Preuhaus (allwo die Bauren Posto fassen sollten) abzulassen, mithin allda in die Stadt zu kommen, sich unterredt, und berathschlagt, den schon in Marsch begriffenen Tölzern entgegen geritten
und als die anrückende Bauren wieder zurückgehen wollten, sie mit diesem weiter angefrischt, daß wenig kayserliche Soldaten in der Stadt, hingegen die Hofbedienten und Studenten sich an gewissen Orten einfinden, auch sonst alle Anstalt dahin gemacht wäre, daß aus des Sensers Haus durch zwei Raquett das Zeichen zum Angriff beschehen, und man die kayserlichen Soldaten das Gewehr darniederzulegen, und mit der kays. Administration aus München zu gehen gar leicht bezwecken könnte. Actum ut Supra."
Solche gräßliche Hinrichtungsscenen gingen aber nicht vereinzelt und nur in München vor, sie wurden eben so unmenschlich an allen anderen Orten vollzogen, wo sogenannte „Aufrührer" gefangen wurden. Aus Kelheim wurde der Kommandant Kraus nach Ingolstadt geschleppt, dort enthauptet, sein Körper geviertheilt und stückweise in allen vier Rentämtern aufgehängt; noch im Jahre 1707 wurde Johann Hofmann, einer der Theilnehmer des Aufstandes, nach München geführt und geviertheilt. Von den Gefangenen mußte der fünfte, der zehnte, der fünfzehnte Mann um's Leben spielen. Mehrere Monate lang dauerten diese Hinrichtungen durch henken, enthaupten und viertheilen.
Jede Hoffnung, die Hauptstadt München zu erobern, war für die biedern Vaterlandsvertheidiger nunmehr vereitelt. Dennoch verzweifelten sie nicht an der Befreiung des Vaterlandes von seinen Unterjochern; durch die Thätigkeit des edlen und klugen Plinganser wurde das niederbayerische Heer wieder zusammengebracht und sogar um zehntausend Mann vermehrt. Allein umsonst alle
Anstrengungen. In der Mitte der Bayern selbst fanden sich Verräther, auf deren Namen ein ewiges Brandmal der Schande ruht; diese waren Baron Prielmaier und Freiherr von Okfort, beide Männer von niederträchtigem Charakter. Hauptsächlich durch dieser beiden Männer Verrath und abscheuliche Ränke kam nun Verlust auf Verlust; so wurde auf diese Weise am 8. Jänner 1706 die Schlacht bei Aidenbach verloren, ein Blutbad, schrecklicher als bei Sendling; von der Mittagsstunde bis Sonnenuntergang ward gemordet, eine Stunde weit bedeckten die Leichen das Mordfeld. Gleichfalls siel Braunau durch Verrätherei des Baron von Okfort. Da die bayerischen Landesvertheidiger dadurch ihren letzten haltbaren Platz verloren hatten, und nachdem sie sich getäuscht und betrogen, verrathen und verkauft sahen, gingen die noch über 20,000 Mann zählenden Bauern fluchend und weinend auseinander, verwünschend den Tag, der sie geboren, und die Brüste, die sie gesäugt. Die heldenmüthigen Jünglinge Plinganser und Meindl flohen ihr unterjochtes Vaterland und begaben sich in die Schweiz.
Nun wurden von der österreichischen Landesadministration in München und in allen andern Städten die strengsten Maßregeln ergriffen, wiederholt Entwaffnungen der Bürgerschaft vorgenommen, die verdächtigen Bürger eingekerkert, viele andere zum Tode verurtheilt und qualvoll hingerichtet.
Nicht zufrieden aber mit der Unterjochung und Verderbung des Bayerlandes und seiner Einwohner, suchte nunmehr der gefühllose Kaiser Josef I. unedle Rache an
dem Kurfürsten Max Emanuel und seiner unglücklichen Familie zu nehmen. Ohne Zustimmung des Reiches, nur im Einverständnisse mit den übrigen Kurfürsten, erklärte er den Kurfürsten Mar Emanuel und dessen Bruder, den Kurfürsten von Köln, in die Reichs acht. Durch kaiserliche Herolde wurde zu München am 10. Mai 1706 die Achtserklärung öffentlich ausgerufen, und darin Max Emanuel aller seiner Ehren und Würden, Lande und Leute auf ewige Zeiten verlustig erklärt, er von deutscher Erde verbannt, und Jedermann frei gegeben, ihn ungestraft zu ermorden! Dann befahl der Kaiser, die vier älteren Söhne Max Emanuels Karl Albrecht, Kurprinz, Philipp Moriz, Ferdinand Maria und den fünfjährigen Clemens August nach Oesterreich zu führen. Die jüngern, deren einer erst vor wenigen Monaten gestorben war, wurden in München gelassen und der ehemaligen Oberhofmeifterin von Weichs mit vier Bedienten in die Kost gegeben, und die einzige Tochter des Kurfürsten, Mariane Karolina, zehn Jahre alt, ins Angerkloster gesperrt. In Klagenfurt in Kärnthen lebten nun fortan die ältern Prinzen. Sie wurden mit großer Härte nicht als Fürsten, sondern als Gefangene unter dem Namen Grafen von Wittelsbach behandelt. , Niemand durfte ohne besondere Erlaubniß ihnen nahen, noch viel weniger sie ohne Zeugen sprechen; jeder Briefwechsel mit ihren Aeltern war ihnen untersagt, ja selbst der Name der Letzteren durfte nie vor ihnen ausgesprochen werden. So lebten sie Jahre lang.
Bayern aber schmachtete zehn Jahre lang unter österreichischem Joche. Die Leiden waren groß, die Steuern
vier- bis siebenfach erhöht; von den kaiserlichen Beamten wurden Land und Leute durch die gränzenlosesten Erpressungen ausgesogen; die Menge der Armen und Bettler war unzählbar, wozu noch die schamlosesten Ausschweifungen der österreichischen Kriegsknechte kamen. Die junge bayerische Mannschaft wurde in kaiserliche Kriegsdienste eingereiht, so daß an manchen Orten nicht Hände genug übrig blieben, die Aecker zu bestellen; an die Stelle des Rechtes waren überall die Machtsprüche des Eroberers getreten. Das Land trug es still knirschend.
Da schlug endlich die Stunde der Errettung und Erlösung!
Der unversöhnliche Tyran, Kaiser Josef I. war am 17. April 1711 gestorben. In Folge der Wahl des neuen Kaisers Karl VI. trat England vom Bunde mit Oesterreich zurück, und den französischen Waffen lächelte wieder das Glück, während Kaiser Karls Heere ohne Glück am Rheine fochten. Da wurde denn endlich am 7. März 1714 der Friede zu Rastadt geschlossen. In diesem wurde Kurfürst Mar Emanuel, sowie sein Bruder, der Kurfürst von Köln, der Reichsacht entledigt und in alle seine Lander und Würden ungeschmälert wieder eingesetzt.
Bayern jubelte, das ganze Volk war von Freude und Frohlocken berauscht. Da aber wegen einiger noch unausgeglichener Zwistigkeiten erst am 7. September 1714 zu Baden der Friedensschluß vollzogen wurde, so irat erst/ am 16. Jänner 1715 die kaiserliche Landesadministration in München ab, und der kurfürstliche Oberhofmeister Graf
von Preising übernahm bis zur Zurückkunft des Kurfürsten die Führung der Geschäfte.
Am 8. April 1715 früh Morgens lehnte in einem der hohen Bogenfenster des alten Schlosses Lichtenberg am Lech ein stattlicher Herr in Reisekleidern, der erst in der verfloßenen Nacht von St. Cloud hier angekommen war. Finster und in Gedanken versunken starrte er hinab in die unabsehbare Ebene, welche sich aufwärts von Augsburg zehn Stunden lang ausbreitet und das Lechfeld genannt wird, in jene denkwürdige Ebene, auf welcher am 10. August 955 der deutsche König Otto I. und der Bischof Udalrich von Augsburg das ungeheuere Heer der wilden Ungarn aufs Haupt geschlagen hatte. Welche Gedanken mochten im Geiste dieses Herrn in diesem Augenblicke vorübers schweben! Es war vor zwölf Jahren, daß in eben diesem Schlosse der Ueberfall von Ulm, des Krieges und des Unglückes Anfang, angeordnet wurde!
Da ertönten plötzlich die Trompeten, und ein Page riß die Flügelthüren auf, indem er fröhlich in den Saal hineinrief: „So eben fahren Jhro Durchlaucht die Frau Kurfürstin im Schloßhof auf."
Hastig stürzte der Herr — es war Max Emanuel — aus dem Gemache seiner Gemahlin entgegen, und laut aufschreiend und unter Weinen sanken beide Gatten einander in die Arme.
Stunden verfloßen, welche im wehmüthigen Austausche der Erlebnisse während der langen Trennung verflogen.
Da schmetterten wiederholt Trompeten vom Thurme des Schloßes Lichtenberg.
„Himmlischer Vater, meine Kinder, meine Kinder!" schrie die Kurfürstin Kunigunde laut auf, und nach wenigen Augenblicken drückte sie ihre Kinder an ihre mütterliche Brust. Es war ein schmerz- und freudenreiches Wiedersehen; kaum noch erkannten die Kinder ihre Aeltern, die Aeltern ihre Kinder; zwei der letzteren waren seitdem ins Grab gesunken.
Der freudigen Ueberraschungen dieses Tages war noch kein Ende. Nach aufgehobener Tafel nahte eine aus München abgesendete Deputation, bestehend aus den vornehmsten Beamten und den angesehensten Bürgern der Hauptstadt, um den zurückgekehrten Fürsten an der Grenze seines Landes zu bewillkommen. Es befanden sich unter den abgesandten Bürgern Männer, deren Namen noch in ihren jetzigen Nachkommen fortleben: ein Lunglmair, Radlloser, Seidl, Mittermair u. a. m. Noch größer aber wurde die Ueberraschung und das Erstaunen des Kurfürsten, als ihm die Deputation eine Kiste darreichte, in welcher der kostbare Schatz des bayerischen Hauses sich vollständig befand.
Dieser Schatz war in der Residenz zurückgeblieben, und nach der Besetzung der Hauptstadt durch die Kaiserlichen vom Kurfürsten langst schon verloren gegeben; doch treue Bürger und Diener hatten ihn gerettet. Lange war die Kiste im Kloster der Augustiner versteckt, dann bald in diesem bald in jenem sichern Bürgerhaufe verborgen gewesen. Ein Beweis bayerischer Treue und des hochherzigen Sinnes der Münchener Bürger ist es, daß ein Geheimniß, in dessen Besitze so viele waren, in der Zeiten
langem Laufe so wohl bewahrt blieb, obwohl die Aufbewahrung desselben mit Todesgefahr bedroht war, da die Oesterreicher vom Dasein jenes reichen Schatzes Kunde hatten und alle Mühe und Mittel aufboten, ihn zu erforschen und in ihre Hände zu bekommen.
Des folgenden Tages früh Morgens wurde die Reise nach der Haupt- und Residenzstadt angetreten. Max Emanuel fuhr mit Therese Kunigunde, dem Kurprinzen Karl Albrecht und dem Grafen von Preising voraus in einer sechsspännigen Karosse; die übrigen Prinzen, die München, Abgesandten und der Hofstaat folgten in mehreren anderen Wagen. Die Reise ging über Friedberg, Schwabhausen und Dachau. . Eine unzählige Menschenmenge, begünstiget durch einen wunderschönen Frühlingstag, war aus München bis zu dem eine Stunde von der Hauptstadt entfernten Dorfe Mosach dem zurückkehrenden Kurfürsten entgegen geströmt. Hier hielt an der Landstraße die Hartschiergarde, eine erst kürzlich durch den Grafen Fels wieder errichtete Leibwache. Die Zünfte der Handwerker waren zahlreich ausgerückt, an ihrer Spitze die Tuchmacher mit den zu Alling erbeuteten Waffen, und die Bäcker mit ihrer an dem Tag von Ampfing erinnernden Standarte, wo sie dem großen Kaiser Ludwig dem Bayer das Leben gerettet hatten.
Unter dem Jubel der Münchener nahte die kurfürstliche Familie. Als sie den Burgfrieden der Stadt erreicht, erklangen von allen Kirchenthürmen die Glocken, und vom Gasteigberge herab donnerten die zwölf Geschütze, welche dem großen Kurfürsten Maximilian I. den Sieg auf dem weißen Berg bei Prag hatten erringen helfen, und die
länger als zehn Jahre während der Oeeupation der Oesterreicher verborgen im Schoße der Erde geruht hatten.
Am Neuhauser- (Karls-) Thore empfingen die Behörden, der Magistrat und die Geistlichkeit den Kurfürsten; an der Letzteren Spitze befand sich der greise und würdige Dekan der St. Peterspfarrei Lorenz Westenrieder, der eine lateinische Rede an den Kurfürsten zu halten begann, allein schon nach den ersten Worten, von Rührung übermannt, in seiner Rede innehalten mußte.
Der Enthusiasmus des Volkes brach in stürmische Lebehoch aus; man spannte die Pferde von des Kurfürsten Wagen aus und Vornehme und Geringe zogen die Karosse in die Kaufingerstraße. Hier aber wurde nach dem Willen des Kurfürsten Halt gemacht,, um sich in die Frauenkirche zu begeben, wo zum Dank gegen Gott ein Tedeum abgehalten wurde.
Nach vollbrachter Andacht bestieg die kurfürstliche Familie wieder ihre Wagen und wurde von dem freudetrunkenen Volke nach dem Schrannen- (Marien-) platze gezogen; dort trat der Bürgermeister mit zwei Rathsherrn an den Wagen, dem Kurfürsten nach altem Herkommen im goldenen Pokale den Willkommstrunk zu reichen. Max Emanuel erhob sich mit dem Becher im Wagen laut rufend: „Heil meinem braven, unerschütterlich treuen Volke! Heil Bayern!"
Huldvoll nahm der Kurfürst die Einladung des Bürgermeisters, ein Bankett, welches die Bürgerschaft an diesem Tage auf dem Rathhause veranstaltet hatte, mit seiner Gegenwart beglücken zu wollen, an. Eine Stunde später erschien die ganze kurfürstliche Familie auf dem Rathhause
beim festlichen Bürgermahle, dem ein glänzender Ball dortselbst folgte. Der Kurfürst und die Prinzen tanzten dabei mit den Bürgerinnen, und einigen Bürgern ward die Freude vergönnt, die Kurfürstin selbst in die Reihen der Tanzenden zu führen. Spät am Abend erst begab sich die kurfürstliche Familie zurück in die Residenz.
Das war nach einer langen Reihe trüber Jahre der erste glückliche Tag, der wieder über das treue Bayernvclk und über die Stadt München leuchtete.
Schon am 17. Juli 1704, also vor Besehung Münchens durch die Oesterreicher, hatten die Landeskollegien und die Bürgerschaft Gott die Erbauung einer Kirche, der heiligsten Dreifaltigkeit gewidmet, zur gnädigsten Errettung aus den drohendsten Gefahren feierlichst gelobt. Während der verhängnißvollen Zeit am 21. Oktober 1711 wurde der erste Stein dieser Votivkirche gelegt. Die Einweihung der Dreifaltigkeitskirche geschah aber erst durch den wieder zurückgekehrten Landesvater Kurfürst Max Emanuel am 29. Mai 1718. Die Inschrift an dem Portale der Kirche, welche lautet:
Deo trlno ConDIDere Voto
tres dolLI statVs.
(Dem dreieinigen Gott haben aus einem Gelübde die drei bayerischen Stände sie erbaut), ist ein Chronostichen, die Jahrzahl 1714 als das Jahr der Wiederbefreiung des Vaterlandes enthaltend.
Im Innern dieser Votivkirche an der linken Wand neben der Eingangsthüre befinden sich auf einer steinernen Tafel folgende bezügliche Verse:
Die Nachwelt später Zeiten
Soll wissen, was bedeuten
Die Stein und dieß Gebäu,
Warum's erhebet sei!
Von Feind und Gfahr umgeben
Wir Händ und Herz aufheben
Zu Dir in dieser Noth,
Dreieinig großer Gott!
Ein' Kirch Dir zu dem Ende
Geloben wir drei Stände,
Der Bürger, Edelleut',
Und gesammter Geistlichkeit.
Wir haben nichts gelitten,
Wann Du uns auf das Bitten
Ohn aller Menschen Hand
Erhalten von dem Brand.
Dieß Denkmahl dann verbleibe,
In Aller Herzen schreibe:
Die Stadt läg in dem Grund,
Wenn diese Kirch nit stund.
Hundertfünfundzwanzig Jahre waren seit der Sendlinger Mordweihnachten hinübergeschwunden.
Da sah man an einem freundlichen Sonntagmorgen — es war am Anfange Juli des Jahres 1830 — vom Gasteigberge her und aus der Vorstadt Au einen langen Zug mit Kreuz und Fahnen, begleitet von einer großen Menge Volkes, sich bewegen. Ernst schritt dieser Zug, voran die Zimmerleute von der Au, den Zimmermeister Kohlhofen an der Spitze, über die Isarbrücke, über die
Stätte des ehemaligen rothen Thurmes und über das weite Wiesenfeld der ehemaligen Mordweihnachten gegen Sendling zu.
Zu gleicher Zeit bewegte sich eben so feierlich ein anderer Zug mit Kreuz und Fahnen von Sendling herunter diesem entgegen bis an den Burgfrieden. Es war die Gemeinde Sendling mit ihrem eifrigen und wackern Gemeindevorsteher.
Den, vereinigten Gesammtzug eröffneten acht junge Bauernmädchen in Landestracht, mit weiten Aermeln, weißen Schürzen und Krägen, schwarzgestreiften Miedern mit goldverziertem Bruststück, die langen Haare in Zöpfen um den Kopf gewunden, darüber schöne schwarze, reichlich goldverbrämte Pelzhauben; nach ihnen gingen, die Waisen der in der Schlacht gefallenen Zimmerleute vorstellend, acht in die Landesfarben gekleidete Mädchen aus der Vorstadt Au, alle mit Kerzen in den Händen. Dann folgte der Priester, eine stattliche Anzahl Zimmerleute in Festestracht, endlich Weiber und Kinder, begleitet von einer Menge Volkes.
Es galt der feierlichen Enthüllung des Freskobildes auf der Aussenwand der Kirche zu Sendling, welches die Sendlinger Gemeinde zum Andenken an jene großartige That der Vergangenheit durch den genialen Künstler Lindenschmitt hat malen lassen. Zugleich aber hatten die Zimmerleute von der Au die alte Stiftung zum Gedächtnisse ihrer bei Sendling gefallenen Brüder erneuert, und mit höherer Bewilligung beschlossen, zu eben diesem Andenken alle drei Jahre eine Wallfahrt auf den heiligen Berg nach Andechs am Ammersee zu veranstalten.
Der Zug, in Sendling angekommen, ging um die Kirche herum und den Hügel hinauf, der am Weihnachtstage vor hundertfünfundzwanzig Jahren Schritt vor Schritt ein Leichenfeld war. Dann umstand er den mit einem Waffenstrauße von Sensen, Spießen, Morgensternen, Stutzen, Büchsen und Zimmermannsärten verzierten und mit unzähligen Lichtern und Kränzen geschmückten großen Grabeshügel, der die Gebeine der edlen Vaterlandsmärtyrer deckt. Eine unglaubliche Volksmenge drängte sich Kopf an Kopf in tiefem rührenden Schweigen umher. — Der Priester stellte sich hierauf unten an das Grab und sprach in würdiger Begeisterung von der großen Heldenthat, die hier geschehen. Als er hierauf das Grab nach kirchlichen Gebräuchen eingesegnet, wurde die beschlossene Wallfahrt auf den heiligen Berg bei Andechs angetreten. Zwei von der Gemeinde ausgerüstete, schön verzierte Wägen führten die Kinder dahin.
Diese Gräber mögen uns Bayern aber immer bis in die fernsten Jahrhunderte ein edles Saatfeld der Nationalität, des Patriotismus, der Ehre und der Unabhängigkeit sein!
*) Der elende Verräther Etting er blieb unter österreichischem Schutze in seiner Stelle als Pfleger in Starnberg Ja er war im August 1715, vier Monate nach Max Emanuels Wiederkehr, noch in München, von Mar Emannel auf eine unbegreifliche Weise fast besser behandelt, als die aufopferndsten Patrioten. Von jenem Monate an verschwindet Etlinger plötzlich und soll als Pfleger der österreichischen Herrschaft Ort bei Preßburg im Jahre 1732 verstorben sein.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der ewige Jude in München. 1721
Im Jahre 4721 machte ein sonderbarer Vorfall in München großes Aufsehen. Am 22. Juli kam am Isarthore ein alter Mann an, gebräunten Angesichts, mit gefurchten Zügen und von fremdartigen Aussehen. Als er auf Befragen sich dem Thorwächter als den ewigen Juden angab, ließ ihn dieser nicht ein, ohne zuvor die Erlaubniß vom städtischen Magistrate erhalten zu haben, und auf geschehene Anfrage verweigerte ihm auch dieser den Eintritt in die Stadt.
Dieser fremde Mann begab sich nun noch selbigen Tages nach Haidhausen, wo er Unterkunft fand und einige Zeit sich dort aufhielt, indem er mit Schmucksachen, Gold und Perlen, die er mit sich führte, Handelschaft trieb.
Da sich die wunderbare Märe von diesem Manne schnell verbreitete, so erhielt er großen Zulauf von Leuten jeden Standes und Geschlechtes sowohl aus der Stadt München als aus der nahen und fernen Umgebung. Er erzählte den Leuten, er sei wirklich und wahrhaftig der ewige Jude, Ahasverus mit Namen, ein Schuster aus Jerusalem, und es sei die Sage, daß er Christum den Herrn verhöhnet und Ihm eine kurze Rast auf der Steinbank vor feinem Hause verweigert, und er deshalb zur Strafe auf der Erde bis zum Ende der Welt herumwandern müße, vollkommen wahr, und er habe bereits schon siebenmal die Erde ganz durchwandert. Er erzählte ferner die genauesten und ganz unbekannte Data von dem Leiden und von der Kreuzigung des Herrn, die ihm freilich Niemand widerlegen konnte; er berichtete von den Wundern Christi und der Apostel, die er alle selbst sehr gut gekannt habe, erzählte ferner von der damaligen Judenschaft in Jerusalem, und daß allen Nachkommen jener Juden, welche Christo den Backenstreich gegeben, die rechte Hand zweimal länger als die linke sei, daß aber die aus jenem Geschlechte, welche Jesum angespieen, sich jederzeit beim Ausspucken bis auf den heutigen Tag selbst anspeien. Alle diese albernen Mährchen fanden bei der Menge des zugelaufenen Volkes unbedingten Glauben, so daß dieser Mann bei seinem Handelsgeschäfte eine gute Spekulation machte, indem fast Jedermann von dem „ewigen Juden" etwas besitzen wollte.
Auf dem Gasteigberge betrachtete er lang und genau das Kruzifix, das noch gegenwärtig daselbst aufgestellt ist, und von dem Hofbildhauer Gabriel Luidl zu München verfertigt worden war und betete mit großer Andacht vor demselben. Deshalb befragt, gab er zur Antwort, diese sei allein die rechte Abbildung unseres Herrn, das Gesicht und die Länge des Körpers sei ihm vollkommen gleich.
Nachdem dieser Mann einige Zeit sein Unwesen getrieben hatte, ohne merkwürdigerweise darin von der Polizei auch nur im Geringsten gestört worden zu sein, verschwand er eines Tages wieder eben so plötzlich als er vor der guten Stadt München erschienen war.
Wir lesen in den nächsten paar Jahren von dem wiederholten Erscheinen des ewigen Juden an mehreren Orten des Frankenlandes, namentlich in Bamberg und Würzburg; aber dort überall ausgewiesen, verschwand er spurlos nach kurzer Zeit.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Zauberei und Hexen. 1721
Ein trauriges und trübes Bild im ganzen Mittelalter bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zeigt uns der Aberglaube der Menschen an verschiedene übernatürliche, ja selbst unnatürliche Kräfte und Wirkungen, der Glaube an Gespenster, Heren und Zauberer und deren unheimliche und verderbliche Macht über Menschen, Thiere und die Elemente, und der allgemeine Schrecken, der damit verbunden war. Es wurde gewahrsagt aus Gestirnen, aus Händen, aus Krystallen, Ringen und Sieben; die geheimnißvolle Alraunwurzel zeigte verborgene Schätze an, aus den Gebeinen der Leichen unschuldiger Kinder oder hingerichteter Verbrecher brannte man Wunderpulver, mit Zaubersprüchen beschwor man Hochwetter und Fieber, oder , bannte den Teufel und Gespenster; Liebestränke wurden gebraut, und mit der sogenannten Passauerkunst wußte man sich kugelfest zu machen. Ueberall brachten Schwarzkünstler, Heren und Zauberer, Gespenster und Kobolde den Menschen Sorge, und Furcht.
Dieser unselige Wahn hatte nicht nur die Masse des Volkes, sondern auch die gelehrtesten und aufgeklärtesten Männer ergriffen, und die Folge davon war, daß man gegen dieses „Teufelswerk" nicht nur mit geistlichen, sondern auch mit weltlichen Kräften einschreiten zu müssen vermeinte. Im 16. und 17. Jahrhunderte erscheinen daher überall, auch in Bayern, strenge Gesetze gegen Zauberei, und wurden Heren und Zauberkünstler mit dem Tode des Feuers bestraft.
Aller Orten sehen wir nun besonders Weiber, denen Alter ein häßliches Aussehen und insbesonders rothe Augen gegeben, oder welche in Folge krankhafter Nervenzustände an Einbildungen litten oder ungewöhnliche Kräfte zu haben vermeinten, oder welche von einem boshaften Nachbar aus Gehäßigkeit verdächtigt oder aus Schrecken von einer bereits prozessirten Hexe angezeigt wurden, als Heren der peinlichen Untersuchung unterworfen worden. Die Schrecken und derSchmerz der Folter, peinliche Frage genannt, die stets dabei angewendet wurde, verfehlten nie, aus dem Munde einer solchen Unglücklichen jedes Bekenntniß herauszupressen, und so starben tausende von Weibern auf Blutgerüsten und Scheiterhaufen.
Auch in München sielen zahlreiche Opfer dieses Wahnes. Zur Verwahrung dieser Unglücklichen bestand in München ein eigener Herenthurm, welcher im Jahre 1682 durch eine Gallerie mit dem Falkenthurme, in welchem der Kriminalarrest sich befand, in Verbindung gesetzt, wurde. Dieser Herenthurm wurde im Jahre 1863 abgebrochen.
Es möchte dem Leser nicht uninteressant sein, mehrere dieser Verfolgungen in München kennen zu lernen.
Marko Antonio Bragadino, aus hohem venetianischen Adel zu Candia gebürtig, hatte sich anfangs dem geistlichen Stande gewidmet, das Subdiakonat empfangen und eine Zeitlang ein klösterliches Leben geführt, wobei er besonders dem Studium der Chemie oblag. Allein eben feine Wissenschaft veranlaßte ihn dieselbe zu mißbrauchen. Des klösterlichen Lebens überdrüßig und voll Hochmuthes, in der Welt eine glänzende Rolle zu spielen, verließ er das Kloster und trieb sich nun in Italien unter allerlei Verkleidungen, bald als Kapuziner, bald als Adelicher an verschiedenen Höfen herum, wo er die Rolle eines Schwarzkünstlers und Goldmachers spielte und zahlreiche Betrügereien verübte. Namentlich soll er den Herzog von Mantua und die Republik Venedig um mehrere tausend Gulden geprellt haben. Er wendete sich dann im Jahre 1599 auch an den Herzog Wilhelm V. von Bayern mit dem Vorgeben, er könne aus gemeinem Metalle Gold machen. Der Herzog ließ sich durch solche Vorspiegelungen überreden, und so kam er in dem genannten Jahre nach München, woselbst er nun, stattlich wie ein Graf mit einem Gefolge von sechsunddreißig Dienern, fast ein Jahr lang lebte, selbst bei Hofe angesehen. Allein allmählig schwand die Täuschung; er hatte dem Herzoge bereits große Summen Geldes abgelockt, verlangte immer mehr, aber das versprochene Gold wollte in dem Schmelztiegel nicht erscheinen. Da ließ ihn der Herzog, dem endlich die Augen aufgingen, verhaften. In der peinlichen Untersuchung gestand er seine zahlreichen Betrügereien, und es erfolgte seine Verurtheilung zum Tode. Am 26. April 1591 wurde er auf dem Marktplatze zu München durch den Scharfrichter von Landshut öffentlich ent
hauptet. Der Sage nach war neben der Richtbühne ein roth angestrichener Galgen errichtet, von welchem ein vergoldeter Strick herabhing, und soll Bragadino mit vergoldeten Stricken gebunden gewesen sein. Zugleich wurden mit Büchsenschüssen zwei große schwarze Hunde, die ihn begleiteten, getödtet, weil man argwohnte, dieselben seien verlarvte Höllengeister.
Im Jahre 1590 ergab sich in München das traurige Schauspiel eines Hexenprozeßes gegen drei Wittwen und eine ledige Weibsperson aus München. Wir geben unseren Lesern diesen Prozeß wörtlich nach dem Malesizbuche vom Jahre 1590, nur mit Abänderung der Orthographie behufs leichteren Verständnisses.
„Regina Lutzin, Schneiderin, Anna Anbacher, Melberin, Regina Pollinger, alle drei Wittwen und Mitbürgerinnen allhier, sammt Brigitta Anbacher, noch ledigen Standes, beharrliche Aussag. 1590.
Regina Lutzin, Schneiderin, hat unter anderm bekennt, wie daß sie sich ungefähr vor 30 Jahren dem bösen Feind ergeben. Derselbe sei in Gestalt eines Jünglinges in einem gelben Kleid, einer mittleren Manns Länge, zu Nachts in ihrer Kammer, als ihr Mann nicht vorhanden gewesen, zu ihr gekommen, habe einen Menschen- und einen Pferdfuß gehabt, und sie angeredet: „sie sei ein armes Weib, ihr Mann greine (zanke) alleweil mit ihr, sie müße viel leiden, sie solle sich ihm ergeben und seines Willens thun. Er wolle sie ihr Leben lang nicht verlassen, sondern immerzu Geld geben."
Auf solch fein Begehren und Zusagen habe sie sich ihm mit Leib und Seele ergeben, und ihm nicht allein die linke Hand zur Bestätigung ihres Verspruches, sondern auch ein Stück aus ihrem Leib in der linken Seite, so er selbst herausgeschnitten, und dann ein Briefl (welches ihr gewester Schneiderbub Hänsl, so anjetzund zu Wien sei, geschrieben) ihm gegeben, das des Inhaltes gewesen: dieß Briefl geb ich dem Teufel, daß ich sein mit Leib und Seele wolle sein; und hernach seiner 2 mal, wie auch hernach öfter theilhaftig geworden. Die Hand, so er ihr geboten, sei schneekalt gewesen. Ueberdieß habe sie aus Besehl des Teufels das heilige Leben und Sterben Christi, alle seine Zusagung, auch unsere liebe Frau und das ganze himmlische Heer verläugnet. Dieser ihr Buhle, der böse Geist, habe sich Umstbraus genannt.
Bekennt anfänglich, wie sie vor 20 Jahren aus Befehl des bösen Feindes auf dem Gottesacker vor dem Sendlingerthore ein unschuldiges Kindl, so nicht recht auf die Welt geboren worden, ausgegraben, dasselbe dem Teufel, der vor dem Gottesacker gewartet, übergeben, welchrs er alsbald eines Theiles unter dem freien Himmel gesotten und eine Salbe daraus gemacht, davon er ihr eine ziemlich große Büchse voll zum Ausfahren gegeben; sie habe auch einen Theil davon essen müssen; den übrigen Theil des Kindes haben sie in ihrem Hause gesotten und mit einander gegessen. Diese Salbe, womit sie sich zum Ausfahren an Händen und Augen habe schmieren müssen, sei wäßerig, zäh und wasserfärbig gewesen.
Anna Anbacherin, weiland Martin Anbachers, gewesten Melbers und Mitbürgers hinterlassene Wittwe,
bekennt, wie das erste mal vor 3 Jahren der böse Feind in Gestalt eines Mannes zu ihr in ihre Küche gekommen, und begehrte seines Willens zu pflegen. Dessen Ansuchen und Begehren habe sie statt gethan, und sich ihm mit Leib und Seele ergeben, und zur Bestätigung desselben ihm die rechte Hand gegeben, und er ihr die linke Hand, welche wie ein Holz und mehr kalt als warm zu greifen gewesen, gereicht, sie ihm auch ein Fazelett (Schnupftuch) geschenkt.
Auf ferner des bösen Feindes Begehren habe sie den christlichen Glauben und alle aus demselben herrührenden Wohlthaten verläugnen müßen, und daß sie aller Dienste Gottes müßig gehen, und allein bei ihm, Satan, bleiben wolle. Der böse Feind habe sich Klefle genannt.
Regina Pollingerin vermeldet, daß sie vor 15 oder 16 Jahren, als sie bei Herrn Hans Jakob Fugger Hauspflegerin gewesen, sich dem Teufel mit Leib und Seele ergeben, und alsbald auf sein Begehren Gott verläugnet. Ihr Buhle habe sich Ragenörl genannt.
Brigitta Anbacherin bekennt, wie daß vor 4 Jahren, als sie einer Nacht in der Stube habe liegen müssen, sei dazumal der böse Feind in Gestalt eines Handwerksgesellen, so selbiger Zeit bei ihrem Schwager gearbeitet, in der Nacht um 11 Uhr für ihre Thüre gekommen und angeklopfet, sie habe denselben eingelassen und auf dieses Begehren seines Willens gepflogen; sie habe sich diese Nacht mit ihm leider so weit eingelassen, daß sie sich ihm mit Leib und Seele zu eigen gegeben, und auf sein Begehren verläugnet alle guten christlichen Werke, auch alle Heiligen Gottes, so daß derselben Fürbitte ihr nimmermehr zu Hilfe kommen solle, nicht weniger auch das hochwürdige Sakrament und der heiligen Dreifaltigkeit widersagt. Ihr Buhlteufel habe sich Fibes genannt.
Urtheil.
Nachdem hievon männiglich bewußt, was Massen das gräuliche abscheuliche Laster der Zauberei und Herenwerkes in allen sowohl geistlichen als weltlichen Rechten, sonderlich aber in des heil. Reichs Constitutionen und Kaiser Karls des fünften peinlicher Halsgerichtsordnung verboten; wann aber die edlen, ehrenfesten, fürsichtigen, ehrsamen und weisen Herrn Bürgermeister und Rath der fürstlichen Hauptstadt München alles dasjenige, was zur Errettung der Ehre Gottes, auch zur Ausreutung böser und schädlicher Leute gehört, nach Ihrer fürstlichen Gnaden vorgeleisteter Pflicht solches zu thun sich schuldig erkennt, sonderlich aber diesem obbemeldeten über alle andere verfluchte Laster, weil dasselbe ohnedieß aus Verhängniß Gottes bei diesen kümmerlichen, mühseligen und verruchten Läufen sehr gemein, zu weit einreissen will, bei Zeiten gern gewehrt sehen wollten, und aber gegenwärtige allhier Jedermann vor Augen gestellte Personen, mit Namen Regina Lutzin, Anna Anbacherin, Regina Pollingerin und Brigitta Anbacherin, in der Blindheit und Vergessenheit der Ehre Gottes, der Liebe ihres Nächsten und Ihrer selbst dermassen gerathen, daß sie sich demselben Laster unterwürsig gemacht, dem leidigen Satan theils vor vielen Jahren mit Leib und Seele und Gut sein eigen ergeben, verschrieben, und mit ihrem Blute bestätiget, daneben auf sein Begehren alle christlichen Werke, die Heiligen Gottes und das ganze Heer verläugnet; darüber auch vergiftete teuflische Salben von ihm genommen, mit des Bösen Hilfe mehrmalen über Feld und in unterschiedliche Weinkeller ausgefahren, und in Summa solche Händel geführt, die nicht alle zu erzählen, wie sie dann solches mit allen Umständen peinlich und gütlich ausgesagt und bekennt;
Also und hierauf haben die edlen weisen Herrn Bürgermeister und Rath der fürstlichen Hauptstadt München diese vor Augen vorgestellten 4 Personen dasjenige, was die Rechte vermögen, ergehen zu lassen befohlen, darauf dann und zu gehorsamster dieser Folge ihrer Weisheit meiner günstigen und gebietenden Herrn,
Erkenne ich Christoph Remhofer zu Vatersheim und Haslbach, derzeit geschworener Stadtoberrichter zu München mit Urtheil und Rechten, daß diese vorgenannten 4 Weibspersonen ihrer einbekannten Hexerei und Uebelthaten halber, die auf die Zauberei statuirte Strafe des Feuers wohl verdient, in Erwägung aber ihres hohen Alters, auch auf gnädigste Intereession und Fürbitte hoher gefürsteter Personen, sollen alsbald an den gewöhnlichen Ort der Gerichtsstätte geführt und daselbst mit dem Strang vom Leben zum Tode gerichtet werden; doch sollen folgends ihre Körper verbrannt werden.
Publizirt und vollzogen wurde dieses Urtheil am 2. Juli 1590."
In kurzer Zeit darauf sollte die Stadt München ein neuerliches, aber noch gräßlicheres Schauspiel des blinden Aberglaubens erblicken. Wir lassen die Erzählung dieses Gräuels hier wörtlich aus der Chronik des Johann Mayr von Freising folgen.
„Den 29. Juli 1600 hat man 6 Personen zu München wegen ihrer schrecklichen Thaten folgender Weise hingerichtet. Ein Mann, so ein alter Bettler und Landstürzer, mit Namen Paul Gämperl, ward gespießt, seinem Weibe beide Brüste abgeschnitten und sowohl ihr selbst als zweien ihrer Söhne ums Maul gerieben. Dabei wurden noch zwei andere Männer und Thatverwandte, alle sechs mit glühenden Zangen gezwickt, ihre Arme mit dem Rade abgestoßen, und sie sämmtlich hierauf lebendig verbrannt. Deren grauliche Missethaten einzeln in Kürze nicht mögen beschrieben werden. Unter anderem haben sie ausgesagt, daß sie sich alle dem Teufel ergeben, mit, dessen Beihilfe große Zauberei geübt, durch Anstrich einer teuflischen Salbe laut ihrer Bekenntniß und darauf eingezogener gerichtlicher Erfahrung (!!) bis in vierhundert Kinder und mehr als fünfzig alte Personen ertödtet oder durch Erkrummung zum Tode befördert; Paul Gämperl vierundvierzig Morde, und sie alle insgemein vierundsiebzig Morde begangen. Sie haben auch etliche Dörfer und Märkte angezündet, viel Wetter und Schauer gemacht, dem Viehe die Weide vergiftet, Kirchen geraubt, das allerheiligste Sakrament des Altares daraus entwendet, den Juden verkauft, dasselbe dem Teufel zu Gefallen oftmals spöttisch traktirt und in die Schuhe gesteckt oder grimmiglich zerbissen, wie dann sonderlich Paul Gämperl bekannt, daß durch solche erbitterte Zerbeissung eine Hostie einsmals blutfarb geworden, und er darüber in Abkraft seiner Glieder gefallen.
Ebenmäßig sind am 27. November desselben Jahres 1600 in bemeldeter fürstlicher Hauptstadt München wiederum fünf Personen erst bemeldeter Gesellschaft, nämlich eine Mutter, .ihre Tochter, und sonst zwei Männer um gleicher Uebelthaten wegen auf gleiche Weise gestraft und hingerichtet worden; die fünfte Person war ein zwölfjähriger Knabe, des obigen Paul Gämperls jüngster Sohn, welchen man erst im Gefängnisse taufte und ihn Cyprian nannte, denn es hatte seine Mutter ihn schon in ihrem Leibe dem Teufel geschenkt und verkauft.
Sie aber alle sämmtlich und insgemein haben über vierhundert zu unterschiedlichen Zeiten ermordete Kinder, neununddreißig durch Zauberei umgebrachte Personen, zweiund sechzig Morde und zugleich fast alle oben angezeigten Laster ihrer Gesellschaft, sowohl gütlich als peinlich (d. h. auf der Folter) einbekannt."
So hatten leider diese Herenprozesse auch in München ihren guten Fortgang, und die Folter sorgte stets für das Geständniß jedes vermeintlichen Verbrechens, welches der Aberglaube oder falsche Angabe den Unglücklichen zur Last legte.
Die letzte dieser der Heren- und Zauberkünste beschuldigten Personen, welche in München am Anfange des vorigen Jahrhundertes prozeßirt wurden, war Maria Theresia Kaiser, die Tochter eines Wachtmeisters, zu Pfaffenhofen an der Ilm geboren, und erst 17 Jahre alt. Nach ihren gütlichen und peinlichen Aussagen wurde sie durch ihre Base, Namens Elisabeth, bereits in ihrem eilften Jahre in die Geheimnisse der Zauberkunst eingeweiht, und von ihr in der Thomasnacht auf das Hochgericht zum Hexentanze mitgenommen. Auf diesem infernalischen Balle erschienen nach ihrer Angabe ganze Reitereien von Soldaten und viele Herrn und Frauen. Ein schöner Kavalier mit einer großen Allongeperücke trat zu ihr hin und fragte sie, ob sie das ganze himmlische Heer verläugnen wolle. Mehrmals antwortete sie mit: nein! allein ihre Base drang in sie, so daß sie endlich auf wiederholtes Befragen ja! sagte. Nun zog dieser Kavalier ein großes Buch hervor, und hieß sie mit ihrem Blute ihren Namen hineinschreiben und ihr Alter beizusetzen. Mit einem ihr dargereichten Messer schnitt sie sich in die linke Hand und unterschrieb mit ihrem Blute. Hierauf war Tanz; jedoch waren die Tanzenden nackt. Dann habe ihr dieser Kavalier einen Thaler und dann noch mehrere geschenkt; als sie dieselben aber später wieder besehen wollte, hatte sie nichts als lederne Fleckchen in der Hand. Der Teuftl habe sie auch zum Stehlen verleitet und ihr gelernt, wie sie mit einem Messer oder einer Scheere Schlösser öffnen könne, und so wagte sie dreizehn Angriffe auf fremdes Eigenthum. — Auch habe sie der Teufel angelernt, den kurfürstlichen Hofkammerkanzellisten Neufinger und dessen Frau, bei welchen sie in München diente, zu vergiften; allein, da ihr deren Kinder erbarmten, habe sie dieses nicht gethan, weshalb sie der Teufel gequält und geschlagen hätte. Im Gefängnisse selbst habe ihr der Teufel oft zugeredet, sie solle sich, um nicht dem Henker in die Hände zu fallen, selbst ermorden. — Geweihte Sachen habe der Teufel an ihr nicht geduldet, und besonders mußte sie das Skapulir und die Monika-Gürtel ablegen; auch habe sie mehrmals mit dem Teufel Unzucht getrieben.
Diese Theresia Kaiser, deren krankhafte Einbildungen offenbar der Heilung durch einen tüchtigen Arzt bedurft hätten, wurde zu München am 17. September 1701 mit dem Schwerte hingerichtet und dann ihr Körper verbrannt.
Sie war die letzte Hexe in München; aber dennoch sollte noch eine andere München er in diesem Irrwahne zum Opfer fallen.
Maria Renata Sänger, aus München gebürtig, ging, 19 Jahre alt, in das Pramonstratenser Nonnenkloster zu Unterzell in Franken. Schwächlichen Körpers, hatte sie in Folge krankhaften Nervenreitzes seltsame Träume und Erscheinungen. Anstatt aber sie ärztlicher Hilfe zu unterwerfen, wurde sie dem peinlichen Gerichte übergeben, als Hexe prozessirt und den 21. Jänner 1749 auf dem Schlosse zu Würzburg enthauptet und dann ihr Körper öffentlich verbrannt.
Aber noch immer hatte der mehrhundertjährige Wahn selbst unter den Gelehrten so tiefe Wurzeln geschlagen, daß in diesen Zeiten die Gesetzgeber noch an ihm festhielten. Jm Jahre 1746 wurde zu München wiederholt ein ausführliches Gesetz gegen Aberglauben, Zauber- und Hexenkünste erlassen. Darin wurde verordnet:
1) Wer den Teufel anbetet, soll auf dem Holzstoße verbrannt und sein Vermögen eingezogen werden;
2) wer den Teufel anruft, beschwört oder sonst magische Künste treibt, soll enthauptet und fein Vermögen ebenfalls eingezogen werden;
3) Wahrsager, Krystallseher ec., wenn sie solche Künste
ernstlich betrieben haben, und Leute damit verführten, sollen mit dem Schwerte hingerichtet werden;
4) wer Jemanden Liebestränke beibrachte, durch zauberische Mittel Feindschaften erregte, Mann und Weib bezauberte, Weiber unwiderbringlich unfruchtbar machte, den Menschen Krankheiten zuzog, soll ebenfalls durch das Schwert sterben;
5) Individuen, welche bei Zauberern oder Wahrsagern sich Rathes erholen, den Aussprüchen derselben Glauben schenken und Beifall geben, sollen lebenslänglich aus dem Vaterlande verwiesen werden;
6) wer den Teufel anbetet, und anbei durch Zauberkünste Menschen, Vieh und Feldfrüchten schadet, soll verbrannt, und nach Gestalt des zugefügten Schadens ehevor noch mit glühenden Zangen gekneipt werden.
Ja selbst noch in dem von dem gelehrten geheimen Staatskanzler Freiherrn von Kreitmayr, dessen Monument auf dem Promenadeplatze in München pranget, verfaßten Kriminal-Codex vom Jahre 1751, sind Strafen auf Zauberei, Hererei und Verbindung mit dem Teufel festgesetzt.
Endlich gelang es dem in damaligen Zeiten noch sehr gefährlichen, und darum hohen Muthe eines Mannes in München, den unseligen Wahn der Zauberei und Hererei zu zerstören. Dieser Mann war Ferdinand Sterzinger, geboren im tirolischen Schlosse Lichtenwörth den 24. Mai 1721 und gestorben zu München den 18. Mär 1786. Dieser trat in den Orden der Theatiner und zeichnete sich durch Forschungen in den Naturwissenschaften sowie in der Geschichte so sehr aus, daß er zum Mitglied der
bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt wurde. Es war in der zur Feier des Namenstages des Kurfürsten Marimi, lian Josef III. am 13. Oktober 1766 abgehaltenen öffentlichen , feierlichen Sitzung der Akademie in München, als Sterzinger mit einer Rede „von dem gemeinen Vorurtheile der wirkenden und thätigen Hererei auftrat, in welcher er den Aberglauben mächtig bekämpfte, die angeblichen übernatürlichen Wirkungen nur als natürliche Zufälle erklärte, und behauptete, daß man zur Bekämpfung derselben nur bei Sachverständigen und Aerzten sich Rathes erholen solle; dann, daß solche Träumereien die Menschen von der reinen Wahrheit entfernen, und nicht nur gegen die gesunde Vernunft, sondern selbst gegen Gottes Allmacht wären.
Allgemeines Staunen und Aufsehen erregte diese kühne Rede; in Hütten und in Palästen erhob sich gegen den gelehrten und helldenkenden Theatiner - Geistlichen lautes Geschrei. In zahllosen und vielverbreiteten Schriften wurde der „frevelndes Freimuth desselben angegriffen, und darin behauptet, der Inhalt dieser freigeisterischen Rede wäre gegen die katholische Religion und ihre Lehre, wäre selbst ein Frevel gegen Gott, indem nach der heiligen Schrift Christus selbst Teufel ausgetrieben und dieses in folgenden Zeiten auch von Heiligen oder auch von sonst frommen Männern, Frauen und Jungfrauen geschehen sei.
Der muthige Sterzinger ließ sich durch diesen gegen ihn erregten Sturm nicht abschrecken; vielmehr trat er bei einer im Jahre 1767 gehaltenen öffentlichen akademischen Sitzung mit einer noch schärferen Rede auf, die den Titel führt: „Betrügende Zauberkunst und träumendes Hexerei,
oder Vertheidigung der akademischen Rede von dem gemeinen Vorurtheile der wirkenden und thätigen Hererei wider das Urtheil ohne Vorurtheil."
Neuer, noch gewaltigerer Sturm gegen Sterzinger, selbst in Schriften aus dem protestantischen Auslande! Da machte der Kurfürst Marimilian Josef III. diesem literarischen Kampfe und gelehrten Federkriege dadurch ein Ende, daß er im Jahre 1768 über diesen Gegenstand ferner zu schreiben und sich zu äußern strenge verbot.
Aber die Bahn war nun einmal gebrochen. Selbst im Volke war das alte Vorurtheil zerrissen und Verdacht erwachsen gegen das Treiben der Zauberer, Heren und Gespenster. Man verlachte den früheren Aberglauben.
Die Zeit der Zauberer und Hexen war vorbei!
Aber der muthige Sterzinger mußte noch einmal in den Kampf gehen gegen Aberglauben. Es war nämlich zu Ellwangen im Württembergischen ein Pfarrer des Bisthumes Chur aufgestanden, Namens Josef Gaßner. Derselbe wähnte und gab vor, im Namen Jesu Krankheiten erregen und heilen zu können. Tausende von Kranken aus nahen und fernen Landen strömten hinzu, von dem Wunderthäter geheilt zu werden. Sterzinger begab sich nach Ellwangen und es gelang ihm, Gatzners Täuschungen so schlagend zu enthüllen und zu widerlegen, datz nicht nur der Kurfürst Maximilian dem Gatzner den Eintritt in seine Staaten, als auch dem Volke das Wallfahrten zu ihm verbot. Gaßner, Gegenstand des öffentlichen Spottes geworden, starb als Pfarrer zu Pondorf im Bisthum Regensburg am 4. April 1779.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Wirtschaften und Bauernhochzeiten am Münchener Hofe.
An den glänzenden und prachtvollen Höfen der Kurfürsten MaX Emanuel und Karl Albrecht wurden Feste und Ergötzlichkeiten aller Art mit großem Aufwande und unmäßiger Verschwendung häusig gegeben, so daß der kurfürstliche Hof zu München an Herrlichkeit weit umher in deutschen Landen nicht leicht seines Gleichen fand. Französische Schauspiele, Bälle und Spielgesellschaften, prachtvolle Mummereien, Nachahmungen der alten Turniere, Caroussels u. dgl. wechselten unablässig. Nicht nur die Residenz in München, sondern auch die kurfürstlichen Lust und Jagdschlösser zu Nymphenburg mit dem benachbarten Thiergarten, Schleißheim, Starnberg mit seinem anmuthsreichen See, und Dachau boten Ort und Gelegenheit hiezu dar.
Karakteristisch für die damaligen Zeiten ist es, mit welcher Lust an den meisten Höfen die fürstlichen Personen sich beeiferten, persönlich in dramatischen Vorstellungen mitzuwirken. Schon unter dem Kurfürsten Ferdinand
Maria finden wir dergleichen theatralische Darstellungen, ausgeführt von den höchsten Personen des Hofes und des Adels. So wurde im Sommer 1665 zur Feier der Geburt des Prinzen Ludwig Amadeus (geboren den 6. April 1665, gestorben den 11. Dezember gleichen Jahres) in der Residenz zu München ein Ballet unter dem Titel: i trioufl di Bavieria aufgeführt, in welchem die Kurfürstin Adelheid und die höchsten Damen des Hofes mittanzten. — Am 17. Februar 1667 wurde im Herkulessaale der Residenz ein Ballet von der Kurfürstin, dem Prinzen Maximilian, Bruder des Kurfürsten und der Prinzessin Mariane Christine aufgeführt. — Im Jahre 1668 am 31. Oktober kam zum Geburtsfeste des Kurfürsten eine musikalische „Nachtfeier" zur Aufführung, in welcher der sechsjährige Kurprinz Max Emanuel eine Rolle zu spielen hatte. So gingen diese theatralischen Vorstellungen, in welchen sich die kurfürstlichen Personen produzirten, fast jährlich fort; es wäre ermüdend, sie alle hier aufzuführen.
Unter Kurfürst Max Emanuel, nachdem der unglückliche spanische Erbfolgekrieg beendigt war, wurden diese Festlichkeiten mit erhöhter Pracht wieder aufgenommen. Am 7. Februar 1718, während des Karnevals, wurde in dem großen Kaisersaale der Residenz, der 118 Schuh lang und 52 breit gewesen, von den höchsten Herrschaften und adelichen Rittern ein glänzender Waffentanz unter dem Namen Fußturnier gegeben, wobei der Kurfürst als Ungar, der Kurprinz Karl Albrecht als Mohr, Prinz Ferdinand Maria als Perser, und die übrigen Herrn des Adels als Römer, Holländer,
Türken, Spanier, Polen, Schweizer, Armenier, in altdeutscher Tracht, als Waldmänner und als Don Quixottes auftraten.
Eine andere sonderbare Hofbelustigung dieser Zeit waren die sogenannten Wirtschaften, welche mit allem Glanze dargestellt wurden. Wir besitzen eine Schilderung eines solchen am 11. Februar 1670 am Hofe zu München stattgefnndenen Festes, aus welcher wir folgendes ausheben.
Diese Wirthschaft wurde in der Residenz dargestellt. Die Herzogin Febronia, Gemahlin des Herzoges Max, Bruders des Kurfürsten, stellte die Wirthin, der Hofrathspräsident Fürst von Fürstenberg den Wirth vor. Herrn und Damen des Hofes bildeten die Dienerschaft des Gasthauses. Andere Herren und Damen waren die Gaste, in deren prachtvollen Kostümen alle Nationen und alle Klassen der Bevölkerung vertreten waren. Zuerst erschienen der Kurfürst mit seiner Gemahlin als Türke und Türkin in kostbarem Anzuge; der Kurprinz und Fräulein von Wolken stein kamen als Römer, Herzog Mar mit Gräsin Tattenbach als Chinesen; die Kurprinzessin als Zigeunerin wahrsagte den Gästen und benahm sich dabei äußerst gewandt und geistreich, in extemporirten italienischen Versen sagte sie Jedermann etwas auf seine Neigungen, Gewohnheiten und Wünsche Bezügliches. Ausser diesen Personen trieb sich noch eine Anzahl von Pilgern, Schäfern, Jägern, Soldaten, italienischen Bauern und Bäuerinen bei diesem Feste herum, welches mit einer reichbesetzten Tafel und zuletzt mit einem Balle beschlossen wurde.
Noch sonderbarer waren die sogenannten Bauernhochzeiten welche zuerst im Jahre 1719 als Karnevals-Belustigung für den Hof erfunden, und da sie großen Beifall fanden, nicht nur unter der Regierung Max Emanuels, sondern auch unter seinen Nachfolgern Karl Albrecht und Maximilian Josef III. beinahe alle Jahre wiederholt wurden. Der Hof und der hoffähige Adel kamen, in die verschiedensten Oberländer- und Niederländer-Bauerntrachten gekleidet, in Nvmphenburg zusammen und fuhren von dort in Schlitten durch Münchens Hauptstraßen in die Residenz, wo sie abstiegen und sich sodann nach dem Georgensaale begaben, an dessen Thüre ein Schild mit der Aufschrift: „zum bayerischen Löwen" hing. Am Eingange dieses Saales wurden sie vom Kurfürsten als Bauernwirth und von der Kurfürstin als Wirthin gekleidet, empfangen und bewillkommt, denen hierauf der Brautführer in einer Anrede die Braut und den Bräutigam, der Braut Aeltern und Verwandte, die Kränzeljungfern u. s. w. vorstellte.
Man trat sodann in den Saal, in welchem nach ländlicher Sitte eine lange Tafel, bedeckt mit einem, weißen Tischtuche, das in der Mitte einen rothen Streifen hatte, sich befand. Um die IIlusion, daß man sich wirklich auf einer Bauernhochzeit befinde, nicht zu stören, war alles auf ländliche Weise gerichtet: die Tafel war nur mit irdenen und hölzernen Tellern und Schüsseln besetzt; die Trinkgeschirre bestanden aus steinernen und porzellanenen Krügen; die Salzfässer und Eßlöffel waren von Holz, mit schwarzer Farbe angestrichen und mit rothen und goldenen Blümchen bemalt, die Stühle waren ganz einfach
von Holz, und eben so ländlich war die Tafel- und die darauffolgende Tanzmusik, denn sie bestand nur aus Geigen, Dudelsack und Schalmeien.
Bei der Tafel wurden die Gaste, unter welchen sich auch der Wirth und die Wirthin befanden, von Kavalieren und Damen, die als Kellner, Kellnerinen, Hausknechte:e. verkleidet waren, bedient. Die Hochzeitlader und Brautführer brachten ihre ländlichen Sprüche in Knittelversen vor, die natürlich Lachen erregten. War die Tafel zu Ende, so wurden der Braut und dem Bräutigam von den geladenen Gästen Hochzeitsgeschenke gegeben, welche selbstverständlich auch wieder Stoff zum Lachen darbieten mußten.
Hierauf hielt der Hochzeitlader eine komische Danksagung Namens der Brautleute an die versammelten Gäste.
Dann folgte der Tanz, während welchem, — wie man sich ländlich ausdrückte, — der Braut der Jungfernkranz abgetanzt wurde. Während der Menuette, die der Bräutigam mit feiner Braut tanzte, schlichen sich der Wirth und die Wirthin immer um sie herum, bis sie den günstigen Augenblick erhascht hatten, dem Bräutigam die Braut unvermerkt zu rauben, die dann in ein Nebenzimmer gebracht, und darin so lange verschlossen gehalten wurde, bis der Bräutigam mit einem Geschenke sie wieder auslöste.
Das Fest schloß endlich mit einem eigenthümlichen springenden Tanze, Burheimer genannt.
Wie Alles mit der Länge den Reiz der Neuheit verliert und daher wieder neueren Vergnügungen weichen muß, so war es auch hier. Die Wirtschaften kamen nach und nach in Abnahme, und dagegen entstanden, dem sentimentalen Geschmacke der Zeit entsprechend,
die Schäfereien bei Hofe. Diese waren arkadische Seenen im Freien, gespielt in lauen Sommernächten in den Hofgärten von Nymphenburg, Schleißheim und Dachau, bei feenhafter Beleuchtung, gegen welche das tiefe Dunkel der nächsten Umgebung, der Lauben und Bosquets lockend und erregend abstach, und bei denen sämmtliche Herrschaften als Schäfer, Hirten und arkadische Gottheiten verkleidet waren. Diese dem französischen Hofe nachgeahmten Schäfereien mochten oft Gelegenheit zur Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit gegeben haben, sie verschwanden daher nach einiger Zeit.
Wir sahen in diesen Bildern ein Rokokostück der sogenannten Zopfzeit; die nachfolgenden ernsteren Zeiten schwemmten diese Auswüchse der Geschmacklosigkeit hinweg, und die Hoffeste nahmen einen ernsteren und würdigeren Karakter an.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Stiftung des Waisenhauses in der Au durch Michael Poppel. 1742
Ein Ruhmestempel! — nicht für einen Fürsten, nicht für einen angesehenen und reichen Mann, der den lieberfluß seines Vermögens für gute und edle Zwecke verwendet, — nein, ein Ruhmestempel für einen Mann aus niederem Stande, ohne Vermögen, ohne Ansehen, ohne Freunde, dem kein Denkmal von Erz oder Stein errichtet ist, der Gegenwart leider fast unbekannt, der aber höheres und unvergänglicheres Verdienst für die Menschheit sich errungen hat, als ein Eroberer oder Sieger in zwanzig Schlachten!
Während des nach dem Ableben Kaiser Karls VI. im Jahre 1740 erfolgten, für Bayern so unglücklichen österreichischen Erbfolgekrieges wurden in der Au eine Menge Kinder, deren Väter im Kriege erschlagen waren, zu Waisen und liefen beinahe obdachlos umher. Solches Elend und solche Verlassenheit schmerzte und bekümmerte einen jungen Mann, Namens Michael Poppel, tief.
Derselbe war ein Faßbinderssohn von der Au, hatte einige Schulen studiert, dann in den Waisenhäusern zu Freising und Erding als Gehilfe gedient, und er ernährte sich beim Ausbruche obigen Krieges als Privatlehrer in der Au. Er sah ein, daß solchem Trübsale seines Vaterortes nur durch Errichtung eines Waisenhauses abzuhelfen sei, und es reifte in ihm der fromme Entschluß, ein solches Unternehmen selbst zu versuchen und der Unterstützer und Vater so vieler unglücklicher und verwahrloster Kinder zu werden.
Aber wie ein so großes Unternehmen beginnen und ins Werk setzen? Das war eine schwierige Frage, denn Poppel war gänzlich ohne Vermögen, ohne wohlhabende Verwandte oder Freunde, ohne Empfehlung, ohne Aussicht auf irgend eine hinlängliche Unterstützung. Aber mit fester Willenskraft und eiserner Beharrlichkeit wagte er es dennoch. Er wendete sich zuerst an den damaligen Gerichtsherrn des Pfleggerichtes Au, Franz Karl Freiherrn von Widnmann, und erhielt von ihm die Erlaubniß, einen Versuch zu machen, und sein Hausherr, Christoph Nußbaum, Gerichtsdiener in der Au, bei dem er wohnte, räumte ihm gegen geringen Miethzins eine große Stube ein. Nun setzte Poppel alle Hebel in Bewegung, um die Mittel zum Anfange seines Unternehmens zu erringen. Mit begeisterter Beredsamkeit und mit geschicktem Takte bettelte er von Haus zu Haus, und sammelte bei Privaten Beiträge, und mit unbesiegbarer Geduld wußte er dabei allen Hindernissen, allen harten, ja oft groben Abweisungen zu begegnen; wenn ihn auch oft die Hartherzigkeit der Großen von ihren
Thüren forttrieb, so kam er doch immer wieder, flehend für seine Kleinen, bis er erhört ward. In kurzer Zeit brachte er auf diese Weise hinlängliches Geld zusammen, um einen Anfang machen zu können.
Eines Tages, es war der Tag des heiligen Andreas, den 30. November 1742, sammelte er bei dreißig Kinder, Knaben und Madchen, führte sie zuerst zum Gebete in die Mariahilfskirche und dann in feine gemiethete Stube. Sieben Jahre lang erhielt er auf diese Weise seine Anstalt, die Kinder kleidend, nährend und lehrend, kämpfend mit allen möglichen Hindernissen, die sich ihm entgegenstellten, mit Armuth, ja oft mit bitterer Noth, und mit den Anforderungen eines Heeres von unabweislichen Bedürfnissen. Selbst auch wohlwollende Gutthäter vermochten nur wenig thätig beizutragen, indem der unselige Krieg die Einwohner der Au zu sehr verarmt hatte. Allein dessen ungeachtet verlor er nie die Zuversicht auf Gott und seine eigene Kraft, und es keimte die Saat feiner jungen Pflanzung immer mehr fort, und begann nach und nach größere Beachtung zu finden.
Da wurde im Jahre 1749 in allen Kirchen der Stadt München und der Au um milde Beiträge für die durch den eben beendigten Krieg entstandenen Armen, Waisen und Krüppel gesammelt, und diese Sammlung fiel über Erwarten reichlich aus, so daß auch Poppel hievon einen beträchtlichen Theil erhielt. Zur nämlichen Zeit stand auch im Sammerviertel der Au, unweit der Mariahilfkirche ein Haus feil, welches er sofort kaufte, und sogleich anfing dasselbe zweckmäßig herzustellen. Auch bei diesem Ausbaue hatte er wieder mit Hindernissen zu kämpfen,
die jedem Anderen den Muth genommen hätten; der Bau gerieth mehrmals wegen Mangel an Geld ins Stocken, Umtriebe, Verdächtigungen und Verläumdungen wurden gegen Poppel ins Werk gesetzt, um ihm seine Unternehmung aufs äußerste zu erschweren, er wurde der Habsucht, des Eigennutzes, der Fahrläßigkeit öffentlich und laut beschuldiget. Allein alle diese Unbilden mit beispielloser Geduld hinnehmend, fuhr er unausgesetzt an der Förderung seines Werkes fort; er bestürmte unablässig die Thüren der Reichen und Vornehmen, um sie zu Beitragen zu bestimmen, und auf diese Weise kam endlich nach drei Jahren der Hausbau zu Stande, obgleich Poppel noch einen beträchtlichen Theil der Baukosten schuldete.
Nun änderte sich plötzlich der ganze Stand der öffentlichen Meinung. Alle, die bisher an dem Gelingen des kühnen Unternehmens gezweifelt hatten, sahen dasselbe als vollendete Thatsache vor sich stehen, alle Widersacher und Gegner verstummten, alles erstaunte über diesen seltenen Mann, der mit Hilfe Gottes aus geringem Anfange ein so großes und wohlthätiges Werk errichtet; man fing an, Antheil daran zu nehmen, und überzeugte sich durch Einsichtsnahme von der Zweckmäßigkeit der Anstalt. Der Gerichtsherr von der Au ertheilte ihm nun am 22. August 1751 ein förmliches Sammlungspatent, und Poppel brachte in kurzer Zeit 72 Wohlthäter auf, welche nicht allein alle von dem Hausbaue noch vorhandenen Schulden zahlten, sondern mit deren Hilfe er noch ein Fundationskapital von 4822 fl. 30 kr. zusammenbrachte.
Das große und mühsame Werk war vollendet und
die Anstalt, der Poppel den Namen des Waisenhauses zu St. Andrä schöpfte, fest begründet.
Michael Poppel starb im Jahre 1763, seine wohlthätige Stiftung aber, die in der Folge sich fester begründete, besteht heutigen Tages noch, und zwar unter der Verwaltung des Magistrates der Haupt- und Residenzstadt München.
Dem verstorbenen Könige Maximilian II. war es vorbehalten, das Andenken an Michael Poppel zu erneuern und in seiner großartigen Schöpfung, dem National-Museum, würdig zu erhalten. In der damit verbundenen Geschichtsgallerie ist auf einem Freskobilde, gemalt von Wilhelm Haufchild, sinnig dargestellt, wie Michael Poppel in seiner Stube die Waisenkinder versammelt, sie lehrend. Möge das Wirken dieses edlen Mannes dem Volke nicht nur „zur Ehr" sondern stets auch „zum Vorbild" gereichen!
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Fanny Zaloska. 1785
(Erzahlt nach Fr. Jakobs.)
Fanny Zaloska war die einzige Tochter einer polnischen Familie, die in Folge der politischen Verhältnisse ihres Vaterlandes in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhundertes ausgewandert war und sich in München niedergelassen hatte. Ihr Vater war im Kriege umgekommen und ihre Mutter Lodoiska hatte sich dann noch vor Ablauf des Trauerjahres mit dem Oberst Pieart vermählt. Diese zweite Ehe erfüllte die Erwartungen nicht, welche sich beide Theile davon gemacht haben mochten. Frau Lodoiska war noch jung, schön, dem Vergnügen ergeben und überaus gefallfüchtig; der Oberst heftig und voll Eifersucht. So war reicher Stoff zur Zwietracht da, die auch oft in Flammen ausbrach, wenn die Heftigkeit des Mannes und der Stolz der Frau einander entgegen traten. Unter solchen Verhältnissen und als Zeugin dieser ehelichen Zwiste wuchs Fanny auf, oft selbst der Gegenstand und die Veranlassung solcher unangenehmen Vorfälle, da der Oberst, ihr Stiefvater, sie eben so unbedingt liebte als ihre Mutter sie haßte.
Als Fanny das sechzehnte Lebensjahr erreicht hatte, war wohl in München keine Jungfrau, die ihr an Schönheit den Rang streitig gemacht hätte. Um diese Zeit, — es war im Jahre 1785 — wurde in ihrem älterlichen Hause Graf Duras eingeführt, der mit der französischen Gesandtschaft nach München gekommen war; ein junger Mann von angenehmer Gestalt, feinen und einnehmenden Sitten und großem Vermögen. Er sah Fanny; ihre Schönheit reizte ihn, ihr Geist zog ihn an; seine Besuche wurden häufiger, und in kurzem war es ihm gelungen, ihr eine Leidenschaft einzuflößen, die er, nur nach flüchtigen Vergnügungen haschend, selbst nicht theilte. Da die Mutter mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftiget, wenig auf ihre Tochter achtete, der Stiefvater aber eine Neigung zu begünstigen schien, welche die schönsten Aussichten eröffnete, so gab sich Fanny dem Zuge ihres Herzens sorglos hin, und erwartete von der Verbindung mit dem liebenswürdigen Manne alles Glück, was ein junges Gemüth in dem Rausche der ersten Liebe träumt. Jndeß wich der Graf einer ernstlichen Erklärung aus, und während er der Fanny ohne Unterlaß seine Liebe betheuerte, klagte er oft in räthselhaften Worten das Schicksal an, das sich so oft zwischen die heißesten Wünsche der Menschen dränge. Zugleich aber bot er alle Künste der Verführung auf, die ihm vollkommen zu Gebote standen, um das liebende Herz des Mädchens immer fester zu umstricken, und sie einem strafbaren Ziele zuzuführen. Die Arme sah den Abgrund nicht, dem sie sich näherte, und sie wäre vielleicht hinabgerissen worden,
wenn ihr nicht durch die Dienstfertigkeit ihres Kammermädchens einiges von den Galanterien des Grafen zu Ohren gekommen wäre, was wenigstens ihre Aufmerksamkeit rege machte. Der Stolz ihrer Tugend erwachte, und ob sie gleich unvermögend war, eine Leidenschüft auszurotten, die zu tief in ihrem Gemüthe gewurzelt durch Duras Gegenwart immer neue Nahrung erhielt, so bewachte sie sich doch mit größerer Sorgfalt, und entging so der Gefahr, mit der sie bedroht war.
Den geübten Blicken des Grafen entging die größere Zurückhaltung in Fanny's Wesen nicht; er forschte leise nach der Ursache; da sie aber nichts verrieth, sing er an zu muthmaßen, daß ihre Zurückhaltung ein Mittel sein sollte, ihm eine bestimmtere Erklärung abzudringen. Dieser Meinung gemäß ließ jetzt bestimmtere Hoffnungen zu einer näheren Vereinigung blicken, die bald wieder mit Aeusserungen einer großen Schwermuth abwechselten, immer aber mit heiligsten Schwüren seiner Liebe verbunden waren.
Fanny, die kein Mißtrauen in feine Aufrichtigkeit setzte, glaubte ihrem Glücke näher zu sein. In diesem Augenblicke — es war Anfangs Dezembers 1785 — traf sie ein herbes Mißgeschick; ihr Stiefvater, Oberst Picart, starb plötzlich und unvermuthet in Folge eines Unglücksfalles und dessen Tod traf sie um so schmerzlicher, je mehr Ihm und seiner zärtlichen, Sorgfalt bisher den väterlichen Schutz gegen Lodoiska's unmütterliche Gesinnungen dankte . In ihrem großen Schmerze war die einzige Zuflucht ihres Herzens Duras, und die Hoffnung, durch ihn der Willkür ihrer Mutter entrissen zu werden. Aber diese Hoffnung ging unter, und zwar auf eine Weise, die dem Innersten ihres Lebens eine tödtliche Wunde schlug.
Wenige Tage nach dem Tode ihres Stiefvaters hatte Graf Duras sie wie gewöhnlich besucht, und mehr als gewöhnliche Zärtlichkeit hiebei zu erkennen gegeben. Die Heftigkeit ihres Schmerzes und das Gefühl ihrer Hilflosigkeit hatten ihre Zurückhaltung ein wenig vermindert; sie warf sich in die Arme des Grafen, weinte an seiner Brust und suchte Trost an feinem liebenden Herzen. Jedes seiner Worte war ein Trost, jeder Laut legte sich kühlend an ihr verwundetes Herz. So verließ er sie, und sie dankte dem Himmel mit aufgehobenen Händen, daß er ihr doch noch eine Stütze gelassen habe. Indem sie so dankt und lindernde Thränen von ihren Augen strömen, kömmt ihre Mutter in das Zimmer, um einige gleichgiltige Gegenstände zu besprechen; nach deren Entfernung sindet Fanny einen schmalen Papierstreifen auf dem Boden, den ihre Mutter Lodoiska wahrscheinlich mit ihrem Sacktuche aus der Tasche gezogen hatte, ohne es zu bemerken. Sie hebt ihn auf, erkennt die Handschrift des Grafen und entfaltet das Billet ohne besondere Erwartung und Neugierde. Auf das höchste betroffen aber ward sie, als sie Folgendes las:
„Quäle doch Dein Herz nicht mit eitlem Wahn. Wenn Du meinen Schwüren nicht traust, so vertraue doch Dir selbst und der Fülle Deiner Liebenswürdigkeit! Lodoiska! verläumde eine Liebe nicht, die wie ihr Gegenstand nicht ihres Gleichen hat; kränke nicht durch Mißtrauen ein Herz, das nur für Dich schlägt, in Dir nur lebt, und, mit Deinem Bilde erfüllt, jedes Glück
verschmäht, das Du ihm nicht beust! Verbanne jede Besorgniß, süßes Weib, und wenn es nöthig ist, um die wachende Eifersucht einzuschläfern, mit der Liebe eines Kindes zu spielen, so glaube mir, daß die Peinlichkeit dieses Schmerzes durch nichts als das unbedingte Zutrauen belohnt werden kann, mit dem Du Dich meiner Zärtlichkeit ergibst."
Fanny las diese Zeilen zuerst nur mit den Augen und ohne Sinn; erst beim zweiten Lesen begriff sie den ganzen Verrath. Eine tiefe Betäubung folgte auf diese Entdeckung; dann erwachten Erinnerungen an vieles früher kaum Bemerkte, an überraschende Bewegungen und Blicke und an gewisse Veranstaltungen der Mutter während der letzten Abwesenheit ihres verstorbenen Gemahles; — alles dieß ging jetzt durch ihre Seele und eröffnete ihren Blicken einen Abgrund von Abscheulichkeit, vor dem ihr ganzes Wesen erbebte, und in den immer von neuem hinab zu schauen sie sich doch nicht enthalten konnte. Abscheu, tiefe Verachtung, bitterer Schmerz und eine dumpfe Verzweiflung stürmten zugleich auf sie ein. Ihr Stolz war auf das heftigste empört, ihr Herz zerrissen, ihre Hoffnungen waren vernichtet, das Leben lag vor ihr wie ein verheertes Land, aus dessen Boden Flammen der Verwüstung schlagen, während dunkle und unglücksschwangere Wolken über seine Oberfläche wogen und brausen. Ihr Beschützer war todt, ihre erste Liebe schändlich verrathen, und die, in deren Gewalt sie jetzt war, hatte sich aus einer Mutter in eine Nebenbuhlerin umgewandelt; die, die ihr als Vorbild der Tugend vorleuchten sollte, war zur niedrigen Buhlerin, zur Ehebrecherin herabgesunken! Unter solchen Gräueln
zu leben, schien ihr unmöglich. Sie beschloß zu sterben. Aber ihr Tod sollte den Abscheu der Welt und den Fluch des Himmels auf die Häupter der Verräther bringen! So entwarf sie den schaudervollen Plan.
Von diesem Augenblicke an sprach sie nicht mehr. Aber Nachbarn hatten bemerkt, daß sie die Nacht hindurch geschrieben, öfters vom Stuhle aufgestanden und mit schnellen Schritten durch das Zimmer gegangen, und bis an den Morgen bei Licht aufgewesen sei.
Am folgenden Morgen kleidete sie sich schwarz an, und ging in tiefer Trauer in die Kirche zu U. l. Frau. Wer sie gehen sah, blieb stehen und verfolgte mit seinen Blicken die hohe und zarte Gestalt, die mit gesenkten Augen durch die Straßen ging, und nichts von allem zu bemerken schien, was um sie geschah. Ihr blondes Haar war aufgelöset und floß, von zarten Perlenschnüren um die Schlafe gehalten, wie ein goldener Schleier über den Nacken hinab, und warf seinen leichten Schatten auf ihr blasses Angesicht, das durch die tiefe Traurigkeit noch verschönert ward. Viele verließen ihren Weg und folgten ihr nach, um sie beten zu sehen. Sie trat in die Frauenkirche, und warf sich vor einem Altare auf die Kniee. Lange lag sie so da, in tiefem Gebete versunken, aber ihre Lippen bewegten sich nicht, und sie hätte ein Steinbild geschienen, wäre nicht bisweilen ein flüchtiges Roth über ihre Stirn und Wangen gegangen. — Endlich stand sie auf, nahm ihren Weg gegen das große hintere Kirchenthor zu, und verschwand durch die Thüre, welche auf den südlichen Frauenthurm führt; mit hastigen Schritten sah man sie die ersten Stufen hinaufeilen.
Kurze Zeit darauf sahen mehrere Leute, welche eben über den Frauenfreithof gingen und an die Thürme zufällig hinaufblickten, oben an dem Geländer der Thurmwächters Wohnung eine weibliche Gestalt, die weit sich überwiegend in die Tiefe hinabsah, dann zurücktrat, ihre langen blonden Locken mit der Rechten zurückstrich, dann sich mit beiden Armen auf das Geländer stützte, sich hinaufschwang und sich hinabstürzte. Ein Augenblick, — und der Leichnam der unglücklichen Fanny Zaloska lag zerschmettert unten! —
Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Kunde von diesem entsetzlichen Vorfalle in der Stadt. Der Eindruck war um so größer, als in der Frauenkirche an der Stelle, wo sie geknieet hatte, ein von ihrer Hand geschriebenes Blatt mit dem Verlaufe der Geschichte in kurzen Worten gefunden wurde, dessen Inhalt rasch von Mund zu Mund lief. Das von Wuth und Grimm gegen die ehebrecherische Mutter ergriffene Volk gerieth in Bewegung, umstellte deren Wohnung und stieß gefährliche Drohungen aus. Lodoiska wurde anfangs versteckt gehalten, am folgenden Tage aber ergriff sie verkleidet die Flucht. Duras folgte ihr. Von ihrem weiteren Schicksale hat man nichts mehr gehört.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Joseph Frauenhofer. 1801
Am 21. Juli 1801 trug sich in München ein großes Unglück zu.
Wir geben hierüber unsern freundlichen Lesern einen Auszug aus dem Berichte, welchen der damalige kurfürstliche Polizeidirektor Baumgartner in der „Münchener Polizei-Uebersicht vom Jahre 1805" veröffentlichte.
Im Monate Juli 1801 sollten an den beiden Hausern des Kaufmannes Pilon und des anstoßenden Melkers im Thiereckgäßchen schadhafte Mauern ausgewechselt werden. Obgleich sich bereits am Morgen des 21. Juli an diesen beiden Häusern kleine Mauerrisse zeigten, welche sich zusehends erweiterten, so dachte man so wenig an ein nahe bevorstehendes Unglück, daß weder die nöthigen Vorsichtsmaßregeln durch Stützung der Gebäude getroffen wurden, noch die Einwohner derselben, zweiundvierzig an der Zahl, ihre Wohnungen verließen.
Da stürzten plötzlich an diesem Tage um ein Uhr Nachmittags diese beiden Häuser unter fürchterlichem Gekrache
theilweise zusammen. Nur einem ausserordentlich glücklichen Zufalle ist es zuzuschreiben, daß unter so vielen Personen nur vier mit einsanken. Von diesen kam ein Mädchen der Hebamme Gaulrapp vom dritten Stocke so glücklich auf den Schutt herab, daß es, ohne die geringste Beschädigung erlitten zu haben, sogleich davonlaufen konnte, und der Spiegelmacher Philipp Weichselberger, welchem es gelang, sich unter einem Thürstocke festzuhalten, wurde, obgleich mit einigen Beschädigungen am Oberleibe, durch zwei Pflasterergesellen glücklich herausgebracht.
Desto unglücklicher aber erging es dessen Ehegattin und seinem Lehrjungen Josef Fraunhofer; beide waren unter dem eingestürzten Hause verschüttet.
Eine Menge Menschen waren herbei gekommen, um Hilfe zu bringen; auf erhaltene Nachricht begab sich auch sogleich der Kurfürst Maximilian Josef an Ort und Stelle.
Während noch die Menge, gelähmt vom ersten Schrecken, auf die Unglücksstätte hinstarrte, hörte man auf einmal aus dem Schutte heraus eine um Hilfe rufende Menschenstimme. Nach langen vergeblichen Nachforschungen gelang es dem Pflasterermeister Zischl und den beiden bürgerlichen Zimmerpalieren Josef und Mathias Fruhholz zu entdecken, daß die Menschenstimme unter einem Stubenboden hervorkomme, der mit einer Seite an die Wand des stehen gebliebenen Hauses sich festgestellt, mit der andern aber sich tief in den Schutt eingegraben hatte, und dessen Zwischenraum bis zur Seite des halb eingestürzten Hauses gleichfalls mit Schutt ausgefüllt war.
Der Kurfürst eiferte unter Zusage großer Belohnung
an, den Unglüeklichen zu retten. Aber die Sache war schwierig, denn man durfte weder von unten noch von oben den Schutt wegräumen, wollte man nicht die darunter begrabene Person ersticken. Die Hilfe wurde daher auf eine andere Weise, und zwar mit glücklichem Erfolge versucht. Der Proviantbäckermeister Zenger, Hofbauamtspalier Jakob Harrer, Ministrant Sebastian Mader, der Bediente Josef Schock, die Zimmerleute Kaspar und Martin Ziegler, Alois Huber, Felix Mayer und Johann Niggl, dann der Zeughaus-Büchsenmacher Paul Günzer, sowie der General-Landesdirektions-Bote Hainz und der Kellerofsiziant Stimpich begaben sich in das halb abgerissene Zimmer des stehen gebliebenen Hauses, und räumten zwischen dem Hause und dem wie ein Dach herabhängenden Stubenboden mit großer Lebensgefahr den Schutt weg, bis sie an die Bodenbretter selbst gelangten, worauf die beiden Fruhholz mit seinen Instrumenten kleine Stücke von einem Brette heraussägten. Nun erfuhr man erst, daß es der Lehrjunge Josef Fraunhofer sei, der noch lebe, und zuerst einen Finger, darauf die Hand und endlich einen Arm herausstreckte. Man steckte ihm sofort Tücher zu, die mit Wasser und Essig eingefeuchtet waren, um ihn zu laben, und brachte ihn endlich nach vierstündiger, rastloser und lebensgefährlicher Arbeit, ohne daß er irgendwie Schaden genommen, wieder ans Tageslicht herauf.
Kurfürst Maximilian Josef, welcher während der Arbeit unten an den gefährlichsten Plätzen sich aufgehalten, begab sich selbst in das halb abgerissene Zimmer im ersten Stockwerke, um die Arbeiter zu ermuntern, und sah mit sichtbarer Rührung, wie der arme Knabe den Arm aus
der Spalte herausstreckte. Der Kurfürst sendete Tags darauf eine sehr namhafte Summe zur Vertheilung unter diejenigen, welche sich bei der Rettung des Knaben verdient gemacht hatten.
Von der verunglückten Spiegelmachersfrau war während der Zeit, als man den Knaben losarbeitete, kein Laut zu hören, und da nach der Rettung desselben bereits die Nacht hereinbrach, überdieß noch ein Kamin eingeworfen werden mußte, und die benachbarten alten Häuser einzustürzen drohten, konnte man nicht das Leben von ein Dutzend oder mehr Arbeitern in Gefahr setzen, um eine Leiche herauszuziehen.
Nachdem man Tags darauf die anstossenden Häuser gestützt hatte, begann man sie abzutragen. Nun erst konnte man anfangen, den Schutt wegzuräumen, und am 29. Juli fand man den Leichnam der Spiegelmachersfrau, der bereits stark in Fäulniß übergegangen war. Derselbe lag fünf Fuß tiefer als Josef Fraunhofer, mit dem Kopfe gegen das Sporergäßchen zu, und mit dem Gesichte auf dem Tischbrette liegend. Drei Balken, welche auf ihr lagen, mußten durchgesägt werden, ehe man zu ihr gelangen konnte. Dieselben hatten sie im Fallen dergestalt auf das Tischbrett geschlagen, daß nach dem Zeugnisse des herbeigerufenen Wundarztes Braun das Gesicht selbst platt wie ein Zinnteller gequetscht, die Schädelknochen vom rechten Seitenwandbein bis über das Stirnbein herüber zerschmettert und das rechte Schenkelbein, dann der linke Oberarm gleichfalls gebrochen gefunden wurden.
Josef Fraunhofer, auf desten Gesundheit der erlittene Unfall nicht den geringsten nachtheiligen Einfluß ausgeübt
hatte, wurde darauf in Nymphenburg dem Kurfürsten und seiner Gemahlin vorgestellt, von denselben mit 18 Dukaten beschenkt, und ihm die Zusicherung gegeben, daß der Kurfürst für sein ferneres Fortkommen Sorge tragen wolle.
Josef Fraunhofer beendigte später, seine Lehrzeit und arbeitete im Jahre 1805, als Polizeidirektor Baumgartner seinen Bericht veröffentlichte, noch bei Weichselberger als Geselle. Schon während seiner Lehrzeit beschäftigte er sich, des Verbotes seines Lehrmeisters ungeachtet, heimlich mit dem Studium der Optik, und hatte sich von dem vom Kurfürsten erhaltenen Geschenke eine Glasschneide und eine Glasschleifmaschine, angekauft. Der Geheimrath Utzschneider, der das Talent des jungen Menschen (Fraunhofer war am 6. März 1787 zu Straubing geboren) zu würdigen verstand, nahm sich seiner an, und stellte ihn in seiner optischen Werkstätte im Kloster Benediktbeuern an. Von nun an beginnt sein großartiges Wirken und sein Ruhm, mit dem er die Welt erfüllte. Es ist nicht Zweck dieser Blätter, näher in seine berühmten Leistungen und wichtigen Entdeckungen einzugehen; wir erwähnen nur den für die Sternwarte zu Dorpat verfertigten Riesenrefraktor, der im Durchmesser 200—500, und im Flächeninhalte 40,000—422,500 mal vergrößert. Nachdem er im Jahre 1823 zum Conservator des physikalischen Kabinetes der k. Akademie zu München ernannt war, starb er leider schon am 7. Juni 1826 und erhielt seine Grabstätte an der Seite des wenige Tage vor ihm verstorbenen Reichenbach. Sein Monument zieren als Inschrift die bedeutsamen Worte: „Approximavit sidera" (er hat die Gestirne uns näher gebracht).
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Beterin an der Mariensäule.
Gegen Ende des vorigen Jahrhundertes lebte in einem Dörfchen des Rotthales, jenes gesegneten und reizenden Landstriches, welcher sich in Niederbayern von Neumarkt bis an den mächtigen Innstrom hinzieht, eine Söldnerfamilie, bestehend aus den beiden Aeltern und einer Tochter, Adelheid. Das kleine Gütchen lieferte nur geringen und spärlichen Ertrag, kaum hinreichend, ungeachtet des emsigsten Fleißes der Familie deren Leben zu fristen und ihre dringendsten Auslagen zu bestreiten. Dabei waren sie aber von acht altbayerischer Biederkeit und Rechtschaffenheit, und die junge Adelheid galt zudem als das bravste und schönste Mädchen des Rotthales, das ohnedieß wegen der schönen und kräftigen Gestalten seiner Bewohner nicht kleinen Ruf genießt.
Da schlich sich leider die Liebe in das Herz der jungen Adelheid; sie sollte aber nicht die Bringerin reicher Freuden, sondern vielmehr herben Schmerzes werden. Ihr Geliebter, Martin Fellner, der einzige Sohn einer eben so braven aber auch eben so armen Söldnersfamilie
aus dem nämlichen Torfe, hatte ungeachtet feines unermüdeten Fleißes keine Aussicht, seine Geliebte je als
Gattin heimzuführen; dennoch blieb ihre Liebe innig und standhaft. Bald aber brachte ihr zu inniges Verhältniß das erste Weh; Adelheid fühlte sich Mutter, und nach einiger Zeit wiegte sie einen holden Knaben in ihren Armen. Die Seligkeit der Mutterfreuden ließ sie die Schande und den Spott der Nachbarn vergessen; ausser der Zärtlichkeit zu ihrem Kinde kannte sie nur das inbrünstigste Gebet zu Gott und namentlich zur allerseligsten Mutter Gottes von Altötting um Hilfe und Wendung ihres Elendes und ihrer Noth.
Da träumte ihr in einer Nacht, daß ihr die holdseligste Jungfrau Maria erschienen sei; diesen wunderbaren Traum theilte sie einer Nachbarin mit, die ihr denselben auslegte und sie überredete, die darauf treffenden Nummern in die Lotterie zu setzen. Adelheid befolgte den Rath, und siehe! das Glück war ihr unverhofft günstig; nach einigen Tagen bekam sie wirklich einen Gewinnst von 1000 Gulden. Es schien als sollte auf diese Weise das inbrünstige Gebet erhört werden und wollten sich dadurch die Verhältnisse der armen Familie besser gestalten; aber nach kurzer Zeit brachen die herbsten Trübsale erst recht herein.
Martin, ihr Geliebter, ward, da die Napoleon'schen Kriege ganz Europa erschütterten, zum Soldaten ausgehoben. Zu gleicher Zeit wurden seine Aeltern von hartherzigen Gläubigern auf das äußerste gedrängt, und nur dadurch, daß Adelheid mit 400 fl. aus ihrem gewonnenen Gelde die Gläubiger befriedigte, konnte sie die gerichtliche Gant von dem Anwesen der Aeltern ihres Martin abwenden und ihnen ihr kleines Eigenthum erhalten. Kaum war aber dieser Sturm glücklich vorübergegangen, so brach über ihre eigenen Aeltern die Gant aus, und der noch vorhandene Rest des Gewinnstes reichte nicht hin, das Anwesen derselben zu retten. Ihre Aeltern mußten klagend und weinend von ihrem kleinen Gütchen abziehen, das jetzt in die Hände der unbarmherzigen Gläubiger gerieth, und sahen sich gezwungen, die Gegend zu verlassen und in ihre Heimat, die Rheinpfalz, zu ziehen. Adelheid aber verblieb einstweilen mit ihrem Kinde bei Martin's Aeltern.
Da kam im Jahre 1807 der Krieg gegen Preußen, und Martin mußte mit der bayerischen Armee, die sich an Frankreichs Kaiser angeschlossen hatte, weitentlegenen Schlachtfeldern zueilen. In dieser schlimmen Lage wollte Adelheid den dürftigen Aeltern ihres Martin nicht länger überlästig fallen; sie gab daher ihr Kind zu zwar armen aber braven Leuten in Allach, drei Stunden von München, in Kost und Pflege, sie selbst aber ging nach München und trat in einem Bürgershause als Magd in Dienst.
Martin hatte sich während dessen als Soldat tapfer und tüchtig bewiesen; als der Friede von Tilsit den Krieg beendigte, kehrte er als Sergeant mit den siegreichen Bayern in die Heimat zurück. Nicht lange aber genoßen die Liebenden das Glück des Wiedersehens; im Jahre 1809 brach mit dem Aufstande der Tyroler der Krieg mit Oesterreich aus, und neuen Schlachtfeldern, neuen Kämpfen zogen die tapfern Bayern entgegen. Martin machte diesen Feldzug mit als Lieutenant.
Während desselben schien ein Strahl des Glückes auf unsere Adelheid herableuchten zu wollen. Ihr Martin lag mit der bayerischen Besatzung in Kufstein. Da ergriff sie eine unnennbare Sehnsucht der Liebe und trieb sie, nach so langer Zeit ihren Geliebten wieder zu sehen. Mit Erlaubniß ihrer Dienstherrschaft trat sie die Reise nach Kufstein zu Fuß an. Müde rastete sie unterwegs unweit der Grenze an einem sogenannten Marlersteine, und verrichtete an demselben, welcher das Bild der heiligen Mutter Gottes trug, ihr Gebet. Als sie sich dann an der Säule aufrichtete, löste sich aus derselben ein Stein ab, es zeigte sich eine kleine Höhlung, in der ein Kästchen lag. Verwundert nahm es Adelheid heraus, und mit noch größerem Erstaunen erblickte sie in demselben eine Menge Goldstücke sammt einem Zettel, auf welchem stand, daß ein Tvroler im Jahre 1805 hieher sein Vermögen rettete, und, falls er im Kriege umkomme, der einstige Finder es zu christlichen Werken verwenden solle.
Froh über diesen Fund eilte sie hinein nach Kufstein, und bald lag sie mit Freudenthränen am Halse ihres Geliebten. Nachdem der erste Freudenrausch vorüber war, beschlossen beide, daß Adelheid mit dem gefundenen Gelde, das nahezu 1800 Gulden betrug, nach München zurückkehre, ihr Kind, den kleinen Max, zur Erziehung zu sich nehme und daß sie beide nach geendigtem Kriege dann die Erlaubniß zu ihrer Verehelichung zu erhalten suchen wollten. Froh über diese Hoffnung kommender glücklicher Tage eilte Adelheid wieder nach München zurück, woselbst sie der getroffenen Verabredung gemäß eine kleine Wohnung bezog und ihren Max zu sich nahm.
Der Krieg war endlich beendigt, Oberlieutenant Martin kehrte nach München zurück, und die Liebenden warteten nun mit süßer Hoffnung, daß Martin bald eine Hauptmannsstelle erhalten werde und sie dann das Ziel ihrer Wünsche, die Heiratserlaubniß, erreichen könnten.
Doch der Himmel hatte anders beschlossen. Der unersättliche Kaiser Napoleon wollte in seinem gigantischen Streben nach der Weltherrschaft die russische Monarchie zertrümmern und führte im Jahre 1812 unermeßliche Schaaren von Kriegern in die Eisfelder Rußlands. Bayern als Verbündeter des französischen Kaisers mußte sich mit einer Armee von 4ö,W0 Mann seiner blühendsten Jünglinge dem gewaltigen Heereszuge anschließen. Auch Oberlieutenant Martin war unter diesen Kriegern. Schmerzvoll war der Abschied desselben von Adelheid und dem kleinen Max; nur die Hoffnung tröstete sie, daß Martin auch aus diesem Kriege ungefährdet wiederkehren und dann der Erreichung ihrer heißen Wünsche kein Hinderniß mehr entgegen stehen werde. Martin empfahl seine Geliebte und feinen Mar dem Schutze Gottes und legte Ersterer besonders ans Herz, für das Wohl ihres Söhnchens alle mögliche Sorgfalt zu tragen.
Am nächsten Morgen war der Ausmarsch. Adelheid wollte durchaus ihren Martin noch einmal sehen, und drängte sich daher mit. ihrem Mar — er war jetzt sechs Jahre alt — unter die Menge der Menschen am Schrannenplatze, wo die Soldaten vorüberzogen. In Gebet und Thränen versunken kniete sie an der Säule der heiligen Jungfrau nieder.
Da zogen Mann an Mann die Bataillone vorüber
unter den fröhlichen Klängen der Musik; endlich nahte die fünfte Kompagnie des Schützenbataillons mit ihrem Hauptmanne Grafen von Khuen, an seiner Seite marschirte Oberlieutenant Martin. Er erblickte die Adelheid und seinen Mar, grüßte dieselben noch einmal und verschwand dann unter den fortschreitenden Reihen der Soldaten.
Da vermeinte Adelheid, ihr Herz müsse brechen; ein unendliches sehnsuchtsvolles Weh durchschauerte ihre Brust, sie konnte es nicht fassen, ihren Martin vielleicht zum letztenmal gesehen zu haben; — sie mußte ihn noch einmal sehen. Rasch war sie entschlossen; den Knaben führte sie zur Mariensäule und sprach: „Hier warte, lieber Mar, und geh' nicht von der Stelle bis ich wieber komme, ich muß schnell dem Vater noch etwas sagen." Mit diesen Worten eilte sie der Weinstraße zu und verschwand um das Lindwurmeck.
Vor dem Schwabingerthor machte das Bataillon einen kurzen Halt; hier erreichte Adelheid die Soldaten, sah einen Augenblick ihren Geliebten, aber im nächsten Momente war er wieder in raschem Marsche ihren Augen entschwunden. Sie wollte daher eilig wieder nach dem Schrannenplatze zurückkehren; aber unterwegs, iin Gedränge des Menschengewühles, welches die abziehende Artillerie schauen wollte und in Folge des steten Ausweichens vor den ihr entgegenströmenden Leuten, glitt sie am schlüpfrigen Boden, — es hatte Tags zuvor heftig geregnet, — aus. Sie siel und gerieth unglücklicherweise unter das Rad einer Kanone. Nach einem lauten Schrei schwanden ihr die Sinne.
Von mitleidigen Menschen aufgehoben, wurde sie in das Haus eines benachbarten Wundarztes getragen, welcher fand, daß ihr der eine Fuß gebrochen war. Nach hergestelltem Verbande kam sie gegen Abend wieder zu sich, und ihre ersten Worte fragten nach ihrem Sohne Mar. Auf ihre Bitten begab sich ein altes Weib auf den Schrannenplatz zur Muttergottessäule, wo der Knabe, der schon lange warte, zu finden sein werde. Aber nach kurzer Weile kam das Weib allein zurück; sie hatte den Knaben nicht gefunden, um die Mariensäule war alles leer! Lautlos siel bei dieser Schreckensnachricht die unglückliche Mutter in die Kissen des Lagers zurück; die Sinne waren ihr neuerdings gewichen.
Des andern Morgens wurde die Arme in einer Sänfte in das Spital gebracht. Bewußtlos brachte sie dort vier Wochen zu. Endlich waren zwar ihre Wunden geheilt, aber die gewaltige Erschütterung und die Verzweiflung hatten ihren Geist zerrüttet: sie war stumpfsinnig geworden!
Kehren wir zu dem Knaben zurück. Mar war, gehorsam dem Befehle, bei der Säule geblieben. Obwohl ihm die Zeit lange wurde, und seine Mutter immer nicht zurückkam, hatte er doch anfangs mancherlei Zerstreuung, denn der lang andauernde Vorbeimarsch der Soldaten, die Musik, das Gewühl der Menschen fesselten seine Aufmerksamkeit. Endlich hungerte ihn, sehnsuchtsvoll schaute er nach allen Seiten, ieden Augenblick das Herannahen der Mutter erwartend, — sie kam nicht; es sing ihn Nachmittags in der naßkalten Witterung zu frösteln an, — die Mutter kam noch nicht, es brach die Dunkelheit herein, — die Mutter kam noch immer nicht! Da überkam den armen Knaben Angst und Furcht; laut weinend lief er nach der
Nymphenburgerstraße, wo seine Mutter und er wohnten. Er klopft an die Thüre der Wohnung, er läutet an der Thürglocke, er ruft und schreit, — vergebens, — keine Mutter kömmt ihm die Thüre zu öffnen. Endlich faßt der arme Junge den Entschluß, wieder in die Stadt zu eilen, um bei Bekannten Stillung seines Hungers und Unterkunft zu finden. Unterwegs fährt ihm ein Postwagen aus der Stadt entgegen. Der Postillon blies eben ein fröhliches Lied. Da kommt dem Knaben der plötzliche Gedanke: „Der fährt den Soldaten und meinem Vater nach!" Rasch schwingt er sich hinten auf den Wagen, fetzt sich in den Gepäckkorb und wickelt sich in eine darin befindliche Strohmatte; — so fuhr er fort.
Am folgenden Morgen langte der Postwagen auf einer entfernten Station an. Der Knabe erwachte aus seinem tiefen Schlafe. Verwundert erblicken der Posthalter und seine Leute den blinden Passagier, der unaufhörlich fragt, wo sein Vater sei? Theilnehmend erkundigen sich die Posthalterseheleute um ihn; er erzählt mit kindlichen Worten, wie es ihm ergangen. Er weiß, daß sein Vater Offizier ist, aber dessen Namen kennt er nicht; er weiß, daß seine Mutter Blumen und Kränze mache und verkaufe, aber er kann sie nicht näher bezeichnen; er erzählt von seinen früheren Pflegeältern, aber er weiß weder den Namen derselben, noch des Dorfes, worin sie wohnen. Die Posthalterseheleute mochten wohl wähnen, daß das arme Kind von seiner leichtfertigen Mutter verlassen worden
sei, da ihnen aber das schöne Gesicht und das offene Wesen des holden Kindes gesiel, so beschlossen sie in ihrer Gutherzigkeit, den hilflosen Knaben einstweilen zu behalten, bis es ihnen allenfalls gelingen werde, die Aeltern desselben auszuforschen.
Es war am Anfange des Frühlinges 1814, als einzelne Häuflein bayerischer Krieger, die vor vierzehn Monaten mit der großen Armee des unüberwindlichen Kaiser Napoleon in die sernen Steppen Rußlands gezogen waren, in bemitleidenswerthem Zustande in der Hauptstadt München wieder eintrafen; klägliche Reste der ehemaligen glänzenden Münchener Garnison, nun in Lumpen gehüllt, mit erfrorenen Gliedmassen, Zeugen des erlittenen größten Elendes und Unglückes! Am Ende dieses Zuges schritt eine seltsame Weibsperson. Sie war offenbar noch in ziemlich jungen Jahren, aber ihre bleichen und eingefallenen Gesichtszüge trugen die Spuren großen Kummers und tiefen Jammers, aus ihren Augen leuchtete ein zerrütteter Geist! Ihr Anzug war eben so auffallend; sie war in beinahe bauerischer Tracht gekleidet, trug einen schwarzen Rock und darauf eine hellblaue leinene Schürze, am Kopfe ein breites Kopftuch, unter dem Arme einen großen Bündel und in der Hand einen rothbaumwollenen Regenschirm. Mit den Zügen der einzelnen Häuflein Soldaten langte sie am Schrannenplatze bei der Hauptwache an. Dann aber trat sie vor die Mariensäule, stand vor derselben stundenlang und stierte mit glanzlosem Auge zum Bildnisse der Mutter Gottes empor.
Von nun an erschien diese Arme — sie war unsere Adelheid, tagtäglich an der Mariensäule in derselben sehr abgebleichten Kleidung, mit ihrem Bündel und Regenschirme, und harrte den ganzen Tag an dieser Stelle, mit trüben und stieren Blicken zum Marienbilde hinaufstarrend. Weder der Hohn und Spott der Menschen, noch die Elemente, Sturm, Regen oder Schnee konnten sie verscheuchen. Fragte man sie, wen sie suche oder erwarte, so antwortete sie mit abgestorbener eintöniger Stimme: „Mein Kind!" Anfangs war ihr tägliches Erscheinen an dieser Stelle dem Münchener Publikum auffallend; nach und nach gewöhnte man sich an ihre Erscheinung, und ließ ihr Treiben unbehelligt, als das einer Geisteskranken. Im Volke hieß sie allgemein „die stille Beterin." Nach ungefähr zehn Jahren änderte sie ihre Lebensweise nur dahin ab, daß sie nach Verlauf einer Woche acht Tage lang ausblieb; sie wanderte von der Mariensäule regelmäßig nach Altötting zur dortigen Gnadenkirche und kam dann wieder regelmäßig nach München zurück, um nach Verlauf von acht Tagen ihre Wallfahrt nach Altötting aufs neue anzutreten.
Dieses geschah wieder eine lange Reihe von Jahren, bis sie auf einmal verschwunden und verschollen war. Man hielt sie längst für todt und das Publikum hatte sie bereits vergessen, als unerwartet plötzlich im Jahre 1853 bekannt wurde, daß durch die Gnade Königs Ludwig I. ein armes altes Weiblein in das Josefspital eingekauft wurde, welches Adelheid, die stille Beterin, war.
Dort lag sie, krank an Geist und Körper, ohne jegliche Erinnerung an ihre erlebten traurigen Schicksale, ruhig und still auf ihrem Lager, bis sie endlich am
25. März 1854, dem Feste Maria Verkündigung, ihr leidenvolles Leben beschloß. Möge die arme Dulderin wohl ruhen im Schooße der Erde!
Ueber die ferneren Erlebnisse ihres Sohnes Mar haben wir keine sichere Kunde. Ohne Zweifel bekam er nie Kenntniß von dem herben Schicksale seiner Mutter und liegt wohl längst im stillen Grabe!
Auch von dem Oberlieutenant Martin Fellner hat man nie wieder gehört! Wahrscheinlich deckt russische Erde seine Gebeine!
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der große Christoph am Eiermarkt
Dieses große Bild ist aber keineswegs das des heil. Christoph, sondern das des heil. Onuphrius.
Die Legende erzahlt Folgendes von ihm:
Es war einmal in uralten Zeiten ein König in Persien, dessen Gemahlin in gesegneten Umständen sich befand.
Da ergriff den König falsche Eifersucht; er hielt seine Gemahlin für untreu, und das zu erwartende Kindlein für das eines Buhlen. Er befahl daher, das Kindlein, sowie es zur Welt käme, sogleich in's Feuer zu werfen. Es geschah auch; aber sowie das Knäblein das Feuer berührte, erlosch dieses und also ward die Treue der Königin offenbar. Auf Befehl Gottes, durch einen Engel ihm geoffenbart, überbringt der König sein Söhnlein, das Onuphrius genannt wurde, nach Aegyptenlemd in das Kloster Hereti unweit Hermopolis, in welchem hundert Mönche in gottseliger Einhelligkeit lebten. Hier ließ der König sein Söhnlein zurück, wo es in großer Tugend und Frömmigkeit aufwuchs. Aber vom Geiste Gottes getrieben, verließ Onuphrius das Kloster, und begab sich ganz allein in eine wilde Wüstenei, um dort als Einsiedler zu leben. Sechzig Jahre brachte er hier im Gebete und frommer Betrachtung zu, ohne einen andern Menschen zu sehen. Hier lebte er von den Wurzeln des Waldes und von Quellwasser; weder die glühenden Strahlen der Sonne, noch die rauhen Nachtfröste schadeten ihm; seine Kopfhaare und Bart wuchsen ihm in solcher Menge und Fülle, daß sie ihm bis auf die Füße niederwallten und seinen Leib wie ein Kleid bedeckten. Da geschah es, daß der heilige Paphnutius vom Geiste in eben diese Wüste geführt wurde; dem begegnete ein Mensch von riesiger Größe, mehr einem
wilden Thiere als einem Menschen gleichend, es war Onuphrius. Beide bewohnten nun mitsammen die Wildniß, und wurden taglich auf wunderthätige Weise von Gott mit Brod gespeiset. Als endlich St. Onuphrius starb, flog seine Seele als weiße Taube, vom ganzen himmlischen Heere begleitet, gegen Himmel; seinen Leichnam aber begruben zwei Löwen. Paphnutius begab sich hierauf zurück in das Kloster Hereti, um das Leben des heil. Onuphrius zu offenbaren. Da erhoben die Mönche seinen heiligen Leib.
Im ganzen christlichen Oriente stand von nun an der heilige Onuphrius in großer Verehrung, und man malte häufig sein Bild, auf welchem er nackt, mit Zweigen umgürtet, von riesiger Größe und einen Knotenstock in der Hand abgebildet wurde.
Jahrhunderte waren verfloßen, da kam Herzog Heinrich der Löwe auf seiner Pilgerfahrt in's heilige Land auch nach Aegypten und besuchte die Einsiedeleien der Wüste. Hier vernahm er die wunderbaren Erzählungen von dem Leben des heil.Onuphrius, von seinen Wunderthaten und seiner Fürbitte bei Gott. Herzog Heinrich erwählte ihn daher zu seinen besonderen Schutzpatron und erbat sich von den Mönchen des Klosters, wo der Leichnam ruhte, eine Abbildung desselben und einen Theil seiner Hirnschale.
Dort im Walde traf der Herzog auf einen Löwen, der im Kampfe mit einem feuerspeienden Drachen war. Der Herzog erschlug mit seinem guten Schwerte den Drachen, worauf der gerettete Löwe ihm dankbar folgte auf der
Heimfahrt über die See. Davon erhielt Herzog Heinrich den Beinamen des Löwen.
Als nun Herzog Heinrich in München einzog, wurde ihm das Bild des heil. Onuphrius und dessen Reliquie vorgetragen, und daher entstand die Sage, der Heilige sei selbst so, wie er am Eiermarkt abgebildet ist, in die Stadt eingezogen.
Das ursprüngliche Bild ist wahrscheinlich bei dem großen Stadtbrande im Jahre 1327 mit der alten Burg zu Grunde gegangen, die Reliquie aber kam bereits im Jahre 1180 nach Braunschweig. Von diesem Bilde wurden mehrere Abbildungen gemacht; eine solche, welche als Wandgemälde in dem im Jahre 1857 in der Promenadestraße abgebrochenen Hause, das seiner Zeit dem Herzog Wilhelm V. zugehörte, aufgefunden wurde, besindet sich jetzt im bayerischen Nationalmuseum. Das am Marienplatze angebrachte Bildniß des Heiligen wurde im Jahre 1496 am Hause des Melbers Aichinger angemalt, und im Jahre 1735 sehr schlecht renovirt.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die diebische Dohle
Auf dem Hause in der Residenzstraße, der Post gegenüber, genannt zum Franziskanerbäcker, befindet sich ein Windfähnlein, welches die Gestalt eines Vogels mit ausgebreiteten Flügeln und einen Ring im Schnabel zeigt.
Vor vielen langen Jahren diente in diesem Hause bei dem dort wohnenden fürstlichen Hofrath von Lander eine junge Dienstmagd. Da geschah es eines Tages, daß ihre Dienstfrau einen kostbaren Ring vermißte, welchen sie kurze Zeit vorher auf das Fenstergesims gelegt hatte. Niemand hatte während dieser Zeit das Zimmer betreten als das Dienstmädchen, und es fiel daher der Verdacht des Diebstahles auf dasselbe. Ungeachtet alles Läugnens und fortwährender Betheuerung ihrer Unschuld wurde sie in das Gefängniß abgeführt und vom Rathe als Diebin zum Tode verurtheilt. Schon sollte das Urtheil vollzogen werden, als noch zur rechten Zeit das schadhafte Dach des Hauses reparirt werden mußte. Da fand sich in einem im Dache befindlichen Dohlenneste der vermißte Ring. Offenbar hatte die Dohle, die überhaupt glänzende Sachen liebt, den Ring am offenen Fenster erblickt und ihn in ihr Nest getragen. Die unschuldige Magd war gerettet, und zum Denkzeichen wurde auf das Windfähnchen dieses Hauses der verhängnißvolle Vogel angebracht.
Diese Sage kömmt übrigens an vielen Orten vor; schon vor fünfzig Jahren wurde sie der Gegenstand einer komischen Oper Rossini's unter dem Titel: die diebische Elster.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die drei Götzen
Bis zum Anfange unseres Jahrhundertes befand sich am Karlsthore ein Thorwarthaus sammt der Zöllnerstube.
In dieser wurde ein steinerner unförmlich großer Kopf mit drei Gesichtern, einem schwarzen, rothen und weißen gezeigt, den man die drei Götzen nannte. Auf demselben waren die Jahreszahlen 1105, 1109 und 1767 eingemeißelt. Der Sage nach soll in uralter Zeit an der Stelle, wo das Karlsthor sich befindet, ein heidnischer Götzentempel gestanden, und in demselben dieser Kopf verehrt worden sein.
Bei Abbruch der Wälle und des Thorwarthäuschens verschwand dieser Kopf spurlos, und wurde wahrscheinlich zertrümmert.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Hundskugel
Zwischen der Sendlinger- und der Josefspitalgasse befindet sich ein Gäßchen, welches den Namen „Hundskugel" führt. Der Sage nach sollen in alter Zeit einmal Hunde eine Kugel durch das Neuhauserthor hereingewälzt und an dem Hause Nr. 2 an diesem Gäßchen niedergelegt haben. An diesem Hause ist zum Denkzeichen noch gegenwärtig ein Holzrelief, verfertigt von dem Bildhauer Roman Boos, eingemauert, auf welchem Hunde mit einer Kugel spielen.
Allein der Ursprung dieses Namens ist in Wirklichkeit ein anderer. Im fünfzehnten Jahrhunderte ruhte auf diesem Hause das Recht eines sogenannten „Ehehaftbades" und der Bader früherer Zeit war zugleich auch Arzt. In dem Saalbuche der Stadt München vom Jahre 1440 ist es genannt „das Hundsfudsbad sammt Garten." An diesem Hause war ehemals ein Freskogemälde, welches Hunde mit dem Kegelspiele beschäftigt darstellte, und darunter stand der Spruch:
„Bis diese neun Kegel umscheiben die Hund,
Können wir heilen noch manche Stund.
Hundsfottbad armer Leut."
Im Mittelalter war nämlich der Ausdruck „Hundsfott" nicht ein Schimpfwort wie heut zu Tage, sondern man bezeichnete mit diesem Worte überhaupt die armen Leute. Das Bild und obiger Spruch war also offenbar ein empfehlendes Aushängschild für die Leute, eine Reclame, um bei diesem Bader fleißig zuzusprechen.
Später hörte das Bad auf, und mit ihm verschwanden Gemälde und Spruch. Der Name ,,Hundskugel" war zwar geblieben, aber mit der Zeit dem Volke unverständlich geworden.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Dr. Luther in München.
Der Reformator Dr. Martin Luther erschien im Oktober 1518 zu Augsburg, um seine Sache daselbst vor Kaiser und Reich zu vertheidigen. Allein, obgleich er sicheres Geleit vom Kaiser erhalten hatte, glaubten er und seine Freunde gerechte Besorgniß für seine Sicherheit hegen mussen; heimlich entfloh er daher nach einigen Tagen mit Hilfe des bösen Feindes unter der Gestalt des „Langenmantels" nach Mitternacht durch ein kleines Pförtchen aus Augsburg, und auf feuerschnaubenden Rosien führte der Langenmantel ihn mit Windeseile nach den gastlichen Schlössern der befreundeten Freiberger und Schwangauer auf Hohenschwangau.
Auf dieser Flucht soll er, einer alten Sage nach, nach München gekommen sein, woselbst er beim Koche in der Hölle in der Sendlingergasse einkehrte, eine Wurst aß und einen Trunk Bier that. Allein sein Begleiter befürchtete auch hier Gefahr, so daß er sich schnell wieder fortflüchtete, in der Eile aber die genossene Wurst zu bezahlen vergaß. Wird sie wohl auch bis heute noch schuldig geblieben sein. Das Haus des Koches in der Hölle wurde noch bis in die neuere Zeit gezeigt. Der Pöbelwitz aber ließ Luthern auf unzähligen Bildern mit der Bratwurst auf einer Sau davon galoppiren.
Einer weiteren Sage nach soll Katharina von Bora, Luthers nachherige Gattin, eine Zeitlang als Nonne in dem Klarissinenkloster auf dem Anger gelebt haben.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Schlafhaubenkramer
Vor hundert und einigen Jahren mied Jedermann, Nachts dem Frauenfreithofe, — der damals noch als Gottesacker benützt wurde, — zu nahe zu kommen und machte lieber einen weiten Umweg, denn seit einiger Zeit ging daselbst ein unheimlicher Geist um mit einer weißen Schlafhaube auf dem Kopfe.
Damals gab es in München in der Weinstraße gegenüber der heutigen Polizeidirektion einen Kramladen, wo noch gegenwärtig ein Kaufmann sich befindet. Der damalige Krämer, ein tüchtiger, unternehmender, und dabei lustiger Mann, ging alle Abende nach dem Ladenschlusse zum Bier, und bei dem Läuten der Bierglocke wieder ordentlich über den Frauenfreithof, wohin ihn der nächste Weg führte, nach Hause. Eines Abends, als er wieder wie gewöhnlich beim Biere saß, wurde von einem andern Gaste als größte Neuigkeit erzählt, daß sich der unheimliche Geist mit der Schlafhaube wieder auf dem Frauenfreithofe sehen lasse. Unser Krämer lachte ungläubig über diese Märe, spöttelte darüber und vermaß sich, den Geist heute zu bestehen und mit ihm fertig zu werden, wenn er ihm etwa in den Weg kommen sollte.
Als die Stunde der Heimkehr gekommen war, nahm der Krämer, der sich zuvor noch Muth getrunken hatte, Hut, Stock und Laterne und trat seinen gewöhnlichen Nachhauseweg an. Siehe! als er den Freithof betreten hatte, da sitzt ein langer weißer Mann mit einer Schlafhaube an einem Grabsteine. Bei dem Anblicke des Gespenstes rieselte es zwar dem Krämer eiskalt und schauerlich über den Körper; aber beherzt, wie er war, faßt er Muth, eilt auf das Gespenst zu und gibt ihm mit der Faust eine solche Maulschelle, daß ihm die Schlafhaube vom Schädel fällt. Nach dieser heroischen That befiel aber plötzlich unsern Krämer eine panische Furcht; er lief, was er laufen konnte, das Gespenst aber ihm nach. Glücklich erreicht er noch sein Haus und die Hausthüre, und schlägt dem Verfolger die Thüre vor der Nase zu. Durch die Hausthüre konnte der Geist aber nicht durch, weil sie nach altem löblichen Brauche mit drei Kreuzen und den Buchstaben C. M. B. bezeichnet war. Der Krämer eilt über die Stiege hinauf in feine Stube, — aber, o Schrecken! da sieht die unheimliche Gestalt auch schon zum Fenster herein. In der Angst ergreift der Krämer ein Bild der heiligen Muttergottes von Altötting, reißt es von der Wand und wirft es dem Geiste entgegen, der hierauf augenblicklich verschwand. Der zum Tode erschreckte Krämer sinkt alsbald in tiefen Schlaf, und als er des andern Morgens gesund und wohl aufwacht, siehe, da hängt das Bild wieder ruhig an seinem Nagel an der Wand.
War nun diese Geistergeschichte etwa wirkliche Wahrheit, oder war sie vielleicht nur ein wüster Traum des etwas angetrunkenen Krämers, oder war sie ein neckender Spatz seiner Freunde, — kurz, von dieser Zeit an hieß dieser Krämer in der ganzen Stadt der Schlafhaubenkramer, und dieser Name blieb bis vor ein paar Jahrzehnten noch immer auf diesem Hause. Der Geist mit der Schlafhaube wurde aber von jener Stunde an nicht mehr gesehen; vielleicht war er durch die erhaltene Maulschelle erlöst.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das Geistergericht
In der Nähe von München zwischen Ramersdorf und Zorneding liegt eine weite Haide. Zu gewissen heiligen Zeiten entsteigen dort Nachts aus der Erde Geistergestalten in alter verblichener Tracht, um Gericht zu halten. In einem großen Kreise sitzen sie umher, in ihrer Mitte eine Gestalt als Angeschuldigter, zu seiner Seite der Nachrichter mit bloßem Schwerte. Eine Glockenstunde lang dauert die lebhafte und erregte Verhandlung; doch dem Geistermunde ertönt kein lautes Wort, klanglos sind alle Reden. Endlich wird der Angeschuldigte von dem Nachrichter enthauptet, in diesem Augenblicke schlägt die Ramersdorfer Kirchthurmuhr ein Uhr, und mit dem ersten Schlage ist das Geistergericht verschwunden.
Nur zufällig haben solches nächtliche Wanderer erblickt; denn kein Bewohner der Umgegend wagt sich in solchen Nächten auf die Haide.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das Tutlipfeiferl
Von München führt nach dem nahen freundlichen Vergnügungsorte Harlaching durch die Isarauen ein lieblicher und lustsamer Spazierweg, der erst seit ein paar Dezennien vom Stadtmagistrate mit reizenden Anlagen und schattigen Gängen verschönert wurde. Lustwandler, die zur späten Abendzeit, wenn schon die Sterne am Himmel blinken, von Harlaching her über die Ueberfälle zur Stadt zurückkehren, werden oft von einem unsichtbaren neckischen Geiste erschreckt, der sie schrillernd bald in der Nähe, bald aus der Ferne, bald aus einem der Gebüsche oder Sandbänke, bald mitten aus dem Flusse anpfeift. Das ist die Isarnixe, bekannt unter dem Namen: das Tutlipfeiferl.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Wachtposten an der Hexenbastei
Nahe bei dem vor ein paar Jahren abgebrochenen Falkenthurme stand in früherer Zeit der Hexenthurm und an diesem die Hexenbastei. An letzterer befand sich eine Schildwache zur Bewachung der Gefangenen. In älteren Zeiten geschah es oftmals, daß der Teufel zwischen 11 und 12 Uhr Nachts kam, um die Wache förmlich abzulösen, und er rief sie mit rauher, hohler Stimme an: „Abgelöst!" Wehe dem Soldaten, der sich hiezu vom Teufel verführen ließ; er wurde Morgens bewußtlos mit zerbrochenem Gewehre im Stadtgraben liegend aufgefunden. Selbst Offizieren vom kurfürstlichen Leibregimente, die ungläubig es über sich nahmen, als Schildwache das Abenteuer zu bestehen, passirte Gleiches.
Eine ähnliche Sage existirt auch in Ingolstadt, wo der Teufel mit einer Kanone im Arme auf einer Bastei soll Schildwache gestanden sein.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die drei Raben
Vor sechzig bis siebzig Jahren lebte in München ein Advokat bösen Herzens und argen Gemüthes; er dachte nur darauf, auf Kosten seiner Klienten seinen Geldsack zu füllen, hetzte sie zu ungerechtem Prozessiren auf, bis er sie ganz ausgeplündert hatte, uns machte sich gar kein Gewissen daraus, Wittwen und Waisen durch seine hinterlistigen Kniffe um ihr letztes Scherflein zu bringen. In diesem sündhaften Treiben ereilte ihn plötzlich der Tod, - ein Schlagfluß hatte ihn getroffen.
Da lag er denn mit vielem Prunke aufgebahrt in seinem Saale mit Lichtern umgeben und ein Kruzisix mit einem Weihbrunnenkesselchen daneben, und da kamen viele Leute aus der ganzen Nachbarschaft, die Leiche zu beschauen und ein paar Vaterunser zu beten, wie's der Brauch ist. Aber getrauert hat Niemand um ihn, vielmehr fiel manches harte und böse Wort über den Verstorbenen. Da fliegen mit einem Male zwei Raben an das geschlossene Fenster, und picken so lange an dasselbe, bis es zerbricht und die Glasscherben klirrend auf den Boden fallen. In diesem Augenblicke entfliegt aus dem offenen Munde des Todten ein kohlschwarzer Vogel und sämmtliche drei Raben fliegen von dannen. Der Leichnam des bösen Advokaten ist aber gleich nachher über und über schwarz geworden.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das schwarze Kalb
Vor alten Zeiten ließ sich täglich in einem Hause in München ein Geist in Gestalt eines schwarzen Kalbes sehen, welches darin umher rumorte, so daß Niemand mehr im Hause verbleiben zu können vermeinte. Da die gewöhnlichen Beschwörungsmittel nichts fruchteten, so wurde ein Geistlicher geholt, den Geist zur Ruhe zu bringen. Dem Priester gelang es, denselben zum Sprechen zu bringen, und da zeigte es sich, daß es die verstorbene Hausfrau war, welche zeitlebens ein böses Weib gewesen, und zur Strafe nach ihrem Tode als schwarzes Kalb umgehen mußte. Da aber selbst der Geistliche mit dem bösartigen Geiste nicht zurecht kommen und ihn zur Ruhe bringen konnte, so bannte er ihn in eine zinnerne Flasche mit zugeschraubtem Deckel, versiegelte sie mit geweihtem Wachse und drückte ein Signet mit einem Kreuze versehen darauf, so daß der Geist den Deckel nicht heben konnte. Dann wurde noch in derselben Nacht die Flasche in das Erdinger Moos gebracht und dort vergraben. In dieses Moos wurden schon manche solche geheimnißvolle Flaschen gebracht und Geister dahin gebannt, daher es gefährlich ist, dasselbe an gewissen Orten zur Nachtzeit zu betreten, indem der Geist gerne den Wanderer in den bodenlosen Sumpf verlockt.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Spiegelbrunnen
Das Eck, welches die Theatinerstraße in das Schrammengäßchen, der k. Polizeidirektion gegenüber, bildet, hieß in alten Zeiten das Spiegelbrunneneck und kömmt unter diesem Namen schon in einer Urkunde vom Jahre 1543 vor. Noch vor etwa fünfzig Jahren war an diesem Hauseck ein Gemälde angebracht, welches ein hahnartiges Thier, wie man den fabelhaften Basilisken zu malen pflegt, vorstellte. Vor diesem Hause stand damals an derselben Stelle, wo noch jetzt der Schöpfbrunnen steht, ein Zieh- oder Kettenbrunnen. Hierüber geht folgende Sage:
In diesem Brunnen hausete vor uralten Zeiten ein Basilisk. Der Basilisk ist aber ein gräuliches Thier, denn seinen Blick kann kein lebendiges Wesen ertragen; wer ihn sieht muß sterben, und auch er selbst, wenn er seiner ansichtig wird. Das war nun ein großer Jammer in München, denn Jeder, der in die Tiefe des Brunnens hinabschaute, wurde von dem Blicke des Basilisken sogleich getödtet, und Viele waren auf diese Weise schon umgekommen. Da wurde endlich ein großer Spiegel herbeigebracht und über dem Brunnen aufgestellt, und als gleich darauf der Basilisk aufwärts schaute und in dem Spiegel sein eigenes Bild erblickte, war er sogleich todt. So wurde die Stadt von diesem Unheile errettet, und der Brunnen hieß seitdem der Spiegelbrunnen.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Spieler
In der Kirche der Franziskaner zu München war ehemals ein großes rundes Mauerloch zu sehen, durch welches der Teufel einen verruchten Spieler, der das Bildniß des gekreuzigten Heilandes mit gotteslästerlicher Zunge und mittelst Ausspuckens gröblichst verunehrte, herausgerissen und geholt haben soll.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Thalkirchens Gründung
(Erzahlt von Hundt im bayer. Stammenlmch.)
In der Fehde so Hertzog Stephan wider die Reichsstadt geführt, sonderlich wider Augspurg, haben Herr Christian und Herr Wilhalm die Fraunberger zum Hag, als deß Hertzogen Gehülfen aufs ein Zeit vil Augspurger erschlagen, derhalb sie weichen müssen, und wie sie an dem Ort, der jetzt Dalkürchen ist an das Wasser die Isar oberhalb München kommen (1388), und wie man ihnen nachgeeilt, haben sie der Mutter Gottes versprochen, der Orten ein Closter zu bawen, so ihnen vbergeholssen, wie beschehen, darauf Herr Christian dieselb Capelln von grundt auffbawet, vnd als er darnach Anno 1396 mit Pfalzgraf Ruprecht auch anderem Bayrischen Adel, König Sigmundt von Vngern wider die Türken zuzogen, soll endtliches vorhabens gewest sein, aufs sein Wiederkunfft das Closter vollends zu bawen, deshalb auch etlich Gelt verordnet, aber er ist daselb sampt vielen anderen vmbs kommen (in der Schlacht bei Nikopolis, 26. Sept. 1396).
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Maria Eich
Es war einmal in München ein Herzog, der ritt eines Tages mit einem großen Gefolge von Hofherrn, Rittern und Jagern hinaus in den großen Wald, welcher sich gegen Starnberg und gegen Fürstenfeld hin erstreckte. Da erblickte der Herzog von ferne einen prächtigen Hirschen mit mächtigen Geweihen, wie ihm schon lange kein so schöner aufgestoßen war. Sogleich wurde Jagd auf ihn gemacht, die Hörner erklangen, die Meute der Jagdhunde verfolgte dessen Spuren, aber der Hirsch war in rascher Flucht immer den Jägern weit voraus. Da sah der Herzog zu seiner Verwunderung, daß der Hirsch plötzlich bei einem Eichbaume stehen blieb, und unverwandt in dessen Höhe hinauf schaute. Der Herzog vahte mit seinem Jagdgefolge heran, allein das edle Thier blieb immer ruhig stehen. Als sie aber an deni Eich baume ankamen, sahen sie oben an demselben ein Bild der allerseligsten Mutter Gottes angebracht, zu welcher offenbar der Hirsch seine Zuflucht genommen hatte. Der Herzog, durch dieses augenscheinliche Wunder gerührt, schenkte dem Hirschen Leben und Freiheit, und ließ an dieser Stätte ein Kirchlein mit einem Häuschen für einen Klausner erbauen. Der Eichbaum aber blieb in dem Kirchlein stehen. Zwar sind seine mächtigen Aeste, die mit ihrem Laube einst das Kirchlein überschatteten, längst verdorrt, aber der Stamm des Baumes blieb erhalten und ist noch heut zu Tage am Chore zu sehen. Auch das Muttergottesbild ist noch vorhanden. Dieses Kirchlein wurde bald eine berühmte Wallfahrt und viele Wunder sind daselbst durch die Fürbitte der allerseligsten Mutter Glottes geschehen, wovon eine Menge Votivtafeln, die im Kirchlein aufgehängt sind, Kunde geben.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das Sonnwendfeuer
Ein uralter Gebrauch ist das Anzünden von Feuer im Freien am Tage Johannes des Täufers, also zur Zeit der Sonnenwende, woher es den Namen „Sonnwendfeuer" oder „Johannesfeuer" führt, und über welches dann Jung und Alt sprang. Auch in München war solches üblich und, wurde das Sonnwendfeuer am Marktplatze angezündet. An dieser Volksbelustigung nahmen sogar die Fürsten gerne Antheil, und wir haben in einem früheren Abschnitte gelesen, wie Herzog Stephan von Ingolstadt im Jahre 14l)1 auf dem Marktplatze zu München über das Sonnwendfeuer sprang und sammt seiner jungen Gemahlin und den Fräuleins mit den Bürgerinen um dasselbe tanzte. So tanzte auch auf dem Reichstage zu Regensburg im Jahre 1471 der deutsche König Friedrich mit schönen Frauen um das auf offenem Markte angezündete Johannisfeuer, und im Jahre 1496 der Prinz Philipp, — der nachmalige
König Philipp II. von Spanien, — im Fronhofe zu Augsburg mit der schönen Susanna Neidhardtin.
Dieser alte Gebrauch stammt offenbar noch aus heidnischen Zeiten, denn schon bei den alten Römern gehörte das Springen über ein angezündetes Strohfeuer zu den Ceremonien der Palesfeier. In den Zeiten des Christenthumes verband sich dieser heidnische Gebrauch mit dem Feste des heil. Johannes, und er erscheint daher nunmehr auch unter dem Namen des Johannesfeuers. Begreiflich ist, daß auch bald der Aberglaube an dieses Feuer sich knüpfte, der noch heut zu Tage im Volke haftet. Man tanzt z. B. mit geflochtenen Kränzen um dasselbe, und wer durch einen solchen Kranz in das Johannesfeuer schaut, dem thut das ganze Jahr kein Auge weh; dem vom Feuer ungesengten Springer kommt selbiges Jahr kein Fieber bei; ein noch glühender Brand aus demselben in ein Feld gesteckt, bewahrt dieses vor Hagelschlag. Dieser religionswidrige Aberglaube veranlaßte schon vor mehreren Jahrhunderten die Kirche, das Sonnwendfeuer als unchristlich zu verbieten. Dennoch aber erhielt sich dieser Gebrauch als harmlose Volksfreude auf dem Lande und namentlich im Gebirge bis auf unsere Zeiten, und es gewährt einen wunderherrlichen zauberhaften Anblick, am 24. Juni bei hereinbrechender Nacht auf den Höhen der bayerischen Voralpen die unzähligen Sonnwenofeuer stundenweit erglänzen zu sehen. Auf der Ebene singen in Altbavern die um das Feuer tanzenden Kinder gewöhnlich folgendes Lied:
Heiliger Sankt Veit,
Schick uns a Scheit,
Heiliger Sankt Wendl,
Schick uns a'n Bengl,
Heiliger Sankt Florian,
Zünd uns dös Feuer an!
oder:
Ist a braver Herr im Haus,
Reicht er uns a Scheit heraus,
Zwei Scheiter und zwei Boschen
Macht es brennen und gloschen.
In neuerer Zeit ergingen aber auch polizeiliche Verbote, besonders in Städten, gegen diesen Volksbrauch als feuergefährlich oder als holzvergeudend. Noch durch die Münchener Feuerordnung vom Jahre 1751 wird „das sogenannte Johannes- oder Sommerwendfeuer in denen Häusern und auf denen Gassen der Stadt ernstlich verboten, und es ist daher in den Städten wohl allenthalben verschwunden.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Raunächte
In naher Verbindung mit den eben beschriebenen Gebräuchen der Sommersonnenwende stehen, offenbar auch aus heidnischer Vorzeit herstammend, die Gebräuche der Winter-Sonnenwende. Diese geheimniszvolle Zeit ist in München, und überhaupt in Altbayern, unter dem Namen der Rauchnächte bekannt, und man begreift unter denselben die zwölf Nächte zwischen Christi Geburt und heil. Dreikönige. Diese Nächte, und unter ihnen besonders der Vorabend oder die Nacht zum Christtage, zum Neujahrs- und zum Dreikönigstage, dann ausserdem noch die Thomasnacht hält der Volksglaube für geeignet, sich mit der Geisterwelt in Verbindung zu setzen und durch geheimnißvolle und schauerliche Ceremonien in die Zukunft zu schauen und kommendes Glück oder Unglück zu erforschen. Diese Ceremonien werden in München mit dem Namen „lößeln" bezeichnet, und sind sehr verschiedener Art. Man gießt z. B. geschmolzenes Blei oder Eier in ein mit Wasser gefülltes Gefäß, und aus den verschiedenen Figuren, in die sich das Blei gestaltet, sucht man sein Schicksal oder kommende Ereignisse zu ersehen. — Hauptsächlich aber sind es junge und alte Mädchen, die durch das „Lößeln" zu erfahren wünschen, ob sie im nächsten Jahre „einen Mann bekommen." So z. B. werfen heiratslustige Mädchen in einer der Rauchnächte, auf dem Boden kauernd und mit dem Rücken gegen die Thüre zugekehrt, den linken Schuh über den Kopf und sehen aus der Lage desselben, ob sie im Laufe des Jahres das Haus als Bräute verlassen oder nicht. Das erstere wird angenommen, wenn die Spitze des Schuhes gegen die Thüre zu fällt. Oder dem Mädchen, das in der Thomasnacht unter wissen Ceremonien rückwärts in ihr Bett steigt, dabei die Worte spricht:
Bettstatt ich tritt' dich,
Heiliger St. Thomas ich bitt' dich,
Laß mir heut Nacht er.schein'n
den Herzallerliebsten mein!
und dann zwei geweihte Kerzen vor dem Bette brennen läßt, erscheint in der Nacht die Gestalt des künftigen Bräutigams. — Andere dergleichen abergläubische Handlungen geschehen mit Holztragen, Brunnenschauen, Spiegelschauen, geweihtem Brode u. dgl.
In früheren Zeiten wurde in München in diesen zwölf dächten ein besonderes Brod gebacken, das man Rauchte ecken nannte und dem man eine geheimnißvolle Kraft zuschrieb.
Ehedem war in München am letzten Donnerstag vor Weihnachten, den man die Klöpfleinsnacht, oder in der Volkssprache Klöpfelsnacht nannte, üblich, daß die Dienstmägde bei den Krämern, Metzgern, Bäckern und andern Gewerbsleuten, bei denen sie das Jahr hindurch einkauften, und die Handwerkslehrjungen bei den Kunden ihrer Meister ein kleines Geschenk in Geld oder sonst etwas, z.B. sogenanntes Kletzenbrod erhielten, wobei sie solgenden Reimspruch recitirten:
Holla! holla! klopf an!
Die Frau hat a'n schön'n Mann.
Geit mir d'Frau a'n Küchel z'Lohn,
aß ich'n Herrn g'lobt ho'n,
A'n Küchel und a'n Zeltn,
Der Peter wird's vergelten,
Da Peter ist a heiliger Mann,
Der alle Ding vergelten kann.
Dieser Gebrauch der guten alten Zeit ist aber der modernen Aufklärung, die dergleichen harmlose Geschenkreichung als Bettelunfug bezeichnet, zum Opfer gefallen.
Hingegen aber hat der heilige Dreikönigstag, in alten Urkunden der „obriste Tag" genannt, in München wie auf dem Lande als Schluß der Rauchnächte noch immer besondere geheimnißvolle Bedeutung. Am Vorabende desselben schon wird in der Kirche Wasser, Salz, Kreide und Weihrauch geweiht. Mit der geweihten Kreide werden alle Thüren in Haus und Stall mit den Anfangsbuchstaben der Namen der heil, drei Könige, + C + M + B (Kaspar, Melchior, Balthasar) und der Jahrzahl beschrieben und dazu mit dem Weihrauche geräuchert, wodurch dem Teufel, den Heren und allen bösen Geistern der Eingang und aller Schaden abgewendet wird. Ueberdieß wird noch vom Hausherrn das ganze Haus mit einer Glutpfanne, auf welche Weihrauch, Wachholderbeeren und andere geheimnißvolle Kräuter geworfen werden, ausgeräuchert.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Schäfflertanz
Ueber den Ursprung dieser Sitte erzählt die Volkssage folgendes. In alten Zeiten regierte in der Stadt München eine große Pest, so daß die Menschen nicht nur in ihren Häusern in Menge hinstarben, sondern selbst auf den Gassen plötzlich todt niedersielen. Keine Hilfe und kein Mittel wollte das Uebel vertreiben; da erkannte man endlich, daß dieses Sterben von einem giftigen Lindwurm herkomme, der in einem Brunnen in der Weinstraße hausete, und dessen giftiger Hauch die Luft verpestete. Es gelang diesen Wurm aus dem Brunnen herauszulocken und ihn zu töten.*) Von diesem Unthiere heißt noch heutige Tages das Eckhaus in dieser Straße gegen den Marienplatz
Platz zu das „Wurmeck" und ist zum Gedächtnisse der Lindwurm an demselben abkonterfeit. Allein obgleich nach der Tödtung des Unthieres die Seuche abnahm, so waren doch die Furcht und der Schrecken noch so groß, daß lange kein Mensch aus den Häusern zu gehen sich getraute, und von auswärts Niemand in die Stadt zu kommen wagte. Da faßten zuerst die Schäffler wieder Muth, zogen mit Trommel und Pfeifen vor die Häuser und führten mit grünen Reifen Tänze auf, um das Volk zu erheitern und Leben in selbes zu bringen. Seitdem werden zum Andenken diese Tänze alle sieben Jahre wiederholt.
So lautet die Sage. Allein alle diese Handwerksgebräuche gingen aus der Vereinigung der Gewerbtreibenden zu Zünften und Innungen im 13. und 14. Jahrhunderte hervor. Ihre Bedeutung wohl fühlend, suchten diese Zünfte sich durch Gesetze, Zunftordnungen genannt, durch Zucht, Kunst und Ehrenhaftigkeit zu kräftigen. Um dieses einträchtige Zusammenhalten zu befördern, dienten besonders kirchliche und weltliche Festlichkeiten und Ceremonien; die Jahrtage, das Aufdingen, das Freisagen der Lehrlinge wurde mit Gottesdienst, mit Feierlichkeiten und Gastmahlen gefeiert. So entstanden fast in allen Städten Deutschlands Handwerksgebräuche, die im Geiste des Mittelalters und im Interesse der Zunft selbst wurzelten. Der Schäfflertanz, der Metzgersprung u. dgl. stehen daher in München nicht vereinzelt, vielmehr sinden sich ähnliche Zunftgebrauche und Feierlichkeiten fast in allen Städten; ein Küfnertanz wurde jährlich in Frankfurt auf dem zugefrornen Maine gehalten, auch in Salzburg hielten die
Schaffler alle sieben Jahre ihren Reifleintanz, in Nürnberg verlieh Kaiser Karl IV. im Jahre 1349 den Zünften der Metzger und der Messerschmiede das Recht des Schembartlaufens, wobei der Pickelhering mit Kälberschwänzen bekleidet war. — Die Messerschmide in München gehörten sogar zu den vier privilegirten Bruderschaften im heil, römischen Reiche, die (nächst Wien, Heidelberg und Basel) alle in diesem Handwerke vorkommenden Streitigkeiten für ganz Deutschland entscheiden konnten. — So hielt fast jede Zunft ihren sogenannten „Dinzeltag", wo die „Zunftmannigen" in festlicher Kleidung einem eigenen Gottesdienste in der Kirche beiwohnten, und hernach feierliche Umzüge, besondere Ceremonien und ein Mahl hielten.
Bei dem Schäfflertanze nun ziehen die Münchener Schäffler (anderwärts Küfner oder auch Böttcher genannt) zur Fastnachtszeit, und zwar vermöge eines kaiserlichen Privilegiums, in der alten ehemaligen Tracht der Edelknaben vor die Häuser verschiedener Herrschaften, ihrer Hauptkunden, oder wo solches überhaupt auf Anfragen gegen Bezahlung genehmigt wird, mit Musik, die früher in einer Trommel und Pfeifen bestand. Dort führen sie mit ihren großen mit Buchs und Bändern gezierten Reife», die sie in den Händen halten, einen Contretanz, den großen Achter genannt, auf, wobei sie verschiedene Figuren bilden. Zum Schlusse wird die Gesundheit der Familienglieder, vor deren Wohnung sie tanzten, getrunken, wobei ein volles Glas auf die innere Fläche eines Reifbogens gestellt und mit diesem herumgeschwungen wird.
In früherer Zeit war dabei die sogenannte Gretel in der Butten. Diese war ein Lustigmacher, der vier Karten-Aß auf dem aufgekrämpten Hut hatte, ein ausgestopftes altes Weib in einer Butte auf dem Rücken trug und eine lange Wurst in der Hand hielt, die er den Buben um das Maul schlug. Hiebei wurde nachstehendes Lied mit Trommel- und Pfeifenbegleitung gesungen:
„Gretel in der Butten,
Wie viel gibst du Oa (Eier)?
Um a'n Batzen achte,
Um a'n Kreuzer zwoa.
Gibst du mir nöt mehra,
Als um a'n Kreuzer zwoa,
So b'halt du no dein' Butten,
Und alle deine Oa."
Diese Maske, die Gretel in der Butten, soll der Sage nach daher rühren, weil nach überstandener Pest ein Bauernweib mit Eiern in ihrer Butte sich zuerst in die halb entvölkerte Stadt hinein wagte. Im Jahre 1802 befand sich die Gretel in der Butten zum letztenmal beim Schäfflertanze.
*) Man vergleiche über diese Sage die bereits in dem vorigen Bilde aufgeführte Sage: Der Spiegelbrunnen.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Metzgersprung

Durch diese Feierlichkeit pflegen die Metzger ihre ausgelernten Lehrjungen freizusprechen, wodurch diese in die Gemeinschaft der Gesellen aufgenommen werden.
Am Fastnachts-Mondtage eines jeden Jahres ziehen sie in Begleitung sämmtlicher Handwerksgenossen von ihrer Ladstube im Thale, — Herberge genannt, — in die St. Peterspfarrkirche zum Gottesdienste; nach demselben geht der Zug durch mehrere Straßen der Stadt. Musik eröffnet denselben; hierauf kommen, auf geschmückten Pferden reitend, die Metzgerlehrlinge, welche freigesagt werden. Jedem Lehrlinge folgt, ebenfalls zu Pferde, ein Söhnchen eines Gewerbsmeisters, das er sich eigens zum Pathen, hier Gevatter genannt, bei der vorzunehmenden Taufe erbeten hat. Alle sind festlich und neu gekleidet, in schwarzen Beinkleidern, rothen Westen und Jacken, die Hüte mit bunten Bändern und vielfarbigen Blumensträußen geziert; die Hüfte umgürtet eine reine weiße Schürze, an welcher der blanke Wetzstahl glänzt.
Nun folgen zu Fuß die sämmtlichen Metzgerknechte in sonntäglichem Anzuge, auf ihren Hüten reich gestickte Bänder und Blumenzier, und in den Händen Sträuße tragend. Ihnen schließen sich der Altgeselle mit den Kannen- und Willkommsträgern und den Beimeistern an. Der Altgeselle und die beiden Träger sind in altmodische rothe mit Silberborten besetzte Röcke und Westen gekleidet, um die Schulter hängt ein breites Bandelier mit einem Degen, auf dem Kopfe tragen sie dreieckige Hüte. Vor der Residenz hält der Zug an; sie sprechen daselbst mit herzlichen Worten den Mitgliedern des königlichen Hauses die Huldigung ihrer treuen Anhänglichkeit und Liebe aus, und bieten dann dem Hochgefeierten den Willkomm dar, der immer freundlich angenommen wird. Willkomm aber nennt man einen großen Pokal; derselbe ist von Silber und vergoldet, der Griff an der Kanne stellt einen Metzger mit dem Beile dar, auf demselben besinden sich die Jahrzahlen 1670 und 1747. It der Umzug geendet und auf dem Marienplatze angelangt, so begeben sie sich in ein nahe gelegenes Gasthaus, woselbst sich die Lehrlinge umkleiden. Sie erhalten nun eine Kleidung von weißen Fellen, die straff an dem ganzen Körper anliegend rings vom Scheitel bis zum Fuße mit Trotteln von vielen Kälberschwänzchen behängt ist.
Gegen ein Uhr erscheint der Altgeselle, mit den Lehrlingen auf dem errichteten Gerüste des Fischbrunnens am Marienplatze. Der Altgeselle verneigt sich zuerst fröhlich gegen das zuschauende Volk, dann läßt er Gläser mit rothem Weine füllen, und leert sie auf das Wohl des Königs, der Königin, des ganzen königlichen Hauses, der Stände des Reiches, der königlichen Behörden, des Magistrates, der Einwohner Münchens, aller Bayern und endlich einer ehrsamen Zunft. Darauf beginnt die Freisprechung der Lehrlinge auf folgende Weise:
Altgesell: Wo kommst du her, aus welchem Land?
Lehrling: Allhier bin ich ganz wohl bekannt, allhier hab' ich das Metzgerhandwerk aufrichtig und redlich erlernt, eben darum will ich auch ein rechtschaffener Metzgerknecht werden.
Altgesell: Ja, Ja! — Allhier hast du das Metzgerhandwerk aufrichtig und redlich gelernt, sollst auch ein rechtschaffener Metzgerknecht werden. Du sollst aber getauft werden bei dieser Frist, weil du gerne Fleisch, Bratwürst und Bratl iß'st. Sag an mir deinen Namen und Stammen, so will ich taufen in Gottes Namen.
Lehrling: Mit Namen und Stammen heiß ich N. N. in allen Ehr'n; das Taufen kann mir Niemand wehr'n.
Altgesell: Nein, Nein! — Das Taufen kann dir Niemand wehr'n; aber der Nam' und Stamm muß verändert wer'n (werden). Du sollst hinfüro heißen Johann Georg Gut, der viel verdient und wenig verthut.
Während dieses Spruches schlägt der Altgeselle mit flacher Hand die Lehrlinge wiederholt und derb auf die Schulter. Mit einem Male springen nun plötzlich alle Jungen jubelnd in den Brunnen, werfen unter die umstehende Zuschauermenge Nüsse u. dergl. aus, und begießen und bespritzen die Kinder, die sich herandrängen um eiligst die Nüsse aufzuheben, aus den vorhandenen Schapfen mit reichlichen Wassergüssen, worüber natürlich großes Gelächter und Jubelgeschrei entsteht. Hat dieser nasse und kalte Spaß einige Zeit lang gedauert, so steigen die Freigesagten aus ihrem Bade; jedem wird nun ein weißes Tuch um den Hals gebunden, und jeder mit einem blauen Bande geschmückt, an welchem silberne und vergoldete Schaumünzen, nämlich die Pathengeschenke ihrer kleinen Gevattern oder Thaler als Andenken von ihren sonstigen Verwandten und Freunden hängen. Von diesem Augenblicke an sind jene Lehrlinge freie und ehrsame Metzgersknechte; sie gehören nun zur Metzgerzunft, und dürfen bei allen Gelagen mit einem ehrbaren Mädchen tanzen.
Sobald die Freigesprochenen wieder umgekleidet sind, geht der Zug in die Herberge zurück. Die Abende des Fasching-Montages und Dienstages schwinden bei Schmaus, Gesang und fröhlichem Tanze in Freuden dahin, und somit endet die alljährliche Lustbarkeit dieses altherkömmlichen Zunftgebrauches.
Das Jahr der Entstehung dieses Gebrauches ist eben so unbekannt, wie beim Schäfflertanze; die Volkssage aber knüpft ihn gleichfalls an eine große Pest in alten Zeiten.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das Jackelschutzen
Ein alter Handwerksgebrauch, der aber seit Anfang dieses Jahrhundertes in Folge polizeilichen Verbotes abgekommen ist.
Es hatten nämlich ehemals die Schmid- und Schlosserlehrjungen die Gewohnheit, am Tage Johann des Täufers eine kleine Puppe, die als ein Schmid gekleidet war und der Jackel hieß, je zu vier und vier herumzutragen, und selbe vor den Häufern ihrer Kunden mittels eines Leintuches in die Höhe zu werfen und wieder aufzufangen. Dabei sangen sie nachstehenden Reim:
„Wir schutzen den Jackel in alle Höh,
Daß ihm's Weiß' in'n Augen vergeh,
Eins, zwei, drei.
Der Jackel, der hat a groß' paar Aug'n,
Der taugt uns wohl zum Geld aufklaub'n,
Eins, zwei, drei.
Der Jackel, der hat a große Nas'n,
Die taugt uns gut zum Feu'r anblaf'n,
Eins, zwei, drei. Der Jackel ist gar hoch gebor'n, Hat wenig Hirn und lange Ohr'n, Eins, zwei, drei. Natürlich war es hiebei auf ein Geschenk, das ihnen von den durch diesen Witz Beehrten gereicht wurde, abgesehen. Der Name hat aber wahrscheinlich Bezug auf den großen Schmidhammer, den die Schlosser und Schmide Jackel nennen.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Bäckerschnelle
Es war in ganz Deutschland eine uralte Sitte, den Bäcker, der ungewichtiges oder schlechtes Brod lieferte, dadurch zu strafen, daß er in einem Korbe, der zwischen zwei Balken hing, in das Wasser geschleudert und aus diesem unfreiwilligen Bade sogleich wieder herausgezogen wurde.
Diese Strafe war schon den alten Römern bekannt, indem nach den Uberlieferungen des Lustspieldichters Plautus und des Cieero in feiner Rede für den Sertus Roseius die straffälligen Köche, welche zugleich die Backer waren, in einen Korb gesteckt und in einen Brunnen gehängt wurden. Von den Römern scheint diese Strafe auch auf die Deutschen übergegangen zu sein.
Wir wissen aus einer Nachricht, daß in Regensburg diese Strafe im Jahre 1323 am St. Jakobshofe auf der sogenannten Bäckerspreng oder Bäckerbruck an einem Bäcker vollzogen wurde.
In München war die sogenannte Bäckerschnelle bei der Roßschwemme über der dortigen Brücke in oben bezeichneter Weise, und bestand bis zum Jahre 1810.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die offiziellen Schlittenfahrten
Im 16. Jahrhunderte pflegte der Magistrat der Stadt München am Sonntag nach heil, drei Könige jeden Jahres Nachmittags eine große Schlittenfahrt durch die Straßen der Stadt zu veranstalten, an welcher die Bürgermeister, die Mitglieder des Rathes, die Patrizier und ihre Frauen und Töchter theilnahmen. Dieser Schlittenfahrt sahen die Herzoge mit ihren Familien aus den Fenstern der Residenz zu. Am Abende desselben Tages fand dann auf der „Trinkstube" am Marienplatze eine große Mahlzeit statt, zu welcher die Herzoge das Wildpret verabreichen ließen, und auch wohl selbst bei dem am Schluße stattfindenden Tanze erschienen.
Diese Schlittenfahrten mochten im Verlaufe der Zeit vom Magistrate nicht mehr ganz geeignet gefunden worden sein, denn vom Jahre 1592 an machte derselbe fortwährende Versuche dieselben einzustellen, während aber anderseits der herzogliche Hof sie als eine hergebrachte ihm gebührende Huldigung ansah, und auf deren Abhaltung zu bestehen suchte. Die darüber gepflogenen Verhandlungen erscheinen für uns und unsere veränderten Zustände so absonderlich und komisch, daß es der Mühe verlohnt, einige Blicke darauf, als karakteristisch für damalige Zeit, zu werfen.
Am 10. Januar 1592 kündigte der Magistrat dem Herzoge Wilhelm V. ganz kurz an, er sei Willens, diese Schlittenfahrten künftig ganz einzustellen. Aber schon des folgenden Tages am 11. Januar befahl der Herzog, die Herumfahrt morgen zu halten. Noch am nämlichen Tage remonstrirte der Magistrat dagegen und bat zugleich die Herumfahrt, da bisher noch kein Schnee gefallen, bis kommende Fastnacht zu verschieben, und zwar um so mehr, als mehrere ihrer Hausfrauen schwangeren Leibes seien und daher das Herumfahren mit Schlitten auf dem bloßen Pflaster gefährlich für sie sei; bitten also „ihre Hausfrauen und Töchter zu verschonen."
Die Akten melden von dem Verlaufe der Sache in diesem und den nächstfolgenden Jahren nichts, es scheint daher, daß diese Differenzen gütlich ausgeglichen wurden.
Aber im Jahre 1604 erscheint wieder ein Schreiben des Herzoges Maximilian I. an den Stadtmagistrat, in welchem er demselben wegen der unterlassenen Schlittenfahrt sein Mißfallen ausdrückt und unter Androhung von Strafe befiehlt, herumzufahren, es schneie oder nicht.
Dagegen remonstrirt unterm 18. Januar wieder der Magistrat und führt an, „sie hätten, weil der Herzog ihnen dieß Jahr zum Bürger mahle das übliche Wildpret nicht habe zuordnen lassen, geglaubt, Er selbst wolle diese Zusammenkünfte wegen der großen Unkosten abstellen. Sie selbst hätten aber auch dabei immer Unkosten gehabt, die sie nicht erschwingen können, etliche hätten aus ihrem Privatvermögen 10« Gulden, ja etliche 200 Gulden Auslagen gehabt, geschweige der Leibes- und Lebensgesahr, die sie durch Ungeschicklichkeit der uneingeübten Bürger ausgestanden. Da nun der Herzog die Mahlzeiten einzustellen vermeint, so haben sie zur Ersparung fernerer Unkosten das Herumfahren gleichfalls einstellen wollen. Jedenfalls bäten sie, dasselbe so lange einzustellen, bis eine Schlittenbahn vorhanden sei; auch seien etliche Hausfrauen hoch schwangeren Leibes, oder krank."
Durch Resolution vom 20. Januar geruhte Herzog Maximilian die Schlittenfahrt auf einige Tage zu verschieben, und eine gleiche Vertagung erfolgte auf ein neuerliches Gesuch des Magistrates.
Als Herzog Maximilian aber fest auf seinem Befehle beharrte, kam am 13. Februar ein wiederholtes Bittgesuch des Magistrates mit neuen Entschuldigungen ein. „Es sei unvermuthet ein Hinderniß eingefallen, weil die Hochzeit des Albrecht Lerchenfelders, fürstlichen Kammerrathes und Geschlechtsverwandten der Stadt, gefeiert werde, ihm hiezu die Trinkstube, die ihnen zum Herumfahren nöthig sei, eingeraumt wurde, und sie selbst auch geladene Gäste dabei seien; ferner sei Bürgermeister Michael Barth krank, etliche ihrer Frauen im Kindbett oder sonst „übel auf", so daß ihre Anzahl so klein sei, daß sie „besorgten, Sr. Durchlaucht hiemit wenig Ehr erzeigen zu können."
Hierauf erging der herzogliche Befehl, „morgen Sonntag sollen sie fahren", worauf aber der Magistrat entgegnete: „es könnte nicht mehr geschehen, mehrere von ihnen hätten keine Pferde, müßten selbe erst anderwärts zu bekommen suchen."
Die Akten schweigen nun wieder über den ferneren Verlauf.
Aber am 26. Dezember 1604 erstattete der Magistrat an den Herzog einen ausführlichen Bericht, in welchem er folgendes auseinandersetzt: „Sie hätten über den Ursprung des Herumfahrens, oder daß es „aus einiger Schuldigkeit" geschehe, nichts sinden können, sondern es sei nicht anders als eine aus freiem Willen angestellte Ehrenbezeugung. — Der „Pöbel" habe aber in letzter Zeit davon „spöttlich" geredet, als geschehe es dem Magistrate zum Spott und wegen „einer von Alters verschuldeten Strafe." Es sei auch geschehen, daß die alten Geschlechter merklich abgenommen haben, so daß sie kaum mehr sechs Geschlechtspersonen des äußern Rathes ersetzen können, und daher, was sonst in ansehnlicher Zahl mit Solennität geschehen, jetzt nur in sehr verkleinerter Anzahl vorgegangen, so daß es dem Magistrate nur zur Verkleinerung geschehe und Seine fürstliche Durchlaucht nur schlechte Ehr erzeigt werde. Sie bitten daher um gänzliche Aufhebung dieses Gebrauches."
Eine hierauf erfolgte herzogliche Resolution findet sich in den Akten nicht, hingegen aber wurde im Jahre 1608 vom Herzoge das jährliche Herumfahren in Gnaden für künftig erlassen.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Wadlerspende
Im Jahre 1318 machte ein Münchener Bürger, Namens Burkhard der Wadler und Hailwig seine Hausfrau, eine Stiftung an das heilige Geistspital zu 63 Pfund Pfenninge. Von dieser Gilt verblieben dem Spirale 46 Pfund K Pfenninge für die Sundersiechen. Nach der Bestimmung der Stiftung mußten aber auch alljährlich für 3 Pfund Pfenninge Bretzen angekauft und an die Armen ausgetheilt werden. Hieran knüpfte sich fünf Jahrhunderte lang folgender Gebrauch.
Alljährlich am 1. Mai, als dem Todestage des Stifters, ritt ein Mann mit einem Sacke voll Bretzen um Mitternacht vom heil. Geistspitale aus durch die Strassen der Stadt. Das Pferd, auf dem er seinen Umritt hielt, mußte ein Schimmel sein, der nur auf drei Füßen mit Hufeisen locker beschlagen war. Aus dem Sacke warf er nun Bretzen aus mit den Worten:
Ihr jung und alte Leut,
Geht's zum heiligen Geist,
Wo man die Wadler-Bretzen ausgeit.
Als im Jahre 1801 die Letzte aus dem Geschlechte des Stifters starb, riß das zarte Publikum den Reiter, als sein Bretzenvorrath zu Ende war, vom Pferde und mißhandelte ihn jämmerlich. Seitdem unterblieb diese Spende. Der Reiter aber mit dem Schimmel ist auf dem Deckengewölbe in der heil. Geistkirche abgebildet.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Quatembermänner
Alle Vierteljahre sieht man noch heut zu Tage in der Quatemberwoche sechs Männer und sechs Frauen in alterthümlicher Tracht von dem heil. Geistspitale bei den Elisabeth. ' sabethinerinen dahier durch die Straßen der Stadt zur Frauenkirche wallen, um daselbst dem Gottesdienste beizuwohnen.
Nach der Erzählung des Volkes, welche auch Lipowsky bestätigt, habe Kaiser Ludwig im Jahre 1321, als er das heil. Geistspital mit einer bedingten Gerichtsfreiheit begabte, zugleich verordnet, daß zu einem von ihm gestifteten Quatember-Jahrtag zu U. l. Frau jederzeit sechs Männer und sechs Weiber erscheinen sollen.
Diese Angabe ist jedoch völlig unrichtig. Durch die Güte des Herrn Dombenesiziaten A. Mayer dahier hatte Verfasser Gelegenheit, die Akten und die Stiftungsurkunde, deren Original sich bei der Priesterbruderschaft zu U. l. Frau befindet, einzusehen und die Ergebnisse sind folgende.
Durch diesen Stiftungsbrief vom 12. September 1580 richtete Anna, Wittwe Herzog Albrechts V. von Bayern, auf dem Chore in U. l. Frauenkirche dahier bei der Fürsten von Bayern alter Begräbniß einen ewigen QuatemberJahrtag und Gottesdienst zu Ehren der Himmelskönigin Maria und aller Heiligen, und zum Seelenheile ihres seligen Gemahles, Herzog Albrechts und aller Verstorbenen aus den ihr verwandten Regentenhäusern Bayern, Oesterreich und Baden in der Art, daß viermal im Jahre an jedem Quatember-Donnerstage eine lange Vigil, und Tages darauf, Freitags, ein „gesungenes Seelenamt" mit darauffolgendem Hochamte gehalten werde. Diese Stiftung dotirte sie mit 1372 Gulden rh. Dabei bestimmte sie, daß zwölf Arme des heil. Geistspitales, sechs Männer und sechs Weiber, sowohl der Vigil als des andern Tages den heiligen Aemtern beiwohnen sollen, wofür jedes dieser zwölf Armen eine Spende von vier Kreuzern zu erhalten hat. Zugleich vermachte sie zu diesem Zwecke einen Kirchenornat von schwarzem Sammt, reich mit Silber und Gold gestickt.
Diese Stiftung, Fürstenjahrtag genannt, besteht noch, und diese zwölf Armen in alterthümlicher Tracht, in langen gefalteten Mänteln von schwarzem Tuche, einen weißen gefalteten Kragen um den Hals bis über die Schultern herab, und mit breiträndigen, nach oben spitz zulaufenden Hüten auf dem Kopfe sind es, die man vierteljährlich zweimal paarweise durch die Straßen der Stadt zur Frauenkirche schreiten sieht, und die das Volk „Quatembermänner" nennt.
Bei diesen Gottesdiensten ist ihr Platz in der Kirche bei der alten Fürstengruft, und vor ihnen wird ein Leuchter mit drei Lichtern hingestellt, welche die drei Fürstenhäuser Bayern, Oesterreich und Baden bedeuten, zu derer verstorbenen Ahnen Gedächtniß diese Gottesdienste gefeiert werden.
An diese Stiftung knüpft sich auch eine Wundersage. Als im Anfange dieses Jahrhundertes in Folge der Säkularisation eine Menge Stiftungen aufgehoben und ihre Kapitalien vom Staate eingezogen wurden, sollte dieses Schicksal auch den Ouatemberumzug der Spitalleute treffen. Da sah man einmal um Mitternacht aus dem Thore des heil. Geistspitals einen gespenstigen Zug alter Spital-Männer und Weiber wandeln und ihren Kirchgang nach der Frauenkirche halten, dessen Thore sich von selbst öffneten und wieder schlossen. Eine Viertelstunde lang war das Innere des Domes erleuchtet; als aber der erschrockene Meßner mit mehreren Geistlichen herbeieilte, um die Sache zu untersuchen, war in der Kirche nichts zu sehen und zu hören. Die Aufhebung der Stiftung aber unterblieb.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Gregori
Der Pabst Gregor IV., ein Freund der Jugend und der Schulen, stiftete im Jahre 830 ein Fest für die Schulkinder, welches in älteren Zeiten am Gregoriustage (12. März), wohin zugleich der Schluß der Winterschule siel, gefeiert ward. Es wurden hiezu aus den Schulkindern drei Knaben gewählt, von denen iner den Bischof, die andern beide seine Pfarrer, die übrigen Knaben aber verschiedene Stände, als Handwerker u. dgl. vorstellten. Am Festtage selbst erschienen die Knaben, nach ihren angenommenen Würden und Ständen gekleidet, in der Schule und zogen von da, ihren Bischof in der Mitte, in die Kirche, wo eine Predigt mit Hochamt abgehalten wurde. Nach der Predigt wurde von den Kindern das Gregoriuslied: „Hört, ihr Aeltern, Christus spricht", gesungen, worauf der kleine Bischof eine ihm einstudirte Rede in Versen hielt. Nach geendetem Gottesdienste zog der kleine Bischof, statt des Krumstabes eine große Bretzel auf einer Stange tragend, mit feinen Gefährten durch die Stadt, wobei sie von allen Seiten Kuchen und anderes Backwerk geschenkt erhielten.
Noch in der Münchener-Schuelmaister-Ordnung vom Jahre 1563 heißt es: „mit dem Gregori oder Umgehen zu St. Gregortentag soll es hinfüran noch wie vor Alters her gehalten werden, und ein jeder Schulmeister mit seinen Kindern denselben zu einer Freud und Ergötzung züchtig umgehen. Aber zu der Mahlzeit, so nach dem Umgehen gehalten worden, soll hinfür Niemand verbunden sein, seine Kinder zu schicken, sondern in eines Jedweden freien Willen stehen, ob er seine Kinder bei dem Schulmeister will essen und zehren lassen oder nicht."
Im Verlaufe der Zeit aber änderte sich dieser Gebrauch als veraltet und unpassend gänzlich, und gestaltete sich eine Art Maifest daraus. Beiläusig vierzehn Tage vor Jakobi, an einem schönen Tage, erschienen die Schulkinder, Knaben und Mädchen, nachdem sie Morgens einem Gottesdienste beigewohnt hatten, feierlich gekleidet Nachmittags mit ihren Aeltern und Lehrern auf der ehemaligen Schießstätte vor dem Karlsthore, wo sie sich mit verschiedenen Spielen belustigten und mit Speise und Trank bewirthet wurden.
Der alte biedere Westenrieder fand an dieser löblichen Einrichtung noch feine herzliche Freude, indem, wie er in seiner Beschreibung von München bemerkt, es richtig und schön ist, die Kinder zur Freude zu versammeln, und kein Anblick herrlicher sei, als etliche hundert Kinder auf einem Platze in verschiedenen Freudengruppen zu sehen.
Bei unserer vorgeschrittenen Erziehungsweise, die anstatt fröhliche Kinder so rasch als möglich altkluge Treibhausgewächse heranzubilden sucht, sind auch in München diese harmlosen Kinderbelustigungen seit ungefähr 50 Jahren verschwunden; nur hin und wieder auf dem Lande wird der Kinder-Gregori noch gefeiert.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Nikolaus.
Hingegen aber ist ein anderer pädagogischer Gebrauch, die Kinder mit dem heil. Nikolaus zu schrecken, als Unfug mit Recht verschwunden.
Am Vorabende des St. Nikolaustages erschien in Häusern, wo Kinder waren, auf Veranstaltung der Aeltern der heil. Nikolaus, nämlich ein Mann als Bischof gekleidet, insbesondere mit der nie fehlenden Bischofsmütze, oder in einer sonstigen Vermummung mit seinem Knechte, der Klaub auf oder Knecht Rupprecht genannt. Der Nikolaus eraminirte die vor Furcht zitternden Kinder aus ihren Schulgegenständen, befragte die Aeltern um deren Wohlverhalten, und ertheilte ihnen nach Befund entweder Lobsprüche und Geschenke in Obst oder Kleidern und in einer Ruthe mit vergoldeten Nüssen, oder Verweise und die Drohung, von seinem Knechte Klaub aus in den mitgebrachten Sack gesteckt und fortgetragen zu werden.
Abgesehen davon, daß dieser unsinnige Gebrauch wohl nie ersprießliche Erziehungsresultate herbeigeführt haben wird, mußte vielmehr zu befürchten sein, daß die ausgestandene Furcht und Angst nachtheilige Folgen für die Gesundheit der Kinder nach sich ziehen könne, und mit Recht haben daher polizeiliche Verbote diesem Unfug gottlob längst ein Ende gemacht, der höchstens noch hie und da auf dem Lande vorkömmt.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Stephansritt
Der heilige Stephan gilt nebst St. Leonhard und Wendelin als Hauptpatron für das Vieh, besonders für Pferde. Deshalb läßt man an seinem Feste den Pferden zur Ader, oder reitet sie um eine Kirche herum, in welcher er verehrt wird, damit ihnen die Steine nicht an den Hufen schaden und sie überhaupt vor Krankheiten bewahrt werden.
Aus gleichem Grunde ist es in München noch gegenwärtig üblich, daß die Pferdebesitzer, unter ihnen selbst hohe Herrschaften alljährlich am heil. Stephanstage ihre Pferde durch ihre Knechte und Kutscher um die Stephanskirche auf dem hiesigen Gottesacker reiten lassen, so daß an diesem Tage oft eine förmliche Cavaleade um diese Kirche zu sehen ist.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Hans und Gretel
Bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts pflegten die jungen Bauernbursche aus der Umgebung Münchens am Pfingstmontage Nachmittags sowohl zu Pferde als zu Fuß in die Stadt zu kommen, wobei sie zwei ausgestopfte männliche und weibliche Figuren, Hans und Gretel genannt, welche an den entgegengesetzten Enden eines umlaufenden Rades befestigt sich wie zum Tanze einander die Hände reichen, herumführten. Diese Figuren produzirten sie vor den von ihnen besuchten Bräu- und Wirthshäusern unter Hersagung eines gereimten Spruches und unter großem Jauchzen und Lärmen. Dieser sinnlose Gebrauch wurde durch polizeiliches Verbot aufgehoben.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Methschenke beim Thumberger
In München sind die gebräuchlichen Ziele zum Austreten der Dienstboten aus einem Dienste Lichtmessen, Georgi, Jakobi und Michaeli; und der Tag, an dem sie ihre Dienstplätze wechseln, heißt der Schlenkeltag. Ein großer Theil der Dienstboten pflegt aber mit seinem Eintritte in den neuen Dienst sich eben nicht sehr zu beeilen, sondern erlaubt sich wohl ein paar Tage Freizeit, theils zum Vergnügen, theils zur Besorgung nöthiger Geschäfte. Diese Freizeit zwischen dem Austritte aus einem Dienste und dem Wiedereintritt in einen neuen nennt man die Schlenkelweil welche dem Dienstboten nach der Landund Polizei-Ordnung vom Jahre 1616, Buch 4, Tit. 12 sogar gesetzlich gestattet ist, um „etwa sein Gewand zu bessern oder sonsten anders zu seiner Nothdurft zu verrichten", und die höchstens nicht mehr als vier Tage dauern darf. Früher war es sogar Sitte, daß dem abtretenden Dienstboten ein Brod, — der Schlenkellaib, — mitgegeben wurde.
Besonders aber war es gebrauchlich, daß die Dienstmädchen, feiertäglich geputzt, mit reichen Schnürmiedern und Riegelhäubchen, am Schlenkeltage von ihren „Liebhabern" zum Lebzelter Thumberger in der Neuhausergasse zum „Meth" geführt wurden, woselbst in den dortigen Gartenlauben, „Beichtstühlen" genannt, dem füßen und stark gewürzten Getränke und kleinen Lebkuchen in der Größe von etwa einem Quadratzoll, „Schifferln, Schifflein" benamset, wacker zugesprochen wurde. Doch die Zeiten haben sich geändert! Der berühmte Lebzelter Thumberger mit seinen „Beichtstühlen" eristirt nicht mehr und die Dienstmädchen ziehen es nun vor, an diesem Tage in eitlem modernen Flitterstaate, mit langen Kleidern und Hüten, mit ihren Liebhabern oder auch ohne solche zur „Westendhalle" oder in die „Centralhalle" zum Tanze zu gehen.
Der früher so sehr beliebte Meth, dieses berühmte Getränke der alten Deutschen, den sogar ihre Götter und abgestorbenen Helden in Walhalla aus Trinkhörnern schlürften, ist gegenwärtig so ziemlich aus der Mode gekommen. Nur an einem Tage im Jahre behauptet er noch sein altes Recht. Am ersten Sonntage nach Ostern, — der weiße Sonntag genannt, — gehen die jungen Leute beiderlei Geschlechtes zwar nicht mehr zum alten Thumberger, aber nun in den Methgarten, woselbst sie „Schön und Stärk", das heißt Schönheit und Starke trinken, wobei wirklich noch immer die alten „Schifferln" floriren.
Am Himmelfahrtstage
In der Frauenkirche dahier war am Christi Himmelfahrtstage ein alter Brauch, der seit Ende vorigen Jahrhunderts wohl in der Haupt- und Residenzstadt München verschwunden, aber hin und wieder auf dem Lande noch heut zu Tage gang und gäbe ist.
Man pflegte nämlich an diesem Festtage Nachmittags vor der Vesper in der Kirche ein Bildniß des Heilandes mit der Osterfahne in das Gewölbe durch eine angebrachte Oeffnung hinaufzuziehen, um dadurch sinnbildlich die Himmelfahrt des Herrn vorzustellen. Darnach aber warf man Oblaten und brennendes Werg auf das Volk in der Kirche, ja zuletzt noch einen gräulichen Teufel herab, der war ausgestopft mit Heu und Stroh, mit Hörnern und einem Pferdefuße versehen, schwarz bemalt, mit feurigen Augen und heraushängender rother Zunge, zum Zeichen, daß dieser Fürst oer Finsterniß nun durch den Heiland gestürzt und seine Gewalt vernichtet sei. Um diese gräßliche Puppe balgten und schlugen sich sogleich die Buben, die sich natürlich schon lange zuvor auf diesen Spaß freuten, und trugen sie dann hinaus vor die Stadt auf den Gasteig, wo sie dieselbe unter Halloh und Geschrei verbrannten.
Ueber diesen Brauch hat uns der alte Meistersänger Hans Sachs von Nürnberg, der sich in seiner Jugend beinahe ein Jahr lang in München aufgehalten hatte, einen lustigen Schwank in Reimen erzählt, den wir hiemit unsern freundlichen Lesern in Kürze wiedergeben.
Am fürstlichen Hofe zu München befand sich damals ein lustiger Schalk, der allerlei Schwanke und Kurzweil trieb, Namens Liendl (Leonhard) Lautenschlaher. Da war wieder einstmals das Fest Christi Himmelfahrt gekommen, und als der Liendl sah, daß nach dem Vormittagsgottesoienst alle Leute zum Essen heimgegangen waren und die Frauenkirche ganz leer stand, nahm der arge Schalk den „Herrgott" aus der Kirche weg, trug ihn unter seinem Mantel in das Wirthshaus, in dem er sonst täglich zechte, setzte ihn hinter den Tisch, ließ ihm vom Wirthe Wein auftragen und trank ihm zu, uin ihm vor seiner Himmelfahrt noch Liebes zu erweisen, auf daß, wenn er selbst einst nach Jahren in den Himmel nachkomme, ihn der Herr auch wieder bediene. Der Wirth, der die Schalkhaftigkeit des Liendl wohl kannte, trug fleißig Wein auf und lachte zu dem Schwank, Derweilen war aber die Stunde der Nachmittagsvesper gekommen und das Volk eilte wieder zur Kirche. Da fehlte zum Schrecken des Volkes der Herrgott, der nun gegen Himmel fahren sollte. Aber Einer hatte den Liendl im Wirthshaus gesehen, der sagte es dem Meßner und dieser lief eilig in die Herberge, wo er den Herrgott hinter dem Tische fand; eine Kanne Wein hatte ihm der Liendl um den Hals gehängt. Der Herrgott wurde vom Meßner in die Frauenkirche zurück gebracht, und wie üblich, dann zur Himmelfahrt durch das Kirchengewölb gezogen. Aber der Spatz wäre dem Liendl bald theuer zu stehen gekommen, denn er wurde vom Kirchenprobste dieses Frevels wegen beim Herzoge verklagt und von diesem scharf angelassen. Liendl verantwortete sich jedoch herzhaft und meinte kein Arg gethan zu haben, denn er habe ja nur die „Letz" getrunken mit dem, der gegen Himmel fuhr, auf daß ihm der Heiland nach Jahren wieder „schenken" und ihn freihalten müsse. Der Herzog aber sprach: mit dem Teufel könne man wohl Schwank treiben, mit unserm Herrgott aber sei nicht zu scherzen. Das versprach der Liendl künftig getreulich zu befolgen.
Das Jahr verging und der Himmelfahrtstag kam wieder. Am Vorabende desselben bestand in München noch ein anderer sonderbarer Brauch. Ein sogenannter Bachant, — einer jener Pickelheringe, die in damaliger Zeit zur Stillung ihres Hungers und Durstes das Handwerk der öffentlichen Spaßmacher und Witzbolde betrieben, — verkleidete sich als Teufel und wurde in dieser gräßlichen Hülle von vermummten Druden, mit Krücken und Ofengabeln bewaffnet, durch die Straßen der Stadt unter dem Halloh und Geschrei der lieben füßen Jugend und des schaulustigen Volkes gejagt, in die damals noch vor vielen Häusern befindlichen Misthaufen gesprengt, und so bis in die Hofburg gehetzt, wo man ihm zu trinken gab. Hierauf wurde er entpuppt, seine Hülle mit Stroh und Heu ausgestopft, und dann diese Teufelsfigur an einem langen Stricke zu einem Fenster des Frauenkirchthurmes .herausgehängt, wo sie über Nacht verblieb. Am folgenden Tage fand dann mit dieser Puppe, wie vorhin erzählt, der Himmelsturz in der Frauenkirche und das Verbrennen auf dem Gasteige statt.
Wie nun dieser Teufel am Thurms hing, kam der lose Schalk Liendl um Mitternacht, hatte drei lange Stangen übereinander gebunden und oben ein Messer befestigt und schnitt mit demselben den Strick ab, an welchem der Teufel hing, so daß dieser zu Boden stürzte. Nun hatte Liendl unter dem Vorwande, er müsse dem Herzoge bei Tisch aufspielen, von seinem Wirthe einen schönen Rock von Fuchspelz entlehnt, den zog er dem Teufel an, schleppte ihn auf den Marktplatz, wo der Strafesel und der Pranger standen, legte ihm das eiserne Halsband an und ließ ihn dort stehen. Als nun Morgens die Leute zur Kirche gingen und den Teufel am Pranger erblickten, gab es einen großen Zusammenlauf, denn alles wollte das absonderliche Wunder sehen; als die Mär darüber an den Hof kam, lief fast alles Hofgesind herbei, und Jedermann dachte sogleich, das könne nur der Liendl gethan haben. Auch erkannte der Wirth seinen Pelz gleich, wußte also von wem der Streich herrühre; der Henker aber bestand darauf, daß Alles sein eigen sei, was er auf seinem Bereich fände, also mußte, der Wirth seinen Pelzrock um schweres Geld vom Henker wieder einlösen, und gedacht' es dem Liendl rechtzeitig wieder einzutränken. Liendl aber, über seinen Frevel zur Verantwortung vorgerufen, redete sich kurzweg auf den Herzog aus, der es ihm im vorigen Jahre geheißen habe, unsern Herrgott in Ruhe zu lassen, dafür aber mit dem Teufel Scherz zu treiben:
„Das hab ich auch mit Fleiß gethan!" —
Des Schwanks lacht heut noch Jedermann,
schließt Hans Sachs seine Erzählung.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Taufe, Hochzeit und Sterben
Wir haben in den früheren Abschnitten Bilder aus dem Münchener, Leben und Treiben längst vergangener Jahrhunderte vor uns abrollen gesehen. Nicht minder anziehend sind die häuslichen Gebräuche und Sitten der Münchener Bürger aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhundertes, der sogenannten „guten alten Zeit", die wir nun unsern freundlichen Lesern vorführen wollen. Wir folgen hierin hauptsächlich der Darstellung Westenrieders, die er in seiner Beschreibung der Stadt München vom Jahre 1782 aus eigener Anschauung erzählte. Wir sehen darin nicht nur bürgerlichen Wohlstand und Behäbigkeit, sondern hauptsächlich den eigenthümlichen und ausgeprägten Karakter des Bürgerthumes, der in unserer modernen Zeit durch die in Folge der Veranderung aller soeialen Verhältnisse und durch die Steigerung der Kultur sowie des Bedürfnisses herbeigeführten Vermischung aller Stände gänzlich verschwunden ist.
Nach vorgenommener Taufe war es bei den Bürgersleuten üblich, daß ein kleines Taufmahl gehalten wurde, an welchem der Geistliche, die Gevattersleute, die Hebamme, und diejenigen der nächsten Verwandten, die dazu gebeten waren, Theil nahmen. Bei demselben wurden als unerläßliche Speisen sogenannte Schneeballen (eine Art Gebäck), Käse, Confekt, Früchte und Wein aufgesetzt, und hernach jedem der Gäste von diesen Speisen etwas in ihre Wohnung geschickt. Fleischspeisen waren von diesem Mahle gänzlich ausgeschlossen. Einige Tage später mußte
die Frau Gevatterin einen „Kindbettbesuch" abstatten und brachte dabei ein Geschenk von Eiern und Butter mit. Das Kind erhielt bei der Taufe von dem Pathen den „Pathenthaler", welcher in Papier eingewickelt in die Wiege gelegt wurde; war das Kind einige Jahre alt geworden, so erhielt es einen silbernen „Gothenlöffel", auf welchem der Name des Taufgöthen eingravirt war. So lange es noch in kindlichem Alter stand, bekam es am Allerseelentage vom Pathen einen „Seelenwecken" oder „Seelenzopf", und am Palmsonntag wurde es im Hause des Pathen mit Meth und Confekt bewirthet.
Die bürgerlichen Hochzeiten wurden durchaus in öffentlichen Gasthäusern gehalten, und ward dabei aller möglichster Luxus entfaltet. Die Gäste erhielten von jeder Speise etwas auf einem eigenen Teller in ein Tuch eingewickelt, das sie mit nach Hause nahmen und das „Bescheidessen" genannt wurde. Der folgende Tag nach der Hochzeit hieß der „goldene Tag", welchen man gleichfalls durch em kleineres Mahl im Hause der Aeltern der Braut feierte, an dem aber nur die nächsten Anverwandten Theil nahmen. Zur Trauung wurde ein Zug in die Kirche gehalten und vom Thurme herab geblasen.
Bei Todesfällen übernahm die Seelnonne alle gehörigen Anstalten. Da damals in München ein Leichenhaus noch nicht bestand, so blieben alle Leichen bis zur Beerdigung im Hause, und wurden Tag und Nacht von eigenen Leichenwärterinen bewacht. Während des Tages kamen auch die Frauen der Nachbarschaft, um bei der Leiche zu beten — und zu plaudern.
Kinder bekamen einen Kranz um den Kopf und um die Hände, und wurden binnen vierundzwanzig Stunden begraben. Man setzte auf ihre Särglein Kronen und fuhr in Kutschen zum Kirchhofe.
Bei dem Tode junger lediger Personen beiderlei Geschlechtes, die schon zur Kommunion gegangen, legte die Seelnonne vor das Haus ein Kreuz von Stroh, auf dieses einen gewöhnlichen Ziegelstein, und auf diesen eine Krone, welche bei Nacht weggenommen und des andern Tages wieder hingesetzt wurde und da so lange stehen blieb, bis die Leiche fortgetragen ward. Die Leiche, deren Sarg mit nach der Reihe stehenden Kronen geziert war, wurde nach sechsunddreißig Stunden von vier bis sechs Männern zu Grabe getragen.
Bei Verheirateten legte man blos das Kreuz und den Stein, jedoch ohne Krone auf den Sarg, und wurde eine solche auch nicht vor das Haus gelegt. Erwachsene Personen wurden erst nach achtundvierzig Stunden begraben.
Wo man eine Leiche bei einer Kirche vorübertrug, wurde geläutet. Kinderleichen begleitete kein Mann, und Frauenzimmer nicht die Leichen der Erwachsenen. Bei dem Seelengottesdienste aber fanden sich beide Geschlechter ein. Wie der Kauf die Miethe, so brach auch der Tod dieselbe, und der Hausherr mußte die Kündung der Wohnung für das laufende Ziel annehmen, so lange die Leiche im Hause lag.
Die Leichen gemeiner Personen und Armer begrub man früh Morgens; die der Bürger nach der Vesperzeit, und dann war je vornehmer der Rang, je später gewöhnlich die Stunde des Leichenbegängnisses; doch wurden Leute von Rang auch um die Mittagsstunde begraben. Bei vornehmen Leichen gingen die Hauptkläger in der „Gugel" nämlich in einem langen schwarzen Mantel und einer schwarzen Kapuze über den Kopf. Zum Begräbnißorte fuhr bei Erwachsenen Niemand, sondern man pflegte zu Fuß auf den Kirchhof sich zu begeben.
Sowie bei Hochzeiten, so auch bei Begräbnissen trug jeder Anwesende Rosmarin in der Hand oder war damit geschmückt; die Leichen der Unverheirateten wurden, mit Rosmarin geziert.
Bei den Leichengottesdiensten war es in München, wie jetzt noch großentheils auf dem Lande gebräuchlich, daß sämmtliche Anwesende zweimal um den Altar zum Opfer gingen.
Mit den Todesfällen waren auch noch in damaliger Zeit in München abergläubische Vorstellungen und Einbildungen verbunden, die der wackere Sterzinger, der muthvolle Kampfer gegen Aberglauben, dessen wir bereits in dem früheren Abschnitte über „Zauberei und Heren" erwähnt haben, in seinen Schriften uns aufbewahrt. So glaubte man, daß wenn in einer Kirche ein Licht auf dem Altare von selbst auslischt, bald ein Priester dieser Kirche sterbe. Läuft eine Thurmuhr ab, so stirbt bald Jemand aus der Regentenfamilie; läuft aber eine Uhr in einem Hause ab, so stirbt bald Jemand aus diesem Haufe. Wenn in einem Hause, wo Jemand krank liegt, sich die Katzen beißen, oder wenn ein Rabe oder eine Krähe sich auf das Haus setzt, so stirbt der Kranke bald. Wenn man ein Stück Holz von einem Todtensarge in ein Krautbeet steckt, so ist solches von Raupen frei.
Stirbt Jemand in der Stube, so sollen allsogleich die Fenster ausgemacht werden, damit die Seele hinausfahren kann. Dem Todten soll man Geld in den Mund legen, damit er, wenn er einen verborgenen Schatz hinterlassen habe, nicht umgehen und spucken dürfe.*) Wenn einer Leiche im Sarge ein Band von der Todtenkleidung zum Munde geräth, so saugt sie so lange daran, bis demnächst wieder ein anderes Glied ihrer Familie stirbt. Wer in der Kirche krank wird, der geneset nicht leicht. Hat ein Kranker Hühner- oder Taubenfedern unter sich im Bette, so stirbt er hart. Wenn man an Blumen oder Kränzen riecht, die zum Begräbniß gehören, so verliert man den Geruch. Wenn man von einem Rosmarinstrauche ein Zweiglein einem Verstorbenen in's Grab mitgibt, so verdirbt der Stock, sobald das Zweiglein im Grabe zu faulen ansängt. Legt man einen Nagel von einer Todtenbahre unter die Thürschwelle, so kann kein Dieb hereintreten (dürfte in unfern jetzigen Zeiten sehr praktikabel sein); steckt man einen solchen Nagel an die Stelle, wo ein Pferd gestanden, so kann es nicht weiter und muß stehen bleiben. Sieht das Gesicht einer Leiche roth aus, so stirbt bald noch Jemand aus der Freundschaft. Ein Strick, woran ein Mensch erwürgt worden, in das Taubenhaus gehängt, macht daß die Tauben allda verbleiben. Man soll keine Thränen auf eine Leiche fallen lassen, es kann sonst der Todte im Grabe nicht ruhen u. dgl.
*) Dieses ist offenbar ein Ueberbleibsel aus der alten römischen Heidenzeit. Die Romer legten den Todten ein Geldstück, Obolus, in den Mund, damit er dem Sharon das Ueberfahrtsgeld über den Fluß Styr, der in die Unterwelt führt, bezahlen könne.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Kleidung und Nahrung
Wir haben bereits im Abschnitte I dieses Buches den verschwenderischen Lurus des vierzehnten Jahrhunderts und die vom Stadtrathe zu München dagegen erlassene Kleiderordnung vom Jahre 1405 erwähnt. Dessen ungeachtet aber riß immer wieder der übermäßige Luxus dergestalt ein, daß von Zeit zu Zeit wiederholte Kleiderordnungen erlassen werden mußten.
Die letzte dieser Kleiderordnungen ließ Kurfürst Maximilian Josef im Jahre 1749 ergehen, und schärfte deren genaue Befolgung durch Hofrathsbefehl vom 39. Dez. desselben Jahres mit dem Beisatze ein, daß den Lakeien und Handwerksburschen das Tragen der Degen bei Confiskation derselben und einer Strafe von zwei Reichsthalern verboten sei.
Von welchen komischen Folgen der Vollzug dieser Kleiderordnung am Neujahrstage 1750 zu München war, erzählt uns eine gleichzeitige Relation, welche wie folgend lautet:
„Diese Kleiderordnung ist von allhiesigem löbl. Stadtmagistrat München durch die vier Viertelschreiber von Haus zu Haus angesagt worden. Am heil. Neujahrstag in der Früh sind nachgehende Executiones geschehen.
„Zwischen 6 und 7 Uhr wurden verschiedenlichen Weibsbildern, und wie man sagt, bei 60 Personen ihre schönen bordirten Hauben von den Stadtamtleuten vom Kopfe weggerissen und abgenommen worden. Sodann bis 12 Uhr haben weiters und zwar meistens vor den Gotteshäusern
sehr viele Hauben von den Weibsköpfen springen müssen. Einige Weibsbilder haben auf der Gassen gleich anderen schwarze Hauben bis zum Eingang der Kirche getragen, unterm Portale aber solche abgethan und verborgene bei ihnen getragene reiche Hauben aufgesetzt, beim Ausgang aus der Kirche abgethan und versteckt; es sind aber derlei Vortl den Amtleuten sogleich bekannt und folglich die Weibsbilder endlich gar ausgesucht worden.
„Ein Weibsbild, welche aus Bosheit eine von Papier gemachte, aber durchaus mit pur gemalten Goldborden und prezios anzusehen gewesene Haube aufgehabt, ist als sie die Amtsleute ertappten und die reich vermeinte Haube abgenommen, in die Schergenstube geführt worden, welcher in allen Hauptgassen die Schandstrafe angethan wird, und dergleichen Gespäß sind noch mehrere geschehen. Sonderlich am Neujahrstag haben die Weinwirthe bei U. l. Frau das ordinari Neujahramt gehalten, wobei sich theils einige Frauen endlich nach dem gnadigsten Verbote getragen, theils aber mit den reichsten Hauben und Kleidern eingefunden. Die Schergen sind instruirt gewesen, diese, weil sie Rathsfrauen seien, nicht anzugreifen, sondern zu notiren; welchen Uebertretern auf die Nacht die militärische Exekution in die Behausung eingelegt wurden, in so lang, bis denselben die öffentliche Strafe geschehen wird.
„Unter andern hat es den guten Weinwirth Krimb getroffen, weil dessen Weib als früher bei ihm gewestes Dienstmensch einen ausserordentlichen Pracht gehabt, und noch dazu, wie es derlei Menscher, wenn sie Frauen werden, zu machen pflegen, die ärgsten Schmählereien verübt und andere aufzuhetzen gesucht habe.
„Einem Bräuknecht sind die seidenen Strümpfe von den Füßen abgezogen, dann mehr anderen Bräu- und Metzgerknechten ihre auf dem Hut gehabten Borden, weiters einigen Burgers- auch Bauern-Menschern die Brustflecke herausgerissen und die daran gewesten Borden abgetrennt worden.
„Im Uebrigen haben die Weiber sich alle mit schwarzen Hauben, und die meisten in schwarzen Kleidern getragen, man hat diesertwegen den heil. Neujahrstag für den Armenseelentag ansehen können."
Diese etwas sehr strengen Maßregeln scheinen aber nicht nachhaltig gewirkt zu haben; auch ließ die anfängliche übermäßige Strenge der Ausführung bald nach. Aus Westenrieder entnehmen wir nachstehende Schilderung der Kleidungstrachten aus dem Anfange der achtziger Jahre des vorigen Jahrhundertes.
Der Münchener Bürger trug kurze lederne Beinkleider, blaue, graue oder weiße baumwollene lange Strümpfe mit rothen Zwickeln, an den Werktagen Rock und Weste von Landtuch, letztere auch wohl von Leinwand; eine Halsbinde von Flor oder weißer sehr feiner Leinwand, und einen runden großen Hut, der mit Schnüren zu drei Flügeln aufgeschlagen war. Erschien er an Sonn- und Festtagen oder bei besonderen Gelegenheiten in feierlicher Kleidung, so trug er Weste und Rock von feiner ausländischer Leinwand, und einen sehr weiten Mantel, der in vielen Falten von der Schulter bis auf die Schuhe hinabhing. Der Mantel war damals, gleichviel ob heißer Sommer oder Winter, das Ehrenkleid des Bürgers, er konnte ohne solchen gar nicht in die Kirche gehen.
Dieser Mantel hatte einen, oft mit silbernen oder goldenen Borten verbrämten Kragen. Die Schnallen an den Schuhen und am Hute waren fast immer von geschlagenem Silber, desgleichen die Knöpfe an Rock und Weste; zu letzteren verwendete man gerne alte bayerische Geldstücke, 'besonders Frauenbild-Halbguldenstücke. Jn der Uhrtasche trug er eine zwei- oder dreigehäusige silberne Uhr, von welcher eine mächtige Uhrkette von Semilor bis über die Mitte des Unterleibes herabhing. Ferner trug der Bürger ein dickes spanisches Rohr mit silbernem Knopfe in der Hand, wohl auch einen Degen; niemals aber beides zugleich. Gewöhnlich trug er kurzgeschnittene Haare, nur selten Perrücken; diese waren hauptsächlich nur die Mode der höheren Stände und des Adels. Die Trauerfarbe war, wie heute noch, die schwarze; auf dem Hute wurde vier bis sechs Wochen lang ein langer Trauerflor getragen. Bei einigen Gewerben waren besondere Farben der Kleidung üblich, so z. B. trugen die Müller hellblaue Röcke, die Schmide und Schlosser braune, die Metzger hatten hochrothe Westen u.dgl.
Die Bürgersfrauen trugen gewöhnlich etliche Unterröcke, von denen der äußere von Landzeug, oft auch von feinstem Tuche oder Seide, und unten mit einem Silber- oder Goldspitz verbrämt war; dazu kam ein Fürtuch (Schürze). Das mit Fischbein ausgespannte und überaus steife Mieder wurde vornen mit einem demselben ähnlichen und dazu passenden Brustfleck mit einer silbernen Kette, an welcher „angeöhrlte" Thaler, silberne Kreuzchen oder Trauben hingen, zugeschnürt. Darüber zogen sie eine kurze mit Knöpfen versehene Weste von Zeug oder Tuch, Wams genannt, an; dazu kam ein seidenes oder fein linnenes
Halstuch. Um den Hals hing eine silberne, bei reichen Bürgersfrauen goldene Halskette zu zehn bis achtzehn sogenannten „Gängen" mit einer Schließe, die nicht selten mit Edelsteinen besetzt war. An den Fingern glänzten silberne und goldene Ringe, und silberne Schnallen an den Schuhen. Ohrringe waren damals bei den Bürgerinen noch nicht gebräuchlich. Am Kopfe trugen sie die silberne oder goldene Riegelhaube, im Winter Hauben, welche den ganzen Kopf bedeckten. Beim Kirchengange an Sonnund Festtagen war ein kostbarer Rosenkranz von Korallen oder Steinen und ein mit Silber beschlagenes Gebetbuch ein nothwendiger Schmuck einer wohlhabenden Bürgerin. Auf gleiche Weise kleideten sich auch die Jungfrauen. Einige Frauen trugen damals, als Westenrieder schrieb (1782), noch die alten ehrwürdigen Gürtel und einfache Halskrägen, dazu große Hauben mit Pelz besetzt, oben einen Boden von Seide oder Sammt: die sogenannten Pelzhauben. Keine Frau puderte das Haar; dies war nur bei den höheren Ständen Mode, sowie auch damals bei Mannern das Tragen irgend eines Bartes noch nicht üblich, sondern das Gesicht glatt rasirt war.
Die Kleidung der höheren Stände hatte schon zu des seligen Westenrieder Zeiten keinen bestimmten Karakter; man nannte sie bei den Frauenzimmern die französische Kleidung, und die Mode wechselte damals eben so häusig wie jetzt. Die Männer aber trugen einen Brillantring am Finger, eine, Stutzer auch wohl zwei Sackuhren; an der wohlgepuderten Perrücke einen Haarbeutel und als Hut einen sogenannten Chapeau, der aber niemals auf den Kopf gesetzt, sondern unter dem linken Arme getragen wurde.
Dazu kam der Galanteriedegen, der beinahe horizontal in der Art getragen wurde, daß er hinten zum Rocke hinausstand, und bei Vornehmeren überdieß noch ein Stock. Sie trugen ferner kurze Beinkleider von feinem Tuche und seidene lange Strümpfe, welche oft den Gebrauch künstlicher Waden nothwendig machten. Die vornehmen Frauenzimmer trugen als besondern schönen Staat ungeheuere Reifröcke in einer Breite von wenigstens sieben Schuh, so daß zwei solcher Damen eine mittelmäßig große Gasse ganz erfüllten, oder sie hatten Schleppkleider, deren Schleppe, wohl zwei Ellen lang, unter dem linken Arme getragen oder bei sehr vornehmen Damen von einem Bedienten nachgetragen wurde. Der Kopfputz solcher Damen bestand in einer Art Thurm von Haaren, in der Höhe von einem bis anderthalb Schuh, wohl gepudert und mit Perlenschnüren besetzt. Um einen solchen hohen Kopfputz aufzubauen, war ein eigenes Gestell von Stahl erforderlich, das in die Haare eingesetzt, und worüber die Frisur geflochten und gezogen wurde. Die Kleider einer noblen Dame mußten wenigstens eine halbe Straße weit von eau de Lavende oder andern damals beliebten Parfümes riechen. Eine wunderliche Liebhaberei der Frauen damaliger Zeit war aber der Mops. Dieser häßliche und mürrische Hund war der Liebling der Damen und ihr steter Begleiter, der auf das zärtlichste gepflegt und gehätschelt wurde. Zu Hause auf den Schooß seiner Herrin oder auf weiche Kissen hingebettet, wurde er auf der Straße stets am Arme getragen. Nachdem aber glücklicherweife dieses Thier aus der Mode gekommen ist, ist in unseren Tagen eben so wunderlicherweise diese Hundart fast gänzlich verschwunden.
Bei Kindern war es sehr beliebt, sie in Ordenshabite zu kleiden, über welche sie ein „Gehänge", d. i. ein Amulet an einem schönen Bande trugen.
Uns kommen mit Recht diese Trachten als lächerlich und abgeschmackt vor; wird aber wohl über unsere heutige Mode nach längerer Zeit von der Nachwelt ein anderes Urtheil gefällt werden?
Hieher gehört auch die Beschreibung der Uniformirung des damaligen Bürger-Militärs vom Jahre 1782. Die Bürgermiliz bestand aus:
einem Infanterie-Regimente von neunhundert bis tausend Mann. Dessen Uniform bestand aus blauen Röcken mit schwarzen Aufschlägen, schwarzen Beinkleidern, gelben Westen, weißen Gamaschen mit gelben Knöpfen, und einem Degen;
einer überaus prächtigen Kavallerie-Compagnie bestehend aus zweihundert Mann. Diese trug einen gelbledernen Rock mit silbernen Borten und blausammtenen Aufschlägen, eine blaue Weste von Tuch, gelbe Beinkleider und einen mit Silberborten verbrämten Hut; ferner ein mit Silberborten besetztes Bandalier, einen langen breiten Degen und eine mit Silberborten besetzte blautuchene Pferdschabrake;
einem Artilleriekorps zu hundertfünfzig Mann, mit blaugrauen Röcken und Beinkleidern, rothen Westen und goldbordirteu Hüten;
den bürgerlichen Trabanten in alter Schweizertracht, welche nur zur Paradirung bei besonderen Feierlichkeiten dienten.
Was nun die Nahrung betrifft, so pflegte der Bürger und Handwerker vor beiläusig achtzig bis hundert
Jahren noch kein Frühstück zu nehmen. Selbstverständlich war es aber noch weniger gebräuchlich, um eilf Uhr in einem Weinhause ein Dejeuner bei einer Flasche Wein zu genießen, wie es heut zu Tage so ziemlich üblich geworden ist! Die Stunde des Mittagmahles war um eilf Uhr Vormittags, des Abendessens um sechs Uhr. Das gewöhnliche Mittagmahl eines Bürgerhauses bestand aus Suppe, Voressen (Ragout), Rindfleisch und Gemüse, an Sonntagen Kalbsbraten, an höheren Festtagen ein Gänsebraten. Am Tische des Meisters aß der Geselle und der Lehrjunge; dieselben waren damals noch Glieder der Familie, und mußten sich in allen Stücken der Hausordnung des Meisters und der Zucht der Meisterin unterwerfen. Bei einigen Zünften waren gewisse Speisen, entweder täglich oder an bestimmten Tagen, herkömmlich; so z. B. mußte den Schuhmachern bei jedem Abendessen Salat aufgesetzt werden.
Bei aller Einfachheit des Tisches setzte aber die Bürgersfrau ihren größten Stolz und ein gewisses Schautragen der Wohlhabenheit darein, besonders vor Gästen mit vielem Küchengeschirre von glänzendem Zinne und Kupfer zu prunken, das wohlgeordnet auf Stellagen in der Küche und im Schlafzimmer gereihet war; neben diesen hingen zierlich bemalte steinerne Krüge. Des Gebrauches der jetzt allgemein verbreiteten Schüsseln und Teller von Fayenee hätte sich damals jede nur einigermaßen wohlhabende Bürgersfrau geschämt. Bei Vornehmeren waren, je nachdem ihr Vermögen es zuließ, selbstverständlich alle Feinheiten und Ueppigkeiten der Tafelfreuden in Anwendung, und es gehörte sogar zum noblen Tone, einen französischen Koch zu haben. Dadurch entstand schon damals die Unsitte, den Speisen französische Namen zu geben.
Bei dieser Gelegenheit dürfte es passend sein, die Preise einiger Lebensmittel aus dem Jahre 1782 hier anzuführen. Das Schaffe! Korn kostete im höchsten Preise 9 fl. 30 kr., Waizen 11 fl. 30 kr., Gerste ö fl. 15 kr., Haber 4 fl. 30 kr.; ein Pfund Ochsenfleisch 6 kr. 3 Pf., Kalbfleisch 5 kr., Schweinefleisch 6 kr.; eine Gans 48 kr., eine Maß braunes Sommerbier 3 kr. 1 Pf., weißes Bier 3 kr. 1 Pf., die Klafter Buchenholz 5 fl., Fichtenholz 3 fl. 30 kr.; ein Pfund Butter 14 kr., Schmalz 15 kr., um einett Batzen (4 kr.) bekam man 10 Eier. Glückliche Zeiten!
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Die Thorsperre
Ein Stück, zwar nicht aus der guten, aber aus der alten Zopfzeit! Der heutige Münchener würde,wohl höchlich verwundert darein schauen, wenn er durch einen Zauberschlag auf beiläufig siebzig Jahre zurückversetzt, von einer Landpartie, von einem Keller oder Garten bei noch guter Tageszeit zurückkehrend, vor den Thoren Münchens anlangte. — Die Thore sind versperrt!
Es gab damals eine kleine und große Thorsperre.
Die kleine Thorsperre trat sogleich nach dem Gebetläuten ein, sohin zu kürzester Jahreszeit im Dezember und Januar schon Abends um halb fünf Uhr, dann von halber Stunde zu halber Stunde aufnehmend bis Juni und Juli, wo sie um halb 9 Uhr geschah, und dann in gleicher Weise wieder abnehmend. Nach dem Gebetläuten wurden die Stadtthore zwar frei gelassen, aber von jeder eintretenden Person mußte ein, und für jedes Pferd zwei Kreuzer bezahlt werden.
Im Winter um neun Uhr, im Sommer aber um zehn Uhr Abends trat, nach vorgängigem Zeichen mit einer Glocke am Frauenthurme, die große Thorsperre ein. Die Thore wurden nun gänzlich geschlossen, und nur mehr bei dem sogenannten Einlaßthore, das davon seinen Namen führte, war der Eintritt in die Stadt gestattet, wo dann für jede Person sechs Kreuzer, und für jedes Thier, Pferd oder Hund, eben so viel erlegt werden mußte.
O genügsame und einfache Einwohner der damaligen Stadt München! Diese belästigenden Anordnungen hörten glücklicherweise mit Anfang gegenwärtigen Jahrhundertes auf.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das Fest aller Seelen
Eine reiche und stete Quelle der tiefsten und innigsten Empfindungen ist die Erinnerung an unsere vorangegangenen Lieben. Mag auch der erste Eindruck beim Hintritte derselben ein noch so gewaltiger sein, und die entsetzliche Schwere des eben erlittenen Verlustes uns noch so sehr das Herz durchbohren, uns fast erdrücken und selbst der Verzweiflung nahe bringen, — die Zeit, diese mächtige Zauberin, lindert allmählig mit ihrem versöhnenden Hauche unser, herbes Weh, legt sich wie ein Balsam auf unser wundes Herz, so daß endlich ein milder stiller Schmerz in unsere Brust sich niedersenkt, mit dem sich der erhebende Trost verbindet, daß wir unsere verlorenen Lieben dereinst jenseits wiedersehen und mit ihnen werden vereinigt werden.
Eine besondere Gelegenheit zur Erneuerung dieser reinen und erhabenen Empfindungen und an Erinnerung bietet das Fest aller Seelen vorzugsweise dar, das jährlich am 2. November gefeiert wird. Die Kirche selbst betet an diesem Tage für die Verstorbenen und erinnert uns in der Epistel der heiligen Messe, daß alles Verwesliche anziehen muß die Unverweslichkeit und das Sterbliche die Unsterblichkeit, und der Tod verschlungen ist im Siege! — Zudem ist aber auch gerade diese Zeit wie keine andere geeignet, uns an die Vergänglichkeit alles Bestehenden eindringlichst zu erinnern; die goldene herrliche Zeit des Sommers ist verschwunden, rauhe Lüfte und unfreundliche Stürme, die Vorboten des herannahenden Winters wehen uns erkältend an, der grüne Schmuck der Bäume hat sich in fahle, gelbe und röthliche Blätter umgewandelt, die raschelnd und wirbelnd zu Boden fallen; einzelne Schneeflocken bedeuten uns, daß bald das weiße Leichenkleid des Winters über die ganze Natur ausgebreitet liegen wird!
Diese sich an diesem Feste mit erneuter Macht erhebenden und aufdrängenden Empfindungen und Erinnerungen zu hegen und zu pflegen und auch äusserlich zu zeigen, liegt dem menschlichen Gefühle so nahe, und es hat sich daher namentlich auch in München der schöne Gebrauch gebildet, das wehmüthige und rührende Fest aller Seelen dem Andenken der lieben Verstorbenen zu widmen und zu feiern.
Schon am Tage zuvor, am 1. November, dem Feste Allerheiligen, werden auf dem allgemeinen Freithofe, in München sinnig „Gottesacker" genannt, die Gräber von den Angehörigen der dort Ruhenden festlichst ge
schmückt. Blumen aller Art, welche diese späte Jahreszeit noch darbietet, insbesonders die in vielen Farben spielenden Astern, bedecken in sinniger Anordnung alle Grabhügel; Blatt- und Zierpflanzen sind um dieselben symmetrisch gruppirt, Gewinde von Epheu und Immergrün oder von schwellendem Moose, mit Blumen und den rothen Beeren der Vogelkirsche untermischt, schlingen sich um die Grabsteine. Blumenkränze mit Anfangsbuchstaben der Namen der Verstorbenen von gelben Strohblumen sind überall liegend und hängend angebracht, und dazwischen leuchten zahllose brennende Lichter in farbigen Glaslampen. Der ganze große Freithof ist in einen prachtvollen Blumengarten umgewandelt, kein Grab ist ungeziert; während der Reiche seine Familiengräber und Grüfte mit allem Reichthume der Gartenkunst und mit erotischen Gewächsen verschwenderisch schmückt und glänzenden Prunk zur Schau trägt, versäumt auch die arme Wittwe oder Mutter nicht, ein einfaches Kränzlein und bescheidenes Lichtlein auf das Grab ihres Gatten oder Kindes zu stellen, bei dem ihr verwaistes Herz zu neuer Liebe entflammt und ihr feuchtes Auge mit Sehnsucht über das stille Grab hinweg zu dem Himmel aufblickt.
Da strömen schon am 1. November tausende und aber tausende der Einwohner Münchens hinaus, und ebenso am nächsten Vormittage des Allerseelentages bis Mittag, wo das Fest endet. In dicht gedrängten Schaaren windet sich die Menschenmenge durch die vielen Gänge des Gottesackers, an diesem oder jenem Grabe, das die Ueberreste ihrer Lieben einschließt, längere Zeit im Gebete oder in wehmüthiger Erinnerung verweilend, oder auch nur schauend
und die Pracht des Gräberschmuckes bewundernd. Und in der That bietet sich auch für den bloßen sinnigen Besucher und Beschauer, dem kein Grab theuere Reste einschließt, unendlich viel des Anregenden und Interessanten dar. Wie viele große, in Kunst und Wissenschaft oder im Staate hervorragende Männer ruhen hier auf diesem weiten Felde des Todes im Schooße der kühlen Erde; welche Namen blicken uns von diesen Grabsteinen herab, deren Ruhm noch in fernen Zeiten leuchten wird, deren Hand aber, die ihre Werke einst gefertigt, hier modert! Da schlummern der bayerische Geschichtsforscher Lorenz Westenrieder (+1829), Fraunhofer(+1826), Reichenbach(+1826), Görres (+1848), Utzschneider (+1840), Sennefelder, der Erfinder des Steindruckes (+1834), Leo von Klenze (+1864), Schwanthaler (+1848), Thiersch (+1860), von Schubert (+ 1860) und so viele andere. Den meisten dieser berühmten Männer sind theils im Raume des offenen Gottesackers, theils in den Arkaden Denkmäler von Erz und Marmor gesetzt, verfertigt von den größten Künstlern. Ein besonders ergreifendes Gefühl erweckt der große Weihbrunnkessel von Erz, errichtet im Jahre 1831, mit der Umschrift: „Den im Jahre 1705 am heiligen Christtage den 25. Dezember im Kampfe für Fürst und Vaterland gefallenen Oberländer Bauern." Mehr als tausend heldenmüthige Kämpfer ruhen unter diesem Denkmale!
Diese Fülle der herrlichsten Denkmäler und diese imposanten Hallen der Arkaden schufen den Münchener Freithof zu einen Begräbnißort, der an Großartigkeit in Deutschland nicht seines Gleichen aufzuweisen hat.
Diese Verbindung der Kunst und Pracht mit der Zier des reichsten Blumen- und Blätterschmuckes an diesem Festtage verleiht dem Kirchhofe einen eigenthümlichen unnennbaren Reiz und erzeugt einen Eindruck, daß wir uns in Zaubergärten versetzt glauben. Nicht selten beliebt es aber der Natur in dieser spaten Jahreszeit, in diesen Zauber einen neckischen Contrast hineinzuwerfen; während wir uns durch die Fülle der Blumen in den Frühling versetzt wähnen, wehen leichte Schneeflocken vom Himmel herab, und hüllen die anmuthigen Kinder der Flora in eine weiße Schneedecke.
An diesem Tage sind auch die Familiengrüfte der bayerischen Fürsten in der Frauenkirche (woselbst die älteste), der St. Michaels- und der Theatiner-Hofkirche für Jedermann geöffnet. Auch hier ist der schaulustige Zudrang des Publikums ein ausserordentlicher. Da liegen die Ueberreste Kaiser Ludwigs des Bayern, des Herzoges Albert IV., des Stifters der Alleinherrschaft in Bayern, des großen Kurfürsten Maximilian I., des Türkenbezwingers Max Emanuel, des Königes Maximilian Josef I., genannt „das beste Herz," und des Prinzen Eugen, Herzogs von Leuchtenberg, Stiefsohn des Kaisers Napoleon I. und einst Vicekönig von Italien. Unser größtes Interesse nimmt aber in Anspruch das Grabmal des jüngst verstorbenen Königs, des edlen Maximilian II. in der eigens erbauten Grabkapelle bei den Theatinern. Fünf Jahrhunderte umfassen diese Fürstengrüfte! An diesen Särgen stehend, welche Masse geschichtlicher Ereignisse, welche Umwandlungen ziehen vor unserm Geiste vorüber! Dieser Blick in die Vergangenheit erfüllt uns mit tiefem wundersamen Schauer!
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Das Bier, der Bock, das Hofbräuhaus
Das Bier ist das Nationalgetränke in Bayern. Im Auslande haben besonders die Münchener den Ruf, ungeheure Bierquantitäten vertilgen zu können, allein wohl mit einigem Unrecht, denn seitdem nach dem Norden Deutschlands bayerisches Bier in Menge ausgeführt wird und daselbst zahlreiche Bräuereien desselben entstanden sind, hat sich auch dort die Vorliebe dafür sehr gesteigert.
Allein dessenungeachtet sind nicht die Bayern die Erfinder des Bieres. Schon im grauesten Alterthume, vor länger als 2000 Jahren, ist der Gebrauch desselben bekannt. Der griechische Dichter und Satyriker Archilochus, der ungefähr 700 Jahre, und die griechischen Tragödiendichter Aeschylus und Sophokles, die beiläusig 500 — 400 Jahre vor unserer christlichen Zeitrechnung lebten, führen es an, und nennen es Gerstenwein. Diodor von Sicilien, welcher zu den Zeiten des Julius Cäsar um 50 vor Christus lebte, gedenkt in seiner „Geschichte" (Buch 1 Kap. 20) ebenfalls des Bieres. So redet auch Plinius, ungefähr in der Mitte des ersten Jahrhunderts
unserer Zeitrechnung, an mehreren Stellen seiner „Naturgeschichte" von diesem Getränke und sagt, daß dasselbe auf verschiedene Weise zubereitet werde, ja daß es eine Art desselben gebe, welche noch geeigneter als der Wein selbst wäre, die Menschen trunken zu machen. Er gibt uns ferner die Nachricht, daß dieses Getränke in Spanien celia und ceria, in Gallien und anderen Provinzen des römischen Reiches aber cersvisia genannt wor, den, und daß es besonders bei den Deutschen im Gebrauch gewesen fei. Uebrigens sollen, wie Plinius weiter anführt, der Sage nach die Aegypter als erste Beförderer des Ackerbaues das Bier erfunden und dasselbe in späterer Zeit zu Pelusium bereitet haben, daher es den Namen dieser Stadt trug, und sehr berühmt gewesen sein soll. Taeitus in seiner Schrift über Deutschland (Kap. 23) benennt das Getränke der Deutschen als „ein Gebräu aus Gerste oder Korn, zu einer Art schlechten Weines verarbeitet." Aus allen diesen Nachrichten geht hervor, daß die Alten ein gegohrenes und berauschendes Getränke aus Getreide kannten, allein wir wissen nicht, in wie ferne dieses Bier dem unsrigen ähnlich war.
Auch in Deutschland finden wir schon sehr früh das Bier erwähnt. In der angelsächsischen Bibelübersetzung ist die Stelle Lukas F. 15 „er trinkt weder Wein noch ein berauschendes Getränke" übersetzt mit: „and he ne drineid vvin ne beor." — Im Jahre 816 kommt eine Fuhr Bieres, — una carrada de cervisia, — als Abgabe von der Kirche von Vöhring vor. Bayern hatte schon im 9. Jahrhunderte bedeutende Bierbrauereien. (Meichelbeck hist. Frising. Thl. I. Nr. 336.)
Man muß sich aber von diesem Getränke der früheren Zeit nicht die Vorstellung machen, daß es schon auf einem hohen Grade der Vollkommenheit, oder daß es unserm gegenwärtigen Biere gleich gewesen wäre. Das von uns genannte braune Bier hieß damals das rothe, und wurde in der Regel aus Gerste, ausnahmsweise aber in Gegenden rauheren Klimas auch aus Haber gebraut. Man verstand es jedoch nicht anders, als mittels der warmen Gährung herzustellen, wodurch offenbar ein fades Getränk geliefert wurde, welches bald von der Saure ergriffen ward. Es ist daher nicht zu verwundern, daß damals der Meth und der Wein, letzterer auch von inländischem Gewächse, wenn gleich die Natur nur stiefmütterlich ihren Segen dazu verlieh, sehr beliebte Getränke des trinklustigen Publikums waren. Und dennoch mußte der Verbrauch an Gerste zum Biersieden in Bayern ein sehr bedeutender gewesen sein, denn als im Jahre 1293 eine Mißärndte war und das Getreide sehr hoch im Preise stieg, geboten die Herzoge Ludwig und Otto, daß ein ganzes Jahr hindurch im Lande kein Bier gebraut werden solle. Auch belegte man schon damals die Fabrikation des Bieres mit einer Abgabe; in München gaben sämmtliche Bräuer zusammen 32 1/2 Mut Malz, 50 Pfund Geld, sechs Pfund dem Vizedom, zwei Pfund dem Richter, und von wegen des Bräuens der bürgerlichen Häuser 40 Pfund Wachs.
Wahrscheinlich hat man in den Klöstern zuerst auf Verbesserungen im Bräuwesen gedacht. Eine solche wesentliche Verbesserung war im 15. Jahrhunderte die Erfindung der kalten Gährung, wodurch das Bier besser,
kräftiger und dauerhafter wurde. Diese Verbesserung wurde erst nach und nach nicht ohne Widerspruch und Widerstand durchgeführt. Deshalb und weil dem Publikum nicht nur oft schlechtes Bier verabreicht wurde, sondern weil sogar schon damals, — im 14. und 15. Jahrhunderte, — gewissenlose und habsüchtige Bräuer sich mancherlei Verfälschungen und Zusätze fremdartiger und schädlicher Stoffe erlaubten, wurde das Brauwesen unter die besondere Aufsicht der Polizei genommen. Es finden sich nun allenthalben eine Menge Bräu-Ordnungen und Satzungen, wobei man in das Einzelne und in das Genaueste einging, und sich nicht blos begnügte, das Verhältniß der Quantität der einzelnen Bestandtheile des Bieres festzusetzen.
So auch in München. In dieser Stadt bestand schon zur Zeit Herzogs Ludwig des Strengen ein fürstliches Bräuhaus, und wer von den andern Bräuern in des Herzogs Bräuhause braute, dem gab man die Pfründe (das Gerstenmalz) von des Herzogs Kasten. Ludwig der Strenge verlieh dem heil. Geist-Spitale im Jahre 1286 die Bierbräugerechtigkeit, und die Herzoge Rudolf und Ludwig ertheilten dem Klarissinenkloster auf dem Anger im Jahre 1306 die Bewilligung, ihren Haustrunk selbst brauen zu dürfen. Es muß zu dieser Zeit schon eine nicht unbedeutende Anzahl Bräuer in München gewesen sein, denn im Jahre 1318 kömmt schon urkundlich ein Bürger, Namens Heinrich Preumeister vor, woraus sich schon auf einen längern Betrieb dieses Gewerbes in dieser Familie schließen läßt, da die Bürgergeschlechter ursprünglich ihre Namen von ihren Gewerben hernahmen.
In München gab es im 14. und 15. Jahrhunderte zweierlei Biere, ein besseres und ein geringeres. Das bessere Bier hatte den Namen Greußnig, und es kostete im 14. Jahrhunderte der Eimer Greußnig 40 Pfenninge, während der Eimer gewöhnlichen Bieres nur 30 Pfenninge galt.
Man hört in unseren Tagen die allgemeine Klage, daß das Münchener Bier seinen alten Ruhm verloren habe und bedeutend schlechter geworden sei. Aber es muß in den alten Zeiten Münchens in dieser Beziehung wohl auch nicht besser bestellt gewesen sein, denn der Magistrat sah sich schon sehr frühe veranlaßt, zum Schutze des Publikums gegen die Bräuer sehr strenge Verordnungen zu erlassen. Die älteste Bräuordnung in München kömmt urkundlich schon unter Herzog Ludwig dem Strengen vor. Eine ausführliche Bräuordnung des Stadtmagistrates aber wurde im Jahre 1420 erlassen. In dieser ist den Bräuern erlaubt, Meth (dieses Getränke war damals noch ein sehr beliebtes), Bier oder Greußnig zu brauen; es durfte jedoch dasselbe vor acht Tagen nicht ausgeschenkt werden, es habe denn zuvor über sich wohl vergohren und nicht unter sich. Was würden wohl unsere heutigen Biertrinker von einem Biere sagen, das noch kaum acht Tage alt wäre! Das Bier geringer einzusieden, als die Tare beträgt, oder es mit fremden oder schädlichen Ingredienzen zu vermischen, wurde strenge verboten. (Es kamen also damals schon Bierverfälschungen vor!) Ein einziger Zusatz war den Bräuern erlaubt, um das Bier „schmackhaft" zu machen, nämlich die gespaltene und getrocknete Benediktenwurzel (Caryophillata lutea); diese durften sie in
ein leinenes Tuch nähen und in das gefüllte Faß legen. Zur Aufrechthaltung dieser Bräuordnung wurde von den Herzogen Wilhelm und Ludwig eine Bierbeschau angeordnet und dazu eine eigene Commission niedergesetzt, welche das Bier im Sommer dreimal und im Winter zweimal in jeder Woche besichtigen und prüfen mußte. Wurde dabei gefunden, daß das Bier seinen Pfenning — d. h. sein Geld,— nicht werth war, wurde der Bräuer strenge bestraft. Auch scheinen damals in München schon Uebergriffe der Bräuer und Wirthe gegen ihre Gäste in Beziehung auf richtige Mäßerei häufig vorgekommen zu fein, denn die angeführte Bräuordnung vom Jahre 1420 gebietet ihnen: „daß sie alle ihre Kandeln bringen sollen zu dem geschworenen Zinngießer, den die Stadt.gesetzt hat, und der soll sie beschauen, ob die Nägel (die Aichzeichen) darin recht stehen, und soll auch fürbas nicht mehr geschenkt werden an keinen Kandeln, dann die gebrannt und gezeichnet sind mit der Stadt Zeichen."
Allein im 16. Jahrhundert stand plötzlich ein gefährlicher Mitbewerber des bisherigen braunen Bieres auf, ein Fremdling, welcher sich nicht nur einzudrängen sondern selbst die Uebermacht zu erhalten suchte, nämlich das weiße Bier. In Böhmen nämlich erzeugte man aus Waizen weißes Bier, und an dieser Nachahmung des Weines fanden anfangs besonders Personen höheren Standes Geschmack, wodurch dieses Bier in Bayern und somit auch in München raschen Eingang fand.
Die Polizei sah sich aber bald veranlaßt, Maßnahmen gegen die Ueberhandnahme des weißen Bieres zu ergreifen, theils weil dasselbe der Gesundheit weniger zuträglich sei
als das rothe, theils weil man Vertheuerung des Waizens und dadurch auch des Bredes befürchtete. Dem Brauen dieses weißen Bieres wurden daher anfangs polizeilich alle möglichen Hindernisse entgegen gesetzt und endlich wurd,e das Recht, weißes Waizenbier zu brauen, den Brauern gänzlich entzogen und solches nur dem Landesfürsten vorbehalten. Von nun an erscheint in München ein eigenes fürstliches „weißes Bräuhaus" und zwar ist es dasselbe Gebäude, welches heut zu Tage als Hofbräuhaus noch steht. Aus dem Umfange dieser Gebäulichkeiten läßt sich entnehmen, wie schwunghaft damals die Brauerei des weißen Bieres betrieben wurde, und wie sehr es damals beliebt war.
Diese Brauerei warf für die herzogliche Kasse so gute Erträgnisse ab, daß die Hofkammer zur Erhöhung der Revenuen im Jahre 1589 den Antrag stellte, auch für braunes Bier ein Hofbräuhaus zu errichten, und Herzog Wilhelm V. genehmigte diesen Antrag. Es wurde nun noch im nämlichen Jahre in der alten Veste an der Stelle des niedergerissenen „Hennenhauses" und des „Badgebäudes" ein Bräuhaus erbaut. Jm Jahre 1651 wurde dasselbe gegen den sogenannten „Löwenhof" in der Burggasse zu erweitert. Auch dieses alte Hofbräuhaus existirt noch heutigen Tages; es ist jenes Gebäude am Kanale in der Lederergasse Nr. 26, in welchem seit dem Jahre 1811 das Zerwirkgewölbe sich befindet. Seine ehemalige Bestimmung läßt sich noch heut zu Tage an den großen Fenstern erkennen und sind auch dessen massive Kreuzgewölbe noch wohl erhalten.
Da dieses Gebäude bei dem vermehrten Verbrauche
des braunen Hofbräuhausbieres im Verlaufe der Zeit nicht mehr ausreichte, und anderseits der Genuß des weißen Bieres sich namhaft verringerte, so wurde schon im Jahre 1708 die Brauerei des braunen Bieres theilweise in das nunmehrige, damals nur zum Brauen des weißen Bieres bestimmte Hofbräuhaus verlegt; — im Jähre 1807 aber wurde es gänzlich für das braune Bier bestimmt,' und seitdem besteht das Hofbräuhaus in seiner gegenwärtigen Verfassung und Einrichtung. Die Bierschenklokalitäten darin wurden erst im Jahre 1828 in ihrem jetzigen Zustand hergestellt, indem dazu die früheren Lokalitäten des Hofbräuamtes verwendet wurden.
Der Fremde aber, welcher etwa erwartet, in diesem Hofbräuhause, — dessen Namen entsprechend, — großartige, schöne, reinliche und elegante Lokalitäten und vor Allem gehörige Bedienung der Gäste zu finden, möchte sich sehr getäuscht sehen! Enge, niedere, sinstere Räume sind es, in die wir eintreten; ein höchst widerlicher Geruch von verschüttetem Biere, von Rettigen und der Qualm vom schlechtesten Taback überfällt uns überall, — wohin wir blicken, die größte Unreinlichkeit. Der Gast ist genöthigt, sich einen Krug selbst zu suchen, denselben am Brunnen zu spülen, und das Bier sich selbst an der Schenke zu holen! Aber der „Stoff", — wie man in München scherzweise das Bier nennt, — ist gut, oft ausgezeichnet, und so haben sich die Bierliebhaber par excellence und die alten Stammgäste längst darein gefunden, sich an alle Unzukömmlichkeiten gewöhnt; es ist dadurch eine eigene Spezies der Münchener Einwohner entstanden, „Hofbräuhäusler" genannt, und hat sich auf diese Weise in diesen Räumen ein tüchtiges Stück absonderlichen und naturwüchsigen Münchener Volkslebens gebildet.
Eine besondere Art des Münchener braunen Hofbräuhausbieres ist der Einbeck, oder wie man ihn gewöhnlich zu nennen pflegt, der Bock. Die kurze Geschichte desselben ist folgende. Schon vor mehreren Jahrhunderten wurde in der braunschweigischen Stadt Einbeck ein besonders starkes Bier gebraut, welches seiner vorzüglichen Güte wegen nicht nur in Norddeutschland, sondern selbst im Auslande großen Ruf genoß, und häufig nach Rom, Amsterdam, ja selbst nach Jerusalem verführt wurde. Herzog Albrecht III., welcher sich im Jahre 1436 mit Anna, Herzog Erich I. von Braunschweig Tochter, vermählte, mag wohl dieses Bier schon gekannt haben. Gewiß aber ist es, daß Herzog Albrecht V. im Jahre 1553 zwei Wägen voll zum Gebrauche seiner Hofhaltung von Einbeck aus nach München fahren ließ. Im k. Reichsarchive zu München befindet sich noch eine von genanntem Herzoge am 2. März 1553 auf den Erfurter Bürger Cornelius Gottwald ausgestellte, und vom Rathe der Stadt Erfurt vidimirte Vollmacht zum Transporte von zwei Wagenschwer Ainpeckhisch Bier von Ainpeckh aus nach München oder Landshut. Ferner kommt in einer Münchener Hofrechnung vom Jahre 1574 vor: „Einbeckisch Bier, so die Nürnberger dem gnädigen Herrn geliefert." Bis zum Jahre 1771 wurde dasselbe durch Vermittelung von Nürnberger Handelshäusern von Einbeck bezogen. Erst von dieser Zeit an geschah das Brauen desselben im kgl. Hofbräuhause in München.
Der Bock wurde anfänglich in einem kurfürstlichen
Wagenremisegebäude des alten Hofes ausgeschenkt. Weil aber dieser Platz als ungeeignet sich zeigte und mancherlei Unzukömmlichkeiten hatte, so wurde der Gährkeller des ehemaligen Hofbräuhauses, in einem Seitenflügel des alten HofgebSudes gegen den Psisterbach zu, als Ausschanklokal ausgemittelt. Viele der ältern Einwohner und Bockliebhaber werden sich dieses alten Bockkellers, einer großen, aber ziemlich düsteren gewölbten Halle, noch wohl erinnern. Als aber dieser Flügel niedergerissen und an seine Stelle das Gebäude der Steuer-Kataster-Kommission hingebaut wurde, ward der Bockkeller an seinen gegenwärtigen Platz im alten ehemaligen Münzgebäude am Münzgäßchen hin, verlegt.
Der Ausschank des Bockes begann ursprünglich immer erst am Fronleichnamstage, vom Jahre 1793 an aber abwechslungsweise am Christi Himmelfahrtstag oder am Pfingstsonntag. In gegenwärtiger Zeit beginnt die „Bocksaison" stets am 1. Mai, wodurch dieses beliebte Münchener Getränk auch noch den Glauben und Ruf als „Maikur" erhielt, und als solche von vielen wirklichen oder eingebildeten Kranken benützt wird.
Mit dieser Bocksaison beginnt ein eigenthümliches Leben und Treiben in der guten Stadt München.
Schon mehrere Wochen vorher, im April, ertönt aus den sonst das ganze Jahr hindurch geschlossenen, öden und stillen Räumen des Bockkellers ein unheimlicher Geisterspuck; man vernimmt aus ihnen ein geheimnißvolles Rascheln, ein auf- und abgehen, ein klopfen und hämmern, ein wischen und waschen. Sind es die Geister des Bockes, die das nahe Erscheinen desselben verkünden? Aber —
wir kennen diese Geister und wissen, was ihr Spuck bedeutet. Sind nämlich eben zufällig die Thüren offen geblieben, so sehen wir innerhalb derselben eine Anzahl Arbeiter, geschäftig, die Bocklokalitaten für die nahe bevorstehende Eröffnung herzurichten; Tische und Bänke werden aufgeschlagen, die lange bestaubten Räume werden gereinigt und aufgewaschen, die Hallen, Arkaden und Wände mit grünen Tannenbäumen geschmückt, die Schanklokalitäten geordnet und mit allem Nöthigen versehen, — mit unnennbarer Sehnsucht erblickt der eben vorübergehende Münchener diese vielbedeutenden Vorbereitungen.
Aber der wirklichen Eröffnung geht noch ein anderes wichtiges bedeutsames Ereigniß voraus, das die Gemüther der Münchener auf das höchste spannt; es ist die sogenannte Bockprobe. Diese findet ein paar Tage zuvor in den Lokalitäten des sogenannten weißen Bräuhauses statt, wozu der Zutritt nur einer Anzahl besonders Begünstigter gestattet wird. Von diesem Augenblicke an ist München in einer gewissen Aufregung; — „wie ist der Bock heuer, — ist er gut?" — das ist die allgemeine Frage, vor der alle andern wichtigen politischen und socialen Interessen zurück treten; man kümmert sich nicht mehr, ob Krieg oder Frieden, ob preußisch oder österreichisch, nicht mehr um Napoleon und Viktor Emanuel und Garibaldi; man fragt nur: „ist der Bock heuer gut?"
Endlich ist der ersehnte erste Mai erschienen, die Bockhallen sind geöffnet, eine herrliche Frühlingssonne lacht vom wolkenlosen Himmel hernieder, warme milde Lüfte erfüllen den Aether, den Besuch des Bockkellers begünstigend. Da strömen die Freunde des edlen Getränkes
schaarenweise herbei, in einigen Augenblicken sind alle Tische und Bänke, Zimmer und Arkaden besetzt, ja selbst der weite Hofraum ist von Gästen angefüllt, die keinen Platz zum Sitzen mehr fanden und froh sind, vielleicht ein leeres Faß zu sinden, auf dem sie kampiren können. Wir selbst haben uns mit der Menge hineindrängt. Vor allem erblicken wir hoch an der Wand das Wappen, das in keinem Bocklokale fehlen darf, einen Geisbock darstellend, der mit gewaltigen Hörnern ein volles Glas umstößt, das Sprichwort andeutend: „Den hat der Bock gestoßen!" Nun gilt es vor Allem, sich ein Trinkgeschirr zu erobern, denn keine dienstfreundliche Kellnerin als Hebe kredenzt das schäumende Glas, kein Garyon im schwarzen Fracke und mit Glaeshandschuhen bedient die durstigen Gaste, kein Aufwärter frägt sie um ihr Begehren ; Jedermann ist angewiesen, sich selbst zu bedienen. Das hier ausschließend gebräuchliche Trinkgeschirr ist kein zierlicher Krug oder ein sogenanntes Halbeglas, sondern das „Bockglas", ein gläserner Pokal, eine halbe Maß enthaltend. Waren wir nun so glücklich, ein solches Bockglas zu erringen, so beginnt nun der Sturm auf die Schenke, in welcher aus den Fäßern das edle Naß läuft. Welches Gedränge hier, welches Drücken, Zerren und Stoßen! Gleicher Andrang findet täglich während der ganzen Bockzeit statt.
Endlich haben wir alle diese Mühen und Kämpfe durchgemacht, und selig und stillvergnügt sitzen wir an der Bank, mit Wohlbehagen den Nektar schlürfend. Aus jedem uns umgebenden Gesichte erblicken wir die gewichtige Kennermiene, und das hellleuchtende Antlitz verräth die Wonne, wenn der Bock wirklich von der gehofften Güte ist.
Die Stunden, während welcher der Bockkeller von der Elite der Münchener Bockliebhaber gefüllt ist, sind Vormittags zwischen 10 und 1 Uhr. Zu dieser Zeit ist hier die eigentliche süddeutsche Gemüthlichkeit zu finden; hier sind alle Stände durcheinander gemischt, hier gibt es keinen Rangunterschied, keinen Standesvorzug, keine Ausscheidung der verschiedenen Klassen der Gesellschaft; der General oder Oberst sitzt neben dem gewöhnlichen Schreiber, der Kollegial-Direktor oder Rath neben dem Unteroffizier, der Bürgermeister oder Magistratsrath neben dem Packträger, der Geldaristokrat neben dem Proletarier, der Hochadelige neben dem Plebejer, der Ultramontane neben dem Freidenker oder Freimaurer; hier allein ist ächte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, hier allein ist das deutsche Volk einig, hier allein herrscht ungetrübte Harmonie!
Kaum haben wir kurze Zeit Platz genommen/ so schreiten zur Thüre herein auffallende weibliche Gestalten, alt, häßlich, schmutzig und zerlumpt, wir vermeinen die Grazien aus Shakespeares Makbeth aus einer Theaterversenkung emporsteigen zu sehen! Diese sind die Münchener Damen der Halle, hier „Radiweiber" genannt. Diese waren vielleicht vor vielen Jahren auch schöne, blühende, flotte Kellnerinen, die zierlichen Koketten der Kaffee- und Gasthäuser, das begehrliche Ziel der blasirten jungen Modeherrn und der alten verliebten Gecken und Narren, zahlreiche Huldigungen begehrend und empfangend. Nachdem sie eine Zeitlang Furore und Eroberungen gemacht, zahlreiche Feldzüge der Liebe durchgekämpft, dann ausser Kurs gekommen und endlich gealtert sind, treten sie in das Invalidenthum ein und werden „Radi- und Nußweiber!"
„Das ist das Loos des Schönen auf der Erde!"
(Schiller.)
Früher trugen sie ihre Liebe feil; ihr jetziges Geschäft ist, Rettige (in München „Radi" genannt) und Nüsse in den Wirthshäusern und öffentlichen Schanklokalitäten feil zu tragen. Im Bockkeller machen diese scheußlichen Gestalten brillante Geschäfte, denn die jungen Radieschen, hier Monatrettige genannt, sind eine pikante und darum unerläßliche Zugabe zum Genuße des Bockes, und finden daher allgemeinen Absatz, und das Radiweib verfehlt nie, dem Käufer unentgeltlich eine übermäßige Portion Salz auf den höchst schmutzigen, mit Resten von Bock, Rettigen und Nußschalen verunreinigten Tisch zu schütten. Eine andere beim Trinken des Bockes unerläßliche Speise sind die „Bockwürste", aus Kalbfleisch und reichlichen grünen Küchenkräutern verfertigt. Nach taufenden und taufenden werden diese wirklich sehr geschmackvollen Würste , während der Bockzeit verspeiset, und ausser München ist die Zubereitung und der Genuß derselben wohl überall unbekannt.
Nun kommen aber auch unvermeidliche Leiden. Aus unserem behaglichen Genuße, aus unserm seligen Beschauen und Träumen werden wir plötzlich durch höchst schrille und unangenehme Töne geweckt. Es ist die Heuschreckenplage Münchens, die Wirthausmusik, die uns leider in jedem öffentlichen Gastlokale als unausweichliches Gespenst verfolgt, alle behagliche Ruhe stört, jedes freundliche Gespräch unterbricht oder unmöglich macht und uns dadurch das Bier versauert. Eine Geige, eine Flöte oder Klarinette und eine Harfe, vielleicht auch eine ganz verstimmte
Trompete führen ihre ohrzerreissenden Stücke auf; befindet sich aber bei dieser Künstlergesellschaft nun noch gar eine Sängerin, so gerathen wir aus der Seilla in die Charybdis. Die Sängerin, eine schon sehr verblühte und abgelebte Jungfrau mit einem der Broncefarbe ähnlichen Teint, begleitet von ein paar Musikanten mit rothen versoffenen Gesichtern, singt uns mit heiserer, kreischender und widerlicher Stimme ein Lied,
„das Stein erweichen,
Menschen rasend machen kann."
(Gellert.)
Hat eine solche Musikantengesellschaft ihre Produktion geendet, so folgt ihr auf dem Fuße eine zweite, eine dritte, mit einander wetteifernd, die Ohren des Publikums zu martern. Ach, verschwunden seid ihr schönen klassischen Zeiten, wo der blinde Elias mit seinem schiefmäuligen Söhnchen, oder das „Kanapee" so genannt von seinem Forceliede: „das Kanipee ist mein Vergnügigen", ihre wundersamen Melodeien uns aufspielten und fangen, oder wo der Sulzbeck, seines Zeichens ein Hundshetzer, auf seiner Baßgeige die Schlacht von Hanau auf das getreueste vorstellte! Die Krone aber aller dieser stereotypen musikalischen Genüsse ist der Bockwalzer, das Musterstück und der Urtypus aller Bänkelsängermusik, bei dessen Aufspielen der süße Pöbel gewöhnlich in Verzückung fällt und ihm
„ganz kanibalisch wohl wird,
als wie fünfhundert Säuen."
(Göthe's Faust.)
Der Bock dauert mit einer kurzen Unterbrechung bis
zum Fronleichnamstage. Dann sind die Hallen des Bockkellers wieder verödet und stumm und seine Thore geschlossen bis zum Wiederauferstehungstage des nächsten Jahres. Der Münchener sucht sich nun entweder für den Verlust auf den bald sich öffnenden Sommerkellern, oder bei den von einigen Bräuern gelieferten Doppelbieren, welche gleichfalls unter dem Namen „Bock" verleit gegeben werden, aber die Güte und das unvergleichliche Aroma des Hofbräuhausbockes nicht zu erreichen vermögen, zu entschädigen.
Andere in München beliebte Abarten des Bieres sind: Das Salvatorbier, früher Paulanerbier genannt. Das Kloster der Paulaner in der Vorstadt Au genoß in alter Zeit das Privilegium, ein besonders starkes Doppelbier zu brauen. Nach Aufhebung des Klosters am Anfange des gegenwärtigen Jahrhundertes übte der Käufer des Klosterbräuhauses, Herr Zacherl, dieses Privilegium aus, wogegen ihm von Seite der Regierung mancherlei Hindernisse in den Weg gelegt wurden, bis er endlich in späterer Zeit die höhere Erlaubniß dazu erhielt. Gegenwärtig beginnt der Ausschank desselben jährlich am ersten April im Zacherlbräuhause und dessen Keller, und dauert ungefähr acht bis vierzehn Tage. Auch hier ist der Zudrang des Publikums ein ausserordentlich großer; dieses Bier ist gleichfalls ein Lieblingsgetränke der Münchener geworden, Viele ziehen es sogar dem Bocke vor.
Das Exportbier aus der Georg Pschorr'schen Bierbräuerei in der Neuhausergasse. Dasselbe ist hauptsächlich bestimmt zum übersee'schen Transport nach Indien, und ist ein starkes, kräftiges Doppelbier. Dieses ist aber
hauptsächlich seines hohen Preises wegen nicht volksthümlich geworden, sondern wird nur als Luxusbier getrunken.
Hingegen aber hat das sogenannte Wienerbier, ein in der Hacker'schen Bierbräuerei in der Sendlingergasse gebrautes Bier, größeren Eingang im Publikum gefunden. Es ist auf Wienerart mit Obergährung gebraut, während bei unsern bayerischen Bieren die Untergährung angewendet wird, und lieblich und angenehm zu trinken. Der Ausschank desselben geschieht auf dem Hackerbräukeller, der, was sonst bei den Münchener Kellern gewöhnlich eben nicht der Fall ist, einladend, ja beinahe geschmackvoll und elegant eingerichtet ist.
Nicht umgehen können wir der Vollständigkeit wegen ein anderes Getränke, welches zwar nicht zu den Erzeugnissen Münchens gehört, da die stiefmütterliche Natur das nöthige Klima versagt, das aber in alter wie in neuer Zeit eine große Rolle spielte, nämlich der Wein.
Im Mittelalter, wo das Bier weniger gebräuchlich war, wurde der Weinbau in Bayern sehr ausgedehnt und emsig betrieben. Nicht nur längs der Donau an den Hügeln ihres linken Ufers, von Niederaltaich an bis über Regensburg hinauf, an der Altmühl, Abens und Naab, sondern auch im Innern des Landes, selbst an der Isar, am Inn und am Lech begegnen wir allenthalben dem Weinbaue und der „Landshuter Ausbruch" mag wohl der Staufer- oder Krukenberger Auslese wenig nachgestanden haben. Der Verbrauch des Bayerweines in Klöstern und bei dem gemeinen Manne, selbst am Hofe war nicht gering, wie die noch vorhandenen Rechnungen
zeigen. Die Herbe des Weines wurde gewöhnlich durch Zusatz von Honig gemildert.
Die fremden Weine, die ausser dem Bayerweine in München getrunken wurden, lernen wir aus verschiedenen Urkunden und Rechnungen, namentlich aber aus einem Dokumente vom Jahre 1385 kennen, in welchem die Herzoge Stephan, Friedrich und Johann Gebrüder der Stadt München ein Ungeld „auf alles trankh von einem jegleichen Emmer Weins allweg vier maß weins, es sei Malafaser (Malvasier), Romany, kriechel, Reinvall, Welschwein, Neckherwein, frankhen, Osterwein (österreichischer Wein), oder mett, außgenommen allein Pier vnd Graißnickh," und zwar auf die Dauer von vier Jahren verleihen." Unter diesem „Reinvall" ist jedoch nicht Rheinwein zu verstehen, sondern Wein von Rivoglio in Istrien, virmm ritolium, bei den alten Römern genannt vinum Pucinum.
Zur Niederlage fremder Weine und zum Verkaufe unter dem Reife diente der Weinstadel in der Dienersgasse, wohin ihn die Fremden liefern mußten. Dieses Gebäude ist noch gegenwärtig vorhanden, es ist das Haus Nr. 20 in der Dienersgasse, in letzter Zeit Hotel Schafroth, und noch sind, wenn auch etwas unterbaut, die ehemaligen geräumigen im Spitzbogenstile gewölbten Parterrelokale zu sehen. — Der Weinmarkt aber wurde in der Weinstraße gehalten, woher dieselbe auch ihren Namen führt.
Aber gleichwie Verfälschungen des Bieres, so kamen such im Mittelalter häufig Verfälschungen und Verschlechterungen des Weines vor. Deshalb erließ der Magistrat München in der schon mehrmals angeführten Polizeiordnung vom Jahre 1420
sehr umsichtige und strenge Anordnungen auch über den Ausschank und Verkauf des Weines unter dem Titel: „Weinschenckhen fäez." Aus dieser Verordnung lernen wir zugleich die Art und Weise der damaligen Verfälschungen kennen. Verboten wird nämlich die Vermischung des Weines mit Weidenasche, besonders beim Neckarweine, oder Branntwein oder andere „Gemacht" in den Wein zu thun; verboten wurde die Mischung verschiedener Weine, das Schenken aus zweierlei Zapfen, und das „Pritschen" schlechteren Weines unter guten. Durch eine spätere Polizeiordnung vom Jahre 1472 wird der Beisatz von Schwefel, Bleiweis, Säure oder sonst schädlicher Gegenstände untersagt. Wurden bei den magistratischen Visitationen verfälschte Weine gefunden, so wurde dem Faße der Boden ausgeschlagen, der Wein auf die Straße laufen gelassen und der Weinschenk überdieß noch mit tüchtiger Strafe belegt.
Streng wurde auch im Mittelalter die Polizeistunde gehalten, welche durch das Läuten der sogenannten Weinoder Bierglocke angezeigt wurde; auf dieses Zeichen mußte Jedermann die Schenk- und Zechstuben verlassen und sich nach Hause begeben. Während der Magistrat so auf Ordnung sah, damit nicht die Bürger im Zechen zur Ungebühr billiges Maß überschritten, sehen wir aber doch, daß man es selbst höheren Ortes nicht besonders übel aufnahm, wenn ein Mann im Weintrinken des Guten etwas zu viel that. So schrieb Herzog Wilhelm III. im Jahre 1410 während seines Feldzuges nach Tirol an den Magistrat von München folgenden Brief: „Wilhelm von Gottes Gnaden, Herzog in Bayern. Unsern Gruß und
Förderung zuvor, liebe Getreue! Wir lassen euch wissen, daß wir kein Pulver mehr haben. Nun mögen wir ohne Pulver nichts schaffen. Darum so bitten wir euch mit großem Fleiße, daß ihr uns euers Pulvers vier oder fünf Zentner leihet und uns sendet bei Tag und bei Nacht, damit wollen wir ohne Zweifel schaffen, das uns und euch Ehre und Nutzen ist. Auch haben wir vernommen, wie daß sich der Pogl Mauerer, unser Werkmann (Hofmaurermeister) von Weins wegen vergessen, und etwas thöricht gegen euch gehandelt habe. Nun weiß der mehrere Theil zu München, wenn er sich überweint, daß dann Niemand übler Behandlung vor ihm sicher ist, und ist sonst, wie ihr selbst wohl wisset, ein guter und bescheidener Werkmann. Darum bitten wir euch mit ganzem Ernst und Fleiß, daß ihr von Unser wegen keine Gabe (Geldstrafe) von ihm begehrt, als wir dessen ein ganzes Vertrauen zu euch haben. Darum wollen wir allzeit desto gerner thun, was euch lieb ist, und wollen ihn auch nach eueren Rath gern selbst strafen und bessern. Gegeben im Felde vor der Matzen am Mittwoch vor Augustinus 1401."
Îndem der Verfasser dem Schluße dieses Abschnittes zueilt, vermerkt er unlieb, daß er von seiner ernsten historisch-archäologisch-technologischen und statistischen Abhandlung über Bier und Wein vielfältig abgewichen ist, und sich auf das scherzhafte Gebiet verirrte. — Sei es denn! Quod scripsi, scripsi was wir geschrieben haben, haben wir geschrieben. In dieser Stimmung können wir nicht umhin, zum Schluße dieses Abschnittes noch ein paar humoristische Züge über Bier und Wein mitzutheilen.
In alter Zeit wurde die gerichtliche Bierprobe, Bierbeschau genannt, nicht auf die jetzige Weise, durch Prüfung des Geschmackes bloß mit der Zunge und Untersuchung des Gehaltes und der Ingredienzien auf chemischem Wege und durch Grad-Messungen vorgenommen; die Probe war vielmehr eine höchst einfache und praktische. Die Bierbeschauer, in München „Bierkieser" genannt, mußten bei Ausübung ihres Amtes in hirschledernen Hosen im Bräuhause erscheinen. Hier wurde ihnen eine hölzerne Bank hingestellt, und diese über den Sitz mit ein paar Maß. des zu prüfenden Bieres beschüttet. Da hinauf setzten sich nun die Bierkieser mit ihren hirschledernen Hosen, und zechten, eine Sanduhr vor ihnen stehend, eine volle Stunde, ohne von ihrem Sitze auch nur im geringster, zu rücken. War endlich die Stunde abgelaufen, so stander sie zugleich in demselben Momente auf. Blieben sie nur mit ihren hirschledernen Hosen an der Bank kleben, st daß sie nicht aufstehen konnten ohne dieselbe empor zu heben, so war das Bier gut, gehörig kräftig und Pfenning vergeltlich; war solches nicht der Fall, so wurde das Wie, als zu leicht befunden und gegen den Bräuer Strafe verhängt.
Ueber diese alterthümliche Bierprobe erlauben wir um ein sehr hübsches Gedicht von Guido Görres mit zutheilen.
Münchener Bierbeschau.
Schon ziemlich lange mag es sein,
Man zählte just das Jahr,
Als noch die alte Redlichkeit
In Deutschland üblich war.
Nun damals galt in München auch
Ein hergebrachtes Recht,
Wie man das neue Bier beschaut,
Der Brauch war gar nicht schlecht.
Drei Männer sandte aus dem Rath
Die Münchner Bürgschaft
Zum Bräuer, ob das junge Bier
Geerbt des alten Kraft.
Ihr meint, die Herren aus dem Rath,
Die tranken nun aus Pflicht;
Das mag die Sitte jetzo sein,
Doch damals war sie's nicht.
Sie goßen's auf die Bank fein aus,
Und setzten drauf sich frei,
Und kleben mußte dann die Bank,
Erhoben sich die drei.
Sie gingen drauf mit selber Bank
Vom Tische bis zur Thür,
Und hing die Bank nicht steif und fest,
Verrufen war das Bier.
Doch wie hier unterm Mondenschein
Auch gar nichts kann bestehn,
Und sich die Welt nur immerfort
Im Kreise pflegt zu drehn,
Es kam die aufgeklärte Zeit,
Und die war dünn und karg,
Und mit der deutschen Redlichkeit
War's lang nicht mehr so arg.
Und matt und dünn und aufgeklärt,
Ward da das Bier halt auch,
Und somit nahm ein Ende dann,
Der alte schöne Brauch.
Vielleicht daß Gerst' und Hopfen man
Zu wenig heute pflegt,
Vielleicht auch, daß vom Pfennigkraut
Zu viel hinein man legt.
Doch wird noch von der Bürgerschaft
Der alte Brauch geehrt,
Nur hat sie ihn, wie Anders auch,
Ins Gegentheil gekehrt.
An ihnen klebt die Bank nicht mehr,
Drum kleben sie an ihr,
Und sitzen drauf wie angepicht,
Als war's das alte Bier.
Und wer den Krug zum Munde führt,
Der setzt ihn nicht mehr ab,
Bis er den letzten Tropfen hat
Gebracht in's sichere Grab.
Ueber den Wein geben wir unfern freundlichen Lesern noch ein Münchener Lied aus dem sechzehnten Jahrhunderte, gedichtet von dem herzoglichen Kapellmeister Orlando di Lasso selbst, und der humoristische Text von ihm in gravitätischen viereckigen Noten nach der Weise seiner Zeit in Musik gesetzt. Es findet sich in einer Liedersammlung unter dem Titel :
„Newe teütsche Liedlein mit fünf Stimmen, welche gantz lieblieh zu singen, und auff allerlei Instrumenten zu gebrauchen
Von
Orlando di Lassus. k. bayer. Kapellmeister componiert.
Gedruckt zu München bei Adam Berg. Anno M. D. LXVII.
Das Gedicht lautet:
„Im Land zu Wirtemberg so gut
Im Herbst man Trauben schneiden thut,
Den Wein thut man auspressen.
Da was ein Esel, hoch von Muth,
Der suff sich voll von Wein so gut,
Und hielt sich gar vermessen.
Da das der Herr des Weins ersach,
Beim Richter führt er große Klag,
Wollt haben zahlt sein Weine.
Der Richter fragt als ohngefähr,
Ob auch der Esel g'seßen war;
Der Andre sagt: Herr, neine!
Der Richter lacht und sprach: Mein Mann!
Der Esel dir nicht zahlen kann,
Das kannst du selbst ermessen;
Dann fein Herr gibt ihm gar kein Lohn,
So hat er nur ein Ehr'ntrunk thon,
Dieweil er nit ist g'sessen."
Wie hoch in Ansehen der Ehrentrunk bei unseren Vorfahren stand, haben wir in diesem Buche bei verschiedenen Anlässen gesehen; unser heutiges „anstoßen" und „hoch leben lassen" ist nur ein schwacher und häufig mißbrauchter Nachklang dieser altehrwürdigen Sitte.
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Der Karakter der Münchner
Zum Schlusse unseres Buches halten wir es für würdig, jene glänzende und erhebende Schilderung, welche der edle und scharfblickende Westenrieder in seiner Beschreibung von München vom Jahre 1782 von dem Karakter der Münchener Eingebornen macht, zu unserm Stolze, aber auch unser jetzigen Generation zur Nacheiserung hier wörtlich abzudrucken.
„Die Hauptzüge der Münchener sind ein biederes Wesen und eine einladende Redlichkeit. Der Ton ihrer Stimme ist ungesucht, so wie ihre Bewegungen, und ihr Gang ist bescheiden und mannlich. Das Frauenzimmer wird unter das schönste in Deutschland gezählt, und es gibt überhaupt in beiden Geschlechtern und unter den gemeinsten Ständen die geistreichsten Physiognomien.
„Der wahre Münchener ist männlich höflich, und schämt sich, Jemand eine Schmeichelei zu sagen, welche der Andere nicht verdient, oder woran sein Herz nicht denkt. Er spricht über seine Angelegenheiten ohne allen Umweg und
setzt durch seine Kühnheit den hösischen Fremden in Erstaunen, denn der Eingeborene heuchelt nicht, und wo ihm etwas mißfällt und unrecht däucht, sagt er's geradezu, und beurtheilt öffentlich den Vornehmen wie den Niedern. Er sagt es laut, und in's Gesicht sagt er's ihm. Diese ihm gleichsam angeborene Gewohnheit den geraden Weg zu gehen, begleitet ihn allenthalben, und er bleibt nicht selten der Gefahr ausgesetzt, dadurch, daß er Jemand, der ihn betrügen will, für ehrlich hält, übervortheilt zu werden. Ein ähnlicher Mangel an Welttugenden ist die hergebrachte Bescheidenheit, seines Verdienstes nicht zu achten. Es haben hier ununterbrochen Gelehrte und Künstler aller Arten gelebt, und sie bemühten sich nicht im geringsten, wie sie bekannt werden möchten, und sind es bei dem Auslande immer mehr, als zu Hause gewesen. So wird ebenfalls in mechanischen Künsten mit der möglichsten Vollkommenheit gearbeitet, und z. B. die hiesigen Kutschen, Lakirarbeiten, Stahlarbeiten ec. ec. werden so geschmackvoll und trefflich, wie in Paris und London verfertiget.
„Was die Wissenschaften betrifft, so cirkuliren hier alle Kenntnisse, die der Mensch sich erklärt oder erfunden hat. Die Gelehrsamkeit und das, was man Aufklärung des Verstandes, Verbesserung des Geschmackes, und Erhebung des Karakters nennt, befindet sich, im Ganzen genommen, bei dem Mittelstande. Von diesem wird geschrieben, von diesem wird auch das meiste gelesen und gearbeitet, und der Unterricht in Künsten und Wissenschaften den übrigen Ständen ertheilt. Die Kühnheit, deren sich die Schriftsteller bedienen, hat stets die Bewunderung des Auslandes
Verdient, und wechselweise die inländischen Köpfe ermuntert. Man hat hier lange, wie man zu sagen pflegt, vergessen, was eben gegenwärtig nicht weit von uns als eine große Seltenheit, und als die Erscheinung einer mächtigen Aufklärung bewundert wird.
„Die Musik gehört zu den Lieblingsfreuden der Einwohner, und in wohlgeordneten Häusern wird sie ohne Ausnahme als ein wichtiges Stück einer guten Erziehung betrachtet. Ueberhaupt sind die Münchener sehr empfindsam und weinen herzliche Thränen bei einer tragischen Vorstellung, wozu sie mehr, als zu lachenden Scherzen geneigt sind, daher verfehlt eine geistreiche Anstalt nie ihres Zweckes, und sie hangen mit Wärme und edler Unbeugsamkeit an jeder Einrichtung oder altem Herkommen, woran sie überzeugt zu sein glauben, daß selbe sie alle betrifft. Sie sprechen bei gemeinschaftlichen Dingen, als gehörten sie alle zu Einer Familie, und der Name Vaterland ist ihnen heilig, und jeder Flecken, der dazu gehört, ist ihnen wichtig., Sie lieben sehr die öffentlichen Feierlichkeiten, wo sie Gelegenheit fimden, sich versammelt zu sehen, und fröhlichen Herzens zu werden. Bei ihren Lustbarkeiten ist aller Zwang und alle Verstellung entfernt, und die Lebhaftigkeit und das gesellige, Wesen ziehet Jeden in den Kreis ihrer Freuden. Der wahre Eingeborne wird nicht erst hier gegen Fremde offen und vertraut, er ist dieß zu allen Zeiten, und man darf mit ihm nicht erst Jahre lang umgehen, um zu wissen, woran man ist. — Das Blut der Altbayern wird nie versiegen; es ist hier gut sein, und wer nur eine kleine
Zeit in München zugebracht hat, will hier seine Wohnung sich bauen."
So schrieb Westenried er im Jahre 1782! Jed„ Münchener, der an seinem Standbilde am Promenadeplatze vorüberwandelt, möge mit Ehrerbietung und Liebe zu seinem edlen Antlitze aufblicken!
Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)
Münchnerkind
Das Ur-Wahrzeichen Münchens ist das Stadtsiegel.
Alleranfangs war da ein Burgthor mit zwei Thürmen zu sehen, unter demselben ein Kopf mit einer Kapuze, und über dem Thor weg ein aufwärts schauender Aar.
Es trat aber später eine Aenderung ein und heut zu Tage sieht man als Stadt-Wahrzeichen ein Mönchlein in ganzer Figura, welches die Arme ganz frisch dehnt und ein frumm frohes Gesicht aufweist.
Was es nun mit dem fraglichen Mönch auf's Genauere sei, und ob nun die ehrsame Stadt München ihren Namen vom Wort Mönch herleite, oder nicht, das hat den diversen gelahrten Häuptern schon viel Streit und Kümmerniß verursacht. Das Ende war immer, daß Jeder recht haben wollte, und zuleßt wußte man doch nichts Gewisses. Dem sei also, wie da wolle, uns Münchnern ist der Mönch ganz recht, denn wir sind selbst ganz froh und frumm, wie der frohfrummste Mönch.
Im Uebrigen geht die altergraue Sage eines Vorfalls, von welcher sich der Mönch herschreiben soll, und die lautet so:
Zur Zeit die Ungarn, oder wie man sie auch noch im zehnten Jahrhundert nannte, die Hunen, wieder einmal in's Land Bayern einfielen und Alles verbrannten und verwüsteten, wohin sie nur drangen - insonderheit auch die Klöster - so glaubten die Mönche von Schäftlarn am linken Ufer der Isar aufwärts, sie kämen vielleicht mit Heil davon, weil ihr Kloster nieder und ziemlich verborgen sei.
Da langte aber Nachricht an, es rücke ein Hunenschwarm in die Gegend. Auf dieß ergriffen die Einen die Flucht und machten sich in die damalige Oede, wo jeßt München steht; die Anderen hofften dennoch, der Gefahr zu entrinnen, wurden aber von den Hunen überfallen und hin gemordet. Wie das Die in unserer Gegend hörten, wagten sie sich die längste Zeit nicht mehr heim, sondern bauten sich eine Hütte und blieben, bis sie vernahmen, daß alle Hunen vom Kaiser und Reich erschlagen seien. Dann kehrten sie wieder in ihr Kloster zurück, das sie ganz in Trümmern fanden, und bauten es nach Kräften wieder auf. Ihr Besißthum in unserer Gegend ließen sie aber nicht ganz fahren und kamen dann und wann Isar abwärts. Wie nun das sei, so viel soll einmal ganz gewiß sein, daß sich zu München die allererste Hütte mit etwelchem Hafer- und Kornwuchs auf der Stelle befunden habe, wo sich jeßt im Thal die Hochbrücke befindet.
Dem zu Folge meinten dann Etliche so: Weil sich am besagten Ort Mönche aufhielten, hätte man's da mählig bei den Mönchen genannt, und nach und nach sei dann aus Allem, was weiters entstand, der Name München geworben .
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Das Kreuz in der Wieskapelle.
In der zugemauerten, uralten Kapelle auf der Wieden-, Wieskapelle, oder wie sie auch genannt ward, Herrgotts Kapelle hinter St. Peter befand sich früher im Pflaster ein Kreuzzeichen.
Von dem erzählten mir alte Leute, da ich noch ganz jung, die Kapelle aber schon lange abgewürdigt war und wie noch heute, dazu diente, alte Akten und dergleichen aufzubewahren. In späterer Zeit kam ich einmal hinein und suchte aller Orte, fand jedoch nichts. Sei es, daß das Zeichen, welches schondazumal undeutlicher gewesen sein soll, mählig ganz verwischt, oder der Stein mißachtet, umgekehrt, oder entfernt wurde - es that mir leid genug, ihn nicht mehr zu sehen. Ob er sich nun künftig noch vor finde, oder nicht, es handelt sich da um ein Wahrzeichen, und mit dem ist es so beschaffen:
Als Herzog Ludwig der Strenge, welcher bekannter massen Anno Domini 1256 seine Gemahlin, die schöne Maria von Brabant, zu Donauwörth aus Eifersucht tödten ließ, von immer größerer Reue erfaßt ward, kam er von seiner Hofburg, oder wenn er sonst des Weges war, öfters in die Wieskapelle und betete allerherzinniglichst um Vergebung für seine That. Da meinte er einst, er sehe auf der Epistelseite des Altars eine weibliche Gestalt, die der Maria von Brabant ganz ähnlich sei und nicht zu mild, aber auch nicht zu ernst auf ihn herüberschaue, und um den schneeweißen Hals war's wie ein haarscharfer, rother Streifen. Der war ihm hier das sicherste Zeichen. Als er nun voll Kummer sein Haupt beugte und dann wieder aufblickte, sah er nichts mehr von der Gestalt und glaubte, es sei doch wohl nur ein Traumbild gewesen; er war aber bei all dem einiges besseren Muthes, weil ihm Gott ein Bild zugelassen habe, das ihn nicht mit Zorn anblickte.
Dafür dankte er, empfandso viel größere Sehnsucht nach Vergebung, breitete die Arme gen Himmel und sagte in aller möglichen Inbrunst: »O Domine, absolve me per innocentiam Mariae!« Dieß sagte er zweimal und als er das gethan hatte, erhob sich mählig ein Gesang, als ob Engel sängen; und die mußten es wohl sein, weil er wußte, es sei außer ihm Niemand in der Wieskapelle. Da horchte er ganz andächtig zu, und als der Gesang endete, sagte er zum Drittenmal, was vorher.
Da vernahm er eine süße Stimme hinter sich, die sagte: „ Ludovice, te absolvit Dominus noster!"
Und als er von Gottes Verzeihung hörte und freudiglich umsah, schaute er der Maria von Brabant in's licht glänzende Antlitz und vernahm, wie sie weiters sagte : ,,Sicut Deus et ego", das heißt, wie Gott, vergieb ich dir — und verschwand. Herzog Ludwig der Strenge aber fiel auf's Antlitz und weinte, wie ein Kind, ganz bitterlich, dennoch voll Freude, weil er nun wußte, daß ihm vergeben sei.
Zum Wahrzeichen aber heißt es, ließ er ein Kreuz an die Stelle graben, auf welcher die Maria hinter ihm gestanden .
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Lindwurmeck am Marktplatz
Dieser Lindwurm ist ein ganz besonderes Wahrzeichen der Stadt München, und es verhält sich damit so:
Als man Anno 1463 schrieb, flog ein Pest-Lindwurm vom Schwabingerthor herein, fuhr da und dort hin in der Luft und ließ sich zuleßt am Eck des Marktplatzes nieder. Da entstand großer Schrecken, und es wußte sich Niemand zu helfen, bis der starke Herzog Christoph von Schloß Grünwald herabgesprengt kam und das schauerliche Ungethüm tödtete. Wie sich die ganze Sache auf's Nähere zugetragen hat von aller Anfang an, da der Thürmer von St. Peter den Lindwurm dahersausen hörte, bis zu letzt, und was sich mit dem alten Herrn Bart, seiner bösen Haushälterin Petronella, mit der frommen alten Monica, dem Herzog Sigmund und Johannes zutrug, welch Letzter sich über seine Kampflust den Tod holte, weil der Lindwurm seinen Gifthauch ausstieß, und viel Anderes, das kann jeder in den ,, Abentheuern Herzogs Chriſtophs" klar und deutlich ersehen.
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Der Löffelwirth hinterm Rathhaus.
Ein anderes, kleines, aber äußerst wichtiges Wahrzeichen der lobesamen Stadt München ist der Löffelwirth am Brünnlein hinter St. Peter, nächst an der kleinen Rathhausstiege. Von all dem, was sich da zugetragen, findet sich wieder treuester Bericht im genannten Buche. In ganz kurzem aber handelte es sich darum:
Es lebten Ihrer zwei zu München, von welchen der Eine Achzenit hieß und der Andere Ruprecht, davon war der Erste ein unbändiger, loderer Geselle, der Zweite aber war so geizig, daß er kaum zu essen wagte, und gar nichts, ale Wasser trank, während der Erste in nichts, als Wein schlemmte.
Weil nun das Wasser am Brünnlein hinterm Rathhaus so frisch war, stellte sich der Ruprecht tagtäglich da ein, trank aus einem Schöpflöffel und bot auch den Vorübergehenden Wasser an. Dafür nannte ihn der verschwenderische Achzenit den Löffelwirth am Rathhaus, verspottete ihn auf alle Weise und um ihn recht zu ärgern, stellte er sich auch an das Brünnlein, trank statt des Wassers Wein aus einem Löffel, goß ihn dann ein über das andere Mal wieder voll und bot den Vorübergehenden Wein an. Darüber entstand Groll und Hader, und wie der Achzenit den jenigen Ruprecht verhöhnte, weil er so geizig sei, höhnte ihn der Ruprecht wieder mit seiner Verschwendung und prophezeite ihm, daß er noch auf den hölzernen Strafsessel komme. Der stand auf dem Marktplatz. Da gings mit dem Geld des Verschwenders in der That immer weiter herab, bis er zuletzt gar nichts mehr hatte, als einen Wiesenfleck, und der Geizige freute sich, daß er so wahr prophezeit habe. Der Achzenit war aber sehr schlau, wußte in die Welt zu bringen, daß auf dem Wiesenfleck ein Schatz begraben liege, hielt damit den habsüchtigen Ruprecht zum Besten und über verschiedenes Geld geben, Graben und nichts Finden kamen sie entsetzlich hinter einander, bis sie zuletzt alle zwei auf dem hölzernen Strafsessel reiten mußten. Diese absonderlich lustige Sache, der zu Folge der Schöpflöffel am Brünnlein blieb, fiel im Jahre 1464 oder 65 vor.
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Der Löw' im Thal.
Der - Löwe manche halten das Bild für eine Löwin — über der Thüre des alten Stadt Oberrichterhauses im Thal neben dem Rathhaus ist auch ein recht uraltes Wahrzeichen. Was es nun damit auf's Genauere sei, weiß Keiner recht, daß es aber da eine Bewandtniß mit dem weltberühmten Herzog Heinrich dem Löwen habe, ist fast ohne Zweifel. Wahrscheinlich ist es so:
Selbiger Herzog Heinrich hatte, als er, ein uns fremder Herr, Land Bayern regierte, ungefähr da, wo jest das Rathhaus steht, eine Pfalz, darin er während seines mehrmaligen Aufenthaltes zu München wohnte, und ließ über dem Eingang sein Lieblingszeichen setzen. Als er nun spätherhin Anno D. 1180, nach vielen Zerwüfnissen mit Kaiser Friedrich dem Rothbart, zu Würzburg und Gelnhausen mit der Reichsacht belegt, seiner Herzogthümer Bayern und Sachsen verlustig wurde, und in Bayern statt Seiner wieder ein Fürst aus altwittelsbach'schem Stamm an's Regiment kam, nehmlich der Otto, mag die besagte Pfalz wohl noch lange Zeit gestanden haben, bis dann ein paar hundert Jahre später das heutige Rathhaus erbaut ward, und man das fragliche Gebäude abtrug. Um nun die Erinnerung nicht ganz zu verwischen, wird man es wohl unweit von da, wo es früher war, eingemauert haben. So mit wäre eben nicht nöthig, daß wegen dieses Steinlöwen zu München etwas Weiteres vorgefallen sei. - Wie immer, er ist ein rechtes Wahrzeichen und zwar von der größten Bedeutung, weil er einen Fingerzeig giebt, wie die höchste Gewalt zu Grunde gehen kann, um dem lang gebrückten Recht in der Welt Raum zu lassen.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Der Kaiserstein im Dom zu u. l. Frauen.
Als ein besonderes, merkliches Wahrzeichen von München gilt der rothe Marmelstein im erzenen Denkmal, welches Churfürst Max I. Kaiser Ludwig dem Bayern setzte.
Dieser Stein lag in früheren Zeiten offen vor dem Hochaltar über der Gruft. Auf demselben sieht man den ruhmwürdigen Kaiser auf dem Thron sitzen, und unterhalb den Herzog Ernst und seinen Sohn Albert stehen, welche sich zu Ehren ihres großen Ahnherren versöhnen. Der Löwe, welcher sich an Herzog Albrecht schmeichelnd aufrichtet, deutet das gar wohl und sinnig an. Worüber sich die Zwei versöhnen sollten, unterliegt seinem Zweifel. Nehmlich einerseits darüber, daß der Vater Ernst seinem Sohn die vielgeliebte Agnes Bernauer zu Straubing in's Wasser werfen ließ und an dererseits, daß der Albert deßhalb gegens einen Vater schier einen ganzen Krieg anfachte.
Im Allgemeinen aber sollte wohl die ganze Vorstellung auch als Mahnruf an alle künftigen Fürsten, ja als Beweis eines an ihrer Statt zum Voraus ab gelegten Gelübbes erscheinen, sich friedlich untereinander zu verhalten.
Als nun der Stein in früheren Zeiten noch offen lag, ging Niemand von München, der ihn nicht angeschaut hätte, und er galt Jedem als ein rechtes Wahrzeichen von Schmerz und Streit, Versöhnung und neuer Liebe, zugleich von Ruhm und Glanz des bayerischen Hauses, daraus ein deutscher und römischer Kaiser hervorgegangen sei.
Davon, daß Kaiser Ludwig sitzend dargestellt ist, schreibt sich die Sage, er sei irgend wo im Dom in kaiserlichen Schmuck und auf dem Thron sitzend begraben. Dem ist aber nicht so. Vielmehr liegen seine Gebeine mit denen vieler anderen, bayerischen Fürsten im großen Sarg in der Gruft u. l. Frauen, und er schreibt sich daher: Zu Max I. Zeiten waren die alten Särge ganz dahin, drum ließ er die Gebeine seiner Vorfahren, eines Jeden für sich, zusammenlesen, mit einer Urkunde versehen und sie dann sämmtlich neben und über einander in jenen großen Sarg übertragen.
Weil just von diesen zusammengelegten, fürstlichen Gebeinen die Rede ist, mag gesagt sein, wer Alle in dem Sarg ruht. Es sind Ihrer aber eilfe:
Kaiser Ludwig der Bayer,
dessen Gemahlin Beatrix,
Ihr Sohn Ludwig der Brandenburger,
Herzog Stephan mit der Hafte,
Herzog Ernst I. und seine Gemahlin Elisabeth,
Herzog Sigmund, der Stifter und Erbauer des lieb Frauen Domes.
Herzog Albrecht der IV. oder Weise und seine Gemahlin Kunigunde,
deren Sohn Herzog Ernst, Bischof von Passau und dann Erzbischof von Salzburg, und
Herzog Wilhelm IV., genannt der Standhafte.
Hatten All' wenig Ruh hienieden,
Er wird ihnen wohl thun, der ewige Frieden!
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Der schwarze Tritt unter der Orgel zu unser lieben Frauen.
Von diesem schwarzen Tritt sagen die Einen so:
Der böse Feind habe einen Pakt mit dem Baumeister gemacht und ihm Geld zu einer Kirche gegeben, vorausgesetzt, daß man keine Fenster sehe. Da nun der böse Feind von Außen Fenster in großer Zahl sah, habe er sich seiner Sache ganz sicher gedacht und zur rechten Zeit zum Baumeister gesagt: „Die Zeit ist da, nur her da und fort mit mir!" Da hab' der Baumeister gesagt: „ Also nicht, folg' mir nur ! “ Drauf habe er ihn in die Kirche geführt und an einen Ort hin gestellt, von dem aus die Säulen alle Fenster bedeckten.
Ueber diese List sei derselbige böse Feind voll Zorn aufgestammt habe, schauerlich geschrieen und beim Davoneilen seine Fußspur zurückgelassen.
Nun frägt sich aber, ob man das glauben soll; denn da müßte der Teufel die ganze Zeit über auf seinem besseren, menschlichen Fuß gestanden sein und seinen Teufelsfuß in die Höhe gehoben haben. Indessen, wenn dieß auch, warum wär denn beim Hinauseilen zum Riesenthor vom guten und vom Bocksfuß gar nirgends eine Spur geblieben? Er müßte in seinem Grimm und Zorn nur hinausgeflogen sein. Kurz, so war die Sache einmal gewiß nicht, sondern ganz anders:
Als man 1468 zählte, der vielberühmte starke Herzog Christoph von Bayern seiner Zeit auf Schloß Grünwald war und die Nachricht empfing, sein Bruder Sigismund wolle der Jungfrau Maria zu Ehren einen großen Dom bauen, rief er freudig: „ Recht hat er, der Herr Bruder, aber mit dem Geld wird er nicht hinaussehen! " Bei dem Recht geben stieß er mit seinem Fuß auf einen Quaderstein, so daß man die leise Spur der ganzen Ferse sah, diese Spur wurde dann später noch tiefer gegraben, und der Stein seiner Zeit an den Ort gesetzt, wo er jetzt ist und der Blick in's Weite und Freie bis in die neueren Zeiten sein ausgerechnetes Hinderniß hatte.
So ist die Sache und anders nicht. Wer das Nähere will, findet es in den Abenteuern Herzoge Christoph.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
St. Onuphrius auf dem alten Eiermarkt nächst dem Rathhaus.
Über dieses große Bild, welches einen hoch heiligen Königs-Sohn aus Asien vorstellt, und weshalb es angemalt sei, giebt es allerlei Meinung und Versuch geschichtlichen Nachweises. Die sicherste Kunde, wie sie im Mund des Volkes sagenweise ging, ist aber wohl diese:
Es lebte Einer in den 1490ger Jahren zu München, des Namens Heinrich Pirmat, seines Zeichens war er ein großer Kramherr, nächst war er sehr fromm und wäre längst gerne zum hl. Grab nach Jerusalem gewallfahrtet. Aber der Gedanke an seine Hausfrau war ihm stets zum Hemmschuh, denn sie war immer kränklich, dazu schon bei Jahren, da wußte er nicht, wie lange er sie etwa noch habe —und so wollte er sie nicht verlassen. Eines Tages Anno 1493 schied sie nun von hinnen, und da Herzog Christoph von Bayern mit vielen anderen just seine Pilgerfahrt in das heilige Land antrat, beschloß der Pirmat, mitzuziehen, obschon ihm die Sache gefährlich vor kam, weil er eben selbst nicht mehr zu den Jungen gehörte. Er war aber nicht so fast seinerwegen besorgt, als vielmehr wegen des Söhnleins seines Bruders, welches er schriſtlich auferziehen wollte, so lang ihn eben Gott noch leben ließe. Indeß er stellte Alles zu des Himmels Fügung und that das Gelübde: Falls er wieder zurückkäme, wolle er das große Bild des heiligen Onuphrius an sein Haus malen lassen. Weil nun das Bild wirklich angemalt wurde, muß derselbe Pirmat wieder mit Heil heimgekommen sein und vier Jahre darauf sein Gelübde gelöst haben; oder er blieb längere Jahre in Palästina und wer weiß, was er da erlebte und erlitt. Auf dem Bild steht einmal die Jahreszahl 1497.
Weshalb er aber gerade den Onuphrius und keinen anderen Heiligen anmalen ließ, ist wieder unsicher. Aber es geschah entweder deshalb, weil sein Neffe Onuphri hieß, oder zum Andenken an eine Kapelle, welche am Ort des Pirmathauses in noch viel früherer Zeit, im zwölften Jahrhundert, gestanden, und worin Heinrich der Löwe, als er von seiner Pilgerfahrt in's hellige Land zurückgekehrt, nebst anderen Heiligthümern auch besonders die Gebeine des berühmten hl. Onuphrius niedergelegt hatte. Sie kamen später nach Braunschweig.
Obwohl da nun Jeder den besagten Heiligen angemalt sieht, und etwa sein Name dort und da genannt wird, so habe ich doch oft bemerkt, daß die Legende desselben fast ganz und gar unbekannt geworden ist.
Deshalb will ich sie in ihrer wahren Weise, wie sie schon vor vierhundert Jahren nach der urältesten Tradition und auch Aufschreibung erzählt und gedruckt ward, folgen lassen. Da ist der Gang der Sprache völlig der alte, nur die Worte habe ich hie und da verständlicher geschrieben.
Selbige Legende lautet in ihrer ganzen Kindlichkeit, wie folgt:
,, Sanct Onuphrius war ein Christ und hätt Gott lieb und war ein Mönch im Kloster Mepoligano, und in einem Kloster ward er erzogen; und es waren noch hundert Mönche in dem Kloster, die hatten alle ein seliges Leben und durften nicht reden, dann (außer) zu einer rechten Nothwendigkeit und von Gott.
In dem Kloster da lernte Onuphrius von Kindheit auf die heilige Schrift und geistliche Zucht; da hörte er die anderen Mönche das Einsiedlerleben oft loben und sprachen die:
,,Helyas habe seinen Leib im Wald sehr gekasteit und habe die größten Tugenden des Weissagens und Wunderwirkens empfangen; und wäre auf einem feurigen Wagen in das Paradies gefahren und hätte die Gabe des heiligen Geistes seinen Knechten mit getheilt und lebe noch."
Und sie sagten auch von Sankt Johannes, dem Täufer, wie er auch in der Wüste sei gewesen und hätte verdient, daß er Christum hätte getauft ."
Und da Sankt Onuphrius das oft hatte gehört, da fragte er die Mönche, warum sie das Einsiedlerleben so oft lobten.
Da sagten sie: ,,Da (in der Wildniß) sind sie viel frommer, denn wir, wann (weil) sie leben ohne menschliche Hülfe. Das thun wir nicht; wann wir helfen einander volbringen den Gottesdienst, und wenn wir siech find, so nehmen wir Trost von einander und haben Häuser für das Ungewitter und noch viel anderen Trostes, den da die Einsiedler nicht haben. Aber die Engel Gottes trösten sie und bringen ihnen ihre Nothdurft, wann Gott vergist der Armen nimmer, als geschrieben ist: „Die Heiligen, die auf Gott hoffen, die wandeln in Stärke und nehmen Federn an sich, wie die Adler, und fliegen und werden nicht müde. "
Von diesen Worten ward Onuphrius sehr getröstet und dachte er: Ich will auch ein Einsiedler werden - und betrachtete einige Zeit. Darnach stand er einmal heimlich bei der Nacht auf und machte sich auf den Weg und trug ein Brod mit sich, daß er kaum genug hatte bis zum vierten Tag. Da kam er an eine Stätte und dachte, da will ich bleiben.
Da sah er zur Hand ein Licht vor ihm (sich), daß war gar schön. Da erschrak er gar sehr und fürchtete, er müsse davon (deshalb) wieder in sein Kloster gehen. Da ging alsbald ein schöner Engel um das Licht, der sprach:
,,Früchte dich nicht, wann ich bin ein Engel, und bin dir von deiner Geburt an gegeben worden, daß ich deiner hüten soll, und bin ich nun zu dir gesandt, daß ich bei dir soll bleiben, und ich soll dich das Einsiedlerleben lehren. Und in derselben Arbeit sollst du sein und dein Herz bewahren in aller Hut. Lobe Gott und verharre im Guten, wann ich verlaß dich nicht, bis ich deine Seele vor Gottes Angesicht bringe."
Darnach ging der Engel mit ihm wohl sechs oder acht Meilen zu einer Höhle, die war gar schön.
Da ging Onuphrius hinzu und wollte besehen, ob Jemand da wäre und schrie hinein.
Da ging ein heiliger Einsiedler heraus.
Da fiel ihm Sankt Onuphrius zu Füssen und betete ihn an.
Da hob ihn der bei seiner Hand wieder auf und gab ihm den Kuß des Friedens und sprach auch: ,,O Sohn, geh herein, du bist mein Bruder in dem Leben und im ewigen Leben."
Da ging Onuphrius hinein zu ihm und blieb etliche Zeit bei ihm, und da lehrte ihn Jener das Einsiedlerleben.
Da nun etliche Tage vergingen, da sprach der Einsiedler zu Sankt Onuphrius: ,, Steh' auf und geh' weiter in die Wüste, da sollst du in einer Höhle wohnen."
Und der Einsiedler ging vier Tage lang mit St. Onuphrio, und am fünften Tag kamen sie an eine Stadt, die hieß Calcedonia, und es waren Palmbäume nahe dabei.
Da sprach abermals der Engel zum Sankt Onuphrius: „ Siehe das ist deine Stätte, die dir von Gott bereitet ist.“ Und der Einsiedler blieb da dreißig Tage und lehrte ihn, wie er Gott lieb haben sollte und befahl ihn da Gott und ging wieder heim und kam oft wieder zu Sankt Onuphrio und sah, wie es mit ihm ginge.
Und eines Tages da kam der Einsiedler abermals zu ihm und fiel alsbald nieder und starb.
Und als Onuphrius sah, daß er todt sei, da war ihm gar leid und war er sehr betrübt und fiel nieder und weinte gar sehr und begrub ihn darnach, mit großer Andacht und diente fürdaß unserem Herren mit Beten, Fasten, Wachen und viel anderer guter Uebung. Und er erlitt also viel, daß er oft fürchtete, er müsse sterben denn des Tages marterte ihn die Hitze und des Nachts die Kälte, und er litt auch viel Hunger, biß sich etwa Gott über ihn erbarmte. Es stunden auch etliche Palmen bei ihm, und was die alle Jahre brachten, das las Sankt Onuphrius auf und mischte Kräuter und Blätter baran und aß das. Das war in seinem Munde so süß als Honig. Da tröstete ihn auch unser Herr und sandte ihm ein Brod durch einen Engel. Für diese Gnade dankte er Gott mit großer Andacht.
Der liebe Herr Sankt Onuphrius aß (aber), wie gesagt, zuerst nur Kräuter und Blätter und wohnte in den Höhlen und in den Thälern der Berge, und da er nun siebenzehn Jahre im Wald gewesen war und viel durch Gott gelitten hatte, wollte ihn Der von der Welt nehmen und ihm seinen Lohn geben und ihn auch vorsehen.
Zu diesen Zeiten war ein guter Mann, der hieß Þaffnucius. Der saß eines Tages allein und gebachte in seinem Herzen: Ich will in den wüsten Wald geben und will die Einsiedler-Mönche sehen und will ihre Heiligkeit lernen.
Und er ging aus und nahm Wasser und Brod mit sich, damit er nicht verzage. Und er lag auf dem Weg bis auf den vierten Tag und es zerrann ihm die Nahrung, die er mit sich genommen hatte.
Da warb er gar krank, weil er nichts hatte, sich zu speisen und rief Gott mit großem Ernst an.
Zur Hand leuchtete ihm die göttliche Gnade und vertrieb dem Paffnucio die Krankheit, die er hatte. Und da er nun gekräftigt ward, da hob er sich auf den Weg und ging abermals vier Tage, ohne daß er etwas speiste. Da ward er gar müde und fiel auf die Erde und rief Gott an.
Und zur Hand ward er gestärkt von der Kraft Gottes und sah einen Menschen, der war herrlich gestaltet und war schön und löblich und war lang und hatte einen klaren Anblick. Der trat mit gütlichem Antlitz zu Paffnucius und berührte ihm seine Hände und Lippen und gab ihm alle seine Kraft zurück und verschwand. Da stand Paffnucius zur Hand mit der Hilfe Gottes auf und ging siebenzehn Tage in die Wüste, bis ihm Gott eines Tages eine Stätte vorsah, wo er bleibe. Da war er fast müde und dachte sich: Wie gar elend bin ich!
Und da er sich das gedacht, da sah er Sankt Onuphrium von ferne hergeben. Der war gar scheußlichen Ansehens, recht wie ein wildes Thier, und war überall rauh, wie ein Bär und hatte Haare an sich, daß es ihm all seinen Leib bedeckte, so lang war es, und er hatte um die Hüften Kraut und Blätter.
Da nun Paffnucius den Sankt Onuphrium sah, erschrat er gar sehr und floh auf einen Berg und verbarg sich unter das Laub. Da schrie ihm Sankt Onuphrius nach und sprach: „Gottes Knecht, komme her und fürchte dich nicht, wann ich bin ein Mensch, wie du!"
Und von den Worten wurde Paffnucius getröstet und ging zu ihm und fiel Ihm zu Füßen. Da weissagte ihm Onuphrius und sagte zu ihm:
„Steh auf, wann du bist Gottes Kind; du heißest Paffnucius und bist ein Freund der heiligen."
Da stand Der zur Hand auf und setzte sich zu ihm und bat ihn, daß er ihm aus Liebe sage, wie er heiße und von wannen er gekommen sei.
Und da ihm Onuphrius Alles gesagt hatte, sprach er noch: „Ich habe siebenzehn Jahre so gelebt und in allen den Jahren habe ich keinen Menschen hier gesehen, denn dich allein, und hab' auch von keinem Menschen Speise genommen. Willst nun du Gottes Willen erfüllen, so bereitet er (auch) dir Alles, was dir Noth thut nach dem, wie er spricht: Ihr sollt nicht sorgen um Essen und Trinken. Sucht zuerst das Reich Gottes, so werden Euch alle Dinge desto vollkommener zugezogen.“
Darnach führte er den Paffnucius wohl drei Meilen weit zu seiner Höhle und ließ ihm die sehen; die war mit Palmbäumen geziert. Da sprachen sie ihr Gebet zu Gott und saßen da zu einander und redeten süßiglich von Gott, bis die Sonne untergehen wollte.
Da sah Paffnucius ein Brod und ein weniges Wasser (erscheinen). Draus erkannte Onuphrius wohl, daß Jener krank und müde sei, und sprach: Steh auf und iß, ich sebe, daß du dessen benöthigt bist."
Sprach Paffnucius: „ Ich esse nicht, als mit dir." Da aßen sie miteinander, und da sie genug hatten, da blieben ihnen dennoch Stücklein übrig. Und sie vertrieben da die ganze Nacht im Lob Gottes. Des andern Tags früh sah Paffnucius, daß Sankt Onuphrii Antlitz gar sehr entstellt sei, und fragte ihn, warum das wäre.
Da sprach er: „ Ich soll von dieser Welt scheiden, und dich hat Gott zu mir gesandt, daß du mich begrabest, denn ich werde bald sterben und es wird meine Seele in den Himmel erhöhet. Wer Gott um meiner Willen ein Opfer bringt, der wird von allen bösen Geistern befreit und von aller menschlichen Bosheit und ihm wird der himmlische Friede gegeben mit den himmlischen Engeln. Und wer vor Armuth kein (großes) Opfer geben kann, der gebe einem armen Menschen ein Almosen, so will ich bitten, daß er die ewigen Freuden besitze. Wer aber das Almosen nicht geben kann, der opfere Weihrauch, Gott zu einem süßen Geschmack. Für den will ich Gott bitten."
Da sprach Paffnucius: ,,Vater ich will dich fragen. Wer da aber nicht mit Opfer oder Almosen und auch nicht mit Weihrauch ehren kann, was soll der thun, daß er deinen Segen habe und deine Hülfe?" Da sprach Sankt Onuphrius: „Der stehe auf und recke seine Hände auf zu Gott und spreche ein Pater Noster mit Andacht durch meinen Willen, im Namen der heiligen Dreifaltigkeit: Für diesen Menschen will ich dann bitten, daß er des himmlischen Lebens theilhaftig werde mit allen Heiligen.“
Da bat ihn Paffnucius, daß er ihm, wenn er stürbe, erlaub', daß er seine Wohnung hätte.
Da sagte Onuphrius : „ Mit Nichten, wann es Gottes Wille ist, daß du predigen sollst, was du in dem wilden Wald gesehen und gehört hast. Und also wirst du behalten und selig werden."
Da fiel Paffnucius nieder vor ihm und sprach: „ Vater, darum, weil dir Gott um deiner Güte und großen Arbeit willen nichts versagt, bitte ich dich, daß du Gott anflehest, daß er mir helfe, dir gleich zu werden, und daß ich im ewigen Leben immer ewiglich mit dir sei."
Da sprach Sankt Onuphrius: „ Es geschieht also, wie du gebeten hast."
Und gab ihm den Segen.
Darnach stand er auf und bat mit großen Zähren und sprach: ,,Herr Jesu Christe, in deine Hände empfehl' ich meinen Geist."
Und legte sich nieder.
Da kam einschönes Licht und umgab seinen heiligen Leichnam, und in dem Licht verschied er.
Da fuhr seine Seele zu den ewigen Freuden. Und Paffnucius begrub ihn und zog von dannen zu seinem eigenen Werk und verkündete aller Menge des Onuphri Wort und alles Heil Christi.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Die Stationstafel am Riesenthor des Domes zu u. l. Frauen .
Wer am Riesenthor, zwischen den beiden Frauenthürmen zu München einhält und zur Rechten des Thores schaut, der sieht ein steinernes Bild, und das stellt unsern Herrn Christus auf dem Oelberg vor.
Dieß Bild ist ein recht altes Münchner Wahrzeichen, und es geht eine wehmüthige Kunde von demselben.
Zur Zeit noch nicht die jetzige, nahezu vierhundertjährige, sondern noch die viel kleinere Marienkirche stand, lebte zu München eine gar ehrbar fromme Wittwe. Die hatte einen Sohn, auf welchen sie viel Vertrauen und Hoffnung setzte und dem sie alles Gute in's Herz zu pflanzen bemüht war. Er schien sich auch gut anzulassen. Mit wachsenden Jahren kam er nun in böse Gesellschaft, und eh' sich's das Mütterlein versah, waren alle ihre guten, alten Lehren vergessen, und wenn sie dafür neue ergeben ließ, wurden sie abgewiesen, und ihr Sohn ging auf seinen leichtsinnigen Pfaden noch weiter. Da sie hierauf strenger ward und ihn in Manchem kürzer hielt, ward er um so viel böswilliger und einmal gerieth er so fast in Zorn, daß er rief: „Meinst du, weil du im Alter bist, ich aber jung, soll ich sein, wie Du? Gieb mir mein Väterliches heraus, dann sind wir Zwei aus einander!" Und als das Mütterlein nicht sogleich zusagte, erhob er in seinem Frevel die Hand und wollte seiner eigenen Mutter einen Schlag versetzen. Da ward ihm sein Arm im Augenblick gelähmt, so daß er ihn drei Tage lange nimmer bewegen und führen konnte.
Auf das ward jener ganz zerknirscht, betete viel, übereins ging es mit seinem Arm wieder besser, und drauf ließ er sich eine Zeit lang nimmer bei seinen Gesellen sehen, bis sie ihn einst aufsuchten, allein mit ihm verkehrten und ihn verhöhnten, daß er an ein Zeichen Gottes glaube, wo er doch nur sein Recht verlangt habe, denn auf eine Spanne Zeit früher oder später komm' es nicht an.
Das ging ihm wohl ein, er fing wieder an mit seinem Leichtsinn, ward stets kecker gegen seine ehrwürdige Mutter und drohte ihr mit allem Bösen. Und als sie ihn mit noch mehr Ernst zur Pflicht mahnte, an Gottes Gericht erinnerte und, da das Alles nichts fruchtete, sich einmal vor ihm auf die Kniee warf und ihn um Besserung anflehte, stieß er sie von sich, riß mit Gewalt einen Schrein auf, nahm, was er an Geld und Gut fand, und rief ihr zu: „ Das ist, was mir gebührt, ich bin mir alt genug, deiner Lehren bin ich satt! Luſtig gelebt, selig gestorben!“
Auf dieß dehnte die Wittwe ihre Arme gen Himmel und sagte: „Herr Gott, gieb, daß er selig sterbe und nicht mit Deinem Fluch beladen werde! So viel er schwelgt, so viel will ich mich an Seiner Statt kasteien und will entbehren!"
Da lachte er und rief: „ Kastei' du dich, so viel du willst! So viel mehr du mir ersparst, desto lieber ist es mir!"
Damit ging er seiner Wege, ließ sein Mütterlein auf dem Antlitz liegend zurück und führte sein sündiges Leben fort und drin kam er stets weiter voran. Dieselbe Wittwe aber lebte von der Zeit an schier mit nichts, ging zu einem richtigen Steinmetz, gab ihm eine Summe Geldes, die sie hatte, und bat ihn, den Oehlberg mit dem Herrn Christ aus Stein zu hauen. Dabei lag ihr des Erlösers Bitte im Sinn, daß Gott den Leidenskelch an ihm vorübergehen lasse, und so war auch ihre Bitte zu Gott. Nehmlich daß er ihr erspare, den Leidenskelch wegen ihres Sohnes auszutrinken.
Wie nun eine gute Zeit verstrichen und das Werk fertig war, bat die Wittwe, daß sie den Stein an der Thüre des Marienkirchleins einsetzen lassen dürfe; das ward ihr auch gerne gestattet, und nun betete sie gar oft vor demselben, und viele Andere thaten desgleichen. Und als das schon lange Zeit so war, hatte ihr gottloser Sohn mittlerweile all das Seine verthan, war vom Leichtsinn bis in's Verbrechen gerathen, schließlich zu Handen des Gerichts gekommen, und das hatte ihn auf sieben Jahre zum Kerker verurtheilt. In dem erfuhr er nichts mehr von der Welt draußen, machte sich aber die ärgsten Vorwürfe, daß er seiner guten Mutter Rathschlägen nicht gefolgt sei und sie überdieß so schmächlich gekränkt habe, und er schwor Gott auf das Heiligste, ein anderer Mensch zu werden und die schwerste Buße zu thun, wenn er ihm nur so viele Seligkeit gebe, daß er seine Mutter noch im Leben sehen und sie um Vergebung bitten könne.
Also wie nun die Zeit kam, und er eines Tages wieder frei wurde, war sein Erstes, daß er heim eilte gen das Thiereckgäßlein, wo er meinte, daß seine Mutter wohne. Als er aber hinkam, traf er andere Leute, und als ihn Die erkannten, riefen sie ihm zu: „ So, du bist der Schelm, so der frommen Wittwe so viel Leid und Schmach angethan hat, daß sie vor Schmerz und Wehkummer um ihn starb?! Jetzt liegt sie auf St. Marienkirchhof unter ihrem steinernen Oehlberg - auf und verlaß dieß Haus, denn wo du bist, kommt der Fluch!"
Da schwankte der Sohn der Wittwe fort zum Marienkirchlein, sah den Oehlberg eingemauert und sah der Mutter Grab, zerraufte sich die Haare, warf sich nieder und flehte um ein Zeichen der Vergebung. Und so ging er Wochen und Monde dahin und kam immer bleicher und elendiger, denn er aß und trank schier nichts mehr, so daß die Menschen zuletzt Erbarmen empfanden, weil Jeder seine schreckliche Reue erkannte. Drum redete wieder Der und Jener mit ihm und wollte ihn überreden, seine Mutter im Himmel möcht' ihm doch wohl vergeben haben.
Er aber schüttelte jedesmal sein Haupt und kam immer mehr herab, daß er schier nimmer gehen konnte — aber von seinem Pfad zum Grabe ließ er nicht ab.
Und als er einst wieder daher kam, sagte Einer ,,Du kommst ja deines Weges nimmer fort - und dennoch ist dein Antlitz heute ganz froh!"
Drauf sagte er: „Das mag wohl froh sein, denn ich hab' im Traume das Zeichen bekommen, danach mich dürstete in meiner Seele. Ich wollte bis da meine Mutter sehen, daß sie mich freundlich anblicke. Da flehte ich all die Zeit über vergebens. Aber heute trat sie in der Nacht zu mir, licht wie ein Engel, im Antliß ganz heiter, aber ihre Augen sah ich gleichwohl naß. Da rief ich im Traum: O du, meine Mutter, deine Augen sind naß vor lauter Leid und Jammer – die laßen selbst im Himmel nicht ab?! Auf das sah sie mich zu tiefst an und sagte: O Sohn! Wie ich weine, hab' ich gar oft geweint und noch viel mehr. Aber jetzt ist Alles vorbei, und was mir weh gethan hat, das hab' ich ganz vergessen! Da brach ich im Traum in Schluchzen aus und klammerte mich an sie und küßte sie rastlos, und sie mich - und darüber bin ich erwacht. Nun weiß ich, daß sie mir vergeben hat - und wär' ich nur schon bei ihr! Dafür möcht' ich ein anderes Zeichen — wollte Gott mir nur eines geben, daß ich wüßte, wie lang ich noch leben muß!“
Und als er das eben gesagt hatte, thats vom Marienkirchlein sieben Glockenschläge. Die waren wie eine Stimme vom Himmel und wie eine Antwort auf seine Frage. Aber er wußte nicht, was gemeint sei — sieben Tage, Wochen oder Monde.
Aber es traf auf das Erste zu. Am siebenten Tag starb er und ward zu seiner Mutter in's Grab gelegt.
Daß mag gewesen sein Anno Dom. 1450.
Als unser lieben Frauen Dom groß gebaut ward, kam der steinerne Oehlberg wieder an's Kirchthor.
Requiescant in pace.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Vom Herzog Christoph-Stein und Legende vom St. Christopherus
Der berühmte, schwarze Stein liegt in der Residenz im Durchgang zum Brunnenhof, über ihm sind drei Nägel eingeschlagen, und auf einer großen steinernen Tafel stehen alte Reime eingegraben.
Lauten:
Als nach Christi Geburt gezehlt war
Vierzechen hundert neunzig Jar
Hat Herßog Christoph hochgeborn
Ein Held auß Bayern auserkorn
Den Stein gehebt von freyer Erdt
Und weit geworfen ohn Geferdt,
Der wiegt drey hundert vier und sechzig Pfund,
Des gibt der Stain und Schrift Urkundt,
Drey Nägel stecken hie vor Augen,
Die mag ein jeder Springer schauen,
Der höchste zwölf Schuech vun der Erdt,
Den Herßog Christoph Ehrenwerth
Mit seinem Fueß herab thet schlagen.
Kunrath luef bis zum ander' Nagel,
Wol vo' der Erdt zehnthalb schuech,
Neunthalben Philipp Springer luef
Zum dritten Nagel an der Wandt,
Wer höher springt, wird auch bekannt.
So es sich nun bei der Sache nur um einen Wurf und um das höher Springen allein gehandelt hätte, wäre das Ganze nichts, als ein gewöhnliches Denkzeichen. Das Ganze ist aber schon ein rechtes Wahrzeichen, weil da von Güte und Herablassung eines fürstlichen Helden Zeugschaft gegeben wird, nebenbei von unterdrückter Liebe seines eigenen Herzens. In Kurzem der edle Held und Herzog hat seine Leibesgewalt und Behendigkeit zum Glück seines lieben, treuen Dieners Philipp Springer angewendet und ihm das durch die Hand der schönen Bildschnitzerstochter Gertraud zugebracht. Wer die ganze Sache ganz genau lesen will — sonderlich, wie der Herzog in der Wieskapelle mit der schönen Gertraud zusammen traf, dann wegen des dicken Rathsherrn Florian Hundertpfund, der in die schöne Maid verliebt war, wie der Philipp Springer, der sie von früher her kannte und liebte, bei ihrem Vater einkehrte, wie dann noch der reiche, fremde Kaufherr Kunrath dazu kam, der die Gertraud auch gerne zum Altar geführt hätte, und was sich da weiters Alles ergab, bis es auf die Probe ankam, wer denselben Stein am Weitesten würfe und am Höchsten springe - der kann das wieder in den Abenteuern Herzogs Christoph von Bayern klar und deutlich und vergnüglich finden.
Wegen dieses Steines ist aber noch etwas zu bemerken.
Der bewußte Wurf und Sprung geschahen nicht etwa an der Stelle, wo Stein und Tafel nebst Nägeln jeßt befindlich sind, sondern in der alten Ludwigsburg, oder dem alten Hof – links an der langen Wand, wenn man von der Burggasse hereinkömmt. Dort war Stein und Tafel, bis sie, zur Zeit man den schönen Grottenhof herstellte, gerade über davon, in die, jetzt alte, Residenz versetzte.
Was das Uebrige und namentlich die Gefangenschaft des ritterlichen Herzogs betrifft, welche er durch seinen Bruder Albrecht längere Zeit zu erdulden hatte, so war der in's Spiel kommende, runde und mit Epheu reich umwachsene Thurm bis in unsere Zeit gerade über vom unteren Ende des Hofgartens zu sehen, und es ragte derselbe gar stattlich vom Wassergraben unten empor. Seit dem die Residenz auf dieser ganzen Seite, sonderlich von Außen, neu gebaut, und dann jener Graben ausgefüllt und Alles eingebnet wurde, steht zwar der Thurm nicht mehr äußerlich sichtbar vor Augen. Aber wer vom letzten Hof aus in die treffende Ecke der Residenz geht, befindet sich dafür im Thurm selbst. Denn er wurde zur Erinnerung dem Gemäuer einverleibt, und im Verhältniß des außerhalb erhöhten Erdbodens befindet man sich gerade in dem nehmIichen, oberen Raum, in welchem der Herzog gefangen saß.
Was es mit dem Schwert desselben in unserer Zeit sei, wird sich an einem anderen Orte zeigen.
Weil nun der ruhmwürdig, abenteuerliche Fürst den Namen Christoph trug, so ward dieser Name, wie schon früher oft, so später noch mehr gebraucht und geehrt, und es kam damit der ursprüngliche Namens-Patron, der heilige Christopherus zu stets erhöhtem Ansehen.
Weil es nun gar Manche geben mag, welchen die Kirchenlegende von diesem heiligen Manne entweder gar nicht oder nicht in der echt alten Weise bekannt ist, so wird es Solchen nicht ganz unlieb sein, wenn sie dieselbe hier aufgezeichnet finden.
Sie lautet aber, kindlich getreu, wie folgt:
,,Es war in Canaan Einer des Namens Opherus, der war von seinen Eltern aus ein Heide, überaus groß, breit und mächtig und hielt nichts auf schöne Gewänder, so mächtig und reich auch sein Vater war. Vielmehr ging er ganz verwahrlost und in so weit möglich in Gotts gegebener Gestalt.
Wie er nun in seiner Stärke und Größe stets mehr heranwuchs, war er auf selbige Größe, Stärke und Ausdauer so stolz, daß er keinem Anderen, als dem mächtigsten Herrn dienen wollte. Deshalb ließ er sich's eifrig angelegen sein, zu erfragen, wo der „ gewaltigste König lebe."
Da wies ihn Einer an einen stolzen König weitab von Canaan. Der war fürwahr so mächtig und gewaltig über Land und Leute, daß dem Opherus kein Anderer größer schien, weshalb er sich zu seinem Dienst erbot.
Da kam einmal ein Spielmann. Der sang und er zählte vor dem König von Eitelkeit, der Lust der Welt und viel Anderem, bavon sich der Mensch zu wahren habe. Dabei nannte er oftermalen den ,,bösen Feind,“ und so oft er ihn nannte, schlug der König ein Kreuz.
Da nun der Spielmann von hinnen war, fragte der Opherus den König, was er mit dem Strich auf Stirne, Mund und Brust gemeint habe. Sagte der König: „Damit meinte ich so viel, daß ich mich vor Dem segnete, dessen Name genannt wurde. Das sollst du auch thun inskünftig, denn dann flieht er, wann er etwa unsichtbar da wäre. Wenn Einer aber das Zeichen nicht macht, gewinnt er leicht Gewalt über die Seele und bringt sie in's Verderben."
,,So“, sagte der Opherus, „du fürchtest dich also vor ihm? Also ist seine Kraft größer, als die deine. Sint ich das weiß, mag ich dir nicht mehr zum Knecht sein, denn ich diene nur dem Mächtigsten!"
Darauf verließ er den König und fragte aller Orte nach dem „bösen Feind." Den kannten Alle von Namen und erschracken, wo er aber sei, das konnte ihm Niemand sagen.
Da kam er eines Tages in eine Wildniß und sah eine Ritterschaar daherkommen, und vor ihr ritt Einer in schwarzem Rüstzeug, der war fast ernst und schaurig düster. Als er aber den Opherus erblickte, lächelte er, ritt von den Seinen weg und auf ihn zu und sagte: ,,Willkommen! Du bist der gewaltige Opherus, und ich weiß wohl, was du suchst und wen. Bleib du nur und diene mir, denn ich bin der mächtigste König der Welt, der böse Feind."
Da sagte der Opherus: „ Da du Alles von mir weißt und der böse Feind bist, will ich dir dienen.“ Und sie zogen selbander fort und kamen in eine Höhle und unter den Erdboden hinab. Da war Alles finster und öde, und des Opherus neuer Herr sagte, er wolle ihm seine Macht zeigen, und was er verlange, das sollte gescheben.
Sagte der Opherus: ,So mach', daß der Boden da grün sei und aus dem Dunkel Licht werde."
Auf dieß war da mit einemmal die lustsamste Wiese zu sehen und auf der war ein schöner Garten mit Bäumen, die voll Früchten hingen, auch wandelten ganz seltsame Thiere auf und nieder und sonderlich bunte Vögel flogen herum, zu oberst aber war's wie der lichte, blaue Himmel.
Sagte der Opberus: Jetzt will ich aber, daß das alles zu Grund geh, laß du ein Wetter kommen!"
Und es stund nicht lange an, so kamen Wolken daher und Blitz und Donner und Hagel, und da ward Alles zernichtet, und es kam wieder die Finsterniß, wie zuvor.
Auf dieß und viel Anderes sah der Opherus, er sei beim mächtigsten Herren und König, zog mit ihm heraus aus der Erde, blieb bei ihm und that Alles, was ihm befohlen ward, ohne daß er fragte, weshalb.
Nun kamen sie einst selbander auf ein Sträßlein; unfern davon war ein Kreuz aufgerichtet, und als des Opherus Herr das wahrnahm, schlug er einen anderen Weg ein.
Da fragte der Opherus, warum er abseits reite?
Sagte der Andere: „ Da steht ein Kreuz am Weg, und wo ich das sehe, mag ich nicht hin.
“Fragte der Opherus: ,,Bedeutet's denn etwas?"
Sagte der böse Feind: ,,Ei sicher. Das gemahnt mich an Einen, des Namens Jesu Christ, den ganz allein kann ich nicht ertragen."
,,So", sagte der Opherus, ,,ei wenn du vor seinen Zeichen fliehst, ist er auch mächtiger, als du — ich will dir nicht mehr dienen, sondern ihm, er mag mir auferlegen, was ihm bedünkt!"
Drauf zog er vom bösen Feind weg und fragte aller Orte nach dem mächtigsten König Jesus Christus.
Da sagten die Einen, er sei überall, und die Anderen sagten, er sei im Himmel , aber Alle priesen seine Milde und Güte, obschon er große Opfer verlange.
All aus dem ward der Opherus nicht klug und suchte immer weiter, bis er zu einem Einsiedel kam, den sah er vor einem Kreuz knieen, dachte da, wenn Einer, kann mir Der da Bescheid geben, fragte, wo der mächtige König Jesu Christ zu finden sei, weil er ihm dienen wolle, und gab Bericht von Allem, was er gehört habe.
Sagte der Einsiedel: „Was du hörtest, ist auch wahr. Er ist im Himmel und doch überall auf Erden, er ist aller Dinge Herr und der König aller Könige. Wer ihm aber dienen will , der muß gut fasten und beten, sein sündiges Leben abtödten und muß voll größter Demuth sein, also wohl gegen Große, als Kleine."
Sagte der Opherus drauf: Ich will nicht beten und fasten, was hab' ich und was hat er davon? Von der Sünde weiß ich nichts, aber mit der Demuth will ich's versuchen also was willst du, daß ich zuerst thu'? "
Sagte der Einsiedel: ,,Dort ist ein großes Wasser, und es geht kein Steg darüber. Wenn es dir mit deiner Demuth Ernst ist, so stell' du dich Tag und Nacht hin, oder bau' dir ein Obdach - und wann Einer kommt, groß oder klein, so murr nicht und trage ihn hinüber. Das thu' deinem Herrn und König zu lieb und siehst du ihn nie in deinem Leben, wirst du ihn nach deinem Tod sehen."
Sagte der Opberus: ,,Da ist dann noch lang hin, und etwa seh' ich ihn dann auch nicht!"
Entgegnete der Einsiedel: „Du solst nicht zweifeln. Halte dich nur tapfer, dann komm' ich und will dich taufen, und wann immer du stirbst, fahrt deine See zum Himmel und dort wirst du deines Herrn ansichtig."
Darauf ging der liebe Herr Opherus von dannen, war fleißig bei Tag und Nacht, trug die Menschen über's Wasser, wartete auf des Einsiedels Ankunft, daß er ihn taufe, und weil er noch immer nicht kam, ward Sorge in ihm wach, er habe seinen Dienst nicht recht gethan, werde seinen Herrn vielleicht nie sehen, nicht hier und nicht nach seinem Tode, und dachte zuletzt, der Einsiedel treibe sein Spiel mit ihm.
Da hörte er einst in der Nacht eine Stimme, gleich der eines Kindes, und die rief: ,,Du, Ophere, erheb´ dich!" Auf dieß erhob sich der liebe Herr Opherus von seinem Binsenlager, sah aber nirgende etwas. Und so erging's zum zweiten, und zum dritten Male aber sah er ein holdes Kind am Ufer stehen, das sagte: ,,Du bist treu in deinem Dienst, trag' mich über dieß Wasser!"
Da nahm der liebe Herr Opherus das Kind auf den rechten Arm und seinen Stab in die linke Hand und ging in das Wasser hinein. Da wuchs das Wasser allmählig, als wolle es über die Ufer steigen, das Kind aber auf seinem Arm ward schwerer und schwerer, als wär's von Blei, und das Wasser ward zuletzt so hoch, daß der Opherus meinte, nun müß' er bald ertrinken, und das Kind ward so schwer, daß er's schier nimmer zu tragen vermochte. Da hielt er an und sagte: „O Kind, ich weiß nimmer, soll ich hin oder zurück vor lauter großem Wasser und vor Gefahr, und bist du doch so schwer, als trüg’ ich die ganze Welt auf mir!"
Darauf sprach das Kind mit seiner wundersamen Stimme: ,,Du tragst nicht allein diese Welt, du tragst auch Den, der da ist der Herr des Himmels und der Erde und der König aller Könige, und sieh', ich will dich selbsteigen taufen." Und das Kind tauchte des Opherus Haupt etliche Male unter das Wasser und sprach dazu: „ Ich tauf dich im Namen Gottes des Vaters und Meiner, Gottes des Sohnes und Seiner, Gottes des heiligen Geistes, die da sind Dreierlei und sind doch Eins. Also bist du getauft und kann deine Seele nimmer verloren sein. Und weil du mich getragen hast, deinen Herrn Jesu Christ, dem Alle sollen dienen, nicht daß sie erniedrigt seien, sondern groß und heilig werden, sollst du nimmer Opherus heißen, sondern du sollst heißen Chrstopherus."
Sagte der liebe, heilige Herr Christopherus: ,,O, ist die Rede gut, ist denn das Alles kein Traum?"
Und sagte das süß liebe Jesukind: „Nein! das ist kein Traum, du wirst selig sein in meiner Nähe. Das soll sich dir wohl weisen. Kehr' an's Ufer und steck' deinen dürren Stab in die Erde, und also wie er blüht, also wirst du zum Himmel neu erblühen, wenn dein irdischer Leib abgedorrt ist!“
Darauf verschwand das Kind von seinem Arm, das Wasser aber ward nieder, wie es vordem gewesen war, und der liebe Herr Christopherus ging an das Ufer, steckte seinen dürren Stab in die Erde und betete die ganze Nacht auf dem Antlitz. Und als er am Morgen aufsah, war sein Stab voll grüner Blätter und Blumen. Da war er ganz in Freuden und rief: O Herr, weil das ist geschen, glaub' ich fest und will Andere lehren, daß sie auch glauben!" Dann rief er den Einsiedel herzu, sie knieten selbstzweit nieder und beteten gar herzinniglich, und der Einsiedel bat den Christopherus um seinen Segen.
Den gab er ihm. Als er dann wieder hinsah, war der Stab dürr, wie vorher – und er nahm ihn und zog fort und von dannen und bekehrte viele Menschen bis zu seinem seligen Tode."
Das ist die Sage vom heiligen Christopherus, und wer sie noch nicht wußte, der weiß sie jeßt ganz genau.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Die Hostiensäule auf dem großen Gottesacker
Wieder ein bedeutsames Wahrzeichen ist die Hostiensäule auf dem Kirchhof vor dem Sendlingerthor. Die steht rechts ab vom mittleren Weg, von der Kirche aufwärts. Sie stand aber früher ganz wo anders, nämlich in der Stadt bei der Salvators-, oder wie sie jetzt heißt, der griechischen Kirche; und noch früher war sie wieder an einem anderen Orte.
Davon und wie Alles erging, ist hier kurze Kunde. Diese Säule mit ihrem Thürmchen betrifft den Raub einer Hostie, welchen eine alte Frau in den ersten Jahren nach Ao. Dom. 1400 in der Marienkirche ausführte, um sie, wie es heißt, außerhalb der Stadt einem Juden auszufolgen, welcher sie dort erwartete. Nun ließ sie dasselbe hohe Heiligthum in Gewissensbissen vor dem Sdwabinger Thor, das heißt, am Anfang der heutigen Briennerstraße, fallen, und als die Hostie von Etlichen gefunden ward, trug man sie in feierlicher Prozession wieder in die Marienkirche zurück.
Auf dem Fundorte ward nun eine kleine Kapelle erbaut und zwar zu Ehren des Erlösers, und davon hieß man dann das Thor selbst wechselweise auch unseres Herrn Thor, das kleine Gotteshäuslein aber die Erlöser- oder Salvator- Kapelle.
Später Ao. Dom. 1493, zur Zeit Herzog Albrecht der Weise regierte, ergaben sich einige nöthige Veränderungen vor der Stadt; da trug man die besagte Kapelle ab und errichtete an ihrer Stelle jene Denksäule. Etliche meinen, sie sei da schon alleranfangs errichtet worden und nur stehen geblieben, dem aber ist nicht so. Oben herum ließ der Herzog von einem Steinmeß vier Vorstellungen machen: Die Frau, welche die Hostie raubte, die Dornkrönung Christi, die Kreuztragung und die Kreuzigung. Das Alles ist schon sehr verwittert, es läßt sich aber noch Manches erkennen.
Die Umschrift lautete:
Albrecht Marktgrave bei Rhein, Herzog in ober und nieder Bayrn hat das Werk machen lassen. Im jar 1494.
Es ging aber dem Herzog nicht in den Sinn, daß er Münden um ein Gotteshaus vermindern sollte, so daß er auf dem sogenannten Frauenfriedhof, bem jetztigen Markt an der griechischen Kirche, wo schon eine kleine Kirche stand, zum Ersatz eine große zu bauen beschloß. Er ließ also die kleine abbrechen, die jetzige mit ihrem hohen, spißen Thurme aufrichten, welche man noch heut zu Tage vor Augen hat, und nannte sie zur Erinnerung an jene vor dem Schwabinger Thor – die Salvators-Kirche.
Als das geschehen war, mußte später, weil sich vor dem Thor noch immer Veränderungen ergaben, auch die bewußte Hostiensäule auf den Frauenfriedhof versetzt werden.
Unfern davon ließ dann, wieder später, Herzog Wilhelm V eine steinerne Laternsäule errichten, in welcher hinter rothem Glas ein ewiges Licht brannte. So standen die zwei Säulen immerfort bei einander, bis im Laufe der Zeiten der Frauenfriedhof aufgehoben und Alles was darauf war, weggebracht ward, also auch die zwei Säulen, welchen man auf dem großen Gottesacker vor dem Sendlingerthor ein Plätzlein gönnte, wo sie nicht all zuweit von einander stehen.
Uebrigens sah man noch Ende des vorigen Jahrhunderts am Eingange des Frauenfriedhofes zwei kleine gemalte Täflein, darauf die Gefangennehmung der alten Frau und die Erhebung der Hostie durch die Geistlichkeit abgebildet war. Sie kamen auf's Weitere in Besitz eines alten geistlichen Herrn, bei dem ich sie selbst noch sah, als ich ganz jung war. Wo sie hingekommen sind, weiß ich aber nicht, ich wollt´, ich wüßte es.
Weil nun just die Rede vom Frauenkirchhof und den zwei Steinsäulen, mag noch etwas gesagt sein.
Nemlich bei den zwei Säulen stand die alte Georgen Kapelle, welche Herzog Albrecht zugleich mit der großen Kirche erbaute, und in dieser Kapelle wurden die vornehmen Herren zu Georgi-Rittern geschlagen. Selbiger Ritterschlag geschah und geschieht noch heut zu Tage an des Heiligen Festtag.
Nun aber in der Hofkapelle der alten Residenz.
Bei dieser Gelegenheit sieht man die hochvornehmen Herren durch die Gänge der Residenz und den Kapellenhof ziehen, männiglich in langen und weiten himmelblau sammtenen Mänteln, und alles dabei ist alterthümlich. Die Prinzen ziehen auch mit, und der König, welcher der Georgi Ritter Großmeister ist, desgleichen - der Ritterschlag aber geschieht mit dem Schwerte des Herzogs Christoph, denn das und seinen Schild haben wir noch zu München, weil sie hieher gebracht wurden, als er auf der Heimkehr von seiner Pilgerfahrt seliglich gestorben war.
Aus all Dem kann Jeber erkennen, daß der heilige Georg seit uralten Zeiten just nicht zu den geringsten Heiligen im Lande Bayern zählt. Wenn es aber darauf ankäme, wüßte doch wieder Mancher nichts Näheres von ihm. Es könnte demnach, mein' ich, nicht so fast schaden, wenn da von seiner ururalt echten Legende einige Kunde verlautete, denn sie ist gar lustsam auferbaulich.
Zu vermerken:
„ Der heilige Georg war ein Ritter und eines Grafen zu Palästina Sohn und hat ein Banner in der Hand, und damit ist es so:
„Zu denselben alten Zeiten, als der Pabst Marcellus regierte, stritt Herr St. Georg gegen das Heidenvolk aller Art und erfocht einen Sieg um den andern. Da sollte es einst vor Cappoboci schon wieder zu einer Schlacht kommen, St. Georg hatte aber eine so geringe Zahl Kriegsleute bei sich, daß die Heiden über seine Handvoll spotteten.
Auf dieß ließ er die Seinigen niederknieen und beten. Das mißverstanden die Heidnischen drüben und schickten Einen herüber, der sagte: ,,Euch ist verzweifelt bang, so viel sehen wir schon. Ergebt Euch und opfert unseren Göttern, dann kann's Euch insoweit noch gut ergehen — wo nicht, so seid Ihr sämmtlich des Todes."
Sagte St. Georg: ,,Wär' wohl recht! Wir sind des Todes nicht, sondern Ihr, und wir sind keineswegs verzweifelt, sondern wir beten um ein Zeichen vom Himmel."
Sagte derselbige Heide: ,,Und was soll denn das sein?"
Antwortete St. Georg: „Du kecker Heide, du, das will ich dir wohl sagen. Wir warten auf ein Zeichen, das aus Einem von uns Zehne macht, und ich seh' das Zeichen schon kommen."
Sagte der Heide: „Ich seh' nichts, und du kecker Christ siehst auch nichts. Wenn wir aber Beide was sähen und dein Zaubergott aus Einem von Euch Hundert machte, so schlügen wir Euch doch zu Tode, denn unser sind zu Viele."
Drauf ging er fort und in's heidnische Lager zurück. St. Georg aber sah ganz freudig gegen Himmel, denn der hatte sich aufgethan und von da schwebte ein Engel nieder und führte ein weißes Banner mit einem rothen Kreuz inmitten in der Hand. Das gab er St. Georgen und sagte: »In hoc signo vinces! Aus Einem von Euch sollen Hundert werden und aus Tausenden der Heiden Einer, der für Euch ficht. Was das bedeutet und heißt, selb wirst du wohl erkennen."
Da machte sich Herr St. Georg mit den Seinen auf, zog gegen das heidnische Lager und rief: „Jesu Christ von Nazareth, wer mag gegen dich sein?"
Da wurden die Heidnischen ganz wüthig, hoben die Schlacht an und glaubten, das Christenvolk wie Gras zu mähen. Aber der Liebe Herr St. Georg hielt sein Banner hoch in die Luft und schlug mit sei'm Schwert auf das Heidenvolk ein, und die Seinen thaten des gleichen, daß es eine grause Schlacht ward und man den Staub drei Meilen Weges aufsteigen sah. Da wurden unzählige Heiden erschlagen, deren Seelen fuhren abwärts, und von St. Georgen wurden auch Viele erschlagen, deren Seelen fuhren aufwärts in den Himmel, und zuletzt wurden ganz und gar alle Heiden vernichtet, bis auf Einen, der war ihr Feldherr. Der entrann und brachte die Boschaft vom Himmelsbanner und Christensieg aller Ende in die Heidenschaft hinaus. Das ging gar Vielen zu Herzen, daß sie ihre Abgötter zerschlugen, gute Christen wurden, mit dem Feldherrn zum St. Georg zogen und mit ihm zu Ruhm und Ehre unseres Herrn Christ stritten. Also war des Engels Wort erfüllt. "
Eine andere Kunde von St. Georg ist die:
,,Zu einer Zeit ließ ihn der römische Kaiser Diocletian gefangen nehmen und bis auf Weiteres in die Hütte eines armen Weibleins bringen, da ward er angebunden, draußen aber war es Winter, es lag tiefer Schnee und grimmig kalt war es.
Wie nun St. Georg und das Weiblein allein waren, sagte dasselbe: „ Du thust mir leid und hätt' ich was, gäb' ich dir was, aber ich hab' selbst nichts, denn Hunger und Kummer, weil mein Kind ist krank und blind. Ach wenn nur dem geholfen wäre, aber da ist keine Hülfe. Ich will fort und zu den Göttern beten, viel leicht schenkt mir dann Einer ein Stücklein Brod, sonst vergeh' ich und Mein Kind, und dir kann ich auch nichts geben.“
Sagte St. Georg: ,,Deine Götter werden dir nicht helfen, aber der Meine wird es"
Und antwortete sie: „In was denn der deine! Der ist ja kein Gott, sonst wärst du nicht in Ketten.“
Als nun St. Georg allein war, betete er. Da kam ein Engel, löste ihm die Ketten ab und sagte: ,,Lüpf' die Arme an den Thürpfosten, da wird der Alten in jeder Weise geholfen sein.“
Da lüpfte der liebe Herr St. Georg die Arme an den Thürpfosten, und auf das ward aus dem dürren Holz ein freistehender Baum mit breiten Aesten, das Dach ward zu einem Laubdach, von allen Zweigen hingen die schönsten Früchte und aller Orte sangen die schönsten Vögelein, unterhalb aber war eine luſtig grüne Wiese und auf der stand eine Tafel von Rubinstein, darauf lag himmlisches Brod und ein goldener Becher, mit Wein gefüllt, stand dabei.
Als da das Weiblein durch den Schnee heimkam und hineinsah, war es ganz voll Staunens, St. Georg aber gebot ihr, zu essen und zu trinken. Das that sie, und es fielen ihr die himmliſchen Früchte auf den Tisch, je nachdem sie nach einer Frucht Gelüste hatte, und den Wein trank sie, aber es rannen ihr die Thränen in den Becher und sie sagte : ,,Vor Hungers vergaß ich meines Kindes, das will ich bringen und laben — ach, könnt's nur die Pracht und Herrlichkeit sehen; aber das vermag dein Gott nicht, so er aber das könnte, wären die Meinen gegen ihn nichts!"
Sagte St. Georg : ,,laß ab von deinem Wehkummer, denn es ist dir geholfen.“
Und als das Weiblein an des Kindes Lager eilte, war es, statt krank geſund, und sah lächelnd auf, als könnt es die Mutter sehen; und da wollte das Weiblein seinen Sinnen nicht trauen, trug’s eilig vom Kämmerlein dahin, wo der schöne Baum war, und als das Kind zu Zweigen und Früchten sah und das Händlein ausstreckte, da fuhr der Glaube an des Kindes Heil und an des St. Georgen Gott in des Weibleins Herz, als daß sie ausrief: ,,Die Meinen sind ohnmächtig und grausam, aber dein Gott ist gut und allmächtig!" Und sie nährte ihr Kind voll Seligkeit mit himmlischem Brod und Wein und eilte dann fort mit demselben und durch den Schnee weiter, daß es dem Volk verkünde, was geschehen sei.
Da kam viel Volkes daber, das konnte sämmtlich in die Hütte, die zu einem Laubdach geworden war, und wollte mit sammt dem Mütterlein getauft sein. Das thät St. Georg mit Freuden, und es fiel ein Thau auf das grüne Gras, den hob St. Georg mit der flachen Hand und taufte Alle und Jeden, und sie gingen ganz selig von dannen, denn ihre Seelen waren verändert und ihre Herzen der Freude Gottes voll.
Und als der Kaiser hörte, was da geschehen sei, und von einem Baum vernahm mit Vöglein, Früchten und von Wein, himmlischem Brod und sonst Allem, da wollt' er der Dinge ansichtig werden und ging durch den Schnee dahin – und da er eintrat, schwiegen alle Vögelein, dorrten alle Blätter und das Gras ab, verschwand der Baum und Alles und war da die Hütte, wie vorerst. Darob entsetzte er sich und floh von dannen in den Schnee und Winter hinaus. St. Georg aber segnete das Weiblein und ihr Kind und zog seines Pfades von dannen, ganz frei, denn seine Leidenszeit war noch nicht gekommen."
Wieder eines vom St. Georg ist das:
,,Einst sagten die Heidnischen: ,,Bet' unseren Sonnen Gott an, wo nicht, so bist du des Todes."
Sagte St. Georg: „Wenn er zu mir kommt.“
Sagten die Heidnischen: ,,Nun seht, der meint, unser Gott komme zu ihm!"
Sagte St. Georg: ,,Das will ich Euch wohl zeigen." Und sprach zu einem Christenkind: „Geh' hin und sag' ihm, er soll von seinem Stein herabsteigen und dir folgen, und so er nicht gehorchen will, nimm die Ruthe da und zwing' ihn!"
Da kam der steinerne Gott daher, und das Kind trieb ihn mit der Ruthe. Drob staunten die Heidnischen sehr und waren voll Zorn und Wuth. Das achtete aber der liebe Herr Georg mit nichten, sondern sagte zum steinernen Gott: „Ich frag dich im Namen Christi, bist du der Sonnengott oder wer bist du?"
Auf das kam ein großes Zittern über den Andern und er sagte: „ Muß ich's denn sagen? Ich bin Einer von denen, so Gott vom Himmel gestossen hat. Wart, ich will mich an dir rächen!"
Sagte St. Georg: ,,Dein acht' ich nicht, ich will, daß du dich in deiner wahren Gestalt zeigst."
Da stand der böse Geist in gräulicher Gestalt vor Aller Augen und schrie um Erbarmen.
Der liebe Herr St. Georg aber rief: „Sei verflucht in den Abgrund der Hölle!“
Auf das that sich der Erdboden auf, und es fuhr eine Flamme herauf, und der böse Geist versank unter großem Geschrei, und die Heidnischen schrieen auch groß Zetter und flohen vor St. Georgen auf und davon.“
„Wieder einst wollte der Kaiser St. Georgens Macht dennoch Schmach anthun. Da ließ er einen Sarg bringen, darin lagen die Gebeine vieler Heiden, und sagte: ,,Bist du so gewaltig, also mach' sie lebendig!"
Sagte St. Georg: „ Ich nicht, aber ein Anderer, der über mir ist."
Und als er gebetet hatte, kamen alle Gebeine zusammen, wie sie zu einander gehörten und erwuchsen zu Leibern und es wurden lauter sichtbare Menschen daraus, die sagten: ,,Sie lägen da 313 Jahre lang und hätten auf Den gewartet, der ihre Seelen rette.“
Sagte der Kaser: „Der bin ich, denn ich hab' Euch durch die Macht meines Zauberers erweckt, selb ist der Georgius da.“ Antworte Einer: ,,Du bist ein Lügner, denn einen Zauberer preisen Gottes Engel nicht, das hörten wir aber in der Weise vom St. Georg, und Der soll uns taufen, dann sind unsere Seelen gerettet.“
Da machte St. Georg ein Kreuz über die Erde, daraus entsprang ein Quell und aus dem taufte er die Auferstandenen. Dafür dankten sie ihm gar sehr. Und er sagte: „ Nun seid Ihr Christen, ich aber frag' Euch, wollt Ihr zum zweiten Male wandeln auf Erden und für Euren Glauben sterben?" Drauf sagten sie wie aus einem Munde: ,,Das wollen wir."
Sagte St. Georg : „Euer Wille geht für's Werk, drum soll Ihr nicht in Leiden sterben, sondern in Freuden." Und machte ein Kreuz über sie und sprach: „Legt Euch wieder in Euren Sarg, und Eure Seelen sollen gen Himmel fahren in's Paradies. Da grüßt mir Vater, Mutter und meinen Bruber, und die Jungfrau Maria, aber vörderst meinen Herrn Jesu Christ, Dem dank´ ich in der Demuth all´ meinen Muth."
Da sagten die Anderen: »Gloria in excelsis!« Und dann waren sie nimmer da, sondern lagen beinweise wieder im Sarg. Da ward dem Kaiser bang, daß er nimmer bleiben mochte und er von dannen ging. St. Georg aber that den Sarg zu den Christen begraben, da harren sie fröhlicher Urständ am jüngsten Tag."
Nun hatte der liebe Herr St. Georg mit einem Drachen zu schaffen. Das war so:
,,Zur selben Zeit war im Lande Silena ein gräulicher Drache, der war an einem See und vergiftete alles Wasser, und wo ihm ein Thier oder Mensch nahte, da fraß er Alles, und wenn lange nichts des Weges kam, krocher in die Stadt, und das gefiel ihnen in der Stadt mit nichten, sondern sie gingen gern hinaus und fütterten ihn mit zwei Lämmern. Je mehr er aber Lämmer fraß, desto mehr wollte er, bis dann schier kein Lamm mehr in der Stadt war. Auf das beschlossen sie, das Loos zu werfen, und welchen Menschen es treffe, der sollte dem Drachen geopfert werden und ein Lamm dazu.
Und eines Tages war kein Lamm mehr da, und es fiel das Loos auf des Königs Tochter. Da weinte der König und bat um acht Tage Frist. Und als sie verstrichen war, bat er wieder, aber es frommte nicht, sondern er mußte der Tochter Urlaub geben; da schieden sie in großem Jammer von einander, und die Jungfrau ging zum See, weinte bitterlich und harrte ihres Tobes, wann der Drache einherkäme.
Und wie das so war, kam der liebe Herr St. Georg daher geritten, sah die traurige Jungfrau und stieg ab von seinem Roß und fragte sie um ihr Leid.
Da sagte sie's und bat ihn, daß er fliehe, denn ihr sei nicht zu helfen. Er aber tröstete sie im Namen Gottes, und mittlerweile stieg der Drache aus dem See heraus. Ueber das erschrak die Jungfrau, St. Georg aber schwang sich auf sein Roß, that ein Kreuz über sich, ritt gegen den Drachen an und stieß ihm sein Schwert ein, daß der Drache schwach ward und in seinem schwarzen Blut umfiel.
Und sagte der liebe Herr Georg: ,,Er ist noch nicht todt. Nimm deinen Gürtel, schlag ihn um seinen Hals und führ' ihn in die Stadt!" Das that die Jungfrau, und St. Georg ritt ihr zur Seite, und als das Volk den Drachen am Gürtel sah, schrie es laut und wollte fliehe. St. Georg aber rief es zurück und sagte: „Ich komm' zu Euch, daß Ihr Euch bekehrt von der Gefahr Eurer Seelen, wie Ihr befreit werdet von der Gefahr Eures Leibes, deshalb vertilg' ich dieß Ungethüm."
Und er zückte sein Schwert zum zweiten Male und erstach den Drachen gänzlich und zu Tode und ließ ihn außer der Stadt in die Erbe vergraben.
Auf dieß bekehrten sich alle Menschen zu Silena, und der König ließ eine Kirche bauen, und als sie den Grund gruben, entsprang ein wunderbarer Quell, und als St. Georg männiglich das Christenthum gelehrt hatte, taufte er Alle und ritt von dannen.
Und nun kömmt das Letzte vom St. Georg, nach dem er schon für unseren Herrn Christ gestorben war:
Selb kamen die Heidnischen und belagerten die Stadt Jerusalem, darin die Christen waren, und Die konnten sich nimmer erretten. Da trugen sie St. Georgens Gebeine auf die Stadtmauer, und es faßten die Christen Muth, die Heiden aber geriethen in Zorn und schossen und stürmten so viel mehr, es waren ihrer aber an die Hunderttausende.
Da erschien in Lüften St. Georg, der Ritter Gottes und er hatte schneeweiße Kleider an über dem Rüstzeug und trug sein weißes Banner mit dem rothen Kreuz und rief den Christen fröhlich zu: „Wohl denn, Ihr Herren, wir sollen siegen mit der Hülf´ Gottes!" Und er ließ sich auf die Mauern nieder und schwang hoch sein heiliges Zeichen.
Und als das die Christen sahen, da waren sie Alle voll Freuden und fielen mit Macht aus auf die Heiden, und es entstand ein ganzes Schlachten, und es flohen die Heiden, so viel Ihrer konnten, die Hälfte aber ward erschlagen."
Das ist die Kunde von St. Georg und seinem Sieg.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Herzog Sigmunds Denk- und Wahrstein
Herzog Sigmund erbaute, wie Jeder weiß, den Lieb-Frauen-Dom.
Nun ließ er seiner Zeit zwei Stein-Tafeln links und rechts neben dem Kirchthor unter der großen Sonnenuhr anheften. Auf der links steht eingegraben:
Anno dm. m ecce jm Irvm jar ist d´ pau angefangen acht tag nach unser lieben frauen tag zw liechtmeß Anno 1488 ward der Bau vollendet.
Auf des Baumeisters Grabstein in der südlichen Frauenthurmhalle steht geschrieben:
Ao. Dom. 1488 an montag nach sant michelstag starb
maister Jörg (Gankoffen) von Halsbach maurer dies Gothhaus
unser lieben frawen, der mit der hilf goß und seiner hant
den erstn den mittln und den löstn stain hat vollfuert an
diesem pau. der lait hie pegraben und Margret sein eliche
hausfrau. den got genadig sei.
Zur Rechten unter besagtem Kirchthor, geradeüber vom Denkstein des Kirchanfanges, ließ Herzog Sigmund in die Mauer einen Denkstein für sich selbst einsetzen. Auf demselben ist er in knieender Figur zu sehen, und unten die längere, lateinische Inschrift spricht seine Andacht zu Gott und seine Verehrung für die Jungfrau Maria aus, weshalb er gelübdeweise den Dom gestiftet und auferbaut habe.
Zu oberst sprechen zwei lateinische Verse:
Clam fortuna ruit fragili pede, tempus et hora,
Nostraque sunt semper facta dolenda nimis.
von der Flüchtigkeit des Glückes, der Beklagenswürdigkeit und der Werthlosigkeit aller irdischen Thaten.
Als sich besagter Herzog diesen Sinnspruch ausersah, war er 29 Jahre alt und soll etliche Jahre früher von großer Liebe für eine bürgerliche Jungfrau erfüllt gewesen sein, so daß er sich zu allen Opfern bereit erklärt habe, um sie zu seiner Gemahlin zu gewinnen. Er überließ dann auch bekanntlich das Regiment an seinen Bruder, Albrecht den Weisen. Nun klingt es da und dort an, als sei jene schöne Jungfrau einem Anderen zum Altar gefolgt; andererseits weiß Jeber, daß der Herzog sein Leben lang unverehelicht blieb, und so könnte es wohl sein, daß die zwei Zeilen einen noch besonders tiefen Sinn enthielten. Nämlich daß der Herzog in ihnen einen leisen Klageruf seines, in Liebe verunglückten Herzen, nebst der Vergeblichkeit seiner Entsagung auf das Regiment verewigen wollte. Insoweit könnte die obere Schrift ja wohl als ein geheimes Wahrzeichen gelten.
Jedenfalls scheint sich aber Herzog Sigmund später doch mehr getröstet zu haben, wie es denn geschrieben steht, er habe seine Zeit im Schlosse Blutenburg, nicht all zu weit von München, fromm-fröhlich zugebracht und viel Sinn gehabt für schöne Frauen, gute Cantores vel Singer und allerlei bunte Vögel.
Näheres darüber kann hierorts nicht ergehen.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Der Grabstein des Meisters von Nürnberg.
Unter der großen Sonnen Uhr an der Liebfrauenkirche ist außerhalb des Kirchthors zur Linken ein ehrwürdig alter Grabstein.
Dieser gilt dem blinden Tonkünstler Conrad Paumann, Ritter, gebürtig von Nürnberg, einem Mann, gleich merkwürdig in Begabtheit, Charakter und Geschick. Man sieht ihn da, in rothem Marmor von kindlich schlichter Kunst alter Zeit gebildet, an der Orgel sitzen im Talar und seiner rupfenen Langhaube, die Finger ausstreckend auf den Tasten, zu Füssen sind allerlei Instrumente, die Wendung des Hauptes aber soll nach der guten Meinung des Bildhauers wohl ausdrüden, daß der Meister den Tönen ein aufmerksames Ohr leihe.
Wenn man nun in Betracht zieht, was das heiße, blind sein und es in der Musik aller Wege so weit zu bringen, daß Einen die Kaiser und Fürsten einholen lassen und mit koſtbarsten, seidenen und sammtenen, mit Pelz vebrämten Röcken, nebst einem kostbarem Schwert und sonstigem Geschenk beehren - voraus mit größtem Lob - so läßt sich dabei schon Manches denken und in Betracht nehmen, und mahnt es die Nachwelt in nicht unbedeutender Weise zu Fleiß und Ausbauer.
Aber damit ist es hier nicht abgethan.
Denn dieser Meister Conrad - von welchem, nebenbei gesagt, in der Staatsbibliothek noch ein von ihm diktirtes, wundervoll und heilig -anmuthig -schönes Kirchenlied vorhanden ist, das gar Vielen Freude machte, wenn es je wieder bekannt würde – dieser Meister hat nicht allein während seines Aufenthaltes in Nürnberg ganz merkwürdige, mahnungsreiche Schicksale gehabt, sondern ihm war es auch beschieden, als er durch Gottes Fügung nach München zog, den edlen Herzog Albrecht den Dritten – eben Jenen, welchem früher sein Vater die Agnes Bernauer in's Wasser werfen ließ – mit seiner Gemalin Anna von Braunschweig zu versöhnen. Dieß geschah durch ein Paar vielsagende, hochfürstliche Reime, welche der blinde Meister in Musik setzte und singen ließ, gerade als die widerspenstige Anna ihr Nachtgebet betete und sich weitaus allein dachte bis sie die Töne und die wohl bekannten Reime vernahm, sodann der Thüre zuschritt, die Sänger und Pagen mit Lichtern sah und den Meister Conrad und ihren Gemal, dem sie sich längst gerne versöhnt hätte, wenn sie nicht zu stolz gewesen wäre.
Diesen Stolz bebauerte sie noch später gar oft; draus mag sich allein schon Mancher eine Warnung nehmen und in der Feindschaft die Hand zuerst bieten – denn das Leben ist so kurz – und je mehr Herzen gewonnen, desto reicher ist Einer!
Bei dem Gesagten kommt noch in's Spiel, daß der Meister zu Nürnberg einen welschen Musikus, Namens Fra Solina, zum Nebenbuhler hatte, den er im Orgelspiel besiegte und, als er ihn dafür der Zauberei anklagte, auch im Gotteskampf mit dem Schwert.
Auch hatte der Meister eine Pflegetochter, welche ihre Liebe zum Meister Lindenast von Nürnberg bis zum Tode des Conrads verheimlichte, weil sie diesen nicht verlassen wollte. Aber der Meister wurde es noch inne und gab ihr in inniger Anerkennung ihres erhabenen Sinnes, von Herzen seinen ganzen Segen. - So wurden die beiden Liebenden nach langer Entsagung noch glücklich. Der arge Welsche aber welcher von je sein sündiges Auge auf die Cornelia gerichtet hatte und den Conrad zu München im alten Hof ermorden wollte, starb im Gefängnisse.
Das Eckhaus, gerade über der Bank in der Theatinerstrasse, gehörte dem Conrad.
Seine Grabschrift lautet wörtlich so:
Anno Dom. MCCCCLXXIII an Sant Paul Bekehrungsabent ist gestorben und hie begraben der Kunstreichist aller Instrumenten und der musika Maister Conrad Pauman Riter pürtig von Nürnberg und plinter geborn dem god genad.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Geld um's Eck bei St. Michael.
Damit ist der kurze Thurm am unteren Ende der Michaelskirche gemeint.
Dieselbige Michaelskirche baute Herzog Wilhelm V., 1583 am 18. April ward der Grundstein gelegt, der Baumeister hieß Andreas Gundlfinger, der Jesuitenpater Valerian aus Welschland und einer von München, des Namens Simon Hiendl, waren auch im Spiel, der eigentliche Bauführer und ehrsame Maurermeister aber hieß Müller, dessen Conterfei in der Sakristei zu sehen ist.
Von diesem Müller geht die Rede: Er habe das wunderwürdige Gewölbe auf eigene Gefahr gebaut, und Jedermann habe es als ein unvergleichliches Meisterstück anerkannt. Als aber der Herzog befohlen habe, in der Kirche ein Paar Kanonen abzufeuern, um die Prob' zu machen, ob es auch sicher gebautsei, habe selbiger Müller, so sicher er seiner Sache war, doch aus Furcht die Flucht ergriffen und sei nimmer zu Tage gekommen. Nun soll das gerade nicht ganz ohne sein, aber gekommen ist der Müller jedenfalls wieder, denn es existirt eine gewisse, gerichtliche Aufschreibung aus unviel späterer Zeit, wobei sich der Müller wegen verschiedener Dinge vertheidigt, insonderheit des Thurmes wegen.
Aber von dem Thurm selbst zu reden.
Allererst war die Michaelskirche nicht so lang, wie später und jeßt, und wo sie zu Ende ging, war ein ganz hoher Thurm aufgebaut; auf dem stand, heißt es, derselbe St. Michael, welcher nun zwischen den zwei Kirchthüren zu sehen ist. Das war Anno Dom. 1590, und die Kirche sollte schon bald eingeweiht werden. Da stürzte der Thurm ein, und die Jesuitenfeinde sagten, es sei das eine „Strafe Gottes und ein Zoren des heil. Michaelis,“ weil sie von den Jesuiten nichts wissen wollten. Drauf sagte aber der Herzog Wilhelmus: ,„Dem ist nicht so, vielmehr ist ihm die Kirche nur zu klein.“ Drauf befahl er, daß man das Gewölbe noch länger mache, ein ganzes Gebäu dazu setze und am Ende desselben einen neuen Thurm baue. Wie wenig weit man's aber mit dem brachte, steht vor Aller Augen. Denn nachdem der Herzog gar viel auf die Kirche verwendet hatte, auf einmal ließ er ab — und deshalb nannte man's am Thurm ,,beim Geld um's Eck" - obgleich ein und der Andere behaupten will, man habe den Thurm wegen Blitzesgefahr nicht höher gebaut.
Im Uebrigen erzählt man sich wegen des ersten, großen Thurmes noch etwas anderes: Als der Herzog die Baumeister bestimmte, fühlte sich der Hofbaumeister Wendel Dietrich arg gekränkt, weil er sich auch Hoffnung gemacht hatte. Er sagte aber weiter nichts Böses, sondern sah sich nur zeitweise die Pläne und Aufrisse an und ganz besonders hatte er Acht, als es an den Thurm ging. Als er nun sah, wie dick er werden solle, weiters auch die Fundamente in Augenschein nahm, plagte er einmal in seinem verhaltenen, gutmüthigen Zorn heraus und sagte auf eine Frage des Herzogs : „ich sag' nur so viel wann sie den Thurm nicht dicker bauen und das Fundament nicht bessern, fallt er uns sammtlich auf die löbliden Köpfe!“ Das ward begreiflich bald bekannt. Denn der Herzog fragte die Baumeister, Die zogen auf den Wendel Dietrich los und machten dem Wilhelmus die Hölle so heiß, daß er dem Wendel sagen ließ: „Er solle doch mit seinem Gerede schweigen und seinen Tadel für sich behalten, und das bei seiner Ungnade!" Dieß strenge Wort ließen sie dem Wendel fühlen und bauten fort und fort, er aber sagte nichts weiter, und wenn ihn Der oder Jener scherzweise fragte: „ Nun, Meister Wendel, fallt der Thurm bald ein?" antwortete er: „Schweigt, sonſt trifft Euch des Herzogs Ungnade!"
Wie nun seiner Zeit der Thurm fertig war, und die Leute viel und oft herumstanden und ihn anschauten, stand der Wendel Dietrich zuweilen auch dabei und scherte sich nicht viel um eine freundliche Spottrede.
Als er aber wieder einmal, die Hände auf dem Rücken, so da stand, kam der Herzog mit sammt den Baumeistern daher, ohne daß es der Wendel merkte, bis ihm der Herzog leicht mit der Hand auf die Schulter schlug und sagte: „Ei nun Wendel, was ist's denn mit meinem Thurm? Da steht er ja. Es bedünkt uns, er fallt dennoch nicht ein?"
Sagte der Wendel, den Hut lüpfend: ,,Heut' noch nicht. Erst muß das Rißlein dort oben zum Riß werden. Gott erhalte Euch, Herr Herzog!" Mit dem sah er noch einmal zum Thurm hinauf und ging seiner Wege.
Sagte der Gundlfinger: ,,Hoher Herr, er wird immer kecker, und was schwatzt er da von Rißlein und Riß!"
Wie nun der Herzog mit sammt den Baumeistern, den Weltlichen und den Patribus hinaufschaute, und die anderen Leute mit ihnen, sahen sie mit einemmale einen kleinen Riß, und sagte der Herzog : „Das ist nicht gut, Gundlfinger, am Ende hätte der Wendel doch recht gehabt!"
In Kurzem, eh' der Tag verstrich, ward der kleine Riß stets größer, und nächsten Abend sagte männiglich in der Stad: „Wann das morgen wieder anhält, falt der Thurm halt doch um!" Dazu kamen noch andere böse Anzeichen, also ward die ganze lobesame Stadt aufs mehrste aufgeregt, alle mögliche Vorsicht gebraucht, daß kein zu großer Schaden geschehe, und, übereins brach dann das ganze Thurmgebäu zusammen da gab's ein Gekrach und Gepolter, daß man's bis Dachau hörte, wenn nicht noch weiter, den St. Michael hatte man aber mit viel Müh' vom Thurmdach gehoben und ſalvirt, heißt es.
Da waren der Gundifinger und die Patres, der Hiendl und der welsche Valerianus, eben nicht auf das froheste gestimmt. Der Herzog Wilhelmus aber ließ sie Alle mitsammt dem Wendel kommen, wusch ihnen ,,mit ersichtlicher Mißbilligung und hervorschauend arger Malkontenz, auch keineswegs großgünstigen Worten“ die Köpfe, weltlich und geistlich; dann wandte er sich zum Wendel und sagte: ,,Wenn Ihr von Anfangs so gewiß und sicher gewußt habt, daß der Thurm einfalle, was habt Ihr dann nicht mehr Lärm gethan? Ich hätte gute Lust und entzőg' Euch fürwahr meine Gnade!"
Sagte der Wendel Dietrich: „Ja, was Gnade, hoher Herr, da wußt Einer nimmer, wo aus und wo an. Erst verlor ich sie schier, weil ich etwas sagte, und jeßt verlör ich sie wieder, weil ich nichts und nicht genug sagte — in der gotteslästerlichen Welt kann's Einer nie recht machen! Alle tiefste Obedienz, aber seid mir gnädig oder nicht, hättet Ihr mich genommen, wär's so weit nicht gekommen!"
Sagte der Gundifinger: ,,Aber heut' ist er so ganz keck, daß sich ja Alles aufhält - laßt ihn doch einsperren, hoher Herr!"
Sagte der Herzog: ,,Wär' wohl recht! Wenn ich Einen zum Carcer condemnirte, wär's keineswegs der Wendel Dietrich, sondern Ihr, denn Ihr Bautet schlecht, und das habt Ihr selbst erwiesen. Dafür sollt ihr auf's Neue bauen, er aber soll Euch auf die Finger schauen, ich geb' ihm für zurück meine Gunst, Euch aber den Teu — Gott verzeih' mir — den Deut für Eure Kunst!"
Weil nun die St. Michaelskirche ein garso treffliches Gottesgebäude ist, mag wohl Mancher noch einiges davon vernehmen, sonderlich etwa von der Einweihung. Die ging vorsich am 6. Juli 1597 und zwar in Gegenwart einer großen Zahl von Fürsten und sonst vor nehmer Leute. Die weiß man noch Alle; es waren aber anwesend:
Der Weihbischof von Freiſing, Bartholomäus,
der Kirchstifter, Herzog Wilhelmus der Fünfte,
dessen Gemalin, die Herzogin Renata von Lothringen,
der Churprinz Marimilian,
dessen Gemalin Elisabeth von Lothringen,
des Kirchſstifters Bruder, Herzog Ferdinand,
der Cardinal und Bschof zu Regensburg, Philippus, und
der Coadjutor des Erzbischofes und Churfürsten von Cöln, Ferdinand, Beide Söhne des Kirchstifters,
der andere Sohn desselben, Albertus,
des Kirchstifters Töchter, Maria Anna und Eleonora Magdalena, dessen Schwestern Maria Maximiliana und Maria, Wittwe des Erzherzogs Carl von Oestreich, sämmtlich junger Herrschaft, als da war:
der Erzherzog Ferdinand, der später römischer Kaiser ward,
der Deutſsch- Ordens - Großmeiser Leopold,
der Bischof von Passau und Brixen, Carolus,
die fünf jungen Erzherzoginen, Maximiliana , Eleonora, Margaretha, Conxtantia und Magdalena, weiters
der Landgraf von Leuchtenberg, Georg Ludwig und noch viele andere hochansehnliche Herren und Frauen.
Die Predigt hielt der Cardinal Herzog Philipp, nach der Einweihung war in allen Sälen, Gängen und im Garten des Jesuitenklosters ein herrliches Traktament für 1700 Personen, am kommenden Freitag aber führten die Jesuitenschüler an der Kirche, neunhundert an der Zahl, eine ungemein erhebende Comödia auf, nemlich den Streit des Erzengels Michael mit dem Teufels-Großfürsten Lucifer. Die Musik dazu war vom neuernannten Chordirektor bei St. Michael, seines Namens Georg Victorin, der im Componiren für einen äußerst scharfen Kopf galt und es beim Teufelssturz ſonderlich bewährte. ,,Im Ganzen aber," schreibt Einer, „ bezauberten die raristen Erfindungen und lebhaftesten Vorstellungen, die schön gemahlten Ceänen und kunstreichen Maschinen, die kostbaristen Kleidungen, die Anzahl und Geſschicklichkeit der Actorum Sinn und Augen derer Zuschauer so fast, daß ihnen die achtstündige Zeit, denn so lang dauerte das Schauspil, allzukurz vorkame."
So viel von Einweihung der Kirche zu St. Michael. Was nun die Gruft von St. Michael betrifft, so liegen dort eine gute Zahl fürstlicher Persone ; insonderheit aber aus älteren Zeiten der Stifter Wilhelm V. und seine Gemalin Renata von Lothringen - und sein Sohn, der große Churfürst Maximilian mit seinen zwei Gemahlinnen Elisabeth von Lothringen und Anna von Oestreich.
Damit ist es aber nicht zu Ende.
Denn anbelangend das Jesuitenkloster selbst, geht die Sage: ,,Es liege dort irgend in der Nähe einer Treppe ein großer Schatz verborgen, welchen die Jesuiten eingraben ließen, kurz eh' sie das Kloster verlassen mußten. Hierüber habe nemlich ein Maurer, ehe er das Zeitliche segnete, ausgesagt, und es sei dabei klar und offen geworden: Man sei Nachts zu ihm gekommen, habe ihm die Augen verhüllt und ihn auf verschiedenen Wegen hin und her an einen Ort geführt, an welchem er mehrere Schränke und Kisten eingemauert habe, und zwar, wie aus Allem hervorgegangen sei, in der Nähe einer Treppe. Daß er sich aber im Jesuitenkloster befände, sei ihm beim Herausführen aus etlichen Dingen kund geworben, besonders aber dadurch, daß er mit seinem rechten Fuß an eine lockere Bodenplatte stieß. Er sei auch am nächsten Tage durch die Klostergänge gegangen und habe an einem voraus erwogenen Orte die lose Kelheimerplatte wirklich entdeckt. All dem und mehr Anderem zu Folge, sei ihm kein Zweifel geblieben, er habe aber geschwiegen — für's Erste, weil er den Patribus wohl geneigt und noch über dieß, weil ihm für lange Zeit hinaus ein Schweigeseid abgenommen worden sei."
Weil nun Einer vor seinem Tode nicht leicht lügt, wird sich die Sache wohl richtig verhalten, und der Schatz noch immer im Kloster liegen. Es fragt sich nur, an welcher Stiege - und ist nur zu wünschen, daß ihn der Rechte möge finden – der könnte mit dem Schatz viel Ungemach erwinden.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Alte Residenz
Wer die alte Residenz im Innern sah, muß wohl bekennen, sie sei ein wunderwürdiges Wahrzeichen alter Kunst und gediegenster Pracht aus den Zeiten Churfürst Max I., dann seines Enkels Max Emanuel und seines Urenkels Karl Albert oder Kaiser Karl des Siebenten.
Ueber diese Residenz, ihre Reichthümer und die, früher mit der Fürstenburg zusammengehörigen, Gebäude und Anlagen ist gar Vieles in Schrift und Abbildungen vorhanden, so daß es mir nicht schwer würde, davon in das Weite zu berichten und noch jeßt das freudigste Staunen an den Tag zu legen.
Es ist mir aber in Letzterem schon einer Anno 1698 zuvorgekommen, nehmlich der Herr ,,Anthoni Wilhelm Ertel von Lebenburg, Ritter des Ordens St. Lazari in Jerusalem und Bethania, des heil. Römischen Reiches Immediat freyer Ritterschafft in Schwaben Raht und Gemeinschafftlicher Syndicus" - in der ,,Churbayrischen Atlantis," die noch gar Manche kennen und lesen.
Ich werde mich also wohl hüten, bessere Wärme und höheren Schwung zu bewähren, als dieser liebwerthe, biedere Mann, welcher von der Residenz und nächst auch von seinem Landesherren, Max Emanuel, spricht, der, wie gesagt, die Residenz noch verschönerte.
Es ist also nur billig, daß, statt meiner Worte, die seinen folgen, indem sie selbst ein rechtes Wahrzeichen sind, um wie viel weiter man dazumal in der Verausgabung klassisch gemüthlicher Bewunderung war, als in unserer stylstolzen Zeit, die sich nicht genug Worte weiß.
Oder wo wäre denn heutzutage Jemand, der den Reichthum der Schatzkammer, allein in einer Sache, so schlagend vorrückte, ohne weitschweifig zu werden, wie es da heißt, betreffend die Perlen:
„Ich kunte allhier bey 500 Stuck lauter ungemein selzamer Kostbarkeiten erzählen, worüber männiglich die Augen in lauter Verwunderung schwimmen wurden, aber eine geheime Ursach thut den Rinnsaal meiner freyen Feder verstopffen. Sol mir genug seyn, zu melden, daß alle menschlichen fünf Sinn gnug beschäfftiget seyn bey demjenigen, welcher solichen Schatz zu sehen begnadet wird."
Desgleichen wo der ehrentapfere St. Lazari - Ordens Ritter von dem Turnierhaus oder der alten Reitschule spricht, welche an der Stelle des jetzigen Bazars stand, lautend:
,,Ist ein herrliches Gebäu, allwo der bayerische Rittermäßige Adel schöne Prob-Stück ihres herßhaften Gemüts abzulegen pflegt. Und hat absonderlich unser siegprangender Emanuel an diesem Ort zum öfftern mit der spitzigen Lantzen und blanken Degen seine heroische Faust geprüfet, welche er hernach in dem unreinen Blut der Türkischen Hund und Mondrichtigen Bestien bei Wien, Gran, Neuhäusel, Waizen und mehr Orten mit triumphirenden Helden-Muth gefärbet und seinen bayerischen Löwen mit lauter Lorbeer Zweigen prächtig gekrönet hat."
Noch trefflicher bewährt sich der fürtreffliche Stylist in anderen Worten über den Churfürsten selbst, wie es da heißt:
,,Was nun dieser Heldenmüthige Fürst bey Entsetzung der von den blutdurstigen Türken hart beängastigten Stadt Wien, Eroberung der Haupt-Vestung Gran, und daselbst vorbengangener Feld-Schlacht, kostbarer Bestürmung und Obsiegung der Vestung Neuhäusel, drey Jahr lang hindurch für herrliche Lorbeer-Zweig einer niemals genug geprießenen Tapfferkeit, standhafftigsten Wachsamkeit und ungemeinen Glückseligkeit erobert, solches wird die Nachwelt in mehr ale tausend erlesenen Beschreibungen mit Erstaunen aufgezeichnet finden. Und weilen Emanuel anderst nichts ist, als Nobiscum Deus, so kan ich sicherlich meinem liebwerthen Vaterland den Trost geben, daß es mit Emanuel und in Emanuel und durch Ihn allen Beystand des Himmels, deß Glücks der Waffen und Siegs unsehlbar zu hoffen habe. Weilen auch Maximilian Emanuel nichts ist, als mit Verwechslung der Buchstaben Maximum Leuamen in alis, also dringet abermal die Folg, wie sicher und glückselig Bayern unter denen Flügeln dieses Chur-Fürstlichen Phoenix ruhen möge, als welcher aus dem glorwürdigsten Aschen Maximilian deß Ersten in Bayern und aus den kostbarsten Tugendrauch seines Herrn Vaters Ferdinand Maria hervorgesproßen und seine (erste ) Gemahlin Maria Antonia Josepha Benedicta Rosalia Petronella ein wahres Ebenbild aller Gnaden und Tugenden, mit der Milch der Oesterreichischen Sanfftmuth und Blut der Spanischen Herrlichkeit auferzogen, ein Spiegel aller anmuthigen Geister und ein recht lebhafter Granat-Apffel vieler hundert ausbündigster Gemüths-Zierden."
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Der Affe an der Lorenzkirche.
Sankt Lorenzens Kirche war, wo jeßt das Münchner Rentamt steht, und oberhalb dieser Kirche war auf einem Thürmlein ein Affe zu sehen. Dieser Affe war ganz genau das Conterfei desjenigen Affen, der Kaser Ludwig den Bayern, als er noch in den Windeln lag, aus der Wiege geholt und sich damit auf das Kirchdach salvirt haben soll, als man ihm das Prinzlein wieder nehmen wollte.
Wohin das Steinbild gekommen, ist unbekannt. Wenn es sich aber doch etwa wieder fände, wär' es recht; es käme sicher in das National Museum, worin sich verschiedene vorzeitliche Gegensände befinden, welche sich von der St. Lorenzkirche herschreiben.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
St. Peter steht schief
Zu St. Peter in München ist der Turm kerzengerade; das wird niemand widerstreiten. Dass es aber gleichwohl obenherum am Dach nicht ganz und gar richtig beschaffen sei, vielmehr ein ganz klein wenig schief, das leidet auch keinen Zweifel.
Nun glauben die Einen, es schreibe sich die Sache vom ungleichen Gewicht her, der Baumeister habe einen Fehler begangen, und so mehr, wie denn eben diejenigen Leute reden, welche ganz für die neue Zeit sind, von aller Sage und Unbegreiflichkeit nichts wissen wollen und alles natürlich ausbeuten möchten, und wenn sie dann die Wahrheit nicht mit Händen greifen können, nichts glauben. Andere und Bessere sind nun freilich dagegen, erkennen an, dass sich mit dem St. Peter Turmdach etwas Wichtiges und Verhängnisvolles zugetragen haben müsse, und haben auf Verschiedenes geraten.
Was aber ich in früher Jugend von einem uralten Manne, der es selber als Kind schon vom Großvater gehört hatte, vernahm, ist ungefähr dies – wohl sagte er mir’s kürzer oder wie, aber es erzählt eben jeder auf seine Weise. Nämlich:
Die Stadt München hatte von je viele herrliche Gotteshäuser, und die Menschen waren größtenteils überaus fromm, so dass man es hier das „deutsche Rom“ nannte. Darüber hatte alle Welt ihre Freude, dann und wann Etliche ausgenommen, welche uns finster und rabenschwarz nannten. Wer sich aber am meisten ärgerte, der war der „Gottseibeiuns“ mit seiner ganzen Sippe. Der hätte den lobseligen Münchnern längst gerne die Hälse abgedreht, und weil er das nicht konnte, doch an Kirchen und Kapellen Unheil angestiftet.
Vor allen heiligen Gebäuden grollte er aber der Peterskirche. Denn von dieser ging zu München mehrenteils die uralte, ganze Glaubenskraft aus, und die zwei Türme, welche früherhin aufragten, erschienen ihm gleich zwei Finger, welche die Stadt rastlos gen Himmel strecke und damit Gott den Eid ewiger Treue schwöre. Weiters ärgerte ihn das Glockengeläute unglaublich, und wenn die Kirchweihfahne heraushing, war er wieder voll Groll und Gift.
In Kurzem, er konnte es nimmer länger ertragen und nahm sich einmal vor, Ernst zu machen und die zwei Peterstürme zu vernichten. Darauf schickte er sich in einer Mitternacht an, tat ein gräuliches Gewitter zusammen und warf ein paar Blitze in die Türme, dass sie sogleich lichterloh brannten. Dann tat er noch etliche Streiche, bis sie über das Kirchdach hinweg auf den St. Petersplatz und Markt hinüber zusammenbrachen. Da gab es Graus und Verwüstung genug, denn das Getrümmer schlug mehrere Gebäude nieder, auch gingen, heißt es, etliche Menschen zugrunde, ungerechnet den Türmer, welchen sein Schicksal zuerst ereilte.
Nächst wollte der „Gottseibeiuns“ auch die Kirche selbst vernichten, konnte ihr aber keinen Schaden zufügen, denn sie war geweiht. Also brannte wohl der Dachstuhl ein wenig, wann der Blitz hineinfuhr, aber dann verlöschte das Feuer immer wieder. Auf dies ließ der böse Feind von weiterem Toben ab und machte sich in Siegesfreude davon, denn mit den Türmen hatte er seine höllische Lust doch zufriedengestellt.
In München aber dachte niemand, dass er schuld sei, sondern man hielt die Sache für eine Fügung des Himmels und etwa für ein Strafzeichen, weil man in der Frömmigkeit nachgelassen habe, obwohl sich dessen weder Rat noch Volk bewusst war, und die geistlichen Herren noch viel minder.
Drauf zog man in Erwägung, ob wieder zwei Türme aufgerichtet werden sollten oder nur einer, und auf das Letzte fiel der Beschluss.
Es wurde also ein Aufriss gemacht, auf welchem der kommende Turm mit einem hohen, schönen Dach zu sehen war; unterhalb des Daches aber ein offener Gang mit eisernem Gitter ringum die vier Mauern.
Auf diesem Gange sollte künftig der Türmer frei umhergehen, alles weitaus und in der Nähe wohl ins Auge fassen können, wenn es etwa brennte oder ein Feind gegen die Stadt anrücke; und zu sicheren Zeiten sollte er dann mit seinem Neben- oder Wechselmann und noch etlichen anderen hinaustreten und nach allen vier Seiten der Stadt eine feine, heilige Weise hinausblasen, zur Freude und Auferbauung der löblich christlichen Münchnerschaft.
Als nun der böse Feind merkte, dass die zu München nur einen Turm erbauten, gab er so gar viel nicht darauf. Als er aber inne ward, was weiters da oben geschehen sollte, namentlich vermöge des Blasens, überkam ihn der Zorn aufs Neue; denn waren ihm die zwei Eidesfinger schon unlieb gewesen, so war ihm das hörbare Lob Gottes noch viel mehr zuwider.
Seinerzeit nun der Turm vollendet war und eines Samstagabends das heilige Blasen und Posaunieren wirklich erscholl, anbei das ehrbare Volk ganz fromm, selig und andächtig zum Turm hinaufschaute, beschloss er, den Turm zu vernichten, wie er die zwei früheren vernichtet hatte.
Weiters nahte Mitternacht; der Himmel war ganz rein, der Mond schien klar und hell, und in der Stadt schlief alles ohne Sorge.
Nächst schlug es zwölf Uhr, und darauf begann der Türmer seinen Spähgang im Freien. Da ward ihm gar sonderlich zumute.
Denn urplötzlich erhob sich ein Tosen und Sausen und ein Summen und arges Brausen; kurz, es fuhr eine wilde Windsbraut auf den Petersturm zu und sonst nirgendswo anders hin, auch wurde es ganz finster, so dass der Türmer Heinz auf böse Gewalt schloss. Da blieb ihm auch in Bälde kein Zweifel.
Denn bald hörte er Geschrei und Gelächter und vielfach gottlästerliche Ausrufe; drauf sah er viele Schreckgestalten, die auf den Turm losdrückten und drängten. Am nächsten bei sich aber sah er Einen – der konnte niemand sein als der leibhaftige böse Feind selbst – und der schien es auf ihn abgesehen zu haben, pfiff und griff auf ihn los und wollte ihn offenbar über das Geländer werfen.
Da eilte der Türmer in sein Stüblein und riss das Kruzifix von der Wand, kehrte im Schutze desselben wieder zurück und hinaus, hielt das Kreuz dem gar Anderen vor und rief:
„Was willst du? Ich fürcht mich nit – weich von hinnen vor dem Zeichen unsres Herrn Christ!“
Auf die Bannworte fuhr der Teufel zurück, und der Sturmwind hielt eine Weile ein. Drauf erhob er sich umso viel mehr, die ganze Sippe drängte und drückte oben und unten am Turme, der Satanas aber drückte zumeist am Gitter, und so oft der Türmer sein Kreuz erhob, ihm ein über das andere Mal damit auf sein dauerliches Haupt schlug und rief:
„Ha, du verfluchter Geist, ich banne dich weg!“
Ebenso oft schrie der Teufel entgegen:
„Und werd ich noch zehnmal verfluchter, schlag zu, so viel du willst! Zwo Türme hab ich euch verblitzt, und jetzt wird der eingeworfen – das kannst du ihnen sagen, dass ich’s getan hab!“
Rief der Türmer Heinz:
„Ha, du grundverfluchter, verruchter Geist, das soll dir nicht gelingen!“
Und der Teufel entgegen:
„Ha, du, wart, ich will dir’s wohl zeigen und deinen grundfrommen Münchnern – die sollen meine Macht spüren!“
Also ging’s in Lüften hin und her zwischen dem Türmer und dem Satanas mitsamt seiner höllischen Sippe – und es merkte der Türmer, dass der Turm schon wanke; auch konnte er schier das Kreuz nimmer halten, weil ihm der Arm müde war. Zuletzt tat es einen Krach über ihm, als wolle das Turmdach aus allen Fugen gehen, und alles gab er für verloren.
Da schlug’s urplötzlich Eins – und kaum hatte es das geschlagen, so erhob sich unsägliches Geschrei, und es drückte und drängte am Turmdach, bis der ganze Glockenton versummt war. Darauf sauste es mit Macht vom Turm hinweg, es verschwanden alle Schreckgestalten, mit der ganzen Windsbraut war es zu Ende, die Finsternis wich von dannen, der Himmel war rein und klar, der Mond stand hell in Lüften; der Türmer Heinz aber fiel auf die Kniee und dankte Gott mit lautem Mund.
Frühmorgens kam dann sein Nebenmann, und der konnte die Mär schier nicht glauben. Der Andere aber eilte hinab, warf auf dem Weg zum Rathaus dem und jenem ein Wort zu, weckte den Pfarrer, dann den Bürgermeister und etliche Ratsherren; viele andere kamen auch noch dazu. Die vernahmen sämtlich des Türmers Bericht, staunten sämtlich und wollten ihm so wenig glauben wie sein Nebenmann, weil niemand das Geringste vernommen hatte, bis sie dann im Hin- und Herstreiten hinaustraten und sich vom Rathaus weg auf den Marktplatz begaben.
Da stand schon viel Volk, dem die Sache zu Ohren gekommen war; da sah alles ganz verwundernd zum Turm hinauf. Hoch droben beugte sich des Türmers Nebenmann über das Gitter und sah auch über sich, und als der Pfarrer, der Bürgermeister, der Ratsdiener und die Schreiber alle desgleichen hinaufschauten, waren sie auf das Höchste befremdet; denn das Turmdach von St. Peter war gestern noch ganz geradeauf gestanden – heute aber war es um ein ziemliches ersichtlich geneigt.
Da blieb aufs Weitere kein Zweifel, wie’s mit den zwei früheren Türmen ergangen sei; denn der Heinz berichtete jedes Wort. Nächst trösteten sich alle mit Gottes Schutz und Wohlgefallen, versahen sich weiteren Beistandes, erkannten, es sei das da oben kein Wahrzeichen von des Himmels größtem Missfallen, sondern vielmehr seiner Geneigtheit. Darob war männiglich hoch erfreut und bestärkte sich im Entschluss ausdauerlichster Frömmigkeit.
Damit hielten sie auch Wort, weshalb seit dazumal nichts Schlimmes mehr einbrach; und mit der Zeit setzte sich sogar das Turmdach wieder mehr – aber ganz doch nicht – also hängt es oben noch immer ein ganz klein wenig über und ist ein Wahrzeichen, dass unsere Glaubenssache fest steht und ihr so leicht keine Gewalt völlig ankann.
Also war’s anno sechzehnhundertelf,
könnte aber auch sein anno zwölf.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Erker im alten Hof
Blickt Einer so zu alten Häusern hin auf, sonderlich wenn ein handsamer Erker daran ist, so wird er unwillkürlich an Die erinnert, welche da früher weilten; gleichviel, ob er davon Namen und Weiterem Bericht habe.
So viel ist einmal doch gewiß, daß da oben Freud´und Leid waltete, wie es eben heut' zu Tage noch ist und in allen Zeiten der Fall sein wird im Wechsel des Geschickes dieser Welt.
Aber weit eben der Gebanke, daß die Alle mit den oft gar wichtigen Einzeln-Ereignissen ihres Jahrhunderts versunken sind, der Betrachtung noch einen besonderen Hintergrund verleiht, so bleibt das Auge oft viel länger haften, als an Gebäuden unserer Tage. Das irdische „aus und nimmer da" so vieler Menschen wirkt also an sich bedeutend genug nun erst, wenn Die, welche da oben waren, geschichtlich bekannt sind, in der Welt eine hohe Stellung einnahmen und gleichwohl viel Bitteres zu oft wenig Süßem erleben mußten, bis sie ihre gesetzte Aufgabe gelöst hatten und zur Ruhe eingehen durften.
Ein solches Haus mit einem solchen Erker, bei welchen gar oft das Letzte eintraf, ist zu München der alte Hof oder die Ludwigsburg. Diese ward vom Herzog Ludwig dem Strengen begonnen und dann vom Kaiser Ludwig dem Bayern, seinem Sohne, ganz weit und groß gebaut.
Daß der Theil mit dem Erker zuerst aufgerichtet wurde, mag wohl außer Zweifel sein. Was nun den letzt genannten, mit seiner Spiße nach oben und unten, anbelangt, so galt er schon in älteſten Zeiten für ein schönes Wahrzeichen, und so wohl früherhin Niemand gen München kam, der sich nicht den Grabstein Kaiser Ludwigs des Bayern in der I. Fr. Kirche angeschaut hätte, eben so wenig versäumten die aus Nähe oder Ferne Kommenden, in die Ludwigsburg zu gehen und sich das besagte Thürmchen zu betrachten, davon es hieß: „ Was strebt rastlos auf zum Himmel und will dannoch immer zur Erde - und also fast es fliegt, seind ihm doch die Flügel gebunden - also was ist das? ".
Nun hab' ich da seine Absicht, viel von der Geschichte alter Zeiten vorzuführen; aber im Kurzen muß ich dennoch andeuten, wer ungefähr da in jenem Erker, gleich im ersten Gaben oder weiter oben, in früheren Jahrhunderten etwa allein, oder mit Anderen geseßen, gesprochen oder herabgeschaut habe in den Burghof; es mochte auch manche zierliche Arbeit daselbst geschaffen, oder in mancher alten Chronik, Legende oder dergleichen gelesen worden sein.
Da weilte also wohl zuerst Herzog Ludwig der Strenge selbst, wahrscheinlich auch schon die unglückselige Maria von Brabant, seine erste Gemahlin, die er am 18. Jänner Ao .D. 1256 zu Donauwörth in seiner ungerechten Eifersucht hinrichten ließ. Von seiner zweiten Gemahlin Anna von Schlesien ist es noch viel wahrscheinlicher, ganz gewiß aber von seiner dritten, der Mechtildis, Kaiser Rudolphs von Habsburg Tochter. Nächst verbrachten die Söhne und Töchter desselben Ludwig ihre Jugend in der Burg, so weit sie gebaut war.
Möglicherweise also schon der eine Sohn Ludwig, welcher bei einem Turnier zu Nürnberg Ao. 1290 von einem Grafen Grato von Hohenlohe durch einen Lanzenstoß vom Leben zum Tode gebracht wurde; jedenfalls aber der Rudolph, welcher später, nach vielen Zerwürfnissen mit seinem Bruder Ludwig, Bayern verließ und in der Fremde starb - dann dieser Letztere, - desgleichen die Mechtilde, welche nach Lüneburg, die Anna, welche nach Sachsen heirathete und noch eine Andere, deren Namen man nicht mehr genau weiß, aber wohl so viel, daß sie in's Kloster ging - nach Ulm.
Alle diese recht merkenswerthen Fürstenpersonen waren wohl dann und wann im fraglichen Erker, sahen hinab in den Burghof, wo die Wehrleute rauschten, die Hofdiener hin und her eilten, die Grafen und Rittersleute durch's Thor an der Burggasse, oder drüben von den Barfüßern her einritten – wenn etwa die Rathsherrn daherkamen, oder die Stadtrichter in der und jenen Angelegenheit - Bischöfe, Aebte und tüchtige Mönche fehlten zeitweise wohl auch nicht - nebenbei lief ein oder der andere Hofnarr dahin - die Prinzen und die jungen Edeleute mochten auch ihre Körperübungen und unblutigen Zweikämpfe im Hof abmachen, wobei die fürstlichen Eltern oben zuschauten - und wenn geradeüber von St. Lorenz , oder vom Barfüßerkloster das Geläute klang, zu Mittags oder zum „alten Abendsegen“, da hielten dann die im Erker Befindlichen wohl mit Gespräch, Lesen oder Arbeit der Nadel in Sammt und Seide ein und beteten fleißig, allein oder insgesammt. Denkt einmal — und manches Mal fand sich da oben auch ein Minnesänger ein, der da alte Kunde sang.
Nun nehmt erst die folgende Zeit an, als der genannte Ludwig deutscher Kaiser ward. Der Edle lehnte oder saß wohl auch zeitweise in demselben Erker - freudigen Gemüthes in den wenigen glücklichen Stunden seines Lebens, sinnend in seinen so vielen ernsten, tief bedeutsamen und gefahrvollen. Wenn das Letzte der Fall war, da fehlte wohl manchmal an seiner Seite diesanfte Beatrix von Schlesien, seine erste Gemahlin, nicht, auf daß sie ihm Trost zuflüstere - etwa kam auch ein und das andere seiner Kinder dazu und schmiegte sich schmeichelnd an, die Mechtilde, der Ludwig, Stephan und die Agnes.
Mit seiner zweiten Gemahlin, Margarethe von Holland und Seeland und ihren vielen Kindern der Reihe und der Zeit nach ist es begreiflich eben so gewesen nemlich mit Ludwig, der zu Rom geboren ward und später viel erlebte, mit dem Wilhelm, der Statthalter in Holland wurde und später leider in traurigsten Irrsinn verfiel, weiters mit dem Albert, dem in der kommenden Theilung Straubing anheimfiel, dann mit dem Otto, welcher Markgraf und Churfürst von Brandenburg wurde, nächst mit den Töchtern Margaretha und Elisabeth, und einer ganz kleinen Prinzessin, der Anna, welche übrigens nur drei Jahre alt wurde, auf einer Reise der hochfürstlichen Eltern starb und im Kloster Castell begraben liegt.
Als nun der edle Kaiser Ludwig 1347 am eilften Oktober in der Gegend des Klosters Fürstenfeld, welches sein Vater bekanntlich zu einiger Sühne für seine schrekliche That an der Maria von Brabant gestiftet hatte, raschen Todes gestorben war, kamen viele Ereignisse und Schicksals wechsel und es befand sich der und jener andere Fürst in jenem Erker, sonderlich wohl auch seiner Zeit der unruhige Herzog Ludwig der Gebartete von Ingolstadt, welcher seinen fürstlichen Vettern, wie Ihr wißt, die Stadt München abwendig machte, bis sie dennoch wieder an das Regiment kamen, nemlich die beiden Herzoge Ernst und der Wilhelinus. Dieselben, welche ihn später beim heutigen Blutenburg und weiterhin in jener Schlacht schlugen und in die Flucht trieben - bis dann wieder seiner Zeit der Herzog Albert III. in den Erker trat, mit der Anna von Braunschweig, die er etliche Weile nach dem traurigen Untergang seiner vielgeliebten Agnes Bernauer zur Gemahlin angenommen hatte und dann und wann waren ja wohl wieder die Kinder der Anna dabei. Darunter sonderlich der Johannes, welcher an der bösen Luft starb, als der Lindwurm nach München geflogen kam, der Sigmund, welcher später die große lieb Frauenkirche baute, und, vom Regiment abließ, im Schlößlein zu Blutenburg ein ehrbar lustsames Leben führte, dann deren Schwester die Margarethe, welche nach Mantua heirathete, der Bruder Albrecht, welcher später der Weise genannt wurde – der starke Herzog Christoph, welcher so viel stritt und erlebte, bis er zu Rhodus starb - der Wolfgang, der nach Albrechts Tod drei Jahre lang Land Bayern adminstrirte und die holde Barbara, welche in jungen Jahren Klosterfrau zu St. Jacob am Anger in München wurde.
Nun nehmt zu all Dem an, welch treffliche Gelehrte, Meister der damaligen Kunst in der Malerei und Bildhauerei da die Treppe am Thürmlein hinaufschritten und daselbst wohl auch gelegentlich mit den Fürsten über wichtige Dinge traktirten oder Aufträge besprachen gar nicht gerechnet, welche treffliche Heerführer wohl da gestanden und etwa einen Blick in den Burghof herabgeworfen haben, angefangen von ganz alten Zeiten Kaiser Ludwige nur des heldenmäßigen Seyfried Schweppermann zu erwähnen – bis auf Albrecht den Weisen – so meine ich, es ließe sich bei dem bewußten Erker denn doch genug denken, und ein noch viel größeres Wahrzeichen in ihm erkennen, als wozu ihn die alten Zeiten machten, ob auch bei gleichen Betrachtungen.
Nemlich alle Jene merkenswerthen Fürsten und Fürstinnen sind dem ewigen Gesetze verfallen, und sie liegen unter der Erde, wie alle Anderen von dazumal; dahin deutet die untere Spitze des Erkerthürmleins — ihre Seelen aber hoffen wir, sind zum Himmel geläutert und in seligen Räumen. Ihr Leben selbst betreffend, ist der Sinn wieder so:
Sie wären oft mit ihren Entwürfen höher geflogen, aber die Flügel waren ihnen dennoch im Irdischen gebunden so ist es auch mit der festen Mauer, daran der Erker emporstrebt.
Mit dem Allen habt Ihr nun einigen Deut, an was und wen Alle man denken, und wie da gut träumen ist, wenn man zu jenem Erker aufblick..
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Von der diebischen Elster, von den gesunkenen Händen, vom St. Lorenzer- Kaiserstein, vom Barth Heinrich, vom Gustav - Adolphstein und der Mariensäule u . A.
Es geht jetzt immer tiefer in die Wahr und Denkzeichen der Stadt München hin ein, und ich will Euch hier wieder einiges Merksame andeuten.
So vormerkt die Elster auf dem Haus vom Theaterplatz auf die Dienersgasse zu, daß dort eine Dienstmaid lebte, welche in Verdacht kam, sie habe Geschmeide entwendet. Sie wurde dann verurtheilt und mußte den Tod erleiden, weil alles gegen sie sprach. Später zeigte sich dann, daß eine Elster das Gold entführt und im Gebälke des Daches eines Nachbarhauses verborgen habe. Da ward freilich großes Bedauern wach, aber die Maid blieb todt, und zum Andenken ließ man den Vogel im Conterfei auf die Dachspiße über dem Stüblein derselben setzen.
Auf den L. Frauen Dom komme ich später in's Weitere. Doch hier Eines: Nemlich es wird dort ein Bild bewahrt, worauf eine Menge Leute beten und die Hände gefaltet und erhoben haben; eine Frauensperson ausgenommen.
Von diesem Bilde gehen verschiedene Sagen, doch laufen sie fast alle auf Eines hinaus – nemlich auf ein Testament, mit dem es nicht richtig beschaffen war, und wobei die fragliche Frau im Spiel gewesen sei. Da hieß es nun einerseits: Die Verwandten hätten gemeinschaftlich gebetet, und mit einem Male habe es der Frau die Hände mit überirdischer Gewalt niedergedrückt eine andere Kunde aber sagt: Es sei zuerst wohl der Verdacht vorhanden gewesen, darauf hätte sich die Frau kühn unter die für den Verstorbenen Betenden gemischt, und da sei weiter nichts begegnet.
Man habe sich deshalb vom Verdacht abgewendet, und als das Bild zum Gedächtniß der Todtenfeier gemalt ward, auch die Frau mitaufnehmen lassen, welche die Hände gleich allen Anderen gefaltet hielt.
Wie man nun das gemeinte Bild aufhängte und sich alle Dargestellten einfanden unter ihnen auch die Frau, um es zu besehen - soll sie gesagt haben: „ Ich weiß wohl, daß Ihr mich schwerer Schuld gezeiht habt, aber ich will Euch vergeben, daß Ihr logt, und das habt Ihr, so wahr mir Gott die Hände niedergeschlagen hätte, wenn dem so wäre, wie Ihr meintet.“ Kaum hatte sie, geht die Sage, diese Worte gesprochen, als die Anderen, welche verlegen zum Bilde schauten, urplötzlich eine Verwandlung sahen, und die war, heißt es, keine andere, als daß die gefalteten Hände der Frau, statt aufwärts, abwärts gerichtet waren.
Ueber dieß Wunder sei sie dermassen erschrocken, daß sie zuerst sprachlos wurde, dann schwer erkrankte und vor ihrem Tode bekannte, daß sie ihren großen Erbtheil erschlichen habe.
Nun mag Jeder glauben, was von Beiden ihm richtig scheint.
Wieder ein anderes Wahrzeichen ist das Kaiser-Steinbild, welches vor Zeiten in der St. Lorenzkirche am alten Hof und, nachdem es lange dem Blick entzogen war, in den Pfarrhof u . l. Frau kam, da wieder wenig beachtet wurde, bis es in das bayerische Nationalmuseum verbracht wurde. Dieß Steinbild stellt die zweite Gemahlin Kaiser Ludwige des Bayern, Margaretha, vor, wie sie die Kirche von St. Lorenz hält, nächst daran die heil . Jungfrau Maria mit dem Jeſsukinde sitzt, während gegen diese Beiden zu der Kaiser kniet, die Hände im Gebet gar demuthsvoll erhoben.
Das Grabmal, vielmehr das Haupt des alten Patriziers Heinrid Barth im Glockenhaus der St. Peterskirche ist uns Münchnern auch zu einer Art Wahrzeichen geworden, sonderlich der sagenhaften, überaus großen Frömmigkeit seiner und seiner vier Söhne, welche Alle zusammen den hl. drei Königs- Altar stifteten.
Mehrere andere Bilder an den Häusern der, früher reich bemalten, Stadt waren oft eindringliche Familien - Mahnzeichen der Vorzeit an die Nachwelt, wurden aber leider auch fast alle übertüncht, zumal etliche, welche sich am alten Schrannenplatz befanden.
Was die noch heute zu Tage angemalten drei Kronen betrifft, so ist ihr Sinn und Grund noch nicht genau her gestellt. Die Einen halten sie für das Zeichen einer großen Fremden-Herberge, die Anderen sagen, es hätten da verschiedene Gesandte einen Aufenthalt gehabt. Auf dem Schrannenplatz ist übrigens eine Gedenktafel, die verkündet, es habe Anno 1632 Gustaph Adolph von Schweden eine Nacht im treffenden Hause zugebracht.
Außerdem wird vom Marktplatz vorerst nichts mehr in Betracht gezogen, ausgenommen das prächtige Denkmal welches Churfürst Max I. Anno 1638 errichten ließ, zum Dank, daß München von Einäscherung und zu großem, anderem Mißgeschick durch die Schweden im damaligen, schrecklichen Krieg frei blieb.
Das Denkmal ist die Mariensäule.
Wenn der Max dabei nur an das nicht geschehene Böse dachte, übte er fromme Pflicht. Aber es gab noch viele Prüfungen, und es kam noch gar viel schauerliches Unheil. Zwar über München nicht das stand unter Gottes ganz besonderem Schutz aber über Land Bayern im Ganzen.
Wie dem auch sei, wenn der Gustavus jeßt wieder käme, sähe, daß sich die eine und die andere Religionsparthei ganz wohl verträgt, aber Die doch noch da ist, welche er nicht wollte, und wenn er da so aus dem Fenster schaute, wie wohl dazu mal, so möchte er sich beim Anblid ber Mariensäule doch einige deusame Gebanken machen.
Ein recht merkenswerthes Bild war bis Anfangs dieses Jahrhunderts das am früheren Kloster-Ettaler Haus, an der Ede der Fürstenfelder Gasse.
Selbes bezog sich auf die Sage: Daß Kaiser Ludwig der Bayer, als er sich in Italien in großen Geldverlegenheiten befand, in einer Kirche von einem Engel, andere meinen vom hl. Benedict, angesprochen und mit gutem Trost in seinem Anliegen begabt wurde, wenn er einen sicheren Herren, der zu ihm kommen werde, Freiheit für sich und sein Gebiet verleihe, vor Allem aber verspreche, an einem gewissen Ort in Bayern, zur Ehre Gottes und der Jungfrau Maria, Kloster und Kirche zu bauen.
Da der Kaiser dieß versprochen, habe ihn Jener ein alabasternes Mutter Gottesbild verehrt und sei dann verschwunden. Der Herr aber sei gekommen und habe dem Kaiser eine große Summe Geldes gegeben, durch die der Kaiser von aller Sorge frei ward und Italien verlassen konnte. Besagtes Kloster stiftete er dann nach mancher Schwierigkeit, weil ihm der bestimmte Ort nicht bekannt werden wollte, bis ihm ein unbekannter Jäger denselben - der Ort lautete Ampferang - wies. Dieß Ampferang war ein großer Bergwald im Ettiko Thal, und dieß Thal hatte seinen Namen von einem stolzen Welfenfürsten Ethito, welcher über seinen Sohn zürnte, weil dieser ſsämmtliche Erbgüter an die Herrschaft der Carolinger gab, um sie als Lehen, ob auch vergrößert, zurückzunehmen; in diesem Groll verließ der alte Herr die laute Welt und zog sich in die Oede der Berge zurück. Das ist die Ueberlieferung. Die aus vielen Gründen sehr sinnreiche und noch manches Andere von Ettal betreffende Meinung eines Gelehrten ist die, der Kaiser habe das E-tal als das Thal des Gelöbnisses , der Verheißung und des neuen Bundes benannt.
Dem sei nun, wie da wolle, Kloster Ettal ward erbaut, der Kaiſser hielt weiters Hof in seiner Ludwigsburg; als die durch Brand theilweise verwüstet wurde, zog er in das ihm gehörige Haus an der Ede der Fürstenfeldergasse, blieb da bis die Burg wieder hergestellt war, zog dann wieder in dieselbe und schenkte jenes Haus dem Kloster, wovon es seinen Namen bekam – der damalige Abt aber ließ, zu Erinnerung und Dank, ein Gemälde auf demselben anbringen, welches darstellte, wie der Kaiser das, seiner Zeit der Klosterkirche geschenkte Mutter Gottesbild von dem ihm ersſchienenen hl. Benedict empfing.
So war es mit dem Ettaler Haus und Bild. Schade, daß Lezteres zu Anfangs dieses Jahrhunderts auch verschwinden mußte nun sind nur noch etliche zu München, wenn sie die nur nicht auch noch vertünden!
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Die Hungerglocke am Theatinerkloster und die Theatiner Uhr.
Diese glauben, Wahrzeichen müsse man gerade sehen und mit Händen fassen können. Es ist aber nicht so. Es gibt genug Wahrzeichen, wobei es mit dem Hören abgethan ist und Jeder weiß, woran er ist, und was er thun soll - er thut es aber doch nicht immer.
Schlimm genug.
Ich frage nur, wie es mit dem Gebet beim Mittag- und Ave Maria-Läuten steht?
Nun bei den Mehreren waltet doch noch guter Sinn, und ich will also da von weiterer Heidenpredig ablasen, obwohl ich ganz guten Muth dazu hätte und vor der gan Welt keine Scheue trüge, wenn sie auch nein sagte, und so will ich denn von einem anderen Geläute berichten.
Das heißt – von der Cajetaner Hunger - Glocke.
Mit derselben Cajetaner Hungerglođcke ist es aber so beschaffen:
Wie Ihr wißt, berief der Churfürſst Ferdinand Maria die Theatiner Mönche nach München. Diese hatten zur ſonderlichen Verordnung von Seite ihres Ordensverbesserers, daß sie von Almosen leben sollten, sie durften aber zugleich nicht etwa betteln, sondern mußten warten, bis ihnen durch des Himmels Fügung Nahrung zufließe, und nur falls diese Nahrung gar zu lange ausbliebe, und fruchtlos drei Tage verflössen, waren sie berechtigt, eine gewiße Glocke zu ziehen und die Welt draußen auf ihren üblen Zuſtand aufmerksam zu machen.
Das war sicher nicht mehr, als gerecht und billig, denn gar nichts mehr haben, geht bei aller Enthaltsamkeit denn doch ein wenig zu weit.
Wie fest nun die Theatiner entschlossen waren, ihre Armuth zu bewähren, so sicher verließen sie sich für den Fall der Noth auf die eigens gegossene Hungerglocke, hatten jedoch, von Anfang bis lange Zeit hinaus, keine Urſsache, sich deselben zu bedienen, weil der fürstliche Stifter des Klosters und seine Nachfolger dafür sorgten, daß ihnen stets das Nothwendigste zukam.
Das ward zu einer solchen Gewohnheit, daß die anderen Leute zu München minder und minder daran dachten, sich gleichfalls mildthätig zu beweisen, weil sie dachten, die frommen Theatiner hätten insoweit doch zu leben.
Wie nun das so war und sich kein Mensch böser Dinge versah, hörte man im Jahr 1727 am St. Peterstag mit einemmal eine Glocke, die man noch nie gehört hatte, und die läutete nicht etwa so lange, wie andere Glocken, sondern sie kam fast gar nicht mehr zu Ende.
Da gab es aso kein kleines Zusammenstehen und Gerede, bis man darauf kam, daß das ganze heftige und helle Geläute rvon der Cajetaner Hungerglođcke herrühre, und als es endlich doch nachließ und es dann nur noch ein paar Mal anschlug, glaubten Einige, es sei dem Laienbruder-Glöckner etwa gar schon die leßte Kraft ausgegangen, so daß er nicht einmal mehr recht am Glockenstrang ziehen könne.
Auf dieß machte sich Jedermann auf und beeilte sich, den Theatinern Hülfe zu bringen; gab es also in Kurzem Brod, Hühner, Früchte, Kälbernes und Fische, Gerstensaft und was sonst den Durſt stillt, in Menge - weil Holz zum Kochen gehört, ermangelte es an derlei Beisteuer auch nicht - die Churfürstliche Hofküche that es ohnedieß allen Andern zuvor, und so wurden die Theatiner nicht nur augenblicklich aus ihrer desperaten Lage gerettet, sondern sie konnten sich für ein paar Wochen sichern, was sie mit Dank erkannten.
Es hatte sich aber das ganze desperate Wesen daher geschrieben: Daß der eine Hofkoch Kornet, wie manchmal, Gliederreißen bekommen, sich deshalb zu Bette gelegt und über seinen Dolores vergessen hatte, seinen Substituten Heinsler jun. aufmerksam zu machen, daß die regelmäßige Frist gewohnter Unterstüßung der Theatiner schon wieder abgelaufen sei. Er soll sich auch später im Kloster auf alle Weise entschuldigt haben, worauf man ihm antwortete: ,,Es habe nichts zu sagen, und wenn die Gefahr anfangs auch wirklich groß gewesen sei, weil man da ansonst gewiß nicht geläutet hätte, so sei die ganze Angelegenheit herodann und schließlich doch viel besser ausgefallen, als man sich hätte träumen lassen künden."
So war es das einemal; fünfzehn Jahre später kam die Sache noch einmal vor. Später aber nicht mehr, und es war auch nicht von Nöthen, denn aller guten Dinge sind Drei, aber das Hungerleiden ist nicht dabei, also sind zwei Mal schon hinreichend.
Wenn es nun mit der Hungerglocke gewiß seine volle Richtigkeit hatte, so will ich eben nicht behaupten, daß es mit der Theatiner-Uhr und dem, was man davon sagt, gerade eben so richtig und unfehlbar beschaffen sei, ob es auch etwa das eine oder das andere Mal der Zufall fügte.
Man sagt aber, daß dem Bayerischen Fürstenhaus in allernächster Zeit ein Trauerfall bevorstehe, wenn die Theatiner Uhr ablaufe.
Wie dem auch sei, ich hrte sieee Zeitlebens schon mehrmals ablaufen, es ist aber deßhalb doch so bald nichts eingetroffen, was dem Regentenhaus und dem Lande Trauer verursacht hätte.
Uebringens ging schon viel früher die Sage, es sei eine böse Vorbedeutung, wenn dei Frauenthurm Uhr zu oft hintereinander schlagen.
Kann sein, oder kann nicht sein, ich lasse mch da auvh nichts Weiteres ein.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Türkenfahne und Zelt im 1. Frauen-Dom , Türkengraben und Cardinalshut in Lüften.
Erstere zwei Wahr- und Denkzeichen stammen aus den Siegeszeiten des Churfürsten Max Emanuels in Ungarn und gegen die die Zürken.
Die Fahne hängt im Dom jeder Zeit vor Augen; das Zelt, oder vielmehr die Spiße desselben, ist bei der Frohnleichnams- Prozession zu sehen.
Da wird Sie mitgetragen.
Aus jenen Siegeszeiten stammt auch der tiefe und sehr lange Graben ausserhalb Münchens, durch welchen Churfürst Max Emanuel einen Kanal nach Mündien leiten wollte und sich hirzu einer großen Zahl gefangener Türken bediente.
Weiters hing im Chor des I. Frauen-Domes bis vor ein paar Jahren ein geistliches Wahrzeichen herab — nemlich ein Cardinalshut. Die Veranlassung gab der Cardinal Melchior Clefſel, seinerzeitiger Bischof von Wien, welchen die Meisten für einen Bürgerssohn aus München halten. Dieser eben sowohl als geistlicher Fürst und Priester, wie als Staatsmann gleich ausgezeichnete, viel geprüfte Clesselius kam nach München, erwies den Reliquien des heiligen Benno seine Ehrfurcht und hinterließ, außer vielem Werthvollen an Kirchenschmuck, das besagte Erinnerungs-Zeiden.
Als man sich mit der Dom-Restauration beschäftigte, mußte der Hut weichen und befindet sich bis auf Weiteres in der Sakristei.
Von gar vielen merkenswerthen, anderen Dingen im L. Frauen-Dome werdet Ihr später lesen.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Von Geistern und Erscheinungen zu München
alls den Leuten Geiſter erſcheinen, oder wenn deren Einwirkung nicht zu läugnen ist, lo gilt das ganz gewiß für fein kleines Wahrzeichen, daß die andere Welt mit der irdiſchen in Verbindung ſtehe. Deshalb komme ich auf diejenigen Geiſter und Er ſcheinungen in München zu reden, und zwar allen Ernstes, wenn es auch manchem gar ſo überaus Aufgeklärten nicht angenehm sein ſollte , das iſt mir ganz gleici. Fm Thal zu München steht die hi . Geiſtkirche.
Die hieß alleranfangs Katharinen - Kapelle und Her zog Ludwig der Kelheimer errichtete daran das Pilger haus, daraus dann ſein Sohn Otto ein großes Spital baute. Nun war unweit dahinter der Kirchhof. Auf dieſem rolul es um Mitternacht von St. Johannes ganz und gar nicht geheuer geweſen ſein, weil ſich die Gräber aufthaten, und jene Pilgrime und Spitaler einen Umzug hielten , welche fich wiederſpänſtig und undankbar bewieſen und eherder ge geſſen und getrunken hätten , als daß ſie zum Pſalter grif fen und beteten . " Sou noch heute, von der Weſtenrieder ſtraße auf das Haus mit dem Bilde zu , nicht ganz richtig beſchaffen ſein . Wenn man durch das Stadtgericht, gegen die Frauen kirche zu, im Gang hinausſchreitet, ſieht man durch die Fenſter zur Rechten in den uralten Auguſtinergarten und den Kreuzgang gerabe über, und man iſt dieſſeits ſelbſt im andern Theil deſſelben er iſt nur verändert, wie der drüben . Von jenem Gärtlein geht auch manche ſonderliche Kunde. Nur Eines, was mir in früher Jugend mehrere Leute erzählten, die gewiß glaubwürdig waren , namentlich ein alter Mann, deſſen Vater in’s Spiel fam . Alſo dieſer, ſein Vater, ſagte er, ſei ein Wundarzt ge weſen und habe oft in's Auguſtinerkloſter gemüßt. Das ſei wieder einmal, mitten in der Nacht, zugetroffen , weil einem etwas voüleibigen, frommen Pater plößlich das Blut ſo ſtark zum Kopfe ſtieg, daß eine Abertäffe verordnet wurde. Wie nun ſelbiger Vater und Wundarzt in den unteren Kloſter gang geſchritten ſei, habe er zu der, ſonderbarer Weiſe
offenen Thüre, welche zum Gärtlein führt, geſchaut, und da ſei ein fchon längſt verſtorbener Auguſtiner hereinzu geſtanden und der habe geſagt: ,, Bitt für mich -" und ſei dann wieder verſchwunden . Ueber dieß ſei natürlich der Wundarzt, ſein Vater, nicht wenig erſcroden, ſo daß er zwar dem beſagten Kran ken zur Aber laſſen konnte, hinterher aber das kaſte Fie ber bekam , das er in die drei Monate nicht mehr vertrei ben konnte. Gleichwohl habe er die Bitte des Auguſtiner geiſtes erfüllt und er ſei dann noch oft und zu allen Zei ten an jener Thüre vorüber gekommen, ſie ſei aber ſtets ver foloſſen geweſen, und ihm weiters nichts begegnet, denn ſein frommes Gebet fet ohne Zweifel anerkannt worden. Von der Herzog Marmurg weiß ich auch nod aus meinen jüngſten Jahren Bericht. In dieſer Burg ſou die Churfürſtin Marianne, aber ganz mild und freundlich , umgeben.. Troß dieſer Güte ergriff indeß doc Jeden, der ſie etwa zu ſehen bekam , ein Schreden, und als einmal zur Winterszett eine Schildwache die Flucht ergriff, fiel dieſe im kleinen Hof draußen ganz ohn mächtig in den hohen Schnee und blieb in dieſem Schnee bis an den anderen Morgen liegen , um welche Zeit fie längſt gänzlich eingeſchneit war. Da wußte die Wache, welche Nachts zum Ablöſen kam und keine Schildwache ſay , gar nicht, was das bedeuten foule. Es ward Lärm gemacht und Alles ausgeſucht, doch das war bergebens ; die Thorwache ſagte auch , es ſei Niemand hinaus gegangen oder gelaufen in Kurzem die Sache blieb auf das Aeußerſte rätſelhaft, bis
gegen Morgen. Da ging der Schnee durch das Hin- und Herlaufen dort und da weg, und man ſah zwei Beine her ausragen, worauf man bald die ganze Schildwache fand. Zum Glück war ſie noch am Leben. Es ſoll aber nicht viel gefehlt haben , ſo wäre fie total erfroren , und das wäre eben keine Kleinigkeit geweſen, denn dieſe Schildwache war nicht allein Kriegsmann, ſondern auch Familienvater mit ehelichem Geſpons und zwei lebendigen Kindern, welche alſo den größten Schaden erlitten hätten . Begreiflich hatten Dieſe die größte Freude, als ſie hör ten, daß die Gefahr vorüber ſei. Die Leute, welche daher kamen , zeigten fich auch ſo theilnahmsvoll, daß in kürzeſter Friſt Geld beiſammen war, um es dem Kriegsmann zu ermöglichen, einen nachhaltigen, warmen Morgenimbiß und ein Glas Wein zu trinken. Die Kapuziner, deren Klöſterlein auſſerhalb der Burg ſtand, kamen aber noch zuvor, führten ihn fort und ließen ihm Alles Gute angebethen , worauf er zwar nicht noch einmal eine Suppe, aber öfter als dreimal noch um ein Glas Braunes bat, weil es ihn doch noch da oder dort friere, bis ihm dann endlich wieder ganz behaglich und warm war worauf er Dank ſagte , hinaus ging , den Leuten draußen noch Manches von ſeinen eigenthümlichen, anfäng lichen Empfindungen erzählte , während er im Schnee ge legen ſet, und ſich dann mit ſeiner Frau und zwei Kindern un= ter großem Begleit fortbegab und das beſagte Geld mitnahm. Dieſer Mann fou Johannes Steindl geheißen , und die Sache anfangs der neunziger Jahre ſtattgefunden haben.
Daß es im großen , linken Edhaus am Søleder gäßlein noch vor wenigen Jahren bedeutend geklopft habe, iſt ſo bekannt, daß darüber gar nicht zu berichten iſt. Jeßt klopft es freilid nicht mehr, aber wer weiß, was das war, ich will da nichts behaupten . Aber daß im 6 db aus der Burggaſſe nfidiſt dem Rathhaus noch jeßt Einer zeitweiſe um die Mitternachts ſtunde in weißem Gewand und mit fahlem Haupt herab ſchaue, iſt außer allem Zweifel. , Selbiger Geiſt iſt der des böſen Advokaten Doctor Galomälus, der ſeine Perücke im Starnberger See verlor , als er die Leute hintereinander gebrađit hatte. Die ganze Sache und Angelegenheit deſſel ben iſt in meiner guten alten Zeit“ ganz wohl verzeichnet. Um die Ecke berum am griechiſchen Markt ſtand der Jungfernthurm . In dem ſoll es früher auch nicht geheuer geweſen ſein , und zu gewiſſen Zeiten von unten herauf geklagt und mit Ketten geraſſelt haben. Dabei ſoll, falls man ſich in der Gegend verirrte, mehrmals eine gewiſſe Geſtalt mit einem großen, dreieckigen Hut und Haarzopf geſehen worden ſein, welche die Hände rang und dann wieder verſchwand. Ohne Zweifel trug derſelbe Geiſt ſchwere Schuld an mancher Gefangenſchaft , wo night gar an Mehr. 3m rechten Frauenthurm ſoll es übrigens auch nicht ganz richtig ſtehen, und manchesmal ein gar abſonderli ches Krächzen und Hauchen und Geſchnaufe ſein . Da meinen dann Mande, es ſeien das Nachteulen, oder wer
weiß, was ſonſt. Mag ſein ; könnte aber doch ſein, daß es auch keine Nachteulen wären. Nädſt foll es im bürgerlichen Zeughauſe nicht ganz richtig ſein , fintemal ſich ein und die andere Rüſtung ihrer Zeit ſchon bedeutend gerührt habe und in der alten Ludwigsburg oder dem alten Hof ſoll es auch in früherer Zeit auf dem großen Speicher in Kiſten und altem Eiſenwert gewirthſchaftet haben, und ſo mehr. Nun will id gerade nicht behaupten , daß der ewige Jude ein Geſpenſt fet , denn allen alten Nachrichten zu Folge erſchien er mancher Orten in Deutſchland in leib lich ſicht- und greifbarer Geſtalt. Aber in die diefſeitige Welt gehört er denn doch auch nicht, weil er eigentlich ſchon lange todt ſein ſoll , wenn es ihm der Himmel cr laubte, zu ſterben . Vielleidyt iſt er es wirklich, denn ſeit Anfang des vo rigen Jahrhunderts hat man weder drauſſen im Reich, noch hier etwas Weiteres von ihm vernommen . Wie immer, dazumal Ao. 1702 kam er von der Salzbur gerſtraße her an den Gaſteig und wollte nach München herein . Man erlaubte es ihm aber nicht. Da beſchied er ſich damit in Demuth , ſagte den vielen Menſchen , welche ſich um ihn ſammelten, das Chriſtusbild auf dem Hügel drüben ſei das wahre Conterfei des Heilande, betete lange auf der Bank davor, Bedenkte darauf Groß und Klein mit Perlen und kleinen Roſenkränzen und hob fich dann wieder von dannen. Eine andere ominöfe Perſon war die Klagemutter von Augsburg, die ihr böfes Weſen zu München trieb .
Es iſt der Sadie auf die unb jene Weiſe nadygeforſcht worden, und e $ meinte Jeder etwas Anderes. So viel aber ſoll gewiß ſein, daß die Rlagemutter einer reichen Bürgersfrau von München , welche zu Augsburg in die Wochen kam, ihr Rind austauſchte und ein anderes beilegte ; das ſei aufge kommen, die Frau aus Gram geſtorben, und das eine und andere Kind auch. Ueber dieß Alles ſei der Fluch Gottes über die Räuberin ergangen, ſo daß auch ſie bald aus dem Leben mußte, ohne leßte Wegzehrung ſchied und keine Ruhe im Grabe fand , ſondern fort und fort bis München zog, und da an mehr Drten vernehmbar wurde, wo ein Kird in Gefahr war und ſeinem Tode entgegen ging. Ich will aber nun von ſolchen düſteren Erſcheinungen bald abbrechen , und nur noch Einer erwähnen, von welcher ich aus meiner Jugend her ganz gewiſſe Nachricht habe. — Sie betrifft die Arch Noah , den damaligen Wirthsgarten in ber ehrbaren Wurzerſtraße. Zu dieſem, uns Allen noch wohl bekannten, Wirthsgar ten mit ſeinen großen Bäumen ging es jederzeit von der einen Seite die kleine Treppe hinab, und wenn man ſein Brau nes eingenommen hatte, wieder denſelben Weg oder auf der anderen Seite über eine kleine Treppe hinauf, dem Hofgar ten zu — und zwar gar oft mit etwas ſchwererem Haupte, als womit man fich eingefunden hatte. Beſonders waren die durfürſtlichen Leibhartſdiere in fraglichem Garten zu finden, wenn ſie ihren Dienſt in der Reſidenz abgemacht hatten , und ſie ſollen fich , wie in der Dienſttreue, auch in Betreff der Arche Noah ſehr bewährt haben.
Nun ward einmal verabredet, daß fie einem Mithart ſchier, Namens Eberhard Häder, den Vorabend ſeines Na menstages feiern wollten , und dabei ſollte der Gäder frei gehalten werden. Ueber dieß verſtrichen zwei Wochen, und ehe die geſeßte Zeit ganz herankam , ſtarb der zu Feiernde. Wie nun ſeine Freunde und Genoſſen zuſammenfamen und in der Arch Noa ganz trübſelig ihr Braunes hinunter tranken , und es immer ſpäter wurde, ſagte Einer : „ Es ſei freilich recht traurig , daß ihr lieber Mitgeſell ſeine Feier nicht mehr erlebt habe. Aber dafür ſei er jeßt alles Wachedienſtes und ſonſt irdiſder Beſchwerniſſe überhoben und ficher ihrer Liebe eingedenk ; deshalb ſchlage er vor, obwohl es ſchon ſchler über die Zeit gebe, ſämmtlich noch einmal einſchenken zu laſſen und ihm , dem Verſtorbenen , einen Ehrentrunk zu trinken . " Damit waren alle anderen Hartſchiere und Genoſſen einverſtanden, obſchon ſie ſich mehrtheils ſchon erhoben und die hochgefchweiften Hüte auf die mit ernſten Haarzöpfen gezierten Häupter geſegt hatten . Als nun wieder eingeſchenkt war, Alle anſtießen , zur Ehre des Verſtorbenen die Stußgläſer bis auf Weniges im Stehen leerten , und dann der vorige Hartſchter und Redner ſagte: ,, Das ſollte der edle, berſtorbene Freund mit erlebt haben, Dem hätt' es auch wohl gemundet — " worauf dann Ale zunidten und allgemeines Sdweigen herrſchte — da hörte man zweimal tief aufſeufzen und zwar aus der Höhe von der Wurzerſtraße Her . Natürlich erſchrađen die Hartſchiere insgeſammt nicht
wenig und wandten ſich nach der Gegend der kleinen Treppe, und als ſie hinaufſdauten - ſaben ſie ihren verſtorbenen Freund, wie er geleibt und gelebt hatte , oben auf der erſten Treppenſtufe ſtehen , wie er wehmüthig auf fie Alle berab fah . Hierauf erheb er die rechte Hand langſam , grüßte mit derſelben herab und ſeufzte zum dritten Male , worauf er ſich dann allmählig in eine Art Lidt auflöste -und nach und nach verſchwand. Wie zu erwarten, hatte das Alles auf die lebendigen Hartſdiere eine ſolche Wirkung, daß ſie eine Zeitlang wie verſteinert daſtanden und, obwohl die Meiſten den Weg über die Wurzerſtraßen-Stiege gehabt hätten , ſpäter nicht dieſe , ſondern die andere gegen den Hofgarten zu wählten, um die Heimkehr auf einem Umwege anzutreten. Die, welche das in den Neunziger Jahren erlebt haben, machten natürlich kein Geheimniß daraus, alſo kam die Sache berum ; den ſehr alt gewordenen Wendelin, welcher bedient batte , habe ich in jüngeren Jahren ſelbſt noch geſprochen, und er verwarf alle meine Einreden, weil er nicht läugnen fönne, was er mit eigenen Augen geſehen habe. Darüber fragte ich noch weiter nach, auch bei einem ficheren Hart ſchier, welcher den Häder gekannt hatte, und der ſagte : „ Er ſelbſt fet unwohl und nicht dabei geweſen, aber daß die Sache ihre Richtigkeit habe, ſei nicht nur unſtreitbar, was die Neun ziger Jahre betreffe ſondern derſelbe Hartſchier, rein Freund , ſei ſpäter nochmals geſehen worden , und zwar in ſeiner Gegenwart, alſo ſei da wohl fein Zweifel. Das iſt alſo von der Arch Noah.
Nun nody Eines bad Legte, tas betrifft den Münchener Stadt - Engel. Ueber Dieſen ließ ich, zur Zeit wir den ſiebenkundert jährigen Beſtand der Stadt München feierten , eine eigene Geſchrift ausgeben, des Namens ,,Münchner Geiſter," wor aus Jeder deutlich und klar entnehmen konnte , daß id) ihn ſelbſt geſehen und geſproden habe, halb im Traum , balb im Wachen . Sollte nun Einer da ſein, der die Geſchrift doch noch nicht geleſen hätte , ſo will ich ihm in Kurzem vermelden, wer und was es mit dem Geiſt ſei . Für's Erſte tſt er ein guter Geiſt und ſchön von Antlig. Wenn etwas Gutes geſchieht, hat er die größte Freude, er begleitet die Frommen, räumt ihnen in allen Dingen ihres tugendlichen Lebens die zu großen Hinderniſſe weg und läßt vorſorglich Manches zur rechten Zeit ſo ein treffen , daß der harte Sinn anderer Menſchen ſich für einige und gerade die rechte Zeit mildert, und ſo mehr. Dient er nun den Guten ſo viel als möglich durch glüdliche Verbäng ung, ſo regt er ihnen auch nüßliche Gedanken an , und zu Namensfeſten und auf Weihnachten ſollen Die, welche etwas Geſchenktes im Haus finden , nur nicht lange rathen , von wem es komme denn es iſt entweder vom Stadt- Engel ſelbſt, oder von einem Anderen, denn er die Liebesthat ein flüſterte. Andererſeits iſt er aber auch wieder um ſo ſtrenger, denn er thut den Slimmen allen möglichen Schabernac an, führt fie auf die weiteſten Umwege, damit ſie die Zeit ihrer böſen
Unternehmungen verpaſſen , oder er weiß es zu machen, daß die Perſonen und Gegenſtände, um die es ſich yandelt, nicht da find und ſo gäbe es gar Vieles zu erzählen , be ſonders was ſeine Liſt betrifft, damit fich die Böſen in ihrem eigenen Neß fangen. Hinwieder iſt er aber auch voll Erbarmen für die Gefallenen ; denn wenn einer ein geſperrt und ganz wirren Sinnes iſt, findet ſich der Stadt Engel unſichtbar ein, oder ſichtbar in irgend einer guten Geſtalt, und flüſtert dem Gefangenen zu, ſich zu beſſern und zu tröſten. Hingegen iſt er auch oft wieder ganz ſtreng, wo er nemlich rechte Verſtodtheit bemerkt und wirft dem Böſewicht alles Mögliche vor die Füße , wenn der Reißaus nehmen will, ſo daß man Deſſelben , troß aller ſeiner Liſt und Eile, habhaft wird; und wenn ihn bedünkt, es verleße Einer Ver trauen, Zudt und Sitte - ſonderlich faßt er auch die Hor cher — ſo vergißt er ſeine Milde ſchon gar und verſeßt dem Selm etwa einen Schlag in's Antliß , daß er deſſen wohl eingedenk iſt das iſt ein böſes Wahrzeichen höherer Gerechtigkeit. Im Ganzen wußte man ſich aber früher ganz beſtimmte und höchſt merkwürdige Fälle zu ſagen, wo Niemand Anderer, als der Stadt- Engel die Hand im Spiele hatte. So war er es , der früher einer geſchwäßigen Maid das böſe Zünglein mit einemmal wie ein Rädel laufen ließ, daß es ſurr ſurrrrr ging, bis die Maid bitter bereute ; da dann das Zünglein wieder allmählig nachließ und ſtill ſtand. Als zu Zeiten Herzog Sigmund's Einer in rech
ter Bedrängniß war und fich nicht in die Burg wagte, weil ihm ein Rammerbiener bittergram war, ſo daß nichts Gutes zu erwarten ſtand, gab er zuleßt alle Hoffnung auf und ging eines Abends ganz verzweifelt in Wind und Schneegeſtöber. Nächſt war's ihm, als ſage Einer : Tritt in die Halle da ! “ Das that er, und bald trat noch Einer ein ; und wie Der mit ihm redete, zeigte fich , daß es der Herzog ſei. Da ſagte ihm Jener ſein Leid , fand alsbald Gehör, der Rammerdiener ward noch denſelben Abends tapfer ausgeſcholten und mußte ihm das Geld bringen , das der Herzog bewilligte. All das hatte der Stadt - Engel ver anlaßt. Als vor Zeiten Hans Steininger , der weiſe und tapfere Braunauer Ratheherr, mit ſeinem berühmten Bart bis auf die Zehen herab, gen München in die Neuveſte kam — ſein Bildniß hängt an einer Treppe der Reſidenz, --- und einem hübſchen Rammerfäßlein nachſchaute, obſchon er eine tapfere Ehefrau hatte, ſtolperte er über ſeinen Bart, und es fehlte wenig , ſo wär' er über etliche Stufen hinabgefallen. Daran war der Stadt-Engel ſchuld. Eben ſo war es in der Burggaſſe am Sonneneck beim Schneeberg. Als da der Zahnarzt Naras am beſagten Schneeberg vor uralten Zeiten in ſeiner Ungeduld grollte: „ Herr Gott, gibt's denn jeßt gar Reinen mehr , dem ein Zahn weh thut ! " fuhr es ihm plößlich ſelbſt in'o Zahnwert. Das war eine Strafe des Stadt- Engels. Desgleichen war er es , der die bucelichten Schneider der Herzoge Wilhelm und Ferdinand hintereinander brachte,
den Merlin und den Kimmerle, die ſich aus Eiferſucht grimmig haßten , und eines Tages gar in der Hofburg auf Degen foderten, dafür ſie in ein und daſſelbe Gefängniß ein geſperrt wurden . Da kamen ſie dann furchtbar aneinander und bearbeiteten ſich ihre Rüden arg , wofür ſie jedesmal einen Tag länger eingeſperrt blieben , bis fie fich zulegt verſöhnten und auf's Weitere noch gute Freunde wurden. Den Aerzten ſpielte er auch Shabernad , fonderlid dem Doctor Golztus im Thal mit ſeinem Magenweh, weil Der Alles aß, was er ſeinen Kranken verbot, und drob zu ſpotten wagte. Das erſtemal ſei's geweſen durch einen großen Fiſch, den ihm Herzog Wilhelm IV. ſchickte, das anderes Mal mit einem Hammelbraten . Da ſoll es ihm beide Malc dauerlich im Magen gedrückt haben –– und ſo mehr. Kurz , vor dem Stadt-Engel war keine ſonderliche Sicherheit und iſt es nod jeßt nicht; er ſpäht alles aus . Drum mag fich jeder in Acht nehmen , denn er ſei noch ſo vermeſſen mit dem Stadtengel iſt nit gut Kir fchen effen.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
St. Benno
ſt ein ganz beſondrs heilig-per ſönliches Wahrzeichen , denn Je der weiß, daß er der bayeriſche Landespatron ift. Wie es mit dieſem vortreff lichen Biſchof von Meißen in ganz alten Zeiten auf das Nähere beſchaffen geweſen ſei, darüber findet jeder Beſcheid in meinem ,,Plauder - Stüblein . " Sonderlid aber auch , wie feierlich Ao. D. 1576 des Benno Reliquien nach München famen, und wie co idon vorher mit denſelben in wunder bar bewegtem Wechſel der Dinge und Schidjale erging, ſo daß man dem Heiligen nirgends volle Ruhe im Grabe ließ, ſeine Gebeine mochten ſein, wo immer.
Es ſei hier noch nebenbei bemerkt: daß die Reliquien des Heiligen Biſhofes Benno nach ihrer Ankunft vier Jahre lang in der herzoglichen Burgkapelle bewahrt und dann erſt in Unſer Lieb Frauen Dom verbracht wurden, wo man ihnen einen eigenen Altar errichtete und des Heiligen wahre Inful , fein Pluviale, ſeinen Biſchofſtab legte drei Ge genſtände werden in der Sakriſtei berwahrt – und ein Bild mit Darſtellung aller von ihm ausgeübten Wunder findet; — auſſerdem die ſteinernen Bildniſſe zweier Prinzen, Ignatius Wolfgang und Hieronimus , welche ſich zu ihm verlobten und dadurch von Krankheit genaſen ; ſchließlich ſei das Benno - Brünnlein angedeutet , welches ſich auſſerhalb der Kirche an der Sakriſtei befindet und mit ſeinem Waſſer für manches Augenleiden ſehr heilſam ſein fou .
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Von allerlei anderen Wahr-, Merk- und Denkzeichen.
len ab, ſo möchte ich nun gern von den Monumenten verhan deln, welche als Zeug niſſe der Liebe und Verehrung Land Bayerns auf den verſchiedenen Pläßen ſtehen . Aber es gebricht an Raum ; zudem können fie Nie mand in Sinn und Bedeutung entgehen . Viele andere Dinge können aber das wohl – des halb will ich auf Verſchiedenes und im berſchiedenſten Sinn aufinerkſam machen und jeder Zeit das Nöthige zum beſſe ren Verſtändniſſe beifügen. Nun muß ich aber ſogleid wegen des Erſten , wovon
verhandelt wird, zum Voraus kurz bemerken, daß viele Leute nicht recht wiſſen , was denn urſprünglich die HandwerkB Standarten bei den Umgängen, beſonders bei der Fron leichnams- Prozeſſion zu bedeuten haben. Dieß iſt aber ſo . In früheren Zeiten rückten die Meiſter der Handwerke und ihre Geſellen zum Vortheil der Stadt oder der Her zoge in's Feld , und es hatte jeder Haufe fein Fähnlein. Als nun ſpäter der Kriegsdienſt nad Auſſen den eigent lichen Wehrleuten überlaſſen wurde, wollten die Bürger der früher bewieſenen Tapferkeit und Ordnung der Dinge nicht uneingedenk bleiben , auch der Nachwelt davon Zeugniß geben , und ſo veränderten ſie allgemach die Fähnlein in große Fahnen und Standarten und ſepten zum Bilde eines Heiligen und zum Namen des Handwerfes die oder jene Auszeichnung, welche ihnen die Herzoge, oder gar der Kai ſer verliehen hatten . Es ſei nun hier zuerſt der Standarte der Tud mader Erwähnung gethan , beſonders aud des alten Schlachtſchwertes und der Hellebarden , welche bei der Fron= leichnams - Prozeſſion mitgetragen werden. Dieſe legten fchreiben ſich nod) vom Jahr 1422 her und wurden , wie fich von ſelbſt verſteht, nebſt nodh viel mehr anderen , den Kriegsleuten Herzogs Ludwig des Gebarteten abgenom men, als er München überfallen wollte, und es beim heu tigen Blutenburg zur Schlacht fam . Eine andere Nachricht ließe fich ſo auslegen , daß gerade dieß Sdwert und dieſe zwei Hellebarden den Mannen des Ludwig ſdon viel früher,
nemlid zur Zeit des böfen Bürgermeiſters und des Ein zuges des böſen Vetters durch das Angerthor, im Zwinger entriſſen worden ſeien, und zwar von den Luchmachern, welche den wahren Herzogen Treuc gehalten . Dieß will mir aber des wegen nicht redit in den Sinn, weil der herzoglide Vetter ein ſolches Vorgehen wohl nicht unbeſtraft gelaſſen hätte und darüber nirgends eine, auch nur leiſe , Nadzricht vorkommt ; abgeſehen davon , daß in dem Vielen, was nachher geſchah, die Waffenſtücke gewiß der Vergeſſenheit anheim gefallen wären. Ich bleibe alſo bei der deutlichen Nachricht, daß fich das Tuchmacherſwert und die Hellebarden von der Sdladt bei Blutenburg herſchreiben , wie die Tudmacher andrerſeits das vom Kaiſer Siegmund erwirkte Recht, den Reidheadler zu führen, als Belohnung von den Herzogen erhielten, welchen fie in der Schlacht bei Blutenburg, Aling und Hoflach bedeutende Dienſte erwieſen hatten , beſonders weil fie dem Herzog Ernſt halfen ſeinen Sohn Albredyt aus der Gewalt der Feiude zu befreien . Das Recht, zwar nicht den Reichsadler, aber das Münchener Stadtwappen im Banner zu führen , hatten ſich andere Zünfte, zumal die ehrfamen S duhmacher, ſchon früher errungen. Das fchreibt fid von Ao. 1295 her , zur Zeit der ſpätere römiſche Kaiſer Ludwig der Bayer unmündig war und zu Wien am kaiſerlichen Sofe erzogen wurde , ſein älterer Bruder Rudolph aber zu München lebte . Zu ſelber Zeit entſtand eine große Fehde zwiſchen
dieſem Rudolph und dem Biſchof von Augsburg Wolfart . Denn der Leştere hatte ein auf dem Kaltenberg am Þarfluß erbautes Schloß niedergeriſſen , dagegen dann der Rudolph ſeinen Feldobriſten Conrad von Haltenberg ausſchidte, welcher das Scloß Margarethen oder Mer getben einnahm . Das wollten die Augsburger wieder erobern , was ihnen aber nicht gelang . Drauf ging es an ein Brennen und Sengen im Bayeriſchen und hinwieder Schwäbiſden . Im Kampf bei Mergethen aber , wo Die Bayeriſchen mit den Augsburgern vor dem Schloffe fochten , gingen alle Fähnlein zu Grunde ; denn obwohl ſich die Bayri fchen im Schloß drin hielten , und auſſerhalb demſelben den Feind zurücbrängten, ſo hatten ſie doch zuerſt viel Arbeit und wurden dann ganz und gar überwunden ; nur ein Panner , das der Mündiner Schuhmacherzunft, ward gerettet . Da für bekamen ſie dann , als der Ludwig ſpäter Kaiſer wurde , das Recht zum Münchner Stadtwappen und dazu noch das , ihren Jahrtag in der Lorenzkirche in der Ludwigos burg halten zu dürfen . Mit dem Reichsadler und mit noch Anderem dazu wurden aber durch Kaiſer ludwig den Bayer die Bäder für den Muth und die Aufopferung belohnt , welche ſie in in der Mühldorfer Zwei -Raiſer - Solat Ao. 1322 bewährt hatten . Das „ Andere" iſt Etwas , was auch noch heute vor Augen ſteht, wenn auch ſeine Beſtimmung verändert wurde. Der Kaiſer baute ihnen nemlich im Thal, vom Rath haus kommend, unmittelbar über der Hochbrücke drüben
links ein kleines Haus, worin ein alter, dienſtunfähig ge wordener Bäckergeſelle verpflegt werden ſollte, und geneh migte ihnen eine Bruderſchaft. Die fragliche Verpflegung wurde von Alters her bis um Anfang dieſes Jahrhundertes richtig an dem Ort gehalten , worauf aber das kleine Haus berkauft , die Bäckerherberge verlegt wurde, und der je treffende , alte Gefelle fortan in derſelben ſeinen Austrag bekam . Es wurden aber beim Verkauf des kleinen Bäder Bruderſchaftshauſes auch die Bilder und Aufſdriften über tűncht. Wenn man nun wollte, ſo könnte man den An wurf leicht wieder entfernen und da würde ſich Folgendes finden : Erſtens einmal ein Bild, welches darſtellt, wie Kaiſer Ludwig den Bädergeſellen einen Gnadenbrief ertheilt, und drüber den faiſerlichen Adler, welder auch die zum Gottes dienſt gehörigen Gefäße der geſammten Bruderſdaft zierte . Zweitens fände man drei lange , alte Sprüde, welche dort und da ſchon zu finden ſind, aber hier nicht fehlen dürfen. Unter dem Bilde ſtünde zu leſen : Kaiſer Ludwig der treue Höldt Ein Fürſt in Bayern auserwöhlt Hat der Bechen - Bruderſchaft Beſtehlt mit Briefen großer Kraft Von wegen ihrer ritterlichen that , Weil ſie Laiſerliche Majeſtat In einer Schlacht erröttet haben . Thät ſie auch mit dem Haus begaben ,
und Teßt ihnen in ihr Panier Den Adler ſchön mit großer Bier. Man thet in alten Briefen leſen, Der Becken - Knecht reynd fünf geweſen, ſo die Bruderſchaft haben aufgericht, Gott geb allen Bruedern und Schweſtern Glick . Zur Linken ſtünde zu leſen : Als man zehlt ein tauſend drey hundert Und drei ( zwei) und zwanzig auch beſundert Mad Chriſti Geburth auſſerwöhlt thet regieren der treye Höldt Kaiſer Tudwig ganz offenbahr, Ein frommer Fürſt von Bayern mar, Wider ihn zog gewaltiglich Herzog Friedrich von Defterreich, Mit einer großen Höres Macht, Bei Milldorff da geſchach die Schlacht, Unglidkh thet ob den Kaiſer ſchweben, Der Feind thet ihn gar hart umgeben. Da ſolches die Becker Knecht erſachen, Theten ſie ſich den Kaiſer nachen , triben mit ihrer Gegenwöhr Burudkh das öfterreichiſche Hör, und errötteten den Kaiſer baldt, gewunnen die Schlacht mit großer Gewalt. Darauf der Kaiſer ihnen mit Bier den Adler ( eßet in ihr Panier, Beftelt ihnen auch mit großer Kraft unſer Tieben Frauen Bruederſchaft, bauet ihnen zu München und auch zumahl ein Haus, welches liegt in den thal, Hängt an der Hofbruckmill darneben,
Gott geb den Kaiſer das ewig Leben Wünſchen all Brueder und Schweſter eben. Zur Rediten : Als man ain tauſend drey hundert Jahr und zwey und zwainzig zöhlen war, Nach der Geburt Chriſti hinforth Hat ſich begeben an den Drth. Weit die ſtatt noch war ſchmal und klein, ſtund an der ſtött ein Linden fein . Gar oft die Beckhen - Knecht beſunder Hielten die Verſammlung darunter, Bradyten ihren Rathſchlag zu hauff, Eine Bruderſchaft zu richten auf In der Ehr unſer lieben Frauen, Thetten die ſach fleißig anſchauen , Legten die ding dem Kaiſer für, Und als er verſtund ihr begür, verwilligt er ihnen herzlich gehrn, Thet ſie auch noch darzue hoch verehrn. Als der ſo ihn vergünſtigt war, dieweil ſie ihn aus der gfar Erſt in der ſchlacht erröttet haben, thet fie darzue noch mehr begaben , Ließ ihnen pauen das häuslein klein, gab ihnen Brieff und figl drein, vergunnt ihnen auch darneben ehrlich zu fiehren des Reichs Adler herrlich, den ſonſt kein Handwerk fiehren darf, ob es gleich künſtlich und ſcharf, ſo thet die Bruderſchaft pauen zum Lob Gottes und unſer Frauen , und ſich hernach erſtrecken thet, bis auf dreyhundert Märkt und ſtätt.
So lauten die Reimſprüche unter dem Anwurf. Daß fie nicht ſogleich Anfangs auf das Häuslein geſchrieben wurden , ſondern um Vieles ſpäter , geht aus der Sprach weiſe und Anderem , ſo vor Allem aus den legten vier Rei men hervor, denn man konnte Anfangs noch nicht wiſſen , daß fich dreihundert Städte und Märkte anſchließen würden. Die Sadie war vielmehr wahrſcheinlich ſo , daß fich die Bäderſchaft ſpäter an einen hochehrſamen Münchner Schullehrer und Boetenmeiſter, wahrſcheinlich um Ao . 1500 herum, wandte und ihn erſuchte , ſich auf das Muſenroß zu feßen und etwas Bebeutendes vom Olymp herab zu holen, was er auch offenbar that -- und nachdem er es ge than und die obigen drei Poemata zuſammengeſcribirt hatte, wurden ſie auf das, zu gleicher Zeit mit Bildern gezierte Häuslein hinauf geſchrieben, das iſt meine Anſicht. 3ch möchte dabei geweſen ſein , wie der Mann den Bädern fein Reimwert zuerſt in Vortrag brachte und wie oft er dann, als die ganze Scriptur wirklich an der Wand des Häusleins befindlich war, fdheinbar zufällig des Weges um die Stadt berum beim fjarthor herein und im Thal daher fam und hinaufblinzte, denkend : das hab' ich abge faßt und ſteht jeßt da droben für alle Zeiten ! Und wenn er Mehre ſah , die daſtanden und feſt hin: aufſdjauten, wird's ihn innerlich ganz wohl erfreut haben. So viel ſage idy, und in dieſer ſtillen Freude wird der tapfere Schulmeiſter dann über die Hochbrücke hinüber durch’s Thalbrucker Thor hindurch , dann am Weinſtadel am Ed vorbei über den Marktplaß, hinüber in die Wein
ſtraße, dann links in das Sporergäßlein und um die Rüd feite des Lieb Frauendomes herum , am Meßnerhaus vorbei, zum kleinen Haus an der Ede rechts geſchritten ſein, wo das ganz kurze Gäßlein zur Schäfflergaſſe führt. In dem kleinen Haus wird er wahrſcheinlich logirt haben, der Schullehrer und Poet, denn daſſelbe war die alte Poetenſchule der lobſamen herzoglichen Stadt München, und es iſt ſehr wenig Zweifel vorhanden, daß darin ſeiner Zeit der Nürnberger Poet Hans Sachs einen Beſuch abſtattete, als er auf der Wanderſchaft aus dem Fränki ſdhen zu uns kam, oder ſchon wieder auf der Heimkehr. Wie dem ſet, die beſagte Poetenſdule —in welder wohl beſonders den Söhnen der wohlhabenderen Bürger Unter richt ertheilt wurde und worin die domizilirenden Sdul regenten ſich als eben ſo gute Pueten ausgewieſen haben mußten, wie fich die Thürmer über gehöriges Poſaunen blaſen auszuweiſen haben - iſt ſchon allein dieſes Sdul: meiſter und ſeiner treuherzigen Reime wegen ein ganz feſtes Denkzeichen , ungezählt den baulichen Behelf zur Erinnerung an ſämmtliche andere, frühere und ſpätere Colle gen , welche wahrſcheinlich nicht ininder regelrecht in die Leyer zu greifen vermochten , als fie den Taßenſtod zu ſchwingen verſtanden. Später veränderte ſich nun allerdings mit Vielem audi die Beſtimmung des Poetenhauſes , welches fich bei Ver mehrung des Unterrichtes bis an das Meßnerhaus aus dehnte, und es lebten bann ganz andere Leute darin , nachdem die Schulen wo andershin verlegt worden waren.
Weil aber gerade von dieſen Schul- und Poeten Wahr- und Denkzeichen die Rede iſt, fällt mir eine tapfer fromme Wittfrau ein , die ſpäter einmal in dem Theil des Hauſes lebte, welcher ſich gegen das Meßnerhaus hinc ſtredt, und zwar in der Stube mit dem großen Fenſter. Dieſe fromme Frau hieß Petronella Stro mair , war vom Mann ber ſehr wohlhäbig, und wie es eben in der Welt geht obwohl ſie ſchon faſt ehrwürdig an Jahren war, ſo fanden fidy doch noch ein Paar, welche ihr begreiflich machen wollten , ſie ſollte noch einmal hei rathen , und es handle fich dabei gewiß nicht um ihr Geld, ſondern rein und allein um den Beſig ihrer werthen Perſon. Nun war die Frau Wittib Petronella Stromair ein ſichtig genug,, daß dieſe Angabe ganz verkehrt ſei , und weil ſie fab , daß man ſie zum Beſten halten wolle, nahm fie fich in fromm (dalkhafter Weiſe dasſelbe heraus –wes halb fie dem Einen wie dem Anderen , welche von einan der nichts wußten, erklärte : Sie wolle ſich noch beſinnen , und wenn ſie ihr drei Bitten gewährten , ſo werde ſie die Sache hoffentlich auf Beſte entſcheiden , die unweigerliche erſte Bitte aber , ſagte ſie zu Jedem , ſei dieſe : „ Er möge ihr ein Jahr lang Ruhe gönnen, damit ſie recht freien Entſchluß faſſen könne, und nach Verfluß der Zeit folle er dann kommen und fic anfragen ." Da nun die Zwei nichts weiter thun fonnten, als dieſe unweigerliche Bitte erfüllen , blieben ſie weg und nach
Verlauf der Zeit kainen fie, jeder Einzeln, wieder an zwei verſchieden beſtimmten Tagen. Da waren ſie nicht wenig erſtaunt, als die fromme Wittib ſagte , fie habe fich die Sache ſo ziemlich überlegt, aber doch nod nicht genug, und ihre zweite unweiger lidhe Bitte ſei: „ Sie möchten wieder ein Jahr wegbleiben und dann fragen – und, " ſagte ſie zu dem Zweiten , ſo viel ihr bes dünke, ſei dann für ihn ein bedeutendes Hinderniß beſeitigt ." Sie ſagte das, weil ſie an der Geberde des Erſten wohl ſah , daß er das zweitemal nicht mehr fomme und frage . Das traf auch ein , und übers Jahr kam nur der Zweite. Als nun Dieſer fragte, wozu ſie ſich entſchloſſen habe, ſagte fie : Ste ſei ſchon zwei Drittelweit entſchloſſen , aber ihre britte unweigerliche Bitte ſei die : ,, Daß er ihr noch ein Jahr Bedenkzeit gönne, worauf ſie dann ihren Entſchluß völlig bekannt geben werde ; jeben falls könne fie ihm ſagen, es ſei das beſagte große Hinderniß für ihn weg geräumt, und ohne dieſen Umſtand könnte er ſein Ziel wohl nicht leicht erreichen .“ Da nun ber heiraths- oder vielmehr gelbluſtige Herr dieſen Umſtand kennen lernen wollte, ſagte ſie ihm : ,,Er habe einen Nebenbuhler gehabt, welcher aber ſeiner Probe untreu geworden ſei, und ſie fönne fid nichts anderes denken, ale , er habe befürchtet, fie möchte ihn zum zweiten-,
dann etwa zuim drittenmale auf die lange Bant fopen, wie fie ihn vermeintlich " zum erſtenmale darauf gefeßt habe. Von ihm, der jeßt wieder gekommen ſei, erwarte ſie nun dieſe Untreue, Schwädıc und ſonderlich dieſen Argwohn nidt, denn da ſie jest icon wieder zwei Jahre in den grauen Schei teln vorgerüđt ſei, ſo werde er gewiß glauben, daß arge Liſt ihrem noch ehrbareren Sinn und ihrer nun noch größeren Fe= ftigkeit widerſpräche, wie denn ſie anderſeits für gewiß halte, daß fie, troß ihres neuen Fortſchrittes im Alter, nicht ihres Geldes wegen verlangt werde. Es wäre ihr aber gleidjwohl lieb, wenn er dieß lepte nochmals ganz feierlich und heilig be theuere , und wenn er das thäte, ſo könnte es ſogar ſein, daß ſie wirklich vom dritten Jahr abſehen und ſich ſogleich zur Ehe bereit erklären möchte. “ Da nun der Bewerber dieß ganz feierlich und überaus ſelig betheuerte, ſagte ſie: ,, Das ſei ihr das Liebfic, was ihr begegnen hätte kön nen . Sie ſei zu Allem bereit und ſie wolle ihm auf der Stelle einen Blick in all ihre Habe und in ihren lezten Willen für ihn gewähren, denn man müſſe denn doch für alle Fälle Vorſorge tragen , und wenn er damit zufrieden fei, ſo werde ſie vor ſeinen Augen das Document von ein paar Zeugen unterſchreiben laſſen , fiegeln und ſchließen und es dann zu Gerichtsbanden geben ." Auf dieß ging ſie zum Schrein , nahm ein Papier heraus und gab es dem Bewerber, welder es mit wenig verborgener Begierde zur Hand nahm und zu leſen anfing. Die ganze erſte Seite , auf welder ein Verzeichniß
ihrer Habe ſtand, ſchien einen ſehr guten Eindruck auf ihn zu machen, weshalb er nicht verſäumte, ihr etwas zum großen Lob ihrer Sparſamkeit zu ſagen, und hierauf ganz froh umwendete. Als er aber ganz froh umgewendet hatte, wurde er mit einemmale ganz bewegt und dann ganz ſtarr und wech ſelweiſe roth und bleich im Antliß denn er ſah , daß nicht er der Erbe fei, ſondern zur einen Hälfte ihre alte, treue Schaffnerin , zur anderen die Armen der Stadt Nürnberg, von da ſie urſprünglich her war. ,, Weshalb zittert und ſtarrt 3hr denn hinwieder ſo ? " fragte ſie. „ Soll cs Guch etwa doc nidst lieb ſein, daß ich über meine Habe nicht für Eudy, ſondern für Andere verfügte ? 3hr wolltet ja nicht mein Geld, ſondern mich . " ♡ ſehr lieb nur Euch" ſtotterte der Schelm „ und 3hr foult den Beweis haben ! 3d laſſe Eudy aber dennoch ein Jahr Ueberlegung und dann komme ich erſt – ja – das heißt, ich würde Euch ſchon jegt beim Worte nehmen , o ſehr gerne, aber ich ich habe eine Reiſe zu machen, welche es mir augenblidlich nicht thunlich macht mich in in die Bande der Gbe - zu — zu begeben – ! " , Da will ich Euch nicht drängen und hinderlich ſein, " ſagte Frau Petronella Stromair - ,, lebt wohl und auf Wiederſeh'n wenn eben nicht hier doch jenſeits ! " ganz lieb Der Schelm verbeugte fidh tief, betheuerte alles Gute,
madyte fich davon und kam am Tage des dritten Jahres nicht rieder. Das hatte die Petronella Stromair wohl zum Voraus ge wußt, und ſie war darüber ſicherlich nicht betrübt . Vielmehr hatte ſie eine ſtillfromme Freude, daß fie ihre Sache fo wohl angeſtellt habe , die zwei argliſtigen Geſellen zum Beſten zu halten , ſtatt daß es ihr widerfahren wäre, fie er zählte die Sache auch Der oder Jener von ihrer Baſenſchaft, und ſo kam das Ganze unter die Leute . Danach lebte die Petronella noch ein ganzes Halbbußend Jahre , bis fie Ao. 1601 gottſeliglich in den Herrn einging und ſchräg berüber von ihrer Behauſung begraben wurde – an der Stelle ſieht noch heute zu Tage Jedermann ihren ſchwarzen , langgeſtrecten Grabſtein an der Wand außerhalb der Sa kriſtet. Auf dem Stein iſt ſie abgebildet, und wenn die Zeit auch , wie an Allem , Gewalt verübt hat, ſo viel erkennt man gleidwohl noch am Antliß , daß die Frau Petro nella Stromair ein recht gutes Leut" geweſen ſein müſſe. So iſt es mit Dem beſchaffen . Nahe bei dieſem Stein an derſelben Sakriſteiwand befindet ſich ein Grabſtein mit hoch erhaben geäßter Schrift, welcher deshalb bemerkenswerth iſt, weil man ſagt, er habe die Veranlaſſung zur Steinzeichnungskunſt gegeben. Wieder fromme Erinnerung erwedt der, jegt neu her geſtellte, Brunnen, geradeüber von der obengenannte Poe tenſchule. Dieſer wurde zu Ehren des heil. Benno, von welchem ſchon die Rede war , errichtet, und das Waſſer
deſſelben ſoll ſich in Betreff der Augen oft ſehr nüßlich erwieſen haben. Was Grabſteine betrifft, ſo find um den Dom Unſer lieb Frauen herum noch gar manche, welche Veranlaſſung gäben, auf Manderletzu kommen, wodurch die ſtummen Steine zu geiſtigen „ Merk's Dir, " alſo zu nach Innen wirkenden Wahrzeichen würden, und ich kann Eudy für gewiß ſagen, daß dies manches Mal gerade bei jenen der Fall wäre, welche ſchon recht herabgekommen ſind , ja es ließe fich über ein' und den anderen ein ganzes kleines Buch ſchreiben . Es kann aber hierorts nicht ſo weit darauf einge gangen werden, und ſei nur bemerkt, daß viele ſolcher Steine nicht zu überſehen ſind : Beiſpielsweiſe der des Canonicus Pettenbed , welcher knieend dargeſtellt iſt; der des Patriziers Guſta chius Liegfalz , welcher in ganzer Geſtalt vor Augen ſteht; weiters, nach dem ſchon erwähnten Grabſtein des Meiſters Conrad und jenſeits der Sonnenuhr, der Grabſtein des Mufikus Bandinellt - der des Baumeiſters Fiſcher, welcher ſo viele Kirchen und Klöſter aufgerichtet hat u. m. A. Um nun , obwohl ſdon von Mandem innerhalb des Lieb Frauen Domes verhandelt wurde, noch von An derem dortſelbſt zu ſprechen , was an früher Dageweſenes , an große Werke, eigenthümlich ſagenhafte Ereigniſſe oder ſonſt Bemerkenswerthes mahnt und uns das Gedädytniß einzel ner Menſchen, die fdon ſo lange nicht mehr da ſind, leben-= dig auffriſcht, will ich zuvörderſt auf diejenigen Abtheilun
gen der ſchönen, alten Glasmalereien in den Kirchenfenſtern aufmerkſam machen , weldie allein ſtehen, oder in ihrer Abgrenz ung Jedem erkenntlich, nicht zu den großen, gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts von Eginhard Trauten wolf gemalten Fenſtern gehören, mit denen fie zuſammengeſeßt find, ſondern noch von der kleinen, erſten Marienkirche her ſtammen . Weiters ſprechen die runden Todtenfilde an den Wänden ernſt mahnungsreich; desgleichen der ſchöne, fromm anmuthende Grabſtein des ehrwürdigen Freiſinger Biſchofes Tulpekh, welcher bei der Grundſteinlegung des jebigen Domes zugegen war, nach etlichen Jahren ſeine hohe Würde ablegte und bis zu feinem Scheiden zu München als Pfarrer zu Unſer Lieben Frauen lebte ; desgleichen ſein Marienbild und die knieende Geſtalt des Dr. Johannes Neu hauſer , welcher der erſte Stiftsprobſt des Domes war. Recht beſchaulich macht auch die Schnedentreppe an der alten Sakriſte i hinter dem Hochaltar, weil da vorerſt die Herren Land Bayerns am grünen Donnerſtag das Allerheiligſte in Prozeffion hinauf und herab begleite ten zum früher dort oben befindlichen Salvator- oder Andreas altar. Dieſer iſt ſelbſt merkenswerth, weil die Sage geht, er ſei als Hauptaltar in dem Kirchlein geweſen, welches in Mitte des Raumes ſtand , worauf ſich gegenwärtig die Jeſuiten- oder Michaelskirche befindet.
Des Grabſteins des Dombaumeiſters wurde ſchon gedacht; ich mag aber gerne beiſeben , was unter ſeinem und des 3 immer meiſters Bildniſſen , welche zur Seite des Drgelhauſes hängen, geſchrieben iſt. Unter dem des Baumeiſters ſteht das Nemlidhe ge ſchrieben, was ſich auf ſeinem Grabſtein gemeißelt findet. Unter dem des Zimmermeiſters, welcher der Tradition nach Heimeran hieß, ſteht geſchrieben : Suſt 300 Jähriges wahrhafftes Contrafait des Zimmer Intaiſters allhieſiger Stadt , welcher bei dieſer Weltberiem ten Baſilica ſein Maiſter Stuck dargethan in dem Kunſt reichen Dher Zimmer oder Dach , 311 melchem 1400 floß jeder von 15 und 16 Baum verwendet worden , Nebit hinterlaſſung eines jugerichteten an ein Sicheres orth gehörigen Dram oder Balken , da doch keiner abgehet. Herr gib ihm die ewige Ruhe. Den beſagten Balken kann jeder ſehen, der den einen Frauenthurm beſteigt. Auch iſt die Abbildung des jüngſten Gerichtes von Mida el Angelo merkenswerth , welche dem Lieb Frauen Dom einverleibt iſt und ſich urſprünglich in der Franziskanerkirche zur Linken am Eingang befand . Hans Mielich der Mündner Meiſter, hat es feiner Seit ge malt, und es war das Grabbenkmal des Kanzlers Leona hard Ed. Unſer trefflicher Geſchichtſchreiber Lipowsky rettete 8 Ao. 1802 gerade nods, als es unterm Hammer ſchlag vielleicht um ein paar Thaler veräußt worden und wer weiß wohin gekommen wäre
Weiters kann fich Einer wieder Gebanken machen, wie weit man es ſchon früher in der mechaniſchen Kunſt gebracht und wie frumm finnreich man ſie anwandte, wenn er die Perpendikel-Uhr bei u. L. Frauen betrach tet. Denn, ſchrieb Giner: Wann's Zwölfe ſchlagt zudet der himmliſche Vater das Schwert, unſer Herr Jeſu und Maria aber bitten für die Welt, und da ſteckt er das Sdwert wiederumb ein ; auch bewegen ihrer vier Figuren ſämmtlich Mund und Händt, als ob ſie dann Buß predigten ; auch iſt ſelben ein ſtehender Hahn zu öberſt, der vor dem Stundenſchlag mit denen Flügeln zuſammenſdlägt und ein Krädyzen erhebt, unter ihm aber ruckt St. Petrus von drenten heraus und weint bitterlich, weil daß er Chriſtum verläugnet hat ; hin wieder nahet pon enten unſer Herr und ſchaut ganz lieb reich zu ihm , da er dann ſelbſt zu Caiphas geführt wird.“ So ſchrieb Einer um Ao. 1780 von derſelben Uhr mit ihrem Gang-, Spiel- und Schlagwerk, und wer recht in die heutige Zeit ſchaut, der mag erkennen , es ſei in der großen Welt, wie in demſelben kleinen Uhrwerf. Denn Gott möcht' wohl zeitweiſe das Schwert züden und dreinſchlagen , wenn ihn nicht die Erbarmniß zurückhielte , weil die Schuldigen nicht allein büßten , ſondern die Anderen auch leiden würden, die nid te berbrochen haben . Wenn's ihm aber zu lange währt, könnte es doch ſein , alſo mögen die Einen bald ablaſſen von ihrer Feindſchaft gegen Recht und Treue, und die
Andern fich nicht zaghaft erzeigen, ſonſt wird Gott etwan grimmig und ſdlägt dennod darein . Mehr ſag ich nicht, ich habe Eudy die gute Lehre gegeben. In u. 2. Frauen Dom iſt auch noch ein anderes, ungemein wichtiges Denkzeichen , welches gewiß nicht zu überſehen iſt. Dieß iſt die Erinnerungstafel an Pabſt Pius VI., welcher Ao. 1782 am 3. Mai bei Gelegenheit ſeiner Durchreiſe nach Wien am linken Altar nädyit dem Hochs altar Meſſe las . Die Inſchrift lautet: Pius VI. Pontificum max . primus ad hanc urbem invisit , Caroli Theodori Ducis Electoris amicus et gratissimus hospes , ipsoque hoc loco sacra pe regit III. Cal. Maii MDCCLXXXII. Außerdem befinden ſich in der Frauenkirdye noch etliche mehr in das wirkliche Wahrzeichen hineinſpielende Dinge. Ich will aber nur einige derſelben andeuten. So nenne ich denn ein , meines Wiſſens gegenwärtig in der Sakriftet befindliche Gruzifir von Metall, das „ fdwarze " genannt. Es heißt, ein um 1730 verſtorbener Locotenent habe es früherhin im Krieg auf der Bruſt getra gen und ſei dadurch vom Tode errettet worden, indem die Kugel nur die Füße des Bildes verlegt habe. Als man das fdwarze Gruzifir ſpäter in Silber faßte , wurde zweimal ein Verſuch gemacht, es zu rauben , es mißlang aber beide
Male, und die böſen Geſellen ſollen mit heiligem Schreden entflohen ſein. Weiters das Votivbild der Stadt Braunau we gen Brandunglüdes. Dann aber den Sinn zu den Thürmen des Domes wendend, find da zwei dem Ohr recht vernehmbare Wahr zeidien der Frömmigkeit vergangener Zeit, die in unſere Zeit hereinhallen . Damit iſt Zweierlei gemeint. Für's Erſte das Ave Maria - Geläute, welches 1390 von Pabſt Bonifaz auf Bitte der Herzoge Ste phan und Friedrich genehmigt wurde , und dann das glorreiche Geläute der großen Salvaglode an hohen Feſttagen und der kleineren , welche an den Marientagen ertönt. Vielleicht möchte Mander , obwohl es auch in ande ren Gedriften zu finden iſt, beigefeßt haben, was etwan auf dieſen Gloden geſdrleben ſtehe, und wie viel ſie wiegen. Auf der kleinen Salvaglođe ſtehen nur die zwei Zeilen : Im Jahr MDCXVII von Gottes gepurt hat mich gegoſſen Meiſter Barthm. Wengle von München onfedroſſen. Auf der großen ſteht aber viel mehr : Suſanna Gais id. in Theſus und (ukas, markus, matheus und johannes namen gos man mich , der durchleuchtig hoch: geborne fürſt und Herr Gerr Albrecht pfalzgrade bei rein und hertog in obern und niedern pairn was ſtifter meer. von regenspurg her pracht man mich . die poſen weter ver treib ich . den tod er peere ich. Ganns ernſt gos mich als
man gält von gottes gepurt tauſend vier hundert und drei dem neunzigſten jar tetragamatan . Dieſe große Salvaglode wiegt 12,500 Pfund , die kleine aber 6060. Nun habe ich genug von dem und jenem in und auf dem 2. Frauen Dom für Gemüth, Sehen und Hören Mah nungsreichen berichtet und in die achtundzwanzig Wahr-, Denk- und Gedenfzeichen genannt. Ich will mich aber jeßt dort und da in der Stadt umſehen , was da weiters zu finden iſt. 29ſtes iſt ein Wahrzeichen das Thörlein von der Burg in die lederergaſſe hinab. Das, heißt es, mußten die Bürger den Herzogen zum Aus- und Eintritt errichten, als die Münchener ſeiner Zeit angehoben hatten , rebelliſch zu werden, wofür fie fich dann beugen mußten . Bald darauf ging dann erſt der rechte Tanz los , wie Ihr in der Hiſtoria vom Fauſtthürmlein vernommen habt. Bei Veranlaſſung des beſagten Thörleins kommt ein Hofnarr in's Spiel ; Der fah , wie es kommen werde, ſeine Herzoge wollten es aber nicht glauben , ſondern droh ten ihm für ſeine ſchlechte Meinung von den Münchenern mit dem Einſperren, wenn er die Münchener verläumde. Durch dieſen Gefellen hat in Betreff des Fauſtthürm leins und des dort eingeſperrten , falſchen Bürgermeiſters öfters eine Verwechslung ſtattgefunden und ich bin deshalb mit einem in ſeiner Sache nicht wenig tüchtigen Doctor gehörig in Streit gekommen, der aber gut ausging, weil mir ſelbiger berühmte Doctor recht ließ. 1
Wer weiß, laſſe ich noch über das genannte Thörlein eine ganz eigene Geſchichte ausgeben, weil ich den ganzen Vorfall fagenwelle gut kenne . Jeßt kommen dagegen mehre, redit düſtere Wahrzeichen. 30ſtens, iſt da das erſte eines des finſterſten Schidſals, das T auf einem Haus in der Kaufingerſtraße zur Linken pom Marienplaß her . Dieſes T bedeutet nämlich Tod und das treffende Haus iſt eines der vielen Häuſer , welche zur Peſtzeit 1634 — 35 ganz und gar ausſtarben. Dieß eine aber iſt ſonderlich deßwegen merkenswerth und tiefdeutſam , weil die Sage geht : Ein geldgieriger Erbe habe ſich in ſeiner Ungeduld zu früh hineingewagt und ſei als leßtes Opfer der Peſt gefallen , als ſie ſchon für ganz erloſchen galt. 31ſtens, das zweite dient ſo recht zur Betrachtnahme der Grauſamkeit und des Haſſes vergangener Jahrhunderte. Damit iſt das untere Gewölbe des Bäckerhauſes in der Gruftgaſſe gemeint. An dieſem Orte war vordem eine Synagoge , und in dieſer wurde Ao. 1285 cine Sahl Juden den Flammen vom Volk preisgegeben , weil es durch das Gerücht em pört worden war , die Juden hätten ein Chriſtenkind er mordet. Deber viel ſpäter ward an dem Orte und aus dem ganzen Gebäude, in welches ſchon damals Stufen binab gingen, eine Art Kirche errichtet und oben und unten ein kleiner Altar aufgeſtellt, aus welch legter Veranlaſſung man es da zur Gruftkirche nannte. Alle Aufføreibungen
und Inventare, welche zu dieſer, bis in unſere Jugendzeit be ſtandenen Kirche gehörten , befanten - fidh bis vor wenigen Jah ren im Landgerichtsarchiv zu Starnberg, find aber dann glaublich in das Reidsarchiv nad München gebracht worden. 32ſtens. Das dritte iſt eines , welches auch auf die unglückſeligen Zeiten des Religionshaſſes und zwar unter den Chriſten ſelbſt hindeutet und uns ungemein ernſt warnt, während es an ſich nur die Leiden Einzelner zur Zeit des dreißigjährigen Krieges in Erinnerung hält . Zwar befindet ſich der Gegenſtand zu Ramersdorf auſſerhalb der Stadt ; aber die Betroffenen gehörten eben herein , und es iſt damit das Gedent- und Dankbild gemeint , auf welchem die weltlichen und geiſtlichen Herren abconterfeit ſind, die 1632 vom Guſtap 5 Adolf als Geißeln weg geführt wurden und dann nach vielen und ſchweren Erleb niſſen wiederkehrten . 33ſtens. Das vierte iſt auch ein recht ernſtes, wür dig anſprechendes Denk- und Wahrzeichen , nemlich opfer willigſter Vaterlandsliebe. Das iſt das auf dem Münchener Kirchhof befindliche Monument der Oberländer Bauern, welche in den Wechſelfällen des ſpaniſchen Succeffionskrieges, zu Zeiten der öſterreichiſchen Dccupation Münchens, in der Sendlinger Sdhlacht Ao. 1705 für ihren landesabweſenden Churfürſten Mar Emanuel tämpften und den Tod fanden. Das eigentliche Grab, auch mit einem ſchlicht- ſchönen Monument geztert , iſt ,, wie jeder weiß , auf dem Send linger Kirchhof.
34ſtens. Ein anderes iſt ernſt, aber doch idon milder. Nemlich die Auguſtiner - Sonnenuhr im Hofe des Münchener Bezirksgerichtes. Dieſe Sonnenuhr galt in dem legten Drittheil des vorigen Jahrhunderts gleich als ein Wahrzeichen propheti ſcher Natur, weil ſie ohne allen Sonnenſchein genau die Zeit angegeben habe, in welcher dann Churfürſt Mar III. von hinnen fchied. Und jeßt wird die Sache wieder ganz mild, denn 35ſtens handelt es ſich um die Johanniskirche in der Sendlingergaſſe. Die iſt denn doch ein recht tüchtiges Wahrzeichen, ein ganz erfreuliches Zeugniß der Opferwilligkeit zweier Brüder, genannt Aſam , welche beide tapfere Meiſter in der Kunſt waren, der Gine ſonderlich in der Malerei, der Andere in der Bildhauerei und Studador-Arbeit ; aber ganz abgeſehen von den Zweien, iſt dieſe Kirche ein recht glanz volles Wahrzeiden damaliger Bauart und überreicher Zier. Dieſe zwei Brüder bauten ſich ſpäter zu Maria Einſiedel nächſt Thalkirchen an und verbrachten da thre älteren Tage. 36ſtens. Ganz gute Wahrzeichen früheren Wettſtrei tes und der Feſtfreude der alten Zeiten bis in die neue ren herein find auch die verſchiedenen Scheiben, welche draußen in den Gängen der Schüßenhalle auf dem þügel der Thereſienwieſe aufbewahrt werden ; denn unter dieſen Scheiben iſt gar manche, welche ungemein viel fagt, man muß fie nur recht aufmerkſam betrachten !
Uebrigens ſagt 37ſtens ein ſtets neu lebendiges Wahrzeichen, welches die Münchener Geſellenſchaft zeitweiſe ausführt , auch nicht wenig . Damit meine ich den Schäfflertanz, ein ganz frohes ,, Denkt- und Merkts- Euch“ des guten Muthes, wel chen die frumm - tapfere Schäfflerſchaft in böfen Läuften bergangener, altergrauer Jahrhunderte bewahrte und damit Andere ermuthigte. Nun meint da vielleicht Mancher, ich ließe es bet den vielen Wahr- und Denfzeichen in dieſem Kapitel be ruhen . Dem iſt aber keineswegs ſo, vielmehr folgen ſchon noch mehre, nur daß ich von dem nichts weiter berichte, was bom hochlöblich weiſen Rath der Stadt ſchon durch die ſteinernen Gedenktafeln aller Orten angedeutet iſt, und daß ich etwa irgend Etwas als nicht ſonderlich wichtig be zeichne, Wie das 38ſtens der Fall iſt mit dem zerbrochenen Holz, welches in der Gde unweit des Chriſtophſteins nächſt bem Rapellenhof der Reſidenz hängt. Darüber haben ſich Manche ſchon die größten Gedan fen gemacht; es iſt aber weiter nichts damit, als daß die Hofdiener früher barin ihre Windlichter auslöſchten . 3m Uebrigen kommt bei dem Löſchlegel einmal der Hofnarr Pranger in's Spiel. In leßten Zeiten des Churfürſten Carl Theodor
ſtand nemlich ein ficherer, fremder Edelmann in ziemlicher Gunſt und nahm ſich viel heraus . Wie nun einſt Abends die Hofdiener ihre Windlichter ausgelöſcht hatten, ſtellte ſich der Pranger gegen die Ecke und rief zu öfteren Malen ungemein laut: „Noch eines ! " Da nun kein Windlicht mehr brannte, und ſich alle Cavaliere verwunderten, trat der fremde Edelmann hin und fagte : „ Pranger, ſdrei' nicht ſo, es gibt nichts mehr aus zulöſdien !" Rief der Pranger : „Das wirſt jeßt du wiſſen! Aus mit dem Windlicht!“ Sagte der Ebelmann : ,, Du biſt ein rechter Narr !" Antwortete der Pranger : „ Und du ein rechtes Hof windlicht ! " Rief der andere vol Zorn : „ Was willſt du damit lagen ?" Rief der Pranger: „ Heut nimmer frag' mich morgen. Wenn's dir nidit recht iſt , verklag' mich beim Sereniffimus !" Damit drängte er fich durch und machte ſich davon. Der Edelmann aber rannte voll Zorn die Treppe hinauf und bat um Audienz, weil ihn der Pranger be leidigt habe. Da ward ihm geſagt, der Churfürſt habe keine Zeit ; als er am nädſten Morgen wieder kam , hieß es wieder ſo , und als er zum drittenmal Nachmittags kam, empfing er ein Schreiben -- und als er es las, fah er,, daß man ſeiner Dienſte aus guten Gründen nicht mehr bedürfe, demnach ſein ganzer Stolz wirklich ein Windlicht geweſen ſei,
welches abeglöſcht war , und daß der Pranger am jüngſten Abend ganz recht gehabt habe - denn Der hatte vom Stand der Dinge Beridt. 39ſtens. Mit dem bekannten Stein unter- und dann ſeitwärts der Damenſtiftskirche, auf welchem zwei Hünd Tein mit einer Kugel zu ſchaffen haben, geht es aud auf kein etwa großes Greigniß hinaus. Es giebt darüber verſchiedene Meinungen. Die Einen nehmen an : es ſei einmal eine Kanonen kugel hereingeflogen, mit der die Hunde ſcherzten. Die Anderen behaupten , es ſeien einmal da die Jagd hunde und andere dergleichen Vierfüßler gefüttert worden, die ſchöne Sprad -weiſe des Volkes babe das Worte Küche in das äußerſt anmuthige Wort ,, Kuchel" verändert, ſpäter, als die Sache längſt beendet und ihr Grund nidt mehr erinner lich war, habe dann Einer etwas von einer Kugel und von etlichen beſagten Vierfüßlern gehört, ſich vorgenommen , ſein Haus zu zieren, und ſich an einen Steinmeß gewendet und ſo ſei dann das Bild entſtanden . Und ſo gibt es nod mehr hochgefahrte Meinungen. Ich glaube nun zwar auch an ein ähnliches Vergeſſen des ſpäteren Hausbeſißers und will da am ungemein ſchö nen Volksausdruck nicht mädeln. Aber das Wort Kugel rührt wahrſcheinlich nicht von da, ſondern von Gugel her. Der Tradition nach war nemlich nach Ende des engen Gäßleins von der Sendlingergaſſe her ein Aufenthalt für ganz arme Leute, welche da nothdürftigſt verpflegt wurden
und dafür die Aufgabe hatten, den Begräbniſſen der übrigen Stadtarmen als Kläger beizuwohnen eine andere Runde ſagt, Derer, die ſich ſelbſt entleibten -- und dabei in ſchwar zen Leinröcken mit Gugeln über den Häuptern zu erſcheinen. Jeßt mag fich Männiglich das Beſſere über die welt berühmte Hundslugel oder Gugel herausſuchen . 40ſtens war früher ein höchſt mahnungsvolles Wahrzei dhen für böſe, recht habgierige Geſellen – am Anger, vom Dultgäßlein herab rechts herüber an dem erſten Hauſe, der ans gemalte Engel mit der Wage, in deren einer Schale eine kleine, fromme Seele ſaß und in der anderen ein kleines Teufelein , wobei dann die Seele im Werthe ſchwerer wog. Dies Bild hatte ſagenweiſe ſeinen Grund darin, daß ein alter, barter Gläubiger feinem durch Unglück herab gekommenen Schuldner, vielmehr der Wittwe deſſelben , das fragliche Haus auf dem „ Gantſtuhl am Fiſchbrunnen" erſter ſelbſt ein Wahrzeichen alter, ſtrenger Rechtspflege in Schuldverhältniſſen verganten ließ , fie forttrieb und felbſt in das Haus zog . Darauf , heißt es, habe die Wittwe ihr Leben in Armuth fromm und driftlich buldſam fortgefeßt, bis ſie ſeliglich zum Sterben kam und da noch für den früheren, harten Gläubiger betete. Ueber das habe Der viel Spott getrieben und ſet gegen Andere ein paarmal eben ſo hart geweſen. Als er dann endlich, auf ſein Geld und Recht ſtolz, zu wieder einem Anderen ſagte, er müſſe ihm ſeine ſchöne Tochter zur Frau geben, oder er treibe ihn von Haus und Hof , Zener aber thn bei Gottes Barmherzigkeit anflehte,
rief er, heißt es : Was Gott , Geld zieht hin ! " Auf dieſe Worte habe ihn der Schlag an ſeiner Hausthüre getroffen, und man daraus Anlaß genommen, das Bild an's Haus zu malen . 41ſtens. Von der Schaß fammer war fdon früher die Rede, als es galt, den ehrenfeſten Syndicus, Lazari Ritter, Anthoni Wilhelmus Ertel zu berühmen, der Vieles treu verwunderlich aufſchrieb. Was nun die einzelnen, merkwürdigen und mehr oder minder koſtbaren Dinge betrifft, welche ſich ſowohl in die ſer Scapkammer, als in der reichen Kapelle , in der Staatsbibliothek und im bayeriſchen National Muſeum befinden , ſo muß ich da wohl faſt ganz Umgang nehmen ; leider, denn wenn man ein und den anderen Gegen ſtand mit dem rechten Blid betrachtet, findet ſich, daß gar Man ches an Pracht und Gewalt, ſo hinwieder an die Hinfällig feit derſelben mächtig erinnert, ein Anderes an ſtrenge Fröm migkeit und gute Geſinnung, während wieder Anderes nur überhaupt das Andenken an das und jene früher Dage weſene auffriſcht, und es iſt ſolcher einzelnen Dinge eine ſo gute Zahl vorhanden, daß man drüber wieder gar Vieles foreiben könnte. Das habe ich auch gethan , und es kommt dabei na mentlich Lektgenanntes in's Spiel. Aber nur ganz Weniges anzubeuten, erwähne ich , an= geſehen die Shapkammer, beiſpielsweiſe Die böhmiſche Königskrone Friedrich & V., welche unſerm großen Churfürſten Mar I. nach der berühmten Schlacht am weißen Berge bei Prag in die Hände fiel. —
Im reiden Schaß der Staatsbibliothek, ber fogenann ten Gimelien - Sammlung, finden ſich, zur Seite vie les anderem Merkwürdigen, einige mehr auf die Frömmigkeit und den , keine Koſten fdeuenden, Kunſtfinn unſerer früheren Fürſten hindeutende Gegenſtände als etwa das Gebetbuch Kaiſer Lud wigs und dann die, mit dem ſchönſten Darſtellungen und den herrlichſten Waſſermalereien von H. Mielid gezierten , heiligen Pfalmgeſänge Orlando's di Laffo , des berühmten Tonſeßers, welcher nach vielen Wechſelfällen des Lebens in der zweiten Hälfte des ſechszehnten Jahrhunderts an den herzoglichen Hof nach München fam, dort in hohen Ehren gehalten wurde und uns mit ſeiner Kirchenmuſik noch heutzutage erhebt . Der Grabſtein des Orlando di Laſſo befindet ſich im National Muſeum . Das neue Gebäude dieſer Sammlung bietet an ſeiner Auſſenſeite durch die eine bäuerliche Geſtalt mit der Fahne auch ein Wahrzeichen für alle Zeiten dar. Dieſe Geſtalt fol nemlich an Balthaſar Mayr, den ſtarten Schmied von Kochel, und beziehungsweiſe an den, in der Sendlinger Schlacht bewährten Patriotismus des Gebirgs Volkes überhaupt erinnern, welcher, wie früher erwähnt, zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts bewieſen wurde. Wie geſagt, auch von jenem an Kenntnißnahme der Vergangenheit unerſchöpflichen Muſeum mit ſeinen Altären, Heiligengeſchnißen und Bildern, Conterfeien , Waffen, Rüſt= ungen , Gegenſtänden der Hauseinrichtung und unzählig
Anderem kann ich bis auf Weiteres und anderswo nicht in's Längere ſprechen und nur ein paar ſo recht hieher gehörige Gegenſtände berühren. Der erſte iſt das echte, alte, ſteinerne Marienbild aus der alten Angerkirche, welches erſt vor etlichen Jahren in einer Art Holzlege in ſchlimmem Zuſtande wieder ent deckt wurde. Die guten Kloſterfrauen, nahe gegen Anfang dieſes Jahrhunderts , wollten es einmal in Einigem her ſtellen laſſen, es fehlte ihnen aber an Geld, das Verlangte zu bezahlen. So fam es nicht mehr an Drt und Stelle, wurde vielmehr, wer weiß von welchem gleichgültigen Menſchen, bei Seite geräumt, verſchoben , erlitt manche Verlegungen, und ward weiters nahe zu vergeſſen ; bis es der Vorſtand des National- Muſeums, Freiherr von Aretin , wieder aus feinem erſted erheben, ſo wohl ausbeſſern ließ, daß man kein Fehl mehr entdeckt, und es in der Sammlung aufſtellte. Dieſes Marienbild iſt an fich merkwürdig genug, weil es ſich bis aus der uralten Zeit Herzogs Otto des Er lauchten herſchreibt, welcher zuerſt an die St. Jakobskapelle Barfüßermöndie ſepte. Dieſe hatten ihr Klöſterlein etlidie ſechzig Jahre inne , bis ihnen dann Herzog Ludwig der Strenge achttauſend Gulden ſchenkte und ihnen auftrug, in der Nähe der von ihm begonnenen Ludwigsburg eine Kirche und ein Kloſter zu bauen , nemlich da , wo jeßt das Hof theater ſteht. Nad dieſer Veränderung ihres Aufenthalts war das Klöſterlein am Anger ganz verődet, deshalb ließen die reichen Sendlinger aus Ulm Klariſſinnen kommen,
und ſo begann am St. Gallustag Ao. 1284 das Anger Frauenklöſterlein. Anderſeits iſt das fragliche Steinbild noch um ſo mahnungsvoller, als Kaiſer Ludwig der Bayer und ſeine erſte Gemahlin Beatrir , wie auch ſeine zweite Margarethe öfters vor demſelben ihre Andacht ver richteten ; beſonders aber eine Tochter der erſten zwei, die ſchöne Prinzeſſin Agnes , welche unſäglich fromm und fehn ſüchtig nach beiliger Einſamkeit war. Alſo betete dieſe ungemein gerne im Kirclein und wollte oft gar nicht mehr fort, bis fich zulegt herausſtellte, daß ihr Sinn vom Welt lichen gar nichts wiſſen wolle, und daß fie ihr Alles , ihr Verlangen auf das ſtille Kloſterleben reße. Da wollte der Kaiſer nach vieler Prüfung nicht mehr nein fagen, und ſo wurde die Agnes Klariffin und führte ihr heiliges Leben fort, bio Ao. 1352. Da fchied fie im März von hinnen . Ihre Gebeine ruhen jeßt in der Gruft u. 2. Frauen in einem Sarg mit den Gebeinen der Barbara , Tochter Herzogs Albrecht III. , welche früh in's Kloſter am Anger ging und dort , nachdem ſie ein franzöfiſcher Prinz vergeblich zu ehelichen wünſchte, im Alter von ſiebenzehn Jahren Ao. 1472 ſtarb , - und mit denen der Maria Anna Carolina Joſepha Dominika , einer Schwe ſter des Neuburger Pfalzgrafen Philipp Wilhelm , welche Ao. 1719 in Gegenwart des Churfürſtent Mar Emanuel und ſeines ganzen Hofes in der Angerkirche eingekleidet wurde und Ao. 1750 in Gott einging. Der Sarg, in welchem die drei beſagten Fürſtinnen
1 ruben, trägt die Hauptaufſchrift: Ossa Clarissarum in An gere D. B. Der zweite Gegenſtand hat Bezug auf die Churfür ſtin Adelheid von Savoyen , Gemahlin Ferdinand Maria's und Mitſtifterin der Sheatinerkirche, und es iſt ihr rauher Bußgürtel. Sie trug ihn wohl zumeiſt in der Charwoche und auſſerdem zu jenen Zeiten, in welchen es ſich um die An dachtsübungen der ,, Sclavinen " oder des Ordens der Dies nerinen der Himmelskönigin Maria " handelte, alſo an den Marienfeſttagen. Dieſen Drden ſtiftete die Adelheit und trat ſelbſt als Oberin ein. Das Ordenskleid war ein hellgrau ſeidenes Kleid mit einem Gürtel von Stahl , das Scapulier war dunkelblau, über dem Haupt hing ein weißer Nonnenſchleier und auf der Bruſt ein goldenes Kreuz an einem goldenen Kettchen. In dieſem Gewand empfing die Adelheid von Sa voyen nebſt den übrigen Ordensſchweſtern an allen Marten tagen in der Theatinerkirche das heilige Abendmahl, am Charfreitag aber gingen fie ſämmtlich zum Beſuch der Gräber in München umher , wobei das Rapitelfreuz vor ausgetragen wurde, und hielten in allen Kirchen Andacht. In dem genannten Ordenskleide wurde ſie auch nach der fich, wie allen Drdensſdweſtern , gegebenen Vorſchrift be graben . Sie war eine fromme, gute Fürſtin , welche allen Ar men unſäglich wohl wollte.
von ihr ſchreibt fich auch das dreifache Geläute und Ausſeßen des Sanktiſfimum her , vor welchem , wenn Je mand ſeinem Ende nahte, dazumal zwei Theatiner beteten. So gerne ich nun hier von dem beſagten Muſeum län ger geplaudert hätte, ſo gerne möchte ich es auch vom Bürgerlichen Zeughaus auf dem Anger , worin fich Vieles findet, was an ganz merkwürdige Zeiten, hoch fürſtliche Perſonen und Vorfälle erinnert, wie etwa das S dwert des Churfürſten Marimilian I. und andere Waffen - von ein paar Rädern werdet ihr ſpäter hören Und von einem oder dem anderen Gegenſtande in den Vereinigten Sammlungen am Hofgarten. Aber ich muß doch bald wieder zur Stadt als ſolcher zurückkehren und ſage deshalb von legteren hier nur ſo viel : Daß zur Seite derſelben im zweiten Treppenhaus der rieſige Suh der Bavaria aufgeſtellt iſt, welcher ſeiner Zeit beim Bavaria - Feſtzuge durch die Stadt München ge fahren wurde . Es iſt wohl keine Frage, daß dieſer größte aller Schuhe in der Welt ſeiner Zeit in das Nationalmuſeum kommen und dort fünftigen Geſchlechtern ein Wahrzeiden freudig feſtlicher Zeiten der Vergangenheit bilden werde. Und jeßt gehe ich wieder auf mancherlei Anderes über , wobei ich zuerſt noch auf ein gewiſſed metallenes Grabbenkmal und eine Sakriſtei zu reden komme, dann aber auf ein paar Gebäude , von deren einem noch etwas Wenige$ da iſt, vom anderen aber gar nichts mehr.
Mit dem Grabdenkmal aber meine ich 42ſten die ritterli de Geſtalt unter der Drgel zu 61. Geiſt im Thal. Dieſe ſtellt Herzog Ferdinand, den Bruder Herzogs Wilhelm V. oder Frommen bar ; eben Den, welcher Ao . D. 1588 ſeinen Erbfolge - Anſprüchen entſagend , die ſchöne Maria Bettenbed zur Gemahlin nahm und von da an mit ihr in ſeiner fürſtlichen Behauſung am Rinder markt lebte , da, wo man durch die Höfe in das Roſen thal hinabkommt. Beim Hinaustritt zu legterem waren geradeüber die Gärten des Herzog8 ; zur Linken am Thor weg aber war die, zur Hofhaltung gehörige St. Sebaſtians Kirche. In dieſer wurde beim ſeinerzeitigen Scheiden des edlen Herzogs das genannte Standbild errichtet und blieb da felbſt, bis die Kirche weichen mußte, worauf es in die HI . Geiſtkirche übergeſeßt wurde. Die Gebeine des Her zogs und ſeiner Gemahlin aber ruben in der L. Frauen kirche. Bekanntlich hießen die acht Söhne, adyt Töchter und weiteren Nachkommen des Ferdinand und der holden Maria Pettenbec, oder des Peter - Bed - Töchterleins, von deren Liebesangelegenheit im „ Münchener- Stadtbüdılein“ mehr zu finden iſt , Grafen und Gräfinnen von Wartenberg, welches Wartenberg in Niederbayern zwiſchen Freifingen und Landshut gelegen iſt an ſich aber nannte man dieſe Descendenz kurzab die Ferdinandiſche, im Gegenſaß zur Wilhelminiſchen, aus welcher die regierenden Herzoge hers vorgingen.
ene, rothgefrönte , gehende Löwe , der Schild ſelbſt iſt durdaus in Silber und blau geweckt, der gekrönte Helm hat einen zweifach gewedten, mit Blättern gezierten Flug, in Mitte deſſen der pfälziſche Löwe fißt. Das Geſchlecht dieſer Wartenberger erhielt ſich übrigens nicht gar zu lange, ſondern ſtarb ſchon Ao. D. 1736 mit einem achtzehnjähri gen Grafen, des Namens Marimilian Emanuel, aus, wel der auf der Ritter - Akademie zu Ettal über einem Pfirſch kern ſein junges Leben verlieren mußte. Wieder auf jenes erzene Denkmal zu kommen , ſo iſt es gewiß ein rechtes Wahrzeichen, wie viel mächtiger oft die Liebe im Herzen der Menſchen ſet, als aller zu hof fende Glanz und alle etwaige Hoffnung auf Herrſchaft; außerdem aber, inſoferne man auf die Zeitläufte und die kriegeriſchen Thaten des Ferdinand ſchaut – beſonders in Betreff ſeines Zuges gegen einen ſicheren Gebhard, wel cher gerne Cölner Erzbiſchof geblieben wäre, aber zu glei cher Zeit verheirathet ſeyn wollte iſt es gleichfalls ein Merkzeichen , daß die Ratholiſchen da durchaus anderer Mein ung waren, und fie find es noch heute. So viel von dieſem Erzmonumente. Was aber die erwähnte Sakriſtet betrifft, ſo meine ich damit 43ſtens jene der Alten Reſidenz - Kapelle. Die iſt in einem Umſtande recht mahnungsreich, und zwar wegen unſeres früheren , vielgeprüften Churfürſten Garl Albert, der als deutſcher Kaiſer Carl VII, hieß.
Dieſer tam während ſeines legten Feldzuges gegen Deſterreich Ao. 1744 am 17. Dezember in ſeine wieder frei gewordene Hauptſtadt München zurüc und zog da mit der Kaiſerin, ſeinen zwei jüngſten Prinzeſſinnen und dem ganzen Hofſtaat ein, und darauf legte ihm die Stadt Mün chen am 26. Dezember den erneuten Eid der Treue ab, welcher eigentlich ganz überflüſſig war , denn bei einem Bayern verſteht fich die Treue ganz von ſelbſt. Wie dem ſei , der Kaiſer war da, bewohnte in ſeiner bedeutenden Rräntlichkeit und bei ſtets leichter Ermübung die Gemächer rechts am Kapellenhof und gab fich der Hoffnung hin , im kommenden Frühjahre die Oberpfalz und das Donaugebiet wieder unter ſein Regiment zu bringen, denn dieſe Landſtriche waren noch in öſterreichiſchen Handen. Da ließ der Himmel mit einemmale neue Wolken heranziehen . Das heißt, der edle, kaiſerliche Herr wurde am 15. Jän ner 1745 ernſtlich krank und immer kränker, worauf dann die Aerzte zwar ihr Beſtes thaten – aber das Bodagra fiegte, und ſo kam die Zeit der unläugbaren Lebensgefahr immer näher. Wie nun der Kaiſer bas gar wohl merkte, Iteß er fich, heißt es , zunächſt an - und Einer, der es wiffen konnte, ſagt gar - in die Sakriſtei der, an ſeine Gema cher ſtofſenden, Hoffapelle bringen, wo er von ſeinem Lager aus auf einen kleinen Hausaltar ſehen konnte. Nächſt Iteß er am 20. Jänner Morgens feine ganze Fa milte zuſammen kommen, erklärte ſeinen Sohn Mar 30
feph III . für großjährig , nahm von allen herzinnigen Abſchieb, ſprach noch etliche Zeit mit den beiden Herzogen von 3 weibrüden , verlangte dann die regte Delung, welche ihm der päſtlide Nuntius Stoppani ertheilte und um Mittag gab man dem Kaiſer eine Goldtinktur, die ihm ſo wohl anſchlug, daß man ſich während ein paar Stunden Hoffnung auf ſeine Geneſung machte aber man täuſchte fidh. Und ſo kam es denn um ſieben Uhr Abends doch zum Scheiden aus dieſer Welt, in welcher der edle Fürſt ſo viel Bitteres für ſein wohlvermeintes Recht ausgehal ten hatte. Die, welche in ſeiner Zeit lebten und von ihm Nach ridit geben, ſagen, daß er viel Verſtand, ein ungemein gutes , großmüthiges Herz und viel Tapferkeit beſeffen habe, daß er über Ergözlichkeiten und große Pracht, welche er allerdings liebte : ,, Denen Regierungsangelegenheiten alle Zeit tapfer und ausdrüdlich vorſtand, auch bei ſeinem keineswegs ge ringen Aufwand in Finanz und Cameralibus Alles ſo wohl in Stand und Gleichgewicht zu halten wußte, als daß da keine Frrung und zu großes Unverhältniß erſicht= lidy ward . That ſich auch jeder Zeit, dann ohngeachtet er gute Räthe um fid hatte , nicht zu ihrem Werkzeug herab ; hinwieder nicht gänzlich geläugnet werden könnte, daß er rem franzöſiſchen Miniſter Chevalier de Chavigny leider Gott in lepteren Jahren mehr Gehör geben mußte, ale
ihm ſicher ſelbſten lieb geweſen. Aber das kam von denen gottsleidigen Kriegsläuften und Allianzen ." Vielleicht iſt es Euch genehm, wenn ich Euch in Kur zem twas von des Kaiſers Leichenbegängniſſe melde. Das fand am 25. Jänner Abends um 5 Uhr unterm Geläute aller Glocken ſtatt, und dabei trugen abwechslungs weiſe vierundzwanzig Rammerherren den Sarg . Vor dieſem dritten die Münchener Bruderſchaften und Ordenegeiſtlichen, laut betend und in den Händen brennende Wachskerzen , weiters famen die Trauermuſik, der geſammte, weltlice Clerus, die kaiſerlichen Hofkapläne und der Kirchprobſt zu u. l. Frauen Franz von Betten dorf in Pontificalibus nebſt den Chorherren und Caplänen. Nach dem Sarg ſchritten die Edelknaben mit brennen den Wachskerzen und ſämmtliche, faiſerliche Miniſter und Räthe, aud Alle mit brennenden Wachskerzen . Die Theatiner, wieder ſo, übernahmen den Sarg am Gingang ihrer faſt ganz ſchwarz ausgeſchlagenen Kirche, auf deren Altären überall Lichter brannten , und geleiteten ihn bis zur Mitte zum ſchwarzen Katafalk, welcher von hundert großen, brennenden Wachskerzen umgeben war. Auf dieſen Ratafalt wurde der Sarg gelegt und auf neun weißen Kiſſen lagen die kaiſerlichen und die durfürſt lichen Inſignien , ſowie der goldene Vließ- , der Georgius und andere hohe Orden des Raiſers umher. Als das Requiem geſungen war und dann das Kriegs = volt vor der Kirche am Sdwabinger Thor eine breifade Salve gegeben hatte, wurde der Sarg, von acht Kammer
herren in den Chor getragen , ben faiſerlichen Truchfeffen übergeben , vom Probſt der Theatiner übernommen , und, nach Ausſtellung der Reverſalien unter dem Geſang Bene dictus Dominus Israel in die Gruft geleitet. Am Tage nach den eigentlichen Erequien hielt der Hofprediger $ ofreiter eine Leichenpredigt, welcher dann eine muſikaliſche Trauermeſſe folgt, und während derſelben machten der junge Churfürſt Mar Joſeph III . , ſeine Mut ter und Geſchwiſter nebſt dem ganzen of den üblichen Opfergang. Nun geräth die Rede auf die beſagten Gebäude und zuerſt auf das , von welchem faum mehr etliche Spuren vorhanden ſind. Damit iſt 44ſtens die Neubeſte gemeint. Es gibt noch immer Manche, welche nicht genau wiſſen , wie die Burgen in München der Reihe nach ent= ſtanden ſind, und von wem ſie herrühren. Dies könnte ich hier nun ganz genau berichten , wenn ich es nicht im „ Plauderſtüblein" ſchon gethan hätte. Aber von der be ſagten Neuveſte allein zu ſprechen , ſo ſtand fie gerade auf dem jeßt offenen Plaße , an welchen die Allerheiligenkirche und die Rüdſeite der Reſidenz gränzt, und es iſt von ihr Icon Ende des vierzehnten Jahrhunderts die Rebe. Sie war aber da noch Höchſt unbedeutend und beſtand wohl nur aus einem mäßigen Gebäude , unweit deſſen fich ein ſtattlicher runder Thurm erhob ; groß auf wurde ſie erſt zu Zeiten Herzog Albrecht des Weiſen errichtet. Dieſer merkwürdige Herr berließ dann auch die Lud
wigsburg, oder den alten Hof – worin weiters einheimiſche und fremde Fürſten, die auf Beſuch kamen , wohnten, und ein und das andere höhere Amt ſeinen Aufenthalt nahm, ungerechnet, daß ſpäter Albrecht V. ſeine große Bibliothek barin aufſtellte – und bezog die Neuveſte, in welcher auch die folgenden, regierenden Herren wohnten, bis ſie einſt durch Brand litt. Um dieſe Zeit bezog Churfürſt Marimilian I. für einige Jahre einen Theil der Burg, welche ſich ſein Va ter Wilhelm V. erbaut hatte, nemlich der Wilhelms oder nun Marburg , und ließ ſids durch den großen Met ſter Peter Candit im erſten Drittel des fiebzehnten Jahrhunderts ein neues , herrliches Shloß bauen, deſſen äußerlich erhaltenen Theil wir die alte Reſidenz nennen , den anderen erneuerten , veränderten oder ganz neuen aber den Königsbau u . f. w . Jene Neuveſte iſt alſo nicht mehr da, indeſſen bilden doch die Gebäude zur Linken und Rechten am beſagten Plaß noch Mertzeichen der nädſten Burgumgebung, obwohl das zur Rechten in neueſter Zeit auſſen ziemlidhe Veräns derungen erlitten hat. Nun wende ich mich zu dem Gebäude , wovon in Wirklichkeit gar nichts mehr vorhanden iſt, nemlich 45ſtens zum ſchönen Thurm , welcher früher am Ende der Kaufingergaſſe, unweit von der Auguſtinerkirche, ſtand. Es finden ſich zwar dort und da und in diverſen Büdern Abbildungen deſſelben und etliche Worte darüber, aber bei allem dem wäre es doch möglich, daß das An
denken mehr und mehr für's Allgemeine verloren gegangen wäre, wenn ſich nicht Etwas zugetragen hätte, wodurch er ein richtiges Dentzeidien bekam. Die Sache ging aber ſo vor fich. Als das große Jubiläum des fiebenhundertjährigen Beſtandes der Stadt Münden gefeiert wurde, fiel es einem tapferen Doctor und Zahnarzte bei , das plaſtiſche Bild des Thurmes anfertigen und an ſeinem Hauſe anbringen zu laſſen , und dazu wünſchte er von mir etliche Reime, aber ganz von der alten Art. Da war ich natürlicher Weiſe ſogleich bei der Hand, wie derſelbige Shulmeiſter und Stadtpoet, welcher die Reime für das Bäderhäuslein im Thal concipirte. Item ich ſchrieb die Neime feſt auf, gab ſie dem Anderen , Der ließ ſie auf zwei große Rollen ſchreiben , links und rechts am Thurmgeſchniß aufhängen , und ſo blieb es allüber die Feſtzeit. Nad dem Feſt blieb zwar das Thurmgeſchniß am Hauſe, die Rollen aber kamen wieder von der Mauer und die alten Reime waren nur mehr unter dem Hausthor auf einer Tafel mit dem Bild des Thurmes zu leſen . Was geſchieht ? Faſt gerade über von dem Haus, daran die Reime - waren , befindet ſich das ganz veränderte, frühere Ettaler haus, von deſſen verfommenem Kaiſerbild Ihr ſchon früher geleſen habt . In dieſem Haus an der Ecke hat ein tapferer Raufherr ſein Gewölbe, und Der dachte ſid, eines Tages :
Die Erinnerung an Kaiſer Ludwig folt hierorts nicht ganz vergeben. Darauf ließ er ein Bildniß des Kaiſers anfertigen , um es an ſein Haus anzubeften als er aber lange fragte, ob er dürfe, wollte die Sache alle Tage weniger vorwärts. Dieſes ließ ſich bei dem Raufberrn ſo übel an, daß er fich dachte : Wenn man guter Abfidht nicht ſchneller beiſpringt, iſt's auch recht – und wollte die ganze Sache unterlaſſen . Wie fich's nun gibt, kam dieſer tapfere Kaufherr mit dem Doctor und Zahnarzt zu Rede, darüber gerieth der Legtere in Beſit des Kaiſer Ludwig - Bildes , und kaum war es ſein , ſo ließ er es ohne Weiters ober dem von ihm geſtifteten Thurmgeſchnitt anbeften , nächſt auch die beſagten Reime auf die Mauer fahreiben , am Frohnleichnam Ao. 1863 war das ganze neue Denk- und Wahrzeichen vor Augen der Münchner und ſiehe da, es iſt den bei den Gründern und Stiftern keinerlet Böſes widerfahren , weder dem Zahnarzt Meyer, noch dem Kaufherrn Leuze. Wär' wohl auch redyt, wenn uns gar verboten werden wollte, unſere ruhmreichen Fürſten und das Schöne alter Zeiten zu ehren, fo thun wir bei Allem freudigen Gebor ſam gegen die Bau- und anderen hoben Aemter denn body nicht. Damit nun Männiglid das bequem leſen könne, was da neben dem Sdönen Thurm Wahr- und Dentzeiden geſchrieben ſteht, will ich die beſagten Reime hier folgen laſſen :
Hier war einſt vor viel hundert Jahr Die Stadt zu Ende ganz und gar, Man hieß es da am obern Thor, Und eine Bruck war auch davor, Und drauſſen, daß die Kund' es meld' , Da war zu ſeh'n ein Haberfeld. Der Kaiſer Tudwig lebte dann, Der edle Held und deutſche Mann. Dann ward die Stadt erweitert mehr, Baut man den ſchönen & hurm anher, Verſchwand der Graben und die Bruck, Dem Thurm, dem ward viel bunter Schmuck . Da war Herold und Zinkenier, Den Kaiſer ſah man auch allhier Und ihm zur Seiten allzumal Churfürſten in geſammter Bahl, Und drunten an dem Thurme da Ein ackernd Bäuerlein man fah. Doch an dem Thurm zu öbriſt war Die Wetterkugel wunderbar, Bei gülden Hälft war Sonnenſchein, Bei blauer fiel ſchlecht Wetter ein, Was war und iſt, in Beit vergeht, Gotts Lieb für Bayern , die beſteht! Ueber den Thurm , welcher nun allerdings nicht ſogleich anfangs ſeinen Beinamen erhielt, aber ſicher ſchon durch ſeine Erſcheinung bedeutſam wirkte, füge ich hier noch bet, daß man es alſo da in allerſten Zeiten, als die Stadt hier zu Ende ging, am oberen Thore" nannte, dann beim ,,Chufringer thor, " daß ſpäter — als ſich der Raum von da bis zu den
von Herzog Rudolph , dem Bruder Ludwig’ø, erbauten Stadtmauern durch die Entſtehung der Neuhauſergaſſe mehr und mehr ausfüllte – der ganze Weg eingeebnet,, weiters der Thurm größten Theils abgebrochen , neu auf gebaut und wegen der ſchönen Malereien der „ ſchöne“ ge nannt wurde und ſo fort, bis man Ao. 1777 die Spiß thürmlein wegnahm und Ao. 1807 den ganzen ſchönen Thurm vertilgte. Es gab darüber viel hin und her, aber die eine Par tei fiegte, indem ſie behauptete, er ſei baufällig. Das war gewiß nicht ſo ; ſie wollten nur plößlich nichts ſchönes Altes mehr ſehen ; das iſt es — und ich glaube, der Thurm war noch ſo feſt, daß vielleicht jeßt alle Baumeiſter miteinander nicht mehr im Stand wären, einen ſo feſten Thurmzu bauen. Nun komme ich wieder auf verſchiedenes Andere zu reden , und zwar zuvörderſt 46ſtens auf einen Denkſtein , welcher keineswegs alt, ja , während ich dies ſhreibe, noch gar nicht da iſt, aber hoffentlich bald, und zwar mit einem getreuen Bildniß ge ziert, da ſeyn wird. Das trifft auf das Haus Nr. 12 in der Kaufinger gaſſe. In dieſem , gerade über dem großen Raufgewölbe, wohnte . vierzig Jahre lang unſer Geſchichtſchreiber Lorenz v. Weſtenrieder. Was Treffliches dieſer edle Mann, oft unter den größten körperlichen Leiden , ſchrieb , welchen wohlthätigen Einfluß auf Staat, Kirche und bürgerliches Leben er feiner
Zeit ausübte und welchen muſterhaften Charakter er beſaß, das kann von uns Bayern nicht genug erkannt werden . Ich meine deshalb ganz recht zu thun, wenn ich etwas Näheres bon iom melde; nichts von ſeinen Werken , die liegen vor aller Augen, fondern Einiges, was ſeine Her kunft, ſeine Freunde und ſein Scheiden von hienteden be trifft, und ich halte dieß für um ſo mehr begründet, als vor ſeinem Standbild rid Mancher von einer ähnlichen Frage angeregt finden mag. Alſo , am 1. Auguſt 1748 fab der Weſtenrieder zu München das Licht der Welt. Sein Vater war ein ebrſamer Kornfäufler mit Namen Cyriſtian , ſeine Mut ter hieß Margreth , und zu St. Peter ging der Lorenz Weſtenrieder in die Sdule. Als er in dieſem Alter war, ſtarb der Chriſtian , und der Weſtenrieder bekam einen Stiefvater, der aber einer von den Beſten war, ſo daß er den Knaben wohl hielt und fort und fort lernen und ſtudiren ließ , bis Der in die wei teren Jahre kam — und Ao. 1771 am 6. Oktober im Dom Unſer Lieb Frauen Primiß hielt . Nächſt fing der Weſtenrieder als geiſtlicher Herr klein weiſe an, bis er es in viel ſpäteren Zeiten, als Ao. 1807 zum geiſtlichen Rath und Ao . 1821 zum Domcapitular brachte — in eben dem Jahre, in welchem , 31 Folge einer Uebereinkunft zwiſdhen König Mar Joſeph , und dem päſtlichen Stuhle, die, achtzehn Jahre früher aufgehobenen Bisthümer mit ihren Kapiteln wieder hergeſtellt wurden . Weil deſſen eben Erwähnung geſchieht, will ich bei=
fügen, daß der zum Erzbiſchof von München und Freiſingen ernannte Freiherr Anſelm von Gebfattel am 1. Nos vember genannten Jahres in der Michaelskirche durch den päbſtlichen Nuntius, Prinzen Serra Caſſano, zum Bi ſdof geweiht wurde und am 5. ſeinen Einzug in den Lieb Frauen Dom hielt . Doch wieder auf Weſtenrieder zu kommen , ſo war er unter den Mitgliedern der von Churfürſt Mar III. ge gründeten Akademie der Wiſſenſchaften in ſeinen lebten Lebensjahren der Aelteſte. Daß er von Alten, die ihn näher kannten, geliebt und geehrt war, verſteht ſich von ſelbſt -ſeine eigentlichen Freunde aber waren der gelehrte Pfarrherr von Engelbrechtsmünſter, Antonius Bucher, der tüchtige Hiſtorikus lorenz $ übner, die bayeriſchen Geſchichtsforſcher Roman Zirn gibl und Hermann Scholliner, der Ingolſtädter Bibliothckarius Joſeph Oegst , der Prieſter und Schul rektor Hueter zu Straubing, der eben ſo gründliche, als ſtets froh gemuthcte Antonius Nagel , Pfarrherr zu Marding und endlich ſein Verleger , der verdienſt- und daraktervolle 3. B. Strobl zu München. Wie nun nach Verlauf vieler Jahre und nach vielen trefflichen Bewährungen und Leiſtungen der Weſtenrieder ganz alt war und eines Tages mit dem noch älteren Gra fen Preyfing von Moo8 ſprach, ſo ſagte Der : „ Ich reis' jeßt in’s Wildbad Gaſtein und feier' dort mein Badjubiläum, denn ich gehießt nicht weniger , als vierzig Jahre jeden Sommer hin . “
Darauf ſagte der Weſtenrieder : ,, So lange geb ' ich noch nicht hin , aber doch ſchon vierundzwanzig Jahre hindurch jedes Jahr, und im fünfti gen feiere ich dann inein fünfundzwanzigjähriges Badejubi läum ." Darauf ſagte der Preyſing : „ Das iſt nicht ſo viel, wie das meinige, aber iſt doch was." Als ſich nun der Weſtenrieder auf das Jahr 1829 ſchon des Beſten verfah , war vom Himmel ganz etwas Anberes über ihn beſchloſſen worden. Denn er erkrankte und nach vier Wochen, am 15. März, war ſeine Seele von dannen. Auf dieſe Botſchaft hin war man aller Drte betrübt und begab man ſich in Menge über die drei Treppen bin = auf, um den ,, edlen Weſtenrieder" noch einmal von An geficht zu Angeſicht zu ſehen , welchen der damalige Beſißer des Hauſes in herzlicher Verehrung ſo lange, als möglich, alſo auch im Tode beherbergen wollte. Dazu hatte er den offenen Sarg auf einen ſchönen Katafalk mit vielen Lichtern und Blumenſtöcken bringen und das Gemady, worin erſtand, fowarz ausſchlagen und mit Wandleuchtern verſehen laſſen. Am 18. März Nachmittags vier Uhr kam das Me tropolitankapitel und das geleitete den Verlebten unter Fadelſchein und Poſaunenſchau zur leßten Ruheſtätte. Der Zug ging durch die Kaufinger-, Roſen- und Sendlingerſtraße. Viele Mitglieder der Akademie der Wiffenſchaften und der Univerſität, viele hohe Staatsbeamte , der ganze Rath
der Stadt, der Clerus ber drei Stadtpfarren, die Alum nen, eine Menge Bürger und Andere ſchritten mit – und ſo trugen ſie ihn fort und hinaus, den Mann mit ſeinem bieberen Bayerherzen und ſenkten ihn in's Grab, zur Lin ken nächſt dem Anfang der Bogengänge des großen Fried hofes. Der Domdechant Hedenſt aller ſegnete ihn ein und hielt ihm eine ſchöne, rührende Grabrede. Im Gemady, in welchem Weſlenrieder verſchieb , warb vom damaligen Befißer des Hauſes des Verlebten Büfte angebracht, welche vom heutigen gleich hoch in Ehren ge haten wird, und wer immer da wohne , hat die Verpflicht= ung , ſie zu belaſſen und zu bewahren. Noch ein Wort über Bildniſſe von Weſtenrieder. Das eine als Medaillon in Metall veranlaſſte ſein Freund und Verehrer 3. B. Strobl. Dieſes Medaillon ließ er von Scheufele in Stahl dyneiden . Auf der einen Seite iſt Weſtenrieders Conterfei, auf der anderen liegt in Wolken mit der Poſaune des Ruhmes ein offenes Buch. Die Aufſchrift iſt : Lor. Westenrieder. Natus Monachii. I. Augusti. MDCCXXXXVIII. Historiae Boicae Scriptori. Johann Bapt. Strobl, civis et Biliopola Monacensis Fieri . Curavit. MDCCLXXXVI. In dieſem leßtgenannten Jahr gab nemlich Weſten
rieder feine Geſchichte von Bayern zum Gebrauch des gemeinen Bürger und der bürgerlichen Shulen in einem Bande heraus , welcher dann Ao. 1798 ein Abriß der bayeriſchen Geſchichte als ein Lehr- und Leſebuch folgte. Gemalte Bildniſſe Weſtenrieder’s gibt es nur drei . Dasjenige von Moriz Kellerhoven , welches ſein milbernſtes Weſen am beſten ausdrückt und fich in Kupfer geſtochen auch in den Hiſtoriſchen Beiträgen befindet, befiße id ſelbſt. Zu dem Bildniſſe ſchaue ich gar oft und lange und denke mir : In, Der iſt ein rechtes Wahrzeichen der Ehren haftigkeit, der unermüdlicykeit im Guten und der Liebe für unſer ſchönes Vaterland ! Und nun wieder zu merkenswerthem Alten - wohin ?? Noch einmal zur Hoffapelle der alten Reſidenz. In dieſer wurde von je , zur Erinnerung an einen beſonders Gottbegeiſterten und in den Glaubensſtreitzeiten für den Kaiſer und die Liga glühenden Mann der Kirche, 47ſtens das Bildniß des Karmeliters Dominicus a Jeſu Maria aufbewahrt, welchem ein weſentlicher Ein fluß auf die Pragerſchlacht zugeſchrieben wurde , indem er unſerem damaligen Herzog und dann Churfürſten Mar I. und dem ganzen Kriegsvolt mit dem Kreuz Chriſti in hoch erhobener Hand ſo heilig begeiſtert zuſprach und aller Orte todverachtend voranging, daß Reiner am vollkom menſten Sieg zweifelte. Da die Rede ſo eben wieder auf unſeren großen Chur
fürſten Mar fiel, möchte es wohl Manchem lieb ſein , zu erfahren , wo ſich denn die getreueſten Bildniſſe deſſelben , abgeſehen von ſeiner herrlichen Reiterſtatue auf dem Wit telsbacherplaße, vorfinden , namentlich auch, wie er in ver ſchiedenen Lebensaltern ausgeſehen habe. Da kann ich wohl Beſcheid geben. Als Kind iſt er auf das getreueſte am Ende des kleinen Familien - Conterfei - Buches ſeines Vaters Wila belm V. dargeſtellt, welches Buch im Saal des fechzehn ten Jahrhundertes im bayeriſden Nationalmuſeum bewahrt wird ; als fühn und feſtſchauender junger Mann kann man ihn im breiten Vorplaß der alten Reſidenz, zur Linken nächſt den Steinzimmern, ſehen, wenn man über zwei Trep pen vom Kapellenhof herauffömmt – nebenbei geſagt, fin det man zur Rechten von dieſen Steinzimmern , im ſchmä leren, reichverzierten Corridor, die Wappen fämmtlicher baye: riſchen Städte- als älteren Mann ſieht man ihn im Eins gangsſaale der alten Pinakothek, zur Rechten . Nun gab es oben Bericht von Begeiſterung und Ver trauen auf das allen Chriſten heiligſte Wahrzeichen. Wieder ein anderes des gläubigen Zutrauens iſt 48ſtens das geſchnißte, wunderthätige Muttergottes bild in der Herzogſpitalkirche. Dieſes Bild hat ein ficherer churfürſtlicher Baumeiſter und Bildhauer des Namens Tobias Bauer verfertigt, deſſen Conterfei man in der Sakriſtei genannter Kirche bewahrte, und als Churfürſt Mar III. an ſein Ende kam , wollte er , daß man ihm das Marien-Bild an ſein Krankenbett
trage. Das geſchah auch, und well jener Fürſt unſäglich geliebt war , ſo warfen ſich die Menſchen , ſchreibt Einer, welcher dazumal lebte, auf dem ganzen Wege der Ueber tragung auf offener Straße nieder und flehten zum Himmel um Erhaltung ihres theueren , väterlichen Herren. Wie hier Vertrauen zu Tag kam , ſo iſt etwas An deres ba, welchee herzinnigliche Demuth anzeigt , nemlich in der Michaelskirche, gerade über vom ſchönen Denkmal Herzogs Eugen , des Vicekönigs von Italien - 49ſtens der einfache Grabſtein Herzog Wilhelm & V., des Erbauero genannter Kirche. An dieſem Grabſtein be findet fich ein erzener Engel mit einem Weihwaſſergefäß, und die Grabſdrift, hinlänglich die Unterwerfung unter Gottes Gerechtigkeit und die Schnſucht nach Vergebung jeder Seelenfchuld ausdrückend, lautet einfach : Commissa mea pavesco , dum veneris judicare, noli me condemnare. Den Chor der Michaelskirche betreffend , mag hier nebenbei bemerkt ſein , daß am Rande deſſelben urſprüng lich jene zwei erzenen Löwen geſtanden ſein ſollen , welche fidh vor der alten Reſidenz befinden . Nun will ich an etwas Anderes errinnern , was übrigens , wer weiß , wie bald, nicht mehr da ſein wird, das iſt 50ſtens der Erkerthurm des Regierungsgebäudes am Marktplaß. Er iſt deshalb merkenswerth , weil von den vtelen, hodi vornehmen Perſonen, welche früher zur weltbe rühmten Frohnleichnamo - Prozeſſion gen München famen ,
die Alteren da herabſchauten , während die Jüngeren und Kräftigeren an dem , überaus lange Zeit währenden, Zug Theil nahmen ; und zwar ſollen da auch gelegentlich Für ſtinnen dabei geweſen fein , ihre Demuth an den Tag zu legen . Die Hauptſache bei dieſem Erker iſt aber, daß der treffende regierende, bayeriſche Herzog oder Churfürſt, wel der das Sanktiſſimum begleitete, an demſelben aus einem vom Bürgermeiſter gebotenen , ſilbernen und mit Wein ge füllten Pokal trank, was einerſeits als Ehrentrunt galt, andrerſeits eine Anſpielung auf das Blut Chriſti in fich barg . Weil nun, wie geſagt, große Gefahr da iſt, daß der Erkerthurm nicht gar zu lange mehr ſtehen dürfte , wollte ich dieß bemerkt haben ; wer weiß , denkt dann ſpäter doch Mancher noch daran, wenn er auf ſeinem Weg zum Markt plaß an die Ede der Dienersgaſſe kömmt , und es wäre doch unrecht, wenn er faſt gänzlid vergeſſen würde. So wiſſen jekt von noch ſo Vielen kaum Etliche mehr, was es auf dem Mar Joſeph- Plaß Nr. 12 mit der Thüre des dortigen Verkaufgewölbes geweſen ſei. Dieſe Thüre oder dieß Thor war aber 51ſtens der Eingang in das uralte Bittrich oder Püttrichtloſter. Nun iſt gar wohl bekannt, daß Herzog Albrecht IV . oder Weiſe des deutſchen Kaiſers Friedrich III. ſchöne Tochter Kunegunde ohne beſſen Wiſſen und Willen zur Gemahlin nahm, und daß daraus viel Zwiſt entſtand, bis ſich
der Kaiſer zufrieben gab, und dann die fürſtlichen Ebeleute endlich ungeſtört glüdlich miteinander leben konnten. Ao. Dom . 1508 ſtarb nun der Albrecht. Da wohnte die Kunegunde den Erequten ihres theueren Gemahles in tiefſter Rümmerniß zu U. & . Frauen bei, dann fuhr fic weg, ließ beim Bittrichkloſter anhalten , läu tete an , ging hinein , und als ſie im Kloſter drin war, ging fie nimmermehr herauß – ein oder zweimal ausge als es ihr eine oder die andere Angelegenheit burchaus zur Pflicht machte. Nun meine ich, daß die fragliche Thüre oder das Thor gewiß ein merkſames Wahrzeichen edlen Schmerzes und der Freudenloſigkeit an der ganzen Welt ſet ; und wenn ich auch nicht zweifle , daß es noch viele Geſponſen gebe, welche der Verluſt ihres Gemahls ſo weit treiben könnte, ſo durfte ich doch ſicher da nicht ſchweigen, wo die alte Zeit ein rührendes Beiſpiel aufweiſt. Weil ich übrigens kurz vorher wieder von der Frohns leichnams- Prozeſſion ſpracy, ſo will ich mich zu Dingen wenden, welche jeder Zeit als tüchtige Renn- und Wahr zeichen fromm kirchlicher Verbindungen galten . Damit meine ich 52ſtens die Standarten der Bruderſdaften, beren zu München früher piele entſtanden – als die Con gregation der Geſellen, der Herren Bürger , die des heil. Ifidors, eines Bauern, der hl. Nothburga, einer Dienſtmago, die Engelbruderſchaft, die der ſieben Schmerzen Mariä, die des St. Maurizius, der Maria Magdalena, die Erz
bruderſchaft des hl. Michael, bie des hl . Lorenz zur Er löſung der Seelen , die lateiniſche Congregation, die Cor poris Chriſti -Bruderſchaft, die des St. Johann Nepomud, die Altöttinger-Madonnen -Grzbruderſchaft und die des hl . Martyrs Georg. Wie Einzelne dieſer Bruderſchaften auf die Kunſt Einfluß ausübten und ſo ſchöne Merkmale derſelben für die Nachwelt ermöglichten , kann man am Beſten betreffs der Congregation der Herren Bürger wahrnehmen, welche ſich nach der Beſtätigungsbulle Papſt Gregor XIII. Ao. 1584 mit der lateiniſden vereinte und Ao. 1610 als beſonderer Marianiſcher Bund auftrat. Dieſe .Congregation erkaufte nemlich Ao. 1710 unter Mithilfe von bürgerlicher Beiſteuer brei Häuſer, das eines Frhrn. von Lerchenfeld und zwei eines Rechtsanwaltes Biedermann, erbaute den ,, Bürgerſaal" in der Neuhau ſergaſſe, berief dann den berühmten Tiroler Maler Knoller und trug ihm auf , die Himmelfahrt Mariä an die Kirchdecke zu malen, welches Bild noch heute von den bewundert wird . Audy wurde der Landſchaftsmaler Beich beauftragt, die bayeriſchen Wallfahrten für dieſe Kirche zu malen, und es heißt, dieſer treffliche Meiſter habe in Betreff dieſer Bilder zum Zwec des Gangen einen ſo geringen Preis verlangt, daß man eben ſowohl fagen konnte , er habe nichts als ſeine Auslagen bekommen und ſomit feine Bilder gewißermaſſen als Wahrzeichen ſeiner Opferfilligkeit zur Verehrung Mariä dargeboten . Soviel von oft findlich ſchön gemalten Standarten
und meiſterhaften, großen , kirchlichen Gemälden. Des und jenen Bildes oder einer Inſchrift an Häuſern wurde audi idon Erwähnung gethan und das kann hier wiederholt geſchehen . Von den etliden ſchönen , bibliſchen Vorſtellungen, zum Beiſpiel an ein paar Häuſern in der Kaufingergaſſe iſt frei lich ganz Umgang zu nehmen, da fie durch ihren hohen Sinn für ſich ſelbſt ſprechen . Was aber ein paar andere betrifft, nemlich 53ſtens die zwei Wandbilder zur Rechten , un mittelbar nach dem Eintritt in das Thal, vom Raththurm her, ſo ſind ſie im Ganzen nur allgemeine Abbildungen der Tracht- und Gewerbeübung früherer, wie noch jepiger Zeit und wenn auch das eine von der in das Spiel kommenden Innung, das Andere glaublich von einem hier zum Bürger Aufgenommenen geſtiftet wurde, was Beides ganz wohl anerkannt wird, ſo iſt doch das erſte Bild vom Rathaus her das bedeutendere, indem das Gebäude, welches man da in der Ferne der Landſchaft ſieht, die alte Burg Unter Wittelsbad, vorſtellen fou . Vom Bilde auf dem, in reiciſt alter Weiſe wieder hergeſtellten , Raththurm darf ich hier im Grunde nichts erwähnen, weil es nicht zu den alten Wahr- und Dent zeichen Münchens gehört aber ſo viel denn doch, daß es der Zukunft als ein ſolches gelten und andeuten wird, eß habe dem wohlweiſen und fürſichtigen Rath der Stadt, dem Himmel Dant, nicht an Geld gefehlt , um dem vielen Nüßlichen auch das Schöne zu verſchwiſtern.
Noch etwas Weiteres von Bildern , ſo ſind — abgeſehen von den im kleinen Rathhausjaale und in der Pinakothek befindlichen Anſichten der Pläße und Straßen des älteren Mündiens , gar ſehr merkenswerth die uralten Fürſtenwandbilder, weldie man vor etwa zwölf Jahren im „alten Hof“ oder der ,,Ludwigsburg “ entbedte. Jeder, welcher durch das Thor nächſt dem ſchönen , oben und unten ſpißen Erferthürmlein eintritt und ſich in den Vorplaß hinauf begibt, kann ſie leicht finden . Es ſind dieß übrigens nur etliche von einer ganzen Reihe fürſtlicher Geſtalten nebſt Inſchriften, mit welchen der, früher wohl ganz anders be ſchaffene, Vorplaß geziert war. Die Holzſäule, welche da bei aufgepflanzt iſt, ſchreibt ſich aus der ganz alten Anger kirde her. Nun habe ich aber 54tens weiter oben verſprochen , über ein paar Rä der im bürgerlichen Zeughauſe zu berichten. Die Sache war in kurzem fo : A0. 1709 waren in der St. Jakobs - Vorſtadt zu A ugeburg Etliche beieinander, dabei ward erzählt, daß vor fiebenzehn Jahren ein Wagnergeſelle zu Daſing am frühen Morgen ein Wagenrad gemacht und es denſelben Tag noch bis Dadau getrieben habe. Das ward bezweifelt, und der Wagnermeiſter Johannes Guttmann von Ledaufen behaupte : ,, Er ſei ſelbſt dabei geweſen und er wolle das Stück desgleichen ausführen von Ledhauſen aus gen Münden. " Das wollte der Hutmachermeiſter Chriſtian Ulber
nicht glauben, wettete dreißig Gulden , der Andere ging ein , und die Probe ward auf den zwanzigſten Junius anberaumt. Ueber ein paar Tage reute denſelbigen Hutmacher ſeine Wette, der Wagnermeiſter ſtand aber nicht ab , der Andere zürnte und ſagte ihm Böſes nach , ſo daß ihn der Wagnermeiſter beim Bürgermeiſter verklagte, und da wurde in Allem zu des Leşteren Vortheil entſchieden. Nächſt ſpreizte fich der Hutmacher aufs Neue und bot eine Abfind ungsſumme von 10 fl. Der Bürgermeiſter wollte auch, daß die Sache unterbleibe , worauf ſich der Wagnermeiſter beim Notarius Simon Peter Rathe erholte , und Der fagte: Er ſollte fich nur nicht irre machen laſſen, der Ulber habe einmal gewettet, und der Bürgermeiſter könne fagen, was er wolle — warum habe er zuerſt günſtig entſchieden . Alſo war der Guttmann ganz getroſt , wartete den zwanzigſten Junius ab , da ſtand er ganz früh auf , es fanden fidy nebſt vielen anderen zwei Handwerks-Zeugen ſeiner Arbeit ein, Die waren auch Wagnermeiſter, Namens Franz Schmucker und Andreas Bloß , welche ihm das Holz darreichten , und fo fertigte er in ſeiner Hausflur ein hinteres Wagenrad. Um ſieben Uhr war er ſchon fertig, dann ging cr zur Meſle , und über den Guttmann und das Rad ward der Segen geſprochen. Nächſt trat der Gutt mann die Reiſe an, beim Wirth Hans Jakob Weber gab's noch ein Valet mit dem þumpen und hierauf trieb der Andere fein Rab weiter, wobei ihrer Viere von Augs burg mitritten, der Seehofer, Greimbod , der Rutt
ner und der Rechelhammer. Zu Friedberg ward beim Brauer bieber zugekehrt, und das Rad-Abenteuer nahm die Leute unglaublich ein, ſo daß der Friedberger Krämer Veit Hörman gar per pedes apostolorum mit fortlief, als es mit dem Rad wieder voran ging. Er wird ſich indeſſen ſchon geſtärkt haben , denn der Guttmann und die vier Reiter ſprachen auf dem Wege noch achtmal zu , wo ein Wirthezeidhen war. Troß des vielen Poculirens kam aber der Wagner Guttmann doch lange vor der Thorſperre zu München an. Da hatte man ſchon Bericht, und war viel Volkes verſammelt, bas ihn zum $ ofmeiſter Brauhauſe , dem jebigen großen Gaſthofe zur Linken, wenn man von dem Neubauſerthor hereinkömmt, geleitete, und dort empfingen ihn die Münchner Wagner , an threr Spiße Meiſter Marr Holzmiller und Philipp Meiſter – der Altgeſelle Cleinens Albrecht aber gab ihm voll Freuden Glüdo : wünſche und Willkomm mit einer großen, bändergezierten Zinnkanne. Nächſt ging es in die Ladſtube hinauf, da ward ban fetirt , den nächſten Tag gab der Guttmann dem Rath genauen Bericht über die ganze Sache, wieder am nächſten Tag mußte • der Guttmann das Rad in die Reſidenz treiben, wo es der damalige faiſerliche Landes - Adminiſtrator Graf Lös wenſtein Wertheim betrachtete, mit dem Meiſter ſprach und ihn beſchenkte, gleich wie es der Rath gethan hatte, nachdem ſelbſtverſtändlich ein Zeugniß richtiger Ankunft ausgeſtellt worden war. Drauf biteb der Guttmann noch
zwei Tage zu München, ward von der Genoſſenſchaft gut traktirt, fie gab ihm ein weiteres Zeugniß, kaufte ihm zudem das Nad ab, ließ es vergolden und hing es in der Ladſtube auf , der Guttmann aber kehrte ruhmgekrönt nach Lecis bauſen zurück. Inſoweit wäre nun das Abentheuer mit dem Rade ganz gut abgelaufen. Aber über die Wette von dreißig Gulden ward dann ein zehnjähriger Prozeß los , welcher ,, viel Verdruß und große Unköſten " verurſachte. Es kam gar dahin, daß der Gutt mann leiblich hart angegriffen und ſo faſt verlegt warb, daß er Zeitlebens ein Gebreſten , a18 ,, einen frumben Fuß davon trug, berentgegen ob ſeinem Feind den Hutmacher ulber, die Reichsacht verhängt ward. " So iſt die Sache mit dem Rad beſchaffen geweſen, der Guttmann aber hatte troß ſeines krumben Fußes ſpäter nodi einmal Luſt , ein Rad gen München zu treiben , das vollführte er auch tapfer, und dieß leßte, wie das erſtge nannte wurden dann für weiters im bürgerlichen Zeughaus aufbewahrt. Nun war von Kirchen und manchem daran und darin fromm- oder anders Mahnungsvollen ſchon mehrmals die Rebe. Es iſt aber eine andere Kirche bemerkenswerth, weil ſie mit politiſchen Zeitlagen in Verbindung ſteht, und dieſe iſt 55ſtens die beil . Dreifaltigkeitskirche unweit vom Marimiliansplaß, mit ihrer außen befindliden Dedi cation von Seite der drei » status boici « und den Ge
dächtnißtafeln links und rechts unter der Orgel. Sie iſt etne ,, Votiv- oder Gelübdekirde," indem man zu Anfang des achtzehnten Jahrhundertes den Himmel bat , drohende Kriegsgefahr abzuwenden. Nun traf zwar in dem erſten Jahrzehnt von Ao. 1700 bekanntlich manches Böſe ein ; es hätte aber wohl noch ſchlimmer ſein können. Somit fühlten ſich die Votivſteller gleichwohl veranlaßt, ihr Wort zu löſen , und ſo wurde die herzliebe und beſonders in ihrem Innern fromm anmuthende Kirche auferbaut , wie ſie noch jeßt vor Augen ſteht. Unweit dieſer Kirche gegen den Marimiliansplaß her und fdhräg herüber von der Wilhelms - oder Marburg, ſtand das churfürſtliche Ballſpiel oder Ballhau 8 . Wenn nun dieß auch heut zu Tage noch ſtünde, ſchiene es allerdings nur ein baulides Merkmal früherer Beluſtig ungsart. Aber es iſt da doch etwas anderes im Spiele. Nemlich im weiten Saal dieſes Hauſes ſchlug der Schwedenkönig Guſtav Adolph A0. 1632 höchſt eigener Hand mit ſeinen Kriegsobriſten und etlichen anderen, bor . nehmen Herren , welche mit ihm in München eingezogen waren, Ball und zeigte fich überaus geſchickt. Dabei fah Friedrich von der Pfalz , genannt der Winterkönig, deſſen Krone Churfürſt Maximilian, wie Ihr wißt, in Beſis bekommen hatte, zu und ſoll in Schadens freude geſagt haben : ,, & r war in Prag – und wir find jeßt in München - ſein Glück war Federſpiel!“
Darauf ſoll der Guſtavus geſagt haben : , mein Fribe, das iſt's noch ! Belf uns Gott in unſerem Ziel, daß wir nicht das Glüc hinſchlagen und Er uns das Unglück zurüđ{ !" Darin hatte er richtig geſprochen. Denn über nicht gar zu lange Zeit kam es zur Shladt und da fiel der Guſtav Adolphus. Nächſt will ich noch recht aufmerkſam machen 56ſtens auf den Grabſtein des Pfarrers Erſin : ger zur Linken unter der Orgel von St. Peter. Denn dieſer Stein iſt ein wahres Zeugniß guter Kunſt ſo früher Zeiten. Uebrigens iſt aber zu wiſſen, daß dem be ſagten Erfinger Herzog Albrecht V. oder der Weiſe äußerſt befreundet und gewogen war und deſſen ſtets mit Weis heit gegebenen Rath gar oft in den wichtigſten Dingen befolgte, während er ſich außerdem eben nicht viel einreden ließ. Dieſer für Bayern, durch die Feſtſeßung der Primo genitur allein ſchon, ſo wichtige Herzog wurde , wie Ihr wift, im Lieb - Frauen Dom begraben. Nun meine ich beinabe, es ſei Dem oder Jenem siel leicht ganz lieb, wenn er etwas Näheres von dem ſpäteren , großen Gedent-Trauergottesdienſt für denſelben im genann ten Dome erfährt, um ſo mehr , als früher der Herzogin Kunegunde und ihrer Hinfahrt zum Pittrichtloſter , nach ſtattgehabten Grequien ihres Gemahles, gedađşt ward. Es ſei deshalb Einiges angedeutet, das Mehre aber ſoll eine Scriptur aus alten Zeiten wortwörtlich befagen,
welche Einer unter dem Titel : Herzog Albrecht IV. in Bayern hoch löbliche Gedächtnus Leiden be gängnus Ao. D. im neunten Jar“ ( 1509) abfaßte. Alſo zu fraglichem Trauergottesdienſte waren geboten :" Raiſer Mar I. , der Freund und Sdwager des Dabin geſchiedenen , zwei Churfürſten, eine Menge Herzoge, Land und Markgrafen, Grafen, Freiherrn und Ritter, weiters der Erzbiſchof von Salzburg, die Landesbiſchöfe, Prälaten, Pröbſte und Aebte, dazu die Kapitel von Salzburg, Eich ſtett, Augsburg, Freiſingen und Paſſau, wie auch der Rath der verſchiedenen Städte bis weithin. Von dieſen kamen fchon Sonntag vor Sebaſtian Ao. 1509 eine Menge in eigener Perſon , während die Anderen ſich durch Mehre oder Einzelne vertreten ließen -- ſo der Kaiſer Marimilian, welcher den Domdechant Zillen hardt von Augsburg und den Ritter Adam von Freunds oder Fronsberg ichidte im Ganzen waren es weit über die zweihundert fürſtliche und andere, geiſtliche und weltliche Herren -- ungezählt den großen Begleit. Wie denn der Markgraf Friedrich von Brandenburg mit 180 Bes rittenen ankam, der Erzbiſchof von Salzburg mit eben ſo vielen, und Herzog Ulrich von Würtemberg gar mit 380, die Biſchöfe von Eidſtett, Augsburg, Freifingen und Paſſau, mit 80, 70, 55 und 50 derſelben, und zu alle dem trafen noch über die achtzig hobe geiſtliche und weltliche hohe Herren ungefordert" ein . Mittlerweile war Unſer Lieb - Frauen an den Haupt orten mit gutem ſchwarz wollen Tuch " bedeckt und mit weißen
Kreuzen und Schilden Land Bayerns verſehen . Die Bahre, mit ſchwarzem gutten fammt bet vierzig Ellen lang über hängt" darauf ein dreifaches Kreuz mit goldenen Blumen - wurde da aufgeſtellt, wo ießt das Kaiſer Ludwigs Denkmal befindlich iſt , das „Hochgrab" oben im Chor ward mit ſchwarzem Tuch verhüllt, und als es zur Feier ging, brannten auf und ab über ſechshundert ,, Þfünden wädy ſen Kerzen, " ungerechnet die vielen hunderte Wachskerzen der Klagenben . Den Einzug eröffneten Paarweiſe ,,fünfzig Haus Arme Menſchen in langen ſchwarzen Röcken und Klag-Kappen, der jeder ein lang groß Staab licht eines Pfunds ſchwer Wachs mit anhangenden bayeri fchen Wappen in ſeinen Handen getragen hat. " Dann kamen Grafen, Ritter, Hofmeiſter und Hoffrauen, welchen dann die Herzogin Kunegunde folgte, vom Graf von Drtenburg und Hans von Pfeffenhauſen geführt — während die zwei Töchter Sibilla und Sabina, je den Johannes son laitern , Johannes von Aichberg, Herrn zu Hals , und vom Wolf von Frauenberg, Herrn zu Haag und fieronimus bon Stauf auf Ernfele zum Begleit hatten . Hierauf folgten eine Menge Grafen , Freiherrn und Ritter. Nun kam ,, der Herold in ſeinem Klagrođ und Kappen mit einem langen braiten Zipfel, hatt ſeinen Wappenrock am Armb tragen , ſeinen Staab gegen die Erd geſenkt zu einen
Zeiden, daß weyland feines Fürſten und Berrn Gewalt Job ſey" darnadh kamen die Fürſten und Botſchafter, ein großer, Achtung gebietender Zug. Der theilte ſich dann nach den zwei Seiten des Domes. In der Mitte blieben die Herzogin Kunegunde, ihre Da men und edlen Jungfrauen, wie aud die aus dem Land umher Entbotenen in eigenen Betſtühlen knieten -hinter ihnen „ ſechzig erberger Frauen und Jungfrauen von den Ge ſchlechten zu München, darnach bei vierzig geregelter Bets idweſtern -im Chor find geſtanden die Aebbt und Bröbſt der Landſchaft mit ihren Infuln und pontifikalten und zunächſt unterhalb der Par iſt geſtanden der Herold in ſeinem Klagrod. " Alſo hob die Feier an, und das erſte Amt hat geſungen : Herr Philipp 8 , Pfalzgraf bei Rhein , Herzog in Bayern, Biſchof zu Freifing, und ſeine Diener waren Graf Jörg von Drtenburg , evangelier und Herr Degen hard von Weichs, epiſtler – das ander Amt hat ge ſungen Herr Leonhard Erzbiſchof zu Salzburg , ſein Diener waren der Bildhof von Chiemſee, evangelier , und Herr von Irautmannsdorf, epiftler." Beim Opfergange war die Ordnung ſo : Zuerſt opferte der Herold einen Guldenen Ducaten, welchen Herzog Albert A0. 1500 hatte ſchlagen laſſen. „ Nach ihm zween Klagbrüder mit brinnenden Staab lichtern .“
Soldie „zween Klagbrüder " begleiteten auch die nächſt folgenden, alo den Ritter Sigmund von Rorbach und Wendl von Haun burg , nach denen Graf Chriſtoph von Ortenburg das Pannier trug, dann den Johan= nes von Degenberg , welcher das Shwert trug, den Hieronimus von Stauf, welcher den Schild, wie auch den Hofmeiſter Gregor von Eglofſtein und Wolf gang von Frauenberg zu Haag , welche den Helm trugen . ,, Darnach ſeind ſechs Roß mit ſchwarzen wullen Tudy bis auf die Erd bedeckt und durch die bernad Genannten um den Fronaltar gangen und gefirt worden ; hat jegliche drei wädyſene brinnende Kerzen an der Stirn ſtehend, dar unter auch an beiden Seiten jedes ein Sdild des Baier lands gehabt. Das erſte Roß haben gefiert Graf Franz von Þaſing , Graf Wolf von Montfurt. Das ander Roß Graf von Urych und ein junger Herr von Lichtenſtein. Das dritte Roß Herr Däsko , Würfel genannt, ein böh miſcher Herr und Herr Chriſtoph von Laiming , Ritter. Das pierdt Roß Herr anns son clofen , Ritter und Herr Bernhard von Seiboltſtorf, Ritter . Das fünft Roß Herr Wilhelm von Paulſtorf, Ritter und Herr Wolf von Weichs. Das ſechſte Roß Serr Peter von Altenbaufen und Herr Kaſpar Winger , Ritter. " Nach dieſen kamen vier vornehme andere Herrn, denen dann der faiſerliche Botſchafter, die Herzoge Wolf gang , Bruder des Albertus und Wilhelm , des lep
teren älterer Sohn nebſt einer langen Reihe von Herzogen, Land- und Markgrafen, Aebten, fürſtlichen und Städte-Ab geordneten, darunter der edle Willibald Pirkheimer , Rathsherr von Nürnberg und des großen Meiſters Al brecht Dürers Freund. Hierauf folgten die Abgeſandten von acht Städten im Land, Dieſen eine Menge anderer Botſchafter, Grafen, Ritter und Edelleute, hierauf die Brälaten in Pontificalibus, die Pröbſte, Dechanten und das Kapitel Unſer Leben Frauen, nächſt folgten ſechs Ritter Land Bayerns, dieſen folgte Ritter Hieronimus $ on Seiboltsdorf mit einer großen brennenden , mit hundert rheiniſchen Gulden beſtedten , Wachskerze - nach allen Dieſen erſt ging die Herzogin Kunegunde und nad ihr die geſammte Zahl der Fräulein und Frauen zum Opfer. Ich habe das ausführlicher berichtet, damit Jeder er kennen möge , wie es bei ſolchen fürſtlichen Trauerfällen früherhin gehalten worden .ſei . Dem Allen füge ich nur bei, daß unter dem Amt ein Pater Auguſtiner die Pre digt hielt, welche ſich über das ganze Leben und die Ver dienſte Albrecht des Weiſen verbreitete und auch vieler Fürſten aus dem Haus Bayern und Habsburg gedachte, die früher dahingegangen waren und dem Gebet der Chriſten em pfohlen wurden – und daß nach Ende des Trauergottes dienſtes die Herzogin Kunegunde wieder in ihr Pütt rich kloſter von dannen fuhr. Die Fürſten, jungen Fürſtinnen und alle anderen Vorneh men, Chriſtlich und Weltlich, kehrten dann in gleicher Drd
nung, wie ſie gekommen waren, in die Neuveſte, " zurüd, die jungen Fräulein und die Dienſtfrauen aber begaben fid in den alten Bof “ oder in ihre Herbergen. Damit könnte ich ſchlieſſen . Weil aber nad dem Morgenmahle und Trauergottes dienſte um ein Uhr Mittags für die Fürſten , fürſtlichen Botſchafter und Räthe in der „ Neuveſte," und zwar an vier Tiſchen, Hoftafel gehalten wurde - die Uebrigen Alle wurden in den Herbergen mit aller Notturft heimgeſpeiſt," das heißt, dortfelbſt aus der herzoglichen Hoffüche bedient — ſo möchte ich doch noch etwas hinzufügen , nemlich den Speiſezettel. Wer weiß, iſt damit Manchem und Man cher ein ganz guter Gefallen erwieſen , ſowohl wegen der gewöhnlichen Speiſen, als der Schaueſſen, welche die fieben Alter der Welt vorſtellten . Selbiger Speiſezettel lautet aber fo : Das erſt Eſſen War das erſt Alter der Welt , nemblich Adam und Eva in einem Garten , und ſtund zwiſdjen ihne ein griener Baum , darum fich ein Schlang gewunden hat , ein Apfel im Maul, und neiget ſich damit gegen Eva, dabei Maurachen und Pfiif ferling von Zucker und Mandl gemacht. Das ander Eſſen war ein geſottner Sweinkopf auf einem Roft abgetrüknet. Das dritt Effen war geſotten Fleiſch mit Rapaunen, Hüneren und gedruchendem Fleiſch. Das vierdt Eſſen war ein Figur des anderen Alters der Welt, nemblich die Arch Noe mit beiliegenden Oblatten von Zucker gepachen.
Das fünft Effen war ein haiß Effen Fiſch von Lachsförchen, Aeſchen, und an deren gutten Fiſchen . Das ſe dy ſt Eſſen war ein Zetſkraut, und was darauf gehört. Das ſiebende Effen war das dritt Alter der Welt, nemblich die Figur wie Abraham ſeinen Sun hat opfern und enthaupten wollen , anbei ein Thurn von Zucker und Mandl gemacht. Das acht Eſſen war ein durchſichtig hoche Sulz mit Fiſchen. Das neunt Eſſen war grün, und geſalzen Wiltpret in einem Pfeffer. Das ze hend Eſſen war das vierdt Alter der Welt, nemblich wie David das klein Königl gegen Goliat der in Geſtalt eines Rieſen gemacht, da ſtunde und ſein Schlingen in der Hand hette, dabei fiefie Kräpfl von Zucker und Mandl gemacht. Das eilfte Eſſen war ein Gemüs. Das zwelft Eſſen war ein eingemachter Hauſen. Das dreizehnt Eiſen war das fünft Alter der Welt , nemblich der Thurn 311 Ba biloni, ftunde mit etlichen Häuſern in einem Gemüs. Das vierzehnt Effen war ein Baftet mit eingemachten Vöglein. Das fünfzehent Effen war ein Reheſchlägl mit einem Zyſeindl.
Alter der Welt , nemblich die Menſchwerdung Chriſti, Maria mit ihren Kindlin, auch mit Joſeph, dem Gje lein, Dechſelein und Krippen in ein weiß Mandelmus gemacht. Das fiebenzehend Eiſen war ein Paſtet mit Birn und anderen Gemüs. Das achtzehend Effen war von eingemachten Vöglen. Das neunzehend Effen war das ſiebend und lezt Alter der Welt, nemblich das jüngſt Gericht, wie der Salvator unter einem Regenbogen fißt, zu der rechten Seiten die Jungfrau Maria als eine getrene für: bitterin, und zur linken Seiten St. Johannes kniend nieder Dabei ein Marzipann von Zucker, und Mandl. Das zwanzigiſt Effen war von eingemachten Karpfen und Wallern. Das ein und zwainzigiſt Eiſen war ein Bratens von Faßanen, Haſelhünern, rephüneren , Vög len, und anderen guten Wiltpret. Das zwei und zwainzigiſt Effen war unſers gnädigen Herrn Herzog Albrechts hochlöbl. Ge: dächtnus Begräbde , nemblich der Form des Grabs mit allen Fändlen oder Pannieren des Lands und Herrſchaft, wie dann das wirklich gemacht und geziert in unſer lieben Frauen Kir: chen ſtehet auf dem Grab nach ſeiner Bildung ein geharnſch: ter Mann am Nuken ligend in der gerechten Hand ein Pan: nier, und in der linken ein blos Schwerd, bei den Füeſſen zween Schild, einer mit Baiern , der andere oſterland gemalt, dabei gefülte oblat. So war es mit der Mittags -Hoftafel am Trauertage. Es war aber ſchon Tage zuvor Tafel und kommenden
Tages noch einmal , und es iſt da ausdrüdlich bemerkt, daß man beim legten Morgenmahle ,, ein Badens von Radlen eines Ofen Form" auftrug , daraus lebendig Vögel ge laſſen wurden.“ Welche Speiſen man aber bei den verſchie denen anderen Tafeln , während des Aufenthaltes der Gäſte, unter die gewöhnlichen einreihte, hierüber iſt gleichfalls Be richt zu finden. Nemlid : Ein Galern mit ihren aufgerichten Segelbaum . Unſer lieben Frauen Bild in der Sonnen, darüber ein Tabernakl auf vier ſäulen ſtehend. Ein Paſtet mit etlichen Thüren, darine ein Tor und dar : auf ein Hirſch mit einem Vergülten gehürn. Ein Pelikan, der ſich ſelbſt in ſein Bruft fticht, daraus Blut fleußt auf ſeinen jungen in ihren Neft ligend. Ein Brun mit etlichen Rörren, daraus Rainfal floß, und fiel wieder in ein Käſtlin. Ein brauner Igl in einem weißen Gemüs. Der Samſon auf einem Löwen fizend, wie er ihin ſein Maul aufreiſt. Drei Löwen in einem Gemüs. St. Johannis Enthauptung. Item etliche gegoſīne Gjchlöſſer. Das Abendeſſen Chriſti. ein ſchöner Pfab. ( Pfau .) ein Luftig gejaid. und etlich gegofine Mandlmödl. Schließlich wird berichtet, daß alle Fürſten und Für ſtenbotſchafter nebſt ihrem Geſinde und alle Anderen, welche des Gottesdienſtes wegen gekommen waren, in allen Her
bergen freigehalten und ausgelöſt wurden , wozu bemerkt wird : „ Noch darüber ſind aus unſer gnedigen Herrn Kuchen gekocht und Keller täglich ausgeſpeiſt worden ob : 2500 Menſchen und gefütert achtzehn hundert und ſechzig Pferd.“ So war es mit Herzogs Albert IV . Erinnerungs Irauergottesdienſt. Nun will ich im Vorübergeben wieder ganz ver ſchiedenes Anderes miteinander kurz berühren, wovon Jed wedes zu mehr oder weniger Betrachtungen veranlaſſen kann. Daher zählt : 57tens die äußere Rathyaustreppe und das darüber befindliche Fenſter. Auf den Antritt der Treppe wurden nemlich früher die zum Tod verartheilten Verbre der geſtellt, von jenem Fenſter herab aber das Urtheil ver leſen und der Stab über ſie gebrochen . Weiters : Der große Rathhausſaal, in welchem einzelne, große Landtagsverſammlungen, fürſtliche Hochzeiten , Feſt tänze der Patrizier und andere Vorkommniſſe ſtattfanden, ungerechnet Bürgerzuſammenkünfte in bewegten Zeiten davon wäre Manches zu berichten und zu erwägen, wie auch der kleine Rath hausfaal , in welchem die umher vängenden Bilder den Unterſchied des äußeren , alten und neuen Münchens vor Augen rüden und damit Zeiten , in denen noch viel weniger politiſirt wurde, als jeßt . Sodann : Unweit vor der Stadt, links von der alten Augsburger: Landſtraße, in einem kleinen Hof der älteſte Burgfries
densſtein , und dann geradeüber im ſogenannten „ Wie ſenfeld die Säule, welche verkündet, daß vor Urzeiten die ſſar dortſelbſt geſtrömt ſei. Weiters etwa noch : Die Rugel im Haus an der Sendlingergaſſe, unweit deſſen mit dem Bogengang, welch lekteres noch aus Kaiſer Ludwige Zeit ſtammt. Beſagte Kugel flog in den neunzi ger Jahren vom Gaſteig herein, auf welchem die Deſterrei cher und Condeer ſtanden , während diefſeits Die des General Moreau waren. Aber von etwas Froberem zu ſprechen , darf insbeſon dere nicht vergeſſen werden ein ganz annehmlicher , leider in Betreff ſeines romantiſchen Veldunkels viel veränderter, Ort, deſſen fleißiger Beſuch vor Alters wohl Manchen, der zu tief in den Humpen ſchaute und ſcießlich unter den finſteren Bögen am Marktplaß beim Heimgang zu laut wurde, in das Narrenſtüblein oder auf den hochgelobten Strafeſel gebracht haben mag. Indeſſen hielten ſich da in der Regel nur ſolche Män ner ein, welche ſich über den lauten Verkehr in der Bür gertrintſtube geradeüber ärgerten , oder ſonſt tiefſinnige, nicht geſtört ſein wollende Leute, voll von Plänen für Gegen wart und Zukunft, oder voll innerer Beſchaulichkeit in An ſehung des irdiſchen Jammerthales —dabei ſie ihre reſpek tiven Humpen Braunes leerten. Mit dieſem Orte iſt nichts Geringeres gemeint, als 50tens die ungemein alte , ehrentapfere Trinkſtube „ zum ewigen lidt," in welder auch der berühmte Herr
Petrus Nöderlein von Wien faß, deſſen Chronica, " enthaltend fein ganzes luſtiam und hinwieder fehr ernſt bewegliches Leben , ich ſeiner Zeit in die Welt ausgeben ließ , und welchem Herrn Nöderlein der furd bar wild dar einſchauende Stadt-Unter- Richter Bartholomäus R u ß beimer ſo bedeutend nadſefte. Das war Ao. 1517, als fich in Deutſchland eben der Glaubensſtreit aufgethan hatte, in München aber die, alle Herzen einnehmenden, zwei ſchöns ſten Jungfrauen lebten - die ligfalz Eliſabeth und die Bart Antonia -- zwiſden welchen der Nöderlein im mer wählte und zulegt keine bekam , wie das ſchon mehr mals geſchah, aber auf nicht ſo merkenswerthe Weiſe. Die Säuſer, in welchen die genannten und viele an dere, durch ihre Schidfale ganz mahnungsvollen Leute ge wohnt haben, ſind in beſagtem Buch genau angegeben. Weil aber nun die Sprache zufällig auf den wilden Stadt-Unter- Richter Bartholomäus Rußheimer kam , ſo muß ich doch eines Hauſes in der Weinſtraße eingedenk fein – nemlidi 58tens des kleinen Hauſes gerade über vom Wurm- & & . Nicht etwa deshalb, weil fidh der eben beſagte Herr Rußheimer mit ſeinem großen Sdnurr und Knebelbarte dort in ſeinem wüthigen Schmerzthum beim Zahnarzt Schneeberger einen Bahn herausreißen laſſen wollte und es aber doch nicht that, fintemalen ihm der Schmerz in feia nem Kiefer verging , eben als er ſdon den Thürklopfer in der Hand hatte ſondern deshalb, weil in dieſem þauſe
zu etwas anderer Zeit der Doktor Antonius Herbarius, zu deutſch Graſer, lebte, und deſſen Erlebniß eine nicht un bedeutende Mahnung für ſämmtliche Aerzte enthält, rich ja ihre Kranke genau zu beſichtigen , ehe fie glauben , daß ihnen etwas Bedeutendes feble . Alſo in dem beſagten kleinen Haus gerade über vom Wurmed wohnte der Herr Doctor Herbarius und von Dem heißt es : Er habe ficy, ehe er nad München fam, zu Mainz gehalten und ſei zwar den Leuten mit Blutegeln , Ader läfſen und Pflaſtern zu Leib gegangen , aber im Grunde habe er doch nichts darauf gehalten ſondern zu ſeinem Hauptremedium ſtets eine ſichere ziſchende, goldgelbe und wechſelweiſe roſenfarbene Tinktur gewählt , worüber denn auch wirklich Manche geſund geworden ſein ſollen , wenn ſie die Schauer verwürgen konnten, ſie zu nehmen — Mande und Mehre aber allerdings nicht. Doch habe der Her barius da ſtets dargethan , fie hätten zu wenig oder zu viel genommen, außerdem wären ſie ſicher nicht geſtorben. Dem ſei nun, wie da wolle, berühmt war er einmal, und ganz umſonſt konnte das doch nicht ſein . Indeſſen ließ er es auch nicht daran fehlen , dieſen Ruhm zu erhalten und ſtets zu erweitern . Zu dieſem Zwed beſtellte er nemlich ſehr häufig Leute, welde pünktlich daher kamen , wenn ſich Andere bei ihm eingefunden hatten, die ihm, unter dem Ausdruck des höch ſten Vertrauens, von Leibesgebreſten , ſchlechtem Magen, Herzleiden, Reißen und was weiters vorklagten, beifügend,
alle anderen Mainzer Aerzte könnten ſie nicht kuriren, wo: rin er beiſtimmte oder ſie kamen in der Weiſe , als ſeien ſie ſchon von ihm kurirt worden, obwohl er ſie ſeine Leba tage nie geſehen hatte - und wenn es auf die Deſerviten hinausging, ſo bezahlten ſie dieſelben ſtets mit Freuden, aber immer mit dem eigenen Geld des Doktor Herbarius, denn Der hatte es ihnen zuerſt gegeben oder geben laſſen. Nun war das allerdings nicht ganz ſauber , wenn man die Sache nur von der einen Seite betrachtet. Indeſſen ſoll er ſehr viele Feinde unter den anderen Aerzten gehabt haben , welche ihn herunterſeßen wollten , und da mag es wohl ſein , daß das Ganze nicht ſo faſt unrecht gemeint, ſondern mehr ein Actus der Vorſicht war, um ſeinem Rufe nur eben ſo viel hinzuzufügen , als ihm feine Gegner gelegentlich davon abzuſdyneiden bemüht ſein mochten , und nebenbei denſelben ſo viel von ihrer Ge ſchicklichkeit abzuſchneiden , als ſie ihm übel anwollten . So kann die Sache auch angeſehen werden. Es war nur eine Ausgleichung - man muß gerecht und billig ſein , beſonders mit Verſtorbenen . Deshalb wird das , worin fich der Herbarius bedeu tend verging, um nichts weniger treu berichtet, denn das lag offen am Tag , wie Jeder ſehen wird , das Beſagte andere aber nicht, denn ſo gerade in's Herz kann man Niemand jeben . Alſo wie nun der Herbarius ſeines guten Rühmens fleißig eingedenk war und den anderen Aerzten durch im mer größeres Anſehen genug Aerger bereitete weil er, wenn
ihnen etwas mißglückte, eben nicht die kleinſte Glocke läu ten ließ , ſo hörte er eines Tages, der weltberühmte Doktor Theophraſtus Paracelſus fomme nad Mainz. Als der Herbarius das hörte, war ihm das gar nicht lieb . Er ließ ſogleich Leute kommen , welche in Gegenwart ſeiner wirklichen Patienten ausſagten, ſie hätten ſich ſchon an den Paracelſus da oder dort in der Ferne gewendet, aber es fei Alles für nichts geweſen -– worauf er dann be dauerte , daß ſich die Welt von einem ſolchen fabrenden Quadfalber täuſchen laſſe, trozdem er ſdon ſo heillos viel verdorben und ſo zahlloſe Menſchen in das Grab gebracht habe. Das war die eine Kriegsliſt. Die zweite war aber dieſe , daß er ſeinen Famulus , der auf ſolcherlei Dinge ſchon längſt wohl eingeübt war , auf alle Mainzer- Pläße und in die Schenken umherſdicte, um das Volk gegen den einzunehmen , welcher fich kederweiſe in die Stadt wagen wolle, um vielleicht gar den Ruhm ſeines Herrn zu ver dunkeln . Dieſen Auftrag fepte derſelbige Famulus ganz treff lich in's Werk, brachte den Leuten das größte Mißtrauen gegen den Paracelſus bei, erzählte von etlichen ſo wunder baren Curen ſeines Herren, und im Gegenhalt von vielen ſo unglüdlichen des Anderen, daß alle Welt ſtaunte, und mit all dem machte er die Leute in Zeit weniger Tage ſo mürbe, daß der Doktor Herbarius vom Paracelſus wenig oder gar keine Beeinträchtigung zu befürchten hatte , wenn er nun demnächſt daher fäme.
Alſo war der Herbarius in ſo weit leichteren Ge müthes. Den größten Triumph aber feierte er , als Nachricht fam, der Paracelſus habe einen anderen Weg genommen, indem er „ einerſeits zu thun , andrerſeits von der beſon ders üblen Stimmung vernommen habe, welche in Mainz gegen ihn herrſche, weil ihm eine oder die andere Rur mißlungen ſei. Das paſſire am Ende Jedem und dem Geſchichteſten, und werde wahridheinlich dem Serbarius auch ſchon paffirt ſein , alſo liege daran nicht ſo viel — aber des Geredes wegen ſet ihm die Luſt vergangen , und ſo habe er ſich gegen Köln gewendet , da wiſſe er doch ſicher , daß thm Reiner die Shuhriemen zu löſen, würdig ſei. " Wie nun das ſo war und in gewohnter Weiſe Tag für Tag viele Fremde in Mainz ankamen, ſo langte unter Anderen auch ein Herr im Frankfurter - Zeifelwagen an. Der ſtieg an der Herberge zu den drei Königen ganz be ſchwerlich aus, nahm da ſein Quartier, klagte über Man ches, verließ ſein Loſament nicht, zulegt legte er ſich gar zu Bett, klagte dem Wirth und kam auf den Theophraſtus Paracelſus zu ſprechen. Dabei ſagte er : „ Vor Dem möge fich Jeder hüten, er habe ſelbſt den Beweis ! Denn Der habe ihn zu Frankfurt in ſeinem leßten Siechthum ganz falſch kurirt, alſo daß er, ſtatt geſund zu werden , über den britten Tag ſtets erſt recht todtkrank werde und Abends dann nie wiſſe, ob er die Nacht durchbringe. So, “ ſagte er, „ſei es jeßt wieder geworden. Wenn man ihm alſo einen Arzt brächte, ſei es ihm willkommen , und wenn es möglich wäre
möchte er den Doctor Herbarius kommen ſehen , weil er von deſſen Geſchidlichkeit ſchon viel gehört habe - und es bedünke ihn, wenn Der ihn nicht von ſeinem Uebel befreie, ſo gelänge es keinem Andern, und er ſei in Kurzem ein gelieferter Mann. " Weil nun dem Serbarius nichts lieber war, als viel leicht ein Wunderwerk zu vollführen, wo ſich der Para celſus ſo bedeutend geſchadet hatte, nahm er ſogleich ſeine goldgelbe und roſenfarbene Tinktur , den Aderlaßidnepper was ſonſt, und machte ſich auf gegen die fragliche Herberge wobei ihm ſein Famulus Chriſtian mit Blutegeln, Schröpfköpfen und Pflaſtern vorausſchritt und den Leuten gelegentlich zurief : ,, Da habt Ihr den Paracelſus ! Wenn er die Suppe verſalzen hat, ſollen wir heilen ! Nun denn, wenn Gott wil, geſchieht's audy, ſtirbt er, ſind wir gewiß inicht ſquld." Als nun der Herbarius beim todtkranken Fremden am Bett ſtand und die ſonderbar ſchwarze Geſichtsfarbe deſſelben ſah, auch daß der Andere im Bett drin zum öfte ſten bedeutend zitterte und den Mund fchief 209, fagte der Herbarius zu Denen, welche mit herein gekommen waren : „ Da könnt Ihr ſehen, wie elendiglich ſchlecht es mit dem Manne ſteht! 3d habe doch viel erfahren, aber ſo ſchwarz iſt mir doch noch Reiner vorgekommen - und das Bittern mitfammt dem ſchiefen Zuden gehört auch nicht zum Beſten ! " Dann wandte er fich zum Kranken und fuhr fort: ,, Alſo weit hat Euch der Theophraſtus Paracelſus
gebracht – wo nicht dolos , doch mindeſtens kulpoſe ?! Der verwünſchte Landfahrer und Quadſalber, der Menſchen tödter ! Den ſoll ja doch der Leibhaftige holen und in das hölliſche Feuer werfen ! “ „ Ja ," ſeufzte Der im Bett drin , das wäre freilich das Beſte und hätte längſt geſchehen ſollen. Nehmt Euch nur in Acht vor ihm, wenn er nach Mainz kömmt, wie ich hörte Euch ſoll er haſſen ! " „ Pa, der kommt nicht," fiel der Herbarius ein, res iſt ihm die Luſt vergangen ! " ,, Das iſt ein Glück für die Menſchen ," entgegnete Fener, ,, denn er iſt ein ungeheuer feder Geſell, und wenn er nur ſein Geld hat, ob Ihr dann alle miteinander in's Gras beißt, darnach fragt er gar nichts ! o wie iſt mir jeßt eben wieder ſdauerlich zu Muth - und der Froſt dazu mitſammt dem , daß es mir den Mund immer mit aller Gewalt fchief zieht – das iſt nimmer menſchlich ! " „ Ia, das iſt unmenſchlich," ſagte der Herbarius, „ aber wir hoffen Euch zu kuriren, nur müßt Ihr Geduld haben . Denn von der eigentlichen Krankheit ſeid 3hr wohl bald zu befreien -- nur mit der Schwärze, in welcher Ihr verſirt, wird es nicht ſo ſchnell gehen. “ „ D , " ſagte der Andere, „ ich habe Geduld , wenn ich nur mit dem Leben davon komme, damit ich mich noch am Paracelſus rächen kann . Denkt nur, er kurirte auf die Nieren und die Milz hin, und ich glaube meiner Seele, daß mir daran nie etwas fehlte ! Was meint denn Ihr ? " ,, Da ladie ich nur dazu ! " rief der Herbarius. „ Nie
ren und Milz ! Da fehlt es Euch noch tauſendmal leichter an der Leber und im Rüdgrat könnte auch ſein, daß ihr einen Herzfehler habt - wobei fich dann erſt wegen etwaiger Congeſtionen – habt Ihr Congeſtionen gehabt ? " „Das verſteht ſich !" fiel der Andere ein nicht zu nennen , ſo oft und viele ! Nun ja ſeht wobet ſich dann erſt wegen der Congeſtionen zeigen müßte , ob ſie nicht bloß Congestiones falsae ſeien, welche nach meiner neueſten Theoria mehr durch den Magen und die Rupfnerven, als durch das Blut überhaupt entſtehen das kann ich Euch Alles nicht ſo genau erklären, weil Ihr fein Medicus ſeid - ſoTo iſt's, und jeßt wißt Ihr's – aber mit dem Allen , was Guch ge fehlt haben mag, hat Eure gegenwärtige Krankheit rein und durchaus nichts zu ſchaffen .“ ,, So ſagt mir nur , wie dieſe meine gegen wärtige Krankheit benamſt wird ! “ drängte der Andere. „Ja das wenn ich wüſte ! " fiel der Herbarius wie der ein . , 3d habe gewiß mehr Krankheiten geſehen , als alle anderen Medici miteinander, ſonderlich auch in türki ſchen und ungariſchen Landen bis in das Perſiſche hinein, wo unſer Einem ſelbſt vor Sdreck und Staunen das Augenlicht vergeben möchte - da, mein Famulus Chri ſtian iſt Zeuge - aber dieſe Krantheit iſt mir noch nicht vorgekommen . ,, Das iſt ja ſchrecklich und ſchauderbar ,“ ſeufzte der Andere, ,, weh, o wehe ! " ,, Da habt Ihr redyt !" rief der Verbarius. Aber
das hat gar nichts zu ſagen ! Denn wenn ich ſage, ich weiß die gegenwärtige Krankheit nicht, ſo habe ich damit noch lange nicht geſagt, daß ich ſie nicht wiſſen werde ! So iſt's ! Vor der Hand furire ich einmal auf Eure all gemeine Schwärze los, denn der ſah ich auf den erſten Blid an, daß da Gift im Spiel iſt — weshalb es ſich eben durchaus nicht um Eure urſprüngliche Krankheit han delt, welde nemlich Euer eigener Corpus hervorgebracht hat ſondern rein und alles um das superfluum vene nosum , welches durch die verwünſchten Medicinen des ver wünſchten Paracelfi erſt in Eudy hineingekommen , ſpäter aufgetaucht iſt und ſich jept folgend von Innen heraus auf die Oberfläche geworfen hat ! “ ,, Das ſcheint mir ganz richtig, " ſagte der Andere. ,, Alſo das ſeht Ihr wieder ein !" fiel der Herbarius ein . „ Wenn ich alſo das Gift an fidy zum Verdampfen bringe, indem ich zweierlei Tincturen gebe, und zugleich durch Pflaſter, Schröpfföpfe und Blutegel hinwirke, daß das an der Leibesoberfläche ſichtbar gewordene Gift gehörig herausgezogen werde - insbeſondere aber noch durch eine Aberläſſe von zwölf Unzen nachhelfe, weil da ſogleich mehr Blut miteinander herauskommt, worauf dann das übrige im Leib drin durch die Tincturen zu neuem und beſſerem Stoff angeſpornt wird - ſo wird ſich die Sache icon berausſtellen . " ,, Verſteht fich !" ſagte der im Bett drin. ,, Nicht wahr, das febt Ihr ſelbſt ein , " ſagte der Her barius. Alſo - trifft die Kur wirklich gut ein, ſo iſt kein
Zweifel, daß es die bisher noch nicht vorgekommene media cinale „ ſpezifiſche Giftkrankheit" iſt , an welder 3hr leidet, welcher ich dann den entſprechenden Namen ein für allemal geben und zwar ſie morbus pene mortiferus ve nenosus specialis maximus betiteln werde , wornach ſich ſo dann fämmtliche Aerzte der Welt zu halten haben -denn dieſen Begriff müßt Ihr Euch von meiner Autorität ſchon machen ; jedes gelehrte Wort , das ich ſpreche, und alles, welchem ich einen Namen gebe , das geht in die weite Welt. " „ , 3a, 3hr ſeid hochberühmt," fügte der Andere hinzu, „ wenn Ihr das nicht wärt , ſo hätte ich kein ſolches Ver langen nach Euch gehabt.“ ,, Drin folut 3hr auch nicht getäuſcht ſein, " fiel der Herbarius ein, wenn anders fich noch etwas richten läßt, denn Ihr ſeid erbarmungswürdig daran, darüber iſt kein Zweifel. Indeſſen das hat ſein Gutes. Warum hat das ſein Gutes ? Weil Ihr, wenn es mit meiner Kunſt, Euch zu retten, doch fehlſchlüge, beſſer gleich todt, als lebendig feid – wenn es mir aber, wie ich hoffe, doch gelingt, Eudy beraus zu reiſſen, Eure Freude und die meinige deſto größer iſt!" „ Ja, Ihr habt in beiden Fällen recht, “ ſeufzte der Andere. ,, Lieber todt, als ſo lebendig ! Fangt nur ſogleich an, idh thue und nehme, was ihr wollt. Nur das Eine möchte ich noch wiſſen ! Da ich ſo grenzenlos krank bin, begreife ich nicht, weshalb mein Puls ganz und gar nicht bewegt iſt ? Ich habe mir ſo eben wieder daran gefühlt -
ich fage Eud , er geht wie jeder andere , fühlt nur ſelbſt ! " „ Das iſt wirklich wahr," ſagte Doctor Herbarius, „ , befremdet mich aber ſo wenig, daß ich gar nicht für nöthig halte, Euch den Puls zu greifen ! Es handelt fich fürerſt alfin um jene Krankheit, welche ſich von den Para celfiſchen Giften herſchreibt. Die aber hat mit dein Puls faſt gar nichts zu ſchaffen ! Zudem feid Ihr groß und feſt, ſo kommt der ruhige Puls auch noch von Eurer ſtarten Natur, und er beweist höchſtens, daß die Gifte des . Pa racelſus falte Gifte geweſen ſeien . " Ja, fo iſt es , fiel der Andere ein, ,, Alles, was er mir eingab, war falt ." 1, Sebt Ihr, daß ich es weiß ! So iſt es ! Wären es aber heiße Gifte geweſen, ſo wäre Euer ganzes Arterienge: blüt viel wilder, und da foultet 3hr den Puls ſchlagen hören ! " Welche tiefe Einſicht erkenne ich , " tam eß entgegen, mund mit wie wenig Worten ! So hebt denn an nur noch Eines ! 3hr wollt mich in Allem kuriren, wenn es ſein kann 7 was perlangt 3hr denn, wenn's Euch gelingt ? Ver langt nur, was gerecht, denn ich gehöre nicht zu den Armen !“ 13 Sagte der Herbarius: „ Angeſehen Eure ſdredliche Ge fabr, Unbekanntheit der jebigen Krankheit und erſt noch hins terdrein zu furirender Krankheit, wenn dieſe erſte weg ift - Angeſichts vorausſichtlicher langen Gefahr meines Anſehens, auch Roſtbarkeit des Gottes und der Edelſteine in diefen Tincturen , wird fich mein Deſervit beim beſten Willen
auf minder nicht, als zehn Goldgulden belaufen können. Und dabei verfahre ich noch mit aller Rüdſicht, weil ich es dem Theophraſtus Paracelſus zum Troß thue, der Euch in die fredliche Rrankheit hineingebracht hat. Der Geſell foll mir nur je fommen, dem will ich ein Geſicht auf weiſen und entgegen treten , daß er fich gewiß aus dem Staube machte und wie ich ihn andonnern würde ! " „ D, wenn ich nur dabet ſeyn und das hören könnte, “ ſagte Der im Bett drin . „ Was würdet 3hr ihm den un gefähr ſagen ? " „ Das will ich Euch ſogleich andeuten, " verſeßte der Herbarius, die Hand ballend und ein furchtbar wildes Ge ficht zum Beſten gebend. Ich würde ihn andonnern : 3hr pſeudoberühmter , ſpiegelfechtiger , 3hr gottverfluchter , gift ſpendiger Gefell 3hr ! Wie fönnt Ihr denn wagen , nebſt pielem anderen Unheil, einen Ehrenmann faſt durch und durch vergiftet zu haben, daß er mir ſchier todt vor Augen fam ? ba, 3hr Verräther ! 3 habe ihn aber doch kurirt ! Und wenn ich ihm vielleicht meine Medicamente nicht ge geben, ſondern nur einige Zeit in feiner Nähe geblieben wäre und ihn gehörige Zeit an den Remediis hätte riechen laſſen ja wenn ich ſie, vorausgeſeßt, daß er nur um die Hälfte weniger übel daran geweſen wäre, nur in ſeiner Nähe gelaſſen hätte — ſo hätte ich ihn möglicherweiſe auch furirt , alſo fräftig und antidotiſch find fie! nicht wahr, Ihr Schelm , das glaubt Ihr nicht, aber es iſt doch ſo ! " „ Freilich iſt es ſo , " rief Der im Bett brin, ,, ob er
es glauben wollte, oder nicht. Dort ſtehen Gure Tincturen, - und ich bin auf einmal geſund ! " Dazu ſprang er in einem hirſledernen Unterkleide aus dem Bett, in ſeinen pelzverbrämten Schlafrod hinein, nahm einen Schwamm vom Tiſch und fuhr über das Antliß , daß alle Schwärze verſchwand, ſchleuderte ihn auf den Her barius und donnerte : ,, Wißt Ihr's jegt und ſeht Ihr, wen 3hr vor Euch habt ? Ich bin's , der Theophraſtus Paracelſus ſelbſt, auf den Ihr ſchmähtet und durd Euren Famulus losziehen ließet ! Nichts fehlt mir, nichts iſt's mit Eurem morbus pene mortiferus venenosus specialis maximus ! Ich habe Eure Ignorantia maxima zu Tag gebracht, und damit fort und hinaus !! " Auf dieß machten der Berbarius und ſein Famulus ohne weiters links um - und ehe zwei Tage verfloſſen,, waren ſie zur Stadt Mainz hinaus, denn in der kam der Ruf des Geſchehenen ſogleich herum , und gab es einen Hohn und Lärmen, daß es mit allem Vertrauen aus war, und keine Vertheidigung des Famulus Chriſtian mehr angriff. Der Paracelſus aber blieb auch nur einen Tag, denn er hatte einen Ruf wo anders hin bekommen , wo er ſich größter Ehren verſah, und iſt ficher, daß der Herbarius aud anderer Orte in der Nähe noch viel Spott zu erlei den hatte . Die Zeit verwiſchte nun, wie gar Vieles , auch des
Herbarius Niederlage mehr und mehr, beſonders als er weiter und weiter weg fam. Weil nun dazumal von Mainz bis gen München gar weit war , wandte er fidzuleßt dahin, und er fuhr da ganz gut. Denn die Münchner hatten wohl einmal ge hört, daß in Mainz Etwas mit dem Paracelſus und einem anderen Doctor vorgefallen ſei aber nicht genau was, audi nicht, daß der Andere Herbarius heiße, und das Gerede war auch nur kurz . Item als er ſich in der Weinſtraße ein logirte, dachte man durchaus nicht daran, daß er Der ſei, welchem der Paracelſus ſo übel mitgeſpielt habe, und ſpa ter kam man auch nie recht darauf. Einen einzigen Fall ausgenommen , in welchem ein Mainzer Raufberr kam, und die Rede in einem Patricier bauſe auf den Herbarius fiel. Als da der Mainzer , der auf dieſen leßten Namen aufmerkſam wurde, fragte, ob es etwa der Herbarius ſei , mit welchem der Paracelſus ſeine Angelegenheit gehabt habe und dieſe genau erzählte, ſagte man, das ſei wohl nicht ſo, und ber fragliche Serbarius werbe wohl ein An derer geweſen ſein. Das wollte aber der Kaufherr nach Verſchiebenem , was er von ſeinen Medikamenten hörte, nicht zugeben und erbot ſich zum Beweis, als nemlich, daß er beim Herba rius ſich auch für krant ausgebe. Da werbe man dann ſogleich fchen, ob Der fich täuſchen laſſe - und wenn er ſelbſt ihn überhaupts nur von Angeſicht ſehe, ſo kenne er ihn ohnebieß.
Von dieſer Sache bekam aber der Herbarius Wind, und als wirklich geſchi &t wurde, waren er und ſein Fa mulus nicht zu Hauſe, ſondern angeblich nach Daciau ver reist , wo es eine Kur gelte . Ueber dieß mußte der Mainzer Kaufherr wieder fort, und als er bei einem Thor aus der Stadt war, kam der Herbarius alsbald beim anderen wieder herein . So war die ganze Herbarius- Angelegenheit, und in ſoferne iſt das Haus an der Weinſtraße, werin er wohnte, ein ganz gutes Mert- und Wahrzeiden in medicinellem Be treff des fechzehnten Jahrhunderts . Was nun ſeinen Aufenthalt in Münden ſonſt betrifft, To follen feine Kuren nicht ganz unglüdlich geweſen ſein, obwohl ihm hie und da und im Ganzen auch mehr Leute ſtar ben, als er geſund machte. Manchesmal ſollen aber ſeine Tincturen fehr gut gewirkt haben. Auſſerdem ſteht irgendwo, daß er fid in ztemlich älte ren Tagen bahier mit einer ganz vermögensloſen, aber annehmlichen Jungfrau verheirathete und ihres Befißes ungemein froh war ; aud war fie die längſte Zeit nicht leidend. Als fie es aber doch einmal wurde, rief er einen anderen Arzt, und als ihn Der fragte, weshalb er nicht ſelbſt kurire, ſoll er geſagt haben : „ Da er Medicinen geben müſſe, welche feiner lieben Gbehälfte unangenehm feyn könnten, wolle er das lieber einem Andern überlaſſen ." Das war gewiß ſehr aufmerkſam vom Dr. Berbarius und verräth großes Zartgefühl.
Etwas anders lautet das, was er ſagte, als er ſelbſt ſchwer krant wurde, und ſich auch da einen Arzt berief, der fid, auch guter Mittel rühmte. Als ihn der ſpöttiſ fragte, warum er ihn kommen lafle, da er doch felbſt hilfreide Ticturen babe, foul er geantwortet haben : „ Die habe ich freilich — aber ich habe da meine eige nen Gedanken, und wir zwei können ſchon miteinander Bei meiner feligen Frau bachte ich : Was du nicht willſt, daß man dir anthue, das thu du auch anderen nicht und bei mir denke ich : Was du auch Anderen an thun darfſt, das brauchſt du dir deshalb nicht ſelbſt anzuthun . Ihr müßt mid deshalb nicht geringer ſchäßen meine Medicamente ſind gewiß beſſer, als die Euren , aber gewiß weiß man eben doch nicht und ſowie ich Euch rufen ließ, laßt bald möglichſt auch einen Anderen rufen - wenn Euch etwas fehlen foute ! " von vielen Wahr- und Denkzeichen und Orten, welche ich da nebeneinander insgeſammt vorgebracht habe, will ich jeßt nur noch dret belfügen , bei denen es fich um ein Na mens - Wahrzeichen handelt. Alſo für's Erſte wißt 3hr alle, daß man es im Ex haus, der Bank gegenüber, welches Haus in ganz alten Zeiten dem Meiſter Conrad gehörte, 59ſtens beim lachenden Wirty " nennt. Dieſer Name ſchreibt fich baber : Ao. 1674 am 9. April entſtand während der Ab weſenheit des Churfürſtent Ferdinand Maria in ber
Reſidenz ein großer Brand1, welder unſäglichen Schaden anſtiftete. Da war Alles in der größten Verwirrung, wußte nicht, wo zuerſt retten und wo hinaus, und irrte ſo in den allereinfachſten Unterkleidern jammernd hin und her. Andrerſeits eilten die Leute aus der Stadt zu Hülfe - und faſt vor Aűen kam da auch der Wirth Martin , an geblich des Beinamens moman , welchem das beſagte Haus gehörte, und welcher wegen ſeines tropigen, ſtilen Weſens ſo bekannt war, daß man ſagte, er habe ſein Leben lang nicht gelacht. Wie nun dieſer Wirth in die Gänge der Reſidenz kam und zuvörderſt den Baron Simeoni – der auch nur in Unterkleidern war ganz verzweifelt ab und zu lau fen und die Hände ringen fah , und dazu die Hofdamen und Kammerzofen, welche derſelbe bald dort-, bald dahin retten wollte, obwohl er ſelbſt nicht wußte, wo zuerſt aus und an , fo ſchien ihm bas aules nod nicht zu curios. Aber als wieder etliche Damen in gleicher Weiſe daher kamen , an ihrer Spiße - mit auf einer Seite aufgelösten Haaren und ohne Pantoffeln - die gute Gräfin von der Waal, des Käm= merers gleichen Namens Schweſter, welche fdon in reiferen Jahren, zugleich eben nicht von den geringſt Beleibten war und ihn, den Wirth , auf Franzöſiſch um Hülfe anrief -- da kam dem ernſthaften Wirth der ganze, von Simeoniſche, Damen-, Rammerzofen- und nun erſt der von der Waal fde Anblid fo kurios vor , daß er zum erſtenmale in Laden ausbrach und zwar in ſo heftiges, daß er gar nicht fertig
werden konnte, und je verzweifelter die von der Waal war, deſto mehr lachte er. Dody hinderte ihn dieß nicht, daß er die treffliche Gräfin von der Waal an der Linken anfaßte, den Anderen zurief, fie ſollten ſich anſchließen, weiters init ſeinem rediten Arm unter den anderen, zu Hülfe Eilenden Plaß machte und ſomit Sämmtliche an den Hofgang brachte, der zu den Theatinern hinüberführte, wo ſie mit der Chur fürſtin Adelheid zuſammentrafen, welche ſich ihrerſeits , vom Marquis d'Harancourt begleitet, nebſt ihren Kindern ſchon auf dem Wege in's Kloſter befand. Hieran ſchloß ſich auch der Marquis d'Espinal , dem es gelungen war , die koſtbarſten Kleinodien aus den Gemächern der Churfürſtin zu retten, hingegen fich der Oberſthofmeiſter, Graf von Fürſtenberg, welder zuerſt auch ganz confus war, rafd verabſchiedete, um alle mögliche Vorſorge für den noch nicht brennenden Theil der Reſidenz zu tragen , worin er auch nebſt dem Bruder der beſagten Gräfin das Geeignete that. Gleichwohl brannte viel nieder, namentlich faſt die ganze Seite auf den Hofgarten zu, und auſſer vielen Roſtbar keiten anderer Art , ging auch eine ganze Reihe der älte ſten , fürſtlichen Ahnenbildniſſe zu Grunde. Nachdem das Feuer lange gewüthet hatte , konnte es zulegt, gegen das Barfüßerkloſter zu, einer hohen Mauer wegen, nicht weiter greifen . In Kurzem wurde man dem Brande gänzlich Herr, an welchem ein Hoffräulein, eine Gräfin de la Perouse die Veran laſſung war, indem ſie einſchlummernd vergeſſen hatte, bas
Licht auszulöſden , worüber ihr Kiſſen , der Vorhang des Bettes und ſofort Alles ringdum Feuer fing. Die edle Adelheid tröſtete die Verzweifelte fo viel, ale möglich, und gleicherweiſe verzieh Derſelben auch der Chur fürſt, welder, durch drei Couriere vom Brand benachrich tigt, am 11. April zu München eintraf. Von dem Wirth Martin aber zu reben, ſo ſoll Derſelbe, als er vom Hofgang in die Reſidenz und zur Hülfe beim Brand ſelbſt zurüdeilte, ungemein viel geleiſtet und gerettet haben und dabei alsbald wieder ganz ernſt haft geweſen und fürderhin geblieben ſein. Wenn aber in fünftiger Zeit die Rede auf den Reſi denzbrand fiel, und er auf die Hofherren und Damen, voraus die ehrenbeſte Gräfin von der Waal zu ſprechen kam, ſo verließ ihn mit einemmal fein finſterer Ernſt und er brad in Laden aus, daß das ganze Zimmer erzitterte . Da mußten dann Die um ihn auch mitladen und al über das nannte man es beim „ ladenden Wirth. " Von da komme ich auf das zweite Namenswahrzet chen zu ſprechen. Das trifft auf einen Ort zur Rechten hinab, wenn man, am Kaſernenhof vorbei, durch das Hofgartenthor, zum engliſchen Garten hinaustritt. Ebengenannter, tiefliegender Kaſernenhof gäbe viele Ver anlaſſung auf früher Beſtandenes zu kommen, aber es ſou nur vorübergehend von ihm allein Melbung geſchehen. Es war da früherhin ein mit Schwanen befekter See, hübſche Inſeln und Halbinſeln gab es , die waren
wohlbepflanzt, auch ſtanden allerlei marmorene Vaſen, me tallene Figuren darauf, menſchlich geformte und Thiere To die zwei metallenen Hunde, welche aus einer großen Zah! gleicher, die man nach und nad eingeſchmolzen bat , gerettet wurden und im Nationalmuſeum aufbewahrt find. Auf der Stelle der Raſerne ſelbſt war ein Zug Şü gel mit ſchönen Baulichkeiten , Bäumen und Gebüſchen, in Mitte aber war der ſogenannte „ Muſenberg “ mit an muthigem Bogenwerk und Grotten, darin Bildfäulen ſtan den, und zu Innerſt war eine Bavaria. Jenes Grottenwert ſelbſt war wechſelnd aus Tuf, oder Muſcheln und ſchönem eingeſepten, buntem Geſtein, roth blau, gelb und ſonſt von allen Farben – kurz das Ganze in der Weiſe, wie der herrliche Muſchelhof in der alten Reſidenz, gegenüber vom Herzog Chriſtophſtein . Dieſe Art Arbeit nannte man Roccaillerie , und davon hatte , der oben gemeinte Ort ſeinen Namen. Es iſt aber von nichts Anderem die Rede, als 60ſtens von dem hochpreislichen, ſogenannten ,, Rođerf" in der Haupt- und Reſidenzſtadt München , welches abſon derliche Wort Roderi fich daher ſchreibt, daß daſelbſt die Roc caraille - Arbeiter wohnten und ihre Hauptwerkſtätten hatten . Nun muß ich zwar ſelbſt ſagen , daß fich das franzöfiſche Wort ſehr gut und vornehm ausnimmt, aber es läßt ſich gegen das deutſche auch nichts einwenden . Die Franzoſen ſollen fagen bei den „ Rocailleurs , " wir ſagen jeßt einmal ,Rođerl, " und dabei bleibt es .
Und nun komme ich ſchließlich auf das dritte, bau lidhe Namens- und Juſtizwahrzeichen zu ſprechen. Ihr meint etwa auf den gewiſſen, runden Thurm an der neuen Marimiliansſtraße ? - Ja der iſt freilich auch ein bedeu tendes Wahrzeichen für die Debitoren. Aber davon rede ich nicht, ſondern von einem anderen Thurm aus uralten Jahrhunderten, welcher in der langen Reihe ſicher Mandhem fehlte ; um ſo mehr, als deſſen Bild am Beginn dieſes Kapitels vor Augen ſteht. Ich ließ es umſomehr beifügen , als nun von dem abenteuerlich düſteren Gebäu, nemlich 61ſtens dem Falkenthurm , die leßte Spur ber dwunden iſt. Dieſer Thurm führte ſeinen Namen deshalb, weil in vergangenen Zeiten mehre Jagdleute und ſonderlich die Hoffalkeniere obenauf im daran gebauten Häuslein ihren Aufenthalt hatten. Der Thurm ſelbſt aber war, wie jeder weiß, ein Gefängniß, und der Thurmvogt wohnte im eben genannten Häuslein zu ebener Erde Wollte ich nun anfangen , von Auen zu berichten, welche da von gleidizeitiger Erbauung des nahe gelegenen , „ alten Hofes , “ oder der „ Ludwigsburg “ an bis herauf zum vorigen Jahrhundert in Haft gefommen ſind, ſo dürfte es eben nicht furz werden. 3d will deshalb nur an Etliche erinnern , welchen gegönnt war, einen fürzeren oder längeren Aufenthalt in dieſem diden Gemäuer zu nehmen.
So befand ſich da beiſpielsweiſe der welſche Ritter Markus Bragadino , genannt Manulquatro , welcher die Leute aller Orte, beſonders auch in Venedig , mit ſeiner Aldhimie betrog und dann nach München an den Hof Her 30g8 Wilhelm V. fam, wo ihn ſein Schidal erreichte. Die Einen ſagen dabei, er ſei , mit einem vergoldeten Strid gefeſſelt, zum Tode geführt worden, die Andern, es ſei vom Hodgericht ein folder Strick herabgehangen. Die Sache fiel vor am 26. April 1591 . Gin anderer wüſter Gefell war der welfde Fra SO lina, von dem ihr bei Gelegenheit des Meiſters Conrad von Nürnberg gehört haót. Ein Dritter war der heilloſe Junker Sarazin , wel cher dem jungen, reichen Herrn Berthold dem Speirer ſo grauſam viel zu ſchaffen machte , als Der mit Geld für den Herzog Johannes nad Münden fam und beim Herrn Welſer am Erferhauſe nächſt der Roſengaſſe abſaß, als in Land Bayern juſt ein ſo heißer Sommer regierte, daß alle Feldfrucht in Gefahr ſtand . Ueber den Sarazin und Speirer fann Jeder das Ganze im Wettermader von Frankfurt" in meiner guten alten Zeit " leſen . Hier ſage ich nur ſo viel, daß es dem Speirer hoch zu ſtehen kam, daß er das erſte Wetter männlein nach München brachte, weil die Leute glaubten, er könne regnen laſſen , dem Sa razin aber kam es noch theurer zu ſtehen. Das war ſo Ao. D. 1393 . Wieder lagen da kurze Zeit lang drei Bürger, welche in den alten Rebellionszeiten – da die Macht der Her
zoge brach lag und es fich zeigte , daß jener, früher er wähnte, Hofnarr nur zu recht gehalt habe,,,- für ihre Treue von den Aufruhrshäuptern zum Tod perurtheilt wurden, der Iriener , Stromer und paid ofh . Daß der falſche Bürgermeiſter, der ſicheren Sage nac, auch im Falfenthurm lag, wißt Ihr ſchon vom Be richt über das Fauſtthürmlein her. Nun wird noch Dreier Erwähnung gethan - nemlich eines hochgeachteten und fürnehmen ritter lichen Grafen - eines hißigen Schneidermeiſters nebſt Genoſſen und eines Juriſten. Der Graf und Ritter, welcher kurze Zeit im . Falfen thurm, dann aber längern im Thurm am Thiergarten, nems lich im Chriſtophthurm gefangen ſaß, weil er Herzog Al brecht V. ſchwer beleidigt hatte , hieß Ladislaw don Haag. Das war Ao. 1557. Er wurde dann frei, hatte noch verſchiedene Erlebniſſe, ſonderlich eines in Welſcland, wo er eine reiche Braut zu finden glaubte, während ſie meinte, er ſei reid – zuleßt ging die ganze Sache wieder ausein ander, und der Ladislaw mußte nach viel Koſten und Sda denserſaß noch froh ſein , daß er aus der welſden Gegend wieder beim in's Deutſche fam . Ao 1567 ſtarb er, und da er finderlos war, fiel die Grafſchaft als offen gewordenes Leben an Bayern. Eine Biertelſtunde von Haag , im Gotteshaus zu Kirchdorf, liegt er begraben , und da iſt ſein Grabſtein.. ; Zuerſt aber war der Ladislaw in einer Kapelle, etwa 500 Schritte von Kirchdorf entfernt, begraben . Dieſe Ras
pelle riß man ab, baute ein Häuslein hin , und als das geſchah, fand die Uebertragung ſtatt. Uebrigens kam der Ladislaw dadurch zu feinen Leuten , denn faſt gar piele andcre Saager hatten ſchon vorher zu Kirchdorf ihre Rubeſtätte. Der zweite, der hißige Shneidermeiſter, hieß 3örg Hißberger , welcher fich in der ,, Þaager Zuſammenrot tirung " Ao . 1596 ſo jdarf auszeichnete, daß man ihn nebſt einem Anderen, des Namens Stiler, Feſtnahm , Beide in den Falkenthurm brachte und ſie zuin Tode verurtheilte, aber dann zu ihrem großen Troſt begnadigte. Der Dritte, der Juriſt, war der Praktikant Georg Sebaſtian Plinganſer , welcher mit den Ingolſtädter Stutenten Meindi , Dalmet , Dertel und insbeſondere Hoffmann die Haufen der Landleute organiſirte, als es Ao. 1705 gegen die öſterreichiſche Landesoccupation ging. Der Hauptgrund des Aufſtandes war, daß Kaiſer Joſeph I. 12,000 Bayern audbeben laſſen und nach Ungarn und Italien ſiden wollte . Die ba fort fouten , Hohen , rotte ten ſich zuſammen , und bald war die Schaar auf 20,000 Mann angewachſen, unviel ſpäter auf 40,000, Burghau ſen , Schärding, Braunau wurden erobert, dann ſollte München überfallen und frei werden. Bekanntlich wur den aber da die Deſireichiſden gewarnt, die Oberländer zurüd getrieben, und zu Sendling fanden Dieſe ihren Untergang. Nächſt wurden andere Schaaren bei Vilshofen und A i denbach vernichtet, Braunau , wo der Landesverthetdi gungsausiduß war, ber theils aus Verwirrung, theile aus
liſtiger Abſicht planlos verfuhr, wurde durch einen gewißen Dcfort an die Deſtreicher verrathen , und bald wurde die ganze Erhebung unterdrüdt. Die Führer zerſtreuten ſich, Hoff mann gerieth in öſtreichiſche Gefangenſchaft und mußte ſter ben , der Plinganſer gerieth auch in Gefangenſchaft, ward zum Verhör nach München geführt, faß da etliche Monate im Falkenthurm und richtete von da aus im Monat Juni 1706 an den Kaiſer ein Bittſdyreiben um Befreiung , in welchem er über Vieles Aufklärung gab und darzuſtellen ſuchte, daß er, wenn er auch gegen ihn ſtand, doch viel Schaden verhindert habe. Kurze Zeit darauf wurde er frei und ſpäter Kanzler und Nath des Reichsſtiftes Sanct Ulrid zu Augsburg, wo er Ao. 1737 ſtarb. Damit fet das Rapitel von den allerlei anderen Wahr zeichen beſchloſſen , nur daß ich noch etlide alte Reime ber reße, welche Einer ſeiner Zeit auf den Falkenthurm ſchrieb : D ſei du frumm und gehorſam fein , Nur in den Thurm kumm nit hinein , Db dich was noch ſo truß und wurm , Iſt beßer dann im Falkenthurm ; Das kann ich dir für ſicher ſagn, Wo du nit glaubſt, magſt du's beklagn ! Mir ſcheint faſt, der das ſchrieb, hat den Falkenthurm einmal ſelbſteigen probirt, weil er es gar ſo dringend machte.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Der große Wind.
Unfehlbar iſt eines der merkenswer theſten Volks Sprach- Wahrzeis chen zu Münden das Wort : „ Ja dazumal, beim großen Wind ! " und Mande feßen dazu : „ A0. Eins ! " Wer das ſagt, drüdt eine Abweiſung aus und meint da mit ungefähr : „ Was du ſagſt, iſt heute zu Tag nicht mehr möglich ,“ oder nad Umſtänden auch „ das und das thu' ich durchaus nicht!" Nun habe ich, wie viele Andere oft ſchon die längſte Zeit auf das Tiefſte und Reiflidſte nadıgedacht, wie es denn eigentlich mit dieſer Sache von demſelben großen Wind"
beſchaffen ſei. Ich bin aber nicht ſo wahrhaftig und tief auf den Grund gekommen, daß ich mir einbilden dürfte, ich wiſſe allein das Richtige und Sichere. Vielmehr wird es das Beſte fein, die Meinungen Verſchiedener klar vor Augen zu ſtellen , damit die ganze Angelegenheit in noch weitere, reiflliche Erwägung gezogen werden könne, denn einmal ſoll da doch ein Entſcheid kommen, und es handelt fidi zuerſt um den Ausdruck, wenn das „ A0. Eins" nicht beigefeßt wird. Die Ginen unter den gelehrten Köpfen meinen nun da : Es fei mit dem „ großen Wind “ die Zeit angedeutet, in welcher ſich Mar Emanuel in Brüſſel als Statthalter aufhielt und, wie die Leute jagten, für eine nichtig win dige Pracht ſein Land Bayern in die niederländiſche Schüſſel gebroďt habe.“ Die 3 weiten nehmen Bezug auf etwas Anderes . Um Mitte des vorigen Jahrhunderts erſchien nemlich eine Kleiderordnung , weil es die Weibſen mit ihren Hauben , Röđen , Goldborten und ihrem „ Geſchmud" ei Zeit lang ſo hoch gaben , daß es den chriſtlich ſchlichten Ehchaltern ſchier über alles Vermögen und Maaß ging. A18 nun dieſe Kleiderordnung den Lesteren ſehr wille kommen war, wollten die Ehefrauen davon durchaus nights wiſſen , trojdem ihnen gedroht war, die Rathsknechte wür den ihnen beim Kirchgang und ſonſt aller Orte die be fagten þauben herrabreißen, die Borten abſchneiden – und daß fie das Geldymud auch mitnahmen , verſtehe ſich von ſelbſt.
Bei ſo bewandten, unläugbaren Zuſtänden behaupten nun die zweiten Hochgelehrten : ,, Es ſei das tropige, windflüchtige, prachtmäßige und über die bürgerliche Sdlichtheit hinaus gehende Gethu be ſagter Weibſen als der „ große Wind “ zu nehmen, oder, wenn das nicht eben die raſche Gewalt der hochlöbli dhen Rathspolizei , welche ihnen eines Sonntags, wegen ſtets neu bewieſener Unfolgſamkeit, wirklich wie das ſchnau bende Wetter über die mehr und minder anmuthigen Häup ter herfuhr, worauf ſie dann doch hätten nachgeben müßen. " Die Dritten laſſen das Alles im Ganzen gar wohl zu , bringen aber den großen Wind " wirklich in's Spiel. Sie behaupten nemlich : ,, Die Polizei ſei den Weibſen zwar in Einigem , doch niďt in Allem Herr geworden , ſo daß es die Küh neren gleichwohl gewagt hätten , am nächſten Sonntag wie der in der verordnungswidrigen Pracht zur Frauenkirche über den Berg hinauf zu ſtolziren. Da ſeien nun die bar bariſchen Stadtknechte ſogleich wieder bei der Hand geweſen, wären aber dod wohl nicht gänzlich zum Ziel gekommen, wenn nicht urplößlid; ein ſchredlicher Sturm Hülfe gebo ten hätte , indem derſelbe ſo ungeheuer gewüthet habe, daß es die Hauben und Bänder über die Kirche und die Stadt bis über die Fſar hinüber riß wie man denn eine Haube auch wirklich in Rammersdorf auf einem Baume hängend gefunden haben ſoll. Erſt durch dieſen ſchauerlichen Sturm , welcher den Weibfen ein, zu Gunſten der churfürſt lichen Verordnung eingetretenes, Himmelszeichen zu ſein ſchien,
hätten fie fich nun in die vorgeſchriebene Entbehrung gefügt wodurch denn zu gleicher Zeit, ſowohl der hoch löblichen Rathspolizei die Sorge für den Untergang ihrer Autorität, als auch den Mündneriſchen Ehebaltern die Angſt wegen zu vielen Geldverbrauches hinweggeblaſen worden ſei. “ Dieſes iſt, was Ihrer Dreierlei behaupten. Uebrigens find da noch andere vierte Hochgelehrte, welche der leßten Meinung zuſtimmen , aber dazu be haupten : ,, Der heftige Wind, welder bekanntermaffen gar oft noch heut zu Tage um den Lieb - Frauen- Dom webt - ſchreibe ſich von dem anderen und früheren Wind her, indem ihn der Himmel zu einem ſtets wiederkehrenden Wahrzei ſchen und zur fteten Mahnung für die Jungfrauen und Frauen beſtimmt habe.“ Wie nun aber der Spruch zu verſtehen ſei, wenn „ A0. Eins “ dazu geſeßt wird, darüber läßt ſich nur Zweier Tei denken. Nemlich iſt damit entweder ſcherzhaft der Anfang der Welt gemeint oder das Jahr 1801 , in welchem die Mächte gegen Napoleon I. leider derart den Kürzeren zogen, daß er die Abtretung des linken Rheinufers erzwang, alle Ordnung im deutſchen Beſif , mit Recheit umzukehren begann, zumal die rheiniſchen Fürſten willkührlich auf Ko ſten Anderer entſchädigte und zu dieſem Zweck ohnewei ters die geiſtlichen Reichsſtände und Reidhøſtädte wegblies. Die ganze Aenderung ward vollzogen durch den Reichs deputationsbeſchluß von 1803, dem zu Folge von geiſtlichen
Fürſten nur der Churfürſt von Mainz, welcher ſeinen Siß nach Regensburg zu verlegen hatte , blieb , während von 43 Reichsſtädten 37 ihre Selbſtändigkeit verloren . Bei dieſer Auffaſſung wäre der Scherz eben nicht gar erfreulich . Wie düſter aber die Sache auch ſei , dieſe Auslegung bätte Etwas für fich wenn nicht glüdlicher Weiſe vom „ großen Wind " ſchon im vorigen Jahrhundert die Rede geweſen wäre, wie ich von ganz alten Leuten weiß. Und das iſt mir ſehr tröſtlich. Denn wenn man der Macht desa felbigen Eroberers und Zwingherrn leichtſinnigerweiſe ein ſprachliches Denkmal geſegt hätte, ſo mißfiele uns das wahr lid Aden ganz und gar. Jeßt habe ich alles geſagt,, was an bedeutendſten Meinungen über den großen Wind" vorzubringen iſt. Es wil mir aber Alles nicht recht taugen , und was ich mir ſelbſt dann und wann weiters gedacht habe, tagt mir auch nicht weswegen ich erſt dann ſprechen werde, wenn die Sache genau und unfehlbar hergeſtellt und bewieſen werden kann. So viel iſt aber hoffentlich ſicher: Daß ein Jahr 1801 für uns Deutſche nicht mehr tömmt, und daß der nächſte politiſche große Wind " uns nicht ſchadet, vielmehr die Macht niederwehen wird, welche etwa dem deutſchen Vater: lande in Liſt oder Gewalt anwollte.
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Finis
Nun geht es mit den Münchner Wahr-, Denk- und Mert zeichen , ob groß, ob klein, zu Ende, und wie wohl id weiß, daß die Geſchlechter-Wappen " ficher dazu zählen und von we ſentlichem Werthe ſind, ſo käme es dabei doch beſonders auf ihre Abbildung an – deren wäre aber eine ganze Menge. Doch möchte Ein und der Andere die Geſchlechter der Münchner Vorzeit dem Namen nad kennen , deshalb will ich fie nach dem Alphabet hieher feßen, als : Die Aindorffer , Altmann , Aſtaller, Bart, Dichtl , Diener , Donnersberger , Drädsl, Eiſen mann , Engelſ alt, Fend , Freimann , Gaisho: fer , Gerolt , Gießer , Guldein , Häring , Höger , Hörl , Hundertpfund, 3mpler, Raßmater, Remps ter , Krai , Küchenmeiſter, ligſalz , Müller , Ni ger , Perkhofer , Pfundmer , Podmer , Pötſchner , Pretſleifer, Pronner , Pütric , Ramung , Reit mor , Red, Ridler , Roſenbuſch , Rudolf , Rucpp, Ruf baimer, Scharfzant, Schluder, Somalho 13, © đ 6 in ger , 6 d 6 tt , $d reiber, 6 đ t : nt, 6 : = bofer , Sentlinger , Senftl , Spiegel , Starn berger, Stupf , Tegernſeer , Tömlinger , Tulpet, Weiler , Weißenfelder , Wilbrecht. Dieſe Geſchlechter ſind bis auf ein Paar, alle längſt ausgeſtorben . Und nun will ich nur noch von zwei ganz großen Wahrzeichen ſprechen.
Von dieſen iſt das eine weithin im Bayerland – das andere weit aus in allen deutſchen Landen ſicht- und er kennbar. Das Erſte find die zwet Kuppeln der Thürme unſe res Lieb - Frauen- Domes. In Sachen dieſer Kuppeln hat ſich ſchon gar Mancher die und jene Anſpielung erlaubt , wie denn die Leute heute zu Tage, hier inſonderheit die Zeichner, oft ſehr fühn find. Nun es iſt am Ende nie gar ſo bös gemeint geweſen . Die gefährlicheren Feinde find jedenfalls die hodylöb lidhen Baumeiſter, von denen ſo gar Mander längſt gerne bei der Hand geweſen wäre und ſtatt der Kuppeln ein paar windige Spigen auf die ehrwürdigen Thürme gefekt hätte. Damit geſchähe allen wahren Münchnern traun fein Gefallen , und ich glaube nicht , daß fie dazu auch nur das kleinſte Schärflein beitrügen . Mit dem Verſchönern iſt es ohnehin ſo eine Sache wir haben ſchon Gelegenheit gehabt, uns zu überzeugen. Alſo uns ſind die Kuppeln unter allen Umſtänden ganz recht und unſäglich iteber, als ein þaufe Elfenſtangen aus einer modernen Fabrit. — Mehr ſag' ich idy hierüber nicht. Aber das ſage idy, daß die zwei Frauenthürme ſelbſt, abgeſehen von ihren Ruppeln , ein treffliches Wahrzeichen guter Glaubenskraft , tapferen Muthes , richtigen, hohen Strebens in Sachen von hienieden und nach jenſeite ſind und daß ſie in ihrer ſchlichten Erſcheinung ſchon von ferne ver rathen : Bei uns in Stadt und Land ſei feelenſicher, feſt, geiſtesfriſch und zugleich behaglich 311 leben .
Daß diefes ſo und nicht anders ſet, das iſt eben das ganz große Münchner- und überhaupte das zweite - das Wahrzeichen des bayeriſchen Landes. Woher auch einer kommen möge wenn er ein mal da iſt, läßt es ihn dier nicht mehr fort. Alſo ſcheint mir, es müſſe bei uns in der Hauptſache doch viel beßer ſtehen , als in vielen anderen deutſchen Lan den und in anderen Städten ſei es nun im Leben, oder im Regiment. Glaub’s gerne , und da fönnte ich gar Vieles in Vergleich bringen. Ich thu' es aber nicht. Denn kein Bayer und Münchner hat nöthig, erſt von mir zu erfahren , wie gut wir daran find, und Andere werden ſchon ſelbſt wiſſen, wo es bei ihnen daheim fehlt. So iſt's. Damit iſt es mit den Wahrzeichen und was ich alles darein Plocht, zu Ende , und es kann ſich Feder von uns in Stadt und Lande in Betracht ziehen, was er will , und Jeder von Draußen desgleichen. Von den Leßten möge nur Einer um den Anderen fleißig zureiſen - Fürcht er Gott, den Herren ſein, Dünkt er ſich nit groß allein, Hält er Wort, iſt ſittenrein , Lieber rauh, als gar zu fein, Soll er uns willkommen ſein !
Trautmann - Die Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen
Vorlage
III. Abteilung
Die schmerzhafte Kapelle und das
Kapuzinerkloster
Draußen vor dem Sendlingertor stand ein kleines Häusl, fast so
gemieden, wie das Scharfrichterhaus: das Prech- oder Pesthäusl. Die
Aussätzigen pflegten von hier aus, wie in der Nähe der Leprosenhäuser
in Schwabing und am Gafteig ihre hölzernen Pritscheln zu rühren
und milde Gaben von den durchs Tor Ein- und Ausgehenden zu er-
betteln. Während der häufigen Pestzeiten hauste hier der „Prechbader"
und der „Pestraucher", die alle ankommenden Briefe, Pakete, Waren,
Gelder, kurz was da immer einlief, in Essig durchräucherten. Schon
seit den Tagen Herzog Albrecht IV. stand in dieser düsteren Umgebung
ein Bild des leidenden Heilandes mit Schutzdach, das unter Wil-
helm IV. (1540) zu einer wirklichen Paffionskapelle vergrößert ward.
Während des dreißigjährigen Krieges jedoch, als die Befestigungs-
werke Münchens erweitert wurden, fiel die Kapelle dieser Erweiterung
zum Opfer.
Mittlerweile war der „fertere" (äußere) Freithof vor dem Send-
lingertor entstanden, in dem anfänglich, außer den Opfern der Pest,
meist Fremde und Selbstmörder bestattet wurden. Südlich von ihm er-
richtete andächtiger Sinn eine Martersäule und später ein Kapellchen,
wieder mit dem Leidensbilde des Heilandes. Die Opfergaben, die der
kleinen Kapelle zufloffen, mehrten sich mit den Jahren, ebenso wie
die Anwohner der „Gmain auf dem Obern Lehel" an Zahl zunahmen,
sodaß der Bau eines eigenen Gotteshauses für sie gerecht und billig
erschien. Im Jahre 1702 ward die bisherige Paffionskapelle abge-
brochen und eine größere Rotunde mit dem Namen „Schmerzhafte
Kapelle" erbaut, in der das Bild des Gekreuzigten, das in jener ver-
ehrt worden, wiederum zur Aufstellung kam. —
Hundert Jahre, ehe diese Paffionskapelle konsekriert wurde, hatte
bereits Kurfürst Maximilian I. dem zu Ende des sechzehnten Jahrhun-
derts gegründeten Orden der Kapuziner ein Kloster errichtet, zunächst
der Herzog Marburg, das erste in Bayern. Der jüngste Zweig des se-
raphischen Ordensftammes brachte es bald zu großer Beliebtheit. Her-
zog Wilhelm V. begab sich von der Herzog Maxburg häufig zu den
Gottesdiensten und Andachten ins Kloster hinüber. Das Volk strömte
zahlreich zu; als der Kapuziner Remigius von Pozolo im Gerüche der
Heiligkeit starb, drängte sich die Menge, den Leichnam mit ihren Rosen-
kränzen zu berühren. Gegen Beschuldigungen, die von geistlicher Seite
erhoben wurden, weil die Kapuziner geweihte Kräuter und Wurzeln
als Amulette verteilt hätten und dergleichen, nahm Kurfürst Maximi-
lian selbst sie in Schutz und half ihrer Sache zum Siege. Er vergabte
der Klosterkirche unter anderen Stiftungen eines der schönsten Werke
seines Hofmalers Peter Candid, die „heilige Sippe". Eine ganz im
Renaiffancegeist empfundene „8anta conversazione“, darstellend Ma-
ria mit dem Kinde, mit St. Josef, Sankta Elisabeth und dem kleinen
Johannes; Maximilian hatte dem Künstler das Bild bestellt. Der
Eindruck des Bildes, das den Altar in der einen der zwei Grüfte der
Klosterkirche zierte, war ein so wundersamer, daß eö für wundertätig
galt; viele Andächtige wallten, namentlich um die Fronleichnamszeit,
durch den sogenannten Kapuzinergraben (vom HimbselhauS bis zum
Neutor) dorthin. Der zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts im Klo-
ster weilende, später feierlich heilig gesprochene Pater Lorenz von Brin-
disi las öfters vor diesem Bilde die Messe und fiel dabei zuweilen in
Verzückung, sodaß er mehrere Stunden bis zur Vollendung des Opfers
brauchte. Dies hielt den Kurfürsten, damals noch Herzog Maximilian I.
aber nicht ab, ihm häufig zu ministrieren. Der Ergriffenheit vom
Anblick des GruftbildeS wurde späterhin (1706) der Übertritt des mit
einer verwitweten Gräfin Arco vermählten schwedischen Generals Horn
zugeschrieben. Eine besondere Anziehung für Blumenfreunde besaß der
Klostergarten, der stets mit den schönsten Blumen prangte. Im Garten
wurden auch die wenigen Gestorbenen bestattet, die, einer ansteckenden
Krankheit erlegen, in den Grüften deshalb nicht beigesetzt wurden.
Unter den Vielen, denen die Kirchengruft die letzte Ruhestatt bot, be-
* 95 *
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fanden sich zwei durch die französische Revolution vertriebene fran-
zösische Bischöfe: Franz v. Bonnat, Bischof von Clermont und der
Bischof von Lisieux, JuleS-Basile Ferron de la FerronayS, der in ei-
nem Hause der PrannerSgasie zu München starb. „Mortuus ex diae*
cesi et patria exul. Gestorben als Verbannter, fern von Herde und
Heimat," sagte das Totenbuch von ihm.
Nach etwas mehr als zweihundert Jahren des Bestehens — fast
während dieses ganzen Zeitraumes waren die Kapuziner als eifrige
Prediger an der St. PeterSkirche tätig gewesen — traf 1802 die Auf-
hebung, wie so viele Kirchen und Klöster, auch die Niederlaffung der
Kapuziner. Unter Ludwig I. jedoch, auf Betreiben mehrerer Freunde
des Ordens, vor allem des greisen, selbst dem Orden zugehörigen Bene-
fiziaten Georg Urban Zacher, ward die Neuerrichtung eines Kapuziner-
hospizes beschloffen und zwar bei der schmerzhaften Kapelle vor dem
Sendlingertor, nahe dem äußeren Friedhof. Die Kapelle ward in
vergrößerter Gestalt dem Kloster als Kirche angegliedert; doch erwies
sie sich in die Länge noch zu klein, um so mehr als nun ein so volkreicher
Stadtteil des neuen München sie umgab. 1893 — 95 mußte zum Bau
einer geräumigen Kirche geschritten werden, die in schöner, würdiger
Einfachheit das Ganze erst baulich abschloß und dem hl. Antonius ge-
weiht wurde.
Einmal noch erstand das alte Heim des Ordens vor jedermanns
Augen: als im Juni 1896 bei Erdarbeiten auf dem Maximiliansplatz,
heutigen Lenbachplatz, die vormalige Kapuzinergruft aufgedeckt wurde.
Unter dem Andrang einer großen Menschenmenge wurden über 200
Leichen ans Licht gefördert; Mitglieder des, von der Aufdeckung als-
bald verständigten, Kapuzinerkonvents halfen die Gebeine ihrer toten
Mitbrüder sammeln. Nachdem die Toten feierlich ausgesegnet worden,
führte sie der Totenwagen, von den Patres geleitet, auf den kleinen
Friedhof der neuen Klosterkirche, zu ihrer letzten gemeinsamen Frie-
dcnSstatt.
Vom alten Friedhof „am Kreuz" und dem
südlichen Friedhof
Um die Mitte des 15. Jahrhunderts war es so weit, daß die Toten-
äcker bei den Hauptkirchen für die wachsende Einwohnerzahl nicht mehr
genügten. Da hielten die Stadtväter Umschau nach geeigneten neuen
Plätzen und wählten für die Pfarrei zu U. L. Frau einen Platz „in der
Kuh" (der heutige Salvatorplah), für die St. Peterspfarrei aber einen
am Sendlingertor, wo mehrere Straßen sich kreuzten; deshalb hieß
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die Stelle „auf dem Kreuz" oder „am oberen Kreuze" im Gegensatz
zu dem „unteren Kreuz," dem früheren Parade-, jetzt Promenadeplah.
1478 erwarb der Magistrat ein Grundstück von der Schmalz- (jetzt
Kreuz-) Gaffe bis zur Brunnstraße, die ihren Namen davon haben
soll, daß hier in frühester Zeit, da ringsum Weideland war, ein Brun-
nen stand, an dem die Hirten ihre Herden tränkten. Durch Hinzukauf
noch weiteren Bodens ward der neue St. PeterS-GotteSacker eine
ziemlich geräumige Begräbnisstätte; 1480 begann der Bau einer
Gottesackerkirche „auf dem Kreuz", und zwar leiteten ihn die Werk-
meister der Frauenkirche, Jörg von Haslbach und Heimeran von Strau-
bing. Durch Vergleich mit den Erben Ainwich des GollierS, des kinder-
los verstorbenen Ritters, der das Allerheiligen-Kirchlein auf dem
Marktplatz erbaut hatte, ward diese ohnehin baufällige Kapelle ab-
gebrochen, und das Gollierfche Benefizium kam in die neue Aller-
heiligenkirche auf dem Kreuz. Als solche ward sie 1485 konsecriert.
Anfänglich richtete ein heftiger Widerstand der Einwohner sich
gegen die neuen Freithöfe. Den Einen fiel eS hart, daß sie nicht an der
Seite ihrer vorausgegangenen Lieben ruhen dürften; andere, die welt-
licher und selbstbewußter geartet waren, dünkten sich herabgesetzt,
fremden Landfahrern und hablosen Leuten gleichgestellt, weil sie auf den
abgelegeneren Friedhof gebettet werden sollten. Die Geistlichkeit hatte
ihre Not, die Pfarrkinder zu einer richtigen Auffasiung der Dinge zu
bringen; der Stadtrat von München erwirkte, um die neue Maßregel
dem Volke annehmlicher zu machen, im Februar 1480 eine päpstliche
Bulle, worin Alle, welche die neuen Freithöfe Münchens besuchen wür-
den, mit besonderen Abläffen begnadigt wurden. Noch in demselben
Jahre ergingen von Seilen des heiligen Stuhles formelle Verbote,
auf den alten Freithöfen fernerhin zu begraben. Damit war der Wider-
stand der Münchener gebrochen-
Ein harter und grausiger Mißbrauch, besten I. M. Forster erwähnt:
daß ein Toter, der unbezahlte Schulden hinterließ, in alter Zeit nicht
ehrlich begraben werden durfte, war seit 1329 abgeschafft. Denn da-
mals hatte der Gegenpapst Nikolaus V., der in der Reihe der recht-
mäßigen Päpste nicht aufgeführt ist, aus Pisa, wo er sich bei Kaiser
Ludwig dem Bayern aufhielt, die Verfügung erlassen, daß Jedermann,
auch der Ärmste, geistlich begraben werden müßte. Unwillkürlich drängt
sich beim Gedenken jener Härte der Anfang des weitverbreiteten Volks-
märchens vom „dankbaren Toten" unserer Erinnerung auf.
Im Jahre, da der Bau der neuen Freithofskirche begann (1480),
stiftele und erbaute der Rat von München das Stadtbruderhaus für
kranke und bresthafte Bürger, das neben die „Allerheiligenkirche auf
dem Kreuz" zu stehen kam. Die Seelsorge für die Insassen des Bruder-
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Hauses lag dem Kaplan der Allerheiligenkirche ob, so lange bis das
Spital, über hundert Jahre später, eine eigene Kapelle erhielt.
Jene ersterwähnten päpstlichen Bullen verordneten noch ausdrück-
lich, daß zu Pestzeiten die Gestorbenen nur auf den neuen Freithöfen
und nirgends sonst bestattet werden dürften. Allzubald trat der Fall ein:
als die Epidemie des Jahres 1506 das Totenfeld rasch mit Grabstätten
füllte. —
Wohl schon damals bestand, südwestlich der Stadtmauer, ein Freit-
hof für Arme, Aussätzige und unbekannte Tote, der von seiner Lage den
Namen „der fertere" der äußere, hatte. Auf diesem, nur dürftig ein-
gezäunten Leichenacker erbaute Herzog Albrecht V. 1578 ein Salvator-
kirchlein. Nicht lange darnach erwarb die lateinische Congregation von
unserer lieben Frauen Verkündigung, der Herzog Wilhelm V. selbst
angehörte, eine größere Grabstätte, vermutlich mit der bestimmten Ab-
sicht, dem äußeren Friedhof das üble Ansehen, in dem er stand, zu be-
nehmen. Als, wie vorauszusehen war, auch die neuen Friedhöfe nicht
mehr genügten, ward der „fertere Freithof" der allgemeinen Benützung
übergeben; dazumal schon wurde eine neue Kirche, zu Ehren des Erzmar-
tyrers Stephan, an Stelle des baufällig gewordenen Salvatorkirch-
leins erbaut. Eine magiftratliche Verordnung vom Jahre 1789 hob
sämtliche Friedhöfe im Innern der inzwischen beträchtlich erweiterten
Stadt auf und verordnete die Überführung aller Leichen auf den am
14. April desselben Jahres benedizierten Gottesacker vor dem Send-
linger Tor. Aus dem Freithof am Kreuz wurden fünf große Wägen mit
Gebeinen hinausgefahren, auch die wertvollsten Denkmäler aus der
Umgebung der Allerheiligen-Kirche hinausverseht. Diese Kirche kam
dadurch in Vernachläsiigung und Vergesienheit: bei dem zweimaligen
Einfall der Franzosen 1796 und 1800, ward sie gesperrt, ja beim
erstenmal ward sie ihres sakralen Charakters völlig entkleidet und
diente als Brot- und Kornmagazin. Von 1804 bis 1814 stand sie ent-
weiht und verödet, bis die Umwohner sich ihrer annahmen, milde Gaben
für sie sammelten und die Erlaubnis zu ihrer Wiederherstellung erlang-
ten. Unter den Spenden, die ihr zufloffen, befand sich auch ein holz-
geschnitztes Kruzifix mit der schmerzhaften Mutter darunter; hievon
weiß die Sage zu melden, daß der gleiche Künstler (Tobias Bader),
von dem die wunderreiche Muttergottes der Herzogspitalkirche stammt,
aus dem gleichen Lindenbaum wie diese auch jenes andere, nun in der
Kreuzkirche aufbewahrte Kreuz- und Marienbild geschnitzt habe. Da-
her wird die Muttergottes der Kreuzkirche „die Schwester von der
Herzogspital-Muttergottes" genannt. —
Der Friedhof vor dem Sendlingertor, im Lauf der Jahre beträcht-
lich erweitert und verschönt, ist von da an bis 1868 der einzige Got-
teöacker Münchens, abgesehen von den Begräbnisplätzen der Vorstädte
und dem israelitischen Friedhof (angelegt 1816) gewesen. „Unser Lie-
ben Frauen und S. Peters Gottes-Acker vor dem Sentlinger Thor"
nennt ihn die Aufschrift eines alten Stiches von Joh. Stridbeck aus dem
18. Jahrhundert. Noch leidlich unverändert ist, gleich am westlichen
Eingang des alten Friedhofteiles, die 1644 erbaute kleine Stefanö-
kirche. Sie war vordem der Mittelpunkt einer alten Münchener Sitte.
Am Tage des ErzmärtyrerS Stephan (26. Dezember) nämlich wur-
den sowohl die feinen Vollblutpferde wie die derben Arbeitsgäule
von ihren Besitzern oder deren Bediensteten um die Kirche herum-
geritten, damit sie während des Jahres vor Krankheiten bewahrt blieben
und ihnen die Steine an den Hufen nicht schadeten. Natürlich fanden
zu dem schmucken Anblick, den der StephanSumritt trotz des Ernstes
der Stätte gewährte, zahlreiche Zuschauer sich ein.
An der Mauer des StephanskirchleinS grüßt die Besucher der Na-
me eines den Münchnern durch seine Werke Wohlbekannten. Denn
dort befindet sich der Grabstein des Hofbildhauers Roman Anton BooS,
von deffen Hand die „Taten des Herkules" unter den Hofgarten-
Arkaden, die vier Statuen an der Fassade der Theatinerkirche und ver-
schiedene Bildwerke im Nymphenburger Park herrühren. — Freilich:
je tiefer es in das Totenfeld hineingeht, desto größer wird die Zahl
Derer, die ein unsterbliches Gedenken in München hinterlaffen haben.
Die meisten Schöpfer des geistigen und baulichen München aus der
Zeit seiner ersten Könige ruhen hier, zumal in den steinernen Arkaden
des Campo santo, deffen Erbauer Friedrich v. Gärtner selbst darin be-
graben liegt. Aber nicht nur stolze und erhebende Erinnerungen be-
wahrt der Friedhof. Er birgt auch die zwei Massengräber der „in der
großen Sterb" des Jahres 1634 Hingerafften, zusammen etwa zwölf-
hundert. Desgleichen ist hier die Grabstätte der „bey 800 unterschied-
liche Burger und Bauersleut, so umb Sendlingen und die Stadt
München den 25. December Anno 1705 an den St. Weihnächt Tag
von den Kaiserlichen und dero Allierten Treppen seind nidergemacht
und theils in den Spitelern und Clöstern gestorben, Denen Gott gnedig
sein wolle." Im Jahre 1831 wurden ihre Reste unter dem bisherigen
schmucklosen Hügel erhoben und an die Stelle übertragen, die nun das
von Gärtner entworfene, von Stiglmayer gegossene Denkmal in Form
eines Weihwasserbeckens ziert. Um dem Denkmal Platz zu machen, ward
die ohnehin baufällige Kapelle der Lateinischen Kongregation, von der
zu Anfang die Rede gewesen, abgebrochen.
* 99 *
* 98 *
Hundskugel zu München
Lange erhielt sich das Gedächtnis des lustigen Bildes, das an der
Mauer des Hauses Nr. 2 in dem „Hundskugel" genannten Gäßchen
zu sehen war. Das Bild stellte eine im Grünen stehende Kegelbahn vor,
auf der eine muntere Schar von Hunden sich mit Kegelscheiben belu-
stigte. Andere Hunde sahen ihnen zu und hielten dabei in den Pratzen
einen Teller mit Würsten, von denen sie herzhaft herunter biffen. Man
war sich deshalb nicht einig, ob der Name „Hundskugel" nicht viel-
mehr „Hundskuchel" lauten müßte, nämlich Hundeküche; hinwieder
wird erzählt, daß vereinst eine Kugel von etlichen Hunden durch das
Neuhausertor die Gasse herabgerollt und an einem Haus niedergelegt
worden fei.
Unter dem Gemälde stand ein alter Reim, der hieß also:
Bis diese neun Kegel umscheiben die Hund',
Können wir heilen noch manche Stund'
Hundsfottbad armer Leut.
Dieser Vers soll sich auf die an dem Hause haftende Badergerecht-
same bezogen haben. Auch ist in einem Saalbuch der Stadt München
von 1440 die Rede von dem „HundSfutbad samt Garten", das sich
allhier befunden.
Als das FreSkogemälde zugrunde gegangen war, verfertigte der in
der Nachbarschaft wohnende Bildhauer Roman Boos ein Holzrelief,
auf dem die Hunde nicht mehr auf der Kegelbahn, sondern jener andern
Lesart gemäß, mit der Kugel scherzend vorgestellt wurden. Dieses Holz-
relief wurde, als auch das Baderhaus nicht mehr bestand, an dem Eck-
hause der „Hundskugel" benannten Straße angebracht.
Sankt Jakob am Anger
Ein Anger, eine freie Wiese, war noch im dreizehnten Jahrhun-
dert da, wo heute der Jakoböplatz, wie auch die Straßen Ober- und
Unteranger sind. Die Sage meldet, daß schon sehr früh auf dem Anger
eine Säule unter einem kleinen Schutzdach geragt habe, die das
Bildnis des heil. Jakobus mit dem Pilgerftabe trug. Wer kennt nicht
die schöne Legende von den Jakobsbrüdern, die zum Grabe des Heiligen
gen Kompostella wallfahrten, denen ein räuberischer Wirt Gut und Le-
ben zu nehmen trachtet, und die der hl. Apostel wunderbar erhält, den
Vater wie den Sohn. So mag der Schirmherr der Pilger und Rei-
senden auch vor Zeiten hier gestanden, den nach München Einwandern-
den Gruß und Segen entboten haben. Aus der Bildsäule ward
eine Feldkapelle, die schon stand, als die ersten Franziskaner sich
in Deutschland seßhaft machten, und der Franziskanerpater Castinus
mit einigen Ordensbrüdern nach München zog. Ein geringes Haus
außerhalb der Stadt ward ihnen eingeräumt; als die Zahl der Mön-
che und der Andächtigen sich vermehrte, erhob eine größere Kirche sich
„nächst St. Jakobs Kapellen", die zuvor als Klosterkirchlein gedient
hatte, nun aber Totenkapelle wurde. Wenig über sechzig Jahre blieben
die Franziskaner auf dem Anger; dann erbaute ihnen Herzog Ludwig II.
„der Strenge" ein Kloster unweit seiner Veste, auf dem heutigen
Max Josephplatz. Die verlassene Stätte bei St. Jakob aber ward zu
einem Frauenkloster umgeschaffen; im Herbst 1284 ergriffen die Kla-
risstnnen davon Besitz und blieben von da an bis zur Aufhebung des
Klosters darin heimisch.
In der Backstube des Angerklosters entstand die große Feuersbrunst,
die 1327 den größten Teil Münchens in Asche legte und natürlich das
Kloster selbst beinahe zerstörte. Lange währte es, bis 1405, ehe der
Schaden gutgemacht war. Die öffentliche Kirche ward im 18. Jahr-
hundert zopfig umgebaut und fortan durch eine Mauer von dem alten
ursprünglichen Jakobskirchl geschieden, das nun zur Klausur gehörte.
Inmitten der äußeren Kirche stand ehemals ein uraltes großes Kru-
zifix mit der schmerzhaften Mutter darunter- Es genoß hohe Ver-
ehrung, und der Fuß der Gottesmutter wurde von den Tränen und
Küssen der Andächtigen allmählich ausgehöhlt. Vielleicht darum ward
in späterer Zeit das Bildnis außer Reichweite der Gläubigen hoch an
einen Pfeiler der Epistelseite befestigt. Von diesem Kruzifix ging die
Rede, daß der Körper des Heilandes sich darum in auffallender Weise
zur Seite neigte, weil er sich eines Tages tröstend zu einer Nonne ge-
wendet hätte, die inbrünstig betend vor ihm kniete- Bei der Neuaufstel-
lung des Kruzifixes am Kirchenpfeiler ist die Seitenwendung der Hei-
landsfigur korrigiert worden. Das Bildnis hat wirkliche Haare und im
Volksmund hieß es lange Zeit, sie wüchsen nach, wie lebendiges Haar.
* *
♦
Das lange Bestehen und die ehrwürdige Überlieferung des Ordens
bedingten von selbst, daß einzelne Schwestern durch persönliche Tugen-
den und erbanlichcn Wandel hervorragten, so beispielsweise die berühmt
gewordene Schwester Klara Hortulana (1662 — 89). Ein eigentüm-
liches Schicksal wollte es, daß nicht weniger als drei Prinzessinnen des
regierenden Hauses im Laufe der Zeit unter ganz ähnlichen Umständen
bei den Klarissinnen am Anger den Schleier nahmen.
Die erste derselben war Agnes, die Tochter Kaiser Ludwigs des
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Bayern. Im Kloster am Anger erzogen, schien sie durch Schönheit
und seelische Gaben für eine glänzende fürstliche Heirat vorbestimmt.
Dem aber war sie durchaus abgeneigt, vielmehr flüchtete sie, als sie
gewaltsam abgeholt werden sollte, zum Hochaltar der Kirche, umfing
die Monstranz und flehte zu Gott um Schutz. Da Niemand wagte,
sie dem geheiligten Asyl zu entreißen, kehrten die Boten unverrichteter
Dinge um. Agnes aber blieb im Kloster, wo sie in jungen Jahren
schon starb und auch beigesetzt ward.
Ganz ähnlich, nur inniger noch lautet die legendär ausgeschmückte
Geschichte von der Tochter Herzog Albrecht HI-, Barbara genannt. Auf
den Ruf ihrer Anmut und Tugend hätte der König von Frankreich
dem Herzog Botschaft getan und die Jungfrau Barbara zur Braut für
seinen Kronprinzen begehren lasten. Die junge Herzogin aber erklärte
standhaft, daß sie keinen Mann haben möchte, sondern auf immer dem
himmlischen Bräutigam eigen sein. Das ward ihr vom Herzog ver-
stattet, und sie nahm im Angerkloster den Schleier und diente Gott
mit ganzem Herzen und Gemüt.
Nur drei Dinge hatte sie mitgebracht von daheim: einen blühenden
Majoranftock, der am Fenster ihrer Zelle stand, einen Käfig mit meh-
reren Vöglein, deren sie fleißig pflegte und eine goldene Kette, die
hatte ihr Herr Vater ihr einst verehrt.
Da sie aber eine Zeit im Kloster war, fand sie eines Tages den Ma-
joranftock scheinbar ohne Ursache verwelkt. Des andern Tages hörten
alle Singvögelein im Käfig zu singen auf und starben rasch dahin. Eine
Woche darnach zersprang die goldene Kette, die sie unter dem Habite
trug, ihr auf der Brust. Barbara aber sprach: „Das alles geht mich
an, der Herr will mich abfordern aus der Zeitlichkeit." Sie bereitete
sich zum Tode, und einige Tage später lag sie auf der Totenbahre, im
18. Jahre ihres Lebens, da man schrieb nach unseres Herren Kunst
1442.
Vierzehn Tage nach ihrem Tode ist eine andere Ordensschwester,
gleichfalls Barbara geheißen, ihr in die Ewigkeit nachgefolgt. Darauf
in gleicher Frist eine andere, nach Verlauf derselben Zeit wieder eine
andere, „bis endlich 20 an der Zahl, jede nach 14 Tagen, als unschul-
dige Tauben ihr nach in den Himmel geflogen sind." Als zweihundert
Jahre später der große Stein, unter dem Schön Barbara in der
Klosterkirche begraben lag, etwas zur Seite gerückt worden, hätte ein
angenehmer himmlischer Geruch, der aus der Gruft emporstieg, alle An-
wesenden mit Erstaunen erfüllt.
Noch einmal wiederholte sich ein ähnliches Geschick: an der Prinzessin
Maria Anna Karolina, die das älteste Kind aus Max Emanuels
zweiter Ehe war. Auch sie war zur Königin bestimmt, schlug jedoch die
Hand Philipp V. von Spanien aus, und trat in das Angerklofter,
wo sie den Namen Emanuela Theresia a corde Jesu empfing. Nur
ward sie nicht so früh, wie ihre beiden verwandten Vorgängerinnen
abgerufen, sondern brachte bis zu ihrem Ende 31 Jahre gottselig im
Kloster zu.
Bei der Aufhebung des Klosters im Jahre 1803 wurden die Ge-
beine der drei fürstlichen Nonnen gemeinsam in einen kleinen Zinnsarg
gesammelt und in der Fürstengruft der Frauenkirche beigesetzt.
* *
★
Neben diesen geschichtlich überlieferten Frauenleben gehen auch
Wunderlegenden her, die sich an solche alte Stätten der Andacht so
gerne knüpfen. So gehört das Angerklofter zu den Klöstern, mit denen
die schöne Legende von der heiligen Jungfrau als Pförtnerin in Ver-
bindung gebracht wird. Ursprünglich in der goldenen Legende des Ja-
kobus a Voragine enthalten, hat sie ihre bekannteste dichterische Ge-
staltung empfangen durch Gottfried Keller in seiner Erzählung: „Die
Jungfrau als Nonne", außerdem durch den Belgier Maeterlinck in
dem dramatischen Gedicht: „Schwester Beatrix". Der wundersame
Hergang lautet also:
Eine junge Nonne von schöner Gestalt, Beatrix mit Namen, hatte
Gott und der Himmelsherrin mit Andacht und Treue gedient, als sie
plötzlich von großer Sehnsucht nach der Welt und ihren Freuden er-
faßt ward. Sie kämpfte dawider eine geraume Zeit; endlich, da sie es
nimmer aushalten konnte, ging sie nächtlicherweile in die Kirche, trat
vor das Bild der Muttergottes und sprach: „O meine himmlische
Frau und Mutter, verzeihe mir, daß ich dir fürder nimmer dienen
kann; mich verlangt allzusehr nach der Welt. Nimm die Schlüffel, die
ich bisher geführt" — denn sie war die Pförtnerin des Klosters —
„und hüte ihrer an meiner Statt!" Darauf schlich sie leise davon
und verließ das Kloster, ohne daß Jemand es gewahrte. Manches Jahr
blieb sie draußen in der Welt und genoß viele Freuden, aber sie erfuhr
auch viel Böses und Bitteres, und das Herz ward ihr allgemach schwer
von Leid. Da hatte sie große Reue, daß sie jemals aus ihrem Kloster
gegangen war und gedachte, sie wollte zurückkehren und in Demut ihre
Sünden büßen. Also kam sie müde und traurig dort an und begegnete
zuerst einer Nonne, die erkannte sie nicht; da fragte Beatrix zaghaft,
ob sie nicht wüßte von einer Schwester Beatrix, die ehemals hier
Pförtnerin gewesen wäre? Ja, sprach die Nonne, die wäre noch da
und wäre eine fromme, schier heiligmäßige Schwester, von Allen sehr
geliebet. Das Wort konnte die Heimgekehrte nicht fasten. Sie wandte
sich und saß draußen nieder, weinend und ratlos. Da erschien ihr die
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heilige Jungfrau und sprach zu ihr mildiglich: „Tochter, nun nimm
dein Gewand und die Schlüssel; die hab' ich statt deiner bis heute be-
wahrt und weiß Niemand, daß du fort gewesen. Tu' Buße und diene
mir künftig getreu!" Damit entschwand sie. Die Schwester aber fiel
auf ihre Knie nieder und pries das Wunder, das die Gnade der
Himmelskönigin an ihr getan. Als sie dann in das Kloster zurückging,
gebarten die Anderen ganz wie wenn sie nie vom Orte gewichen wäre.
Da lebte sie dann noch manches Jahr und büßte ihre Sünde und diente
Gott mit Andacht und Kasteiung bis an ihren Tod. —
Das Angerkloster, 1803 ausgehoben, ist seit den 40 er Jahren vo-
rigen Jahrhunderts das Mutterhaus des Ordens der armen Schul-
schwestern, die sich hauptsächlich mit der Bildung der weiblichen Jugend
beschäftigen.
Das Münchner Gnadenjahr
Mit dem ersten Münchner Gnadenjahr Anno 1392 hatte es fol-
gende Bewandtnis.
Die kostbaren heiligen Reliquien des Berges Andechs waren in
Kriegszeiten verborgen worden und ihr Versteck Niemand mehr kund.
Im Jahre 1388 wurden sie wiedergefunden und zwar durch den
Schloßkaplan Jakob Dachauer, der, während er Messe las, gesehen
haben soll, wie eine Maus aus ihrem Loche schlüpfte und einen Zettel
im Schnäuzlein trug, den sie am Altar fallen ließ und auf dem das
Verzeichnis der Heiligtümer stand. Diese wurden nun ans Tageslicht
gefördert und sollten alsbald der öffentlichen Verehrung ausgesetzt wer-
den. Weil aber die Klosterkirche zu Andechs für die Menge der An-
dächtigen zu klein war, gedachte Herzog Stephan der Kneißel, der
das Jubeljahr in Rom mitgefeiert hatte, nach dessen Vorbild ein gro-
ßes kirchliches Fest in München zu begehen. Er wandte sich an Papst
Bonifaz IX.; der willfahrte der Bitte des Herzogs und gewährte allen
denen, die in München in einem beliebigen Jahre mit besonderer Büß-
fertigkeit der Vorzeigung der Reliquien beiwohnen würden, vollkomme-
nen Ablaß. Vom 14. April, nämlich von Ostern bis nach Jakobi des
Jahres 1392 ward also mit päpstlicher Bewilligung das sogenannte
Münchner Gnadenjahr gefeiert. Die Heiligtümer wurden feierlich in
das Kloster zu St. Jakob am Anger in München verbracht und drei-
mal wöchentlich gezeigt. In jeder Woche — so heißt es — strömten
etwa 60,000 Menschen hinzu; an manchen Tagen betrug die Zahl der
anwesenden Fremden 40,000. Herzog Stephan selbst erließ Einla-
dungsschreiben an die Nachbarftädte, worin er den Besuchern freies
Geleit zusicherte; „und seine Maßnahmen waren so wohl getroffen,
daß während des Festes der allerbeste Friede in Bayern herrschte, die
Pilger um Mitternacht so sicher wanderten, wie zu Mittag und Nie-
manden ein Leid geschah." Von der Stadt war eine besondere Schüt-
zenschar ausgestellt, um über Ruhe und Ordnung unter den Pilgern zu
wachen. In den Kirchen saßen Tag für Tag dreißig Beichtväter be-
reit, die Bekenntnisse der Pilger zu empfangen; besondere Bedingungen
des Ablasses waren: ein Aufenthalt von sieben Tagen, der Besuch der
Kirchen Unserer Lieben Frau, St. Peter, St. Jakob am Anger und
zum Hl. Geist, sowie ein Geldopfer, das in jeder derselben zu hinter-
lassen war. Nach Angabe eines zeitgenössischen Geschichtsschreibers
ward von Pfingsten bis Jakobi täglich ein Augsburger Metzen voll
Regensburger Münze geopfert. Die Hälfte des Geldes hatte der päpst-
liche Stuhl sich Vorbehalten; als jedoch ein päpstlicher Bote das Geld
verlangte, verweigerte die Stadt die Herausgabe und ließ es auf ein
Mahnschreiben des Papstes ankommen.
Der Ansicht, daß von dem Ablaß des Jahres 1392 (Jndultus) die
Jakobidult in München sich abgeleitet hätte, stehen Nachweise gegen-
über, daß schon viel früher vor der St. Jakobskirche am Anger eine
Dult stattgefunden hatte. Seit langer Zeit ist übrigens diese Dult in
die Vorstadt Au verlegt, wo auch die Georgidult im Frühjahr und
die Michaelidult im Herbst sich abspielen und zu Füßen der Maria-
hilfkirche wie in den angrenzenden Straßen eine lebhafte, jedoch durch-
aus weltliche Handelschaft mit allen möglichen Dingen betrieben wird.
Dagegen erfolgte eine Art Wiederholung des Gnadenjahres zur
Zeit, als die Liebfrauenkirche zwar im Rohbau vollendet war, zu ihrer
würdigen inneren Ausgestaltung aber die Mittel gebrachen. Damals
erlangte Herzog Albrecht IV. vom Papste Sixtus IV. eine Bulle
auf drei Jahre; laut dieser konnte Jeder, der zum Ausbau der neuen
Kirche soviel an Geld oder Geldeswert steuerte, als er eine Woche hin-
durch zu seinem Lebensunterhalte brauchte, nach Empfang der hl.
Sakramente vom Sonntag Lätare bis zum Sonntag Judica einen
vollkommenen Ablaß gewinnen. Von den Opferspenden sollten zwei
Drittel zum Kirchenbau, ein Drittel zum Krieg wider die Türken
verwendet werden.
„Item" — so erzählt der Stadtschreiber Kirchmair — „die Truhen
ward gesetzt auf den Chor vor des Kaisers Altar, darein man das Geld
legte und wurden dazu gefetzt zwei Priester und zwei vom äußern Rat.
Item wurden auch Zeichen — (Ablaßpfennige oder Medaillen) — ge-
ben unter den zween vorderen Kirchthüren — Item es wurden auch
zweihundert und fiebenzig Beichtiger von Menge wegen des Volkes
am ersten gesetzt und darnach nit viel minder." — Einer ward bestellt,
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das Gewand der Büßer zu hüten, während sie beichteten; zwei Mann
aus jedem Handwerk wurden geordnet, d«n Leuten Herberge zu beschaffen.
Die Beichtbriefe waren immer so rasch vergriffen, daß „ein Melbler
oft um Brief gen AugSpurg laufen mußte, wo diese gedruckt wurden."
Die Straßen wurden gesichert; eigene Boten verkündeten die Gnade in
den umliegenden Städten und Gerichten. Die Zahl der binnen den
drei Jahren herbeigeftrömten Fremden soll sich auf 123 700 belaufen
haben. Die Zählung geschah, indem, wie Kirchmaier berichtet, „der
Rat unter den vier Toren besondere Leute hatte und wer da hereinzog
in die Gnad, als viel Erbsen legte man allweg in einen Hafen und
zählte sie dann zur Nacht eigentlich ah." — Hoffen wir, daß bei der
Erbsenzählung keine Irrtümer unterlaufen sind!
In dem ersten Gnadenjahr und dem ihm nachfolgenden ist der An-
fang der Feste zu erblicken, welche seitdem in München die Anziehung
für den alljährlichen Zudrang der Fremden geworden sind. Der An-
schauung des Mittelalters entsprechend war es damals ein geistliches
Fest; inzwischen, dem Zeitgciste angepaßt, sind Bühnenspiele, Kunst-
und GewerbeauSftellungen, Volkstrachtenfeste, Schützen-, Turner- und
Sängerfeste darauf gefolgt. Tempora mutantur. Aber für Unterkunft
und Wohlbefinden herbeigeströmter Mcnfchenmaffen zu sorgen und zu
machen, daß der Fremde am Jsarftrand sich alsbald heimisch fühlt,
das versteht die bayerische Hauptstadt heute so gut, wie im Gnadenjahr.
Vom Münchner Bier
Das ist aller Welt bekannt, daß seit früher Zeit zu München ein
gutes Bier gebraut und getrunken ward. Schon unter Herzog Lud-
wig H. (dem „Strengen") bestand dahier ein fürstliches Bräuhaus,
und wer von anderen Bräuern in des Herzog Bräuhaus brauen
wollte, dem ward das Gerstenmalz dazu-aus des Herzogs Kasten ge-
reicht. Doch verstandens die Münchner noch nicht so wohl, wie heute,
denn sie wußten es nicht anders, als durch die warme Gährung herzu-
stellen, da dann das Bier leicht umstand, auch etwas läpperig und fade
von Geschmack war. Es ward aus Gerste, in rauheren und ärmeren
Gegenden auch aus Haber gebraut, sah rötlich aus und hieß deshalb
rotes Bier. Es muß schon viel Getreide verbraut worden sein; denn
als im Jahre 1293 eine Mißernte war und das Getreide gar teuer
ward, geboten die Herzöge Ludwig und Otto, daß ein ganzes Jahr lang
kein Bier gebraut werden sollte. Auch ward für das Brauen eine
jährliche Abgabe erhoben.
Ludwig der Strenge, unter dem die älteste urkundliche Bräuordnung
* 106 *
entstand, verlieh dem Hl. Geist-Spital im Jahre 1286 die Brauge-
rechtigkeit; und die Herzöge Rudolf und Ludwig erteilten im Jahre
1306 den Klariffinnen auf dem Anger die Erlaubnis, ihren Hauötrunk
selbst brauen zu dürfen. Im Jahre 1318 kommt bereits urkundlich
ein Bürger mit Namen Heinrich Preumeister vor, woraus auf einen
längeren Betrieb solchen Gewerbes in dieser Familie zu schließen ist.
Im 14. und 15. Jahrhundert gab es zu München zweierlei Bier,
ein beffereS und ein geringeres. Das bessere Bier trug den Namen
Greußing und kostete der Eimer 40 Pfennig, während der Eimer ge-
wöhnlichen Bieres nur 30 Pfennige galt. Die ersten Verbesserungen
im Bierbrauwesen sollen aus den Klöstern, von denen die meisten eigene
Braugerechtigkeit besaßen, herstammen. Die hauptsächlichste Verbes-
serung war im 15. Jahrhundert die Erfindung der kalten Gährung,
wodurch das Bier kräftiger, geschmackvoller und haltbarer wurde. Doch
setzte der neue Brauch erst nach und nach, nicht ohne Widerspruch und
Widerstand, sich durch.
Eine ausführliche Bräuordnung des Stadtmagiftrats München vom
Jahre 1420 schärft den Bräuern ein, kein Bier auszuschenken, eS
habe denn zuvor über sich wohl verzehren und nicht unter sich. Vor
8 Tagen durfte kein Bier ausgeschenkt werden. Das Bier geringer ein-
zusieden als die Taxe betrug, oder eS mit schädlichen oder fremden Zu-
taten zu vermengen, war gleichfalls bei strenger Strafe verboten. Ein
einziger Zusatz war den Bräuern erlaubt, um das Bier schmackhaft zu
machen, nämlich die gespaltene und getrocknete Benediktenwurzel: die
durften sie in ein leinenes Tuch nähen und in das gefüllte Faß legen.
Zur Aufrechterhaltung dieser Bräuordnung wurde von den Herzögen
Wilhelm und Ludwig eine Bierbeschau angeordnet, und dazu eine
eigene Kommission eingesetzt, die das Bier zur Winterszeit zweimal
wöchentlich, im Sommer aber dreimal die Woche prüfen mußte. Al-
brecht IV. hat den Gewerbeeid der Brauer eingeführt. Auch auf rich-
tiges Gemäße ward gesehen; denn die vorerwähnte Bräuordnung vom
Jahre 1420 gebietet den Bräuern: „daß sie alle ihre Kandeln bringen
sollen zu dem geschworenen Zinngießer, den die Stadt gesetzt hat, und
der soll sie beschauen, ob die Nägel (die Aichzeichen) darin recht stehen,
und soll auch fürbaö nicht mehr aeschcnkt werden aus keinen Kandeln.
dann die gebrannt und gezeichnet sind mit der Stadt Zeichen."
In die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts fällt der größte Aufschwung
des Braugewerbes. Freilich ward den Brauern vorgeworfen: ihre aufs
Zehnfache gewachsene Zahl und ihr Reichtum rührten daher, „daß sie
kein gutes, gerechtes und gesundes Bier mehr sieden." Die Trunksucht,
das damals allgemeine deutsche Laster, kam dem Bierverbrauch zu
statten — „DeS stetigen und unaufhörlichen Trinkens vor den Kellern
* 107 *
und Brauhäusern ist kein End noch Aufhörens" — tadelt noch 1613
ein fürstliches Mandat. Im Jahre 1383 wurde vom Herzog Wil-
helm V. das HofbräuhauS am Platz! gegründet, während bisher der
Bräuer Mänhart den Titel eines HofbräuerS geführt hatte. Das Vor-
recht dieses landesfürstlichen BräuhaufeS war das Brauen des weißen,
aus Böhmen eingeführten Bieres. Städte und Adel beschwerten sich
über solches Vorrecht, das den übrigen Bräuern Eintrag täte. Auch
sollte das Weißbier ungesund sein und den Preis des Weizens, hierdurch
also den des Brotes, verteuern. Neben dem Weißbier ward in großen
Mengen, zumal bei Hofe, das eingeführte braune „ainpockische Bier"
(aus der braunschweigischen Stadt Einbeck) getrunken. Durch den
guten Gewinn, den das HofbräuhauS abwarf, kam die Hofkammer auf
den Gedanken: auch dies Braunbier könnte im Lande gebraut werden.
Herzog Wilhelm V. genehmigte den Antrag; so ward in der alten
Veste an Stelle des niedergerissenen „Hennenhauses" und des „Bade-
gebäudes" ein braunes Bräuhaus erbaut. Anno 1651 wurde dieser
Bau gegen den sogenannten „Löwenhof" in der Burggasse zu erweitert.
Er steht noch bis zur Stunde: es ist das jetzige Zerwirkgewölbe in der
Lederergasse. Seit 1611 war die Einfuhr ausländischen Bieres verbo-
ten; seit 1614 wurde im HofbräuhauS braunes und zwar „einböcki-
fches" Bier — Bock! — gebraut. Von 1708 an wurde das ehemals
„weiße" HofbräuhauS zum Teil für das Brauen des braunen Bieres
mit benutzt; von 1807 an wurde es ganz für das braune Bier bestimmt
und ist seitdem das HofbräuhauS.
Worin eigentlich der Grund für die gepriesene Güte des Münchner
Biers liegt, ist schon oft erörtert worden. Es gehen doch Münchner
Braumeister in die Fremde und brauen nach Münchner Rezept, und
die Kühl- und Lagerräume werden nach Münchner Muster eingerichtet
— und doch! — „Es ist naß, aber es ist nicht das" — soll Fürst
Bismarck einmal von dem nicht in München gebrauten Bier gesagt
haben. Nach einer verbreiteten Anschauung läge das Entscheidende in
der Beschaffenheit deS Münchner Wassers. Wie dem auch sei —
Münchner Bier ist „ein ganz besonderer Saft."
Leider ist längst die einstige Weise der Münchner Bierbeschau ab-
gekommen. Damit ging eS also zu. Die Bierbeschauer, ortsüblich
„Bicrkieser" genannt, mußten bei Ausübung ihres Amtes in hirsch-
ledernen Hosen im BräuhauS erscheinen. Hier wurde ihnen eine hölzerne
Bank hingestellt, die ward über den Sitz mit ein paar Maß deS zu
prüfenden Bieres übergossen. Da hinauf setzten sich nun die Bierkieser
mit ihren hirschledernen Hosen, hatten vor sich auf dem Tisch eine
Sanduhr stehen und zechten nach dieser eine volle Stunde, ohne sich im
geringsten vom Sitze zu rühren. War endlich die Stunde abgelaufen,
* 108 *
so standen sie alle gleichzeitig auf. Wenn sie dann mit den Hosen an der
Bank kleben blieben, sodaß sie beim Aufstehen die Bank mit empor-
hoben — eine Lesart will, daß die Bank an ihnen hängen blieb, bis sie
zur Türe kamen — so war das Bier gut, kräftig und seines Geldes
wert. Wenn es aber nicht klebte, dann wurde das Bier zu leicht be-
funden und über den Bräuer Strafe verhängt. Besagter Amtsbrauch
ist längst abgeschafft, und so klebekräftig ist das Bier auch nimmer. In
jüngster Zeit schon gar nicht. Aber Leute, denen es trotzdem schmeckt,
und die einen langwierigen Durst haben, gibts genug; drum kommt's
auch heutzutage noch gar oft vor, daß einer auf der Bierbank „pappen
bleibt."
Die Münchner Sauerbacken
Anno 1322 fand auf der Vehenwiese zwischen Ampfing und Mühl-
dorf die große Schlacht statt, die Kaiser Ludwig der Bayer Friedrich
dem Schönen von Österreich abgewann. An diesem Ausgang soll der
Sage nach den Münchner Bäckern ein besonderes Verdienst zustehen.
Als der tapfere Kaiser mitten im Getümmel kämpfte, stürzte, von
Pfeilen durchbohrt, sein Pferd unter ihm und riß ihn mit zu Boden.
Da stand er in großer Gefahr, von den ihn umringenden Österreichern
gefangen zu werden. Solches ersahen die Münchner Bäckerknechte —
zum Unterschied von den Zuckerbäckern auch Sauerbäcken geheißen -
und eilten zum Beistand des Herrschers. Durch sie befreit, konnte der
Kaiser an ein anderes Pferd gelangen und zu den Seinigen rückkehren.
Zu Lohn und Angedenken solcher wackeren Tat gab Kaiser Ludwig der
Bäckerbruderschaft, die „zu der Ehr unserer Lieben Frauen gegründet
war", die Erlaubnis, auf ihrer Standarte den Reichsadler anzubrin-
gen ......„den sonst kein Handwerk führen darf, ob es gleich künst-
lich und scharf." Sie erhielten darüber einen eigenen Freibrief, zu-
gleich als kaiserliches Geschenk ein Haus im Tal zu München neben
der Hochbrücke. In diesem Bruderschaftshaus versammelten sich fortan
die Bäcker. Auch diente das Haus nicht nur als Bäckerherberge, sondern
der älteste Bäckerschießer von München, wenn er gebrechlich und ar-
beitsunfähig geworden war, fand jederzeit darin freie Unterkunft und
Verpflegung. An dem Haus war außen ein Freskogemälde angebracht,
das darstellte, wie Kaiser Ludwig den Bäckern den Freibrief übergibt.
Darunter und zu beiden Seilen stand in Reimen der Ursprung des
Hauses und was sich damit zugetragen, beschrieben. „Gott geb' dem
Kaiser das ewig Leben, wünschen all Brüder und Schwestern eben" —>
ist der fromme Schlußwunsch der Beschenkten.
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Leider sind die Malerei und die Verse im Laufe der Zeit zugrunde
gegangen.
Eines alten Münchner Rechtsbrauches sei hier noch gedacht. Ein
Bäcker, der schlechtes oder ungewichtiges Brot lieferte, verfiel der
Strafe des „Schnellens" — d. h. er wurde mit Trommeln und
Schergengeleite ans Waffer geführt und in einem Korb, der zwischen
zwei Balken hing, in das Waffer geschleudert, jedoch gleich wieder
herausgezogen. Das geschah dreimal, wobei natürlich der Bestrafte
zum Schaden noch den Hohn der zahlreichen Zuschauer zu tragen hatte.
Der Ort der so benannten Bäckerschnelle befand sich bei der Roß-
schwemme hinter St. Peter an der südwestlichen Ecke des Viktualien-
marktes, und der Brauch bestand bis zum Jahre 18IO.
Die Wadlerbretzen
Ein ehrsamer Münchner Bürger mit Namen Burkhard der Wadler
und seine eheliche Hausfrau Heilwig Wadlerin machten im Jahre 1318
dem Heiligen Geiftspital eine Stiftung zu 63 Pfund Pfennigen; denn
das Geld wurde dazumal noch gewogen. Von dieser Gült verblieben
46 Pfund 5 Pfennige dem genannten Spital „für die Sundersiechen".
Die Stifter hatten aber auch bestimmt, daß alljährlich für 3 Pfund
Pfennige Bretzen angekauft und an die Armen ausgeteilt würden.
Davon schrieb ein Gebrauch sich her, der fast durch fünf Jahrhunderte
bestand, nämlich:
Alljährlich am I.Mai, als dem Todestag des Stifters, ritt ein
Mann mit einem großen Sack voller Bretzen um Mitternacht vom
Hl. Geistfpital aus durch die Straßen der Stadt. Das Pferd, auf dem
er ritt, mußte ein Schimmel und nur auf drei Füßen locker mit Huf-
eisen beschlagen sein. Aus seinem Sack warf der Reiter Bretzen unter
das Volk mit den Worten: „Ihr jung und alte Leut, geht's zun Hl.
Geist, wo man die Wadlerbretzen auSgeit."
Im Jahre 1801 starb die letzte aus dem Geschlechte des milden
Stifters. In eben diesem Jahr, als der Bretzelspender seinen Umritt
hielt und am Ende seines leckeren Vorrats war, riß ihn die Menge
derer, die nichts mehr bekamen, vom Gaul herunter und mißhandelte
ihn kläglich. Seitdem unterblieb die Spende. Auf einem Decken-
gemälde in der Hl. Geiftkirche ist der Reiter samt seinem Schimmel
abgebildet.
Gleichfalls einer alten Stiftung gemäß pflegten an den Quatember-
tagen zwölf Spitalleute, sechs Männer und sechs Weiblein, in schwar-
zen Mänteln mit weißen Halskrausen und breitrandigen Hüten paar-
*
weise vom Hl. Geistspital nach der Frauenkirche zu wandeln und dort
der Vigil und dem Requiem bcizuwohnen. Im Volksmund hießen sie
die „zwölf Apostel" oder auch die „Quatcmbermanndln". Die Stiftung
sollte nach irriger VolkSmcinung von Kaiser Ludwig dem Bayern her-
rühren, stammt jedoch von Maria Anna, der Witwe Albrechts V., die
einen „Fürstenjahrtag" gestiftet hatte, bei dem diese Spitaler anwe-
send sein und beschenkt werden sollten. Zu Anfang des neunzehnten
Jahrhunderts ward die Sitte für einige Zeit eingestellt — aber da
ging zu München die Sage, daß jene zwölf Spittelleute um Mitter-
nacht ihren Kirchgang in gewohnter Tracht hielten, und daß die Türen
des Domes sich von selbst vor ihnen aufgetan und hinter ihnen ge-
schloffen hätten. Viele Einwohner wollten dies gesehen haben
und deuteten es als eine stumme Wehklage der Toten über das neue
unfromme Zeitalter. Nach anderer Lesart wären die geisterhaften Qua-
tcmbermanndln die umgehenden Seelen von solchen Spittelleuten ge-
wesen, die im Leben mehr über ihre Verpflegung gemurrt und auf die
Nebcnmenschen gelästert hätten, als der Andacht und einem gottgefälli-
gen Lebenswandel obzuliegen. Das müßten sie jetzt nach ihrem Tode
noch büßen und nachholen.
Kirche und Spital zum Hl. Geist
Früheste Vergangenheit umgibt uns, wenn wir an der Stelle stehen,
wo es „im Tal" heißt und wo heute die Kirche vom Hl. Geist aufragt.
Hier stand ein Katharincnkirchlein, das von allen Kirchen Münchens
das älteste gewesen sein soll, und von dem die seltsame Kunde geht, daß
es auf „Bögen" gestanden habe, wahrscheinlich zum Schutz gegen das
zu Zeiten ins Tal hereinströmende Hochwaffer. Eine Klause stand bei
dem Kirchlein. Hier erbaute Herzog Ludwig der Kelheimer, der im
Leben so viel Glück und am Ende einen geheimnisvollen blutigen Tod
fand, schon 1204 ein Pilgerhaus. Als dann der Orden vom Hl. Geist
- gestiftet um die Mitte des zwölften Jahrhunderts durch Guido zu
Montpellier - in Rom ein vom Papst Innozenz III. selbst erbautes
Spital erhielt, folgten viele Städte dem frommen Beispiel. Herzog
Otto II- errichtete an Stelle des alten Pilgerhauses einen stattlichen
Spitalbau nebst einer eigenen „Hl. Geistkirche", da der heilige Geist,
als Stärker und Tröster, besonders der Reisenden, Schwachen und
Kranken waltet. Die alte Katharinenkapelle wurde in das Spital, das
der Obhut der Brüder vom hl. Geist (nach der Regel des hl. Augustin)
übergeben ward, mit hinein verbaut und bestand dort im ersten Stock
noch sechs Jahrhunderte lang. Zweimal im Jahre, am Feste der hl.
* 111 *
110 *
Kreuzauffindung und hl. Kreuzerhöhung, fand in dem kleinen dämm-
rigen Raum ein feierlicher Gottesdienst statt; dann tat eine Türe sich
auf, die für jedermann sonst zu allen Zeiten geschloßen blieb, und der
regierenden Bürgermeister einer schritt hindurch, in Amtstracht mit
goldener Kette, um dem Gottesdienst beizuwohnen. Denn der Stadt,
die schon zuvor an der Verwaltung beteiligt gewesen, unterstand das
Spital völlig, seit in den Jahren des Streites zwischen Kaiser Ludwig
und Papst Johann die Brüder vom Hl. Geist ihre Stätte verlaßen
hatten. Rasch und heimlich muß es geschehen sein, wie aus der Sage
zu schließen: die letzten Mönche seien über Nacht davongegangen, und
am Morgen habe der Chorregent mit den Spitalern allein die horas
halten müßen. — Seitdem, wie gesagt, standen zwei „Hochmeister",
je einer vom inneren und einer vom äußeren Rate, dem Hl. Geist-
spital vor.
Von dem großen Stadlbrand 1327 hatte das Spital zwar sehr ge-
litten. Es wuchs aber darnach rasch, bedeckte allmählich die ganze
Fläche des heutigen Viktualienmarktes, reichte bis zur Wcstenrieder-
straße. Eine kleine Gemeinde innerhalb der Gemeinde, umfaßte es ein
Männer- und Weiberhaus, ein Findelhaus und Gebärhaus, eine Stube
für Sinnlose und ein Armenhaus. Um sich selbst versorgen zu können,
besaß es eigene Brauerei, eigenes Backhaus, eigene Wälder und Öko-
nomie. Nach der Säkularisation ließ die Stadt das Spital nieder-
reißen im Hinblick auf den zu schaffenden großen städtischen Viktualien-
markt; ihre Kranken verlegte sie in das nun leergewordene Elisa-
betherinnen-Kloster vor dem Sendlingertor, deffen Betrieb sie dem
Orden der Barmherzigen Schwestern übergab. Heute befindet die Ge-
samtheit der neuen städtischen Spitalbauten sich bekanntlich auf dem
Dom Pedroplatz.
Die alte Katharinenkapelle hatte mit der Verlegung des Spitals
aufgehört, als Kirche zu bestehen; sie diente, wie überhaupt das Wenige,
das von den Gebäuden noch übrig war, fortan weltlichen Zwecken.
Unverändert erhalten blieb nur die dem Spital verschwisterte, ihm
bisher untrennbar verbundene Kirche vom Hl. Geist.
* *
*
In der bischöflichen Verordnung vom Jahre 1271, die neben St.
Peter die Kirche zu U. L. Frau als zweite Pfarrei einsetzt, ist bereits
der Spitalkirche vom hl. Geist eine selbständige Stellung zugewiesen.
Es gilt als ungewiß, ob die Hl. Geistkirche bald nach dem
großen Stadtbrande 1327 oder erst später neu erstand. Trotzdem
ist sie die älteste Hallenkirche Münchens. In der ersten Hälfte
des achtzehnten Jahrhunderts wurde sie teilweise umgebaut, das
* 112 *
Gewölbe und der Dachstuhl völlig erneuert, der baufällige gotische
Turm durch einen neuen ersetzt. Der Hauptteil der inneren Ausgestal-
tung lag in den Händen der Brüder Asam, deren erstes Werk in Mün-
chen die Kirche war; außerdem wirkten daran mit der Stukkator Mat-
thias Schmidgartner und die Maler Nikolaus Stuber und Peter Ho-
remans. Zweimal ward die Kirche noch nach Abbruch des SpitaleS
erneuert, einmal im Jahre 1885, zum letztenmal im Jahre 1908
bis 1909.
Vom Grabmal des Herzogs Ferdinand und seiner Gattin, das die
Kirche birgt, ist schon die Rede gewesen. Ein vielverehrtes Mutter-
gottesbild nennt die Kirche gleichfalls ihr eigen, die sogenannte „Ham-
merthaler Muttergottes". 1620 unternahm das GastwirtSehepaar
Hammerthaler im Tal zu München eine Wallfahrt nach Kloster Te-
gernsee, und die Frau sah bei diesem Anlaß in der Johanniskapelle der
Klosterkirche ein Liebfrauenbildnis, von dem sie meinte, sich nicht mehr
trennen zu können. Sie erreichte auch wirklich, daß der dortige Abt ihr
das Bild zusandte. Als es ankam, litt die Wirtsfrau eben große
Schmerzen an einem steifen Arm. Nachdem sie aber das Marienbild
aufgestellt und vor demselben gebetet hatte, verließ sie der Schmerz, und
sie richtete darauf dem gnadenreichen Bilde bei sich eine Art HauS-
kapelle ein. Später vergable sie es dem Auguftinerklofter. Nach deßen
Aufhebung zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts kam das viel-
verehrte Bild in die Kirche zum Hl. Geist.
In der Hl. Geistkirche hatte auch die älteste Bruderschaft der Stadt,
nämlich die „unter dem Titel, Namen und Schutz Mariä Geburt
anno 1323 von dem Hand-Werkh der Päckhenknecht durch 300 Städte
und Märkte aufgerichtete Bruderschaft" ihre Gottesdienste und ein
„ewiges Licht". Das letztere verblieb beim heiligen Geist; mit ihren
Ämtern, Seelengottesdiensten und sonstigen kirchlichen Obliegenheiten
übersiedelten die Bäckerknechte bald in die Kirche der Augustiner, hatten
sogar dort einen eigenen Altar. Nach der Säkularisation dieser Kirche
kehrte die Bruderschaft der Bäcker bis zu ihrem Eingehen in die
Hl. Geistkirche zurück.
Die Säkularisation zahlreicher Kirchen, das Einfordern des
Kirchensilbers usw. zu Anfang des 19. Jahrhunderts weckte vielfachen
und leidenschaftlichen Widerstand, der jedoch wohl nirgendwo eindrucks-
vollere Formen annahm als in der Hl. Geistkirche. Da nämlich die
Kommission zur Ablieferung des Kirchensilbers erschien, ließ der Spi-
talpfarrer Josef Klein sämtliche Gefäße — mit Ausnahme des schönsten
Kelches, den er für sich behielt — der Ordnung nach auf dem Hochaltar
aufftellen und sechs gelbe Kerzen, wie bei einem Leichengottesdienst, an-
zünden. Dann warf er sich, mit Stola und Chorrock bekleidet, in
«
* 113 *
Gegenwart der Kommission vor dem Altäre nieder und betete laut den
Bußpsalm „Miserere". Nach beendigtem Gebet aber stieg er zum
Altäre empor, ergriff einen Hammer, zerschlug alle Kelche und Patenen
und lieferte so aus, was befohlen war. Natürlich wurde manches Ein-
gelieferte, wie in anderen Kirchen so auch hier, durch wohlhabende
Bürger wieder ausgelöft. Pfarrer Klein aber, besten gegnerische Hal-
tung der damals allmächtige Minister MontgelaS sehr empfand, wurde
.1811 aus München ausgewiesen und nach Neuburg an der Donau
verbannt. Erst nach dem Sturze des Ministers erhielt er die Erlaubnis
zur Rückkehr. Er starb zu München 1822 als Generalvikar des neu
errichteten Metropolitankapitels München-Freising.
Seit 1844 ist die Kirche vom Hl. Geist Stadlpfarrkirche.
IV. Abteilung:
Aus Münchens Fürstenschlössern
Von den Burgen und Schlössern
Die ersten Herzöge aus dem Hause Scheyern-Wittelsbach haben eine
Burg oder Veste in München nicht besessen. Einer Überlieferung nach
hatte Heinrich der Löwe, der Gründer Münchens, ein Haus oder Ab-
steigequartier auf dem Markt, dem heutigen Marienplatz; neuere Mei-
nung ist, daß sein angebliches Hoflager sich wohl schon an der Stelle
des späteren „alten Hofes" befunden hätte. Weder Otto der Große
noch Ludwig der Kelheimer noch Otto II. haben eine richtige Burg in
München gehabt, das ihnen ja auch noch nicht als ständiger Wohnsitz
diente. Erft der vierte Wittelsbacher, der in Bayern herrschte, Herzog
Ludwig II-, der „Strenge", errichtete zwar innerhalb der Stadtmauer,
aber in derem äußersten Winkel, eine wirkliche befestigte Fürstenburg,
die „Alte Veste" oder den „Alten Hof". Ludwig der Bayer hat sie
dann erweitert, zumal die St. Lorenzkapelle, die zur Burg gehörte,
neu und größer gebaut. Eine ganze Reihe von Herzögen hat im Alten
Hof gehaust: Ludwig II., Ludwig der Bayer und sein Bruder Rudolf,
Stephan I., Johann und dessen Söhne, Albrecht III. und sein Sohn,
der kunftfreundliche Herzog Sigmund, der den „alten Hof" abermals
verschönern und durchaus mit farbigen Malereien zieren ließ. Davon ist
heute freilich keine Spur geblieben; der einzige Überrest aus alter Zeit
ist der „schöne Erker" an der Südseite neben dem zur Burggasse füh-
renden Torbogen - das Türmlein, von dem es in Thomas GreillS
gereimtem Lobspruch auf München heißt, daß dieser Turm „spitzig ist
unten und oben",
.. „Rührt weder Erd noch Himmel an,
Tut dennoch unbeweglich stahn..."
Durch den großen Stadtbrand 1327 war die Burg schwer beschädigt
worden; gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts bot sie angesichts
der beständigen Bürgerunruhen nicht mehr Sicherheit genug. Eine
„Neue Veste" erbauten sich die Herzoge außerhalb der Stadtmauer,
im „Greymoltswinkel" der Graggenau, eine Art Trutz-München mit
Wehrtürmen, breitem Wassergraben und einer Brücke, die stracks ins
Freie führte. Oft ward auch diese Veste durch Brand versehrt, stets wie-
der auf- und reicher ausgebaut; jeder Fürst fügte das Seinige hinzu.
Albrecht IV. bezog die Neuveste nachträglich in die Stadtumwallung
hinein, erweiterte gleichzeitig Burg und Stadtgebiet, ließ durch Leon-
hard Halder den großen Festsaal erbauen. Von der Zeit, da er seinen
Bruder Herzog Christoph, der ihm die Mitregierung abtrotzen wollte,
gefangen hielt im nordwestlichen Rundturm, blieb diesem Turm der
Name Chriftophsturm. Den Festsaal, der unter Wilhelm IV. erst voll-
endet worden, den St. Georgssaal, ließ Albrecht V. schon umgeftalten
zu einem Prunksaal im Renaissancestil. Der Meister dieses Saales,
Wilhelm Egkl, schuf auch den ersten Bau für die Sammlungen der
Kunstkammer: das heutige Münzgebäude mit dem prächtigen Kolon-
nadenbau des — fälschlich so genannten — Turnierhofs, während die
Büchersammlung im „alten Hof" untergebracht wurde bis zum Bau des
„Antiquariums" beim Brunnenhof. Unter Wilhelm V. ward am
alten Residenzgarten der „Grottenhoftrakt" aufgeführt und der Neu-
veste ein besonderer Stock als Witwensitz hinzugefügt.
Gleichfalls zu Wilhelm V. Zeit, als 1580 ein Brand die neue
Veste verheerte, ward die sogenannte Wilhelminische Residenz (spätere
StaatsschuldentilgungSkaffa) erbaut. In ihr hat, nachdem er die Re-
gierung seinem Sohne, Maximilian I. abgetreten, Herzog Wilhelm
dauernd gewohnt. Der Bau war mit dem gleichfalls von Wilhelm V.
gegründeten Jesuitenkollegium durch den sogenannten Wilhelmöbogen
verbunden, den heute noch die Büste des fürstlichen Erbauers schmückt.
Der spätere Bewohner der Wilhelminischen Neuveste war Prinz Max
Philipp, der zweite Sohn Kurfürst Max I-, und nach ihm erhielt die
Burg den Namen „Herzog Maxburg".
Der eigentliche Begründer der heutigen Residenz und zugleich der-
jenige, in dem die absolute Herrschergcwalt, aber auch die Herrscher-
verantwortung ihren stärksten Ausdruck fand, war Maximilian I. Be-
kanntlich entstammt seiner Zeit der alte, der Residenzstraße zugewandte
* 115 *
* 114 *
Teil mit dem die Faffade bekrönenden Madonnenbild zwischen den
Portalen. Nie hat sich recht ermitteln lassen, von wem die Pläne stamm-
ten. Gewiß ist, daß der Herzog, spätere Kurfürst, selbst sehr viel Anteil
an dem Entwurf gehabt haben muß; wenigstens wurde Gustav Adolf,
als er bei seinem Aufenthalt in München nach dem Baumeister des
Residenzfchlosies fragte, die Antwort zu teil: der Kurfürst fei sein
eigener Baumeister gewesen. 1598 begann der Bau; Hans Simon
Reifenstucl aus Gmund am Tegernsee war der Bauleiter. Die Reiche
Kapelle, die Hofkapelle, der ganze Block um den Kaisersaal mit den äl-
teren Fürstenzimmern, der größte Teil der inneren Umgebung der Höfe
entstammen jener Zeit. Auch der heutige Hofgarten wurde schon 1614
angelegt und mit Bogengängen umgeben; desgleichen ist der Rundtem-
pel in der Mitte, den die (häufig als Diana bezeichnete) entzückende
Bronzefigur der Bavaria schmückt, von Maximilian I. errichtet.
Unter Maximilians Nachfolgern hat die von ihm mit Fresken, pla-
stischen Kunstwerken und vor allem mit den berühmten Hauteliffetape-
ten prächtig geschmückte Residenz noch weitere künstlerische und prunk-
volle Ausgestaltung erfahren. Der Ruf des Münchner Restdenz-
schloffeS, als des großartigsten deutschen Schloßbaues, drang überall
hin. DaS „triumphierend Wundergebäu" haben schon Maximilians
Zeitgenoffen es genannt. Dem kraftvollen Renaiffancecharakter des ur-
sprünglichen Hauptflügels fügte zunächst die barocke Pracht der päpst-
lichen Zimmer, des goldenen Saales sich ein, die unter dem Kurfürsten
Ferdinand Maria entstanden. Unter Max Emanuel und seinem Sohne
trat, nachdem die lange Unterbrechung des spanischen Erbfolgekrieges
vorüber war, ein neues Moment hinzu: die Reichen Zimmer, die Joseph
Effner mit soviel Kunst geschaffen und die, nachdem sie ein Raub der
Flammen geworden, Franz Cuvillies erneuert und in das reizvollste
Rokokogewand gehüllt hat.
Denn leider fiel das Neue und Kostbare stets wieder dem Feuer zum
Opfer. Der erste große Residenzbrand brach schon 1674 aus und zer-
störte bis auf den Flügel des Kapellenhofes fast die ganze Residenz.
Eine Unvorsichtigkeit der ersten Kammerfrau der Kurfürstin, Fräulein
de la Perouse, die bei brennender Kerze entschlummerte, hätte den
Brand verschuldet. Wasserbehälter und Löschgeräte in der Residenz selbst
befanden sich in Unordnung; Hilfe von außen ward verspätet gerufen
und geleistet. Zum Unglück weilte Kurfürst Ferdinand Maria vorüber-
gehend fern, so daß die ordnungschaffende Autorität gebrach- Was nicht
verbrannte, wurde durch Ungeschick beim Löschen und freche Plünderung
bei den RettungSarbeiten verdorben und verschleppt. Kunstgegenstände
von unermeßlichem Werte gingen verloren. Der Kaisersaal und was
hinter ihm lag, blieb erhalten.
Das zweite Mal brach Feuer in der Residenz am 26. Februar 1729,
unter der Regierung des Kurfürsten Karl Albrecht, aus. Nach eigener
Angabe des Kurfürsten brannten drei Zimmer völlig ab; das soge-
nannte „Cabinet de Bronze“ mit seinen schönen alten Figuren ging
in Rauch auf, schönste Werke Albrecht Dürers verbrannten- „Und" —
schreibt Karl Albrecht — „was Vor mir am betaurlichsten ware, die
helffenbäunene Kästen, so mit meines Herrn Vattern seliger Chur-
fürsten Max Emanuel aigenhändiger schöner Arbeith eingerichtet waren.
AuS dem Schlaffzimmer hat das bey dem Churhaus so hoch geschätzte
Vnd in der ganzen Welt bekanndte Frauenbild Vom Raphael Urbino
nit können errettet werden; dieses ist der Hauptschaden so in dieser
leidigen Brunst geschehen. Gott ist zu dankhcn, daß der HauSschatz noch
so glikhlich davonkommen und nit die ganze Residenz abgebrunnen." ...
Der dritte Residenzbrand, zugleich der größte, loderte unter Max
Joseph HI. im März 1750. Fast das ganze Residenzschloß ward in
Schutt und Trümmer verwandelt; der Schaden war ungeheuer. Als
Ursache des Brandes ward angegeben, daß am Abend zuvor in dem
St. Georgssaal eine Truppe französischer Komödianten gespielt hatte,
und daß hierbei nicht vorsichtig mit Feuer und Licht umgegangen wor-
den; nach anderer Meinung war das Feuer gelegt. Jedenfalls faßte
Max Joseph III. damals den Entschluß, ein eigenes neues Theater zu
errichten, das, obzwar sich der Residenz anschließend, von derselben
durch eine starke Feuermauer geschieden wäre. Somit gab der letzte
Residenzbrand Anlaß zur Entstehung des Residenztheaters.
Der Plan des Kurfürsten für einen neuen großen Schloßbau blieb
unausgeführt bis zu König Ludwig I-, dem eigentlichen Neuschöpfer der
Residenz. Er ließ 1826 den großartigen Trakt aufführen, der den Na-
men Königsbau erhielt, auch den Festsaalbau und den Marftall, sowie
die Allerheiligenhofkirche. Den ChristophSturm, der von der 1729 völlig
niedergebrannten alten Neuveste noch übrig war, mußte auf des Königs
Wunsch der Architekt der Residenz, Leo Klenze, durch geschickten Über-
bau erhalten.
Unter König Ludwigs I. Regierung wurde ferner das 1811 begon-
nene, seitdem aber wieder durch Brand zerstörte Hof- und National-
theater fertig gestellt, welches im Verein mit dem Königsbau und dem
Residenztheater sowie dem Postgebäude dem heutigen Max Josephplatz
das entscheidende Gepräge gibt.
* *
*
Ein richtiges altes Schloß pflegt seine Gespenster zu haben. DaS
trifft auch auf Münchens Schlösser zu. Von der Herzog Maxburg ging
ehemals die Rede, daß sich dort die Kurfürftin Marianne, Maximi-
* 117 *
* 116 *
lions I. Gemahlin, als Geist sehen laste, jedoch freundlich-mild, ohne
einem Menschen Leides zu tun. Dennoch sei eine Schildwache eines
Nachts vor ihr so erschrocken, daß der Arme in den Schloßhof hinauS-
rannte, dort bewußtlos in den Schnee fiel — es war zur Winters-
zeit — und andern Tages förmlich ausgegraben werden mußte. Hat
ihm aber nachträglich nichts geschadet.
Ein wirklich böser Spuk dagegen soll bisweilen um Mitternacht in
der Residenz sein Wesen treiben. Ein großes schwarzes Ungetüm in
Gestalt eines Pudels, der feurige Augen macht, und dem die Helle Glut
aus dem Maul geht. Das soll die verdammte Seele eines untreuen
Dieners fein, der zur Schwedenzeit oder während der österreichischen
Besetzung den Feinden verraten hätte, wo der Kurfürst Geld und
Kleinodien verborgen. Er sei dafür heimlicher Weise Hingerichtei wor-
den, muß aber nach seinem Tode noch geistern, und das Geld, das er
für seinen Verrat empfangen, muß er im Jenseits geschmolzen fresten;
drum speit er lauter Feuer aus.
Ferner geht in der Residenz, in Nymphenburg, Schleißheim und
überhaupt allen Wittelsbacher Schlöffern ein Frauengeist um von
ähnlicher Art wie die weiße Frau, die in den Hohenzollernschlöstern
spukt. Zum Unterschied ist es hier eine schwarze Frau, in reicher schwar-
zer Kleidung, einen Schleier um das Haupt; ihr Bild ist in der Re-
sidenz zu sehen. Ihr Erscheinen verkündete jedesmal ein Unglück oder
einen Todesfall im Haufe der Wittelsbacher. — Vor dem Hingang
König Ludwig II. versicherte ein Soldat, der im Schlöffe zu München
die Wache hatte, sowie der alte Galeriediener F. . . in Schleißheim
hoch und heilig, die „schwarze Frau" gesehen zu haben; auch vor dem
Tode Mar II. und seiner Witwe, der Königin Marie, sollte sie er-
schienen sein.
Ludwig „der Strenge"
Der Beiname, der sich an Herzog Ludwig II. heftet, ist ein sehr un-
zutreffender. Denn er bezieht sich auf eine Bluttat, mit der sich Ludwig
als Achtundzwanzigjähriger belastete und die keineswegs der Strenge,
vielmehr blindem Jähzorn, sinnloser Wut entsprungen scheint.
Ludwig hatte, mit Maria von Brabant vermählt, den offenbar
grundlosen Verdacht der Untreue auf sie geworfen; angeblich wäre,
indeß er am Rhein weilte, ein Brief der Herzogin an den Raugrafen
Heinrich ihm in die Hände gefallen, besten Inhalt der Herzog falsch
auslegte und darüber in rasende Eifersucht geriet. Am 18. Januar 1256
um Mitternacht ließ er auf dem Mangoldstein in Donauwörth der ver-
meintlichen Ehebrecherin durch einen Burgwart das Haupt abschlagen;
ein Hoffräulein Marias, der Mitwifferschaft beschuldigt, ward von der
Burg herabgestürzt und mit ihrer Herrin des andern Morgens im
Kloster Heiligkreuz begraben.
Ein zeitgenössisches Gedicht, von dem Minnesänger Meister Stolle
dem Jungen, gibt dem Entsetzen Ausdruck, das die Untat überall
erweckte:
„O wehe! Heut und immer ruft wehe und schreit!
So weh dem Tag, so weh der Nacht, so weh der feigen Zeit!...
Ich vernahm in meinen Tagen keinen Mord so groß,
Als von der Bayern Herren; wie hat er so bloß
Gestellt die Würde und die Tugend sein." ...
Ein rührender, vielleicht legendärer Zug ward im Liede von der Ge-
mordeten berichtet:
„Nun möget ihr hören Jammer klagen:
Noch ihres Herren Kuß bat sie vor ihrem Ende.
„Soll ich nun sein von Euch erschlagen,
Deß müßt Ihr viel und sehr noch ringen Eure Hände.
Es zeuge mir der Jungfrau Sohn, daß ich unschuldig bin,
Der Tod, den ich jetzt leiden muß, wird Euerm Heil zum
sUngewinn."
Die Weissagung dieser Worte ging an Ludwig alsbald in Erfüllung.
Die empörten Verwandten der Gemordeten drohten Rache; als kirch-
liche Buße ward ihm auferlegt, entweder ins heilige Land zu pilgern
oder ein Kloster zu stiften. Er wählte das letztere und erbaute das
Zisterzienserkloster Fürftenfeld bei Bruck. Sein Gewisten aber ward
wohl seine schärfste Strafe, zumal sich augenscheinlich bei ihm und den
Seinigen immer mehr die Überzeugung von der Unschuld der Gelöteten
befestigte. Die Tochter aus Ludwigs zweiter Ehe empfing den Namen
Maria; fein Sohn Rudolf stiftete noch nach des Vaters Tode für
besten Seelenheil eine ewige Messe und ein ewiges Licht am Grabe der
gemordeten Herzogin. Eine Überlieferung besagt, daß binnen wenig
Tagen Ludwigs Haar erbleicht sei und man ihn nie mehr lachen gesehen;
jedenfalls scheint häufige Schwermut ihn heimgesucht zu haben, auch
nachdem aus seinen zwei späteren Ehen (mit Anna von Schlesien-Glo-
gau und nach deren Tode mit Mechtild von Habsburg) ihm Kinder-
segen erblüht war. Die stete Erinnerung seiner Bluttat hat jedenfalls
das Gewaltsame in Ludwigs Natur mählich gedämpft und sein Gewisten
geschärft. „Aus der Tätigkeit des gereisten Mannes empfängt man
überwiegend die Eindrücke besonnener Selbstbeherrschung, treuer
* 119 *
* 118 *
Pflichterfüllung, eifriger Fürsorge für das Gemeinwohl." (Riezler).
Sein Verhältnis zu seinem Neffen und Mündel Konradin dem Stau-
fer hat Kritik erfahren, noch mehr die unter ihm vollzogene erste Landes-
teilung und seine Beihilfe zur Kaiserwahl Rudolfs von Habsburg,
nachdem Ludwigs eigene Bewerbung um die Kaiserkrone sich als aus-
sichtslos erwiesen. Aber „es ist sehr fraglich, ob er in beiden Fällen an-
ders handeln konnte. . . und ihm ist zu danken, daß Baiern auch unter
den ungünstigeren Verhältniffen eine angesehene Stellung im Reiche
behauptete. . ."
Als Ludwig starb (1294) fand er die letzte Ruhestatt in seiner Stif-
tung Fürstenfeld, wo ihm, freilich nicht unparteiisch, nachgerühmt ward:
„Ganz Baiern mußte den Tod dieses Fürsten beklagen, der alle anderen
an sittlicher Zucht übertraf, und unter dem das Land Wohlstand und
Fülle des Friedens genoß."
*
Im Zusammenhang mit Ludwigs schwärzester Tat sei noch einer,
von Franz Trautmann fein ausgesponnenen, Legende gedacht. Es wird
darin erzählt, daß die Qual seiner späten bittren Reue den Herzog oft,
wenn er von der Hofburg kam, in die kleine Wieskapelle hinter St.
Peter eintreten ließ, um dort Verzeihung zu erbeten. Da hätte er einst,
als er einsam dort kniete, am Altar die Erscheinung seiner Gemordeten
zu sehen gemeint, ohne Zorn auf ihn herblickend, mit einem feinen
roten Streifen um den Hals. Darauf hätte er die Arme gen Himmel
gereckt und voll Inbrunst gesprochen: „O Domine, absolve me per
innocentiam Mariae!“ *) und so zu dreien Malen, wobei er einen
leisen süßen Sang, wie von Engeln vernahm. Als er zum dritten Mal
die Worte gesprochen hatte, hörte er hinter sich eine Stimme sagen:
„Ludovice, te absolvit Dominus noster“ * 2) - und erblickte, sich
umschauend, die lichte Erscheinung der toten Maria, die noch hinzu-
fügte: „sicut Deus et ego“ —’) und dann verschwand. —
Zum Wahrzeichen des Wunders, womit ihn Gottes Vergebung be-
gnadigt, hätte Herzog Ludwig an der Stelle, wo Maria ihm erschienen,
ein schwarzes Kreuz in den Stein graben lasten. Doch war davon schon
zu Anfang vorigen Jahrhunderts keine Spur mehr zu entdecken.
H ȣ> Herr vergieb mir, um der Unschuld Marlens willen/
2) »Ludwig, dir vergibt unser Herr."
s) »und wie Gott, vergeb' ich dir."
Der Turmaffe im „alten Hof"
Dem zierlichen gotischen Erkertürmchen im alten Hof gegenüber, da
wo setzt das Rentamtsgebäude München III sich befindet, stand einst
die Burgkapelle zum hl. Laurentius. Neben dem Chor der Kapelle
ragte ein niedriger Turm empor und darauf die aus Stein gehauene
Figur eines Affen, der ein kleines Kind in seinen Armen hielt. Davon
ging folgende Sage:
Herzog Ludwig, der Erbauer der Burg, hatte einen zahmen drolligen
Affen, der sich frei rings in der Burg umtrciben durfte und bei jeder-
mann wohl gelitten war. Eines Tages nun geschah es, daß der Affe
ganz allein in dem Zimmer weilte, wo das Söhnlein des Herzogs,
nachmals Ludwig der Bayer, in der Wiege lag. Da wandelte den
Affen, der schon öfter beobachtet hatte, wie die Wärterin mit dem Kind-
lein gebarte, die Lust an, es ihr ein wenig nachzumachcn. Er hob also
das Prinzlein aus der Wiege, schützte es hoch, schaukelte es in seinen
Armen und stolzierte so mit ihm im Gemach auf und ab. Unversehens
aber trat die Wärterin herein und schrie laut auf, da sie das zarte Kind
in den haarigen Armen des Tieres sah. Sie wollte ihm das Prinzchen
entreißen; der Affe, im Schrecken darüber, nahm vor ihr Reißaus, lief
durch Vorsaal und Gänge, Trepp' auf Trepp' ab, die Wärterin immer
hinter ihm drein. Endlich ersah der verfolgte Affe keinen Ausweg, als
durch eine Dachluke, schlüpfte hinaus aufs Dach und setzte sich auf die
Spitze des Erkerturms. Nun war guter Rat teuer: der Herzog und die
Seinen, von dem Schrecknis benachrichtigt, standen in bitterer Angst
zu Füßen des Turmes; niemand getraute sich, den Affen auf seinem ge-
fährlichen Sitz zu beunruhigen, damit er nicht das Kind herabfallen
ließe. So schien eS am rätlichsten, ihn ungestört oben hocken zu lassen
und im Hofe Decken und Betten auSzubreiten, damit sich das Kind im
möglichen Falle nicht verletze. Als das Tier sah, daß alles ruhig war
und niemand eS hetzte, kletterte es schließlich vom Dache herab und
trollte den Weg ins Kinderzimmer zurück, wo es den kleinen Ludwig
sorgsam wieder in die Wiege bettete. Nun sollte der Affe tüchtig
durchgebläut werden, aber er flüchtete sich alsbald zu der Frau Hof-
meisterin und umarmte sie unter so possierlichen Bittgebcrden, daß er
der Strafe entging. Der tatenlustige Affe ward von da ab in besseren
Gewahrsam genommen, sein Bild aber zum Angedenken der glücklich
abgewandten Gefahr in Stein gehauen und auf die Zinne des Turmes
gesetzt.
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Herzog Christoph der Kämpfer
Am Eingang des allen HofeS lag vormals an einer Kette ein ge-
waltiger Stein, mehr denn drei Zentner schwer. Daneben in der Mauer
waren drei Nägel eingeschlagen und eine steinerne Tafel angebracht,
mit folgenden Versen darauf:
„Als nach Christi Geburt gezehlet war
Vierzehnhundert neun und achtzig Jahr
Hat Herzog Christoph hochgeborn
Ein Held aus Bayern auserkorn
Den Stein gehebt von freyer Erd
Und weit geworfen ohngefehrd.
Wiegt dreyhundert vier und sechzig Pfund,
Deß gibt der Stein und Schrift Urkund.
Drey Nägel stecken hier vor Augen,
Die mag ein feder Springer schaugen,
Der höchste zwölf Schuh von der Erd,
Den Herzog Christoph ehrenwerth
Mit seinem Fuß herab tät schlagen.
Kunrad lief bis zum andern Nagel
Wohl von der Erd zehenthalb Schuh,
Neunthalb Philipp Springer luef
Bis zum dritten Nagel an der Wand.
Wer höher springt, wird auch bekannt.
Als unter Kurfürst Maximilian I. das neue Residenzschloß erbaut
ward, ließ der Fürst den Stein, sowie die Nägel und die Tafel in einen
Hof der neuen Residenz versetzen, wo sie annoch zu sehen sind.
Wer die beiden Wettkämpfer des Herzogs „Kunrad" und „Philipp"
gewesen sind, wissen wir nicht. Herzog Christoph aber, geboren am
5. Juni 1449, war einer der fünf Söhne, die Albrecht HI. von seiner
Gemahlin, Anna von Braunschweig, gehabt. Von Gestalt hager und
unansehnlich, besaß er eine ungewöhnliche Stärke und Behendigkeit,
dazu eine feurige, unstete und unternehmende Sinnesart. In Kampf
und Ritterspiel, sei es zu Schimpf oder Ernst, tat es ihm keiner zuvor;
daher ward er der „Kämpfer" benannt. Ein harter und gar vergeb-
licher Kampf nahm lange Zeit feine beste Kraft: der um die Mit-
regentschaft Bayerns neben seinem Bruder, dem Herzog Albrecht IV.
Durch zweiundzwanzig Jahre (von 1463 — 85) währte der Bruder-
streit; gewaltsame Taten auf beiden Seiten zeitigte er. Herzog Albrecht
ließ seinen Bruder, vor dessen Anschlägen gewarnt, durch den Grafen
Niklas von Abensberg im Bade gefangen nehmen und in den runden
Turm setzen. Herzog Christoph, daraus befreit und längere Zeit hin-
durch mit seinem Bruder verglichen, geriet abermals in Fehde mit ihm
und nahm blutige Rache an Albrechts Parteigängern, zumal dem Abens>
berger, der im Gefecht bei Freising von Christoph und den Seinen
erschlagen ward. Die Gattin des Abensbergers, Frau Martha, eine
gebürtige Werdenbergerin, soll vor Schreck und Leid darüber gestorben
sein. Am Osterfest desselben Jahres — 1485 — aber wurde ein Land-
tag zu München einberufen, wo vierundsechzig Schiedsleute den Hader
zwischen den fürstlichen Brüdern schlichten sollten. Herzog Albrecht be-
währte seine von den Zeitgenossen oft gerühmte Klugheit, indem er
dem Spruch der Schiedsrichter zuvorkam und seinen Bruder zu sich ins
Schloß lud. Da vertrugen die Fürsten sich brüderlich dahin, daß Herzog
Christoph die Alleinherrschaft in Bayern seinem Bruder Albrecht abtrat.
Damit ward Friede zwischen den Fürsten, zumal Albrecht sich auch mit
seinem Bruder Wolfgang gütlich verglichen hatte; Sigmund hatte
bald nach dem Ableben des ältesten Bruders Johann der Regierung
entsagt.
Mehr denn zwei Jahrhunderte war das Land von beständigen Erb-
streitigkeiten, Teilungen, blutigen Fehden zerrissen worden infolge des
gleichen Erbrechtes aller nachgelassenen Söhne eines Fürsten. Mit
fester Hand griff Albrecht hier ein, indem er das Erstgeburtsrecht ein-
für allemal zum Hausgesetz erhob und dadurch die Herrschgewalt auf
einer Person vereinigte.
Wie Christoph der „Kämpfer" hieß, so ward Albrecht „der Weise"
genannt. In den beiden Worten liegt der ganze innere Gegensatz beider
Brüder beschlossen. Das feurige unruhige Wesen deS einen, der in
stetem Widerstreit mit sich und der Außenwelt seine Kraft ohne eigent-
liches Ziel verzehrte, und die klare scharfe Klugheit des anderen, die
unter stets ungünstigen Verhältnissen das Mögliche wirkte und erreichte,
viel mißkannt und angefeindet, wie denn zu gescheite Leute selten be-
liebt sind.
Die ritterlichen Eigenschaften Christophs, seine Kraft und Gewandt-
heit, die ihm beim Landshuter Turnier anläßlich der Hochzeit Georgs
des Reichen den Sieg über den stärksten Polenritter verschafft hatten,
glänzten noch in den Kriegen des Kaisers Maximilian I. in Flandern
und in Ungarn. Bei der Belagerung von Stuhlweißenburg, als das
Kriegsvolk schon den Mut zu verlieren begann, sprang der hagere,
dunkle Bayernfürst vom Pferde, riß einem Knecht die Lanze aus der
Hand, und mit dem Ruf: „Wohlauf, liebe Brüder, mir nach!" setzte
er über den Graben und erkletterte kühn die Stadtmauer. Seinem
Heldenmut, der die Übrigen anfeuerte, war hauptsächlich die Einnahme
der Stadt zu danken; Kaiser Max zeichnete ihn und seinen Bruder
Wolfgang dankbar bei jedem Anlaß aus.
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Nachdem Christoph das dreiundvierzigste Jahr überschritten hatte,
beschloß und vollführte er, zur Sühne früherer Gewalttaten, zumal der
Ermordung des Abensbergers, mit noch anderen Fürsten und Edlen die
Wallfahrt ins heilige Land.
In Venedig schrieb Christoph, offenbar von Todesahnungen heim-
gesucht, seinen letzten Willen nieder (vollendet am Tage Christi
Himmelfahrt 1493) der gleichsam einen versöhnlichen und reuigen
Händedruck an seinen fernen Bruder darstellt; denn seine ganze Ver-
lasienschaft war darin dem Herzog Albrecht und dessen Leibeserben
vermacht.
Christoph erreichte mit seinen Genossen glücklich das gelobte Land,
betete am Grabe des Erlösers, beichtete und kommunizierte dort bei den
Franziskanern. Auf der Rückreise jedoch befiel ihn ein Fieber; krank
landete er auf der Insel RhoduS bei den Johannitern, deren Groß-
meister, Graf Rudolf von Werdenbcrg, sich seiner besonders liebevoll
annahm. Die Sorgfalt der Johanniter und ihres Großmeisters war
indeß vergeblich: am 15. August, dem Großfrauentag, erlag Herzog
Christoph seiner Krankheit und ward in der Kirche des hl. Antonius
auf Rhodus mit großer Trauer und Feierlichkeit bestattet. Nur seinen
Schild und sein Schwert brachten die Genossen seiner Pilgerfahrt heim
nach München; die wurden in der Burgkapelle aufgehängt und von da
in die Georgskapelle der neuen Residenz überführt, wo sie zum An-
gedenken des starken Herzogs noch bewahrt werden.
Herzog Wilhelms V. Hochzeit und die Mar vom
Doktor Faustus
Die Neue Veste hat viel Prunk und denkwürdige Schauspiele, auch
Zuzug von fremden Gästen gesehen, bei fürstlichen Hochzeiten und
Leichenbegängnissen und Herrschaftsantritten. Das glanzvollste Fest
aber, von dem weit über Bayern hinaus gesprochen ward, war die
Hochzeit, die Herr Wilhelm — nachmals Herzog Wilhelm V. — mit
Renata von Lothringen hielt im Jahre 1568. Dazu hatte sein Vater,
Herzog Albrecht V., alles aufgeboten, was künstlich und köstlich war:
die Stadt wimmelte von fremden Fürstlichkeiten und ihrem Gefolge,
die sämtlich auf das prächtigste gekleidet waren. Der Bischof von Augs-
burg, als Kardinal und päpstlicher Legat, vollzog die Trauung. Ver-
schiedene neue Kompositionen Orlando di Lassos wurden von der Hof-
kapelle aufgeführt; ja, Orlando verfaßte mit Massimo Trojano zusam-
men eine Harlekinskomödie, bei der er als Dichter und Musiker, Kapell-
meister und Schauspieler glänzte. Ein großes Jesuitenspiel „vom star-
ken Samson" ward zu höchster Bewunderung der Gäste dargestellt.
Die Festlichkeiten, Tanz, Turnier, Tafelfreuden, Schauspiel währten
über vierzehn Tage. Bei der Festtafel am Tage nach der Vermählung
wurde unter der Menge der Gerichte eine Pastete aufgetischt: aus der
stieg ein Zwerg des Erzherzogs Karl von Österreich, nicht ganz zwei
Spannen hoch, in silberweißer Rüstung, der alle Anwesenden, vorab
das fürstliche Brautpaar, aufs zierlichste begrüßte.
Welches Aufsehen die Hochzeitsfeier machte, zeigt sich auch daraus,
daß eine darauf bezügliche Sage in das 1587 erschienene Volksbuch
von Dr. Faust überging.
Der Inhalt der Sage lautet ungefähr also:
Doktor Faustus zu München
Es saßen auf eine Zeit drei Grafen, die zu Wittenberg studierten,
beisammen und redeten von der herrlichen Pracht, die auf der Hochzeit
von des Bayernfürsten Sohn zu München sein würde, wünschten,
auch dabei sein zu können. Da riet einer von ihnen: sie sollten Doktor
Faust darum angehen, und ihm eine Schenkung tun; der möchte ihnen
wohl dazu helfen, daß sie die Hochzeit sehen und zur Nacht wieder in
Wittenberg sein könnten. Nach dem Rat taten sie; und Faustus war's
wohl zufrieden, und sagte ihnen zu. Auf den Tag, da des Fürsten von
Bayern Sohn Hochzeit halten sollte, hieß Faustus die Grafen sich aufs
Schönste kleiden, führte sie dann in seinen Garten und breitete einen
großen Mantel aus; darauf setzte er die drei und sich selber, gebot
ihnen aber strengstens, daß keiner, so lang sie außen wären, ein Wort
reden oder einer Frage antworten dürfte. Das versprachen sie ihm.
Darauf hub FaustuS seine Beschwörungen an, und es kam ein star-
ker Wind und führte den Mantel mit ihnen durch die Luft davon, daß
sie rechtzeitig gen München kamen. Und sie fuhren unsichtbar, daß
niemand ihrer gewahrte. Nachdem sie die Pracht der Hochzeit den
ganzen Tag zugeschaut hatten, kamen sie am Abend, da es zum Nacht-
essen ging, in den Palast. DaS nahm der Marschall wahr und sagte
es dem Herzog an, wie alle Fürsten, Grafen und Herren schon zu
Tische säßen; draußen aber stünden noch drei Herren mit einem Die-
ner, die erst gekommen wären. Da ging der alte Herzog, sie zu em-
pfangen, aber sie antworteten auch dem alten Fürsten nicht auf seine
Rede, neigten sich nur. Derweil reichte man ihnen das Handwasser,
da vergaß sich der eine Graf und bedankte sich der Ehre. Es war
aber zwischen ihnen ausgemacht, daß sie, sobald Doktor FaustuS spre-
chen würde „Wohlauf", allesamt an seinen Mantel greifen und mit
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ihm davonfliegcn sollten. Da nun der Graf das Gebot des Schwei-
gens verletzte, rief Fauftus: „Wohlauf!", und die zwei anderen Gra-
fen, sich an seinem Mantel haltend, wischten mit ihm davon; der
Dritte aber ward ergriffen und ins Gefängnis geworfen. Da wurde
er befragt, wie das Ding zugegangen sei, und wer die drei Anderen
gewesen? Aber der Graf gab keine Antwort, besorgte, was daraus
entstehen möchte, wenn er seine Gesellen verriete. Also ließen sie ihn
für die Nacht geschloffen und mit Hütern bewahrt und bedräuten
ihn, daß man ihn morgen peinlich befragen wollte. Der Graf aber
getröstete sich, daß Dr. Fauftus, auf das Anhalten seiner Vettern,
ihn wohl erledigen würde. So geschah es auch: ehe der Tag anbrach,
kam Faustus zurück, und durch seine Zauberkunst fielen die Wächter
in tiefen Schlaf, und alle Türen und Schlöffer sprangen auf. Da
fuhr er mit dem Grafen durch die Luft nach Wittenberg, und die Drei
taten ihm eine stattliche Verehrung dafür.
Die zu München aber hatten das Nachsehen.
Albrecht V. und Orlando di Lasso
Die ausgesprochene, in großem Stil sich betätigende Kunst- und
Prachtliebe Albrechts des Fünften, dieses typischen deutschen Renais-
sancefürsten, war keineswegs eine Ursache reiner Freude für seine
Landstände und seine obersten Räte. Die sprachen ihm in einem
schriftlichen Gutachten vom Sommer 1558 ihr „herzliches Mitleiden"
aus, daß er „solche hergelaufene unbekannte, liederliche Leute am Ho-
fe überhandnehmen" und „zu so vilfeltigen gepewen, malereyen, kist-
lereyen" sich bereden laste. — Die guten Räte hatten von ihrem
Standpunkt, im sorglichen Hinblick auf ihres Herzogs wachsende
Schuldenlast, nicht ganz unrecht; aber auch der Herzog hatte nicht
unrecht, wenn er mit Unwillen das wohlmeinende Schriftstück auf-
nahm und ungnädig beantwortete.
Denn zu den „Malereien" die man ihm vorwarf, gehörten unter
anderen die Gemälde und Miniaturen von Hans Mielich, zu den
„Kistlereyen" (Holzschnitzereien) Jakob SandtnerS prachtvolle Holz-
modelle bayerischer Städte, vor allem das große Stadtmodell von
München, das eine Perle des bayerischen Nationalmuseums bildet.
Unter den „Gcbäuen" befand sich beispielsweise das heutige Münzge-
bäude, enthaltend das bauliche Kleinod des sogenannten Turnierhofs;
und mit den „hergelaufenen liederlichen Leuten" ward merklich auf
einen kürzlich neu Berufenen gezielt: Orlando di Laffo.
Ein Freund der Künste überhaupt, war Albrecht V. besonders ein
Freund der Tonkunst; die Liebe zur Musik war ein Erbteil der baye-
rischen Herzöge. Mit seinem Sohne Wilhelm, der zu Landshut
eine eigene Hofmusik hielt, wechselte Albrecht ausführliche Briefe
über neu zu gewinnende oder gewonnene Kräfte für die „Cantorey"
(Hofkapelle). Desgleichen schreibt der kaiserliche Vizekanzler und bay-
erische Gesandte in Brüffel, Dr. Seid, von „guten Singern", auch
Knaben, um die er sich für Albrecht bemüht. Das fürstliche Cantorey-
haus stand an der Ostseite des heutigen „Plahls", damals Graggen-
au geheißen; die einstige Stätte des CantoreyhaufeS nimmt ein Teil
des jetzigen HofbräuhaufeS ein. Die Hofkapelle pflegte bei den gesun-
genen Ämtern in der alten Hofkirche zu St. Lorenz mitzuwirken, so-
wie bei Hofe die Tafelmusik zu bestreiten; später ließ sie sich hören
in dem 1558 — 62 erbauten großen Saal der Neuveste. Ihre Mit-
glieder teilten sich in Sänger und Instrumentalisten; sie wurde, so
scheint eö, umgebildet nach dem Muster der kaiserlichen Kapelle
durch den hervorragenden Tonmeister und großen Kontrapunktisten
Ludwig Senfl, der von 1525 an am Hofe Wilhelms IV. gelebt hatte.
Er war ein Schüler des flandrischen Komponisten Isaak. Von allen
Zeitgenoffen war er gepriesen worden: der gelehrte Benediktiner Wolf-
gang Seidl aus Tegernsee hatte eine begeisterte sapphische Ode auf
ihn gedichtet; Luther hatte ihn hochgeschätzt und in einem Schreiben
an ihn die Wittelsbacher Herzöge, die er in religiöser Hinsicht befeh-
dete, höchlich gerühmt, weil sie die Musik so pflegten und ehrten.
SenflS Behausung befand sich in der Hofstatt Nr. 6, ganz nahe von
seinem Freunde Simon Schaidenreißer. Er starb zu München
um 1555.
Zu Beginn von Albrechts V. Regierung nun war der Kapellmei-
ster Ludwig Daser, ein geborener Münchner, Leiter der Hofkapelle,
der auch kompositorisch tätig war. Obschon erst ein Dreißiger, ward
er 1559 pensioniert, offenbar um Orlando di Laffo Platz zu machen.
Er ging später nach Stuttgart und starb als Kapellmeister dort 1589.
Ein Zug jener Zeit war das Vordringen des ausländischen, zumal
italienischen und niederländischen Elementes auf jedem künstlerischen
Gebiete. Im Falle Orlando di Laffos trat noch besten überrragende
künstlerische Bedeutung hinzu. Hans Jakob Fugger, dem der Grund-
stock von Albrecht V. Bibliothek und Handschriftensammlung zu dan-
ken ist, sandte 1556 eine Motette Orlandos nach München; durch
seine Vermittlung berief Herzog Albrecht den jungen Meister in seine
Hofkapelle und später zu deren oberstem Leiter. Alle Hauptwerke Or-
landos sind in München entstanden. Auf Bestellung Albrechts kom-
ponierte Orlando feine berühmten fünfftimmigen „Sieben Bußpsal-
men Davids". Unmöglich, die Fülle des von Orlando Geschaffenen
hier auch nur zu streifen. Kaiser Max II. verlieh ihm für seine „or-
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ländischen Gesänge" (die Herzog Albrecht dem Kaiser mitgeteilt) den
erblichen Adel; Papst Gregor XIII. bereitete dem Künstler, als dieser
ihm in Rom persönlich seine fünfstimmige Meffe überreichte, einen
ehrenvollen Empfang und machte ihn zum Ritter des goldenen
Sporns. Dazwischen lud Karl IX. von Frankreich Orlando zu sich
nach Paris, um seine Meinung bei Errichtung der von dem König
gestifteten musikalischen Akademie zu vernehmen. Doch blieb der
Meister, trotz aller schmeichelhaften Anerbietungen, die ihm ander-
wärts gemacht wurden, stets München freudig getreu.
Dies änderte sich auch nicht, als 1579 Albrecht der Fünfte das
Zeitliche segnete und den Ruhm eines „gottesfürchtigen, stattlichen
und gar vernünftigen Herren" zurückliesi, „der gelahrte und kunst-
reiche leit vast lieb hält und baiern zieren wollt von innen undt von
außen." Denn Wilhelm V., fein Nachfolger, hielt Orlando nicht
minder in Ehren. 1580 lehnte der Meister einen Antrag des Kur-
fürsten August von Sachsen ab, unter Hinweis auf die reichliche
Entlohnung und sonstigen Güter, mit denen die Gunst der beiden
Bayernfürsten ihn bedacht hatte.
Um die zeitliche Wohlfahrt des Meisters Orlando war es also gut
bestellt; dazu kam noch die Auszeichnung und persönliche Wärme,
die er von den Herzögen genoß. Und neben den Ehren, die sein Schaf-
fen ihm erwarb, lebte er ein glückliches, häusliches Leben, vermählt
mit Regina Weckhinger, „einer herzoglichen Kammerdienerin", die
ihm achtzehn Kinder gebar, zehn Söhne und acht Töchter. Wenn
der Dienst seines Fürsten ihm nicht Zeit ließ, das von Wilhelm V.
ihm geschenkte Landhaus in Schöngeising an der Amper aufzusuchen,
weilte er des Sommers „zur Recreation" in einem anderen Garten,
den er „sambt einem Hauß darinn" vor den Toren der Stadt, in der
Lehel-Gegend besaß. Da fanden wohl auch die Freunde sich öfters ein:
Friedrich de Sustris und dessen Schwiegersohn Hans Krumpper,
Peter Candid, Lizenziat Müller und des Herzogs Leibarzt Dr. Tho-
mas Mermann mit dem tiefgründigen Forscherblick, den, wie des
Meisters Orlando Witwe noch bezeugt, „ihr Mann seliger" vor Al-
len geliebt hat am fürstlichen Hofe.
Orlandos letzte Jahre waren verdunkelt durch Schwermut und Ge-
mütsverdüsterungen, die Folgen rastloser geistiger Überanstrengung —>
über zweitausend Werke hat er geschaffen. Umgeben von Frau und
Kindern, sowie treuen Freunden starb er, zweiundsechzigjährig, eines
sanften Todes. Er ward bestattet bei den Franziskanern, deren Klo-
ster und Freithof sich bekanntlich an der Stelle des heutigen Natio-
naltheaters befand. Demgemäß ist von der Grabstätte des „Fürsten
der Musik", wie feine Zeitgenossen ihn nannten, keine Spur ge-
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blieben; sein Grabstein jedoch steht im Bayerischen Nationalmuseum,
mit der Inschrift:
„ftlic facet Orlnnäus ills La88U8,
Qui lassum recreat orbem.“
Das Wohn- und Sterbehaus Orlando di Lassos ist die heutige
Gaststätte am „Platzl", die seinen Namen trägt.
Der erste Kurfürst
Er saß an seinem Schreibtisch zu München, in dem Gelaß, das er
selbst hatte entstehen sehen und nach seinem Sinn geschmückt hatte,
ehe der Krieg, der dreißigjährige, ihn und die Welt mit anderen Sor-
gen belud. Der ruhige Farbenglanz der Hauteliffe-Wandteppiche schim-
merte im späten Tageslicht; von der Decke sahen die gemalten Allego-
rien fürstlich-christlicher Tugenden zwischen Stuckmarmor und schwerem
Getäfel auf ihn herab, der sich in stetiger Arbeit abmühte, sie zu ver-
wirklichen. Da war die monatliche Zollrechnung, die wollte durch-
gerechnet sein, denn dies war des Fürsten Stolz im Alter, wie einst
in der Jugend, daß er „selbst zu seinen Sachen sah" und jede Rech-
nung selbst überlas. Ein altes deutsches Wort hatte er zum Leibspruch
erkoren: in jeder Hauswirtschaft muß man einen Zehrpfennig, Ehr-
pfennig und Sparpfennig haben. Zum AuSgeben des EhrpfennigS
kamen Fürsten leicht genug. Die bevorstehende Vermählung feines
Kurprinzen würde manches schöne Stück Geld dahin nehmen. Gut:
wer rechtzeitig spart, kann rechtzeitig ausgeben. Heute hatte er den
Bau deS neuen Opernhauses am Salvatorplah, der bereits tapfer
emporstieg, angeschaut. Es würde eine schöne Vista ergeben, wenn
eS fertig stand. Dem Fürsten schwellte ein gewisser Stolz die Brust,
im Gedenken der Aufgaben, die er, Maximilian L, den Künsten schon
gestellt hatte, er, den die Mitwelt als karg verschrie. Ein bißl gehörte
er ja selbst zum Handwerk: in seinen wenigen Mußestunden drehte er,
dessen ganzer sonstiger Tag zwischen Gebet und Arbeit verfloß, zier-
liche Gebilde aus Elfenbein. Und am Plan dieser seiner Residenz
hatte er fest mitgetan. Nichts von weltlichen Dingen bot dem Kur-
fürsten solche Erquickung als die Betrachtung von Kunstwerken. War
ihm jemals ein Brief, eine Mühe zu viel gewesen, um von den Nürn-
bergern oder anderswoher ein Stück seines geliebten Albrecht Dürer
zu erwerben? Mit Lust übersann er, was Alles er von des herrlichen
Meisters Hand besaß. Und die Gedanken wanderten weiter: zum
Grabmal, das er seinem kaiserlichen Ahnen Ludwig gesetzt hatte, zu
Peter Candids Malereien im Kaisersaal, zu dessen Himmelfahrt Mariä
in der Frauenkirche —
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Da wandte Maximilians Sinnen sich ab von der Kunst, hinüber
zu seiner himmlischen Herrin, zu deren Füßen sein Leben verglomm
wie draußen überm Restdenzportal die ewige Lampe vor ihrem, von
Hans Krumpper geschaffenen, Erzbild. Voreinst hatte er eine, mit
seinem Blute geschriebene, Widmung an sie versaßt und in Altötting
niedergelegt. Keine irdische Liebe war je so stark gewesen, daß sie ihn
abwendig gemacht hätte dieser einen, rein geistigen, seine Seele be-
herrschenden Liebe zur Mutter des Herren. — „Ora pro nobis!"
— sprach er leise, und sah innig hinauf zu dem Marienbilde über
dem Tische an der Wand. Das war das Stück Schwärmerei, das
dem sonst Kühlen, Nüchternen innewohnte.
Sein Tagewerk brauchte wahrlich nüchterne, kühle Klarheit, brauchte
einen ungebeugten, zuweilen harten Willen. Hatte er es nicht hun-
dertmal schwerer gehabt, als sein Vater und Ahn? Hatte er nicht
fliehen müssen aus seiner Hauptstadt, nicht der Kriegsfurie in die
medusenartigen Augen gesehen? Hatten zu dem endlich Sieghaften,
wieder im Frieden Herrschenden nicht Hunger, Pest, Verwüstung
um Hilfe geschrien? Und es war ihm doch einigermaßen gelungen,
dem ärgsten Elend zu steuern; er hinterließ doch ein beruhigtes, ge-
ordnetes Land, einen gefüllten Schatz. Vor Allem: ein Volk, in
Ehrfurcht und im Väterglauben erhalten.
Wem hinterließ er es? Fürsten können so wenig als Andere ihr
Bestes, Stärkstes vererben. Nur den Besitz, nicht die bewahrende
Kraft. Und er, der Kurfürst, stand im neunundsiebzigsten Jahre;
täglich konnte Gott ihn abberufen. —
Die welke Greisenhand schob die Stöße der Rechnungen, Sup-
pliken, Berichte zur Seite; da und dort waren die Ränder der Pa-
piere mit kleinen unwilligen Anmerkungen bedeckt, wo irgend etwas
Mißfälliges sein scharfes Auge getroffen hatte. Er zog ein Heft her-
vor, das die Erfahrungssumme eines ganzen Fürstendaseins seinem
Nachfolger überliefern sollte, die „Treuherzigen väterlichen Lesestücke,
Erinnerungen und Ermahnungen" für seinen Sohn.
Sparsamkeit und Mäßigkeit, Erhaltung der Würde und Autori-
tät, jedoch mit Freundlichkeit und Sanftmut gepaart, Verschwie-
genheit bei wichtigen Geschäften, die goldene Regel, nur langsam zu
reden, verständig und mit gutem Bedacht, Neuerungen und a la
modisches Gebaren zu meiden. Alles hat sein Beispiel dem Prinzen
schon eingeprägt, nachdrücklicher als gemalte und in Erz gegossene
Allegorien. Und die rastlose hagere Hand schreibt, gleichsam als Mot-
to, noch die Worte: „Eifrige, arbeitsame Potentaten und Fürsten
sind den brennenden Kerzen zu vergleichen, welche sagen könnten:
aliis lucendo consumor! Anderen leuchtend verzehre ich mich." —
Anderen leuchtend? Es gab Viele, die den Kurfürsten Maximi-
lian tadelten oder fürchteten. Hart, streng, eigensüchtig hießen sie ihn,
freilich im Widerspruch zu Solchen, denen er als der Salomon Europas
galt. Er fragte den Einen und den Anderen nicht nach. Wie der baye-
rische Bauer nur zweierlei kennt: den Herrgott und das Stück
Heimatscholle, das er bebaut und mit Stolz seinen Hof nennt, so gab
es für Bayerns Herrscher auch eben nur Gott und den Staat. Aus
seinem ganzen kämpfereichen Leben entsann er sich unter den Sün-
den, die er bereute, keines Augenblicks, wo sein katholischer Christen-
glaube gewankt oder wo er das Wohl des Staates nicht bedacht
hätte. Käme jetzt seine letzte Stunde, so könnte er dies beteuern vor
Gottes Angesicht -
In das Gemach Mckte verglimmender Abendschein. Der greise
Fürst, im Gedanken an seinen Tod, hatte die Feder niedergelegt
und bekreuzte sich andächtig. Sein Antlitz trug den Ausdruck völligen
Friedens.
Schleißheim
Ein uralter Edelsitz und Kirchort, kam Schleißheim im 15. Jahr-
hundert zuerst an Herzog Ernst von Oberbayern, später an die Brü-
der Pfattendorfer, die natürlichen Söhne Herzog Sigmunds. Die
stille friedsame Lage des Ortes auf der Garchinger Heide, sowie die
Fruchtbarkeit des Bodens veranlaßten Herzog Wilhelm V., hier eine
Musterschwaige und ein Herrenhaus zu errichten. Später baute er
zu den im Umkreis schon bestehenden vier Kapellen noch fünf weitere
hinzu, jede mit einer Klausnerwohnung daran. Es waren nun im
Ganzen 9 Kapellen, die zu Sankta Maria, St. Jakob, Sankt»
Margaretha, St. Nikolaus, St. Korbinian, St. Franziskus, St.
Ignatius, St. Wilhelm und St. Renatus. Sie alle sind verschwun-
den, nur die St. Jakobskapclle besteht noch als Friedhofskapelle
von Hochmutting, und die Jgnatiusklause ist umgewandelt in die be-
kannte Gastwirtschaft „zum Bergl." In die Schleißheimer Klausen
pflegte Wilhelm V. mit seiner Gattin Renata und einigen Vertrau-
ten vom Hofe sich zurückzuziehen, wenn er einsam der Betrachtung
und den Andachtsübungen obliegen wollte. An diese Klausen mahnen
heute noch einzelne niedrige, einstöckige Häuschen. Später, als Wil-
helm V. seinem Sohne Maximilian die Regierung abgetreten hatte,
bot er dem neuen Herrscher die Schwaige Schleißheim, die sein per-
sönliches Eigentum war, zum Kaufe an. Es ist bezeichnend für den
sparsamen Sohn, daß er genau prüfen ließ, welchen Ertrag die
Schwaige abwarf, ehe er auf den Handel einging. Um jede Kleinig-
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keil der Bewirtschaftung kümmerte er sich selbst, bis auf den Speise-
zettel für die Dienstboten herab. Doch behagte auch ihm Schleißheim
als Aufenthalt, denn er ließ durch seinen Liebling Peter Candid hier
an Stelle des einfachen Herrenhauses das alte Schloß aufführen,
den ältesten Renaissancebau in Münchens Umgebung. Seine Nach-
folger bauten die so geschaffene Sommerresidenz noch weiter aus,
schmückten sie mit Gemälden und Stuckarbeiten, gestalteten den Park
im Sinne der damaligen französisch-italienischen Gartenkunst. Fer-
dinand Maria, der gern hier weilte, starb in Schleißheim im Jahre
1.679; sein Sohn Max Emanuel ist der eigentliche Schöpfer des
neuen großartigen Schlosses. Es war fein Lieblingöbau, für fein per-
sönlichstes Wesen so bezeichnend, wie die MichaelSkirche für Wilhelm V.
oder der Plan der neuen Residenz für Maximilian I. Aus dem
Feldlager vor Namur sandte der Fürst, der seinem eigenen Geständ-
nis nach „schon glücklich war, wenn er Pläne zeichnete, nur das
Papier zu verschmieren" — seine baulichen Anordnungen hinsicht-
lich SchleißheimS nach Hause. Begonnen ward mit dem Schlößchen
Lustheim, das an Stelle der abgebrochenen Renatusklause des Ur-
ahns Wilhelm steht, die zierliche Nachbildung eines italienischen Ka-
sinos. Dann folgte der Bau des Hauptschlosses, das noch bei Max
Emanuels Tod nicht ganz vollendet war. Der Ehrgeiz Dessen, der
von einer Königskrone träumte, wollte, daß sein Schloß eines Kö-
nigs würdig sei; daneben spricht aus jedem Zug der Anlage seine
schwelgerische Sinnenfreudigkeit, das Stück Romantik, das in ihm
wohnte und sein wirkliches Kunstgefühl. Er hat Unsummen ver-
schwendet, dieser Kurfürst, über den die Meinung der Mitlebenden
so geteilt, häufig mit Recht absprechend war. Aber er hat der bildenden
Kunst, dem Kunfthandwerk, der Gartenkunst würdige Aufgaben ge-
stellt; und so leicht er in politischen Dingen sanguinisch daneben griff,
so sicher fand er die richtigen Persönlichkeiten heraus, die solche künst-
lerische Aufgaben lösen konnten. Für Schleißheim war es zuerst der
Graubündner Enrico Zuccali, dann Joseph Effner, der Dachauer
Gärtnerssohn.
Wenn schon der Plan des Schlosses nicht in vollem Umfange zur
Ausführung kam, ist der Eindruck dennoch majestätisch genug. Von
monumentaler Wirkung schon der Eintritt durch das Hauptportal,
herrlich der Blick von den Fenstern der Ahnengalerie herab auf die
blumigen Teppichgärtnereien und die ganze Gestaltung des Parkes,
der den Zusammenhang zwischen Schleißheim und Lustheim vermit-
telt. Die berühmte Gemäldegalerie, zum Teil von Max Emanuels
Vorfahren herstammend, aber durch ihn und seine Nachfolger be-
deutend gemehrt, umfaßte zu seiner Zeit schon !OOO Nummern.
Zwar ist aus dem Gemäldeschah das Beste inzwischen in die Alte
Pinakothek überführt worden, doch ist dafür wieder manches Wert-
volle in Schleißheim neu hinzugewachsen.
Während der Spätzeit Max Emanuels und der Regierung Karl
Albrechts weilte der Hof zur Sommerszeit abwechselnd in Schleißheim
und Nymphenburg. Es fanden hier wie dort die gleichen glänzenden
Feste statt: auf dem Kanalarm, der von Schleißheim nach Lustheim
führt, wurden venezianische Gondelfahrten unternommen, der Park
ward glänzend beleuchtet und großes Feuerwerk darin abgebrannt.
In den prächtigen Sälen, wo goldene und silberne Ornamente sich
an seidenen Stofftapeten hinaufranken oder in die Wandbespannung
kostbare Gemälde eingelassen sind, wurden Bälle und festliche Em-
pfänge, Konzerte und Theateraufführungen veranstaltet. Der graue
und rosige Marmor des Treppenhauses, die eingelegten Mosaikfuß-
böden spiegelten den Glanz der Kerzen und das Flackern der Wind-
lichter, mit denen den höchsten Herrschaften hernach in ihre Gemächer
geleuchtet ward. Und wenn dann die Lichter verloschen waren, und nur
der Mond sein Silber auf Park und Schloß ergoß, klang vielleicht
noch leises Liebesgeflüster da und dort aus den verschnittenen Buchen-
hecken oder den süß und schwül duftenden Fliederbüschen hervor. —
Seit dem Kurfürsten Max III. Joseph kam der Hof nicht mehr nach
Schleißheim. 1822 ward es landwirtschaftliche Lehranstalt, später
Kreisackerbauschule, dann Remontedepot. Heute, im Gegensatz zu
Nymphenburg, das vom Leben der bis zu ihm sich erstreckenden Haupt-
stadt umgeben wird, ist Schleißheim still. Abseits und einsam liegt
das Schloß inmitten des flachen moorigen Landes. Die Schönheit
und der Prunk dieses Kleinods dekorativer Kunst stechen seltsam ab
gegen die Ode ringsum. Der Besucher mag sich in den Sälen und
Parkwegen ergehen und Betrachtungen anstellen über die Vergäng-
lichkeit alles Irdischen. Aber im Scheiden wird er das Gefühl mit-
nehmen, zu Gaste gewesen zu sein in einer Welt, die dem Heutigen
fern und unwirklich scheint und deren Anhauch doch Jeder als einen
Zauber empfindet.
Kaiser Karl VII.
Im prunkvollen Fürftenschlafzimmer der Residenz liegt ein Ster-
bender. Die Krone auf dem hohen goldgestickten Baldachin über dem
Bette erscheint als eitler, törichter Gegensatz zu dem Leiden des ar-
men Dulders, den leibliches und seelisches Weh vorzeitig unter die
Erde bringt. Aus dem Dämmer heraus, das seine Sinne schon um-
spinnt, reckt er noch einmal die Hand nach den Weinenden, die sein
Sterbelager umstehen:
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„Meine armen Kinder, mein armes Land, verzeiht Euerem armen
Vater!" Das sind Karl Albrechts letzte Worte in diesem Leben.
DaS Mitleid der Zeitgenoffen hat Karl Albrecht, Kurfürsten von
Bayern, als römischer Kaiser Karl VII., den „Unglücklichen" ge-
nannt. Mit nur zu gutem Grunde.
Er zählte noch nicht neun Jahre, da er, Max Emanuels ältester
Sohn, in Gefangenschaft der Österreicher geriet, von ihnen, die sei-
nen Vater befiegt und vertrieben hatten, aus München hinweggeführt
wurde, um erst in Klagenfurt, dann in Graz erzogen zu werden. Als
Jüngling ward er den Eltern und der Heimat wiedergegeben; als
nicht ganz Dreißigjähriger, jung vermählt, vom Glanze eines prunk-
liebenden, schönheitsfreudigen Hofes umgeben, trat er das Erbe sei-
nes Vaters an.
Er war deffen Erbe auch innerlich. Die verstehende Kunstliebe,
besonders die Freude am Bauen, die leicht erregbare Sinnlichkeit,
der Ehrgeiz und die persönliche Tapferkeit Max Emanuels waren
auch dem Sohne zu eigen. Aber alles um eine Note schwächer, zar-
ter, nicht mehr so ins Große gehend. Er verhielt stch zum Vater —
wie die Amalienburg zu Schleißheim. Und während die sanguinische,
abenteuernde Seele Max Emanuels in einem Körper wohnte, der
trotz Strapazen und seelischen Erschütterungen vierundsechzig Jahre
vorhielt, war Karl AlbrechiS Widerstandskraft mit achtundvierzig
Jahren verbraucht — ungeachtet des stählenden EinfluffeS der von
ihm so leidenschaftlich geliebten Jagd.
Erft wenige Zeit herrschte er, als ein furchtbarer Brand sein
Residenzschloß verheerte, Kunstschätze vernichtete, deren Verlust dem
Kurfürsten wahrhaft zu Herzen ging. Darnach kam eine Frist unge-
störten, beglückten Daseins, ein Entfalten aller persönlichen Neigun-
gen. Der Fürst, vor dem bei der feierlichen Landeshuldigung der Erb-
jägermeister, Graf Törring, einherschritt, den mächtigen Hetzrüden
an der Leine führend, streifte mit Gefolge oder einzeln, als einfacher
Jäger durch Wald und Moor. Wenn er dann heimkehrte, beutereich,
aber ermüdet, beschmutzt, dann gewährte eS seinem verfeinerten Em-
pfinden die köstlichste Erholung, auszuruhen inmitten hochgesteigerter
Pracht, erwähltester Form- und Farbenkunst, schöner graziöser Frauen.
Das waren die Jahre der Amalienburg.
Dann aber kam der Augenblick, wo Karl Albrecht den alten Kampf
seines Hauses mit Habsburg um die Vorherrschaft in Deutschland
aufnahm, die „Pragmatische Sanktion" anfocht, der „Großherzogin
von Toskana", wie er Maria Theresia nannte, das Erbe ihres Va-
ters, Kaiser Karl VI., bestritt.
Eine Spanne kriegerischer Erfolge, siegreichen Vordringens, frei-
lich im Bündnis mit anderen Mächten: Preußen, Sachsen, Spanien,
Frankreich. Und der Triumph, der höchste, den sein Vater vergeblich
ersehnt hatte: zum römischen Kaiser erwählt zu sein. Ein Triumph
voll grausamen Schicksalshohns. Denn inzwischen hat das Waffen-
glück sich schon gewendet: Maria Theresias Heere fallen siegreich in
Bayern ein. Während die Vorbereitungen zur glanzvollen Krönung
in Frankfurt a. M. getroffen werden, erreichen nur Unglücksbotschaf-
ten den zu Krönenden, der sich im Bette unter qualvollen Gicht- und
Steinschmerzen windet. Es lieft sich erschütternd, wie dem armen
siechen, sorgenzerriffenen Manne der schwere Krönungsornat angelegt
wurde, wie man ihn, der sich mühsam aufrechthielt, auf einen
geschmückten Zelter hob und in feierlichem Krönungszug dahin-
führte. Dennoch, so freudlos es in ihm aussah, strahlte persönlicher
Zauber von ihm aus: Goethes Mutter, die damals elfjährige Elisa-
beth Katharina Textor, hat es uns bezeugt. Sie sah ihn krönen, sie
sah ihn mit seiner Gemahlin am Charfreitag in Frankfurt von Kirche
zu Kirche gehen, Hand in Hand, gehüllt in lange schwarze Mäntel.
Beide hatten Lichter in der Hand, die sie gesenkt trugen... „Überall
kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte sein Haupt
eine Weile in die Hände." Später sah sie ihn offene Tafel halten
unter Trompetengeschmetter, umringt von großen Herren; als seine
Gesundheit getrunken ward, jauchzte sie mit: „der Kaiser sah mich an
und nickte mir." Die wundersamen melancholischen Augen des kran-
ken Kaisers erweckten in der späteren „Frau Rat" ihre „erste rechte
und auch letzte Leidenschaft."
Schwerste Gründe zur Schwermut hatte er. Ein Bundesgenoffe
nach dem anderen fiel ab von ihm. Im Mai 1742 war, als die Pan-
duren in München einbrachen, von diesen unmenschlich gehaust wor-
den; am Lehel wurden vierzig Häuser in Asche gelegt, die Einwohner
niedergemehelt, die Schwerverwundeten, sowie viele kleine Kinder
lebend ins Feuer geworfen. Und im Juni ließ Österreich sich im be-
setzten Bayern huldigen — wie zu Max Emanuels Zeit.
Der Einfall der preußischen Heere in Böhmen 1744 erleichterte
Bayern und führte Karl Albrecht in seine Residenz, die er dazwischen
nur kurz wiedergesehen, zurück. Auf wie lange? Seine Umgebung
glaubte: bis zur baldigen eiligen Flucht. Er wußte es anders: er
fühlte sein Ende nahe. Seine LieblingStochter Therese Benedikte,
deren Tod ihm in dieser Leidenszeit fast das Bitterste gewesen, war
ihm vor der Heimreise erschienen, tod- und friedeverkündend. Er starb
am 20. Januar 1745. — „Er war sanft, menschlich herablaffend"
— urteilt von ihm die kritische Markgräfin Wilhelmine von Bay-
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reuth, die Schwester Friedrichs des Großen, und meint: er hätte ein
befferes Schicksal verdient. - -
Sogar der Grabesfrieden wäre ihm nicht gegönnt gewesen, wenn
dem zu glauben, was seine Witwe, die Kaiserin Amalie, 1750 an
ihre Tochter schrieb. Darnach wäre sein Geist im Angerkloster in
München erschienen, kurz vor dem Tode seiner Schwester Maria
Karolina, die dort als Klarissin Gott diente. — „Noch einmal wagst
du, vielbeweinter Schatten, hervor dich an das Tageslicht" — Diese
Verse Goethes drängen sich einem unwillkürlich auf bei solcher
Kunde. Aber sie geleiten auch jeden, der an einem Frühlingstage den
Park zu Nymphenburg und die Amalienburg betritt, die Erinnerung
an den liebenswerten unglücklichen Kaiser als stille Genossin zur
Seite.
Nymphenburg
Der alte Name der Hofmark Nymphenburg ist „Kemnaten".
Unter diesem Namen schenkte eS Kurfürst Ferdinand Maria seiner
Gemahlin Adelheid „ins Kindbett", als sie ihn durch die glückliche
Geburt eines Thronerben erfreut hatte. Die Kurfürstin fand den bis-
herigen Namen zu gewöhnlich. Sie bat ihre Mutter, einen anderen
vorzuschlagen, und dieser andere war „borgo delle nymphe“ d. h.
Nymphenburg. Die Fürstin ließ den Mittelbau des heutigen Schloßes
durch den Bologneser Agostino Barelli aufführen, als einfaches Luft-
schloß, im Stile der italienischen Villa, umgeben von einem kleinen
Garten im französischen Geschmack. Aber erst der damals geborene
Kurprinz, spätere Kurfürst Max Emanuel baute Schloß und Park
in ihren heutigen Größen aus. Der „Adelaideftock", der Mittelbau,
wurde nach beiden Seiten fortgesetzt; der eine Flügel endete in einer
Kaserne, der andere in einem Kloster hetzt das der Englischen Fräulein),
bis viel später die den Schloßplatz umgebenden Beamtenwohnungen
sich daran reihten. Ländlich und doch großartig wirkt der Anblick des
weißen SchloffeS mit seinen Nebenbauten und der Fontäne, die in-
mitten des Platzes lichtfunkelnde Tropfen sprüht. — Der spanische
Erbfolgekrieg unterbrach die Bauten, die damals Anton Viscardi
leitete, für volle zehn Jahre. Als Max Emanuel gleich nach seiner
Heimkehr sie wieder aufnehmen ließ, ward ein Bayer, der in Paris
auf kurfürstliche Kosten ausgebildete Joseph Effner, damit betraut.
Auch die Parkanlagen wurden nun vollendet: breite Alleen, lauschige
Wege wurden angelegt; Wasierkünfte mit schimmernden Steinfigu-
ren, ein verträumter kleiner See und ein Kanal belebten die Land-
schäft. Als Ruhewinkel nach den mancherlei Gesellschafts- und Lauf-
spielen im Freien, die hier des Sommers betrieben wurden, entstand
die „Pagodenburg" im chinesischen Geschmack, ferner als prunkvolles
Badehaus die „Badenburg". Später jedoch, da Max Emanuel
alterte und die Stimmungen zerknirschter Andacht, die bei ihm sein
Leben lang mit gelegentlicher Frivolität gewechselt hatten, vorherr-
schend wurden, ließ er das St. Magdalenenkirchlein im Park auf-
führen und sich daneben ein paar einfache Zimmer, die Klause oder
Eremitage, einrichten. Die als künstliche Ruine begonnene, erst unter
Max Emanuels Nachfolger vollendete Kapelle enthält die weiße
Marmorfigur der heiligen Büßerin inmitten einer dunklen Grotte
aus Muscheln und Tuffstein, wo ein kleiner Brunnen rieselt. Es war
Sitte, daß alljährlich am Feste der heiligen Magdalena, 21. Juli,
die Kapelle, die für gewöhnlich verschlossen ist, für jedermann offen
stand. Daher schrieb sich ein großes Volksfest, das Magdalenenfest,
zu dem die Münchner noch jetzt scharenweise nach Nymphenburg
hinausgehen oder fahren. Denn das Wasser des Magdalenenbrünn-
leins galt im Angedenken der reuigen Tränen der hl. Büßerin als
heilsam für kranke Augen. Manche Besucher füllten davon in ein
Fläschchen und trugen eS zu täglichen Waschungen mit heim. Nach
der Andacht pflegte eine gemütliche Einkehr in einer der Wirtschaften
des großen Rondells zu Seiten des SchloffeS zu folgen, vornehmlich
beim „Controlor".
Karl Albrecht, unter dem die Magdalenenkapelle vollendet ward,
hat zu Ehren seiner Gemahlin Maria Amalie, der tapferen Jägerin,
auch das Juwel des Nymphenburger Parkes erbauen lassen, die
„Amalienburg". Sie ist das schönste Werk ihres Meisters Cuvillies
und eine Perle aller Rokokokunst überhaupt. Das Ganze ein Traum
in Silber, unterwebt mit Blau und Gelb, etwas unendlich Zartes,
Schimmerndes, der Lebensausdruck eines auf feinsten Daseinsgenuß
eingestellten Menschen, der die Schönheit in allem liebt. An die Be-
stimmung des Hauses zu Jagdzwecken erinnert — ein so leidenschaft-
licher Jäger Karl Albrecht auch war — nur der auf dem Dache er-
richtete „Hochstand" mit zierlicher schmiedeeiserner Einfassung, von
dem herab zumeist auf Fasanen geschossen ward. Die Raumverhält-
nisse, die Linien, die innere Ausstattung der Amalienburg bilden einen
Zusammenklang von vollendeter wunderbarer Harmonie; sie ist sozu-
sagen das Wahrzeichen des Nymphenburger Parkes: die Seele ihres
fürstlichen Bauherrn scheint in sie hinein gebannt zu sein.
Was Karl Albrechts Schöpfungen ebenso wie die seines Vaters
für das heimische Kunsthandwerk bedeuteten, beweist die entzückende
Feinheit der Holzschnitzereien, die sich an den Wandpanneaux empor-
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schlingen und der köstlichen Stuckarbeiten der Plafonds. Die ersteren
stammen von einem „Schneidkiftler" in der Au, Joachim Dietrich,
die zweiten von dem Westobrunner Stuckator Joh. Bapt. Zimmer-
mann - alles Handarbeit nach Cuvillies Entwürfen.
Bekanntlich trug Karl Albrecht sich mit dem Gedanken, zwischen
München und Nymphenburg eine eigene Stadt, genannt „Karl-
stadt" zu errichten. Hierzu ließ es der österreichische Erbfolgekrieg
nicht kommen, doch haben Karl Albrecht und seine Gemahlin den
Grundstein zum ersten Hause der künftigen Stadt, der Taferne und
Bäckerstatt „Zum Controlor" persönlich gelegt (März 1728).
Dagegen entstand unter dem Kurfürsten Max HI. Joseph in Nym-
phenburg eine Neuheit von größter gewerblicher Bedeutung- In den
fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts nämlich hatte ein einfacher
Münchner Hafnermeister, mit Namen Johann Niedermayer, ohne
die feit einem halben Jahrhundert bestehende Meißener Porzellan-
fabrik zu kennen, das Geheimnis der Porzellantechnik entdeckt. Unter
Überwachung des Grafen Sigmund von Haimhausen, des kunstsinni-
gen Direktors der von Max III. gegründeten bayerischen Akademie,
ward Niedermayer erster technischer Leiter der Nymphenburger Por-
zellanmanufaktur, die sich in einem Nebenflügel des Schloffes be-
findet und deren künstlerische Schöpfungen sich Weltruhm erworben
haben. All die Anmut der Schäferspiele, der zierlichen Herren und
Damen, die ehemals auf den Parkwegen NymphenburgS lustwandel-
ten, die Nymphen und Gottheiten, die weißschimmernd aus dem
Gebüsch hervorlauschten, bis herab auf die Drölerie der zahmen
Hunde und Rehe, der Lieblingsvögel und Papageien, lebt fort in der
berückenden Kleinkunst der Nymphenburger Porzellanfabrik.
Der letzte Kurfürst und erste König Bayerns, Max Joseph I., hat
Nymphenburg besonders geliebt und ist hier 1825 gestorben.
Einer wenig bekannten Besonderheit des Schlosses zu Nymphen-
burg sei noch gedacht. In der großen Galerie des oberen Stockwerks,
über dem Einfahrtskorridor, hört, wer ruhig darin verweilt, mitunter
das Geräusch von Tritten und Menschenstimmen, ohne daß er jemand
sieht. Jedenfalls liegt dem eine akustische Eigentümlichkeit der Bau-
anlage zu Grunde; auf bängliche Gemüter wirkt der Vorgang spuk-
haft, wie er sogar von solchen gelegentlich mit dem Andenken König
Ludwigs II. in Verbindung gebracht wurde.
Denn auch die Wiege eines Königs hat in Nymphenburg gestanden:
Ludwig II- ist hier am 25. August 1845 geboren, zur größten Freude
seines Großvaters Ludwig I-, der an diesem Tage seinen GeburtS-
und Namenstag beging. Den Wünschen, die den kleinen Prinzen
beim Eintritt ins Leben begrüßten, sollte keine Erfüllung beschicken
x 138 -x
fein. Dies Leben, das so glückverheißend im schönheitsvollen Nym-
phenburg begann, endete leidenbeschwert an einem regendunklen
Pfingsttag in der Tiefe eines Bergsees.
Max HI. Joseph
Kaum achtzehnjährig kam er zur Regierung. Aber seine Jugend
war darnach angetan, ihn früh zu reifen: er hatte das schwere Ster-
ben und kämpfereiche Leben seines Vaters, Karl Albrecht, mitgeschaut.
Er übernahm von ihm ein schlimmes Erbe, den österreichischen Erb-
folgekrieg. Die erste Handlung des jungen Kurfürsten war, Frieden
zu schließen und das durch den Krieg entstandene furchtbare Elend
nach Kräften zu lindern.
Unendlich bezeichnend für Max Joseph ist ein Zug aus dem ersten
Jahr seiner Herrschaft. Er wollte eines Morgens mit Gefolge auf
die Jagd ausreiten, die er gleich seinem Vater und Großvater leiden-
schaftlich liebte. Unterwegs, in der Sendlingergasse, begegnete ihm
ein Priester von St. Peter mit dem Viaticum. Der Kurfürst stand
ab von der Jagd, stieg vom Pferde und folgte entblößten Hauptes
dem Priester hinunter zum Anger, in die Dachkammer eines dürftigen
Hauses, wo ein armer Handwerksbursch am Sterben lag. Der Fürst
wohnte knieend und tief ergriffen der heiligen Handlung bei, trat
dann an das Bett, um dem Todkranken Trost und Mut zuzusprechen
und geleitete, nachdem er ihn reichlich beschenkt hatte, still und ernst
das Altarsakrament in die Peterskirche zurück.
Er fühlte wahrhaft für sein Volk. Dies Gefühl ward erwidert,
wie die vom Volke ihm verliehenen Beinamen, der „Gütige" oder
der „Vielgeliebte" beweisen. Ebenso steckte die Liebe zu den Künsten
und Wissenschaften ihm tief im Blut. Unter ihm ist das köstliche Re-
sidenztheater geschaffen worden; unter ihm trat die bayerische Akade-
mie der Wissenschaften ins Leben. Für Musik hatte er ausgeprägte
Begabung: er spielte mit Leidenschaft Klavier, Violine, Cello und
Gamba, ähnlich seinem Großvater Max Emanuel, ja er komponierte
auch selbst. Der kunstsinnige, musikverständige Graf Salern war
sein Musikintendant, sein gelegentlicher Helfer desgleichen bei einer
anderen Liebhaberei, die Max Joseph mit seinem Großvater sowie
mit seinem großen Ahn, Maximilian I-, teilte: dem Verfertigen
kunstreicher Arbeiten aus Elfenbein. Er war als Drechsler in Elfen-
bein sehr geschickt und tatsächlich stolz darauf. Ebenso ehrte und för-
derte er die handwerkliche Geschicklichkeit eines jeden auf jedem Ge-
biet. Der Grundzug seines Wesens war neben der Güte eine milde
Heiterkeit, von der seine Umgebung mannen Zug berichtete.
* 139 *
In zweiunddreißigjähriger Regierung erlebte er viel Schweres.
Die ersten Jahre waren ausgefüllt mit dem Bestreben, das durch
jahrhundertlange Kriege völlig ausgesogene, verarmte und geschwächte
Land einigermaßen wieder aufzurichten. Er sparte in erster Linie an
sich selbst, setzte sein Einkommen herab zu Gunsten des Staates. Die
Schulbildung stand auf schauerlich niedriger Stufe; Max Joseph be-
mühte sich, sie zu heben, unterstützte das Wirken des vortrefflichen
Stiftskanonikus Heinrich Braun, der unablässig auf gründlicheren
Unterricht in der Muttersprache hinwies. Die Volksschulen wurden
reformiert, Realschulen gegründet, die Gymnasien verbeffert. Max
Josephs Kanzler Kreittmayr schenkte mit Zustimmung seines Fürsten
dem Lande ein neues Strafrecht, ein verständliches bayerisches Land-
recht. Äußere schwere Katastrophen verschonten die Regierung Max Jo-
sephs nicht, trotzdem sie friedlich war. Von dem großen Residcnzbrand
1750, der das Schloß seiner Ahnen in Asche legte, ist schon geredet wor-
den. Zwanzig Jahre darauf ward Bayern von einer fürchterlichen Hun-
gersnot heimgesucht. Das Elend war so groß, daß in der Umgegend
Münchens und teilweise auch in der Stadt, der Hungertyphus als
ständiges Übel auftrat. Der Kurfürst, der natürlich von dem Ge-
treidemangel gehört hatte — leider sperrten die deutschen Staaten,
ja sogar deren einzelne Provinzen sich gegeneinander ab, statt einander
in der Not auszuhelfen — fragte wiederholt, ob Münchens Bürger-
schaft genügend versehen sei. Doch fehlte es in seiner Umgebung nicht
an Leuten, die teils um ihre Unfähigkeit zu verdecken, teils um, wie
sie angaben, sein weiches Gemüt zu schonen, ihm die bittere Wahrheit
verschwiegen. Er erfuhr es auf eine schrecklich erschütternde Art. An
einem Samstag kehrte er aus der Mesie in der Herzogspitalkirche
zurück. Da wurde seine Karosse von einer ganzen Schar blasser ab-
gezehrter Gestalten umringt, welche ihn mit aufgehobenen Händen
um Hilfe anschrieen, da sie am Verhungern wären. Der Kurfürst
war außer sich. Er versprach sofortige Hilfe, befahl, die Kassen und
amtlichen Getreidespeicher zu öffnen. Sie waren leer. Der Kurfürst
ließ alsbald in Holland eine große Summe Geldes aufnehmen, für
welche Summe durch den Münchner Kaufmann Sabbadini ausländi-
sches Getreide aufgekauft und auf allen Schrannen um billigen Preis
ausgeboten wurde. Max Joseph schonte sogar seinen geliebten Wild-
bestand nicht. Er ließ eine große Menge Wild abschießen und das
Fleisch an die Armen verteilen. Leider hatte der Fürst ohne den Korn-
wucher gerechnet, den etliche der beauftragten Kornverkäufer ruhig
trotz der Größe der Not weiter betrieben. Das ging über die Milde
sogar des Kurfürsten. Er ließ zwei Kornwucherer zum Tode ver-
urteilen und verschloß sich am Tage ihrer Hinrichtung vor jedermann,
weil er festen Willens war, kein mündliches oder schriftliches Be-
gnadigungsgesuch für die beiden anzunehmen.
Eine segensreiche Neuheit wurde unter der Regierung Max Jo-
sephs HI- auf Antrag und Betreiben seines Intendanten, Grafen
Seeau, eingeführt: der erste Rettungsdienst. Nachdem Graf Seeau
einen scheinbar ertrunkenen Knaben durch andauernde Wiederbele-
bungsversuche seinen Eltern wiedergegeben hatte, wurden Geldpreise
ausgesetzt dafür: wer zuerst einem Wundarzt Mitteilung von einem
geschehenen Unfall machte, wer die geeigneten Hilfsmittel zur Stelle
schaffte, kurz, wer sich um Erhaltung von Leben und Gesundheit
eines Verunglückten verdient machte. Den doppelten Lohn empfing,
wer mit persönlicher Gefahr das Leben eines anderen rettete.
Im Jahre 1777 ging Max Josephs eigenes Leben zur Neige.
Er erkrankte an den Pocken, die von den Ärzten nicht erkannt und
daher verkehrt behandelt wurden. Es heißt, daß der Kranke seinen
Tod vorausahnte, daß die „drei Siebener" der Jahreszahl ihm ein
schwermütiges Vorgefühl erweckten. Doch starb er so friedlich wie er
gelebt hatte, dankte seiner Gattin Maria Anna Sophie für ihre
Liebe und treue Pflege, schied unter Segenswünschen von seinem
Volk und Land. Der rührende Auftritt, als auf sein Bitten das
Gnadenbild der Muttergottes aus der Herzogspitalkirche zu ihm ge-
bracht ward, ist bereits erzählt worden. Er konnte der Patrons Ba-
variae, die er zeitlebens mit ganzer Innigkeit verehrt hatte, getrost
in die Wunderaugen sehen. Soweit es menschlicher Unvollkommen-
heit möglich ist, hatte er seine Aufgabe in diesem Leben erfüllt, ein
Vater der ihm Anvertrauten zu sein.
Karl Theodor, Maria Anna und die
Zweibrückener
Mit Max III. Joseph erlosch der Stamm Ludwigs des Bayern.
Max Josephs Nachfolger, Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz, war
nichts weniger als ein lachender Erbe. Ungern dachte er daran, fein
Mannheim, das er zu einer Stätte der Musen gemacht hatte, zu ver-
tauschen gegen das rauhe, ihm ganz fremde Altbayern.
Der Mangel an Zuneigung zwischen Fürst und Volk, sowie
Karl Theodors Kinderlosigkeit wurden von Österreich dazu benutzt,
um dem Kurfürsten die Abtretung eines großen Teiles von Bayern
im Austausch gegen die reichen Niederlande vorzuschlagen. Einen
alten Erbanspruch aus dem 15. Jahrhundert auf das Straubinger
Gebiet nahm Kaiser Joseph II. zum Vorwand. Und Karl Theodor
gefiel der Plan sehr wohl.
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In der Herzog-Maxburg zu München saß Herzogin Maria Anna,
Karl Theodors Schwägerin, die Witwe des Herzogs Clemens, deffen
Erzieher und späterer Kabinetösekretär Andreas Felix von Oefele
gewesen. Herzogin Maria Anna Charlotte war eine ebenso warm-
fühlige als hochgebildete Frau: sie unterhielt z. B. zu München die
herzoglich marianische Landesakademie, wo die Schüler in Mathe-
matik, Philosophie, Geographie, in Deutsch, Latein und Französisch,
aber auch in Musik, Tanzen, Fechten und militärischen Übungen un-
terwiesen wurden. In der Voraussicht deffen, was kommen würde,
hatte sie schon bei Max Josephs Lebzeiten auf die Errichtung eines
neuen Wittelsbachischen Hausvertrages gedrungen, der auch den Zusatz
enthielt, daß München der Wohnsitz des jeweiligen Kurfürsten bleiben
müßte. Als nun das Gefürchtete nahe rückte, rief Maria Anna den Her-
zog Karl August von Pfalz-Zweibrücken, den nächsten Erben Karl
Theodors, durch eine dringliche Botschaft nach München. Desglei-
chen hatte sie um Beistand an Friedrich den Großen, der ihr befreun-
det war, geschrieben. Noch ehe er ihren Brief empfing, traf sein Ab-
gesandter, der Graf von Görtz, in München ein, hielt sich bei Tage
in Maria Annas Gartenpalais vor dem Neuhausertor verborgen,
hatte aber zwei Nächte nacheinander eine lange, heimliche Unterre-
dung in der Maxburg mit der Herzogin, dem Herzog Karl August
und deffen Ministern. Darin wurde fest abgemacht, daß der Herzog,
als nächster Agnat, seine Zustimmung zu der geplanten Landabtre-
tung verweigern und den König von Preußen anrufen sollte, ihn
bei seinem Recht zu schützen. Dies Alles geschah, wie verabredet:
Friedrich der Große setzte sich mit allen Mitteln der Zerreißung Bay-
erns entgegen und griff, als Verhandlungen nichts fruchteten, zum
letzten Mittel, zu den Waffen.
Der sogenannte bayerische Erbfolgekrieg, in dem Friedrich II. und
Josef II. ihre Truppen persönlich anführten, begann im Frühjahr
1778 und währte bis zum Teschener Kongreß. Der trat zusammen,
nachdem sich Maria Theresia, die von Anbeginn den Gebietsanspruch
ihres Sohnes für unbillig und ungerechtfertigt ansah, mit Friedens-
vorschlägen ins Mittel gelegt hatte. In dem am 13. Mai 1779 unter-
zeichneten Friedenstraktakt wurde das Innviertel (jenseit von Salz-
ach, Inn und Donau) an Österreich abgetreten, wogegen das Haus
Habsburg sich jeden künftigen Anspruchs auf bayerische Gebiete be-
gab und das Erbrecht der Zweibrückener Linie auf alle wittelsbachi-
schen Lande nachdrücklich festgelegt ward.
Trotzdem tauchte das Gerücht, daß Kurfürst Karl Theodor immer
noch mit jenem Tauschgedanken liebäugle, wiederholt und nicht grund-
los auf. Nicht nur an ihn, sondern auch an den Herzog Karl August
* 142 *
wandten sich geheime Unterhändler, um diesen mit großen Summen
und Verheißung einer Krone zu locken, wie den Kurfürsten mit dem
Besitz der Niederlande. Karl August aber hielt fest an einem un-
zerriffenen Bayern und rief nochmals Friedrich von Preußen zu
Hilfe, der zur Aufrechterhaltung von Bayerns Selbständigkeit und
Üngeteiltheit 1785 mit mehreren Reichsständen den deutschen Fürsten-
bund schloß.Die natürliche Wirkung von alle dem war eine Kühle zwischen
Fürst und Volk, die vor Karl Theodors persönlicher Anwesenheit
in München nicht wich. Wie die Bayern mißtrauisch auf den Kur-
fürsten und die mit ihm gekommenen Pfälzer, die „Rheinschnaken"
blickten, so wurde er selbst durch den Widerstand, den er fühlte und
durch die beginnende Unruhe der Zeit argwöhnisch, unsicher. Viele
Anklagen gegen die Herrschaft Karl Theodors sind von Mit- und
Nachwelt erhoben worden. An den rauschenden Bäumen des engli-
schen Gartens, den er mit Benjamin Rumford anlegte, hat er seine
Fürsprecher, wie an den Weisen deutscher Tonmeister, die er mit Vor-
liebe erklingen ließ.
Dagegen trat, als die französischen Revolutionsheere Süddeutsch-
land mit Krieg überzogen, die mangelhafte Verfassung des Heeres,
wofür niemals Geld da war, kläglich zutage. Der Kurfürst selbst
flüchtete mit seiner Gemahlin nach Sachsen und überließ eö der von
ihm eingesetzten Regentschaft, sich mit den Feinden abzufinden, was
mittels einer zu zahlenden übermäßigen Kontribution und der Abtre-
tung wertvoller Kunstwerke im September 1796 gelang. Aber bald
brachte der wiederum und bedrohlicher aufflackernde Krieg eine neue
Gefahr: die in Bayern einmarschierende österreichische Armee, der
das Angftgerücht voranlief, daß sie nicht zur Bekämpfung der Fran-
zosen, sondern zur Besetzung des Landes da sei.
In diesem Augenblick höchster Bedrängnis, wo das Staatsschiff
Bayerns am Untergehen schien, ward auch der Steuermann abberu-
fen: Karl Theodor erlag am 16. Februar 1799 einem Schlagfluß.
Der ihn beerbte, war des verstorbenen Karl August jüngerer Bru-
der Max Joseph, als Kurfürst der vierte Maximilian.
Das Land war arm, machtlos, ohne Heer, umringt von Feinden,
und doch flatterten am Tage des Einzugs des neuen Herrn die weiß-
blauen Fahnen von allen Häusern, und Festfreude schimmerte aus dem
Straßenschmuck und leuchtete von den Gesichtern. Und als der Zwei-
brückner in seine Residenz einfuhr und freundlich vom Wagen aus
den neuen Untertanen die Hände reichte, machte ein richtiger Münch-
ner, der Kaltenegger Bräu, sich zum Sprecher des ganzen Volkes,
indem er, die Hand Max Josephs schüttelnd, ausbrach in den Erleichte-
rungsruf: „Na, Maxl, weil du nur da bist!"
* 143 *
Sieben Jahre später ward Bayern zum Königreich erhoben, Max
Joseph sein erster König. Das alte München, das der Herzöge und
Kurfürsten, war mit der Jahrhundertwende zu Grabe gegangen, das
neue München hatte begonnen.
V. Abteilung:
Außerhalb der Tore^j
n)RechtSderJsar
VonSt. Emmeram
Der heilige Gottesmann Emmeram gedachte gen Pannonien zu zie-
hen, um die Heiden allda zu bekehren. Auf dieser Reise rastete er
am Hofe des Bayernfürsten Theodo zu Regensburg; der bat ihn
zu bleiben, da auch in seinem Lande die Gemüter noch vielfach heidnisch
rauh und christlicher Unterweisung bedürftig seien. Der fromme Bi-
schof blieb allda und lehrte die Heiden und bekehrte ihrer viele. Da-
nach ergriff ihn große Sehnsucht, ins Land Italia zu pilgern und
am Grabe der Apostelfürsten zu beten. Derweil aber hatte die Tochter
des Herzogs, die schöne Uta, mit einem Ritter gespielt und ihren
Kranz verloren; das mochte sie nicht lange verhehlen und war in
großen Ängsten vor ihres Vaters Zorn und schwerer Strafe. Als
nun Sankt Emmeram seine Wallfahrt angetreten hatte, ging sie zu
ihrem Vater und klagte: der Bischof habe ihr die Ehre genommen
— vermeinend, sie käme dadurch besseren Kaufes davon, und dem
Entfernten vermöchte es nicht zu schaden. Etliche sagen: der fromme
Mann selbst hätte, als sie sich weinend ihm anvertraut, ihr erlaubt,
ihn zu verklagen, wenn sie damit ein milderes Gericht erlangen könnte.
In jedem Falle tat sie's und erwirkte, daß ihr nichts zu leid ge-
schah. Aber ihr Bruder, Lambert geheißen, ward darob voll Zorns,
noch mehr als ihr Vater, und saß eilends mit seinen Reisigen zu
Pferde, um dem gleisnerischen Übeltäter nachzujagen. Sie ritten,
was die Rosse vermochten; bei Helfendorf, unweit München, erreich-
ten sie Sankt Emmeram, der friedlich seines Weges zog. Da warfen
sie ihn zu Boden, richteten ihn mit ihren Schwertern grausam zu
*) Dies: „Außerhalb der Tore" bezieht sich natürlich auf Münchens alte
Zeit. Die meisten der genannten Orte sind heute kn München eingemeknvet.
und ließen ihn verstümmelt als einen Sterbenden in seinem Blute
liegen.
Es waren aber einige Landleute in der Nähe, die kamen herzu,
als die Mörder davongebraust waren. Denen gebot Sankt Emme-
ram, sie sollten ihn auf einen Karren legen, davor zwei Ochsen ge-
spannt wären; denn hier sei die Stätte nicht, da er sterben wollte.
Also zogen die Ochsen den Karren bis gen Feldkirchen in der Gemein-
de Aschheim; dort gab Sankt Emmeram den Geist auf, und alsbald
standen die Ochsen still. Die Kunde davon verbreitete sich rasch; der
entseelte Leib des Heiligen ward nach Aschheim gebracht und dort in
der St. Peterskirche beigesetzt. Aber darnach regnete es vierzehn Tage
lang ununterbrochen: das galt für ein Zeichen, daß dies die rechte
Ruhestatt nicht sei. Nochmals wurde der Karren mit den Ochsen be-
spannt und der heilige Leichnam darauf gelegt, auf daß die Vor-
sehung ihn geleiten möchte. Da schritten die Ochsen mit ihrer Last
bis an die Isar, nach Oberföhring, wo sie nicht mehr weiter konnten.
Also ward St. Emmerams Leichnam auf dem Wasser nach Regens-
burg in sein Bistum geführt, wo ihn Theodo, reuig ob der Tat seines
Sohnes, mit großen Ehren bestatten ließ.
Zu Oberföhring jedoch, an der Stelle, wo das Ochsengespann zu-
letzt stehen geblieben, ward dem heil. Emmeram ein Kirchlein errichtet;
und noch bis in die neuere Zeit — (jetzt ist es nicht mehr da) — wurde
er dort von Alt und Jung verehrt-
Frau Uta zu Trudering und Frau Uta
zu Föhring
Im Heideland bei Ramersdorf ist es nächtlicher Weile nicht ge-
heuer. In der Walpurgisnacht, der Allerseelennacht und den Geb-
nächten steigen die Toten aus den Gräbern der Freithöfe von Trude-
ring, von Ramersdorf, Perlach und Haidhausen. Da sitzen sie im
Kreise auf der Heide umher und halten Gericht über einen unseligen
Toten, der inmitten kniet, gleich den andern in längst verschollener
Tracht. Neben ihm steht der Henker mit Strick und Schwert; der
haut ihm, sobald das lautlose Gericht am Ende und das Urteil ge-
fällt ist, das Haupt ab. Im selben Augenblick schlägt es ein Uhr auf
der Kirche zu Ramersdorf — und die Geister sind sämtlich zerstoben.
Der, an dem dies nächtliche Gericht sich vollzieht, soll ein reicher
und mächtiger, aber ebenso harter und grausamer Ritter zu Trudering
gewesen sein, der seine Hörigen drückte und viel unschuldiges Blut
vergoß. Bei Trudering - bekanntlich dem ältesten, angeblich in graue
* 144 *
io
* 145 *
Heidenzeit hineinragenden Dorf um München — ist auf ebenem
Boden ein tiefes breites Loch; da hinein soll eines TageS das Schloß
des bösen Ritters samt dem Schloßherrn versunken sein. Die Schloß-
frau aber, Uta geheißen, war zur Zeit, als dies geschah, aushäusig;
heimkehrend, sah sie eben noch den Kamin des Schlosses in die Tiefe
versinken. Darnach wohnte Uta im Dorfe Trudering, tat den Armen
viel Gutes und vergabte der Gemeinde reiches Wald- und Ackerland.
Uta soll später einen bayerischen Herzog gefreit haben.
Etliche sehen in ihr die gleiche Uta, die den Tod St. Emmerams
verschuldete. Deutlich drückt dies eine zweite Form der Sage aus.
Die meldet: als St. Emmeram des Martertodes gestorben und seine
Unschuld offenbar geworden sei, hätte Herzog Theodo seine schuldigen
Kinder, Uta und ihren Bruder Lambert, in die Verbannung geschickt.
Da hätte Uta viele Jahre auf dem Schlöffe bei Trudering gelebt, in
großer Reue, und hätte zur Sühne ihrer Tat all ihr Hab und Gut den
Armen geschenkt. Nachdem sie aber gestorben und unter den Klagen
der ganzen Gegend bestattet worden, wäre ihr Schloß später eben
jenem bösen Ritter zugefallen, der in Allem das Gegenteil der ver-
storbenen Wohltäterin gewesen und darum nach seinem, durch Gottes
Zorn bewirkten Tode noch dem Gerichte verfallen sei.
Ungewöhnlich lange, wenn auch in widersprechender und verblaßter
Überlieferung hat sich Utas Angedenken in Trudering erhalten. Noch
bis in die neueste Zeit wurde der toten Guttäterin dankbar bei feier-
lichen Gottesdiensten gedacht; auch ward am Pfingstfreitag in der
Kirche Vesper und Litanei gehalten, weil an diesem Tage das Schloß
versunken sein soll. Der Platz, wo es versank, wird an der Landstraße
bei Trudering noch heute als „Utahöhle" gezeigt; desgleichen mahnt
die Bezeichnung einzelner Grundstücke als „Utta-Teil" in alten Tru-
deringer Katastern an die Schenkung, die Uta dem Dorfe gemacht.
Der Name Uta webt überhaupt durch die Ortschaften der späteren
Grafschaft Ismaning.
*
Das unbebaute Weideland an Stelle des heutigen Ober-Föhring,
samt zwei frühchristlichen Kirchen aus der Römerzeit, gehörte seit Kö-
nig Pippins Zeiten dem Bischof von Freising, der hier eine tüchtige
Holzbrücke über die Isar schlagen ließ, der Salzzüge wegen. Ein
Meierhof aber und etliche Hufen Landes dabei waren dem fränkischen
König zu eigen. Die vergabte König Arnulf der Karolinger seiner
Gattin Uta, die bayerischen Stammes war, als Witwensitz.
Sie soll die Gegend besonders geliebt und häufig der Andacht zu
dem Blutzeugen St. Emmeram in deffen nahegelegener Kapelle gepflo-
gen haben. Eine Sage knüpft sich an ihren Namen, ähnlich der von der
Psalzgräfin Genovefa oder der Jutta von Braunsberg in Tirol: daß
nämlich ein böser Ritter, dem König Arnulf zu sehr vertraute, eben
hier in Föhring die reine Königin mit sündlicher Leidenschaft bedrängt
hätte. Als sie ihn zürnend abgewiesen, hätte er listig üble Nachreden
gegen sie auszustreuen und den Kaiser selbst mit Mißtrauen gegen
sie zu erfüllen gewußt, bis er, auch von diesem beleidigt, sich zu deffen
Feinden geschlagen hätte, und als Rebell mit den Waffen in der
Hand gefangen genommen worden sei. Zur letzten Rache wäre er der
Königin anklagend gegenüber getreten und hätte sie schändlicher Un-
treue geziehen, was der verbitterte, argwöhnische Arnulf auch geglaubt
und seine Gattin vor Gericht gestellt hätte. Aber Uta betete zu Gott
und legte getrost ihre Hand auf das Evangelienbuch, um laut ihre
Unschuld zu beschwören; als dann ihr Verleumder trotzig dagegen
schwören wollte, tat Gott ein Zeichen an ihm, daß Hand und Arm
ihm gelähmt wurden. Da boten der König und seine Edlen der
Frau alle große Ehre; der Miffetäter aber ward hingerichtet. — So-
weit die Sage.
Geschichtlich ist, daß Uta den Meierhof zu Föhring besaß und daß
Ludwig das Kind, ihr Sohn, ihn von ihr empfing. Ihr Name und
ihre Andacht zu St. Emmeram sowie ihr bayerisches Fürstenblut ga-
ben vielleicht Anlaß zu einer Verwechslung mit jener früheren Uta.
Ob nicht am Ende die Uta-Stiftung zu Trudering mit ihr zusammen-
hängt? — /
Aber kehren wir zurück nach Föhring.
Als der Freisinger Dom abbrannte (903), schenkte Ludwig das
Kind sein von der Mutter überkommenes Hofgut zu Föhring dem
Bischof Waldo als Beisteuer zum neuen Dombau. Mehr und mehr
bildeten die Bischöfe den Handelsweg aus, den ihnen der Besitz Föh-
ringö und der Isarbrücke gewährleistete: den Weg vom Salzburgi-
schen über Föhring ins verkehrsreiche Augsburg. Auch eine Münz-
stätte gründeten sie zu Föhring am Ende des ersten Jahrtausends
nach Christus und blieben so fast zweihundert Jahre im ungestörten
Besitz. Noch spät, um die Wende des 13. Jahrhunderts zum 14.,
umfaßte das Freisinger „Amt Föhring" eine ganze Reihe von Ort-
schaften am Jsarrain und am Würmsee — —
Mitten hinein in die Entwicklung sprengte der bewaffnete berittene
Troß, mit dem Heinrich der Löwe, der Welfenherzog, um 1157 Ober-
föhring überfiel, Brücke und Markt zerstörte. Der von ihm vernichte-
ten Schöpfung des Bischofs setzte er eine eigene entgegen, ebenso
lebensfähig aus den gleichen Bedingungen der Natur und des Ver-
kehrs. Wo die heutige LudwigSbrücke steht, bei der Kohleninsel, jetzi-
* 146 *
* 147 *
gen Museumsinsel, legte er der Isar eine neue Brücke auf: sie führte
hinüber zu der Stätte, wo bisher hauptsächlich drei Benediktinerklö-
ster begütert waren, zum Dorfe „Bei den Munichen".
Ramersdorf
Der weitberühmte Kaiser Ludwig der Bayer besaß zu eigen einen
heiligen Kreuzpartikel, den trug er alle Zeit in einer Kapsel an einem
Kettlein um den Hals. Als er nun Anno 1347 Todes verblichen war,
da erbte sein Sohn, der Markgraf Otto von Brandenburg, gedachtes
Heiligtum und trug es gleichermaßen bei sich. Über eine Zeit tat der
Markgraf Otto mit seinem Bruder Stephan und anderen Herren
eine Pilgerfahrt zum heiligen Grab. Da verhielten sie sich eine ziem-
liche Frist in der Stadt Jerusalem, ohne doch irgend Jemand ihren
Stand und Namen kundzutun, denn sie wollten unerkannt bleiben.
Aber aller Vorsicht zum Trutz spürten etliche von den Türkischen es
aus, wer die Beiden wären, und gedachten: zwei Fürsten mit samt
ihrem Geleit wären ein feiner Fang, der ein hohes Lösegeld bringen
möchte. Also beschloßen die Heiden, die Pilger aus Bayerland an
einem Tag, wo sie alle beisammen wären, zu überfallen.
Es lebte aber zu Jerusalem ein Jude, Aaron geheißen, der hatte
früher eine Zeit in München gewohnt und mancherlei Guttat empfan-
gen von einem Münchner Patrizier, der hieß Johannes Ligsalz und
befand sich auch in Jerusalem mit dem Markgrafen. Nun kam zu
dem der Aaron und entdeckte ihm den bösen Anschlag der Türken, den
er weislich ausgekundschaftet hatte. Alsbald brachte der Ligsalz die
Nachricht seinen fürstlichen Herren. Die wußten wohl, wesien sie sich
von den blut- und habgierigen Heiden zu versehen hätten; darum
besandten sie eilig ihre Mitpilger und redeten untereinander ab, daß
Jeder einzeln und heimlich das Weite suchen sollte: erst außer der
Stadt wollten sie sich wieder zusammenfinden.
Die Türken derweil erfuhren von ihren Spähern: zur Zeit seien
die Wallfahrer alle unter einem Dach versammelt. Sie rückten also
stattlich an und umzingelten das Gebäu; aber da sie eindrangen, fan-
den sie es leer. Während sie nun hin und her stritten, nach welcher
Richtung die Vögel entwischt sein möchten, gewann die kleine Schar
der Bayern einen großen Vorsprung. Doch lag es am Tage, daß die
Türkischen ihnen nachsehen würden; und weil deren gar viele und
wohlberitten waren, sahen die Pilger den Untergang vor Augen, denn
weder die Fürsten noch ihre Gefolgschaft wollten sich gutwillig er-
geben. Da tat der Markgraf Otto ein Gelübde zu der seligsten Jung-
frau Maria, von der ein Bildnis in der Kapelle zu Ramersdorf ver«
ehrt ward: wenn ihnen Allen Rettung würde aus der drohenden Ge-
fahr, so wollte er seinen Kreuzpartikel in die Kapelle stiften und ihn
dort dem Marienbilde umhängen.
Die Türkischen aber hatten sich richtig aufgemacht und jagten den
Pilgern nach. Ein paarmal war es nahe daran, daß sie ihrer habhaft
geworden wären, aber immer führte irgend ein Umstand sie irr, und
sie suchten und suchten, als ob sie mit Blindheit geschlagen wären. So
kam es, daß die beiden Fürsten den Meeresstrand erreichten und ein
Schiff bestiegen, das dort vor Anker lag; das führte sie mit ihrem
ganzen Geleit davon.
Als sie schon dahinsegelten, gelangten die Türken auch ans Ufer
und verfolgten zu Schiff die Entflohenen. Doch ging es ihnen zu
Wasser wie zu Lande: ein widriger Wind trieb sie der Kreuz und
Quer, und die Anderen waren zu weit voraus — so mußten sie zu-
letzt grimmig enttäuscht das Steuer wenden und heimsegeln.
Die Wallfahrer aber priesen Gott und seine seligste Mutter dafür,
daß sie so glücklich entronnen waren; und als sie ins Land Bayern
zurückkehrten, da löste der Markgraf Otto alsbald fein Gelübde ein
und opferte seinen heiligen Kreuzpartikel der Jungfrau Maria in
Ramersdorf. Und es war eine große Freude über die Heimgekom-
menen und taten Viele den Dank für deren wunderbare Rettung durch
Opfer und milde Gaben gleichfalls kund. —
Das war im vierzehnten Jahrhundert.
Dreihundert Jahre später geriet nochmals eine kleine Schar von
Münchnern in große Not: anno 1632, da der Schwedenkönig Gustav
Adolf als Sieger die Stadt München in seiner Gewalt hielt. Zum
Entgelt, daß er nicht rauben und brennen hatte lassen, sollte ihm die
Stadt dreimalhunderttausend Taler Brandschatzung entrichten. Die
konnten nicht allsogleich bezahlt werden, und da ließ der König, bis
daß es geschehen wäre, zweiundvierzig angesehene Männer geistlichen
und weltlichen Standes als Geiseln ausheben und von dannen führen.
Sie wurden am 7. Juni in Kutschen gesetzt und unter starker solda-
tischer Bedeckung nach Augsburg gebracht, wo sie, gemeinsam mit den
Geiseln von Landshut, Freising und Weilheim, in Haft verblieben. In
der alten bischöflichen Pfalz wurden sie gefangen gehalten, mit großer
Härte behandelt, gelegentlich sogar mit dem Tode bedroht. Damals
taten sämtliche Geiseln das Gelübde, im Falle glücklicher Wiederkehr
nach München „einen löblichen Gottesdienst mit Predigt und Prozes-
sion zu Talkirchen oder Ramersdorf abzuhalten und dort der Mutter
und Patronin eine ewige Lobtafel" aufrichten zu lassen.
Nach dem Tode des Königs Gustav Adolf in der Lützener Schlacht
verschlimmerte sich das Schicksal der Geiseln beträchtlich, denn sie
* 149 *
* 148 *
sollten, wie ihnen angekündigt ward, nun nicht mehr Gefangene der
Krone Schweden, sondern derjenigen Generäle und Obersten sein,
denen der Rest der Brandschatzungssumme zugewiesen worden. Von
dieser Summe war aber erst die kleinere Hälfte bezahlt. Häufig wurden
Abgeordnete von den Gefangenen selbst — natürlich gegen Verspre-
chen der Rückkehr — in die Heimat gesandt; es kamen auch zu Beginn
des Jahres 1633 Abgesandte von München und vom Kurfürsten nach
Augsburg, um den schwedischen Generalen etwas von der noch aus-
stehenden Summe abzuhandeln. Aber das alles führte zu nichts; viel-
mehr wurden die Schweden noch dadurch erbittert, daß zwei der Gei-
seln, einer von München und einer von Landshut, trotz ihres Eides
von solch einer Gesandtschaft nicht zurückkehrten. Daraufhin wurden
im Juni 1633 die übrigen Geiseln gefeffelt zur Armee geführt, erst nach
Donauwörth, dann nach Nördlingen. Auf inständiges Bitten wurde
ihnen erlaubt, nochmals Abgesandte zu schicken, für deren Rückkunft
alle Übrigen sich „mit Leib und Blut" verbürgen mußten. Die Ver-
handlungen mit der Heimat und dem Kurfürsten brachten nur den
einen Gewinn, daß die Gefangenen wieder nach Augsburg geschafft
wurden.
Endlich ward der Handel so geschlichtet, daß gegen Salzlieferungen,
die von Bayern aus zu leisten wären, etliche Augsburger Handels-
herren sich bereit erklärten, den schwedischen Obersten das noch fehlende
Geld zu erlegen. Aber infolge des Mangels an Pferden und der
Kriegsschwierigkeilen überhaupt trafen die Salzlieferungen ebenso ver-
spätet und unregelmäßig ein, wie die Spenden an Geld und Lebens-
mitteln, die von München aus den unglücklichen Geiseln gesandt wur-
den; und diese litten deshalb oft bittere Not. Erst im März 1635
schlug ihnen die Erlösungsstunde und sie kehrten — mit Ausnahme
von dreien — nach fast dreijähriger Gefangenschaft zurück in die Hei-
mat, in die Arme der Ihrigen. Sie erfüllten alsbald ihr Gelübde, zogen
zu feierlichem Dankgottesdienst nach Ramersdorf und ließen die Votiv-
tafel machen, die sich zu ewigem Angedenken der Stifter heutigen
Tages noch dort befindet. Alle sind, im Gebet vor der seligsten Jung-
frau knieend, darauf abgebildet.
Das Andenken der Männer, die für sie gelitten, hat die Münchner-
stadt auch bewahrt, indem sie eine ganze Anzahl Straßen nach deren
Namen benannt hat.
Noch zwei andere Votivtafeln, gleichfalls mit den Bildniffen der
Stifter geschmückt, hängen zu Ramersdorf. Erstens die der sieben
Münchner Bürger, die 1683 — „alß der Türk Wien belagerent der
gantzen Christenheit den gäntzlichen Untergang anthroete" — eine jähr-
liche Meffe an jedem Sonn- und Feiertag des „Frauendreißigers" ge-
* 150 *
lobten, ein Verbündnis, das seit 1894 in die hl. Geistkirche überging.
Ferner eine Tafel ganz im Sinne der Schwedengeiseln errichtet von
den zwanzig Geiseln, welche im Oktober 1742 von den Österreichern
mitgenommen wurden, als diese München nach neunmonatlicher Okku-
pation verließen. Die Gefangenschaft der Armen — zuerst in Linz,
dann in Graz — währte dreiviertel Jahre; zwei der Geiseln starben
in dieser Leidenszeit. Die Übrigen kehrten glücklich heim und erfüllten
ihr Gelöbnis zu Ramersdorf.
Bogenha usen
Bogenhausen, im achten Jahrhundert „Puginhusir", später „Pu-
genhausen" benannt, war zuerst geistliches Land: die Benediktiner von
Schäftlarn waren dort begütert; später scheint es an das Hochstift
Freising gelangt zu fein. Hinwieder belehnte Herzog Ludwig II. („der
Strenge") 1272 den Edlen Heinrich von Schwabing mit allen Gü-
tern zu „Pugenhaufen und obern Beringen" (Bogenhausen und Ober-
föhring); schon im nächsten Jahr jedoch vertauschte der Lehensträger die
Güter gegen anderen Landbesitz an Bischof Konrad II. von Freising.
Auch ein Nonnenkloster (das von St. Clären) besaß um jene Zeit
schon in Bogenhausen zwei freieigene Höfe und eine Mühle.
Die Pfarrei Bogenhausen war im 14. Jahrhundert eine sehr aus-
gedehnte: sie umfaßte acht Filialen mit Begräbnisstätten, nämlich: Gie-
sing, Haidhausen, Harthausen, Trudering, Riem, Gronsdorf, Hart und
das Leprosenkirchlein St. Nicolaus am Gasteig. Im Jahre 1524 zählte
die Pfarrei achthundert Seelen.
Der dreißigjährige Krieg verschonte den friedsamen Ort nicht: die
Schmiede und etliche Häuser von Bogenhausen gingen beim Durchzug
der Schweden in Flammen auf. Später, da es sich wieder erholt hatte,
war das Dorf durch den Reiz seiner Lage jenseits der rauschenden Isar,
sowie ein paar gute Einkehrhäuser ein beliebtes Ziel der Münchner
Spaziergänger. Zwischen Wiesen und Bäumen lagen verstreut die herr-
schaftlichen Ansitze: am Jsarabhang der des Grafen Montgelas, des
eine Zeit lang allvermögenden Ministers unter König Max Joseph I.
Hier in Bogenhausen haben 1815 Fürst Taxis am 5. Oktober und
General von Wrede am 6. Oktober es gegen die Meinung des von
Napoleons Unbesiegbarkeit durchdrungenen Grafen Montgelas erreicht
und erstritten, daß Bayern sich von Napoleon ab und der deutschen
Sache zuwandte.
Oben auf aussichtsreichem Hügel über dem heutigen Brunnthal (das
Ende des 17. Jahrhunderts eine Art Weiberspittel gewesen sein soll)
* 151 *
stand der „Kögelhof", der sich allmählig zu einem Schlößchen auswuchs.
1740 wurde dies, Eigentum des Hofkammerrais Greg. Kafp. von La-
chenmayer, unter dem Namen „Neuburghausen" zu einem adeligen
Sih erhoben und mit Patrimonialgerichtsbarkeit ausgestattet. Später
kam Neuburghausen oder Neuberghausen in die Hände der Grafen
Törring, aus deren Hause zwei, Georg und Josef Ignaz von Törring,
auch in der St. Georgskirche zu Bogenhausen bestattet sind. Als >766
die Kirche neu erbaut ward — sie bietet eines der reizvollsten Beispiele
für eine ganz im Stil des Spätrokoko durchgeführte Dorfkirche --
stiftete Graf August von Törring, damals Besitzer von Neuberghausen,
den Choraltar, der das Bildnis des heiligen ritterlichen Kirchenpatrons
trägt und die Kanzel, über der drei schwebende Engel die Sinnbilder
des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe halten. Zu dankbarem Ge-
dächtnis des Stifters ist am Hochaltar das Törringsche Wappen ange-
bracht. Die Törring, Landjägermeister von Bayern, aus deren Stamme
bekanntlich außer Kriegs- und Staatsmännern ein vaterländischer Dich-
ter, der Verfasser der Dramen „Kaspar der Torringer" und „Agnes
Bernauerin" entsprang, waren auch ansässig drüben in Haidhausen (alt
Haidhusir), wo ihnen der prächtige ehemals Fuggersche Lustgarten ge-
hörte und ihr Lustschloß auf dem Bezirk etwa der späteren Schloßstraße
lag. Sie hatten dort zu Nachbarn noch ein Geschlecht, deffen Name
mit der bayerischen Geschichte eng verbunden ist, die Grafen von Prey-
sing-Hohenaschau.
Das Schlößchen Neuberghausen erwarb späterhin König Maximi-
lian II-, der ein Stift für die Töchter von Staatsbeamten daraus
machte. Der Plan des Königs, sich im Garten des Stiftes ein Mauso-
leum zu errichten, blieb unausgeführt.
Der feierliche Tag für Bogenhausen war ehedem, wie natürlich, der
Tag des Kirchpatrons, des hl. Georg, am 23. April. Die Flößer,
sowie die Ökonomen und herrschaftlichen Grundbesitzer der Umgegend
fanden sich in großer Zahl dazu ein. Nach dem levitierten Hochamt
(das jetzt am Sonntag nach Georgi stattfindet) ging eö in den Garten
der vormaligen Betz'schen Gastwirtschaft, wo Gelegenheit zu reichlicher
Erquickung durch Speise und Trank sich bot. Gewöhnlich war nächsten
Tages in der Zeitung zu lesen, wie viel Paar Würstel und wie viel
Kirchweihnudeln verzehrt, auch wie viel Banzen zu Ehren des Fest-
tages geleert worden waren. Mitten im Garten des Wirtshauses stand
eine der behaglichen alten Tanzlauben - ein überdachter hölzerner
Rundbau auf hölzernen Säulen — wie eine solche auch auf dem Wege
von Föhring nach dem heutigen Herzogpark jüngst noch träumte. Da
konnte das junge Volk zur Feiertagslust sich munter im Kreise drehen.
Die Decke der Tanzlaube war einst bemalt; ebenso schmückte bunte
Malerei das Kinderkarussel, das später unterm Dach des alten Tanz-
bodens aufgestellt war und bei Jugendfesten im Freien eine große An-
ziehungskraft ausübte.
Dies alles hat nun sein Ende gefunden, so gut wie das „Hendl-
braten" resp. „Hendleffen", das als eine rühmliche Besonderheit des
„alten Betz" galt. Jetzt ist die Gastwirtschaft aufgehoben, die Ge-
bäude sind zu einer Chemikalienfabrik umgestaltet, und nur die alte
Tanzlaube im Garten, ein verlasienes Überbleibsel, mahnt an Bogen-
hausenS idyllische Zeit, aus der zum Glück die zopfige Pfarrkirche und
das Pfarrhaus unverändert erhalten sind.
An der Mauer der kleinen Kirche befindet sich eine Steintafel zum
Gedächtnis des Hofastronomen Dr. Johann Söldner, Erfinder der
Söldnerschen CoordinatensyftemS; eine andere bezeichnet die alte Grab-
stätte Johannes von Lamonts, der, ein gebürtiger Schotte, vom Jahre
1835 an vierundvierzig Jahre Direktor der Sternwarte war. Die
Bogenhauser Sternwarte ward errichtet 1817. Zuvor im 18. Jahr-
hundert wurden die von der Akademie der Wiffenschaften ausgehenden
astronomischen Beobachtungen auf dem frei und hochgelegenen „Geister-
schlößl", das sich auf einer Bastion der alten Stadtumwallung befand
und Schauplatz aller möglichen Spuksagen war, angeftellt, sowie auf
der „Schwanenburg" am Gasteig, da wo heute das Gasteigspital steht.
Lamont, gestorben 1879, hat neben dem südlichen Bogenhauser Fried-
hofseingang ein größeres später errichtetes Grabdenkmal mit seinem
Bildnis und der Grabschrift:
„Li Lvelurn et terrain exploravit."
St. Nikolaus am Gasteig
Bei dem uralten, ehemals nach Bogenhausen eingepfarrten Kirch-
lein des hl. Nikolaus auf dem Gasteighügel stand das Spital der un-
heilbaren ansteckenden Kranken, der „Sundersiechen". Die Leprosen
(d. h. Aussätzigen), die nur hier und im Nikolausspital in Schwabing
untergebracht wurden, trugen besonders vorgeschriebene Tracht: schwarz
oder grau, darüber einen schwarzen Mantel bis an die Kniee und hier-
über einen breiten weißen Leinenkragen. Ebenso gingen auch die Weiber
„mit Übermäntl und Kragen und hatten hoch- oder spitzgupfige Hüte
wo nicht auch einen weißen Schleier um das Kinn." Sowohl die
Siechen zu Schwabing wie die am Gasteig hatten ein kleines Häuslein
am Weg „neben den Angern hin", wo die Leute aus der Stadt vorbei-
gingen, wenn sie eine der beiden Nikolauskirchen besuchen wollten. Die
St. Nikolauskapelle am Gasteig ward zumal am Ostermontag viel be-
* 153 *
* 152 *
sucht, „da man nach EmmauS geht". Die Siechen machten mit kleinen
hölzernen Pritschen die sie halten, „ein Getös", um die Aufmerksamkeit
und Gebefreudigkeit der Vorübergehenden zu erregen. Auch durften sie
zu bestimmten Zeiten, am Mittwoch und Freitag in der Quatember-
woche, in die Stadt kommen, wo sie mit ihren Pritschen „ein großes
Getös" machten und Almosen sammelten unter dem beständigen Ruf:
„GebtS, weilS lebtö! Manns nimmer lebts, könnts nimmer geben!
Vergelts Gott tausendmal, vergeltS Gott!"
Als der Aussatz, diese spezifisch mittelalterliche Krankheit, auf deut-
schem Boden erloschen war, blieb das Spital noch eine Zeit lang die
Zuflucht der mit anderen ekelhaften oder unheilbaren Übeln Behafteten,
bis es 1862 abgebrochen ward.
Neben der Nikolauskirche steht die kleine Altöttinger Kapelle, deren
Gründung auf den frommen Herzog Wilhelm V. zurückgeführt wird,
und die ebenfalls durch lange Jahre ein beliebtes Wallfahrtsziel der
Münchener war.
Am Gasteig wurde 1561, als Merkzeichen des hier endenden Mün-
chener Burgfriedens, ein Kalvarienberg errichtet. Noch keine hundert
Jahre hatte er bestanden, da kam der gelehrte Jesuitenpater und Poet
Jakob Balde heraufgewandelt und rastete am Kalvarienberg. Hierbei
entdeckte er, daß in dem hölzernen großen Kruzifix ein junger Bienen-
schwarm sich eingenistet hatte und ein ebenso emsiges als vergnügtes
Dasein führte. DaS regte den geistlichen Dichter zu sinniger Betrach-
tung an, und er verfaßte darauf hin eine Dichtung, benannt „Der
Bienenstock" in sieben lateinischen Oden, deren letzte mit frommer An-
rufung des gekreuzigten Heilands schließt. —
Die Sage läßt auch einen anderen hier oben kurze Rast halten,
nämlich den „ewigen Juden". Der soll 1702 von der Salzburger
Straße her zum Gasteig hingekommen sein und nach München herein-
gewollt haben; es wäre ihm aber nicht erlaubt worden. Da beschied er
sich in Demut, sagte zu vielen Leuten, die ihn umstanden: das ChristuS-
bild auf dem Hügel sei das wahre Abbild unseres Herrn, betete auch
lange davor und beschenkte etliche mit Rosenkränzen und sonstigen an-
dächtigen Dingen, ehe er seines Weges wieder von dannen zog.
Die wundersame Mär wird aber noch anders erzählt. Es wäre näm-
lich der AhasveruS 1721 am Jsartor erschienen, und es wäre, nachdem
er sich genannt, der Einlaß in die Stadt ihm verweigert worden. Dar-
auf hätte er jedoch in Haidhausen Unterkunft gefunden und dort mit
allerhand Geschmeide, das er bei sich trug, eine ergiebige Handelschaft
eröffnet. Der Zulauf zu ihm steigerte sich rasch, um so mehr als er um-
ständlich von den Wundern und dem Leiden des Heilands, auch von den
Aposteln, die er alle persönlich gekannt haben wollte, zu erzählen wußte.
* 154 *
Überdies hatte er, wie er sagte, schon siebenmal den ganzen Erdkreis
durchwandert und berichtete merkwürdige Dinge davon. Die Meisten
glaubten ihm aufs Wort und kauften desto lieber bei ihm ein. Das
Kruzifix auf dem Gafteigbergl bezeichnete er als das einzig wahre und
genaue Abbild unseres Herrn, betete auch mit großer Andacht davor.
Nachdem er einige Zeit dagewesen, verschwand er eines TageS so plötz-
lich wie er gekommen war.
In den nächsten paar Jahren soll der angebliche „ewige Jude" noch
anderwärts, so in Bamberg und in Würzburg, aufgetaucht sein, bis er,
überall ausgewiesen, endlich spurlos verschwand.
In der Au
Wo heute die Vorstadt Au ist, soll im 12. Jahrhundert noch nichts
gestanden haben als ein paar dürftige Fischerhütten und das Häuschen
eines ForftauffeherS. Es geschah nicht selten, daß die Isar, damals noch
der ungebändigte Bergstrom, der sie von Urzeit gewesen, mit Hochwaffer
daherwogte und daS bißchen Habe der wenigen Ansiedler wegzureißen
drohte. Das soll einmal im 15. Jahrhundert wieder geschehen sein, und
die Bedrängten wußten sich angesichts des immer höher schwellenden Ge-
strudels keinen Rat, als laut und inbrünstig zu beten. Da gewahrten sie
ein Kruzifix, das auf dem Waffer daherschwamm und auf einer Sand-
bank liegen blieb. Die Anwohner taten alsbald das Gelübde: wenn die
Gefahr gnädig vorüberginge, wollten sie an dieser Stelle ein Kirchl
bauen und das auf der Isar hergetriebene Kreuz auf den Altar sehen.
Als sich darnach das Wasier wirklich verlief, erfüllten die Geretteten,
was sie gelobt, und das alsbald erbaute Kirchlein konnte 1466 geweiht
werden, zu Ehren des hl. Kreuzes. Diese Kreuzkirche stand auf dem
jetzigen Mariahilfplatz bis ins 17. Jahrhundert; daneben wurde 1629
bis 1631 die alte Mariahilfkirche erbaut, an deren Stelle später die
heutige Pfarrkirche trat.
Bald nach dem Entstehen des ersten Kirchleins schuf sich Herzog Wil-
helm IV. hier außen in der damals noch freien waldigen Gegend „am
Neudeck" ein Jagdschloß mit Hofgarten, Falknerei und Pagenhaus.
Albrecht V. gelobte, in unmittelbarer Nähe des Schlößchens eine Kirche
des hl. Karl Borromäus zu erbauen, die jedoch erst unter seinen Nach-
folgern vollendet ward. Wilhelm V. gründete sich „am Neideck" zu zeit-
weiliger Weltflucht „ägyptische Einsiedeleien" wie in Schleißheim. 1627
berief Maximilian I. die Paulanermönche von Burgund nach München,
überwies ihnen das Neudeckschloß samt der Kirche, verstattete ihnen auch,
zur Erleichterung ihres Unterhaltes, den Anbau eines Mietstockes (wie
* 155 *
ihn später die Augustiner errichten durften) sowie die Einrichtung einer
Bierbrauerei. Eine weibliche OrdenSniederlaffung kam hinzu, da der
Münchener Patrizier Alberti neben einer von Hofbaumeifter GaiS-
reitter errichteten Kapelle ein Frauenkloster stiftete, das anfänglich nur
klein und von wenigen Paulaner-Tertiarierinnen bewohnt, dann aber,
nach seiner Vergrößerung und Vollendung, von 1715 an den Benedik-
tinerinnen des Klosters Niedernburg bei Passau überwiesen ward. Die
Anhöhe, auf der es lag, zuvor Geisberg genannt, empfing den Namen
„Lilienberg" von der Inschrift des Kloftereingangs:
„Unter reinen Lilgen weidet
Hier der Göttlich Präutigam."
Die Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts machte dem Be-
stehen beider Klöster ein Ende. Der Paulanerstock ward Strafanstalt;
im Benediktinerinnenkloster befindet sich heute das Bezirksamt. An
Stelle der Kirche und des Klosters der Paulaner steht das Amtsgericht
München II, besten Turmdach nach dem ehemaligen Kirchturm die Form
eines Priesterbiretts trägt. Ans Jagdschlößchen mahnt noch das Hirsch-
geweih und die Gedenktafel an der Südwand des Gasthauses „Neu-
deckergarten". Die Paulanerbrauerei aber, übergegangen erst an Franz
Taver Zacherl, dann an Schmederer, ist, jetzt noch am Nockherberg in
Giesing befindlich, die Quelle des weltberühmten „Salvatorbieres".
Wenn schon die Hauptgebäude der Au sämtlich ihre Bestimmung ge-
wechselt und ihr Äußeres der Neuzeit angepaßt haben, so ist doch die
alte Zeit nirgend so lebendig als hier. Da gibt es noch schmale Sträß-
chen mit einstöckigen aneinandergeklebten Häusern, kleinen Wasserläufen,
über die hölzerne Brücken führen, bescheidenen ländlichen Vorgärten,
kurz das ganze reizvolle Wesen, das heutige Maler ebenso unwidersteh-
lich anzieht wie einen Lebschee oder Karl Spihweg. Das „Paschihaus"
(ehemaliges Pagenhaus) überrascht auch jetzt, so sehr es umgebaut ist,
durch seine Gestalt und Lage; noch steht das Haus des „Radlwirt", das
zu Wilhelm IV. Zeit von Andreas Radl erbaut und als Wirtschaft
aufgetan wurde. An die Falknerei mahnen Falkenstraße und Falkenwirt.
Aber die bauliche Besonderheit der Au, die sie nur mit Giesing und
Haidhausen teilt, bilden die sogenannten „Herbergen".
Die Herbergen sind einstöckige Holzbauten in der Weise altbayeri-
scher Bauernhäuser; meist umgibt den niedrigen Oberstock ein hölzerner
Altan, auf dem Wäsche zum Trocknen hängt oder etwelche Pflanzen ge-
zogen werden. Bunte Fensterläden beleben den Ton des alten Holz-
werks. Oft hat jedes Stockwerk seinen eigenen Eingang über eine
schmale von außen hinaufführende Treppe oder kleine Brücke von der
Straße her. Jede solche Wohnung kann, soviel Räume sie eben um-
faßt, vom Besitzer selbständig veräußert werden, und bei Niederlegung
der Häuser müßte der Magistrat München sie den Jnsasten mit Geld
ablösen.
In diesen Vorstadthäusern vererbte sich lange Zeit ein frommer
Brauch, der freilich verschollen ist. Bald im einen, bald im andern Hause
kamen während der Adventözeit die Nachbarn Äbends zusammen, ent-
zündeten ein paar Wachslichter auf dem Tisch, stellten dazwischen als
„Sinnbild" die Figuren der hl. Jungfrau und des hl. Josef und Huben,
nachdem der Rosenkranz gebetet worden, die Herberggesänge zu singen
an. Der Hauptgegenftand dieser Lieder war: Maria bittet Josef, ihr
eine Herberg zu suchen, wo sie sich ihrer heiligen Bürde entledigen kann.
Aber vergeblich klopft Josef an alle Türen; mit groben Reden wird er
fortgescheucht: nirgends ist Raum für die Müden, die schließlich im
Stall sich ein Obdach suchen müssen. Die Sänger wehklagen darum
und sprechen ihre Entrüstung aus:
„Felsenharte Bethlehemiten,
Wie könnt Ihr so grausam sein? .."
um am Ende demütig und treuherzig zu bitten, daß die heilige Mutter
hier bei ihnen einkehren möchte:
„Ganz unwürdig solcher Ehre
Ist zwar dieses Sündenhaus;
Doch, o Mutter, mich anhöre:
Schlag mir nicht mein' Wohnung aus!
Wo du und dein Kind zugegen,
Da ist die Vergnügenheit." ..
Ebenso wird der heilige Josef innig eingeladen:
„Einstens batest du die Sünder,
Doch umsonst; jetzt bitt ich dich.
Wenn du kommst zu Menschenkindern,
Wer ist glücklicher als ich?!" —
Neben diesem häufigsten Thema der Obdachsuchenden heiligen Fa-
milie kamen meist Hirtenlieder zum Vortrag. Seltener wurde ein an-
deres Lied gesungen: wo ein Kind nächtlicher Weile ans Fenster pocht
und von der „Schäferin", die offenbar als Verkörperung der christ-
lichen Seele gedacht ist, Einlaß begehrt. Sie weigert sich zunächst, ist
voll Mißtrauen gegen den späten seltsamen Gast: . .
„Ich hier mich nur allein befind',
Magst etwa sein ein loses Kind;
[: Nein, nein, laß dich nicht ein." :]
* 156 *
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Aber der Adel in den Worten des Kindes, das angibt, es wolle ein
ihm verloren gegangenes Schäflein suchen, überwindet sie:
„Glaub schwerlich, daß ein fremdes Schaf
Sich in der Au befindt.
Eh als ich dir die Port aufmach,
Sag mir: wer bist, mein Kind?
Oder wer ist der Vater dein,
Daß du schon jetzt ein Hirt mußt sein,
[: So jung, so zart, so fein?" :]
Worauf die Antwort kommt:
„Mein Vater ist von Ewigkeit,
Und ewig ist sein Reich;
Sein eingeborner Sohn zugleich
Ich ewig bin und bleib.
So merke nur und mich anhör:
Dein arme Seel von dir begehr;
Drum bin ich hier, schenk's mir!" :]
Den Heiland erkennend, bricht die bisher Zweiflerische in Entzücken
aus und öffnet ihm Heim und Herz:
„Mein Herz ich dir eröffnen thu,
Darin sollst finden Raft und Ruh.
[: Ich bitt, abschlag mirs nicht!" — :]
Den ganzen Brauch dieses Zusammenkommens und dieser Gesänge
nannte man „die Herberg abstatten". Erst um die Mitte des neun-
zehnten Jahrhunderts kam er ab.
Der Waisenvater
Durch die Straßen der Vorstädte rechts der Isar geht ein Mann,
dürftig gekleidet, wie ein Bettler den Hut in der Hand. Das Gesicht ist
dennoch nicht das eines bloßen Bettlers: in den Augen glimmt ein in-
neres Licht; die Haltung, der dunkle Rock sind mehr wie die eines Geist-
lichen, zum mindesten eines Lehrers. Das hat der Johann Michael Pöp-
pel, Faßbinderssohn aus der Au, einst auch werden wollen, hat die La-
teinschule besucht, ist Schulgehilfe gewesen in den Waisenhäusern zu
Freising und Erding und hat da gesehen, was elternlose Kinder sind,
was ihr Leben ist. -
Vielleicht war es die unbestimmte Furcht vor der Größe und Schwere
einer aufdämme^nden Bestimmung, was ihn flüchten ließ in Kloster-
frieden. Aber nicht für immer, nicht einmal für lange, denn die gleiche
Liebe zu aller Kreatur, die im Herzen des hl. Franziskus glühte, trieb
den Johann Michael aus dem Haufe des Heiligen wieder hinaus. Als
Privatlehrer — nach anderen als Tagschreiber — hauste er in einem
bescheidenen Stübchen in der Au, sah das Elend, das der österreichische
Erbfolgekrieg über sein Vaterland brachte, sah die Kinder, deren Väter
im Kriege gefallen waren, deren Mütter dem Hunger und der über-
mäßigen Arbeit erlagen, obdachlos, ohne Brot, verwildert herumirren.
Und der Johann Michael, der den Anblick nicht ertrug, reckte sich auf
zu einem Entschluß: der Vater all dieser Waisen zu werden.
Er erbat sich die Erlaubnis vom Gerichtsherrn des Pflegegerichts Au,
dem Freiherrn Franz Karl von Wideman», daß er versuchen dürfte,
was er vermöchte. Und sein Hausherr, der Gerichtsdiener Christoph
Nußbaum überließ ihm eine große Stube um billigen Zins. Darauf,
am letzten November, am Tage des hl. Andreas, holte sich Pöppel eine
Schar von völlig verlassenen Buben und Mädeln, dreißig im Ganzen,
zusammen; die führte er zuerst in die Mariahilfkirche — die alte, denn
die neue hat erst Ludwig I. erbaut — und betete zu Gott für sie und
sich. Dann nahm er sie heim in seine Stube und fing an, ihnen Vater
und Mutter zu sein, sie zu waschen und zu kämmen, zu kleiden, zu näh-
ren, zu unterrichten.
Noch mehr: er ging betteln für sie.
Von Tür zu Tür, bei Wind und Wetter, im dünnen schäbigen Rock,
verachtet, rauh abgewiesen, beschimpft. Er durste sich keine Empfind-
lichkeit gestatten, denn seine Kinder brauchten Brot. Es heißt, daß ein
Reicher, der nicht geben wollte, ihn einst mit dem Stock bedrohte und,
als der kecke Bittsteller sich nicht abweisen ließ, ihn wirklich schlug. Pöp-
pel hätte darauf geantwortet: „Schlagen Sie mich, aber geben Sie
meinen Waisen!" — und da wäre dem reichen Mann das Herz doch
weich geworden, so daß er fortan der Waisenschule freigebig spendete.
Sieben Jahre bettelte sich der Waisenvater so durch, von 1742 bis
1749. Er litt oft bittere Not mit seinen Kindern, aber er verließ sie
nicht. Als 1749 öffentliche Sammlungen für die Armen, Krüppel
und Waisen des nun beendigten Krieges veranstaltet wurden, erhielt
der Johann Michael ein gutes Teil von dem Ertrag; er konnte ein Haus
nahe der Mariahilfkirche kaufen und für seinen Zweck ausbauen. Da
trat zu der bisherigen Verspottung ein anderes: der Neid, der dem
Habenichts das Gelingen nicht gönnte. Häßliche Angriffe und Beschuldi-
gungen wurden gegen ihn geschleudert; des Eigennutzes, der Fahrlässig-
keit wurde er geziehen. Allerhand Hindernisse erschwerten ihm den Weg;
* 459 *
* 158 *
mehrmals stockte sein Bau, weil die Mittel fehlten. DaS Alles nahm der
Poppel hin wie ehedem den Schlag; seine Geduld war so unerschöpflich,
wie sein Mut. Und nach drei Jahren stand sein Hausbau fertig da.
Wie vor jedem Sieger, beugten sich Unverstand und Mißgunst vor
Dem, der innerhalb zehn Jahren das Alles erreicht hatte.
Begüterte Wohltäter spendeten so viel, daß die auf dem Waisen-
haus lastenden Schulden abgetragen werden konnten und noch ein Rest
von 4822 fl. als Anstaltsvermögen übrig blieb. Außerdem besaß Pöp-
pel seit 1751 ein behördliches Sammelpatent. Das „Waisenhaus zu
St Andrä in der Au", wie es nunmehr hieß, konnte als richtige Erzie-
hungsanstalt in verschiedene Klaffen eingeteilt werden; die Kinder, ge-
nährt und gekleidet, erhielten von Pöppel und einem Gehilfen Unter-
richt in Religion, Lesen, Stricken, Spinnen und Nähen.
Als Pöppel starb (1763), hinterließ er ein gesichertes Werk, das
heute, mit dem großen städtischen Waisenhause seit 1818 vereinigt, un-
ter Aufsicht des Magistrats München steht.
Pestsagen aus Giesing
Wie der „schwarze Tod" in Bayern umging, da machte er vor den
alten Dörfern rings um München so wenig Halt wie vor den stattli-
chen Häusern zu Füßen der Frauentürme. Immer wieder rollten ver-
mummte Totengräber den Pestkarren vor die Häuser und luden die
neuen Opfer, die der Tag gefordert hatte, darauf. Die Freithöfe boten
nicht Raum für alle die frischen Gräber; an vielen Orten mußten eigene
Pestfriedhöfe angelegt werden. Dies war auch in Obergiesing, dem alten
„Kyesinga", der Fall. So klein und frei der Ort auf waldiger Höhe
am Perlacher Forst lag, hatte er von allem Elend des dreißigjährigen
Krieges fein Teil getragen und trug es auch jetzt.
Hart am Waldrand stand ein schmucker Hof, der einem freien Bauern
gehörte. Der saß in Wohlstand und Wohlsein mit Weib und Kindern,
war bisher vor allem Unheil bewahrt geblieben und schien es fürder zu
bleiben, denn die Pest verschonte sein Haus. Um sich dankbar zu zeigen,
ließ der Bauer einen großen „Christus in der Rast" schnitzen, d. h.
ein Bildnis unseres Herrn in Ketten, während der kurzen Rast zwischen
der Geißelung und der Kreuzigung- Davor hielt der Bauer von nun
an stets seine Andacht. Aber die Pest, eine Zeit lang scheinbar erloschen,
kehrte wieder, grausiger als zuvor, und so brünstig der Bauer vor dem
Herrgottsbild betete, fielen doch all seine Hausgenossen der Seuche zum
Opfer, zuletzt sein Weib und seine Kinder. Da geriet der Mann in
Verzweiflung, lästerte Gott und schleuderte das Christusbild vor das
* 160 *
Haus auf die Erde. Darnach holte die Pest auch ihn. Weil aber das
Sterben immer zunahm, meinten die Umwohner, das fei die Strafe für
die Verunehrung des Heilandsbildes. Darum taten die von Giesing und
von der Au sich zusammen und wallfahrteten mit Kreuz und Fahne
nach Ramersdorf zur Gnadenkirche. Den geketteten Christus trugen sie
feierltch mit sich und stellten ihn bei der Rückkehr in der Giesinger Kirche
auf. Von da an begann die Pest mählich abzunehmen. Der Pestwagen
jedoch, der die Leichen zum Friedhof fuhr, soll noch lange oben unterm
Dach der Kirche aufbewahrt worden sein.
Der „Herrgott in der Raft" blieb in der Giesinger Dorfkirche, von
den Andächtigen voll Zutrauens verehrt, bis zum Jahr 1892, wo die
kleine Pfarrkirche abgeriffen und der sie umgebende Friedhof aufgehoben
wurde. Da übersiedelte der Herrgott in den Gottesacker, der eben in
jener schweren Zeit der Pestilenz als Pestfreithof angelegt worden war,
an der Stelle, wo heute der Giesinger Pfarrhof steht.
Von diesem Pestacker wird erzählt, daß ehemals zur Mitternachts-
stunde zwölf graue Männlein den Steig, der von der früheren Bäcker-
gaffe am Giesinger Berg hinaufgeht, sacht emporgewandelt seien, den
Pestfreithof umschritten und in der alten Dorfkirche gebetet hätten. Da-
von hätte das Bergl den Namen „Manndlbergl" oder „Mannderbergl"
geführt. Bei dem Freithof, so lang er bestand, soll eö zur Nacht über-
haupt nicht geheuer gewesen sein: wer vorüberging, vernahm rufende
Stimmen oder den Ton wie wenn mit Steinen oder Sand geworfen
wird.
1895 verschwand auch dieser Gottesacker; und der Herrgott in der
Rast" wurde von da an im Kloster der armen Schulschwestern in
Obergiesing aufbewahrt.
Das letzte äußere Gedenken der Pestzeit, eine Pestsäule auf dem We-
ge von Giesing nach Ramersdorf, erhielt sich bis gegen die Mitte des
vorigen Jahrhunderts, ist aber seitdem auch entfernt.
Vom Salvator
Zu Neudeck in der Au begingen alljährlich im Monat April die
Paulanermönche mit großer Feierlichkeit, acht Tage lang, das Fest ihres
Ordensstifters, des hl. Franz von Paula. Es begann am 2. April; nur
wenn etwa dieser Tag in die Karwoche fiel, ward der Festanfang auf
den ersten Sonntag nach Ostern verschoben. Während der Festoktav
konnte jeder andächtige Besucher der Paulanerkirche eines vollkommenen
AblaffeS teilhaftig werden. Auch wurden dort die ganze Festwoche hin-
durch die „heilig Vaterkertzen" geweiht, weshalb die Münchener Bür-
ii
* 161 *
gersfrauen korbweise das Wachs zum Weihen in die Kirche brachten.
Der Brauch schrieb sich her von einer Gewohnheit des hl. Franz von
Paula, nämlich: Hohen und Niedrigen geweihte Kerzen zu schenken;
deß zum Gedächtnis wurden alljährlich an seinem Feste in den Kirchen
seines Ordens geweihte Kerzen den Gläubigen ausgeteilt.
Wer einmal in die Au hinausgepilgert war, besuchte natürlich
auch die Mariahilfkirche und die übrigen Kirchen der Vorstadt. Nach
der Andacht war im Paulanerkloster gutes „heilig Vaterbier" oder
„heilig Vateröl" — so benannt, weil die Paulaner nur von Oel speisen
durften — zu bekommen.
Kurfürst Maximilian I. begab sich alljährlich am 2. April zu den
Paulanern, um einer Mesie beizuwohnen. Auch unter feinen Nachsol-
dern pflegte der kurfürstliche Hof den heil. Vaterfesten nicht fern zu
bleiben. Die Emporkirche im Heiligtum der Paulaner trug den Namen
„der Fürstenchor" — „weil die gnädigsten Herrschaften darauf dem
OrdenSfefte beiwohnen." Sowohl Max III. Joseph als Karl Theodor
versäumten nicht, am 2. April den Ausflug nach der Vorstadt Au zu
machen und die Mesie bei den Paulanern zu hören. Es war Sitte, daß
der Kurfürst unter Begleitung seiner Leibgarde, der Hartschiere, zu
Pferde und gefolgt von einer Kavallerieabteilung hinaus ritt, vor dem
Paulanerklofter abstieg und die Väter besuchte, ehe er sich in die Kirche
begab. Die Kurfürstin und die Prinzessinnen fuhren mit ihren Hofda-
men zu Wagen dorthin, gleichfalls von Hartschieren eskortiert, deren
prächtige Uniform und Pferde — sie ritten auf Schimmeln — einen
glänzenden Eindruck machten.
Der Konvent der Paulaner war stets bestrebt, auch an seinem Teil
das Fest würdig und feierlich zu gestalten; für die Feftpredigt ward ein
berühmter Kanzelredner aus der Stadt oder anderswoher gewonnen,
außerdem ein infulierter Prälat geladen, damit ein Pontifikalamt ab-
gehalten werden konnte.
Nicht minder beeiferten sich die Bewohner der Au, „den durchlauch-
tigsten Landesvater nach Fürstenwürde zu empfangen." Kanonendonner
begrüßte den festlichen Tag; am Auertor erwartete den aus der Resi-
denz kommenden fürstlichen Zug „die bürgerlich Auische Kavallerie",
die ihn von da ab „in schuldiger Ehrfurcht" eskortierte. Spalier bilden-
des Militär, Ehrenpforten, Schaugerüste mit allegorischen Darstellun-
gen, geschmückte junge Mädchen und weißgekleidete Schulkinder, dazu
das fröhliche Gewoge einer dichtgedrängten festlich erregten Menge
und das Geschmetter mehrerer Musikchöre — nichts fehlte, um die hohen
Gäste zu ehren und den Tag zu einem lange nachleuchtenden zu machen.
Nach beendigtem Hochamt wurde den fürstlichen Herrschaften in der
Klosterkirche die geweihte Vaterkerze überreicht, worauf der Hof noch
im Kloster bewirtet wurde. — Wie zu sehen, ging es umständlicher
damals her, als ein bekanntes Gedicht und Bild es darstellt, das den
Kurfürsten einfach vor der Klosterpforte anreiten und von Barnabas,
dem Bräuhausfrater, empfangen läßt . . .
„Mit dem Gruß, der bis zur Stunde
Sich erhielt in Volkes Munde:
8alve, Pater patriae,
Bibas, princeps optime.“
Von diesem Gruß nämlich: „Salve Pater“ usw. soll das Wort
„Salvator", das aber eigentlich von „Sankt Vaterbier" herkommt,
abgeleitet werden. Das Einzige, was von all dem Glanz uns Heutigen
geblieben, ist bekanntlich dies Sankt Vater- oder Salvatorbier.
Das Kloster der Paulaner ward 1799, nachdem es kurz vorher ein
letztesmal den Besuch des Kurfürsten (späteren Königs) Max IV. Jo-
seph empfangen hatte, aufgehoben. Es wurde nachmals Strafanstalt;
die Brauerei aber ging in weltliche Hände über, die es nicht minder
gut verstanden, das weitberühmte stark eingesottene Bier, das berau-
schendste der Münchner Doppelbiere (hierin dem vielbesungenen „Bock"
noch über) zu brauen. Der Salvatorkeller am Nockherberg in Giesing
öffnet seine Pforten alljährlich auch nur für kurze Zeit, weil nämlich,
zum Bedauern der Durstigen, der Stoff meist schnell ausgetrunken ist.
Hofmäßig geht es dabei freilich nicht zu, denn bekanntlich ist das Tragen
eines Zylinders z. B. verpönt, und ein solcher wird augenblicklich einge-
trieben. Von den Gesängen, die dabei üblich sind, darf behauptet wer-
den, daß sie an den eigentlich geistlichen Ursprung des Festes keineswegs
erinnern. Auch bedarf der Menschenstrom, der während des Salvator-
ausschankS zur Quelle wallt, keines Ehrengeleites, noch der Triumph-
pforten. Dennoch ist, wenn gleich in vergröberter Form, etwas vom
Charakter des Volksfestes diesen bierfrohen Frühlingstagen noch ver-
blieben.
Es hieß einst, daß zur Salvatorzeit der Brauer Franz Taver Zacherl,
der das BräuhauS von den Maltesern, den Nachfolgern der Paulaner,
erkaufte, bedeutend erweiterte und den nach ihm benannten Keller er-
baute, nächtlicherweile dort umgehen soll. Wer die Gäste vom Nockher-
berg herabkommen sieht, zweifelt bei ihrem Anblick sicher nicht, daß auch
dort und bei Tage der Zacherlgeist umgeht.
* 162 *
* 163 *
Von Pachem und vom Hachinger Bach
In ganz Bayern finden sich Sagen von versunkenen Orten, ähnlich
den norddeutschen Sagen von Vineta und Julin oder der Gerstäcker-
schen Erzählung vom verschwundenen Dors Germelshausen, das nur alle
hundert Jahr an die Oberfläche kommt. So geht die Mär von einem
Dorf, geheißen Pachem oder Bachheim, das nahe bei München, zwi-
schen Riem und Berg am Laim gelegen hätte. Der Ortsname Pachem
kommt in Urkunden des 14. und 15. Jahrhunderts vor, doch ist er,
wenn er sich wirklich von einem Bach ableitet, nach der heutigen Be-
schaffenheit der Gegend unverständlich, da kein Gewäffer sich ringsum
befindet. Möglich, daß ein Kirchdorf, das hier stand, zu Beginn des
16. Jahrhunderts gewaltsam zerstört, oder durch irgend ein Ereignis
vernichtet wurde. Leute, die an windstillen Tagen dort durch die Felder
gingen, haben erzählt, daß sie Menschenstimmen, Dengeln von Sensen,
zuweilen Geläute von Kirchenglocken aus der Erde heraufgehört hätten.
Deshalb erhielt sich die Überlieferung, daß ein großes Dorf dort in die
Tiefe versunken sei. Manche bringen deffen Schicksal in Verbindung
mit dem Wasier, das südlich von der sagenhaften Stätte fließt: dem
in seiner Art auch wundersamen, als Naturmerkwürdigkeit anzusprechen-
den Hachinger Bach-
Bei Deisenhofen wird er zuerst als schmale Wasierader sichtbar, von
Oberhaching an strömt er reichlicher, erreicht seine eigentliche Stärke
bei Taufkirchen. So bleibt er eine Weile, treibt mehrere Mühlen; von
Unterhaching an aber beginnt er abzunehmen und ist in Unterbiberg
nur mehr ein kleines Rinnsal, das außerhalb Perlach gänzlich versickert.
Diese Eigentümlichkeit wird geologisch aus dem engen Zusammen-
hang des Bachwasierspiegels mit dem unterirdischen Grundwasserspiegel
erklärt. Aber die Volksphantasie deutele den Vorgang anders und leitete
daraus eine Sage ab von einem feindlichen Brüderpaar, dessen Vater,
ein braver alter Müller, bei seinem Sterben den Beiden gemeinsam
die Mühle am Hachinger Bach nahe Perlach hinterlassen hätte. Durch
die Erbschaft fuhr der Geizteufel in die Söhne, die sich zuvor ganz gut
vertragen halten und sie wurden einander spinnefeind. Keiner gönnte dem
Anderen sein Teil, sie stritten und maulten den ganzen Tag, vernachläs-
sigten darüber Arbeit und Kundschaft und kamen so allmählich herab.
Damals floß an jener Stelle der Bach noch breit und hell. Als jedoch
die Zwei es immer ärger trieben und den würdigen Pfarrer von Per-
lach, der um der Liebe Gottes und des Gedächtnisses ihres Vaters wil-
len sie zur Eintracht mahnte, roh von der Schwelle jagten, da war ihr
Maß voll. Eines Tages war der Bach, gerade bei der Mühle, versiegt,
und die Mühle stand still.
Da half kein Fluchen und kein Jammern, keine Vorwürfe, die sich
die Beiden gegenseitig machten. Sie wurden zu Bettlern, und schließlich
suchten sie sich auf dem Wege von Perlach nach Ramersdorf zwei stark-
ästige Birnbäume aus, nahmen Jeder einen Strick und hingen sich
daran.
Nächtlicherweise sollen die zwei Müller als ruhelose Geister an der
Stelle ihres Selbstmordes spuken und zwar so lange, bis der Hachinger
Bach wieder seinen früheren Lauf hat.
Harlaching
Die kleine Wallfahrtskirche zu Harlaching, hoch am Ufer der Isar,
ist ursprünglich wohl sehr alt. Keine Gewißheit besteht über die Zeit
ihrer Erbauung; doch kommt der Ortsname selbst im 12. Jahrhundert
als „Hadelaichen", „Hadelahingen" vor. Die Kirche, der heiligen Mut-
ter Anna geweiht, hat eine schwermütig sagenhafte Entstehungsge-
schichte. Ein Münchener Patrizier soll mit einer schönen Jüdin auf einem
Landsitze in Thalkirchen verbotenes Liebesglück genossen, die Verführte
aber hernach verlassen haben. Da sprang sie verzweifelt in die Isar und
fand den Tod. Von seinem Gewissen beunruhigt, ließ ihr Verführer
die kleine Kirche von Harlaching erbauen. Bei der „Marienklause",
die 1865 aus einem Dankgelübde für Errettung von Hochwasser
und Felssturzgefahr entstanden ist, soll die Seele der Selbstmörderin
als blaues Irrlicht umherschweben.
Einem Dankgelübde wird auch das alljährliche große Kirchenfest,
der Harlachinger Ablaß, der am 8. September beginnt, zugeschrieben.
Es soll herrühren von einem Grafen, der zu Giesing seinen Ansitz hatte,
sich aber in einer kalten Winternacht während eines furchtbaren Schnee-
sturmes in den damals noch dichten Wäldern an den Jsarhängen ver-
irrte und den Tod vor Augen sah. In dieser Bedrängnis gelobte er, für
den Fall seiner glücklichen Errettung der nächsten Kirche eine reiche
Stiftung zu machen. Darnach vernahm er den feinen Ton eines Glöck-
leins, das gar nicht weit entfernt zu fein schien. Der bereits erschöpfte
Graf nahm seine Kräfte zusammen, ging dem Klang des Glöckchens
nach und kam so nach Harlaching, wo er alles wach und in größtem
Staunen fand, denn das Glöcklein hatte von selbst geläutet. Da erfüllte
der Gerettete sein Gelübde und stiftete, von reichen Spenden der Um-
wohner unterstützt, das „Harlachinger Ablaßfest".
Harlaching, ursprünglich dem Kloster Tegernsee gehörig, ward später
mit der Schwaige Harthausen (der heutigen Menterschwaige) zusam-
men Eigentum des Landesfürsten und wurde von ihm mehrfach als
* 165 *
* 164 *
Ritterlehen an verschiedene Adelige verliehen. Es gehört heute zur
Stadtgemeinde München und zur Pfarrei Giesing.
Das Schloß der bayerischen Herzoge, das in Harlaching stand und
berühmt war durch seine prächtigen Gartenanlagen am Bergabhange,
ist zu Ende des 18. Jahrhunderts durch Brand zerstört worden. Heute
erinnert, da die Kirche gleichfalls im 18. Jahrhundert völlig neu erbaut
ist, und der ganze Ort sich als vornehme Villenvorstadt entwickelt hat,
eigentlich nichts mehr an frühere Zeiten, als der uralte kleine Kirchhof
und das Denkmal, das König Ludwig I. bei der Kirche dem Andenken
des Malers Claude Gelee, genannt „Lorrain" setzen ließ. Dessen
Ansässigkeit zu Harlaching ist freilich neuerdings in das Bereich der
Sage verwiesen worden. Ludwig I. selbst weilte gern auf der benach-
barten Menterschwaige, die bis 1660 herzoglicher, resp. kurfürstlicher,
von 1793 an bürgerlicher Besitz war. Hierher, auf die — damals noch
Harthausen genannte — Schwaige flüchtete Herzog Johann II-, der
älteste der fünf Söhne Albrechts III-, vor der in München herrschenden
Pest, und hier, in dem nachmals abgebrannten Schlößchen, erlag er ihr,
sechsundzwanzigjährig, am 18. November 1463.
b)LinksderJsar
An der Isar
Untrennbar, landschaftlich wie geschichtlich, gehören München und
sein freudiger Karwendelsproß, der Isarstrom, zusammen. Ja, die Isar
darf sich rühmen als Ursächerin der Stadt. Wo ein solches belebendes
Wasser fließt, ist die gegebene Stätte einer größeren Menschenansiede-
lung. Mit der Zerstörung der einen und Erbauung der anderen Isar-
brücke, mit dem sich bekriegenden, durch die Isar bedingten Vorteil
zweier großer Herren hat Münchens Geschichte begonnen, das Werden
des Dorfes zu einer Stadt, die schon hundert Jahre nach ihrer Grün-
dung „ins Maßlose" wuchs. Die Brückenwacht der Isar, das ist Mün-
chen zu Anfang gewesen; die Lebensader der Stadt, das war die Isar.
Die „Schnelle, Reißende", soll ihr Name, der uralten Ursprungs
ist, bedeuten. Zu Zeiten der Schneeschmelze oder sonst bei Hochwasser
fährt sie wirklich reißend daher, mit hohen Schaumwellen gegen die
Ufer schlagend. Schön ist der Blick von den waldigen Hängen, etwa bei
Pullach oder Großhesselohe, herab auf den milchig grünen Strom, die
breiten hellschimmernden KieSftrecken, die Höhlen und seltsamen Bil-
dungen im Nagelfluhgestein. Kelten und Römer haben ihre Spur längs
des Flusses zurückgelassen; drüben am Osthang, wo die gotische Herzogs-
bürg Grünwald so stattlich in die Isar hinabschaut, liegt das alte
Römer-Kastell, das in jene fernste Vergangenheit zurückweift. Von der
Eisenbahnbrücke, die bei Großhesselohe die Isar überspannt, haben frei-
lich selbst die Römer sich nichts träumen lassen, so wenig wie der sin-
nende Mann im schwarzen geistlichen Gewand, der hier so gern die
Schau über das Flußbett und die waldigen Höhen genoß.
Inmitten all der Drangsal des dreißigjährigen Krieges hat hier der
„bayerische Horaz", der Jesuitenpater Jakobus Balde, eine seiner schön-
sten Oden gedichtet, das „Echo". Sie sind lateinisch, die Dichtungen
des gelehrten Humanisten, aber sein ganzes Empfinden war deutsch,
so wie der Schmerz um die Leiden seines Volkes, für das er den teuer-
werten Frieden so heiß ersehnte.
Auch ein Anderer, dessen Namen als den eines Zeitgenossen die Echo-
Ode nennt, hätte nach, zwar unverbürgter, Überlieferung hier oben ge-
weilt: Claude Gelee, benannt le Lorrain. Er hätte seine Studien ge-
macht an der Durchsichtigkeit der Luft, den duftigen Lichtwirkungen der
Ferne, so wie es nachmals noch mancher Meister des achtzehnten und
neunzehnten Jahrhunderts tat: Dillis, Beich, Lebschee, Schleich, Weng«
lein und wie sie sonst heißen. Eines Künstlers Gedächtnis erneuert auch
der Anblick von Brug Schwanegg, die sich Ludwig Schwanthaler er-
baute und damit einen Traum seiner frühen Jugend verwirklichte. Und
welche fröhliche Scharen hat der Wald zwischen Großhesselohe und
Pullach gesehen, wenn alljährlich bei der Habenschaden-Feier nach dem
Gedächtnisgottesdienst für den Stifter das Frühlingsfest der Künstler
sich entspann! —
Einen eigenen Reiz aber hat es, der Isar ganz nahe zu sein, dicht
am Strand im Gras der Jsarauen zu rasten, die von selbst, durch mäh-
liches Zurückziehen des Stromes in sein heutiges Bett, entstanden sind.
Oder auf einem Floß, das etwa von Tölz dahertreibt, sich fröhlich nach
München hinunterschaukeln zu lassen. Die Flößer und Uferanwohner
wissen mancherlei zu erzählen von den frühen märchenhaften Vorstellun-
gen, mit denen die Volksphantasie Fels und Strom belebte. Die Höh-
len bei Geiselgasteig und Großhesselohe wurden gedacht als von wilden
Leuten, Wassergeschöpfen und wohl auch räuberischen Unholden bewohnt.
In einer davon soll das „Schnarchermandl", einer aus der großen Fa-
milie der Zwerge, Kobolde und Wichtelmännchen seßhaft sein, dessen
lautes Schnarchen zu Zeiten sich über den Fluß hin vernehmen läßt.
Häufiger noch ist der eigentümlich klagende Ruf „Tutli —i —i" zu hö-
ren, der von einem Wasservogel herrührt, aber den Viele einem na-
mentlich zwischen Thalkirchen und Harlaching heimischen Spukgeist,
dem „Tutlipfeiferl", zuschreiben. Bald pfiff er dem Wanderer oder
Flößer dicht vor den Ohren, gleich darauf weit vom jenseitigen Ufer
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her. Die Einen knüpfen daran die Sage von einem wirklichen Pfeifer,
einem Spielmann, der das stolze Fräulein von Burg Grünwald geliebt
und dem sie aufgegeben hätte, ihr Geschmeide, das sie vor seinen Augen
hineingeworfen, aus der Isar zu holen. Er versuchte eö, kam aber nim-
mer herauf — es ist die Geschichte von Schillers „Taucher". Auch der
ruhelose Geist einer jungen schönen Selbstmörderin, die, entweder aus
Liebesgram oder einem Ehrenräuber zu entfliehen, in den Fluß gesprun-
gen sei, wird mit dem Tutlipfeiferl und seinem Klageruf in Verbindung
gebracht.
Als harmlos und gutartig gilt das „Wisperl", das nur zu heiligen
Zeiten, vornehmlich an Allerseelen, mit leisem Gezirp wie eine Grille,
bald nah, bald fern sich hören läßt. Ein geradeswegs böser Geist aber
ist das „Pfeiferl"; er pfeift grell durch die Finger, und wagt jemand
ihm zu antworten — flugs ist er da. Einmal ging einer zu später
Stunde durch die Isarauen, ahmte den Pfiff des „Pfeiferls" nach —>
da wuchs vor ihm aus dem Boden eine schwarze Gestalt. Der Mann,
beherzt, griff nach seinem Messer und schrie: „Trau di net zuawi, oder
du bist hin!" Aber das Gespenst schwoll zu dreifacher Mannshöhe em-
por; da packte den Kühnen das Grausen, und er rannte davon — hast
du nicht gesehen! Ob ihm Unheil widerfahren ist — denn das „Pfei-
ferl" bringt Unglück durch seine Begegnung — weiß man nicht. Am
besten ist's, wenn der Pfiff ertönt, sich still zu halten, ein Kreuz zu
schlagen und im Gehen für sich zu beten. So haben es ehedem auch die
Floßknechte gemacht, beim Überfahren des Isarwehrs an der Marien-
klaufe; denn dort in der Nähe haust die Isarnixe — die übrigens den
Meisten als gleichbedeutend mit dem „Tutlipfeiferl" gilt — samt ihrem
Gatten, dem Hakemann oder Hackenmann. Zu Zeilen singt sie ein selt-
sam berückendes Lied; wer sie singen hört, muß nach altem Glauben bei
einer nächsten Floßfahrt ertrinken. Drum schützten die Flößer sich dort
an den „Überfällen" durch Gebet und führten gern etwas Geweihtes
bei sich. -
War jede Unbill des Wassers und der Witterung samt jeglicher dä-
monischen Anfechtung überwunden, dann saß und trank der wackere
Flößer recht „grüabig" zu München beim „grünen Baum". Da wurde
das beliebte Tölzer Bier verzapft; da herrschte ein fröhliches Durch-
einander von Münchnern aller Stände, Gelächter und Gesang. Zur Zeit
König Ludwig I. pflegten auch die Künstler die Wirtschaft zum „grü-
nen Baum" mit besonderer Vorliebe zu besuchen. Der Wirt galt als
eines der vielen, just in seinem Stande nicht seltenen, Münchner Origi-
nale, so wie der „lachende Wirt", der diesen Namen trug, weil er, wie
die Prinzessin im Märchen, nur einmal gelacht hatte. An den Grün-
baumwirt knüpft sich die Münchner Redensart: „Da möchtst doch gleich
Greanbaamwirt wern!" — Angeblich führte der drollig-knurrige Wirt
selbst diesen Spruch im Munde, wenn ihm etwas widern Strich ging.
Der „grüne Baum", nach dem die Wirtschaft sich nannte, wurde,
als 1787 ein Sturm ihn brach, durch eine Linde ersetzt. Die Wirtschaft
selbst aber verschwand gleich der anderen, altbekannten Gaststätte „zum
Ketterl" an der Floßstraße, als der Durchbruch der Steinsdorfstraße
erfolgte und an die Stelle der ehemaligen Lände ein großstädtischer
Straßenzug längs der Isar trat.
Die Zeiten und ihre Bedürfnisse wandeln sich; Gebäude entstehen
und vergehen. Was aber unmittelbar aus Schöpferhand entsprungen
ist wie der leuchtende rauschende Bergfluß, der München durchströmt,
bringt stets, trotz menschlicher Regulierung und moderner Prachtbauten,
einen Ewigkeitshauch mit sich.
Schwabing
Die Schwabinger — die Nachkommen eines mutmaßlichen Swapo.
Schon seit dem sechsten Jahrhundert wahrscheinlich orisseßhaft, seit
dem achten Jahrhundert — Respekt! — urkundlich nachgewiesen. Bau-
ern, Fischer, Flößer, wie die Nachbarschaft der Isar es bedingte, meist
Untertanen eines ausgedehnten Edelhofes. Denn schon im zehnten
Jahrhundert gab eS dort einen Edelsttz „Derer von Schwabing".
Einen des offenbar zahlreichen Geschlechtes, den edlen Heinrich von
Schwabing, hat, wie früher erzählt worden, Herzog Ludwig II. „mit
allen Gütern zu Pugenhausen und Oberfehringen" belehnt; Bogen-
hausen und Oberföhring liegen ja Schwabing gegenüber. Besagter
Heinrich trat diese Besitzungen am anderen Isarufer bald an den Bischof
von Freising ab. Ähnlich handelte, jedoch aus höchst praktischen Grün-
den, ein Eberhard von Schwabing, im dreizehnten Jahrhundert. Der
hatte einen seiner Okonomiehöfe einem Münchner, dem Richter Jordan,
verpfändet um sechs Talente — und als die fällige Zeit herannahte,
wußte er das Geld nicht zu beschaffen. Da entschloß er sich kurz und
schenkte seinen Hof dem Kloster Schäftlarn mit dem Beding, daß dies
ihn auslösen müßte — was auch zu beiderseitiger Befriedigung geschah.
Zu Anfang des 14. Jahrhunderts starben die Edlen von Schwabing
im Mannesstamme aus; eine Erbtochter jedoch hatte zur Ehe den
Patrizier Gollier von München. Der Gatte oder erst der Sohn dieser
Schwabingerin war Ainwich der Gollier, den Herzog Ludwig um seiner
Verdienste willen zum Ritter schlug, und der auf dem Marktplatz in
München die Allerheiligenkapelle anstatt der zerstörten herzoglichen
Münze erbauen ließ. Dieser Ainwich soll auch das alte, gar kleine Kirchl
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Johannes des Täufers in Schwabing größer und schmucker erbaut
haben aus Freude und Dank, daß er ein Söhnlein Johannes zur Taufe
gebracht. Nachmals starb dies Kind, die Kirche jedoch erstand abermals
größer und ward nach der zweiten Patronin, der hl. Ursula mit ihren
Jungfrauen, benannt. Die Kirche zu „Swäbingen pey München, da
rastent der gut Herr sant Johans, der Tauffer unseres Herrn Jesu
Christi und die heilige Elftausend Mayd" war freilich nur eine „Zu-
kirch" (Nebenkirche) des Gotteshauses zu Sendling; erst 1811 ward
Schwabing eine selbständige Pfarrei. Aber die Schwabinger hielten ihr
Kirchl hoch und heilig: bei den etlichen Malen, als die noch ungebändigte
Isar mit Hochwasser ging und wilde Wogen auf die Kirche zuwälzte,
wagten die Bauern und Fischer ihr Leben daran und eilten auf Flößen
und Kähnen ihrer „Sant Ursel" zu Hilfe.
Sogar in friedsam später Zeit forderte hier der Isarkanal ein junges
Leben: den 21. Juli 1783 ertrank darin „der kunst- und tugendreich
Pankratius Piebl, Buchdruckergesell in München, seines Alters 26" —
und ward beim alten Schwabinger Kirchl gefunden und bestattet.
Noch älteren Ursprungs soll das Kirchlein des hl. Nikolaus gewesen
sein, dessen Abbruch 1898 nicht bloß den Schwabingern, sondern auch
vielen Münchnern tief ins Herz griff. Nachgewiesen ist sein Bestehen
seit dem fünfzehnten Jahrhundert als „GotzhauS der Siechen", das
beim Leprosenspital stand und noch zu München gehörte. Die gelegent-
lichen Ausflüge der Münchner nach „Sand Nikolas bey Schwäbing"
namentlich am Pfingstfest und ihre Einkehr beim wirtenden Hausver-
walter des Spitals sind anderwärts erwähnt. Aber die Münchner,
sowie die Schwabinger kamen auch mit dem Kreuz gewallfahrtet, da
das Nikolaikirchl größtes Vertrauen und Ansehen genoß. Sankt Niko-
laus, als früher Patron der Schiffergilde, hatte billigen Anspruch auf
die Verehrung dieser ruderführenden Isaranwohner.
Die ehemaligen Untertanen der Edlen von Schwabing, wie sie ge-
diehen und sich mehrten, legten einen Zug ausgesprochener Selbst-
behauptung an den Tag. Durch die größere Hälfte des sechzehnten
Jahrhunderts währten die Händel, die sie hatten mit denen von Mün-
chen und von Freising wegen Verletzung der Fischereigrenze. Die
Schwabinger hätten bloß bis zum Frauenkreuz (gesetzt zu frommem
Andenken an eine ertrunkene Frau) und bis drüben zum Föhringer
„Engelturm" fischen sollen, aber sie zogen vor, es bis Garching zu tun.
Die Münchner, obzwar sie gelegentlich ihre Grenze energisch gegen diese
„unruehigen Vischer von schwebing" verteidigten, huldigten doch auch
wieder dem Satze: „da kann ma aa net so sein" — und ließen ein paar
ertappte Schwabinger laufen, „weil die ihnen guete Worte geben
haben, daß sy hinfüro nimmer khomen wellen." Die Freisinger prozes-
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fierten lange und heftig, wobei aber schließlich nichts herauskam, als ein
neuer Markstein zur Darnachachtung unterhalb des Frauenkreuzes.
Auch an diesen hielten sich die Schwabinger nicht unbedingt; und bei
dem „Blumbesuch" (Weiderecht) in der Hirschau, das sie mit denen
von Freimann, Föhring und Bogenhausen teilten, richteten sie es gleich-
falls so ein, daß nicht gerade sie im Nachteil blieben.
Von jener Zeit und dem pfiffigen, zugleich aber wehrhaften alten
Bauernschlag, der selbst der kurfürstlichen Regierung nicht allzuviel
Reverenz bewies, zeugen heute nur noch die paar alten Häuser und
Gärten unten beim Ursulakirchl (jetzt St. Silvefterkirche), an der
Biedersteinerstraße, der Maria Iosefastraße, und den andern, die sich
am englischen Garten hinziehen. Eigentlich ist es so recht der Garten
Schwabings, dies am einstigen Hirschanger von Kurfürst Karl Theodor
und seinem Mithelfer, dem Benjamin Thompson, Grafen Rumford,
geschaffene Stück Eden nördlich der Altstadt München. Wer vom
„Harmlos", diesem steinernen Hüter des Garteneingangs, hinunter-
schlendert zum „Chinesischen Turm", durch die umbuschten Schlängel-
pfade an Wasserfällen, Ruhebänken vorbei zum „Aumeister", ans
„Milchhäusl" oder nach Kleinhesselohe, der sieht dem Kurfürsten, des-
sen Verhältnis zu München ein so gezwungenes war, um dieser Schöp-
fung willen vieles nach. Freilich darf auch das Verdienst der Vollender,
der beiden ersten Könige und Ludwig von Skells, nicht vergessen
werden. Die Großstadt versinkt hier völlig vor dem Landschafts-
reiz eines Parkes, bei dessen Anlage die Kunst das von der
Natur Gegebene aufs glücklichste benutzt hat. Die kleinen, bald
raschflutenden, bald sacht dahinschleichenden Wasserarme, die schönen
alten Bäume, von einem linden Feuchtigkeitsdunst umwebt, die durch-
blümten Wiesen nehmen Blick und Seele gefangen. Und beim Hinauö-
schauen, Hinaustreten immer wieder irgend ein Ausschnitt aus dem
alten Schwabing, der das Bild ergänzt: der Wasserturm am Schwa-
binger Bach etwa — oder Schloß Biederstem oder SureöneS oder das
Gohrenschlößl.
Es gab noch einen Weg nach Schwabing: den trockenen „Türken-
graben", den Max Emanuel durch gefangene Türken hatte anlegen
lassen. Seinen Zweck als Wasserweg verfehlte der Kanal, wurde daher
1811 eingeebnet und mit Häusern und Gärten überbaut. Ganze Ge-
nerationen geputzter Münchner sind Feiertags durch den Graben oder
durch den Theodorspark gen Schwabing gewallt, etwa nach dem Serem-
pusgarten, auch Schwabinger Volksgarten, wo es Kegelscheiben und
Scheibenschießen für die Erwachsenen, Schaukel und Karussel für die
Kleinen gab. Aber das und der erste zoologische Garten, der hier außen
entstand, im Gumppenberg-Garten, gehörten einer späteren Zeit an;
* 171 *
früher war ein Hauptziel der Ausflügler die „kalte Herberge" nord-
westlich vom Dorf Schwabing. Eine üble Sage hing sich an den
Namen: das freiliegende Wirtshaus sei ein Mordhaus gewesen, wo
Leute kalt gemacht worden wären. Aber das soll Verleumdung gewesen
sein; und jedenfalls war die Einkehr sehr beliebt. Die Münchner
Gärtner hielten dort eine Zeitlang ihr IahreSfest.
Was Neu-Schwabing heute ist, ein Begriff für sich innerhalb Mün-
chens, weiß Jedermann; und es hat ja auch schon den Fall gegeben, daß
München zu Schwabing wie einst bei den Fischereihändeln, in Gegen-
satz trat. Aber wohlgemerkt: zu dem nicht bodenständigen, dem sozusagen
angeschwemmten Element. Denn Jung-Schwabing, das auf Schwabin-
ger Boden erwachsene, bewahrt im Grunde den Charakter des „alten
romantischen Landes", dessen äußeres Antlitz auch unterm neuen Ge-
wand der Villen oder Arbeiterviertel noch da und dort hervorschaut.
Und das ist gut so.
Sendling
Räumlich ist es eine ziemliche Strecke von Schwabing nach Send-
ling. Aber da Schwabing einst zur Sendlinger Pfarrei gehört hat,
ist der Schritt doch nicht zu weit. —
Auch Sendling ist alte Bajuwarenniederlassung, beurkundet seit
782. Bis in das 18. Jahrhundert waren im Reichental bei Ober-
sendling die Ruinen der Burgen sichtbar, die das Edelgeschlecht der
Sendlinger dort bewohnte. Auch eine Dingftätte (Gerichtsstätte) ist zu
Sendling gewesen. In Untersendling war das Kloster Benediktbeuren
begütert, dessen Besitzungen im 30 jähr. Krieg verheert wurden; ferner
besaß das Gotteshaus St. Martin in Ottendichl den „Diftelhof",
aus dem dann ein adeliger Sitz und später der heutige VergnügungS-
ort Neuhofen wurde. Jahrhunderte lang gehörte Sendling zur Pfarrei
Thalkirchen, doch hatten Mitter- und Untersendling schon 1315 eigene
Kirchen mit Freithöfen umgeben. Das alte Margarethenkirchlein und
sein Freithof sind Schauplatz der Sendlinger Mordweihnacht gewesen.
Ein grauer Christtag, der heranzieht am Ende des schicksalsvollen
Jahres 1705. Die letzten Hausen der Oberländler, deren Sturm auf
die Stadt München mißlungen ist, haben sich hinaufgeflüchtet nach
Sendling. Die Kaiserlichen unter General Kriechbaum halten sie in
weitem Bogen umschlossen; sie sind umstellt wie jagdbares Wild. Ein
Versuch, durchzubrechen, wäre vergeblich; er würde so viel bedeuten,
wie gewissen Tod. Das verschneite, vereiste Land ringsum ist bereits
bedeckt mit Verwundeten und Toten, die gefallen sind auf dem Rückzug
vom Jsartor bis Untersendling. Die noch Lebenden haben keine Wahl
als zu sterben oder sich zu ergeben.
Die Mehrzahl wählt den letzteren Weg; denn es ist Pardon ver-
heißen worden, unter der Bedingung, daß die Waffen sofort gestreckt
würden. Sie tun wie ihnen geboten ist, drängen hinaus auf das freie
Feld, werfen die Waffen von sich und sich selber auf die Knie." Die
Rosenkränze haben sie herausgezogen, winden sie um die Hände, die sie
aufheben zum Beten, zum Bitten — —
Eine Salve kracht. Geknatter und Geschrei — Geröchel. Dann
heißt eö: „Wer noch lebendig ist, stehe auf!"
„Und wie die erste Salva vorbey,, — so lautet ein zeitgenössischer
Bericht — „hat man gleich wieder Salva gegeben und türkisch um-
gemetzgert, bis 1100 Mann auf dem Platz geblieben". Reiter und
Fußvolk stürzen über die Wehrlosen her, mit Schüssen und Säbelhie-
ben. Das Morden setzt sich fort in die Dorfhäuser, auf den Friedhof,
in die Kirche hinein, wohin immer die noch Überlebenden sich zu bergen
suchen. Wie der damalige Pfarrer von Sendling, Simon Schoyer, drei
Tage später an den Fürstbischof berichtete, „hat man auch das Gottes-
haus nit verschont, diseö mit bluetvergießen, und beraubung der hinein-
geflichten Bauern profanirt, auch ... die dreh Sendling sammt Thalkir-
chen schröcklich beraubt, allen Bauern, Söldner und Tagwerkher all ihr
Geld, Fahrnuß und Vich, wie auch mir über die 700 fl. bares Geld,
auch alle meine Pferdt hinweggenommen." —
Die Pfarrkirche und ihre unmittelbare Umgebung waren Schauplatz
des letzten Verzweiflungskampfes. Erst hatten die Bauern nach Ge-
meinden zusammengeftanden, jetzt drängten sie durcheinander, wie wilde
Tiere wehrten sie sich. Nach der Überlieferung kämpfte inmitten des
verlorenen Haufens der SchmiedbaltheS von Kochel nebst seinen Söh-
nen. Reckenhaft stand er, schwang seinen Morgenstern, bis er selbst
zu Tode getroffen niedersank. Die geschichtliche Forschung hat keinen
Schmied von Kochel gefunden, wohl aber festgestellt, daß ein Schmied
Balthasar (BaltheS) Riesenberger von Bach im Mangfalltal, Pfleg-
amt Vallei, an jenem 25. Dezember sein Leben bei Sendling ließ. Viel-
leicht half eben sein Schreibname dazu, ihn im Andenken der späteren
Geschlechter überlebensgroß darzustellen.
Die Wenigen, die dem Blutbad entrannen, wurden auf Leiterwägen
in die Stadt geschafft, zum Gefängnis, zur Folter, zum Tode — sofern
sie nicht vorher aus Mangel an Hilfe ihren Wunden erlagen.
Vier äußere Denkzeichen mahnen an die Sendlinger Mordweih-
nacht. Auf dem südlichen Friedhof der eiserne Weihbrunnkessel, den
König Ludwig I. stiftete zum Gedächtnis der 682 Oberländler, die dort
ruhen. Ferner der von Geheimrat Philipp Zwackh errichtete Denkstein
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* 172 *
auf dem Hügel des alten Sendlinger Friedhofes, der drei- bis vierhun-
dert jener Tapferen deckt — und am Untersendlinger Kirchlein das
Freskogemälde Lindenschmitt's, das deren letzten Kampf verherrlicht.
Gegenüber von Kirche und Kirchhof aber erhebt sich seit neuer Zeit
das eherne Brunnen-Denkmal des Schmiedbalthes mit dem Hammer
in der Faust, als die Verkörperung des mannhaften opferbereiten
Volkswillens, der sich gegen Unrecht mutig zur Wehr setzt, und dem
das Leben nicht als der Güter Höchstes gilt. Außerdem bewahren das
Andenken des Schmieds und seiner heldischen Mitkämpfer die Straßen
Sendlings, welche die Stadt München sämtlich nach Jenen und nach
ihren Heimatorten benannt hat.
Neuhausen und der Winthirstein
Weil Neuhausen — wohl im Gegensatz zu der älteren Ansiedlung,
die schon bestand, heißt es hier „bei den neuen Häusern" — bis vor
einem halben Jahrhundert eine Filiale der Pfarrei Sendling war
(gleich Schwabing) soll in diesem Zusammenhang von ihm berichtet
werden. —
Nahe dem heutigen Rotekreuzplatz steht, ein Wahrzeichen, daß hier
ehemals das kurfürstliche Jagdgehege begann, das kleine halbverfallene
Jagdschlößchen des Kurfürsten Karl Albrecht, das durch sein verblaßtes
Freskogemälde noch fetzt die Augen auf sich zieht. Schräg über davon
ragt ein schlichtes Brunnendenkmal: auf romanischer Säule ein Mann
im Reisegewand, mit treuherzig frommer Gebärde an ein Saumtier
gelehnt. Das ist der selige Winthir.
Ursprünglich hieß eö: der fromme Mann, der als ein Säumer an den
Strand der Isar gekommen, sei aus edlem fremdländischen Geschlechte
gewesen und hierher eingewandert, um in dem zum Teil noch heidnischen
Niuwenhusir (Neuhausen) das Evangelium zu predigen. Wahrschein-
lich hing er irgendwie zusammen mit den irisch-schottischen Mönchen,
die im siebenten Jahrhundert schon und zwar meist als scheinbare Händ-
ler, Säumer, Kaufleute, die Lande durchzogen und den Glauben ver-
breiteten. Das Vorhandensein einer Handelsstraße, wie es die von
Reichenhall herkommende, über die Isar, Munichen und Pasing nach
Augsburg führende Salzstraße war, bestimmte naturgemäß den Gang
solcher Glaubensboten. Winthir, dessen Auftreten in das achte Jahr-
hundert fallen dürfte, baute sich, wie die Legende berichtet, eine ein-
fache Klause hier zwischen den Angern und verbrachte darin sein Leben
mit Gebet und Werken der Wohltätigkeit. Sogar von Wundern, die
er gewirkt habe, meldet die Überlieferung. Da er starb, wurde er an der
* 174 *
Kirchenmauer bestattet in einem steinernen Sarge, unter dem Wehkla-
gen des ihn verehrenden Volkes. Als anno 1600 die Neuhauser Kirche
vergrößert werden sollte, ward an der bezeichneten Stätte gesucht, und
wirklich fand sich der Steinsarg mit Winthirs Gebeinen. Nun wurde
die Wand der Epistelseite weiter hinausgerückt, sodaß WinthirS Gruft,
über der später ein Altar sich erhob, in das Innere der Kirche zu liegen
kam. Außerdem stand jahrhundertelang an der Wendlstraße in Neu-
hausen ein Stein, die sogenannte Winthirsäule, die vermutlich nur ein
Markstein war, dem Volke aber als Wahrzeichen galt, daß hier die
Klause stand, wo Winthir wohnte und predigte. Der Winthirstein, wie
die Säule auch hieß, war lange Zeit ein Ort beständiger Andacht: in
irgendwelcher Not und Bedrängnis flüchteten die Beter dorthin. Es
hieß auch: durch Winthirs Fürbitte seien die Fluren umher von allen
Hagelschlägen und sonstigen Wetterschäden verschont geblieben. Einmal
soll ein reicher Bauer, der zu Neuhausen wohnte, es doch erlebt haben,
daß ein Hagelschauer zerstörend über seine Felder ging; da hätte der
Betroffene, der ein großer Geizkragen war, auf den seligen Winthir,
als auf einen Betrüger, furchtbar gelästert und geflucht, sich auch daran
gemacht, aus Rache den Winthirstein umzustürzen. Mit Hacke und
Spaten ging er ans Werk, aber ein Blitz traf ihn, daß er tot an der
Stelle seines Frevels niederfiel.
Im 18. Jahrhundert fanden regelmäßig zu Neuhausen feierliche
Winthirprozessionen statt unter Beteiligung einer großen Volksmenge,
zuweilen auch des kurfürstlichen Hofes, denn feit 1715 gehörte die freie
Hofmark Neuhausen zum Besitz der Wittelsbacher. Unter ihren frühen
Eignern befanden sich, außer den Bischöfen von Freising und später dem
Augustinerkloster zu München, zwei seitliche Abkömmlinge des herr-
schenden Hauses, Herzog Sigmunds natürliche Söhne: Hans und
Sigmund Pfattendorfer. Eines der größten höfischen Feste hat übri-
gens in Neuhausen seinen Anfang genommen: die Hochzeit Wil-
helms V. mit Renata von Lothringen. Hier im Dorf waren die beiden
Gezelte geschlagen, wo am 21. Februar 1568 die feierliche Einholung
der hohen Braut geschah. Herzog Wilhelm, der Bräutigam, von einem
glänzenden Geleite umgeben, geführt von seinem Vater, Albrecht V.
und dem Großmeister des Deutschordens, traf zuerst ein, harrte im
Bräutigamszelt der Braut, die von Dachau herannahte, ebenfalls mit
stattlichem Gefolge. Sie begab sich zunächst in das noch leere Gezeit,
dann trat sie hinaus, und zwischen den zwei Zelten begegnete sich das
Paar zur Begrüßung. Darnach, unter Geschützdonner und Glockenge-
läute, wogte der Zug in die Stadt, nach der Kirche Unserer l. Frau,
wo das De Oeum gesungen ward.
Solche Pracht hat Neuhausen später nimmer gesehen, nur etwa einen
* 175 *
Abglanz davon, wenn der Kurfürst hier mit seinen Begleitern eine
Rast vor oder nach der Jagd hielt. Auch den Kreuzgängen zu Ehren des
seligen Winthir machte der Beginn des 19. Jahrhunderts ein Ende.
Doch wurde die Säule, die seinem Andenken galt, noch im Jahre 1873
erneuert und erst, als der wachsende Verkehr in dem großgewordenen
Orte ihre Entfernung ratsam erscheinen ließ, an die westliche Mauer
des Friedhofes versetzt. Damit eS aber nicht etwa heiße: Aus den
Augen, aus dem Sinn — steht dafür WinthirS neues Denkmal
am Eingang der Vorstadt Neuhausen, nahe dem Hause des Roten
Kreuzes, wo die Werke der christlichen Nächstenliebe unabläffig geübt
werden.
Die Entstehung von Thalkirchen
Als Herzog Stephan, zubenannt Fibulatus, mit den Augsburgern
in Fehde lag, da haben ihm vornehmlich die tapferen Grafen und
Gebrüder Christian und Wilhelm von Frauenberg Beistand getan.
Es war ihm aber, trotz solcher Hilfe, das Kriegsglück nicht immer hold,
und die Fehde war gar lang und blutig. Anfang des Jahres 1372 zog
der Herzog mit seinem Volk an der Würm entlang, da sperrten die
Kriegsknechte derer von Augsburg ihm in großer Zahl den Weg. Weil
die Feinde die mehreren waren, blieb dem Herzog und seinem Haufen
nichts, als sich zurückzuziehen. Graf Christian von Frauenberg hatte
den Auftrag, den Rückzug zu decken und führte ihn mannhaft aus,
geriet aber dabei in große Not, denn die Feinde drängten ungestüm
hinterdrein, und die kleine herzogliche Nachhut befand sich unversehens
eingeklemmt zwischen die feindliche Reiterei und die reißende Isar bei
Thalkirchen. Da mochte der tapfere Graf Christian gedenken, daß Gott
die Kinder Israel glücklich durch das rote Meer geführt habe, während
ihre Verfolger ertrunken seien. Also rief er Gottes Hilfe an und gelobte,
wenn ihnen hinübergeholfen würde, an dieser Stelle eine Kirche samt
Kloster zu Ehren der Gottesmutter zu erbauen. Darauf sprengte er
beherzt mit seinen Reitern in die Isar hinein und durchschwamm sie
glücklich, ohne daß Einer von ihnen umS Leben kam. Die nachsetzenden
Feinde aber ertranken. Seinem Gelöbnis treu, ließ der Graf Christian
alsbald die Kirche erbauen, hatte auch die Absicht, ein Kloster dabei
zu errichten. „Als er" — so meldet ein Chronist — „darnach anno
1396 mit Pfalzgraf Rupprecht auch anderem Bayerischen Adel König
Sigmund von Ungeren wider die Türken zuzogen, soll er endtlichen
Vorhabens gewest seyn, auf seine Wiederkunft das Kloster vollends
zu bauen, derhalb auch etlich Geld verordnet, aber er ist daselbst sammt
vielen anderen umbkommen in der Schlacht bei Nikopolis, 26. Sep-
tember 1396." So weit die Meldung, die auch durch zwei alte Ver-
löbnistafeln in der Wallfahrtö- und Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt
zu Thalkirchen bekräftigt wird. Das eine Bild zeigt den Vorgang,
wie der Graf mit den Seinigen die Isar glücklich übersetzt, während
die feindlichen Krieger verdutzt und enttäuscht am jenseitigen Ufer Zu-
rückbleiben. Das Gemälde pflegt große Befriedigung bei den Betrach-
tern hervorzurufen, weil die feindlichen Kriegsknechte „gar so dumm
schauen", wie einmal eine Kirchenbesucherin sich ausdrückte. Die. zweite
Votivtafel zeigt eine Jsarlandschaft mit der bereits im Bau befind-
lichen Gnadenkirche, im Vordergründe den Grafen Christian, dem der
Baumeister den Plan des Gotteshauses überreicht. Das erste Gemälde
hat eine erklärende Aufschrift in Prosa; die des zweiten Gemäldes
'lautet: „Dies Gotteshaus im schönsten Flor 1 Stieg 1372 hier empor 1
Durch Grafen von Frauenberg, als er hier war 1 Mit seinen Kriegern
i» Gefahr.1 Es wurde erbaut zur Muttergottes Ehr'1 Weil sie mit Sieg
gekrönt das bayerische Kriegesheer."
Urkundlich erwiesen ist aber, daß allerdings Graf Christian der
Frauenberger diese Kirche hat erbauen lasten und daß er im Falle
seiner glücklichen Rückkehr aus dem Türkenkriege einen halben Dom
gelobte. Doch hat offenbar einzig seine Frömmigkeit ihn zum Kirchen-
bau bewogen, während die Erzählung von der glücklichen Errettung
aus Feindeshand und aus den Fluten der Isar nur schöne Sage ist.
Besonders verdienstlich haben sich, nachdem 1632 die Kirche von
den Schweden arg verwüstet worden, ihrer die kurfürstlichen Hof-
musiker Münchens angenommen, indem sie 1656 zusammentraten und
einen frommen Bund schloffen mit der Absicht, für den Schmuck des aller
Zierde beraubten Gotteshauses Sorge zu tragen und daselbst den
Frauendreißiger durch ihr Zusammenwirken möglichst feierlich zu be-
gehen.
Aus diesem Bunde entwickelte sich das jetzt noch bestehende „Ma-
rianische Ehr- und Zierbündnis". Von innen und außen gänzlich
erneuert, ist die ehemals gotische Kirche in ihrer heutigen Gestalt voll-
kommen eine Schöpfung des 18. Jahrhunderts.
Wo von Kirchenschmuck und vom achtzehnten Jahrhundert die Rede
ist, darf billigerweise Maria Einsiedel nahe Thalkirchen nicht un-
erwähnt bleiben und zwar um der Brüder Asam willen, die 1763 die
Kapelle dort erbauten, in Erinnerung ihrer vorhergegangenen Arbeit
an der gleichnamigen berühmten Wallfahrtskirche in der Schweiz. Das
Landhaus, das sie sich selbst neben der, jetzt abgebrochenen, Kirche ge-
schaffen, mit ehemals reichem äußeren Schmuck, ist als Gasthaus noch
erhalten.
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Die Birg bei Hohenschäftlarn
Auf der Straße von Wolfratshausen her nach Schäftlarn hat einst
vielhunderifacher rüstiger Männertritt gedröhnt: als die Oberländler
von Tölz, von Benediktbeuren, von Starnberg sich sammelten zur Be-
freiung Münchens von der österreichischen Zwangsherrschaft. Zu Hohem
schäftlarn und Kloster Schäftlarn war der Sammelplatz in jenen ver-
hängnisvollen Dezembertagen 1705; von hier zogen die vielen Tapferen
in Kampf und Tod. —
Östlich von der Ortschaft, jenseits der Landstraße, führt durch den
Wald der Fußweg von Schäftlarn nach Baierbrunn. Zwischen den
Stämmen wölben sich keltische Hochäcker; aus keltischer Zeit stammte
wohl schon das verschanzte Lager, das hier oben über der Isar lag.
Die Römer kamen ins Land, bauten die Birg aus als Kastell mit
Wällen und Gräben, benützend, was vorher war und was die Natur
hergab. Ein bayerisches Rittergeschlecht späterer Zeit machte seine Burg
daraus. Von ihrem Ende handelt die Sage, die hier, an der Stätte
uralter Vergangenheit, lebendig ist:
In der Birg wohnte ein Ritter, namens Sachsenhäuser; er war
der Sohn eines Tyrannen, welcher die Leute erschoß, wenn sie auf
Flößen auf der Isar herabfuhren. Die Birg wurde einst belagert,
konnte aber nicht genommen werden, bis eine alte Frau von Baierbrunn
den Belagerern den Rat gab, das Waster abzugraben. „Gebt," sagte
sie, „einem Roß drei Tage lang kein Waster, dann wird es die Quelle
finden." Die Belagerer befolgten den Rat: das dürstende Pferd
scharrte und fand die Quelle; da wurde an dieser Stelle die Wasser-
leitung der Birg abgegraben. Die Belagerten hatten kein Wasser
mehr und mußten sich ergeben. Der besiegte Sachsenhäuser zog in das
Kloster Schäftlarn, um dort bußfertig zu enden. Am Jahrestag, da
solches geschehen, nämlich am Tage Pauli Bekehr, haben vormals die
Klosterherren ein Erinncrungsfest gefeiert: sie hielten am Vormittag
in der Kirche einen Gottesdienst ab, darnach ließen sie drei Banzen
Bier für die armen Leute laufen und teilten Hefennudeln an sie aus.
Die Alte aber, die den Rat gegeben hatte, mußte nach ihrem Tod
geistern und ist als „Birgweibl" Vielen erschienen. Sie ist von kleiner
Gestalt, schlecht gekleidet; auf dem Kopf trägt sie einen Strohhut, in
der Hand einen Stock und einen Korb. Wenn sie von der Birg weg-
ging, und es begegnete ihr jemand, dann fragte sie jedesmal um den
Weg nach Baierbrunn; ging sie aber gegen die Birg zu, so fragte sie,
wo der Weg nach Schäftlarn geht. Aber sie kam niemals weder dahin
noch dorthin, denn sie ist in die Grenzen der Birg gebannt und kann
darüber nicht hinaus.
Wolfratshausen
a) Vom seligen Konrad Nantwein
Um das Jahr l 286 kam ein Pilgrim mit Namen Konrad Nantwein
nach Wolfratshausen, der wollte gen Rom wallfahrten gehen. Der
Richter dort war aber ein ungerechter und habgieriger Mann; dem
stand der Sinn nach dem Reisegeld des Pilgers. Darum ließ er ihn
durch falsche Zeugen einer schändlichen Tat verklagen, in den Kerker
werfen und nach gefälltem Spruch den Feuertod erleiden. Das Urteil
ward dem Pilger auf dem Gerichtsplatz der Burg Wolfratshausen
angekündigt. Als er nun — so meldet die Sage — von den Schergen
befragt worden, wo er seinen Geist aufgeben wolle? da hätte er den
Knopf seines Pilgerstabes gelockert und gesagt, wo der beim Hinweg-
schleudern niederfalle, dort wolle er gerichtet sein; darauf habe er den
Knopf des Stabes mit Macht hinausgcschleudert und wo dieser nieder-
gefallen, sei er verbrannt worden.
Noch andere erzählen, daß er nicht verbrannt, sondern auf einem
glühenden Rost zu Tode gemartert worden sei; und das wäre im
sogenannten Deisenbergerhaus geschehen.
An der Stelle aber, da Nantwein den HenkerStod erlitten hatte oder
(wie Etliche sagen) da er verscharrt worden war, geschahen mannig-
fache Wunderzeichen, aus denen die Unschuld des Gerichteten offenbar
ward. Alsbald strömten von allerwärtS die Andächtigen herbei, und schon
nach wenigen Jahren ward die Verehrung des Seligen eingeführt und
erlaubt. Uber derfelbigen Stätte erhob sich später die Wallfahrtskirche
St. Nantwein (geweiht dem hl. Laurentius), etwa zwanzig Minuten
von Wolfratshausen.
Im Deisenbergerhaus wurde noch lange das Gewölbe gezeigt, wo
Konrad Nantwein eingekerkert gewesen. Als ein früherer Besitzer des
Hauses, seines Zeichens ein Schloffer, die Kelten, an denen der Selige
gelegen hatte, wissentlich verarbeitete, soll er drob närrisch geworden
sein. Das hölzerne „Pilgramsflaschl" und die in Silber gefaßte Hirn-
schale des seligen Nantwein wurden lange Zeit mit großen Ehren auf-
bewahrt; und an seiner Kirchweih wurde noch im 17. Jahrhundert
den Wallfahrern Wein aus dem Fläschchen gereicht. I860 jedoch wurde
beides angeblich nach London verkauft.
b) Vom Ga st abudl
Der Gafteigpudel ist ein Gespenst, das sich allnächtlich um die
Geisterstunde auf dem Gasteig bei Wolfratshausen umtrieb. Es hat
* 179 *
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das Aussehen eines kohlschwarzen Pudels von mittlerer Größe mit feu-
rigen Augen; wie etliche behaupten, schleift er eine lange feurige Kette
nach sich. Aus der Schlucht zwischen dem Schloßberg und dem anderen
Bergl, an dem die Münchner Landstraße hinanführt, kommt der
Gasteigpudel oder — mit dem Volksmund zu sprechen: Gastabudl -
hervor, klimmt das Bergl empor und erscheint auf der Straße. Gar
manche wissen vom Schrecken zu erzählen, den er ihnen eingejagt;
zumal in den Erinnerungen alter Floßknechte, die sich auf dem Heim-
weg von München verspätet und bei später Nacht erst den Gasteig be-
schritten hatten, spielte der Gastabudl eine Hauptrolle.
Einmal aber gingen mehrere Wolfratshauser Bürger von Starn-
berg spät nach Hause: es war stockfinster, und sie nahmen daher in
Dorfen eine Laterne zu leihen. Wie sie auf den Gafteig kommen, läuft
etwas vor ihnen in einiger Entfernung her, schwarz und vierfüßig,
ähnlich einem Hund. „Aha!" riefen sie durcheinander. „Dös iS meinoad
da Gastabudl!" — „Nacha is's also wirkli wahr?" — „Den müaß
'ma derlösn!" Also Huben sie den bekannten frommen Spruch an:
„Alle guten Geister loben Gott den Herrn; sag an, Geist, was ist dein
Begehrn?" — Aber das schwarze Ding lief dahin, redete und deutete
nichts; die Bürger, mit ihren Stöcken und der Laterne, liefen mutig
hinterdrein. Wie sie am Fuß des Bergls angekommen sind, verschwindet
das Gespenst — haft du nicht gesehen? — in einem Hof, der zu einem
Hause gehört. Da haben es die Männer endlich erwischt, und siehe: eS
war ein friedlich grunzendes Schwein! und die Frau vom Haus rief
aus dem Fenster: was denn los sei? ob sie ihr vielleicht die Sau mehgern
wollten mitten in der Nacht? — Da zogen die Wackeren beschämt
davon.
Trotz dieser mißglückten Erlösung muß aber der Gastabudl endlich
Frieden gefunden haben; denn man hört schon lang nichts mehr von ihm.
Maria Eich
„Es hielt einstmals der Kurfürst von Bayern in den Wäldern um
Planegg eine große Hofjagd ab. Dabei ging es laut und wild her und
wurde von den Jägern, Hofherren und Rittern manch ein edles Wild
zur Strecke gebracht. Da ersah der Fürst selber von ferne einen prächti-
gen Hirschen mit mächtigem Geweih, so stattlich, wie er meinte, noch
keinen erblickt zu haben. Asbald ward auf diesen Jagd gemacht: die
Schar der Jäger und die Meute der Hunde war hinter ihm drein,
aber der schnellfüßige Hirsch floh allen weit voraus. Plötzlich gewahrten
die Verfolger, wie der Hirsch bei einem großen Eichbaum stehen blieb,
* 180 *
sich an den Stamm hindrückte und unverwandt an ihm emporschaute.
Der Kurfürst mit seinem Jagdgefolge nahte heran, allein das edle Tier
blieb ruhig stehen. Als sie nun zu dem Eichbaum hinkamen, sahen sie
oben daran ein Bildnis der allerseligsten Mutter Gottes befestigt, wie
wenn es droben gewachsen wäre. Der Fürst, ergriffen und gerührt,
schenkte dem Hirschen, der seine Zuflucht zu der Himmelsherrin ge-
nommen hatte, Leben und Freiheit. Um den Eichbaum herum aber ließ
er ein Kirchlein nebst einer Klausnerhütte erbauen."
So meldet die Sage. Richtig ist, daß ein frommer Knabe aus
Planegg in einem hohlen Eichbaum ein tönernes Marienbild aufstellte
und häufig davor betete, auch daß solche Andacht von anderen Nach-
ahmung fand. 1743 ward ein Kapellchen über dem Baum erbaut und
fünfundzwanzig Jahre später zur heutigen Kapelle umgemodelt. 1809
fuhr während des Gottesdienstes ein Blitz in den Baum, ohne jedoch
das Gnadenbild zu beschädigen. Darnach ward der zerspellte Baum
bis auf den Strunk abgesägt, doch steht das wundersame Marienbild
noch dort über dem Tabernakel und ist Gegenstand hoher Verehrung
von allen den vielen Wallfahrern, die jahraus jahrein den Gnadenori
Maria Eich besuchen. Eine große Zahl von Votivtäfelchen, die an den
Wänden des Kirchleins aufgehängt sind, kündet den Dank für göttliche
Hilfe und Gebetserhörung. An der Außenwand ist auf einer Tafel der
wirkliche Hergang jenes Jagdabenteuers gemalt zu sehen. Das begab
sich am 12. Oktober 1775, dem Namenstage des Kurfürsten Max III.
Joseph, folgendermaßen: Der von kurfürstlichen Jägern gehetzte Hirsch
war endlich gestellt worden, dicht bei der Kapelle, an die er sich nun
zitternd hinschmiegte. Der Kurfürst, als ein inbrünstiger Verehrer der
Gottesmutter und zugleich ein besonderer Tierfreund, ehrte das Asyl
des Hirschen, wie die Verse unter dem Bilde verkünden:
„Ein abgejagter Hirsch in seiner vollen Flucht
Hat Schutz und Sicherheit an diesem Ort gesucht.
Und was er hat gesucht, das hat er auch gefunden;
Die Jäger haben sich zu seinem Tod verbunden:
Der Churfürst selber kommt und sieht das Schauspiel an,
Er giebt dem Tiere Schutz und wandte seine Bahn.
O Vater, welcher Preis muß Deinen Namen zieren:
Der beßte kommt Dir zu, bei Menschen und bei Tieren."
* 181 *
Wie Karl der Große geboren ward
(M ühlthal bei Starnberg)
Pippin der Frankenkönig hielt eine Zeit lang Hof auf der Burg
Weihenstephan bei Freising. Da gedachte er sich zu vermählen und ließ
werben um eines mächtigen Fürsten Kind aus Schwaben, die war ge-
heißen Bertha und hoch gepriesen um ihre Schönheit und Tugend. Der
König sandte nun seinen Hofmeister, einen seiner ersten Ritter, die
Braut zu holen; da nahm sie weinenden Abschied von ihren Eltern
und folgte dem Gesandten. Außer ihrem Brautschatz führte sie mit sich
ihr Lieblingshündlein und ihr Wirkzeug, denn im Weben, wie im
Spinnen kam ihr keine gleich.
Der Hofmeister aber war argen Herzens und gedachte, dem König
anstatt der fürstlichen Braut seine eigene Tochter unterzuschieben, die
jener ähnlich sah. Darum ließ er, ehe sie das letzte Nachtlager auf der
Reise hielten, das Gefolge vorauf ziehen und nächtigte mit der ihm
Anbefohlenen und zweien seiner vertrauten Knechte in der tiefen Wild-
nis zwischen dem Würm- und Ammersee. Als Jungfrau Bertha kaum
eingeschlafen war, mußten die Knechte sie ungestüm aufwecken und ins
tiefe Dickicht führen; die Arme folgte ihnen voll Schrecken, gehüllt in
ein schlichtes Gewand, das der Hofmeister ihr anstatt der königlichen
Kleider vor ihr Lager gelegt hatte. Ihr treues Hündchen lief ihr nach.
Da sie zu tiefst im Walde waren, wollten die Knechte sie töten, wie
von ihrem Herrn ihnen geboten war. Aber Bertha bat so flehentlich,
daß die Knechte sich über ihre Jugend und Schönheit erbarmten und
sie leben ließen. Nur mußte sie ihnen mit einem teuren Eide geloben,
daß sie nie wieder in ihre Heimat trachten wollte, auch keinem ihren
Stand und Namen aussagen wollte, noch was ihr geschehen sei. Als
sie das beschworen hatte, töteten die Knechte statt ihrer das Hündlein
und brachten sein Herz und seine Zunge sowie das von seinem Blut
bespritzte Obcrkleid Berthas dem Hofmeister zum Wahrzeichen, daß
sie die Jungfrau umgebracht hätten. Da ward der arge Mann voll
Freude, nahm die königlichen Gewänder Berthas und tat feine Tochter,
die er in der Nähe verborgen hatte, damit an. So führte er sie dem
König Pippin zu. Dem deuchte sie nicht so schön als das Bildnis, das
ihm zuvor von rhr gezeigt worden, doch löste er sein Königswort ein
und nahm die falsche Braut zu seiner Gemahlin.
Die verlasiene Bertha hielt sich in der Wildnis verborgen so lange,
bis bitterer Hunger sie zu Menschen trieb. Sie irrte lange umher, ehe
sie einen Köhler fand, der sie aus dem Walde heraus nach der Reis-
mühle bei Gauting führte; da bat sie den Müller, ihr Obdach zu ge-
* 182 *
währen als einer Magd. Dort iui Hause blieb sie, und es reute den
Müller nicht, daß er sie ausgenommen, denn sie fertigte wunderschönes
Gewirk aus Gold und Seide: das trug der Müller gen Augsburg und
verkaufte es den Händlern um gutes Geld. So schwanden Jahr und
Tag dahin.
Einst kam der König Pippin in jenem Walde zu jagen und verirrte
sich darin, so daß er sein Gefolge verloren und niemand bei sich hatte
als seinen weisen Arzt und Sterndeuter nebst einem Knecht. Zuletzt
fanden sie densclbigen Köhler, der führte sie, wie er Bertha geführt,
zur Reismühle, damit sie dort nächtigten und sich erquickten. Am
Himmel zogen die Sterne auf; der weise Meister blickte empor und
sprach zu Pippin mit Staunen: „Herr, Ihr sollt noch diese Nacht von
Eurer Hausfrau einen Sohn gewinnen, vor dem die Christenkönige
und die Heidenkönige sich neigen." Da sprach Pippin: „Wie kann das
sein? Meine Hausfrau und meine Burg sind weit." Der Sterndeuter
ging noch einmal hin, beschaute das Firmament und sprach: „Herr, es
ist so: Ihr werdet diese Nacht bei Der sein, die Eure rechte Hausfrau
ist und schon lange war." Alsbald bedrängte Pipin den Müller, daß
er sagen sollte, wer außer ihm und den Seinen noch im Hause wäre?
Der Müller gestand zuletzt: es sei schon sieben Jahre bei ihm eine
engelschöne Jungfrau verborgen, die lasse sich vor keinem Menschen
sehen. Da mußte die Jungfrau herfürgehen, und als Pipin sie ansah,
erkannte er, daß sie seinem Weibe glich, aber noch mehr dem Bildnis
der edlen Maid Bertha, das ihm einst gesandt worden. So beschwor
er sie, ihm zu sagen, wer sie sei, denn in den Sternen stehe geschrieben,
daß sie sein ehelich Weib. Darauf schwieg sie und weinte — er aber
gewahrte an ihrer Hand den Brautring, den er ihr durch seinen falschen
Hofmeister geschickt hatte. Alsbald hielt er sich nicht länger, sondern
umfing sie minniglich. Sie aber bat ihn, nicht mehr in sie zu dringen
mit Fragen, denn ihr Mund sei mit dreifachem Siegel geschlossen.
Am Morgen, da er ungern schied, nahm Pippin den Müller beiseite
und sprach zu ihm: „Ich muß nun zu Felde ziehen wider die Sachsen;
pflegt meiner Fraue wohl, und bringt sie mir ein Kind, so sendet mir
Botschaft: einen Pfeil, wenn es ein Knabe, eine Spindel, wenn es ein
Mädchen ist!" Darnach ritt er von dannen.
Während er zu seinem Heereszug rüstete, erstand er von augsburgi-
schen Händlern ein köstliches Geweb für sein KönigSzelt; das war aus
bunten Seiden und Gold gewirkt und stammte von Berthas eigener
Hand. Darauf hatte sie ihre Geschichte dargestellt: wie der Hofmeister
sie aus ihrer Eltern Burg geführt hatte und dann den Mördern über-
antwortet, und wie sie, um das Leben zu behalten, ihnen den teuren Eid
schwören gemußt. Ihr Bild und das des bösen Hofmeisters waren
*
* 183
deutlich erkennbar; und je mehr der König die Schilderei ansah, desto
klarer ward ihm, welche Untat da geschehen war. Sogleich ließ er die
beiden Knechte heimlich zu sich berufen und bedräute sie, bis sie nieder-
fielen und alles gestanden. Da versammelte Pippin seine Räte und
auch den Hofmeister; denen erzählte er die Missetat und fragte den
Hofmeister vor allen, was einem gebühre, der solches verbrochen hätte.
Der Hofmeister erblaßte und zitterte und wollte sein eigenes Urteil
nicht sprechen. Die Räte aber, vor denen der König ihn anklagte, ver-
dammten ihn zum schmählichen Tode. Seine Tochter, die falsche Köni-
gin, ward in strenge Haft genommen, wo sie vor Gram bald hernach
starb.
Pippin aber zog zu Felde, und es währte Jahr und Tag, bis er
siegreich aus dem Sachsenkrieg wiederkehrte. Da kam ihm, als er der
Heimat sich näherte, schon der Müller entgegen und reichte ihm einen
Pfeil, zum Zeichen, daß die schöne Berta ihm einen Knaben geboren.
Da ward Pippin fröhlich und hieß all seine Edlen und Ritter mit ihm
reiten nach der Reismühle, um ihre Königin in Ehren abzuholen. An
der Türe der Mühle bot ihnen Frau Berta Willkommen und reichte
dem König seinen Sohn dar. Und er führte sie und ihr Kind mit
großem Jubel nach Weihenftephan — da wurde sie als Königin gekrönt
und ihr Knäblein getauft und Karl genannt. Also behielten die
Sterne recht, und Karl der Große ward ein Held, vor dem sich
Christenheit und Heidenschaft in Ehrfurcht neigten.
Bucintoro (Starnberg)
Lange Zeit war um den Würmsee herum nichts als Wald und
moosige Aue; Fischer und Bauern wohnten dort. Das Dorf, das am
Rande des Sees mählich entstand, hieß Aheim; die Burg, die es auf
einer Höhe überragte, hieß nach dem Namen ihrer Besitzer, der Edlen
von Starenberg. Sie verarmten und verzogen bald; zu Ende des
14. Jahrhunderts ward das Schloß Eigentum der Herzoge von Bayern.
Herzog Ernst und Herzog Albrecht IV. weilten hier gern. Albrecht V.
ließ im Schloßgarten ein prächtiges „Sommer- oder Fürstenhaus"
erbauen, hatte auch auf dem See eine eigene Luftflotte, darunter „eine
königliche Fregatte, drei Schiffe von Lärchenholz mit eichenen Säulen
darauf, Gondeln nach Venediger Art, alles zierlich geschnitzt, bemalt
und vergoldet". Er fuhr oft auf dem See, geriet einmal (1575) in
das „groß Hagelwetter, das zu Starnberg gewest, hat die leut undt
das Schiff jämmerlich abklopfft, aber dem Herzog, Gott lob, nichts
geschehen." j
Die hohe Zeit für den Würmsee oder, wie er später hieß, den
Starnbergersee, brach jedoch erst an unterm Kurfürsten Ferdinand
Maria, dessen schöne prachtliebende Gemahlin Henriette Adelaide auf
dem See „das größte Vergnügen der Welt" genoß.
Für den Aufenthalt des Hofes am See wurde ein eigenes Prunk-
und Staatsschiff gebaut, von venetianischen Baumeistern, darunter
Francesco Santurini. Als Muster diente ihnen das berühmte StaatS-
schiff, das den Dogen Venedigs an feierlichen Tagen hinaus auf die
Adria trug: der Bucintoro. Aber der jüngere bayerische Namensvetter
übertraf seinen Vorgänger um eines Stockwerks Höhe, wie auch an
Glanz der Ausstattung. Ringsum war das Schiff mit Sirenen, Na-
jaden und Tritonen bemalt; diese Gemälde sowie die in den Kajüten
stammten von Joh. Spielberger aus München. Am Vorderteil schwang
Neptun, auf einem Delphin thronend, seinen Dreizack; ferner war da
der die Himmelskugel tragende Atlas (ein Werk Kaspar Amortö),
sowie im Saal eine Statue des Herkules. Ein giebelförmiger Aufbau
mit zwei vergoldeten Löwen und einer vergoldeten Laterne krönte die
oberste Galerie; eine vergoldete Pallas vom Bucintoro befindet sich
noch im Nationalmuseum, wo auch die Abbildung des Schiffes zu
sehen ist.
Es hatte zwei Segel, wurde aber durch hundert Ruderer, die in die
bayerischen Farben gekleidet waren, hauptsächlich bewegt. Dem prächti-
gen Anblick, den es mit seiner Bemannung und den glänzenden Fahr-
gästen sicherlich gewährte, scheint allerdings die Seetüchtigkeit des
Fahrzeugs nicht völlig gleichgekommen zu sein. Denn bei den auf dem
See sich häufig und jäh erhebenden Winden war es mit seinem Tief-
gang von nur drei Fuß ein hilfloser Spielball für Sturm und Wellen.
Dieser Fehler in der Bauart kam wahrscheinlich von dem irrigen
Glauben an verborgene Felsklippen im See, der schon im 16. Jahr-
hundert bei den ersten Segelschiffen mit Masten, die für den Würmsee
erbaut wurden, sich äußerle. Jedenfalls geriet 1669 der Kurfürst
mit seiner Gattin auf dem Staaisschiff bei stürmischem Wetter in
augenscheinliche Lebensgefahr. Sie hatten samt ihren Kindern auf dem
Wasser, nahe bei Possenhofen, gespeist, als unvermutet der Sturm sich
erhob und den Bucintoro, der obendrein sehr breit war und einen Flach-
boden ohne Kiel hatte, mit größtem Ungestüm hinaus in den hoch-
gehenden See trieb. Zum Glück sah dies vom Gestade der Fischer Georg
Schropp, sprang, da das Schiff gegen seine Behausung getrieben
wurde, bis an den Hals ins Wasser und half den Gefährdeten glücklich
ans Land, wo dann die fürstliche Familie in seinem Fischerhäusl sich
trocknete und bis nach Ablauf des „groben Unwetters" verblieb.
Vermutlich hat der wackre Fischer, dem übrigens sogleich eine Gnade
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versprochen ward — er erhielt dann später den „Steurmaifterdienst"
zu Starnberg — im Stillen seine Betrachtungen angestellt über das
Befahren oberbayerischer Gebirgsseen mit venetianischen Prunkschiffen,
und im letzten Herzensgründe hat er möglicherweise den herrlichen Bu«
cintoro für ein „Gelump" erklärt.
Die glänzenden Feste auf dem See nahmen jedoch ihren Fortgang:
es gab Konzerte, Feuerwerke, Tanzbelustigung, Spielpartieen, ja sogar
Hirschjagden auf dem Waster. Hierzu wurde aus den Wäldern bei Berg
der Hirsch aufgescheucht und in den See gesprengt; die Hunde schwam-
men ihm nach. Der Bucintoro und sein Gefolge kleinerer Schiffe waren
in drei Reihen schlachtmäßig aufgestellt; man sah von Bord aus, wie
der gehetzte Hirsch ermattete: schließlich wurde der mit dem Tode Rin-
gende durch einen Schuß oder Partisanenstoß zur Strecke gebracht. —
Eine solche Jagd fand statt im Jahre 1722, als Max Emanuels
ältester Prinz, nachmals Kurfürst Karl Albrecht, sich mit der KaiserS-
tochter Marie Amalie vermählte.
Karl Albrecht, gleich seinem Vater ein besonderer Freund des Starn-
berger Sees, war übrigens der Letzte, der auf dem Bucinioro den
Starnberger See befuhr. Mit ihm nahm die Zeit der Glanzfeste auf
dem See ihr Ende; 1758 ward das Prunkschiff abgebrochen.
Fürstenfeldbruck
a) Ludwig des Bayern Tod
Als der vielgeliebte und vielgeprüfte Kaiser Ludwig schon
sechzig Jahre seines Alters zählte, pflegte er noch körperliche Gebresten,
die ihn befielen, am liebsten durch Bewegung in frischer Luft zu ver-
treiben. Am elften Oktober deö Jahres 1347 spürte er während der
Mittagsmahlzeit Schmerzen im Unterleib; da ließ er sein Roß auf-
zäumen, bestieg es und ritt auf die Bärenhatz gen Fürftenfeld. Da er
hinter dem Dorfe Puch über eine Wiese sprengte, sah sein Gefolge,
dem er weit voraus war, ihn plötzlich im Sattel wanken und vom
Roste herab zu Boden sinken. Etliche Landleute, die draußen arbeiteten,
liefen erschrocken hinzu; in den Armen eines Bauern verschied der
Kaiser. Seine letzten Worte waren: „Süße Königin, unser Frau, bis
(sei) bei meiner Scheidung!" Als die Seinen herbeieilten, war er schon
tot. Der Anger, da dies geschehen, wird noch heute die Kaiserwiese
genannt. An der Stelle, wo der Kaiser starb, wurde ihm zum Ge-
dächtnis eine kleine Kapelle erbaut; nachmals verfiel sie, und heute steht
dort ein Gedenkstein in Pyramidenform aus Ettaler Marmor.
„Am andern Tag nach dem Tode des Kaisers" — so meldet die
Überlieferung — „ist geschehen in einem Kloster zu StamS — (andere
sagen: bei den Patres Franziskanern zu München) — daß ein überaus
frommer und andächtiger Pater den Gottesdienst vollbrachte und Meste
las. So er nun gekommen war bis auf die heil. Wandlung, schwieg er
eine kleine Zeit gar still, darnach sprach er zu deutsch dreimalen: ,O wie
weh ist dir, und wird dir doch schier wohl bester!' Nach diesen Worten
vollbrachte er sein Amt und wandelte. Auch so er wollte genießen das
hochwürdige Sakrament, verzog er abermals eine kleine Zeit und
schwieg still. Darnach sprach er, wie vor, in deutsch zu dreimal: ,O wie
weh ist dir, und wird dir doch schier wohl bester!' Nach dem genoß er
das heil. Sakrament. Das alles vernahm der Altardiener, und so
die Meß vollendet war, fragte der Diener gar demütiglich den Priester,
was er doch mit den deutschen Worten, die er in dem Amt der Meß also
gemeldt, gemeint oder angezeigt hätte. Antwortete ihm der Priester
und verkündt ihm, wie Kaiser Ludwig gestorben und ihm in der Meß
fürkommen in großer Pein, aber doch daraus erlöst worden sei. Daraus
männiglich mag merken, daß er ist in den Gnaden Gottes des All-
mächtigen."
b) D i e heilige Edigna zu Puch
Die Jungfrau Edigna war eines mächtigen Königs Tochter aus
Frankenreich. Ihr Vater wollte sie einem reichen Fürsten vermählen;
sie aber mochte keines Mannes fein, denn sie hatte sich Gott allein
gelobt und diente ihm mit Fleiß. Sie hatte einen Hahn, der weckte sie
in aller Frühe durch sein Krähen, da stand sie alsbald auf und betete
und rief mit einem silbernen Glöcklein auch ihre Gespielinnen zum
Gebet. Ihr Sinn aber stand nach der Einsamkeit, und sie sehnte sich
weit hinweg vom Prunk des Hofes. Drum lag sie ihrem Vater an mit
Bitten, bis daß er sie ziehen ließ. Und zog aus auf einem schlechten
Wagen, davor zwei Ochsen gespannt waren, und nahm nichts mit sich
als ein härenes Gewand, ihren Hahn und ihr Glöcklein. Sie vertraute
aber, daß Gott ihr den Ort anzeigen werde, wo sie fürder bleiben sollte;
wenn sie dahin gelangte, sollte ihr Hahn krähen und die Glocke von
selbst läuten — dies Zeichen hatte sie von Gott erbeten.
So fuhr sie viele Tage und kam in deutsches Land, dahin, wo die
Bojoaren hausten. Durch ein waldiges Tal fuhr sie, darin ein schönes
grünes Waster floß, die Amper geheißen. Von dem langen Weg aber
ward die Fürstentochter müde und schlief ein. Da war ihr, als hätte der
Hahn gekräht und das Glöcklein geläutet; sie wachte auf und fragte
ihren Fuhrmann, ob er nicht den Hahn hätte krähen und die Glocke
läuten hören? Der Fuhrmann sprach ja und wies ihr die Statt, wo
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beides geschehen sei. Das war an einem Hügel, der heute zum Dorf
Puch gehört, und es stand eine hohe dickstämmige Linde darauf. Da
hieß Edigna den Fuhrmann umkehren nach der Stelle — denn sie
waren schon vorbeigefahren — und stieg ab an dem Hügel und sandte
den Wagen hinweg. Wie sie zur Linde schritt, fand sie den einen der
zwei Hauptäste hohl; darin machte sie sich ein Bette von Moos und
wohnte dort fünfunddreißig Jahre und diente Gott mit Gebet und
Bußübungen. Das Volk umher aber hielt sie in hohen Ehren, denn sie
tat allen Gutes und spendete Rat und Trost jedem, der zu ihr kam,
verkündete oft auch verborgene und zukünftige Dinge. Morgens und
abends läutete sie ihr ■ Glöcklein, um die Waldleute zum Gebet zu
mahnen. Sie lebte nur von Wurzeln, Kräutern und Milch; die Milch
erhielt sie aus einer Schwaige, die unweit des Berges stand, denn das
Dorf war noch nicht da.
Einmal kam ihr Vater aus Frankenreich dahergefahren, der hatte
Sorge, wie es seinem Kind etwa erginge in der Wildnis und fragte,
ob sie nicht wieder heimkehren wollte mit ihm. Aber die heilige Edigna
mochte nichts mehr wiffen vom Glanz der Krone und bat, daß er sie
laffen sollte, wo sie Frieden gefunden. Da gab er sich drein, und sie
blieb wohnen in der Linde, bis sie selig verstarb, zu großer Trauer des
Landvolks umher, das den heiligen Leichnam an selbiger Stelle be-
stattete. Aus der Linde floß hernach ein heilsames Öl; aber als geizige
Menschen es um Geld verkaufen wollten, vertrocknete es alsbald.
Darnach, da sich immer mehrere dort angesiedelt hatten und ein
Kirchlein erstand, wurden die seligen Gebeine erhoben und in das
Kirchlein verbracht, wo auch EdignaS Glocke lange Zeit gezeigt ward.
Zahlreiche Votivbilder, sowie wächserne Abgüsse von Gliedern und
Tieren bezeugen das Vertrauen, das die Umwohner in EdignaS Für-
bitte setzen. Bei Viehseuchen zumal wird sie häufig angerufen. Die
Linde ist heutzutage umfriedet, und darin steht eine zierliche Bildfigur
der heiligen Edigna. Zwischen den Zweigen sind kleine Engel an-
gebracht, weil in den langen Jahren ihrer Einsamkeit die Heilige von
Engeln bewacht und behütet worden.
Vom seligen Grafen Rasso
Es war zur Zeit der letzten Karolinger ein Graf zu Andechs und
Dießen mit Namen Rathold; das war ein arger Mann und grausamen
Sinnes. Er hatte zur Ehe eine liebholde Frau, Adalona, eine Gräfin
von Hohenwart: an der fuhr er so übel, daß sie, so geduldig sie war,
eS zuletzt nimmer ertrug, zumal da sie noch für ein zweites Leben Sorge
zu tragen hatte. Also floh sie mit Angst und Wehklagen von dannen,
gedachte Schutz zu suchen bei ihrem Bruder, der nicht gar zu weit
entfernt wohnte; denn er war Pfarrherr im Dorf Gerezhausen nahe
von Landsberg. Aber weil sie großen Leibes war, kam sie nur mühsam
vorwärts; und ehe sie noch Gerezhausen und den dortigen Burgstall
erreichte, am Fuße des Burgbergs, wo der Weg von Mühlhausen nach
Gerezhausen führt, ward sie von den Wehen überfallen und genas eines
Sohnes. Fromme Leute brachten die Mutter und das Neugeborene in
das Haus des Pfarrers; da empfing das Kind die heilige Taufe und
mit ihr den Namen Rasso.
Der Kleine ward zuerst bei seinem Ohm aufgezogen und zeigte sich
gar verständig, auch wuchs er gewaltig an Gliedern und Leibesstärke.
Darnach kam er in ritterliche Zucht, und nach der Schwertleite ward
er den deutschen Königen Heinrich und Otto ein tapferer Kämpfer
gegen die heidnischen Ungarn. Dafür wurde er Gaugraf des Husen- und
Ammergaus; auch war seines Vaters Erbe, die Grafschaft Andechs-
Dießen, ihm zugefallen. Weil aber sein Sinn noch eifriger nach den
himmlischen Dingen stand als nach weltlicher Herrschaft, so trug er
große Sehnsucht, die Stätten zu sehen, wo unser Heiland auf Erden
gewandelt; darum geleitete er im Jahre 949 seine Base Judith, die
Gemahlin des Bayernherzogs Heinrich I., auf ihrer Fahrt nach Rom
und Jerusalem. Von da brachte er eine große Menge köstlicher Heil-
tümer mit, die zu sammeln der Papst zu Rom ihm huldreich bewilligt
hatte.
Als der Graf Rasso wiederkehrte von seiner Pilgerfahrt, da tat er
sich der Waffen ab, gedachte nimmer zu Felde zu ziehen, vielmehr still
in der Heimat zu bleiben und durch fromme Werke seine Sünden zu
sühnen. Er besaß die Altenburg bei Andechs; auch die Sonderburg oder
Sünderburg bei Schöngeising, wo vordem die Römer gehaust haben,
soll ihm eigen gewesen sein. Am liebsten aber wohnte er auf der Raffen-
burg beim Dorf Wildenroth, von dem er gesagt haben soll: es liege
ähnlich wie Bethlehem. Das Schloß aber ist sehr groß gewesen, und
die Vormauern sind bis zu dem Turm gegangen, der heute zur Kirche
von Höfen gehört, selbiger Zeit aber ein Wachtturm war. Einmal stand
der Graf Rasso auf den Zinnen seines Schlosses und schaute auf die
Stelle nieder, wo die Amper eine Insel bildet, die sie mit zwei Wasser-
armen umschlingt. Da sprach der fromme Graf: „Dorthin, wo mein
Speer fällt, will ich mir ein Klösterlein bauen." Dieweil er so sprach,
erhob er gewaltigen Armes seinen Speer — andere sagen: seinen
Streithammer — und schleuderte ihn über die Amper hinweg. Der
Speer fiel nieder dort, wo heute das Kloster und die Wallfahrtskirche
zu Grafrath steht. Alsbald begann Graf Rasso den Bau des Klosters
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an derselbigen Statt, und da es vollendet stand, übertrug er die Herr-
schaft seines Gaus an seinen Sohn Friedrich. Er selbst aber trat als
Laienbruder in das Kloster, das er gestiftet und weihte sein Leben
fortan dem Dienste Gottes und den Werken der Buße und Mildtätig-
keit, bis er Anno 954 im Rufe der Heiligkeit verstarb.
Das Kloster wurde schon im Jahr nach seinem Tode von den Ungarn
zerstört. Die Heiligtümer, die er aus Jerusalem und Rom gebracht
und dem Kloster vergabt hatte, wurden mit Not noch geflüchtet auf die
Burg Andechs. Es heißt, daß die Ungarn auch das Grab des Seligen
zerstören wollten, aber daß sie, wie mit Blindheit geschlagen, es nicht
fanden. Hernach bauten Rasios Nachkommen eine Kirche über dem
Grab und schenkten sie dem Kloster Dieffen; das Kloster Dieffen, auch
von den Andechsern gestiftet, baute im 17. Jahrhundert an die Grab-
und Wallfahrtskirche ein neues Klösterlein und später die heutige neue
Kirche.
Dort in der Kirche zu Grafrath, das nach seinem Namen also be-
nannt ist, steht des seligen Grafen Grabmal mit seinem Steinbild.
Auf dem Hochaltar werden seine Gebeine verwahrt, woran zu erkennen,
wie stark und mächtig von Gliedern er gewesen ist; um sie zu verehren
und seine Fürbitte anzurufen, kommen noch häufig Wallfahrer dorthin.
An der Stätte aber, da er im Freien geboren worden, unterm Burgsel
bei Gerezhausen, steht eine steinerne Säule, darin eine Tafel, die gleich-
falls das Bild des seligen Rasso und daneben das seiner Mutter zeigt.
Welche von den Anwohnern des Lechrains nach Grafrath kirchfahrten
gegangen sind, die halten, wenn sie vom Grabe Raffos zurückkehren,
ihre letzte Raft und ihre letzte Andacht gern bei seiner Geburtsstatt,
oder sie machen es umgekehrt.
Vom heiligen Berg Andechs
über dem Ammersee ragt er auf, umrauscht von allen Quellen deut-
scher Vergangenheit. Schon zu Karls des Großen Zeit hätte eine
Veste auf dem Berg gestanden; die Sage nennt Burg Andechs als die
GeburtSstätte Ludwigs des Frommen. In ungewissem Dämmer der
Vorzeit verliert sich das Edelgeschlecht, das zuerst hier oben hauste;
einer Überlieferung nach sollen es die tirolischen Grafen von Taur,
deren Hauptsitz zwischen Hall und Innsbruck lag, aus deren Stamm
der heilige Romedius (im vierten Jahrhundert) entsprossen war, ge-
wesen sein. Beurkundete Besitzer von Andechs sind seit AuSgang des
zehnten, Beginn des elften Jahrhunderts nach Christus die Grafen
von Diessen-AndechS.
Die Geschichte dieses Hauses böte Stoff für einen historischen
* 190 *
Roman, sowohl was die bewegten äußeren Schicksale, als die seelischen
Besonderheiten der Andechser betrifft. Zu höchsten geistlichen und welt-
lichen Ehren sind die einen gelangt; blutig und gewaltsam haben andere
geendet. Von dem so mächtigen als frommen Grafen Rasso, dem Sohne
Ratolds und AdalonaS, ist schon erzählt worden. Die Heiligtümer, die
er mit päpstlicher Genehmigung nach Bayern brachte, wurden nach
seinem Tode bei der Zerstörung des von ihm gegründeten Klosters nach
Andechs gerettet; die mitgeflüchteten Mönche von Wörth bewachten
sie, bis später die Mönche von Seeon (auch Kloster Seeon hatten im
IO. Jahrhundert die Ahnen der Andechser gestiftet) dies Amt über-
nahmen. Graf Berthold II., der Begründer des Klosters Dieffen, wird
als erster Stifter eines Klosters auch auf Andechs bezeichnet. Ein vor-
heriger Versuch Bertholds, die Reliquien nach Seeon zu übertragen,
soll daran gescheitert sein, daß die Pferde plötzlich erlahmten. Graf
Berthold ist der Vater der seligen Mechtildis, deren goldene Haarlocke
in die Wetterglocke des Klosters Diessen mit hineingegossen worden wäre
und ihr segnende Kraft verliehen hätte. Als nach der Säkularisation
das wilde Feuer in die Kirche schlug, der Turm abbrannte und die
Glockenmasse glühend herunterrann, sei die Haarlocke der Seligen un-
versehrt zum Vorschein gekommen.
Inzwischen stieg die Machtfülle der Grafen von Andechs so, daß sie
beinahe der der bayerischen Herzoge gleichkam. Nicht nur zwischen Lech
und Isar, auch am Inn, an der Donau, und in Franken, wo die
Plassenburg ihnen gehörte, waren sie begütert, ferner in Burgund,
Italien, Kärnten und Steiermark, Dalmatien und Kroatien. Die letz-
teren Besitzungen wurden als „Herzogtum Meranien" zusammengefaßt.
Herzog von Meranien und Markgraf zu Istrien nannte sich schon Bert-
hold IV., der 1188 starb und dem ein so bedeutsames Geschlecht ent-
sproß. Die älteste Tochter war die hl. Hedwig, Herzogin von Schlesien
und Polen; die andere, Gertrud, ward Königin von Ungarn und
Mutter der hl. Elisabeth; sie starb ermordet. Königin Gertruds
Schicksal ist poetisch behandelt in Grillparzers Drama „Ein treuer
Diener seines Herrn". Tragisch fiel auch das Los der schönen
und fühlsamen Agnes, die von König Philipp II. Augustus von
Frankreich geliebt und zur Ehe begehrt wurde. Als sie einst —
so erzählt die Legende — in der Burgkapelle vor dem den Hoch-
altar schmückenden Kruzifixus um die Erfüllung ihres Herzens-
Wunsches gebetet hatte und darüber in Schlummer sank, wäre ihr im
Traum der Gekreuzigte erschienen und hätte gesprochen: „Kröne mich
mit der Dornenkrone". Bald hernach ward die Vermählung vollzogen,
und Agnes kam nach Frankreich. In Paris aber ward ein großer Teil
von der Dornenkrone des Erlösers aufbewahrt; die hätte der hl. Ger-
* 191 *
manuö im sechsten Jahrhundert dorthin gebracht. Da Agnes das Heilig,
tum sah, gedachte sie an ihren Traum und auch daran, daß schon Lud-
wig der Fromme ihrem Ahnherrn ein paar Zweiglein davon geschenkt
hätte. Mit Erlaubnis des Königs, den sie darum bat, ließ sie durch
einen Benediktinermönch, Isaak aus Seeon, der ihr Begleiter ge-
wesen, sieben Zweige der hl. Dornenkrone nach Andechs bringen. Damit
widerfuhr der Burg und Kapelle großes Heil, aber der Königin Agnes
war in Frankreich kein Glück beschieden. Vielmehr ward ihr die Krone
gleichfalls zu einer Dornenkrone; denn ihr Gemahl, vom Papste ge-
bannt, mußte sich von ihr trennen und seine widerrechtlich verstoßene
Gattin Ingelberga zurücknehmen. Agnes, die - wie es heißt - in
gutem Glauben gewesen, als sie den König ehelichte, starb ein Jahr
nach der Trennung an gebrochenem Herzen.
Wiederholt hatten die deutschen Kaiser auf der Burg Andechs ge-
weilt, Heinrich II-, der Heilige, und Heinrich HL während der Zeit
seiner Minderjährigkeit. Die Gnade der Kaiser vermehrte den Heilig«
tümerschatz der Burg durch die drei wunderbaren heiligen Hostien, die
als päpstliches Geschenk sich zu Bamberg befanden. Da Berthold des
Vierten Bruder, Otto, Bischof von Bamberg war — wie nachmals
Bertholds Sohn, Eckbert — so geht die kostbare Stiftung offenbar
auf bischöfliche Fürbitte zurück.
Inmitten allen Glanzes brach Verderben über Andechs herein.
Heinrich, der Sohn Bertholds IV., ward der Mitschuld geziehen an der
Ermordung Kaiser Philipps (1208) durch Otto von Wittelsbach. Graf
Heinrich, vor dem Kruzifirus in der Schloßkapelle betend, gleich seiner
unglücklichen Schwester Agnes, sah acht Tage lang das Kreuzbild Blut
schwitzen. Wenige Wochen später irrte er geächtet umher; sein Gebiet
aber ward von den Kriegern Herzog Ludwigs I-, des Kehlheimers, ver-
wüstet. Die Mönche auf Andechs vergruben, ehe sie flüchteten, den Re-
liquienschatz; nur jenes Kruzifir nahmen sie mit sich, um es nach Seeon
zu bringen. Unterwegs, bei Forstenried, ward das Kreuz so schwer, daß
sechs Pferde es nicht von der Stelle bewegen konnten. Daraus ward
erkannt, daß hier die Stätte seiner künftigen Verehrung sei. Zwei
Mönche, Isaak und Berthold, blieben bei ihm zurück; bald erhob sich
über dem wundertätigen Kreuzbild von Forstenried ein Kirchlein und
wurde daraus ein berühmter Wallfahrtsort.
Graf Heinrich, der wie fein Ahn Raffo ins heilige Land gepilgert
war, kehrte heim, als feine Unschuld sich erwiesen hatte; doch starb er
bald darauf. Vor seinem Tode noch empfing er den Besuch seiner
Nichte, der heiligen Elisabeth, von der auch das Brustkreuz und ein
Teil ihres Brautkleides, sowie andere Reliquien unter den Kleinodien
des Kirchenschatzes bewahrt werden. Auf der halben Höhe des Berges
* 192 *
Andechs fließt das St. Elifabethenbrünnchen, das durch ihr Gebet
entweder erweckt oder so gesegnet worden sei, daß ihm vielfache Heilkraft
zugeschrieben wird.
Bald nach Heinrichs Hinscheiden wurde die Burg angeblich völlig
zerstört. Das Geschlecht der Andechser jedoch stand in hohen Ehren noch
unter Otto VII., Heinrichs Bruder, der wie der gleichnamige deutsche
Kaiser den Beinamen der Große erhielt, und Otto VIII., beide Herzöge
von Meranien und Pfalzgrafen von Burgund. Mit Otto VIII. starben
die Andechser aus (1248).
Auch die Wallfahrt zu den Heiligtümern auf Andechs schien aus-
gestorben, bis eine blinde Frau von Widdersberg, durch ein Traum-
gesicht ermahnt, hinaufpilgerte, ihre Augen mit der Wurzel eines, aus
den Trümmern des Kirchleins auffproffenden Wachholderstrauches gerie-
ben und alsbald das Augenlicht wieder erlangt hätte. Der wundersamen
Erzählung, wie die Reliquien wieder aufgefunden wurden, ist schon im
Zusammenhang mit dem „Münchner Gnadenjahr" Erwähnung ge-
schehen. Fast vierzig Jahre sind die Reliquien in München verblieben,
und eS heißt: die Münchner hätten sie gerne behalten, wenn nicht
Wunderzeichen sie davor gewarnt hätten, — wie deün jede teilweise
oder ganze Verpflanzung der Heiligtümer auf übernatürliche Art ver-
eitelt worden wäre. Also kehrte 1428 der Schatz nach Andechs zurück,
wo inzwischen die neue Kirche erbaut worden. Herzog Ernst errichtete
bald darnach ein Benediktinerkollegialstift auf dem „heiligen Berg", wie
er von da an hieß. Albrecht III. machte aus dem Stift ein wirkliches
Benediktinerkloster, und 1455 zogen, am Georgitag, die ersten Mönche
aus Tegernsee droben ein. Der „heilige Berg", den Legende und Ge-
schichte so mit unverwelklichery Grün umranken, erlangte und bewahrte
einen hohen Ruf als der berühmteste bayerische Wallfahrtsort nächst
Altötting. Allein im Pestjahr 1465 sind fünftausend Menschen hinauf-
gepilgert. Andechs überstand die Stürme des dreißigjährigen Krieges,
wie es die des spanischen und österreichischen Erbfolgekrieges und
auch die Säkularisation schließlich überwunden hat. Denn nachdem das
Kloster 1803 aufgehoben worden, hat Ludwig I. es neu gestiftet und
seiner Lieblingsschöpfung, der neugegründeten Benediktinerabtei St.
Bonifaz in München, als Priorat einverleibt. Der Ruhm der Fröm-
migkeit und Gelehrsamkeit, der die alten Klöster des Ordens stets
schmückte, ziert in hohem Maße auch das neuzeitliche zu München und
seine Tochteranstalt auf dem heiligen Berge. —
Es weilt sich schön droben, als wandernder freundlich aufgenom-
mener Gast. Bei einem kühlen Trunk aus der Klofterbrauerei rastet
der Fremdling von den Eindrücken der Kirche mit ihren Wunder-
schätzen und der Erziehungsanstalt — denn ein Heim für verwahrloste
13
* 193 *
Knaben ist mit dem Kloster verbunden. Weit schweift der Blick umher,
zu den leuchtenden Gipfeln der Gebirgskette, auf die Seen und die
Dörfer drunten, über die Ebene, in der München liegt. —
Auf dem Boden der Benediktiner, der frühesten Glaubensboten, ist
„Munichen" erwachsen. Von benediktinischem Boden aus, hoch über
der Welt, grüßen wir am Ende unseres Rundganges die traute Stadt.
VI. Abteilung:
Alt-München in Brauchen, Sitten
und Meinungen
a) Das tägliche Leben
Das Bezeichnende ist für München, daß es die Hauptstadt eines
Volkes von Bauern und Hirten, Jägern und Fischern war, aus dem
umgebenden agrarischen Hinterland nicht nur mit leiblicher Nahrung,
sondern auch mit aller Überlieferung und bodenständigen Anschauungen
gespeist. Der Name „Kulturdorf", den München gelegentlich empfing,
hebt das Schollenhaste, Wurzelechte hervor, wodurch die Kultur Mün-
chens sich von der anderer Großstädte von /eher unterschied. WaS an
alten Sitten heute noch in München lebt, ist ländlichem Volkstum
entsprossen; was in der Stadt längst nicht mehr gilt, ist auf dem
Lande, in den Bergen teilweise noch lebendig.
Auch das Münchner Slraßenbild erhält ein besonderes Gepräge
durch die verhältnismäßige Häufigkeit volkstümlicher Typen, die nament-
lich an Festtagen zwischen der modisch langweiligen Allerweltstracht
einherwandeln. Ehemals freilich bot auch die Kleidung der Städter
einen abwechslungsreichen Anblick, zumal die Freude am Farbigen und
Prächtigen in München trotz sonstiger Einfachheit stets hervortrat.
Seit dem 13. Jahrhundert schon machten Luxusgesetze sich notwendig.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts war der Aufwand, der in der guten
Stadt München mit Kleidern getrieben ward, so groß, daß er einem
hohen Rate bedenklich erschien. Die Münchner Bürger verschmähten
es, sich, ihre Frauen und Töchter in schlichte Stoffe zu kleiden, sie
trugen feine flandrische Tücher, davon die Elle 50 Pfennige kostete,
auch Mäntel und Wämser von Seide, wohl gar mit kostbaren Pelzen
verbrämt und mit Gold, Perlen und Edelsteinen geziert, bald mit
offenen (sogenannten „zerhauenen") oder mit einfachen langen Ärmeln.
Die Frauen trugen lange Schleppgewänder, dazu Silberketten und
Goldgeschmeide, kostbare Gürtel, das Haar mit Bändern und Perlen-
kränzen — Schapeln oder Gebende genannt — durchflochten. Im
Jahre 1405 sah der Stadtrat von München sich genötigt, eine strenge
Kleiderordnung zu erlassen, darin er den Frauen und Jungfrauen alle
Perlenkränze, auch Haarbänder von Gold und Perlen verbietet und
ihnen nur Haarbänder von Seide oder von zwei Lot Perlen erlaubt.
Keine soll mehr als anderthalb Mark Silber auf ihrem Leib tragen,
es soll fürder keine Frau noch Jungfrau einen Rock tragen mit Vehen
(ausländischem Pelzwerk) gefüttert und verbrämt. Auch die Sitte der
offenen Ärmel wird untersagt, sowie das Tragen eines Mantels oder
Rockes, der länger als zwei Finger auf der Erde nachschleift. Die Ver-
letzung dieser Gebote wurde nicht an den schönen Übertreterinnen,
sondern an deren Mann oder Vater mit einer Geldstrafe gebüßt.
Solche Verordnungen halfen jedoch immer nur für gewisse Zeit; bald
war die alte Üppigkeit wieder eingerissen und eine abermalige strenge
Mahnung notwendig. Die letzte derartige Kleiderordnung datiert vom
Jahre 1749, also aus der Regierung Kurfürst Max III. Joseph. Die
komischen Folgen derselben schildert eine „Relation" vom Beginn des
Jahres 1750: „Am heiligen Neujahrstag", - heißt es da — „sind
verschiedenen Weibsbildern, und wie man sagt bey 60 Personen ihre
schönen bordierten Hauben von den Stadtamtleuten vom Kopfe weg-
gerissen und abgenommen worden. Sodann bis 12 Uhr haben.. meistens
vor den Gotteshäusern sehr viele Hauben von den Weibsköpfen sprin-
gen müssen. Einige Weibsbilder haben auf der Gaffen gleich anderen
schwarze Hauben bis zum Eingang der Kirche getragen, unterm Portal
aber solche abgetan und verborgene bei ihnen getragene reiche Hauben
aufgesetzt, beim Ausgang aus der Kirche abgetan und versteckt; es sind
aber dergleichen Vortel den Amtleuten sogleich bekannt und folglich
die Weibsbilder endlich gar ausgesucht worden"........Solche, die
Ratsfrauen waren, wurden nicht angegriffen, sondern notiert. Diesen
wurde dann solange, bis sie zu gesetzlicher Strafe gezogen waren, zur
Nachtzeit militärische Exekution in die Häuser gelegt. „Einem Bräu-
knecht sind die seidenen Strümpfe von den Füßen abgezogen, dann
mehr anderen Bräu- und Metzgerknechten ihre auf dem Hut gehabten
Borden, weiters einigen Bürgers- auch Bauernmenschern die Brust-
flecke herausgerissen und die darangewesten Borden abgetrennt
worden."...
Daß diese übermäßige Strenge nicht lange vorhielt, beweist die
übliche Münchner Kleidung im 18. Jahrhundert bis zu Anfang des
19., wie sie vornehmlich Westenrieder beschreibt. Darnach trug der
* 194 *
* 195 *
Münchner Bürger an Werktagen Rock und Weste von Landtuch, letz-
tere auch von Leinwand, eine Halsbinde von Flor oder weißer sehr
feiner Leinwand und einen großen runden, mit Schnüren zu drei
Flügeln aufgeschlagenen Hut, ferner lederne Beinkleider nebst grauen,
blauen oder weißen baumwollenen Strümpfen. An Feiertagen trug er
Rock und Weste von feinem ausländischen Tuch und einen ebensolchen
sehr weiten Mantel, der ihm in vielen Falten von den Schullern bis
zu den Schuhen hinabging. Der Kragen des Mantels war nicht selten
mit silbernen oder goldenen Borten verbrämt; von geschlagenem Silber-
waren auch die Schnallen am Hute und an den Schuhen, sowie die
Knöpfe an Rock und Weste. Dazu kam noch ein silberner oder goldener
Ehering und eine Sackuhr.
Außerdem gehörte zur Feiertagskleidung ein spanisches Rohr mit
silbernem Knopfe. „Auch ein Degen, aber niemals beides zugleich".
(Nach der vorerwähnten Kleiderordnung vom Jahre 1749 war den
Lakaien oder Handwerksburschen das Tragen eines Degens untersagt.)
Der Bürger trug abgeschnittenes Haar, zuweilen auch die Perücke.
Das Gesicht war glatt rasiert. Die meisten Zünfte hatten an feier-
lichen Tagen ihre besondere Tracht, z. B. die Müller hellblaue Röcke,
die Schmiede und Schlesier braune, die Metzger hochrote Westen usw.
Ratsherren und Doktoren trugen sich meist dunkel und bedienten sich
der Perücke. Merkwürdigerweise ward den Weltpriestern noch 1789
vom bischöflichen Ordinariat Freising eingeschärft, schwarze Kleidung
mit einem Kollar oder, da dies sehr teuer kam, doch dunkle Farben
zu tragen. Die Tracht der geistlichen Orden blieb sich natürlich gleich.
Eigentümlich will uns Heutigen der Brauch erscheinen, die Kinder in
Ordenshabite zu kleiden, wozu sie noch „Gehänge" trugen, nämlich ein
Amulett, das an einem schönen Bande von der rechten Schuller herab-
hing, an dessen Seiten aber Denkmünzen mit Ohrlein oder andere
Raritäten festgemacht wurden. So ward Kurfürst Karl Theodor durch
seine fromme Mutter Maria Anna, in Folge eines Gelübdes, schon als
zartes Kind in das Ordensgewand der Paulaner gekleidet.
Die Bürgersfrauen trugen gewöhnlich einige Unterröcke; der Ober-
rock war von Leinenzeug, oft auch von Seide oder feinstem Tuch, unten
mit einem Silber- oder Goldspitz verbrämt. Dazu kam ein Fürtuch
(Schürze), dann ein Oberleib oder Mieder mit Fischbein ausgespannt
und überaus steif. Dies Mieder aus Brokat oder Seide mit einem
dazu passenden Brustfleck wurde geschlossen durch ein Geschnür aus
silbernen Ketten, woran etliche Schaumünzen, Kreuzchen und dergleichen
„angeöhrlt" waren. Darüber eine kurze Weste, Wams genannt, von
Tuch oder Zeug und ein Brusttuch aus Seide oder feinem Linnen. Den
Hals schmückte eine silberne oder gar goldene Kette von IO—18 „Gän-
* 196 *
gen" (Reihen) mit reicher Schließe; auch waren die Finger mit Ringen
und die Schuhe mit silbernen Schnallen geziert. Zur völligen Tracht
der Bürgerefrauen und Bürgerstöchter an Sonntagen gehörte ein mit
Silber beschlagenes Gebetbuch und ein Rosenkranz von kostbaren Ko-
rallen oder Steinen. An feierlichen Tagen war die Kleidung gewöhnlich
schwarz oder braun; statt der Westen wurden die sogenannten „Schal-
keln" getragen und mit silbernen Kelten zugeschnürt. Das Haar ward
nicht gepudert; die Frauen trugen es geflochten und in Knoten um den
Kopf gebunden. Im Winter setzten sie darauf große Hauben, deren
äußerer Boden von Seiden oder Samt, die Verbrämung aber von
Pelz war. Auch die Jungfrauen trugen im Winter Hauben, welche
den ganzen Kopf bedeckten. (Späterhin, als der Dreispitz auf den
Männerköpfen dem hohen zylinderförmigen Hut gewichen war, diente
zur allgemeinen Zier der Bürgerstöchter die den Vorderscheitel frei-
lassende Riegelhaube aus Silber- oder Goldftoff.) Im Sommer ward
um das Haar eine Krone geflochten, „welche von schwarzen Bändern
oder gemeinen Perlen, oft aber mit kostbaren Steinen besetzt ist und
diese machen sie mit einer silbernen oder goldenen Nadel, welche sie
durch die Krone und die Haare stechen, fest." So trug sich namentlich
die ehrsame Jungfrau als Antlaßjungfer bei kirchlichen Umgängen,
oder als Kranzljungfer bei Hochzeiten, nachdem der Kranz, resp. die
Krone das Zeichen der Jungfräulichkeit — anstatt des vormals frei
herabwallenden Haares — geworden war.
Diese Trachten beschränkten sich auf die eigentlich bürgerlichen Kreise.
Der Hof und die adelige Gesellschaft, denen die reichsten und ange-
sehensten Bürger gern nacheiferten, kleideten sich im 17. Jahrhundert
auf spanische, im 18. auf französische Art, machten alle „Fa?ons" der
Zopf- und Empirezeit mit, parlierten und gebarten „n In mode“. Der
Bürger- und Handwerkerstand jedoch behielt auch in Sitte und häus-
lichem Leben die schlichten altväterischen Daseinsformen bei. Die Eh-
halten (das Gesinde) aßen am Tische der Dienftgeber, desgleichen am
Tische des Handwerksmeisters dessen Lehrlinge und Gesellen. Früh
ward aufgeftanden, wenn irgend möglich der Frühmesse beigewohnt;
gefrühstückt wurde eine einfache Morgensuppe, wenn das Frühstück nicht
ganz ausfiel. Der Kaffee, dessen erstes Auftreten zur Zeit und an dem
Hofe Karl Albrechts ftattfand, hat sehr langsam sich in der eigentlichen
Münchner Bevölkerung eingebürgert. Um 11 Uhr ward zu Mittag ge-
gessen - noch jetzt ist die durchschnittliche Essenszeit um 12 Uhr -
die Zeit des Abendessens war um 6 Uhr. Die häufigsten Gerichte
waren: Suppe, Voressen (Lungenragout), gesottenes und geselchtes
Fleisch, Gemüse und Salat, auch Knödel verschiedener Art. Braten
gab es nur an Sonn- und Feiertagen und dann vornehmlich KalbS-
* 197 *
oder Gansbraten. Im Backen und Bereiten von Mehlspeisen hat die
Münchner Hausfrau stets eines guten Rufes genosien. Bestimmte
Gewerbe hatten herkömmliche Vorzugsspeisen: so mußte bei den Schu-
stern des Abends stets Kopfsalat aufgesetzt werden. Das gemeinsame
Tischgebet, das der jüngste Tischgenoffe vorzubeten pflegte, sowie der
abendliche Rosenkranz waren allerwärtS üblich.
Nach dem Abendessen ging der Hausherr, auch etwa der erwachsene
Sohn gern noch zu einem guten Abendtrunk in irgend eine Wirtschaft
oder späterhin auf einen Keller; wohlgemerkt durfte er nur so lange
beim Trünke sitzen, bis die Bierglocke läutete und ihn mahnte, daß es
für ehrbare Leute Zeit zum Heimgehen sei. Hatte er außerhalb der
Tore gezecht, so mußte er auch der Torsperre gedenken, die das Ver-
gnügen etwas verteuerte. Die kleine Torsperre trat sogleich nach dem
Gebetläuten ein, also an kurzen Wintertagen schon um halb fünf Uhr,
im Hochsommer dagegen um halb neun Uhr. Die Stadttore blieben
dann zwar geöffnet, aber jede eintretende Person bezahlte einen Kreuzer
und für ein Pferd zwei Kreuzer. Das Zeichen zur großen Torsperre
gab eine Glocke vom Frauenturm und zwar im Winter um neun, im
Sommer um zehn Uhr. Darnach wurden die Tore geschloffen, und nur
bei dem sogenannten Einlaßtor, das davon seinen Namen hatte, war der
Eintritt für jeden Menschen und für jedes Tier, gleichviel ob Pferd
oder Hund, zu 6 Kreuzer. Natürlich kam es vor, daß besondere Güte des
Bieres oder Weines einen Trinklustigen Maß und Stunde über-
schreiten ließ. Herzog Wilhelm III. legte 1410 während seines Tiroler
Feldzugs beim Magistrat München briefliche Fürbitte ein für seinen
Werkmann (Hofmaurermeister), den Pogl Mauerer, der sich „von
Weins wegen vergeßen und etwas töricht .... gehandelt habe". Der
Herzog gibt hinsichtlich desselben zu: „wenn er sich überweint, daß dann
Niemand übler Behandlung vor ihm sicher ist"; weil er aber sonst ein
guter und bescheidener Werkmann ist, bittet der Herzog, ihm die Geld-
strafe, die er verwirkt hat, zu erlaffen. Im Mittelalter wurde in
Bayern selbst der Weinbau emsig getrieben, am linken Donauufer
zumal, von Kelheim bis nach Donaustauf, aber auch an der Altmühl,
an der Isar, am Inn und am Lech. Der eigentliche „Baiernwein", eben
aus jener Donaugegend, soll in heißen Jahren wirklich gut geraten
sein, während der bei Landshut oder bei der Herzog Maxburg in
München selbst gewachsene Tropfen es über den Rachenputzer nicht viel
hinausbrachte. Die Herbigkeit solchen einheimischen Rebensaftes ward
durch Zusatz von Honig gemildert. Auf die Einfuhr fremder Weine
war ein „Ungeld" (Steuer) gesetzt; eingefübrt wurden Weine aus
Franken, aus Österreich und Tirol, ferner Neckarwein, Romanier,
Wälschwein (aus Südtirol), Malvasier, Rainval (aus Rivoglio in
Istrien). Zur Niederlage und zum Faßverkauf der fremden Weine
diente der „Weinstadel" in der Dienersgaffe. Der Weinmarkt aber
wurde in der Weinstraße gehalten, woran der Name der Straße noch
gemahnt. Bezüglich des Weinausschankes und des etwaigen Wein-
pantschens bestanden ebenso ausführliche und strenge Gesetze, wie hin-
sichtlich des Bierausschankes. Es war verboten, Branntwein oder
Weidenasche oder anderes „Gemächt" in den Wein zu tun, aus zweier-
lei Zapfen zu schenken und den guten Wein mit geringerem zu mischen.
Wenn bei der magistratlichen Weinbeschau gefälschter Wein sich vor-
fand, so wurde der Weinschenk mit strenger Strafe belegt. Seit der
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hat das Bier den Wein aus der
Volksgunst verdrängt.
Bei dem Beleuchtungszustand der Straßen verstand es sich von
selbst, daß der Biedermann, der sich zu später Stunde heimbegab, eine
Laterne mit sich führte, denn wer ohne Licht in den Straßen betroffen
ward, den hielten die Sicherheitswächter an, abgesehen von allem Un-
lieben, was ihm sonst zustoßen konnte. Oft ließ der Hausvater sich von
seinem Knecht oder Lehrling, die Frau von ihrer Magd vorleuchten.
Übrigens waren im Jahre 1782 die Straßen Münchens bereits durch
mehr als 600 Laternen erhellt; auch gab es damals bei weiteren Wegen
ober schlechtem Wetter schon die Kutsche und daneben den Tragseffel
(portechaise), besten vornehme Damen sich gern bedienten.
Als ausgesprochener Freiluftmensch verlegte der Münchner von jeher
seine liebste Erholung hinaus in Gottes Natur. Die Fahrten nach
einem der Beluftigungsorte, die uns heute ganz nah dünken, Schleiß-
heim, Nymphenburg, Starnberg, Großheffelohe, galten damals freilich
als weite Ausflüge, die mindestens einen ganzen Tag erforderten und
mit der Kutsche unternommen wurden. Aber die allernächste Umgebung
bot genügende Wanderziele: die Isarauen, das Isarbergl, den englischen
Garten, die zahlreichen Biergärten, in denen es sich so gemütlich saß.
Wohlgemerkt durften nur in den vier Sommermonaten die Brauer
auf ihren Kellern vor der Stadt „Gäste sehen und Bier in ininuto ver-
schleißen." Nichts anderes als Bier durfte gereicht werden, weshalb sich
bis in neueste Zeit die Münchner ihr Esten auf den Keller mitbrachten.
Im Frühjahr, wo nach allgemeiner Ansicht etwas zur Erneuerung des
Geblütes geschehen mußte, war es Sitte, entweder zum Maibock oder
zum „Schön- und Stärketrunk", nämlich zum Met, zu gehen. Dies
geschah vorzugsweise am ersten Sonntag nach Ostern. Die beliebteste
Metschenke war in der Neuhausergaste beim Lebzelter Thumberger.
Ein besonderer Brauch war, daß die Dienstmädchen am Tage des
DienftwechsclS, dem sogenannten „Schlenkltag", im Sonntagsstaat
von ihren Liebhabern zum Thumberger geführt wurden. Die gebräuch-
* 199 *
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lichen Ziele zum schlenkeln waren: Lichtmeß (2. Februar), Georgi
(23. April), Jakobi (25. Juli) und Michaeli (29. September). Die
paar Tage, die sich der Dienstbote zwischen dem Verlaffen des alten
und dem Antritt des neuen Dienstes gerne gönnte, hießen die
„Schlenklweil". Vorzugsweise an Georgi gingen die Pärchen zum
Metschenken, saßen dort in den Gartenlauben, „Beichtstühle" ge-
nannt, und verzehrten zum süßen Würztrunk die Lebkuchen, die „Schif-
fer!" hießen.*)
Als Frühlingskur wurde ferner nach altem Brauch die Ader ge-
schlagen, und die Wundärzte hatten genug zu tun. Mit fortschreitender
Jahreszeit dachten die Begüterten auch daran, eine Landfrische, ein
„Badl" aufzusuchen. Das Volk im allgemeinen hielt sich an die her-
kömmlichen Ausgänge, die meist ein kirchliches Ziel hatten. Am Oster-
montag, wo es Brauch war „nach Emmaus zu gehen", wurde, wie
schon erwähnt, das Gasteigbergl erklommen und dort im Nikolauskirchl
eine Andacht gehalten. Ein Gleiches geschah an Pfingsten in der St.
Nikolauskapelle zu Schwabing, neben der sich wie am Gasteig ein
Siechen- oder Leprosenhaus befand. Bei dem Pfleger desselben „war
gutes, weißes Bier zu trinken". Von der allgemeinen Wanderung der
Münchner in die Au zum Kloster der Paulaner am Feste des heiligen
Ordenövaters, wo es die geweihten St. Vaterkerzen und das süße
starke Salvatorbier gab, ist auch schon gesprochen worden, ebenso vom
großen vielbesuchten Ablaßfest in Harlaching, dem das zu Ramersdorf
gleichkam.
Außer diesen freundlichen Unterbrechungen des täglichen Lebens
wurden besonders in Ehren gehalten und ausgiebig gefeiert sowohl die
Feste des Familienlebens, wie die hohen Kirchenfeste. Von den ersteren
möge zunächst die Rede sein.
b) Liebe,Hochzeit,Geburtund Tod
Die alte Sehnsucht, die beide Geschlechter zu einander zieht, war in
Altmünchen so mächtig, wie allerwärts. Manches Mädchen, wenn es
am Lenztage ins Freie kam, fragte heimlich den Kuckuck, wie viel Jahre
noch bis zur Hochzeit? und zählte dann, wie oft er seinen Ruf erschallen
*) In den 80er Jahren vorigen Jahrhunderts sah dle Schreiberin dieser
Blätter in einer damals in der Augustenstraße befindlichen Filiale der Seidl-
Bäckerei noch ein altes Gemälde, das eine männliche und weibliche Figur kn
Altmünchner Tracht, umgeben von obigen Leckereien, zeigte mit der Unterschrift:
»Komm her meine liebe Gret,
Hier gibt es guten Meth.
Willst du auch was guats dazua
Das kannst du haben alles gnua.*
ließ. Die Begegnung eines Schimmels galt als glückbringend, weil der
Hochzeitswagen gewöhnlich von Schimmeln gezogen ward. Zu den Ehe-
patronen, der hl. Katharina, dem hl. Nikolaus, vor allem dem hl. An-
tonius betete das Mädchen fleißig, tat ihnen Gelübde für Erfüllung
des heißesten Herzenswunsches. In bestimmten „Loönächten", so in der
AndreaSnacht (50. November) und der ThomaSnacht (21. Dezember),
versuchte die Heiratslustige zu erforschen, welcher Hochzeiter ihr etwa
beschieden sei. Völlig entkleidet stieg sie von rückwärts in ihr Bett oder
trat eS mit der großen Zehe und sprach dazu: „Bettstatt ich tritt dich 1
heiliger Andreas (hl. Thomas) ich bitt dich, 1 laß mir erscheinen 1 den
Herzliebsten meinen," worauf ihr im Traum der Zukünftige erscheinen
sollte, zumal wenn sie neben dem Bette zwei geweihte Kerzen brennen
hatte, um von keinem Teufelsspuk geäfft zu werden. Das gleiche geschah
in der Christ- und Silvesternacht, wie auch in beiden Nächten jetzt noch
Blei gegossen wird, um aus der Gestalt der Bleistückchen die Zukunft
zu erforschen. Oft werfen die Mädchen in der ThomaSnacht, entkleidet
am Boden hockend und der Türe den Rücken wendend, ihren linken
Schuh über den Kopf. Fällt er so, daß die Schuhspitze gegen die Türe
weist, so bedeutet es, daß sie im Laufe des Jahres das Haus verlaffen
wird. Auch schaut die Liebende gerne in den Brunnen oder durch ein
Stück Kirchenfenfterglas, um die Gestalt des Ersehnten zu erblicken; in
den Spiegel zu schauen, soll den gleichen Erfolg haben. Doch
soll es auch schon geschehen sein, daß die Neugierige anstatt
eines schmucken Bräutigams den beinernen Tod sah und von
ihm auch richtig im nächsten Jahre heimgeholt ward. Trotz der
Frömmigkeit der Münchnerinnen kam es bisweilen vor, daß eine
unglücklich Liebende magische Mittel zur Erreichung ihres Zieles
anwandte. So trachtete sie z. B. ein Läppchen, worauf Tropfen
ihres Blutes gefallen, mit einem anderen, das ein Tropfen vom
Blute des Geliebten genetzt hatte, unter das Altartuch zu verber-
gen, so daß eine hl. Meffe darüber gelesen ward; oder sie versuchte einen
Tropfen ihres Blutes dem Manne in Bier oder Wein zu trinken zu
geben. Der schaurige Aberglaube des „Totbetens" (durch Rückwärts-
Beten des Vaterunsers) ward geübt, wenn ein Mädchen sich an einem
Ungetreuen rächen wollte. Eine Andere erzählte in der Mitte der
80er Jahre des vorigen Jahrhunderts: „Jetzt bet ich alle Abend ein
Vaterunser für die allerärmste Seele, für die sonst keinö mehr bittet,
die laßt ihm nachher keine Ruh', bis er wieder zu mir kimmt."
Wie streng in früherer Zeit die Gefallene gerichtet wurde, ist bekannt.
Eine Alt-Münchner Redensart lautet: „die darf am Antlaß (am Pro-
zefsionStage) auch schon in die Frühmeß' gehen", d. h. sie darf nicht dem
Hochamte beiwohnen, von dem die unbescholtenen, kranztragenden Jungfrauen ausgehen. Heutzutage sind die Anschauungen beträchtlich ge-
lockert, und über ein lediges Kind, das auf dem Lande ohnehin keine
zu schlechte Stellung hat, regt sich das Volk auch in der Stadt nicht
mehr besonders auf. „Wenn er (der Verführer) Mann ist, wenn er
an Charakter hat, wird er sie wohl heiraten," hört man höchstens sagen.
Wurde aber von Anfang an der rechtmäßige Weg betreten, so tat
in Altmünchen nicht der Freier selbst — auch wenn Beide sich schon
einig waren — sondern ein älterer, ehrsamer Mann, meist ein naher
Verwandter, die Anfrage, ob die Sippschaft des Mädchens und dieses
selbst der Vermählung geneigt sei. War zwischen den Familien alles
abgeredet, so erfolgte der feierliche Verspruch, jedoch nur im engsten
Familienkreise. Mit um so größerem Prunk wurde dagegen die Hochzeit
gefeiert; jeder, der irgend zur Freundschaft (Verwandtschaft) gehörte,
mußte dazu geladen werden. „Ich gehe dir auf die Hochzeit" war ein
Versprechen, das freundliche ehrende Gesinnung ausdrückte. Es galt
und gilt als schwere Kränkung, Jemand hierbei zu übergehen. In alter
Zeit fanden die Hochzeiten stets im Elternhause des Bräutigams, erst
später in dem der Braut statt. Die Feste und Gastlichkeiten dauerten
oft mehrere Tage, so daß der Rat von München zu Beginn des 15.
Jahrhunderts den übermäßigen Aufwand bei derartigen Festen rügen
mußte. Es wurde damals verordnet, daß zu einer Hochzeit höchstens
24 Frauen und Jungfrauen aus der Verwandtschaft geladen werden
dürften, außer es seien Fremde da. Kinder unter 10 Jahren sollte man
gar nicht zur Hochzeit gehen lassen. Die Hausfrau setzte besonderen
Stolz darein, bei solchen Anlässen vor den Gästen mit ihrem schönsten
Geschirr zu prunken; in wohlhabenden Bürgerhäusern war damals an
glänzendem Zinn und Kupfer, sogar an getriebenem Silber kein Man-
gel. Vom Umfange hochzeitlicher Gastmähler berichten einzelne noch er-
haltene Speisezettel, die uns Heutige mit fassungslosem Staunen über
solche Leistungsfähigkeit erfüllen. Außerdem erhielten die Gäste am
Schlüsse eine zierlich in ein Tuch eingewickelte Mitgabe, die sie mit
heimnahmen und die das „Bfcheidessen" hieß. Später bürgerte sich all-
gemein die Sitte ein, das Hochzeitsmahl in einem Wirtshaus zu hal-
ten, wie dies auch heute noch in den weitesten Volkskreisen Brauch ist.
Zum Kirchgang wurde im alten München vom Turme herab geblasen.
In frühen Zeiten begab sich der Brautzug in die Kirche zu Fuß, später
bediente man sich bei vornehmen Hochzeiten der Kutsche, wenigstens für
die Braut und die beiden Ehrenmütter. Die Braut trug den reich ge-
stickten Brautgürtel und den Kranz resp. die mit Blumen durchflochtene
Brautkrone. Der Bräutigam steckte an Hut und Sonntagsrock ein
Sträußchen von goldenen und silbernen Flitterblumen, mit bunten
Bändern durchflochten, dazu ein Zweiglein Rosmarin. Vor dem Kirch-
* 202 *
gang pflegte das Brautpaar noch den Eltern für alle bisher genossenen
Guttaten zu danken, ihren Segen zu erbitten und zu empfangen.
Nach altem Volksglauben soll die Braut niemals umblicken während
der kirchlichen Trauung, sonst „sieht sie sich nach dem Zweiten um",
d. h. ihr junger Gatte wird sterben. Viele der einfachen Zuschauerinnen
bei einer Hochzeit achten jetzt noch darauf, wer von den Brautleuten
weiter vom Altar zurückkniet oder an wessen Seite die Altarkerze
schneller herunterbrennt; denn das Betreffende wird zuerst sterben.
Ebenso ist viel verbreitet der Aberglaube: derjenige, der während der
Trauung seinen Fuß auf den des anderen setzt, oder die Hand
beim Segen oben hat, werde in der Ehe die Herrschaft haben.
Die Brautleute sollen während des Segens so nahe beieinander
knieen, daß niemand zwischen ihnen hindurchblicken kann. Sehr
alt war der unheimliche Glaube: um jede liebende Annäherung
der Vermählten aneinander zu hindern, dürfe jemand nur ein Schloß,
das er in der Hand halte, während des Segens zuschnappen lassen und
dies Schloß hernach ins Wasser werfen. Auch wer beim Gratulieren
die Hände des Brautpaares mit einem Nagel rieb, der am Charfreitag
an das heilige Schmerzenskreuz gedrückt ward, sollte die Eintracht
beider zerstören; doch versündigte er sich schwer dadurch. Ehemals be-
stand die schöne Sitte, daß eine vom Land stammende Braut in ihrer
Heimattracht vor den Altar trat; die aus Tölz gebürtige Schwester
eines bekannten vaterländischen Forschers trug an ihrem Hochzeitstage
das schöne Gewand der Ahnfrau, obschon sie in ein vornehmes Münchner
Haus einheiratete. Die Ausstattung der Braut wurde in solchem Falle
gleichfalls auf geschmückten Wagen — „Kammerwagen" sagt man auf
dem Lande — in das neue Heim geführt. Die Spitze des Wagens bil-
dete ehedem die Braut oder Brautjungfer mit der Kunkel, später die
Wiege. Es war bräuchlich, einer solchen Fuhre bei der Abfahrt einen
Teller oder Hafen so nachzuwerfen, daß das Geschirr an den Rädern
zerschellte. Gab es viel Scherben, so bedeutete dies Glück in der Ehe,
nach anderen Herrschaft des Mannes.
So lange Münchens Kirchen noch mit Friedhöfen umgeben waren,
galt der alte fromme Brauch, daß sich das neugetraute Paar beim Ver-
lassen der Kirche an die Gräber der dort bestatteten Anverwandten, zu-
mal der Eltern, begab, um im stillen Gebet daran zu verweilen. Beim
Verlassen des Friedhofes sperrte gewöhnlich ein Strick mit frischem
Grün umwunden den Ausgang, und dieser mußte erkauft werden, indem
der Bräutigam kleine Münzen unter die den Strick haltende, mut-
willige Jugend warf.
Beim Betreten des Hauses, wo das Hochzeitmahl stattfand, war es
ehemals Sitte, daß die Köchin der Braut entgegentrat, sie begrüßte
* 203 *
und aufforderte, das Kraut zu versuchen, worauf die Braut in die
Küche ging, die Suppe salzte und etwas vom geweihten Hochzeitswein
in den Fleischtopf tat. Späterhin pflegte die Köchin während des Mah-
les mit verbundener Hand im Saale zu erscheinen, klagend, daß sie vor
Freude und Aufregung sich so arg verbrannt hätte und nicht weiter
kochen könnte. Doch stellte ein Trinkgeld des Bräutigams sie alsbald
wieder her.
Auf uralte Germanensitte geht der Brauch zurück, daß während des
HochzeitmahleS die Braut plötzlich verschwunden, nämlich gestohlen war.
Der Bräutigam mit seinen Beiständern machte sich auf, sie zu suchen,
fand sie endlich in einem Nachbarhause versteckt und mußte sie von den
jungen Leuten, denen der Raub gelungen war, mit Geld wieder aus-
lösen. Bei oder nach der Mahlzeit wurde stets in irgend einer drolligen
Umhüllung der Braut eine Anspielung auf künftige Mutterfreuden,
etwa ein Wickelkindchen, überreicht.
Den Reigen nach der Tafel eröffnete der Hochzeiter mit seiner
Hochzeiterin, darnach forderten beide alle anwesenden Ehrengäste der
Reihe nach zum tanzen auf. Mitunter gab es zu Anfang des Tanzes
eine kleine Verzögerung, indem die Hochzeiterin mit einem Male hinkte.
Es stellte sich heraus, daß eine größere Münze in ihrem Schuh das
Hinken veranlaßt hatte. Das Hindernis wurde entfernt und den auf-
fpielenden Musikanten eingehändigt.
Bis zur Schwelle des hochzeitlichen Gemaches gaben ehemals dem
Brautpaar die nächsten Angehörigen das Geleite; bei vornehmen Hoch-
zeiten wurde dem Paar mit Fackeln vorgeleuchtet. Das Ehebett kirchlich
einsegnen zu lassen, ehe die Gatten ihr Gemach betraten, war weit ver-
breitete Sitte. Der Tag nach der Hochzeit hieß „der goldene Tag". Er
wurde durch ein kleines Mahl im Hause der Brauteltern gefeiert, an
dem aber nur die nächsten Verwandten teilnahmen. Die jungen Gatten
pflegten an diesem Tage die Kirche zu besuchen; außerdem wurde am
goldenen Tage die Mitgift der Frau dem Gatten ausgehändigt. Sie
selber trat die Herrschaft an im neuen Hauswesen, wo sie von nun
an wacker schaltete — wenn sie nicht gar zu bald „nach Rom reisen
mußte", wie ein gewisser hoffnungsvoller Zustand in München all-
gemein genannt wird.
Kindersegen war voreinst viel mehr als heute ersehnt und, falls er
ausblieb, bitter vermißt. Wo die Kunst der Ärzte versagte, flüchtete die
unfruchtbare Frau meist zur Gottesmutter in irgend eine Gnadenkirche.
In solchen Kirchen sind häufig seltsame, krötenähnliche Gebilde, meist
aus Eisen zu sehen, Sinnbilder der sogenannten „Bärmutter", gewid-
met von Frauen, die Befreiung von einem weiblichen Leiden erflehen.
Auf erbetenen Kindersegen weist das Votivgeschenk eines kleinen Kind-
* 204 *
chens aus Wachs oder gar aus Silber. Wenn fleißiges Kirchfahren
nicht half, so lag der Altmünchnerin der Verdacht nicht ferne, daß sie
„vermeint" oder verhext sei. Hat doch sogar Kurfürst Maximilian I.
die Unfruchtbarkeit seiner ersten Frau der Verhexung zugeschrieben!
Im 16. und 17. Jahrhundert, wo der Hexenwahn wie eine Seuche
wütete, wandten viele^Frauen sich irgend einer „wissenden" Person zu,
die sich auf „weiße Magie" verstand, nämlich auf magische Mittel,
welche, ohne gegen den Christenglauben zu verstoßen, der schwarzen
Magie, der Hexenkunst, entgegenwirken sollten. Doch sind auch die
Volksmeinungen zahlreich, die sich mit anderen Gründen der Kinder-
losigkeit beschäftigen. Daß ein zorniges Weib nicht leicht Mutter werde,
war eine weitverbreitete Anschauung. Auch die Nichterfüllung eines Ge-
lübdes oder des feierlichen Versprechens, das man einem anderen ge-
geben hatte, konnte die Ursache der Unfruchtbarkeit sein.
Die werdende Mutter, nachdem sie ihrer Hoffnung gewiß war, sollte
stets etwas Geweihtes an sich tragen, um sich vor dem „Vermeinen" zu
schützen. Sie soll nicht Branntwein oder Schnaps trinken, denn damit
brennt sie dem Kind „das Herzl aus". Es ist auch nicht gut, wenn die
Mutter vor der Geburt die leere Wiege schaukelt: damit nimmt sie dem
Kinde den Schlaf. Den Anblick eines Toten soll sie meiden, sonst kann
ihr Kleines sterben oder doch Totenfarbe erhalten. Während eine Wöch-
nerin im Bette liegt, soll nach altem Glauben das Feuer auf dem Herde
nicht ausgehen, das brächte Unglück. Gerne legte man ehemals der
Mutter und dem Neugeborenen etwas Geweihtes ins Bett oder hing
es ihnen um den Hals, weil über die noch nicht aufgesegnete Frau und
das ungetaufte Kind der Böse Gewalt hätte. Die Hebamme räucherte
mit Kranewitt (Wachholder), der gegen Zauber hilft; sie hing übers
Bett einen Trudenstein (ein kleiner schwarzer Kiesel, durch den von
Natur ein Loch geht), wenn sie glücklicherweise einen solchen besaß.
Auch zündete sie eine geweihte Kerze an und machte mit dem Benedik-
tenkreuz der Kindbetterin drei Segenskreuze auf Stirne, Brust und
Füße. Mit der Taufe ward von jeher so sehr als möglich geeilt, damit
der kleine Mensch nicht der ewigen Seligkeit verlustig gehe. Den Zu-
stand der Ungetauften im Jenseits dachte die Volksmeinung als leid-
und freudlos. Noch im 18. Jahrhundert wurden bisweilen die Leichen
von Kindern, die bei der Geburt gestorben waren, in irgend einer
Gnadenkirche vor den Altar gelegt unter andächtigem Gebete, solange
bis der kleine Leichnam „zeichnete", d. h. irgend eine Veränderung
zeigte, die als ein Merkmal flüchtig wiedergekehrten Lebens gelten
konnte. Dann durfte er die Nottaufe empfangen und somit der Christen-
heit beigezählt werden. Ungetaufte oder totgeborene Kinder kamen
ehemals nicht in geweihte Erde, sondern hatten auf dem Freithof oder
* 205 *
angrenzend an denselben ihr eigenes kleines Totenfeld, den Unfchuldigen-
Gottesacker. Allgemein war und ist jetzt noch der Brauch, eine Mutter,
die bei der Geburt stirbt, in Kranz und Schleier wie eine Jungfrau
zu begraben. Die tiefe und schöne Bedeutung davon ist, daß die Gebä-
rerin durch ihren Opfertod die ursprüngliche Reinheit wieder erlangt hat
und geradeswegs in den Himmel eingeht.
Nach alter Anschauung sollte bei einem Kinde, außer dem namenge-
benden Paten, auch eine Person des anderen Geschlechtes zu Gevatter
stehen. DaS bedeutete dem Kinde künftiges Liebes- und Eheglück.
Ferner galt in Altmünchen der Brauch, einem Knaben gleich nach der
Taufe ein Schwert oder sonstiges Gewaffen in die Hand zu geben,
damit er nicht verzagten Sinnes würde. Die Hebamme, von dem Paten,
resp. der Patin geleitet, trug das Kleine zur Kirche, wohlgemerkt in
die Sakristei, denn das Betreten des heiligen Raumes selbst ist erst dem
in die christliche Gemeinschaft Aufgenommenen gestattet. Am alten
Frauenfreithofe befanden sich an fünf Stellen Öffnungen in der Kirch-
hofsmauer, die durch eine Drehschranke (einen Pfahl, auf dem eine
Drehscheibe in Kreuzesform liegt) abgeschloffen waren. Im Volks-
mund hießen diese Drehschranken „wart ein bißl". Hier hatte der Täuf-
ling seinen ersten Aufenthalt: die Wehmutter mußte mit ihm warten,
bis der Meßner kam und gegen ein paar Kreuzer Schrankengeld beide
hereinließ.
Nach der Taufe brachte die Wehmutter der Wöchnerin das Neuge-
taufte zurück mit dem Spruche: „einen Heiden haben wir fortgetragen,
einen Christen bringen wir."
In guten Bürgerhäusern war es Sitte, daß darnach ein kleines
Taufmahl abgehalten wurde, an welchem der Geistliche, die Paten,
die Hebamme und die nächsten Verwandten teilnahmen. Fleischspei-
sen waren von diesem Mahle ausgeschlossen; als unerläßliche Speisen
aber wurden aufgesetzt: Schneeballen (eine Art Krapfen), Käse,
Konfekt, Früchte und Wein. Hernach wurde von all diesem den
Gästen noch etwas in ihre Wohnung geschickt. Käse mußte beim Kind-
taufmahl dabei sein, weil das Kind, wenn es ein Knabe war, sonst
später keinen Bart bekam.
Einige Tage nach der Taufe pflegten die Frau Gevatterin und die
sonstigen Nahestehenden der Kindbetterin ihren Besuch abzustatten.
Dabei wurden Geschenke gebracht, meist Eier, Butter, Mehl und dergl.
Das altbayerische Wort für das Kindbett- oder auch Hochzeitsgeschenk
lautet „Weisat". Sogar im altbayerischen Weihnachtslied, wenn die
Hirten sich aufmachen gen Bethlehem, wird beraten, was sie dem gött-
lichen Kinde und der reinsten Mutter „weisen" wollen, und der älteste
Hirt mahnt die jüngeren:
Und bal ma zu dem Kind hinkemma 1 So bucktS enk sauber fei,
Tuats Weisat in die Hand nemma 1 Und geatS schö zugsam nei!"
Ein Münchner Kind empfing vom Paten (Göd, Godel ist der bayerische
Name für Pate und Patin) einen Patenthaler, meist eine schöne, alte
Denkmünze, in die Wiege. Später, wenn es größer war, einen silbernen
Patenlöffel mit dem eingravierten Namen des Herrn Göden. Außerdem
bekommt das Patenkind, bis es erwachsen ist, vom Göd oder der Godel
an jedem Allerseelentag einen Seelenwecken oder Seelenzopf. Dies Ge-
bäck, künstlich geflochten, vom einfachen Hefenteig bis zum feinsten
Bisquit- oder Makronenteig, ziert in allen Größen, mit bunten Pa-
pierblumen besteckt, während der letzten Oktober- und ersten Novem-
bertage die Auslagefenster sämtlicher Münchner Feinbäcker und Kon-
ditoren. Am Palmsonntag wurde das Kind ehedem im Hause des Paten
mit Met und Konfekt bewirtet. Göd oder Godel stehen dem Kinde
näher, als selbst die Blutsverwandten; denn sie sind es, welche das
Kleine „aus dem Waffer" (der Taufe) holen und ihm den Namen
schöpfen. Ehemals war eS Brauch, daß am Tage der Firmung das
Patenkind nochmals brieflich dem Göd oder der Godel ehrerbietigen
Dank sagte dafür, daß sie ihm einst zur christlichen Taufe verhalfen
hatten.
Wenn Fremde ein kleines Kind berufen, so soll die Mutter zur Seite
auöspucken oder noch beffer das Kind sofort bekreuzen. Noch heute be-
steht im Volke der Glaube: einem von plötzlicher Krankheit, z. B. den
Fraisen, befallenen kleinen Kinde könnte etwas „angetan", d. h. es
könnte verhext sein. Eine Münchner Arbeitersfrau dagegen, deren
Kleines in Krämpfen lag, erklärte: „Dös glaub i wieder net, daß
dem Kind was antan worden iS; S' Gehirn wachst halt und so oft dös
an Ruck tut, beutelt's das Kind a weng umanand." Wo Kinder sind,
galt es als heilsam, ein Rotkehlchen im Käfig zu hallen, weil bei Ma-
sern oder Scharlach der Kinder dieser Vogel die Krankheit an sich
ziehen soll. Hier und da ward noch bis vor kurzem behauptet, daß man
einem kleinen Kinde die Fingernägel nicht beschneiden, sondern, wenn
sie wachsen, ihm abbeißen soll, weil das Kind sonst ein Dieb wird.
Recht bedenklich war die alte Sitte, das Kind, fast bis es stehen
konnte, fest zu „fatschen", d. h. zu wickeln, wobei die Ärmchen eng an
den Körper gepreßt wurden. Es gehörte die eingeborene Gesundheit
eines kräftigen Volksstammes dazu, daß nicht viel häufiger Krankheiten
und Verkrüppelungen hieraus entstanden.
Das Trotzen auf diese Gesundheit verriet und verrät sich auch in dem
frühen Darreichen schwer verdaulicher Nahrung, in dem vorzeitigen
Biergenuß und ähnlichen Dingen, die jedoch in München erfreulich ab-
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genommen haben, dank der unablässigen Einwirkung sozialer und hy-
gienischer Vereinigungen.
Das Kind ward größer und die Eltern walteten ihrer Erzieher-
pflicht. Sie lehrten es, nicht ohne Morgengebet aufzustehen, nicht das
Waschen und Kämmen zu vergessen, nichts anzunehmen aus fremder
Hand; denn durch alles dies könnte feindliches, nächtiges Wesen Macht
über Leib und Seele gewinnen. Auch nichts aufheben von der Straße
sollte das Kind. Es soll jetzt noch nicht bei Tische das Messer mit der
aufwärtsgekehrten Schneide hinlegen, damit nicht ein Englein oder
eine arme Seele sich daran schneidet. Eßbare Gegenstände wegzuwerfen
gilt als Sünde gegen die Gottesgabe, sie verkommen lassen, ebenso. Eine
Ausnahme macht, wenn das Kind ein Stück Brot ins Freie auf einen
Kreuzweg legt oder in ein Bächlein wirft mit den Worten: „für die
armen Seelen." Wer den Tisch Abends nach dem Nachtmahl nicht or-
dentlich abräumt, nimmt den armen Seelen die Ruhe; wer ohne Nacht-
gebet einschläft oder die Stiefel verkehrt vors Bett wirft, den kann
die „Trud" (der Alp) drucken, oder der Teufel kann einsteigen zu ihm.
Der kann auch einfahren in Solche, die beim Gähnen nicht die Hand
vor den Mund halten oder ein Kreuz davor machen. Recht eitle
Dirndln, die sich voll Hoffart in den Spiegel schauen, sollen ein Teufels-
antlitz oder einen Totenkopf statt des ihrigen sehen. Eine Münchner
Mutter lehrte ihr Dirndl: ,,D' Hoffart ist die öberste Sünd; weil dös
an Lucifer die feine g'weft ist. Der hat nöt unferm Herrgott zu Füßen
sitzen mögen, und a seins Paar Schuh' hält' er wöllen, er alloanig, wo
doch alle lieben Engerln bloßfußet gehen."
Wenn die Kinder fragten, wo sie hergekommen feien, ward ihnen
gerne weißgemacht, die Eltern hätten sie vom Baume herabgeschüttelt
oder aus einem tiefen Brunnen heraufgeholt. Erst ziemlich spät hat der
gute Storch sich in München eingebürgert.
Nach Sonnenuntergang, wo alles Unholde um den Weg ist, sahen
sorgliche Eltern nicht gern, daß ihre Kleinen noch draußen spielten; auch
jetzt rufen sie dieselben meist nach dem Aveläuten in die Stube.
Unzählig sind die Spiele alten Herkommens, die das Münchner
Straßenkind noch heute spielt: „Fangemandl", (Haschespiel), „Schnei-
der leih' mir die Scher", (ein Platzwechselspiel), „Räuber und
Schandi" und das in allen möglichen Lesarten übliche „Engerl- und
Teuferlspiel". Das allbekannte: „Ringel ringelreihe", wobei die Kin-
der sich an den Händen halten und eine Runde bilden, ist von altersher
den Münchner Kindern geläufig, nicht minder das Reihenlied „Marie-
chen saß auf einem Stein", über dessen grauslichen Sinn (Ermordung
des Mädchens durch den treulosen Geliebten) die Harmlosigkeit der
Kinder glücklich hinweggeht.
Was den Schulunterricht in Altmünchen betrifft, so war bis zu Be-
ginn des neunzehnten Jahrhunderts Niemand verpflichtet, feine Kin-
der in eine öffentliche Schule zu schicken; vielmehr stand Jedem frei, sie
nach eigenem Plan erziehen zu lassen. Der Adel wählte meist den letz-
teren Weg, hielt sich Privatlehrer; die Bürgersöhne besuchten öffent-
liche Schulen. Die beiden Normal- und Trivialschulen bei Unserer
lieben Frau und bei St. Peter waren nur für Knaben, desgleichen das
Gymnasium, in dessen lyceistischer Abteilung Philosophie und Theologie
von geistlichen Lehrern gelehrt wurden, während in den Realklassen und
der humanistischen Abteilung auch weltliche Lehrer sich befanden. Außer-
dem gab es gegen Ende des 18. Jahrhunderts noch zehn Normal-
schulen in den verschiedenen Stadtteilen. Die üblichen Prüfungs-
gegenstände waren: Religions- und Sittenlehre, Schönschreiben, Hi-
storie und biblische Geschichte, Rechenkunst. Den Unterricht der Mäd-
chen übernahmen hauptsächlich die Nonnenklöster, so die Englischen
Fräulein, die Salesianerinnen, die Servitinnen. Zur Ausbildung armer
fähiger Knaben für den Priesterstand hatte Albrecht V. noch das Gre-
gorianum in der Neuhauserstraße (außerdem auch Albertinum
genannt) begründet. Es hieß nach dem großen Papst Gregor, dem beson-
deren Gönner und Patron der armen Bettelstudenten. Ein ganz eigen
Münchnerisches Kinderfest, das gleichfalls mit dem Papste Gregor I.
zusammenhing und an seinem Tage stattfand (12. März), war bis zum
Ende des 18. Jahrhunderts im Schwange. Zu diesem „Gregori",
mit dem der winterliche Schulunterricht abschloß, wurden aus der
Zahl der Schulknaben dreie gewählt, deren einer den Bischof, die
zwei anderen seine Pfarrer (Diakone) darstellten; die übrigen Buben
verkörperten verschiedene Stände: Doktoren, Handwerker usw. Nach
diesen angenommenen Charakteren gekleidet, zogen die Kinder am
genannten Festtage von der Schule zur Kirche, wo eine Predigt
mit Hochamt abgehalten ward. Nach der Predigt wurde von den
Kindern das Gregoriuslied: „Hört ihr Eltern, Christus spricht"
gesungen, darauf hielt der kleine Bischof eine ihm eingelernte Predigt
in Versen. Nach dem Gottesdienst zog die Kinderschar unter Führung
des „Bischofs", der anstatt des Krummstabes eine Bretzel auf einer
Stange trug, durch die Stadt und erhielt von allen Seiten Kuchen
und Bäckereien geschenkt. Eine „Münchner Schulmeisterordnung" vom
Jahre 1563 besagt: „Mit dem Gregori oder Umgehen zu St. Gre-
gorientag soll es hinfüran noch wie von alters her gehalten werden und
ein jeder Schulmeister mit seinen Kindern denselben zu einer Freud
und Ergehung züchtig umgehen. Aber zu der Mahlzeit, die nach dem
Umgehen gehalten worden, soll hinfür niemand verbunden sein, seine
Kinder zu schicken, sondern in eines Jedweden freien Willen stehen,
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ob er seine Kinder bei dem Schulmeister will effen und zehren lasten
oder nicht."
Allmählich wurde der Brauch, der als unpassend und veraltet er-
schien, in eine Art Maifest umgewandelt, das an einem schönen Tage,
etwa zwei Wochen vor Jakobi, mit einem Gottesdienst begann und
stch dann in ein großes fröhliches Treiben auf der alten Schießstätte
vor dem Karlstor fortsetzte. Noch Lorenz Westenrieder hat es mit
Freuden gesehen und beschrieben. Um die Wende des >8. zum 19. Jahr-
hunderts hörte der Kindergregori auf. Die altbayerische Mundart kennt
noch den Ausdruck „Gregori", als Bezeichnung eines ausgelassenen
Treibens, eines Drüber und Drunter.
Am 20. Dezember herrschte in Altmünchen der Brauch, daß jedes
Kind sich eine Rute aus Wachholderzweigen machte und die Erwach-
senen damit fitzen durfte, was man „pfeffern" hieß, bis sie sich durch
ein kleines Geschenk loskauften. Desgleichen durften bis ins 18. Jahr-
hundert die Knaben am Vorabend und Nachmittag des Palmsonn-
tags auf dem hölzernen Palmesel, der die segnende Heilandsfigur trug,
die Kirchen umfahren. Von den übrigen mit den kirchlichen Hauptfest-
zeiten verbundenen Kinderfreuden, wie dem Niklo, dem Klöpfeln usw.
wird noch zu reden sein. —
Um ein Kind, das in seiner Unschuld gestorben, mithin ein Engel ge-
worden ist, soll die Mutter nicht zu heftig weinen, weil sie ihm damit die
himmlische Freude verstört. Wer kennt nicht das schöne Märchen, wie
das tote Kindlein der weinenden Mutter erscheint und sie bittet, nicht
mehr so zu weinen, weil sein Hemdchen von ihren Tränen so naß wird?
Und die Mutter, aus Liebe zu ihrem Kind, zwingt sich, nicht mehr zu
weinen.
Den toten Kindern ward ein Kränzlein auf den Kopf und um die
Hände gegeben; sie wurden schon binnen 24 Stunden begraben. Mit
einer Kinderleiche ging kein Mann, mit dem Leichenzuge eines Erwach-
senen dagegen keine Frau. (Erst seit ein paar Jahrzehnten ist diese
Sitte durchbrochen worden.) Dem SeelengotteSdienst dagegen wohnten
Männer und Frauen bei.
Den Verstorbenen ledigen Standes, die schon zur Kommunion ge-
gangen waren, legte die Seelnonne vor das Haus ein Kreuz von Stroh,
hierauf einen Ziegelstein und auf diesen eine Krone, die jedoch vor
Nacht weggenommen, erst des Morgens wieder hingeseht ward. Den
Verheirateten wurden das Kreuz und der Stein ohne Krone hingelegt,
wie auch ihr Sarg nicht gleich dem von Kindern und Ledigen mit Kro-
nen geziert war. Bei Erwachsenen pflegte das Trauergeleite nicht zur
Begräbnisstätte zu fahren; Kinderleichen wurden (nach Westenrieder)
in der Kutsche hingebracht. E'gene Leichenfuhrwerke gab es bis Ende
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des 18. Jahrhunderts nicht; die Toten wurden zu Grabe getragen. Erst
im März 1798 beantragte Graf Rumford, der Vertraute des Kur-
fürsten Karl Theodor, bei der Staatskammer die Beschaffung von Kin-
derleichenwagen; im selben Jahre schaffte die Stadtgemeinde Mün-
chen drei Leichenwagen für Erwachsene an. Die Sitte des Totentragens
war jedoch so allgemein, daß die Fortschaffung der Leichen mittelst
Leichenwagen noch 1848 bei Strafe anbefohlen werden mußte. Bis tief
ins neunzehnte Jahrhundert kam es vor, daß die Seelnonne (Leichen-
frau) ein totes Kind auf den Friedhof trug.
Die Einrichtung von Leichenhäusern, die Vorkehrungen gegen die
Bestattung Scheintoter entstammen auch erst dem neunzehnten Jahr-
hundert, desgleichen die heutige Sitte, die Toten hinter den großen
Glasfenstern der Leichenhallen auszustellen. Als zu München noch nicht
die jetzigen Vorschriften bestanden, laut welchen ein Verstorbener späte-
stens 12 Stunden nach eingetretenem Tode in die Leichenhalle über-
führt werden muß, wurden die Leichen der Erwachsenen bis zur Be-
stattung, also 36 — 48 Stunden im Hause aufgebahrt; zuweilen voll-
zog stch die Aufbahrung in einer Kirche. Bei dem Verstorbenen hielten
Angehörige und Freunde abwechselnd unter Gebet die Totenwacht;
fand die Aufbahrung in einer Kirche statt, so ward dies Amt auch von
Geistlichen übernommen.
Die Begräbnisse gewöhnlicher Leute geschahen in Altmünchen meist
am frühen Morgen, die der Bürger nach Vesperzeit, und zwar war die
Stunde um so später, je vornehmer der Rang des Verstorbenen. Bei
vornehmen Leichen gingen die Hauptleidtragenden in der „Gugel", d. h.
in einem schwarzen kuttenartigen Gewand mit schwarzer Kapuze, die
nur die Augen freiließ. Dieser Brauch erhielt sich nachmals nur bei den
Leichenbegängnissen bayerischer Könige, und zwar war es die Münchner
Laderinnung (Trockenlader), der die Gerechtsame zustand, den toten
Fürsten als „Gugelmänner" zu geleiten. Sie schritten, wie dies noch
bei der Bestattung König Ottos I. geschah, unmittelbar vor dem
Sarge, vierundzwanzig an der Zahl, der Letzte trug das Bildnis des
hl. Georg, des Schutzpatrons des wittelsbachischen Königshauses. An-
läßlich der Bestattung des letzten KönigSpaareS wurden die Gugel-
männer durch ehemaliges Hofpersonal gestellt.
Wo eine Leiche an einer Kirche vorübergetragen wurde, läuteten in
Alt-München jedesmal die Glocken. Bei den Seelgottesdiensten
herrschte in München der auf dem Lande noch bestehende Brauch, daß
sämtliche Anwesende zweimal um den Altar zum Opfer gingen. Der
Hauptkläger behielt bei der ersten Seelenmesse den Hut auf. Allgemein
war es üblich, den Freunden, die den Toten geleitet hatten, hernach ein
Leichenmahl zu geben, wobei es nach reichlichem Trünke mitunter sehr
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lärmend zuging. Ebenso ward Brot und bisweilen Geld nach der
Kirche den Armen ausgeleilt; noch jetzt stellen in einem Trauerhause
Bettler sich zahlreich ein. Am siebenten oder am dreißigsten Tage nach
dem Todesfall fand ehemals noch ein Leichentrunk für die Leidtragenden
nach Kirch- und Opfergang statt. Bis ein Monat abgelaufen, kamen
jeden Abend die nächsten Freunde zusammen, um im Trauerhause für
den Verstorbenen zu beten, wobei sie dort bewirtet wurden. Nach altem
Glauben aber sollte kein Fremder im Hause effen, solange der Tote
noch darin lag; das galt als unheilbringend. Ebenso wurden ehemals
die Schüsseln, die beim Leichenmahl gedient hatten, zerschlagen, wegen
des Glaubens, daß, wer daraus wieder äße, schwer erkranken würde.
Wenn Eins in „die Züge greift", d. h. wenn der Todeskampf ein-
tritt, wurde (und wird) eine geweihte Kerze angezündet und das Fenster
geöffnet, damit die Seele leichter vom Leibe scheide; auch wurden sonst
die Wände mit Weihbrunn besprengt, auf daß der Böse keine Gewalt
habe. Das Waschen und Ankleiden der Leiche oblag von Alters der
Scelnonne. Beim Hinaustragen eines Toten wurde streng darauf ge-
achtet, daß er „mit den Füßen voraus" fein Heim verließe; auch ward
ihm ein Gefäß mit Wasser nachgeschüttet, — Beides, damit er nicht
als Spukgeist wiederkehre.
An Tod und Grab hat sich von jeher der Aberglaube mit Vorliebe
gehängt. Wenn z. B. in einer Münchner Kirche ein Licht auf dem
Altäre von selbst auslöschte, so ward daraus geschlossen, daß bald ein
Priester dieser Kirche sterben werde. Das Ablaufen einer Turmuhr
sollte einen Todesfall in der Herrscherfamilie anzeigen; ganz besonders
galt dies von der Uhr auf der Theatinerkirche. übrigens ward auch
das plötzliche Ablaufen von Uhren in Privathäusern als unheilkündend
angesehen. Das hartnäckige Heulen eines Hundes in einem Hause, wo
jemand krank liegt oder das Krächzen eines Raben auf dem Dache
waren und sind in den Augen vieler alter Münchnerinnen bestimmte
Todesvorzeichen. Der Totenwurm (Holzwurm), dessen leises Picken
gleichfalls Tod weissagt, ist unterm Namen ^,Erdschmiedl" bekannt
und unbeliebt. Wenn der Kranke auf Hühner- oder Taubenfedern
liegt, so stirbt er hart. Erst recht hart stirbt, wer eine unbereute
Sünde auf sich hat oder Unrecht eines andern gegen ihn nicht
verzeihen mag. Wenn einer Leiche im Sarge ein Band des Toten-
kleides in den Mund gerät, so — meinte man einst — saugt sie daran
so lange, bis noch ein anderes Familienglied stirbt. Auch wenn das
Gesicht einer Leiche rot aussieht, soll noch jemand aus der Sippschaft
sterben. Die beiden letzten, an Vampyrsagen gemahnenden Arten von
Aberglauben sind längst verschollen, ebenso die alte Sitte, dem Toten
ein Geldstück in den Mund zu legen, damit er, im Falle er einen ver-
borgenen Schah hinterließe, nicht als Spukgeift umgehen dürfte. Da-
gegen wird es von furchtsamen Gemütern noch heute als gefährlich be-
trachtet, einem Toten irgend etwas, das einem Lebenden gehört, mit
ins Grab zu geben, weil dadurch der Tote ihn nachziehen könnte. Alt-
münchnerisch hieß es: „wenn ein Zweiglein von einem Rosmarin-
strauche einem Toten ins Grab mitgegeben wird, so verdirbt der Stock,
sobald das Reis im Grabe fault". Manche haben es nicht gern, wenn
ein Toter die Augen nicht fest zu hat, sodaß er zu blinzeln scheint; er
soll dann nach dem nächsten Toten schauen. Weit verbreitet ist die
Meinung, daß die Trauernden keine Träne auf den Toten fallen lassen
dürfen, weil sie ihm sonst die Ruhe nehmen.
Ein Nagel von einer Totenbahre unter eine Türschwelle gelegt,
sollte nach altem Glauben verhindern, daß ein Dieb hereinkäme; wurde
ein solcher Nagel an den Standort eines Pferdes gesteckt, so sollte es
nicht weiter können, sondern stehen bleiben müssen. Ein Nagel, auf dem
Kirchhof gefunden, bringt dem den Tod, in dessen HauStüre er ein-
geschlagen wird.
Bisweilen geben sogenannte „könnende" oder „wissende" Frauen
den Rat, Kirchhofserde auf ein geschwollenes oder entzündetes Glied
zu legen: das heile trefflich. Ein alter Taglöhner, dem dieser Rat erteilt
wurde, nickte bedeutsam: „Sell glaab i scho," sagte er — „Kirchhofs-
erden heilt uns allesam."
c) Von den Festtagen
Eng verbunden ist das Münchner Volksleben mit der reichen Sym-
bolik des katholischen Kults. Gleich in den Beginn jedweden neuen
Jahres fällt das Fest der Erscheinung des Herrn, „Dreikönigstag"
genannt. In alten Urkunden wird er als der „obriste Tag" bezeichnet;
mit ihm schließt die geheimnisvollste Zeit des Jahres ab, die der zwölf
Rauchnächte (von Christi Geburt bis 6. Januar), in der christliche und
uralt heidnische Überlieferung sich wundersam vermischen. Am Vorabend
schon wird in der Kirche Wasser, Salz, Kreide und Weihrauch geweiht.
Mit dem Weihrauch, der früh beim Gottesdienst an allen Kirchtüren
zu Kauf steht, wird das Haus durchräuchert, während auf die Türen
von Haus und Stall die Anfangsbuchstaben der heiligen drei Könige
ch C -f- M j- B j- mit geweihter Kreide gemalt werden. Ehemals
räucherte der Hausherr sein Heim mit der Glutpfanne aus, auf die
außer dem Weihrauch noch Wachholder und andere heilsame, zur Ab-
wehr finsterer Mächte dienende Kräuter gelegt wurden.
An Dreikönig soll auch die Wünschelrute geschnitten werden, außer-
* 213 *
* 212 *
dem noch zur Fastnacht und am Johannistag. Um Sonnenaufgang und
wann der Mond sich erneut, soll der Schnitt geschehen; ein jähriger
Trieb der Haselftaude hat die meiste Kraft. Während des Schnittes
soll man sprechen: „Ich schneide dich, liebe Ruten, daß du mir mußt
sagen, um was ich dich tu fragen und dich solang nit rühren, bis du die
Wahrheit tust spüren." Darnach ward die Rute getauft in der Hl.
Dreifaltigkeit Namen und auf einen der hl. drei Könige.
Sowohl am Vorabend wie am Abend des Dreikönigstages zogen
ehemals Kinder und junge Leute Gaben heischend umher unter Ab-
singen der uralten Dreikönigslieder, auch Sternlieder genannt. Meist
waren drei dabei, die sich als „Könige" hergerichtet hatten und auf
einer Stange einen goldpapierenen Stern trugen. Alte Münchner,
zumal in den Vorstädten rechts der Isar, erinnern sich noch wohl an
das „Ansingen" von Tür zu Tür; fast überall ward gern gespendet
für den frommen Sang. Außerdem aber hat der Dreikönigstag noch
die besondere Bedeutung, daß mit ihm der Fasching beginnt, der bei
der genußfreudigen Münchner Bevölkerung von Alters wie noch heute
sein volles Recht behauptet hat. Es muß jedem auffallen, wie gern
und leicht sich der Münchner in einer Mummerei, einem angenommenen
Charakter bewegt, zumal wenn eine Augenluft sich damit verbindet.
Alle Schichten und Stände sind sich darin ziemlich gleich.
Im 16. Jahrhundert pflegte der Magistrat von München noch
am Sonntag nach Dreikönig eine große nachmittägliche Schlitten-
fahrt zu veranstalten, an der die Bürgermeister, Ratsherren und
Patrizier samt ihren weiblichen Angehörigen teilnahmen. Die Herzoge
mit ihren Familien sahen aus den Fenstern der Neuvefte, später der
Residenz, dem Schauspiel zu und stifteten zu der Mahlzeit, welche her-
nach in der Trinkstube am Marienplah stattfand, das Wildbret, fanden
sich wohl auch bei dem nachfolgenden Tanze persönlich ein. Vom Jahre
1592 an suchte jedoch der Magistrat sich diesem Herkommen zu ent-
ziehen, während offenbar der herzogliche Hof, als einer ihm gebührenden
Huldigung, darauf bestand. Bei Herzog Wilhelm V. entschuldigte sich
der Magistrat im obengenannten Jahre mit der Tatsache, „daß bisher
noch kein Schnee gefallen sei" — bat auch aus diesem Grund um
Ausfallen der diesjährigen Schlittenfahrt, weil „mehrere ihrer Haus-
frauen schwangeren Leibes seien und daher das Herumfahren mit Schlit-
ten auf dem bloßen Pflaster gefährlich für sie fei." Mit Herzog Mari-
milian I. gab es eine längere Verhandlung in Sachen dieser Umfahrt.
Der Herzog ließ dem Magistrat zu Beginn des Jahres 1604 fein Miß-
fallen wegen der unterlaßenen Schlittenfahrt ausdrücken und gab den
Befehl, herum zu fahren, „es schneie oder nicht". Worauf unterm
18. Januar die Ratsherren dem sparsamen Fürsten hinrieben, daß er
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ihnen diesmal das Wildbret zum Bürgcrmahl nicht hätte zuordnen
lassen, und daß sie daher geglaubt hätten, er selbst wolle den Brauch
wegen der großen Unkosten abftellen. Sie rechneten ihm darnach die
Ausgaben vor, die auch sie gehabt hätten und baten, die Umfahrt
wenigstens bis zum Vorhandensein einer Schlittenbahn aufzuschieben,
zumal wieder etliche ihrer Hausfrauen krank oder in gesegneten Um-
ständen sich befänden. Es gab noch einiges Hin und Her, bis im De-
zember des gleichen Jahres der Rat dem Herzog auseinandersetzte: sie
(die Ratsherren) hätten nicht finden können, daß das Herumfahren
„aus einiger Schuldigkeit" geschehen, sondern es sei nicht anders, als
eine aus freiem Willen angestellte Ehrenbezeu-
gung. Der „Pöbel" aber habe in letzter Zeit davon spöttlich geredet,
als geschehe es dem Magistrate zum Spott und wegen einer von alters
verschuldeten Strafe. Es fei auch geschehen, daß die alten Geschlechter
merklich abgenommen haben, so daß sie kaum mehr sechs Geschlechts-
personen des Äußeren Rates ersehen können .... und Seiner fürst-
lichen Durchlaucht nur schlechte Ehr' erzeigt werde. Sie bitten daher um
gänzliche Aufhebung dieses Gebrauches. - Im Jahre 1608 ward ihnen
dann vom Herzog das jährliche Herumfahren wirklich für immer erlassen.
Es versteht sich, daß der Hof auch seine eigenen Faschingsfeiern
hatte; namentlich unter Max Emanuel und Karl Albrecht, doch auch
noch unter Max III. Joseph war als höfisches Karnevalsvergnügen
besonders die Nachahmung einer ländlichen Wirtschaft oder Bauern-
hochzeit beliebt. Schon im Februar 1670 unter Ferdinand Maria
stellte des Kurfürsten Schwägerin, Herzogin Febronia, die Wirtin eines
in der Residenz sehr geschickt nachgeahmtcn Wirtshauses dar; der Hof-
raispräsident Fürst von Fürstenberg spielte den Wirt, die übrigen Per-
sönlichkeiten des Hofes figurierten als Dienerschaft oder als Gäste.
Noch lustiger waren die Bauernhochzeiten, welche im Jahre 1719 ihren
Anfang nahmen. Der Hof und der hoffähige Adel, in die verschiedensten
bayerischen Bauerntrachten gekleidet, versammelte sich in Nymphenburg
und fuhr von dort im Schlitten nach München zur Residenz. Dort
stiegen sie ab und begaben sich in den Georgssaal, an dessen Türe ein
Schild mit der Aufschrift „zum bayerischen Löwen" hing. Am Eingang
des Saales wurden sie vom Kurfürsten als Bauernwirt und von der
Kurfürstin als Wirtin empfangen und bewillkommnet, worauf alles
nach Weise einer wirklichen ländlichen Hochzeit, zu der auch Stühle,
Gedeck und alle Äußerlichkeiten stimmten, durchgeführt ward. Die
Tänze waren im bäurischen Geschmack, die Musik bestand aus Geigen,
Dudelsack und Schalmeien, der Hochzeitlader brachte seine ländlichen
Sprüche in Knittelversen vor. Später wurden diese Bauernspiele durch
die mehr und mehr aufgekommenen Schäferspiele verdrängt.
* 215 *
Minder üppig, aber um so lustiger und ungebundener, ging es im
Volke her. Das eigentliche Faschingstreiben zu München entfaltete sich
am letzten Donnerstag im Fasching, dem „unsinnigen Pfinztag". Da
zog alles in Maskengewändern, mitunter derb drolligen Verkleidungen
einher. Typische Figuren waren: der Hansl und die Gretl (auch Dudl
und Bartl genannt), die meist von jungen Burschen der Umgebung dar-
gestellt oder ausgestopft auf einem Karren geführt wurden. Zwei
groteske Bauerngestalten, er mit einem Stock und sie mit einem Korb.
In der Neuzeit fand das in München außerordentlich beliebte „Masch-
keragehen" hauptsächlich in den drei letzten FastnachtStagcn vom Sonn-
tag bis zum Dienstag statt. Ehemals war es am Fastnachtsdienstag
der Brauch, die Fastnacht in Gestalt einer hanswurstmäßig hergerichte-
ten Stroh- und Lappcnpuppe zu verbrennen; später, im München der
Prinzregentenzeit, gab es richtige Fastnachtszüge mit geschmückten Wa-
gen und allerlei witzigen Anspielungen auf jüngste Geschehnisse des
öffentlichen Lebens. Die allbekannten, weithin berühmten Künstlerfefte,
die sich von der Zeit Ludwigs I. bis in die Jahre kurz vor dem Welt-
krieg erstreckten, pflegten den Höhepunkt des Münchner Faschings zu
bilden.
Ein bedeutsamer Tag im Februar ist Mariä Lichtmeß (2. Februar),
an dem das Wachs für die Kerzen und diese selbst geweiht werden. An
diesem Tage soll sonnenloses Wetter sein, nach der alten Wetterregel:
wenn der Dachs an diesem Tage seinen Schatten sieht, schlieft er
wieder für 40 Tage ins Loch. Im übrigen tröstet sich jedermann, daß
die kurzen Tage zu Ende sind, denn bis Neujahr wächst der Tag einen
Hahnenschritt, bis Dreikönig einen Mannschritt, bis Sebastian (20.
Januar) einen Hirschensprung und bis Lichtmeß eine ganze Stund.
„Lichtmeß tut bei Tag eß", lautet ein bayerischer Spruch, der sich auf
das ehemals übliche Nachtmahl um 6 Uhr bezieht, das an diesem Tage
schon ohne künstliches Licht eingenommen werden konnte.
Der Aschermittwoch macht heute wie ehemals dem Faschingstreiben
ein Ende. Im Brunnen am Marienplah wäscht nach drolligem alten
Brauch manch Einer den leeren Geldbeutel aus. Die bis Mitternacht
gelacht und getollt haben, werden früh in der Kirche mit dem Aschen-
kreuz an der Stirn bezeichnet und vernehmen die alte, ernste Wahrheit:
„Gedenke Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehren
wirst!"
Die nun angebrochene Fastenzeit, die stille und hoffnungsreiche, wurde
und wird bekanntlich unterbrochen durch die Bock- und Salvatortage
mit ihrer derben Genußfreude. Fällt Ostern sehr früh, so kann der Aus-
schank der beiden berühmten Starkbiere in die Festzeit kommen; meist
aber sind sie das, was sie auch heißen: Fastenbiere. Inzwischen regt
sich schon überall das Walten des Frühlings: an Mariä Verkündigung
(25. März) kommen die Schwalben wiederum; der verschiedenen Früh-
jahrsbräuche und Frühjahrskuren ist bereits gedacht worden. Die wackere
Münchner Hausfrau läßt vor Ostern ihr Heim gründlich „stöbern"
(groß reinemachen), wie das auch im Herbst geschieht; hauptsächlich aber
nahm und nimmt die Sorge um den Schmuck der Seele, den die hohe
kirchliche Festzeit bedingt, die Gemüter in Anspruch. Am Palmsonntag
früh drängt sich jung und alt zur Palmenweihe. Die ersten jungen
Zweige und Triebe der Palmweide mit ihren grauen, sammetnen Kätz-
chen werden entweder als Sträuße oder in künstlicher Form um den
geschälten Stab einer Hasel gebunden, nach der Weihe heimgetragen
und daheim in der Wohnstube, meist im sogenannten Herrgottswinkel
(wo das Kruzifix hängt), aufbewahrt. Bei Ungewittern ein Stück der
geweihten Palmen auf dem Herdfeuer zu verbrennen, galt als Schutz
gegen Blitzschlag.
Am Gründonnerstag läuten bekanntlich die Glocken der katholischen
Kirchen zum letztenmal. Nach altem Volksglauben, der noch lange Zeit
in der Vorstellung namentlich der Kinder haften blieb, reisten die
Glocken in der Nacht nach Rom, um ihren Teil von dem Segen zu
empfangen, den der Papst am Karfreitag spendet; in der Nacht vom
Freitag auf den Samstag flogen sie dann wieder heim. Während die
Glocken schweigen, wird mit der „Ratsche", einer Art hölzerner Klap-
per, zum Gottesdienst gerufen. Eine Weibsperson, die mit ihrem
Sprechwerk allzu ausgiebiges Geräusch macht, bezeichnet der Münchner
Volksmund als „Karfreitagsratschen". Am Vormittag des Grün-
donnerstags werden in der Kirche die heiligen Ole geweiht; den
„12 Aposteln" (ehrbaren bedürftigen Greisen) wusch ehmals der König
die Füße und beschenkte sie; das Gleiche tut jetzt noch der Erzbischof,
wie auch in allen Klöstern die Fußwaschung ftattfindet. Daß am Grün-
donnerstag mittags eine grüne Suppe („Kräutlsuppe") verzehrt wird,
ist wohl überall Brauch. Nachmittags strömen die Andächtigen zu den
heiligen Gräbern, die bis zum Karsamstag in allen Kirchen errichtet
und mit bunten Lampen (Grabkugeln), Blumen und Kerzen geschmückt
sind. Am Karfreitag ward ehemals ziemlich allgemein gearbeitet; jetzt
bürgert sich in München mehr und mehr der Brauch ein, geräuschvolle
häusliche Arbeiten zu unterlassen, um die weihevoll trauernde Ruhe
des Tages nicht zu stören.
Der Karsamstag Morgen war in Alt-München fröhlich bedeutsam
dadurch, daß sich zumal die Knaben jeder Gemeinde in aller Frühe zur
Feuerweihe einfanden. Dies Feuer, das auf dem Kirchhofe oder in der
Vorhalle der Kirche entfacht und vom Priester geweiht wird, dient
dazu, um daran zuerst die dreiarmige Kerze, die das Sinnbild der Drei-
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faltigkeit ist, hernach die Osterkerze, die den auferstandenen Christus
bedeutet, anzustecken. Wer an diesem geweihten Feuer ein Holzstück,
Reisigbündel oder was immer Brennbares anzündet, trägt sich damit
den Segen nach Hause. Drum hatten die Buben und jungen Burschen
es eilig, die am Osterfeuer entzündeten Scheite heimzubringen, wenn
möglich brennend, wofür sie dann ein kleines Geschenk (Ostereier oder
dergleichen) erhielten. Auch alte Reime wurden bei dem Lauf gesungen.
Hier und da in den Münchner Vorstädten besteht der Brauch noch.
Gegen Abend wird, nachdem zuvor die „Auferstehung der Glocken"
in gleichzeitigem weilhallenden Geläut stattgefunden, die Auferstehung
des Herrn gefeiert, wobei in früherer Zeit tatsächlich ein wächsernes
oder hölzernes Heilandsbild, mit der roten Osterfahne in der Hand,
überm Altar emporgezogen ward. Jetzt geschieht dies nur noch in länd-
lichen und einzelnen klösterlichen Kirchen; aber die Osterwonne, die aus
aller Augen strahlt, ist darum nicht geringer.
Wer einem Nahestehenden eine Ostergabe reichen wollte, stand ehe-
dem recht früh am Ostersonntag auf und brachte ein Körbchen voll
leckerer Dinge in die Kirche, wo bei der ersten Messe die Speisen ge-
weiht werden. Da standen, resp. lagen nebeneinander das Tüchel, in
das etwa ein alter Austrägler die von ihm zu verschenkenden Eier ge-
bunden und der Korb mit Osterschinken, Ofterfladen, Eiern und sonsti-
gen Leckerbissen, den eine begüterte Hausfrau ihren Gefreundeten zm
gedacht hatte. Erft die Nahrungsknappheit der letzten Jahre hat den
schönen Brauch eingeschränkt. Von geweihten Speisen (vom „Geweich-
ten" heißt eö kurzweg) dürfen Reste und Abfälle nie weggeworfen
werden: auf dem Herdfeuer werden sie verbrannt, damit der Segen
beim Hause bleibe. Die liebe Jugend ergibt sich mit Eifer dem Spiel
des „Eierspeckens", indem zwei Kinder je ein buntes Osterei in der
Hand halten und diese gegeneinanderklopfen; wessen Ei dabei zerbricht,
der hat verloren und muß es dem anderen abtreten. So umgeben
freundliche und neckische Bräuche das hohe Auferstehungsfest. Sogar
die Sonne soll nach altem Glauben am Ostersonntag, wenn sie aufgehl,
drei Freudensprünge tun. Das Wasser, das jemand an diesem Tage vor
Sonnenaufgang in heiligem Schweigen aus einem Bach oder Fluß
schöpft, gilt als heilsam.
Das Fest Christi Himmelfahrt schließt die Ofterzeit kirchlich ab.
Altmünchnerische und überhaupt altbayerische Sitte war es, an diesem
Tage wieder eine, den Heiland darstellende Figur durch das Kirchen-
dach hinaufzuziehen. Etliche gaben dabei immer scharf acht, nach welcher
Himmelsrichtung das Heilandsbild sein Antlitz gewendet hielt, denn
daher sollten im Sommer die meisten Gewitter kommen. In München
aber hatte dieser Brauch noch ein Vorspiel. Am Vorabend des Himmel-
fahrtötageS vermummte irgend ein „Bacchant" oder „Vagant" (fahren-
der Gesell) sich als Teufel und wurde von etlichen, die als „Druden"
ebenfalls greulich hergerichtet waren, mit Krücken und Ofengabeln
unter Hallohgefchrei durch die Stadt gehetzt bis in die Hofburg, wo
man ihm zu trinken gab. Darnach ward die Teufelsverkleidung ihm
ausgezogen, fein mit Heu und Stroh ausgestopft, und diese Figur hing
über Nacht an einem langen Strick aus dem Fenster des einen Frauen-
kirchturmö heraus. Wenn dann am Himmelfahrts-Nachmittag die
Gestalt des Herrn emporgeschwebt war, warf man die Teufelspuppe
von der Höhe des Gewölbes herab, als ein Zeichen, daß der Fürst der
Finsternis durch den Heiland überwunden fei. Dann schleiften die
Buben die Teufelspuppe vor die Stadt auf den Gafteig, wo sie unter
Lärm und Jubel verbrannt wurde.
Ein durchtriebener Schalk vom Hofe Herzog Wilhelms IV., mit
Namen Liendl Lautenschlager, führte einst den Streich aus, den
„Herrgott", der gen Himmel fahren sollte, vorher aus der Frauenkirche
zu entwenden und mit ins Wirtshaus zu nehmen, wo er ihn hinter
den Tisch setzte und ihm fleißig zutrank. Das Ding ward ruchbar und
die Heilandsfigur ward zur Himmelfahrt in die Kirche zurückgebracht,
Liendl aber wegen seines Frevels zur Verantwortung gezogen. Er gab
an: er habe ja nur „die Letz" getrunken mit unferm Herrn, damit es
der ihm einst vergelte und im Himmel ihn freihalte. Der Herzog
verwies ihm streng seinen unzeitigen Scherz: mit dem Teufel könne
er Schwank treiben, nicht aber mit unferm Herrgott. Darauf ging
Liendl am nächsten HimmelfahrtStag hin und bemächtigte sich der vom
Frauenturm herabhängenden Teufelspuppe und stellte sie nächtlicher
Weile an den Pranger, nachdem er ihr noch einen schönen Fuchspelz,
den er unter anderem Vorgeben von seinem Wirt entlehnt, angezogen
hatte. Der Streich kam alsbald auf; Liendl jedoch, wiederum verklagt,
redete sich frischweg auf den Herzog aus, der ihm im Vorjahr befohlen
habe, künftig mit dem Teufel Scherz zu treiben. Diesen Schelmen-
streich hat kein Geringerer in Versen verewigt, als der teure Meister-
singer Hans Sachs, der 1514 während seiner Wandcrzeit sich in
München aufhielt. (Hans Sachs hat außer diesem Schwank noch
andere auf München bezügliche Dichtungen und einen gereimten Lob-
spruch auf die Münchnerstadt verfaßt.)
Bald nach dem Himmelfahrtötage ist wiederum „Pfingsten das
liebliche Fest" gekommen, wo alle Kirchen mit Maien (jungen Birken)
geschmückt und die Altäre mit Pfingstrosen geziert sind. Auch der häus-
liche Tisch prangt mit Blumen und Grün. Vormals hielt zu München
— (ein Brauch namentlich der Handwerksgesellen und Lehrlinge) — der
„Pfingstlümmel" oder „Wasservogel" seinen Umzug, eine ganz in
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Grünwerk vermummte Jungemannsfigur zu Pferde, von andern fungen
Burschen zu Fuß oder zu Pferd umgeben. Er sagte seinen alten, in
verschiedenen Fassungen üblichen, Spruch auf und wurde mit Eß-
waren, auch mit etwas Geld beschenkt. Bis gegen Ende des 18. Jahr-
hunderts pflegten auch aus der Umgebung Münchens junge Bauern-
burschen beritten nach München zu kommen, wobei sie zwei ausgestopfte
groteske Figuren, HanS und Grell genannt, herumführten. Diese
Figuren waren an den entgegengesetzten Enden eines umlaufenden
RadeS befestigt, reichten einander wie zum Tanz die Hand und wurden
von ihren Führern vor jedem Wirtshaus unter Hersagen eines gereimten
Spruches, sowie unter großem Jauchzen und Johlen der Zuhörer vor-
geführt. Das allzu ausgelassene Gebaren der Burschen bei Übung dieser
Pfingstbräuche war schuld, daß das „Pfingstlreiten" verboten ward.
Da um Pfingsten die Zeit der Firmungen ist, herrscht große Nach-
frage nach Firmpaten. Diese Würde ist zwar minder verantwortungs-
voll als die Taufpatenschaft, doch kann sie stets nur einer Person
und zwar vom selben Geschlecht wie der Firmling übertragen werden.
Das mit dem größten Prunk und Aufbietung aller künstlerischen
Kräfte begangene Kirchenfest im alten München war die Fronleich-
namsprozession. Ihren Höhepunkt erreichte die Ausgestaltung dieses
Festes unter Herzog Wilhelm V., der seinen Rat, den Lizenziaten
Müller, einen Freund Orlando di Lassos, zum Generaldirektor der
Prozession bestellte. Wochenlang vorher erwog im Verein mit diesem
eine Anzahl von Hoftheologen, Hofbeamten, Mitgliedern des Stadt-
rates und erfahrenen Werkleuten alle Vorbereitungen. Gebete um
schönes Wetter wurden angeordnet und durch Almosen unterstützt. Fast
sämtliche Figuren des Alten und Neuen Testaments wandelten in
Gruppen vorbei. Gottvater selbst erschien als würdige, bejahrte
Mannesgestalt mit langem grauem Barte; ein ähnlich ehrwürdiges
Ansehen mußten die Patriarchen und Propheten haben, während die
Hohenpriester und Pharisäer feiste, aufgeblasene Gesichter und künstlich
ausgestopfte Bäuche zur Schau trugen. Sechzehnmal im Zuge trat
die Gestalt der Gottesmutter Maria auf: die auf dem Esel Sitzende
bei der Flucht nach Ägypten mußte das längste Haar, die als schmerz-
hafte Mutter Auftretende verweinte Augen haben. Hiob, auf dem Miste
sitzend, kratzte sich von Zeit zu Zeit mit Scherben; Jonas, der Prophet,
dargeftellt durch einen kecken, gewandten Buben, schlüpfte an bestimm-
ten Straßenecken in seinen Walfisch hinein und an anderen wieder
heraus. Die Pharaonen durften in kostbaren Schlafröcken aus dem
Nachlaß Herzog Albrecht V. prangen, mußten aber, wenn sie trinken
wollten, zur Vorsicht ein „Tifchfazinetl" (Serviette) vornehmen. Bei
den neunzig Engeln hatte der Generaldirektor sehr darauf zu achten,
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daß nicht etwa einflußreiche Eltern ihre unansehnlichen Knaben unter
die holdselige Schar hineinschmuggelten; überhaupt ward dem wackeren
Manne das Leben so sauer gemacht, wie nur irgend einem heutigen
Theaterintendanten, und er mußte ernstlich darauf Hinweisen, daß das
Mitwirken an diesem gottseligen Werk gleich verdienstlich sei, ob eines
nun eine hervorragende oder geringere Rolle spielte.
Der Eindruck so vieler wohlgebildeter und schöngewandeter Gestalten
hat übrigens hie und da (wiewohl diese Ausgestaltung der Prozession
auch zahlreiche Gegner fand) sehr anmutige Wirkungen gezeitigt. So
hatte Lizenziat Müller einmal für die Darstellung der Rebekka am
Brunnen die Köchin eines angesehenen Münchner Hauses mit Namen
Veronika, die „ein schönes, wohlbetendes und gottesfürchtiges Mensch
war", erkoren. Die sah ein vermöglicher Handelsmann aus Bozen, der
zum Zusehen gekommen, und fand solches Gefallen an ihr, daß er sie
vom Fleck weg heiratete.
Die hübscheste und bekannteste Geschichte, die sich an jene prunk-
vollen Umgänge knüpft, ist Müllers Erzählung von der Prozession des
Jahres 1584, wo morgens um 4 Uhr ein schreckliches Wetter losging
— der Generaldirektor erhob sich an diesem Tage stets um halb zwei
Uhr — und auch zu Beginn der Prozession der Himmel jeden Augen-
blick mit Regen zu drohen schien. Im Augenblick aber, als das Aller-
heiligste aus der St. PeterSkirche herausgetragen ward, und Meister
Orlando di Lasso seinen „herrlichen, wohlkomponierten, lieblichen Ge-
sang ,Gustafe ed videte1" anheben ließ, brach die Sonne hervor und
schien während der ganzen Prozession zur innigsten Freude des Lizen-
ziaten Müller, sowie auch des Fürsten und aller Teilnehmer. Erft nach-
dem die Prozession vorüber war, fing eS wie mit Schäffeln zu gießen an.
Gut Wetter am Fronleichnamslage gilt auch der Ernte wegen für
wünschenswert, denn „Corpus Christi hell und klar, deutet ein gutes
fruchtbares Jahr."
Am Fronleichnamstag sind selbstverständlich auch heute die Straßen,
welche die feierliche Prozession durchschreitet, mit grünen Birken be-
steckt; bunte Decken und Teppiche hängen aus den offenen Fenstern der
Häuser, in reichem Blumenschmuck prangen die im Freien aufgerichteten
Ältäre, an denen die vier Evangelien gelesen werden. Und wenn schon
vom Bilderreichtum der früheren Zeit so gut wie nichts geblieben ist,
tut der Anblick der hohen und höchsten geistlichen Würdenträger, das
Mitgehen der Bruderschaften und katholischen Studentenkorporationen,
der lieblichen weißgekleideten Kinder und jungen Mädchen immer noch
seine Wirkung. Nach der Prozession stürzen die Zuschauer, die jugend-
lichen zumal, sich auf die straßenschmückenden Bäume und reißen sie in
Stücke, um ein Zweiglein mit heimzutragen.
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Bald hinter dem Lorpu8 Okristi-Tag kommt Johannes des Täu-
fers Tag mit seinem lohenden Feuerzauber. Vom Sonnwendfeuer zu
München ist schon erzählt worden; wer darüber sprang unversengt, galt
für ein Jahr als gegen Fieber gefeit. Wer durch den Kranz, den er beim
Tanzen um das Feuer getragen hatte, hindurch ins Feuer sah, den
befiel angeblich kein Augenweh; ein noch glühender Brand vom Subend-
seuer sollte ein Feld, in das er gesteckt wurde, vor Hagelschlag schützen.
Gegen solchen Aberglauben trat schon frühzeitig die Kirche auf; doch
erhielt der Brauch des Sonnwend- oder IohannisfeuerS sich zu Mün-
chen bis ins achtzehnte Jahrhundert, bis wiederholte polizeiliche Ver-
bote ihn als feuergefährlich abstellten. Wunderschön anzusehen sind die
Bergfeuer am Johannisabend, die, auf einer Anhöhe oder Bergkuppe
entzündet, wie große Sterne die Nacht erleuchten. Durch Hinein-
schauen in ein fließendes Wasser, in der St. Iohannisnacht unter An-
rufung des Heiligen, hoffen junge Dirnen ihren künftigen Liebsten zu
erblicken. Wasser, das schweigend in der Frühe des Johannistages aus
einem dem heiligen Täufer geweihten Brünnlein geschöpft wird, soll
gleiche Heilkraft haben, wie das am Morgen des Ostersonntags geholte.
Wer sich des Tages noch besonders freut, sind die Jäger und die Wil-
derer, denn zu Johanni geht die Jagd auf.
An den Johannitag knüpfte sich zu München ein alter Handwerks-
brauch, der bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts bestanden hat. Die
Lehrlinge der Schmiede und Schlosser trugen nämlich an diesem Feste
eine kleine als Schmied gekleidete Puppe, je zu vier und vier, herum.
Vor den Häusern ihrer Kunden schnellten sie die Puppe auf einem
Leintuch auf und nieder, was man das „Jackelschutzen" hieß: Dazu
sangen sie:
Wir schützen den Jackl in alle Höh',
Daß ihm's Weiß in 'n Augen vergeh'.
Eins, zwei, drei.
Der Jackl, der hat a groß' Paar Augen,
Der taugt uns wohl zum Geld aufklauben.
Eins, zwei, drei.
Der Jackl, der hat a große Nas'n,
Die taugt uns gut zum Feuer anblasen.
Eins, zwei, drei.
Der Jackl ist gar hochgeborn,
Hat wenig Hirn und lange Ohrn.
Eins, zwei, drei.
Natürlich empfingen sie von den Kunden für das Jacklschutzen ein
kleines Geschenk. Der Name soll sich herleiten von dem großen Schmied-
hammer, den die Schlosser und Schmiede „Jackl" nennen.
Auf Johannitag folgt der Festtag der Apostelfürsten Peter und Paul
(29. Juni), der zwar vom Städler auch mit Besuch der Gottesdienste
und Rasten von der Alltagsarbcit gefeiert wird, doch nicht so eifrig wie
auf dem Lande, wo die zwei hohen Apostel als besondere „Wetter-
herren" geehrt sind.
An Mariä Heimsuchung (3. Juli) hat es Jedermann nicht gern,
wenn es regnet, denn sonst regnet es drei Wochen lang. „Wie unser
liebe Frau übern Berg geht" - (naß oder trocken) — „so geht sie
wieder zurück."
So lange die Frucht auf dem Felde steht, sind Prozessionen und
Bittgänge in Münchens Umgebung häufig, um Regen und Sonne, Ge-
deihen des täglichen Brotes zu erflehen. Desgleichen ist der Sommer
die Zeit der meisten Wallfahrten. „Mit dem Kreuz gehen" heißt das
Wallfahrten auf altbayerisch, und die Wallfahrer heißen auch „Kreuz-
leut". Von berühmten Gnadenorten nahe bei München steht schon an
anderen Stellen dieses Buches zu lesen. Ein Haupttag, um nach Maria
Eich oder gar zur Muttergottes von Altötting zu wallen, ist der „Groß-
frauentag", nämlich Mariä Himmelfahrt (15. August). Nichts ist
holder, als die an diesem Tage in allen Kirchen schimmernde bunte
Blumenfülle, denn an Mariä Himmelfahrt werden Blumen und
Kräuter in großen Buschen und Körben zur „Kräuterweihe" gebracht.
Die schönsten Blüten des Spätsommers umduften den Altar; heilsame
Kräuter — heißt es — haben besondere Heilkraft in dieser Zeit, wie
auch die giftigen oder für giftig geltenden Tiere und Pflanzen in ihr
die giftige Eigenschaft verlieren.
Mit Mariä Himmelfahrt, dem schon erwähnten Großfrauentag, be-
ginnt der „Frauendreißigft". Etliche Bäuerinnen, auch Städterinnen,
hangen fest an der Meinung, daß die während des „Dreißigft" ge-
legten Hühnereier sich besser halten als alle übrigen, wie ja auch die
Küchenkräuter in dieser Zeit am besten seien. Der „kleine Frauentag",
Mariä Geburt (8. September), schließt den Dreißigst ab und schließt
die schöne Jahreszeit, denn „an Mariä Geburt ziehen die Schwalben
furt". Dem kleinen Frauentag vorher geht noch das Erntedankfest,
nachdem das „tägliche Brot" glücklich in Scheunen und Vorratsräumen
geborgen ist.
Die in den Herbst fallende Kirchweih bringt fett gebackene Schmalz-
nudeln und die rösch gebratene Kirchweihgans. Die Hauptfreuden des
Herbstes sind übrigens dann für den Münchner alter und neuer Zeit
eigentlich schon vorüber, da das vierzehn Tage währende „Oktoberfest",
der Kirchweih voraufgeht. Dies Fest, von König Max I. eingeführt,
hat als Zweck und Ursprung eine Ausstellung der Landwirtschaft Bay-
erns, zumal des heimischen Viehstandes. Die besten Tiere inländischer
* 222 *
* 223 *
Zucht erhalten Preise, deren Verteilung ehemals vor dem weißblau
gestreiften, inmitten der Therefienwiese errichteten KönigSzelt stattfand.
Es kamen drollige Szenen dabei vor, wie z. B. daß ein Bäuerlein dem
verstorbenen Prinzregenten Luitpold die Hand dankbar schütteln, oder
ein etwas protziger Großbauer nach der Prämierung seines Stieres
dem ersten Bürgermeister von München ein Trinkgeld geben wollte.
Wettrennen von tüchtigen Bauerngäulen finden statt, auch Preisschie-
ßen um eine Ehrenscheibe und eine Menge von Volksbelustigungen,
wie eine solche Gelegenheit sie mit sich bringt. Der erste Sonntag im
Oktober war der Haupttag: da bewegte sich der Feftzug, in dem auch
heute alle möglichen Münchner Vereine und ländliche Trachten vertre-
treten sind, auf die von Menschen wimmelnde Festwiese zu Füßen der
ehernen Bavaria. Die Budenstadt, die sich da ausbreitet, gewährt
einen nahezu phantastischen Anblick; es duftet nach Eß- und Trinkba-
rem von aller möglichen Art. Das Fest dauert noch eine Woche nach dem
Hauptsonntag; dann beginnt, nach nur achttägiger Ruhepause, die
Herbftdult (Michaelidult) in der Vorstadt Au, wo man ehemals die
schönsten alten Stoffe, Geräte, Bücher um ein Spottgeld kaufte.
Heute sind alle diese Dinge dort so teuer, wie sie auf allen Messen und
Märkten und in sämtlichen Trödlerläden sind. —
Mählich wird es still in Stadt und Land. Über die kahle Erde pfeift
der kalte Wind. Das ernsteste Fest des Jahres naht: Allerheiligen-
Allerseelen. (I. und 2. November.)
Am letzten Oktober schon stehen viele Gräber geschmückt; es wimmelt
und hastet zwischen den Grabfeldern, durch die Kirchhofsportale. Lam-
pen und Kerzen werden herbeigetragen, die letzten Herbstblumen als
Kränze und Sträuße über die Hügel ausgestreut. Es fällt oft schon
der erste Schnee um diese Zeit, wenn der Geistliche im Rauchmantel,
mit dem Weihwedel den Gang um die Gräber antritt. Liegt viel
Schnee, so sagte man ehemals, daß im kommenden Jahre viel Wöch-
nerinnen sterben würden. Der alte Aberglaube, daß der, welcher in der
Allerseelennacht um zwölf Uhr sich auf den Friedhof oder auf einen
Kreuzweg stellt, die Toten des künftigen Jahres vorbeiziehen sieht, ist
bekannt. Altbayerischer Glaube ist außerdem: die in der Fremde begra-
ben liegen, kommen in der Nacht vor Allerseelen an ihren Heimatort
geflogen, um am Libera und Segen auf dem heimischen Gottesacker
ihren Anteil zu haben. Noch eine alte Überlieferung erzählt von den
nächtlichen Gottesdiensten der abgeschiedenen Seelen in Kirchen und
Domen. Die Nacht vom l. auf 2. November gibt alle Geister frei.
Fährt der Wind heulend und mit unheimlicher Macht einher, so hören
feine Ohren das Klagen der abgeschiedenen Seelen heraus. In alten
Zeiten war es Brauch, den armen Seelen Speise hinzustellen; wer
* 224 *
ihnen diese wegaß, mußte noch im selben Jahre sterben, dafern er nicht
durch eine besondere Guttat einer armen Seele aus dem Fegfeuer
half. Besonders verdienstlich sind Gebete und Liebeswerke für das Heil
der allerärmsten Seele, deren sonst Niemand mehr gedenkt.
Am 25. November ist in München in vielen Gasthäusern „Kathari-
nentanz", weil hernach, im Advent, die fromme Vorbereitung auf die
Ankunft des Gotteskindes solche Vergnügungen nicht zuläßt. Daher
der Spruch: „Sankt Kathrein stellt's Tanzen ein."
Advent! — Im „Engelamt" in der dunklen Frühe tönt der alte
flehende Gesang: „Tauet Himmel den Gerechten, regnet Wolken ihn
herab! Auf tue sich die Erde und sproße den Heiland!"
Dem von den Kleinen so sehnlich erwarteten Christkind geht noch
ein Gabenspender voraus, der Nikolaus oder Niklo am 6. Dezember.
Nach alter Sitte erschien er als heiliger Bischof, meist beritten, weiß-
gewandet mit goldenem Hauptschmuck; als finsterer Gefährte schritt
ihm der haarige, ungefüge Klaubauf zur Seite. Heutzutage kommt,
um Fleiß und Betragen der Kinder zu prüfen, ehrwürdig im langen
Bart und Pelzrock der „Niklo" mit Sack und Rute, macht aber von
der letzteren selten Gebrauch, schüttet hingegen fleißig den süßen In-
halt des ersteren aus. Alle Bäcker-Schaufenster Münchens liegen voll
eßbarer Nikolausfiguren aus Marzipan- und Lebkuchenteig, zum Teil
nach entzückenden alten Modeln, zum Teil grotesk modern: Teufel,
Bauernweiber, Bergfexn und dergleichen.
Eine anmutige Art, das Schicksal zu befragen, bringt kur; vorher
der Tag der heiligen Barbara, der 4. Dezember. Überall wurden und
werden an diesem Tage „Barbarazweige" feilgeboten, d. h. Zweige
vom Flieder, vom Kirschbaum, der Kastanie usw., die schon Augen an-
gesetzt haben. Die stellt man in laues Wasser in einen warmen Raum
und tut bei jedem Zweig einen heimlichen Wunsch. Hat der Zweig bis
Weihnacht Blüten getrieben, so geht der Wunsch in Erfüllung.
Die drei letzten Sonntage vor dem Christfest hießen ehemals: der
„kupferne", der „silberne" und der „goldene"; an allen dreien durf-
ten die Verkaufsläden geöffnet fein.
Im alten München hieß der Abend des letzten Donnerstages vor
Weihnachten „die Klöpfleinsnacht". Es war üblich, daß die Dienst-
mägde bei den Krämern, Bäckern und sonstigen Gewerbsleuten, wo sie
das Jahr über einkauften, desgleichen die Lehrlinge bei den Kunden
ihrer Handwerksmeister, ein kleines Geldgeschenk oder auch Lebkuchen,
Kletzenbrot und Ähnliches erhielten. Dabei sagten oder sangen sie
folgenden Spruch:
15
* 225 *
„Hollah, Hollah, klopf an!
D' Frau Hot an scheanen Mann.
Geit mir d' Frau a Küchl zum Lohn,
Daß i an Herrn gelobt hon;
A Küchl und an Zelten.
Da Peter wirdS vergelten;
Da Peter is a heil'ger Mann,
Der alle Ding vergelten kann."
Womit gesagt sein sollte, daß St. Peter, der Himmelspförtner, der-
einst den Mildtätigen mild vergelten und ihnen die Himmelstüre öff-
nen werde.
DaS „Klöpfeln" auch „Anfingen" ward außerdem sowohl an den
Abenden vor Weihnachten, wie in der ganzen Zeit zwischen Weihnacht
und Dreikönig geübt. Anklopfend und die alten schönen Weihnachts-
lieder singend, zogen Kinder und junge Leute von Haus zu HauS, wur-
den überall reich beschenkt. „Halloh, halloh, Klöpflesnacht 1 Wer nir
gibt, der iS nit brav", riefen sie strafend an den Häusern empor, wo
ihnen nicht alsbald aufgetan ward. Jetzt ist der Brauch nur noch hie
und da auf dem Lande lebendig.
Mit zahlreichen Wundern schmückte die Volksphantasie ehedem die
gnadenreiche Weihnacht aus. Um Mitternacht sollten an den dürren
Asten der Obstbäume goldene und silberne Blüten aufsprießen; aus
dem Brunnen sollte lauterer Wein rinnen, aber dem Vorwitzigen, der
absichtlich deswegen von der Christmette daheimblieb, konnte es übel
ergehen. Ein Schlemmer und Trunkenbold erpaßte die Mitternacht,
um gierig an den nächsten Brunnen zu eilen und deffen Strahl sich
ins Maul laufen zu lasten. „I schmeck an Wein", schrie er beglückt,
und - „du bist mein", ergänzte der Teufel, der schon lange auf ihn
gelauert hatte und nun mit ihm davonfuhr. Um Mitternacht soll auch
das Vieh im Stalle menschliche Sprache erhalten und die Zukunft
offenbaren können.
Da sehr viele Münchner zur Christmette gehen, sind die Straßen
Münchens gegen Mitternacht so belebt, wie am Tage. Das Schießen
aus Freude ist lange abgekommen; daegegen ist in jüngster Zeit die
alte Sitte des nächtlichen Blasens vom Kirchturm wieder neu belebt
worden. Auf den Friedhöfen, obschon diese jetzt weit außerhalb der
inneren Stadt liegen, geht es am hl. Abend lebhaft zu. Tannen-
bäume und Lichterkronen brennen auf vielen Gräbern, ein Zeichen,
daß die Liebe nimmer aufhört.
Wie schon erwähnt, fand in München am zweiten Weihnachtsfeier-
tage, dem Tage des Erzmärthrers Stephan, der Stephansritt statt.
Denn dieser Heilige ist, außer dem heiligen Leonhard und dem heiligen
Wendelin, der Hauptpatron für das Vieh, zumal für die Pferde. An
seinem Feste ließ man darum den Pferden zur Ader oder ritt sie um
eine Stephanskirche herum, wie dies in München um die StephanS-
kirche des alten (südlichen) Friedhofes geschah.
Die Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönig führen gemein-
sam den Namen „Rauhnächte" oder „Rauchnächte" und gelten sämt-
lich als zum „Löffln" geeignet. Um z. B. zu erfahren, ob ein Verschol-
lener noch am Leben ist, bindet der Fragende in einer der Rauhnächte
einen Ring an einen Faden und nimmt diesen zwischen die Finger,
indem er sich vor den Tisch stellt. Auf den Tisch sind ein Stück Brot
und ein Häufchen Erde gelegt; neigt nun der zwischen den Fingern
baumelnde Ring sich nach dem Brot, so lebt der Verschollene noch — i
im andern Falle ist er tot. Vollends am letzten Tag des alten und er-
sten Tag des neuen Jahres, tritt alter Brauch und Glaube, auch
Aberglaube in sein Recht. Nachdem in den Kirchen feierlicher JahreS-
schluß stattgefunden hat, gibt eS allerorten fröhliche Silvesterfeiern mit
Punsch und Krapfen. Auch wird mit großem Lärm um Mitternacht
das neue Jahr angeschoffen. Aber daheim im Stübchen legt vielleicht
Mancher oder Manche sich einen geweihten Gegenstand unter das
Kopfkiffen, weil es heißt, daß einem dann das Erleben des neuen
Jahres träumt. Oder ein Mädchen übt einen von den schicksalskünden-
den Bräuchen, die in der Silvesternacht gang und gäbe sind. Eine
Art, um zu erforschen, welcher Art der künftige Gatte sein würde,
war folgende: Am Neujahrsmorgen stellte sich das Mädchen früh vor
die HauStüre, einen vom Christabend aufbewahrten Apfel schälend.
Wer dann zuerst vorbeiging, ein Schuster, Schloffer, Schreiber usw.
aus deffen Stande sollte ihr Liebster sein. Es galt und gilt auch noch
für wichtig, wer Einem am ersten Januar zuerst begegnet. Alte und
Kranke sollen Unglück bringen, Kinder und junge, schmucke Leute
Glück.
Das Neujahrsingen ist, wie überhaupt das Singen und Klöpfeln
dieser Festzeit, aus München verschwunden; ehemals war es allge-
meiner Brauch. Die schönen alten Lieder, die dabei gesungen wurden,
bezogen sich alle auf die gnadenreiche Geburt des göttlichen Kindes,
auf das neue Jahr, „das uns hereingeht", außerdem enthielten sie
Wünsche für sämtliche Hauögenoffen. Solch ein Lied möge hier am
Schluffe im Auszug stehen:
„Wir treten einher ohn' alles Gefahr,
Wir wünschen euch Allen ein glückseligö Neujahr,
Ein neues Jahr, eine gute Zeit,
* 227 *
* 226 *
Die uns Gott Vater vom Himmel geil.
Wir wünschen Euch einen goldenen Tisch,
An jedem Eck ein' gebackenen Fisch
Und in der Mitten ein GläSlein Wein,
Das soll euch wohl bekommen sein!
Wir wünschen euch zum neuen Jahr
Ein neugeborns Christkindl mit krausem Haar.
Wir wünschen Gesundheit für Klein und Groß,
Gott behüt' eure Truhn, eure Rinder und Roß;
Und daß wir aufs Jahr wieder kommen gegangen,
Und daß wir uns Alle mit Freuden empfangen.
Sprecht Amen, sprecht Amen! das werde wahr:
Gott führ' uns allsammen zur himmlischen Schar!
Benutzte Literatur:
Otto Aufleger und Karl Trautmann »Alt-München in Bild und Wort'
(München 1897).
Max Buchner »Studien zur Vorgeschichte Münchens" (Histor.-polit. Blätter
für d. kathol. Deutschland. Iahrg. 16)).
Michael Doeberl „Entwkckelungsgeschtchte Baierns" (München 1912).
Th. Dombart „Schwabing. Briefliche Plaudereien" (München 1913).
3. M. Forster »Das gottselige München" (München 189)).
August Hartmann »Weihnachtsspiel und Weihnachtslked kn Oberbayern"
(München 187)).
Max Hauttmann und Hans Karlknger »Bayerisches Wanderbuch
(München 1922).
Karl Theodor Hekgel »Die Wittelsbacher" (München 1880).
Karl Theodor Heigel »Das Tagebuch Kaiser Karls VII." (München 1883).
Karl Theodor Heigel „Zkymphenburg" (Bamberg 1891).
?. Emmeram Hetndl O. 5. B. „Der heil. Berg Andechs" (München 189)).
Otto Jahn „W. A. Mozart" (Leipzig 18)6).
Moritz v. Lasser „Der neue östliche Friedhof zu München (München 1902).
Anton Mayer „Die Domklrche zu U. L. Frau in München" (München 1868).
Josef Maria Mayer »Münchener Stadtbuch" (München 1868).
Joseph Meyer „Was das Münchener Kindl erzählt" (München 1922).
Karl Alex. v. Müller »Landtagebuch" (München 1921).
Friedr. Panzer „Beitrag zur deutschen Mythologie" (München 1848).
Friedr. Panzer „Bayerische Sagen und Gebräuche" (München 18))).
Willy Rett „Münchener Vorstadtsagen" (München 1913).
Sigmund Riezler „Geschichte Äaierns" (Gotha 1914).
Adolf Sandberger „Beiträge zur Geschichte der Bayr. Hofkapelle unter
Orlando di Lasso" (Leipzig 1894).
p. MagnusSattlerO.L.B. „DieChronik vonAndechs", (Donauwörth 1877),
A. Schöppner »Sagenbuch der Bayerischen Lande" (München 1874).
Johannes Sepp „Völkerbrauch bei Hochzeit, Geburt und Tod" (Mün-
chen 1891'.
Johannes Sepp »Altbayerischer Sagenschah" (München 1891).
Karl Simrock „Die geschichtlichen deutschen Sagen"(Frankfurt a. M. 18)0).
Henry Simonsfeld »Der Buckntoro auf dem Starnbergersee" (Jahrbuch
f. Münchner Geschichte IV, 17)).
Franz Trautmann »Die Abenteuer Herzog Christofs von Bayern (Re-
gensburg 1880).
Franz Trautmann »Alt-Münchener Geschichten (Augsburg 1886).
Franz Trautmann »Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen (München 1893)-
Franz Trautmann »Münchener Siadtbüchlein (München 1897).
Karl Trautmann »Kulturbilver aus Alt-München" (München 1918).
Frievr. Tresz „Das Wirtsgewerbe in München" (Stuttgart 1899).
„Volksbuch von vr. Johannes Faust" (Frankfurt a. M. 1)87).
Arthur Weese „München" (Leipzig 1906).
Josef Weiß „Kurfürst Maximilian l. als Gemäldesammler" (Histor.-pollt.
Blätter für d. kathol. Deutschland Iahrg. 1908).
Karl Weinhold „Die deutschen Frauen in dem Mittelalter (Wien 1897).
Lorenz Westenrieder »Beschreibung der Haupt- und Residenzstadt Mün-
chen" (München 1782).
Lorenz Westenrieder „Abriß der Baierischen Geschichte" (München 1822).
F. p. Zauner „München in Kunst und Geschichte" (München 1914).
F. p. Zauner »Münchens Umgebung in Kunst und Geschichte".
Zeitschrift des „Vereins für Volkskunde" (Berlin).
Zeitschrift des „Htstor. Vereins für Oberbayern" (München).
Zeitschrift des „Bayer. Heimatschutz" (München).
Ferner: zahlreiche heimatkundliche Aufsätze in den letzten Jahrgängen der
großen Münchner Tageszeitungen.
* *
*
Außer dem Danke, den ich den obgenannten Verfassern und Quellen
schulde, bin ich für wertvolle mündliche Aufklärungen und Winke den Herren
prof. Or. Max Buchner, Oberregterungsrat, prof. Or. Karl Alex. v. Müller
und prof. Or. Karl Trautmann höchlich verpflichtet. Gütige Auskünfte auf
einzelne Fragen, vorab von den Herren des Städt. Archivs, haben mich sehr
gefördert. D. Verf.
Inhalts-Verzeichnis
Getto
Vorwort.......................................................................................................... 5
I. Abteilung: Geschichtliches und Sagenhaftes v. MünchnerDom7—23
Die Erbauer / Der Teufelstritt unter der Orgel / Unser Herr am Slberg / Das schwarze
Kruzifix, die Mrkenfahne und die „kunstreiche Uhr' / Der heilige Benno, Münchens Schutz-
patron /Das Bild mit den gesenkten Händen/Konrad paumann/Kaiser Ludwigs Grabmal
II. Abteilung: Der Marienplah....................................23 — 52
Das Rathaus/Dlez Swlnburg / Was auf dem Marktplatze sonst geschah / Das Wurmeck /
Der große Chrlstoffel am vermarkt / Der Bürgerstrett mit den Herzögen und der Tag von
Alllng / Dle Schweden in München / Die Pest in München / Der Schäfflertanz / München
im spanischen Erbfolgekrleg / Vom Mchgersprung / Die Marlensaule
III. Abteilung: Rtngs in der Altstadt.............................52 — 114
a) Nördlich und westlich vom Marlenplatz: In der Burggasse / Der Max Iosephplatz / Dle
dleblsche Dohle/Der Spleaelbrunnen/AuS der Gruftgasse /Der Schlafhaubenkramer /Kloster
und Kirche der Theatlner/Der Salvatorplatz und der Iungfernturm/Die Studkenklrche und
dle Drelfattkgkettsklrche / Der Bau der MlchaelSkirche / Unsere llebe Frau vom Herzogfpttal/
Der Bürgerfaal und dle Augustlnerkirche / Die drel Raben / DaS Ettaler HauS an der Für-
stenfelderstraße / Der schöne Turm
b) Südlich und östllch vom Markenplatz: Von Sankt Peter / Herzog Fordlnand und Marla
pettenbeck / In der Sendllngerftraße / Dle Johann NepomukS-Kirche in der Sendllnger-
straße / Das Sendllngertor und das Fausttürmchen / Dle schmerzhafte Kapelle und das Ka-
puzlnerkloster / Vom alten Friedhof „am Kreuz" und vom südlichen Friedhof / HundSkugel zu
München / Sankt Jakob am Anger / Das Münchner Gnadenjahr / Vom Münchner Bier/
Die Münchner Sauerbäcken / Die Wadlcrbrezen / Kirche und Spltal zum heiligen Geist
IV. Abteilung: AusMünchensFürstenschlössern.............114 — 144
Von den Burgen und Schlössern / Ludwig „der Strenge" / Der Turmaffe im „alten Hof"/
Herzog Christoph der Kämpfer /Herzog Wilhelms V. Hochzeit und die Mär vom Doktor Fau-
ftus/Albrecht V. und Orlando di Lasso/Der erste Kurfürst/Schleißheim / Kaiser Karl VH./
Nymphenburg / Max Hl. Joseph / Karl Theodor, Maria Anna und die Zweibrückener
V. Abteilung: Außerhalb der Tore.............................144—194
a) Rechts der Isar: Von Sankt Emmeram/Frau Uta zu Truderkng und Frau Uta zu Föhrkng/
Ramersdorf / Bogenhausen / St. Nikolaus am Gafteig / In der Au / Der Walsenvater /
Pestsagen aus Giesing/Vom Salvator / Von pachem und vom Hachlnger Bach/Harlaching
b) Links der Isar: An der Isar / Schwabing / Sendling /Neuhausen und der Winthirstein/
Die Entstehung von Thalkirchen/Die Birg bei Hohenschäftlarn / Wolftalshausen: a)Vom seli-
gen Konrad Nantwein,- b)Vom Gastabudel/Marla Elch/Wie Karl der Große geboren ward
(Mühlthal b. Starnberg) / Bucintoro (Starnberg) / Fürstenfeldbruck: a) Ludwlg des Bayern
Tod/ b)Dke helllge Cdigna zu Puch / Vom seligen Grafen Rasso/Vom helllgen Berg AndechS
VI. Abteilung: Alt-München in Bräuchen, Sitten und Meinungen
a) DaS tägliche Leben, b) Liebe, Hochzeit, Geburt und Tod, c) Don den Festtagen 194 — 228
Dies Buch ist keine Chronik, überhaupt kein gelehrtes Buch. Es
läßt sich auch nicht als ein Führer durch München und Umgebung be-
zeichnen, denn ein Führer hat hinzuweisen auf gute, billige Unterkünfte,
auf Sehenswürdigkeiten und schöne Aussichtspunkte. Unser Buch will
den Wanderer durch Münchens Straßen, in Münchens Umgebung
erinnern an das, was an der und der Stätte geschehen ist oder was für
eine Mär davon erzählt wird. Nicht zuletzt aber will es ihn mahnen
an die Sonderart, die Vorstellungen, Meinungen und Sitten des
kernigen deutschen Stammes, der hierzulande haust. Gewöhnlich wird
über der Gegend oder den in einer Stadt angesammelten Kunst-
schätzen und Vergnügungsstätten vergessen, daß hinter alledem ein Volk
steht. München gilt den Meisten als das „gemütliche München", wo
fidel zu leben ist, als die Kunststadt, die Stadt des Faschings und der
internationalen Sommerfreuden. Selten, daß Einer mehr in die Tiefe
dringt, sich Gedanken darüber macht, wo eigentlich Münchens und ganz
Bayerns Kraft und Ehre liegt. Nicht einmal alle Eingesessenen tun
das, geschweige denn die Fremden. Darum schadet Keinem ein bescheide-
ner, treuer Begleiter, der ihn manchmal am Ärmel zupft und mit dem
Finger hindeutet auf den Zusammenhang zwischen Land und Leuten,
zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dies Rückdeuten soll sich
namentlich beziehen auf die Zeit der Herzöge und Kurfürsten; denn mit
dem Anfang des l 9. Jahrhunderts und des Königtums beginnt das
neue München, das in Aller Munde und vor Aller Augen ist. Dagegen
ist die alte deutsche Stadt ziemlich versunken; nur Weniges von ihr
lebt im Verborgenen fort. Und ein Weniges hiervon meldet dies Buch,
das gern dem Leser Lust machen möchte, sich zu versenken in all das
Viele, was über Alt-München schon gesagt ist und noch zu sagen wäre.
Ob die Absicht dem Büchlein gelungen ist, muß der geneigte Leser
entscheiden.
München. HeleneRaff.
Raff - So lang der alte Peter...
Geschichtliches und Sagenhaftes vom Münchner Dom
Vordem, als unser München noch klein war, stand an Stelle des heutigen Domes das bescheidene Liebfrauenkirchlein, nächst der Wieskapelle bei St. Peter das älteste Gotteshaus der Stadt. Trotzdem es im 13. Jahrhundert erweitert worden, bot es der Menge der Andächtigen nicht Raum. Da soll es sich begeben haben, daß einstmals ein blinder Feuerlärm auskam und im Gedräng der Erschrockenen, die eilends den Ausgang gewinnen wollten, eine der schönsten Münchner Jungfrauen zu Tode gedrückt ward.
Das bekümmerte das milde Herz des Herzogs Sigmund, zweitgeborenen Sohnes Albrecht des Dritten. Der lebte still und friedsam auf seinen Schlössern zu Dachau, Menzing und Nannhofen, und — wie die Chronik meldet — : „ihm war wohl mit schönen Frauen und mit weißen Tauben, Pfauen, Meerschweinchen, Vögeln und allerlei seltsamen Tierlein, auch mit Singen und Saitenspiel." — Derselbige Herzog soll in jungen Jahren von großer Liebe für eine bürgerliche Jungfrau — wie einst sein Vater für die Bernauerin — erfüllt gewesen sein und auf jeden fürstlichen Anspruch, der nach seines ältesten Bruders Tod ihm zustand, verzichtet haben, um sie freien zu können. Die Maid aber hatte einem Andern die Hand gereicht; und der Herzog ist Zeit seines Lebens unvermählt geblieben. —
Die so lautenden anmutigen Sagen knüpfen sich an die Überlieferung, nach der Herzog Sigmund, oder Sigismund, der Erbauer des Domes gewesen wäre. Dies konnte er nicht sein schon im Hinblick auf den Stand seines Vermögens, der wohl auch bei seinem Regierungsverzicht mitgewirkt hatte. Da er über seine mancherlei irdischen Neigungen eine große Andacht zu der reinsten Frau im Himmelreich hegte, befürwortete er jedenfalls eifrig das fromme Werk, steuerte auch, gleich dem ganzen Fürstenhaus, von dem Seinigen hinzu und legte, vermutlich in Vertretung eben seines Hauses, mit eigener Hand den Grundstein des neuen Baues am neunten Februar 1468 — „acht tag nach unser Lieben frawen tag je liechtmeß." In der Hauptsache aber ward das Münster durch Bürgerschaft und Geistlichkeit erbaut; den Spenden der Stadt gesellte sich der Schatz der alten Kirche. Neben dieser, der vorherigen Pfarrkirche — das war sie seit 1271 — bestand noch das älteste kleinste Marienkirchl bis zum genannten Jahr 1468 als Begräbniskapelle (St. Michaelskapelle) auf dem Freithof.
Da nun mit dem Abbruch der bisherigen Kirche begonnen ward, halfen Reich und Arm, Edle und Geringe in frommer Demut den Schutt hinwegräumen und das hehre Werk durch Opferspenden fördern. Zum Bauführer ward erkoren der Maurermeister Jörg Ganghofer von Haselbach oder Halspach bei Moosburg, ein Mann, so tüchtig als bescheiden, der, um der großen Aufgabe besser gewachsen zu sein, eine Studienfahrt zu etlichen berühmten Dombauten unternahm, auch später, als ihm Zweifel ob der Führung des Gewölbes aufstiegen, selbst das Hinzuziehen anderer wackerer Meister begehrte. Das waren: Konrad Roritzer von Regensburg, der auch den Bau der Lorenzkirche in Nürnberg geleitet hatte, Mathias von Eichstätt, Moritz Ensinger von Ulm, Michel Sallinger von Pfarrkirchen und Friedrich von Ingolstadt. Da wurde bald Rat für den Dachstuhl, und der Zimmermeister Heinrich oder Heimeran von Straubing vollbrachte das kunstreiche Werk, dazu ein halber Wald geschlagen werden mußte. Darnach aber ging es, wie der starke Herzog Christoph, der Bruder Sigmunds und des regierenden Herzogs Albrecht IV., angeblich zuvorgesagt hätte. Der soll bei der Mär von seines Bruders Sigmund gottgefälliger Meinung vergnügt auf den Boden gestampft und ausgerufen haben: „Recht hat er, der Herr Bruder, aber mit dem Geld wird's was haben." Es war kein Geld nimmer da, und erst eine Ablaßbulle vom Papst Sirtus IV. (1479), die einen großen Zudrang von Gnadesuchenden veranlaßte — hierüber wird ausführlicher zu reden fein — schaffte die Mittel, daß auch das Innere glücklich ausgebaut und der Turmbau in Angriff genommen werden konnte. Wenige Wochen darnach, 1488, starb der Meister Jörg und ward als Erster in seinem vollendeten Werk begraben. Auf seinem Grabstein in der südlichen Frauenturmhalle steht geschrieben:
„Ao. Dom. 1488 an montag nach sant Michelstag starb maister Jörg von Halspach maurer dies Gotzhaus unser lieben frawen, der mit der hilf gotz und seiner hant den erftn den mittln und den löstn stain hat vollfuert an diesem pau. Der lait hie begraben und Margret sein eheliche Hausfrau. Den got genadig sei."
Seitlich der Grabstätte ist auf einem gerahmten Bild-Täflein das ehrwürdige Antlitz Meister Jörgs zu schauen, mit einer Unterschrift, ähnlich der des Grabsteins. Ein gleiches Gemälde gegenüber zeigt den wackeren Zimmermeister, „der in dieser weltberühmten basilica sein Meisterstück dargethan in dem kunstreichen Oberzimmer oder Dach, zu welchem 1400 Flöß, jeder von 15-16 Bäum verwendet worden, nebst Hinterlassung eines zugerichten an ein sicheres orth gehörigen drams oder Balkens, da doch keiner abgehet." Damit soll es sich also verhalten. Nachdem der Meister das Gerüst vollendet und aufgerichtet hatte, nahm er einen Balken heraus und legte denselben auf den Boden hin: Nun solle Einer kommen und ihm sagen, wo dieser Balken fehle oder füglich hingehöre." Auf dem Boden des Dachgerüstes der Kirche ist der Balken annoch zu sehen.
Haben sich ihrer schon Etliche mit dem ledigen Balken gemüht, aber nicht herausgesunden, wo derselbige abgeht. —
Am südlichen Kirchtor, wo die große Sonnenuhr ist, hat Herzog Sigmund seinen eigenen Denkstein setzen lassen. Auf dem Stein ist er kniend vor der Himmelskönigin zu sehen, und ein Spruchband, das sein Haupt umgibt, zeigt die Worte: „Jungfrau, Mutter Christi, erbarme dich meiner!" Die Inschrift unter dem Bilde, lateinisch wie die Schrift des Spruchbandes, preist die Tugenden des Herzogs und die hohe Frömmigkeit, aus der heraus er, einem Gelübde gemäß, den ersten Stein des Tempels der heiligen Jungfrau gelegt habe. —
Die beiden Türme der Liebfrauenkirche, beim Tode ihrer Erbauer nur mit einem Notdach gedeckt, haben wahrscheinlich erst nach 1524 ihre heutige Gestalt erhalten, indem die „welschen Hauben" ihnen aufgesetzt wurden, die zum ursprünglichen Stil freilich nicht passen und die doch Keiner mehr missen möchte. Seine „lieben zwei Spargel" hat Kurfürst Max III. Joseph sie genannt, sogar als „Maßkrüg" hat gelegentlich der Volkswitz sie bezeichnet. Aber wer München kennt und liebt, dem schlägt das Herz hoch, wenn er von irgendwoher kommend am Horizont das Wahrzeichen der Stadt erblickt: die Frauentürm.
Raff - So lang der alte Peter...
Geschichtliches und Sagenhaftes vom Münchner Dom
Als der Dom zu unserer lieben Frauen nahezu fertig, aber noch nicht geweiht war, überdachte der leidige Teufel den Schaden, der ihm und seinem Reich aus solchem Bau erwachsen würde. Also beschloß er, die Kirche zu zerstören und tat sich mit dem Sturmwind zusammen, daß sie das Werk mit Gewalt angreifen wollten, der Teufel von innen und der Wind von außen her.
Der Teufel hupfte in den Dom hinein und sah sich um, an welcher Stelle er beginnen möchte, ihn niederzureißen. Er war aber just an einen Ort zu stehen gekommen, von wo aus in der ganzen Kirche kein einziges Fenster zu sehen war. Vermeinte also, daß sie deren wirklich keine hätte und trat voll Vergnügen den Boden, hohnlachend ob der einfältigen Bauleute, die da wähnten, in solch ein blindes Gebäu irgend eine Menschenseele hineinzubringen. Drum ließ er den Bau unangefochten und fuhr wieder hinaus; nur die Spur seines Fußes blieb dem Steinboden tief eingedrückt.
Andere behaupten: der fromme Meister Jörg selber, dem der Teufel während des Bauens erschienen sei, ihn mit Zerstörung der Kirche bedräuend, habe den bösen Feind geschickt an die Statt geführt, von da aus der Pfeiler wegen kein einziges Fenster zu sehen war. Wie dem auch gewesen — in jedem Fall erkannte der Teufel zu spät, daß er geirrt hatte, und daß es dem Dom weder an Fenstern noch an Gläubigen gebrach, die von früh bis spät hineinströmten. Nun geriet er in Helle Wut und hätte gern Rache genommen; aber da die Kirche schon geweiht war, konnte er ihr nichts mehr anhaben.
Der Wind war, scheints, zäher oder begriffstütziger; denn der hat nicht nachgelassen und all die vielhundert Jahre lang, seit die Liebfrauenkirche steht, um sie herumgepfiffen. Niederwehen hat er sie freilich nicht können; aber an den Leuten, die hineingehen oder auch nur vorübergehen, läßt er seinen Zorn aus, bläst ihnen in die Ohren, verkauft ihnen das Gewand oder weht ihnen den Hut vom Kopf. Das ist der Grund, warum es auf dem Frauenbergl alleweil so zieht.
Die Legende wird noch so erzählt: Der Baumeister hätte einen Pakt mit dem Teufel gemacht, daß der ihn beim Kirchenbauen unterstützen sollte, unter der Bedingung, daß man kein Fenster sähe. Als der Teufel nun zur bestimmten Frist gekommen wäre, die Seele des Baumeisters zu fordern, da hätte der Meister ihn auf jenen Fleck geführt, wo kein Fenster zu sehen. Voller Grimm hätte der überlistete Teufel den Boden gestampft und sich mit gräßlichem Geschrei aus dem Staub gemacht.
Der schwarze Tritt unter der Orgelempore ist höchst wahrscheinlichein Handwerkerscherz, wie der mit dem Balken unterm Dachstuhl. Zur Zeit, da Peter Candids Hochaltaraufbau noch gewaltig emporragte, war übrigens von der Stelle des „schwarzen Trittes" aus auch das Hochaltarfenfter unsichtbar, das heute als einziges Fenster zu sehen ist.
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Geschichtliches und Sagenhaftes vom Münchner Dom
Es war einmal in der Münchner Stadt eine fromme Wittfrau, die hatte einen einzigen Sohn. Dem tat sie alles zu liebe und hielt ihn auch fleißig zu aller Sitte und Tugend an. Weil aber die Mutter ihm gar zu gut war, und er von Niemand sonst mochte gezogen werden, geriet der junge Sohn auf Abwege, hielt sich zu bösen Gesellen und vertat mit ihnen sein Gut. Da es alsdann die Mutter mit Strenge versuchte und ihn kürzer hielt, begann er mit ihr zu hadern und gab ihr grobe Reden. Zumal begehrte er, sie sollte ihm sein Väterliches herausgeben und ihn ziehen lassen, daß er nicht fürder ihres Alters Knecht zu sein brauchte. Weil sie ihm darin nicht willfahrte, ward er immer ärger und hässiger gegen sie, und ihre Tränen und Bitten fruchteten nichts. Hatte sie ihm aber einmal das Herz ein wenig umgewendet, so spotteten alsbald seine Gesellen ihm die weiche Wandlung hinweg, und es währte nicht lang, so war er ärger denn zuvor. Die Mutter bat und weinte, mahnte ihn an Gottes Gericht, aber vergebens. Einst, als sie sich vor ihm auf die Knie warf, und ihn anflehte, in sich zu gehen, stieß er sie rauh von sich, riß mit Gewalt ihren Schrein auf und raffte zusammen, was er an Geld und Geldeswert fand. „Jetzt nehm ich, was mir zukommt," rief er „will meiner Jugend froh werden; der Altweiberlehren bin ich satt!" Die Witwe aber reckte die Hände auf und flehte zu Gott, daß er ihr Kind nicht dem Heil verloren gehen lasse. „Soviel er schwelgt," verhieß sie „will ich mich für ihn kasteien und will entbehren." Deß lachte er und spottete: wie mehr sie ihm erspare, je lieber sei es ihm! Damit lief er davon.
Es währte nicht lang, so hatte er all das Seine vertan, war verlottert und ein Übeltäter geworden, bis zuletzt das Gericht ihn sahen und in den Kerker werfen ließ.
Seine Mutter derweil lebte schier von nichts und zog sich von aller Welt zurück. Mit dem Wenigen, was ihr geblieben, ging sie zu einem Meister Steinmetz und schaffte ihm an: er solle ihr in Stein bilden die Angst unseres Herrn am Ölberg. Wie die Stationstafel fertig war, bat sie, daß sie den Stein an der Mauer des Marienkirchleins, neben der Türe, einsetzen lassen dürfte. Dies ward ihr verstattet. Davor betete sie oftmals und inbrünstig, daß Gott, so es ihm gefiele, ihr ersparen wollte, den Leidenskelch wegen ihres Sohnes bis zur Neige zu leeren. Darnach bestellte sie ihr Haus und tat den letzten Wunsch, unter ihrem steinernen Ölberg bestattet zu werden. Dann legte sie sich nieder und weinte um ihr Kind, bis ihr das Herz brach und sie hinüberschied.
Etliche Jahre stand es an, da kam in die Stadt gewandert ein zerschlissener, hohläugiger Geselle, dem wohl anzusehen war, er sei in einer üblen Herberge gewesen. Der klopfte am Haus im Thiereckgäßlein, wo die Wittwe gewohnt hatte und fragte nach ihr; denn es war der verlorene Sohn, dem in der schmählichen Haft die Augen aufgegangen waren darüber, wie er an seiner Mutter gesündigt hatte. Seitdem nagten ihn die Reue und die Sehnsucht, und er hatte, nun er frei geworden war, kein größeres Verlangen, als sie um Verzeihung zu bitten.
Da vernahm er, daß sie tot sei, und als ihn die Hausleute an seinem Schrecken erkannten, stießen sie ihn aus und schalten ihn, daß er den Fluch Gottes auf sich trage, weil er seine Mutier mit Gram unter die Erde gebracht. Draußen am Marienkirchl, unter der Ölbergstafel, die sie habe setzen lassen, schlafe sie durch seine Schuld.
Wie er hinauskam zum Kirchlein, fand er alsbald die Stätte, und die Leute wiesen ihm die Steintafel und beklagten die gute Frau, die mit so viel Leid von hinnen fahren gemußt, weil ihr Sohn ein Schelm gewesen. Der elende Mensch sah die Steinarbeit an, und wie länger er den betenden Herrn und die schlafenden Jünger beschaute, um so deutlicher entsann er sich all der Liebe seiner Mutter, all ihrer Gebete für ihn, und wie viel Tränen er sie gekostet hatte. Da ward sein Herz bewegt, daß er auf die Knie niederfiel und mit großer Reue Gott und seine verstorbene Mutter um Vergebung bat. Und bekannte sich den Leuten, die verwundert herzuliefen, als den sündhaften Sohn, der zu spät heimgekehrt war. Von Stund an mochte er nirgend bleiben, nahm auch schier keine Nahrung mehr, sondern ging Tag für Tag ans Marienkirchlein, um dort am Grabe zu beten. Darüber verfiel er zusehends und ward so hager und bleich, daß es einen Jeden erbarmte; aber dennoch schleppte er sich zum Grab und zur Stationstafel hin.
Einstmals aber kam er von dort wiederum dahergewankt, und sein Antlitz war licht und friedsam, sodaß die ihm Begegnenden darob erstaunten. Da erzählte er: daß er zur Nachtzeit einen gar tröstlichen Traum gehabt; darin sei ihm seine Mutter erschienen und habe ihm vergeben. Nun hoffte und wünschte er nur eines noch: Gott möchte ihn ihr vereinen, und das bald.
Wie er so sagte, tats eben vom Turm des Marienkirchleins sieben Glockenschläge. Das empfing er mit Recht als ein Zeichen seines Hinscheids, wußte nur nicht, deutete es auf sieben Tage, Wochen oder Monate.
Aber die Antwort ward ihm bald, denn nach sieben Tagen wurde er zu seiner Mutter ins Grab gelegt.
Darnach als unser Lieben Frauen Münster groß gebaut wurde, kam der steinerne Olberg wieder an die Kirchenmauer. Dort, zur Rechten des großen westlichen Tores zwischen den beiden Frauentürmen, ist er noch zu sehen.
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Geschichtliches und Sagenhaftes vom Münchner Dom
Ein Offizier, dessen Name unbekannt geblieben, hat im 18. Jahrhundert der Liebfrauenkirche ein altes handgroßes Kruzifix vermacht, mit dem es folgende Bewandtnis hatte.
Als er in den Krieg gezogen war, nahm er dies Kruzifix, trotzdem es seinen Eltern etwas groß für den Zweck erschien, mit sich und trug es stets auf der Brust. Eine Kugel, die gegen seine Brust flog, zerschmetterte dem Kruzifix beide Füße, hatte aber damit ihre Kraft verloren, sodaß der Offizier dem Kruzifix sein Leben verdankte. Als er in späteren Jahren einer Krankheit erlag, vermachte er, wie schon gesagt, drei Tage vor seinem Tode das heilige Bild der Domkirche. Das alte schwarze Kruzifix aus unbekanntem Stoffe — es scheint aus Glockenspeise bestanden zu haben, nur die Füße hatte sein Besitzer aus Silber ergänzen lassen - erregte großes Zutrauen beim Volke und galt als wundertätig. In der St. Sebastianskapelle war es aufgestellt, anfänglich auf ein einfaches hölzernes Kreuz befestigt; später jedoch erhielt es ein Kreuz aus lauterem Silber mit einem schönen Postament. Dies reizte die Habsucht zweier Diebe, die das Silberkreuz zu stehlen beschlossen. Als einst die Kirche leer und alles ruhig war, gingen sie an die Ausführung ihres Planes. Sie bemühten sich, das Kreuz mit dem schwarzen Herrgott durch das Altargitter zu zerren, allein das Postament ging nicht hindurch und machte weit mehr Arbeit, als sie gedacht hatten. Plötzlich löste sich der Herrgott vom Kreuz und stürzte zu Boden. Halb erschrocken, halb erzürnt nahmen die Diebe Reißaus, nachdem sie das Kruzifix in die Kapelle zurückgeworfen hatten. Bei dieser Gelegenheit verlor es einen Arm. Im neunzehnten Jahrhundert soll nochmals ein Versuch, es zu entwenden, unternommen worden und mißlungen sein.
Während der letzten Restauration der Frauenkirche wurde das schwarze Kruzifix in der Sakristei aufbewahrt, kam dann in die Kapelle zurück, auf den inzwischen dort aufgestellten Altar der Auferstehung Christi. —
Gegenüber der Kanzel der Frauenkirche hängt an einem Pfeiler eine Fahne, die Kurfürst Mar Emanuel, der Türkensieger, der Kirche, in der er getauft worden, zum Geschenk gemacht hat. Die Fahne, eine von den fünfundfünfzig Türkenfahnen, die Max Emanuel bei Weißenburg 1688 erbeutete, ist von schwerer Seide, deren ursprünglich grüne Farbe die Zeit freilich gebleicht hat; Schriftzeichen und Verzierungen (größere und kleinere Halbmonde nebst Sternen) sind mit Gold hineingewirkt, ebenso das in der Mitte prangende zweischneidige Schwert „Dhul Fakar", Mohammeds Siegschwert. Die Schriftzeichen enthalten Sprüche zum Lobe Gottes, zum Lobe der Tapferkeit, Verheißungen des Sieges usw. —
Als eine Art Herausforderung der Geschicklichkeit und des Scharfsinnes der Nachgeborenen steht in der Ecke des Nordturmes die sogenannte „kunstreiche Uhr". Sie „steht" tatsächlich und wartet Dessen, der ihren künstlichen Mechanismus wieder zum Gehen bringt. Ehemals, so oft die zwei Löwen daran, die jede Viertelstunde anzeigten, die Stunde ausschlugen, zückte Gott Vater das Strafschwert über der sündigen Welt, aber die bittend erhobenen Hände des Heilands und Marias bewegten ihn, es wieder sinken zu lassen. Auch die Verleugnung Petri ward von der Uhr vorgeführt, und der Hahn krähte dazu, und vier Bußprediger sah man predigen — nun ist es leider mit alle dem vorbei. Schon einmal war es so weit: im 18. Jahrhundert; aber die Geschicklichkeit eines Autodiktaten, Joseph Gallmayr, der seines Zeichens ein Schuhflicker, nebenbei aber ein bewundernswürdiger Mechaniker und Uhrmacher war, brachte eines Tages den stummen Gockelhahn zu neuem Leben, daß er wieder durch Krähen und Flügelschlagen pünktlich die Zeit anzeigte. Vom Lebens- und Entwicklungsgang Gallmayr's, der Verfolgung, die er von seinen zünftigen Kollegen dulden mußte, von den Arbeiten, die er für Kurfürst Max III. Joseph gefertigt, hat Karl Trautmann uns ergreifend erzählt.
Die Uhr aber, seit langem verstummt und auch äußerlich verunstaltet, steht im Winkel der Frauenkirche. Bei ihrem hohen Alter wird ihr schwerlich mehr zu helfen sein.
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Geschichtliches und Sagenhaftes vom Münchner Dom
Der heilige Benno, seit 1624 Schutzpatron des Landes und der Stadt, war, was die Münchner einem Andern nicht immer gerne nachsehen, kein Hiesiger, sondern ein Norddeutscher von Geburt, aus dem sächsischen Geschlecht der Grafen von Waldenburg. Hat gelebt im elften Jahrhundert nach unseres Herren Kunst und war ein Neffe des hl. Bischofs Bernward sowie ein Zögling des gelehrten Abtes Wiger in der Stadt Hildesheim. Dort im Benediktinerkloster St. Michael tat er als Jüngling Profeß und ward mit dreißig Jahren zum Priester geweiht, vier Jahre später aber, trotz seines demütigen Sträubens, zum Abt seines Klosters gekürt.
Darnach, von Anno 1051 an, ist der fromme Mann, auf Wunsch des Kaisers und des Papstes, Kanonikus und Vorsteher des Stiftes zu Goslar gewesen. Unter ihm gedieh besagtes Stift zu so großem Rufe der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, daß aus demselben in kurzer Zeit eine ganze Reihe hoher geistlicher Würdenträger hervorging.
Anno 1066 ward Benno auf den Bischofsstuhl von Meißen erhoben und hat dies Bistum 39 Jahre inne gehabt, zeitweise beschwert und behindert durch die Kriegsläufte, die zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. ausgebrochen waren. Zuvor aber und darnach waltete er mit Kraft und Liebe seines Amtes, zog auch von Meißen aus den Elbstrand entlang zu den heidnischen Wenden, die hüben und drüben noch angesiedelt waren und bekehrte ihrer Viele, daß sie sich taufen ließen.
Bei alledem liebte der heilige Mann die Einsamkeit mehr als die Unruhe, die seine Würden mit sich brachten. Er erging sich darum gern an Feldern, Wiesen und Weihern, um in der Stille dem Gebet und der Betrachtung obzuliegen. Einmal wandelte er unweit eines Sumpfes — da erhoben die Frösche in selbigem ein großes Quaken und Lärmen, wodurch St. Benno in seinen frommen Gedanken gestört wurde. Alsbald gebot er ihnen zu schweigen, und sie schwiegen augenblicklich. Indem er aber weiter ging, kamen ihm zu Gemüte die Worte der heiligen Schrift: „Lobet Gott den Herren auf Erden, ihr Walfische und alle Tiefen, lobet Gott, alle Tiere." Da überfiel ihn eine seltsame heilige Furcht, ob nicht vielleicht dieser Tierlein Geschrei Gott angenehmer sei als sein Gebet. Es gereute ihn daher sein Verbot, und er sprach zu den Fröschen: „Fahret fort, meine Tierlein und lobet euren Gott, ich will euch solches nicht wehren." Worauf sogleich die Frösche wieder begannen, luftig zu quaken.
Einmal hatte Bischof Benno sich draußen verspätet, sodaß er die Stadt nicht mehr vor der Torsperre erreichen konnte. Er wendete sich daher geradeswegs der Elbe zu, bezeichnete sich mit dem heiligen Kreuz und schritt trockenen Fußes über den Strom. Das ersah ein Bauer, der eben mit einem Fuder Heu desselben Weges fuhr, und weil er seinen Bischof für einen heiligen Mann und seinen liebsten Vater hielt, deuchte es seiner Einfalt nicht unbillig, solches nachzutun. Er fuhr also getrost dem Heiligen nach und kam mit Roß und Wagen trocken über den Fluß hinüber, nicht ohne Verwunderung des heiligen Benno, der ihm verwies, daß er sich in solche Gefahr begeben hatte, und ihm Schweigen über den Vorfall gebot.
Noch vieles Wundersame und Erbauliche ist uns aus dem Leben des heiligen Bischofs, das er auf beinahe 96 Jahre gebracht, ausgezeichnet und berichtet. Im Jahre 1106 schied er selig von hinnen, und im Jahre 1523 ward er in Rom durch Papst Hadrian VI. heilig gesprochen.
Zur Zeit der Reformation hielt der damalige Bischof Johann von Meißen (ein Freiherr von Maltitz) die Gebeine des Heiligen, die in der Domkirche unter einem Grabmal von schwarzem Marmor beigesetzt waren, nicht für ungefährdet, ließ sie heimlich erheben und in die fürstliche Hofkapelle zu Stulpen bringen. Da erbat sich Herzog Albrecht V. von Bayern die Reliquien des heiligen Benno; und der Bischof willfahrte dem Gesuch und sandte am Lätaresonntag 1576 die heiligen Gebeine nach München, wo sie zunächst vier Jahre lang in der herzoglichen Residenz, der Neuen Veste, aufbewahrt wurden. Darnach, im Jahre 1580, erfolgte ihre feierliche Überführung in die Frauenkirche; dort wurden sie auf dem Hochaltar ausgestellt, bis sie einen eigenen Altar erhielten. Unter Maximilian dem ersten Kurfürsten wurde eine Reliquienbüste des hl. Benno gefertigt, aus getriebenem Silber, mit Gold und Edelsteinen reich verziert; sie gehört heute zu den Kleinodien der Domschatzkammer. Auch ließ Maximilian I. 1604 einen neuen Bennoaltar herstellen, der jetzt in einer besonderen Kapelle steht, ihm gegenüber ein Glasschrein, der Stab, Mitra und Meßkleid des Heiligen enthält, dabei die gleichfalls von Maximilian I. gestifteten Bildfiguren seiner beiden Prinzen Ferdinand Maria und Max Philipp, deren Geburt der zuvor kinderlose Kurfürst der Fürbitte des Heiligen zuschrieb.
Als anno 1632 die Schweden München besetzten, wurden die Reliquien und das silberne Brustbild St. Bennos mit den übrigen Kirchenschätzen nach Salzburg geflüchtet und erst im Pestjahr 1634 — 1635 wieder in großer Prozession durch das Isartor eingebracht. Diesen Vorgang zeigt ein Gemälde an der nördlichen Mauer der Frauenkirche, über dem Bennobrünnlein, das ebendort fließt und dessen Wasser lange Zeit als besonders heilsam galt. So besagt auch die Inschrift in der Nische mit dem Bilde und Brünnlein: „Wer gsund will sein an Leib und Seel — Der flücht zu dieser Brunnen-Quell."
Der Andacht zu St. Benno verdankt die Frauenkirche noch ein Wahrzeichen: den Kardinalshut in der Dreikönigskapelle beim Bäckeraltar. Im Jahre 1607 kam nämlich der Kardinal Melchior Klefl, Bischof von Wien und „vertrauter Rat der Römisch kaiserlichen Majestät" nach München, um einem Gelübde zufolge die Reliquien des heiligen Benno zu verehren. So wie er zuvor in Altötting, wohin er gleichfalls gepilgert war, den grünen Pilgerhut zurückgelassen hatte, stiftete er nun der Frauenkirche, wo er an St. Bennos Altar das Meßopfer darbrachte, seinen Kardinalshut, der zuerst im Chor aufgehängt war. Kardinal Klefl stand bei den Münchnern lange in Ehren, einmal, weil er — eines Bäckers Sohn - aus einer Münchner Bürgersfamilie stammte, aber auch wegen der von ihm betriebenen Verständigungspolitik vor Ausbruch des dreißigjährigen Krieges. Alte Leute sollen öfter gesagt haben: „Wäre man dem Klesl gefolgt, so hätte es keinen Schwedcnkrieg gegeben."
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Geschichtliches und Sagenhaftes vom Münchner Dom
Im Dom wird ein Bild bewahrt; darauf sind eine Menge Leute betend mit erhobenen Händen gemalt — eine einzige Frau ausgenommen. Das soll aber folgende Bedeutung haben.
Bei einer Erbschaftssache hätte eine Frau aus der Verwandtschaft alle übrigen Gefreundeten ums beste Teil gebracht. Wie nun die Andacht für den Verstorbenen gehalten wurde, wäre sie ganz keck mit unter den Andern gewesen; und weil ihr Keiner etwas beweisen gekonnt, wäre sie auch auf das Bild, das zum Gedächtnis der Totenfeier gemalt worden, mit hinaufgekommen. Da nun das Bild aufgehängt war, und die Verwandten sämtlich sich einfanden, um es zu besehen, soll die Frau gesprochen haben: „Ich weiß wohl, in was für Verdacht Ihr mich habt, aber Ihr tut mir schweres Unrecht, so wahr mir der gerechte Gott die Hände niedergeschlagen hätte, wenn das zuträfe, was Ihr mir ansinnt." Kaum hätte sie das gesagt, so hätte zum Schrecken der Anderen, die verlegen von ihr weg zu dem Bild schauten, ihr gemaltes Bildnis die Hände herabgesenkt und sei von da an immer so verblieben.
Die Sage wird auch so erzählt: Nach dem Todesfall und Erbdstreit sei die ganze Freundschaft wieder friedlich zusammengekommen, um für den Verstorbenen zu beten und sich zu bereden wegen des Gedächtnisbildes, das sie gemeinsam stiften wollten. Da hätten Einige auf die Frau, die mit dabei gewesen, gestichelt; sie aber hätte sich verschworen, daß ihr eine solche Schlechtigkeit nicht im Traum zu Sinn käme, und der Herrgott solle ihr die zum Beten erhobenen Hände hinunterdrücken, wenn das mit der Erbschaft wahr wäre. Da wären ihr auf einmal die Hände niedergesunken, und sie hätte sie nimmer in die Höhe gebracht. Darauf sei das Bild zum Andenken des Gottesgerichtes so gemalt worden, daß sie allein mit gesenkten Händen dakniet.
In jedem Fall aber soll sie ob dem Wunder dermaßen erschrocken sein, daß es ihr die Rede verschlug und sie in eine schwere Krankheit verfiel. Vor ihrem Tode hätte sie dann noch mit großer Reue gestanden, daß sie ihr großes Erbteil auf unrechtmäßige Weise erschlichen hätte.
Das Bild zeigt die Betenden insgesamt „unter dem Schutzmantel Mariä" und hängt an der Nordwand der Andreaskapelle. Die sündhafte Frau aber soll in Wahrheit ein Mann sein.
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Geschichtliches und Sagenhaftes vom Münchner Dom
An einem Pfeiler zunächst dem Kaisergrabmal im Dom ist ein Grabstein zu sehen, der, ehemals an der Außenmauer befindlich, zu besserer Erhaltung in das Innere verbracht wurde. Im Flachrelief ist da ein Mann sitzend dargestellt, den ein talarähnliches Gewand umhüllt, dessen Hände eine kleine Orgel halten, während andere Musikinstrumente wie Harfe, Laute, Flöte ihn umgeben. Die Inschrift lautet: „Anno 1473 an St. Pauli bekehr abent ist gestorben und hie begrab» der kunftreichest aller instrument und music maister cunrad paumann ritter pürtig von Nürnberg und plinter geboren dem got genad."
Konrad Paumann ward, wie seine Grabschrift besagt, blind geboren zu Nürnberg um das Jahr 1410. Die Patrizier Ulrich und Paul Grundherr ließen ihn sorgsam erziehen. Im Jahre 1446 war Paumann Organist von St. Sebald unter dem Pfarrer Heinrich Laubing; er heiratete im gleichen Jahre Margarethe Weichser, war damals schon ein so geschätzter Künstler, daß man ihn dauernd an Nürnberg fesseln wollte. Hans Rosenplüt, genannt Schnepperer, in seinem Spruch auf Nürnberg erwähnt von allen dortigen nur Konrad Paumanns mit Namen und rühmt ihn hoch. Wann Paumann in den Dienst Herzog Albrechts IV. von Bayern trat, ist nicht bestimmt. Die Musikliebe der Bayernfürsten wird öfters erwähnt, so wenn Aventin, Arnpeck und Andere dem Herzog Albrecht III. nachrühmen, daß er sich auf diese Kunst verstand und sie selbst ausübte, auch daß er durch sie „sein Verstand wiedergefunden hätt, den er verloren, da man das Weib (die von ihm geliebte Agnes Bernauerin) ertränket."
.... Von Herzog Sigmunds Vorliebe für Singen und Saitenspiel war schon die Rede — „er hett albeg gut Cantores und Singer bey Ihm. —" Sein Bruder Albrecht IV., zu dessen Gunsten Sigmund auf die Regierung verzichtete, scheint in dieser Neigung mit ihm gewetteifert zu haben; übrigens ward Paumann vielleicht schon durch Albrecht III. oder Sigmund an den bayerischen Hof berufen. Er genoß daselbst eine fürstliche Entlohnung und stand persönlich in hoher Gunst. Ersteres erhellt aus den Rechnungsbüchern über die damalige Hofhaltung, das zweite aus seiner Anhänglichkeit an München und dem Umstand, daß er im Jahre 1470, als die Markgräfin Margarethe von Mantua sein Spiel zu hören wünschte, nur mit „größter Mühe" zur Fahrt dorthin zu bewegen war. Am Hofe der Markgräfin, einer Schwester Albrechts IV., erregte Paumanns Spiel auf jeder Art von Instrumenten solches Aufsehen, daß der Herzog Galeazzo Maria Sforza sowohl, als der König Ferdinand von Arragonien darnach trachteten, ihn in ihre Dienste zu bekommen. Aber Paumann blieb München getreu, obgleich er in Italien auf alle Weise geehrt ward und reiche Geschenke empfing: vom Herzog von Mantua ein golddurchwirktes Gewand, ein Schwert mit goldenem Gehäng und eine goldene Kette, vom Herzog von Ferrara einen golddurchwirkten Mantel und anderes. Er wurde in Italien auch in den Ritterstand erhoben.
Paumann war Verfasser dreier uns erhaltener Orgelbücher; auch sonst ist aus seinem handschriftlichen Nachlaß Verschiedenes auf die Nachwelt gekommen. Er gilt als Erfinder der Lautentabulatur, war außerdem ein Meister im Extemporieren und spielte, mit den feinfühligen Händen der Blinden begabt, fast alle Instrumente jener Zeit: Orgel, Harfe, Laute, Kleingeige, Trompete, Flöte. Daß er vermählt war, wurde schon erwähnt; er war ferner Vater mindestens eines Sohnes. Sein persönliches Bezeigen im Umgang scheint eher zurückhaltend und etwas mißtrauisch gewesen zu sein, wenigstens in der Fremde, in Italien. Obzwar schüchtern, war er zugleich seines Könnens bewußt. Seinen Schülern widmete er große Sorgfalt und hinterließ deren viele und ausgezeichnete.
Im Jahre 1471 am 25. Juli führte Albrecht IV. seinen kunstreichen Diener im Schottenkloster zu Regensburg dem Kaiser Friedrich III. und den anwesenden Fürsten als Orgelspieler vor. Es ist nicht unmöglich, daß Herzog Albrecht dies als eines der Mittel anwandte, um sich in einer für ihn kritischen Zeit — er hatte seinen Bruder Christoph in einem Turm der Neuen Veste gefangen setzen lassen — die kaiserliche Gunst zu gewinnen.
Daß Konrad Paumanns Spiel eine starke Wirkung hinterließ, beweist die Unermüdlichkeit des Königs von Arragon, der im Jahre 1475 wieder einen, seinen dritten Versuch machte, den Künstler für sich zu erobern. Er wußte nicht, daß er damit zwei Jahre zu spät kam. Am 24. Januar 1473 war Konrad Paumann zu München gestorben und auf unserer lieben Frauen Freithof bestattet worden.
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Geschichtliches und Sagenhaftes vom Münchner Dom
Da Kaiser Ludwig der Bayer jähen Todes verblichen und von Fürstenfeldbruck, wo dies geschehen, nach München gebracht worden war, fand er, obschon im Kirchenbann verstorben, seine Ruhestätte in der alten Münchner Liebfrauenkirche an der Seite seiner ersten Gemahlin Beatrix. Mehr denn hundert Jahre stand es an, bis ihm in der Kirche ein Denkmal errichtet wurde; das ließ Herzog Albrecht IV. setzen: ein Hochgrab aus rotem Schlehdorfer Marmor. Auf dem liegenden Stein ist oben der Kaiser abgebildet im vollen Ornat, auf der unteren Hälfte aber die Versöhnung Albrechts III. mit seinem Vater Herzog Ernst, der Albrechts heimlich Anvermählte, Agnes Bernauerin, grausam hatte töten lassen. In der Mitte zwischen beiden Darstellungen ist der Reichsadler eingemeißelt, das bayerische Wappen auf dem Herzen. Die kunstreiche und lebensvolle Arbeit des Hochgrabes, vormals Meister Hanns „dem Steinmeißel" zugeschrieben, wird neuerdings als ein Werk Erasmus Grassers angesprochen.
Dies Hochgrab fand seine Stelle im Chor der im fünfzehnten Jahrhundert neu erbauten Liebfrauenkirche, über der Gruft, in der Herzog Albrecht IV. die Gebeine seiner, in der alten Marienkirche bestatteten Vorfahren, darunter auch die des Kaisers, hatte beisetzen lassen. Hierbei verordnete Herzog Albrecht — durch eine Urkunde von 1490 —, daß zum Gedächtnis für ewige Zeiten jeden Samstag Abend unter feierlichem Geläute das Salve Regina gesungen werde, und desgleichen der Pfarrer mit der gesamten Geistlichkeit ein Miserere sprechen sollte, „zu unserer Vorfaren Fürsten von Baiern und unserer Begrebnuss."
Zugleich mit dieser Verordnung stiftete Herzog Albrecht die Salve-Glocke, die größte der Domkirche — (irrig wird manchmal die viertgrößte, die Bennoglocke, als solche bezeichnet). Die Glocke, die zum Salve-Gottesdienst allsamstäglich läuten sollte, wiegt 125 alte Zentner und stammt aus Regensburg, wie ihre Umschrift besagt. Diese lautet: „Susanna - haiss ich - in Jhesus - Maria - und - lukas - markus - mattheus - und - johannes - in - der - Namen - gos - man - mich - der - durchleuchtig - hochgeporn - fürst - und - Herr - Herr - Albrecht - pfalzgrave - pei - rein - hertzog - in - obern - und - nidern - paiern - was - stifter - mir - von - regenspurg - her - pracht - er - mich - die - bösen - weter - vertreib - ich - den - toben - peere ich - hanns - ernst - der - gos - mich - als - man - zält - von - gottes - gepurt - tausend - vier - hundert - und - in - dem neunzigsten - jar - tetragramaton -" Das letzte Wort ist ein altes Bannwort gegen Wetterschäden und sonstiges Unheil. Die Stelle, „die Toten beehre ich" deutet wohl auf die Totenehrung, das allwöchentliche Gebet, bei dem die Glocke auf Geheiß des herzoglichen Stifters geläutet ward. Heute geschieht dies nur an den höchsten Festtagen und deren Vorabenden.
Der Altar im Chor der Frauenkirche, an dem das Miserere für die verstorbenen Fürsten gebetet wurde (unterhalb des Hochaltars), hieß der Kaiseraltar, weil Ludwig der Bayer ihn zum Andenken seiner ihm vorausgegangenen Gemahlin Beatrix gestiftet hatte.
Albrecht IV. starb selbst achtzehn Jahre nach dem erwähnten Erlaß und ward bestattet „in Unserer Lieben Frauen-Pfarrkirchen zu München, allda sein Corpus in Kaiser Ludwigs und anderer Fürsten zu Bayern Begräbden ligt."
Aber die Sage entstand allmählig und verbreitete sich im Volk, daß der Leichnam des Kaisers gar nicht dort ruhe, sondern irgendwo verborgen sei. In einem unterirdischen Gewölbe an unbekannter Stätte sollte sein Leichnam, kaiserlich angetan, auf einem Sessel sitzen. Anstoß zu dem Gerücht gab vielleicht eine Stelle in Aventins Annalen: daß der Kaiser in seiner Gruft sitzend bestattet sei — was spätere Geschichtsschreiber wiederholten. Doch hat jedenfalls die Volksphantasie, die ihre Lieblinge so gern zum Gegenstand mythischer Überlieferung macht, in die bis vor Kurzem noch lebendige Legende von Kaiser Ludwigs entrücktem Leichnam sagenhafte Züge von Karl dem Großen und Friedrich Barbarossa verwoben. Vielfach wurde behauptet: in der alten Augustinerkirche sei die verborgene Kaisergruft, während tatsächlich die Augustiner, bei denen Ludwig der Bayer allerdings hatte ruhen wollen, der Leiche des im Banne Gestorbenen die Aufnahme verweigert hatten. Wie hartnäckig dies Gerücht sich erhielt und zu welchen Nachforschungen der Glaube daran führte, wird später noch gesagt werden.
Anno 1606 ließ Kurfürst Maximilian I. die Gruft seiner Vorfahren neu in Stand setzen, an Stelle des alten Zinnsarges einen neuen, drei Schuh hohen anfertigen und die vorgefundenen Schädel und Gebeine, aus denen die Reste Kaiser Ludwigs nicht mehr auszuscheiden waren, darein betten. Unter Maximilian ward die Kirche selbst teilweise umgebaut, dem Geschmack der Spätrenaissance angepaßt; auch über dem alten Grabstein des Kaisers ließ der Kurfürst eine prächtige Tumba im Jahre 1622 errichten. Als Meister derselben werden genannt: Peter Candid, Hubert Gerhard, Dionys Frey. Die lebensgroßen Erzfiguren, welche die Tumba schmücken, sind: zu oberst neben der Reichskrone die allegorischen Gestalten der Weisheit und Tapferkeit, an den vier Ecken kniende Gewappnete als Bannerträger, an den beiden Längsseiten die stehenden Bildnisfiguren Albrechts V. und Wilhelms IV. Die lateinische Inschrift des Grabmals lautet in deutscher Übersetzung: Ludwig dem Vierten, dem erlauchten Kaiser, hat dies gesetzt Maximilian, Herzog von Bayern, des heiligen Reiches Kurfürst, auf Geheiß seines Großvaters Albrecht V. und seines Vaters Wilhelms V. im Jahre des Heils 1622." Das so umgestaltete Grabmal wurde aufgestellt unter dem nach St. Benno genannten Renaissancebogen, den Kurfürst Maximilian zwischen Chor und Langhaus der Kirche hatte errichten lasten. Nach der letzten Restaurierung der Frauenkirche, als dieser Bogen beseitigt worden, verblieb die Tumba des Kaisers noch im hohen Chor, wurde später, „weil sie die Aussicht auf den Hochaltar benahm", nach hinten versetzt und steht heute an einem dämmerigen Platz unter der Orgelempore.
Das Grabmal Kaiser Ludwigs ist die hervorragendste Grabmalsschöpfung der Domkirche und der Stadt überhaupt; das Übrige verschwindet vor ihr. Dennoch fehlt es nicht an Denkmälern, die wertvoll sind in künstlerischer Hinsicht wie durch das Andenken der namhaften Toten, die im Innern der Frauenkirche ruhen oder auf dem ehemaligen Frauenfreithof bestattet waren. Im Chor befindet sich außer der Fürstengruft die Kapitelgruft und zumal die Grabstätte der Erzbischöfe von München-Freising, mit charakteristischen Steinbildniffen von Künstlerhand. Auch vom schönen Grabstein des Bischofs Tulbeck, des Münchner Goldschmiedsohnes, wäre zu reden, von den Denksteinen der Patrizier Riedler und Ligsalz, von denen des Historikers Andreas Felix von Oefele und des Ritters Wilhelm Lew in voller Rüstung. Dies Denkmal sowie die Kopie von Hans Mielich nach Michelangelos „Jüngstem Gericht" die das Grabmonument des berühmten Kanzlers Leonhard v. Eck zierte, ist aus dem alten Franziskanerfreithof hierher gerettet worden.
Wie im Innern, so an der Außenmauer grüßen vertraute und ehrwürdige Namen: Kreittmayr, Ligsalz, Prielmayer u. A. Ein gar schönes Grabmal mit einem „Christus im Grabe" ist das der Familie Strobel. Die Ruhestätte der Gattin Cosmas Damian Asams, Maria Anna, geb. Mörl, ist bezeichnet durch eine Grabschrift, deren treuherzige Verse lauten wie von einer hellen innigen Frauenstimme vorgetragen. Nahe davon ist der Grabstein des „kunsterfahrenen, arbeitsamen, redlichen und aufrichtigen" Johann Michael Fischer, der als dreier Fürsten Baumeister allein 32 Kirchen nebst unzähligen anderen Gebäuden in seinem Leben aufrichtete, bis er 1766, wie seine Grabschrift sagt: „zum letzten Gebäu des Hauses der Ewigkeit den Grundstein legte." —
Friede all diesen Toten! Schirmend und gewaltig ragen über ihrer Ruhestatt, als bedeutsames Wahrzeichen Die, in deren Schatten ihr Erdenwallen sich abgespielt hat: die Frauentürme.
Raff - So lang der alte Peter...
Der Marienplatz
Der Marienplatz
Das Herz von München war von je der große Platz, Marktplatz, später Schrannenplatz geheißen; erst in neuerer Zeit ward ihm sein jetziger Name verliehen. Am östlichen Ende des Platzes stand das Rathaus — „meiner Herren der Bürger Hofstatt," wie es der Stadtschreiber Tänzel in dem Statutenbuch von 1365 nennt. Erbaut war es wohl um die Zeit, als der Stadt ein Rat gesetzt ward (also gegen Ende des 13. Jahrhunderts) und zwar zu beiden Seiten des spitzen gotischen Turmes, der jetzt als „alter Rathausturm" bezeichnet wird, aber eines der vier Stadttore war, nämlich das Talbruck- oder Talburgtor. Droben bei St. Peter, wo heute das Standesamt sich befindet, lag das eigentlich alte „kleine" Rathaus, an der Nordseite des Talbrucktores aber das „große" Rathaus (auch „Tanzhaus"), das heute das alte ist.
Bei den häufigen Feuersbrünsten, die in der jungen, meist aus Holzbauten bestehenden Stadt wüteten — 1327 brannte über die Hälfte der Häuser ab — hatte das gleichfalls mit Holz gedeckte Rathaus sein Teil zu leiden. 1418 brannte es vollständig nieder; 1462 in der Nacht vor Agidi (1. September) „schlug das Wetter in den Rathturm und anfeuerte sich und verbrann daselbst das ganze Dachwerk, das Zinnwerk verfloß alles und die Glocke zerging einstheils und der Knopf fiel herab auf die Gassen, und belag das Feuer auf dem ersten Boden, der war mit Ziegeln gepflastert und ward daselbst das Feuer aufgehalten, daß es aus Gottes Gnaden nicht weiter kam." — So der Bericht eines zeitgenössischen Chronisten. In Folge dieses Brandes wurde das ganze Rathaus zur Zeit Albrecht IV. erweitert, vollendet und in den Jahren 1470 - 74 der noch bestehende große alte Rathaussaal mit seinem prächtigen Tonnengewölbe erbaut. Den Bau leitete der „Stadt Maurer und Baumeister", Jörg von Haslbach bei Moosburg, der Meister der Frauenkirche. Der Ratsturm erhielt bei diesem Anlaß ein neues Zinndach mit acht Wimpergen; Turm und Fassade des Rathauses wurden von dem auch als Dichter von Ritterromanen, Nachdichter der deutschen Epen und als Chronikenschreiber bekannt gewordenen Maler Ulrich Fueterer al fresco bemalt. Den plastischen Schmuck führte Erasmus Grasser, der Bildhauer, aus; sein Werk sind die berühmten Figuren der Maruska-Tänzer im Rathaussaal, Gestalten, deren Humor und Lebensfülle aus die Bestimmung des Saales als „Tanzsaal" hinweist. Die Überlieferung bezeichnete sie ehedem als „Narren" und wollte in ihnen die Bildnisse wirklicher Narren aus Albrechts IV. Zeit erkennen, — Somit besaßen also „meine Herren die Bürger" nun ein ansehnliches Haus.
Die Verwaltung des städtischen Wesens hatte ehemals wie heute ihren Sitz im Rathaus. Einen erfreulichen Gegensatz zu unserem papierenen Zeitalter bildete der geringe Verbrauch von Schreibmaterial; so wurden im Jahre 1424 laut Stadtkammerrechnung nicht mehr als sieben Buch Papier beim Magistrat angeschafft und verbraucht.
Die Stadtkämmerer ließen die täglichen Einnahmen und Ausgaben durch den Stadtschreiber in ein eigenes Buch (Memorial) eintragen und für jedes Jahr eine eigene Kammerrechnung stellen; vom Jahr 1396 bis 1430 sind diese Rechnungen noch erhalten. Die alljährliche Abrechnung der Kämmerer geschah öffentlich im Rathaussaal, im Beisein der obersten Ratspersonen und der Gemeinde; alle Anwesenden mußten auf Eid bestätigen, „daß die Kämmerer ehrbarlich widerraitet und der Stadt ein gut Genügen getan haben —" was sodann vom Steuerschreiber am Schluß der Rechnung angemerkt wurde. Hernach ward auf Kosten der Kammerrechnung ein gemeinsames fröhliches Kammermahl gehalten, was häufig den letzten Rest des Barbestandes verschlang.
Ebenso hatte alljährlich die Bürgerschaft sich auf dem Rathaus einzufinden, um die Erhebung der Stadtsteuer zu beraten und zu bewilligen. Alsdann begannen die drei dafür bestellten Steuereinnehmer ihre Tätigkeit im selben Rathaussaal, von dessen Fenster die Steuerfahne, auf der ein Scherge abgebildet war, ausgehangen wurde. Und der Fronbote ging von Haus zu Haus und sagte einem Jeden an, „daß er steure, denn man sitz an der Steuer."
Viele und bedeutsame politische Vorgänge sah der Rathaussaal. So die heftigen Kämpfe innerhalb der Bürgerschaft in den Jahren 1397 - 1403, als diese sich gegen die damaligen Herzoge Ernst und Wilhelm empörte, und das bisherige Stadtregiment durch ein neues demokratisches gestürzt ward. Dann die Beratungen, Wahlen und Verpflichtungen der Hauptleute in kriegerischen Zeitläuften, wie in den eben genannten Jahren und den endlosen Fehden der Stadt mit etlichen meist ritterbürtigen Feinden, die sich durch das ganze 15. Jahrhundert hinzogen. Ferner mußte der, laut fürstlichen Wahlbriefes vom Jahre 1403, alljährlich neu erwählte innere Rat, sogleich nachdem er bei Hofe dem Landesfürsten geschworen hatte, den äußeren Rat erwählen und die Gemeinde auf den Rathaussaal besenden, wo dann der äußere Rat der Gemeinde und hinwieder diese dem gesamten Rat den Treueid leistete. Auch pflegte im Rathaussaal dem jeweiligen neuen Landesherren die Erbhuldigung abgelegt zu werden, wonach der Fürst feierlich der Stadt ihre hergebrachten Freiheiten und Rechte bestätigte. Die Landstände versammelten sich gleichfalls auf dem Rathaus, bis sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein eigenes Haus auf dem Marienplatz, das erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgetragene Landschaftshaus, erwarben. Heute befindet sich das Haus der Landstände, d. h. des Landtages, bekanntlich in der Prannerstraße.
Der große Saal des Rathauses diente jedoch auch zu Lustbarkeiten, Tänzen, Festtafeln, Schauspielen, die bei fürstlichen oder patrizischen Hochzeiten, zu Ehren fremder Gäste, oder in der Fastnacht stattfanden. So feierten im Februar 1403 (noch vor dem letzten Neubau) die Münchner rebellischen Bürger mit ihren Frauen lustig Fastnacht auf dem Rathaus, als schon die starke bewaffnete Macht der vertriebenen Herzoge Ernst und Wilhelm zwei Stunden vor der Stadtmauer lagerte. In späterer Zeit gab es Bälle und Redouten im Rathaus; mehrmals war auch ein Theater dort errichtet. Solange das Lottospiel bestand, fanden die Ziehungen im Rathaussaal statt, und die gezogenen Glücksnummern wurden unter Pauken- und Trompetenschall von dort verkündigt. Das geschah vom Mittelfenster der Westfront, dem gleichen, das am Tage einer Hinrichtung rot behangen war, und aus dem dann das Todesurteil dem armen Sünder nochmals verlesen und der Stab über ihn gebrochen ward. — Auch der Vollzug der meisten Strafurteile erging angesichts des Rathauses auf dem großen Platz. Hier stand der Pranger, wo die leichteren Verbrecher zur Schau gestellt und ausgepeitscht oder gebrandmarkt wurden; vor der späteren Hauptwache (auf der Westseite des Platzes, am Eingang zur Weinstraße) stand der Strafesel, darauf straffällige Soldaten reiten mußten. Auf dem Marktplatz ward der Galgen errichtet, an dem der „Goldmacher" Bragadino, ein venetianischer Betrüger, unter Wilhelm V. 1591 aufgehängt wurde, mittelst eines golddurchwirkten Strickes. Seine zwei schwarzen Hunde, weil sie für verlarvte Höllengeister galten, wurden mit ihm erschossen. — Oft genug wurde auch das Blutgerüst hier aufgeschlagen. Die harte Rechtspflege früherer Zeiten ließ sich nur selten so anmutig erweichen, wie im Falle des jungen, hübschen Burschen, der anno 1427 von der Bleiche Leintücher gestohlen hatte und dafür den Tod erleiden sollte. Die Frauen der Stadt baten, von der Wohlgestalt des Diebes gerührt, einmütig um Gnade für ihn, und der Rat gab dem Flehen nach und bestrafte den hübschen Galgenvogel nur mit Stadtverweis. Das Bild der alten blutigen Gerichtsbarkeit aber spiegelt sich in der Sage von
Diez Swingburg
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In den Kriegen Ludwigs des Bayern hatte ein Ritter mit Namen Diez von Swinburg — Andere nennen ihn Schaumberg — gar männlich und tapfer gekämpft, zumal am Tage von Ampfing sich großen Ruhm erworben. Es war aber des Kaisers Beutel zuweilen schmal, und Diez Swinburg konnte von ihm den Sold von etlichen hundert Pfennigen, den Ludwig ihm schuldete, nicht erlangen. So geschah es, daß Diez, der Ritter, in Schulden fiel, und die Gläubiger trugen dem tapfern Mann seine Habe hinweg. Da wußte er sich nicht besseren Rat, als gleich vielen seiner Art sich vom Straßenraub zu nähren, nach dem Spruch:
„Reiten und Rauben ist keine Schande,
Das tun die Besten im Lande."
Von seiner Burg konnte er vier Heerstraßen übersehen und ward ein wahrer Schrecken der Fuhrleute und Kaufherren, die mit Wagen und Gut dahinzogen. Er trieb aber das Ding so arg, daß der ganze Handel des Landes durch ihn in Gefahr kam. Darob verklagten ihn beim Kaiser die Reichsstädte Augsburg, Nürnberg, Donauwörth und Rothenburg, auch Weißenburg und Schweinfurt. Der Kaiser, als der Städte besonderer Freund und Schirmherr, erließ ein strenges Mandat gegen den Landfriedensbrecher. Diez Swinburg ward geächtet und mit Fehde überzogen; nach tapferem Widerstand fiel er mit vieren seiner besten Knechte lebendig in die Hände von Münchner Bürgern, die ihn gefangen nach München brachten.
Der Urteilsspruch gegen alle fünf lautete auf den Tod durchs Schwert.
Diez Swinburg hätte sich an die Gnade des Kaisers wenden mögen, in dem das alte Wohlwollen für ihn noch nicht erstorben war. Aber er tat es nicht. Hingegen bat er die Richter inständig um Gnade für seine vier Gesellen, die nur durch ihre Treue an ihm ins Unglück geraten seien, einer zumal, der ein junger schöner und kühner Mensch war, mit Namen Georg. Die Richter aber sprachen Nein dazu. Da tat Diez Swinburg noch ein letztes Bitten, so flehentlich, daß es aus dem Munde des alten Kriegers männiglich zu Herzen gehen mußte. Bei der Hinrichtung sollte man ihn und seine Knechte in eine Reihe stellen und ihn als Ersten enthaupten; an welchen seiner Knechte er dann mit abgeschlagenem Haupt noch vorüberlaufen könnte, die wolle der Kaiser begnadigen. Das ward dem Kaiser angesagt, und er gewährte es, so wunderlich das Ding auch klang.
Da ward Diez Swinburg getrost, kniete nieder, und der Henker schlug ihm das Haupt ab. Aber alsbald sprang er ohne Kopf auf und lief an allen vier Knechten vorüber, wonach er hinfiel und tot liegen blieb. Darnach ward er an Ort und Stelle begraben; seine Knechte aber wurden begnadigt und gingen frei aus.
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Der Marienplatz
Münchens öffentliches Leben spielte sich vorwiegend auf dem Marktplatze ab. Der hatte ursprünglich ein ziemlich dorfmäßiges Ansehen; erst Kaiser Ludwig der Bayer, der für das Aufblühen und die Verschönerung seiner Hauptstadt eifrig Besorgte, befahl durch Verordnung vom Jahre 1315 das Abbrechen der Fleischbänke, Kramläden und Hütten, die den Platz verschmutzten und verengten. Aber im 15. Jahrhundert bot der Markt schon einen stattlichen Anblick. Wo heute die Mariensäule ragt, stand das Gollierkirchlein, erbaut von dem Ritter Ainwig dem Gollier an Stelle der 1295 von den Bürgern aus Ingrimm wegen der Münzverschlechterung zerstörten herzoglichen Münze. Neben der Kirche, gegenüber dem „Wurmeck" stand das Rechts- oder Dinghaus, in dessen Erdgeschoß sich Kaufläden und Brotbänke befanden; an der linken Seite des Platzes lag das zur städtischen Trinkstube eingerichtete ehemals Implersche Haus. Gehandelt wurde auf dem Platz mit Früchten, Kräutern, Gemüse, Eiern und Geflügel, Lebensmitteln und Hausgeräte verschiedener Art. Der Baum- und Blumenmarkt, der Vögel- und Hundemarkt (dieser alle Sonn- und Feiertage), der Verkauf von „Kistlerarbeiten", als Kästen, Bettstätte, Stühle usw. von Tölz herab, deren Westenrieder erwähnt, — fanden späterhin auf dem großen Platz statt. Beim Fischbrunnen war der Fischmarkt, „alle Fast- und Abstinenztäge" -. Der Rindermarkt befand sich an der Stelle, die jetzt noch so heißt, der Schweinemarkt in der Althamer Gasse (Altheimer Eck). Jeden Mittwoch wurde bei dem Dinghaus am großen Platz die Getreideschranne abgehalten, woher sein Name „Schrannenplatz" sich ableitete. Da der Handelsweg von Italien nach Augsburg und Nürnberg oder nach Wien teilweise über München ging, wurden auch fremdländische Waren, wie Seidenstoffe und edle Gewürze, schon im vierzehnten Jahrhundert eingeführt.
Selbstverständlich war der „große Platz" die Hauptstätte aller Volksbelustigungen und öffentlichen Feste. Namentlich fanden hier die Turniere des Adels statt; so kämpfte im Jahre 1371 der Ritter Seitz von Altheim gegen den Ritter Diepold Guß von Güssenberg und stach ihn so in den Unterleib, daß er alsbald verstarb. Von den übrigen ritterlichen Festturnieren sei erwähnt dasjenige, wo die Ingolstädter gegen die Münchner kämpften (1399) und den berühmten gefürchteten Ritter Rindsmaul als Kämpen mitbrachten sowie das besonders glanzvolle anläßlich der Vermählung Herzog Wilhelms des Fünften mit Renata von Lothringen (1568), das mehrere Tage währte. Da gab es Ringelrennen, Fußturnier, Lanzenstechen, alle Formen des Wettkampfes. Beim Ringrennen, das Erzherzog Ferdinand von Österreich veranstaltete, war auf dem Platz eine 130 Schuh lange und 80 Schuh breite Rennbahn errichtet, mit hoher Planke umgeben. Alle Ritter waren in Masken, zumeist in Tiermasken gehüllt, die Pferde waren gleichfalls, z. B. als Riesen maskiert. Der ausgelassenen Fröhlichkeit war kein Ende. Zu Ehren der Anwesenheit Kaiser Karls V. im Juli 1530 ward gleichfalls auf dem Platz das große Feuerwerk abgebrannt, bei dem ein ganzes hölzernes Schloß in Flammen aufging. Von Altanen und Fenstern pflegten solchen Veranstaltungen die vornehmen Frauen zuzusehen wie auch sonst bei festlichen Umzügen jeder Art.
Zu den jährlich wiederkehrenden Freudenfesten zählte das am „Sübend-" oder „Sunnwendabend" (Johannistag, 24. Juni) entfachte Sonnwendfeuer, für das die Münchner Kinder vorher in allen Häusern Holz gebettelt hatten mit dem Reim:
„Js a braver Herr im Haus,
Reicht er uns a Scheit heraus,
Zwei Scheiter und zwei Boschn
Macht es brennen und gloschen."
Wenn dann der Riesenbrand rings die Mauern anstrahlte und als rote Lohe gen Himmel stieg, tanzte die frohe Jugend singend um das Feuer oder sprang paarweise durch die Flammen. Auch Fürsten und schöne Fürstinnen verschmähten die Teilnahme an der Johannisfeier nicht. So war 1401 die blonde Landshuter Elfe, Schwester Heinrichs des Reichen, die sich bald darnach mit Friedrich Wilhelm von Zollern, Burggrafen von Nürnberg, vermählte, als Gast in München und tanzte um das Johannisfeuer ganz allein, so voller Anmut, daß Jedermann ihr bewundernd zusah. Desgleichen tanzte 1402 der schon zweiundsiebzigjährige Herzog Stephan II. mit seiner ihm eben vermählten jungen Gattin Elisabeth von Cleve und seiner schönen Tochter, der nachmaligen Königin „Isabeau" von Frankreich, um das Johannisfeuer und sprang kräftigen Schwunges darüber.
An sonstigen Volksbelustigungen fehlte es nicht. So wenn etwa ein Wunderdoktor mit dem unvermeidlichen Hanswurst seine Marktschreierkünste auf dem Marktplätze übte oder wenn eine Truppe von Gauklern und Seiltänzern sich sehen ließ oder wenn die verschiedenen Zünfte ihren „Dinzeltag" hielten. Alle acht Jahre kamen die Braunauer Schwerttänzer und führten ihren Tanz mit entblößten Schwertern auf; vom Schäfflertanz und vom Metzgersprung soll noch ein Näheres gemeldet werden.
Die großen kirchlichen Aufzüge, vor Allem die Fronleichnamsprozession, die Krönungsaufzüge und fürstlichen Leichenfeiern, den Einmarsch fremder Truppen und die Wiederkehr heimischer Krieger — all das hat der Marienplatz, gedrängt voll von erregten Zuschauern, miterlebt. Desgleichen späterhin die Schützen- und Turnerfeste, die Begrüßung des Altreichskanzlers Fürsten Bismarck auf dem Rathaus im Sommer 1892 und das Großartigste von Allem: den Festzug 1888 zur Hundertjahrfeier von König Ludwigs I. Geburt. Das vorläufig letzte derartige Schauspiel war im November 1921 das düster ergreifende Leichengepränge, mit dem LudwigIII., weiland König von Bayern und seine Gemahlin zu Grabe getragen wurden.
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An dem Eckhause der Weinstraße zum Marienplatz befand sich ein Bild, das einen Lindwurm darstellte, in greifenähnlicher Gestalt. Dies Ungetüm sollte vereinst über München hingeschwebt sein und mit seinem Pesthauch die Stadt vergiftet haben, daß ein großes Sterben entstand. Jedenfalls spielt die Sage auf den „schwarzen Tod" an, der wiederholt in München wütete. Später ward sie noch dahin ergänzt, daß der giftige Wurm sich auf dem Schrannenplatz niedergelassen habe und von einem Kanonenschuß getötet worden sei, der an der dortigen Hauptwache auf ihn abgefeuert worden.
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Bevor die alten Häuser an der Südseite des Marienplatzes niedergelegt wurden, hieß das Haus Nr. 19, das dort stand, allgemein „zum großen Christoffel am Eiermarkt." Ein riesiger nackter Mann, um die Lenden mit Baumzweigen gegürtet, auf dem Kopf eine Krone, in der rechten Hand ein Doppelkreuz und in der linken einen Knotenstock tragend, war darauf abgebildet. Die Münchner Sage erzählt: Das sei der heilige Christoph, der einst in eben solcher Größe und Gestalt nach München gekommen und über die Talbrücke in die Stadt eingewandert sei. Noch viel später, im Jahre 1659, sollte er bei einem großen Brand in der Burggasse ebenso erschienen sein und Wasser in die Flammen gegossen haben, bis die Feuersbrunst erlosch. In München bestand, wie auch anderwärts, der Glaube, daß, wer des Heiligen Bildnis geschaut habe, am selben Tage nicht jähen Todes sterben werde.
Das Bild am Eiermarkt aber war gar nicht das des hl. Christoph, sondern das des hl. Onuphrius. Von ihm weiß die Legende Folgendes zu melden:
Es war einmal in uralten Zeiten ein König in Persien, der war von finsteren Grillen geplagt und hielt sein Ehegemahl, obschon sie eine tugendliche Fraue war, für untreu. Als sie nun mit einem Kinde ging, wähnte er in falscher Eifersucht, ihr Kind sei das eines Buhlen und gebot, es sollte gleich nach der Geburt ins Feuer geworfen werden. Da nun ein Knäblein geboren ward, wollten die Knechte des Königs Willen tun; aber das Feuer erlosch, sobald das Kind es berührte, und also ward die Unschuld der Königin offenbar. Dem König aber erschien ein Engel Gottes und gebot ihm, er sollte sein Söhnlein nach Ägyptenland senden, in das Kloster Hereti, unweit Hermopolis, wo hundert Mönche in gottseliger Eintracht lebten. Der König tat also, und das Söhnlein, das Onuphrius genannt war, erwuchs in großer Tugend und Frömmigkeit. Da er aber zu seinen Jahren gekommen, verließ er, vom Geiste Gottes getrieben, das Kloster und ging in eine wilde Wüste, um dort als Einsiedler zu leben. Sechzig Jahre brachte er im Gebet und in frommer Betrachtung zu und sah keinen Menschen in all der Zeit; er lebte von den Wurzeln des Waldes und von frischem Quellwasser. Keine Sonnenglut noch Kälte tat ihm Schaden: seine Haare und sein Bart wuchsen so völlig, daß sie ihm bis zu den Füßen reichten und seinen Leib wie ein Kleid bedeckten. Da geschah es, daß der hl. Paphnutius vom Geiste in eben diese Wüste geführt wurde, und es begegnete ihm ein Mann von riesiger Größe, der mehr einem wilden Tier gleichsah, als einem Menschen. Das war Onuphrius. Beide wohnten nun gemeinsam in selbiger Wüstenei und wurden von Gott auf wundersame Weise täglich mit Brot gespeist. Endlich kam St. Onuphrius zu sterben; da flog seine Seele als weiße Taube gen Himmel und ward geleitet vom ganzen himmlischen Heer. Seinen Leichnam aber begruben zwei Löwen. Paphnutius jedoch ging darnach zurück in das Kloster Hereti und machte das Leben und Sterben des hl. Onuphrius offenbar. Da erhoben die Mönche seinen heiligen Leib, und von nun an genoß St. Onuphrius große Verehrung im ganzen christlichen Morgenlande. Häufig ward er abgebildet, unbekleidet und von riesenhafter Größe, mit Zweigen umgürtet, einen Knotenstock in der Hand.
Viele hundert Jahre später kam Herzog Heinrich der Löwe auf seiner Pilgerfahrt ins heilige Land auch nach Ägypten und besuchte die Einsiedeleien in der Wüste. Da ward ihm viel erzählt vom Leben des hl. Onuphrius, von seinen Wundertaten und der Macht seiner Fürbitte bei Gott. Herzog Heinrich erwählte ihn darauf zu seinem besonderen Schutzpatron und erbat sich von den Mönchen des Klosters, wo der Heilige begraben lag, eine Abbildung seiner und ein Stück seiner Hirnschale.
In einem Walde dortzuland traf der Herzog einen Löwen an, der im Kampfe mit einem feuerspeienden Drachen war. Der Herzog mit seinem guten Schwert erschlug den Drachen, worauf der gerettete Löwe ihm wie ein Hündlein dankbar folgte, über Meer und Land in die Heimat. Davon erhielt Herzog Heinrich den Beinamen des Löwen.
Als nun Herr Heinrich in München einzog, das er zur Salzstätte und einer Stadt gemacht, da wurde ihm das Bildnis und die Reliquie des Heiligen vorangetragen. Daher entstand die Mär, als sei der Heilige selbst, so wie er am Markt abgebildet war, in die Stadt gezogen. Das Stück von St. Onuphri Haupt kam schon bei Herzog Heinrichs Lebzeiten nach Braunschweig; das Bildnis des Heiligen aber ließ er an der alten Burg anbringen, die er zu München besaß. Mit dieser wird es dem großen Stadtbrand im 14. Jahrhundert zum Opfer gefallen sein. An Stelle der Burg erhob sich später ein Bürgerhaus; das gehörte im 15. Jahrhundert einem frommen Münchner zu, der Heinrich Pirmat hieß. Der tat, wie sein herzoglicher Namensbruder, die Fahrt ins heilige Land; und zum Dank, daß Gott ihm glückliche Heimkehr geschenkt hatte, ließ er an seinem Hause den großen hl. Onuphrius anmalen. Eine Kopie des Bildes, die als Wandgemälde ein Haus in der heutigen Promenadestraße zierte — es gehörte ehemals Herzog Wilhelm V. und ward 1857 abgerissen — befindet sich im bayerischen Nationalmuseum.
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Nach dem Tode Stephans I., des Sohnes Ludwigs des Bayern, regierten die Söhne Stephans zunächst gemeinsam, teilten dann das Land in drei Teile, eine Münchner, landshutische und ingolstädtische Linie; Herzog Johann erhielt München als Anteil. Doch behielten alle Herzöge den Titel als Fürsten in Ober- und Niederbaiern, warfen immer wieder ihre Lande zusammen, schlossen Erbverträge, sodaß eine heillose Mehrköpfigkeit die Folge war. Der Unmut hierüber bewirkte schon 1385 ernste Zerwürfnisse zwischen Herzögen und Bürgern; die feindliche Haltung der Bürger gegen Stephan II. und Friedrich ward ausgeglichen durch eine förmliche demütige Abbitte, welche erstere zu Dachau den beiden Fürsten leisteten. Trotz des leidlichen Zustandes, der darnach einige Jahre währte, zeigt die Errichtung der „Neuen Veste", die damals am äußersten Rande der Stadt München erbaut und mit einem Zugang von außen her versehen ward, was die Herzöge sich von der Bürgerschaft im Falle neuen Zwistes erwarteten. Solch ein neuer und blutiger Streit entbrannte 1397 zwischen den Söhnen Johanns, den Herzögen Ernst und Wilhelm, einerseits und ihrem Oheim, dem Herzog Stephan II. mit seinem Sohne Ludwig auf der andern Seite. Die versuchte Vierherrschaft erwies sich als unmöglich; der ausbrechende Vetternzwist entzweite auch die Bürger, die ohnehin unter sich uneins waren. Es war die Zeit, da die erstarkten Städte gegen die Fürsten und die einzelnen Parteien innerhalb der Städte gegen einander im Kampfe standen. Dasselbe spielte sich auch zu München ab.
Die Zünftler, welche „die Gemeine", mithin die demokratische Partei bildeten, befehdeten die patrizische Herrschaft im Rathause, stürmten schließlich das letztere und rissen das Stadtregiment an sich. Der nunmehrige demokratische Rat hielt zu Stephan und Ludwig; die Anhänger der früheren Ordnung, so der bisherige Bürgermeister und spätere Chronist Jörg Kazmaier, entwichen nach Dachau, wo die vertriebenen Herzöge Ernst und Wilhelm weilten. Die gegenseitigen Feindseligkeiten hätten ihr Ende finden mögen durch den von vierundzwanzig Schiedsmännern zu Freising im Dezember 1402 gefällten Spruch, daß Ernst und Wilhelm der Münchner, Stephan der Ingolstädter Anteil verbleiben sollte. Aber die Münchner Ratsleute und ihre Genossen empörten sich wider die Söhne Johanns, errichteten gegen die Neue Veste zu ein Bollwerk aus mächtigen Holzblöcken, brachen die dortige Brücke ab und schlossen den Herzögen die Tore. Mit bewaffneter Macht, unterstützt von ihrem Vetter Heinrich von Landshut, mußten Ernst und Wilhelm vor ihre aufrührerische Hauptstadt rücken, die sich durch Boten an den in Paris weilenden Herzog Ludwig um Hilfe wandte. Aber die Vermittlung des deutschen Königs Rupprecht und des Nürnberger Burggrafen Friedrich von Zollern bewog Ludwig zu versöhnlicher Annahme des Schiedsspruches, wie auch die Stadt München zu schließlicher Nachgiebigkeit, zumal die Bürger durch die ewigen Fehden zu geschwächt und verarmt waren, um noch lange Widerstand zu leisten. Im Juni 1403, nach Versöhnung aller Parteien, ritten die Herzöge Ernst und Wilhelm feierlich in München ein. Die gedemütigten, überwundenen Städler gelobten, „als treue Biederleut ihren rechten Erbherren schuldig zu tun." Den Hauptmängeln im städtischen Leben zu steuern, ward von den Herzögen eine neue städtische Verfassung gegeben.
Es war ein Friede, den die Notwendigkeit geschlossen hatte. Der eigentliche Friede, der innere, zwischen der Stadt München und den Herzögen von Bayern-München trat ein am Tage gemeinsamen Blutvergießens für dieselbe Sache, am Tage von Alling.
Ludwig der Gebartete von Ingolstadt, der seinem Vater inzwischen in der Regierung gefolgt war und mit seinem Vetter von Landshut in erbitterter Fehde lebte, wollte sich rächen an Ernst und Wilhelm, die dem Landshuter Beistand leisteten, und zugleich München, auf das er ungern verzichtet hatte, durch Überrumpelung wieder an sich bringen. Am 17. September 1422 lagerte er mit seinem Heerhaufen schon bei Fürstenfeld — da sahen die Türmer Münchens die Rauchsäulen der von den Kriegsleuten in Brand gesteckten Dörfer Pasing, Gauting, Germering, Aubing aufsteigen, und alsbald ward Sturm geläutet. Rasch wappneten sich die Herzöge und ihre Ritter; die Zünfte und alle Bürger traten unter die Waffen, wohl gerüstet, in Fähnlein eingeteilt, geführt von tüchtigen Hauptleuten — „ihnen trug man vor die alten Banner der Stadt." So bewehrt, erwarteten Alle den ersten feindlichen Angriff, der am 19. September frühmorgens geschah. Da versuchte Ludwigs Hauptmann Hans Wessenacker, das Angertor zu berennen und mit einem Handstreich einzunehmen. Aber einen Hagel von Geschossen sandten die Bürger von den Mauern auf ihn herab — zugleich brachen die „Schlachtgewander" oder Tuchmacher aus der Stadt hervor, von den anderen Zünften gefolgt, und schlugen durch ihre Tapferkeit den Feind in schleunige Flucht. Die Rüstung, welche die Tuchmacher einem ingolstädtischen Hauptmann damals abgewannen, trugen sie später bei ihrer Zunftfahne alljährlich in der Fronleichnamsprozession, nebst sonstigen erbeuteten Waffen, mit sich.
Nun aber rückten die Herzöge Ernst und Wilhelm samt ihrem Heerbann, den siebenunddreißig Zünften der Haupstadt, sowie der streitbaren Bevölkerung von 28 umliegenden Ortschaften dem Gegner nach ins Feld und trafen ihn zwischen den Dörfern Alling, Puchheim und Hoflach. Ein heißer Kampf entspann sich; „Maria, reine Maid" war das Feldgeschrei der Münchner. Der junge Albrecht, Herzog Ernsts Sohn, warf sich, um Ludwigs Fahne zu erobern, tollkühn in die Feinde hinein, stürzte mit seinem verwundeten Gaul; das sah Herzog Ernst, der Vater, packte mit beiden Fäusten den wuchtigen Streitkolben und machte sich „mit plumpen und kübigen Streichen" Bahn zu seinem Sohne. Er kam eben recht, um einen Edelmann, der den jungen Herzog gefangen nehmen wollte, niederzuschlagen unter höhnischem Zuruf: „Ei, wolltest du einen Fürsten fahen?" Die Münchner drängten ihrem Herzog nach; vor ihrem Ungestüm wankten die feindlichen Heerhaufen und wandten sich zur Flucht, die bald allgemein ward. Viele der Fliehenden gerieten in das nahegelegene Haspelmoor und blieben stecken. Über vierhundert Gefangene fielen den siegreichen Münchnern in die Hände. Unter lautem Jubel und Geläute aller Glocken zogen die Sieger in München ein; die Überwundenen, die sie mit sich führten, gehörten zu Herzog Ludwigs besten Männern. Sie wurden milde behandelt und freigelassen, nachdem sie Urfehde geschworen hatten; Ludwig der Gebartete vermochte nichts weiter und mußte die Hand zum Frieden bieten, der den traurigen Krieg unter Vettern und Stammesgenossen beendigte.
So hatte ein Heer vorwiegend von Bürgern und Bauern unter Führung seiner Herzöge in offener Feldschlacht Waffenruhm gewonnen; und die Zünfte, diesmal durch die Tuchmacher, halten das Lob erneut, das die Tapferkeit der Schuhmacher unter Herzog Rudolf I. (gegen die Augsburger) und der Bäcker unter Ludwig dem Bayern (gegen die Österreicher) verdient hatte. Die siegreichen Herzöge stifteten ein Bild in die Kirche zu Hoflach, auf dem sie sich und ihre Waffengenossen verewigen ließen. Das war der Tag von Alling.
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Es war nach der Schlacht bei Breitenfeld, als Gustav Adolf den Sieg über Tilly errungen und seinen Weg nach Bayern genommen hatte. Am 5. April 1632 erfolgte die Schlacht bei Rain, in der Tilly die Todeswunde empfing; Kurfürst Maximilian I. zog sich in das befestigte Regensburg zurück und ermächtigte Stadtkommandanten und Bürgermeister von München, im Falle der Not die Stadt zu übergeben, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Anfang Mai trat dieser Fall ein; denn Gustav Adolf, der die Belagerung von Ingolstadt aufgegeben hatte, marschierte geradeswegs über Landshut und Freising nach München. In Freising begrüßte ihn der französische Gesandte St. Etienne, der vom Kurfürsten als Vermittler und Fürbitter für die Stadt bestellt war. Anfänglich behandelte ihn der König kühl und abweisend: er war verstimmt über das Fehlen jeglicher Abordnung von Seiten der Bürgerschaft. St. Etienne schickte daher eilends noch in der Nacht einen Boten ab, der das Eintreffen der Münchner Abordnung veranlaßte. Anfangs ließ der König sie nicht vor, endlich gewährte er ihnen Zutritt und gab ihren fußfälligen Bitten um Schonung Gehör. Gegen eine Kriegskontribution von dreimal hunderttausend Talern, deren Hälfte noch während des Königs Anwesenheit, der Rest aber nach und nach bezahlt werden sollte, versprach Gustav Adolf Sicherheit der Stadt, wie auch des Privateigentums vor Brand und Plünderung, Schonung der Bürger, Erhaltung der katholischen Religion und der städtischen Verfassung. Mit diesem Akkord kehrten die Abgeordneten erleichtert nach München zurück, und noch am selben Tage begann durch das Neuhauser Tor der Einmarsch der schwedischen Truppen.
Am 17. Mai vormittags 11Uhr kam Gustav Adolf selbst, begleitet von dem ehemaligen Böhmenkönig und Pfalzgrafen Friedrich, dem Pfalzgrafen August von Neuburg, dem Herzog von Holstein und den Weimarischen Herzögen Wilhelm und Bernhard in die Stadt geritten. Viel verbreitet ist die Anekdote, daß er, von Freising über Ismaning herkommend, die Stadt München, als er sie inmitten der rauhen Hochebene vor sich liegen sah, mit einem goldenen Sattel auf einem dürren Gaul verglichen habe. Seine Wohnung nahm Gustav Adolf samt dem Pfalzgrafen Friedrich in der kurfürstlichen Residenz, die beim ersten Anblick sein Entzücken erregte in solchem Grade, daß er angeblich den Wunsch aussprach, sie auf Walzen nach Stockholm führen zu können. Er fragte nach dem Namen des Baumeisters; ihm ward geantwortet: der Kurfürst sei sein eigener Baumeister gewesen. Die Kurfürstin und die Räte waren zum Erzbischof von Salzburg geflohen; dorthin war auch die Kasse der Landschaft geflüchtet worden.
Vieles geschah, um Exzesse der Soldaten gegen die Einwohnerschaft zu vermeiden. Die Stadt erhielt eine Salva Guardia, das städtische Zeughaus bekam eine Sicherheitswache von 15 Mann, jedes Kloster eine von 4 Mann. Dem katholischen Obersten Hebron, der beim Stubenwirt einlogiert war, wurde das Kommando über die Stadt übertragen. Allgemeinen Jammer dagegen erregte die Höhe der Brandschatzungssumme; nur 104,340 Fl. an barem Geld und 40,568 Fl. in Gold- und Silbergeschmeide konnten vorläufig zusammengescharrt werden. Bekanntlich gab der Umstand, daß München einen großen Teil der Brandschatzungssumme schuldig bleiben mußte, Veranlassung zu der Aushebung und Mitnahme der 42 Münchener Geiseln, von denen später noch die Rede sein wird. Die flehentlichen Bitten des Magistrats um Nachlaß der Summe oder eines Teils derselben wurden vom König abschlägig beschieden.
Es war Gustav Adolfs Wille, daß private Brandschatzung und Beraubung der Bürger durch die Soldaten nicht noch nebenher gehen sollten. Zur Aufrechterhaltung der Manneszucht wurden auf dem Marktplatz zwei Galgen errichtet; gleich zu Beginn der Anwesenheit des Heeres wurden drei Soldaten gehängt, einer ward enthauptet. Trotz dieser abschreckenden Beispiele kamen Übergriffe verwilderten Kriegsvolks natürlich oft vor. Die Soldaten brachten mehrfach durch Drohungen die Einwohner dazu, ihnen notwendige Gegenstände um billigsten Preis zu überlasten, denn es war der Befehl gegeben, daß sie ihre Bedürfnisse einkaufen sollten. Dagegen bot sich den Einwohnern Gelegenheit, Beutestücke, die von den Soldaten da und dort mitgeschleppt worden, gleichfalls um sehr billigen Preis zu erwerben. In einem Keller der Residenz waren 140 metallene Kanonen unter der Erde vergraben, darunter 50 Fünfundsiebzig-Pfünder und die sogenanten 12 Apostel. Ein Bauer, nach Anderen ein Hofbediensteter, entdeckte dem König den verborgenen Schatz, der nun alsbald ausgegraben und als gute Beute nach Augsburg geführt wurde. Später, nach Eroberung Augsburgs durch die Bayern, ward er wieder zurückgebracht. Im Volksmunde hieß es in Bezug auf die Ausgrabung dieser Geschütze: Gustav Adolf habe die Toten auferweckt.
Auch aus der kurfürstlichen Kunstkammer und Bibliothek wurden damals viele wertvolle Gegenstände hinweggeführt. Das Gerücht hingegen, daß Pfalzgraf Friedrich, als persönlicher Feind des Kurfürsten Maximilian, dem König den Rat gegeben habe, die ganze Residenz in die Luft zu sprengen, lautet ziemlich zweifelhaft. Jedenfalls lag das Verüben solcher zwecklosen Greuel nicht in Gustav Adolfs Natur.
So sehr die Bevölkerung unter der bedrückenden Anwesenheit des feindlichen Heeres litt, das auf dem Wege nach München grauenvoll in Bayern gehaust hatte, gewann der König für seine Person eine gewisse Beliebtheit. Wenn er auf der Straße erschien, dankte er freundlich und herablassend für jeden Gruß, warf auch Geld unter das ihn scharenweise umdrängende Volk. Am Tage Christi Himmelfahrt begab er sich zu Fuß mit den andern Fürstlichkeiten und einem stattlichen Gefolge zuerst in die Domkirche, dann in das Jesuitenkollegium und die Michaelskirche. In der Liebfrauenkirche unterhielt er sich freundlich mit dem Geistlichen, ließ sich alle Merkwürdigkeiten, sowie die fürstlichen Grüfte zeigen. Im Jesuitenkollegium empfing ihn der Pater Rektor mit einer lateinischen Anrede, die der König in gleicher Sprache beantwortete. Er ließ sich auch hier überall herumführen, begehrte in der Kirche das Grabdenkmal des Stifters, Herzog Wilhelm V., zu sehen; und als er erfuhr, daß dieser auf seinem Grabe kein Denkmal, außer dem Bilde des Gekreuzigten, gewollt habe, pries er die fromme Demut des Toten. Ferner vertiefte er sich mit dem Pater Rektor in ein längeres Gespräch über das Sakrament des Altares, wie auch über das Opfer für die Verstorbenen. Sein ganzes Verhalten, und wohl auch einige Anerkennung, die der König der geistigen Rührigkeit der Jesuiten zollte, veranlaßten den Jesuitenrektor zu einem so lobpreisenden Bericht an den Ordensgeneral nach Rom, daß er daraufhin die Weisung erhielt: sich kälter und kürzer zu fassen, wenn man doch von Ketzern Gutes zu sagen habe.
In der Zeit vom 27. Mai bis 5. Juni weilte Gustav Adolf in Augsburg. Dann hielt er sich nochmals zwei Tage in München auf und zwar wohnte er diesmal auf dem Marktplatz bei dem Gastwirt Freihammer. Am 7. Juni verließ er München mit seinem ganzen Heere und eilte über Augsburg, Donauwörth und Weißenburg nach Nürnberg, um die Vereinigung zwischen Wallenstein und dem Kurfürsten Maximilian zu hindern. Der Zustand der Stadt nach dem Abzug der Schweden war ein trauriger. Die städtischen Kassen waren völlig erschöpft; alle Felder, Wiesen und Gärten rings um die Stadt waren zerstört und verdorben, alle Dörfer und Einzelwohnungen der Umgebung waren abgebrannt und verödet. Doch hatte die Stadt zwei Jahre Zeit, sich von dem Schaden zu erholen, ehe ein neues, schlimmeres Unheil sie betraf: die Pest.
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Der Marienplatz
Achtmal im Ganzen ist München von der Pest heimgesucht worden. Die beiden schlimmsten Pestepidemien waren im 14. und 17. Jahrhundert.
In grausiger Form trat sie auf kurz nach Ludwigs des Bayern Tod im Jahre 1548. Das Unheil begann mit einem heftigen Erdbeben, das den Lauf der Flüsse veränderte und Berge zum Wanken brachte. In Oberbayern — so hieß es — sollten die Mauern von gegen 20 Städten und festen Schlössern eingestürzt sein. Das war im Januar; bald darnach wurde, angeblich durch genuesische Handelsschiffe, die Beulenpest aus dem Morgenlande eingeschleppt. Vier Jahre lang wütete die Seuche, schien zeitweilig erloschen, flackerte stets neuerdings auf. In Bayern war sie besonders heftig, manche Dörfer starben völlig aus; die mannigfachen Pestsagen, an denen unsere Volksüberlieferung so reich ist, schreiben sich von diesem und dem späteren Auftreten des schwarzen Todes her, z. B. das in mannigfaltiger Lesart vorhandene Sprüchlein: „Eßt Kranewitt und Bibernell, so eilt der Tod nit so schnell," das in einem Dorf ein Vöglein vom Baume gesungen, an anderen Orten die Stimme eines unsichtbaren, wohltätigen Wesens gerufen haben soll. Auch das Verbrennen heilsamer Pflanzen, der im Frauen-Dreißigst geweihten Kräuter und der Palmzweige vom Palmsonntag wurde, meist vergeblich, angewendet. Die wenigen und oft selbst nicht viel wißenden Arzte waren machtlos gegenüber dem großen Sterben. In der Hauptstadt München starb der siebente Teil der Bevölkerung; aus den Toren von Passau wurden an einem Tag 300 Leichen getragen.
In etwas schwächerem Grade und unter anderen Erscheinungen trat eine als Pest bezeichnete Seuche im Jahre 1462 auf. Ein volles Jahr herrschte sie in München, wie auch anderwärts. Die Münchner in ihrer Not beschlossen, die Hilfe des Himmels anzurufen: sie wallfahrteten im Frühherbst 1463 in feierlicher Prozession zu den Heiligtümern auf den Berg Andechs 5000 Personen nahmen „mit großer Andacht, mit weinenden Augen und doch frohlockendem Herzen" an der Wallfahrt teil. Männer und Frauen gingen gesondert, unablässig betend und singend. Bald darnach erlosch die Seuche. Eines ihrer letzten Opfer war Herzog Johann von Bayern, Albrechts IIl. ältester Sohn, der vor der Pest von München nach Harthausen geflüchtet war, wo ihn am 18. November 1463 der Tod ereilte.
Vom Auftreten der Pest im Anfang des 16. Jahrhunderts gab in der ehemaligen Wieskapelle hinter St. Peter eine Votivtafel Kunde; auf dieser Tafel, die dann nach St. Peters Kirche kam, war gemalt, wie die Strafengel Gottes ihre Pestpfeile abschießen und unten die Menschen dahinsterben, bis Gott Vater dem Sterben Einhalt tut. Auch im Jahre 1572 infolge eines großen Notjahres hätte eine Pest geherrscht. Während des dreißigjährigen Krieges erschien die Pest zuerst kurz, aber schreckhaft in München im Jahre 1628. Eine Dienstmagd des kurfürstlichen geheimen Vicekanzlers erkrankte plötzlich und starb rasch. An ihrem Leichnam waren die Spuren der Beulenpest ersichtlich, doch blieb infolge der strengen Vorsichtsmaßregeln, zumal der gewißenhaftesten Absperrung, an der es sonst in jener Zeit meist fehlte, die Ansteckung auf wenige Personen beschränkt.
Furchtbar wie je, hauste die Pest zwei Jahre nach dem Abzug der Schweden in München. Es wurde angenommen, daß die spanischen Truppen, die zur Abwehr gegen Bernhard von Weimar in München gesammelt worden waren, die Seuche eingeschleppt hätten. Der erste Todesfall unter der einheimischen Bevölkerung geschah am 12. August in der Sendlingergasse. Acht Tage darnach kam ein Polizeimandat heraus, dem wieder eine Woche später ein kurfürstliches Mandat folgte. Beide schrieben den Behörden und dem Volke in umfassender Weise ihr Verhalten vor. Jeder Obrigkeit - so heißt es in dem Polizeimandat — „falle, wenn auch die Krankheit zweifellos von Gott zur Strafe für die großen und unaufhörlichen Sünden geschickt sei, doch die Pflicht zu, durch gute Fürsehung und Ordnung den Schaden so viel wie möglich abzuwenden." Die Pest erreichte in München ihren Höhepunkt im November und erlosch gegen Mitte Februar nächsten Jahres. Desto erschreckender ist die Fülle von Leiden und Ungemach, die sich in dieses halbe Jahr zusammendrängle. Jede Arbeit stockte, es fehlte an Allem. Das Zusammensein innerhalb der Freundschaft, der Familie wurde gescheut; ein Jeder sah auch im Nächststehenden nur den möglichen Todesbringer. Vier Lazarette wurden eilig zur Aufnahme der Kranken hergerichtet; die Tore der Stadt wurden geschlossen, mit Ausnahme des Isar- und Neuhausertores, vor denen je ein Garten mit Notbauten zur Beherbergung der Fremden hergerichtet war. Die Fremden durften natürlich die Stadt nicht betreten; ebensowenig durften die Einwohner zu ihnen hinaus. Alle Briefe wurden geöffnet, tüchtig durchräuchert und dann wieder verschlossen. Das Geld, das im Umlauf war, wurde vor der Berührung in Essig geworfen; der Eintritt in ein verseuchtes Haus, der Verkehr mit angesteckten Personen oder der Gebrauch der ihnen gehörigen Sachen war bei Lebensstrafe verboten. Zur Abschreckung und nötigenfalls auch zu sofortigem Strafvollzug waren Galgen in den Straßen der Stadt errichtet. Kleider und Bettgewand der angesteckten Personen wurden vor den Toren verbrannt. Um die Verbreitung der Seuche zu hindern, wurden die Straßen mit eisernen Ketten gesperrt, ja, die völlig verseuchten Straßen, wie die Eisenmanngasse, die Damenstiftstraße und das Kreuz wurden mit Brettern verrammelt. Die Herzogspitalgasse, obgleich von diesen so nahe gelegen, blieb von der Pest verschont.
Trotz alledem wütete die Pest ungemindert fort. Im Oktober und November wurden wöchentlich 200 und mehr Wohnungen, bisweilen ganze Häuser gesperrt. Bis in unsere Zeit noch war an einem Hause der Kaufingerstraße ein lateinisches „T" zu sehen, was „Tod" bedeutete und daran gemahnte, daß damals sämtliche Inwohner dieses Hauses der Pest erlagen. Ein genaues Aufzeichnen von Namen, Alter und Stand der Gestorbenen war unmöglich. Den Totengräbern mußten, um die nötigen Gruben herzurichten, längere Zeit gegen zwanzig Taglöhner beigegeben werden. Manche nützten die Not aus, indem sie ihr Werk nur gegen hohe Bezahlung taten; doch gab es auch Tapfere und Barmherzige wie den alten Adam Holl, den Pfleger des Jesuitengartens in Haidhausen, der auf seinen Schultern dreißig Tote zu Grabe trug. Jakob Balde, der die Pestzeit 1634 — 35 in München verlebte, hat ihn dafür besungen. Die Leichen wurden gewöhnlich im Totenkarren bei Nacht abgeholt, in die bereiteten Massengrüfte hineingeworfen, wie es eben kam und mit Kalk zugeschüttet. Gegen 940 Leichen barg jede Gruft. Von den Spitälern allein wurden ungefähr 1200 Personen begraben. Nach Angabe des Geschichtsschreibers Adlzreiter hätte München damals die Hälfte seiner Einwohner verloren.
Als Ende 1634 die vor den Schweden nach Salzburg geflüchteten Reliquien des hl. Benno nach München zurückkehrten und bald darnach die Todesfälle sich minderten, atmeten Viele erleichtert auf. Aber so oft die Krankheit erloschen schien, flackerte sie stets von neuem empor; dies währte bis über die Mitte des Jahrhunderts. 1648 und 1649 trat die Pest wieder so gewaltsam auf, daß der Bischof von Freising allgemeine Gebete und Bittgänge anordnete, auch den Dechanten und Klerus von St. Peter eigens ermahnte, „getreulich bei diesen kommenden Gefahren auszuharren". Für die Pfarrei St. Peter ward ein besonderer Priester aufgestellt, der eine völlig abgesonderte Wohnung beziehen mußte und sie nur verlassen durfte, wenn er zu Pestkranken gerufen wurde. Auch die Kirche durfte er nicht betreten. In jener Zeit begannen die regelmäßigen Wallfahrten der Metzgerzunft von St. Peters Kirche aus auf den heiligen Berg Andechs. Andere Bruderschaften und Zünfte pilgerten nach Altötting oder nach Ebersberg, zu dem vorzüglichsten Nothelfer gegen die Pest, dem hl. Sebastian. Auch den Kapellen und Altären, die in München selbst diesem Heiligen und dem hl. Rochus geweiht waren, wandte besondere Andacht sich zu, desgleichen den nahegelegenen Gnadenorten Thalkirchen und Ramersdorf.
Endlich hob der „schwarze Tod" sich von dannen. Endgültig, denn die Seuche, die 1680 nochmals in München auftrat, war den Anzeichen nach wohl nicht Pest, obgleich die allgemeine Angst sie als solche bezeichnete und obwohl sie verderblich genug hauste. Auch dies Übel erlosch 1685. Aber lange, lange lebte in den Gemütern das Entsetzen der Pestzeit fort.
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Der Marienplatz
Nach einer grausigen Pestzeit waren, trotz des endlichen Erlöschens der Seuche, Furcht und Schrecken noch so groß, daß kein Mensch sich aus seiner Tür zu gehen traute und die Straßen wie ausgestorben verblieben. Da faßten, wie die Sage meldet, zuerst die Schäffler neuen Mut, zogen mit Trommeln und Pfeifen vor die Häuser und führten muntere Tänze auf, um das Volk zu erheitern und wieder mit Lebenslust zu erfüllen. Zum Andenken draran werden diese Tänze alle sieben Jahre wiederholt. Es werden dann zunächst gewählt:
Der Umfrager, welcher sich erkundigt, wo getanzt werden soll, der Vortänzer, der einen mit Bändern geschmückten Stab hält, der Reifschwinger, auch „Hans" genannt, und der Nachtänzer oder Spaßmacher, außerdem 16 — 20 Schäfflergesellen. Die Kleidung besteht aus einer roten Jacke, weißer Weste, über die sich das schwarze Pestband hinzieht, schwarzen Beinkleidern, gelbem Vorfell oder Schurz, weißen Strümpfen und schwarzen Schuhen mit Silberschnallen. Den Kopf schmückt eine grüne Kappe mit weiß und blauen Federn. Grün umkränzte Bögen, auch Wein in einer Kanne nebst Gläsern tragen die Schäffler bei sich. Vor den Häusern, wo getanzt wird, führen sie mit ihren grünen bebänderten Reifen, die sie über sich halten, den künstlichsten Contretanz mit mannigfaltigen Figuren auf; die Hauptfigur heißt „der große Achter". Die Musik spielt dazu die Weise:
„Gretel in der Butten,
Wie viel gibst du Oar?"
„I gib net mehr, i gib net mehr,
Als um an Kreuzer sechsi
Und um an Batzen zwoa."
„Und wenn du mir net mehra gibst,
Als um an Batzen zwoa,
So bhalt du deine Butten
Un alle deine Oar!"
Bei einer anderen Figur bilden die Tänzer einen Ring um den Hans, den Reifenschwinger, der auf einem Fasse stehend, im Takt zwei Kugeln in die Höhe wirft und wieder auffängt. Hierzu spielt die Musik: „Hansl gea fort! Grell du aa! Hansl komm wieda! Grell du aa!" Der Reifenschwinger bedarf überhaupt besonderer Übung und Gewandtheit, da er am Schluffe ein volles Weinglas auf die innere Fläche seines Reifens sehen und mit diesem herumschwingen muß, ohne es zu verschütten. Dies Glas leert er hernach auf das Wohl der Hauseigentümer, und der schmucke Zug der Schäffler verabschiedet sich hiermit.
Der Luftigmacher, der sie begleitet, trug ehemals einen bizarr aufgekrempten Hut mit den daran gesteckten vier Aß eines Kartenspiels, in der Hand eine lange Wurst und auf dem Rücken eine Butte, in der ein ausgeftopftes altes Weib saß. Hiervon hieß er selbst „Gretel in der Butten". Dieser Name übereinstimmend mit dem Text des schon angeführten Liedes und der ganzen eigentümlichen Mummerei sollte gleichfalls an die Pestzeit gemahnen, weil, der Sage nach, ein Bauernweib mit Eiern in der Butte sich nach Erlöschen der Seuche als Erste in die Stadt gewagt hätte.
Seit Beginn des 19. Jahrhunderts war die Gretel in der Butten nicht mehr beim Schäfflertanz. Der „Nachtänzer" oder Lustigmacher, von da ab als richtiger „Wurstl" bunt gekleidet, trieb jedoch munter seinen Schabernack mit den Zuschauern, hatte es namentlich auf die Weiberleute und vor allem auf die „Kocherln" abgesehen; bald suchte er Einer das Gesicht zu schwärzen, bald ihr einen Kuß zu rauben. War der Tanz beendet, so zogen die Schäffler paarweise nach den Klängen eines Marsches weiter, um an einer andern Stelle die Vorführung zu erneuern.
Bekanntlich verewigt das künstliche Glockenspiel auf dem neuen Rathaus den Schäsflertanz. Mit dem Glockenschlag elf Uhr erscheinen zuerst zwei turnierende Ritter, dann die naturgetreu gebildeten kleinen Schäfflerfiguren, die sich munter im Reigen drehen. — In der Sendlingerstraße 86 — Eingang vom Färbergraben — besagt eine Inschrift, daß hier das Haus „Zum Himmelsschäffler" stand, von dem der Schäsflertanz seinen Ausgang genommen haben soll. Ihre Zunftgottesdienste pflegten die Schäffler im Dom zu halten, am Neujahrstage und am Tage St. Urbans, des Weinpatrons (29. Juli).
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Der Marienplatz
Durch den spanischen Erbfolgekrieg, der zwischen Österreich und Bayern eine blutige Kluft aufriß und beide fast ein Jahrhundert lang verfeindete, war Bayern unter kaiserliche Hoheit geraten. Das Waffenunglück Max Emanuels hatte ihn genötigt, nach Brüssel zu flüchten; der Kurfürstin war noch ein Fünftel des Landes, nämlich das Rentamt München, belassen worden. Als jedoch Kaiser Leopold am 5. Mai 1705 aus dem Leben schied, war es eine der ersten Regierungshandlungen seines Nachfolgers, des Kaisers Joseph I., München militärisch besetzen zu lasten, angeblich wegen heimlicher Umtriebe, welche die Rückkehr des Kurfürsten zum Zweck hätten. Die auf einer Reise abwesende Kurfürstin wurde, als sie wieder nach München zu ihren Kindern wollte, an der Grenze nicht mehr Hereingelassen, „weil ihre schädlichen Intentiones entdeckt worden", wie der kaiserliche Statthalter Graf Löwenstein angab. Die kurfürstlichen Kinder wurden, wenngleich mit aller Achtung, so doch als Gefangene, gewissermaßen als Geiseln behandelt. Persönliches Eigentum des Kurfürsten, ja sogar seine Privatbriefe an seine Gattin und Kinder wurden beschlag, nahmt. Dazu kamen die Bedrückungen der österreichischen Soldateska, das unleidliche Aussaugen der Landbevölkerung; dies ging soweit, haß manche Bauernfrau mit entblößter Brust die Soldaten bat, sie lieber gleich nieder zu machen, ehe sie mit ihren Kindern Hungers sterben müßte. Ebenso empörte sich das Gefühl der jungen Bauernsöhne gegen die zwangsweise österreichische Rekrutenaushebung, wobei die jungen Burschen im Bett, ja in der Kirche überfallen, auf Wagen geschmiedet und hinweggeführt wurden. Dies alles: Anhänglichkeit an den angestammten Herrscher, wirtschaftliche Not, Antasten alter geheiligter Rechte, brachte in Bayerns Bevölkerung eine Stimmung zuwege, die in dem bekannten kurzen Zornvers: lieber bayrisch sterben, als in des Kaisers Unfug verderben", ihren Ausdruck fand.
In München herrschte scheinbare Ruhe, während im Lande überall schon der Aufruhr emporflammte. An manchen Orten ließ er, infolge der ungenügenden Leitung wie der Ehrfurcht vor Kaiser und Reich, sich rasch dämpfen; am stärksten und erfolgreichsten war er in Niederbayern. Die „Landesverteidiger" oder „kurbayrische Landesdefension" — auch die „Gemeine" nannten sich die Aufständischen — drangen trotz einiger Schlappen, die ihnen die österreichischen Truppen beibrachten, mächtig vor, zwangen den Oberkommandanten de Wendt, der später durch den Generalwachtmeister Kriechbaum ersetzt wurde, zum Rückzug. Unter ihren Führern, wozu namentlich der ehemals bayerische Wachtmeister Johann Hoffmann, sowie die Wirtssöhne und Studenten Sebastian Plinganser und Georg Meindl gehörten, marschierten sie auf München.
Inzwischen halten auch die Oberländler sich erhoben, und zwar waren hier Tölz und München die Hauptsitze der Aufstandsbewegung. Der Posthalter Franz Kaspar Hierner von Anzing übernahm es, die Bürgerschaft Münchens, sowie die Gerichte Haar, Erding und Schwaben zur Erhebung zu bringen. Er kam am 15. Dezember nach München und besprach sich beim Posthalter Brix mit einigen ihm befreundeten Bürgern, dem Weingastgeb Johann Jäger in der Löwengrube, dem Weinwirt, sogenanten „Puberwirt" Johann Georg Kittler und dem Bierbrauer Georg Hallmayer, die beiden letzteren im „Tal". Diesen Männern setzte Hierner den Plan auseinander, daß ein großes Heer von Landesverteidigern nach München rücken wollte, ferner, wie die Besatzung durch Ableitung des Wassers zur Übergabe ohne Kampf gezwungen werden könnte. Die drei Münchner Wirte gingen, während Brix sich vorsichtig zurückhielt, eifrig auf das Vorhaben ein und verabredeten mit Hierner: an den und den Stellen sollten Bürger, Hofbeamte, Studenten, Bräuknechte sich versammeln und den Bauern das Kosttor öffnen.
Daß Kurfürst Max Emanuel am Ausbruch des Aufstandes keinen Anteil hatte, ist gewiß. Die angeblichen Proklamationen, worin der Kurfürst sein Volk gegen die Kaiserlichen aufrief, waren Fälschungen der Aufständischen selbst. Ein solches Manifest, das in Burghausen verbreitet wurde, brachte dort und in Tölz, sowie den meisten Nachbarbezirken des Oberlandes die Beamten zu tätiger Mitwirkung an dem Unternehmen. Besonders erregend auf die Gemüter wirkte die Nachricht, daß die Prinzen aus der Hauptstadt weggeführt werden sollten. Von überall her liefen Zusagen ein, daß die einzelnen Ortschaften eine bestimmte Anzahl Landesverteidiger zum gemeinsamen Zug auf München stellen wollten. Die Musterungsliste der Aufständischen wies 2769 Mann auf; die in der Hofmark Ebersberg lagernden Niederbayern wurden auf mehr als 4000 Mann geschäht. Die Landesverteidiger des Oberlandes sammelten sich in Hohenschäftlarn im Isartal und setzten von da um die Mittagstunde des 24. Dezember ihren Marsch gegen München fort. Unterwegs bereits kamen ungünstige Botschaften, die Viele der Aufständischen einem Rückzug geneigt machten. In Solln erhielt einer der Führer, der Jäger Adam Schöttl aus Fall, ein Schreiben Kittlers, das Trostloses meldete: die Verschworenen hatten wenig Anhang unter der Bürgerschaft gefunden, die Münchner Besatzung war gewarnt; dazu rückten kaiserliche Truppen von Nordosten heran. Hauptmann Mayer, ein bayerischer Offizier, der ohnedies den Befehl nur gezwungen übernommen hatte, gebot daraufhin den Rückzug. Nach einer halben Stunde kam der Iägerwirt mit anderen Fanatikern angejagt und erreichte durch Drohungen, daß wieder nach München umgekehrt wurde. Hauptmann Mayer ward unter Mißhandlungen seines Führeramtes entsetzt, zu Fuß wie ein Gefangener mitgeführt, und so setzte die Mehrheit der Bauern, etwa 1900 an Zahl, den Marsch nach der Hauptstadt fort. Die Übrigen entwichen heimlich während der Nacht, darunter der Pfleger Oettlinger aus Starnberg, der das Anrücken der Aufständischen den Kaiserlichen in der Stadt verriet.
In München fehlte — mochten Schmerz und Empörung auch viele Gemüter beherrschen — der Druck der Verzweiflung, unter dem die Bauern handelten. Auch war die kaiserliche Administration bereits auf der Hut und hatte alle erforderlichen Maßnahmen getroffen, um eine Erhebung der Bürger zu hindern. Das Gerücht von der Wegführung der Kurprinzen war öffentlich widerlegt und die Bürgerschaft dadurch wesentlich beruhigt worden. Auch von den Kanzeln herab ward den Pfarrkindern zugesprochen, daß sie schädlichen Aufruhr vermeiden möchten. So blieben denn die in der Christnacht um I0 Uhr anrückenden Oberländler ohne Unterstützung von feiten der Bürger. Der Weg der Aufständischen führte vom roten Turm an der Isarbrücke vorüber; die kleine kaiserliche Besatzung, 15 Musketiere und 30 unberittene Kürassiere, räumte den Turm ohne Gegenwehr, um nicht durch die Bauern von der Stadt abgeschnitten zu werden. Die Schützen eröffneten nun ein Feuer auf den Wall der Stadtbefestigung, das jedoch wenig ausrichtete. Auf die versprochenen Raketen, wie auf die Öffnung des Kosttores und des Pförtleins am Weißen Bräuhaus warteten sie umsonst.
Inzwischen rückten die kaiserlichen Hilfstruppen auf verschneiten Straßen gegen die Stadt. Die vorausgesendete Reiterei unter dem Obersten von Eck setzte über die Isar, um den Bauern den Rückzug abzuschneiden; zugleich begann das Fußvolk die Beschießung des roten Turmes. Nach geringem Widerstand wurde der Turm zurückerobert und seine Verteidiger niedergemacht oder in die Flucht geschlagen. Ecks Reiterei verfolgte die Flüchtlinge, während die aus der Stadt entsandten kaiserlichen Reiter den noch am Glockenbach stehenden Haufen der Bauern überfielen und unter diesem ein furchtbares Blutbad anrichteten. —
Von dem Ausgang der Bauernschlacht auf dem Sendlinger Friedhöfe erzählt Kirche und Kirchhof in Untersendling; den Rückschlag derselben empfand die Stadt München nur zu sehr. Als an dem verhängnisvollen Christmorgen des Jahres I7O5 Flüchtlinge und erschreckte Umwohner in die Stadt gestürzt kamen, um zu melden, daß Alles verloren sei, überfiel die Meisten eine lähmende Furcht. Wenige behielten genügend Mut und geistige Klarheit, um denen, die sich für ihr Vaterland eingesetzt hatten, nach Möglichkeit beizustehen. Eine Unzahl von Verwundeten, gegen 600 an der Zahl, wurde gefangen nach der Stadt verbracht und in der Dezemberkälte auf das Straßenpflaster gelegt, um durch ihr Beispiel, wie der Bürgermeister Vacchiery sich ausdrückte, „pro terrors" d. h. abschreckend zu wirken. So lagen sie stundenlang; hernach wurden die, welche noch am Leben waren, aufgehoben, und in die nahegelegenen Klöster und Spitäler verteilt. Einzelnen Geflüchteten gelang mit Hilfe von beherzten und wohlgesinnten Männern die Rettung, wie z. B. dem Hallmayrbräu und dem Hofkoch Engelhardt, die sich mit dem Puberwirt Kittler zusammen im Franziskanerkloster befanden. Die Österreicher hatten das Versteck Kittlers erkundet, drangen in das Kloster, drohten, es zu einem Steinhaufen zu machen, wenn Kittler nicht ausgeliefert würde. Schweren Herzens mußte der Guardian sich fügen, aber der Geistesgegenwart des Pförtners Frater Michael Pletz (aus dessen Merkbüchlein Karl Trautmann uns dies erzählt hat) glückte es, den Hallmayrbräu und den Engelhardt, von denen die Österreicher offenbar nichts wußten, zu retten und sie mit noch Anderen, die dem Verderben entronnen waren, später aus der Stadt zu schaffen. Kittler, ein schöner, langer und starker Mann, teilte das Schicksal des Eisenhändlers Sebastian Senser vom Rappeneck (Ecke der Sendlingerstraße und des Färbergrabens), des Weinwirtes Johann Jäger, sowie der ehemaligen Offiziere von Clanze und Aberle: sie wurden in den Falkenturm gesteckt, verhört, gefoltert, schließlich auf dem Schrannenplatz zu Füßen der Mariensäule enthauptet. Johann Jäger war auf der Flucht, die er mit dem Studenten Passauer zusammen unternommen hatte, gefangen worden; er war der letzte dieser Hingerichteten. Sein Leichnam wurde wie der Kittlers gevierteilt, sein Kopf auf dem Isartor aufgesteckt; die vier Teile wurden an verschiedenen Orten aufgehängt. Das Vermögen der drei Münchner Bürger ward konfisziert; Jägers Witwe starb, 13 Jahre später, im Elend. Die übrigen an dem Münchner Trauerspiel Beteiligten kamen mit dem Leben davon.
Die Unglücksnachricht von München-Sendling übte, wie natürlich, eine niederschlagende Wirkung auf die unterbayerischen Landesverteidiger. Dennoch hielten diese stand bis nach der Schlacht bei Aidenbach (Januar 1706), deren Ausgang noch unheilvoller war, als der der Sendlinger Mordweihnacht. Damit brach der Aufstand zusammen; die Verhaftungen, Verurteilungen, blutigen Hinrichtungen der Führer währten bis in das Jahr 1708. Plinganser ward eingekerkert, Hoffmann enthauptet; Meindl entkam. Das niedergeworfene Land mußte seine teilweise Zerstückelung, sowie die Ächtung seines Kurfürsten, die an den Münchner Straßenecken angeschlagen ward, über sich ergehen lassen, bis der Friede von Rastatt 1714 es seinem angestammten Herren zurückgab.
Der Hausschatz des Kurfürsten, die Kronjuwelen im Werte von vierzehn Millionen, war, als die Österreicher München besetzten, von ein paar Getreuen in das Franziskanerkloster geflüchtet worden, in die Obhut eben jenes Frater Michael, der später den Hallmayr und den Engelhardt rettete und auch den Hort sorglichst bewachte. Das kurfürstliche Archiv hatte der Geheimsekretär, spätere Kanzler von Unertl, bei den Karmelitern verborgen; ein Deposit von zwei Millionen befand sich im Verwahr des Hofmalers Wellagitsch. Alles empfing Max Emanuel, da er im April 1715 in München einzog, unversehrt zurück; unverbrüchlich war das Geheimnis, trotz Lockungen und Drohungen, gewahrt worden. Nur die Juwelen und das Bargeld der Kurfürstin hatte die kaiserliche Administration in der Residenz, wo beides vergraben war, entdeckt; erst über Wien konnte es wieder erlangt werden. Aber die sonstigen Kostbarkeiten übergaben die treuen Wächter in ihres Fürsten eigene Hände. Frater Michael, der sich eine Gnade ausbitten sollte, bat für seine arme, in der Oberpfalz verheiratete Schwester und ihren Mann um Steuerfreiheit und die Erlaubnis, jährlich drei Sud Bier brauen zu dürfen, was ihm der Kurfürst gewährte und für ihn selbst eine tägliche Maß Wein aus dem Hofkeller hinzufügte.
Mit dieser Rückerstattung und dem Jubel der fürstentreuen Bürger, der sich in einer prächtigen Stadtbeleuchtung kundtat, schloß der Anteil Münchens an dem nun ausgespielten blutigen Drama der verflossenen Jahre.
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Der Marienplatz
Wie der Schäfflertanz, so wird auch ein alter Brauch der Münchner Metzger von der Zeit nach der großen Pest abgeleitet. Nämlich: ehemals, wenn die ausgelernten Lehrbuben des löblichen Metzgerhandwerks in die Gemeinschaft der Gesellen sollten ausgenomme werden, geschah es nach folgendem ergötzlichen Herkommen.
Am Fastnachtsmontag eines jeden Jahres zogen die freizusprechenden Lehrbuben im Geleit sämtlicher Innungsgenossen von ihrer Ladstube im Tal nach St. Peter zu feierlichem Gottesdienst. Alsdann ging der Zug durch die Hauptstraßen der inneren Stadt: Musikanten, die lustig aufspielten, voran, dahinter die auf geschmückten Pferden reitenden Lehrlinge. Jedem Lehrling folgte, gleichfalls zu Pferde, ein Söhnchen eines Metzgermeisters, das der zu Freiende sich als Gevatter oder Paten bei der vorzunehmenden Taufe erbeten hatte. Alle prangten in neuer Festkleidung: rote Jacken und Westen, schwarze Beinkleider, darüber eine reine weiße Schürze, an welcher der blanke Wetzstahl glänzte. Auf den Hüten trugen Lehrlinge und Paten bunte Bänder und farbige Blumensträuße, desgleichen die Metzgerknechte, die, sonntäglich gekleidet und Sträuße in den Händen, Jenen zu Fuße folgten. Darnach kam der Altgeselle mit den Kannen- und Willkommsträgern sowie den Beimeiftern. Die Träger samt dem Altgesellen waren angetan mit langen roten silberbordierten Röcken und ebensolchen Westen; dreieckige Hüte hatten sie auf dem Kopf und um die Schuller ein breites Bandelier mit Degen. Zur Residenz begab sich der Zug, huldigte den von dort herabschauenden Mitgliedern der Herrscherfamilie und bot ihnen den „Willkomm", das ist ein großer Pokal aus vergoldetem Silber. Die Kanne, aus der eingeschenkt wurde, war von demselben Metall und hatte als Griff einen Metzger mit dem Beil. Der Umzug endete in einem Gasthaus auf dem Marienplatz; dort kleideten die Lehrlinge sich um in eine Tracht aus weißen Fellen, die vom Scheitel bis zum Fuß straff anlag und mit Troddeln von vielen Kälberschwänzchen geziert war.
Gegen 1 Uhr erschien der Altgeselle mit den Lehrlingen auf dem überm Fischbrunnen errichteten Gerüst. Er neigte sich gegen die Zuschauer, ließ sich roten Wein einschenken und trank auf das Wohl des regierenden Hauses, der Landstände, der Behörden und des Magistrats, der Einwohner Münchens und Bayerns, schließlich aus das Wohl der ehrsamen Metzgerzunft. Darnach begann die Freisprechung der Lehrlinge wie folgt:
A l t g e s e l l: „Wo kommst du her, aus welchem Land?"
L e h r l i n g: „Allhier bin ich ganz wohlbekannt. Allhier hab ich das Metzgerhandwerk aufrichtig und redlich erlernt, eben darum will ich auch ein rechtschaffener Metzgerknecht werden."
Das billigt der Altgeselle ihm zu, mit dem Beifügen: „Du sollst aber getauft werden bei dieser Frist, weil du gerne Fleisch, Bratwürst und Bral ißt. Sag an mir deinen Namen und Stammen, so will ich taufen in Gottes Namen."
L e h r l i n g: „Mit Namen und Stammen heiß ich N. N. in allen Ehren; das Taufen kann mir Niemand wehren."
Der Altgesell meint jedoch: „Das Taufen kann dir Niemand wehren, aber der Namen und Stammen muß verändert werden. Du sollst hinfür heißen Johann Georg Gut, der viel verdient und wenig vertut."
Während dieses Spruches schlägt der Altgesell mit flacher Hand die Lehrlinge mehrmals derb auf die Schulter. Dann mit einem Mal springen alle Jungen jubelnd in den Brunnen, werfen unter die Zuschauer Nüsse, Äpfel und dergleichen aus, um welche die Kinder zumal sich balgen und dafür von den Jungen reichlich mit Waster begossen und angespritzt werden. Unter Geschrei und Gelächter ging der nasse Spaß eine Weile fort, bis die Freigesprochenen ihrem Bad entstiegen. Nun ward jedem ein weißes Tuch um den Hals gebunden, und jeder mit einem blauen Bande geschmückt, an dem silberne und vergoldete Schaumünzen hingen, als Patengeschenke ihrer kleinen Gevattern oder Andenken ihrer sonstigen Freunde und Verwandten. Vom selben Augenblick an waren die Lehrbuben freie und ehrsame Metzgersknechte geworden, gehörten zur Zunft und durften bei Festen und Gelagen mit ehrbaren Mädchen tanzen.
Sobald die Freigesprochenen umgekleidet waren, ging der Zug in die Herberge zurück, wo alsdann der Rest des Faschingsmontags sowie der Faschingsdienstag in fröhlichem Saus und Braus hingebracht ward. Erst der Aschermittwoch beendete dies alljährliche Fest der Münchner Metzger.
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Der Marienplatz
Sie zu beschreiben tut nicht not. Den Einheimischen ist sie das vertrauteste Bild; unter den Fremden ist wohl keiner, der sie nicht gesehen und im Gedächtnis behalten hat. Wie ehemals die äußerlich überragende Zierde des Platzes, ist sie jetzt noch seine innerliche Bekrönung, Wahrzeichen und Schutzmal der Münchner Stadt. Wenn ein blauer sonniger Himmel über dem Platze lacht, so scheint die schlanke Säule mit dem himmlischen Frauenbild hineinzutauchen in den Ätherglanz; wenn die Dächer der nahen Häuser weiß sind vom glitzernden Schnee oder vom Mondenlicht, so webt ein silberner Flimmer um das Haupt der bronzenen Madonnenfigur. Zu allen Festen wird der Sockel der Säule mit Blumen geschmückt; am Vorabend der Feiertage werden die Laternen an den vier Ecken der roten Marmorbalustrade angezündet und glimmen mild durch die Nacht. Die Mariensäule ist nie allein, auch wenn der Verkehr auf dem Platze verebbt. Bilder vergangenen Geschehens umgeben sie
Das war am achten November des Jahres 1638. Da wurde die Säule aufgerichtet „zur schuldigen Dankbarkeit und ewigen Gedächtnis der Erhaltung der Hauptstädte München und Landshut" im Schwedenkrieg. Durch den Bischof von München-Freising ward sie feierlich geweiht und darauf das, Hubert Gerhard zugeschriebene, Marienbildnis, das in der Frauenkirche zuvor bewahrt worden, gestellt. Inmitten einer Menschenmenge von Würdenträgern, Geistlichen, Ratsherren, Bürgern kniete der Kurfürst Max I. nieder und sprach laut folgende Worte: „Gott dem Allerhöchsten und Allgütigsten, der Jungfrau und Gottesgebärerin, der mildreichsten Frau und mächtigsten Beschützerin Bayerns, setzt dieses immerwährende Denkmal für die Nachkommen, wegen der Erhaltung des Bayerlandes, der Städte, Heere, seinerselbst, seines Hauses, seiner Hoffnungen, dankbar und bittend ihr mindester Pflegesohn Maximilian." Sodann weihte er sich und alles Seinige der hl. Jungfrau mit den Worten: „Erhalte, o heilige Jungfrau, als Patronin deinen Bayern ihre Habe, ihre Verfassung, ihr Land und ihre Religion." Darnach, tief ergriffen, erhob sich der Kurfürst, und begab sich im feierlichen Zuge zum Hochamt in die Frauenkirche.
Aber noch war die Drangsal des Krieges nicht vorbei, noch minder seine furchtbaren Folgen. Haufen verhärmten hohläugigen Volkes umdrängten oft genug die Mariensäule, flüchteten mit ihrem Elend zu der „liebreichen Hertzogin in Bayern, der mildreichsten Patrons Bavariae". Flehende und unwirsche Blicke streiften zuweilen die kämpfenden Engelsgestalten am Sockel: „Wann werdet ihr fertig sein mit dem Hunger? Wann habt ihr sie überwunden, die Pest?" Wenn sie immer wieder aufflackert, die Pest, wenn immer wieder der Totenkarren durch die Straßen poltert, wie dann die verkrampften Hände und verzweifelten Gesichter sich hinaufrecken zum Marienbildnis: „Hilf uns, Himmelsmutter! Maria bitt' für uns!"
Die Zeit verrinnt. Wieder kniet ein Kurfürst zu Füßen der Säule: Max II. Emanuel. Nicht so ernst, wie sein Ahn: jung, ehrgeizig, ein geborener Kriegsfürst. Um Sieg kommt er zu bitten, da er gegen den Türken zu Felde zieht, den Erbfeind der Christenheit. Der Sieg, von dem er träumt, um den er fleht, wird Wahrheit werden, aber wahr wird dereinst auch ein Anderes, von dem sich Max Emanuel jetzt nichts träumen läßt. In mehr als zwanzig Jahren, während Kriegselend seine Hauptstadt umbrandet und er selbst als Vertriebener in der Ferne weilt, werden jammernde Frauen und sorgenvolle Männer zum Bilde der Gottesmutter wallen, seine eigene Gattin voran, von seinen kleinen Söhnen begleitet. Kinderhände, darunter die seiner Kinder, werden sich falten, um durch ihr unschuldiges Gebet die Himmelskönigin zu bewegen, daß sie das Unheil abwende und den Fürsten zurückführe. Aber lange, lange wird es währen, bis das Erbetete eintrifft. Und zuvor wird noch ein Blutgerüst zu Füßen der gnadenreichen heiligen Jungfrau stehen, und die Männer, die ihr Blut hingeben müssen, um der Treue an ihrem Herrscher willen, werden mit dem letzten Lebenshauche sich der Fürbitte der Schutzherrin Bayerns empfehlen, ehe der Henker ausholt.
Ein Menschenalter schwindet. Ein müder Mann, im Reisegewand noch, naht schwankenden Schrittes der Säule, beugt sein Knie vor ihr: Karl Albrecht, Max Emanuels Sohn, der als kleiner Prinz hier für den Vater gebetet, und den das Schicksal als Mann wie jenen grausam umgetrieben hat. Die Kaiserkrone des heiligen römischen Reiches deutscher Nation schmückte ihn, und mit Hiob, dem Mann der Schmerzen, verglich er sich. Während nun die Stände seines Erblandes ihn willkommen heißen, Klerus und Volk ein feierliches Te Deum zur Begrüßung des Heimgekehrten anstimmen, sucht sein umfloriter Blick die barmherzigen Augen des Bildes und bittet um eine friedliche Schlummerstatt in heimischer Erde.
Wieder drängt und wogt es auf dem Platz; festliches Geläute der Glocken durchzittert die Luft. Vor dem Landschaftshause ist eine Art Altan errichtet, verkleidet mit purpurfarbenem Tuch. Ein ehrwürdiger Mann im weißen seidenen Priestergewand steht oben: segnend hebt er die Rechte, daran der Fischerring des hl. Petrus blitzt, über der tausendköpfigen Menge, die sich vor ihm zur Erde neigt. Hoch und Nieder, Alt und Jung, wer nur irgend konnte, hat nicht daheim bleiben wollen, ist herbeigeeilt, um den sechsten Pius zu sehen, den Nachfolger Petri, der die Münchner Stadt besucht, und um seinen Segen zu empfangen.
Das festliche Bild des segnenden Papstes und des andächtigen Volkes erbleicht. In trübem, nebligem Wetter, während der Wind um die Ecken pfeift und bisweilen schon Flocken dahertreibt, kauert auf den Stufen am Unterbau der Säule ein armes Weib. Sie scheint die Kälte nicht zu spüren, die mitleidigen Blicke der Vorübergehenden so wenig zu beachten, wie die Gabe, die ihr hier und da Einer in den Schoß wirft. Das ist die „Beterin an der Marienfäule"; alle Welt kennt sie. Früher war sie eine glückliche Frau und Mutter. Der Kaiser der Franzosen, der den Papst Pius gefangen setzen ließ, nahm die bayerischen Soldaten mit in den Krieg nach Rußland; da mußte — so geht die Märe — der Mann der Beterin mit als Offizier. Die Frau, ihr Kind neben sich, sah die Truppen auf dem Platz vorbeiziehen, folgte ihnen noch ein Stück Weges, sehnsüchtig nach dem letzten Anblick ihres Liebsten. Ihr Bübchen hatte sie an der Mariensäule zurückgelassen, ihm eingeschärft, zu warten: sie käme gleich wieder. Aber sie kam nicht: im Gedränge des nachströmenden Volkes ward sie zu Boden gerissen; das Rad eines schweren Geschützes ging über sie hinweg. Bewußtlos und stark verletzt wurde sie aufgehoben; als sie nach Wochen aus der wundärztlichen Behandlung entlassen war, fand sie ihr Kind nirgend mehr, nicht daheim noch an der Mariensäule. Sie sah ihren Knaben nicht wieder, so wenig wie ihren Mann, der aus Rußland nicht zurückkehrte. Darüber verfiel die Ärmste in stillen Wahn; Gebete murmelnd, starr um sich blickend, hockte sie Tag für Tag an der Mariensäule. So traurig war die Geschichte der stillen Beterin.
In stetem Wechsel ziehen leidvolle und freudige Bilder zu Füßen der Säule vorbei, zu viele, als daß sie in engen Rahmen sich fassen ließen. Aber noch eins tritt mächtig hervor: eine schier endlose Prozession, über zehntausend Menschen, viele mit Kerzen in der Hand, unterm goldflimmernden Baldachin der Erzbischof mit dem Allerheiligsten. Dankgesänge, Dankgebete steigen zum Bilde der Himmelsmutter empor für das Erlöschen der Cholera, die in München durch Monate gewütet hat. Fünf Wochen vorher zog eine fast ebenso große Bittprozession hierher zur Mariensäule, um das Ende der Seuche zu erflehen. So bitter die Angst und das Leiden von damals, so heiß und inbrünstig ist nun der Dank.
Zehn Tage nach dieser zweiten Prozession, am 13. Oktober 1854, gab der Magistrat bekannt, daß der König „den aus Veranlassung und zum ewigen Andenken der am 28. August und 3. Oktober an der Mariensäule stattgehabten kirchlichen Feierlichkeiten von der Bürgerschaft angeregten Wunsch der Umänderung des Namens „Schrannen-" in „Marienplatz" genehmigt habe." So galt die bisher nur für die nördliche Seite des Platzes übliche Bezeichnung „Platz Mariä" nunmehr dem ganzen Platz.
* *
Das Leben geht weiter zu Füßen der Mariensäule, bunt und wild, kraus und verworren. Aber die vier bewehrten Engelchen an den Ecken des Unterbaues schwingen unverdrossen Schwert und Schild, als wollten sie die Menschen mahnen, ebenso tapfer zu kämpfen. Und hoch von der Säule herab lächelt stets der gleiche verheißende Mutterblick, und das Kind breitet über Freud und Leid, Gerechte und Ungerechte segnend seine Händchen aus.
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Vom Marienplatz herauf zum alten Hof verdienen vier Häuser der Burgstraße ein kurzes Verweilen davor.
Das Haus Nr. 12 war das Haus des Staatsmannes und Rechtsgelehrten Wiguläus Xaver Aloys von Kreittmayr, des Verfassers der bayerischen Gesetzbücher, von dem die Gedenktafel, die das Haus schmückt, zu rühmen weiß, daß er „das Recht klarer und die Gerichtsbarkeit menschlicher machte." Um seiner Verdienste willen geadelt und zum Freiherren des hl. römischen Reiches erhoben, starb er als Geheimrats-Vizekanzler, 85 Jahre alt, in seiner Vaterstadt München, die ihm dankbar ein Denkmal auf dem Promenadeplatz errichtet hat.
Schräg über von dem Kreittmayrhaus, an dem schönen gotischen Hause Nr. 5, wo sich ehemals die Stadtschreiberei befand, erinnert abermals eine Tafel an den Mitbegründer der bayerischen Akademie der Wissenschaften, den Oberbergrat Johann Dominik von Linprun, der in diesem Hause 1787 starb. Auch die erste Sitzung der Akademie fand hier in Linpruns Wohnung statt.
Wenn ein phantasievoll Gearteter in einer schönen Mondnacht allein durch die Burgstraße geht, träumt er sich vielleicht ein Bild zurecht, wie etwa Karl Spitzweg es gemalt haben könnte: eines, wo die Fenster der zwei alten Häuser offen stünden und die ehrwürdigen bepuderten Gelehrtenhäupter der beiden Zeitgenossen sich herausneigten, einander zunickten, und der eine zöge eine goldene Tabatière heraus und nähme bedachtsam eine Prise, wozu der andere mit höflicher Reverenz ihm gutes Wohlsein wünschte.
Im Haus Nr. 11, neben Kreittmayr, glömme etwa noch stiller Kerzenschein; und wer durchs Fenster schauen könnte, sähe den kleinen Mann am Tische und die wundersamen Gebilde, die er mit nimmermüdem Reißstift aufs Papier zeichnet, der Franz Cuvilliés, der Schöpfer der Amalienburg, den Kurfürst Max Emanuel vom Hofzwerg zum großen Künstler hat ausbilden lassen.
Aber inzwischen höbe drüben im Hause Nr. 8 ein leises, süßes Klingen an, so silbern wie der Mondenglast, und die bezopften Herren lauschten, und alle Häuser und Giebel schienen aufzuhorchen, wer da solche Töne aus dem alten Clavycimbel hervorzulocken verstünde?
Um das zu wissen, braucht einer bloß nahe an das Haus zu gehen; denn da steht geschrieben, wieder auf steinerner Tafel, wer die Geister des Wohllauts in dem alten Gebäude zurückgelassen hat. „In diesem Hause und zwar im Eckzimmer des zweiten Stockes vollendete Wolfgang Amadeus Mozart im November und Dezember 1780 seine Oper Idomeneo."
Fünfundzwanzig Jahre zählte er bald, fühlte sich unglücklich in Salzburg, im Solde des Erzbischofs, der ihn nicht würdigte, während in München ein schon seit Mannheim ihm wohlgesinnter Fürst war. Eben vom Kurfürsten Karl Theodor hatte er jetzt den Auftrag für eine Oper erhalten, die im Fasching 1781 gespielt werden sollte, in dem entzückenden neuen Theater neben der Residenz. Und der Wolfgang Amadeus Mozart, dem von je „das Opernschreiben im Kopf steckte", wie er selbst bekannte, schrieb und probte und freute sich, im Verein mit seinen Musikfreunden, dem Anton Raaff und dem Cannabich, und mit Vater und Schwester daheim in Salzburg auf die bevorstehende Aufführung. Sogar der Katarrh, den die Münchener Winterluft ihm beschert hatte, störte seine Opernfreude nicht. Es war wie das Morgenrot eines künftigen leuchtenden Tages, das da aufging in der dürftigen Mietstube des engen Hauses in der Burgstraße.
Täglich gehen durch die Haustüre, über die Schwelle Menschen aus und ein, meist uneingedenk des Genius, der da geweilt hat, obschon die Namen seiner dramatischen Werke rings unter den Fenstersimsen verzeichnet stehen. Wer aber seiner gedenkt, dem klingt es beim Kommen und Gehen durch alle groben Alltagsgeräusche fein und melodisch hindurch . . . „hier schrieb Mozart am Idomeneo."
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Durch den Hofgraben herauf quer über die Maximilianstraße führt der Weg zum Max Josephplatz, zum Nationaltheater. Heute ist mit dem Platz der Begriff weltlicher Freuden in hervorragendem Maße verbunden; denn außer den beiden Theatern und dem stattlichen Königsbau der Residenz, sowie dem Postgebäude sind da nur Gaststätten und glänzende Läden zu sehen. Bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts aber trug dieser Platz, abgesehen von dem 1753 erbauten Residenztheater, dem schönsten profanen Rokokogebäude Münchens, vorwiegend geistlichen Charakter. An der Stelle des jetzigen Nationaltheaters stand das Franziskanerkloster mit Kirche und Freithof. Nach der Überlieferung hätte Ludwig der Bayer, als er im Kirchenbann war, in einem verborgenen Oratorium neben der Franziskanerkirche heimlich der Messe beigewohnt. In der Nacht nach seinem Tode und zuweilen auch in späterer Zeit soll das Fenster dieses Oratoriums hell erleuchtet gewesen und eine leise Musik gehört worden sein. Die Legende schreibt sich offenbar her von dem tapferen Beistand, den der Minoritenorden dem Kaiser während seines Streites mit der Kurie geliehen. Auch sein größter Verteidiger, der englische Franziskaner und berühmte Scholastiker Wilhelm von Occam, der von den Zeitgenossen den Beinamen „Doctor invincibilis et singularis“ erhielt, hat hier im Kloster seine Zuflucht und nachmals die letzte Ruhestatt gefunden. Viele gelehrte und fromme Männer hat das Kloster beherbergt, viele Träger klingender Namen sind auf seinem Freithofe zur Ruhe gebettet worden. Als es 1802 der Säkularisation verfiel und die Patres auswanderten, rief Ludwig I. sie nach 25 Jahren zurück und räumte ihnen einen Teil der Lehelkaserne (zuvor Hieronymitanerkloster) ein, mit der besonderen Betonung „daß Mitglieder dieses Ordens unseren erhabenen Vorfahrer Kaiser Ludwig den Bayern zu einer Zeit verteidigt haben, wo dies mit größter Gefahr verbunden war." — (Heute befindet das Kloster der P. P. Franziskaner sich noch am Lehel, wo die Pfarrei St. Anna ihnen untersteht.)
Auf der Nordseile und nach Westen hin umgrenzten den Platz zwei Frauenklöster. Da wo nun der zuletzt erbaute Flügel der Residenz an das Residenztheater stößt, lag in alter Zeit das Ridlerkloster, an Stelle des Häusertraktes, der die Ecke der Perusaftraße bildet, das Püttrichkloster. Beide Häuser waren sogenannte „Seelhäuser", nämlich durch Vermächtnis, d. h. mit dem „Seelgerät" angesehener Münchner Patrizier erbaut, weshalb auch die Schwestern und Pfleglinge dieser Häuser täglich für das Seelenheil der Stifter beten mußten. Die Insassinnen, dem dritten Orden des hl. Franziskus angehörig, widmeten sich ganz dem Dienste der Kranken und Sterbenden. Sie wurden Seelschwestern oder Seelnonnen genannt, ein Ausdruck, der sich in der Münchner Redeweise bis heute erhält. Das Ridlerkloster, das der Münchner Patrizier Heinrich Ridler 1295 gestiftet hatte, empfing seine Regel von einem Abkömmling desselben Geschlechtes, Pater Vinzenz Ridler, Custos und Visitator der Franziskaner-Minoriten im 14. Jahrhundert. Das Kloster führte den Beinamen „ob der Stiege", weil sich darin eine „heilige Stiege" befand, die von außen in die Kirche führte und auf der für die Andächtigen Stationsablässe zu gewinnen waren. Einen besonderen Schatz des Klosters bildete das sogenannte Salva Guardia-Bild: ein Liebfrauenbildnis, das der Karmeliterprior P. Dominicus a S. Nicolao im Jahre 1632, bei dem drohenden Schwedeneinfall, den Nonnen geschenkt hatte und dessen Segenskraft sie es zuschrieben, daß kein Leid ihnen in jener gefahrvollen Zeit widerfuhr. Heute befindet das vielverehrte Bild sich in der St. Johanniskirche in der Sendlingerstraße, wohin die letzten Ridlerschwestern es nach Aufhebung ihres Klosters verbrachten.
Aus der Zahl der frommen Frauen, die im Püttrichkloster, gleich denen im Ridlerkloster, der Andacht und den Liebeswerken oblagen, verdient eine noch ein besonderes Gedenken: Kunigunde, die Tochter Kaiser Friedrich III., Schwester Maximilians I. Die junge habsburgische Tochter war, als ihr Vater vor den Ungarn aus seiner Hauptstadt flüchten mußte, von ihm der Obhut seines tirolischen Vetters, des Erzherzogs Sigmund, anvertraut worden. In Innsbruck sah sie der bald vierzigjährige Herzog Albrecht IV. von Bayern und beschloß, um sie zu werben. Zum Teil aus staatskluger Berechnung, zugleich aber aus wahrhafter, von ihr erwiderter Neigung. Anfangs zeigte der Kaiser sich diesem Ehebunde nicht abhold, dann, verstimmt durch Albrechts politische Haltung, zumal durch besten Besitzergreifung von der Reichsstadt Regensburg, wich er zurück. Albrecht, mit Hilfe Erzherzog Sigmunds und des eben zum deutschen König gekürten Maximilian, die beide offenbar unter dem Banne seiner geistigen Kraft standen, wußte die 20jährige Kunigunde zu einer Trauung ohne des Vaters Gutheißen zu bewegen. Die Vorteile dieser Verbindung, in Bezug auf Zuwachs an Besitz und Macht, entsprachen nicht dem, was Albrecht wohl gehofft hatte; dafür gewann er mit Kunigunde ein Eheglück, wie es an den Fürstenhöfen jener Zeit nicht häufig war. In fester gegenseitiger Treue hielten die Gatten zusammen; der kühl und argwöhnisch geartete Herzog gab Kunigunden seine ganze Liebe und sein volles Vertrauen. Sie war offenbar die rechte Gefährtin für ihn, klar, verständig, zuverlässig; außerdem beschenkte sie ihn mit 8 Kindern. Als er 1508 von hinnen schied, begab sie, die Witwe, sich nach seinem prunkvollen Leichenbegängnis nicht zurück in die Neu-Veste, sondern, ihre Kinder, Verwandten und Hofleute überlistend, geradeswegs in das Püttrichkloster. Sie hatte ohne ihren „liebsten Herren und Gemahl" nichts mehr zu suchen im weltlichen Leben.
Auf ihr Wittum verzichtete sie zugunsten ihrer Kinder, behielt sich nur eine Jahresrente von 1000 Gulden. Die Schulden, die ihr Gemahl während seiner Kriege bei Kirchen und Stiftern hatte machen müssen, trug sie allmählich von ihrer Morgengabe ab und ersparte so dem Lande und ihrem auf den Vater gefolgten Sohne Wilhelm IV. die Ausgabe von 10 000 Gulden. Im Übrigen führte sie das gleiche Leben, wie die anderen Klosterschwestern, trug geistliches Gewand, widmete sich den Werken der Frömmigkeit und Wohltätigkeit. Als sie 1520 nach geduldigem Leiden eines friedlichen Todes starb, sahen, so heißt es, die Nonnen und viele Andere in der Stadt einen leuchtenden Stern, der am Himmel gerade über dem Kloster entglomm.
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Auf dem Hause in der Residenzstraße, das sonst „zum Franziskanerbäcker" hieß und der Post gegenüber liegt, steht droben am Dache ein Windfähnlein, das die Gestalt eines Vogels zeigt, mit ausgebreiteten Flügeln und einem Ring im Schnabel.
Vor langer Zeit wohnte in diesem Hause eine vornehme Herrschaft, die hatte in ihrem Dienst eine junge Magd, ein williges, fleißiges Mädel, von jedermann wohlgelitten. Sie war eines Gärtners Tochter und ins Haus gekommen durch eine Nichte der Herrschaft, mit der gemeinsam sie die Klosterschule bei St. Jakob am Anger besucht hatte. Nun geschah es ein paarmal, daß der Herrschaft auf unerklärliche Weise wertvolle Schmuckstücke abhanden kamen. Eines Tages vermißte die Hausfrau abermals einen kostbaren Brillantring, den sie nur kurz vorher in ihrem Zimmer auf das Fenstersims gelegt hatte. Niemand als das junge Dienstmädchen hatte während dieser Zeit das Zimmer betreten, und so fiel der schwere Verdacht des Diebstahls auf sie. Sie wohnte gerade dem Jahresfest der Münchner Gärtner im Wirtshaus zur kalten Herberge bei, da ward sie plötzlich von Gerichtsdienern verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Die Verhaftete leugnete durchaus, beteuerte und beschwor unter Tränen ihre Unschuld, aber der Schein sprach gegen sie.
Im Hintergebäude des Franziskanerbäcken wohnten zwei Brüder aus altem, angesehenem Geschlecht, ein geistlicher Rat und ein Domherr. Die hatten das Mädchen oft in seiner emsigen sittigen Art hantieren sehen, waren von ihrer Schuld keineswegs überzeugt und trugen großes Mitleid mit ihr. An demselben Tage, da der Armen das Urteil gesprochen werden sollte — andere sagen, da sie zur Folter gebracht werden sollte — sahen die beiden geistlichen Brüder in den Hof des Hauses hinab. Da war eben ein Maurer beschäftigt, für das schadhafte Dach, das er auszubessern hatte, Kalk zu mischen; als ihm dabei ein neugeprägter Pfennig auf die Kalkschaufel fiel, hielt er den für ein Geschenk der beiden alten Herren und lüpfte dankend die Mütze gegen sie. Jene aber hatten genau gesehen, wie ein kleiner schwarzer Vogel in das halboffene Fenster eines Zimmers hineinflog und mit einer Münze im Schnabel zurückkehrte. Sogleich ahnte dem Domherren, wie das Ding zusammenhängen möchte und wo der vermißte Ring geblieben sei. Er sandte dem Gericht eilends Botschaft und bat, eine Kommission in sein Haus zu schicken, ehe weiter gegen die Angeklagte verfahren würde. Als die Kommission zur Stelle war, konnte sie sich durch den Augenschein überzeugen, wie die Dohle ins Haus flog und eine Münze entwendete. Inzwischen war der Maurer aufs Dach gestiegen, fand dort das Dohlennest und darin eine Menge glänzender Pfennige, auch goldene Schaumünzen und den gesuchten Brillantring. Da war die Unschuld der Gärtnerstochter dargetan. Jedermann beeiferte sich, ihr die erlittene Unbill zu vergüten; auch der Kurfürst und seine Gemahlin ließen sich die Gerettete vorstellen und beschenkten sie. Zum Andenken an dies Ereignis wurde auf dem Dachgiebel des Hauses die Dohle mit dem Ring im Schnabel dargestellt.
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Seitlich vom alten Polizeigebäude, das vor Zeiten das erste Heim der Englischen Fräulein gewesen ist, vom Kurfürsten Maximilian I. der Stifterin 1626 geschenkt, mündet die schmale Schrammerstraße. Die Ecke des „Schrammergäßchens" und der Theatinerstraße, gegenüber dem besagten alten Polizeigebäude, hieß ehemals „das Spiegelbrunneneck" und kommt unter diesem Namen schon in einer Urkunde vom Jahre 1543 vor. Der Name soll zu Recht von dem hier ansässigen ehrbaren Geschlecht der Spiegel herstammen, aber die Sage weiß es anders.
Bis vor etwa hundert Jahren war an dem Hause, das die Ecke bildet, ein altes Gemälde angebracht, das ein hahnenartiges Tier darstellte, so wie ehedem der fabelhafte Basilisk abgebildet und gedacht ward. Darüber geht folgende Sage:
An dieser Ecke, wo später ein Schöpfbrunnen sich befand, stand in uralten Zeiten ein Zieh- und Kettenbrunnen. In selbigem Brunnen aber hauste ein Basilisk. Das ist gar ein greuliches giftiges Tier, denn kein lebendiges Wesen kann seinen Blick ertragen: wer immer ihn anschaut, muß alsbald sterben. Dadurch kam viel Unheil und Jammer, weil Jeder, der unversehentlich in die Tiefe des Brunnens hinabschaute, vom Blick des Basilisken getroffen und getötet wurde. Auf solche Art hatten schon Viele das Leben eingebüßt. Da riet ein weiser Mann, zur Abhilfe der Not einen Spiegel über dem Brunnen aufzustellen und zu befestigen, da nämlich der Basilisk selbst seinen Anblick ebensowenig als sonst eine Kreatur ertragen kann. Also ward ein großer Spiegel über dem Brunnen angebracht, und wie der Basilisk hinaufschaute und sich selber sah, war er sogleich tot. Da war die Stadt von solchem Verderben befreit; der Brunnen aber hieß seitdem der „Spiegelbrunnen".
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Die Gruftstraße hieß im Mittelalter „Judengasse", denn zwischen der Wein- und Dienerstraße, durch einen sogenannten Einlaß (ein gewöhnliches Tor ohne Turm) am späteren alten Polizeigebäude abgesperrt, befand sich das Judenviertel. Die Juden — angeblich seit 1182 sollten die ersten nach München gekommen sein — genossen Schutz und Begünstigung von den ersten Bayernherzogen; ihre Zahl wird schon im 15. Jahrhundert auf mehr als zweihundert angegeben. Dennoch kam es, unter der Herrschaft Herzog Ludwigs II., zweimal zu einer großen Judenverfolgung, das zweitemal aus Anlaß eines angeblichen Ritualmordes, den die Juden an einem Knaben begangen haben sollten. Damals (1285) wäre die Synagoge, „Judenschule" genannt, die neben dem Judentore lag, samt allen Juden, 180 an der Zahl, die sich hineingerettet hatten, ein Raub der Flammen geworden. Zwar kehrten die übrigen, beizeiten Geflüchteten allmählich wieder, und auch die Synagoge ward neu aufgebaut. Doch verminderte sich unter Ludwig dem Bayern, der ihre bis dahin ziemlich zahlreichen Freiheiten wesentlich einschränkte, die Zahl der Juden; auch hatten sie in den Pestzeiten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts besonders grausame Verfolgung zu dulden, da ihnen die Schuld an der Seuche bceigemessen ward. Im Jahre 1440 wies Albrecht III., hierin dem Beispiel der Reichsstadt Augsburg folgend, die Juden völlig aus München aus. Ihre Synagoge, die halb unterirdisch in den Stadtwall eingebaut war, schenkte er seinem Leibarzt Dr. Johannes Hartlieb, einem Manne von vielseitigen geistigen Fähigkeiten, der sich auch als Schriftsteller betätigt hat. Sein Hauptwerk ist die für Anna von Braunschweig, die Gemahlin seines Fürsten, verfaßte „Historia vom großen Alexander" (1444), eine Übersetzung des Alexanderromans. Johannes Hartlieb erbaute sich aus der Synagoge ein Wohnhaus mit unterirdischer Kapelle, die er zu Ehren Marias und der Patrone der Heilkunst, St. Cosmas und Damian, weihen ließ. In der Kapelle ward ein Vesperbild aufgestellt, das der Sage nach in der Erde verscharrt gefunden worden, und das alsbald viele Andächtige anzog.
„Eine Zeit hernach" — erzählt ein späterer Chronist — „ließ sich hier nun unsere liebe Frau mit Gutthaten merklich verspüren, also daß es einen großen Zulauf dahin gegeben." Um solchen Zulaufs willen ließ Dr. Hartlieb den nördlichen Teil der ehemaligen Synagoge ganz abtragen und über der Gruftkapelle eine größere Kirche bauen. Das zweistöckige Heiligtum ward vom Volksmund „bey unserer lieben Frauen in der Gruft" genannt, woher auch die Gasse ihren Namen empfing.
Später, nach einer Erneuerung der Kirche, hieß diese die „Neustiftskirche". Seit Ende des 15. Jahrhunderts durch Schenkung in den Besitz des Klosters Andechs übergegangen und nach zeitweiliger Vergessenheit zu neuen Ehren gezogen, bestand die alte Andachtsstätte bis 1805, wo sie aufgehoben wurde. Das Vesperbild schien verschwunden, bis sich herausstellte, daß es in Andechs geborgen war, von wo es später in die Wallfahrtskirche nach Grafrath kam. Die Gruftkirche ward versteigert und zum Teil in Wohnhäuser umgewandelt, zum Teil 1865 in das alte Polizeigebäude einbezogen.
Zwei seltsame Überlieferungen knüpfen sich an das alte Gotteshaus. Einmal die Behauptung: im 18. Jahrhundert, bei einer Restauration der Kirche, hätten Arbeiter in einem Pfeiler der Gruft ein brennendes Licht eingeschlossen gefunden. Das Phänomen beschäftigte damals viele Gemüter, ohne daß mehr als bloße Vermutungen dabei herauskamen. Ferner herrschte in Betreff der täglichen 9 Uhr-Messe, die ein kurfürstlicher Hofschneider Pernoth in der Gruftkirche 1725 gestiftet hatte und die später in der St. Kajetanshofkirche gelesen ward, die weit verbreitete Volksmeinung: diese Messe sei gestiftet zur Abwendung von Münchens Untergang durch den Walchensee, der, uraltem Glauben nach, einmal ausbrechen und die ganze Stadt überfluten werde. In eben der Gruftkirche wurde alljährlich ein goldener Ring geweiht und, um das Unheil zu bannen, in den See geworfen. Die Angst vor dieser Sintflut infolge eines Ausbruchs des Walchensees hat noch bis ganz am Ende des 18. Jahrhunderts in den Gemütern gespukt.
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Vor hundert und etlichen Jahren, da der alte Frauenfreithof noch bestand, galt es dort als nicht geheuer, und jedermann vermied am Abend die Nähe des Gottesackers. Allerhand Spukgeschichten wurden davon erzählt: so sollte auch zu Zeiten ein Geist mit einer weißen Schlafhaube auf dem Kopf den Freithof unsicher machen.
In der Weinstraße gegenüber dem alten Polizeigebäude gab es damals einen Kramladen. Der Krämer, im Geschäft ein tüchtiger, rescher Kaufmann, sonst ein fideler Kumpan, ging jeden Abend nach Ladenschluß zum Bier, doch ebenso pünktlich, wenn die Bierglocke geläutet hatte, den nächsten Weg nach Haus, und der führte übern Frauenfreithof. Einmal saß er wieder mit anderen ehrsamen Bürgern beim Trunk, da ward von allem Möglichen geschwatzt, auch von Spuk und Gespenstern. „Das Gespenst mit der Schlafhaube läßt sich auch wieder auf dem Frauenfreithof sehen," behauptete einer. Der Krämer lachte dazu und meinte: „so ein Geist käme ihm grab recht, der sollte nur einmal hergehen, dem wollte er es schon zeigen!" Und in Erwartung dessen trank er sich einen ordentlichen Mut an.
Als es nun Zeit zum Heimgehen war, nahm der beherzte Krämer Hut, Stock und Laterne und trat feinen gewöhnlichen Weg übern Freithof an. Aber da er auf den Gottesacker kam, saß da ein langer weißer Mann mit einer Schlafhaube an einem Grabstein. Dem Krämer, als er das Gespenst ersah, rann es eiskalt den Rücken herab; dennoch ließ er sich die Schneid nicht abkaufen, sondern raffte allen Mut zusammen, lief auf den Geist zu und versetzte ihm eine solche Watschen, daß ihm die Schlafhaube vom Kopfe fiel. Darnach aber war er selbst dermaßen erschrocken, daß er das Hasenpanier ergriff und davonrannte — hast du nicht gesehen! Das Gespenst aber hinter ihm drein. Glücklich erreichte der Krämer sein Haus, sperrte auf und schlug dem Verfolger die Türe vor der Nase zu. Durch die konnte der Geist nicht hinein, weil sie nach altem frommen Brauch mit drei Kreuzen und den Namen der hl. drei Könige bezeichnet war. Was tut der Geist? An der Hauswand klimmt er hinauf, und wie der Krämer erschöpft und atemlos in seine Stube im Oberstock gelangt — o Graus — da schaut das Gespenst schon beim Fenster herein. In der Angst ergreift der Krämer ein Bild der hl. Muttergottes von Altötting, reißt es von der Wand und wirft es dem Geist entgegen, der alsbald verschwindet.
Der vor Angst halbtote Krämer verfiel darnach in tiefen Schlaf; und als er des anderen Morgens frisch und gesund erwachte — siehe: da hing das Madonnenbild wieder ruhig an seinem Nagel auf der Wand.
Es ist nie aufgekommen, ob die Geschichte sich wirklich so zugetragen hat. Ob sie vielleicht ein von des Krämers Freunden ausgeheckter Spaß war, oder ob er selbst, ein bißl angetrunken wie er war, das Ganze bloß geträumt hat? Kurz: von da an hieß, als das Ding ruchbar ward, der Krämer in der ganzen Stadt nur der „Schlafhaubenkramer"; und bis zum heutigen Tag ist der Name auf dem Haus verblieben. Der Geist mit der Schlafhaube hat sich aber nimmermehr sehen lassen; kann sein: er war durch die empfangene Watschen erlöst.
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Von dem Kurfürsten Ferdinand Maria und seiner Gemahlin Henriette Adelheid von Savoyen wurden infolge eines Gelübdes
Kloster und Kirche des heiligen Kajetan erbaut, sowie auch die ersten Theatinermönche nach München berufen. An der Stelle, wo in den Jahren 1665 — 1675 der gottgeweihte Bau sich erhob, stand zuvor, hart am Stadtwall, neben dem Zeughaus, der kurfürstliche Hundezwinger und Falkenhof. Der Plan der Theatinerkirche stammt von dem Hofarchitekten Agostino Barelli oder Barella; die Türme hat später Enrico Zuccali, die Fassade Franz Cuvilliés vollendet.
Es war die erste große Barockkirche Münchens: der Entwurf traf ganz den italienisch-französischen Geschmack der Kurfürstin, wogegen der Theatiner P. Pepe vergeblich einwandte, daß ein so prunkvoller Bau dem Ordensgelübde der Armut nicht entspräche. Fast gleichzeitig mit der Kirche entstand das Kloster, erbaut von Lorenzo Petri aus Como.
Die Ordensregel der Theatinermönche schloß in sich die Verpflichtung zu strenger, apostolischer Armut. Sie durften bloß von Almosen leben und zwar von solchen, die ihnen unaufgefordert gespendet wurden. Nur wenn ihnen drei Tage lang gar keine Nahrung zuflöße und keine Hilfe sich zeigte, waren sie berechtigt, ihre Not nach außen kund zu tun. Deshalb gab es im Kloster eine eigens hierfür gegossene „Hungerglocke". Durch achtundfünfzig Jahre, von der Vollendung des Klosters 1669 bis zum Jahr 1727 sorgte jedoch der kurfürstliche Hof so treulich für die frommen Klosterinsassen, daß sie nicht in den Fall kamen, die Hungerglocke zu ziehen; und die übrigen mildtätigen Münchner verließen sich allmählich auf diese Fürsorge und dachten nicht mehr, ihr nachzuhelfen. Da geschah es eben in dem genannten Jahr, daß der Hofbedienstete, der für den Unterhalt des Klosters aufzukommen hatte, wegen Urlaub oder Krankheit durch einen anderen, lässigen vertreten wurde, und so ertönte plötzlich das bis dahin nie gehörte Läuten der Hungerglocke von St. Kajetan. Als die Leute in der Stadt erst herausgebracht hatten, welche Glocke das sei und was sie bedeute, entstand ein allgemeiner Wetteifer, die Theatiner, die getreulich ihre drei Hungertage durchlitten hatten, mit allem Nötigen zu versehen und zu erquicken. So waren sie durch die reichlichen Spenden vom Hof und von der Einwohnerschaft auf Wochen hinaus versorgt; und hernach soll es, solange das Kloster bestand, nämlich bis 1802, nur noch einmal geschehen sein, daß die Hungerglocke geläutet werden mußte.
Trotz ihrer Armut besaßen die Theatiner übrigens eine prachtvolle Bibliothek von gegen 10 000 Bänden, die sich im rückwärtigen Teil des Klosters gegen den Salvatorplatz hin befand, leider bei einem großen Brande im Jahre 1770 stark vermindert wurde.
Unter den Ordensangehörigen in München erlangte besonderen Ruhm Pater Ferdinand von Sterzinger, geboren zu Innsbruck, gestorben zu München 1786. Zuerst wirkte er in München als Professor der Philosophie von 1753 — 1756 und kehrte, nach dreijährigem Aufenthalte in Prag, an die Stätte seiner früheren Tätigkeit zurück, um sie nicht mehr zu verlassen. Er ward zum Superior der Theatiner und zum Mitglied der vom Kurfürsten Max III. Joseph neu gestifteten Akademie der Wissenschaften gewählt. In dieser hielt er 1766 seine, größtes Aufsehen erregende, auch im Druck erschienene Rede: „Von dem gemeinen Vorurteile der wirkenden und tätigen Hexerei."
In München, wie anderwärts, hatte im 16. und 17. Jahrhundert der Hexenwahn schauerlich gewütet und blutige Opfer gefordert. Ein eigener Hexenturm bestand zur Einkerkerung der Unglücklichen, die auf Zauberei peinlich verklagt waren. Seit 1682 war er mit dem Falkenturm, wo der Kriminalarrest sich befand, durch eine Galerie verbunden.
Die letzte Hexe in München ward erst 1701 öffentlich hingerichtet; darnach, im Jahre 1746, war nochmals ein ausführliches Gesetz erlassen worden, das die Zauberer, Teufelsbeschwörer usw. mit dem Tode bedrohte. Selbst Kreittmayrs Kriminalkodex vom Jahre 1751 setzte noch Strafen für diese Verbrechen fest. Also gehörte ein hohes Maß von Unerschrockenheit dazu, Das, was vielen geradezu geheiligte Wahrheit dünkte, so offen, wie Pater Sterzinger es tat, als Träumerei und Aberglauben zu brandmarken. Die zahllosen Angriffe, denen er dafür ausgesetzt war, entmutigten ihn nicht, vielmehr schlug er sie in Wort und Schrift tapfer zurück, bis ein Verbot des Kurfürsten der heftigen literarischen Fehde ein Ziel setzte. Aber Sterzingers Vorgehen gegen den Hexenwahn hatte tiefen Eindruck gemacht und trug seine Früchte so gut, wie etwa das des edlen Jesuiten Friedrich von Spee oder inprotestantischen Landen das des Thomasius.
In den Räumen des einstigen Klosters befindet sich heute das Ministerium des Innern. Die Kirche von St. Kajetan ward nach der Aufhebung des Klosters Hof- und Stiftskirche. Sie enthält die dritte der bayerischen Fürftengrüfte. Von 1779 an sind die Regenten des wittelsbachischen Hauses hier bestattet worden, mit Ausnahme Ludwigs I., der seine Ruhestätte in der von ihm gestifteten Basilika des hl. Bonifazius fand und Ludwigs II., der in St. Michael ruht, sowie des letzten Königspaares, das wieder in der Frauenkirche beigefeht ward. Noch verband ein seltsamer Münchner Volksglaube die St. Kajetanskirche mit dem ehemaligen Herrschergeschlecht; es ging nämlich die Rede: wenn die Theatineruhr still stehe, zeige das jedesmal einen Todesfall im Königshaus an.
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Ein Friedhof, ein Theater, ein Gefängnis in einem Festungsturm. So ungleicher Art waren die Bauten, die hier in enger Nachbarschaft beieinander standen.
Vorher, zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, gab es da nur freies Feld und ländlichen Betrieb. Eben nach Schwaige und Viehtrieb nannte der Volksmund den Platz „in der Kuh".
Nicht weit davon, außer dem Schwabingertor, stand eine Kapelle mit dem leidenden Heiland, angeblich an der Stelle erbaut, wo im Jahre 1400 eine alte Frau die konsekrierte Hostie, die sie einem Juden hatte bringen sollen, fallen gelassen. Seitdem führte das Schwabingertor auch den Namen: „Unseres Herrn Tor".
Inzwischen genügten die beiden Friedhöfe bei St. Peter und bei Unserer lieben Frau nicht mehr, und der Rat mußte daran denken, für jede der Pfarreien einen neuen Freithof zu schaffen. Der für die Frauenpfarrei erstand „eben an der Hinteren Prandasgasse in der Schwaig"; 1480 am Freitag nach Mariä Himmelfahrt ward er vom Weihbischof Johannes Perger durch „ein gesungen ampt" eingeweiht.
Der erste Tote, der ein Jahr nach der feierlichen Einweihung dort bestattet wurde, war „ein Mallergesell", mit Namen Heinrich Kirnast. Am Einweihungstage hatte Herzog Albrecht IV. eine Denksäule auf dem neuen Friedhof setzen lassen, aus Sandstein mit sechs geistlichen Reliefdarstellungen; diese Säule samt einem später von Herzog Wilhelm V. gestifteten Totenlicht befindet sich heute im Hofe des neuen Nationalmuseums.
Im Jahre 1493 ward an „Unseres Herren Tor" ein Befestigungswerk, besonders wegen der Nähe des herzoglichen Zeughauses, errichtet. Da ließ Herzog Albrecht die alte Salvatorkapelle abbrechen und an deren Statt eine Gedächtnissäule stellen, die ein ewiges Licht trug; gleichzeitig ließ er auf dem neuen Freithof, an Stelle eines bisher dort vorhandenen Marienkirchleins eine neue Salvatorkapelle, vermutlich durch Jörg Ganghofer, erbauen, die fortan als Friedhofskirche diente.
Außer einer Beinkapelle hegte der Freithof um die Salvatorkirche auch die als uralt bezeichnete St. Georgskapelle, die Gruftstätte der Bruderschaft vom heiligen Georg. Bevor der Georgssaal in der neuen Residenz geschaffen war, wurden die Gottesdienste der Hof- und Erzbruderschaft hier abgehalten und Adelige zu St. Georgsrittern geschlagen. Später, nach der Säkularisation, wurde die Kapelle zu allerhand Zwecken vermietet und diente eine Zeitlang als „Schwanthalerische Arbeitshütte". Da kam hier der junge Ludwig Schwanthaler mit seinen Künstlerfreunden zusammen, und sie ließen sich erfüllen vom Geiste des Mittelalters und der Ritterzeit. — Aber, wie gesagt, das war viel später.
Zunächst bekam der Freithof, nachdem zweihundert Jahre lang viele von Münchens Besten hier ihre letzte Ruhe gefunden hatten, eine sehr weltliche geräuschvolle Nachbarschaft. Denn 1651 ließ Kurfürst Maximilian I. einen an die nördliche Friedhofsmauer stoßenden Getreidespeicher umbauen zu einem Opernhause für die bevorstehenden Vermählungsfestlichkeiten seines Sohnes Ferdinand Maria mit Adelaide von Savoyen. Und von da an bis tief ins 18. Jahrhundert bestanden Kirche, Kirchhof und Opernhaus einträchtig nebeneinander. Auf dem alten Wehrgang längs der Stadtmauer, dem sogenannten Hofgang, konnte der Hof trockenen Fußes von der Residenz hierher gelangen, um den künstlerischen Darbietungen hohen Ranges zu lauscheu. Im alten Opernhaus ist Carlo Broschi aufgetreten, der Sänger, der für den gemütskranken König von Spanien war, was David für Saul. Auch Faustina Bordoni, die herrliche Sängerin, die Gattin Adolf Hasses, hat hier die Hörer entzückt. Und Faustinas Landsmann, der Venezianer Agostino Steffani, der Abbate und berühmte Komponist, hat hier seine Opern aufgeführt, ist nach und neben Ercole Bernabei Kapellmeister dieses Theaters gewesen. Durch zwanzig Jahre war Steffani mit Münchens Kunstleben eng verbunden: Schüler von Kerll, Hoforganist, Hofmusikdirektor. Ja, das alte Opernhaus hatte gar Manchen, auf den es stolz sein konnte! Mit der Zeit bot es für die wachsende Menge der Dekorationen und Requisiten nicht hinlänglich Raum; deshalb verfügte ein kurfürstliches Dekret vom Jahre 1724 die Erbauung eines „Dekorationsstadels," zugleich aber, daß die seltener zur Benützung kommenden Dekorationen in dem alten Jungfernturm am Stadtgraben untergebracht werden sollten.
Der nunmehr zum Dekorationsspeicher gestempelte Jungfernturm, in nächster Nähe des Salvatorfriedhofes gelegen, war eines der Befestigungswerke, denen die erste alte Salvatorkapelle hatte weichen müssen. Er hatte 70 Schuh in der Höhe und 120 Schuh im Umkreis, seine Rundvorderseite reichte bis an den vorbeifließenden Stadtbach; auf der gegen die Stadt zu gerichteten Rückseite befand sich die durch einige Stufen erhöhte Eingangstür. Im Erdgeschoß, das mit dem Stadtgraben in gleicher Tiefe lag, war ein Durchgangsbogen; oben an der inneren Mauer lief der schon genannte Wehrgang hin um die Stadt.
Von diesem Turme gingen allerhand schaurige Sagen. Es sollte darin eine eiserne Bildsäule der hl. Jungfrau gegeben haben, die mußten die zum Tode Verurteilten umarmen und küssen; während dessen aber tat unter ihnen der Boden sich auf, und sie stürzten in eine finstere Tiefe hinab. Nach anderer Lesart wurde das Opfer zuerst durch eine Falltür hinuntergestürzt und sank dann in die Arme einer eisernen, ganz mit Dolchen und Schwertern gespickten Jungfrau, die es fest an sich drückte und es auf den Tod zerfleischte. Es hieß, die heilige Fehme hätte im Jungfernturm ihren Sitz gehabt; späterhin wurde der düstere Bau mit dem gefürchteten „geheimen Ausschuß", der zur Zeit des Kurfürsten Karl Theodor bestand, in Verbindung gebracht.
Im Jahre 1666 hatte der Obristzeugmeister Freiherr von Rouyer den „Jungkfrauturm" mit Zuziehung des Hofbauamtes daraufhin untersucht, ob er nicht zur Aufbewahrung des Saliters (Salpeters) für die Schießvorräte brauchbar wäre. Der Turm war als hierfür ungeeignet, zugleich als völlig leer bezeichnet worden; sechzig Jahre später wurde er also Dekorationsspeicher.
Die Zeit verstrich. 1751 ward Josef Graf von Salern, der Vertraute Max III. Josephs, Intendant der Hofmusik. Derselbe Graf Salern, von dem der junge Mozart, nachdem er (1777) vor ihm gespielt hatte, rühmte: „Der Graf versteht doch die Musik, denn er sagte allezeit Bravo, wo andere Cavaliers eine Prise Tabak nehmen, sich schneuzen, räuspern oder einen Discurs anfangen." — Als Graf Salern einmal wegen Opernkleidern im Jungfernturm zu tun hatte, soll er eine Falltür entdeckt haben, die in eine Art unterirdisches Verlies führte. Dort fanden sich bei genauer Untersuchung zwei fast ganz vermoderte, mit Lumpen bedeckte Leichen. Sie wurden ohne weitere Nachforschung herausgeschafft und drüben am Salvatorfriedhof begraben. Als dann 1804 der Jungfernturm abgebrochen ward, fand der damalige Polizeidirektor Baumgartner, der die obige Erzählung vom Grafen Salern gehört und sich aufgezeichnet hatte, bei genauer Prüfung des alten Turmes gleichfalls jene Falltür und darunter ein Gewölbe, wo in einer Nische eine Art von Ruhestätte hergerichtet war. Der Raum war nun wirklich leer; doch deuteten alle äußeren Umstände, die den Untersuchenden auffielen, darauf hin, daß einst in dem Jungfernturm ein unterirdisches Verlies sich befunden hatte. Derartige Kerker für unglückliche Gefangene gab es in den mittelalterlichen Türmen und Burgen genug. Es würde sich nur fragen, ob die Falltüre bei der militärischen Untersuchung im Jahre 1666 übersehen wurde, oder ob die schauerliche Benützung zwischen diesem Jahre und dem Zeitpunkt jener Leichenfunde stattfand?
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ward der Freithof um die Salvatorkirche aufgelasien. Das ihm benachbarte Opernhaus ward bald darnach wegen Baufälligkeit abgetragen. Die Salvatorkirche aber, zu Beginn des 19. Jahrhunderts säkularisiert, wurde 1829 der griechisch-orthodoxen Gemeinde überlasten, die sie heute noch in Besitz hat. Zunächst der Kirche steht ein Schulhaus, rings umher ist ein gepflasterter Platz, auf den von Osten die Kuppel der Theatinerkirche hereinschaut, von Norden die Rückseite des Luitpoldblockes, an dem die Jungfernturmstraße sich hinzieht. Dort an einem Rest der einstigen Stadtmauer ist eine Tafel eingelassen, die besagt: „Hier stand der Jungfernturm, erbaut im Jahre 1495, abgebrochen im Jahre 1804."
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In der Pfandhausstraße liegen einander gegenüber zwei Kirchen, die an schwere Zeiten gemahnen.
Die Karmeliterkirche, jetzt Studienkirche, an der Ecke der Pfandhausstraße, führt ihr Entstehen auf den dreißigjährigen Krieg zurück. Herzog (später Kurfürst) Maximilian I. hatte sich eigens für den böhmischen Feldzug des Jahres 1620 vom Papst Paul V. als geistlichen Führer den General der Barfüßer-Karmeliten, Pater Dominicus a Jesu Maria erbeten. Der schon 60 jährige Ordensmann, ein Spanier von Geburt, weissagte vom Augenblick des Eintreffens an den Sieg. In der Schlacht „am weißen Berge" ritt er auf einem Schimmel, das Kruzifix in der Hand, mitten unter den Streitern und begeisterte sie durch seine feurigen Worte dermaßen, daß ein großes Verdienst um den Sieg ihm zugeschrieben ward. Der Herzog tat daraufhin das Gelübde, den Barfüßer-Karmeliten in München ein Kloster zu erbauen, wie es schon sein Vater geplant hatte. Aber die Zeiten waren der Erfüllung dieses Gelübdes nicht günstig: die ersten Karmeliter, die neun Jahre später nach München kamen, mußten als Wohnung mit der Herzog Maxburg vorlieb nehmen und ihre gottesdienstlichen Handlungen in der ihnen zugewiesenen zweiten Nikolauskirche ausüben. (Das erste Nikolauskirchlein mit dem Beinamen „zum Haberfeld" stand bei dem „Konradshof," einer Besitzung des Klosters Schäftlarn und gehörte zu den Bauten, die dem monumentalen Bau der St. Michaelskirche hatten weichen müssen. Vor jener alten Kirche hatte ehemals, zum Entzücken der Kinder, die „Niklodult", gleich dem jetzigen Kripperl- und Christkindlmarkt, stattgefunden.)
Erst im Jahre des westfälischen Friedens waren die Karmeliter durch verschiedene ihnen zugeflossene Schenkungen im Stande, ein eigenes Gebäude gegen den Kreuzplatz (die heutige Pfandhausstraße) hin zu erwerben, und erst unter Kurfürst Ferdinand Maria konnte der Bau einer Kirche begonnen werden, die 1660 eingeweiht ward. Ihr Baumeister war Hans Konrad Asper aus Konstanz.
Am Hochaltare der Kirche befand sich ein großes Gemälde vom Hofmaler Pfleger, das oben die heilige Dreifaltigkeit mit der Gottesmutter und vielen Heiligen, unten den Kurfürsten Max mit seinem Hofe und dem berühmten Pater Dominicus zeigte. Darunter stand folgender Vers:
Der große Geist des Dominic obsieget,
Als dem der Feinde Stolz und Hochmut unterlieget.
Des Dominic Gebet, des Herzogs Heldenwaffen,
Die Beide nur allein so können Wunder schaffen.
Das kriegerische Auftreten des Karmeliterpaters, der in München eine so populäre Gestalt geworden war, wie später in Tirol der Kapuziner Joachim Haspinger, veranschaulicht auch ein Wandgemälde im alten Nationalmuseum und ein Bilderzyelus der sich heute in der Münchner Taubstummenanstalt befindet.
Das Kloster der Karmeliter erstreckte sich schließlich durch die ganze Karmelitenstraße und westlich bis in die heutige Pfandhausstraße. Ein sehr beliebtes Brauhaus gehörte dazu und die Apotheke des Klosters. Nach der Säkularisation wurde diese auf den Promenadeplatz verlegt, wo sie heute noch unter dem Namen „Karmelitenapotheke" besteht.
Im Jahre 1802 ward das Kloster aufgehoben. Die bisherigen Klosterräume wurden zum Teil als Lyzeum und Gymnasium eingerichtet. An Stelle des bald darnach abgebrochenen Bräuhauses erstand der Neubau für das gregorianische Seminar, welches zuvor in der Neuhauserstraße seine Stätte gehabt hatte. 1808 wurde das neue Studentenseminar eröffnet; aus ihm ward nachmals das Kgl. Erziehungsinstitut für Studierende, das nach seinem Leiter, dem berühmten Pädagogen Benedikt Holland (geb. 1775, gest. 1855), einem ehemaligen Benediktiner, auch die Bezeichnung „Hollandeum" oder „holländisches" Seminar erhielt. Ebenfalls aus jener Zeit schreibt sich der Name Studienkirche, den die Kirche heute noch führt.
Im Jahre 1840 wurde das ganze Erziehungsinstitut der Leitung des Benediktinerordens unterstellt und zwei Jahre später auch das Ludwigsgymnasium, das den noch übrigen Teil der Klosterbauten einnahm, dem Orden übertragen. Bis 1855 haben die Patres der Abtei Metten, von da an die der neu gegründeten Benediktiner-Abtei St. Bonifaz in München achtunddreißig Jahre lang die vereinigten Erziehungsanstalten geleitet; darnach war das wegen Überbürdung der Ordensgeistlichen nicht mehr möglich. Heute sind beide Institute getrennt.
Als ehemals bei der Aufhebung des Klosters die Grüfte geräumt wurden, trat kein Geringerer als Lorenz von Westenrieder dafür ein, daß die Räumung nicht mit gewohnter fahrläsiiger Eile, sondern mit einiger Sorgfalt geschähe. Denn unter diesen Grabstätten befanden sich geschichtlich merkwürdige, wie die des kurfürstlichen Kanzlers Johann Adlzreiter, des bayerischen Geschichtsschreibers, sowie der Fürsten und Grafen von Porzia, denen das gleichnamige schöne Palais in der Promenadestraße (jetzt der Museumsgesellschaft zu eigen) gehörte. Auch zwei Erinnerungen an den Türkenkrieg hatten Kirche und Totenreich aufzuweisen. In die Kirche hatte 1664 der kurfürstliche Rittmeister Pendler von Penfelden eine Standarte und Votivtafel nebst einer Jahresmesse gestiftet, zum Andenken an das Treffen mit den Türken bei St. Gotthart am Fluße Rabenitz in Ungarn. Ein zweites Überbleibsel jener Zeit war ein Gerippe ohne Kopf, das sich bei der Räumung der Grüfte vorfand. Es war der Leichnam eines Obersten aus einer gräflichen Münchner Familie, der bei der Erstürmung von Belgrad gefallen war und dessen abgeschnittenen Kopf die Türken nach Konstantinopel geschickt hatten, während der Leichnam der trauernden Familie übergeben worden.
Schräg gegenüber vom Karmeliterkloster mündet als Fortsetzung des Rochusberges die Rochusstraße.
Die Dreifaltigkeitskirche, welche die Ecke der Rochusstraße bildet, leitet ihr Entstehen von den schweren Schicksalsschlägen her, die zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts über Bayern hereinbrachen. Als nach der unglücklichen Schlacht am Schellenberg, 2. Juli 1704, die österreichischen Truppen gegen München vordrangen, herrschte in München Verstörung und Entsetzen. Jedermann dachte an Flucht, die Stadt ward von Vielen für verloren gehalten, weil Mord, Brand und Plünderung besorgt wurden. Eine fromme Jungfrau, mit Namen Maria Anna Lindmayr, die von frühem Alter an Visionen gehabt hatte, erklärte damals aus innerer Eingebung, daß nichts geschehen werde, wenn die ganze Gemeinde Gott das Gelübde machen wollte, zu Ehren der Hl. Dreifaltigkeit eine Kirche zu bauen. Die Dame, zu der sie dies gesagt, eilte alsbald zu der Kurfürstin Theresia Kunigunde und hinterbrachte ihr die tröstlichen Worte. Binnen wenig Tagen ward in ganz München davon gesprochen und zuletzt beschlossen, daß die drei Stände: Geistlichkeit, Adel und Bürgerschaft, das Gelübde machen wollten. Dies geschah am 17. Juli desselben Jahres auf dem Rathause „mit solchem Eifer, Inbrunst und Zustimmung aller gegenwärtigen Bürger, daß alle reichliche Zähren vergossen und das Versprechen gaben, sie wollten nach Maß ihrer Hantierung dazu beitragen." Das Gelübde ward hernach in der Liebfrauenkirche vor ausgesetztem Allerheiligsten beim feierlichen Gottesdienst vorgelesen. Es wurde darin die göttliche Allmacht angefleht, sie wolle „bei diesen gefährlichen bevorstehenden Kriegsläufen die wohlverdiente Strafe barmherzig aufheben und alle anscheinende feindliche Gefahren, Brennen, Not und Drangsale, sowie auch Krankheiten gnädiglich abwenden und hievon die hiesige Haupt- und Residenzstadt und gesamtes Vaterland befreien, mithin den erwünschten lieben Frieden und Ruhestand angedeihen lassen, hauptsächlich auch unseren gnädigen Chur-Landesfürsten und Herren, nebst dem ganzen durchlauchtigsten Churhaus mildreichst protegiren und konserviren." Hiergegen gelobten die drei Stände, zur untertänigst schuldigen größeren Verehrung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit eine Kirche erbauen zu lassen und außerdem „die Sünden und Laster, welche leider bisher allzusehr überhandgenommen haben, nach besten Kräften abzulegen und zu vermeiden."
Sieben Jahre stand es an, bis mit Erfüllung des Gelübdes begonnen und der Grundstein der Kirche gelegt ward. Fast gleichzeitig mit ihr entstand ein Kloster der unbeschuhten Karmelitinnen, auf dem Boden eines Hauses, das ehemals dem Kloster Altomünster gehört und in dem Maria Anna Lindmayr ihre Jugend verbracht hatte. Beim Sammeln der freiwilligen Beiträge für Kirche und Kloster bewährte sich Maria Annas unerschütterliche Werbekraft; dem letzteren kam außerdem die Verlassenschaft des kurz vorher verstorbenen herzoglichen Paares Max Philipp und Mauritia Febronia (Onkel und Tante Max Emanuels) zugute. Fast wie Ironie berührt es, daß Graf Löwenstein, der kaiserliche Administrator, den Grundstein zu der Kirche legte — trotzdem diese, dem Wortlaut des Gelübdes nach, in patriotischen Schmerzen und Wünschen ihren Ursprung hatte, und trotzdem zur Zeit jener Grundsteinlegung Solche, die den inzwischen niedergeworfenen bayerischen Aufstand aus Patriotismus gefördert hatten, noch in grausamer Gefangenschaft schmachteten.
Der kurfürstliche Hofbaumeister Viscardi hatte die Pläne der Kirche entworfen und leitete persönlich den Bau; nach seinem Tode ward dieser durch den Karmeliter-Pater Dominikus a Sancta Euphrosina vollendet. 1718 war die Einweihung. Das Kloster, gegen das zu Anfang einiger Widerstand des Stadtrats sich erhoben hatte, ward durch den gleichen Pater Dominikus erbaut und schon 1714 eingeweiht; in ihm nahm Maria Anna Lindmayr selbst den Schleier. Sie erlebte den endgültigen Frieden und die Rückkehr des rechtmäßigen Landesfürsten, starb im Rufe der Heiligkeit 1726.
An den Innenwänden der Kirche, zu beiden Seiten des Portals, sind zwei Marmortafeln angebracht, die in lateinischer und in deutscher Sprache die Ursache und den Hergang des frommen Baues berichten. Die deutsche Inschrift schließt mit den Versen:
„Die Stadt läg in dem Grund,
Wann diese Kirch nit stund."
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„Die gewaltigste kirchliche Schöpfung der deutschen Renaissance" - wird die St. Michaelshofkirche gelegentlich in Kunsthandbüchern genannt. Schon allein das Tonnengewölbe, das kühn und herrlich den Innenraum überspannt, ist Gegenstand steter Bewunderung. Wie fast jede der großen deutschen Kirchen hat die Michaelskirche eben darum auch ihre Baumeistersage. Es ward bis vor kurzem noch erzählt, daß dem Herzog Bedenken eingeblasen worden seien über die Dauer und Widerstandskraft der Deckenwölbung. Der Herzog, um diese zu erproben, hätte befohlen, in der Kirche eine Kanone abzufeuern. Aber der Baumeister, aus Angst vor dem, was ihn betreffen würde, wenn die Decke einstürzte, hätte derweil die Flucht ergriffen und wäre nimmer zu Tag gekommen. Nach Anderen hätte er sich gar von seinem eigenen Bau herabgestürzt oder sei in der Sakristei erhängt aufgefunden worden.
Noch eine — seltener gehörte - Sage weiß von dem Wettstreit zweier Meister zu melden, deren einer die Kirche mit dem Tonnengewölbe, der andere aber den Turm erbaut hätte. Als eines Tages der Turmerbauer den Kirchenbaumeister verhöhnt hätte ob seines Gewölbes, das sicher nicht bestehen könnte, da hätte der Verspottete geantwortet: „Mein Werk wird dauern, aber dein Turm wird einfallen." Und also sei es geschehen.
Von solcher legendären Ausschmückung abgesehen, ist die wirkliche Geschichte des Baues umstritten. Der fromme Herzog Wilhelm V., als er daran ging, den Vätern der Gesellschaft Jesu Haus und Kollegium zu erbauen, scheint das Werk zunächst dem Meister Wolfgang Miller aus Augsburg — von Andern wird Wendel Dietrich, der Schöpfer der wilhelminischen Residenz, genannt — übertragen zu haben. Der Bau, dessen Grundstein am 18. April 1583 feierlich gelegt worden war, schritt verhältnismäßig rasch voran, sodaß die Einweihung auf das Jahr 1590 festgesetzt werden konnte. Aber im Mai desselbigen Jahres geschah etwas Verhängnisvolles: der Turm, der an Stelle des heutigen Querhauses errichtet war, stürzte ein.
Schon etwa acht Tage vorher war im Innern Etwas herabgefallen; der Herzog befahl, daß eine Kommission sich nach der Kirche verfüge und mit Fleiß alles besichtige „ob sich irgend eine Gefahr zu besorgen." Die Kommission trat am 7. Mai zusammen, kam indes mit ihrem abgegebenen Gutachten zu spät, denn am 10. Mai erfolgte der Einsturz. Da er nicht unerwartet war, so hatten wenigstens alle Vorkehrungen getroffen werden können, um den Verlust von Menschenleben zu verhüten. Im übrigen maß das am 18. Mai abgefaßte Protokoll der alsbald eingeleiteten Untersuchung dem Baumeister Wolf Miller die Hauptschuld an dem Unheil bei, „dann er sah zu wenig und war ein unfleißiger Mann".
Dennoch, und obgleich besagter Meister zur Strafe erst im Fronhaus, dann im Falkenturm gefangen gesetzt ward, bezeichnet der Bericht nicht absichtslos den Einsturz als eine Schickung Gottes. Es scheint, daß die fürstlichen Räte der Baulust Herzog Wilhelms gern aus Rücksicht auf die fürstliche Kaste einen Zaum angelegt hätten; aber diese Absicht ging ihnen fehl. Der Herzog, so tief gläubig er war, sah durchaus keine göttliche Abmahnung in dem Vorfall; er soll auf den Einwand: „dem hl. Michael sei vielleicht der Bau der Kirche nicht genehm," geantwortet haben: „Mit Nichten; sie ist ihm nur zu klein." Er nahm also den Bau wieder in Angriff und befahl dem Hofbaumeister Friedrich de Sustris „ein Modell der Verlängerung der Kirche oder Langhaus und des neuen Chores zu machen." Die Erweiterung und Vollendung des Baues fand jedoch ihr größtes Hindernis in dem fühlbaren Geldmangel, der die Arbeiten oft zum Stocken brachte. Endlich am 6. Juli 1597 konnte die fertige Kirche festlich eingeweiht werden, in Beisein der gesamten fürstlichen Familie, mit Glockengeläute und Geschützdonner. Die Festpredigt hielt Herzog Wilhelms zweiter Sohn Philipp, der kurz vorher die Würde eines Kardinals erlangt hatte. Das prachtvolle geistliche Schauspiel, das die Jesuiten zu Ehren des Tages hatten aufführen wollen — der Triumph des Erzengels Michael — konnte ungünstigen Wetters halber erst einige Tage später von statten gehen. Eine eigene Schaubühne vor dem Kollegium war dafür errichtet; die Vorstellung, in der außer den Hauptdarstellern 900 Choristen mitwirkten — die Musik war von Georg Victorin, dem Kapellmeister der Jesuitenkirche, komponiert — dauerte acht Stunden.
Hier sei gleich des Verfassers der eindrucksvollsten Jesuitendramen gedacht: des Paters Jakob Bidermann, den sein Lehrer P. Matthäus Rader, der Autor der Bavaria Sancta et pia, neben Thomas von Aquino, neben Virgil und Aristoteles stellte. Nach einer Aufführung von Bidermanns Drama „Cenodoxus" sollen vierzehn Münchner Hofleute, religiöser Zerknirschung voll, in den Jesuitenorden eingetreten sein. Von dem „bayerischen Horaz", P. Jakob Balde, der durch P. Jakob Keller, den geistvollen Rektor des Münchner Jesuitenkollegs, Anregung und Förderung seiner poetischen Fähigkeiten empfing, ist später noch zu reden. Ganz abgesehen von der Rolle, welche hervorragende Jesuiten im politischen und religiösen Leben Bayerns gespielt haben, nimmt die Pflege des Schrifttums und der Tonkunst eine breite Stelle in der Tätigkeit des Ordens ein. Mahnt doch auch der Name der Straße, die seitlich der Michaelskirche sich hinzieht, an den hochverdienten Kirchenkomponiften und Organisten dieser Kirche: Kaspar Ett.
Wie die Entstehung der Kirche den Stoff zu einer Sage gegeben, indem aus den etlichen Hafttagen, die der „unfleißige" Wolf Miller bei Wasser und Brot hatte absitzen müssen, Flucht oder freiwilliger Tod geworden war, so knüpfte auch an die Aufhebung des Kollegiums sich eine sagenhafte Überlieferung. Als 1773 die Jesuiten ihr Heim verlassen mußten, sollten sie zuvor einen Schatz dort verborgen haben; ein Maurer, der mit verbundenen Augen hin und zurückgeführt worden, um diesen Schatz zu vermauern, hätte an einem Merkzeichen erkannt, wo er sich befände, aber erst auf seinem Todbette den Hergang erzählt. Einmal, weil er hätte Schweigen geloben müssen, aber auch „weil er den Patribus wohl geneigt gewesen." Natürlich fand sich niemals eine Spur von dem Hort; um so hartnäckiger erhielt sich die Mär davon, die Manchem im Volk zugleich als eine Art Bürgschaft für die Wiederkehr des Ordens galt. In vielen aufgehobenen oder zerstörten Klöstern sollen nach der Volkssage, ganz wie in den Ruinen alter Schlösser, solche Schätze versteckt sein. Aber der Glaube an die Rückkehr des Ordens hat sich bewahrheitet, denn heute ist bekanntlich die St. Michaelskirche wieder die der Jesuiten.
Nach der Einweihung der Michaelskirche zog sich ihr Begründer, Wilhelm V., ganz vom weltlichen Leben zurück und legte die Regierung in die Hände seines Sohnes, Maximilian I.
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Von der Michaelskirche schräg über die Straße durch die Eisenmannstraße ist es nicht weit zur ehemaligen Röhrlspeckergasse, wohin die Bewunderer der St. Michaelskirche schon aus Dankbarkeit gehen sollten, denn der Meister dieser Kirche, Friedrich de Sustris, hat dort, an Stelle des heutigen Hauses Nr. 18, sein Heim gehabt. Aber die Straße führt längst den Namen Herzogspitalstraße und das mit Stolz, wie ihre Geschichte lehrt.
Daß die Münchner und ihre Fürsten ein mitleidiges Herz für Arme und Sieche hatten, bewiesen die schon im Mittelalter reichlich vorhandenen milden Stiftungen. Es gab Elendhäuser für arme Fremde, Seelhäuser zu Nutz der Kranken und Sterbenden; neben der großen Stiftung des Heiligen Geiftspitals bestand das zu Ende des 15. Jahrhunderts errichtete Stadtbruderhaus. Herzog Albrecht V. beschloß, eben im Hinblick auf das Stadtbruderhaus, ein ähnliches Haus für kranke Hofbedienftete zu errichten. Sein Sohn Wilhelm V. vereinigte mit dieser väterlichen Stiftung das früher am Rochusbergl befindliche Rochusspital, das hauptsächlich für unheilbar kranke Hofdiener und arme Pilgrime bestimmt war und verlegte die ganze Anstalt in die jetzige Herzogspitalgasse. Dort hatte schon Herzog Albrecht V. eine Kirche zu Ehren der hl. Elisabeth erbauen lassen und die Anstalt ward nun nach ihren Stiftern und der Kirchpatronin „St. Elisabethen Herzogspital" genannt. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts berief Theresia Kunigunde, die zweite Gattin Max Emanuels, die Servitinnen aus Venedig nach München, deren Kloster alsdann der Kirche angebaut ward. Seit dem Jahr 1800 ward das Elisabethenspital mit dem von Maximilian I. gegründeten St. Josefspital vereinigt; und die Kirche samt dem daranstoßenden Kloster bestand fortan für sich.
Noch ehe die alte kleine Renaissancekirche durch den Umbau im Barockstil ihre heutige Gestalt empfing, gereichte ihr zum besonderen Schmucke ein großes, 1651 von Tobias Bader geschnitztes Kruzifix, unter dem die schmerzhafte Mutter Gottes stand. Anfänglich war das Kreuz mit der Madonna inmitten der Kirche aufgestellt, jedoch der Zudrang der Andächtigen gab Anlaß, daß es nach dem Umbau seinen Platz auf einem besonderen Altar an der Wand der Evangeliumsseite erhielt. Eines Tages berichtete ein frommes, davor betendes Mädchen (die zehnjährige Maria Franziska Schottl) die Wahrnehmung, daß das Bild der schmerzhaften Mutter die Augen zu dem Heiland empor und dann nach verschiedenen Seiten wandte. Das Gleiche wurde noch von mehreren Personen bezeugt, wodurch natürlich großes Aufsehen entstand. „Nach einem längeren sorgfältig geführten Prozesse" erließ der damalige Bischof von Freising, Josef Clemens, 1692 eine eigene Approbationsurkunde, in der es heißt: „daß diese wunderbare Augenwendung der schmerzhaften Bildnis Unserer Lieben Frauen in dem Herzogspital zu München und die anderen darauf folgenden Wunder (Krankenheilungen, Gebetserhörungen u. s. w.) als der Wahrheit gemäße und von der wunderthätigen Hand Gottes und seiner werthen Mutter Fürbitte herrührende Gnadenzeichen den Christgläubigen billig vorgetragen und von Jedermann können geglaubt werden."
Der schmerzhaften Muttergottes vom Herzogspital wandte seitdem vor allen anderen der Glaube und das Vertrauen der Andächtigen sich zu. Ein eigenes Büchlein handelt von den dort geschehenen Wundern und Gnadenerweisungen; im Volke hieß es, daß „die Muttergottes den Betrübten Trost ins Herz und den Sündern ins Gewissen schaut." Zu Füßen des Gnadenbildes wurden reiche Opfergaben niedergelegt, während sich die Wände mit Votivtafeln bedeckten. Zweimal hat das Bild im Laufe der Jahrhunderte seine Kirche verlasien: einmal, 1777, geschah dies unter ergreifenden Umständen. Kurfürst Max Joseph IIl., von allem Volke vielgeliebt, lag am Sterben und begehrte das Gnadenbild, zu dem er eine tiefe Andacht trug, noch ein letztes Mal zu sehen. In feierlicher Prozession wurde das Gnadenbild durch die Straßen getragen. Eine große Menge Volkes kniete zu beiden Seiten des Weges nieder und schloß sich entblößten Hauptes dem Zuge an. Alle beteten für das Leben ihres Herrschers. Die Residenz ward erreicht, und während die Volksmenge draußen harrend zurückblieb, wurde das Wunderbildnis hinein in die Krankenstube gebracht. Der Sterbende richtete sich auf und begehrte das Bild zu küssen. Es ward ihm zum Kusse gereicht, und er betete davor mit gefalteten Händen das Salve Regina. Darnach wandelte eine Schwäche ihn an, weshalb das Bild sachte entfernt ward, um die Gemütserschütterung nicht zu lange währen zu lassen. Auf die gleiche Art, wie es gekommen, trug man das Gnadenbild nach der Kirche zurück. Aber im Augenblicke, als es dort wieder auf den Altar gesetzt ward, verschied Kurfürst Max Joseph.
Die Andacht zur Muttergottes vom Herzogspital war allen Mitgliedern des Wittelsbachischen Hauses gemeinsam; ebenso unterließ Kaiser Franz Joseph von Österreich niemals, bei seinen Besuchen in München vor dem Gnadenbilde zu beten. Ein Gleiches tat, obwohl Protestantin, die Königin von Rumänien, Carmen Sylva. Übrigens ist jeder Stand, jedes Alter unter den Bittenden vertreten, die Tag für Tag den Gnadenaltar umlagern, deren geflüstertes oder stummes Flehen unablässig emporsteigt. Die Innigkeit, mit der die Münchner ihre „Herzogspitalmutter" umfaßen, steigerte sich zur Verzückung, als das Gnadenbild, wegen Erneuerung der Kirche, in den Jahren 1873 bis 1874 erst nach der St. Michaelskirche verbracht und von da in festlichem Triumphzug nach der Herzogspitalkirche zurückgeführt wurde. Inzwischen hat, aus gleichen Gründen wie damals, eine dritte Auswanderung des Gnadenbildes (nach der Damenstiftskirche) und eine Rückkehr in wiederum triumphaler Weise stattgefunden.
Jemand hat einmal gesagt, daß es Kirchen gibt, die vom Beten ganz warm sind. Unter all den vielen, zum Teil weit schöneren Kirchen Münchens ist keine so warm wie das kleine Gotteshaus in der Herzogspitalgasse.
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Gewissermaßen eine Tochter der Jesuitenkirche ist die Kirche des „Bürgersaales", die nur wenig weiter hinauf gegen das Karlstor und die ehemalige Stadtmauer liegt. Die Jesuiten hatten schon bald nach ihrer Berufung durch Albrecht V. eine Männerkongregation in München gegründet, die sich in eine „lateinische" für Adel und Beamte, und eine deutsche oder Bürgerkongregation teilte. 1709 erbauten die Herren und Bürger sich einen eigenen Betsaal nächst dem Jesuitenkollegium; später siedelte die lateinische Abteilung in die Dreifaltigkeitskirche über, sodaß dem älteren Betsaal Name und Eigenschaft des „Bürgersaales" verblieb. Eines der wertvollsten Besitztümer der Kirche ist die „foyensische Madonna", geschnitzt von Hans Krumpper, der wahrscheinlich selbst der Kongregation angehörte. Damit hatte es folgende Bewandtnis: „1611 war zu Foya in Mittelitalien eine Eiche gefällt worden, die umschloß inwendig wunderbarerweise ein schönes Muttergottesbild. Darum ward das Holz dieser Eiche nimmer verkauft, sondern nur an hohe Personen verschenkt, mit dem einen Beding, daß daraus nichts gebildet werden dürfte als Figuren nach dem Muster jenes wundersamen Frauenbildes, also eine stehende gekrönte Madonna mit dem Jesukind." Solch ein Stück der foyensischen Eiche verehrte Herzog Ferdinand von Bayern, der Kurfürst-Erzbischof von Köln, der Kongregation „aus sonderen Gnaden und gegen ihr tragender Affektion" durch den kurfürstlichen Beichtvater P. Georg Schrettel. Die Kongregation beauftragte mit der Verarbeitung des Holzes den Meister Krumpper, der daraus die mit Stolz behütete Madonna des Bürgersaales schuf.
Außer ihr besitzt der Bürgersaal und stellt es alljährlich an Weihnachten zur Schau: das liebliche Wachsbildnis des liegenden Jesukindes, das als „Augustiner Gnadenkindl" bekannt ist. Dieses Gnadenkindl ward im 16. Jahrhundert von der frommen Münchner Bürgerschaft der Klosterkirche der Augustiner-Eremiten geschenkt. Ein Frater des Klosters nahm das Jesulein eines Tages aus dem schützenden Schrein heraus und hatte das Unglück, es fallen zu lasten, so daß der kunstreich geformte Kopf des Bildes in Stücke brach. Der Ärmste wagte Niemand sein Mißgeschick zu offenbaren, betete nur inbrünstig zu Gott um Hilfe in seinen Ängsten. Als aber die Weihnachtszeit nahte, wo das Christkindl auf dem Altar ausgesetzt werden sollte, galt kein Verhehlen mehr: zitternd tat der Frater dem Prior sein schweres Bekenntnis. Der furchte streng die Stirn und öffnete den Schrein - siehe: da lag das Jesukind holdselig und ganz wie zuvor darinnen, und sah den armen Frater, der nicht wußte, wie ihm geschah, mild lächelnd an. Nur ganz feine Sprünge an seinem Köpfchen zeugten von dem Falle. So die Legende.
Auf die Kunde hiervon wurden die Münchner erst recht voll Andacht zu dem „Gnadenkindl", wie es fortan hieß. In reichste Zier wurde es gehüllt, und zu Weihnachten ward vor ihm das vierzigstündige Gebet gehalten, dem noch eine Andacht von vierzig Tagen folgte; dabei flehten die Beter insbesondere um Erhaltung des angestammten Regentenhauses. Die Kirche der Augustiner war eine geeignete Statt zur Fürbitte für das Haus Wittelsbach, besten Gunst seit frühester Zeit ihr gehört hatte. Die Stiftung des Klosters geschah durch Herzog Ludwig II. (den „Strengen"), der aus Regensburg die ersten Augustiner-Eremiten nach München berief und ihnen den Platz außerhalb der Mauer „im Haberfeld" (einem Teil des zum Kloster Schäftlarn gehörigen Konradshofes) anwies. Da Herzog Ludwig noch während des Baues, zu dem der Grundstein 1291 gelegt wurde, starb, übernahm sein Sohn Herzog Rudolf seine Stelle als dessen Schützer und Förderer. Zwei Tafeln an der Brustwehr des Orgelchores rühmten die Wohltäter in lateinischen Inschriften, deren eine auf deutsch besagte:
„Diese Kirche, Gott dem Allerhöchsten und den Heiligen Johannes dem Täufer und dem Evangelisten geweiht, wurde erbaut 1294 durch die Freigebigkeit des Herzogs Rudolf von Bayern und anderer Frommgläubiger."
Die zweite Inschrift ergänzte:
„Die durchlauchtigen Herzöge Wilhelm, Maximilian und Albert und andere Fromme haben sie verschönert 1620."
So stifteten auch die Herzoge Stephan, Friedrich und Johann 1391 eine Feiertagsmesse zum Gedächtnis aller verstorbenen Mitglieder des Fürstenhauses; die Kurfürstin Maria Antonia von Sachsen, Tochter Karl Albrechts von Bayern, stiftete der Kirche das gnadenreiche Bildnis der „Maria vom guten Rate". Vier gnadenreiche Marienbilder besaß die Klosterkirche; die Geschichte des berühmtesten, der „Hammerihaler Muttergottes", wird noch zu erzählen sein. Ferner befand sich bei den Augustinern seit 1441 der Marienaltar der „Bäckerbruderschaft", die von Ludwig dem Bayern solche Gunst empfangen hatte, wie ihr Häusl im Tal lange Zeit bezeugte. Nachdem der Bäckerknechte ursprüngliches geistliches Heim, die Kirche zum hl. Geist, 1327 abgebrannt war, übersiedelten jene mit ihren Ämtern und Gottesdiensten in die Kirche der Augustiner bis zur Aushebung derselben, worauf sie für die kurze Zeit, da ihr Verbündniß noch bestand, zum hl. Geist zurückkehrten.
Die Augustinerkirche war auch diejenige, in der viele Einheimische, wie anderwärts erwähnt, die Gruft Ludwig des Bayern suchten. So erbat und erlangte ein Privatgelehrter, J. Faßl, im Jahre 1877 von dem damaligen König Ludwig II. die Erlaubnis, nach dem kaiserlichen Leichnam zu forschen. Spukhaft liest es sich, wie die Nachgrabenden tiefer und tiefer ins Totenreich drangen, Leichen auf Leichen ans Licht gefördert wurden aus den Grüften der alten Kirche. In einem der Begrabenen glaubte Faßl nach mehreren Anzeichen den toten Kaiser zu erkennen, aber der Anatom der Universität, Prof. Rüdinger, sprach sich, nach Vergleichung mit den vorhandenen Bildnisien, entschieden gegen diese Annahme aus. Also wurde der unbekannte Tote, gleich den übrigen aus der Grabesruhe Aufgestörten, in stiller Nacht wieder bestattet: eine Sondergruft der Frauenkirche nahm ihn auf.
Wie in allen Kirchen und Begräbnisstätten Alt-Münchens, ist bei der Säkularisation der Augustinerkirche Vieles, Allzuvieles an wertvollen Epitaphien zu Grunde gegangen. Aus der Zahl Jener, deren Andenken lebendig in spätere Zeit hinüberging, sei nur ein Name herauagegriffen: Johann Kaspar Kerll, der weilberühmte Orgelmeister und Kirchenkomponiat, der in München kurfürstlicher Rat, Vizekapellmeister und Hofkapellmeister war. Nachdem er in diesen Eigenschaften über zwanzig Jahre hier gewirkt — von 1656 bis 1677 — ging er nach Wien, hat es aber nicht lange ausgehalten, sondern sich nach München zurückgewandt und sein Leben hier beschlossen.
Unter den Patres, die dem Münchner Kloster angehörten, waren manche, deren religiöse und gelehrte Bedeutung im öffentlichen Leben der Stadt oder des Landes Einfluß gewann. So Dr. Wolfgang Kappelmair, der Prior des Klosters († 1531), zu dessen Buche vom „wahren christlichen und lebendigen Evangelium unseres Herrn Jesu Christi" Joh. Eck die Vorrede verfaßte, und dem Herzog Albrecht V. „das größte Verdienst um die Erhaltung der katholischen Religion" in Bayern zuschrieb.
Die Augustinerkirche bildete die Ecke der heutigen Ettstraße und einen baulich höchst reizvollen Gegensatz zu St. Michael. Zur Vermehrung ihrer Einkünfte hatte Max Emanuel den Mönchen die Errichtung eines Mietstockes gestattet, „weil solcher der Stadt ein Ansehen gebe". Der auf solche Art entstandene Anbau behielt bis zu seiner Niederlegung den Namen „Augustinerstock".
Durch die Säkularisation (1803) ward die Kirche in eine Mauthalle verwandelt und das Kloster aufgehoben. An besten und des Augustinerstockes Stelle erhob sich 1912 das jetzige neue Polizeigebäude.
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Zu Ende des 18. Jahrhunderts lebte in München ein Advokat, ein verschlagener und hinterlistiger Mann. Er dachte auf nichts als wie er seinen Geldsack füllen könnte, auch wenn es dem Recht zu leid und dem Unrecht zu lieb geschah. Seine Klienten stachelte er zu unvernünftigem Prozessieren, so lange bis er ihnen den letzten Heller aus dem Beutel gezogen hatte und machte sich kein Gewisten daraus, durch rabulistische Kniffe arme Witwen und Waisen um ihr Recht und ihr bißchen Habe zu bringen. Mitten in seinem sündhaften Treiben aber traf ihn ein Schlagfluß, also daß er jählings von dieser Welt ab- scheiden mußte.
Die Seelnonne hatte den Leichnam hergerichtet, ihm zwei brennende Lichter zur Seiten und ein Kruzifix zu Häupten gestellt; so lag er in seinem Saal, ehrbar und prunkhaft aufgebahrt. Wie's Brauch ist, kamen Leute aus der Nachbarschaft, den Toten zu beschauen, ihm einen Weihbrunn zu geben und ein Vaterunser zu beten. Aber geweint hat niemand; im Gegenteil ward manches böse Wort über ihn laut, und die Mildgesinnten meinten: Gott möge seiner armen Seele gnädig sein. Mit einmal hörten die im Totenzimmer sowie das Volk, das gaffend ums Haus herumlungerte, etwas durch die Luft daherrauschen und sahen zwei großmächtige Raben an das geschlossene Fenster fliegen. Die pickten mit ihren starken Schnäbeln an die Scheiben, bis das Glas zerbrach und die Scherben klirrend auf den Boden fielen. Im selben Augenblick, zu Aller Staunen und Grauen, entflog dem Munde des Toten ein ebensolcher schwarzer Vogel, schwirrte zum Fenster hinaus und mit den beiden anderen davon. Im Totengemach aber waren Plötzlich die Lichter verlöscht und das Kruzifix umgestürzt; und gleich nachher ist der Leichnam des bösen Advokaten über und über schwarz geworden.
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Als Ludwig der Bayer nach seiner Kaiserkrönung in Rom sich zur Heimfahrt rüstete, brachte er nichts mit sich, als geringen kriegerischen Lorbeer, viel bittere Enttäuschungen und einen durch die Kosten der Romfahrt geleerten Säckel, während in Deutschland ihn Sorgen und Aufgaben aller Art erwarteten. Da der Kaiser sich zersann, wie all dem abzuhelfen und keinen Rat fand, schloß er sich allein in eine Kapelle — wie es heißt im Gebirge — und klagte dort Gott im Gebet sein Herzeleid. Mit eins trat durch die verschlossene Türe ein ehrwürdiger betagter Mann im Mönchsgewand. Der sprach zu ihm: „Willst du Rat nehmen von mir, so mache ich dich aller Sorgen frei." — „Ja, wenn Dein Rat nicht wider Gott ist," gab der Kaiser zur Antwort. Darauf der Mönch: „Nicht doch; was ich Dir rate, dadurch wird Gott und seine süße Mutter erst recht geehrt." Da ward der Kaiser begierig, den Rat zu hören. Der Mönch sprach: „In Deinem Lande liegt ein Ort, der heißt Ampferang, dort sollst Du zu Ehren Gottes und der seligsten Jungfrau Maria ein Kloster bauen. Morgen wird zu Dir ein mächtiger welscher Herr kommen, der wird Dich um die Freiheit seiner Person und seines Gebietes bitten und wird Lehen von Dir empfangen. Dafür wird er Dir so viel Geld geben, daß Du getrost heimkehren kannst." Darnach reichte der Mönch dem Kaiser, der voller Staunen war, ein wunderholdes Marienbild aus einem seltsamen weißen Stein. Das hieß er ihn in der künftigen Kirche aufstellen. Und wie es der Kaiser in Demut empfing, da war der Mönch verschwunden.
Des anderen Tages aber erschien, getreu der Voraussage, ein reicher, welscher Edelherr, der bat um die Freiheit seiner Person und seines Gebietes. Und als der Kaiser dafür 100 000 Gülden begehrte, gab der ihm noch 50 000 mehr, und seinem Kanzler 2000 Gülden. Da war Ludwig der Sorgen quitt und fuhr nach Hause.
Als er aber in Bayern ankam, forschte er fleißig, wo der Ort Ampferang läge, denn noch niemals hatte er den nennen hören. Lange wußte ihm Niemand die Stätte zu weisen; endlich meldete sich ein Jäger mit Namen Heinrich Vend. Dem war der Ort bekannt und er zeigte dem Kaiser eine wilde Gegend in einem finsteren dichten Wald. Der Kaiser ließ alsbald den Wald roden, und im Jahre 1330 legte er den Grundstein zum Kloster Ettal. Das lichte Muttergottesbild, das ihm der Fremde verliehen, stiftete er dem Kloster und dazu reichlichen Unterhalt für 20 Mönche vom Orden des hl. Benedikt. Auch ein Ritterstift gründete er dabei, darin sollten 20 wohlverdiente, vermählte Ritter mit ihren Ehefrauen in frommer Zucht und Sitte unter einem Meister leben, desgleichen auch sechs Witwen tapferer Männer. Den Rittern waren Jagd und Reiherbeize, sowie Armbrustschießen gestattet, aber nicht das Spielen um Geld; ebenso war den Frauen der Tanz untersagt. Beim gemeinsamen Mahle der Ritter und Frauen durfte ohne Erlaubnis des Meisters niemand reden; dagegen ward aus frommen Büchern vorgelesen. Wessen Frau starb, der durfte sich wieder vermählen. Allen jedoch war streng geboten, ihre Ehen zu halten.
Nach dem Tode des Kaisers ging das Ritterstift ein, und Ettal bestand seitdem nur als Kloster. Das wundersame Muttergottesbild war und blieb ein Gegenstand hoher Verehrung der vielen Andächtigen, die zu der Stätte wallfahrteten. Die Rede ging, daß niemand wüßte, aus welchem Stoff es gemacht sei, ebenso daß niemand, der eine Todsünde auf sich hätte, es zu heben vermöchte.
Lange Zeit war an einem Hause, nächst dem schönen Turm, da wo die Fürstenfelderstraße in die Neuhauserstraße mündet, ein Gemälde zu sehen, das darstellt, wie der Mönch dem Kaiser das Liebfrauenbildnis übergab. Dies Haus hatte Kaiser Ludwig gehört, und als die alte Veste, sein Wohnsitz, durch einen Brand verwüstet worden, hat er in eben dem Hause gewohnt, bis die Burg wieder hergestellt war. Darnach schenkte er das Haus dem Kloster Ettal, weshalb es von nun an das „Ettaler Haus" war. Und der damalige Abt ließ zum Gedächtnis das Bild daran malen. Den geheimnisvollen Tröster, der dem betenden Kaiser in der Stunde seiner Bedrängnis erschienen, hielten etliche für einen Engel Gottes; die Mehreren aber meinen, es sei der heilige Ordensvater Benedictus gewesen.
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Aus der inneren Stadt von der Kaufingerstraße her ging es zur Neuhauserstraße durch einen Torturm, der zuerst das Kaufingertor, später der „Öde Turm" hieß. Im Jahre 1479 ward er wegen Baufälligkeit zum Teil abgetragen, dann aber neu und stattlicher aufgebaut. In dem Turm hing ein Glöcklein, das ward geläutet, wenn jemand hingerichtet wurde. Eine Uhr war an dem Turm, darauf zwei Männer die Stunde schlugen und eine Kugel, die das Wetter anzeigte: drehte sich die blaue Hälfte heraus, so regnete es, wenn aber die vergoldete Seite, so ward es heiter. Seit dem Neuaufbau war der Turm gar schön mit Malereien geziert; es waren da zu sehen Kaiser Ludwig mit Fürsten, sowie Pauker, Trompeter und Fahnenträger. Darnach hieß der Turm der „schöne Turm".
Im Jahre 1807 aber wurde der Turm des engen Durchgangs wegen abgerisisen. Einige Tage, ehe die Zerstörungsarbeit anhub, wurden die Umwohner nächtlicherweile durch einen seltsamen Lärm aufgeschreckt. Ohne irgend etwas zu erblicken, hörten sie Trompetengeschmetter, laute Befehlsrufe und schließlich vom schönen Turm gegen das Karlstor zu ganz deutlich den Abzug einer Reiterschar, deren Harnische laut rasselten, während das Straßenpflaster von den Pferdehufen hallte. Dies gespenstische Treiben hielten viele für ein Zeichen davon, daß die Geister des alten München, seine Herrscher und Führer, vor dem neuen Zeitalter davongingen und die Stadt verließen auf immer.
Muß aber doch nicht ganz so schlimm gewesen sein. Wenigstens war noch manch eine Stätte den Geistern Alt-Münchens zu Rast und Einkehr bereitet — eine davon ganz nahe vom schönen Turm. Denn in der Kaufingerstraße, im Sabbadinihaus, hat Lorenz Westenfrieder, der in jenem Jahr 1807 noch lebte, gewohnt.
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„So lang der alte Peter, der Petersturm noch steht" — — —
Dies Leiblied der Münchner ist zwar nicht aus ihrem Herzen geschöpft, sondern eine Nachdichtung des Wiener Liedes vom „alten Steffl". Aber das Gefühl der engen Zusammengehörigkeit von St. Peters Kirche mit der Münchner Stadt, das ist so echt als begründet.
Fast überall, wo die Stelle einer Menschenansiedlung gegeben schien, haben zuerst Benediktinermönche, diese Pioniere des Glaubens und der Kultur, sich niedergelassen. Drei ihrer Klöster waren auf dem heutigen Münchner Boden begütert, bevor die Stadt erwuchs, die zu Recht ihren Namen von den „Münichen" herleitet. Die von Tegernsee hatten für ihre Klosterhofleute die uralte kleine Wieskapelle auf dem Petersbergl erbaut und dem „Heiland in der Rast" geweiht.
Auf dem Grunde derer von Schäftlarn erhob sich die Marienkapelle; dazwischen schob sich eine umfangreiche Besitzung des Stiftes Benediktbeuern: Altham oder Altheim, deren Name im „Altheimer Eck" fortlebt. Eine sehr alte Kapelle stand auch dort; die Zeit ihres Entstehens und Vergehens ist ungewiß. Noch ehe Heinrich der Löwe aus den Mönchshöfen sich einen befestigten Platz zum Schutze der von ihm gebauten Isarbrücke schuf, erstand hinter der Wieskapelle, südlich von Altham, ein gleichfalls vom Kloster Tegernsee errichtetes Peterskirchlein; seitdem diente die Wieskapelle nur noch als Freithofkapelle. Im Streite zwischen Heinrich dem Löwen und dem Bischof Otto von Freising hielten die von Schäftlarn es mit dem Bischof, die von Tegernsee aber mit dem Herzog; und außerdem war das Petersberglein dem Löwen wichtig als strategischer Punkt. Deshalb wurde, als 1169 München zur Pfarrei, aufstieg, die Peterskirche die erste Pfarrkirche der jungen Stadt.
Sie wuchs mit dieser, vergrößerte und erneuerte sich, litt ihre Gefährden mit. Bei dem verheerenden Brand, der 1327 die halbe Stadt einäscherte, ging auch St. Peters Kirche samt der Wieskapelle zugrunde; nur die Katharinenkapelle unter dem Nordturm blieb verschont. In ihr und dann in der neuerbauten Wieskapelle (von deren nun gotischer Gestalt die Reste bis 1880 erhalten blieben) ward lange Zeit Gottesdienst gehalten, bis der Wiederaufbau der Peterskirche vollendet war. Noch hängt am Fenster der Katharinenkapelle eine kleine Glocke, die damals gedient haben soll, um die außer der Kirche Stehenden auf die heilige Wandlung aufmerksam zu machen. Die Armut, in die der Stadtbrand einen großen Teil der Bürger versetzt hatte und das auf Stadt und Land lastende Interdikt (eine Folge von Ludwig des Bayern Streit mit der Kurie) verzögerten die Vollendung des Neubaus achtunddreißig Jahre.
Bei der feierlichen Einweihung der neu errichteten Kirche (1365) fehlten noch die Türme. Zu Ende des 14. Jahrhunderts stand jedoch auch das Turmgebäude fertig da mit zwei schlanken, gotischen Spitzen und blieb so bis 1607. In diesem Jahr schlug, am 24. Juli gegen Mitternacht, der Blitz in den nach dem Markt hin gelegenen Kirchturm, und beide Türme brannten ab. Mit Mühe konnten die Glocken gereitet werden. Als nach großem Aufwand von Zeit und Geld der Schaden wieder gut gemacht war, erhielt der Petersturm so ziemlich das Aussehen, das er bis heute bewahrt.
Die Kirche selbst wurde noch zweimal erweitert und umgebaut, in durchgreifender Weise unterm Kurfürsten Maximilian I., darnach ein letztesmal im 18. Jahrhundert, wo das Innnere eine völlige Ausgestaltung im Geiste des Rokoko erfuhr. Nicht gar lange hatte sie in dieser endgültigen Form bestanden, als ihr alter Feind, das Feuer, ihr einen, wenn auch kurzen Besuch abstattete: ein noch mit glühenden Kohlen gefülltes Rauchfaß, das unvorsichtigerweise in einen Paramentenschrank geschlossen worden, ward die Ursache, daß die Sakristei gänzlich ausbrannte, wobei eine Menge wertvollster Paramente und Meßgewänder verloren ging.
Es ist verständlich, daß seit der Zeit, da die Kirche Unserer Lieben Frau zur zweiten Pfarrkirche Münchens erhoben wurde (1271), gewisse Präcedenzstreitigkeiten zwischen dieser und der Pfarrkirche von St. Peter als der ersten und ältesten Pfarrei sich entspannen und bis in den Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts währten. Ein natürlicher Sohn des Herzogs Johann II. von Bayern, Dr. Grünwalder — so benannt nach dem Jagd- und Lustschloß Grünwald, wo er erzogen worden — war damals Dechant zu St. Peter. Der Streit um den Vorrang zwischen beiden Kirchen, wobei Dr. Grünwalder sehr energisch das Recht seiner Kirche verfocht, wurde 1428 durch folgende Entscheidung des Bischofs von Freising geschlichtet: „Der Pfarrer bei unserer Lieben Frau in München hat dem Dechant bei St. Peter Ehre und Gehorsam zu bezeigen" . .. (dies änderte sich wesentlich, als 1494 die Frauenkirche zur Collegiat-Stiftskirche erhoben ward). „Mit der Verkündigung der heiligen Zeiten, der Feier- und Festtage soll sich, wenn ein Zweifel darüber wallet, der Pfarrer bei Unserer Lieben Frau nach dem Rate des Dechants bei St. Peter richten." .... „Mit der Antlaß- (Fronleichnams-)prozession soll es also gehalten werden. Selbe soll alle Jahre abwechselnd von einer der beiden Pfarrkirchen ausgehen" . . . . Dies regelmäßige Abwechseln zwischen beiden in betreff des Ausgangs der Fronleichnamsprozession blieb bis 1826 in Kraft.
Das „Tal", eine Hauptverkehrsstraße Münchens, insofern sie den Fuhrleuten von auswärts und den Landboten als Unterstand und Einkehr diente, ward ehemals von der Grenze der beiden Pfarreien durchschnitten: die südliche Seite hieß „Tal Petri" die nördliche „Tal Mariä".
Sowohl der Mutterpfarrkirche zu St. Peter als dem Münster zu Unserer Lieben Frau widerfuhr durch Papst Pius VI., der 1782 als Gast des Kurfürsten Karl Theodor in München weilte, die Auszeichnung, daß der Papst am Hochaltar einer jeden Kirche eine stille Messe las. Deß zum Angedenken ward eine Marmortafel hinter beiden Altären eingelassen.
Aus allen Stürmen und Wirren der Jahrhunderte: dem Streit zwischen Herzogen und Bürgern, dem Schwedeneinfall, dem spanischen und österreichischen Erbfolgekrieg, ging das ehrwürdige Gotteshaus zu St. Peter unversehrt hervor. Nochmals drohte Gefahr durch äußere Feinde: als 1796 die Truppen des französischen Revolutionsheeres unter Moreaus Führung den geschlagenen Österreichern über den Rhein nachsetzten und sie bis nach Bayern herein verfolgten. Die Stadt München, aus der Kurfürst Karl Theodor samt seiner jungen Gattin geflüchtet war, verschloß den beiden Heeren ihre Tore. Die Österreicher nahmen ihre Stellung vom Gasteig bis Trudering, während die Franzosen ein Lager von der obern Land bis an den Türkengraben bezogen. Am 8. September kam es zu einer Kanonade, von der die Stadt schwer betroffen ward, denn der eine Kopf der Isarbrücke, der rote Turm und an 62 Häuser der Lehelvorstadt wurden in Brand geschossen. An diesem Tag, als am Feste Mariä Geburt, fand in der Peterskirche ein feierliches Hochamt statt. Da sauste eine verirrte Kugel in die Kirche herein, versehrte zwar niemand, erregte aber einen solchen Schrecken, daß Alles Hals über Kopf aus der Kirche entfloh. Nur der amtierende Priester, Dechant Kumpf, harrte ruhig am Altäre aus und vollendete mit Hilfe der ihm treugebliebenen Ministranten das Meßopfer. Darnach setzte er das Allerheiligste wieder ein und kehrte gelassen in den Dechanthof zurück.
Von einem hartnäckigen Widersacher der Peterskirche, besonders des Petersturmes, weiß die Sage noch zu melden, nämlich vom leidigen Teufel. Es wird erzählt, daß der Höllenwirt auf die fromme Stadt München, die um ihrer vielen schönen Kirchen willen das deutsche Rom genannt ward, einen höllischen Zorn gefaßt hätte, und auf ihre älteste Pfarrkirche im Besonderen. Namentlich wäre die hochragende Spitze des Turmes ihm ein Dorn im Auge gewesen. Der Umstand, daß der Blitz mehrmals in den Turm eingeschlagen hatte, ward dem Teufel in die Schuhe geschoben, vornehmlich der Blitzeinschlag bei dem großen Unwetter 1627, wo das Turmgebäude abgebrannt war. Darnach als gar eine Galerie um die Plattform herumlief, von der herab zu bestimmten Zeiten fromme Weisen geblasen wurden, hätte dies den bösen Feind erst recht verdrossen, und er hätte nach dem Verderb auch des neuen Turmes getrachtet.
Eines Nachts — so kündet die Sage - saß der Türmer von Sankt Peter friedlich in seinem Stüblein und horchte auf den Wind, der sein Wesen mit den Wetterfahnen trieb. Die Nacht war ungewöhnlich finster und stürmisch, ein schweres Wetter zog daher. Um Mitternacht aber erhob sich ein Zischen, Brausen und Heulen, wie noch kein menschliches Ohr gehört hatte. Der Türmer eilte hinaus auf die Galerie und sah mit Entsetzen, wie ein ganzer Knäuel von häßlichen Unformen und höllischen Ungeheuern sich an die Turmspitze hing; das teuflische Heer ward vom leibhaftigen Satan in Person angeführt, der offenbar nichts Geringeres im Schilde führte, als den Turm oder doch dessen Spitze zu Falle zu bringen.
Der Türmer aber, ein beherzter Mann, sprang flugs in die Stube hinein und riß das Kruzifix von der Wand. So bewehrt, stürzte er wieder auf die Galerie und schlug, indem er laut den Namen des dreieinigen Gottes anrief, das Kreuz dem Satan aufs Haupt. Der Höllenfürst wand und krümmte sich, ließ aber seine höllischen Pratzen nicht vom Turm, weil seine feste Absicht dahin ging, der verhaßten Betburg ihren Turm zu kappen; wahrscheinlich meinte er: tiefer verdammt als er schon sei, könnte er dafür auch nicht werden.
Allein der Türmer wich gleichfalls nicht; und ob er gleich mit größter Mühe sich halten konnte, daß der Sturm ihn nicht in die Tiefe riß, und ob ihm gleich der Arm, mit dem er das Kruzifix schwang, zn erlahmen drohte, so ließ er sich, als ein fester Münchner, die Schneid nicht abkaufen, sondern hielt voll Gottvertrauen stand.
Da schlug es eins vom Turm, und im Nu war der ganze höllische Spuk zerstoben. Der Himmel ward mählich klar und still, und über der schlummernden Stadt und dem Türmer, der dankend im Gebet kniete, zogen die Sterne herauf.
Des andern Morgens aber tat der Türmer dem Rat Meldung von dem Geschehnis der Nacht. Da war großes Wundern und wollte es niemand glauben.
Als nun die Mär ruchbar ward und viel Volks auf dem Schrannenplatz zusammenlief, rief einer aus dem Haufen derer, die zum Petersturm hinaufschauten: „Muß doch wahr sein, schauts: die Spitze steht ein bißel schief!"
Es war wirklich so: die Turmspitze hatte sich ein wenig schräg zur Seite geneigt. Seitdem hat es noch oft in den alten Peter eingeschlagen, doch ohne daß ihm erheblicher Schaden geschah. Der Teufel scheint also das Vergebliche seines Mühens eingesehen zu haben. In München aber blieb als stehende Redensart: „Sankt Peter steht schief."
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Wiederholt ist es geschehen, daß ein Herzog von Bayern ein einfaches Bürgerkind geliebt hat. Albrecht III. hatte die Ehe mit der schönen Bernauerin gewagt, aber eben dadurch ihren frühen, gewaltsamen Tod verschuldet. Herzog Sigmund, sein Sohn, hat schöne Jahre in der Stille seines Schlosses zu Menzing mit seiner Margarete Pfattendorferin verlebt, sich auch der Kinder, die sie ihm schenkte, freudig und väterlich angenommen. Aber den Ehering von ihm gewann sie nicht. Ein „Glück ohne Reu'" war dagegen dem Herzog Ferdinand von Bayern, dem Bruder Herzog Wilhelm V., verliehen, der, von Liebe zu der kindjungen schönen Rentschreiberstochter Maria Pettenbeck erfüllt, es wirklich durchsetzte, sie als sein rechtmäßiges Weib heimführen und behalten zu dürfen.
Es kostete keinen leichten Kampf, bis dies Ziel erreicht war. Wilhelm V. war als Christ demütig genug, sich zu Bettlern und Aussätzigen herabzulassen, ja sie zu bedienen; als Fürst aber war er zu sehr vom Geiste seiner Zeit erfüllt, um seine Untertanen sich gleichzustellen. Seine Gemahlin Renata und überhaupt die ganze herzogliche Familie dachte wie er. Aber Herzog Ferdinand, der im Kölnischen Krieg so tapfer gefochten und seinem Bruder Ernst das geistliche Kurfürstentum gesichert hatte, zeigte sich standhaft, auch als es fein Glück galt. Er erlangte die Zustimmung des regierenden Bruders, an die sein vom Vater ihm vermachtes Jahrgeld geknüpft war, und für seine künftigen Kinder den Rang als Titulargrafen von Wartenberg, den der Kaiser bestätigte. Darnach zog Ferdinand mit seiner Angetrauten in das prächtige „Palatium", das er sich am Rindermarkt in München geschaffen, ein Heim, wie es dem Sohne Albrechts V. entsprach, mit Sälen, Grotten, Wasserwerken, Lustgärten und Bädern, erfüllt von künstlerisch prunkendem Hausrat. Auch einen stattlichen Röhrenbrunnen mit neun großen und vielen kleinen Bildfiguren, zahlreichen Röhren und Wasserspeiern ließ er vor seiner Behausung, zu jedermanns Bewunderung, errichten.
Daß ihm bei alledem das Geld nie reichte, ist um so begreiflicher, als auch ein Überfluß an lebendigem Ehesegen sich einstellte: sechzehn Kinder hat Maria ihrem Gatten geboren. Sechs davon starben und wurden zur Ruhe gebettet in der Hauskapelle, die zu dem Ansitz gehörte und dem hl. Sebastian sowie dem hl. Nikolas von Tolentino geweiht war. Dort hatte Ferdinand die Gruft der Seinigen bereitet; er selbst erlag, 58 Jahre alt, dem Nieren- und Griesleiden, das ihn in den letzten Jahren seines Lebens geplagt hatte und ward bei seinen Vorfahren in dem Fürstenbegräbnis in der Frauenkirche bestattet. Aber sein Herz wurde seiner Bestimmung gemäß in der Hauskapelle am Rindermarkt beigesetzt — eine letzte Bestätigung des Glückes, das er bei Gattin und Kindern gefunden.
Maria Pettenbeck wollte nach dem Tode des geliebten Mannes sich zuerst in ein Kloster zurückziehen. Aber wohl die Rücksicht auf ihre noch unmündigen Kinder hielt sie in der Welt, bis ein vorzeitiger Tod auch sie hinwegnahm. Die Krankheit, an der sie starb, wurde nach dem unsinnigen Aberglauben der Zeit als Verhexung gedeutet, ganz ähnlich wie beim Tode der ebenso schönen und glücklichen Philippine Welser von Mord geraunt ward. Marias Grabschrift rühmt von ihr: daß sie beiderlei Geschicke gekostet habe und über beide erhaben gewesen sei; „die trüben nahm sie standhaft, die glücklichen demütig hin, würdig des Himmels, nach dem sie immer verlangte."
Die fünf Söhne und fünf Töchter, die sie zurückließ, folgten ihr nach und nach im Tode. Von der Decke der Hauskapelle hing später ein Kardinalshut herab, die Stelle bezeichnend, wo das Herz ihres ältesten Sohnes, des geistig hervorragenden Kirchenfürsten Franz Wilhelm zu Wartenberg beigesetzt war. Auch wurde hier „bei der Frau Mutter zur Erde bestätigt" der neunzehnjährige Graf Albrecht, „dessen Faust im böhmischen Kriege ritterlich gefochten". Das Geschlecht der Übrigen pflanzte sich fort und blühte bis 1756. Die letzte Abkömmlingin, eine vermählte Freifrau von Haslang, verkaufte das Haus samt der Kapelle; der Grundbesitz ward zerrissen, das von Hausrat noch Vorhandene verschleudert. Als der Tändler und „Oberhofstabsamtsschätzer" Haslinger das Sebastianskirchlein auf den Abbruch kaufte, um es in ein Wohnhaus zu verwandeln, wurden die in der Gruft ruhenden Gebeine auf Befehl des Kurfürsten, nachmaligen Königs Max Joseph, in die Frauenkirche überführt; das Bronzedenkmal Herzog Ferdinands, vermutlich von Hubert Gerhard, das ihn in ganzer Figur, als Feldhauptmann, zeigte, wollte der betriebsame Tändler als altes Metall zerschlagen lassen. Aber dem Bierbrauer Rest vom Dürnbräu ging diese Mißachtung des biedern und großmütigen Herzogs, der einst ein siegreicher Kriegsheld gewesen, widern Strich; er kaufte um ein Geringes das Standbild samt den Grabtafeln des Herzogs und Maria Pettenbecks sowie der Widmungstafel vom Kapellenportal und schenkte sie der Hl. Geistkirche.
Abgesehen davon, daß Stücke des von Herzog Ferdinand errichteten Zierbrunnens dem Wittelsbacher Brunnen im Residenzhofe eingefügt sein sollen, ist dies Grabdenkmal somit das einzige, das von der „gräflich Wartenbergischen Behausung" und ihrer einstigen Pracht erhalten geblieben. Nur der Torbogen im Rosental am Hause Nr. 16, wo sich der Eingang zum Garten befand, erinnert daran, daß hier einmal eine stille Glücksinsel gewesen ist.
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Schreitet einer von St. Peter herkommend gegen das Sendlingertor hinab, so mag er die Augen fleißig schweifen lassen und an mehr als einem Hause andächtig hinaufblicken. Da wäre gleich in der Fürstenfelderstraße eines, das ehemals Baron Mayersche Haus Nr. 8, das von drei Unvergeßlichen erzählt: von Johann Nepomuk Ringseis und dem Philosophen Schelling, die hier wohnten und von Peter Cornelius, der darin seine Malerwerkstatt gehabt. Weil aber die drei nicht zum alten, sondern schon zum München König Ludwigs des Ersten gehören, soll nur ein stiller Gruß zu dem Hause hinübergehen. Ein wenig weiter drunten, am Färbergraben oder „am Graben", wie die Gasse damals hieß, hatte sein Haus der wohlansehnliche Unterrichter und Stadtarchivar Magister Simon Schaidenreißer, benannt Minervius, der zugleich Rektor der „Poetenschule" war. (Die Poeten- oder Lateinschule — also hieß das spätere Gymnasium — befand sich hinter der Liebfrauenkirche, im Hause des sogenannten „älteren Kirchenwächters" neben dem Durchgang vom Frauenplatz zur Schäfflergasse.) Außerhalb seiner Ämter empfing der wohlgelahrte Herr Magister, der Freund und Nachbar des Tonsetzers Ludwig Senfl, wenn er heimgekehrt war in seine Behausung am Färbergraben — jetzt steht dort ein Neubau mit der Nr. 31 — den Besuch der Musen, die ihm halfen, seine geliebten Klassiker in die heimische Rede zu übertragen. 1537 hat er als Erster — zweihundert Jahre vor Johann Heinrich Voß — die Odyssee, „das seind die Allerzierlichsten und luftigsten vierundzwanzig Bücher des eltesten und kunstreichisten Vatters aller Poeten Homeri von der zehnjährigen irrfahrt des weltweisen Kriechischen Fürsten Ulyssis" — „mit Fleiß zu deutsch transferiert" und seinen Mitbürgern als „nit unlustig zu lesen" empfohlen. Der „Herr Magister lobesan" hat demnach in der Stadt, die nachmals sich so vieler antikisierender Bauten rühmte und den stolzen Namen „Isar-Athen" erhielt, dem Vater Homer zuerst Eingang und Leser unter den des Griechischen Unkundigen verschafft. Das soll ihm allezeit gedankt sein. —
Weiter unten, in der Sendlingerstraße 76, war das Haus des „Faberbräu". Mit ihm verbindet sich die Erinnerung an das erste Münchner Volkstheater.
Bis in den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts bekam das Schauspielbedürfnis der Münchner nur Nahrung, wenn die Jesuitenschüler eines ihrer glanzvollen Mysterien oder allegorischen Stücke aufführten, oder wenn eine wandernde Komödiantentruppe, z. B. die des Magisters Velten, sich in der Stadt aufhielt. Im Jahre 1725 aber begann der ehemalige Rechtspraktikant Nießer auf der Malztenne des Faberbräus ständig deutsche Stücke mit einigen Kollegen aufzuführen. Nicht nur solche, wie der derbere Geschmack sie liebte und worin Hans Wurst eine bevorzugte Rolle spielte, sondern deutsche Bearbeitungen französischer und italienischer Stücke, sowie bürgerliche Schauspiele lebender Autoren. Lessing kam hier zu Worte; von Schiller wurden „Die Räuber", „Kabale und Liebe", „Don Carlos" im Faberbräu zuerst aufgeführt.
Von hier ist die Bekanntschaft der Münchner mit dem deutschen klassischen Drama ausgegangen.
Außer dem Faberbräu fanden noch beim Wieserbräu im Tal, sowie im Rathaussaal dramatische Aufführungen statt. Allmählich brachte der Beifall, den die deutschen Stücke errangen, sie auch bei Hofe, wo bisher der ausländische Geschmack vorgeherrscht hatte, mehr und mehr in Aufnahme. In dem 1753 erbauten Residenztheater kamen sowohl Opern als deutsche Schauspiele zur Darstellung, während der Gesellschaft Nießer und dem bürgerlichen Publikum überhaupt das alte Opernhaus am Salvatorplatz überlasten ward.
Weil schon einmal vom Theater die Rede, so winkt da am Hause Nr. 23 in der Sendlingerstraße eine Gedenktafel herüber, die Keiner übersehen darf. Dort hat nämlich der Hans Walleshauser gewohnt, der Schulmeisterbub aus Hattenhofen bei Fürstenfeldbruck, der, auf Kosten des gutherzigen Pfarrers von Günzelkofen ausgebildet, unterm Namen Giovanni Valest ein berühmter Opernsänger geworden ist. Als kurbairischer Kammersänger und Leiter einer richtigen Singakademie — weit über zweihundert tüchtige Sänger und Sängerinnen hat er im Laufe der Jahre ausgebildet — wohnte er seit 1775 hier im Hause, mit einer prächtigen Münchnerin aus der Sendlingergasse vermählt. Johann Valesi war der Lehrer der Sängerin Keiser, die Mozart bei seinem Münchner Aufenthalt 1777 so sehr gefiel.
„Aus ihrem Singen kennt man, daß ihr Meister sowohl das Singen, als das Singenlehren versteht." — schrieb er dem Vater nach Salzburg.
Valesi hat in der Münchner Erstaufführung von Mozarts „Idomeneo" 1781, wo Anton Raaff die Titelrolle sang, den „Oberpriester des Neptun" gegeben.
Und im Jahre 1798 brachte der Theaterdirektor Franz Anton von Weber seinen zwölfjährigen Sohn Karl Maria zum berühmten Valest in die Lehre, weil der Bub das Opernschreiben vorhatte und der Vater meinte: um für die Stimme schreiben zu können, müßte man das Singen ordentlich verstehen. Also kam der zarte Junge in die Schule des alten Walleshauser und machte seinem Meister viel Freude und schrieb während dieser Schülerzeit als Dreizehnjähriger seine erste Oper: „Die Macht der Liebe und des Weines".
Wer deutsche Tonkunst liebt, dem wird vor dieser Türe das Herz warm, wie vor jener anderen in der Burggasse Nr. 8. Denn auch in dies Haus sind gute tönende Geister gebannt.
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Die Donau hinab gleitet ein Schiff, schwer beladen mit allerhand Kirchenschmuck, malerischem und bildnerischem. Die kunstreiche Fracht ist bestimmt für Kloster Weltenburg; einer der Künstler, die den Kirchenschmuck geschaffen, sitzt bei den Schiffern im Boot. Da geht ein Wind auf und erregt die Wasser; das Schiff, hin- und hergeworfen, läuft Gefahr, an den felsigen Ufern zu scheitern. Die Schiffer kämpfen und mühen sich schwer; der Mann im Boot hegt Bangen um das Schöngeschaffene, das er geleitet und um das schön zu Schaffende, das er in sich trägt. Rasch kreuzen sich die Gedanken, die ihm die Not eingibt; einer davon haftet an der unlängst vernommenen Kunde von der Heiligsprechung des Johann von Nepomuk, den der grausame König Wenzel in die Moldau stürzen ließ. Und Egid Quirin Asam ruft den neuen Heiligen um Hilfe an: „Heiliger Johann Nepomuk, hilf uns hindurch!" — Und wirklich! Das kunstbeladene Schiff kam glücklich nach Weltenburg. Aber Egid Quirin Asam erzählte seinem Bruder Cosmas Damian Asam von der Gefahr, die er bestanden und dem Notruf, den er ausgestoßen hatte. Da gelobten die Brüder, zum Dank dem Heiligen eine Kapelle in München zu bauen.
Es währte lange, bis die beiden von Arbeit überlasteten Künstler dazu kamen, ihr Gelübde zu lösen. Egid Quirin erkaufte dafür das Benefiziatenhaus der Armen Seelenbrüderschaft, das an das Wohnhaus der Brüder in der Sendlingerstraße stieß. Der fromme Plan fand den Beifall der Nachbarn so sehr, daß die von vielen Seiten zuströmenden Opfergaben gestatteten, den Bau der Kirche größer als gedacht anzulegen und noch ein Haus anzukaufen. Die beiden Häuser sanken rasch in Schutt, und auf der Stelle erhob sich die neue Kirche. Am 16. Mai 1733, vier Jahre nach Egid Asams Gelübde, ward der Grundstein gelegt. Die rastlose Arbeit der Asams ermöglichte, daß schon zur Weihnacht 1734 das Gotteshaus benediziert und das neue Priesterhaus bezogen werden konnte.
Was fast niemals zutrifft, vereinte sich hier: die beiden Brüder waren Stifter und Erbauer, Bauherren und Baumeister zu gleicher Zeit. Niemand redete ihnen drein; sie konnten in das von ihnen geschaffene Juwel geistlicher Rokokokunst ihre ganze Seele hineinlegen, ihre naive Kindergläubigkeil und ihr schwelgendes Schönheitsgefühl. Die Kirche ist andächtig und geheimnisvoll, dabei schimmernd und freudig; das Wort „gottselig" paßt auf diesen Raum, wie auf wenig andere. Der erste Eindruck ist unbeschreiblich; vergebens wäre der Versuch, solchen Stimmungszauber durch Worte zu schildern. Es währt eine ganze Weile, bis der Beschauer sich der Einzelheiten, die zu dieser wundersamen Einheit verschmolzen sind, überhaupt bewußt wird und den darauf gewandten Reichtum von Phantasie und Können bestaunt.
Auch Züge von einer gewissen Schalkheit fehlen nicht. Als Cosmas Damian Asam einst auf dem Gerüste saß und malte, an dem großen Deckengemälde, das des Kirchpatrons Leben und Leiden verherrlicht, da erfuhr er, was Künstler leicht erfahren: eine unberufene Kritik. Ein Hofstallbediensteter, der den Meister nicht bemerkte, obwohl er ihn persönlich kannte, kam herein und ließ sein Mundwerk in Betreff der einzelnen Bildfiguren wacker laufen. Cosmas Damian rief dem Kritiker vom Gerüst eine launige Drohung herab: ihn dafür zu verewigen. Und malte das nicht eben geschmeichelte Bild des Betroffenen auf das Deckengemälde mit hinauf. So wird das Histörchen erzählt.
Die Kirche des Hl. Johann Nepomuk ist eine, aus der Geschichten und Legenden wie von selbst wachsen müssen. Von der Kaiserin Amalie, der Gattin Kaiser Karl VII., deren Liebling das Kirchlein war, heißt es, daß als ihr Töchterlein, Maria Antonia, die nachmalige Kurfürstin von Sachsen, auf den Tod krank lag, die trostlose Mutter hierher eilte und inbrünstig um ihres Kindes Genesung betete. Noch während sie kniete, kam ein Bote, um ihr anzusagen, daß eine Krisis eingetreten und die Gefahr glücklich vorüber sei. Von Stund an ging es täglich besser, und die kleine Prinzessin genas.
Eine andere Geschichte, freilich eine von traurigem Klang, knüpft sich an die prachtvolle Monstranz, die zu den Kleinodien des Kirchenschatzes gehört und ganz aus dem geschenkten Geschmeide frommer Stifter und Stifterinnen gefertigt ist. Einmal waren in der Sendlingergasse zwei junge Leute miteinander versprochen, Sohn und Tochter aus angesehenen wohlhabenden Bürgerfamilien. Die Brautleute waren so schön als brav und hatten einander von Herzen lieb. Am Vorabend ihrer Hochzeit empfingen sie gemeinsam in der Johanniskirche das heilige Abendmahl. Darnach ging der Bräutigam heim und half Bierfässer in den Keller hinablassen. Da riß das Seil und ein schweres Faß, das gerade auf den jungen Mann herrollte, drückte ihm die Brust ein. Der Jammer der Seinigen, vor allem aber der Braut, war unbeschreiblich. Sie tröstete sich auch nachmals nicht, sondern kränkelte und siechte dahin und folgte ihrem Bräutigam bald im Tode nach. Den Brautschmuck aber, den sie von ihm empfangen hatte, die goldene Kette samt den Ohrgehängen, sowie den schweren silbernen Brautgürtel, vergabte sie der Johanniskirche, wo sie ihren Liebsten zum letzten Mal lebend gesehen hatte. Das war das erste Opfer zu jener wertvollen Monstranz.
Als während der Ära Monlgelas alles Kirchensilber zum Einschmelzen in die Münze gebracht werden mußte, war auch diese Monstranz schon dorthin abgeliefert. Das reute aber die Pfarrkinder der Johanniskirche so sehr, daß mehrere Wohlhabende sich zusammentaten, die Monstranz wieder auslösten und sie der Kirche zurückgaben. Wie dies damals noch mit vielem Anderen, so mit St. Bennos silbernem Brustbild in der Frauenkirche geschah.
Von dem berühmten Salva Guardia-Bild der Ridlernonnen, das heutzutage die Johanniskirche ziert, ist schon die Rede gewesen. Aber ehe all das kostbare Gut hineinkam, und ehe so vieler Menschen innerstes Erleben an die Kirche sich knüpfte, mußte noch lange Zeit vergehen. Verstrichen doch schon zwölf Jahre zwischen dem Tage, da sie benediziert worden und dem der endlichen Vollendung und Einweihung. Als es soweit war, da lebte von den kunstreichen Brüdern Asam nur einer noch. Der feurige stattliche Cosmas Damian war während der inneren Ausgestaltung des Baues gestorben — 1739 — und seiner früh vorangegangenen Gattin, der lieblichen Marianne Mörl, gefolgt. Noch auf dem Sterbebette hatte er nach Papier und Zeichenkohle verlangt. Der zärtere Egid, die Seele des Kirchenbaues, empfand das Fehlen des brüderlichen Genossen wohl nie schmerzlicher, als da er allein der feierlichen Einweihung — 1746 — beiwohnte. Im Jahr darnach starb auch er zu Mannheim, gleichfalls schöpferisch bis zuletzt. — Keiner der Brüder ruht in der Kirche, der sie die Hauptkrasft ihrer letzten Jahre weihten. Nur der Grabstein von Egids Gattin, ohne Datum und nähere Bezeichnung, ist darin gefunden worden.
Am Portal der St. Johann-Nepomukskirche, der das Asamhaus — heutiges Priesterhaus - sich als reizvollste Fortsetzung und Ergänzung anschmiegt, sind zu beiden Seiten große Felsstücke angebracht. Die sollen auf jene Felswände am Donauufer hindeuten, wo einst das Schiff der Künstler dem Untergang entrann.
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Auf dem Sendlingertor in seiner ehemaligen Gestalt befand sich ein niedriger Turm, dessen Spitze eine geballte Faust trug. An dies Fausttürmlein, wie es genannt ward, knüpften sich mancherlei Sagen von einem Übeltäter, der hier eingemauert worden sei. Nach Meinung der Einen war es ein ungetreuer Ratsherr, der die Stadt an einen der im 15. Jahrhundert so zahlreichen ritterlichen Stadtfeinde verraten hätte. Nach anderer Lesart war es ein böser Bürgermeister, der, den Herzögen Ernst und Wilhelm feind, ihrem Vetter Ludwig von Jngolstadt Helferdienste gegen sie geleistet und den beiden aus München Abziehenden höhnisch trotzig die Faust nachgeballt hätte. Wie dem auch sei: in der Sage der Einmauerung treffen alle zusammen, ebenso in einer zweiten Überlieferung, die, mit diesem Türmchen verbunden, sich durch Jahrhunderte erhielt.
Wenn nämlich in München, wie das in früheren Zeiten wohl geschehen konnte, einer unschuldig hingerichtet ward, so erglomm in der nächsten Mitternacht das Fausttürmlein in blutrotem Licht. Zugleich tat es drei schwere Schläge an der Haustür des Scharfrichters, der innerhalb der Stadtmauer auf einem freien, einsamen Platz unterm Türmlein wohnte. Wenn der nun die drei Schläge vernahm, so wußte er alsbald Bescheid, kniete nieder und betete laut und andächtig, bis es 1 Uhr schlug; und mit dem Glockenschlag erlosch auch das rote Licht. Am nächsten Morgen aber zeigte der Scharfrichter dem Rat die Sache an, und in ganz München ward inbrünstig gebetet, sowohl für die Seele des schuldlos Hingerichteten, als auch für die Entdeckung des wirklichen Täters. Ein paar mal soll diese in auffälliger Weise erfolgt sein. Der letzte Fall, der deshalb auch lang in der Leute Mund und Gedächtnis blieb, hätte sich folgendermaßen zugetragen:
Von zwei Vettern hatte der eine den anderen um eine reiche Erbschaft gebracht und, nicht zufrieden damit, ihn auch noch verhöhnt, wann er ihn antraf oder wann er an dessen Hause vorbeikam. Den Abend pflegte der Reiche meist bei Wein und Kartenspiel zu verbringen. So hatte er eines Abends wieder getan und zweien seiner Zechgesellen ein ziemliches Geld abgewonnen. Darnach, als er halb trunken heimging, verhielt er sich wieder kurz unter seines Vetters Fenster, höhnte und lachte hinauf; aber bald nachher hörten die Nachbarn ihn laut um Hilfe schreien. Als nun ein paar hinausliefen, fanden sie den Reichen, aus einer schweren Stichwunde blutend, am Boden liegen. Der arme Vetter aber stand bei ihm, und der Verwundete stieß röchelnd Anklagen gegen ihn aus. Der arme Vetter verantwortete sich vor den Hinzueilenden: er hätte das Hilferufen seines Vetters gehört und beim Näherkommen einen Mann von ihm weglaufen sehen, dem er vergeblich ein Stück nachgesprungen sei; da ihm jener entschlüpft, wäre er zurückgekehrt, um seinem Vetter beizustehen. Das aber glaubte niemand. Der Arme ward vor Gericht gebracht und, obwohl man kein Gold bei ihm fand, des Mordes an seinem Vetter, der inzwischen seiner Wunde erlegen war, beschuldigt. Alles Leugnen half ihm nichts; er ward verurteilt und erlitt, auf dem Schafott noch seine Unschuld beteuernd, den Tod.
In der Nacht darauf erglühte das Fausttürmlein in feurigem Licht, und an der Türe des Scharfrichters geschahen die drei Schläge. Der Scharfrichter sprang alsbald aus dem Bette, kniete nieder und betete, bis es 1 Uhr schlug. Er beschloß, in aller Frühe dem Magistrat Anzeige zu tun und wollte sich wieder auf seinen Pfühl legen. Aber da hörte er ein zweites Klopfen und diesmal von Menschenhand. Also tat er die Türe auf und sah draußen einen Mann stehen, der ihn ganz verwildert und verhetzt anschaute.
Der Scharfrichter meinte anfänglich, er sei vor dem roten Licht so erschrocken; der Andere aber Hub zu reden an und bekannte sich als einen der Kumpane, mit denen der Ermordete an seinem letzten Abend gezecht und gespielt hatte. Der Verdruß um das verlorene Geld, und der Wunsch, es wieder zu haben, halten ihn dahingebracht, dem Reichen aufzulauern und ihn niederzustechen. Dann war er vor dem armen Vetter, der zu Hilfe geeilt kam, entsprungen. Und nun — so beschloß er seine Erzählung - fände er nicht Ruhe noch Rast, bis seine Tat gesühnt sei. Vor den Richter geleitet, wiederholte er sein Geständnis, das er durch Vorzeigen des geraubten Goldes bekräftigte. Und anderen Tages schon ward das Recht an Dem vollzogen, für dessen Schuld der arme Vetter in den Tod gegangen war.
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Draußen vor dem Sendlingertor stand ein kleines Häusl, fast so gemieden, wie das Scharfrichterhaus: das Prech- oder Pesthäusl. Die Aussätzigen pflegten von hier aus, wie in der Nähe der Leprosenhäuser in Schwabing und am Gasteig ihre hölzernen Pritscheln zu rühren und milde Gaben von den durchs Tor Ein- und Ausgehenden zu erbetteln. Während der häufigen Pestzeiten hauste hier der „Prechbader" und der „Pestraucher", die alle ankommenden Briefe, Pakete, Waren, Gelder, kurz was da immer einlief, in Essig durchräucherten. Schon seit den Tagen Herzog Albrecht IV. stand in dieser düsteren Umgebung ein Bild des leidenden Heilandes mit Schutzdach, das unter Wilhelm IV. (1540) zu einer wirklichen Passionskapelle vergrößert ward. Während des dreißigjährigen Krieges jedoch, als die Befestigungswerke Münchens erweitert wurden, fiel die Kapelle dieser Erweiterung zum Opfer.
Mittlerweile war der „fertere" (äußere) Freithof vor dem Sendlingertor entstanden, in dem anfänglich, außer den Opfern der Pest, meist Fremde und Selbstmörder bestattet wurden. Südlich von ihm errichtete andächtiger Sinn eine Martersäule und später ein Kapellchen, wieder mit dem Leidensbilde des Heilandes. Die Opfergaben, die der kleinen Kapelle zuflossen, mehrten sich mit den Jahren, ebenso wie die Anwohner der „Gmain auf dem Obern Lehel" an Zahl zunahmen, sodaß der Bau eines eigenen Gotteshauses für sie gerecht und billig erschien. Im Jahre 1702 ward die bisherige Passionskapelle abgebrochen und eine größere Rotunde mit dem Namen „Schmerzhafte Kapelle" erbaut, in der das Bild des Gekreuzigten, das in jener verehrt worden, wiederum zur Aufstellung kam.
Hundert Jahre, ehe diese Passionskapelle konsekriert wurde, hatte bereits Kurfürst Maximilian I. dem zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts gegründeten Orden der Kapuziner ein Kloster errichtet, zunächst der Herzog Maxburg, das erste in Bayern. Der jüngste Zweig des seraphischen Ordensstammes brachte es bald zu großer Beliebtheit. Hezog Wilhelm V. begab sich von der Herzog Maxburg häufig zu den Gottesdiensten und Andachten ins Kloster hinüber. Das Volk strömte zahlreich zu; als der Kapuziner Remigius von Pozolo im Geruche der Heiligkeit starb, drängte sich die Menge, den Leichnam mit ihren Rosenkränzen zu berühren. Gegen Beschuldigungen, die von geistlicher Seite erhoben wurden, weil die Kapuziner geweihte Kräuter und Wurzeln als Amulette verteilt hätten und dergleichen, nahm Kurfürst Maximilian selbst sie in Schutz und half ihrer Sache zum Siege. Er vergabte der Klosterkirche unter anderen Stiftungen eines der schönsten Werke seines Hofmalers Peter Candid, die „heilige Sippe". Eine ganz im Renaissancegeist empfundene „Santa conversazione“, darstellend Maria mit dem Kinde, mit St. Josef, Sankta Elisabeth und dem kleinen Johannes; Maximilian hatte dem Künstler das Bild bestellt. Der Eindruck des Bildes, das den Altar in der einen der zwei Grüfte der Klosterkirche zierte, war ein so wundersamer, daß es für wundertätig galt; viele Andächtige wallten, namentlich um die Fronleichnamszeit, durch den sogenannten Kapuzinergraben (vom Himbselhaus bis zum Neutor) dorthin. Der zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts im Kloster weilende, später feierlich heilig gesprochene Pater Lorenz von Brindisi las öfters vor diesem Bilde die Messe und fiel dabei zuweilen in Verzückung, sodaß er mehrere Stunden bis zur Vollendung des Opfers brauchte. Dies hielt den Kurfürsten, damals noch Herzog Maximilian I. aber nicht ab, ihm häufig zu ministrieren. Der Ergriffenheit vom Anblick des Gruftbildes wurde späterhin (1706) der Übertritt des mit einer verwitweten Gräfin Arco vermählten schwedischen Generals Horn zugeschrieben. Eine besondere Anziehung für Blumenfreunde besaß der Klostergarten, der stets mit den schönsten Blumen prangte. Im Garten wurden auch die wenigen Gestorbenen bestattet, die, einer ansteckenden Krankheit erlegen, in den Grüften deshalb nicht beigesetzt wurden. Unter den Vielen, denen die Kirchengruft die letzte Ruhestatt bot, befanden sich zwei durch die französische Revolution vertriebene französische Bischöfe: Franz v. Bonnat, Bischof von Clermont und der Bischof von Lisieur, Jules-Basile Ferron de la Ferronays, der in einem Hause der Prannersgasie zu München starb. „Mortuus ex diaecesi et patria exul. Gestorben als Verbannter, fern von Herde und Heimat," sagte das Totenbuch von ihm.
Nach etwas mehr als zweihundert Jahren des Bestehens — fast während dieses ganzen Zeitraumes waren die Kapuziner als eifrige Prediger an der St. Peterskirche tätig gewesen — traf 1802 die Aufhebung, wie so viele Kirchen und Klöster, auch die Niederlassung der Kapuziner. Unter Ludwig I. jedoch, auf Betreiben mehrerer Freunde des Ordens, vor allem des greisen, selbst dem Orden zugehörigen Benefiziaten Georg Urban Zacher, ward die Neuerrichtung eines Kapuzinerhospizes beschlossen und zwar bei der schmerzhaften Kapelle vor dem Sendlingertor, nahe dem äußeren Friedhof. Die Kapelle ward in vergrößerter Gestalt dem Kloster als Kirche angegliedert; doch erwies sie sich in die Länge noch zu klein, um so mehr als nun ein so volkreicher Stadtteil des neuen München sie umgab. 1893 — 95 mußte zum Bau einer geräumigen Kirche geschritten werden, die in schöner, würdiger Einfachheit das Ganze erst baulich abschloß und dem hl. Antonius geweiht wurde.
Einmal noch erstand das alte Heim des Ordens vor jedermanns Augen: als im Juni 1896 bei Erdarbeiten auf dem Maximiliansplatz, heutigen Lenbachplatz, die vormalige Kapuzinergruft aufgedeckt wurde. Unter dem Andrang einer großen Menschenmenge wurden über 200 Leichen ans Licht gefördert; Mitglieder des, von der Aufdeckung alsbald verständigten, Kapuzinerkonvents halfen die Gebeine ihrer toten Mitbrüder sammeln. Nachdem die Toten feierlich ausgesegnet worden, führte sie der Totenwagen, von den Patres geleitet, auf den kleinen Friedhof der neuen Klosterkirche, zu ihrer letzten gemeinsamen Friedensstatt.
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München im spanischen Erbfolgekrieg
Durch den spanischen Erbfolgekrieg, der zwischen Österreich und Bayern eine blutige Kluft aufriß und beide fast ein Jahrhundert lang verfeindete, war Bayern unter kaiserliche Hoheit geraten. Das Waffenunglück Max Emanuels hatte ihn genötigt, nach Brüssel zu flüchten; der Kurfürstin war noch ein Fünftel des Landes, nämlich das Rentamt München, belassen worden. Als jedoch Kaiser Leopold am 5. Mai 1705 aus dem Leben schied, war es eine der ersten Regierungshandlungen seines Nachfolgers, des Kaisers Joseph I-, München * 42 * militärisch besehen zu lassen, angeblich wegen heimlicher Umtriebe, welche die Rückkehr des Kurfürsten zum Zweck hätten. Die auf einer Reise abwesende Kurfürftin wurde, als sie wieder nach München zu ihren Kindern wollte, an der Grenze nicht mehr hereingelassen, „weil ihre schädlichen JntentioneS entdeckt worden", wie der kaiserliche Statthalter Graf Löwenstein angab. Die kurfürstlichen Kinder wurden, wenngleich mit aller Achtung, so doch als Gefangene, gewissermaßen als Geiseln behandelt. Persönliches Eigentum des Kurfürsten, ja sogar seine Privatbriefe an seine Gattin und Kinder wurden beschlagnahmt. Dazu kamen die Bedrückungen der österreichischen Soldateska, das unleidliche Aussaugen der Landbevölkerung; dies ging soweit, daß manche Bauernfrau mit entblößter Brust die Soldaten bat, sie lieber gleich nieder zu machen, ehe sie mit ihren Kindern Hungers sterben müßte. Ebenso empörte sich das Gefühl der jungen Bauernsöhne gegen die zwangsweise österreichische Rekrutenaushebung, wobei die jungen Burschen im Bett, ja in der Kirche überfallen, auf Wagen geschmiedet und hinweggeführt wurden. Dies alles: Anhänglichkeit an den angestammten Herrscher, wirtschaftliche Not, Antaften alter geheiligter Rechte, brachte in Bayerns Bevölkerung eine Stimmung zuwege, die in dem bekannten kurzen Zornvers: lieber bayrisch sterben, als in des Kaisers Unfug verderben", ihren Ausdruck fand.
In München herrschte scheinbare Ruhe, während im Lande überall schon der Aufruhr emporflammte. An manchen Orten ließ er, infolge der ungenügenden Leitung wie der Ehrfurcht vor Kaiser und Reich, sich rasch dämpfen; am stärksten und erfolgreichsten war er in Niederbayern. Die „Landesverteidiger" oder „kurbayrische Landesdefension" — auch die „Gemeine" nannten sich die Aufständischen — drangen trotz einiger Schlappen, die ihnen die österreichischen Truppen beibrachten, mächtig vor, zwangen den Oberkommandanten de Wendt, der später durch den Generalwachtmeister Kriechbaum ersetzt wurde, zum Rückzug. Unter ihren Führern, wozu namentlich der ehemals bayerische Wachtmeister Johann Hoffmann, sowie die Wirtssöhne und Studenten Sebastian Plinganser und Georg Meindl gehörten, marschierten sie auf München.
Inzwischen halten auch die Oberländler sich erhoben, und zwar waren hier Tölz und München die Hauptsitze der Aufstandsbewegung. Der Posthalter Franz Kaspar Hierner von Anzing übernahm eö, die Bürgerschaft Münchens, sowie die Gerichte Haar, Erding und Schwaben zur Erhebung zu bringen. Er kam am 15. Dezember nach München und besprach sich beim Posthalter Brix mit einigen ihm befreundeten Bürgern, dem Weingastgeb Johann Jäger in der Löwengrube, dem Wcinwirt, sogenanten „Puberwirt" Johann Georg Kittler und dem Bierbrauer Georg Hallmayer, die beiden letzteren im „Tal". Diesen Männern setzte Hierner den Plan auseinander, daß ein großes Heer von Landesverteidigern nach München rücken wollte, ferner, wie die Besatzung durch Ableitung des Wassers zur Übergabe ohne Kampf gezwungen werden könnte. Die drei Münchner Wirte gingen, während Brix sich vorsichtig zurückhielt, eifrig auf das Vorhaben ein und verabredeten mit Hierner: an den und den Stellen sollten Bürger, Hofbeamte, Studenten, Bräuknechte sich versammeln und den Bauern das Kofttor öffnen.
Daß Kurfürst Max Emanuel am Ausbruch des Aufstandes keinen Anteil hatte, ist gewiß. Die angeblichen Proklamationen, worin der Kurfürst sein Volk gegen die Kaiserlichen aufrief, waren Fälschungen der Aufständischen selbst. Ein solches Manifest, das in Burghausen verbreitet wurde, brachte dort und in Tölz, sowie den meisten Nachbarbezirken des Oberlandes die Beamten zu tätiger Mitwirkung an dem Unternehmen. Besonders erregend auf die Gemüter wirkte die Nachricht, daß die Prinzen aus der Hauptstadt weggeführt werden sollten. Von überall her liefen Zusagen ein, daß die einzelnen Ortschaften eine bestimmte Anzahl Landesverteidiger zum gemeinsamen Zug auf München stellen wollten. Die Musterungsliste der Aufständischen wies 2769 Mann auf; die in der Hofmark Ebersberg lagernden Niederbayern wurden auf mehr als 4000 Mann geschäht. Die Landesverteidiger des Oberlandes sammelten sich in Hohenschäftlarn im Isartal und setzten von da um die Mittagstunde des 24. Dezember ihren Marsch gegen München fort. Unterwegs bereits kamen ungünstige Botschaften, die Viele der Aufständischen einem Rückzug geneigt machten. In Solln erhielt einer der Führer, der Jäger Adam Schöttl aus Fall, ein Schreiben Kittlers, das Trostloses meldete: die Verschworenen halten wenig Anhang unter der Bürgerschaft gefunden, die Münchner Besatzung war gewarnt; dazu rückten kaiserliche Truppen von Nordoften heran. Hauptmann Mayer, ein bayerischer Offizier, der ohnedies den Befehl nur gezwungen übernommen hatte, gebot daraufhin den Rückzug. Nach einer halben Stunde kam der Jägerwirt mit anderen Fanatikern angejagt und erreichte durch Drohungen, daß wieder nach München umgekehrt wurde. Hauptmann Mayer ward unter Mißhandlungen seines Führeramtes entsetzt, zu Fuß wie ein Gefangener mitgeführt, und so setzte die Mehrheit der Bauern, etwa 1900 an Zahl, den Marsch nach der Hauptstadt fort. Die Übrigen entwichen heimlich während der Nacht, darunter der Pfleger Oettlin- ger aus Starnberg, der das Anrücken der Aufständischen den Kaiserlichen in der Stadt verriet.
In München fehlte — mochten Schmerz und Empörung auch viele Gemüter beherrschen — der Druck der Verzweiflung, unter dem die Bauern handelten. Auch war die kaiserliche Administration bereits auf der Hut und hatte alle erforderlichen Maßnahmen getroffen, um eine Erhebung der Bürger zu hindern. Das Gerücht von der Wegführung der Kurprinzen war öffentlich widerlegt und die Bürgerschaft dadurch wesentlich beruhigt worden. Auch von den Kanzeln herab ward den Pfarrkindern zugesprochen, daß sie schädlichen Aufruhr vermeiden möchten. So blieben denn die in der Christnacht um 10 Uhr anrückendcn Oberländler ohne Unterstützung von feiten der Bürger. Der Weg der Aufständischen führte vom roten Turm an der Jsarbrücke vorüber; die kleine kaiserliche Besatzung, 15 Musketiere und 50 unberittene Kürassiere, räumte den Turm ohne Gegenwehr, um nicht durch die Bauern von der Stadt abgeschnitten zu werden. Die Schützen eröffneten nun ein Feuer auf den Wall der Stadtbefestigung, das jedoch wenig auS- richtete. Auf die versprochenen Raketen, wie auf die Öffnung des Kosttores und des Pförtleins am Weißen Bräuhaus warteten sie umsonst.
nzwischen rückten die kaiserlichen Hilfstruppen auf verschneiten Straßen gegen die Stadt. Die vorausgesendete Reiterei unter dem Obersten von Eck setzte über die Isar, um den Bauern den Rückzug abzuschneiden; zugleich begann das Fußvolk die Beschießung des roten Turmes. Nach geringem Widerstand wurde der Turm zurückerobert und seine Verteidiger niedergemacht oder in die Flucht geschlagen. Ecks Reiterei verfolgte die Flüchtlinge, während die aus der Stadt entsandten kaiserlichen Reiter den noch am Glockenbach stehenden Haufen der Bauern überfielen und unter diesem ein furchtbares Blutbad anrichteten. —
Von dem Ausgang der Bauernschlacht auf dem Sendlinger Friedhöfe erzählt Kirche und Kirchhof in Untersendling; den Rückschlag derselben empfand die Stadt München nur zu sehr. Als an dem verhängnisvollen Chriftmorgen des Jahres 1705 Flüchtlinge und erschreckte Umwohner in die Stadt gestürzt kamen, um zu melden, daß Alles verloren sei, überfiel die Meisten eine lähmende Furcht. Wenige behielten genügend Mut und geistige Klarheit, um denen, die sich für ihr Vaterland eingesetzt hatten, nach Möglichkeit beizustehen. Eine Unzahl von Verwundeten, gegen 600 an der Zahl, wurde gefangen nach der Stadt verbracht und in der Dezemberkälte auf das Straßenpflaster gelegt, um durch ihr Beispiel, wie der Bürgermeister Vac- chiery sich ausdrückte, „pro terrors" d. h. abschreckend zu wirken. So lagen sie stundenlang; hernach wurden die, welche noch am Leben waren, aufgehoben, und in die nahegelegenen Klöster und Spitäler verteilt. Einzelnen Geflüchteten gelang mit Hilfe von beherzten und wohlgesinnten Männern die Rettung, wie z. B. dem Hallmayrbräu und dem Hofkoch Engelhardt, die sich mit dem Puberwirt Kittler zusammen im Franziskanerkloster befanden. Die Österreicher hatten das Versteck KittlerS erkundet, drangen in das Kloster, drohten, es zu einem Steinhaufen zu machen, wenn Kittler nicht ausgeliefert würde. Schweren Herzens mußte der Guardian sich fügen, aber der Geistesgegenwart des Pförtners Frater Michael Pletz (aus deffen Merkbüchlein Karl Trautmann uns dies erzählt hat) glückte eS, den Hallmayr- bräu und den Engelhardt, von denen die Österreicher offenbar nichts wußten, zu retten und sie mit noch Anderen, die dem Verderben entronnen waren, später aus der Stadt zu schaffen. Kittler, ein schöner, langer und starker Mann, teilte das Schicksal des Eisenhändlers Sebastian Senser vom Rappeneck (Ecke der Sendlingerstraße und deö Färbergrabens), des Weinwirtes Johann Jäger, sowie der ehemaligen Offiziere von Clanze und Aberle: sie wurden in den Falkenturm gesteckt, verhört, gefoltert, schließlich auf dem Schrannenplatz zu Füßen der Mariensäule enthauptet. Johann Jäger war auf der Flucht, die er mit dem Studenten Pasiauer zusammen unternommen hatte, gefangen worden; er war der lebte dieser Hingerichteten. Sein Leichnam wurde wie der Kittlers gevierteilt, sein Kopf auf dem Isartor aufgesteckt; die vier Teile wurden an verschiedenen Orten aufgehängt. Das Vermögen der drei Münchner Bürger ward konfisziert; Jägers Witwe starb, 13 Jahre später, im Elend. Die übrigen an dem Münchner Trauerspiel Beteiligten kamen mit dem Leben davon.
Die Unglücksnachricht von München-Sendling übte, wie natürlich, eine niederschlagende Wirkung auf die unterbayerischen LandeSverteidi- ger. Dennoch hielten diese stand bis nach der Schlacht bei Aidenbach (Januar 1706), deren Ausgang noch unheilvoller war, als der der Sendlinger Mordweihnacht. Damit brach der Aufstand zusammen; die Verhaftungen, Verurteilungen, blutigen Hinrichtungen der Führer währten bis in das Jahr 1708. Plinganfer ward eingekerkert, Hoffmann enthauptet; Meindl entkam. Das niedergeworfene Land mußte seine teilweise Zerstückelung, sowie die Achtung seines Kurfürsten, die an den Münchner Straßenecken angeschlagen ward, über sich ergehen lassen, bis der Friede von Rastatt 1714 es seinem angestammten Herren zurückgab.
Der Hausschatz des Kurfürsten, die Kronjuwelen im Werte von vierzehn Millionen, war, als die Österreicher München besetzten, von ein paar Getreuen in das Franziskanerkloster geflüchtet worden, in die Obhut eben jenes Frater Michael, der später den Hallmayr und den Engelhardt rettete und auch den Hort sorglichst bewachte. Das kurfürstliche Archiv hatte der Geheimsekretär, spätere Kanzler von Unertl, bei den Karmelitern verborgen; ein Deposit von zwei Millio* 46 * nen befand sich im Verwahr des" Hofmalers Wellagitsch. Alles empfing Max Emanuel, da er im April 1715 in München einzog, unversehrt zurück; unverbrüchlich war das Geheimnis, trotz Lockungen und Drohungen, gewahrt worden. Nur die Juwelen und das Bargeld der Kurfürstin hatte die kaiserliche Administration in der Residenz, wo beides vergraben war, entdeckt; erst über Wien konnte es wieder erlangt werden. Aber die sonstigen Kostbarkeiten übergaben die treuen Wächter in ihres Fürsten eigene Hände. Frater Michael, der sich eine Gnade ausbitten sollte, bat für seine arme, in der Oberpfalz verheiratete Schwester und ihren Mann um Steuerfreiheit und die Erlaubnis, jährlich drei Sud Bier brauen zu dürfen, was ihm der Kurfürst gewährte und für ihn selbst eine tägliche Maß Wein aus dem Hofkeller hinzufügte.
Mit dieser Rückerstattung und dem Jubel der fürstentreuen Bürger, der sich in einer prächtigen Stadtbeleuchtung kundtat, schloß der Anteil Münchens an dem nun ausgespielten blutigen Drama der verflossenen Jahre.
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Um die Mitte des l 5. Jahrhunderts war es so weit, daß die Totenäcker bei den Hauptkirchen für die wachsende Einwohnerzahl nicht mehr genügten. Da hielten die Stadtväter Umschau nach geeigneten neuen Plätzen und wählten für die Pfarrei zu U. L. Frau einen Platz „in der Kuh" (der heutige Salvatorplah), für die St. Peterspfarrei aber einen am Sendlingertor, wo mehrere Straßen sich kreuzten; deshalb hieß die Stelle „auf dem Kreuz" oder „am oberen Kreuze" im Gegensatz zu dem „unteren Kreuz," dem früheren Parade-, jetzt Promenadeplatz. 1478 erwarb der Magistrat ein Grundstück von der Schmalz- (jetzt Kreuz-) Gaffe bis zur Brunnstraße, die ihren Namen davon haben soll, daß hier in frühester Zeit, da ringsum Weideland war, ein Brunnen stand, an dem die Hirten ihre Herden tränkten. Durch Hinzukauf noch weiteren Bodens ward der neue St. Peters-GotteSacker eine ziemlich geräumige Begräbnisstätte; 1480 begann der Bau einer Gottesackerkirche „auf dem Kreuz", und zwar leiteten ihn die Werkmeister der Frauenkirche, Jörg von Haslbach und Heimeran von Straubing. Durch Vergleich mit den Erben Ainwich des GollierS, des kinderlos verstorbenen Ritters, der das Allerheiligen-Kirchlein auf dem Marktplatz erbaut hatte, ward diese ohnehin baufällige Kapelle abgebrochen, und das Golliersche Benefizium kam in die neue Allerheiligenkirche auf dem Kreuz. Als solche ward sie 1485 konsecriert.
Anfänglich richtete ein heftiger Widerstand der Einwohner sich gegen die neuen Freithöfe. Den Einen fiel es hart, daß sie nicht an der Seite ihrer vorausgegangenen Lieben ruhen dürften; andere, die weltlicher und selbstbewußter geartet waren, dünkten sich herabgesetzt, fremden Landfahrern und hablosen Leuten gleichgestellt, weil sie auf den abgelegeneren Friedhof gebettet werden sollten. Die Geistlichkeit hatte ihre Not, die Pfarrkinder zu einer richtigen Auffaffung der Dinge zu bringen; der Stadtrat von München erwirkte, um die neue Maßregel dem Volke annehmlicher zu machen, im Februar 1480 eine päpstliche Bulle, worin Alle, welche die neuen Freithöfe Münchens besuchen würden, mit besonderen Ablässen begnadigt wurden. Noch in demselben Jahre ergingen von Seiten des heiligen Stuhles formelle Verbote, auf den alten Freithöfen fernerhin zu begraben. Damit war der Widerstand der Münchener gebrochen-
Ein harter und grausiger Mißbrauch, dessen I. M. Forster erwähnt: daß ein Toter, der unbezahlte Schulden hinterließ, in alter Zeit nicht ehrlich begraben werden durfte, war seit 1529 abgeschafft. Denn damals hatte der Gegenpapst Nikolaus V., der in der Reihe der rechtmäßigen Päpste nicht aufgeführt ist, aus Pisa, wo er sich bei Kaiser Ludwig dem Bayern aufhielt, die Verfügung erlassen, daß Jedermann, auch der Ärmste, geistlich begraben werden müßte. Unwillkürlich drängt sich beim Gedenken jener Härte der Anfang des weitverbreiteten Volksmärchens vom „dankbaren Toten" unserer Erinnerung auf.
Im Jahre, da der Bau der neuen Freithofökirche begann (1480), stiftete und erbaute der Rat von München das Stadtbruderhaus für kranke und bresthafte Bürger, das neben die „Allerheiligenkirche auf dem Kreuz" zu stehen kam. Die Seelsorge für die Insassen des Bruder
Hauses lag dem Kaplan der Allerheiligenkirche ob, so lange bis das Spital, über hundert Jahre später, eine eigene Kapelle erhielt.
Jene ersterwähnten päpstlichen Bullen verordneten noch ausdrücklich, daß zu Peftzeiten die Gestorbenen nur auf den neuen Freithöfen und nirgends sonst bestattet werden dürften. Allzubald trat der Fall ein: als die Epidemie des Jahres 1506 das Totenfeld rasch mit Grabstätten füllte. —
Wohl schon damals bestand, südwestlich der Stadtmauer, ein Freit- hof für Arme, Aussätzige und unbekannte Tote, der von seiner Lage den Namen „der fertere" der äußere, hatte. Auf diesem, nur dürftig eingezäunten Leichenacker erbaute Herzog Albrecht V. 1578 ein Salvator- kirchlein. Nicht lange darnach erwarb die lateinische Congregation von unserer lieben Frauen Verkündigung, der Herzog Wilhelm V. selbst angehörte, eine größere Grabstätte, vermutlich mit der bestimmten Absicht, dem äußeren Friedhof das üble Ansehen, in dem er stand, zu benehmen. Als, wie vorauszusehen war, auch die neuen Friedhöfe nicht mehr genügten, ward der „fertere Freithof" der allgemeinen Benützung übergeben; dazumal schon wurde eine neue Kirche, zu Ehren des Erzmar- tyrers Stephan, an Stelle des baufällig gewordenen Salvatorkirch- leins erbaut. Eine magistratliche Verordnung vom Jahre 1789 hob sämtliche Friedhöfe im Innern der inzwischen beträchtlich erweiterten Stadt auf und verordnete die Überführung aller Leichen auf den am 14. April desselben Jahres benedizierten Gottesacker vor dem Send- linger Tor. Aus dem Freithof am Kreuz wurden fünf große Wägen mit Gebeinen hinausgefahren, auch die wertvollsten Denkmäler aus der Umgebung der Allerheiligen-Kirche hinausversetzt. Diese Kirche kam dadurch in Vernachläffigung und Vergeffenheit: bei dem zweimaligen Einfall der Franzosen 1796 und 1800, ward sie gesperrt, ja beim erstenmal ward sie ihres sakralen Charakters völlig entkleidet und diente als Brot- und Kornmagazin. Von 1804 bis 1814 stand sie entweiht und verödet, bis die Umwohner sich ihrer annahmen, milde Gaben für sie sammelten und die Erlaubnis zu ihrer Wiederherstellung erlangten. Unter den Spenden, die ihr zuflossen, befand sich auch ein holz- geschnitzteö Kruzifix mit der schmerzhaften Mutter darunter; hievon weiß die Sage zu melden, daß der gleiche Künstler (Tobias Bader), von dem die wunderreiche Muttergottes der Herzogspitalkirche stammt, aus dem gleichen Lindenbaum wie diese auch jenes andere, nun in der Kreuzkirche aufbewahrte Kreuz- und Marienbild geschnitzt habe. Daher wird die Muttergottes der Kreuzkirche „die Schwester von der Herzogspital-Muttergottes" genannt. —
Der Friedhof vor dem Sendlingertor, im Lauf der Jahre beträchtlich erweitert und verschönt, ist von da an bis 1868 der einzige Gottesacker Münchens, abgesehen von den Begräbnisplätzen der Vorstädte und dem israelitischen Friedhof (angelegt 1816) gewesen. „Unser Lieben Frauen und S. Peters Gottes-Acker vor dem Sentlinger Thor" nennt ihn die Aufschrift eines alten Stiches von Joh. Stridbeck aus dem 18. Jahrhundert. Noch leidlich unverändert ist, gleich am westlichen Eingang des alten Friedhofteiles, die 1644 erbaute kleine StefanS- kirche. Sie war vordem der Mittelpunkt einer alten Münchener Sitte. Am Tage des Erzmärtyrers Stephan (26. Dezember) nämlich wurden sowohl die feinen Vollblutpferde wie die derben Arbeitsgäule von ihren Besitzern oder deren Bediensteten um die Kirche herumgeritten, damit sie während des Jahres vor Krankheiten bewahrt blieben und ihnen die Steine an den Hufen nicht schadeten. Natürlich fanden zu dem schmucken Anblick, den der Stephansumritt trotz des Ernstes der Stätte gewährte, zahlreiche Zuschauer sich ein.
An der Mauer des Stephanskirchleins grüßt die Besucher der Name eines den Münchnern durch seine Werke Wohlbekannten. Denn dort befindet sich der Grabstein des Hofbildhauers Roman Anton BooS, von dessen Hand die „Taten des Herkules" unter den Hofgarten- Arkaden, die vier Statuen an der Fassade der Theatinerkirche und verschiedene Bildwerke im Nymphenburger Park herrühren. — Freilich: je tiefer es in das Totenfeld hineingeht, desto größer wird die Zahl Derer, die ein unsterbliches Gedenken in München hinterlassen haben. Die meisten Schöpfer des geistigen und baulichen München aus der Zeit seiner ersten Könige ruhen hier, zumal in den steinernen Arkaden des Campo santo, dessen Erbauer Friedrich v. Gärtner selbst darin begraben liegt. Aber nicht nur stolze und erhebende Erinnerungen bewahrt der Friedhof. Er birgt auch die zwei Massengräber der „in der großen Sterb" des Jahres 1654 Hingerafften, zusammen etwa zwölfhundert. Desgleichen ist hier die Grabstätte der „bey 800 unterschiedliche Burger und Bauersleut, so umb Sendlingen und die Stadt München den 25. December Anno 1705 an den St. Weihnächt Tag von den Kaiserlichen und dero Allierten Troppen seind nidergemacht und theilö in den Spitelern und Clöstern gestorben, Denen Gott gnedig sein wolle." Im Jahre 1851 wurden ihre Reste unter dem bisherigen schmucklosen Hügel erhoben und an die Stelle übertragen, die nun das von Gärtner entworfene, von Stiglmayer gegossene Denkmal in Form eines Weihwasserbeckens ziert. Um dem Denkmal Platz zu machen, ward die ohnehin baufällige Kapelle der Lateinischen Kongregation, von der zu Anfang die Rede gewesen, abgebrochen.
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Lange erhielt sich das Gedächtnis des lustigen Bildes, das an der Mauer des Hauses Nr. 2 in dem „Hundskugel" genannten Gäßchen zu sehen war. Das Bild stellte eine im Grünen stehende Kegelbahn vor, auf der eine muntere Schar von Hunden sich mit Kegelscheiben belustigte. Andere Hunde sahen ihnen zu und hielten dabei in den Pratzen einen Teller mit Würsten, von denen sie herzhaft herunter bisien. Man war sich deshalb nicht einig, ob der Name „Hundskugel" nicht vielmehr „Hundskuchel" lauten müßte, nämlich Hundeküche; hinwieder wird erzählt, daß voreinst eine Kugel von etlichen Hunden durch das Neuhausertor die Gaffe herabgerollt und an einem Haus niedergelegt worden sei.
Unter dem Gemälde stand ein alter Reim, der hieß also:
Bis diese neun Kegel umscheiben die Hund',
Können wir heilen noch manche Stund'
Hundsfottbad armer Leut.
Dieser Vers soll sich auf die an dem Hause haftende Badergerechtsame bezogen haben. Auch ist in einem Saalbuch der Stadt München von 1440 die Rede von dem „Hundsfutbad samt Garten", das sich allhier befunden.
Als das Freskogemälde zugrunde gegangen war, verfertigte der in der Nachbarschaft wohnende Bildhauer Roman BooS ein Holzrelief, auf dem die Hunde nicht mehr auf der Kegelbahn, sondern jener andern Lesart gemäß, mit der Kugel scherzend vorgestellt wurden. Dieses Holzrelief wurde, als auch das Baderhaus nicht mehr bestand, an dem Eck' hause der „Hundskugel" benannten Straße angebracht.
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Ein Anger, eine freie Wiese, war noch im dreizehnten Jahrhundert da, wo heute der Jakobsplatz, wie auch die Straßen Ober- und Unteranger sind. Die Sage meldet, daß schon sehr früh auf dem Anger eine Säule unter einem kleinen Schutzdach geragt habe, die das Bildnis des heil. Jakobus mit dem Pilgerstabe trug. Wer kennt nicht die schöne Legende von den Jakobsbrüdern, die zum Grabe des Heiligen gen Kompostella wallfahrten, denen ein räuberischer Wirt Gut und Leben zu nehmen trachtet, und die der hl. Apostel wunderbar erhält, den Vater wie den Sohn. So mag der Schirmherr der Pilger und Reisenden auch vor Zeiten hier gestanden, den nach München Einwandern den Gruß und Segen entboten haben. Aus der Bildsäule ward eine Feldkapelle, die schon stand, als die ersten Franziskaner sich in Deutschland seßhaft machten, und der Franziskanerpater Castinus mit einigen Ordensbrüdern nach München zog. Ein geringes Haus außerhalb der Stadt ward ihnen eingeräumt; als die Zahl der Mönche und der Andächtigen sich vermehrte, erhob eine größere Kirche sich „nächst St. Jakobs Kapellen", die zuvor als Klosterkirchlein gedient hatte, nun aber Totenkapelle wurde. Wenig über sechzig Jahre blieben die Franziskaner auf dem Anger; dann erbaute ihnen Herzog Ludwig II. „der Strenge" ein Kloster unweit seiner Veste, auf dem heutigen Max Josephplatz. Die verlaffene Stätte bei St. Jakob aber ward zu einem Frauenklofter umgeschaffen; im Herbst 1284 ergriffen die Klarissinnen davon Besitz und blieben von da an bis zur Aufhebung des Klosters darin heimisch.
In der Backstube des Angerklosters entstand die große Feuersbrunst, die 1327 den größten Teil Münchens in Asche legte und natürlich das Kloster selbst beinahe zerstörte. Lange währte eS, bis 1405, ehe der Schaden gutgemacht war. Die öffentliche Kirche ward im 18. Jahrhundert zopfig umgebaut und fortan durch eine Mauer von dem alten ursprünglichen Jakobskirchl geschieden, das nun zur Klausur gehörte.
Inmitten der äußeren Kirche stand ehemals ein uraltes großes Kruzifix mit der schmerzhaften Mutter darunter. Es genoß hohe Verehrung, und der Fuß der Gottesmutter wurde von den Tränen und Küffen der Andächtigen allmählich auSgehöhlt. Vielleicht darum ward in späterer Zeit das Bildnis außer Reichweite der Gläubigen hoch an einen Pfeiler der Epistelseite befestigt. Von diesem Kruzifix ging die Rede, daß der Körper des Heilandes sich darum in auffallender Weise zur Seite neigte, weil er sich eines Tages tröstend zu einer Nonne gewendet hätte, die inbrünstig betend vor ihm kniete. Bei der Neuaufstellung des Kruzifixes am Kirchenpfciler ist die Seitenwendung der Heilandsfigur korrigiert worden. Das Bildnis hat wirkliche Haare und im Volksmund hieß es lange Zeit, sie wüchsen nach, wie lebendiges Haar.
***
Das lange Bestehen und die ehrwürdige Überlieferung des Ordens bedingten von selbst, daß einzelne Schwestern durch persönliche Tugenden und erbaulichen Wandel hervorragten, so beispielsweise die berühmt gewordene Schwester Klara Hortulana (1662 — 89). Ein eigentümliches Schicksal wollte es, daß nicht weniger als drei Prinzessinnen des regierenden Hauses im Laufe der Zeit unter ganz ähnlichen Umständen bei den Klarissinnen am Anger den Schleier nahmen.
Die erste derselben war Agnes, die Tochter Kaiser Ludwigs des Bayern. Im Kloster am Anger erzogen, schien sie durch Schönheit und seelische Gaben für eine glänzende fürstliche Heirat vorbestimmt. Dem aber war sie durchaus abgeneigt, vielmehr flüchtete sie, als sie gewaltsam abgeholt werden sollte, zum Hochaltar der Kirche, umfing die Monstranz und flehte zu Gott um Schutz. Da Niemand wagte, sie dem geheiligten Asyl zu entreißen, kehrten die Boten unverrichteter Dinge um. Agnes aber blieb im Kloster, wo sie in jungen Jahren schon starb und auch beigesetzt ward.
Ganz ähnlich, nur inniger noch lautet die legendär ausgeschmückte Geschichte von der Tochter Herzog Albrecht HI., Barbara genannt. Auf den Ruf ihrer Anmut und Tugend hätte der König von Frankreich dem Herzog Botschaft getan und die Jungfrau Barbara zur Braut für seinen Kronprinzen begehren laffen. Die junge Herzogin aber erklärte standhaft, daß sie keinen Mann haben möchte, sondern auf immer dem himmlischen Bräutigam eigen sein. Das ward ihr vom Herzog verstattet, und sie nahm im Angerkloster den Schleier und diente Gott mit ganzem Herzen und Gemüt.
Nur drei Dinge hatte sie mitgebracht von daheim: einen blühenden Majoranstock, der am Fenster ihrer Zelle stand, einen Käfig mit mehreren Vöglein, deren sie fleißig pflegte und eine goldene Kette, die hatte ihr Herr Vater ihr einst verehrt.
Da sie aber eine Zeit im Kloster war, fand sie eines Tages den Majoranstock scheinbar ohne Ursache verwelkt. Des andern Tages hörten alle Singvögelein im Käfig zu singen auf und starben rasch dahin. Eine Woche darnach zersprang die goldene Kette, die sie unter dem Habite trug, ihr auf der Brust. Barbara aber sprach: „Das alles geht mich an, der Herr will mich abfordern aus der Zeitlichkeit." Sie bereitete sich zum Tode, und einige Tage später lag sie auf der Totenbahre, im 18. Jahre ihres Lebens, da man schrieb nach unseres Herren Kunst 1442.
Vierzehn Tage nach ihrem Tode ist eine andere Ordensschwester, gleichfalls Barbara geheißen, ihr in die Ewigkeit nachgefolgt. Darauf in gleicher Frist eine andere, nach Verlauf derselben Zeit wieder eine andere, „bis endlich 20 an der Zahl, jede nach 14 Tagen, als unschuldige Tauben ihr nach in den Himmel geflogen sind." Als zweihundert Jahre später der große Stein, unter dem Schön Barbara in der Klosterkirche begraben lag, etwas zur Seite gerückt worden, hätte ein angenehmer himmlischer Geruch, der aus der Gruft emporftieg, alle Anwesenden mit Erstaunen erfüllt.
Noch einmal wiederholte sich ein ähnliches Geschick: an der Prinzessin Maria Anna Karolina, die das älteste Kind aus Max Emanuels zweiter Ehe war. Auch sie war zur Königin bestimmt, schlug jedoch die Hand Philipp V. von Spanien aus, und trat in das Angerklofter, wo sie den Namen Emanuela Theresia a corde Jesu empfing. Nur ward sie nicht so früh, wie ihre beiden verwandten Vorgängerinnen abgerufen, sondern brachte bis zu ihrem Ende 31 Jahre gottselig im Kloster zu.
Bei der Aufhebung des Klosters im Jahre 1803 wurden die Gebeine der drei fürstlichen Nonnen gemeinsam in einen kleinen Zinnsarg gesammelt und in der Fürstengruft der Frauenkirche beigcsetzt.
* * *
Neben diesen geschichtlich überlieferten Frauenleben gehen auch Wunderlegenden her, die sich an solche alte Stätten der Andacht so gerne knüpfen. So gehört das Angerkloster zu den Klöstern, mit denen die schöne Legende von der heiligen Jungfrau als Pförtnerin in Verbindung gebracht wird. Ursprünglich in der goldenen Legende des Jakobus a Voragine enthalten, hat sie ihre bekannteste dichterische Gestaltung empfangen durch Gottfried Keller in seiner Erzählung: „Die Jungfrau als Nonne", außerdem durch den Belgier Maeterlinck in dem dramatischen Gedicht: „Schwester Beatrix". Der wundersame Hergang lautet also:
Eine junge Nonne von schöner Gestalt, Beatrix mit Namen, hatte Gott und der Himmelsherrin mit Andacht und Treue gedient, als sie plötzlich von großer Sehnsucht nach der Welt und ihren Freuden erfaßt ward. Sie kämpfte dawider eine geraume Zeit; endlich, da sie es nimmer aushatten konnte, ging sie nächtlicherweile in die Kirche, trat vor das Bild der Muttergottes und sprach: „O meine himmlische Frau und Mutter, verzeihe mir, daß ich dir fürder nimmer dienen kann; mich verlangt allzusehr nach der Welt. Nimm die Schlüffel, die ich bisher geführt" — denn sie war die Pförtnerin des Klosters — „und hüte ihrer an meiner Statt!" Darauf schlich sie leise davon und verließ das Kloster, ohne daß Jemand es gewahrte. Manches Jahr blieb sie draußen in der Welt und genoß viele Freuden, aber sie erfuhr auch viel Böses und Bitteres, und das Herz ward ihr allgemach schwer von Leid. Da hatte sie große Reue, daß sie jemals aus ihrem Kloster gegangen war und gedachte, sie wollte zurückkehren und in Demut ihre Sünden büßen. Also kam sie müde und traurig dort an und begegnete zuerst einer Nonne, die erkannte sie nicht; da fragte Beatrix zaghaft, ob sie nicht wüßte von einer Schwester Beatrix, die ehemals hier Pförtnerin gewesen wäre? Ja, sprach die Nonne, die wäre noch da und wäre eine fromme, schier heiligmäßige Schwester, von Allen sehr geliebet. Das Wort konnte die Heimgekehrte nicht fassen. Sie wandte sich und saß draußen nieder, weinend und ratlos. Da erschien ihr die
heilige Jungfrau und sprach zu ihr mildiglich: „Tochter, nun nimm dein Gewand und die Schlüssel; die hab' ich statt deiner bis heute bewahrt und weiß Niemand, daß du fort gewesen. Tu' Buße und diene mir künftig getreu!" Damit entschwand sie. Die Schwester aber fiel auf ihre Knie nieder und pries das Wunder, das die Gnade der Himmelskönigin an ihr getan. Als sie dann in das Kloster zurückging, gcbarten die Anderen ganz wie wenn ste nie vom Orte gewichen wäre. Da lebte ste dann noch manches Jahr und büßte ihre Sünde und diente Gott mit Andacht und Kasteiung bis an ihren Tod. —
Das Angerkloster, 1803 aufgehoben, ist seit den 40 er Jahren vorigen Jahrhunderts das Mutterhaus des Ordens der armen Schulschwestern, die sich hauptsächlich mit der Bildung der weiblichen Jugend beschäftigen.
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Mit dem ersten Münchner Gnadenjahr Anno 1392 hatte es folgende Bewandtnis.
Die kostbaren heiligen Reliquien des Berges Andechs waren in Kriegszeilen verborgen worden und ihr Versteck Niemand mehr kund. Im Jahre 1388 wurden sie wiedergefunden und zwar durch den Schloßkaplan Jakob Dachauer, der, während er Messe las, gesehen haben soll, wie eine Maus aus ihrem Loche schlüpfte und einen Zettel im Schnäuzlein trug, den sie am Altar fallen ließ und auf dem das Verzeichnis der Heiligtümer stand. Diese wurden nun ans Tageslicht gefördert und sollten alsbald der öffentlichen Verehrung ausgesetzt werden. Weil aber die Klosterkirche zu Andechs für die Menge der Andächtigen zu klein war, gedachte Herzog Stephan der Kneißel, der das Jubeljahr in Rom mitgefeiert hatte, nach dessen Vorbild ein großes kirchliches Fest in München zu begehen. Er wandte sich an Papst Bonifaz IX.; der willfahrte der Bitte des Herzogs und gewährte allen denen, die in München in einem beliebigen Jahre mit besonderer Büßfertigkeit der Vorzeigung der Reliquien beiwohnen würden, vollkommenen Ablaß. Vom 14. April, nämlich von Ostern bis nach Jakobi des Jahres 1392 ward also mit päpstlicher Bewilligung das sogenannte Münchner Gnadenjahr gefeiert. Die Heiligtümer wurden feierlich in das Kloster zu St. Jakob am Anger in München verbracht und dreimal wöchentlich gezeigt. In jeder Woche — so heißt es — strömten etwa 60,000 Menschen hinzu; an manchen Tagen betrug die Zahl der anwesenden Fremden 40,000. Herzog Stephan selbst erließ Einladungsschreiben an die Nachbarstädte, worin er den Besuchern freies Geleit zusicherte; „und seine Maßnahmen waren so wohl getroffen, daß während des Festes der allerbeste Friede in Bayern herrschte, die Pilger um Mitternacht so sicher wanderten, wie zu Mittag und Niemanden ein Leid geschah." Von der Stadt war eine besondere Schützenschar aufgestellt, um über Ruhe und Ordnung unter den Pilgern zu wachen. In den Kirchen saßen Tag für Tag dreißig Beichtväter bereit, die Bekenntnisse der Pilger zu empfangen; besondere Bedingungen des Ablasses waren: ein Aufenthalt von sieben Tagen, der Besuch der Kirchen Unserer Lieben Frau, St. Peter, St. Jakob am Anger und zum Hl. Geist, sowie ein Geldopser, das in jeder derselben zu hinterlassen war. Nach Angabe eines zeitgenössischen Geschichtsschreibers ward von Pfingsten bis Jakobi täglich ein Augsburger Metzen voll Regensburger Münze geopfert. Die Hälfte des Geldes hatte der päpstliche Stuhl sich Vorbehalten; als jedoch ein päpstlicher Bote das Geld verlangte, verweigerte die Stadt die Herausgabe und ließ es auf ein Mahnschreiben des Papstes ankommen.
Der Ansicht, daß von dem Ablaß des Jahres 1392 (Indultus) die Jakobidult in München sich abgeleitet hätte, stehen Nachweise gegenüber, daß schon viel früher vor der St. Jakobskirche am Anger eine Dult stattgefunden hatte. Seit langer Zeit ist übrigens diese Dult in die Vorstadt Au verlegt, wo auch die Georgidult im Frühjahr und die Michaelidult im Herbst sich abspielen und zu Füßen der Maria- hilfkirche wie in den angrenzenden Straßen eine lebhafte, jedoch durchaus weltliche Handelschaft mit allen möglichen Dingen betrieben wird.
Dagegen erfolgte eine Art Wiederholung des Gnadenjahres zur Zeit, als die Liebfrauenkirche zwar im Rohbau vollendet war, zu ihrer würdigen inneren Ausgestaltung aber die Mittel gebrachen. Damals erlangte Herzog Albrecht IV. vom Papste Sixtus IV. eine Bulle auf drei Jahre; laut dieser konnte Jeder, der zum Ausbau der neuen Kirche soviel an Geld oder GeldeSwert steuerte, als er eine Woche hindurch zu seinem Lebensunterhalte, brauchte, nach Empfang der hl. Sakramente vom Sonntag Lätare bis zum Sonntag Judica einen vollkommenen Ablaß gewinnen. Von den Opferspenden sollten zwei Drittel zum Kirchenbau, ein Drittel zum Krieg wider die Türken verwendet werden.
„Item" — so erzählt der Stadtschreiber Kirchmair - „die Truhen ward gesetzt auf den Chor vor des Kaisers Altar, darein man das Geld legte und wurden dazu gesetzt zwei Priester und zwei vom äußern Rat. Item wurden auch Zeichen — (Ablaßpfennige oder Medaillen) — geben unter den zween vorderen Kirchthüren — Item es wurden auch zweihundert und sicbenzig Beichtiger von Menge wegen des Volkes am ersten gesetzt und darnach nit viel minder." — Einer ward bestellt,
das Gewand der Büßer zu hüten, während sie beichteten; zwei Mann aus jedem Handwerk wurden geordnet, den Leuten Herberge zu beschaffen. Die Beichtbriefe waren immer so rasch vergriffen, daß „ein Melbler oft um Brief gen AugSpurg laufen mußte, wo diese gedruckt wurden." Die Straßen wurden gesichert; eigene Boten verkündeten die Gnade in den umliegenden Städten und Gerichten. Die Zahl der binnen den drei Jahren herbeigeströmten Fremden soll sich auf 123 700 belaufen haben. Die Zählung geschah, indem, wie Kirchmaier berichtet, „der Rat unter den vier Toren besondere Leute hatte und wer da hereinzog in die Gnad, als viel Erbsen legte man allweg in einen Hafen und zählte sie dann zur Nacht eigentlich ab." - Hoffen wir, daß bei der Erbsenzählung keine Irrtümer unterlaufen sind!
In dem ersten Gnadenjahr und dem ihm nachfolgenden ist der Anfang der Feste zu erblicken, welche seitdem in München die Anziehung für den alljährlichen Zudrang der Fremden geworden sind. Der Anschauung des Mittelalters entsprechend war es damals ein geistliches Fest; inzwischen, dem Zeitgeiste angepaßt, sind Bühnenspiele, Kunst- und GewerbeauSftellungen, Volkstrachtenfeste, Schützen-, Turner- und Sängerfeste darauf gefolgt. Tempora mutantur. Aber für Unterkunft und Wohlbefinden herbeigeströmter Menfchenmasien zu sorgen und zu machen, daß der Fremde am Jsarstrand sich alsbald heimisch fühlt, das versteht die bayerische Hauptstadt heute so gut, wie im Gnadenjahr.
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Rings in der Altstadt
Das ist aller Welt bekannt, daß seit früher Zeit zu München ein gutes Bier gebraut und getrunken ward. Schon unter Herzog Ludwig H. (dem „Strengen") bestand dahier ein fürstliches Bräuhaus, und wer von anderen Bräuern in des Herzog Bräuhaus brauen wollte, dem ward das Gerstenmalz dazu-aus des Herzogs Kasten gereicht. Doch verstandens die Münchner noch nicht so wohl, wie heute, denn sie wußten eS nicht anders, als durch die warme Gährung herzustellen, da dann das Bier leicht umstand, auch etwas läpperig und fade von Geschmack war. Es ward aus Gerste, in rauheren und ärmeren Gegenden auch aus Haber gebraut, sah rötlich aus und hieß deshalb rotes Bier. Es muß schon viel Getreide verbraut worden sein; denn als im Jahre 1293 eine Mißernte war und das Getreide gar teuer ward, geboten die Herzöge Ludwig und Otto, daß ein ganzes Jahr lang kein Bier gebraut werden sollte. Auch ward für das Brauen eine jährliche Abgabe erhoben.
Ludwig der Strenge, unter dem die älteste urkundliche Bräuordnung entstand, verlieh dem Hl. Geist-Spital im Jahre 1286 die Braugerechtigkeit; und die Herzöge Rudolf und Ludwig erteilten im Jahre 1306 den Klariffinnen auf dem Anger die Erlaubnis, ihren Haustrunk selbst brauen zu dürfen. Im Jahre 1318 kommt bereits urkundlich ein Bürger mit Namen Heinrich Preumeister vor, woraus auf einen längeren Betrieb solchen Gewerbes in dieser Familie zu schließen ist.
Im 14. und 15. Jahrhundert gab eS zu München zweierlei Bier, ein besieres und ein geringeres. DaS bessere Bier trug den Namen Greußing und kostete der Eimer 40 Pfennig, während der Eimer gewöhnlichen Bieres nur 30 Pfennige galt. Die ersten Verbesserungen im Bierbrauwesen sollen aus den Klöstern, von denen die meisten eigene Braugerechtigkeit besaßen, herftammen. Die hauptsächlichste Verbesserung war im 15. Jahrhundert die Erfindung der kalten Gährung, wodurch das Bier kräftiger, geschmackvoller und haltbarer wurde. Doch setzte der neue Brauch erst nach und nach, nicht ohne Widerspruch und Widerstand, sich durch.
Eine ausführliche Bräuordnung des Stadtmagiftrats München vom Jahre 1420 schärft den Bräuern ein, kein Bier auszuschenken, eS habe denn zuvor ü b e r sich wohl vergohren und nicht unter sich. Vor 8 Tagen durfte kein Bier ausgeschenkt werden. Das Bier geringer einzusieden als die Taxe betrug, oder eS mit schädlichen oder fremden Zutaten zu vermengen, war gleichfalls bei strenger Strafe verboten. Ein einziger Zusatz war den Bräuern erlaubt, um das Bier schmackhaft zu machen, nämlich die gespaltene und getrocknete Benediktenwurzel: die durften sie in ein leinenes Tuch nähen und in das gefüllte Faß legen. Zur Aufrechterhaltung dieser Bräuordnung wurde von den Herzögen Wilhelm und Ludwig eine Bierbeschau angeordnet, und dazu eine eigene Kommission eingesetzt, die das Bier zur Winterszeit zweimal wöchentlich, im Sommer aber dreimal die Woche prüfen mußte. Albrecht IV. hat den Gewerbeeid der Brauer eingeführt. Auch auf richtiges Gemäße ward gesehen; denn die vorerwähnte Bräuordnung vom Jahre 1420 gebietet den Bräuern: „daß sie alle ihre Kandeln bringen sollen zu dem geschworenen Zinngießer, den die Stadt gesetzt hat, und der soll sie beschauen, ob die Nägel (die Aichzeichen) darin recht stehen, und soll auch fürbas nicht mehr geschenkt werden aus keinen Kandeln. dann die gebrannt und gezeichnet sind mit der Stadt Zeichen."
In die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts fällt der größte Aufschwung des Braugewerbes. Freilich ward den Brauern vorgeworfen: ihre aufs Zehnfache gewachsene Zahl und ihr Reichtum rührten daher, „daß sie kein gutes, gerechtes und gesundes Bier mehr sieden." Die Trunksucht, das damals allgemeine deutsche Laster, kam dem Bierverbrauch zu statten — „Des stetigen und unaufhörlichen Trinkens vor den Kellern und Brauhäusern ist kein End noch Aufhörens" — tadelt noch 1613 ein fürstliches Mandat. Im Jahre 1383 wurde vom Herzog Wilhelm V. das Hofbräuhaus am Plahl gegründet, während bisher der Bräuer Mänhart den Titel eines HofbräuerS geführt hatte. Das Vorrecht dieses landesfürstlichen Bräuhauses war das Brauen des weißen, aus Böhmen eingeführten Bieres. Städte und Adel beschwerten sich über solches Vorrecht, das den übrigen Bräuern Eintrag täte. Auch sollte das Weißbier ungesund sein und den Preis des Weizens, hierdurch also den des Brotes, verteuern. Neben dem Weißbier ward in großen Mengen, zumal bei Hofe, das eingeführte braune „ainpockische Bier" (aus der braunschweigischen Stadt Einbeck) getrunken. Durch den guten Gewinn, den das Hofbräuhaus abwarf, kam die Hofkammer auf den Gedanken: auch dies Braunbier könnte im Lande gebraut werden. Herzog Wilhelm V. genehmigte den Antrag; so ward in der alten Veste an Stelle des niedergerisienen „Hennenhauses" und des „Badegebäudes" ein braunes Bräuhaus erbaut. Anno 1651 wurde dieser Bau gegen den sogenannten „Löwenhof" in der Burggasie zu erweitert. Er steht noch bis zur Stunde: es ist das jetzige Zerwirkgewölbe in der Lederergasie. Seit 1611 war die Einfuhr ausländischen Bieres verboten; seit 1614 wurde im Hofbräuhaus braunes und zwar „einböcki- sches" Bier — Bock! — gebraut. Von 1708 an wurde das ehemals „weiße" HofbräuhauS zum Teil für das Brauen des braunen Bieres mit benutzt; von 1807 an wurde es ganz für das braune Bier bestimmt und ist seitdem das Hofbräuhaus.
Worin eigentlich der Grund für die gepriesene Güte des Münchner BierS liegt, ist schon oft erörtert worden. Es gehen doch Münchner Braumeister in die Fremde und brauen nach Münchner Rezept, und die Kühl- und Lagerräume werden nach Münchner Muster eingerichtet - und doch! — „Es ist naß, aber es ist nicht das" - soll Fürst Bismarck einmal von dem nicht in München gebrauten Bier gesagt haben. Nach einer verbreiteten Anschauung läge das Entscheidende in der Beschaffenheit des Münchner Waffers. Wie dem auch sei — Münchner Bier ist „ein ganz besonderer Saft."
Leider ist längst die einstige Weise der Münchner Bierbeschau abgekommen. Damit ging es also zu. Die Bierbeschauer, ortsüblich „Bicrkieser" genannt, mußten bei Ausübung ihres Amtes in hirschledernen Hosen im BräuhauS erscheinen. Hier wurde ihnen eine hölzerne Bank hingeftellt, die ward über den Sitz mit ein paar Maß des zu prüfenden Bieres übergosien. Da hinauf setzten sich nun die Bierkieser mit ihren hirschledernen Hosen, hatten vor sich auf dem Tisch eine Sanduhr stehen und zechten nach dieser eine volle Stunde, ohne sich im geringsten vom Sitze zu rühren. War endlich die Stunde abgelaufen, so standen sie alle gleichzeitig auf. Wenn sie dann mit den Hosen an der Bank kleben blieben, sodaß sie beim Aufstehen die Bank mit emporhoben — eine Lesart will, daß die Bank an ihnen hängen blieb, bis sie zur Türe kamen — so war das Bier gut, kräftig und seines Geldes wert. Wenn es aber nicht klebte, dann wurde das Bier zu leicht befunden und über den Bräuer Strafe verhängt. Besagter Amtsbrauch ist längst abgeschafft, und so klebekräftig ist das Bier auch nimmer. In jüngster Zeit schon gar nicht. Aber Leute, denen es trotzdem schmeckt, und die einen langwierigen Durst haben, gibts genug; drum kommt's auch heutzutage noch gar oft vor, daß einer auf der Bierbank „pappen bleibt."
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Anno 1322 fand auf der Vehenwiese zwischen Ampfing und Mühldorf die große Schlacht statt, die Kaiser Ludwig der Bayer Friedrich dem Schönen von Österreich abgewann. An diesem Ausgang soll der Sage nach den Münchner Bäckern ein besonderes Verdienst zustehen.
Als der tapfere Kaiser mitten im Getümmel kämpfte, stürzte, von Pfeilen durchbohrt, sein Pferd unter ihm und riß ihn mit zu Boden. Da stand er in großer Gefahr, von den ihn umringenden Österreichern gefangen zu werden. Solches ersahen die Münchner Bäckerknechte — zum Unterschied von den Zuckerbäckern auch Sauerbäcken geheißen — und eilten zum Beistand des Herrschers. Durch sie befreit, konnte der Kaiser an ein anderes Pferd gelangen und zu den Seinigen rückkehren. Zu Lohn und Angedenken solcher wackeren Tat gab Kaiser Ludwig der Bäckerbruderschaft, die „zu der Ehr unserer Lieben Frauen gegründet war", die Erlaubnis, auf ihrer Standarte den Reichsadler anzubringen ............„den sonst kein Handwerk führen darf, ob es gleich künstlich und scharf." Sie erhielten darüber einen eigenen Freibrief, zugleich als kaiserliches Geschenk ein Haus im Tal zu München neben der Hochbrücke. In diesem Bruderschaftshaus versammelten sich fortan die Bäcker. Auch diente das Haus nicht nur als Bäckerherberge, sondern der älteste Bäckerschießer von München, wenn er gebrechlich und arbeitsunfähig geworden war, fand jederzeit darin freie Unterkunft und Verpflegung. An dem Haus war außen ein Freskogemälde angebracht, das darstellte, wie Kaiser Ludwig den Bäckern den Freibrief übergibt. Darunter und zu beiden Seiten stand in Reimen der Ursprung des Hauses und was sich damit zugetragen, beschrieben. „Gott geb' dem Kaiser das ewig Leben, wünschen all Brüder und Schwestern eben" — ist der fromme Schlußwunsch der Beschenkten.
Leider sind die Malerei und die Verse im Laufe der Zeit zugrunde gegangen.
Eines alten Münchner Rechtsbrauches sei hier noch gedacht. Ein Bäcker, der schlechtes oder ungewichtiges Brot lieferte, verfiel der Strafe des „Schnellens" — d. h. er wurde mit Trommeln und Schergengeleite ans Wasier geführt und in einem Korb, der zwischen zwei Balken hing, in das Wasier geschleudert, jedoch gleich wieder herauSgezogen. Das geschah dreimal, wobei natürlich der Bestrafte zum Schaden noch den Hohn der zahlreichen Zuschauer zu tragen hatte. Der Ort der so benannten Bäckerschnelle befand sich bei der Roßschwemme hinter St. Peter an der südwestlichen Ecke des Viktualienmarktes, und der Brauch bestand bis zum Jahre 1810.
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Ein ehrsamer Münchner Bürger mit Namen Burkhard der Wadler und seine eheliche Hausfrau Heilwig Wadlerin machten im Jahre 1318 dem Heiligen Geistspital eine Stiftung zu 63 Pfund Pfennigen; denn das Geld wurde dazumal noch gewogen. Von dieser Gült verblieben 46 Pfund 5 Pfennige dem genannten Spital „für die Sundersiechen". Die Stifter hatten aber auch bestimmt, daß alljährlich für 3 Pfund Pfennige Bretzen angekauft und an die Armen ausgeteilt würden. Davon schrieb ein Gebrauch sich her, der fast durch fünf Jahrhunderte bestand, nämlich:
Alljährlich am l.Mai, als dem Todestag des Stifters, ritt ein Mann mit einem großen Sack voller Bretzen um Mitternacht vom Hl. .Geiftspital aus durch die Straßen der Stadt. Das Pferd, auf dem er ritt, mußte ein Schimmel und nur auf drei Füßen locker mit Hufeisen beschlagen sein. Aus seinem Sack warf der Reiter Bretzen unter das Volk mit den Worten: „Ihr jung und alte Leut, geht's zun Hl. Geist, wo man die Wadlerbretzen ausgeit."
Im Jahre 1801 starb die letzte aus dem Geschlechte des milden Stifters. In eben diesem Jahr, als der Bretzelspender seinen Umritt hielt und am Ende seines leckeren Vorrats war, riß ihn die Menge derer, die nichts mehr bekamen, vom Gaul herunter und mißhandelte ihn kläglich. Seitdem unterblieb die Spende. Auf einem Deckengemälde in der Hl. Geistkirche ist der Reiter samt feinem 'Schimmel abgebildet.
Gleichfalls einer alten Stiftung gemäß pflegten an den Quatembertagen zwölf Spitalleute, sechs Männer und sechs Weiblein, in schwarzen Mänteln mit weißen Halskrausen und breitrandigen Hüten paarweise vom Hl. Geistspital nach der Frauenkirche zu wandeln und dort der Vigil und dem Requiem beizuwohnen. Im Volksmund hießen sie die „zwölf Apostel" oder auch die „Quatembermanndln". Die Stiftung sollte nach irriger Volksmeinung von Kaiser Ludwig dem Bayern herrühren, stammt jedoch von Maria Anna, der Witwe Albrechts V., die einen „Fürstenjahrtag" gestiftet hatte, bei dem diese Spitaler anwesend sein und beschenkt werden sollten. Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ward die Sitte für einige Zeit eingestellt — aber da ging zu München die Sage, daß jene zwölf Spittelleute um Mitternacht ihren Kirchgang in gewohnter Tracht hielten, und daß die Türen des Domes sich von selbst vor ihnen aufgetan und hinter ihnen ge- schlosien hätten. Viele Einwohner wollten dies gesehen haben und deuteten es als eine stumme Wehklage der Toten über das neue unfromme Zeitalter. Nach anderer Lesart wären die geisterhaften Qua- tcmbermanndln die umgehenden Seelen von solchen Spittelleuten gewesen, die im Leben mehr über ihre Verpflegung gemurrt und auf die Nebenmenschen gelästert hätten, als der Andacht und einem gottgefälligen Lebenswandel obzuliegen. Das müßten sie jetzt nach ihrem Tode noch büßen und nachholen.
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Früheste Vergangenheit umgibt uns, wenn wir an der Stelle stehen, wo es „im Tal" heißt und wo heute die Kirche vom Hl. Geist aufragt. Hier stand ein Katharinenkirchlein, das von allen Kirchen Münchens das älteste gewesen sein soll, und von dem die seltsame Kunde geht, daß es auf „Bögen" gestanden habe, wahrscheinlich zum Schutz gegen das zu Zeiten ins Tal hereinströmende Hochwasser. Eine Klause stand bei dem Kirchlein. Hier erbaute Herzog Ludwig der Kelheimer, der im Leben so viel Glück und am Ende einen geheimnisvollen blutigen Tod fand, schon 12O4 ein Pilgerhaus. Als dann der Orden vom Hl. Geist - gestiftet um die Mitte des zwölften Jahrhunderts durch Guido zu Montpellier — in Rom ein vom Papst Innozenz III. selbst erbautes Spital erhielt, folgten viele Städte dem frommen Beispiel. Herzog Otto II. errichtete an Stelle des alten Pilgerhauses einen stattlichen Spitalbau nebst einer eigenen „Hl. Geistkirche", da der heilige Geist, als Stärker und Tröster, besonders der Reisenden, Schwachen und Kranken waltet. Die alte Katharinenkapelle wurde in das Spital, das der Obhut der Brüder vom hl. Geist (nach der Regel des hl. Augustin) übergeben ward, mit hinein verbaut und bestand dort im ersten Stock noch sechs Jahrhunderte lang. Zweimal im Jahre, am Feste der hl. Kreuzauffindung und hl. Kreuzerhöhung, fand in dem kleinen dämmrigen Raum ein feierlicher Gottesdienst statt; dann tat eine Türe sich auf, die für jedermann sonst zu allen Zeiten geschloffen blieb, und der regierenden Bürgermeister einer schritt hindurch, in Amtstracht mit goldener Kette, um dem Gottesdienst beizuwohnen. Denn der Stadt, die schon zuvor an der Verwaltung beteiligt gewesen, unterstand das Spital völlig, seit in den Jahren des Streites zwischen Kaiser Ludwig und Papst Johann die Brüder vom Hl. Geist ihre Stätte verlassen hatten. Rasch und heimlich muß es geschehen sein, wie aus der Sage zu schließen: die letzten Mönche seien über Nacht davongegangen, und am Morgen habe der Chorregent mit den Spitalern allein die ttc>ra8 halten müffen. — Seitdem, wie gesagt, standen zwei „Hochmeister", je einer vom inneren und einer vom äußeren Rate, dem Hl. Geistspital vor.
Von dem großen Stadtbrand 1327 hatte das Spital zwar sehr gelitten. Es wuchs aber darnach rasch, bedeckte allmählich die ganze Fläche des heutigen Viktualienmarktes, reichte bis zur Wcstenrieder- straße. Eine kleine Gemeinde innerhalb der Gemeinde, umfaßte es ein Männer- und Weiberhaus, ein Findelhaus und Gebärhaus, eine Stube für Sinnlose und ein Armenhaus. Um sich selbst versorgen zu können, besaß es eigene Brauerei, eigenes Backhaus, eigene Wälder und Ökonomie. Nach der Säkularisation ließ die Stadt das Spital niederreißen im Hinblick auf den zu schaffenden großen städtischen Viktualienmarkt; ihre Kranken verlegte sie in das nun leergewordene Elisa- betherinnen-Klofter vor dem Sendlingertor, deffen Betrieb sie dem Orden der Barmherzigen Schwestern übergab. Heute befindet die Gesamtheit der neuen städtischen Spitalbauten sich bekanntlich auf dem Dom Pedroplatz.
Die alte Katharinenkapelle hatte mit der Verlegung des Spitals aufgehört, als Kirche zu bestehen; sie diente, wie überhaupt das Wenige, das von den Gebäuden noch übrig war, fortan weltlichen Zwecken. Unverändert erhalten blieb nur die dem Spital verschwisterte, ihm bisher untrennbar verbundene Kirche vom Hl. Geist.
* * *
In der bischöflichen Verordnung vom Jahre 1271, die neben St. Peter die Kirche zu U. L. Frau als zweite Pfarrei einsetzt, ist bereits der Spitalkirche vom hl. Geist eine selbständige Stellung zugewiesen.
Es gilt als ungewiß, ob die Hl. Geistkirche bald nach dem großen Stadtbrande 1327 oder erst später neu erstand. Trotzdem ist sie die älteste Hallenkirche Münchens. In der ersten Hälfte bes achtzehnten Jahrhunderts wurde sie teilweise umgebaut, das Gewölbe und der Dachstuhl völlig erneuert, der baufällige gotische Turm durch einen neuen erseht. Der Hauptteil der inneren Ausgestaltung lag in den Händen der Brüder Asam, deren erstes Werk in München die Kirche war; außerdem wirkten daran mit der Stukkator Matthias Schmidgartner und die Maler Nikolaus Stuber und Peter Ho- remans. Zweimal ward die Kirche noch nach Abbruch des SpitaleS erneuert, einmal im Jahre 1885, zum letztenmal im Jahre 1908 bis 1909.
Vom Grabmal des Herzogs Ferdinand und seiner Gattin, das die Kirche birgt, ist schon die Rede gewesen. Ein vielverehrtes Muttergottesbild nennt die Kirche gleichfalls ihr eigen, die sogenannte „Ham- merthaler Muttergottes". 1620 unternahm das Gaftwirtsehepaar Hammerthaler im Tal zu München eine Wallfahrt nach Kloster Tegernsee, und die Frau sah bei diesem Anlaß in der Johanniskapelle der Klosterkirche ein Liebfrauenbildnis, von dem sie meinte, sich nicht mehr trennen zu können. Sie erreichte auch wirklich, daß der dortige Abt ihr das Bild zusandte. Als es ankam, litt die Wirtsfrau eben große Schmerzen an einem steifen Arm. Nachdem sie aber das Marienbild aufgestellt und vor demselben gebetet hatte, verließ sie der Schmerz, und sie richtete darauf dem gnadenreichen Bilde bei sich eine Art Hauskapelle ein. Später vergabte sie es dem Augustinerkloster. Nach deffen Aufhebung zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts kam das vielverehrte Bild in die Kirche zum Hl. Geist.
In der Hl. Geistkirche hatte auch die älteste Bruderschaft der Stadt, nämlich die „unter dem Titel, Namen und Schutz Mariä Geburt anno 1323 von dem Hand-Werkh der Päckhenknecht durch 300 <Stäbte und Märkte aufgerichtete Bruderschaft" ihre Gottesdienste und ein „ewiges Licht". Das letztere verblieb beim heiligen Geist; mit ihren Ämtern, Seelengottesdiensten und sonstigen kirchlichen Obliegenheiten übersiedelten die Bäckerknechte bald in die Kirche der Augustiner, hatten sogar dort einen eigenen Altar. Nach der Säkularisation dieser Kirche kehrte die Bruderschaft der Bäcker bis zu ihrem Eingehen in die Hl. Geiftkirche zurück.
Die Säkularisation zahlreicher Kirchen, das Einfordern des Kirchensilbers usw. zu Anfang des 19. Jahrhunderts weckte vielfachen und leidenschaftlichen Widerstand, der jedoch wohl nirgendwo eindrucksvollere Formen annahm als in der Hl. Geistkirche. Da nämlich die Kommission zur Ablieferung des Kirchensilbers erschien, ließ der Spi- talpfarrer Josef Klein sämtliche Gefäße — mit Ausnahme des schönsten Kelches, den er für sich behielt — der Ordnung nach auf dem Hochaltar aufstellen und sechs gelbe Kerzen, wie bei einem Leichengottesdienst, anzünden. Dann warf er sich, mit Stola und Chorrock bekleidet, in Gegenwart der Kommission vor dem Altäre nieder und betete laut den Bußpsalm „Miserere". Nach beendigtem Gebet aber stieg er zum Altäre empor, ergriff einen Hammer, zerschlug alle Kelche und Patenen und lieferte so aus, was befohlen war. Natürlich wurde manches Eingelieferte, wie in anderen Kirchen so auch hier, durch wohlhabende Bürger wieder ausgelöst. Pfarrer Klein aber, deffen gegnerische Haltung der damals allmächtige Minister Montgelas sehr empfand, wurde »1811 aus München ausgewiesen und nach Neuburg an der Donau verbannt. Erst nach dem Sturze des Ministers erhielt er die Erlaubnis zur Rückkehr. Er starb zu München 1822 als Generalvikar des neu errichteten Metropolitankapitels München-Freising.
Seit 1844 ist die Kirche vom Hl. Geist Stadtpfarrkirche.
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Aus Münchens Fürstenschlössern
Die ersten Herzöge aus dem Hause Scheyern-Wittelsbach haben eine Burg oder Veste in München nicht besesien. Einer Überlieferung nach hatte Heinrich der Löwe, der Gründer Münchens, ein HauS oder Absteigequartier auf dem Markt, dem heutigen Marienplatz; neuere Meinung ist, daß sein angebliches Hoflager sich wohl schon an der Stelle des späteren „alten Hofes" befunden hätte. Weder Otto der Große noch Ludwig der Kelheimer noch Otto II. haben eine richtige Burg in München gehabt, das ihnen ja auch noch nicht als ständiger Wohnsitz diente. Erst der vierte Wittelsbacher, der in Bayern herrschte, Herzog Ludwig II-, der „Strenge", errichtete zwar innerhalb der Stadtmauer, aber in derem äußersten Winkel, eine wirkliche befestigte Fürstenburg, die „Alte Veste" oder den „Alten Hof". Ludwig der Bayer hat sie dann erweitert, zumal die St. Lorenzkapelle, die zur Burg gehörte, neu und größer gebaut. Eine ganze Reihe von Herzögen hat im Alten Hof gehaust: Ludwig II., Ludwig der Bayer und sein Bruder Rudolf, Stephan I., Johann und dessen Söhne, Albrecht III. und sein Sohn, der kunstfreundliche Herzog Sigmund, der den „alten Hof" abermals verschönern und durchaus mit farbigen Malereien zieren ließ. Davon ist heute freilich keine Spur geblieben; der einzige Überrest aus alter Zeit ist der „schöne Erker" an der Südseite neben dem zur Burggasse führenden Torbogen — das Türmlein, von dem es in Thomas Greillsgereimtem Lobspruch auf München heißt, daß dieser Turm „spitzig ist unten und oben",
.. „Rührt weder Erd noch Himmel an, Tut dennoch unbeweglich stahn..."
Durch den großen Stadlbrand 1327 war die Burg schwer beschädigt worden; gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts bot sie angesichts der beständigen Bürgerunruhen nicht mehr Sicherheit genug. Eine „Neue Veste" erbauten sich die Herzoge außerhalb der Stadtmauer, im „GreymoltSwinkel" der Graggenau, eine Art Trutz-München mit Wehrtürmen, breitem Wassergraben und einer Brücke, die stracks ins Freie führte. Oft ward auch diese Veste durch Brand versehrt, stets wieder auf- und reicher ausgebaut; jeder Fürst fügte das Seinige hinzu. Albrecht IV. bezog die Neuvefte nachträglich in die Stadtumwallung hinein, erweiterte gleichzeitig Burg und Stadtgebiet, ließ durch Leonhard Halder den großen Festsaal erbauen. Von der Zeit, da er seinen Bruder Herzog Christoph, der ihm die Mitregierung abtrohen wollte, gefangen hielt im nordwestlichen Rundturm, blieb diesem Turm der Name Christophöturm. Den Festsaal, der unter Wilhelm IV. erst vollendet worden, den St. Georgssaal, ließ Albrecht V. schon umgestalten zu einem Prunksaal im Renaissancestil. Der Meister dieses Saales, Wilhelm Egkl, schuf auch den ersten Bau für die Sammlungen der Kunftkammer: das heutige Münzgebäude mit dem prächtigen Kolonnadenbau des — fälschlich so genannten — Turnierhofs, während die Büchersammlung im „alten Hof" untergebracht wurde bis zum Bau des „Antiquariums" beim Brunnenhof. Unter Wilhelm V- ward am alten Residenzgarten der „Grottenhoftrakt" aufgeführt und der Neuveste ein besonderer Stock als Witwensih hinzugefügt.
Gleichfalls zu Wilhelm V. Zeit, als 1580 ein Brand die neue Veste verheerte, ward die sogenannte Wilhelminische Residenz (spätere Staatsschuldentilgungskaffa) erbaut. In ihr hat, nachdem er die Regierung seinem Sohne, Maximilian I. abgetreten, Herzog Wilhelm dauernd gewohnt. Der Bau war mit dem gleichfalls von Wilhelm V. gegründeten Jesuitenkollegium durch den sogenannten Wilhclmsbogen verbunden, den heute noch die Büste deö fürstlichen Erbauers schmückt. Der spätere Bewohner der Wilhelminischen Neuveste war Prinz Max Philipp, der zweite Sohn Kurfürst Max I-, und nach ihm erhielt die Burg den Namen „Herzog Maxburg".
Der eigentliche Begründer der heutigen Residenz und zugleich derjenige, in dem die absolute Herrschergewalt, aber auch die Herrscherverantwortung ihren stärksten Ausdruck fand, war Maximilian I. Bekanntlich entstammt seiner Zeit der alte, der Residenzstraße zugewandte
Teil mit dem die Fasiade bekrönenden Madonnenbild zwischen den Portalen. Nie hat sich recht ermitteln lasten, von wem die Pläne stammten. Gewiß ist, daß der Herzog, spätere Kurfürst, selbst sehr viel Anteil an dem Entwurf gehabt haben muß; wenigstens wurde Gustav Adolf, als er bei seinem Aufenthalt in München nach dem Baumeister des Residenzschloffes fragte, die Antwort zu teil: der Kurfürst sei sein eigener Baumeister gewesen. 1598 begann der Bau; Hans Simon Reifenstucl aus Gmund am Tegernsee war der Bauleiter. Die Reiche Kapelle, die Hofkapelle, der ganze Block um den Kaisersaal mit den älteren Fürstenzimmern, der größte Teil der inneren Umgebung der Höfe entstammen jener Zeit. Auch der heutige Hofgarten wurde schon 1614 angelegt und mit Bogengängen umgeben; desgleichen ist der Rundtempel in der Mitte, den die (häufig als Diana bezeichnete) entzückende Bronzefigur der Bavaria schmückt, von Maximilian I. errichtet.
Unter Maximilians Nachfolgern hat die von ihm mit Fresken, plastischen Kunstwerken und vor allem mit den berühmten Hauteliffetape- ten prächtig geschmückte Residenz noch weitere künstlerische und prunkvolle Ausgestaltung erfahren. Der Ruf des Münchner Residenz- schlosies, als des großartigsten deutschen Schloßbaues, drang überall hin. Das „triumphierend Wundergebäu" haben schon Maximilians Zeitgenoffen es genannt. Dem kraftvollen Renaiffancecharakter des ursprünglichen Hauptflügels fügte zunächst die barocke Pracht der päpstlichen Zimmer, des goldenen Saales sich ein, die unter dem Kurfürsten Ferdinand Maria entstanden. Unter Max Emanuel und seinem Sohne trat, nachdem die lange Unterbrechung des spanischen Erbfolgekrieges vorüber war, ein neues Moment hinzu: die Reichen Zimmer, die Joseph Effner mit soviel Kunst geschaffen und die, nachdem sie ein Raub der Flammen geworden, Franz Cuvillies erneuert und in das reizvollste Rokokogewand gehüllt hat.
Denn leider fiel das Neue und Kostbare stets wieder dem Feuer zum Opfer. Der erste große Restdenzbrand brach schon 1674 aus und zerstörte bis auf den Flügel des Kapellenhofes fast die ganze Residenz. Eine Unvorsichtigkeit der ersten Kammerfrau der Kurfürstin, Fräulein de la Perouse, die bei brennender Kerze entschlummerte, hätte den Brand verschuldet. Wafferbehälter und Löschgeräte in der Residenz selbst befanden sich in Unordnung; Hilfe von außen ward verspätet gerufen und geleistet. Zum Unglück weilte Kurfürst Ferdinand Maria vorübergehend fern, so daß die ordnungschaffende Autorität gebrach- Was nicht verbrannte, wurde durch Ungeschick beim Löschen und freche Plünderung bei den Rettungsarbeiten verdorben und verschleppt. Kunftgegenstände von unermeßlichem Werte gingen verloren. Der Kaisersaal und was hinter ihm lag, blieb erhalten.
Das zweite Mal brach Feuer in der Residenz am 26. Februar 1729, unter der Regierung des Kurfürsten Karl Albrecht, aus. Nach eigener Angabe des Kurfürsten brannten drei Zimmer völlig ab; das sogenannte „Cabinet de Bronze“ mit seinen schönen alten Figuren ging in Rauch auf, schönste Werke Albrecht Dürers verbrannten- „Und" — schreibt Karl Albrecht — „was Vor mir am betaurlichsten ware, die helffenbäunene Kästen, so mit meines Herrn Vattern seliger Churfürsten Max Emanuel aigenhändiger schöner Arbeith eingerichtet waren. Aus dem Schlaffzimmer hat das bey dem Churhaus so hoch geschätzte Vnd in der ganzen Welt bekanndte Frauenbild Vom Raphael Urbino nit können errettet werden; dieses ist der Hauptschaden so in dieser leidigen Brunft geschehen. Gott ist zu dankhen, daß der Hausschatz noch so glikhlich davonkommen und nit die ganze Residenz abgebrunnen." ...
Der dritte Residenzbrand, zugleich der größte, loderte unter Max Joseph HI. im März 1750. Fast das ganze Restdenzschloß ward in Schutt und Trümmer verwandelt; der Schaden war ungeheuer. Als Ursache des Brandes ward angegeben, daß am Abend zuvor in dem St. Georgssaal eine Truppe französischer Komödianten gespielt hatte, und daß hierbei nicht vorsichtig mit Feuer und Licht umgegangen worden; nach anderer Meinung war das Feuer gelegt. Jedenfalls faßte Max Joseph III. damals den Entschluß, ein eigenes neues Theater zu errichten, das, obzwar sich der Residenz anschließend, von derselben durch eine starke Feuermauer geschieden wäre. Somit gab der letzte Residenzbrand Anlaß zur Entstehung des Residenztheaters.
Der Plan des Kurfürsten für einen neuen großen Schloßbau blieb unausgeführt bis zu König Ludwig I-, dem eigentlichen Neuschöpfer der Residenz. Er ließ 1826 den großartigen Trakt aufführen, der den Namen Königsbau erhielt, auch den Feftfaalbau und den Marstall, sowie die Allerheiligenhofkirche. Den Christophsturm, der von der 1729 völlig niedergebrannten alten Neuveste noch übrig war, mußte auf des Königs Wunsch der Architekt der Residenz, Leo Klenze, durch geschickten Überbau erhalten.
Unter König Ludwigs I- Regierung wurde ferner das 1811 begonnene, seitdem aber wieder durch Brand zerstörte Hof- und Nationaltheater fertig gestellt, welches im Verein mit dem Königsbau und dem Residenztheater sowie dem Postgebäude dem heutigen Max Josephplatz das entscheidende Gepräge gibt.
Ein richtiges altes Schloß pflegt seine Gespenster zu haben. DaS trifft auch auf Münchens Schlöffer zu. Von der Herzog Maxburg ging ehemals die Rede, daß sich dort die Kurfürstin Marianne, MaximiItans I. Gemahlin, als Geist sehen laste, jedoch freundlich-mild, ohne einem Menschen Leides zu tun. Dennoch sei eine Schildwache eines Nachts vor ihr so erschrocken, daß der Arme in den Schloßhof hinauS- rannte, dort bewußtlos in den Schnee fiel — es war zur Winterszeit — und andern Tages förmlich ausgegraben werden mußte. Hat ihm aber nachträglich nichts geschadet.
Ein wirklich böser Spuk dagegen soll bisweilen um Mitternacht in der Residenz sein Wesen treiben. Ein großes schwarzes Ungetüm in Gestalt eines Pudels, der feurige Augen macht, und dem die Helle Glut aus dem Maul geht. Das soll die verdammte Seele eines untreuen Dieners sein, der zur Schwedenzeit oder während der österreichischen Besetzung den Feinden verraten hätte, wo der Kurfürst Geld und Kleinodien verborgen. Er sei dafür heimlicher Weise hingerichtet worden, muß aber nach seinem Tode noch geistern, und das Geld, das er für seinen Verrat empfangen, muß er im Jenseits geschmolzen fresten; drum speit er lauter Feuer aus.
Ferner geht in der Residenz, in Nymphenburg, Schleißheim und überhaupt allen Wittelsbacher Schlößern ein Frauengeift um von ähnlicher Art wie die weiße Frau, die in den Hohenzollernschlöffern spukt. Zum Unterschied ist es hier eine schwarze Frau, in reicher schwarzer Kleidung, einen Schleier um das Haupt; ihr Bild ist in der Residenz zu sehen. Ihr Erscheinen verkündete jedesmal ein Unglück oder einen Todesfall im Hause der Wittelsbacher. — Vor dem Hingang König Ludwig II. versicherte ein Soldat, der im Schlöffe zu München die Wache hatte, sowie der alte Galeriediener F. . . in Schleißheim hoch und heilig, die „schwarze Frau" gesehen zu haben; auch vor dem Tode Max II. und seiner Witwe, der Königin Marie, sollte sie erschienen sein.
Raff - So lang der alte Peter...
Aus Münchens Fürstenschlössern
Der Beiname, der sich an Herzog Ludwig II. heftet, ist ein sehr unzutreffender. Denn er bezieht sich auf eine Bluttat, mit der sich Ludwig als Achtundzwanzigjähriger belastete und die keineswegs der Strenge, vielmehr blindem Jähzorn, sinnloser Wut entsprungen scheint.
Ludwig hatte, mit Maria von Brabant vermählt, den offenbar grundlosen Verdacht der Untreue auf sie geworfen; angeblich wäre, indeß er am Rhein weilte, ein Brief der Herzogin an den Raugrafen Heinrich ihm in die Hände gefallen, besten Inhalt der Herzog falsch auslegte und darüber in rasende Eifersucht geriet. Am 18. Januar 1256 um Mitternacht ließ er auf dem Mangoldstein in Donauwörth der vermeintlichen Ehebrecherin durch einen Burgwart das Haupt abschlagen; ein Hoffräulein Marias, der Mitwisserschaft beschuldigt, ward von der Burg herabgeftürzt und mit ihrer Herrin des andern Morgens im Kloster Heiligkreuz begraben.
Ein zeitgenössisches Gedicht, von dem Minnesänger Meister Stolle dem Jungen, gibt dem Entsetzen Ausdruck, das die Untat überall erweckte:
„O wehe! Heut und immer ruft wehe und schreit!
So weh dem Tag, so weh der Nacht, so weh der feigen Zeit!…
Ich vernahm in meinen Tagen keinen Mord so groß,
Als von der Bayern Herren; wie hat er so bloß
Gestellt die Würde und die Tugend sein." ...
Ein rührender, vielleicht legendärer Zug ward im Liede von der Gemordeten berichtet:
„Nun möget ihr hören Jammer klagen:
Noch ihres Herren Kuß bat sie vor ihrem Ende.
„Soll ich nun sein von Euch erschlagen,
Deß müßt Ihr viel und sehr noch ringen Eure Hände.
Es zeuge mir der Jungfrau Sohn, daß ich unschuldig bin,
Der Tod, den ich jetzt leiden muß, wird Euerm Heil zum Ungewinn."
Die Weissagung dieser Worte ging an Ludwig alsbald in Erfüllung. Die empörten Verwandten der Gemordeten drohten Rache; als kirchliche Buße ward ihm auferlegt, entweder ins heilige Land zu pilgern oder ein Kloster zu stiften. Er wählte das letztere und erbaute das Zisterzienserkloster Fürstenfeld bei Bruck. Sein Gewissen aber ward wohl seine schärfste Strafe, zumal sich augenscheinlich bei ihm und den Seinigen immer mehr die Überzeugung von der Unschuld der Getöteten befestigte. Die Tochter aus Ludwigs zweiter Ehe empfing den Namen Maria; sein Sohn Rudolf stiftete noch nach des Vaters Tode für dessen Seelenheil eine ewige Messe und ein ewiges Licht am Grabe der gemordeten Herzogin. Eine Überlieferung besagt, daß binnen wenig Tagen Ludwigs Haar erbleicht sei und man ihn nie mehr lachen gesehen; jedenfalls scheint häufige Schwermut ihn heimgesucht zu haben, auch nachdem aus seinen zwei späteren Ehen (mit Anna von Schlesien-Glo- gau und nach deren Tode mit Mechtild von Habsburg) ihm Kindersegen erblüht war. Die stete Erinnerung seiner Bluttat hat jedenfalls das Gewaltsame in Ludwigs Natur mählich gedämpft und sein Gewissen geschärft. „Aus der Tätigkeit des gereiften Mannes empfängt man überwiegend die Eindrücke besonnener Selbstbeherrschung, treuer
Pflichterfüllung, eifriger Fürsorge für das Gemeinwohl." (Riezler). Sein Verhältnis zu seinem Neffen und Mündel Konradin dem Staufer hat Kritik erfahren, noch mehr die unter ihm vollzogene erste Landesteilung und seine Beihilfe zur Kaiserwahl Rudolfs von Habsburg, nachdem Ludwigs eigene Bewerbung um die Kaiserkrone sich als aussichtslos erwiesen. Aber „es ist sehr fraglich, ob er in beiden Fällen anders handeln konnte. . . und ihm ist zu danken, daß Baiern auch unter den ungünstigeren Verhältniffen eine angesehene Stellung im Reiche behauptete. . ."
Als Ludwig starb (1294) fand er die letzte Ruhestatt in seiner Stiftung Fürstenfeld, wo ihm, freilich nicht unparteiisch, nachgerühmt ward: „Ganz Baiern mußte den Tod dieses Fürsten beklagen, der alle anderen an sittlicher Zucht übertraf, und unter dem das Land Wohlstand und Fülle des Friedens genoß."
* * *
Im Zusammenhang mit Ludwigs schwärzester Tat sei noch einer, von Franz Trautmann fein ausgesponnenen, Legende gedacht. ES wird darin erzählt, daß die Qual seiner späten bittren Reue den Herzog oft, wenn er von der Hofburg kam, in die kleine WieSkapelle hinter St. Peter eintreten ließ, um dort Verzeihung zu erbeten. Da hätte er einst, als er einsam dort kniete, am Altar die Erscheinung seiner Gemordeten zu sehen gemeint, ohne Zorn auf ihn herblickend, mit einem feinen roten Streifen um den Hals. Darauf hätte er die Arme gen Himmel gereckt und voll Inbrunst gesprochen: „O Domino, absolve me per innocentiam Mariae!“ und so zu dreien Malen, wobei er einen leisen süßen Sang, wie von Engeln vernahm. Als er zum dritten Mal die Worte gesprochen hatte, hörte er hinter sich eine Stimme sagen: „Ludovice, te absolvit Dominus noster“ — und erblickte, sich umschauend, die lichte Erscheinung der toten Maria, die noch hinzufügte: „sieut Deus et ego“ — und dann verschwand. —
Zum Wahrzeichen des Wunders, womit ihn Gottes Vergebung begnadigt, hätte Herzog Ludwig an der Stelle, wo Maria ihm erschienen, ein schwarzes Kreuz in den Stein graben lasten. Doch war davon schon zu Anfang vorigen Jahrhunderts keine Spur mehr zu entdecken.
Raff - So lang der alte Peter...
Aus Münchens Fürstenschlössern
Dem zierlichen gotischen Erkertürmchen im alten Hof gegenüber, da wo fetzt das Rentamtsgebäude München HI sich befindet, stand einst die Burgkapelle zum hl. Laurentius. Neben dem Chor der Kapelle ragte ein niedriger Turm empor und darauf die aus Stein gehauene Figur eines Affen, der ein kleines Kind in seinen Armen hielt. Davon ging folgende Sage:
Herzog Ludwig, der Erbauer der Burg, hatte einen zahmen drolligen Affen, der sich frei rings in der Burg umtreiben durfte und bei jedermann wohl gelitten war. Eines Tages nun geschah es, daß der Affe ganz allein in dem Zimmer weilte, wo das Söhnlein des Herzogs, nachmals Ludwig der Bayer, in der Wiege lag. Da wandelte den Affen, der schon öfter beobachtet hatte, wie die Wärterin mit dem Kindlein gebarte, die Lust an, es ihr ein wenig nachzumachen. Er hob also das Prinzlein aus der Wiege, schützte eS hoch, schaukelte eS in seinen Armen und stolzierte so mit ihm im Gemach auf und ab. Unversehens aber trat die Wärterin herein und schrie laut auf, da sie das zarte Kind in den haarigen Armen des Tieres sah. Sie wollte ihm das Prinzchen entreißen; der Affe, im Schrecken darüber, nahm vor ihr Reißaus, lief durch Vorsaal und Gänge, Trepp' auf Trepp' ab, die Wärterin immer hinter ihm drein. Endlich ersah der verfolgte Affe keinen Ausweg, als durch eine Dachluke, schlüpfte hinaus aufs Dach und setzte sich auf die Spitze des Erkerturms. Nun war guter Rat teuer: der Herzog und die Seinen, von dem Schrecknis benachrichtigt, standen in bitterer Angst zu Füßen des Turmes; niemand getraute sich, den Affen auf seinem gefährlichen Sih zu beunruhigen, damit er nicht das Kind herabfallen ließe. So schien es am rötlichsten, ihn ungestört oben hocken zu lassen und im Hofe Decken und Betten auszubreiten, damit sich das Kind im möglichen Falle nicht verletze. Als das Tier sah, daß alles ruhig war und niemand es hetzte, kletterte eS schließlich vom Dache herab und trollte den Weg ins Kinderzimmer zurück, wo es den kleinen Ludwig sorgsam wieder in die Wiege bettele. Nun sollte der Affe tüchtig durchgebläut werden, aber er flüchtete sich alsbald zu der Frau Hofmeisterin und umarmte sie unter so possierlichen Bittgeberden, daß er der Strafe entging. Der tatenlustige Affe ward von da ab in befferen Gewahrsam genommen, sein Bild aber zum Angedenken der glücklich abgewandten Gefahr in Stein gehauen und auf die Zinne des Turmes gesetzt.
Raff - So lang der alte Peter...
Ein Hoch auf München
Wie die kulturellePhysiognomie Münchens einem feinsinnigen Beobachter, der Nicht- Münchner ist, erscheint, geht aus einer Tischrede hervor, die der damalige Straßburger Professor G. F. Knapp bei einem Festmahl im Münchner Künstlerhaus gelegentlich der Tagung des Vereins für Sozialpolitik im September 1901 hielt. Er sagte u. a.:
Mit welchem kurzen Worte sollen wir die bayerische Lauptstadt preisen? Wäre es Wien, so würden wir sagen: das lustige Wien. Wäre es Mainz, so würde jeder rufen: das goldene Mainz. Selbst ein unheiliger Dichter, wenn er Köln zu nennen hatte, pflegte unbedenklich zu schreiben: das heilige Köln. And wenn uns ein gutes Geschick nach Nom geführt hat, wovon anders reden wir dann zu Lause als vom ewigen Rom?
Kehren wir aber von München zurück, gleichgültig, ob wir da gemalt oder studiert haben, so fällt uns nach kurzem Besinnen nicht leicht etwas anderes ein als das Wort: wir kommen aus dem gemütlichen München.
And weshalb? Der unerfahrene Student erinnert sich vor allem an den Stoff; der Kleinbürger denkt an die hemdärmeligen Abende auf der Kegelbahn, der Bauer an das bunte, wimmelnde Oktoberfest. Keiner von diesen allen aber hat eine Ahnung davon, was höheren Geistern so sehr an München gefällt.
Was fesselte hier den großen Maler aus Waldeck, was bezwang den unerschöpflichen Novellisten aus Berlin, was bestrickte den geistreichen Redakteur der „Allgemeinen Zeitung", seinen Landsmann? Wie kommt es, daß Lunderte von Fremden sich hier einwurzeln, lauter hervorragende Männer, die man nur selten auf Kellerfesten antrifft, und die auf der Theresienwiese mit der größten Regelmäßigkeit — fehlen? Auch ihnen ist München vor allem die gemütliche Stadt.
Es muß also, wie es eine höhere Mathematik geben soll, auch eine höhere Gemütlichkeit geben, unerreichbar für den farbentragenden Fuchs, für den beschränkten Landwerker, für den schlichten Bauer — und doch unleugbar vorhanden für den Mann der höheren Kreise und am meisten geschätzt vom Norddeutschen. Man höre nur den Mann des Nordens reden, wenn er von einem bayerischen Landaufenthalt zurückkehrt, etwa aus Tölz oder aus Garmisch: „Kein einziger Geheimrat ist dort gewesen", ruft er mit Befriedigung aus; kein einziger — natürlich außer ihm selbst!
Da liegt es. Wie an jenen kleinen Orten, so hat auch in München ein Abel keine Lerrschast, das anderswo so leicht jede Erholung stört: in München kommt die
Fexerei nicht auf. Nur ganz leise wagt sich mitunter der Bergfex hewor; aber er bleibt ungefährlich, da er sich nur auf dem Wege zum Bahnhof oder vom Bahnhof zeigt. Sonst aber ist das Fexentum nur selten, und in einer Beziehung fehlt es ganz: es gibt keine Berufssexen, oder noch kürzer: München duldet die Fachfexen nicht, die doch sonst in Deutschland aufs schändlichste wuchern. Denn der Deutsche will etwas Tüchtiges sein; er lernt „sein Fach" und „simpelt Fach", bis er in lauter Fachgedanken erstickt und als fertiger Fachfex dasteht.
Als Gelehrter liest er und wiederholt er alle Rezensionen; als junger Dozent zählt er alle Universitäten auf, an denen er in Vorschlag war; als Leutnant betet er die Rangliste her, vorwärts oder rückwärts; als Beamter kennt er das Klebegesetz auswendig, und in manchem unbewachten Augenblick entschlüpft ihm davon ein Paragraph. Jeder findet es beim andern gräßlich, und jeder tut es doch. Nur in der dünnen Lust der bayerischen Lochebene gedeiht der Fachfex nicht.
Der Bayer wird freilich auch seltener Spezialist als der Mitteldeutsche oder Norddeutsche. Er wartet lieber ab, ob es ihm der liebe Gott gegeben habe, und läßt es laufen, wenn es ihm nicht gegeben ist. Aber wenn es ihm als Geschenk zufällt, dann wird er was Rechtes und redet nicht davon, außer wenn's nötig ist. Denn der Bayer und sein Bruder, der Österreicher, will nicht in seinem Berufe verkümmern.
So heilige Namen wie Mozart und Schwind wollen wir nur im Vorübergehen mit Ehrfurcht nennen; sie waren ja Künstler, und die Kunst ist nun einmal die Schöpferin und Lüterin der Ganzheit.
Aber hier in München haben auch andere Berufe das Schöne, daß sie ihren Trägern nicht das Mark aussaugen, sondern ihnen die Gesundheit bewahren. Daß sogar Könige hier Menschen bleiben, hat uns Ludwig I. gezeigt. Freilich bietet eine so hohe Stellung tausend Leilmittel gegen die Verknöcherung dar. Aber auch in bescheidenen Lebenslagen bewährt es sich, daß der Bayer, und allen voraus derMünchner, gegen die Berufskrankheit des Fexentums geschützt ist.
Nehmen wir einmal als Beispiel den Apotheker. In der Residenz wohnte einmal ein solcher, der Lofapotheker Pettenkofer. Seine Rezeptur verstand er so gut, wie je einer es tat, und sein Geschäft betrieb er musterhaft. Aber er konnte noch mehr. Setzte man ihn in das königliche Mllnzamt, so war er ein Scheidekünstler ersten Ranges, der unversehens aus den Brabanter Krontalern das verborgene Gold und die Spuren von Platin herausholte. Trug man ihm auf, Vorlesungen über Lygiene zu halten, so fand er zwar nichts vor, das er hätte lehren können, schuf aber so nebenbei das ganze Fach und bildete die Schüler heran, die jetzt auf allen Universitäten Lehrstühle inne haben. Man fragte ihn um Rat wegen des Nachdunkelns der alten Gemälde in der Pinakothek, und Pettenkofer gab sofort ein Verfahren an, die mikroskopischen Nisse im Firnis zu schließen und die alten Farben wieder ausleuchten zu lassen.
Im Jahre 1854 fällt ihn die Cholera an; er übersteht die mörderische Krankheit und rächt sich, indem er sie in alle Schlupfwinkel verfolgt, bis nach Malta und Indien. In wenigen Jahren ist er dahinter gekommen, wie sie sich verbreitet, — und ehe man's denkt, hat er die Sanierung der Städte in Gang gebracht.
Ein Fachmann: Wäre er das gewesen, so hätte ihm seine Apotheke genügt. Nein, er war ein Mann der Wissenschaft und sogar mehr als das. Bei Festlichkeiten, als Rektor der Universität, in seinem Talar, wie wußte er den beinahe königlichen Mantel königlich zu tragen! So bewegt sich in diesen weiten Falten nur eine künstlerisch angelegte Natur. And wie liebenswürdig blitzten dabei seine dunklen Augen!
Noch viel mehr aber leuchteten sie, wenn er die Gedichte eines ganz unbekannten Mannes vorlas, der jetzt ein bekannter und verehrter Mann geworden ist, die Gedichte Lermann Linggs. Diesen Dichter hat Pettenkofer entdeckt und ans Licht gezogen. Wer weiß, ob je Emanuel Geibel das erste Bändchen der Gedichte Linggs herausgegeben hätte, hätte nicht der Münchner Äofapotheker durch meisterhaften Vortrag die Neugierde und Teilnahme geweckt und genährt. Ganz davon zu schweigen, daß Pettenkofer selbst, wenn er wollte, ein glänzendes Sonett zustande brachte, dem niemand anmerkte, daß es aus der Residenz und aus welcher Ecke dieses weitläufigen Gebäudes stammte.
Man wird durch diesen Mann an Italien erinnert, dessen große Männer ebenfalls alles konnten, was sie wollten. Dort wachsen sie empor ohne die Stütze und die Beschränkung dessen, was der Deutsche sein Fach nennt. Dort heißt es: Sei ein bedeutender Mensch, aber bleibe dabei ein Mensch — eine Anschauung, die sich in Deutschland leicht verliert, von der aber in Bayern ein kostbarer Rest geblieben ist. In Bayern wieder am häufigsten in München; in München niemals so deutlich ausgeprägt wie bei Pettenkofer, der sozusagen das höchste mögliche Maß des Münchner- tums darstellt.
Dankbar ergreifen wir unsere Gläser: es lebe die Stadt, die den Deutschen vor dem Fexentum des Berufs bewahrt; die Stadt, die vom Tüchtigsten fordert, daß er noch ein ganzer Mensch bleibe. Neben das lustige Wien, das goldene Mainz, das heilige Köln setzen wir das gemütliche München: es lebe, wachse und gedeihe!
Max von Pettenkofer, in dessen Verherrlichung dieser Trinkspruch gipfelt, ist in Lichtenheim bei Neuburg a. D. am 3. Dezember 1818 geboren; kurz bevor Knapp seine Rede hielt, ist er am 10. Februar 1901 in München, dessen Ehrenbürger er war, aus dem Leben geschieden.
„Der Maler auö Waldeck": Wilhelm von Kaulbach (1804—1874), von Cornelius 1826 nach München berufen, seit 1849 Akademiedirektor. — „Der unerschöpfliche Novellist aus Berlin": Paul Heyse (1830—1914), seit 1854, auf Gcibelö Veranlassung von König Max II. berufen, in München. „Der geistreiche Redakteur der »Allgemeinen Zeitung«": Alfred Dove, der 1891, nachdem er biö dahin Professor der Geschichte in Bonn gewesen, nach München übersiedelte und die Beilage der „Allgemeinen Zeitung" redigierte, bis er 1897 in das akademische Lehramt (in Freiburg) zurückkehrte.
Wolf - Ein Jahrhundert München
München im Jahre 1796
Oberst Adrian von Riedl, eine Autorität auf dem Gebiete der Kartographie, gab im Jahre 1796 einen bayerischen Reiseatlas heraus, der außer den Karten auch textliche Anmerkungen enthält; ihnen ist die folgende topographische und kulturelle Studie über das München des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die auch noch für das München im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts Geltung hat, entnommen:
München, die Laupt- und Residenzstadt von Bayern, liegt unter dem 29. Grade 10 Minuten der Länge und dem 48. Grade 8 Minuten der nördlichen Breite an dem Isarsiuß, welcher in Tirol entspringt, beinahe die Mitte des Landes von Mittag gegen Nordost durchströmt und sich 38 Stunden unterhalb der Hauptstadt mit der Donau zu Isargmünd vereinigt.
Die Lage der Stadt ist 320 Toisen, 1920 Pariser oder 2136 bayerische Schuhe über die Meeresfläche erhaben; das Klima ist etwas rauh, die Lust scharf, aber sehr gesund, die Witterung wegen des Gebirges, welches südwärts in einer Entfernung von 16 Stunden den Gesichtskreis von München begrenzt, sehr abwechselnd, doch so, daß gewöhnlich 6 Monate (vom Mai bis Ostober) zu der schönen Jahreszeit gerechnet werden können.
Die mittlere Löhe des Barometrum ist hier 26 Zoll und 4 Linien. Die Inklination des Magnets ist bei uns in Bayern zwischen 70 und 72 Graden; die Deklination hier in München zwischen 18 und 19 Graden bis 20 Minuten westwärts. Der höchste Grad der Wärme war bisher in München im Jahre 1782 den 27. Juli nachmittags um 2 Ahr 28 Grad Reaumur, und der höchste Grad der Kälte war im Jahre 1788 den 31. Dezember früh 7 Ahr 24 Grad Celsius. Die herrschenden Winde sind Südwest oder West; der längste Tag hat 15 Stunden und 54 Minuten.
Die Gegend umher zeichnet sich durch ihre schöne, große Fläche aus; denn wiewohl sich ostwärts jenseits der Isar und westwärts, eine Viertelstunde von der Stadt entfernt, zwei Anhöhen (vermutlich das ehemalige Äser des Flusses) erheben und fast in paralleler Richtung fortlaufen, so ist ihre Löhe doch so unbeträchtlich, daß man die Gegend um München mit Recht eine Ebene nennen darf. Die Fruchtbarkeit dieser Gegend ist an sich schlecht. Kies und Flußsand sind die Hauptbestandteile des Bodens. Allein der Fleiß und die Industrie, durch die Lauptstadt aufgemuntert, gewinnen der Natur soviel Aberfluß ab, daß man hier im Ackerbau sowohl als in der Gartenkunst kein deutsches und nur wenige europäische Produkte ganz vermißt.
In dem Amsteise einer starken Stunde liegen 14 Dörfer, ohne die Vorstädte, kurfürstliche und Privatlandhäuser, einzelne Okonomiegebäude usw. zu rechnen.
Eigentliche Vorstädte (obschon man sie hier nicht so nennt) sind die Au und das Lechel. Die Au liegt jenseits der Isar und erstreckt sich aufwärts in einer beträchtlichen Entfernung gegen Süden. Sie hat viele artige Gebäude, sehr gewerbsame Einwohner, ein schönes Mönchs- und zwei Nonnenklöster.
Das Lechel liegt zwischen dem südöstlichen Teile der Stadt und dem linken Isarufer; es besitzt nebst manchen ansehnlichen Wohnhäusern auch ein Mönchskloster.
An den anderen Seiten der Stadt liegen sehr viele Wohn-, Land- und Gartenhäuser, welche teils einzeln, teils in verschiedenen Gruppen zerstreut sind.
Der Umfang der Stadt, die man ungefähr in dreiviertel Stunden umgehen kann, wird durch eilte zweifache, mit Türmen versehene Mauer bezeichnet, in deren Zwischenraum (Zwinger genannt) sehr schöne Gärten angelegt sind.
VierLaupttore führen in dieStadt. VonNordost dasSchwabinger Tor (von einem in dieser Gegend sehr nahe liegenden Dorfe, Schwabing, so genannt). Von Westen das Karlstor, welches vormals Neuhauser Tor hieß und nun zum Dank für die von Karl Theodor erhaltene Verschönerung und Bequemlichkeit diesen Namen erhielt. Von Südwest das Sendlinger Tor, welches zuerst nach Sendling führt, und von Südost das Jsartor, welches über zwei von Steinen sehr schön erbaute Brücken nach dem jenseitigen Afer dieses Flusses leitet.
Nebentore sind zwei, davon eines, zwischen dem Schwabinger und Jsartor gelegen, nach denr Lechel führt; das andere, zwischen dem Isar- und Sendlinger Tor, wird der Einlaß genannt, weil man ehedem nur hier allein zur Nachtzeit in die Stadt eingelassen wurde.
Von den vier Äaupttoren kommen auch vier Hauptstraßen, die den Namen der Tore beibehalten, beinahe in der Mitte der Stadt zusammen. Ihr Vereinigungspunkt ist der Marktplatz, den man, seiner Schönheit und Größe halber, auch nur geradehin den Platz nennt. Diese glückliche Richtung der Hauptstraßen, die man sich aber nicht gradlinig denken darf, erleichterte schon im Jahre 1271 die Abteilung der Stadt in zwei Pfarreien, St. Peter und Ansere Frau genannt, die auch jetzt noch bestehen. Durch die Polizei wurde diese Abteilung in der Folge geändert, indem jede Pfarre in zwei Viertel, jedes Viertel wieder in vier Distrikte geteilt und jedes Laus nach seiilem Viertel und Distrikte numeriert wurde.
Außer dem Marktplatze, auf welchem sieben Straßen zusammenlaufen, und der ringsumher mit hohen, sehr bevölkerten Gebäuden umgeben uild mit Bogengängen, Gewölben und Krambuden bis zum Überflüsse versehen ist, hat München noch verschiedene öffentliche Plätze, deren jeder wieder mehrere Straßen vereinigt. Doch keiner, außer dem Paradeplatz, wo ehemals die Salzstädel (Salzniederlagen) waren, ist merkwürdig. Einige dieser öffentlichen Plätze oder vielmehr Straßen führen den Namen von gewissen Märkten, die aber nicht mehr darauf gehalten werden. So wird z. B. eine Gegend der Stadt der Rindermarkt genannt, wiewohl dort kein Rindvieh, sondern geschlachtetes Geflügel und Brot aus der Au verkauft wird. Dagegen sind auf anderen Plätzen und Straßen ordentliche Märkte, ohne daß man sie darnach benennt, wie z. B. auf dem Anger, wo Leu und Trödelware verkauft wird, dann auch in der Neuhausergasse, Sendlingerstraße und im Tal, wo Brennholz zu Markte kommt.
Alle übrigen Bedürfnisse des Lebens und des Luxus sind täglich auf dem großen Platze zu bekommen, der auch noch in einer andern Linsicht Markt genannt zu werden verdient. Lier wird nämlich in jeder Woche ein Fruchtmarkt (Schranne) gehalten, worauf im Durchschnitt jedesmal 50 bis 60000 Gulden umgekehrt werden. Zu den Märkten gehören auch die Fleischbänke, deren München zwei unter dem Namen die obere und untere hat.
Die zwei Jahrmärkte oder Messen (hier Dulten genannt) werden in verschiedenen geräumigen Gassen, im Sommer um Jakobi und im Winter um Drei König, jedesmal 14 Tage lang gehalten und von den benachbarten, wie auch von den italienischen und schweizerischen Kaufleuten sehr stark besucht.
Die Zahl der Straßen mit Inbegriff der öffentlichen Plätze und Märkte ist 85, und die Zahl der Läufer im Bezirke der Stadt mit Einschluß des Lechels, aber unter Ausschluß der Au beläuft sich auf 1756.
Äber die Reinlichkeit ist im ganzen hier nicht zu klagen. Die Straßen müssen alle Sonnabende von den Lauseigentümern abgekehrt und im Sommer täglich zweimal zur Verhütung des Staubes mit frischem Wasser bespritzt werden. Das Pflaster ist durchaus gut. Das schnelle Fahren und Reiten ist verboten, und wenn an einem Lause das Dach oder sonst etwas in der Löhe ausgebessert wird, so muß zur Warnung der Vorübergehenden eine Stange an das Laus gelehnt werden.
Bei der Nacht, wenn der Mond nicht scheint, werden alle Straßen sehr schön beleuchtet, und man geht überall, auch in den abgelegensten Gassen, ganz sicher; denn Schlägereien auf den Straßen, Bettel, Auflauem oder Anfälle sind hier unbekannt. Was den friedlichen Wanderer zur Nachtzeit etwa hindem könnte, sind die manchmal in Mitte der Gasse sehr übel gestellten Wagen.
Wer hier durch die Sttaßen wandelt, dem fällt, vielleicht noch ehe er sich um die herrlichen Gebäude umsieht, der seltene Reichtum an Wasser auf.
Die Isar ist ein reißender Gebirgssttom, der seine Afer manchmal fürchterlich durchbricht. Allein unsere Vorfahren wußten ihm soMeister zu werden, daß er ihreLauptstadt nur zu ihrem Nutzen und Vergnügen berühren durfte. Was an der Stadt im natürlichen Flußbette vorüberrinnt, ist beinahe nur der geringere Teil des Flusses. Die Isar selbst wurde durch künstliche Erhebungen, Schleusen und Dämme um und durch die Stadt geleitet. Lier tteibt sie Kupfer- und Eisenhämmer, Wasserwerke, Pulver-, Papier- und andere Mühlen; sie nimmt vielen Anrat (da meistens die unsäuberlichen Gewerbe in den Kanalstraßen betrieben werden) mit sich fort, und wie immer dieser wilde Fluß toben, einreißen und überschwemmen mag, so leidet dadurch kein Kanal der Stadt eine Ver- ändemng. Wahrhaftig, das Werk eines hohen Geistes und einer seltnen Wohltätigkeit!
Diese Kanäle, welche hier offen durch die Straßen, dort unter den Lausern und Gewölben, bald langsam, bald schnell und mächtig strömen, werden alle Jahre im Lerbste an einem bestimmten Tage abgelassen, ausgeräumt und gesäubert, welches man die Auskehr nennt. Nach Vollendung dieser Arbeit treten die Gewässer wieder ein.
Nebst diesen Kanälen, welche schon im vierzehnten Jahrhundert vorhanden waren, hat beinahe jedes Laus in München seinen eigenen Rohrbrunnen; viele Plätze und Straßen sind auch mit steinernen Brunnensäulen, aus welchen das Wasser durch mehrere Rohre in seine Behältnisse stürzt, versehen, überdies befindet sich fast an jeder Straßenecke ein von inländischem Marmor geschmackvoll gearbeiteter Pumpbrunnen, aus dem vermittels der horizontalen Bewegung einer eisernen Stange das Wasser geschöpft wird.
Diesen reichen Vorrat an vortrefflichem Brunnenwasser erhält man größtenteils von der Anhöhe jenseits der Isar und vermutlich aus einem durch das Dorf Laching fließenden Mühlbache, der sich außerhalb Perlach in der Ebene verliert und wahrscheinlicherweise durch Quellen an der Stadtanhöhe wieder hervorkommt. Von hier wird das Wasser in hölzernen Deichen über die Isar in die Stadt geleitet und durch unzählige Äste verteilt. Es läßt sich leicht denken, daß bei diesem großen Wasserreichtum in den vielen Privatgärten an herrlichen Springgewässern kein Mangel sei.
Die kurfürstliche Residenz, von Maximilian I. im vorigen Jahrhundert erbaut, verspricht nach altbayerischer Sitte von außen sehr wenig, leistet aber bei näherer Ansicht von innen desto mehr. Sie liegt an dem östlichen Ende der Stadt, mit welcher sie ganz ohne Prätension, ohne ängstliche Absonderung, gleichsam wie ein Bürgerhaus durch Gänge, Straßen und Tore zusammenhängt. Sie ist jedermann offen, und nirgends ist eine Spur von Zwang zu sehen; der geringste Landmann in seinem schlechten Arbeitskittel wandelt durch die prächtigen Lallen ebenso ungehindert und begaglich wie der Lofbediente.
Reichtum und Pracht, mit solidem Kunstgeschmacke verbunden, sind der herrschende Charakter im Innern dieses großen Gebäudes, das nicht nur für den neugierigen Beschauer Stoff genug zur Bewunderung, sondern auch für den Kenner einen Schatz von vortrefflichen Gemälden, herrlichen Münzen, prächtigen Antiken und modernen Kunstwerken enthält.
Der zweite landesfürstliche Palast ist die sogenannte Lerzog-Maxische oder herzogliche Residenz, welche an dem westlichen Ende der Stadt vom Lerzog Wilhelm V. erbaut wurde. Endlich ist noch die ehemalige Residenz der bayerischen Lerzöge unter dem Namen des Alten Loses vorhanden.
Das Rathaus, wo der bürgerliche Magistrat und die dazu gehörigen Ämter ihren Sitz haben, schließt von einer Seite den großen Marktplatz ein; gegenüber (der Länge des Platzes nach) befindet sich die Lauptwache. In der Stadt selbst sind nur zwei Kasernen; noch eine dritte ist außerhalb des Isartores, sowie auch das schöngebaute und angenehm gelegene Militärlazarett. Auf dem Anger steht das bürgerliche Zeughaus und nicht weit davon das neue öffentliche Gebäude der Aufbewahrung der Feuerlöschgerätschaften, welche, gleich den Löschanstalten, ganz vortrefflich sind.
Anter den öffentlichen Stadtgebäuden verdienen für Fremde noch angemerkt zu werden: die Briefpost auf dem Rindermarkt, das Mauthaus am Paradeplah, die Stadtwage am Rathause, die Trinkstube auf dem Platze und die Gasthöfe, worunter der schwarze Adler, der goldne Lahn, der goldne Lirsch, der schwarze Bär, die goldne Ente, der römische König und der Londoner Los die berühmtesten sind.
Für Fremde und Durchreisende, welchen diese topographische Skizze gewidmet ist, kann nichts bequemer sein, als die Lage der Kirchen und Klöster genau zu kennen. Ich will es also versuchen, die Kirchen in der Ordnung, wie dieselben in den Laupt-und Nebenstraßen gefunden werden, kurz anzuzeigen.
Bei dem Eingänge durch das Schwabinger Tor ist das erste Gebäude zur Rechten die Theatinerkirche und das Kloster. Dies schöne Gotteshaus ließ der Kurfürst Ferdinand Maria und seine Gemahlin Adelheid erbauen.
Oberhalb des Klostergebäudes führt die unter einem Gewölbe durchgehende Straße rechter Land nach der St. Salvatorskirche und weiterhin nach einem kleinen, alten Kirchlein, dem heiligen Rochus geweiht. Verfolgt man die Schwabinger Straße weiter aufwärts, so kommt man durch eine links liegende Gasse, wo sich ein Nonnenkloster und die dazu gehörige Kirche befinden, nach der Franziskanerkirche.
Weiter oben an der Hauptstraße liegt zur Linken das Laus der Englischen Fräulein nebst einer kleinen Kirche und unter derselben, im nämlichen Gebäude, die sogenannte Gruft. Lier in dieser Gegend, wo vormals ein Tor der Stadt stand, verliert der noch übrige Teil der Schwabinger Straße nach dem Platze zu seinen Namen und wird Weinstraße genannt. Man trifft hier auch zwei enge Gäßchen, welche nach der gotisch-prächtigen, 328 Jahre alten Pfarr- und Stiftskirche zu £1. Frau führen, in welcher Maximilian I. im Jahre 1622 dem Kaiser Ludwig dem Bayern ein vortreffliches Mausoleum errichten ließ. Bei dem Eingänge durch das Karlstor in die Neuhauser Straße kommt man linker Land zuerst an den Bürgersaal, eine mittelmäßig große, aber sehr schöne Kirche; rechts etwas schief gegenüber ist eine kleine, zu dem Seminarium gehörige Kirche. Aus dieser nämlichen Seite stößt man bald auf eine ziemlich enge Gasse, die nach dem Damenstift und der dazu gehörigen Kirche, rechts in die berühmte Lerzog-Spitalkirche und geradeaus nach der Kreuzkirche führt.
Beim Rückwege durch die erwähnte Gasse in die Neuhauser Straße hat man das ehemalige Iesuitenkollegium und die daran befindliche jetzige Garnisons- und Malteserordenskirche, ein herrliches Gebäude, vor Augen. An der rechten Seite dieses schönen Gotteshauses, nur durch eine Nebengasse getrennt, steht die Augustinerkirche samt dem Kloster; folgt man dieser Nebengasse zwischen der Malteser- und Augustinerkirche, so gelangt man gerade zu der Barfußer-Karmeliterkirche und dem Kloster; auch nicht weit davon an ein Nonnenkloster desselben Ordens, wobei gleichfalls eine Kirche ist. Da, wo die Augustinerkirche in der Neuhauser Straße aufwärts endet, steht der mit Anrecht sogenannte schöne Turm, der auch den ehemaligen Amfang der Stadt bezeichnet. Lier verliert der noch übrige Teil der Neuhauser Straße seinen Namen und wird die Kaufingergasse genannt. An der linken Seite der Kaufingergasse kommt man bei einigen engen Gäßchen vorüber, die wieder in die Pfarr- und Stiftskirche zu A. Frau führen. Auch von hier hat man nur eine kleine Strecke auf den Platz.
Beim Eingänge durch das Sendlinger Tor in die ebenso genannte Straße ist die erste Kirche auf der linken Seite dem heiligen Johannes gewidmet, sie ist nicht groß, aber sehr schön. Wenn man im Fortgänge dieser Straße rechter Land der ersten Nebengasse folgt, so gelangt man auf den Anger, wo ein Nonnenkloster mit einer Kirche und nicht ferne davon auch noch ein kleines Kirchlein, der heiligen Dreifaltigkeit gewidmet, sich befinden. Kehrt man in die Sendlinger Sraße zurück, so leitet sie uns zu einem Turm, der Rufiniturm genannt, welcher auch vormals ein Stadttor von München ausmachte. Sobald man den Turmbogen hinter sich hat, kommt man auf den Scheidepunkt dreier neuer Straßen, wovon die mittlere, Rosengasse genannt, auf den Platz, die rechtsgehende aber, der Rindermarft mit Namen, nach der 620 Jahre alten St. Peters-Pfarrkirche führt, von welcher man sodann durch eine sehr kurze Gasse wieder auf den Platz kommen kann.
Bei dem Eingänge durch das Isartor in die Lauptstraße, das Tal genannt, trifft man erst am Ende derselben auf die von ihrer Entstehung an 525 Jahre alte Leilig- Geist-Pfarrkirche, welche an der linken Straßenreihe steht; von hier sind nur ein paar Schritte zum Nathausturm, der aus dieser Seite den Platz begrenzt.
Es ist kaum eine unter den hier genannten Kirchen, welche sich nicht entweder durch ihre schönen Gemälde oder vortreffliche Bauart, durch ihre kostbaren Schätze oder eine andere vorzügliche Eigenschaft besonders auszeichnet.
Die Kapuzinerkirche mit dem Kloster befindet sich außerhalb der Stadt zwischen dem Schwabinger und Karlstor. In der Nähe dieses letzten trifft man auch die Kirchen und Klöster der barmherzigen Brüder und Schwestern an.
Von der Straßenpolizei und den Feueranstalten ist bereits Erwähnung geschehen. Die Schildwachen sind zahlreich in und um die Stadt verteilt; häufige Patrouillen zu Pferd und zu Fuß helfen den Einwohnern Ruhe, Sicherheit und Ordnung erhalten.
Aus dieser Ursache werden auch die Stadttore zu der hier bestimmten Zeit gesperrt:
| Im Januar vom 1. bis 15. um 5 Ahr, vom 16. bis zum letzten um 554 Ahr | |||||||||||||
| ff | Februar | ff | 1. | ff | 15. | ff | 6 „ | ff | 16. | ff | 654 | ff | |
| ff | März | ff | 1. | ff | 15. | ff | 654 „ | ff | 16. | ff | 7 | ff | |
| ff | April | ff | 1. | ff | 15. | ff | 7Z4 » | ft | 16. | ff | 8 | ff | |
| ff | Mai | ff | 1. | ff | ff | ff | 854 | ff | |||||
| ff | Juni | ff | 1. | ff | ff | ff | 9 | ff | |||||
| ff | Juli | ff | 1. | ff | 15. | ff | 9 „ | ff | 16. | ff | ff | 854 | ff |
| ff | August | ff | 1. | ff | 15. | ff | 854 „ . | ff | 16. | ff | ff | 8 | ff |
| ff | September | ff | 1. | ff | 15. | ff | 7Z4 „ | ff | 16. | ff | ff | 7 | ff |
| ff | Oktober | ff | 1. | ff | 15. | ff | 654 „ | ff | 16. | ff | ff | 6 | ff |
| ff | November | ff | 1. | ff | rr | 554 | ff | ||||||
| ff | Dezember | ff | 1. | ff | rr | tt | tt | 5 | ff |
Eine Lauptvorkehrung zur Sicherheit der Stadt ist das vor fünf Jahren errichtete Armeninstitut, durch welches allem Straßen- und Lausbettel abgeholfen und der wahren Dürftigkeit eine fortwährende Unterstützung verschafft wurde.
Gegen den Aufenthalt gefährlicher Fremden sind auch zweckmäßige Anstalten getroffen worden, indem eine besondere Kommission sich mit der Beobachtung und Untersuchung aller Fremden, die hier wohnen, beschäftigt.
Das Zeughaus, der Pulverturm und viele andere sowohl öffentliche als Privatgebäude sind, der Sicherheit wegen, mit Blitzableitern versehen worden.
An Gräben, Kanäle:: oder, wo sonst ein Unglück der Vorübergehenden zu befürchten wäre, sind Brustmauern oder hölzerne Geländer angebracht. Nur wäre noch zu wünschen, daß man auch gegen die Gefahr, welche an den Schrannentagen wegen der ungeheuren Menge von Wagen und Pferden den Einwohnern drohet, eine den bürgerlichen Gewerben unnachteilige Vorkehrung treffen könnte oder vielmehr, da es an Gelegenheit nicht fehlt, wollte.
Auch die übermäßige Anzahl von Lunden ist bei einer ausgebrochenen Wut schon öfters der öffentlichen Sicherheit gefährlich geworden und könnte es noch mehrnmls werden. Da die Grundsätze der Regierung zu edel sind, als daß sie jemals einen allgemeinen Mord oder gänzliche Verbannung dieser nützlichen und angenehmen Tiere befehlen und dem an sich unschuldigen Vergnügen der Einwohner hierin gerade entgegengehen sollte, so wäre es doch gewiß sehr gut, wenn solchen Leuten, welche von dem Armeninstitute ein Almosen beziehen oder sonst ihren eigenen Lebensunterhalt kaum bestreiten können, die Anschaffung eines Lundes für die Zukunft verboten würde; denn gerade wo diese Tiere am schlechtesten genährt und am ärgsten mißhandelt werden, bricht die Wut am ersten aus und wird am spätesten wahrgenommen.
Die Apotheken stehen unter der Aufsicht des medizinischen Kollegiums. Es werden
auch keine medizinischen Charlatans, Quacksalber und dergleichen Pfuscher geduldet; bei Geburten werden nur geprüfte Lebammen zugezogen, zu deren Anterricht ein eigeiles Lehrülstitut vorhandeir ist.
Maß und Gewicht werden durch obrigkeitliche Anstalten beobachtet. Fleisch, Bier, Wein uild aildereRahrungsmittel sind einer eigenen Beschau und Prüfung unterworfen.
Selbst für die Toten ist die Negierung besorgt. Auf dem allgemeinen Kirchhofe vor denr Sendlinger Tor befindet sich ein Leichenhaus, welches mit Öfen und Wächtern versehen ist, die das Wiedererwachen der scheinbar Toten nach Möglichkeit unterstützen. Endlich verdient noch unter den öffentlichen Sicherheitsanstalten das Zuchthaus bemerkt zu werden, wiewohl dieser Strafort, gleich manchen anderen hier befindlichen Gefängnisse, r, nicht nur für die Verbrecher in der Stadt, sondern auch sür die Beleidiger des Staates bestimmt ist.
Keine Stadt wird so viele und so reichlich gestiftete Lilfsanstalten für Kranke, für Arme und für Waisen besitzen wie München. Es ist hier ein kurfürstliches Lerzog-spital, ein Josefspital, ein Krankenhaus zu Giesing, ein militärisches Lazarett und ein Krankenhaus bei den barnrherzigen Brüdern. Dieses Krankenhaus erhielt erst kürzlich eine merkwürdige Verbesserung, ürdem ein herrlicher Genesungssaal ganz nach den bewährtesten diätetisch-physischen Grundsätzen darin erbaut und eingerichtet wurde. Ferner befindet sich hier ein Spital bei den Elisabetherinnen, ein städtisches heilig- Geistspital, ein Stadtbruderhaus, ein Stadtkrankenhaus, ein sogenanntes Siechenhaus auf dem Gasteig, nebst einem zu Schwabing (beide für die Stadt bestimmt) und ein Armenverpflegungshaus. Zu diesen unvergleichlichen Anstalten komnrt noch hinzu ein kurfürstliches Hofwaisenhaus, ein Waisenhaus in der Au, ein Stadtwaisenhaus, ein Findel- und Gebärhaus, auch ein vortreffliches, man darf sagen, reiches Armeninstitut und eine sogenannte mildtätige Gesellschaft. Alle diese Stiftungen sind nicht nur nach der Verschiedenheit der Stände unter den hilfsbedürftigen, sondern auch nach den verschiedenen Krankheitszuständen eingeteilt. Sie siild meistens recht gut sondiert, denn manches Spital bezieht jährlich bei 20000 Gulden Einkünfte.
Anter den Lilssanstalten verdient noch das militärische Arbeitshaus in der Au besonders gerühmt zu werden. Jeder Arbeitsuchende findet hier Lohn und Unterhalt, jeder Lungernde eine gesunde Mahlzeit und jeder reisende Landwerksgesell entweder Arbeit oder Zehrgeld.
Weil bei so vielen Kanälen das Ertrinken nicht selten ist, so wurden verschiedene bürgerliche Wundärzte, die zunächst an Kanälen wohnen, auf öffentliche Kosten mit den besten Rettungswerkzeugen versehen, und selbst auf die Rettung eines Ertrunkenen wurde ein Preis gesetzt.
Der Staat besoldet geprüfte Augen- und Zahnärzte, welche in der Hauptstadt wohnen und der ärmeren Volksklasse unentgeltlich Lilfe leisten müssen. Bei Krankheiten des Viehes ist dem hilfesuchenden Stadt- oder Landbewohner die Veterinärschule offen. Endlich müssen wir hier auch noch anmerken die zwei öffentlichen Badehäuser, deren eines im Lechel, das andere vor dem Sendlinger Tor sich befindet, wiewohl sie ebensogut zur Erholung, als zur Gesundheit und Lilfe dienen. Für so viele schöne Anstalten zum Besten der leidenden Menschheit wird einst noch die späteste Nachwelt das gute bayerische Volk und dessen edle Regenten dankbar segnen.
Kurfürst Maximilian III. hat eine Akademie der Wissenschaften hier errichtet, welche immer noch ihr Dasein behauptet.
Die Lofbibliothek, die in mancher Rücksicht seltene Bücherschähe enthält, befindet sich in dem ehemaligen Iesuitenkollegium und steht auf Befehl Seiner kurfürstlichen Durchlaucht jedem Freunde der Literatur offen, der auch in einem Nebensaale alle Bequemlichkeit zum Lesen und Exzerpieren hier findet.
Die kurfürstliche Gemäldegalerie in dem Äofgarten bietet dem jungen Künstler Unterricht und Belehrung an. Es sind öffentliche Ausstellungen für die Werke junger Künstler veranstaltet und Preise zu ihrer Aufmunterung gesetzt.
In dem kurfürstlichen Gymnasium und Lyzeum werden die Wissenschaften von der Grammatik bis zur Theologie in verschiedenen Klassen von den Benediktinern gelehrt; es sind auch mehrere Sprachmeister aufgestellt, deren öffentliche Lektionen jeder frei besuchen kann.
Die kurfürstliche Militärakademie verpflegt ganz unentgeltlich alle Jahre 80 Jünglinge und nimmt nebst diesen auch noch andere, sowohl Aus- als Inländer, in ihren Schoß auf. Jene bezahlen monatlich 20, diese aber nur 12 Gulden; dafür erhalten die Zöglinge eine sehr gute Verpflegung und einen gründlichen Unterricht in der deutschen, lateinischen und ftanzösischen Sprache, in der Geschichte und Erdbeschreibung, in der Mathematik, Philosophie und Religion, im Zeichnen, Tanzen, Fechten, Reiten usw. In der kurfürstlichen Forstschule werden junge Leute in der dem waldreichen und doch bald holzarmen Bayern so wichtigenForstkulturgebildet. Das kurfürstliche Oberst-Münz- und Bergmeisteramt hat seine eigenen Zöglinge und Praktikanten.
Für die architektonischen Zeichnungen ist eine eigene unentgeltliche Schule vorhanden, worin sich jeder Maurer-, Zimmer- oder andere Landwerksgesell für sein Fach ausbilden kann. Bürgerliche Vorbereitungs- und andere Schulen sind bei jeder Pfarre. Eine eigene Sonntagsschule ist zum unentgeltlichen Unterricht der Lehrjungen bestimmt. Auch jedes hier garnisonierende Regiment hat seine Schule für Soldatenkinder, wo sie unentgeltlich Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen, Nähen, Stricken usw. erhalten. Für Taubstumme wurde erst neulich eine vortreffliche Anstalt gemacht.
Die weibliche Jugend hat zu ihrem Behufe außer einigen bürgerlichen Schulen und Privatpensionsanstalten auch die Nonnenklöster, unter denen sich besonders das Institut der Englischen Fräulein auszeichnet, worin einige Mädchen auf kurfürstliche und andere auf eigene Kosten erzogen werden. Auch in dem sogenannten Püttrich- kloster erhalten die Mädchen freien Schul- und Arbeitsunterricht. Ferner hat jedes Waisenhaus seinen eigenen Lehrer.
In dem Militärlazarett wird die Chirurgie und Anatomie, in dem Äeilig-Geist- spital die Geburtshilfe unentgeltlich gelehrt. In der kurfürstlichen Veterinärschule werden 16 Schüler gegen eine Pension und ebensoviele unentgeltlich verpflegt.
Auch für das Vergnügen des Publikums ist hier sehr gut gesorgt.
In dem kurfürstlichen Loftheater wird dreimal in der Woche repräsentiert. Es werden abwechselnd Trauer-, Lust-, Sing- und Tanzspiele (Balletts) gegeben. Mehrere von dem dortigen Personal sind in kursürstlichen Diensten. Die Karnevalszeit hindurch sind im Redoutenhause maskierte Bälle, sogenannte Akademien und Vauxhalls gewöhnlich. Für die Liebhaber der Musik sind häufige Konzerte veranstaltet.
Eine sehr angenehme Schußstätte, welche der hiesigen Schützenkompanie zugehört, befindet sich vor dem Karlstore.
Der Lofgarten, ein mit Linden- und Kastanienbäumen dicht und regelmäßig besetztes, mit vier Springbrunnen und einem Fischteiche versehenes und an zwei Seiten von einer bedeckten Lalle eingeschlossenes großes Viereck, ist jedermann zum Lustwandeln offen. Auch der Englische Garten, ein öffentlicher Erholungsort von seltenem Amfange und reich an mannigfaltiger Schönheit, bietet jedem Freunde der Natur und Kunst die angenehmsten Promenaden an. An Kaffeehäusern, Billards, Wirtshäusern, Tanzplätzen usw. ist Überfluß in allen Straßen und vor allen Toren.
Die Zufuhr aller Lebensmittelist bei dem strengen Verbot des Vor- und Alleinverkaufs immer so hinreichend, daß die Preise in gewöhnlichen Zeiten allemal sehr erträglich sind.
Die Isar führt auf Flößen Bauhölzer, Marmor und andere Steine, Kalk und Kohlen zu. Die Ziegelsteine, womit alle Gebäude der Stadt aufgeführt sind, werden in mehreren um die Stadt liegenden Ziegelhütten aus der daselbst befindlichen Erde gebrannt. Es wäre zu wünschen, daß bei der so außerordentlichen Zunahme neuer Gebäude zur Ersparung des Lolzes, der in dem Isarstrom häufig vorrätige gute
Nagelfluh wenigstens zu den Fundamenten der Läufer anstatt der Ziegelsteine verwendet würde, wozu die zum Gefängnis verurteilten Verbrecher, die in Antätigkeit und müßigem Elend dahinschmachten, nützlich gebraucht werden könnten. Mit Brennholz wird die Stadt von den Landleuten versehen; vieles kommt auch auf der Isar, und hier ist die sogenannte Trist besonders merkwürdig.
Alles Lolz für den Los wird im Winter teils an der Tiroler Grenze, teils in den Tiroler Wechselwäldern geschlagen, sodann vermittels der Bergrisse, worin man das Wasser durch Klausen sammelt, auf die Isar gebracht und auf derselben im Monat September nach München geflößt. Lier werden nun die Gewässer durch Niederlassung der Schleusen an dem Abrechen (einer hölzernen Isarbrücke, über welche die Brunnenwasserleitung in die Stadt geht) so sehr angeschwellt, daß sie mit dem Lolze durch besondere, sehr künstlich dazu eingerichtete Kanäle nach dem kurfürstlichen Lolzgarten ihren Lauf nehmen müssen. Der Lolzgarten, ein sehr großer, regelmäßig mit Dämmen umgebener Platz, gleicht nun einem See, in welchem sich viele Tausend Klafter Scheitholz in seltsamen Massen auftürmen. Wenn nun auf diese Art alles Lolz aus der Isar und den Kanälen eingeflößt ist, so erhält das Wasser durch besondere Ablaufkanäle seinen Ausgang; der Lolzgarten verwandelt sich in eine trockene Ebene, und das Lolz wird ordentlich aufgeschichtet. Dieses ist die Trift, ein allerdings sehenswürdiges Schauspiel. An dem erwähnten Abrechen sind zwei Joche zur Durchfahrt für die Flöße, welche im Frühling und Sommer regelmäßig von hier bis nach Wien fahren, bestimmt. Diese Joche werden aber nur zu einer bestimmten Zeit des Tages geöffnet, weil man zum Gange der Mühlen und anderer verschiedener Triebwerke eine genau berechnete Wassermasse nötig hat.
Zu den öffentlichen Kommerzialanstalten gehören auch vorzüglich die trefflichen Landstraßen, welche von hier aus nach allen Richtungen das Land durchkreuzen und dasselbe mit den benachbarten Staaten verbinden. Für den Salzhandel, einen der vorzüglichsten Kommerzialgegenstände in Bayern, ist eine eigene Niederlage vordem Karlstore erbaut.
Es befinden sich auch hier mehrere Fabriken, unter andern das Militärarbeitshaus in der Au, welches mit dem Armeninstitute in einer besonderen Verbindung steht. Es liefert alle Monturstücke für die kurfürstlichen Truppen und hat auch sonst einen sehr ausgebreiteten Verkehr zum Vorteil der Militärkassen. Ferner sind hier eine Pers- (d. h. eine Zitz- oder Kattun-)Fabrik, eine Leder-, Tabak-, Gold- und Silberdraht- Fabrik, wie auch eine Seidenzeug-Fabrik. Anter den öffentlichen Warenniederlagen sind die von Porzellangeschirren, Eisen und Leinwand die merkwürdigsten.
DasIntelligenzblattunddassogenannteMittwochblattdienendemKommerzialstande zur Bekanntmachung seiner Produkte, Vorräte, Wünsche und Angelegenheiten. Sie enthalten auch von Woche zu Woche die Getreidepreise auf allen Schrannen des Landes und zeigen monatlich den Preis aller Lebensmittel auf dem Lauptmarkte zu München an.
Den Englischen Garten schien die Natur zu seiner jetzigen Bestimmung schon lange zu begünstigen, denn er empfing bei ehemaligen Überschwemmungen der Isar, die neben ihm vorbeiströmt, den Samen mancher herrlichen Gebirgspflanzen, die in der Gegend von München eigentlich nicht zu Lause sind. Nun durch Dämme gesichert und durch Kultur verschönert, prangt er mit Bäumen von mehr als siebzig verschiedenen Arten und ebenso mannigfaltigen Staudengewächsen.
Die Gartenlust in München könnte ausschweifend genannt werden, wenn es möglich wäre, in einer Leidenschaft, wobei der Staat gewinnt, die Religion und gute Sitten aber wenigstens nichts verlieren, auszuschweifen. Durch dieses schöne Beispiel aufgemuntert, wird auch der Feldbau in einiger Entfernung von der Stadt sehr fleißig betrieben. Besonders ist man auf guten Graswuchs bedacht. Der Kleebau wird dabei nicht vernachlässigt. Auch zieht man vortrefflichen Lopfen, und das Getreide belohnt immer noch reichlich den angewandten Fleiß und Mühe.
Die umherliegenden Waldungen dienen nicht nur dazu, manchem Lolzbedürfnisse abzuhelfen, sondern sie verschönern auch die Gegend, reinigen die Luft und nähren mannigfaltige Tiere, unter denen sich sehr viele mrd schöne Fasanen befillden, die auch noch in anderen, eigens hierzu bestimmten Gärten zum Vergnügen der gnädigen Landesherrschaft gehegt werden.
| Zum Schluffe dieses Fragments setze ich, um dem politischen Rechnungsliebhaber nicht vorzugreifen, hier nichts bei als das Verzeichnis der zu München (ohne die Au)in den Jahren | Getauften | Begrabenen | Getrauten |
| 1785 | 1203 | 1349 | 312 |
| 1786 | 1234 | 1531 | 278 |
| 1787 | 1253 | 1343 | 309 |
| 1788 | 1244 | 1334 | 283 |
| 1789 | 1247 | 1515 | 291 |
| 1790 | 1117 | 1364 | 246 |
| 1791 | 1231 | 1284 | 226 |
| 1792 | 1170 | 1366 | 223 |
| 1793 | 1080 | 1506 | 264 |
| 1794 | 1046 | 1366 | 236 |
| 1795 | 1381 | 1494 | 356 |
Was man nun immer für eine Zahl nach der Proportion der Getauften oder Verstorbenen für die Bevölkerung annehmen mag, so darf sie, um richtig zu sein, sich nicht weit von 45000 Menschen entfernen.
Die Umrechnung der Höhenlage Münchens in das Maß unserer Zeit ergibt 520 m über dem Meeresspiegel.
Unter den Anhöhen jenseits der Isar im Stadtosten und „westwärts, eine Viertelstunde von der Stadt entfernt", sind die Hügelzüge zu verstehen, die rechts der Isar von Harlaching über Giesing bis Bogenhausen und Föhring die Stadt begleiten, links der Isar von Obersendling, am Westrand der Theresienwiese, hinziehen und sich in der Gegend des Oberwiesenfeldes verlieren.
Der Hachinger Bach entsendet keineswegs die Quellen zum Gasteig, vielmehr verschwindet er in der Gegend von Unterhaching infolge der tiefen Lage des Flinzuntergrundes und des gleichzeitigen Senkens des Grundwaffcrfpiegels im Kiesgeröll.
Das Rathaus am Marktplatz ist das heutige „Alte Rathaus". Die „Hauptwache", die später ins „Neue Rathaus" übergeführt und vor einem Jahrzehnt ganz eingezogen wurde, befand sich in dem Eckhause der Kaufinger- und Weinstraße, dem heutigen Juwelier Thomas-Haus.
Von den erwähnten Kirchen und Klöstern bestehen mit Ausnahme der Hauptkirchcn die meisten nicht mehr. Die Salvator-Kirche wurde der griechisch-orthodoxen Gemeinde überlasten, nachdem sic vorübergehend, bis zur Errichtung der St. Matthäuökirche, der protestantischen Gemeinde gedient hatte. Die Franziskanerkirche stand an der Stelle, wo heute neben dem Nationaltheater die Maximilianstraße ihren Anfang nimmt. Das Haus der Englischen Fräulein wurde später als Polizeigebäude („Alte Polizei") verwendet. Die Garnisons- und Malteser-Ordenskirche ist die heutige St. Michaelskirche. Die Augustinerkirche wurde gelegentlich der Säkularisation aufgelassen, später in eine Mauthalle umgcwandelt und bildet jetzt ein mit Rücksicht auf seine städtcbildliche Wichtigkeit erhaltenes Anhängsel des Polizeigebäudes. Die Karmeliterkirche ist gegenwärtig Studienkirche des Erziehungsinstitutes Albertinum (Hollandeum). — Das Militärlazarett wurde 1887 in ein Gymnasialgcbäude (Luitpold-Gymnasium) umgewandelt.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Tod Karl Theodors und Regierungsantritt Max IV. Josephs
Lorenz Westenrieders Tagebuch, das dem bayerischen Geschichtsschreiber vielfach als Skizzenbuch für seine Aufsätze und Studien diente, ist eine Quelle zuverlässigster, dabei von persönlicher Anschauung erfüllter Berichterstattung über Münchner Ereignisse und Begebenheiten. Ihm sind die folgenden Ausschreibungen entnommen:
1799. Den lö.Äornung, welches ein Samstag war, wurde vormittags der Kurfürst für merklich besser ausgegeben, aber um halb zwei Uhr befiel ihn wiederholter Schlag, und er griff in die letzten Züge. Die Tore wurden sogleich wieder geschlossen. Die Ordonnanzen eilten durch die Gassen, und alle Einwohner kamen in Bewegung. Alle Fenster wurden geöffnet, und es war eine allgemeine lautere Frage, ob es bald vorüber sein würde. Ich ging nach Los und erwartete den Ausgang im Lerkulessaal, durch welchen bereits alle Minister, Generale, Geheime Räte nach den inneren Zimmern eilten. Im Lerkulessaal befanden sich mehrere Personen, die noch, ehe die Residenz geschlossen wurde, hierher gekommen waren und unaufhörlich durcheinander liefen und unablässig sich einander fragten, wie es mit dem Kurfürsten stehe. Trat jemand aus den inneren Zimmern, so wurde er sogleich umrungen und mit Fragen bestürmt. Es war ein seltsames und gräßliches Schauspiel. Im Residenzhof standen die Pferde der bayerischen Kuriere gesattelt, und vor dem Tor der Residenz saßen viele Ordonnanzen zu Pferd. Die Spannung, Anruhe und Erwartung machte jedem die Zeit länger, als sie war. Ich, der ich doch ganz still und einsiedlerisch in einem Winkel stand, wurde öfters gefragt, zu sagen, was ich wüßte, und öfters rannte man zu mir her und erzählte mir, wie es stehe, wobei sich die Person, die mich anredete, augenblicklich wieder entfernte. Endlich ein Viertel und sechs Minuten nach drei Ahr verschied Karl Theodor. Sogleich öffneten sich die großen Flügeltüren und die Kuriere und mit ihnen eine Menge anderer Leute stürzten im wilden Lauf heraus. Niemand sprach etwas, aber man sah, was es war. In diesem Augenblick fühlte ich mit Wehmut für den Verschiedenen; er war zwar ein schlimmer Regent, aber doch auch ein Mensch, und seine bösen Ratgeber und höllischen Mannheimer tragen wahrlich auch einen großen, vielleicht den größten Teil der Sünden, die er wider uns Bayern begangen hat. Man läutete bei den Theatinern, und die ganze Stadt fing endlich an, frei zu atmen; denn jedermann beklagte sich dieser Tage, daß man vor innerer Anruhe und vor Furcht und Kummer, daß es wieder besser gehen könnte, nicht essen, nicht schlafen und nichts denken könne.
Beim Eintritt des Max Joseph, den 30. Dezember 1777, zerfloß die ganze Stadt und die ganze Nation in Tränen. Leute frohlockte alles, und jeder wünschte dem andern Glück. Man erwartete mit Angeduld die Proklamation des neuen Kurfürsten Maximilian Joseph. Diese geschah vor der Residenz und in verschiedenen Gassen von 4y2 Ahr, bis es Nacht wurde, und das Jubelgeschrei und das Vivatrufen des Volks (nur bei der ersten Ausrufung vor der Residenz wurde geschwiegen) durchdrang die Wolken. Die Regimenter, die Dikasterianten wurden sogleich in die neue Pflicht genommen, und Boten und Posten gingen durch alle Tore. Am freudigsten ging es heute in den Wirtshäusern zu. Man hatte nur eine Gesinnung, und man zerstieß sich taumelnd die Gläser in den Länden, um selbe recht zu bekräftigen. Den Mannheimern, die man überlaut hohnneckte, war anders zumute. Die meisten verdienten's nicht besser, und sie haben uns seit 1777 arg genug mitgespielt.
Es ist höchst merkwürdig, daß den Kurfürsten der Schlag gerade an dem Abend und beim Spiel traf, nach welchem er ein Dekret unterschreiben sollte und auch unterschrieben haben würde, vermöge dessen fünfzehntausend Bayern an die Österreicher hätten überlassen werden sollen. Er starb, da er nicht mehr reden konnte, ohne Testament, und man versichert, daß er an gemünztem Gold und an Gold- und Silberstangen sechsundzwanzig Millionen hinterlassen habe.
Während seines viertägigen Kämpfens mit dem Tode erzählte man sich hier eine Menge Anekdoten, welche die allgemeine Verachtung und den bittersten Laß gegen ihn verrieten. Als man einem Bauern, der zum Tore hinaus wollte, zurief, daß das Tor gesperrt sei, schrie er: „Ihr Schuz! Vor einundzwanzig Jahren hättet ihr das Tor sperren sollen, damit er nicht hereingekommen wäre."
Ein anderer erzählte, man habe nach der Mutter Gottes im Lerzogspital geschickt und sie ersucht, nach Los zu kommen; sie habe aber geantwortet, sie könne nicht kommen, denn sie hätte keinen Rock mehr anzulegen. Das spielte auf die fünfzehn Millionen an, welche Karl Theodor vor kurzem von der Geistlichkeit gefordert hatte.
Den 20. Februar abends um 7 Ahr kam der Kurfürst Maximilian Joseph hier an. Der österreichische Erzherzog Karl hatte ihn in seinem Lauptquartier zu Friedberg prächtig empfangen und mit Stabsoffizieren und Lusaren begleiten lassen. InFriedberg waren auch Abgeordnete der Landschaft und der Stadt. Auch derLerzog Wilhelm war ihm schon den 19. entgegengereist. Da Maximilian mit dem Gefolge bei dem Tor ankam, entstand ein solches Iubelgeschrei, daß einige Pferde an seinem Wagen scheu wurden und über die Riemen oder Zugstricke schlugen, daher man Lalt machen und sie wieder auslösen mußte. Er fuhr nach der Burg, genannt Lerzog Max, vor welcher das Volk noch lange versammelt blieb, unaufhörlich jauchzte und Vivat Maximilian rief.
Lorenz von Westenrieder (1748—1829), den man einmal das Gewissen Bayerns nannte, vertritt Karl Theodor gegenüber ausgesprochcnermaßen den altbayerischen Standpunkt. Es war indessen teilweise auch Schuld der Münchner, daß sich der Kurfürst, der aus der geistig und gesellschaftlich freieren und regsameren Pfalz kam, in München nicht heimisch fühlen konnte und sich lieber mit seinen pfälzischen Landeskindern, den vielgehaßten „Mannheimern", umgab als mit Münchnern. Sein Plan, Bayern an Österreich zu verkaufen oder gegen anderes Land zu vertauschen, wurde von den bayerischen Patrioten unter der Führung der Herzogin Clemens und unter Mitwirkung Friedrichs II. von Preußen vereitelt.
Karl Theodor war geboren am II. Dezember 1724; seit 21. Dez. 1742 war er Kurfürst von der Pfalz, am 30. Dez. 1777, nach dem Aussterben der bayerischen Linie der Wittelsbacher, fiel ihm Bayern zu.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Fraunhofer
Lorenz Westenrieder schreibt in seinem Tagebuch: 1801. Den 21. Juli nachmittags um ein Uhr sind hier in dem kleinen Gäßchen, wo man von der Lauptwache herauf nach der Frauenkirche gehen kann, zwei Hinterhäuser, von denen eines repariert, aber nicht genug gestützt wurde, zusammengestürzt und haben einige Leute, welche in den Zimmern wohnten, unter ihrem Schutt begraben. Augenblicklich wurde von allen Seiten Anstalt getroffen, den Unglücklichen zu helfen: selbst der Kurfürst, welchem man es nach Nymphenburg meldete, kam sogleich; allein man konnte unmöglich augenblicklich allen Schutt wegräumen. Am sechs Uhr sah ich einen Buben von ungefähr 16 Jahren, den man soeben herausgezogen hatte, auf der Gasse nach Hause führen; er hatte beide Arme voll Blut und wankte sehr; er sagte, er hätte eine Frau, eine Spiegelmacherin, lange winseln gehört. Diese Frau wurde erst den 29. Juli tot aus dem Schutt gezogen.
Der Gerettete war Joseph Fraunhofer (1787—1824), der spätere berühmte Optiker und Erfinder des Fernrohrs, auf dessen Grabmal im Südlichen Friedhof das stolze Wort eingegraben steht: Approximavit sidera.
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Die Franzosen und der Galerieraub
Der Staatsmann und Galeriedirektor Joh. Christian von Männlich (1741—1822) läßt sich in seinen Lebenserinnerungen (ins Deutsche übertragen von Eugen Stolreither) folgendermaßen über die Münchner Franzosenzeit hören:
Im Frühjahr 1801 kamen die Franzosen so nahe an uns heran, daß der Los aus München flüchtete. Salabert, Montgelas, Rheinwald, der damals in hoher Gunst stand, unsere sämtlichen Generale und die meisten Hofleute folgten ihm nach. Man hatte einen Rat ernannt, der in Abwesenheit des Lerrschers dessen Geschäfte wahrnehmen sollte. Herr von Törring, Morawitzky, Cetto und einige andere bildeten ihn.
Endlich rückten die Franzosen in unsere Stadt ein. Da man ihnen keinerlei Widerstand entgegengesetzt hatte und ihr Kommandeur, der berühmte Moreau, die Disziplin aufrecht hielt, so ging dieser Einmarsch in aller Ruhe vor sich. Die Stärke des Leeres war jedoch so groß, daß wir von Einquartierung förmlich erdrückt wurden. Ich für meinen Teil bekam fünf Mann, obgleich meine kleine Wohnung kaum für mich und meine Dienstboten genügenden Raum bot.
Gleich am ersten Tage erlebte ich eine unangenehme Geschichte mit dem General Lecourbe. Er hatte sich die Paradegemächer, die sogenannten Kaiserzimmer, öffnen lassen und sich einige Gemälde aus deren Galerie ausgewählt, die man mich verhindert hatte, in Sicherheit zu bringen. Ich verweigerte ihm die Auslieferung, da ich dafür verantwortlich sei und keinen Befehl habe, darüber zu verfügen. „Nun, wer kann Ihnen denn den Befehl dazu geben?" — „Der Rat, der während der Abwesenheit des Kurfürsten regiert." — „Gut, sagen Sie diesem Rat: Ich wünsche diese Gemälde zu besitzen." Bei diesen Worten drehte er mir den Rücken und entfernte sich mit seinem Adjutanten. Tags darauf übermittelte ich die Antwort des Rates, daß er über das Eigentum des Kurfürsten zu verfügen nicht ermächtigt sei, dem Adjutanten, der die Bilder abholen sollte. Dieser fuhr mich wütend an: „Wissen Sie denn, daß ich den Befehl habe, sie mit Güte oder Gewalt zu nehmen? Wenn ich sie morgen nachmittag nicht von der Wand genommen vorfinde, werde ich sie durch
eine Grenadierkompanie zum General schaffen lassen." Dabei wandte er mir den Rücken gerade so wie sein General, dessen gebieterischen Ton er trefflich nachahmte.
Darob neueBeratung mit dem Ergebnis, sich beim kommandierenden General über den Divisionsgeneral zu beschweren. Die Antwort Moreaus kam durch den Überbringer der Beschwerdewiederzurück;sie war sehr höflich und lautete: „Da sich Lecourbe im Feindesland in seiner Handlungsweise im Recht glaube, die er weder verhindern, noch gutheißen könne, so rate er, den General zu befriedigen, um dadurch den Groll eines Heißsporns zuverhindern, der bei weitem schlimmere Folgen nach sich ziehen könne, als der Schaden sei. Im übrigen wäre er, soweit es von ihm abhänge, bereit, den Kurfürsten zu entschädigen. Die Herren möchten die von Lecourbe mitgenommenen Gemälde abschähen lassen und deren Wert an der Kriegskontribution der Stadt in Abrechnung bringen."
Man fügte sich der Notwendigkeit. Man ließ die Bilder in das erste Vorzimmer schaffen, aus Furcht vor einer weiteren Auslese des Generals. Die Abschätzung wurde gewissenhaft vorgenommen: der Kurfürst hätte wohl in keinem Falle den gleich hohen Preis fordern können. Der Bürger-General ließ sie pünktlich durch Grenadiere holen, die beim geringsten Widerstande alle Türen eingeschlagen hätten. Nach ihrem Abzüge glaubte ich die Sache erledigt und pries Gott, dabei so billig weggekommen zu sein. Denn im Grunde erlitten wir keinen großen Verlust. Der Geschmack des Generals bewies sein geringes Kunstverständnis.
Bald nach diesem Schrecken sollte mir ein anderer widerfahren, der weit verhängnisvoller war als der erste. Eines schönen Morgens betrat ein elegant gekleideter „Bürger" mit schöner, blonder Perücke ä la Titus mein Zimmer. Nachdem er mich gefragt hatte, ob ich der Direktor der kurfürstlichen Museen sei, fuhr er fort: „Ich bin Kommissär der Nheinarmee und habe im Auftrag der Republik unsere Museen durch die Ausbeute bei den besiegten Nationen zu bereichern, indem ich aus ihren reichen Sammlungen der Kunst und Wissenschaft eine Auswahl treffe." Zugleich überreichte er mir seine Vollmachten und den Befehl, die Siege der „Großen Armee" zu nützen, um durch Andenkenstücke von dauerndem Werte die Erinnerung an sie zu verewigen, wie man auch der Armee in Italien Meisterwerke der Kunst verdanke. Beim Durchlesen dieses Schriftstückes war ich bestürzt.
Der Kommissär bemerkte es und sagte zu mir: „Ich bedauere Sie, Bürger Direktor, ich empfinde mit Ihnen die Sorge, die Ihnen die Angelegenheit bereiten muß, und versetze mich in Ihre Lage. Beruhigen Sie sich indes: Sie werden in mir einen vernünftigen und mitfühlenden Mann finden I" Aus meinen Einwurf, daß ich der Ermächtigung des Rates dazu bedürfe, erwiderte er: „Führen Sie mich zu diesem Rat, und ich bürge Ihnen für seine Zustimmung. Es kann keine Schwierigkeiten zwischen dem Sieger und dem Besiegten geben: ersterer befiehlt, letzterer gehorcht, gutwillig oder mit Gewalt." Ich stellte also meinen Kommissär namens Neveu dem versammelten Rate vor, der
ihn, eingeschüchtert durch das brutale Vorgehen von Lecourbe, höflich empfing. Nachdem er diesen Lerren dargetan hatte, daß sich der Sieger das Recht erworben habe, dem Besiegten das Gesetz zu diktieren, sollten sie mir befehlen, ihn in unsere Museen, Bibliotheken und alle auf die Künste und Wissenschaften bezüglichen Sammlungen zu führen, damit er daraus wählen könne, was zur Vervollständigung und Bereicherung derer von Paris notwendig sei. Paris solle von nun an der gemeinsame Lerd der Aufklärung und Erkenntnis sein, dessen Licht und wohltätige Strahlen sich über die gesamte Erde ausbreiten und sie erleuchten werden. „Glauben Sie indes nicht, daß Sie die Republik durch dieses Opfer in die Finsternis der Unwissenheit stürzen will! Durchaus nicht! Sie ist damit einverstanden, daß ich nur unter dem Titel des Tausches in Ihren Sammlungen wähle, und wird Ihnen durch die Zentraldirektion der ftanzösischen Museen für das, was ich Ihnen nehme, Ersatz bieten."
Nach Prüfung der von Lucien Bonaparte gezeichneten Vollmachten Neveus gaben diese Lerren, die so triftigen Gründen nichts entgegenzusetzen fanden, in sichtlicher Verlegenheit nach und erteilten mir in aller Form den Auftrag, Lerrn Neveu in die Galerien und das Kabinett des Kurfürsten zu geleiten. Ich fteute mich, wenn auch wehmütigen Lerzens, meines Triumphes. Denn ich hatte vorausgesehen und dem Rate vorhergesagt, was uns nun begegnete. Schmerzlich gestimmt ließ ich die Kaiserzimmer aufschließen, wo noch alle Gemälde, mit Ausnahme der von Lecourbe entnommenen, an ihrem Platze hingen. Er war über ihre Schönheit verwundert und rief aus: „Wie zum Teufel haben es Ihre Lerzöge von Bayern sertiggebracht, so reiche Schätze anzuhäufen! Ich finde hier die verschwenderische Pracht unserer Könige."
Beim Betreten der Galerie machte ich ihn auf die Lücken aufmerksam, die Lecourbes brutales Vorgehen verursacht hatte. „Beschweren Sie sich darüber", sagte er zu mir. „Die Republik wird nicht billigen, daß er vor mir zu wählen gewagt hat; sie wird ihn veranlassen, sie der Sammlung zurückzuerstatten, und Sie werden wieder auf Ihre Rechnung kommen." Bei diesen Worten ließ er sich eine Leiter herbeiholen und schrieb mit Kreide auf drei umfangreiche Gemälde in großen Lettern „Republique Fran^aise". Es war ein Tintoretto, Roelant Savery und eine schöne Kopie von Rubens, die er für ein Original hielt. Als wir durch den Losgarteu nach der Galerie schritten, die ich geräumt zu finden hoffte, begegneten wir dem General Decaen, Richard und mehreren anderen, die mit ihren Frauen spazieren gingen. Sie wollten uns alle begleiten, um dem Kommissär beim Ausplündern behilftich zu sein. Wie groß war aber meine Überraschung, als ich sah, daß man kein einziges von den Bildern, die infolge der weisen Sparsamkeit unseres Rates zurückgeblieben waren, weder weggeschafft noch versteckt hatte. Dörner und Dillis, ebenso vertrauensselig auf die französische Loyalität wie der Rat, halten sich diese Mühe erspart und gaben die Gemälde dadurch der Labgier der Feindes preis.
Wie Harpyien warfen sich die Damen auf die Mappen, deren Inhalt man jedoch mit unseren Gemälden fortgeschafft hatte. Sie durchsuchten sie sämtlich, ohne etwas zu finden. Neveu zeichnete schleunigst den Namen seiner verhängnisv ollen „Republique" aus zehn Gemälde, und da es gerade die Stunde war, wo sie ihr Gabelfrühstück einzunehmen pflegten, so luden sie mich so dringlich dazu ein, daß ich Folge leisten mußte. Das Dejeuner oder vielmehr üppige Diner sand beim General statt, der im Lause des Grafen von Törring einquartiert war, und ging auf Kosten Seiner Exzellenz des Ministers. Die Damen schafften an und bestellten wie in einem Gasthose. Nach dem Kaffee zog ich vor, mich zu entfernen, schickte einen Eilboten nach Schleißheim (wohin wir alle am nächsten Tage gehen sollten), um die Bilder gegebenenfalls noch schnell zu verbergen, und verständigte Bischof Laeffelin von dem Besuche des Kommissärs, der in der Bibliothek Bücher und Landschristen auswählen wolle. Dieser kam in größter Verlegenheit: „Wie soll ich denn eine ganze Bibliothek verstecken?" sagte er zu mir. „Wem mich anvertrauen?"
„Retten Sie wenigstens das Kostbarste an Landschriften."
„Aber wo sie verbergen?"
„Unter Ihrem Bett!" erwiderte ich und ging zum Konzert im Redoutensaal, wo ich meinem Kommissär versprochen hatte, mich einzufinden. Da ich nichts durch Gewalt vermochte, so wollte ich wenigstens meinen Mann für mich gewinnen, um möglichst wenig Anheil von ihn: zu erfahren.
Abbé Pierre de Salabert, der vorher Prinzcnerzieher gewesen und später einflußreicher pfälzischer Staatsminister war, ist den Münchnern durch das für ihn von Karl von Fischer erbaute und nach ihm benannte Palais Salabert (später Prinz-Karl-Palais) am Eingang zum Englischen Garten bekannt.
Über Max Joseph Graf von Montgelas (1759—1838), den allmächtigen Minister Max Josephs, vergleiche die später folgenden Ausführungen K. H. v. Langs.
Joseph August Graf von Törring (1763—1826), Staatsministcr, auch als Dramatiker bekannt.
Theodor Graf von Morawitzky (1735—1810) war seit 1799 Kultusminister; später übernahm er das Justizministerium.
Jakob Dörner der Ältere (1741—1813), Maler in München, war 1765 alö Inspektor an die kurfürstliche Galerie berufen worden.
Johann Georg von Dillis (1759—1841) war ursprünglich Geistlicher, wandte sich dann der Kunst zu, war namentlich als Landschaftsmaler von Bedeutung und vom damaligen Kronprinzen Ludwig als künstlerischer Reisebegleiter erwählt. Als Galeriebeamter wurde er der erste Direktor der 1836 eröffneten Alten Pinakothek.
Kasimir Freiherr von Haeffelin (1737—1827) war erst Bibliothekar des Kurfürsten, seit 1803 bayerischer Gesandter am päpstlichen Stuhl und starb als Kardinal.
Die auS den von Frankreich besiegten Staaten weggeführten Kunstwerke wurden später im Müsse Napoleon vereinigt, aber nach dem Wiener Frieden von 1815 fast vollzählig wieder ausgeliefert. Auch München, das nach und nach zweiundsiebzig Gemälde abgegeben hatte, erhielt achtundzwanzig davon zurück, d. h. alle irgendwie wichtigen, mit Ausnahme eines Gemäldes von Rubens, das nach Lyon kam.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Kriegsschicksale im Herbst und Winter 1805
Aus den Tagebüchern Lorenz von Westenrieders
1805. Den 9. September. Vormittags entstand überall das Gerede, daß die Kaiserlichen aus dem Marsch nach München seien. Am zwölfAhr mittags wurden alle Wachen von den Bürgern beseht. Die hiesige Garnison bereitete sich zum Abzug. Am 1% Ahr nachmittags reiste der französische Gesandte ab. Alles war in einer seltsamen Spannung und reger Erwartung.
Den 13. September, an einem Freitag, kamen vor der Stadt die ersten österreichischen Truppen, Alanen und einige reitende Artillerie, hier an. Sie bezogen die äußere Isarkaserne. Es waren recht wackere, auserlesene Männer.
Den 14. September. Leute Samstag waren viele österreichische Offiziere von verschiedenen Monturen in der Stadt. Abends um sechs Ahr marschierten österreichische Grenadiere, etwa 500 Mann, in die Stadt auf den Platz und besetzten die Lauptwache, wo sie zugleich mit den Bürgerlichen Wache stehen. Auch das Karlstor besetzten sie. Die Leute wurden einquartiert. Es ging alles mit Stille und Wohlstand vorbei.
Den 15. September, am St.Peter-Kirchweihsonntag, marschierten um acht Ahr durch die Stadt einAlanenregiment,dannJnfanterie mitKanonen.Es waren bei 3000 Mann, lauter schöne, vortrefflich gekleidete Männer. Nach neun Ahr zogen wieder etliche tausend Mann Reiterei und Fußvolk mit Kanonen und Gepäck durch die Stadt.
Den 21. September, an einem Samstag, sind um halb sechs Ahr abends (ohne Paradierung der hiesigen Garnison, doch unter dem Geläut sämtlicher Glocken) Se. kais. Majestät Franz II. zu München angekommen und im Stürzerischen Wirtshaus abgestiegen. Aus der Post waren 36 Pferde bestellt.
Den 22.September, am Sonntag in der Früh um siebenAhr, ist der Kaiser durch die Kaufingerstraße wieder abgefahren. Es war ein einziger mit 6 Pferden bespannter Wagen. Einige Alanen, welche aber gleich wieder zurückkamen, begleiteten den Wagen durch die Stadt. Auch sind heute früh einige hundert Mann Fußvolk mit den Gepäckwagen durchgezogen. Am zwölf Ahr mittags zog ein Lusarenregiment durch die Stadt; bald darauf kam ein großer Zug Artilleriezeugwagen, neben welchen rechts und links Artilleristen gingen. Am vier Ahr kam ein Regiment zu Fuß, ungarischer Nation, mit Bauernwagen, welche die Schnappsäcke nachführen mußten. Mich dauerten diese und jene. Nach fünf Ahr marschierten zweimal Fußvölker durch.
Den 27. September. Am drei Ahr führten sie Bauernpferde durch, welche so ausgemergelt und entkräftet waren, daß sie alle Mühe hatten, die Füße und ihre
Totengerippe fortzuschleppen. Sämtliche Pferde gehörten dem Abdecker. Das sind wahrhaft sehr schlimme Vorzeichen und mathematische Zeichen eines zerrütteten Menschenverstandes! Wozu doch ein solcher Aufzug!
Den 7. Oktober. Leute um zehn Ahr zog ein ungarisches Grenzregiment, das aus großen, fürchterlichen Leuten bestand, durch. Es waren eine Menge Schützen, welche mit Spießen und Kugelstutzen versehen waren.
Den lO.Oktober. Leute war es in der Stadt sehr lebhaft, und alles schien im Rückzug begriffen zu sein. Man sagte, die Österreicher stünden am Nymphenburger Kanal, die Franzosen wären in Dachau. Man machte auch eine Menge Lieferungen hinaus an die Österreicher, an Brot, Bier usw.
Den 11. Oktober. Leute war wieder den ganzen Tag ein unaufhörliches, unruhiges Durcheinanderlaufen, Fahren, Reiten der österreichischen Truppen. Die Grenzsoldaten bettelten, nachdem sie kein Geld sowie fast keine Kleidung am Leibe hatten, in der Stadt vor den Läusem. Mich selbst bettelte einer an, indem er die Land gegen mich ausstreckte und sagte: „Einen Kreuzer!" Ich gab ihm mehr als einen. Abends, da es schon finster war, kamen beständig vom Neuhauser Tor herein Wagen durch die Stadt, welche von einem Bauen: geführt wurden und mit 6—8 Soldatett beladen waren. Dieses Fahren dauerte die ganze Nacht. Es schneite und regnete unaufhörlich seit dem 8. Oktober.
Am Morgen des 12. Oktober, am Maximilianstag (es war ein Samstag), war kein Österreicher mehr in der Stadt, und die Lauptwache und andere Wachen waren wieder von unfern Bürgern besetzt. Abrigens kann man den Österreichern das Zeugnis nicht versagen, daß sie sich seit ihrem Einmarsch, den 14. September, in der hiesigen Stadt, in der Stadt sage ich, bescheiden betragen haben, in der Rücksicht nämlich, daß sie dieVereinigung der bayerischen Truppen mit den französischen schon vernommen haben. Auf dem Lande machen es aber die Österreicher desto ärger, und diejenigen, welche sie ins Feld schickten, taten wahrhaftig alles, was man tun muß, wenn man sich die ganze Welt abgeneigt machen will.
Nach sieben Ahr sprengten bayerische Reiter, bei welchen der kommandierende bayerische General Wrede selbst war, aus die Lauptwache und sogleich den flüchtigen Österreichern nach. Es strömte augenblicklich unbeschreiblich viel Volk zusammen, von dem ich das Vivatrufen in der Ferne hörte, so wie ich den Dampf, in welchen die rauchenden Pferde eingehüllt waren, sah. Wrede stieg auf der Lauptwache ab und begrüßte die Leute. Die ganze Stadt war mit Jubel erfüllt.
Nachts acht Ahr kam das ganze Kürassierregiment, welches hier in Garnison gelegen war, auf dem Platz an, in Dampf verhüllt, aus welchem es kaum sichtbar wurde, als es wieder davon-, zum Isartor hinaussprengte. Der Limmel ertönte von Vivatrufen des freudigen und segnenden Volkes. Leute war kaum ein Bauer nach der
Schranne gekommen. Am neun Ahr führten französische Chasseure etwa 150 gefangene Österreicher der Kaserne beim Neuhauser Tor zu. Bald darauf sprengte ein Chevaux- legers-Bataillon der Ansrigen vom Neuhauser oder Karlstor herein, durch die Stadt, hinaus zum Isartor. Am halb zehn Ahr ritt durch das Schwabinger Tor herein ein französisches rotgekleidetes Kavallerieregiment über den Platz zum Isartor fort. Die ganze Stadt befindet sich in einer unbeschreiblichen Freude, und niemand merkt, daß der Schnee auf den Dach em liegt und daß es beständig Nebel reißt. Soeben wurde mir heute abend angesagt, daß eine allgemeine Stadtbeleuchtung sein werde. Nach zehn Ahr kamen durch das Karlstor einige bayerische Regimenter zu Fuß und marschierten durch das Isartor wieder fort, ohne auch nur eine Minute Lalt zu machen, und dies bei der allerschlimmsten Witterung und ganz und gar grundlosen Straßen. Am elf Ahr war alles wieder wie eine Erscheinung verschwunden, und nur unsere guten Wünsche waren bei den Truppen. In den Pfarrkirchen wurden feierliche Ämter und le veum laudamus gehalten. Von zwölf Ahr angefangen, kamen beständig neue Regimenter in der Stadt an, teils bayerische, teils französische; einige marschierten gleich wieder ab. Es waren alle Gassen mit Soldaten gefüllt, von welchen abends einige tausend in Quartiere verteilt wurden. Den ganzen Tag wurden gefangene Qsterreicher in die Stadt eingebracht. Der französische Marschall Bemadotte, welcher die französischen Truppen kommandiert, ist ebenfalls angekommen und logiert in der Residenz des Lerzogs Wilhelm von Birkenfeld.
Den 21., 22. und 23. Oktober wurden noch immer Quartiere ausgeteilt, so daß alle und jeder Einwohner der Stadt unter den größten Bedrängnissen seufzen und jammem. In und um die Stadt in einem Bezirk von 3—4 Stunden sind zuverlässig sechzigtausend Mann. Beständig wird Leu und Stroh und Getreide, das die Inhaber von Wiesen und Äckern unentgeltlich liefem müssen, zugeführt. Die Theatinerkirche ist zu einem Leumagazin benützt worden.
Den 24. Oktober. Leute abend nach sieben Ahr, da es schon sehr finster war, wurde in den Pfarrkirchen geläutet, und bald darauf kam der Kaiser Napoleon mit einem prächtigen Gefolge. Zu gleicher Zeit wurde die ganze Stadt beleuchtet und auf dem Lauptplatz Musik gemacht. Es war trockenes, aber sehr kaltes Wetter.
Den 26. Oktober. Leute mittag belustigte sich der Kaiser Napoleon mit einer kleinen Jagd, von welcher er um drei Ahr, während des Durchmarsches der Armee durch die Kaufingergasse, zurückkehrte. Er ritt, wie der einzige von einsamer Größe, in einen ganz einfachen Rock gekleidet, auf einem Schimmel voraus, und ihm folgte eine große Menge von Gold und Silber schimmernder Generale und dergleichen.
Den 29. Oktober. Leute vor halb zwölf Ahr mittags kam unser Kurfürst. Er wurde mit einem jubilierenden Vivatruf empfangen. Er stieg bei dem Tor, denk Lofgarten gegenüber, ab.
Den 31. Oktober. Es kamen heute wieder unaufhörlich neue Leute an, welche neue Quartiere verursachten. Diese Quartiere machten, daß sich alle Einwohner in der peinlichsten Anruhe, Sorge und Furcht befanden. Man getraute sich kaum, auszugehen, und ging mit Kummer nach Lause und näherte sich mit banger Angst seiner Laustüre, indem man fürchtete, Quartier anzutreffen. Wenn mit der Glocke geschellt wurde, erschrak man, und wenn man das Schreien eines Franzosen hörte, so wußte man nicht mehr, wohin man aus Beklemmung sich wenden sollte, zumal da kein Machthaber unter uns vorhanden war, der dem Anfug der Einquartierten Einhalt hätte tun können oder wollen.
Den 5. Dezember. Leute kamen, wie schon seit einigen Tagen, einzelne Partien an, welche zum Gefolge der Kaiserin Josephine gehörten. Nach vier zogen sämtliche hiesige Bürgermilizen in höchster Gala auf. Die Beleuchtung der Stadt, wozu überall eifrig Anstalten gemacht worden waren, fing mit der Abenddämmerung an, wurde aber, wo sie außer den Fenstern angebracht wurde, vom nassen Schwadenwind überall sehr benachteiligt. Am halb sieben kam die Kaiserin, von einer mäßigen französischen Garde, aber von der Stadtkavallerie und dem bayerischen neuerrichteten reitenden Jägerkorps begleitet. Sie saß, wie ihr unmittelbares Frauengefolge, in ihrem eigenen Reisewagen und nahm mithin die prächtigen Lofwagen, welche man ihr entgegengeschickt hatte, nicht an. Man läutete bei ihrem Einzug in den Pfarrkirchen.
Den 8. Dezember. Am Sonntag und Mariaempfängnistag wohnte die Kaiserin Josephine in der schönen Kapelle bei Los einer stillen Messe, welche der Can. Kreit- mayr las, bei. In der ordinären Loskapelle war der gewöhnliche Gottesdienst mit einem Lochamt, welchem ein französischer Lusar mit der Mühe auf dem Kopf zusah, da ihn, diesen Lümmel, der gesunde Menschenverstand hätte lehren sollen, wenigstens für den anwesenden Kurfürsten Achtung zu haben, wenn er auch für die Religionsgebräuche der Bayern keine Achtung bezeigen zu dürfen glaubte. Wie die Franzosen dieses dritte Mal, da sie seit 1796 in Bayern erscheinen, roher, gröber und anmaßender sind, so sind sie auch im Punkt der Religion ungezogen; es gingen schon mehrere mit bedecktem Kopf durch unsere Kirchen, und an eine Verbeugung bei der Konsekration ist gar nicht zu denken (von Ausnahmen ist die Rede nicht). Bei dem Lerrn von Werner Revisionsrat sel. war einer auf Kosten seiner Kasse im Quartier. Anter anderen köstlichen Gemälden, welche Lerr Werner hinterlassen hatte (er hatte eine vortreffliche Sammlung), war auch ein Familienstück, auf dem sich eine Nonne befand. Dieser stieß der einquartierte Franzose ein Loch durch den Lals, und einen herrlichen Christuskopf mußte man eilfertig von der Wand herabnehmen, weil er die Malerei mißhandelt haben würde.
Leute, den 26. Dezember, hat unsere Prinzessin eingewilligt, den Vizekönig Eugen von Italien, Sohn der Kaiserin und Stiefsohn des Kaisers, heiraten zu wollen.
Diese Prinzessin Augusta Amalia, eine Tochter Maximilians und Maria Wilhelmine Carolina (des Landgrafen von Lessen-Darmstadt Ludwig X. Tochter) wurde am 21. Juni 1788 geboren.
Den 30. Dezember. Leute mittag sagte ein Kurier den Kaiser Napoleon an; er kam aber erst um ein Ahr in der Nacht beim Schwabinger Tor herein.
Karl Philipp Fürst von Wrcde (1767—1838), Feldmarschall und Obcrstkommandierender der bayerischen Armee im napoleonischen Zeitalter, ein Kurpfälzer, war besonderer Günstling Napoleons und Max Josephs, einer der glücklichsten Carriöremacher seiner Zeit. Sein Feldhcrrntalent wurde, wie die von ihm verlorene Schlacht bei Hanau (1813) bewies, weit überschätzt. Sein politischer Einfluß in Bayern war neben dem Montgelas' bestimmend für die bayerischen Geschicke dieser Epoche.
Vizekönig Eugen von Italien: Eugene Beauharnais, Stiefsohn Napoleons, Sohn der Kaiserin Josephine aus ihrer Ehe mit dem Vicomte de BeauharnaiS. Nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrlichkeit verlieh der König von Bayern seinem Schwiegersohn, der sich als vortrefflicher Mensch in die schwierige politische Lage fand, das Fürstentum Eichstätt mit dem Titel eines Herzogs von Leuchtenberg. Eugene Beauharnais starb 1824 im 43. Lebensjahr. Der erwähnten Verlobung am 26. Dezember 1805 folgte die Vermählung am 14. Januar 1806. Die Ehe war überaus glücklich. Die Prinzessin starb 1851.
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Ausrufung Max Josephs zum König
Lorenz von Westenrieder berichtet über die Ausrufung des Königreichs Bayern:
1806. Den 1. Jänner (Mittwoch) um zehn Ahr wurde durch den Landesherold der Kurfürst Maximilian zum König von Bayern auf den Lauptplähen der Stadt ausgerufen. Der Äerold wurde von der bürgerlichen Kavallerie und ihren Trompetern, dann von Loftrompetern begleitet.
Nachmittags wurde von 3—4 Ahr in den Pfarrkirchen geläutet, und während dieser Stunde wurde auch mit Kanonen geschossen. Auf die Nacht wurde eine Beleuchtung augesagt, welche aber etwas ärmlich ausfiel, teils weil sie zu spät angesagt, teils weil mit der Ankündigung von der Ankunft französischer Truppen und sohin mit Einquartierung gedroht wurde.
Leute hing der Kaiser unserm Kronprinzen einen Degen um, mit den Worten: „Mein Sohn! Dieser Degen enthält feilte Kostbarkeit; allein mit diesem Degen habe ich in der Schlacht bei Austerlitz kommandiert. Erinnern Sie sich dessen und bedienen Sie sich desselben zur Verteidigung Ihrer Gerechtsanren und Ihres Vaterlandes".
Der Kronprinz Ludwig, späterer König Ludwig I., war geboren 1786, König seit 1825, dankte am 20. März 1848 ab, starb am 29. Februar 1868 zu Nizza. Aus seiner antisranzösischen Gesinnung und seiner Hoffnung auf eine Wiedergeburt Deutschlands hatte er nie ein Hehl gemacht. Daß der bayerische Kurfürst aus der Hand Napoleons die Königskrone erhielt, empfand er schmerzlich. Napoleon kannte die Gesinnung des Kronprinzen; desto beziehungöreicher sind die von Westenrieder überlieferten Worte.
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Wellenschläge des Tiroler Feldzuges
Den 12. Juli 1809 wurde wegen der neuen Siege der Franzosen über die Österreicher ein feierliches le Deum in der hiesigen Michaelskirche gehalten.
Den 15. August. Leute nacht wurde Graf Maximilian Arco, welcher von den
Tirolern erschossen wurde, nach dem Totenzimmer des äußeren Gottesackers gebracht; er wird den 17. abends fünf Ahr militärisch begraben.
Im vorigen Monat erschien eine Verordnung, welche enthielt, daß auch die Geistlichen bis zum zurückgelegten sechzigsten Jahre schuldig sein sollten, Soldatendienste zu machen. Da dieses vandalische Mandat, wie leicht zu erraten, von keinem Menschen gebilligt wurde, so erschien wieder eine Verfügung, daß man die persönlichen Dienste in Geldbeiträge verändern und mithin den präbendierten Geistlichen zumuten wollte, solche Beiträge zu leisten. Den 12. August erließ die Polizei ein Patent an die hiesigen Pfarrer und vermittels angesonnener Mitteilung an die sämtlichen hiesigen präbendierten Priester, daß sie auf der Polizei beim Polizeikommissär Roth sich stellen und wegen ihrer Geldbeiträge erklären sollten.
Den 25. August 1809. Leute sind aus Tirol ein paar Lände voll unserer Soldaten, Äberbleibsel von verschiedenen Regimentern, angekommen in einem erbärmlichen Zustand, mit zerrissenen Monturen, die meisten ohne Monturen, barfuß und ohne Lut, viele ohne Musketen. Diese angekommenen Soldaten waren in Tirol gefangen, dann von den Österreichern, als diese beim Eintritt des Waffenstillstandes aus Tirol zogen, mitgenommen und numehr losgelassen worden.
Den 29. Leute nach neun Ahr kam ein kleines Kommando französischer Reiter. Nach elf kamen sechzig Wagen alter, den Tirolern abgenommener Gewehre, welche von den Cordonisten begleitet wurden. Auch trugen sie voraus etwa sieben Fahnen, und auf dem ersten Wagen sah man große Knittel und Lanzen mit eisernen Spitzen.
Den 3. Oktober, an einem Dienstag, erhielt der König die Nachricht, daß der Friede geschloffen sei.
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König Max I. und Montgelas
Karl Leinrich Ritter von Lang, Direktor des von ihm geschaffenen bayerischen Reichsarchivs in München, einer der amüsantesten Spötter seiner Zeit, der die Dinge gerne auf seine Art ansah und daher nicht in allen Fällen unbedingt glaubwürdig ist, schreibt in seinen berühmten „Memoiren" über das Leben am bayerischen Königshof:
„Meine Audienz beim König fand in den nächsten Tagen statt, früh um sechs Ahr, in den königlichen Zimmem, die sich drei Treppen hoch unterm Dach befanden, indem die eigentliche königliche Wohnung zum Teil von der Königin eingenommen, zum Teil für die damals von allen Enden her reisenden Kaiser und Könige aufbewahrt wurde. Im Vorzimmer befand sich, in Ermangelung des diensttuenden Kammerherrn, der erst später herbeikam, ein großer Affe, der mich ziemlich gering- schähend anblickte und dann eifrig in seinem Geschäft des Flöhsuchens fortfuhr.
Diese Frühstunde war es, wo der bereits angekleidete König sein Frühstück nahm, das er mit einem großen Löwenhund teilte, hierauf von Lerrn Ringel sich die Aus- fertigungen zur Unterschrift vorlegen ließ, geringere zeremonielose Audienzen gab, hierauf vom Staatskassierer sein Taschengeld, täglich tausend Gulden, in Empfang nahm und vom Polizeidirektor die Geschichte des Tags und die Abenteuer der Nacht erfuhr. Dann ging es umher in den Gängen, im Stalle, auf der Schranne, wo die Höflinge Schwänke mit Bauern und Dirnen aufzuführen suchten.
Nach der Wiederkehr ins Schloß erfolgten militärische Rapporte und Aufwartungen und die schamlosesten Anbetteleien von allen Ständen, schriftlich und mündlich, so daß die tausend Gulden täglich meist schon in den Vormittagsstunden aufgeflogen waren; hierauf Besuch bei der Königin, die vor zehn Ahr nicht vom Bette erstand, dann bei den königlichen Töchtern, sodann diplomatische Vorstellungen und Empfang ftemder Herrschaften, und endlich ging's zur Tafel, welche aus Mangel an Aufsicht sehr schlecht bestellt war. Man tat sehr ängstlich wegen weiterer Anterhaltung bis zur Theaterzeit oder dem Hofkonzert, griff auch an andern Tagen zur Karte; um zehn Ahr eilte der König zu Bette. Da der König nichts las und keine besondere Liebhaberei für irgend einen Zweig der Künste oder Wissenschaften hegte, so wenig als für Jagd und Reiterei, dabei auch kein Schwelger oder Trinker war, so blieb es eine schwere Aufgabe für die Höflinge, den Tag mit Spazierengehen, Liebeleien, verkappten Hofnarren, Stadthistorien und Kleinigkeitskrämereien aller Art auszufüllen. Aus solcher Geschäftslosigkeit des Königs gingen dann auch viele üble Launen hervor, besonders wenn irgend etwas sich seinen schnellen Wünschen entgegenzustemmen schien. War er einmal gegen gewisse Personen, besonders wider Geschäftsleute, durch die Einblasungen seiner Amgebung eingenommen, so brach er nicht selten in Drohungen aus, diesen — kerlen 25 Prügel aufzählen zu lassen, welches zwar nicht stattfand, jedoch zur heftigen Kränkung der armen Beleidigten von den Höflingen überall schadenfroh ausgebreitet wurde. Auf diese Art galten Seiner Majestät der Staatsrat von Hazzi, der berühmte Advokat von Ehrne, in der Folge auch ich, überhaupt jeder, der sich etwas keck und selbständig darstellte, wenigstens als — kerl. Aberhaupt war in dem König eine gewisse Anlage zur Strenge nicht zu mißkennen, der es nur an Ausdauer fehlte, und die sich nicht selten in gewaltsamen Ausbrüchen äußerte. Gleichsam als besonderer Ehrenpunkt galt es, daß die Hofdamen und Kammerzofen, wenn sie schwanger wurden, was sozusagen unter die gewöhnlichen Zufälle gehörte, sich unter den höchsten Schutz flüchteten, wofür sie dann 60000 Gulden Ausstattung aus der Schuldentilgungskasse und einen Gardeoffizier zum Gemahl erhielten.
Die Leitung der Staatsangelegenheiten war unter solchen Amständen ausschließlich dem Grafen Montgelas überlassen. Der Neigung, sich je zuweilen in die Besetzung großer Staatsämter einzumischen, begegnete der Minister in der Art, daß er dem König alsbald mündlich dazu jemand vorschlug, von dem er wußte, daß er dem König über alles zuwider war. Indem nun der König sich mit allen Verwünschungen und Beteuerungen dagegen erklärte, rückte der Minister mit einem neuen, nicht minder mißfälligen Bewerber hervor und endlich, nachdem auch dieser verworfen war, und gleichsam nach langem Besinnen mit seinem eigenen Kandidaten, an dem aber der Minister selbst tausend Einwürfe und Ausstellungen machte. Dann rief der König, froh, die anderen Schreckensmänner abgewiesen zu haben, gewöhnlich triumphierend aus: „Nein! Nein! Den will Ich gerade haben, und Sie werden nun meinen Befehl zu vollziehen wissen." An der Tafel rühmte er sich dann: „Leute bin ich dem Patron, dem Montgelas, wieder recht durch den Sinn gefahren. Der hat mir zwei saubere Burschen einschwärzen wollen, aber ich habe ihn schon von weitem schleichen sehen und habe meinen Kopf aufgesetzt."
Der Graf Montgelas, von den günstigsten Umständen bei seinem Emporkommen geleitet, war anfänglich Privatsekretär des Zweibrücker Prinzen, dann dessen Ratgeber und Gefährte bei allem Mangel und Anglück und stieg endlich beim Sonnenschein zur Zeit des plötzlich seinem Lerrn angefallenen Kurfürstentums ohne Schwierigkeit zum Posten eines allgewaltigen Ministers empor. Wirklich hätte auch das Glück dem Könige nicht leicht einen verständigeren und ergebeneren Diener zuführen können. Er war ein Mann, wie ich mir einen Mazarin oder Richelieu denke. Seinen Plänen, seinen Anterhandlungen, seinem richtigen Ergreifen des Augenblicks hat Bayern seine Erhebung zu einer größeren selbständigen Macht und selbst den äußerlichen Schmuck einer königlichen Krone zu verdanken... Seine Bildung und sein ganzes Äußere waren altsranzösisch. Ein stark gepuderter Kopf, hell von Verstände, sprühende Augen, eine lange, hervorstehende, krumme Nase, ein großer, etwas spöttischer Mund gaben ihm ein mephistophelisches Ansehen, obgleich die kurzen Beinkleider und die galamäßigen, weißseidenen Strümpfe (anders erschien er nie), keinen Pferdefuß zu verstecken hatten. Kein Feind der sinnlichen Freuden und Genüsse, liebte er auch die Scherze und Gespräche der Tafel, weshalb er immer auch seine Gäste mit aus dem Künstler- und Gelehrtenstande wählte.
Der bayerischen Geschichte widmete er eine besondere Aufmerksamkeit, obwohl er sie im ganzen für unerfreulich und überhaupt München — ich gebrauche seinen eigenen Ausdruck — noch für eine sehr rohe Stadt hielt. Im Arbeiten wußte er ein Maß zu finden, haßte das pendantische Treiben und behandelte das Ministerium des Innern und der Finanzen, wo er, aufrichtig gesagt, nicht viel leistete, zu diplomatisch, das ist, er pausierte, lauerte und schlich auch hier und ließ darin den lieben Gott zu viel walten. Für Audienzen und Sollizitationen war er nicht alle Zeit gut zu erwischen, im ganzen aber für die Staatsdiener mild und nachsehend, oft bis ins Weite. Der Bescheid: Ich kann nichts tun, es dependiert alles von Seiner Majestät, galt
eigentlich als eine definitive abschlagende Entschließung. In bezug auf den Unterschied der Stände und der Vorrechte des Adels, das ist des hohen Adels — den papierenen, wenigstens den nicht begüterten, zog er gar nicht in Betracht —, waren seine Ansichten nicht unbefangen, doch verschloß er nirgends die Wege unbedingt.
Andere Stimmen über König Maximilian I. sollen das Bild des „Vater Max" vervollständigen und aufhellen.
Der Dichter Jean Paul (Richter) kam im Juni 1820 nach München und schrieb über seinen Empfang bei Lose unterm 13. Juni 1820 an seine Frau:
Ich war beim König, obwohl zur ungewöhnlichen Zeit, um zwölf Ahr. Bei ihm braucht man nichts von acht an bis zehn, als sich zu melden durch den Kammerdiener. Einen solchen weit offenen, gutmütigen, unbegehrlichen, anspruchslosen, hausväterlichen König hab ich mir nie gedacht. Als ich ihm sagte, er sehe gesünder aus als am Fronleichnamsfeste (am schönsten ist ein König zum erstenmal bei einem religiösen Feste zu sehen; ein knieender König predigt besser als ein aufrechter Prediger), sprach er wie ein Protestant gegen die katholischen Zeremonien. Sein Gesicht ist meinem ähnlich, hat aber noch weit mehr Reize. Seine Frau, sagt er, habe meine Büste, ob ich sie gesehen? Hierauf ließ er mich bei ihr anmelden, und ich sah sie im Salon. Sie ist nicht schön, aber scharfblickend, ruhig, ungeziert, ohne allen Stolz.
Der preußische Militärkommissar und Gouverneur der preußischen Prinzen, spätere General der Infanterie Ludwig I. A. Philipp Freiherr von Wolzogen (1773—1845) war in München und berichtet darüber in seinen „Memoiren":
Im Januar 1819 besuchte ich München, ward vom König außerordentlich gnädig ausgenommen und zur Familientafel eingeladen. Dabei machte er mir die Eröffnung, sein sehnlichster Wunsch gehe dahin, daß der Kronprinz von Preußen eine seiner Töchter heirate, dann würde er ruhig sterben. Er präsentierte sie mir hierauf mit den Worten: „Sehen Sie, ich bin ein vornehmer Mann, ich fahre mit Sechsen!" Von diesen sechs Prinzessinnen waren indes erst die beiden ältesten (Elisabeth und Amalie, Zwillingsschwestern) erwachsen, und der König sprach mir die Vermutung aus, daß der Kronprinz wohl die zweite von ihnen wählen möchte, wenn er sich überhaupt zu einer solchen Liaison entschlösse. Ich erwiderte ihm, daß ich, obwohl mir der Auftrag geworden sei, den Kronprinzen in der Kriegskunst zu unterrichten, nicht aber die ars amandi mit ihm zu traktieren, dem ungeachtet nicht ermangeln würde, ihm den Wunsch Seiner Majestät kundzutun.
Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, als König Friedrich Wilhelm IV., vermählte sich tatsächlich am 29. November 1823 mit einer Tochter Maximilians, und zwar mit Elisabeth Ludovika, der am 13. November 1801 geborenen achten Tochter des Königs aus dessen zweiter Ehe.
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Industrie im alten München
Christian Müller ließ in den Jahren 1816—1817 ein gründliches Buch über die wirtschaftlichen, sozialen uiid kulturellen Verhältnisse in Müiichen erscheinen, in dein er sich über die Anfänge der Industrie in München folgendermaßen vernehmen läßt:
Die letzten zehil Jahre (1806—1815) haben viel Merkwürdiges und Rühmenswertes eiitsiehen lassen. Es ist ein Geist rege gewordeii, der schoir sehr viel leistet und noch mehr für die Zukunft verspricht.
Senefelders lithographische Kunst ist — auch insoserne sie nur der Industrie mrd nicht der höheren Kunst angehört — eilte der wichtigsten und gemeinnützigsten Entdeckungen der neueren Zeit, welche in ihrer Wiege zu München auf einen sehr hohen Grad von Vollendung gediehen ist und fast überall ins tägliche Leben eingreift. Das mechanischoptische Institut von Reichenbach und Atzschncider läßt alle neueren Arbeiten, selbst die des britischen Auslands, hinter sich, und die größten Sternwarten Europas wünschen sich Glück, aus dieser Wcrkstätte bayerischer Kunst, die in Äerrn von Reichenbach
ihren Lerschel und Tollond besitzt, Teleskope und andere astronomische Instrumente zu beziehen, welche jetzt nur in München und sonst nirgends in solcher klassischen Vollkommenheit gefertigt werden. Die Gläser zu den astronomischen und mathematischen Instrumenten werden von Benediktbeuren, aus dem dortigen Institut Atzschneider und Fraunhofer geliefert. Für die Belebung der Industrie von München hat in älterer und neuerer Zeit niemand mit so viel Sinn, Kenntnis, Tätigkeit und Glück gearbeitet wie der verdienstvolle Geheime Rat Atzschneider, dessen eigene Fabriken und Gewerbe zu München und im Lande sich der höchsten Blüte erfreuen. Sein von Erfolg begünstigtes Beispiel hat den Münchnern sehr genützt und manches Vorurteil verdrängt.
Die K. Porzellanfabrik zu Nymphenburg liefert in diesem Augenblicke ausgezeichnete, schöne Arbeiten, die — wenn nicht in Linsicht des Materials — doch in Form und Malerei den besten dieser Art an die Seite gesetzt werden können. Ihre Niederlage zu München gewährt euren wahren Kunstgenuß. Dülken ist ein rühmlich bekannter Name für die Fabrikation der Fortepiano, die im In- und Ausland gesucht sind und häufig gekauft werden. Sautter verfertigt chirurgische Instrumente, welche den besten englischen gleichkommen. In der Sphäre der niederen Industrie finden wir in München weniger Ausgezeichnetes. Es befinden fich da: ein königlicher Kupferhammer und zwei königliche Eisenhämmer mit einer königlichen Eisenniederlage, eine große königliche Kattun- und Zizfabrik, zwei lyonische Spitzenfabriken, bedeutend, drei Möbelfabriken, unter welchen sich die Liltlsche auszeichnet, jedoch den Wiener Arbeiten noch nicht gleichkommt, vier Orgelmacher, zwei Geigenmacher, ein Fabrikant von musikalischen Blasinstrumenten, ein Waldhornmacher, zwei Papierfabriken, zwei Siegellackfabriken, drei Tabakfabriken, wovon zwei bedeutend, sechs Lederfabriken, unter welchen sich besonders die Atzschneiderische sehr durch ihren Am- sang, durch Behandlung und Güte ihrer Fabrikate auszeichnet, zwei Wagenfabriken, zwei Pulvermühlen, eine bedeutende Gold- und Silberdrahtfabrik, vier Spielkartenfabriken, wovon eine vorzüglich ist, eine Farbenfabrik, eine Maschinenfabrik, eine Pinselfabrik, eine Barometer- und Thermometerfabrik und eine Steingutfabrik.
Ferner sind noch vorhanden: Sechs Büchsenmacher und Büchsenschäfter, eineBaum Wollmanufaktur, eine Landschuhfabrik, drei Lutfabriken, zwei Pottaschefabriken, drei Puder- undStärkefabriken, einePerlfabrik, eineRosogliobrennerei, zweiSeidenstrumpf- sabriken, zwei Brillenschleifereien, ein Edelsteinschneider, ein Fabrikant elastischer Arbeiten, zwei Spiegelsabriken, zwei Schokoladefabriken und eine Galanteriefabrik.
Alles übrige gehört zu den bürgerlichen Landwerken, unter denen nach Maßgabe des vorzüglichsten Erwerbszweiges — der Bierbrauerei — 60 Brauer mit 153 Bierwirten obenanstehen. Diesen schließen sich an: 64 Bäcker, 66 Metzger, 71 Leinweber, 107 Schneider, 69 Schuhmacher usw.
In dem noch nicht hinlänglich erregten Sinne für die Industrie bei den Münchnern, im Mangel an rohen fabriktauglichen Produkten und in dem Mangel an Wasserfracht suche ich die Haupthindernisse des Aufkommens und Allgemeinwerdens der Industrie. Indes hat sich in der neueren Zeit auch in dieser Linsicht vieles gehoben. Nicht alle Gewerbe treiben ihre Arbeiten mehr handwerksmäßig, manches Gewerbe ist zur kleinen Fabrik geworden, manches ist noch höher gestiegen.
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Mehr Licht für München!
Wiederum L. von Westenrieders Tagebüchern entnommen! sind folgende Sätze:
1807. 2.März. Leute wurden zum ersteirmal neue Laternen angezüildet, welche in Mitte der Kaufinger- und der innern Schwabingerstraße (also ilicht mehr an den Wäirden der Läufer) an Stricken, welche über die Gasse gezogen uild an den ent-gegeiigesetzten Läufern befestigt wurden, festgemacht wareir. Ill der gailzerr Kaufinger Gasse waren nur drei Laternen. Es war ein Bild des Zeitgeistes, voll elender Verlegenheit und Mangel an Licht, wo das Licht sein sollte.
9. März. Auf die neuen Laternen, welche niemandem gefielen, wurden folgende Verse gemacht:
Sie kosten viel und leuchten wenig,
Sie sind auch von Schlampampen her.
Drum, lieber, guter König,
Mach sie zu Akademiker!
Es wurden um diese Zeit zahlreiche „Ausländer", d. h. Norddeutsche, und unter ihnen vorwiegend Protestanten, mit vermeintlich großen Besoldungen als Mitglieder der Akadeinie nach München berufen, Vorläufer der späteren „Nordlichter".
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Die norddeutschen Gelehrten der Akademie
Der Bayer, wenn er seinen Acker oder sein Landwerk oder sein Amt redlich bestritten, will froh und heiter, ohne weitere Sorgen sein Leben genießen. Er geht dann in das Bierhaus oder ins Theater oder ins „Museum" und läßt sich's gut schmecken bei einem Gläschen Wein oder einem Journal und Roman, je nachdem sein Stand, und kümmert sich den Teufel nicht unr die Fortschritte in Kunst und Wissenschaft. Jetzt sind noch eine Menge Länder hinzugekommen, die wollen regiert werden, und es sind blutige Kriege zu führen, so daß vollends an Gelehrsamkeit gar nicht zu denken. Die Bayern hatten schon lange Bibliotheken, Akadeinien, Schulen, Zünfte voir Küllstlern, nirgends aber kam etwas Gescheites heraus. Jetzt tritt ein Minister — Montgelas — auf, dieser, der wie er urld mit ihm seine zahlreichen Freunde wähnen, der Nation so viel Gutes getan, will sie auch aufklären, um seinen Ruhm zu krönen. Der König wird beredet, uild ansehnliche Fonds siild zur Stiftung einer Akademie angewiesen. Aus dem gelehrteil Auslailde ruft man gelehrte Männer herbei, die, gut besoldet, als Aufklärer der einfältigen Nation auftreten, gewaltige Arlstalten machen und von ihrer Löhe herab alle Triebfedern in Bewegung sehen, um das dumme Völkchen mit Gewalt klug zu macheil. Dem Völkchen aber, das schon so viel aus seiilem Beutel zur Errichtung hat bezahlen müssen, gefällt dieser Lochmut der Ausländer gar nicht; es bildet bald Partei gegen seine Aufklärer uild schmäht so laut, daß ich einen sogenannten gebildeten Bayern eirlinal laut über Tisch von vierzig Narren, die sich zusammen eine Akademie ilennen, sprechen hörte. And jetzt, wie sieht es mit der Akademie selbst aus? In der philosophischen Klasse vegetieren Jacobi, Schelling, Baader und Weiller, alle vier mit vier verschiedeneil philosophischen Systemen nebenenlailder; das gibt also Kabalen uild Niederträchtigkeiten, die gar kein Eilde nehmen. Dabei ist der alte Jacobi doch auch ein trauriger Präsident, und durch seine niedrige Kriecherei lind seinen uilbegrenzten Lochmlit hat er schon den Laß aller auf sich gezogen. Im Theater sah ich einmal die „Kabale und Liebe" von Schiller geben.
und da der Major sagte: „und ich will es der ganzen Stadt erzählen, wie man Präsident wird", da entstand ein gewaltiges Applaudieren und ein wahres Jauchzen, das mehrere Minuten anhielt, so daß ich nicht begreifen kann, wie es jemand möglich wird, Präsident zu bleiben, wenn er das gehört. Jacobi blieb aber ruhig hinter dem Stuhle der Frau Minister stehen. Geht etwas Gutes aus der Anstalt hervor, so wird es nur durch den Kampf zwischen Akadenrie und Volk bewirkt; an sich ist das Ganze aber nur ein Pfropfreis, das man einem ihm fremdartigen Baume aufdringen will, der dieses aber nicht leidet, sondern einen giftigen Saft dem fremden Gaste entgegenschnellt. Doch diese meine individuelle Meinung habe ich nur Ihnen, als meinem Freunde, gesagt, indem ich weiß, daß Sie sie nur so aufnehmen und nicht weitersagen; urteilen kann und darf ich nicht über die Nation, die ich nur so wenig kenne. Anter den vielen Akademikern, die ich kennen lernte, war mir Schelling der interessanteste, obgleich er meiner Erwartung am wenigsten entsprach; ich dachte, einen Mann voll Lebhaftigkeit und feuriger Empfindung zu finden, und fand einen stillen, gesetzten, etwas einsilbiger:, derben Mamr. Schon sein Äußeres ist etwas abstoßend; das runde Gesicht mit dem breiten Munde und der stumpfen Nase, rrur durch eine hohe Stirn gehoben, errtspricht der Vorstellung gar nicht.
Friedrich Thiersch schreibt in einem Briefe vom 1. Mai 1810 an Lange:
Ansere Lage war diesen Winter über, zumal bei Abwesenheit des Loses, der höchsten Behörden und fast alles Militärs, äußerst bedenklich, denn Aretin und seine Genossen hatten ihre Sache zu der des Volkes und des Vaterlandes gegen Fremde gemacht, die den Einheimischen das Brot wegnähmen, für die großen Summen nichts täten, die Bayern verachteten und verfolgten, vor allen Dingen aber aus den Schulen die Religion verdrängten und das Luthertum einführten. Das alles wurde durch fast tägliche Pasquille und Kreuzpredigten selbst in Tavernen gehörig eingeprägt. Selbst Geistliche in der Kirche bei der Kinderlehre erlaubten sich in dieser Beziehung Lerzensergießungen, die das laute Murren des versammelten Volkes erregten. Man fühlte, daß jetzt oder nie der Zeitpunkt sei, uns durch das Volk in die Luft zu sprengen, da der politische Terrorismus seine Wirkung zu unserer Vertilgung versagt hatte. Die Gärung wuchs mit jedem Tag, denn der Vernünftigen sind auch in den höheren Ständen nur wenige, und in den bedenklichsten Zeiten wurde Niethammer, demLaupt- urheber des hereindringenden Luthertums, von guter Land geraten, auf seiner Lut zu sein, weil er ehestens leicht vom erbitterten Volk könne gesteinigt oder zerrissen werden. — In dieser Zeit ging ich immer bewaffnet aus; doch kann ich nicht eben sagen, daß mir besonders bang gewesen wäre, außer daß die Sorge und Traurigkeit der andern mich zuweilen verstimmte. Doch die drohenden Wetterwolken zogen allmählich vorüber; der König, der Kronprinz kam zurück, Militär rückte ein, die Lei- rat des französischen Kaisers brachte andere und ebenso naheliegende Ideen in dieKöpfe. Man hatte sich über unsere Sache ausgesprochen, und unsere Feinde, die schon so weit gewesen waren, nach Landshut zu schreiben: man möge dort nur den Aufstand beginnen und die Fremden fortschaffen, hier sei alles bereit, waren jetzt in die klägliche Notwendigkeit versetzt, ihre blinde Wut bloß in Pasquillen, die niemand mehr achtete, auszuschütten oder in Neckereien auszulassen. So wurden denn Jacobi und Feuerbach ähnliche Späße gespielt wie dem englischen Lord in London vor einiger Zeit: man schickte ihm Landwerker, Kutscher, Weiber, Gärtner zu einer bestimmten Zeit vor das Laus, so daß die Polizei sich darein legen mußte. Dieser Anfug aber gab der Sache eine nur für die Bosheit höchst traurige Wendung. Schon war den Leuten mit der Zeit die Besinnung über uns allmählich zurückgekehrt, und das üble Licht, in welchem Bayern bei dem Landet in auswärtigen Blättern erschien, das dadurch gekränkte Ehrgefühl der Bayern hatten den Anwillen noch mehr auf unsere Gegner gelenkt, eine Stimmung, die durch Trakasserien der obigen Art noch unterhalten wurde. Nun war es am Palmsonntag, eben da, wo sie durch den Lande! mit meiner Predigt ihren Frevel bis in unsere Kirche ausdehnten, als endlich die Nemesis aus den: höchsten Gipfel sie erreichte. An demselben Tage wurde nämlich der erwähnte Spuk in Feuerbachs Lause getrieben: Bauernweiber, Bediente, Landwerker usw., von Anbekannten bestellt, meldeten sich mit tausenderlei Siebensachen, und zuletzt waren noch die Totenweiber gekommen, um den Lerrn Geheimen Staatsrat in den Sarg zu legen, der an einer Alteration gestorben sei. Lierdurch wurde der König, der schon früher bei Jacobis Beunruhigung dieser Art indigniert gewesen war, höchst entrüstet. Er ließ den Feuerbach, der des Iustizministers rechte Land und Chef des Iustizwesens ist, im Staatsrat aber durch seine große Geistesllberlegenheit beinahe gebietet, zu sich rufen, um ihn zu trösten, und hat dabei sich mit dem größten Zorn über die Buben und ihre Bübereien (Ausdrücke, die er dabei immer gebraucht hat) ergossen.
Durch die Säkularisation der Klöster und geistlichen Fürstentümer und durch die Mediatisierung der kleineren Reichsunmittelbaren und der Reichsstädte, durch die Angliederung Frankens und der — später wieder verlorenen — Länder Salzburg und Tirol war der Uinsang Bayerns beträchtlich erhöht worden.
Eine Akademie der Wiffenschaften besaß Bayern seit dem 28. März 1759; ihr Stifter war Kurfürst Max III. Joseph; ihre ersten Mitglieder waren Lori, Linprunn, Osterwald usw. Doch war die Auswirkung der Akademie bis zu ihrer Wiederbelebung durch Montgelas nur gering. Durch die Berufung neuer Akademiker im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts sollte München dafür entschädigt werden, daß es die im Jahre 1800 aus Ingolstadt wegverlegte Universität nicht erhalten hatte; sie kam zunächst nach Landöhut und erst 1826 nach München.
Friedrich Heinrich Jacobi, Philosoph, Freund Goethes, wurde 1743 in Düsseldorf als wittels- bachischer Untertan geboren; 1779 war er zuerst in München, 1804 kam er zum zweiten Male. Seit 1807 war er Präsident der Akademie und blieb es bis 1813; gestorben ist er 1819. Außer ihm wurden berufen der Numismatiker Schlichtegroll (1765—1822), seit 1807 Generalsekretär der Akademie und später Direktor der Hofbibliothek, und der Philolog Friedrich Jacobs, weiterhin Friedrich Wilhelm
Joseph von Schelling (1775—1854), der Philosoph und Pädagog I. F. Niethammer (1766—1848), späterer Oberkonsistorialrat, und der Historiker Professor F. Breyer. Alle diese Akademiker waren Protestanten und deshalb von der katholischen Münchner Bevölkerung gehaßt. Franz Xaver Baader (1765—1841), Philosoph, erst Oberbergrat, dann Universitätsprofessor, war Münchner und Katholik, ebenso der Philosoph und Pädagog Cajetan von Weiller (1762—1826), der seit 1809 Direktor aller staatlichen Lehranstalten und seit 1823 Generalsekretär der Akademie war. Die Brüder Adam Freiherr von Aretin (1769—1822) und Georg Freiherr von Aretin (1771—1843) waren hochkonservativ und galten als die Vorkämpfer des streitbaren Katholizismus.
Friedrich Wilhelm von Thiersch (1784—1860), Philolog, wurde erst 1809 nach München berufen und 1813 in die Akademie ausgenommen. Seine bedeutendste Wirksamkeit entfaltete er allerdings erst später als Vorkämpfer der philhellenischen Bewegung und entscheidend im Jahre 1848 als Rektor der Universität. Als führende Münchner Persönlichkeit erscheint er in späteren Kapiteln.
Paul Johann Anselm von Feuerbach (1775—1833), der berühmte Kriminalist, wurde 1805 berufen, sein Name war später in das Rätsel um Kaspar Hauser verwickelt; er starb als Regierungsdirektor in Ansbach.
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Protestanten
Westenrieder, sonst ein unbedingt aufgeklärter Mann, vertraut seinem Tagebuch folgende Ergüsse an:
1801. Es bekam der hiesige Magistrat von der Generallandesdirektion die Weisung, einen Protestanten, der eines hiesigen Weinwirts Gerechtigkeit gekauft hatte, als Bürger anzunehmen. Die Bürgerschaft berichtete den Fall an die hiesigen Landschaftsdeputierten, welche aber eine nichts entscheidende Antwort gaben.
Den 29. Juli schickte der Kurfürst an den Magistrat ein Landbillet, worin dem Magistrat mit vielen Drohungen auf den Weigerungsfall befohlen wurde, den Protestanten allsogleich als Bürger anzunehmen.
1809. Den 11. Januar paradierten die hiesigen Protestanten bei dem Leichenbegängnis des ....*) durch die Kaufingergasse: Voraus gingen die Begleiter; dann folgte die Leiche auf dem neuen, dem Polizeidiener Swobata gehörigen Wagen, neben welchem die gewöhnlichen sechs Träger mit Windlichtern gingen, und dann folgten zwei Kutschen. (Wiewohl seit 1800 schon sehr viele Leichenzüge der Protestanten gesehen wurden, so hatte doch dieser Zug etwas besonders Neues und Besitzergreifendes. Es war diesmal kein katholischer Priester mehr dabei, der sonst als Zeuge dabei sein mußte.)
Maximilian Joseph hatte in Erkenntnis der Forderungen der Zeit von Amberg auö unterm 10. Juni 1800 eine Erklärung erlassen, „daß bei Ansässigmachung in den oberen bayerischen Staaten die katholische Religion nicht ferner als wesentliches Bedingnis anzusehen sei." Trotzdem wurden von seiten des Magistrates der Hauptstadt immer wieder Einwände erhoben; wie man erklärte, nicht in der Absicht, „um mit fanatischer Unduldsamkeit fremde Religionsverwandte zu verfolgen, sondern unbefangen alle Umstände gegen die bisherige, in Bayern angenommene Landesverfassung den Ständen zur Kenntnis zu bringen und Belehrung zu erhalten."
Der „erste Protestant Münchens", d. h. der erste, der als Bürger und eine Gerechtsamkeit Ausübender ausgenommen werden mußte, war der aus Mannheim stammende Weinwirt Michel. Über ihn schrieb der Kurfürst am 29. Juli 1801 an den Magistrat: „Nach reifer Überlegung und mit der Gewißheit, daß das Recht auf Meiner Seite ist, befehle Ich dem Meinen Stadtmagistrat, spätest morgen abends 6 Uhr dem Handelsmann Michel aus Mannheim das Bürgerrecht zu erteilen, widrigenfalls Ich Mich genötigt sehen würde, die strengsten Mittel zu ergreifen."
Niemand in München wollte damals einen Protestanten beherbergen aus Angst, der Blitz möchte in das Haus einschlagen, in dem man einem Ketzer Gastfreundschaft gewährte .
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Mordversuch an Friedrich Thiersch
Friedrich Thiersch schreibt an seine Mutter unterm 28. März 1811 aus München:
Ich ging am 28. Februar gegen neun Ahr abends vom Präsidenten Jacobi nach Lause. Als ich in die kleine und einsame Gasse des Schulgebäudes, wo ich wohne, kam, ging vor mir einer meiner Kollegen, Professor Arban, mit einem Knaben, den er bei sich hatte, ebenfalls nach unserer Laustür. Er war bereits durch dieselbe in das Laus getreten und im Begriff, sie hinter sich wieder zu verschließen, als ich davor erschien und die Klinke drückte, um noch mit ihm zugleich hineinzukommen, ehe sich die Tür wieder schlösse. In dem Augenblicke, wo sich die Tür öffnete, fühlte ich im Nacken eine heftige Erschütterung, wie vom Schlage eines Lammers, die mich vor das Laus hinwarf. Im ersten Augenblick glaubte ich, es habe mir jemand im Vorbeigehen einen Nickfang gegeben, und rief: Mörder! Mörder! Ich sah noch den Kerl in einem dunklen Mantel entspringen und griff jetzt nach dem Nacken, wo ich einen fremden Körper fühlte und die Land voll Blut hatte. Weil ich den Lals noch frei bewegen konnte und auch noch bei vollkommener Besinnung war, schloß ich gleich, daß die Verletzung nicht gefährlich war, ließ jedoch, um nicht zu verbluten, den Dolch in der Wunde stecken und ging selbst, ohne fremde Lilfe, auf meine Stube, nachdem ich von den Leuten des Lausmeisters jemanden nach dem Chirurgen geschickt hatte. Meine Aufwärterin begegnete mir mit dem Licht auf der Treppe und kam außer sich vor Schrecken. Ich ließ mir den Stiefelknecht bringen, das Bett auf die Erde ausbreiten. Nachdem ich mich des Rockes und der Stiefeln entledigt hatte, schickte ich die Alte nach Niethammers, einer mir nahe wohnenden und bekannten Familie. Ich selbst aber legte mich auf das Bett, bis der Chirurg kam und mir den Dolch aus der Wunde zog und mich verband. Während dieses geschah, waren schon Niethammers und mehrere meiner Bekannten herbeigekommen, um Lilfe zu leisten; der Polizeidirektor kam, kurz darauf das Kriminalgericht, Soldaten von der Wache und dergleichen, um sich von dem an mir verübten Verbrechen vorläufig zu unterrichten. Noch denselben Abend war der Vorfall bei Lose dem König und den Ministern gemeldet. Der Dolch war durch den Lut und zwischen den Ohren in den Kopf gedrungen; ohne aber den Knochen zu durchstechen, war er daran hinabgefahren und im Fleische des Nackens sitzen geblieben, so daß die Länge der Wunde zwar zwei Zoll, ihre Tiefe aber an der untersten Stelle nicht über einen halben Zoll war und der Chirurg sogleich versicherte, es sei nicht die geringste Gefahr, und in zwölf Tagen könne alles vorüber sein. Der Kerl mag es freilich auf mein Leben abgesehen haben, aber er hatte, wie es scheint, darauf gerechnet, daß die Tür, wie gewöhnlich, ver- schlossen sein würde und er mir so, während ich stille stände, unr sie zu öffnen, den Dolch bequem in den Nacken stoßen könnte. Der Amstand, daß die Tür sich öffnete, raubte dem Stoße seine Kraft und gab ihm eine schräge Richtung; dieser sowohl, als daß ich in das dunkle Laus geriet und hier noch eine andere Person war, mag ihn wahrscheinlich außer Fassung gebracht haben, so daß er entsprang, ohne einmal den Dolch zurückzuziehen. Denselben Abend noch fand man eine Maske, die er abgerissen und von sich geworfen hatte. Ich selbst aber schlief, gut bewahrt, mehrere Stunden ganz ruhig. — Am anderen Morgen ließ ich mich in ein bequemeres Bett bringen; das Kriminalgericht kam, um nach meinen Aussagen seine Untersuchung einzurichten. In meinem Vorzimmer war es wie in dem Vorsaal eines Ministerpräsidenten; Geheime Staatsräte und Direktoren, alle von meiner Bekanntschaft, kamen, um sich persönlich nach mir zu erkundigen, und die ganze Stadt war von Gesprächen, Anwillen und Erbitterung über den Vorfall angefüllt. Nachmittags schrieb ich selbst an den König, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Attentat aus mein Leben nicht aus persönlichem Laß gegen mich gewagt worden sei, sondern daß es offenbar mit den früheren Anschlägen gegen uns Zusammenhänge, und daß man mich habe morden wollen, um die anderen zu erschrecken und zu verscheuchen. Das ist auch die Absicht, welche hier die herrschende geworden ist, da jedermann weiß, daß ich mit der ganzen Welt in Friede und Eintracht lebe und gar keinen persönlichen Feind habe. Drei Tage hatte ich unruhige Nächte und Fieber; am vierten Tage ward der Verband geöffnet. Die Wunde wurde von den Kriminalgerichtsärzten nach allen Richtungen untersucht, und nach dem neuen Verbände fühlte ich mich um vieles erleichtert. Der König hatte mir selbst seinen Leibchirurgen, den Lofrat Winter, zugeschickt, der mich täglich zweimal besuchte und sehr gut behandelt hat. Nach vierzehn Tagen fand sich, daß der Wunde eine Gegenöffnung gemacht werden mußte, um den Eiter unten abzuleiten, und nachdem diese Operation glücklich durch den Lofrat Winter war ausgeführt worden, ging ich meiner vollkommenen Genesung mit starken Schritten entgegen. Seit drei Tagen ist die Leitung, der Lauptsache nach, vorüber, und ich trage, wenn ich ausgehe, nur noch eine schwarze Binde, bis die Wunde vollkommen vernarbt ist. Während meiner Krankheit hat es mir nicht an Wartung und Pflege gefehlt. AlleLausmütter dermirbekanntenFamilien, besonders die Frau von Niethammer, sind um mich beschäftigt gewesen, haben mich beköstigt, mit allem versorgt und ihren Tee abends auf meiner Stube getrunken, um mich zu unterhalten und zu zerstreuen. Auch von ganz fremden Leuten habe ich Beweise der größten Teilnahme gefunden; der König hat sich täglich Nachricht von meinem Befinden bringen lassen, und ich hoffe, daß alles zu meinem Besten ausschlagen wird.
Die einsame Gaffe des Schulgebäudes (Ludwigs-Gymnasiums) ist die heutige Maxburgstraße.
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Theaterwesen unter Max I. Joseph
Auch im alten München hatte man über schlechte Theaterverhältnisse zu klagen. Christian Müller läßt sich über die Anzuträglichkeit des Theaterdoppelbetriebes im Loftheater — unter dem das heutige Nesidenztheater zu verstehen ist — und in dem 1811 eröffneten Theater vor dem Isartor mit folgender bewegten Klage vernehmen:
Anter dem Einsiusse des kunstliebenden Karl Theodor schwang sich das Münchner Loftheater anfangs zu einer Löhe auf, die das Schönste für die Folge erwarten ließ. Aber Schikane, Launezensur in ungeschickten Länden, Neckereien und grobe Mißgriffe trübten die letzte Periode des Theaters unter diesem Kurfürsten.
Die Negierung des jetzigen Regenten ließ ihren milden Genius auch über diesen Zweig des freudigeren Gesellschaftslebens walten und befreite die Bühne von allen den Fesseln, die sie niedergedrückt hatten.
Der durch seine schriftstellerischen Verdienste um das deutsche Theater schon rühmlich bekannte Babo kam nun als Kommissär zur Leitung des Loftheaters. Es blieb aber nur allzu kurz in seinen Länden. Seit vier Jahren steht das Theater unter einer Loftheaterintendanz. Der Staat unterstützt das Loftheater durch einen jährlichen Zuschuß von 52000 Gulden, übernimmt die Pensionen ausgedienter Schauspieler und besoldet, zum Dienst des Orchesters, die stark besetzte Lofkapelle. Die vor- ziiglichsten Sänger und Sängerinnen dieser Kapelle, gleichfalls besoldet aus dem Fonds der Lofmusik, dienen dem Theater sür sehr mäßige Gehalte, dem überdies die Abonnementsgelder für die Logen und die täglichen Einnahmen zur Disposition überlassen sind. Wenn eine Negierung die dramatische Kunst mit solcher Liberalität unterstützt, so erklärt sie dadurch doch wohl, daß sie das Gedeihen derselben wünscht, und die Verwaltung des Theaters in den Stand zu setzen strebt, das Erlesenste und Beste der Kunst aus eine all seinen äußeren und inneren Forderungen genügende Weise dem Publikum darstellen zu lassen, ohne dabei, um des Erwerbs willen, auf den verbildeten und ungebildeten Teil desselben rechnen zu müssen. Das Publikum Münchens, wenngleich groß genug, um viel sür das Theater tun zu können, ist gleichwohl von dem, was der Staat für das Beste desselben darbietet, viel zu gut unterrichtet, um wie die Bewohner Berlins und Wiens mit immer wechselnden
Forderungen und Launen das Beginnen der Theaterverwaltung zu stören, und diese steht daher in dem glücklichen Verhältnis, den Geist der Kunst freier durch ihr Institut wirken lassen zu können, als die Verwaltungen der Theater in jenen beiden größeren Residenzstädten.
Gleichwohl vermißt man den Geist, der über den Wert und die Würde eines dramatischen Institutes wachen sollte, zur Zeit ganz auf der hiesigen Bühne. Übereinstimmung der Darstellenden, die Seele des szenischen Spiels, findet man auf derselben fast nie. Neben einem Akteur, der in einer eminenten Deutlichkeit das Ziel seines Strebens zu suchen scheint, steht eine Aktrice, welche trotz der angestrengtesten Aufmerksamkeit kaum zu verstehen ist. Lier erfreut man sich eines gewandten, raschen, lebensvollen Vortrags, aber er wird vom gedehntesten und monotonsten unterbrochen, der je die Geduld der Zuhörer auf die Probe zu stellen vermag. Voll leidenschaftlichen Feuers, mit den Gesten des französischen Tragödienspielers, richtet ein junger Leid — über die Lampen des Proszeniums gebeugt — die Rede an die Zuschauer, welche der neben ihm steheirden Geliebten seinen Seelenzustand offenbaren soll, und wendet ihr nach derselben mit ineinander geschlagenen Armen den Rückerr zu. Sie antwortet ihm dagegen in einer preziösen, alle Worte betonenden urrd eben daher nichts ausdrückenden Manier, die oft unerträglich wird. Ein Mann aus dem höhererr Stande kniet in dem Lause eines der Ersten des Reiches auf einem Stuhl und wiegt sich mit diesem recht bequem vor- und rückwärts, wie man dies wohl behaglich in eurem Kaffeehause zu tun pflegt. Dergleichen Airbilden sind zur Gewohnheit geworden, weil keine Ein- urrd Umsicht über die Schauspieler rmd ihre Proben waltet. Eben daher wird des Zuhörers Ohr und Sürrr so oft durch die jämmerlichsten Sprachmrrichtigkeiten beleidigt, die das Lächerliche zum Widrigen gesellen. Rollen, welche nicht eben zu den ersten gehören, aber dessenungeachtet oft recht bedeutend sind, rverden talentlosen Anfängern oder ganz urrtauglichen Subjekten übertragen, die den guterr Eindruck natürlich verrrichten, deir die Lauptdarsteller wohl oft bewirken. Imrge Lerren von Ton und Welt, Liebhaber verkehren hier in Stiefeln und Pantalorrs. Irr die Zimmer luxuriöser Damen tritt der arrmelderrde Bediente in der Livree eines Stallknechtes, und die versammelreLausdienerschaft derLadyMilford oderdes Clavigo sieht so erbärmlich und buntscheckig aus, daß sie gewiß keinen Begriff von dem glänzenden Verhältnis ihrer Lerrschaft gibt. Zimmer- und Saaldekorationen sind so veraltet, daß man die ursprünglichen Farben daran nicht mehr erkennen kann. Man muß die Vorstellungen von Wallensteins Lager, von Fiesco, von Egmont auf dieser Lofbühne gesehen haben, um überzeugt zu werden, wie wenig die Direktion derselben die Werke der ersten dramatischen Dichter achtet. Denn nicht aus Unzulänglichkeit des darstellenden Personals, sondern aus der zweckwidrigsten Anstellung desselben entsteht das gerechte Mißbehagen, welches bei diesen Schauspielen alle
Zuschauer ergreifen muß. Zur Ehre dieses Personals darf man sagen, daß es in seiner Mitte denkende und würdige Künstler und Künstlerinnen, geübte, fleißige und aufstrebende Darsteller, soviel wie jede andere gute Bühne, zählt; aber wer sorgt für ihre Tätigkeit? Wer führt sie in und mit dem Geiste ihrer Zeit fort? Wer knüpft und ordnet das Band bei ihrem gemeinsamen Streben?
In dramatischen Novitäten bleibt man hier gegen alle angesehenen Bühnen Deutschlands zurück. Kein Manuskript wird angekaust, zu so niedrigen Preisen es sich auch darbieten mag; man wartet ab, bis es nach einigen Jahren im Buchhandel erscheint. And doch sind solche leichte Erscheinungen nicht für die Ewigkeit geschrieben; sie entstehen und ergötzen zum Teil nur durch die Anklänge der Zeit, in welcher sie entstanden. Indem ich dieses schreibe, zähle ich aus dem Gedächtnis allein zehn neue Kohebuesche Schauspiele auf, deren ich in Tageblättern erwähnt gefunden, und welche das hiesige Theater noch nicht gegeben, wozu keines der geringfügigeren aus den dramatischen Almanachen dieses Schriftstellers gerechnet ist. Schauspieler und Schauspielerinnen, welche die Zierde und Stütze des Theaters sind, sieht rnan in halber, ja in ganzer Jahresfrist in keiner neuen, bedeutenden Rolle auftreten. Ist das Sorgfalt für Talent? Ist das Laushalt in ihm? Ist es ein Wunder, wenn der Fleiß und das freudige Emporstreben erkaltet, das ungeübte und nicht genug beachtete Talent rückwärts schreitet und das Gesamtbemühen die Spuren des Kaltsinnes trägt? Das gebildete Publikum, welches seit vier Jahren Zeuge des Verfalls des Loftheaters gewesen, ist bis zur höchsten Gleichgültigkeit gegen dasselbe herabgestimmt. Man klagt nicht mehr über die Theaterverwaltung, man wünscht, man hofft nichts mehr von ihr; sie ist ein Gegenstand des allgemeinen Witzes, der sich um so bitterer äußert, da bei den reichsten Lilfsquellen und trotz der Armseligkeit ihrer Leistungen dennoch ihre großen ökonomischen Verlegenheiten und sonstigen hinderlichen Reibungen stadtkundig geworden sind. Die große Oper leistet noch viel Erfreuliches. Ausgezeichnete Sänger und Sängerinnen stehen bei ihren Produktionen unabhängiger vom Ensemble da als die guten Darsteller im rezitierenden Schauspiel; ihre Wirkungen werden von sachkundigen Direktoren geleitet, von einem vortrefflichen Orchester unter- stiiht und können also die allgemeinste Beachtung weniger verfehlen. Märsche, Züge, Bewegungen der stummen Personen werden von den Tänzenr, nach der Anweisung eines einsichtsvollen Ballettmeisters, ausgeführt. Der Einfluß der Theaterverwaltung versichtbart sich nur in mangelhaften Dekorationen, im nachlässigen Kostüm des Eirsenrbles mrd leider auch im Chor, der, da das Personal desselben nicht angestellt, sondern nur für die einzelnen Vorstellungen und die dazu gehörigen Proben gedungen ist, sehr dürftig und nicht genugsam eingeübt erscheint.
Nach dieser Schilderung des königlichen Loftheaters, die ein treuer Nachklang der Meinung aller Klassen des Münchner Publikums ist, fragt es sich: durch welche
Umstände konnte die Verwaltung eines Kunstinstituts verleitet werden, das Interesse für dasselbe und für seinen eigenen Ruhm so ganz aus den Augen zu verlieren?
Kurz nach Einsetzung der jetzigen Loftheaterintendanz wurde derselben erlaubt, ein neues Schauspielhaus am Isartor zu erbauen. Dies Theater war bald sehr geschmackvoll hergestellt und wurde im Oktober 1811, als Privatunternehmung des gegenwärtigen Loftheaterintendanten, jedoch unter dem Namen: Königliches Theater am Isartor eröffnet. Das darstellende Personal für diese Unternehmung lieferte teils die Gesellschaft eines schon früher bestandenen Vorstadttheaters, welches ein Jahr vorher abgebrannt war, teils wurden einige Anfänger dabei angestellt, teils verpflichtete der Unternehmer mehrere Mitglieder des Poftheaters, gegen geringe Gratifikation an den Darstellungen im neuen Theater teilzunehmen, die mit allem äußeren Reiz an schönen und prächtigen Dekorationen, an neuer geschmackvoller und glänzender Garderobe, an eleganten Mobilien und Requisiten ausgestattet, ganz auf die Schaulust des großen Laufens berechnet wurden.
Der königliche Los interessierte sich für dieses neue Etablissement. Ein geschmackvoll eingerichteter und verzierter Salon im Amphitheater, der in die große Loge des Loses führt, gewährt die freie Ansicht der Bühne, und hier nehmen die königlichen Personen ohne große Zerenronien die huldigenden Begrüßungen aller hoffähigen Personen an. Schon dieser Umstand erfüllt das Laus mit einem erfreulichen Schimmer und bewirkt an solchen Tagen das Zuströmen des Publikums zu dem bunten Schauspiel. Wenn man bei diesem auch oft Gediegenheit des Gehalts und artistische Darstellung vermißt, so findet man doch das spielende Personal sorgfältig eingeübt, vorzüglich aber niedrigkomische Stücke, bei denen das Lokalkolorit das größte Verdienst ist, durch ausgezeichnetes Talent glücklich hervorgehoben. Das Statistenwesen ist dabei sehr wohl geordnet und alles, was die äußeren Sinne berührt, auf das glänzendste und mit Präzision ausgeführt. So hat hier Salomons Urteil und der Fleischhauer von Oedenburg, Abrahams Opfer und der Zwirnhändler in Wien, der Lorbeerkranz und Evakathel und Schnudi, Graf Waltron, die Wiener Bürger und Staberls Lochzeit, Moses Errettung und der Tiroler Wastel, der große Bandit Abällino und die Milchschwestern, der Wald bei Lermannstadt und die Kreuzerkomödie, Ledwig, die Banditenbraut, und das Donauweibchen, die Kreuzfahrer, das Kätchen von Leilbronn und der Brand von Moskau, die kluge Frau im Walde, das beleuchtete Kreuz in der Peterskirche, die Zimmerherren in Wien, der bayerische Grenadier und die Wallfahrt nach der Königsgruft, ja selbst das Leiden Christi, nach berühmten Gemälden von lebendigen Personen dargestellt, das Publikum in vielfältigen, prunkenden und burlesken Darstellungen an sich gezogen. Das Loftheater, trotz manchem eigentümlichen Talente seiner Künstler, mußte, entblößt von äußerem Glanz, vernachlässigt imEnsemble, mit seinem veralteten Repertorium gegen das Streben
dieser neuen Bühne nach dem Auffallenden,Schimmernden und Ergötzlichen bald gegen dieselbe das Ansehen eines alten, abgegriffenen Siegwarts zwischen einer Sammlung neuester Almanache annehmen. Erwägt man noch, daß die Lofschauspieler, welche gegen geringe Gratifikationen ihre Tätigkeit dem neuen Theater verpflichtet haben, weit mehr für dieses, als für das sie besoldende Lostheater verwendet werden, daß bei den Produktionen desselben daher bedeutende Kräfte verloren gehen, ferner daß die für das neue Theater angestellten Personen sehr kärgliche Besoldungen aus der Kasse desselben beziehen, aber, da man sie bisweilen zur Aushilfe für die Vorstellungen des Lostheaters zu gebrauchen beliebt, durch bestimmte und unbestinunte Gratifikationen aus der Lof-theaterkasse ökonomisch zufriedengestellt werden, daß vielfältige Massen aus der Lof-theatergarderobe für die Bekleidung des Ensembles des neuen Theaters verbraucht wurden, so wird es bis zur Evidenz deutlich, wie sehr die Verwaltung des Loftheaters inartistischer und ökononnscherBeziehungdurchdiesePrivatunternehmung belästigt wird.
Das Theater vor dem Asartor, daö als Gebäude heute noch besteht, lange Zeit als städtische Leihanstalt Verwendung fand und jetzt als Lichtspielhaus dient, erbaute Oberbaudirektor d'Herigoyen als Volkstheater, besten Leitung der Intendant Delamotte übernahm, der wenig verdiente Nachfolger des ausgezeichneten Intendanten Joseph MariuS von Babo (1756—1822), der 1810 die Direktion der Hofbühne niedergelegt hatte. Zum heutigen Nationaltheater wurde 1811 der Grundstein gelegt. Nach den Plänen Karl von Fischers wurde es in den Jahren 1812—1818 erbaut und am 12. Oktober 1818 eröffnet. Aber schon am 14. Januar 1823 legte ein Brand daö HauS in Asche. Nun wurde, da Fischer inzwischen gestorben war, Leo Klenze berufen, das Haus wieder aufzubauen, und am 2. Januar 1825 konnte es wieder eröffnet werden. Am gleichen Jahre wurde das Theater am Asartor, wo zuletzt der Hofschauspieler Carl als Direktor gewirkt und wo die Finanzverhältnisse sich immer verwirrter gestaltet hatten, geschlossen. Fortan übernahm wieder Schwaigers Lipperltheater die Rolle der Münchner Volksbühne, bis 1865 daö Gärtnerplatztheater als Volkstheater in die Erscheinung trat.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Wie ein junger Akademiker im Jahre 1807 in München lebte
Der berühmte Schlachtenmaler Albrecht Adam (1786—1862) schreibt in seiner Selbstbiographie, die H. Holland 1886 aus dem Nachlaß herausgab, über sein Leben in München als junger Kunstbeflissener:
Damals und so lange mein Aufenthalt in München währte, wohnte ich in einem aus Riegelwänden erbauten Gartenhäuschen, das nach drei Himmelsgegenden Fenster hatte. Ein aus leichten Brettern gezimmertes Stiegenhaus, bei welchem durch viele Spalten der Wind hereinblies, war mein Schlasgemach, in dem ich, um ein reines Zimmer zumMalen zu haben. Sommerund Winter,selbstbei derstrengstenKälte,schlief.
Zur Befriedigung der nötigen Lebensbedürfnisse brauchte ich samt meinem Gesellschafter, einem treuen Pudel, die Lausmiete nicht mit eingerechnet, täglich 24 Kreuzer. Dabei war ich so gesund, sah so blühend aus und hatte eine solche Leiterkeit des Gemütes, daß sie oft bis zum Mutwillen überging und meine Freunde oftmals sagten: „Wir wollen nur sehen, wenn du einmal gescheit wirst". Auf solche Weise verlebte ich in München unbeschreiblich glückliche Tage.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Mangelnde Geselligkeit und Gastlichkeit
Christian Müller, der scharfe und gute Beobachter, spricht sich über das gesellige Leben im München des Jahres 1816 folgendermaßen aus:
Ich glaube nicht unrecht zu haben, wenn ich das gesellige Leben der Münchner im ganzen nicht preise. Es hat etwas Trockenes, Einförmiges, Kaltes und Angraziöses, was nicht wohl tut. Schöne Geselligkeit und Freudigkeit ist ja überhaupt keiner von den Volkscharakterzügen im bayerischen Flachlande. Es kommt mir vor, als sei diese Erscheinung in München nicht schwer zu erklären. Was kann aus der Vernachlässigung äußerer Formen, aus Trockenheit, Bequemlichkeit und Kälte des Gefühls von Seiten der Männer und aus dem Mangel an Gemüts- und Geistesbildung, aus dem hämischen Intoleranzsinne und der allzugroßen Nachsicht von Seiten der Frauen, Schönes und Erfreuliches für das gesellige Leben entstehen?
Das mehr und minder Angenehme richtet sich nach dem Verhältnisse dieser Züge zueinander. Sind sie stark ausgeprägt, so trauert der Genius der Geselligkeit, sind
sie durch sorgfältigere Erziehung, durch glückliche natürliche Anlagen und erhebenden Amgang weniger schreiend oder gar verwischt, so werden die Grazien gern in dem Kreise verweilen.
So findet auch hier Stufenfolge statt, und zwischen dem reinen, wärmenden Sonnenlichte und der barbarischen, kalten Nacht sieht der Beobachter eine Menge Schattierungen und Gradationen.
Auch den Sinn der Gastfreundschaft haben die Münchner noch nicht richtig und menschlich genug erfaßt. Die Meisten halten Gastlichkeit und Gastereien für gleichbedeutend. Während sie die letzteren aus hundert sehr guten Gründen scheuen und vernreiden, erdrücken sie die schöne Tugend, die doch nicht an Bankette gebunden ist, um fteudig und beseligend aus dem Leben ins Leben zu wirken. Kundert gesellige Vereinigungen, so viele fteundliche Annäherungen von guten Familien, so manche Lust, Liebe und Freude unterbleibt, weil man die Kosten scheut, die damit verbunden sein sollen. Die fremden Familien, die im Raume von zehn bis zwölf Jahren nach München gezogen sind und sich da festgesetzt haben, können als Beispiel dienen, wie wenig die Gastfteundschast Aufwand will. Sie sehen fast alle Abend Gesellschaft bei sich, man kommt, man geht nach Lust, und der Aufwand einer Tasse Tee und eines Butterbrotes sind die ganzen Kosten für einen Gast. Die schöne Sitte anderer Städte, besonders im hohen Norden, einen bestimmten Tag zu haben, wo man seine Freunde ohne wiederholte Einladung bei sich sieht, diese fteundliche Sitte haben meines Wissens in München nur vier große Läufer angenommen, wo aber die Gastlichkeit mit der Gasterei schon der Ehre des Lauses wegen eng verbunden ist. Dieselbe Gewohnheit könnten hundert Läuser des wohlhabenden Bürgerstandes annehmen und allen Luxus davon trennen, niemand würde sich darüber beklagen, niemand deswegen ausbleiben. And wie unendlich würde die Geselligkeit gerade durch Vereinigungen dieser Art gewinnen, jene wahre und schöne Geselligkeit, die große, geputzte Zirkel ohnehin gern meidet und sich am besten in kleinen, traulichen Vereinen gefällt, wo das Lerz sich auffchließen kann in Vertrauen, Liebe und Freude!
Daß sich des Abends Familien unerwartet besuchten, ohne sich vorher melden zu lassen und angenommen worden zu sein, daß sich nun traulich die Frauen und Mädchen zusammensetzten und über dieses und jenes kosten und schäkerten, daß die Männer nach Beendigung des gesellschaftlichen Prodromus — des Gesprächs über die Politik des Tages — sich in die Anterhaltung der Frauen mischten, daß daraus ein freund- liches Ganzes, durch Wohlwollen, Laune und Scherz gewürzt, entstände, ach, das erlebt man bei den eigentlichen Münchnern nicht und wird es wohl nie erleben, solange die Männer so bequem und trocken, die Frauen und Mädchen aber untereinander so feindselig sind!
Wolf - Ein Jahrhundert München
Der Maskenball im Hoftheater
Der Fasching fängt in den ersten Wochen des Januar an. Da rennen am Abend schon neckende Masken lärmend durch die Straßen. In allen Familien beginnt die Sorge und dre Arbeit der notwendigen Kleider und Maskenanzüge für den angebrochenen Fasching. Alles hat eine neue, belebende, aber auch nur diese einzige Beziehung erhalten. Die junge weibliche Welt treibt sich schon hüpfend in den Läden der Kaufleute herum, überall sieht man geheimnisvolle Mitteilungen, je geheimnisvoller, desto unwahrer, denn Betrug und Neckerei ist schon jetzt das herrschende Gesetz des Tages und der Nacht geworden. Alles fragt, alles beratet, alles hintergeht sich. Wahrer nur sind die Verabredungen zwischen beiden Geschlechtern, denn wie wichtig soll nicht beiden vereint die Maske werden! Wie vieles soll sie nicht verheimlichen und verbergen! Wie vieles ward nur bis hieher verschoben, was flüher ohne Fasching nicht sein konnte! Wie viele Löschungen, wie viele heiniliche Freuden sind nicht an die Maske geknüpft! Das goldene Zeitalter scheint, wenigstens für die Putzmacherinnen, wirklich zurückgekommen; nie hören sie mehr Beschwörungen, nie müssen sie mehr versprechen. Die zahlreichen Maskenverleiher öffnen in allen Straßen ihre bunten Läden. Gräßliche und liebliche Wachsgesichter schauen durch die Feilster, im Innern glänzen hundert Farben, Folie, Schmelz, Flitter uild Tressen, hier die streng verhüllende Kapuze neben dem verräterischen Tirolerkleidchen, dort der stolze Lelmbusch und Larnisch neben dem scheckigen Pulicinell und dem drollig-gravitätischen Türkerlhabit. Täglich mehren sich die Maskeil auf den Straßen. Der erste Maskenball im Loftheater gibt endlich das Signal zum Losbruch des allgemeinen Jubels, für den alles Bisherige nur Einleitung war.
Wo soll ich aber anfangen, um meinen Lesern und Leserinnen das tausendfache Leben eines solchen Balls zu beschreiben? In Norddeutschland kennt man nichts Ähnliches. Wer davon sprechen will, dem ergeht es wie dem Lomer mit seinen Schlachtenbeschreibungen: immer malt der alte Sänger nur einzelne Kämpfe. Auch ich kann nur im einzelnen zeichnen; das große bunte, lebenerfüllte Ganze muß gesehen, mit fleudigem Auge gesehen werden.
Der weite, durch Kronleuchter und tausend Logenkerzen taghell gelichtete Saal strotzt von sreudelustigeil Menschen. Alles muß maskiert sein, solange der Los in seinen Logen gegenwärtig ist. Seine Teiüiahme am Feste steigert den Frohsiml uild das lustige Treiben. Angeachtet, daß die Menge sich kaum iil ruhigem Schritte nebeneinailder bewegen und nur in schraubenförmigen Windungen forthelfen kann, so
ist es doch den Tanzomanen unmöglich, dem Reiz der guten Musik zu widerstehen, sie walzen daher mit wachsgesichteten Nymphen — so gut es unter vielfachem Anstößen gehen will — durch den Saal. Indessen scheint es mir doch weniger eigentliche Tanzlust als der gegenseitige Wunsch, schon recht bald und so früh als möglich in irgendein angenehmes Verhältnis mit jemand zu treten, das den ganzen Abend und die Nacht, ja oft selbst noch einige Tage nachher oder gar für den ganzen Karneval dauern soll. Der Tanz ist das unverfänglichste Mittel, in den langen Stillstandspausen und bei der nachfolgenden Promenade mit jemand traulich zu reden. Versäumt man die erste Stunde des Zusammenseins unter der Maske, so kommt später leicht ein trennendes Hindernis — sei es ein alter Freund vom vorigen Karneval, eure lästige Base oder sonst etwas Arges und Anheimliches — dazwischen, und die Freude liegt im Brunnen. Sind aber die Präliminarien zu einer längeren oder kürzeren Intrige schon unterzeichnet, so vermag keine Dazwischenkunft dritter Personen mehr zu schaden.
Wie fteut man sich über die vielen blühenden Mädchen- und Frauengestalten, die sich hier in herrlichem Kranze vereinigt finden; freilich ist noch unentschieden, was das griechische Wachsprofil verbirgt, ob ein brennendes Feuermal, eine Zahnlücke, eine Habichtsnase oder das entsprechende Gegenstück zu seiner äußeren Maskensorm, wofür immer eher zu wetten ist. Sehen wir hier die beiden Gärtnerinnen in weiß und blau mit den schalkhaften Hütchen, die über den niedlichen Köpfchen nur zu schweben scheinen wie Heiligenschein! Gibt es etwas Lieblicheres in weiblicher Form? Sie tragen Orangen, Mandeln, Rosinen und Feigen in zierlichen Körbchen und bieten mir fteundlich davon: mit gutmütiger Laune antworten sie mir, und als ich forschen will, verschwinden die lieblichen Gestalten in der treibenden Menge.
Zwei Herren aus dem siecle de Louis XV. treten süßschmunzelnd daher. Ihr breites habit fran^ais, himmelblau und rosenrot, ihre hohe Frisur nebst gehörigen Haarbeuteln, duftend von sieben mal siebenWohlgerüchen,und das zierlicheFranzösisch, das die beiden Masken miteinander im Charakter ihrer Rolle sprechen, kontrastiert drollig mit jenem Stutzer aus dem Jahre 1808 mit Brille, Lorgnette und knotigem Krummstab, der sich zwischen ihnen durchschiebt, und dessen glockentönende Ahrpetschafte ein Schlittenpserd anzukündigen scheinen. Dort verfolgt ein mutwilliger Matrose zwei Nonnen, die sich eben nicht zufällig in das Nebenzimmer zu flüchten scheinen.
Nun soll das Ballett erscheinen. Schon drückt sich alles. Jeder bemüht sich, das hingegebene Seil zu fassen und aus Kosten des Zurückstehenden den fteizulassenden Kreis zu erweitern. Allgemeines Getümmel, Drängen und Treiben, doch ohne Anordnung und Anmut. Tänzer und Tänzerinnen treten herein, und das Ballett geht vor sich. Demoiselle Pfeifer erfteut durch ihre reizende Grazie, Demoiselle Abel durch ihr schönes Aplomb. Wenn die erste, von einer Tänzergruppe leicht wie ein Gedanke emporgehoben, dem geliebten Königspaar einen Blütenstrauß in die Loge reicht, stürzt aus den menschenerfüllten Logen ein Blumenregen auf das Parterre herab, dessen Duft sich in das laute Beifalljauchzen der fröhlichen Menge mischt.
Darauf verschwindet der Tänzer Chor, und die Menge im Saal nimmt, freier aufatmend, den ihr mühsam und nicht ohne Widerstand entzogenen Raum wieder ein. Nun erneuert sich die freie Lust und Neckerei, bald mit mehr, bald mit minderer Grazie vergesellschaftet, aber fast nie mit störender Anart verbunden.
Mitternacht ist vorbei. Man geht in den Saal zur Seite und setzt sich an langer Tafel zum stärkenden Abendessen.
Die Maskenlust ist nun mit Ablegung der Maske der Eßlust gewichen und ihr untergeordnet worden. Indessen geschieht dies doch gewöhnlich nicht eher, als bis jene bergende Freundin vollständig ihre Dienste geleistet hat und nun unnötig geworden ist. Mit der Maske fällt auch der ganze Zauber des Maskentreibens. Jener Dame dort oben im schwarzen Kleide habe ich vorhin im Saale manches gesagt, was ich jetzt nicht wiederholen könnte. Sie antwortete mir drei Worte, an welche sie ihrer Nachbarschaft und ihrer abgelegten Maske wegen auch nicht durch das Entfernteste erinnert werden darf. Dort der weibliche Pulicinell, der sich — obgleich in Gesellschaft des feurigen Liebhabers — mit dem Flügel eines Indians viel zu tun macht, scheint mich jetzt nicht mehr zu kennen, obgleich er mir noch vor einer Viertelstunde eine Entdeckung machte und recht wohl wußte, wer ich war, was er jetzt vergessen haben muß, weil er sich scharf beobachtet weiß.
So herrschen jetzt wieder die alten Rollen des Bürgerlebens, das trauliche Du ist verklungen, und nur manchmal schießt hier und dort ein flüchtiger, verstohlener Blick über die lange Tafel, welcher noch die Maske angeht. Die wahren Masken- fteunde halten sich auch so kurz wie möglich bei dem Abendessen auf, um dann mit oder ohne Maske wieder in den Saal zu eilen. Sobald der Äof seine Loge verlassen hat, darf jedermann seine Maöke abnehmen, und nur die behalten sie bei, welche dadurch nicht verlieren wollen oder die sie zu ihren Zwecken nötig haben. Nach zwei Ahr endigt der Ball. Manche sind ganz im stillen schon früher — wer weiß wohin? — gefahren. Die Wagen rollen nun vor, und auch jetzt nimmt nicht jeder den Weg, auf dem er kam. Viele halten — es heißt, um sich gegen Erkältung zu schützen, — beim Einsteigen die Maske wieder vor; denn die neugierigen, forschenden Blicke, die gerne wissen möchten, wer in den traulichen, sicher bergenden Gewahrsam des verschlossenen Wagens zusammensteigt, sind allerdings noch gesährlicher, als der schneidende Ianuarwind, der wenigstens keine Zunge hat, und von dem man ja bekanntlich auch nicht weiß, wohin er fährt.
Aus: Christian Müller, „München unter König Maximilian Joseph I.".
Auch hier ist unter dem Hoftheatcr das heutige Residenztheater zu verstehen.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Die Sommerdult um 1810
Die Münchener Sommerdult (Messe) ist eine eigene Lustepoche für die Einwohner. Wenn gutes Wetter sie begünstigt, so entsteht eine Art von Faschingswesen, dem nur die Masken fehlen. Der Dultplatz und die dahin führenden Straßen fassen eine Menge Personen aus den höheren Ständen, die von einer sonst ungewöhnlichen Spazierlust hin und her an den bunten Budenreihen getrieben werden.
Der Reiz der Luxuswaren zieht Frauen und Mädchen in zahlreichen Gruppen aus ihren Gemächern nach dem Dultplatze. Die elegante Menge strömt ab und zu. Die Modeneuigkeiten geben vielfachen Stoff zur Unterhaltung, zu Scherz, Neckereien und Laune. Die schönen Frauen sind durch die Ansicht ihrer Lieblingsgegenstände angenehm aufgeregt; spekulative Aufmerksamkeit gewinnt hier und da bei den Äerren
ungewöhnlichen Raum, und so wird neben Bändern und Spitzen, Kaschemirs und Batisten, Ningelein und edlen Steinen noch so manches eingehandelt, was dem Gesetze der Mode weniger unterworfen ist.
Mittags ziehen die Banden englischer Reiter, Seiltänzer und Springer in Lelmen und romantischen Gewändern zu Pferd mit Zinken und Trommeln durch die Stadt. Es müßte nicht gut sein, wenn nicht jede Truppe einen hübschen weiblichen Chorführer, in vielversprechender Kleidung, an ihrer Spitze hätte und dadurch den Vergnügungsplan der jungen Männerwelt für den Abend bestimmte oder abänderte.
Gegen Abend beginnt nun erst das wahre Schlaraffenleben. Da gibt es vor dem Karls- und Maxtor englische Reiter und Seelöwen, Niesen und kurzgefaßte Zwerge, Metamorphosikünstler und monströse Kälber, französische Puppenkomödien und possierliche Affenschwänze, und was des närrischen Zeugs mehr ist. Zwischen den bretternen Lütten, die, nach größerem oder kleinerem Maßstabe erbaut, diese Merkwürdigkeiten umschließen, flutet eine schaulustige, frohe Menge aus allen Ständen ab und zu. Anter dem Gekrächze und Geheul der ausländischen Tiere dringt das Geschrei des benachbarten Pulicinells und das Beifallwiehern des dritten Platzes aus den: nahen Zirkus hervor. Laternenpfähle, Schornsteine und Dächer der benachbarten Läufer sind mit sparenden Menschenkindern behängt, die sich das Recht, von der Löhe ihres Standoder Längpunktes zu applaudieren und herabzuwiehern, nicht nehmen lassen. Der dunkle Abend versetzt den Schauplatz etwas mehr nach Osten, an das Peristil der Lorenzonischen Thespishütte.
Was nie und nirgends gelingen wollte, kommt hier im Anschauen der hohen, tragischen Gestalten, auf Euripides' und Sophokles' Kothurn, zustande! Das zarte Menschenherz fühlt sich hier zwischen Satyrhaftigkeit und sinniger Rührung süß bewegt, gleich dem Pendel der Zamboniuhr, der, von den mächtigen Potenzen angezogen oder zurückgestoßen, bald diese, bald jene Säule flüchtig küßt und zur anderen zurückbebt, oder auch gleich dem Esel Buridani, der nicht weiß, welches von zwei Leu- bündeln er zuerst hinunterkauen soll.
Die Dult versammelt in München eine Menge Landbewohner aus den oberländischen Kreisen,und da dies der schönereMenschenschlag desKönigreiches ist, so gewährt das flüch- ügeDurchstreifen der zahlreichen „Bierzäpflerhäuser" im Tal,wo die Landbewohner sich amliebstenaufhalten,densreundlichenAnblickmanchesschönenMädchens aus Schliersee, Miesbach, Tegernsee und Audorf, deren kräftige Formenzeichnung, zusammengehalten mit der blühenden Jovialität des Gesichtes, dem Auge selbst in München wohltut.
Aus: Christian Müller, „München unter König Maximilian Joseph I.".
Das Maxtor wurde am Ausgang der Prannerstraße in den Dult-(MaximilianS-)Platz im Jahre 1805 nach den Plänen des Stadtbaudirektors Schedel von Greifenstein errichtet. Über Lorenzonis (später Schwaigers) Theater vergleiche das spätere Kapitel.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Der Einsturz der Isarbrücke am 13. September 1813
Ein Unbekannter ließ am 17. September 1813 in der Zängelschen Druckerei in München ein Flugblatt über das große Unglück des Brückeneinsturzes vom 13. September, bei dem über hundert Menschen den Tod in den Wellen fanden, erscheinen. Diesen „aus zuverlässigen Quellen geschöpften und bekannt gemachten Nachrichten" sind die nachfolgende,r dramatischen Ausführungen entnommen:
Jeder Einwohner Münchens weiß, daß der Nachmittag des 13. September Menschen an Menschen auf die steinerne Brücke drängte, welche jedem Strome getrotzt hatte und so fest wie in dem Augenblicke ihrer Vollendung schien. Es schlug sechs Ahr: Personen aus allen Ständen folgten der Einladung des freundlichen Abends dahin, wo so viele Menschen sicher stunden, — noch waren drei Minuten bis zum Glockenstreiche sieben: ein dumpfer Schlag, überstimmt von einem gräßlichen Menschengeheule, eine Staubwolke, vergleichbar einer gelblichten Rauchsäule, die sich am letzten Sonnenstrahle färbt, verkündet, daß ein Joch der Brücke in den Strom gestürzt, ein zweiter Schlag, daß noch drei Bogen mit einer Menge Menschen in die Fluten gesunken sind. Einen Augenblick noch zeigt die des Raubes frohe Welle die Opfer: fürchterliches Lilferufen, gefaltete Lände, konvulsivische Bewegungen der Ringenden, selbst ein verzweiflungsvolles Arbeiten der Schwimmer über den schon wieder Verschlungenen; Jammern fliehender Freunde, Väter, Mütter, Bekannter erfüllet die Szene des furchtbarsten Schreckens. Nur kalter Schrecken bleibt nach dem fürchterlichen Moment. Das Tosen der zertrümmerten Pfeiler, das düstere Dunkel der eingebrochenen, durch ein schwarzes Gewitter beschleunigten Nacht, der Fackelschein an beiden Äsern und die Beleuchtung der gebliebenen Brückenreste, die mit zauberartiger Schnelle erfolgte Scheidung der Laupt- und Vorstadt, welche in Momenten der Gefahr durch schnelle Lilfe und Rettung seit Jahrhunderten keine Trennung kannten, bildeten ein Ganzes, an dessen Darstellung jede Schilderung erliegt.
Lier war nicht an Rettung zu denken. Unsicher ist der Boden, den die Isar im friedlichen Laufe bespült; kein Kahn würde unter den hohen Wellen zu retten vermögen, wenn auch die Isar geübte Schiffer erzöge und nicht bloß Flösser zählte — die Schnelle, welche die kürzeste Zeitbezeichnung nicht anschaulich machen kann, machte jede Loffnung sinken. Wer dagegen Zweifel zu erheben wagt, der möge bedenken, daß ein zur Patrouille kommandierter Polizeisoldat seinem vorübergehenden Kameraden noch den Nachtgruß gibt, ein vorübergehender Landwerker noch seinen zwei Schritte fernen
Gefährten sieht, ein beklagter Gatte an dem Arme der geängstigten Gattin steht und derselbe Moment an derselben Stelle eines von dem anderen auf ewig trennt; daß der Gastwirt auf der gegen 300 Schritte abwärts liegenden Praterinsel den Schlag des Einsturzes hört und in diesem Augenblicke schon an dem Rand seiner beengten, ebenfalls hart bedrohten Insel die ausgestreckten Arme eines Vorübergetriebenen, einen Schwimmer auf dem Endpunkte eines Blockes, einen bald verschlungenen Mann, sieht, welcher noch des Wirtes Namen besonnen rufend um Äilfe schreit; eine Minute später nur mehr Litte, Tschakos usw. gewahr wird, keinen Laut weiter vernimmt, keine fernere Spur entdeckt!
Kurze Zeit vor dem Einbrüche der Jsarbrücke führte eine Totengräbersfrau auf dem Schubkarren ein Totenkreuz, welches zur Bezeichnung eines Grabes bestimmt war, über die Isarbrücke. Dicht war das Gedräng; das Wort „Schaut auf", an welches sich der Zusatz einer scherzenden Laune: „Der Tod kommt" reihte, bahnte den Weg durch die Menge und rettete vielleicht dadurch manche.
Die eingestürzte Brücke war die an der Iweibrückenstraße, welche die Hauptstadt mit den Vorstädten Au und Haidhausen verbindet. Sie wurde bald wieder aufgebaut und im Jahre 1828 vollendet, so wie sie unü als „Neue Isarbrücke" die Lithographie Lebschoes zeigt. Wiebeking, der den Schleusenbau an der Isar aussührte, war damals der bevorzugte Wasserbaukünstler Münchens.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Der Englische Garten im Jahre 1814
Joseph Anton Eisenmann,Professor der Geschichte und Erdbeschreibung am Kadettenkorps, widmet in seiner 1814 erschienenen „Beschreibung der Haupt- und Residenzstadt München" dem Englischen Garten diese Worte:
Diese herrliche, in großem Umfange und mit edlem Geschmacks geschaffene Anlage ist im Jahre 1789 unter der oberen Leitung des Grafen von Rumford und durch die tätige Mitwirkung des königlichen Hofgartenintendanten von Sckell entstanden. Eine ausgedehnte schöne Wiese auf einer Seite des Lofgartens, und eine den Launen der wilden Kultur hingegebene Waldgegend, Lirschanger genannt, damals den Jagdgerechtigkeiten ausdrücklich überlassen, sollten in eins zusammenfließen und zu der entworfenen großen Anlage in der gefälligen Gestalt englischer Gärten benutzt werden. Die Nähe der gegen Osten vorbeirauschenden Isar, welche damals noch ungedämmt überall wilde Eilande und verwahrlostes Erlengestrüpp hervorbrachte, war zu künstlichen Bewässerungen geschickt und schien die Lilfe der Kunst zu erwarten. Alles dieses einigte sich in dem großen Plane und begünstigte die Zweckmäßigkeit von dessen Ausführung.
Dem ersten Veranlasser dieser wohltätigen Anstalt, Grafen von Rumford, ist an der Hauptstraße dieses Gartens ein schönes Monument von Stein mit dessen Porträt und einer Inschrift von folgendem Inhalte gesetzt worden:
Lustwanderer steh!
Dank stärket den Genuß.
Ein schöpferischer Wink Karl Theodors,
Vom Menschenfreunde Rumford
Mit Geist, Gefühl und Lieb' umfaßt,
Hat diese ehemals öde Gegend
In das, was Du nun siehst, veredelt.
Ihm, der das schmählichste öffentliche Übel,
Den Müßiggang und Bettel, tilgte.
Der Armut Hilfe, Erwerb und Sitten,
Der vaterländischen Jugend
So manche Bildungsanstalt gab!
Lustwandler geh!
Und sinne nach. Ihm gleich zu sein
An Geist und Tat und uns an Dank.
Der Englische Garten, welcher beinahe 1½ Stunden in der Länge beträgt und überhaupt 695 bayerische Tagwerke in sich schließt, ist das für München, was der Prater für Wien, der Tiergarten für Berlin und die Aue für Kassel ist. Im Ganzen herrscht in der Anlage gebildeter Geschmack. Was die Natur schon leistete, blieb heilig; es ist zweckmäßig vereinigt mit dem künstlerischen Plane des Ganzen für Schönheit. Die Mischung von fremden und einheimischen Gebüschen und Bäumen ist weise angebracht, und nirgends bemerkt man die Sucht, die Lustwandler in fremde Länder und fremde Sitten zu versetzen. Den höchsten Grad ihrer Vervollkommnung und Schönheit verdankt aber diese Anlage der Liberalität unseres Königs und den kunstvollen Bemühungen des Hofgartenintendanten von Sckell.
Gleich beim Eintritt erblickt man die Statue eines Jünglings aus Marmor mit der einladenden Inschrift: Harmlos wandelt hier, dann kehret neugestärkt zu jeder Pflicht zurück! Dieser Götterknabe ruht auf einem Piedestal, worauf die Namen des Urhebers desselben, nämlich Theodor Graf Morawitzky, und des Künstlers Franz Schwanthaler zu lesen sind. Jedermann steht der freie Zutritt offen, und nirgends findet man Strafe drohende Warnungstafeln; nur um Schonung wird der Eintretende ersucht. Zur linken Seite legt sich der zum Pavillon Royal gehörige niedliche Garten an. Dieser Pavillon hebt sich majestätisch aus den hübschen Umgebungen empor, geziert von gigantischen Säulen, welche das Peristyl bilden, das Massive und Zierliche in sich wunderbar vereinigend. Der diesem Pavillon gegenüber gelegene Kadettengarten ist in eine natürliche Gartenanlage umgewandelt worden — ein niedliches Tal, von der Kunst unter malerischen Formen und Amrissen mit deir über dem Eisbache liegenden Gartenpartien in harmonische Verbindung gebracht. Zur linken Seite erhebt sich hier ein sanfter Äugel, den in glücklicheren Zeiten auch ein Monument krönen wird. Anweit dieser Anlage und da, wo vor kurzem noch die Mühlen standen, ist eine einfache, schöne Brücke erbaut worden. Ein bedeutender Wasserfall wird hier gebildet, wo der Eisbach über hohe Massen von Felsenstücken und unter einem heftigen Getöse herabstürzt und die Entstehung des Schwabinger Baches fortbewirken wird. Mehrere der alten Psianzmlgen, malerische Aussichten hier versteckend und nur Einförmigkeit verbreitend, müssen Platz machen einer großen Anzahl neuer Gruppen, wo die einheimischen Bäume, mit den vielen ausländischen verbunden, jene schönen und fremden Wirkungen erscheinen machen, die man in der Natur nicht antrifft, durch welche aber solche Alllagen den eigentliche,: Charakter eines Gartens annehmen.
Viele Fahr- und Fußwege ziehen sich den Garten hinab; in den verschiedensten Richtungen führen sie im Schatten zum Genüsse der Natur und zu romantischen Ansichten, so daß man bei dem allgemeinen Gefallen in Verlegenheit ist, welchen Weg man einschlagen solle. Überall begegnet man einer sich mannigfaltig aufschließenden Schöpfung. Alles, was den Aufenthalt im Freien angenehm machen kann, ist hier vereinigt. Will man in lichtem Sonnenschein wandeln, so bieten sich liebliche Rasenplätze dar; sucht man kühlenden Schalten, so winkenAlleen und dunkle Lauben; will man ausruhen und in den Abend- und Morgenstunden dem Gesänge der Vögel horchen, so laden überallein: freundlich eLauben, Bänke undRasensitze, Tempel-und Schirrndächer, die, mit zarter Sorgfalt für liebliche Aussichten berechnet, häufig in die Anlagen verteilt sind; und wünscht man sich durch Speise und Getränke zu laben, so findet man Traiteurs, die bereitwillig einen bedienen.DieNatur selbst scheint der freundlichen Schöpfung dieserAnlage zuzulächeln; denn überall weht fröhliches
Leben, frisches Wachstum und Gedeihen. Ein großer Kanal und Bäche, aus der nahen Isar abgeleitet, bewässern reichlich den Garten, bilden Inseln und Wasserfälle. Zierliche Brücken führen über dieselben hinüber. Lier eilt ein Arm des Stromes dahin, glanzlos unter lispelnden Gebüschen versteckt, dort umsäumt ein anderer gleich einem Silberbande den grünsamtenen Wiesenteppich. Zur linken Seite derAnlage sieht man die freundlichen Läufer vom Schönfeld nach dem Dorfe Schwabing sich hinziehen. Der nächst dieser Vorstadt und dem mit reichhaltiger Pflanzung angelegten Rain sich hinschlängelnde Weg wird im Frühling, beim Erwachen der Natur und am Morgen von den Strahlen der ausgehenden Sonne erwärmt, sehr häufig besucht. An der nämlichen Seite, unter der Veterinärschule, grünt eine beträchtliche Schule ausländischer Bäume und Sträucher.
Diese liefert in reichlicher Fülle wie mit beträchtlicher Kostenersparnis die Pflanzungen, die neu angelegt werden.
Einen angenehmen Ruhepunkt für die Lustwandler im Englischen Garten bietet der Chinesische Turm dar. Dieses Gebäude, welches zugleich zum Belvedere dient, türmt sich fast in der Mitte des Gartens zu einer ansehnlichen^ öhe mit vier Etagen und Wendeltreppen, die bis zur höchsten Spitze reichen. Hier genießt das Auge die vortrefflichsten Aus- undAnsichten auf mehrere Meilen in der Runde.Die ganzeAnlage breitet sich vor einem aus in der reizendsten Mannigfaltigkeit, einem irdischen Paradiese gleich. Gegen Süden imponiert die Stadt; gegen Norden öffnet sich an der Isar hinab bis nach Freising eine Landschaft, mit Hügeln, Tälern, Wiesen, Fel-dern und Dörfern übersät, die sich am Ende mit der Bläue des Himmels vermischt; gegen Süden starren dem Auge jenseits der hohen Isarufer in grauer Ferne die beschneiten Kuppen der Tiroler Gebirge im Inn- und die des Salzburger im Salzachkreise wie Riesengespenster entgegen, und eine dunkelgrüne Waldtapete, die sich südwärts an einem Lügel hinaufzieht, bildet den Lintergrund, gegen Westen übersieht man das weiteMarsfeld; gegenNordwest zeigtsich derMarktDachau mit seinem Schlosse und die umliegende Gegend. In der Nähe des Chinesischen Turmes befinden sich ein Wirtshaus mit dazu gehörigen Pagoden, ein Tanz- und Kegelplatz, ein Amphitheater, der Apollo- und Osatempel usw. Das dem Andenken Geßners gewidmete Denkmal ist leider verfallen. Weiter hinab, durch dunklere Gänge, gelangt man nach Kleinhesselohe. Aus den Gebüschen sieht man ein paar Hütten hervorblicken, unter den Bäumen einige Tische und Bänke aus Brettern leicht zusammengeschlagen. Alles zeugt von hoher ländlicher Einfalt. Die Freunde der Natur und des Genusses tun sich hier enger zusammen. Der muntere Scherz, das hübsche Grün der Amgebungen und der Vögel Chor bezaubern die Sinne mehr als die nüchterne einfache Tafel.
Eine wesentliche Verschönerung erhielt der Garten durch den See, welchen der Hofgartenintendant im Jahre 1812 mit genialer Kunst angelegt hat. Er breitet sich aus in der GegendvonKleinhesselohe, zwischen dem Hirschangerwald und dem Dorfe Schwabing, und bedeckt einen Raum von 23% bayerischen Tagwerken. Sein Wasser empfängt er aus dem freundlichen sogenannten Oberstjägermeisterbache, der fast die ganze Länge des Gartens unter unzähligen Krümmungen durcheilt, überall Leben und Erfrischung verbreitend. Ein Arm desselben drängt sich und stürzt in kleiner Entfernung über Felsen herab in einen Strom, den er bildet und der in den See übergeht. Zur Seite dieses Wasserfalles lächeln dem Auge schon wieder die neuen Pflanzungen entgegen, die den See umgeben; ein Lain, aus lauter Platanenbäumen bestehend, begleitet den Strom in ehrwürdiger Pracht, während die Seeufer, nach den Gesetzen der Natur gezeichnet, von lieblichen Pflanzungen bedeckt und andere Stellen wieder mit Trauerweiden Überhängen sind. Die gegenüber gelegenen, nach Norden hin gekehrten Äser zeichnen sich durch einen ernsthaften Charakter aus, denn sie werden durch große Massen majestätischer Eichbäume, die sich mit ihren dunkelgrünen Rinden tief in die Fluten tauchen, überschattet. An dem unteren Teil des Sees erhebt sich ein Lügel mit einem Ruhesitz, wo aber künftig ein Gebäude im höheren Stile der Baukunst wird errichtet werden zum Verweilen der Spaziergänger und zum Genuß der mannigfaltigen Schönheiten dieses Sees. Lier zeigt sich der See als ein weitausgedehnter Spiegel, die Mitte einer großen majestätischen Landschaft in stiller feierlicher Pracht ausfüllend; Münchens entfernte Türme, vorzüglich die der Frauenkirche, malen sich in der Ferne mit den freundlichen Inseln und dem einfachen prunklosen Türmchen in Schwabing in dessen reinen Fluten.
Benjamin Thompson, Graf von Rumford (1763—1814), trat 1784 als Staatsrat in bayerische Dienste; er war hervorragender Volkswirtschaftler und Philantrop, ein Mann der Aufklärung, ein Freund der Armen. Vom Kurfürst in den Grafenstand versetzt und zum Generalleutnant ernannt, kehrte er 1799 nach England zurück.
Friedrich Ludwig Sckell (1750—1823) legte die Schloßgärten von Schwetzingen, Biebrich, Laxenburg an, kam 1789 nach München, wurde 1803 Gartenbau-Intendant und verwandelte in dieser Eigenschaft den regelmäßigen Park des Nymphenburger Schlosses in eine große landschaftliche Anlage englischen Stils. Am Englischen Garten wurde ihm ein Denkmal errichtet.
Franz Schwanthaler, der um die Jahrhundertwende viel beschäftigte Bildhauer, ein bemerkenswerter Vertreter des Frühklassizismus, war der Vater Ludwig von Schwanthalers, des Schöpfers der Bavaria.
Der „Pavillon Royal" ist dasze frühere Palais Salabert, erbaut von Karl von Fischer, hernach Wohnsitz des Prinzen Karl von Bayern, später Heimstätte der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft, dann Dienstwohnung der bayerischen Ministerpräsidenten.
Das Monument, das „den sanften Hügel krönen" sollte, entstand 1833 in dem von Ludwig I. gestifteten, von Leo von Klenze erbauten Monopteros. Dagegen verschwanden manche der hier erwähnten Bauten in der Nähe des Chinesischen Turms später wieder.
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Ein Ausflug nach Schwabing um 1820
Frau Josephine Kaulbach, geborene Suttner, eine Münchnerin, die Gattin des be-rühmten Akademiedirektors, erzählte nach der Aufzeichnung ihrer Tochter Frau Josephine Dürck-Kaulbach in deren „Erinnerungen an Wilhelm von Kaulbach und sein Laus" über einen Münchner Sonntag um das Jahr 1820:
Der Münchner Bürger führte, als ich jung war, etwa 1810 bis 1820, ein monotones, spießbürgerliches, aber arbeitsames Leben. Der ganze Tag von frühmorgens bis abends spät war nur der Arbeit und der Pflicht geweiht; ein Spaziergang an einem Wochentage wäre deshalb als ein großer Leichtsinn und frevelhafter Äbermut von der ganzen Verwandtschaft besprochen und kritisiert worden. Dagegen liebte der ehrsame Lausvater es sehr, sich abends nach dem Essen noch auf ein Stündchen zu seinen Freunden an den Wirtstisch zu sehen und etliche Gläser oder auch Krüge Bier zu leeren und dabei die wichtigsten Tagesereignisse zu besprechen. Am neun Ahr, wenn die Stadttore gesperrt wurden, trennte sich die Gesellschaft; blieben aber einige lockere Gesellen wirklich noch sitzen, so war es um elf Ahr, wenn die Polizeistunde schlug, die höchste Zeit, durch die dunklen Straßen, mit der Laterne in der Land, dem sicheren Leim zuzueilen. Der Sonntag war jedoch ganz der Erholung geweiht. Früh ging die Familie zur Kirche, hörte Amt und Predigt mit großer Andacht; dann machte man kleine Gänge durch die Stadt, besuchte den Lerrn Vetter, die Frau Goden, erkundigte sich nach dem werten Befinden der Frau Bas und war Punkt zwölf Ahr wieder zu Laus am Mittagstisch beisammen. Nach Tisch, während der Vater ein bißchen einnickte, ging die Mutter mit der: Kindern zur Vesper, um
dann auf dem Kirchhof die Gräber der verstorbenen Freunde und Verwandten aufzusuchen. Auch das Leichenhaus bildete eine große Anziehungskraft für jung und alt. Im Methaus, Metgarten, auch Lebzelter genannt, von denen das beliebteste der Dum-berger in der Neuhauser Straße war, stärkte man sich mit dem süßen, dunklen Met und den herrlichen Lebkuchen. Ein kleiner Baumgarten, von einfachen Galerien, Lauben, umgeben, bildete den Tummelplatz für uns Kinder, die wir es kaum erwarten konnten, bis endlich der Vater kam, uns zu einem großen Spaziergang abzuholen. Wenn es nun nach langer gründlicher Beratung gar hieß: wir gehen nach Schwabing, so war das schon eine große Partie, und wir wurden erst gründlich untersucht, ob unsere Kräfte, vor allem aber unsere Stiefel einem solchen Anternehmen gewachsen schienen. Das war nun ein Jubel, und gerne wären wir gleich losgestürmt! Einstweilen hieß es aber gesittet neben Vater und Mutter zu gehen, solange wir noch in der Stadt waren. Gott sei Dank für uns, waren wir bald am letzten Laus und vor der Stadt angelangt. Wo nämlich jetzt die Feldherrnhalle steht, war damals ein großes Laus mit einem Muttergottesbild an der Fassade, mit dem Blick gegen Schwabing. Von da an bestand beinahe alles aus Wiesen und Feldern und unbebautem Land. Zur Linken, wo später die schönen Auslagenfenster von Thierry und van Lees — Ecke der Brienner- und Ludwigstraße — den Vorübergehenden so verführerisch einluden, stand auf einem kleinen bewaldeten Lügel ein kleines Laus, das Schettville-Schlößchen genannt. Rechts die Reitschule, dahinter der Lofgarten mit dem kleinen See, den schönen Schwänen und den herrlichen Anlagen. All diese Pracht war jedoch für die profanen Augen des Münchner Bürgers verschlossen. Äber duftige Wiesen und Felder wanderten wir gegen Schwabing, traten dort in die kleine Kirche, erlabten uns im nahen Wirtshaus mit Bier und Brot, tollten noch tüchtig herum und traten dann nach gründlicher Rast die Leimreise wieder an. Zu Lause aber schlüpften wir ermüdet in unsere Betten, ttäumten von dem herrlichen Tage, und die ganze Woche zehrten wir von solch einem Ausflug und wurden nicht müde, die verschiedenen Eindrücke und Erlebnisse nochmals nachzukosten.
Wie es damals am Schwabinger Tor aussah, hat der treffliche Münchner Vedutenmaler Domenico Quaglio in einer seiner schönsten Münchner Ansichten, die sich in der Neuen Pinakothek befindet, bildlich festgehalten. Eine Wiedergabe dieses Bildes ist unserm Buche beigcgeben. DaS „Schettville- Schlößchen" war der Wohnsitz deö ehemaligen kurfürstlichen Gobelinwirkers Andre Chedevillesf 1820), eines großen Gartenfreundes, besten Ehefrau das besuchteste und vornehmste Mädchenpensionat Altmünchens unterhielt.
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Allerhand Merkwürdigkeiten
Der unter dem Übernamen „Der Eremit von Gauting" bekannte Freiherr von Lallberg machte im Jahre 1822 eine Fußreise durch den Isarkreis und ließ darüber eine „Reise-Epistel" drucken, in der er von München folgendes zu sagen hat, das ihm als merkwürdig auffiel:
Alles Große und Schöne in München fängt mit dem jetzt glorreich regierenden König an. Die prächtigen Kasernen, die schönen Vorstädte, die Galerien undKunstsammlungen,derBotanischeGarten,das prachtvolle Krankenhaus, das neue Theater, die vielen Verschönerungen in und außer der Stadt sind alle sein Werk. Das Vorzüglichste, was seine
heilsam tätige Regierung charakterisiert, ist das Kataster und die Landesaufnahme, wie kein Reich siehat und nicht leicht erhalten wird. Künste, Wissenschaften,Landwerke aller Art blühen unter diesem weisenKönig; kein ängstlich er Sinn hemmt den Laufder Wissenschaften. Das Genie kann seinen Flug auch über die Frauentürme hinaus wagen. Der König lacht, kennt sein Volk und dessen Liebe zu ihm. Er weiß, daß gute Regierungen nie das Licht zu fürchten haben. Von der Konstitution, die er seinem Volke mit so vieler
Liberalität gegeben hat, sage ich nichts, weil ich das Konstitutionswesen und -Unwesen für eineKrankheit des Zeitalters halte, die, wenn nicht alle Staaten von gleichen sparsamen Prinzipien ausgehen und sich vereinigen, nur dem Lande mehr Kosten und in seinem kranken Finanzzustand keine Lilfe noch Linderung in den Abgaben bringen kann. Wie kann z.B. Bayern seine Armee vermindern, wenn die ganze Umgebung mit den möglichst stärkstenMassenschlagfertig dasteht! DerAckerbau, der fleißige Bürger bezahlen in Bayern nicht den zwanzigsten Teil anderer Länder, dagegen muß der Biertrinker die Lälfte seines Durstes für die Staatskasse befriedigen. DerZentnerSalz kostet 5 fl. 21 kr., und jeder kann soviel nehmen, als er will, nicht wie in anderen Ländern, wo er ein bestimmtes Maß nehinen muß, weswegen auch diese Leute so sauer aussehen. Die Mautabgabe in Bayern ist auf ganz entbehrliche Sachen gesetzt. Das Tagwerk Land oder Wiesen gibt im Durchschnitt nur 24 kr. Grundsteuer. Der Bauer, welcher ludeigen ist und nicht wie in Rußland verkauft, verspielt und verschachert werden kann, ist in Bayern sehr glücklich, und wenn er nicht heiraten darf, wenn er will, so zeugt er Kinder ohne den Segen des Priesters, worüber viele klagen und es Immoralität nennen zum
Gegensatz der Ehen, welche man in unserem erlauchten Jahrhundert wohl eher mit dem Namen Immoralität des bekannten Bruches wegen bezeichnen könnte.
In keinem Lande ist für Kunst so viel getan wie in Bayern, nur schade, daß man den schönen Turm abgebrochen hat und die häßlichen stehen läßt. Anweit dieser häßlichen Türme ist die sehr schöne Kaserne, nur ist sie für Soldaten, die oft aus und ein gehen, zu hoch, welches der Brust sehr schädlich ist. Wenn ich so hohe Läufer sehe, so meine ich, die Welt wäre zu klein, um jedem sein Nest bequem über der Fläche zu bauen. Auffallend war mir die prachtvolle Jsarbrücke, ganz von rotem Marmor. Sie ist ein glänzendes Werk unseres Jahrhunderts, sie hätte Rom Ehre gemacht. Das Ganze zeigt, daß die Wasser- und die Baukunst hier zu Hause ist.
Die „prächtigen Kasernen" sind die Hofgartenkaserne, 1801—1803 von Schedel erbaut, die 1900 dem Armee-Museum Platz machte, und die Kürassier später Schwere Reiter-)Kaserne vor dem Isartor, die 1812 vollendet wurde. 1824—1826 wurde die Türkenkaserne erbaut als letzte der Kasernen in der inneren, älteren Stadt.
Was die Kunstsammlungen anlangt, so wurde der alte Galeriebau Karl Theodors an der Nordseite des Hofgartens zunächst beibehalten. Der Bau der Glyptothek durch Klenze wurde 1816 in Angriff genommen als Privatbau des Kronprinzen Ludwig aus dessen eigenen Mitteln. Die Münchner höhnten und schimpften und sprachen vom „narretcn Kronprinzen-Hauö". Die Errichtung der Akademie der bildenden Künste geschah 1808, sie wurde im Jcsuitcnkollegium an der heutigen Neuhauser (damals Karl-Straße untergebracht; die erste allgemeine Kunstausstellung fand 1811 statt.
Der Botanische Garten wurde 1812 angelegt, das schöne dorische Tor an seinem östlichen Eingang erbaute d'Herigoyen. Das Krankenhaus wurde 1813 nach Plänen Schedels vor dem Sendlinger Tor erbaut; 1818 ging die bis dahin königliche Anstalt an die Stadtgemeiude über.
Die Verfassung gab der König seinem Volke unterm 26. Mai 1818; am 4. Februar 1819 kamen die Abgeordneten zusammen und wurde die erste Ständeversammlung vom König feierlich eröffnet.
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Ein Festtag
Johann Michael Söltl schreibt in seinem „München", das 1838 erschien, über die Feste unter Maximilians Regierungszeit und gedenkt besonders der Feierlichkeit, mit der München am 16. Februar 1824 das fünfundzwanzigjährige Regierungsjubiläum des Königs beging.
DerTag begann mit festlichem Gottesdienst; nach demselben ward auf dem Max- Ioseph-Platze der Grundstein zu dem Denkmal gelegt, welches München dem geliebten Könige setzen wollte. Darauf folgten Gastmäler, und an die Armen wurden bedeutende Geschenke ausgeteilt, damit auch sie sich an dem Feste freuen könnten. Im ganzen wurden 1227 Personen auf Kosten der Stadt festlich gespeist, den übrigen Armen reichliche Geschenke aus der Gemeindekasse gegeben. Eugen, der Herzog von Leuchtenberg, gab den hiesigen Pfarrern 3500 Gulden, um sie an diesem Tage an die Armen zu verteilen. Von einem unbekannten Wohltäterward jedem der im Allgemeinen Krankenhause vorhandenen 319 Kranken ein Kronentaler gereicht. Außer diesen wurden noch viele andere wohltätige Handlungen teils öffentlich, teils geheim ausgeübt. Alle wissenschaftlichen und Kunstvereine, alle öffentlichen Gesellschaften, Unterrichts- und Erziehungsanstalten wetteiferten in der Feier des Festes. Bei Anbruch der Nacht wurde die Stadt allgemein beleuchtet, in allen Straßen und auf allen Plätzen glänzten die Gebäude reich und mannigfaltig erhellt; zumal die öffentlichen Gebäude zeigten die geschmackvollsten Darstellungen, die schönsten Gemälde und die sinnreichsten Inschriften. Den bei weitem überraschendsten Anblick gewährte der Maximiliansplatz. Ein längliches, an den äußersten Enden zugerundetes Viereck, 2800 Schuh in seinem ganze,: Umfange lang, war von einem beleuchteten Bogengänge umgeben. Der Eingang von dem Karlstore her bildete eine große Triumphpforte; dieser gegenüber am untersten Ende des Bogenganges stand der Tempel des Ruhmes mit fünf großen allegorischen Gemälden, welche die Tugenden eines Herrschers: Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit und Stärke darstellten, in der Mitte das Bildnis Maximilians. Auf der beiden Seiten des Bogenganges waren zwischen hohen Obelisken vier Gruppen angebracht, von welchen jede fünf grau gemalte, durchscheinende Darstellungen enthielt, welche die merkwürdigsten Taten des Königs während seiner fünfundzwanzigjährigen Regierung bezeichneten. Am 17. Februar begann das feierliche Freischießen von mehr als zweihundert Schützen aus allen Ständen und allen Gegenden Bayerns. Am Abende dieses Tages war glänzende Versammlung, Gastmahl und Ball in dem Ständehause, wobei sich die königliche Familie einfand. Am 18.Februar wurde dem König zum Andenken an das Jubelfest ein goldener, mit Figuren verzierter Becher und der Königin ein silbernes Bild, welches das Bildnis des Königs in getriebener Arbeit darstellte, überreicht.
An demselben Tage war abends die Vorstadt Au beleuchtet, welche das schöne Fest eigens feiern wollte. In derMitte des Mariahilfs-Platzes, der mit Lichtkränzen eingefaßt war, stand ein schöner Tempel, darin die Statue des Königs. Maximilian besuchte, umgeben von seinerFamilie und begleitet von unbeschreiblichem Volksjubel, die Vorstadt; die Feuer auf dem Giesinger Berge, wo die Kirche samt dem Turme sehr schön beleuchtet war, sowie jene auf denLöhen von Bogenhausen bis zu denen von Sendling loderten bis spät in die Nacht, und der Jubel widerhallte weithin. Maximilian war über diese Zeichen der Anhänglichkeit und Treue seiner Bayern tief gerührt.
Das Max Joseph-Denkmal wurde nach dem Modell Christian Rauchs, der dasselbe 1829 vollendete, von Johann Baptist Stiglmayr in der Münchner Erzgießerei gegossen und 1835 aufgestellt und enthüllt. Es war das erste größere Werk der neuerstandenen K. Erzgießcreianstalt. Der Grundsteinlegung sah König Max, seinen jüngsten Enkel Prinz Luitpold, den späteren Prinzregenten, auf dem Arm, von einem Fenster der Residenz aus hinter einem Vorhang zu.
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Cornelius kommt nach München
Johann Nepomuk von Ringseis, der berühmte Arzt undPolitiker, ein im kulturellen Leben Münchens ungemein einflußreicher, besonders mit Künstlern eng befreundeter Mann, erzählt in seinen Erinnerungen:
Nach dieser Abschweifung kehre ich zum Cornelius von dazumal zurück, der, als er endlich im Juni 1825 in München erschien, begeistert gefeiert wurde. In Dachau schon empfing ihn eine Abordnung von Zöglingen der Akademie, ihm ihre Freude und Ergebenheit auszudrücken; ein Fackelzug folgte und Mahlzeiten, offizielle wie freundschaftliche, wobei mir ein Abendfest, das ich in meinem Laus ihm gegeben, in fröhlichem Erinnern geblieben ist; denn alles hatte geholfen, es zu verschönern: die befreun- detenKünstler mitstilvollem Transparent und sonstigem Schmuck, Dichter und Musiker mit Wort und Sang, Friederike mit fröhlich zubereiteten Scherzen. Zu unserer großen Freude kam auch der Kronprinz, die Leiterkeit nicht beeinträchtigend, sondern durch Lerzlichkeit steigernd; Cornelius selber, der als einer der letzten erschien, war gerührt.
Einmal aber äußerte sich Peter mißvergnügt, daß er in München gar nicht in vornehme Läufer geladen werde, wie ihm doch in Berlin geschehen. „Last du denn auch Besuch gemacht?" fragte ich ihn. „Das nicht", erwiderte er. And da ich ihn aufs Korn nahm, zeigte sich's, daß seinLausgenosse, der Exminister GrasMontgelas, sogar mit Besuch ihm zuvorgekommen, mein guter Peter jedoch, ohne alles Arg, das einfach hingenommen und keinen Gegenbesuch gemacht hatte. Die Künstler in Rom waren eben gewöhnt, in ihren Werkstätten von Fürsten und Fürstinnen ausgesucht zu werden. Daß er in seiner jetzigen Stellung andere Köflichkeitspflichten habe, mußte ich ihm erst auseinandersetzen; nun, da war's ihm dann auch recht.
In des Schaffens Lust rief er einmal: „Wenn's im Kimmel keine Kunst gäbe, möchte ich gar nicht hinein I" And richtig verstanden, war er nicht zu tadeln. Der Kimmel wäre eben nicht der Kimmel, wenn eine berechtigte Seite unseres Wesens mlbefriedigt bliebe. Gott ist eben auch ein Gott der Künstler.
Peter von Cornelius (1783—1867), Düsseldorfer von Geburt, in entscheidenden Jahren seiner künstlerischen Entwicklung in Rom wirkend als Haupt der sogenannten „Nazarener", wurde nach dem Tode Johann Peter von Langers als Akademiedirektor hauptsächlich auf Betreiben des damaligen Kronprinzen, des späteren Königs Ludwig, von Düsseldorf nach München berufen. Sein frühestes Münchner Hauptwerk, noch vor der endgültigen Übersiedlung begonnen, sind die Fresken in der Glyptothek.
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Der Regierungswechsel 1825
In den Erinnerungen von Ringseis, der als Freund und Vertrauter Ludwigs I. in den folgenden Jahrzehnten eine immer maßgebendere Rolle spielte, ist zu lesen:
Im Herbst 1825 soll König Max Joseph I. geäußert haben: „Wenn nur mein Namenstag schon vorüber wäre!" Seit Jahren nämlich kennzeichneten Anglücksfälle wie vorauswarnend diesen Tag; bald brannte es, bald starb jähen Todes ein Lakai, bald zersprang einem Minister die Flinte in der Land, ein Stück derselben hinwegreißend. Im letztvergangenen Jahre war der Königin beim Blutentziehen eine Ader abgeschlagen worden, und diesmal verwundete beim Umstürzen einer Mauer des Losgartens ein Stück davon mehrere Arbeiter auf schwere Weise.
Zu Ehren des Festes, 12. Oktober, gab der russische Gesandte Graf Woronzoff einenBall mit allgemeiner Beleuchtung des Palastes; der ganzeLosund die Exkönigin
Friederike von Schweden mit Sohn und Töchtern fanden sich ein. Obwohl ermüdet von den Gratulationen, war der König heiter und freundlich und spielte seine Partie Karten, fuhr aber, nachdem er nichts als ein Glas Zuckerwasser genossen, schon um halb zehn Ahr nachts nach Nymphenburg zurück. „Nicht wahr, ich halte Wort und komme früh nach Laus", sprach er zu seinen Leuten, „um halb sechs Ahr will ich morgen geweckt sein". Am die begehrte Stunde öffnete der Kammerdiener die Läden, sand den König, wie gewöhnlich beiin Einschlafen, das Gesicht auf einer Land ruhend, stellte ihm sein Selterswasser vors Bett, rief ihn dreimal an: „Majestät", faßte endlich die freie Land — sie war kalt; der Tod mußte den Schlafenden schnell, wahrscheinlich noch vor Mitternacht, ereilt haben.
Wie eine Bildsäule saß die Königin den ganzen Morgen bei der Leiche; unfähig, an den Tod zu glauben, ließ sie dieselbe lang in warme Tücher einschlagen, wodurch nur Entstellung vor der Zeit bewirkt wurde. Alles, was die Nachricht erfuhr, stürzte ins Zimmer. Alles wollte ihn sehen, der für seine Amgebung immer so gütig gewesen. Prinz Karl lief bei der Kunde, ohne den Wagen abzuwarten, zu Fuß und händeringend aus der Residenz, wo er nach dem Balle geblieben, gen Nymphenburg. Außer Atem, in großer Trostlosigkeit jammernd: „Ich habe alles verloren", ward er von seinen Leuten im Wagen eingeholt und saß dann bei der Leiche, zu ihr sprechend, sie mit seinen Tränen benetzend. Prinzeß Marie wehklagte, daß sie auf dem Balle vielleicht getanzt habe, während ihr Vater aus dem Leben schied.
Mir wurde die Nachricht am Morgen des 13. durch Wilhelm von Freyberg mitgeteilt, der in großer Aufregung bei uns sich einfand. Der Tod eines Lerrschers hat immer etwas Erschütterndes, einmal im Linblick auf den Geschiedenen, auf seine schwere Rechenschaft, auf das Gute, das man von ihm empfangen, sodann im Linblick auf die Zukunft; wie nah meinem Lerzen stand derjenige, in dessen Lände großenteils die Zukunft des geliebten Vaterlandes gelegt war! Wird er die auf ihn gesetzten Loffnungen erfüllen? Wird er gewisse Klippen umschiffen, die bei aller Vortrefflichkeit sein Charakter ihm bereitet? Wird er über einzelne Lücken und Irrtümer seiner in vielem wohlgeregelten Denkweise hinauskommen ?Loffrmngenund Sorgen — erschütternd wirken beide. Das ganze Land fühlte sich davon durchzuckt. Landelte sich's doch um einen völligen Amschwung der Regierungsgrundsätze. Allerdings hatte schon König Max zum Teil eingelenkt von dem Verfahren seiner ersten Lerrscherzeit; Konkordat und Tegerisseer Religionsedikt bezeugen es. Aber vieles stand doch beim Alten. „Ietzund", so jubelten die einen, so knirschten die andern, „jetzund wird wo nicht alles, so doch vieles umgekehrt werden".
Anders sieht Friedrich Thiersch in einem Brief an Jacobs das Ereignis an. Er schreibt: Des Königs Tod, den wir alle herzlich beklagen, ist der Anfang großer Veränderungen gewesen. In kirchlichen Dingen wird es einige Festtage mehr, einige Prozessionen, Klöster und dergleichen geben, fleißigeres Besuchen der Messe, der Beichte. Dabei aber wird es sein Verbleiben haben. Die oberen Behörden sind so besetzt, daß an ein Übergewicht der Geistlichen nicht zu denken ist.
Der König hat eine zu gute Natur, ein zu lebhaftes Gefühl seiner Lage und ihrer Bedürfnisse, um sich hier preiszugeben. Noch ist von ihm nichts geschehen, was mein großes Verttauen in seine Gerechtigkeit, Anparteilichkeit und Einsicht erschüttert hätte. Ist der erste Sturm vorüber, und findet er mehr Ruhe, seiner auf das Große und, ich darf sagen. Geniale gehenden Richtung zu folgen, so dürfen wir einer schönen Zukunft entgegensehen, wenn Ruhe und Friede bleibt. Sein Grundsatz ist, daß überall das Talent, die höhere Einsicht, die Leute, die etwas machen können, sei es im Staat, in der Wissenschaft, in der Kunst, hervorgehoben werden und herrschen sollen. Den Adel, meist unbrauchbar, wird er mehr und mehr auf seine Güter senden oder zu gehen nötigen, inwiefern die Stellen im Staat weniger und geringer werden.
Endlich zieht Professor Schubert, Ordinarius der Naturkunde an der Aniversität München, rückschauend das Fazit in seiner Selbstbiographie:
Der teuere, geliebte Landesvater König Maximilian starb, von seinem Volke tief bettauert, am 13. Oktober 1825 in einem noch kräftigen Alter, dessen Ende nicht so nahe schien. Der Kronprinz Ludwig war jetzt König geworden und konnte mit selbständig freier Kraft die Land an die große Aufgabe seines Lebens legen: das Volk, welches seiner Obhut befohlen war, nicht nur zu einem äußeren Wohlbefinden, sondern zu einem inneren geistigen zu erheben. Religion vor allem, in ihrem Dienste die Kunst von höherer Weihe, sowie ein vielseitiges, gründliches Erkennen sollten das Leben des Geistes wecken, bekräftigen und veredeln. Der Mittelpunkt seines Wirkens sollte München sein; darin hatte er schon als Kronprinz jener Kunst den Einzug eröffnet, welche die erisste Bedeutung ihres Berufes kennt; zu ihr sollte sich jetzt eine andere Pflegemutter des geistigen Lebens, die Wissenschaft, gesellen, welche selber weiß und lehrt, was sie wissen und lehren soll. Wie eine Lochschule der Künste, so sollte München auch eine Lochschule der Wissenschaften werden. Schon äußerlich wurde hierzu der Grund gelegt durch die Aufnahme der Aniversität Landshut in die Lauptstadt. Gleich nach dem Antritte seiner Regierung begann König Ludwig die Ausführung dieses in seinem Geiste längst gereiften Planes, und in Zeit von einem Jahre stand neben der neu aufblühenden Pflanzanstalt der Künste eine neu auflebende der Wissenschaften da. Die Lehrerstellen an dieser waren zunächst durch jene ehrenwerten Männer besetzt, welche aus Landshut mit herüberkamen, oder die als Mitglieder der schon bestehenden Akademie der Wissenschaften in München lebten.
Ringseis, der zur hochkatholischen Partei gehörte, war begreiflicherweise ein Gegner der antikirchlichen Aufklärungspolitik, die Maximilian I. Joseph, von Montgelas beraten, getrieben hatte, und erhoffte viel von Ludwig, dem man sehr kirchliche Gesinnung nachsagte. Übrigens hatte Maximilian Joseph mit dem Konkordat und mit dem sogenannten Tegernseer Edikt seine frühere gegenkirchliche Politik selbst eingeschränkt. Unter ihm war im Vollzug des Konkordats München auch Sitz des Erzbistums geworden, und Lothar Anselm von Gebsattel wurde am 1. November 1821 als erster Erzbischof feierlich eingesetzt.
Die Königin: Friederike Wilhelmine Karoline, geborene Prinzessin von Baden (1776—1841), seit 1797 mit Max Joseph vermählt, dessen zweite Gattin sie war.
Prinz Karl (1795—1875), der fünftgeborene Sohn des Königs, seit 1841 Feldmarschall von Bayern.
Prinzeß Marie, geboren 1805, heiratete 1833 den nachmaligen König Friedrich August von Sachsen.
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Was man von Ludwig I. erwartete
Joseph Görres ließ in seinem „Rheinischen Merkur" den „Kurfürst Maximilian I. an König Ludwig bei seiner Thronbesteigung" folgende Worte richten:
„Wie Du Dein Angesicht der Zukunft entgegenwendest, so laß es auch auf die alte Zeit gerichtet sein. Baue nicht auf fließende Wasser und den Flugsand menschlicher Meinungen. Sei ein christlicher Fürst, Säule zugleich dem Glauben und Schützer der Geistesfreiheit, und Dein Beispiel möge die Zeloten von zweierlei Art verstummen machen. Sei auch den Künsten ein Nährvater und Beförderer; sie mögen unter Deiner Pflege nach ihrer irdischen Bestimmung fortdauernd das menschliche Leben verschönern und erheitern und nach ihrer höheren die Arquellen aller Schönheit verherrlichen; aber lasse Dich von ihrem Zauber nicht über Gebühr befangen. Dulde nicht, daß aufrührerische Gesinnung die Grundfesten des Thrones untergrabe: denn die große Säule des Lauses, auf der alle Gewölbe ruhen, darf nie auf wankendem Grunde stehen, soll nicht dem Ganzen der Einsturz drohen. Wolle auch Du die Erfahrung der Zeiten ehren, denn das Volk hat sich dem Fürsten nicht zur Dienstbarkeit, sondern zum Schutze übergeben, daß er nicht mit Gewalt über Sklaven, sondern mit Milde nicht bloß über Bürger, sondern für sie herrsche. Sei Du ein rechter Fürst von Gottes Gnaden und vollende, was Du früher angefangen. Wolle nicht, daß die Nation, in Masse schon dem Ernst des Krieges pflichtig, auch im Frieden im leeren Spiele sich erschöpfe. Achte jegliches Talent und jedes Verdienst in Deinem Reiche, aber laß Dir jene frechen Glückspilze nicht nahe kommen, die im Verderben der letzten Zeit aufgeschossen und im Schlamme der Sündflut, die über Deutschland hergestiegen, festgehaftet.... Wie Deine Herrschaft mit dem neuen Jubeljahr beginnt, so sei fortan ein Schirmvogt und Hort des Glaubens, damit Bayern wieder werde, was es zuvor gewesen, ehe sie das Gegenteil ihm angelogen: ein Schild und Eckstein der deutschen Kirche. Wolle nicht gestatten, daß der Christen Recht allein im bürgerlichen Leben gelte, das Staatsrecht aber heidnisch sei. Was soll's, wenn dem Volke von Religion, Tugend uud Sittlichkeit gepredigt wird, der Staat aber vor seinen Augen dem Baal aus allen Äöhen Altäre baut und Opferfeuer zündet! Soll nur der Bürger noch Christenpflicht, Gerechtigkeit und Milde üben, der Staat aber wie ein reißend Tier alles niederschlagen, was seine Tatze erreicht? Soll der Gott des Äimmels mtd der Erde nur ein Kausgott sein, das gemeine Wesen aber sich seinem Dienste entziehen? Richt also! In Mitte Deines Volkes herrsche sein Gesetz und Du sei nur seiner Diener erster! Wem viel anvertraut ist, von dem wird auch viel gefordert."
Johann Joseph Görres (1776—1848), geboren zu Coblenz, gestorben zu München, wo er seit 1827 als Professor der Literaturgeschichte wirkte, war einer der einflußreichsten Publizisten seiner Zeit; seinen „Rheinischen Merkur" nannte man eine Großmacht. GörreS hatte sich, wie RingseiS, Lasaulx und Sepp, in den Dienst der kirchlichen Partei gestellt. DaS erklärt Inhalt und Ton dieser historisch eingekleideten Apostrophe deS neuen Königs.
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Die Persönlichkeit Ludwig I.
Luise von Kobell, die Tochter Franz vonKobells,die „Anter vier Königen Bayerns" viel erlebte oder aus Mitteilungen ihrer Familie unter diesem Titel zu einem zweibändigen Werke zusammentrug, schreibt:
Die Persönlichkeit Ludwigs I. muß man mit dem, wenn auch etwas abgenützten Worte „interessant" bezeichnen. Schön soll er in seiner Jugend gewesen sein; als ich ihn sah, war er es nicht mehr. Aber der gescheite Ausdruck seines scharfgeschnittenen Gesichtes war anziehend, und seine graublauen Augen hatten etwas Amfassendes, Wahres im Blick. Seine mittelgroße Gestalt war regelmäßig, im Alter etwas nach vorn gebeugt. Sein lebhafter Gang, sein plötzliches Stehenbleiben schienen nie mechanisch zu sein, sondern immer in Verbindung mit einem Gedanken, der ihn gerade beschäftigte. Die verschiedensten Dinge gaben dazu Anlaß: ein Bauwerk, ein Gemälde, eine Physiognomie, ein Schleier. Einen Schleier vor dem Gesichte einer Dame konnte er nämlich nicht leiden, und die Münchnerinnen wußten dies so genau, daß Alte und Junge den Lutschleier in die Löhe rissen, sobald sie nur den König von weitem kommen sahen. Außerdem mußten sie eine Rüge von ihm gewärtigen wegen „Etiquettenmangel". Wurde diese auch meist nur scherzhaft erteilt, so vermied man sie dennoch, da Ludwig I. so laut sprach, daß das eben anwesende Publikum alles hörte und dann seine Randglossen über die Betreffende machte. And wenn auch allein, ging der König doch nicht allein, denn in angemessener Entfernung folgten ihm stets einige Neugierige; sie blieben wie auf Kommando stehen, wenn der König mit einem ehrerbietig Grüßenden sprach, der des Weges gekommen. Da hallte dann weithin eine schwungvolle Rede, die aber hastig, stoßweise hervorgebracht wurde. Bisweilen spann sich die Unterredung länger fort, dann bildeten die stummen Begleiter einen Kreis um Ludwig I. Auch ich stand, wenn möglich, in einer solchen Korona, denn es war mir ein lehrreiches Vergnügen, zuzuhören, wenn der König, was oftmals geschah, mit seinen Lieblingsarchitekten Klenze und Gärtner vor einer seiner Kunstschöpfungen stand und sein Arteil abgab, bald über das Ganze, bald über Einzelheiten.
Einmal hörte ich den König mit meinem Vater im Englischen Garten über den Monopteros in so sinniger Weise sprechen, daß ich, wie aufgerüttelt davon, den kleinen Tempel, an dem ich wohl über hundertmal gleichgültig vorübergegangen war, eigentlich nun erst recht betrachtete.
Sein eigentliches Denken und Empfinden legte der König am offensten in seinen Gedichten nieder, und der Inhalt entschädigt für manche holprige, harte Ausdrucksweise. Die klassische Bildung der damaligen Zeit war Ludwig I. so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er sich zur Einkleidung seiner poetischen Gefühle fast ausschließlich klassischer Versmaße bediente. Vorwiegend treten deshalb das Distichon und der Jambus auf. Vielfach überschüttet mit Lob, von den Dichtern Rückert, öhlenschläger, Münch-Bellinghausen gefeiert, sagt er in seinem Distichon „An mich":
Daß dich nicht täusche das reichliche Lob; denn was du gedichtet.
Angepriesen blieb's, säßest du nicht auf dem Thron.
Doch das wäre eine Ungerechtigkeit gegen den König. Denn viele seiner Gedichte haben einen bleibenden Wert. Wer Ludwig I. und seine Zeit verstehen will, muß seine Gedichte lesen und beherzigen.
Die oft getadelten Schwärmereien Ludwigs I. für diese und jene Schönheit, die ihn auch zur Anlage der herrlichen „Schönheiten-Galerie" in der Residenz veranlaßten, haben der Liebe zu seiner Gemahlin keinen Eintrag getan. Er bezeichnet sie als das „Ideal des Weibes", und sich offen aussprechend preist er ihre edle Milde im Vergleich zu dem abfälligen Urteil der Welt über seine bewegte Leidensgeschichte:
„Du verkennst mich nicht, obgleich mich die Menge verkennet.
Unerreichbares Weib, trefflichstes, welches gelebt!
Wird der Wipfel der Eiche vom Wind auch zuweilen beweget.
Wurzelt sie dennoch fest, ewig die Liebe für Dich!"
Am Festsaalbau der Residenz ließ Ludwig I. durch seinen Hofmaler Joseph Stieler (1781—1858) „eine Sammlung weiblicher Bildnisse" schaffen, für die er die Modelle selbst auöwählte, und die sich alö „Schönheitengalerie" großer Volkstümlichkeit erfreute. Fontane spricht von einem „gemaltenHarem", während Söltl sehr maßvoll meint, die Nachwelt möge daraus erkennen, „wie mannigfach sich der Charakter weiblicher Schönheit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Bayern, zumal in München, ausgesprochen habe".
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Die gelehrten Kreise um das Jahr 1826
Eine der ersten Regierungshandlungen König Ludwigs I. war die Verlegung der Ludwig-Maximilians-Universität von Landshut nach München im Jahre 1826. Zu den Gelehrten der Akademie traten damit als neue Elenrente im wissenschaftlichen Leben Münchens die Universitätsprofessoren. Einer von diesen, Professor G.L. von Schubert, schreibt in seiner Selbstbiographie „Der Erwerb aus einem vergangenen Leben" über das Leben der gelehrten Kreise Münchens in der Frühzeit der Universität:
Am andern Morgen war, nach dem Gegenbesuche bei den lieben, freundlichen Nachbarn, mein erster Gang zu dem Minister von Schenk. Ich fand den liebenswürdigen Mann ganz so, wie ich ihn nach seinen Briefen mir vorgestellt hatte, und wie andere mir ihn beschrieben. Mündlich beantwortete er mir noch vieles, das er auf meine Briefe unbeantwortet gelassen hatte. Er riet mir, daß ich meinem öffentlichen Versprechen treu bleiben und meine Vorlesungen getrost anfangen solle; es werde mir an Zuhörern nicht fehlen. Ein Lörsaal stehe für mich bereit.
Meinen teuren, wohlwollenden Freund Lerchenfeld fand ich leider nicht mehr in München; er war auswärts zu einem anderen Posten verwendet worden. Aber seiner Vermittlung verdankte ich schon früher die Einführung in einen Kreis der Männer, mit welchen ich jetzt in nähere Verbindung tteten sollte, namentlich die persönliche Bekanntschaft mit dem verehrungswerten damaligen Vorstande der Akademie, dem berühmten Franz Paula von Schranck. Man kam mir von allen Seiten freundlich entgegen. Einer meiner künftig nächsten Kollegen an der Universität, ohne zu wissen, daß der Minister von Schenk schon dasselbe getan, forderte mich auf, meine angekündigten Vorlesungen über Naturgeschichte auch für dieses Lalbjahr nicht aufzugeben, sondern ihren Anfang in gewöhnlicher Weise durch einen öffentlichen Anschlag festzusetzen und die Liste zur Unterzeichnung für dieselben am geeigneten Orte aufzulegen. Es warteten noch jetzt viele Studierende auf meine Ankunft, um sich bei mir als künftige Zuhörer zu melden; der Ruf, der sie dazu bewege, sei mir von manchem meiner früheren Schüler aus Erlangen her nach München vorausgegangen.
Mein Freund Fr. v. Roth hatte jetzt sein neugebautes Haus mit dem großen, schönen Garten bezogen. Dahin führte mich der Zug des Verlangens wie nach einem Vaterhause. Dort im Garten, unter den blühenden Bäumen, brachten wir einen Teil des Nachmittags zu, und erst jetzt ward es mir innerlich still und heimatlich wohl in dem geräuschvollen, schönen München zumute. Am Abend mit Ringseis sah ich zum ersten Male den Peter Cornelius, den Mann mit dem Siegel der geistigen Großmacht auf seiner Stirn. Wäre ich auch niemals mit ihm so nahe auf Lebenszeit befreundet worden, hätte ich ihn auch nur jenes eine Mal gesehen und gesprochen, ich würde es als ein merkwürdig bedeutendes Ereignis meines Lebens rühmen: auch ich habe den Peter Cornelius persönlich kennengelernt.
Eduard von Schenk (1788—1841), Staatsminister des Innern, ist auch als dramatischer Dichter hervorgetrcten; besonders sein „Belisar" hielt sich lange aus der deutschen Bühne.
Max Graf von Lerchenfeld-Köfcring (1779—1843), war bis zum Jahre 1825 Finanzminister, dann wieder von 1833—1835; zuletzt war er bayerischer Gesandter in Wien.
Franz Paula von Schrank (1747—1835) war ursprünglich Theologe und Mitglied der S.J., studierte dann Naturwissenschaft und zeichnete sich aus als Botaniker und Universitätsprofessor; seit 1809 war er Direktor des botanischen Gartens in München.
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Die Landschaft um München und die Stadt
Professor G.L. von Schubert schreibt an seine Schwester im Jahre 1827:
Meine neue Leimat soll ich Dir beschreiben? Nun, dazu gehört Gott sei Dank nicht allein die kleine, enge Gasse und das Laus, das ich darin bewohne, aus dessen Fenstern ich so wenige Prozente des Sternenhimmels sehe, als die Gläubiger des bankrotten Kaufmanns von ihrem dargeliehenen Kapital zurückbekommen, denn zur Leimat rechne ich außer der Stadt München selbst auch ihre Umgegend, soweit das Auge sehen kann, mit Land und Leuten.
Schon die Lochebene, auf welcher München liegt, weckt in dem Wanderer aus Norden, der hierher kommt, ein Verlangen auf nicht zum trägen Stillestehen und Verbleiben, sondern zum Weiterschreiten nach einem hohen, vor Augen liegendenZiele, ein Verlangen, wie er es in seiner Leimat noch nie empfunden. Er kam vielleicht, so wie wir, von Ingolstadt her, zuletzt durch eine Ebene und durch armselig schmutzige Ortschaften, die dem Auge in ihrem unerfreulichen Wechsel zwischen Sumpf und verkümmertem Föhrenwalde nichts darbietet, wobei es verweilen möchte. Die Gedanken würden da lieber rück-- als vorwärts gehen, am wenigsten aber gerne stille stehen. Endlich, wenn Du mit uns dieses Weges zögest, trätest Du aus dem trostlosen Gestrüpp heraus in die freie Ebene; vor Dir im Süden täte sich, wie vor uns am heiteren Nachmittag des 15. Mai, an welchem wir einzogen, die majestätisch schöne Alpenkette auf, mit ihren schneebedeckten Zinnen, von Salzburg an bis zu dem vorarlbergischenLochlande, von BayernsLügelland bis zu denBergriesen des südlichen Tirol. Wie in dem Adler, wenn er seine langersehnte Beute vor sich hinfliegen sieht, so regt in uns ein Naturtrieb seine Schwingen, der uns mächtig aus der Tiefe hinzieht nach den lichten Löhen. And wie soll ich Dir den ersten Eindruck
beschreiben, den die alle, merkwürdige Stadt auf die Sinne macht, welche uns da vor Augen liegt? Ist es doch, als ob selbst die großen Frauentürme, die über alle anderen Türme und Gebäude hinaufragen, in ihrer unausgebauten oberen Zurundung von einer noch verschlossenen, hochanstrebenden weiteren Entwicklung sprächen. And wenn Du nun mit uns hineintreten könntest in das Innere der Stadt und sähest mit uns die schon ausgewachsenen oder im Wachsen und Keimen begriffenen Werke der bildenden, alten wie neuen Kunst, lerntest die Geister kennen, welche von Tag zu Tag am Weiterfördern, Weiterschreiten eines großen, gemeinsamen Tagwerkes geschäftig sind. Du würdest mit mir einstimmen, wenn ich sage: hier herrscht ein Geist, der, wie der alte Blücher, wenn er zur Schlacht führte, immerzu nur „vorwärts, vorwärts" kommandiert. Also, an ein geistiges Versauen: von meiner Seite und an ein Stillestehen, wie die Wagenräder in gar zu tiefem, fettem Boden, ist wohl bei mir, wie ich fest hoffe, nicht zu denken, sondern Gott wird mir München zu einem geistigen Turnplätze werden lassen, auf welchem der innere Mensch, er mag wollen oder nicht, seine Kräfte und Glieder tüchtig brauchen lernen soll, bis man ihn zum fröhlichen Abzüge in sein Ruhelager kommandiert.
Der Vorwurf der reizlosen Landschaft um München blieb lange bestehen. Noch 1865 konnte Äeinrich Noe, ein Vorkämpfer auf dem Gebiet des Naturgefühls, über das übelbeleumundete Isartal schreiben:
Man hat München oft den Vorwurf gemacht, daß in seiner nächsten Nähe sich Partien befinden, deren Wildheit nicht die Nähe einer großen zivilisierten Stadt ahnen läßt. Wenn das wahr ist, trifft es besonders von der weiten Fläche zu, die sich im Süden der Stadt ausdehnt und sich mit ihrem unsteten Geröll und ihren Aferweiden fast bis in ihre Straßen hineinzieht. Es ist eine Aue, gespalten von tiefen und seichten Rinnsalen, durchkreuzt von bald tosenden, bald träg sickernden Armen des Flusses. Weiden, Erlen, Birken, Tannen, Ginster, Wacholder strecken ihre triefenden Wurzeln aus unterhöhlten Uferrändern. Nirgends in Europa wird es möglich sein, durch solche Amgebung zu wandeln, und zugleich die Turmuhren einer großen Stadt schlagen zu hören. Doch das geht mir, ich gestehe es, nicht nahe; in: Gegenteil, mir und anderen meines Schlages ist es wohl, daß wir vor unserer Laustür den anmutenden Reiz einer Natur genießen können, deren vielgestaltete Willkür nur wenig von dem Lineal der Verschönerer gestört wird. Anders mag der sonntäglich wandelnde, gut gebürstete Bürger denken, anders das zartfüßige Frauenzimmer, wenn die wunderbare Verklärung eines Maienmorgens sie etwa die Afer des Stromes entlang lockte, der in der vollen Wucht seiner von dem Weiß der Alpengipfel genährten Frühlingskrast die Schleusen hinabdonnert und gegen die Wehre schwillt.
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Ein Widersacher Münchens
Vom Spätjahr 1827 bis zum Sommer 1828 lebte Heinrich Leine in München, wo er als Redakteur für den Cottaschen Verlag tätig war. Anter seiner Leitung erschienen hier zwei Bände der „Neuen Politischen Annalen", für die er einen Teil seiner „Englischen Fragmente" schrieb. Er hoffte auf eine Professur an der Münchner Aniversität. Als sie ausblieb, obwohl sich Cotta, unter Überreichung der Werke Leines, bei König Ludwig nachdrücklich dafür eingesetzt hatte, wurde Leine bitter. Das mag den Ton erklären, in dem er in Briefen und Aufsätzen, auch in einem über die Maßen feindseligen Gedicht über München und später in boshaften Ausfällen besonders über Ludwig I. spricht:
München ist eine Stadt, gebaut von dem Volke selbst, und zwar von aufeinanderfolgenden Generationen, deren Geist noch immer in ihren Bauwerken sichtbar, so daß man dort, wie in der Lexenszene des Macbeth, eine chronologische Geisterreihe erblickt, von dem dunkelroten Geiste des Mittelalters, der geharnischt aus gotischen Kirchenpforten hervortritt, bis auf den gebildet lichten Geist unserer eigenen Zeit, der uns einen Spiegel entgegenhält, worin jeder sich selbst mit Vergnügen anschaut. In dieser Reihenfolge liegt eben das Versöhnende; das Barbarische empört uns nicht mehr, wenn wir es als Ansänge und notwendige Übergänge betrachten. Wir sind ernst, aber nicht unmutig bei dem Anblick des barbarischen Domes, der sich noch immer in stiefelknechtlicher Gestalt über die ganze Stadt erhebt und die Schalten und Gespenster des Mittelalters in seinen: Schoße verbirgt. Mit ebensowenig Anmut, ja sogar mit spaßhafter Rührung betrachten wir die Haarbeuteligen Schlösser der späteren Periode, die plump-deutschen Nachäffungen der glatt-französischen Annatur, die Prachtgebäude der Abgeschmacktheit, toll schnörkelhaft von außen, von innen noch putziger dekoriert mit schreiend bunten Allegorien, vergoldeten Arabesken, Stukkaturen und jenen Schildereien, worauf die seligen hohen Herrschasten abkonterfeit sind. Wie gesagt, dieser Anblick verstimmt uns nicht, er trägt vielmehr dazu bei, uns die Gegenwart und ihren lichten Wert recht lebhaft fühlen zu lassen, und wenn wir die neuen Werke betrachten, die sich neben den alten erheben, so ist's, als würde uns eine schwere Perücke vom Laupte genommen und das Lerz befreit von stählerner Fessel. Ich spreche hier von den heiteren Kunsttempeln und edlen Palästen, die in kühner Fülle hervorblühen aus dem Geiste Klenzes, des großen Meisters.
Daß man aber die ganze Stadt ein neues Athen nennt, ist, unter uns gesagt, etwas ridikül. (Aus den „Reisebildern II" 1828—1829.)
An Wolfgang Menzel.
Älber München wäre viel zu schreiben. Kleingeisterei von der großartigsten Art. Schelling und Görres hab' ich noch nicht gesprochen. Desto mehr sehe ich die zwei großen Lichter des Tages, die Dioskuren am Sternenhimmel der hiesigen Poesie, M. Beer und E. Schenk. Über des ersteren Tragödie habe ich im „Morgenblatt" Bericht erstattet und der Welt gezeigt, wie wenig mich sein Ruhm pikiert — aber die böse Welt hat die Sache schief genommen und nennt es eine Mystifikation des Publikums; ich habe für meine Gutmütigkeit leiden müssen.
An Varnhagen v. Ense.
...Ich werde hier sehr ernsthaft, fast deutsch; ich glaube, das tut das Bier. Oft habe ich Sehnsucht nach der Hauptstadt, nämlich nach Berlin. Wenn ich mal gesund bin, will ich suchen, ob ich dort nicht leben kann. Ich bin in Bayern ein Preuße geworden.
Heinrich Heine wohnte in München im Rechberg-Palais, dem späteren Vergolder Radspieler-Haus (damals Hundskugel, heute Hackenstraße 7), hinter dessen Hof sich heute noch ein wunderschöner Garten mit Erinnerungen und Denkmälern aus Rokoko und Empire ausbreitet. Die Besitzer des Hauses weigerten sich, dort eine Gedächtnistafel für Heine anbringen zu lassen. I. N. Sepp sagt von den Beziehungen Heines zu König Ludwig I.: „Dieser mit Gott im Himmel und allen Königen auf Erden zerfallene Lichtgeist ließ unter anderem seinen Sarkasmus an König Ludwigs Prosa aus, und sie verdient diese Auszeichnung, denn sie ist durch und durch originell und das Widerspiel zur diplomatischen Gewundenheit und dem breitspurigen Kanzleistil."
Leo von Klenze (1784-1864), seit 1808, nach vorausgegangenen gemeinsamen Studien mit Schinkel an der Berliner Bauakademie und nach Besuch der Polytechnischen Schule in Paris, Hofarchitekt des Königs Jerome von Westfalen, fiel gelegentlich des Wiener Kongresses dem damaligen Kronprinzen Ludwig auf, wurde 1815 nach München berufen und zunächst mit dem Bau der Glyptothek betraut; erbaute dann die Reitbahn, die Ältere Pinakothek, den Basar, die Residenz-Neubauten, die Allerheiligenhofkirche, das Leuchtenberg-Palais, Herzog Max-Palais, das Odeon, die Ruhmeshalle an der Bavaria, die Kelheimer Befreiungshalle, die Walhalla usw. und starb als Vorstand der Hofbauintendanz in München. Während Klenze mit Rauch, Thorwaldsen, Schwanthaler und Kaulbach nahe Freundschaft verband, war er ein ausgesprochener Gegner des Cornelius und eine der treibenden Kräfte zu dessen Entfernung.
Michael Beer (1800—1833), ein Bruder Jacob Meyer-Beers, tat sich mit seinem Trauerspiel „Struensee" hervor. Er starb zu jung, um die Hoffnungen zu erfüllen, die man auf ihn gesetzt.
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Auf der Terrasse von Neuberghausen
Heines „Italienische Reise" nimmt von München ihren Ausgang. Aus dem Süden grüßen die Alpen herüber zu der Terrasse von Neuberghausen bei Bogenhausen, damals dem bevorzugten Ausflugsort der Münchner. Leine schreibt aus schwärmerischer und satirischer Stimmung:
... Der Ort heißt Bogenhausen oder Neuberghausen oder Villa Lompesch oder Montgelasgarten oder das Schlössel, ja man braucht ihn nicht einmal zu nennen, wenn man von München dorthin fahren will. Der Kutscher versteht uns schon an einem gewissen durstigen Augenblinzeln, an einem gewissen vorseligen Kopfnicken und ähnlichen Bezeichnungsgrimassen. Tausend Ausdrücke hat der Araber für ein Schwert, der Franzose für die Liebe, der Engländer für das Hängen, der Deutsche für das Trinken und der neuere Athener sogar für die Orte, wo er trinkt. Das Bier ist an besagtem Orte wirklich sehr gut, selbst im Prytaneum, vulgo Bockkeller, ist es nicht besser; es schmeckt ganz vortrefflich, besonders auf jener Treppenterrasse, wo man die Tiroler Alpen vor Augen hat. Ich saß dort oft im vorigen Winter und betrachtete die schneebedeckten Berge, die, glänzend in der Sonnenbeleuchtung, aus eitel Silber gegossen zu sein schienen.
Es war damals auch Winter in meiner Seele; Gedanken und Gefühle waren wie eingeschneit; es war mir so verdorrt und tot zu Mute, dazu kam die leidige Politik, die Trauer um ein liebes, gestorbenes Kind und ein alter Nachärger und der Schnupfen. Außerdem trank ich viel Bier, weil man mich versicherte, das gäbe leichtes Blut. Doch der beste attische Breihahn wollte nicht stuchten bei mir, der ich mich in England schon an Porter gewöhnt hatte.
Endlich kam der Tag, wo alles ganz anders wurde. Die Sonne brach hervor aus dem Himmel und tränkte die Erde, das alte Kind, mit ihrer Strahlenmilch; die Berge schauerten vor Lust, und ihre Schneetränen flössen gewaltig; es krachten und brachen die Eisdecken der Seen; die Erde schlug die blauen Augen auf, aus ihrem Busen quollen hervor die liebenden Blumen und die klingenden Wälder, die grünen Paläste der Nachtigallen; die ganze Natur lächelte, und dieses Lächeln hieß Frühling. Da begann auch in mir ein neuer Frühling, neue Blumen sproßten aus dem Herzen, Freiheitsgefühle, wie Rosen, schossen hervor, auch heimliches Sehnen, wie junge Veilchen, dazwischen freilich manch unnütze Nessel. Aber die Gräber meiner Wünsche zog die Hoffnung wieder ihr heiteres Grün, auch die Melodien der Poesie kamen wieder, wie Zugvögel, die den Winter im warmen Süden verbracht und das verlassene Nest im Norden wieder aussuchen, und das verlassene nordische Herz klang und blühte wieder wie vormals — nur weiß ich nicht, wie das alles kam. Ist es eine braune oder blonde Sonne gewesen, die den Frühling in meinem Herzen aufs neue geweckt und all die schlafenden Blumen in diesem Äerzen wieder aufgeküßt und die Nachtigallen wieder hineingelächelt? Wares die wahlverwandte Natur selbst, die in meiner Brust ihr Echo suchte und sich gern darin bespiegelte mit ihremneuen Frühlings glanz? Ich weiß nicht, aber ich glaube, auf der Terrasse zu Bogenhausen, im Angesicht der Tiroler Alpen, geschah meinem Lerzen solch neue Bezauberung. Wenn ich dort in Gedanken saß, war mir's oft, als säh ich ein wunderschönes Jünglingsantlitz über jene Berge hervorlauschen, und ich wünschte mir Flügel, um hinzueilen nach seinem Residenzland Italien. Ich fühlte mich auch ost angeweht von Zitronen- und Orangedüften, die von den Bergen herüberwogten, schmeichelnd und verheißend, um mich hinzulocken nach Italien. Einst sogar, in der goldenen Abenddämmerung, sah ich auf der Spitze einer Alpe ihn ganz und gar, lebensgroß, den jungen Frühlingsgott; Blumen undLorbeeren umkränztendas freudige Haupt, und mit lachendem Auge und blühendem Mund rief er: Ich liebe dich, komm zu mir nach Italien!
Das „Prytaneum vulgo Bockkeller": Der alte, 1831 zerstörte Bockkeller befand sich im östlichen Flügel des alten Hofes, dort wo heute das Finanzamt untergebracht ist. Man betrat ihn vom Platz! her über eine Brücke, die über einen Arm des Stadtbachs führte.
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Rings in der Altstadt
Ein ehrsamer Münchner Bürger mit Namen Burkhard der Wadler und seine eheliche Hausfrau Heilwig Wadlerin machten im Jahre 1318 dem Heiligen Geistspital eine Stiftung zu 63 Pfund Pfennigen; denn das Geld wurde dazumal noch gewogen. Von dieser Gült verblieben 46 Pfund 5 Pfennige dem genannten Spital „für die Sundersiechen". Die Stifter hatten aber auch bestimmt, daß alljährlich für 3 Pfund Pfennige Bretzen angekauft und an die Armen ausgeteilt würden. Davon schrieb ein Gebrauch sich her, der fast durch fünf Jahrhunderte bestand, nämlich:
Alljährlich am 1.Mai, als dem Todestag des Stifters, ritt ein Mann mit einem großen Sack voller Bretzen um Mitternacht vom Hl. .Geistspital aus durch die Straßen der Stadt. Das Pferd, auf dem er ritt, mußte ein Schimmel und nur auf drei Füßen locker mit Hufeisen beschlagen sein. Aus seinem Sack warf der Reiter Bretzen unter das Volk mit den Worten:
„Ihr jung und alte Leut, geht's zun Hl. Geist, wo man die Wadlerbretzen ausgeit."
Im Jahre 1801 starb die letzte aus dem Geschlechte des milden Stifters. In eben diesem Jahr, als der Bretzelspender seinen Umritt hielt und am Ende seines leckeren Vorrats war, riß ihn die Menge derer, die nichts mehr bekamen, vom Gaul herunter und mißhandelte ihn kläglich. Seitdem unterblieb die Spende. Auf einem Deckengemälde in der Hl. Geistkirche ist der Reiter samt feinem 'Schimmel abgebildet.
Gleichfalls einer alten Stiftung gemäß pflegten an den Quatembertagen zwölf Spitalleute, sechs Männer und sechs Weiblein, in schwarzen Mänteln mit weißen Halskrausen und breitrandigen Hüten paarweise vom Hl. Geistspital nach der Frauenkirche zu wandeln und dort der Vigil und dem Requiem beizuwohnen. Im Volksmund hießen sie die „zwölf Apostel" oder auch die „Quatembermanndln". Die Stiftung sollte nach irriger Volksmeinung von Kaiser Ludwig dem Bayern herrühren, stammt jedoch von Maria Anna, der Witwe Albrechts V., die einen „Fürstenjahrtag" gestiftet hatte, bei dem diese Spitaler anwesend sein und beschenkt werden sollten. Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ward die Sitte für einige Zeit eingestellt — aber da ging zu München die Sage, daß jene zwölf Spittelleute um Mitternacht ihren Kirchgang in gewohnter Tracht hielten, und daß die Türen des Domes sich von selbst vor ihnen aufgetan und hinter ihnen ge- schlosien hätten. Viele Einwohner wollten dies gesehen haben und deuteten es als eine stumme Wehklage der Toten über das neue unfromme Zeitalter. Nach anderer Lesart wären die geisterhaften Qua- tcmbermanndln die umgehenden Seelen von solchen Spittelleuten gewesen, die im Leben mehr über ihre Verpflegung gemurrt und auf die Nebenmenschen gelästert hätten, als der Andacht und einem gottgefälligen Lebenswandel obzuliegen. Das müßten sie jetzt nach ihrem Tode noch büßen und nachholen.
Raff - So lang der alte Peter...
Aus Münchens Fürstenschlössern
Am Eingang des alten Hofes lag vormals an einer Kette ein gewaltiger Stein, mehr denn drei Zentner schwer. Daneben in der Mauer waren drei Nägel eingeschlagen und eine steinerne Tafel angebracht, mit folgenden Versen darauf:
„Als nach Christi Geburt gezehlet war
Vierzehnhundert neun und achtzig Jahr
Hat Herzog Christoph hochgeborn
Ein Held aus Bayern auserkorn
Den Stein gehebt von freyer Erd
Und weit geworfen ohngefehrd.
Wiegt dreyhundert vier und sechzig Pfund,
Deß gibt der Stein und Schrift Urkund.
Drey Nägel stecken hier vor Augen,
Die mag ein feder Springer schaugen,
Der höchste zwölf Schuh von der Erd,
Den Herzog Christoph ehrenwerth
Mit seinem Fuß herab tät schlagen.
Kunrad lief bis zum andern Nagel
Wohl von der Erd zehenthalb Schuh,
Neunthalb Philipp Springer luef
Bis zum dritten Nagel an der Wand.
Wer höher springt, wird auch bekannt.
Als unter Kurfürst Maximilian I. das neue Residenzschloß erbaut ward, ließ der Fürst den Stein, sowie die Nägel und die Tafel in einen Hof der neuen Residenz versetzen, wo sie annoch zu sehen sind.
Wer die beiden Wettkämpfer des Herzogs „Kunrad" und „Philipp" gewesen sind, wissen wir nicht. Herzog Christoph aber, geboren am 5. Juni 1449, war einer der fünf Söhne, die Albrecht III. von seiner Gemahlin, Anna von Braunschweig, gehabt. Von Gestalt hager und unansehnlich, besaß er eine ungewöhnliche Stärke und Behendigkeit, dazu eine feurige, unstete und unternehmende Sinnesart. In Kamps und Ritterspiel, sei es zu Schimpf oder Ernst, tat es ihm keiner zuvor; daher ward er der „Kämpfer" benannt. Ein harter und gar vergeblicher Kampf nahm lange Zeit feine beste Kraft: der um die Mit- regentfchaft Bayerns neben seinem Bruder, dem Herzog Albrecht IV. Durch zweiundzwanzig Jahre (von 1463 — 85) währte der Bruderstreit; gewaltsame Taten auf beiden Seiten zeitigte er. Herzog Albrecht ließ seinen Bruder, vor dessen Anschlägen gewarnt, durch den Grafen Niklas von Abensberg im Bade gefangen nehmen und in den runden Turm setzen. Herzog Christoph, daraus befreit und längere Zeit hin durch mit seinem Bruder verglichen, geriet abermals in Fehde mit ihm und nahm blutige Rache an Albrechts Parteigängern, zumal dem Abens, berger, der im Gefecht bei Freising von Christoph und den Seinen erschlagen ward. Die Gattin des Abensbergers, Frau Martha, eine gebürtige Werdenbergerin, soll vor Schreck und Leid darüber gestorben sein. Am Osterfest desselben Jahres — 1485 — aber wurde ein Landtag zu München einberufen, wo vierundsechzig Schiedsleute den Hader zwischen den fürstlichen Brüdern schlichten sollten. Herzog Albrecht bewährte seine von den Zeitgenossen oft gerühmte Klugheit, indem er dem Spruch der Schiedsrichter zuvorkam und seinen Bruder zu sich ins Schloß lud. Da vertrugen die Fürsten sich brüderlich dahin, daß Herzog Christoph die Alleinherrschaft in Bayern seinem Bruder Albrecht abtrat. Damit ward Friede zwischen den Fürsten, zumal Albrecht sich auch mit seinem Bruder Wolfgang gütlich verglichen hatte; Sigmund hatte bald nach dem Ableben des ältesten Bruders Johann der Regierung entsagt.
Mehr denn zwei Jahrhunderte war das Land von beständigen Erbstreitigkeiten, Teilungen, blutigen Fehden zerrissen worden infolge des gleichen Erbrechtes aller nachgelassenen Söhne eines Fürsten. Mit fester Hand griff Albrecht hier ein, indem er das Erstgeburtsrecht ein- für allemal zum Hausgesetz erhob und dadurch die Herrschgewalt auf einer Person vereinigte.
Wie Christoph der „Kämpfer" hieß, so ward Albrecht „der Weise" genannt. In den beiden Worten liegt der ganze innere Gegensatz beider Brüder beschlossen. Das feurige unruhige Wesen des einen, der in stetem Widerstreit mit sich und der Außenwelt seine Kraft ohne eigentliches Ziel verzehrte, und die klare scharfe Klugheit des anderen, die unter stets ungünstigen Verhältnissen das Mögliche wirkte und erreichte, viel mißkannt und angefeindet, wie denn zu gescheite Leute selten beliebt sind.
Die ritterlichen Eigenschaften Christophs, seine Kraft und Gewandtheit, die ihm beim Landshuter Turnier anläßlich der Hochzeit Georgs des Reichen den Sieg über den stärksten Polenritter verschafft hatten, glänzten noch in den Kriegen des Kaisers Maximilian I. in Flandern und in Ungarn. Bei der Belagerung von Stuhlweißenburg, als das Kriegsvolk schon den Mut zu verlieren begann, sprang der hagere, dunkle Bayernfürft vom Pferde, riß einem Knecht die Lanze aus der Hand, und mit dem Ruf: „Wohlauf, liebe Brüder, mir nach!" setzte er über den Graben und erkletterte kühn die Stadtmauer. Seinem Heldenmut, der die Übrigen anfeuerte, war hauptsächlich die Einnahme der Stadt zu danken; Kaiser Max zeichnete ihn und seinen Bruder Wolfgang dankbar bei jedem Anlaß aus.
Nachdem Christoph das dreiundvierzigste Jahr überschritten hatte, beschloß und vollführte er, zur Sühne früherer Gewalttaten, zumal der Ermordung des Abensbergers, mit noch anderen Fürsten und Edlen die Wallfahrt ins heilige Land.
In Venedig schrieb Christoph, offenbar von Todesahnungen heimgesucht, seinen letzten Willen nieder (vollendet am Tage Christi Himmelfahrt 1493) der gleichsam einen versöhnlichen und reuigen Händedruck an seinen fernen Bruder darstellt; denn seine ganze Ver- laffenschaft war darin dem Herzog Albrecht und besten Leibeserben vermacht.
Christoph erreichte mit seinen Genossen glücklich das gelobte Land, betete am Grabe des Erlösers, beichtete und kommunizierte dort bei den Franziskanern. Auf der Rückreise jedoch befiel ihn ein Fieber; krank landete er auf der Insel Rhoduö bei den Johannitern, deren Großmeister, Graf Rudolf von Werdenberg, sich seiner besonders liebevoll annahm. Die Sorgfalt der Johanniter und ihres Großmeisters war indeß vergeblich: am 15. August, dem Großfrauentag, erlag Herzog Christoph seiner Krankheit und ward in der Kirche des hl. Antonius auf Rhoduö mit großer Trauer und Feierlichkeit bestattet. Nur seinen Schild und sein Schwert brachten die Genossen seiner Pilgerfahrt heim nach München; die wurden in der Burgkapelle aufgehängt und von da in die Georgskapelle der neuen Residenz überführt, wo sie zum Angedenken des starken Herzogs noch bewahrt werden.
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Die Neue Veste hat viel Prunk und denkwürdige Schauspiele, auch Zuzug von fremden Gästen gesehen, bei fürstlichen Hochzeiten und Leichenbegängnissen und Herrschaftsantritten. Das glanzvollste Fest aber, von dem weit über Bayern hinaus gesprochen ward, war die Hochzeit, die Herr Wilhelm — nachmals Herzog Wilhelm V. — mit Renata von Lothringen hielt im Jahre 1568. Dazu hatte sein Vater, Herzog Albrecht V., alles aufgeboten, was künstlich und köstlich war: die Stadt wimmelte von fremden Fürstlichkeiten und ihrem Gefolge, die sämtlich auf das prächtigste gekleidet waren. Der Bischof von Augsburg, als Kardinal und päpstlicher Legat, vollzog die Trauung. Verschiedene neue Kompositionen Orlando di Lassos wurden von der Hofkapelle aufgeführt; ja, Orlando verfaßte mit Massimo Trojano zusammen eine Harlekinskomödie, bei der er als Dichter und Musiker, Kapellmeister und Schauspieler glänzte. Ein großes Jesuitenspiel „vom star- ken Samson" ward zu höchster Bewunderung der Gäste dargestellt. Die Festlichkeiten, Tanz, Turnier, Tafelfreuden, Schauspiel währten über vierzehn Tage. Bei der Festtafel am Tage nach der Vermählung wurde unter der Menge der Gerichte eine Pastete aufgetischt: aus der stieg ein Zwerg des Erzherzogs Karl von Österreich, nicht ganz zwei Spannen hoch, in silberweißer Rüstung, der alle Anwesenden, vorab das fürstliche Brautpaar, aufs zierlichste begrüßte.
Welches Aufsehen die Hochzeitsfeier machte, zeigt sich auch daraus, daß eine darauf bezügliche Sage in das 1587 erschienene Volksbuch von Dr. Faust überging.
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Es saßen auf eine Zeit drei Grafen, die zu Wittenberg studierten, beisammen und redeten von der herrlichen Pracht, die auf der Hochzeit von des Bayernfürften Sohn zu München sein würde, wünschten, auch dabei sein zu können. Da riet einer von ihnen: sie sollten Doktor Faust darum angehen, und ihm eine Schenkung tun; der möchte ihnen wohl dazu helfen, daß sie die Hochzeit sehen und zur Nacht wieder in Wittenberg sein könnten. Nach dem Rat taten sie; und Faustus war's wohl zufrieden, und sagte ihnen zu. Auf den Tag, da des Fürsten von Bayern Sohn Hochzeit halten sollte, hieß Faustus die Grafen sich aufs Schönste kleiden, führte sie dann in seinen Garten und breitete einen großen Mantel aus; darauf setzte er die drei und sich selber, gebot ihnen aber strengstens, daß keiner, so lang sie außen wären, ein Wort reden oder einer Frage antworten dürfte. Das versprachen sie ihm. Darauf Hub Faustuö seine Beschwörungen an, und eö kam ein starker Wind und führte den Mantel mit ihnen durch die Luft davon, daß sie rechtzeitig gen München kamen. Und sie fuhren unsichtbar, daß niemand ihrer gewahrte. Nachdem sie die Pracht der Hochzeit den ganzen Tag zugeschaut hatten, kamen sie am Abend, da es zum Nachtessen ging, in den Palast. Das nahm der Marschall wahr und sagte eS dem Herzog an, wie alle Fürsten, Grafen und Herren schon zu Tische säßen; draußen aber stünden noch drei Herren mit einem Diener, die erst gekommen wären. Da ging der alte Herzog, sie zu empfangen, aber sie antworteten auch dem alten Fürsten nicht auf seine Rede, neigten sich nur. Derweil reichte man ihnen das Handwasser, da vergaß sich der eine Graf und bedankte sich der Ehre. Es war aber zwischen ihnen ausgemacht, daß sie, sobald Doktor FaustuS sprechen würde „Wohlauf", allesamt an seinen Mantel greifen und mit ihm davonfliegen sollten. Da nun der Graf das Gebot des Schweigens verletzte, rief FaustuS: „Wohlauf!", und die zwei anderen Grafen, sich an seinem Mantel haltend, wischten mit ihm davon; der Dritte aber ward ergriffen und ins Gefängnis geworfen. Da wurde er befragt, wie das Ding zugegangen sei, und wer die drei Anderen gewesen? Aber der Graf gab keine Antwort, besorgte, was daraus entstehen möchte, wenn er seine Gesellen verriete. Also ließen sie ihn für die Nacht geschloßen und mit Hütern bewahrt und bedräuten ihn, daß man ihn morgen peinlich befragen wollte. Der Graf aber getröstete sich, daß Dr. FaustuS, auf das Anhalten seiner Vettern, ihn wohl erledigen würde. So geschah eS auch: ehe der Tag anbrach, kam FaustuS zurück, und durch seine Zauberkunst fielen die Wächter in tiefen Schlaf, und alle Türen und Schlöffer sprangen auf. Da fuhr er mit dem Grafen durch die Luft nach Wittenberg, und die Drei taten ihm eine stattliche Verehrung dafür.
Die zu München aber hatten das Nachsehen.
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Die ausgesprochene, in großem Stil sich betätigende Kunst- und Prachtliebe Albrechts des Fünften, dieses typischen deutschen Renaissancefürsten, war keineswegs eine Ursache reiner Freude für seine Landstände und seine obersten Räte. Die sprachen ihm in einem schriftlichen Gutachten vom Sommer 1558 ihr „herzliches Mitleiden" aus, daß er „solche hergelaufene unbekannte, liederliche Leute am Hofe überhandnehmen" und „zu so vilfeltigen gepewen, malereyen, kist- lereyen" sich bereden laste. — Die guten Räte hatten von ihrem Standpunkt, im sorglichen Hinblick auf ihres Herzogs wachsende Schuldenlast, nicht ganz unrecht; aber auch der Herzog hatte nicht unrecht, wenn er mit Unwillen das wohlmeinende Schriftstück aufnahm und ungnädig beantwortete.
Denn zu den „Malereien" die man ihm vorwarf, gehörten unter anderen die Gemälde und Miniaturen von Hans Mielich, zu den „Kiftlereyen" (Holzschnitzereien) Jakob Sandtners prachtvolle Holzmodelle bayerischer Städte, vor allem das große Stadtmodell von München, das eine Perle des bayerischen Nationalmuseums bildet. Unter den „Gcbäuen" befand sich beispielsweise das heutige Münzgebäude, enthaltend das bauliche Kleinod des sogenannten Turnierhofs; und mit den „hergelaufenen liederlichen Leuten" ward merklich auf einen kürzlich neu Berufenen gezielt: Orlando di Lasto.
Ein Freund der Künste überhaupt, war Albrecht V. besonders ein Freund der Tonkunst; die Liebe zur Musik war ein Erbteil der bayerischen Herzöge. Mit seinem Sohne Wilhelm, der zu Landshut eine eigene Hofmusik hielt, wechselte Albrecht ausführliche Briefe über neu zu gewinnende oder gewonnene Kräfte für die „Cantorey" (Hofkapelle). Desgleichen schreibt der kaiserliche Vizekanzler und bayerische Gesandte in Brüssel, Dr. Selb, von „guten Singern", auch Knaben, um die er sich für Albrecht bemüht. Das fürstliche Cantorey- haus stand an der Ostseite des heutigen „Platzls", damals Graggen- au geheißen; die einstige Stätte des Cantoreyhaufes nimmt ein Teil des jetzigen Hofbräuhauses ein. Die Hofkapelle pflegte bei den gesungenen Ämtern in der alten Hofkirche zu St. Lorenz mitzuwirken, sowie bei Hofe die Tafelmusik zu bestreiten; später ließ sie sich hören in dem 1558-62 erbauten großen Saal der Neuveste. Ihre Mitglieder teilten sich in Sänger und Instrumentalisten; sie wurde, so scheint es, umgebildet nach dem Muster der kaiserlichen Kapelle durch den hervorragenden Tonmeister und großen Kontrapunklisten Ludwig Senfl, der von 1525 an am Hofe Wilhelms IV. gelebt hatte. Er war ein Schüler des flandrischen Komponisten Isaak. Von allen Zeitgenossen war er gepriesen worden: der gelehrte Benediktiner Wolfgang Seidl aus Tegernsee hatte eine begeisterte sapphische Ode auf ihn gedichtet; Luther hatte ihn hochgeschätzt und in einem Schreiben an ihn die Wittelsbacher Herzöge, die er in religiöser Hinsicht befehdete, höchlich gerühmt, weil sie die Musik so pflegten und ehrten. Senfls Behausung befand sich in der Hofstatt Nr. 6, ganz nahe von seinem Freunde Simon Schaidenreißer. Er starb zu München um 1555.
Zu Beginn von Albrechts V. Regierung nun war der Kapellmeister Ludwig Daser, ein geborener Münchner, Leiter der Hofkapelle, der auch kompositorisch tätig war. Obschon erst ein Dreißiger, ward er 1559 pensioniert, offenbar um Orlando di Lasso Platz zu machen. Er ging später nach Stuttgart und starb als Kapellmeister dort 1589.
Ein Zug jener Zeit war das Vordringen des ausländischen, zumal italienischen und niederländischen Elementes auf jedem künstlerischen Gebiete. Im Falle Orlando di Lassos trat noch dessen überrragende künstlerische Bedeutung hinzu. Hans Jakob Fugger, dem der Grundstock von Albrecht V. Bibliothek und Handschriftensammlung zu danken ist, sandte 1556 eine Motette Orlandos nach München; durch seine Vermittlung berief Herzog Albrecht den jungen Meister in seine Hofkapelle und später zu deren oberstem Leiter. Alle Hauptwerke Orlandos sind in München entstanden. Auf Bestellung Albrechts komponierte Orlando feine berühmten fünfftimmigen „Sieben Bußpsalmen Davids". Unmöglich, die Fülle des von Orlando Geschaffenen hier auch nur zu streifen. Kaiser Max II. verlieh ihm für seine „orländischen Gesänge" (die Herzog Albrecht dem Kaiser mitgeteilt) den erblichen Adel; Papst Gregor XIII. bereitete dem Künstler, als dieser ihm in Rom persönlich seine fünfftimmige Meffe überreichte, einen ehrenvollen Empfang und machte ihn zum Ritter des goldenen Sporns. Dazwischen lud Karl IX. von Frankreich Orlando zu sich nach Paris, um seine Meinung bei Errichtung der von dem König gestifteten musikalischen Akademie zu vernehmen. Doch blieb der Meister, trotz aller schmeichelhaften Anerbietungen, die ihm anderwärts gemacht wurden, stets München freudig getreu.
Dies änderte sich auch nicht, als 1579 Albrecht der Fünfte das Zeitliche segnete und den Ruhm eines „gottesfürchtigen, stattlichen und gar vernünftigen Herren" zurückließ, „der gelahrte und kunstreiche leit vast lieb hält und baiern zieren wollt von innen undt von außen." Denn Wilhelm V., sein Nachfolger, hielt Orlando nicht minder in Ehren. I58O lehnte der Meister einen Antrag des Kurfürsten August von Sachsen ab, unter Hinweis auf die reichliche Entlohnung und sonstigen Güter, mit denen die Gunst der beiden Bayernfürsten ihn bedacht hatte.
Um die zeitliche Wohlfahrt des Meisters Orlando war es also gut bestellt; dazu kam noch die Auszeichnung und persönliche Wärme, die er von den Herzögen genoß. Und neben den Ehren, die sein Schaffen ihm erwarb, lebte er ein glückliches, häusliches Leben, vermählt mit Regina Weckhinger, „einer herzoglichen Kammerdienerin", die ihm achtzehn Kinder gebar, zehn Söhne und acht Töchter. Wenn der Dienst seines Fürsten ihm nicht Zeit ließ, das von Wilhelm V. ihm geschenkte Landhaus in Schöngeising an der Amper aufzusuchen, weilte er des Sommers „zur Recreation" in einem anderen Garten, den er „sambt einem Hauß darinn" vor den Toren der Stadt, in der Lehel-Gegend besaß. Da fanden wohl auch die Freunde sich öfters ein: Friedrich de Sustris und dessen Schwiegersohn Hans Krumpper, Peter Candid, Lizenziat Müller und des Herzogs Leibarzt Dr. Thomas Mermann mit dem tiefgründigen Forscherblick, den, wie des Meisters Orlando Witwe noch bezeugt, „ihr Mann seliger" vor Allen geliebt hat am fürstlichen Hofe.
Orlandos letzte Jahre waren verdunkelt durch Schwermut und Gemütsverdüsterungen, die Folgen rastloser geistiger Überanstrengung — > über zweitausend Werke hat er geschaffen. Umgeben von Frau und Kindern, sowie treuen Freunden starb er, zweiundsechzigjährig, eines sanften Todes. Er ward bestattet bei den Franziskanern, deren Kloster und Freithof sich bekanntlich an der Stelle des heutigen Nationaltheaters befand. Demgemäß ist von der Grabstätte des „Fürsten der Musik", wie seine Zeitgenossen ihn nannten, keine Spur geblieben; sein Grabstein jedoch steht im Bayerischen Nationalmuseum, mit der Inschrift:
„Hic jacet Orlandus ille Lassus,
Qui lassum recreat orbem.“
Das Wohn- und Sterbehaus Orlando di Lassos ist die heutige Gaststätte am „Platz!", die seinen Namen trägt.
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Er saß an seinem Schreibtisch zu München, in dem Gelaß, das er selbst hatte entstehen sehen und nach seinem Sinn geschmückt hatte, ehe der Krieg, der dreißigjährige, ihn und die Welt mit anderen Sorgen belud. Der ruhige Farbenglanz der Hauteliffe-Wandteppiche schimmerte im späten Tageslicht; von der Decke sahen die gemalten Allegorien fürstlich-christlicher Tugenden zwischen Stuckmarmor und schwerem Getäfel auf ihn herab, der sich in stetiger Arbeit abmühte, sie zu verwirklichen. Da war die monatliche Zollrechnung, die wollte durchgerechnet sein, denn dies war des Fürsten Stolz im Alter, wie einst in der Jugend, daß er „selbst zu seinen Sachen sah" und jede Rechnung selbst überlas. Ein altes deutsches Wort hatte er zum Leibspruch erkoren: in jeder Hauswirtschaft muß man einen Zehrpfennig, Ehrpfennig und Sparpfennig haben. Zum Ausgeben des Ehrpfennigs kamen Fürsten leicht genug. Die bevorstehende Vermählung seines Kurprinzen würde manches schöne Stück Geld dahin nehmen. Gut: wer rechtzeitig spart, kann rechtzeitig ausgeben. Heute hatte er den Bau des neuen Opernhauses am Salvatorplah, der bereits tapfer emporstieg, angeschaut. Es würde eine schöne Vista ergeben, wenn es fertig stand. Dem Fürsten schwellte ein gewisser Stolz die Brust, im Gedenken der Aufgaben, die er, Maximilian I., den Künsten schon gestellt hatte, er, den die Mitwelt als karg verschrie. Ein bißl gehörte er ja selbst zum Handwerk: in seinen wenigen Mußestunden drehte er, dessen ganzer sonstiger Tag zwischen Gebet und Arbeit verfloß, zierliche Gebilde aus Elfenbein. Und am Plan dieser seiner Residenz hatte er fest mitgetan. Nichts von weltlichen Dingen bot dem Kurfürsten solche Erquickung als die Betrachtung von Kunstwerken. War ihm jemals ein Brief, eine Mühe zu viel gewesen, um von den Nürnbergern oder anderswoher ein Stück seines geliebten Albrecht Dürer zu erwerben? Mit Luft übersann er, was Alles er von des herrlichen Meisters Hand besaß. Und die Gedanken wanderten weiter: zum Grabmal, das er seinem kaiserlichen Ahnen Ludwig gesetzt hatte, zu Peter Candids Malereien im Kaisersaal, zu dessen Himmelfahrt Mariä in der Frauenkirche —
Da wandle Maximilians Sinnen sich ab von der Kunst, hinüber zu seiner himmlischen Herrin, zu deren Füßen sein Leben verglomm wie draußen überm Residenzportal die ewige Lampe vor ihrem, von HanS Krumpper geschaffenen, Erzbild. Voreinft hatte er eine, mit seinem Blute geschriebene, Widmung an sie verfaßt und in Altötting niedergelegt. Keine irdische Liebe war je so stark gewesen, daß sie ihn abwendig gemacht hätte dieser einen, rein geistigen, seine Seele beherrschenden Liebe zur Mutter des Herren. - „Ora pro nobig!" - sprach er leise, und sah innig hinauf zu dem Marienbilde über dem Tische an der Wand. Das war das Stück Schwärmerei, das dem sonst Kühlen, Nüchternen innewohnte.
Sein Tagewerk brauchte wahrlich nüchterne, kühle Klarheit, brauchte einen ungebeugten, zuweilen harten Willen. Hatte er es nicht hundertmal schwerer gehabt, als sein Vater und Ahn? Hatte er nicht fliehen müssen aus seiner Hauptstadt, nicht der Kriegsfurie in die medusenartigen Augen gesehen? Hatten zu dem endlich Sieghaften, wieder im Frieden Herrschenden nicht Hunger, Pest, Verwüstung um Hilfe geschrien? Und es war ihm doch einigermaßen gelungen, dem ärgsten Elend zu steuern; er hinterließ doch ein beruhigtes, geordnetes Land, einen gefüllten Schatz. Vor Allem: ein Volk, in Ehrfurcht und im Väterglauben erhalten.
Wem hinterließ er es? Fürsten können so wenig als Andere ihr Bestes, Stärkstes vererben. Nur den Besitz, nicht die bewahrende Kraft. Und er, der Kurfürst, stand im neunundsiebzigsten Jahre; täglich konnte Gott ihn abberufen. —
Die welke Greisenhand schob die Stöße der Rechnungen, Suppliken, Berichte zur Seite; da und dort waren die Ränder der Papiere mit kleinen unwilligen Anmerkungen bedeckt, wo irgend etwas Mißfälliges sein scharfes Auge getroffen hatte. Er zog ein Heft hervor, das die Erfahrungssumme eines ganzen Fürstendaseins seinem Nachfolger überliefern sollte, die „Treuherzigen väterlichen Lesestücke, Erinnerungen und Ermahnungen" für seinen Sohn.
Sparsamkeit und Mäßigkeit, Erhaltung der Würde und Autorität, jedoch mit Freundlichkeit und Sanftmut gepaart, Verschwiegenheit bei wichtigen Geschäften, die goldene Regel, nur langsam zu reden, verständig und mit gutem Bedacht, Neuerungen und ä la modisches Gebaren zu meiden. Alles hat fein Beispiel dem Prinzen schon eingeprägt, nachdrücklicher als gemalte und in Erz gegossene Allegorien. Und die rastlose hagere Hand schreibt, gleichsam als Motto, noch die Worte: „Eifrige, arbeitsame Potentaten und Fürsten sind den brennenden Kerzen zu vergleichen, welche sagen könnten: aliis lucendo consumor! Anderen leuchtend verzehre ich mich." —
Anderen leuchtend? Es gab Viele, die den Kurfürsten Maximilian tadelten oder fürchteten. Hart, streng, eigensüchtig hießen sie ihn, freilich im Widerspruch zu Solchen, denen er als der Salomon Europas galt. Er fragte den Einen und den Anderen nicht nach. Wie der bayerische Bauer nur zweierlei kennt: den Herrgott und das Stück Heimatscholle, das er bebaut und mit Stolz seinen Hof nennt, so gab es für Bayerns Herrscher auch eben nur Gott und den Staat. Aus seinem ganzen kämpfereichen Leben entsann er sich unter den Sünden, die er bereute, keines Augenblicks, wo sein katholischer Christenglaube gewankt oder wo er das Wohl des Staates nicht bedacht hätte. Käme jetzt seine letzte Stunde, so könnte er dies beteuern vor Gottes Angesicht —
In das Gemach blickte verglimmender Abendschein. Der greise Fürst, im Gedanken an seinen Tod, hatte die Feder niedergelegt und bekreuzte sich andächtig. Sein Antlitz trug den Ausdruck völligen Friedens.
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Ein uralter Edelsitz und Kirchort, kam Schleißheim im 15. Jahrhundert zuerst an Herzog Ernst von Oberbayern, später an die Brüder Pfattendorfer, die natürlichen Söhne Herzog Sigmunds. Die stille friedsame Lage des Ortes auf der Garchinger Heide, sowie die Fruchtbarkeit des Bodens veranlaßten Herzog Wilhelm V., hier eine Musterschwaige und ein Herrenhaus zu errichten. Später baute er zu den im Umkreis schon bestehenden vier Kapellen noch fünf weitere hinzu, jede mit einer Klausnerwohnung daran. Es waren nun im Ganzen 9 Kapellen, die zu Sankt« Maria, St. Jakob, Sankt« Margaretha, St. Nikolaus, St. Korbinian, St. Franziskus, St. Ignatius, St. Wilhelm und St. Renatus. Sie alle sind verschwunden, nur die St. Jakobskapelle besteht noch als Friedhofskapclle von Hochmutting, und die Jgnatiusklaufe ist umgewandelt in die bekannte Gastwirtschaft „zum Bergl." In die Schleißheimer Klausen pflegte Wilhelm V. mit seiner Gattin Renata und einigen Vertrauten vom Hofe sich zurückzuziehcn, wenn er einsam der Betrachtung und den Andachtsübungen obliegen wollte. An diese Klausen mahnen heute noch einzelne niedrige, einstöckige Häuschen. Später, als Wilhelm V. seinem Sohne Maximilian die Regierung abgetreten hatte, bot er dem neuen Herrscher die Schwaige Schleißheim, die sein persönliches Eigentum war, zum Kaufe an. Es ist bezeichnend für den sparsamen Sohn, daß er genau prüfen ließ, welchen Ertrag die Schwaige abwarf, ehe er auf den Handel einging. Um jede Kleinig
feit der Bewirtschaftung kümmerte er sich selbst, bis auf den Speisezettel für die Dienstboten herab. Doch behagte auch ihm Schleißheim als Aufenthalt, denn er ließ durch seinen Liebling Peter Candid hier an Stelle des einfachen Herrenhauses das alte Schloß aufführen, den ältesten Renaiffaneebau in Münchens Umgebung. Seine Nachfolger bauten die so geschaffene Sommerresidenz noch weiter aus, schmückten sie mit Gemälden und Stuckarbeiten, gestalteten den Park im Sinne der damaligen französisch-italienischen Gartenkunst. Ferdinand Maria, der gern hier weilte, starb in Schleißheim im Jahre 1679; sein Sohn Max Emanuel ist der eigentliche Schöpfer des neuen großartigen Schloßes. Es war sein Lieblingsbau, für sein persönlichstes Wesen so bezeichnend, wie die MichaelSkirche für Wilhelm V. oder der Plan der neuen Residenz für Maximilian I. Aus dem Feldlager vor Namur sandte der Fürst, der seinem eigenen Geständnis nach „schon glücklich war, wenn er Pläne zeichnete, nur daS Papier zu verschmieren" — seine baulichen Anordnungen hinsichtlich Schleißheims nach Hause. Begonnen ward mit dem Schlößchen Lustheim, das an Stelle der abgebrochenen Renatusklause des Urahns Wilhelm steht, die zierliche Nachbildung eines italienischen Kasinos. Dann folgte der Bau des Hauptschloffes, das noch bei Max Emanuels Tod nicht ganz vollendet war. Der Ehrgeiz Dessen, der von einer Königskrone träumte, wollte, daß sein Schloß eines Königs würdig sei; daneben spricht aus jedem Zug der Anlage seine schwelgerische Sinnenfreudigkeit, das Stück Romantik, das in ihm wohnte und sein wirkliches Kunstgefühl. Er hat Unsummen verschwendet, dieser Kurfürst, über den die Meinung der Mitlebenden so geteilt, häufig mit Recht absprechend war. Aber er hat der bildenden Kunst, dem Kunsthandwerk, der Gartenkunst würdige Aufgaben gestellt; und so leicht er in politischen Dingen sanguinisch daneben griff, so sicher fand er die richtigen Persönlichkeiten heraus, die solche künstlerische Aufgaben lösen konnten. Für Schleißheim war es zuerst der Graubündner Enrieo Zueeali, dann Joseph Effner, der Dachauer Gärtnerssohn.
Wenn schon der Plan des Schlosses nicht in vollem Umfange zur Ausführung kam, ist der Eindruck dennoch majestätisch genug. Von monumentaler Wirkung schon der Eintritt durch das Hauptportal, herrlich der Blick von den Fenstern der Ahnengalerie herab auf die blumigen Teppichgärtnereien und die ganze Gestaltung des Parkes, der den Zusammenhang zwischen Schleißheim und Lustheim vermittelt. Die berühmte Gemäldegalerie, zum Teil von Max Emanuels Vorfahren herstammend, aber durch ihn und seine Nachfolger bedeutend gemehrt, umfaßte zu seiner Zeit schon 1000 Nummern.
Zwar ist aus dem Gemäldeschah das Beste inzwischen in die Alte Pinakothek überführt worden, doch ist dafür wieder manches Wertvolle in Schleißheim neu hinzugewachsen.
Während der Spätzeit Max Emanuels und der Regierung Karl Albrechts weilte der Hof zur Sommerszeit abwechselnd in Schleißheim und Nymphenburg. Es fanden hier wie dort die gleichen glänzenden Feste statt: auf dem Kanalarm, der von Schleißheim nach Lustheim führt, wurden venezianische Gondelfahrten unternommen, der Park ward glänzend beleuchtet und großes Feuerwerk darin abgebrannt. In den prächtigen Sälen, wo goldene und silberne Ornamente sich an seidenen Stofftapeten hinaufranken oder in die Wandbespannung kostbare Gemälde eingelassen sind, wurden Bälle und festliche Empfänge, Konzerte und Theateraufführungen veranstaltet. Der graue und rosige Marmor des Treppenhauses, die eingelegten Mosaikfußböden spiegelten den Glanz der Kerzen und das Flackern der Windlichter, mit denen den höchsten Herrschaften hernach in ihre Gemächer geleuchtet ward. Und wenn dann die Lichter verloschen waren, und nur der Mond sein Silber auf Park und Schloß ergoß, klang vielleicht noch leises Liebesgeflüfter da und dort aus den verschnittenen Buchenhecken oder den süß und schwül duftenden Fliederbüschen hervor. —
Seit dem Kurfürsten Max III. Joseph kam der Hof nicht mehr nach Schleißheim. 1822 ward es landwirtschaftliche Lehranstalt, später Kreisackerbauschule, dann Remontedepot. Heute, im Gegensatz zu Nymphenburg, das vom Leben der bis zu ihm sich erstreckenden Hauptstadt umgeben wird, ist Schleißheim still. Abseits und einsam liegt das Schloß inmitten des flachen moorigen Landes. Die Schönheit und der Prunk dieses Kleinods dekorativer Kunst stechen seltsam ab gegen die Ode ringsum. Der Besucher mag sich in den Sälen und Parkwegen ergehen und Betrachtungen anstelle» über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Aber im Scheiden wird er das Gefühl mitnehmen, zu Gaste gewesen zu sein in einer Welt, die dem Heutigen fern und unwirklich scheint und deren Anhauch doch Jeder als einen Zauber empfindet.
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Im prunkvollen Fürstenschlafzimmer der Residenz liegt ein Sterbender. Die Krone auf dem hohen goldgestickten Baldachin über dem Bette erscheint als eitler, törichter Gegensatz zu dem Leiden des armen Dulders, den leibliches und seelisches Weh vorzeitig unter die Erde bringt. Aus dem Dämmer heraus, das seine Sinne schon umspinnt, reckt er noch einmal die Hand nach den Weinenden, die sein Sterbelager umstehen:
„Meine armen Kinder, mein armes Land, verzeiht Euerem armen Vater!"
Das sind Karl Albrechts letzte Worte in diesem Leben.
Das Mitleid der Zeitgenossen hat Karl Albrecht, Kurfürsten von Bayern, als römischer Kaiser Karl VII., den „Unglücklichen" genannt. Mit nur zu gutem Grunde.
Er zählte noch nicht neun Jahre, da er, Max Emanuels ältester Sohn, in Gefangenschaft der Österreicher geriet, von ihnen, die seinen Vater besiegt und vertrieben hatten, aus München hinweggeführt wurde, um erst in Klagenfurt, dann in Graz erzogen zu werden. Als Jüngling ward er den Eltern und der Heimat wiedergegeben; als nicht ganz Dreißigjähriger, jung vermählt, vom Glanze eines prunkliebenden, schönheitsfreudigen Hofes umgeben, trat er das Erbe seines Vaters an.
Er war dessen Erbe auch innerlich. Die verstehende Kunstliebe, besonders die Freude am Bauen, die leicht erregbare Sinnlichkeit, der Ehrgeiz und die persönliche Tapferkeit Max Emanuels waren auch dem Sohne zu eigen. Aber alles um eine Note schwächer, zarter, nicht mehr so ins Große gehend. Er verhielt sich zum Vater — wie die Amalicnburg zu Schleißheim. Und während die sanguinische, abenteuernde Seele Max Emanuels in einem Körper wohnte, der trotz Strapazen und seelischen Erschütterungen vierundsechzig Jahre vorhielt, war Karl AlbrechiS Widerstandskraft mit achtundvierzig Jahren verbraucht — ungeachtet des stählenden Einflusses der von ihm so leidenschaftlich geliebten Jagd.
Erst wenige Zeit herrschte er, als ein furchtbarer Brand sein Residenzschloß verheerte, Kunstschätze vernichtete, deren Verlust dem Kurfürsten wahrhaft zu Herzen ging. Darnach kam eine Frist ungestörten, beglückten Daseins, ein Entfalten aller persönlichen Neigungen. Der Fürst, vor dem bei der feierlichen Landeshuldigung der Erb- jägermeister, Graf Törring, einherschritt, den mächtigen Hehrüden an der Leine führend, streifte mit Gefolge oder einzeln, als einfacher Jäger durch Wald und Moor. Wenn er dann heimkehrte, beutereich, aber ermüdet, beschmutzt, dann gewährte eS seinem verfeinerten Empfinden die köstlichste Erholung, auszuruhen inmitten hochgefteigerter Pracht, erwähltefter Form- und Farbenkunst, schöner graziöser Frauen. Das waren die Jahre der Amalienburg.
Dann aber kam der Augenblick, wo Karl Albrecht den alten Kampf seines Hauses mit Habsburg um die Vorherrschaft in Deutschland aufnahm, die „Pragmatische Sanktion" anfocht, der „Großherzogin von Toskana", wie er Maria Theresia nannte, das Erbe ihres Vaters, Kaiser Karl VI., bestritt.
Eine Spanne kriegerischer Erfolge, siegreichen Vordringens, freilich im Bündnis mit anderen Mächten: Preußen, Sachsen, Spanien, Frankreich. Und der Triumph, der höchste, den sein Vater vergeblich ersehnt hatte: zum römischen Kaiser erwählt zu sein. Ein Triumph voll grausamen Schicksalshohns. Denn inzwischen hat das Waffenglück sich schon gewendet: Maria Theresias Heere fallen siegreich in Bayern ein. Während die Vorbereitungen zur glanzvollen Krönung in Frankfurt a. M. getroffen werden, erreichen nur Unglücksbotschaften den zu Krönenden, der sich im Bette unter qualvollen Gicht- und Steinschmerzen windet. Es liest sich erschütternd, wie dem armen siechen, sorgenzerriffenen Manne der schwere Krönungsornat angelegt wurde, wie man ihn, der sich mühsam aufrechthielt, auf einen geschmückten Zelter hob und in feierlichem Krönungszug dahinführte. Dennoch, so freudlos es in ihm aussah, strahlte persönlicher Zauber von ihm aus: Goethes Mutter, die damals elfjährige Elisabeth Katharina Textor, hat es uns bezeugt. Sie sah ihn krönen, sie sah ihn mit seiner Gemahlin am Charfreitag in Frankfurt von Kirche zu Kirche gehen, Hand in Hand, gehüllt in lange schwarze Mäntel. Beide hatten Lichter in der Hand, die sie gesenkt trugen... „Überall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte sein Haupt eine Weile in die Hände." Später sah sie ihn offene Tafel hallen unter Trompetengeschmetter, umringt von großen Herren; als seine Gesundheit getrunken ward, jauchzte sie mit: „der Kaiser sah mich an und nickte mir." Die wundersamen melancholischen Augen des kranken Kaisers erweckten in der späteren „Frau Rat" ihre „erste rechte und auch letzte Leidenschaft."
Schwerste Gründe zur Schwermut hatte er. Ein Bundesgenosse nach dem anderen fiel ab von ihm. Im Mai 1742 war, als die Panduren in München einbrachen, von diesen unmenschlich gehaust worden; am Lehel wurden vierzig Häuser in Asche gelegt, die Einwohner niedergemetzelt, die Schwerverwundeten, sowie viele kleine Kinder lebend ins Feuer geworfen. Und im Juni ließ Österreich sich im besetzten Bayern huldigen — wie zu Max Emanuels Zeit.
Der Einfall der preußischen Heere in Böhmen 1744 erleichterte Bayern und führte Karl Albrecht in seine Residenz, die er dazwischen nur kurz wiedergesehen, zurück. Auf wie lange? Seine Umgebung glaubte: bis zur baldigen eiligen Flucht. Er wußte es anders: er fühlte fein Ende nahe. Seine LieblingStochter Therese Benedikte, deren Tod ihm in dieser Leidenszeit fast das Bitterste gewesen, war ihm vor der Heimreise erschienen, tod- und friedeverkündend. Er starb am 2 O. Januar 1745. — „Er war sanft, menschlich herablassend" — urteilt von ihm die kritische Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, die Schwester Friedrichs des Großen, und meint: er hätte ein besseres Schicksal verdient. —
Sogar der Grabesfrieden wäre ihm nicht gegönnt gewesen, wenn dem zu glauben, was seine Witwe, die Kaiserin Amalie, 1750 an ihre Tochter schrieb. Darnach wäre sein Geist im Angerkloster in München erschienen, kurz vor dem Tode seiner Schwester Maria Karolina, die dort als Klarissin Gott diente. — „Noch einmal wagst du, vielbeweinter Schatten, hervor dich an das Tageslicht" — Diese Verse Goethes drängen sich einem unwillkürlich auf bei solcher Kunde. Aber sie geleiten auch jeden, der an einem Frühlingstage den Park zu Nymphenburg und die Amalienburg betritt, die Erinnerung an den liebenswerten unglücklichen Kaiser als stille Genossin zur Seite.
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Aus Münchens Fürstenschlössern
Der alte Name der Hofmark Nymphenburg ist „Kemnaten". Unter diesem Namen schenkte es Kurfürst Ferdinand Maria seiner Gemahlin Adelheid „ins Kindbett", als sie ihn durch die glückliche Geburt eines Thronerben erfreut hatte. Die Kurfürstin fand den bisherigen Namen zu gewöhnlich. Sie bat ihre Mutter, einen anderen vorzuschlagen, und dieser andere war „borgo delle nymphe“ d. h. Nymphenburg. Die Fürstin ließ den Mittelbau des heutigen Schlosses durch den Bologneser Agostino Barelli aufführen, als einfaches Lustschloß, im Stile der italienischen Villa, umgeben von einem kleinen Garten im französischen Geschmack. Aber erst der damals geborene Kurprinz, spätere Kurfürst Max Emanuel baute Schloß und Park in ihren heutigen Größen aus. Der „Adelaidestock", der Mittelbau, wurde nach beiden Seiten fortgesetzt; der eine Flügel endete in einer Kaserne, der andere in einem Kloster (jetzt das der Englischen Fräulein), bis viel später die den Schloßplatz umgebenden Beamtenwohnungen sich daran reihten. Ländlich und doch großartig wirkt der Anblick des weißen Schlosses mit seinen Nebenbauten und der Fontäne, die inmitten des Platzes lichtfunkelnde Tropfen sprüht. — Der spanische Erbfolgekrieg unterbrach die Bauten, die damals Anton Viscardi leitete, für volle zehn Jahre. Als Max Emanuel gleich nach seiner Heimkehr sie wieder aufnehmen ließ, ward ein Bayer, der in Paris auf kurfürstliche Kosten ausgebildete Joseph Effner, damit betraut. Auch die Parkanlagen wurden nun vollendet: breite Alleen, lauschige Wege wurden angelegt; Wasserkünste mit schimmernden Steinfiguren, ein verträumter kleiner See und ein Kanal belebten die Landschaft. Als Ruhewinkel nach den mancherlei Gesellschafts- und Laufspielen im Freien, die hier des Sommers betrieben wurden, entstand die „Pagodenburg" im chinesischen Geschmack, ferner als prunkvolles Badehaus die „Badenburg". Später jedoch, da Max Emanuel alterte und die Stimmungen zerknirschter Andacht, die bei ihm sein Leben lang mit gelegentlicher Frivolität gewechselt hatten, vorherrschend wurden, ließ er das St. Magdalenenkirchlein im Park aufführen und sich daneben ein paar einfache Zimmer, die Klause oder Eremitage, einrichten. Die als künstliche Ruine begonnene, erst unter Max Emanuels Nachfolger vollendete Kapelle enthält die weiße Marmorfigur der heiligen Büßerin inmitten einer dunklen Grotte aus Muscheln und Tuffstein, wo ein kleiner Brunnen rieselt. Es war Sitte, daß alljährlich am Feste der heiligen Magdalena, 21. Juli, die Kapelle, die für gewöhnlich verschlossen ist, für jedermann offen stand. Daher schrieb sich ein großes Volksfest, das Magdalenenfeft, zu dem die Münchner noch jetzt scharenweise nach Nymphenburg hinausgehen oder fahren. Denn das Wasser des Magdalenenbrünn- leinS galt im Angedenken der reuigen Tränen der hl. Büßerin als heilsam für kranke Augen. Manche Besucher füllten davon in ein Fläschchen und trugen eS zu täglichen Waschungen mit heim. Nach der Andacht pflegte eine gemütliche Einkehr in einer der Wirtschaften des großen Rondells zu Seiten des Schlosses zu folgen, vornehmlich beim „Controlor".
Karl Albrecht, unter dem die Magdalenenkapelle vollendet ward, hat zu Ehren seiner Gemahlin Maria Amalie, der tapferen Jägerin, auch das Juwel des Nymphenburger Parkes erbauen lassen, die „Amalienburg". Sie ist das schönste Werk ihres Meisters Cuvillies und eine Perle aller Rokokokunst überhaupt. Das Ganze ein Traum in Silber, unterwebt mit Blau und Gelb, etwas unendlich Zartes, Schimmerndes, der Lebensausdruck eines auf feinsten Daseinsgenuß eingestellten Menschen, der die Schönheit in allem liebt. An die Bestimmung des Hauses zu Jagdzwecken erinnert — ein so leidenschaftlicher Jäger Karl Albrecht auch war — nur der auf dem Dache errichtete „Hochstand" mit zierlicher schmiedeeiserner Einfassung, von dem herab zumeist auf Fasanen geschossen ward. Die Raumverhältnisse, die Linien, die innere Ausstattung der Amalienburg bilden einen Zusammenklang von vollendeter wunderbarer Harmonie; sie ist sozusagen das Wahrzeichen des Nymphenburger Parkes: die Seele ihres fürstlichen Bauherrn scheint in sie hinein gebannt zu sein.
Was Karl Albrechts Schöpfungen ebenso wie die seines Vaters für das heimische Kunsthandwerk bedeuteten, beweist die entzückende Feinheit der Holzschnitzereien, die sich an den Wandpanneaux empor
schlingen und der köstlichen Stuckarbeiten der Plafonds. Die ersteren stammen von einem „Schneidkiftler" in der Au-, Joachim Dietrich, die zweiten von dem Wessobrunner Stuckator Joh. Bapt. Zimmermann — alles Handarbeit nach Cuvillies Entwürfen.
Bekanntlich trug Karl Albrecht sich mit dem Gedanken, zwischen München und Nymphenburg eine eigene Stadt, genannt „Karlstadt" zu errichten. Hierzu ließ es der österreichische Erbfolgekrieg nicht kommen, doch haben Karl Albrecht und seine Gemahlin den Grundstein zum ersten Hause der künftigen Stadt, der Taferne und Bäckerstatt „Zum Controlor" persönlich gelegt (März 1728).
Dagegen entstand unter dem Kurfürsten Max III. Joseph in Nymphenburg eine Neuheit von größter gewerblicher Bedeutung- In den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts nämlich hatte ein einfacher Münchner Hafnermeister, mit Namen Johann Niedermayer, ohne die seit einem halben Jahrhundert bestehende Meißener Porzellanfabrik zu kennen, das Geheimnis der Porzellantechnik entdeckt. Unter Überwachung des Grafen Sigmund von Haimhausen, des kunstsinnigen Direktors der von Max III. gegründeten bayerischen Akademie, ward Niedermayer erster technischer Leiter der Nymphenburger Porzellanmanufaktur, die sich in einem Nebenflügel des Schlosies befindet und deren künstlerische Schöpfungen sich Weltruhm erworben haben. All die Anmut der Schäferspiele, der zierlichen Herren und Damen, die ehemals auf den Parkwegen Nymphenburgs lustwandelten, die Nymphen und Gottheiten, die weißschimmernd aus dem Gebüsch hervorlauschten, bis herab auf die Drölerie der zahmen Hunde und Rehe, der Lieblingsvögel und Papageien, lebt fort in der berückenden Kleinkunst der Nymphenburger Porzellanfabrik.
Der letzte Kurfürst und erste König Bayerns, Max Joseph I., hat Nymphenburg besonders geliebt und ist hier 1825 gestorben.
Einer wenig bekannten Besonderheit des Schlosies zu Nymphenburg sei noch gedacht. In der großen Galerie des oberen Stockwerks, über dem Einfahrtskorridor, hört, wer ruhig darin verweilt, mitunter das Geräusch von Tritten und Menschenstimmen, ohne daß er jemand sieht. Jedenfalls liegt dem eine akustische Eigentümlichkeit der Bauanlage zu Grunde; auf bängliche Gemüter wirkt der Vorgang spukhaft, wie er sogar von solchen gelegentlich mit dem Andenken König Ludwigs II. in Verbindung gebracht wurde.
Denn auch die Wiege eines Königs hat in Nymphenburg gestanden: Ludwig II. ist hier am 25. August 1845 geboren, zur größten Freude seines Großvaters Ludwig I-, der an diesem Tage seinen Geburtsund Namenstag beging. Den Wünschen, die den kleinen Prinzen beim Eintritt inö Leben begrüßten, sollte keine Erfüllung beschieden
sein. Dies Leben, das so glückverheißend im schönheitsvollen Nymphenburg begann, endete leidenbeschwert an einem regendunklen Pfingsttag in der Tiefe eines Bergsees.
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Aus Münchens Fürstenschlössern
Kaum achtzehnjährig kam er zur Regierung. Aber seine Jugend war darnach angetan, ihn früh zu reifen: er hatte das schwere Sterben und kämpfereiche Leben seines Vaters, Karl Albrecht, mitgeschaut. Er übernahm von ihm ein schlimmes Erbe, den österreichischen Erbfolgekrieg. Die erste Handlung des jungen Kurfürsten war, Frieden zu schließen und das durch den Krieg entstandene furchtbare Elend nach Kräften zu lindern.
Unendlich bezeichnend für Max Joseph ist ein Zug aus dem ersten Jahr seiner Herrschaft. Er wollte eines Morgens mit Gefolge auf die Jagd ausreiten, die er gleich seinem Vater und Großvater leidenschaftlich liebte. Unterwegs, in der Sendlingergasse, begegnete ihm ein Priester von St. Peter mit dem Viaticum. Der Kurfürst stand ab von der Jagd, stieg vom Pferde und folgte entblößten Hauptes dem Priester hinunter zum Anger, in die Dachkammer eines dürftigen Hauses, wo ein armer Handwerksbursch am Sterben lag. Der Fürst wohnte knieend und tief ergriffen der heiligen Handlung bei, trat dann an das Bett, um dem Todkranken Trost und Mut zuzusprechen und geleitete, nachdem er ihn reichlich beschenkt hatte, still und ernst das Altarsakrament in die Peterskirche zurück.
Er fühlte wahrhaft für sein Volk. Dies Gefühl ward erwidert, wie dir vom Volke ihm verliehenen Beinamen, der „Gütige" oder der „Vielgeliebte" beweisen. Ebenso steckte die Liebe zu den Künsten und Wissenschaften ihm tief im Blut. Unter ihm ist das köstliche Re- sidenztheater geschaffen worden; unter ihm trat die bayerische Akademie der Wissenschaften ins Leben. Für Musik hatte er ausgeprägte Begabung: er spielte mit Leidenschaft Klavier, Violine, Cello und Gamba, ähnlich seinem Großvater Max Emanuel, ja er komponierte auch selbst. Der kunstsinnige, musikverständige Graf Salern war sein Muflkintendant, sein gelegentlicher Helfer desgleichen bei einer anderen Liebhaberei, die Max Joseph mit seinem Großvater sowie mit seinem großen Ahn, Maximilian I-, teilte: dem Verfertigen kunstreicher Arbeiten aus Elfenbein. Er war als Drechsler in Elfenbein sehr geschickt und tatsächlich stolz darauf. Ebenso ehrte und förderte er die handwerkliche Geschicklichkeit eines jeden auf jedem Gebiet. Der Grundzug seines Wesens war neben der Güte eine milde Heiterkeit, von der seine Umgebung manchen Zug berichtete.
In zweiunddreißigjähriger Regierung erlebte er viel Schweres. Die ersten Jahre waren ausgefüllt mit dem Bestreben, das durch jahrhundertlange Kriege völlig ausgesogene, verarmte und geschwächte Land einigermaßen wieder aufzurichten. Er sparte in erster Linie an sich selbst, setzte sein Einkommen herab zu Gunsten des Staates. Die Schulbildung stand auf schauerlich niedriger Stufe; Max Joseph bemühte sich, sie zu heben, unterstützte das Wirken des vortrefflichen Stiftskanonikus Heinrich Braun, der unablässig auf gründlicheren Unterricht in der Muttersprache hinwieö. Die Volksschulen wurden reformiert, Realschulen gegründet, die Gymnasien verbesiert. Max Josephs Kanzler Kreittmayr schenkte mit Zustimmung seines Fürsten dem Lande ein neues Strafrecht, ein verständliches bayerisches Landrecht. Außere schwere Katastrophen verschonten die Regierung Max Josephs nicht, trotzdem sie friedlich war. Von dem großen Residenzbrand 1750, der daö Schloß seiner Ahnen in Asche legte, ist schon geredet worden. Zwanzig Jahre darauf ward Bayern von einer fürchterlichen Hungersnot heimgesucht. Das Elend war so groß, daß in der Umgegend Münchens und teilweise auch in der Stadt, der Hungertyphus als ständiges Übel austral. Der Kurfürst, der natürlich von dem Getreidemangel gehört hatte — leider sperrten die deutschen Staaten, ja sogar deren einzelne Provinzen sich gegeneinander ab, statt einander in der Not auszuhelfen — fragte wiederholt, ob Münchens Bürgerschaft genügend versehen sei. Doch fehlte es in seiner Umgebung nicht an Leuten, die teils um ihre Unfähigkeit zu verdecken, teils um, wie sie angaben, fein weiches Gemüt zu schonen, ihm die bittere Wahrheit verschwiegen. Er erfuhr es auf eine schrecklich erschütternde Art. An einem Samstag kehrte er aus der Meffe in der Herzogspitalkirche zurück. Da wurde seine Karosse von einer ganzen Schar blasser abgezehrter Gestalten umringt, welche ihn mit aufgehobenen Händen um Hilfe anschrieen, da sie am Verhungern wären. Der Kurfürst war außer sich. Er versprach sofortige Hilfe, befahl, die Kassen und amtlichen Getreidespeicher zu öffnen. Sie waren leer. Der Kurfürst ließ alsbald in Holland eine große Summe Geldes aufnehmen, für welche Summe durch den Münchner Kaufmann Sabbadini ausländisches Getreide aufgekauft und auf allen Schrannen um billigen Preis ausgeboten wurde. Max Joseph schonte sogar seinen geliebten Wildbestand nicht. Er ließ eine große Menge Wild abschießen und das Fleisch an die Armen verteilen. Leider hatte der Fürst ohne den Kornwucher gerechnet, den etliche der beauftragten Kornverkäufer ruhig trotz der Größe der Not weiter betrieben. Das ging über die Milde sogar des Kurfürsten. Er ließ zwei Kornwucherer zum Tode verurteilen und verschloß sich am Tage ihrer Hinrichtung vor jedermann, weil er festen Willens war, kein mündliches oder schriftliches Begnadigungsgesuch für die beiden anzunehmen.
Eine segensreiche Neuheit wurde unter der Regierung Max Josephs III- auf Antrag und Betreiben seines Intendanten, Grafen Seeau, eingeführt: der erste Rettungsdienst. Nachdem Graf Seeau einen scheinbar ertrunkenen Knaben durch andauernde Wiederbelebungsversuche seinen Eltern wiedergegeben hatte, wurden Geldpreise ausgesetzt dafür: wer zuerst einem Wundarzt Mitteilung von einem geschehenen Unfall machte, wer die geeigneten Hilfsmittel zur Stelle schaffte, kurz, wer sich um Erhaltung von Leben und Gesundheit eines Verunglückten verdient machte. Den doppelten Lohn empfing, wer mit persönlicher Gefahr das Leben eines anderen rettete.
Im Jahre 1777 ging Max Josephs eigenes Leben zur Neige. Er erkrankte an den Pocken, die von den Ärzten nicht erkannt und daher verkehrt behandelt wurden. Es heißt, daß der Kranke seinen Tod vorausahnte, daß die „drei Siebener" der Jahreszahl ihm ein schwermütiges Vorgefühl erweckten. Doch starb er so friedlich wie er gelebt hatte, dankte seiner Gattin Maria Anna Sophie für ihre Liebe und treue Pflege, schied unter Segenswünschen von seinem Volk und Land. Der rührende Auftritt, als auf sein Bitten das Gnadenbild der Muttergottes aus der Herzogspitalkirche zu ihm gebracht ward, ist bereits erzählt worden. Er konnte der Patron« Ba- variae, die er zeitlebens mit ganzer Innigkeit verehrt hatte, getrost in die Wunderaugen sehen. Soweit es menschlicher Unvollkommenheit möglich ist, hatte er seine Aufgabe in diesem Leben erfüllt, ein Vater der ihm Anvertrauten zu sein.
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Aus Münchens Fürstenschlössern
Mit Max III. Joseph erlosch der Stamm Ludwigs des Bayern. Max Josephs Nachfolger, Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz, war nichts weniger als ein lachender Erbe. Ungern dachte er daran, fein Mannheim, das er zu einer Stätte der Musen gemacht hatte, zu vertauschen gegen das rauhe, ihm ganz fremde Altbayern.
Der Mangel an Zuneigung zwischen Fürst und Volk, sowie Karl Theodors Kinderlosigkeit wurden von Österreich dazu benutzt, um dem Kurfürsten die Abtretung eines großen Teiles von Bayern im Austausch gegen die reichen Niederlande vorzuschlagen. Einen alten Erbanspruch aus dem 15. Jahrhundert auf das Straubinger Gebiet nahm Kaiser Joseph II. zum Vorwand. Und Karl Theodor gefiel der Plan sehr wohl.
In der Herzog-Maxburg zu München saß Herzogin Maria Anna, Karl Theodors Schwägerin, die Witwe des Herzogs Clemens, deffen Erzieher und späterer Kabinetösekretär Andreas Felix von Oefele gewesen. Herzogin Maria Anna Charlotte war eine ebenso warm- fühlige als hochgebildete Frau: sie unterhielt z. B. zu München die herzoglich marianische Landesakademie, wo die Schüler in Mathematik, Philosophie, Geographie, in Deutsch, Latein und Französisch, aber auch in Musik, Tanzen, Fechten und militärischen Übungen unterwiesen wurden. In der Voraussicht deffen, was kommen würde, hatte sie schon bei Max Josephs Lebzeiten auf die Errichtung eines neuen Wittelsbachischen Hausvertrages gedrungen, der auch den Zusatz enthielt, daß München der Wohnsitz des jeweiligen Kurfürsten bleiben müßte. Als nun das Gefürchtete nahe rückte, rief Maria Anna den Herzog Karl August von Pfalz-Zweibrücken, den nächsten Erben Karl Theodors, durch eine dringliche Botschaft nach München. Desgleichen hatte sie um Beistand an Friedrich den Großen, der ihr befreundet war, geschrieben. Noch ehe er ihren Brief empfing, traf sein Abgesandter, der Graf von Görtz, in München ein, hielt sich bei Tage in Maria Annas Gartenpalais vor dem Neuhausertor verborgen, hatte aber zwei Nächte nacheinander eine lange, heimliche Unterredung in der Maxburg mit der Herzogin, dem Herzog Karl August und dessen Ministern. Darin wurde fest abgemacht, daß der Herzog, als nächster Agnat, seine Zustimmung zu der geplanten Landabtretung verweigern und den König von Preußen anrufen sollte, ihn bei seinem Recht zu schützen. Dies Alles geschah, wie verabredet: Friedrich der Große setzte sich mit allen Mitteln der Zerreißung Bayerns entgegen und griff, als Verhandlungen nichts fruchteten, zum letzten Mittel, zu den Waffen.
Der sogenannte bayerische Erbfolgekrieg, in dem Friedrich II. und Josef II. ihre Truppen persönlich anführten, begann im Frühjahr 1778 und währte bis zum Teschener Kongreß. Der trat zusammen, nachdem sich Maria Theresia, die von Anbeginn den Gebietsanspruch ihres Sohnes für unbillig und ungerechtfertigt ansah, mit Friedensvorschlägen ins Mittel gelegt hatte. In dem am 13. Mai 1779 unterzeichneten FriedenStraktakt wurde das Innviertel (jenseit von Salzach, Inn und Donau) an Österreich abgetreten, wogegen das HauS Habsburg sich jeden künftigen Anspruchs auf bayerische Gebiete begab und das Erbrecht der Zweibrückener Linie auf alle wittelsbachischen Lande nachdrücklich festgelegt ward.
Trotzdem tauchte das Gerücht, daß Kurfürst Karl Theodor immer noch mit jenem Tauschgedanken liebäugle, wiederholt und nicht grundlos auf. Nicht nur an ihn, sondern auch an den Herzog Karl August wandten sich geheime Unterhändler, um diesen mit großen Summen und Verheißung einer Krone zu locken, wie den Kurfürsten mit dem Besitz der Niederlande. Karl August aber hielt fest an einem unzerrissenen Bayern und rief nochmals Friedrich von Preußen zu Hilfe, der zur Aufrechterhaltung von Bayerns Selbständigkeit und Ungeteiltheit 1785 mit mehreren Reichöftänden den deutschen Fürstenbund schloß. Die natürliche Wirkung von alle dem war eine Kühle zwischen Fürst und Volk, die vor Karl Theodors persönlicher Anwesenheit in München nicht wich. Wie die Bayern mißtrauisch auf den Kurfürsten und die mit ihm gekommenen Pfälzer, die „Rheinschnaken" blickten, so wurde er selbst durch den Widerstand, den er fühlte und durch die beginnende Unruhe der Zeit argwöhnisch, unsicher. Viele Anklagen gegen die Herrschaft Karl Theodors sind von Mit- und Nachwelt erhoben worden. An den rauschenden Bäumen des englischen Gartens, den er mit Benjamin Rumford anlegte, hat er seine Fürsprecher, wie an den Weisen deutscher Tonmeister, die er mit Vorliebe erklingen ließ.
Dagegen trat, als die französischen Revolutionsheere Süddeutschland mit Krieg überzogen, die mangelhafte Verfaffung des Heeres, wofür niemals Geld da war, kläglich zutage. Der Kurfürst selbst flüchtete mit seiner Gemahlin nach Sachsen und überließ eS der von ihm eingesetzten Regentschaft, sich mit den Feinden abzufinden, was mittels einer zu zahlenden übermäßigen Kontribution und der Abtretung wertvoller Kunstwerke im September 1796 gelang. Aber bald brachte der wiederum und bedrohlicher aufflackernde Krieg eine neue Gefahr: die in Bayern einmarschierende österreichische Armee, der das Angstgerücht voranlief, daß sie nicht zur Bekämpfung der Franzosen, sondern zur Besetzung des Landes da sei.
In diesem Augenblick höchster Bedrängnis, wo das Staatsschiff Bayerns am Untergehen schien, ward auch der Steuermann abberufen: Karl Theodor erlag am 16. Februar 1799 einem Schlagfluß.
Der ihn beerbte, war des verstorbenen Karl August jüngerer Bruder Max Joseph, als Kurfürst der vierte Maximilian.
Das Land war arm, machtlos, ohne Heer, umringt von Feinden, und doch flatterten am Tage des Einzugs des neuen Herrn die weißblauen Fahnen von allen Häusern, und Festfreude schimmerte aus dem Straßenschmuck und leuchtete von den Gesichtern. Und als der Zwei- brückner in seine Residenz einfuhr und freundlich vom Wagen aus den neuen Untertanen die Hände reichte, machte ein richtiger Münchner, der Kaltenegger Bräu, sich zum Sprecher des ganzen Volkes, indem er, die Hand Max Josephs schüttelnd, ausbrach in den Erleichterungsruf: „Na, Maxl, weil du nur da bist!"
Sieben Jahre später ward Bayern zum Königreich erhoben, Max Joseph sein erster König. Das alte München, das der Herzöge und Kurfürsten, war mit der Jahrhundertwende zu Grabe gegangen, das neue München hatte begonnen.
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Außerhalb der Tore
Der heilige Gottesmann Emmeram gedachte gen Pannonien zu ziehen, um die Heiden allda zu bekehren. Auf dieser Reise rastete er am Hofe des Bayernfürften Theodo zu Regensburg; der bat ihn zu bleiben, da auch in seinem Lande die Gemüter noch vielfach heidnisch rauh und christlicher Unterweisung bedürftig seien. Der fromme Bischof blieb allda und lehrte die Heiden und bekehrte ihrer viele. Danach ergriff ihn große Sehnsucht, ins Land Italia zu pilgern und am Grabe der Apostelfürsten zu beten. Derweil aber hatte die Tochter des Herzogs, die schöne Uta, mit einem Ritter gespielt und ihren Kranz verloren; das mochte sie nicht lange verhehlen und war in großen Ängsten vor ihres Vaters Zorn und schwerer Strafe. Als nun Sankt Emmeram seine Wallfahrt angetreten hatte, ging sie zu ihrem Vater und klagte: der Bischof habe ihr die Ehre genommen — vermeinend, sie käme dadurch befferen Kaufes davon, und dem Entfernten vermöchte es nicht zu schaden. Etliche sagen: der fromme Mann selbst hätte, als sie sich weinend ihm anvertraut, ihr erlaubt, ihn zu verklagen, wenn sie damit ein milderes Gericht erlangen könnte.
In jedem Falle tat sie's und erwirkte, daß ihr nichts zu leid geschah. Aber ihr Bruder, Lambert geheißen, ward darob voll Zorns, noch mehr als ihr Vater, und saß eilends mit seinen Reisigen zu Pferde, um dem gleisnerischen Übeltäter nachzujagen. Sie ritten, was die Rosse vermochten; bei Helfendorf, unweit München, erreichten sie Sankt Emmeram, der friedlich seines Weges zog. Da warfen sie ihn zu Boden, richteten ihn mit ihren Schwertern grausam zu und ließen ihn verstümmelt als einen Sterbenden in seinem Blute liegen.
Es waren aber einige Landleute in der Nähe, die kamen herzu, als die Mörder davongebraust waren. Denen gebot Sankt Emmeram, sie sollten ihn auf einen Karren legen, davor zwei Ochsen gespannt wären; denn hier sei die Stätte nicht, da er sterben wollte. Also zogen die Ochsen den Karren bis gen Feldkirchen in der Gemeinde Aschheim; dort gab Sankt Emmeram den Geist auf, und alsbald standen die Ochsen still. Die Kunde davon verbreitete sich rasch; der entseelte Leib des Heiligen ward nach Aschheim gebracht und dort in der St. Peterökirche beigesetzt. Aber darnach regnete es vierzehn Tage lang ununterbrochen: das galt für ein Zeichen, daß dies die rechte Ruhestatt nicht sei. Nochmals wurde der Karren mit den Ochsen bespannt und der heilige Leichnam darauf gelegt, auf daß die Vorsehung ihn geleiten möchte. Da schritten die Ochsen mit ihrer Last bis an die Isar, nach Oberföhring, wo sie nicht mehr weiter konnten. Also ward St. Emmerams Leichnam auf dem Waster nach Regensburg in sein Bistum geführt, wo ihn Theodo, reuig ob der Tat seines Sohnes, mit großen Ehren bestatten ließ.
Zu Oberföhring jedoch, an der Stelle, wo das Ochsengespann zuletzt stehen geblieben, ward dem heil. Emmeram ein Kirchlein errichtet; und noch bis in die neuere Zeit — (jetzt ist es nicht mehr da) — wurde er dort von Alt und Jung verehrt-
*) Dies: »Außerhalb der Tore" bezieht sich natürlich auf Münchens alte Zeit. Die meisten der genannten Orte sind heute kn München eingemeindet.
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Außerhalb der Tore
Im Heideland bei Ramersdorf ist eö nächtlicher Weile nicht geheuer. In der Walpurgisnacht, der Allerseelennacht und den Gebnächten steigen die Toten aus den Gräbern der Freithöfe von Trudering, von Ramersdorf, Perlach und Haidhausen. Da sitzen sie im Kreise auf der Heide umher und halten Gericht über einen unseligen Toten, der inmitten kniet, gleich den andern in längst verschollener Tracht. Neben ihm steht der Henker mit Strick und Schwert; der haut ihm, sobald das lautlose Gericht am Ende und das Urteil gefällt ist, das Haupt ab. Im selben Augenblick schlägt es ein Uhr auf der Kirche zu Ramersdorf — und die Geister sind sämtlich zerstoben.
Der, an dem dies nächtliche Gericht sich vollzieht, soll ein reicher und mächtiger, aber ebenso harter und grausamer Ritter zu Trudering gewesen sein, der seine Hörigen drückte und viel unschuldiges Blut vergoß. Bei Trudering - bekanntlich dem ältesten, angeblich in graue
Heidenzeit hineinragenden Dorf um München — ist auf ebenem Boden ein tiefes breites Loch; da hinein soll eineS^ Tages das Schloß des bösen Ritters samt dem Schloßherrn versunken sein. Die Schloßfrau aber, Uta geheißen, war zur Zeit, als dies geschah, aushäusig; heimkehrend, sah sie eben noch den Kamin des SchloffeS in die Tiefe versinken. Darnach wohnte Uta im Dorfe Trudering, tat den Armen viel Gutes und vergabte der Gemeinde reiches Wald- und Ackerland. Uta soll später einen bayerischen Herzog gefreit haben.
Etliche sehen in ihr die gleiche Uta, die den Tod St. Emmerams verschuldete. Deutlich drückt dies eine zweite Form der Sage aus. Die meldet: als St. Emmeram des Martertodes gestorben und seine Unschuld offenbar geworden sei, hätte Herzog Theodo seine schuldigen Kinder, Uta und ihren Bruder Lambert, in die Verbannung geschickt. Da hätte Uta viele Jahre auf dem Schlöße bei Trudering gelebt, in großer Reue, und hätte zur Sühne ihrer Tat all ihr Hab und Gut den Armen geschenkt. Nachdem sie aber gestorben und unter den Klagen der ganzen Gegend bestattet worden, wäre ihr Schloß später eben jenem bösen Ritter zugefallen, der in Allem das Gegenteil der verstorbenen Wohltäterin gewesen und darum nach seinem, durch Gottes Zorn bewirkten Tode noch dem Gerichte verfallen sei.
Ungewöhnlich lange, wenn auch in widersprechender und verblaßter Überlieferung hat sich Utas Angedenken in Trudering erhalten. Noch bis in die neueste Zeit wurde der toten Guttäterin dankbar bei feierlichen Gottesdiensten gedacht; auch ward am Pfingstfreitag in der Kirche Vesper und Litanei gehalten, weil an diesem Tage das Schloß versunken sein soll. Der Platz, wo es versank, wird an der Landstraße bei Trudering noch heute als „Utahöhle" gezeigt; desgleichen mahnt die Bezeichnung einzelner Grundstücke als „Utta-Teil" in alten Truderinger Katastern an die Schenkung, die Uta dem Dorfe gemacht.
Der Name Uta webt überhaupt durch die Ortschaften der späteren Grafschaft Ismaning.
Das unbebaute Weideland an Stelle des heutigen Ober-Föhring, samt zwei frühchristlichen Kirchen aus der Römerzeit, gehörte seit König Pippins Zeiten dem Bischof von Freising, der hier eine tüchtige Holzbrücke über die Isar schlagen ließ, der Salzzüge wegen. Ein Meierhof aber und etliche Hufen Landes dabei waren dem fränkischen König zu eigen. Die vergabte König Arnulf der Karolinger seiner Gattin Uta, die bayerischen Stammes war, als Witwensitz.
Sie soll die Gegend besonders geliebt und häufig der Andacht zu dem Blutzeugen St. Emmeram in dessen nahegelegener Kapelle gepflo
gen Museumsinsel, legte er der Isar eine neue Brücke auf: sie führte hinüber zu der Stätte, wo bisher hauptsächlich drei Benediktinerklöster begütert waren, zum Dorfe „Bei den Munichen".gen haben. Eine Sage knüpft sich an ihren Namen, ähnlich der von der Pfalzgräfin Genovefa oder der Jutta von Braunsbcrg in Tirol: daß nämlich ein böser Ritter, dem König Arnulf zu sehr vertraute, eben hier in Föhring die reine Königin mit sündlicher Leidenschaft bedrängt hätte. Als sie ihn zürnend abgewiesen, hätte er listig üble Nachreden gegen sie auSzustreuen und den Kaiser selbst mit Mißtrauen gegen sie zu erfüllen gewußt, bis er, auch von diesem beleidigt, sich zu dessen Feinden geschlagen hätte, und als Rebell mit den Waffen in der Hand gefangen genommen worden sei. Zur letzten Rache wäre er der Königin anklagend gegenüber getreten und hätte sie schändlicher Untreue geziehen, was der verbitterte, argwöhnische Arnulf auch geglaubt und seine Gattin vor Gericht gestellt hätte. Aber Uta betete zu Gott und legte getrost ihre Hand auf das Evangelienbuch, um laut ihre Unschuld zu beschwören; als dann ihr Verleumder trotzig dagegen schwören wollte, tat Gott ein Zeichen an ihm, daß Hand und Arm ihm gelähmt wurden. Da boten der König und seine Edlen der Frau alle große Ehre; der Missetäter aber ward hingerichtet. — Soweit die Sage.
Geschichtlich ist, daß Uta den Meierhof zu Föhring besaß und daß Ludwig das Kind, ihr Sohn, ihn von ihr empfing. Ihr Name und ihre Andacht zu St. Emmeram sowie ihr bayerisches Fürstenblut gaben vielleicht Anlaß zu einer Verwechslung mit jener früheren Uta. Ob nicht am Ende die Uta-Stiftung zu Trudering mit ihr zusammenhängt? — /
Aber kehren wir zurück nach Föhring.
Als der Freisinger Dom abbrannte (903), schenkte Ludwig das Kind sein von der Mutter überkommenes Hofgut zu Föhring dem Bischof Waldo als Beisteuer zum neuen Dombau. Mehr und mehr bildeten die Bischöfe den Handelsweg aus, den ihnen der Besitz Föh- rings und der Jsarbrücke gewährleistete: den Weg vom Salzburgi- schen über Föhring ins verkehrsreiche Augsburg. Auch eine Münzstätte gründeten sie zu Föhring am Ende des ersten Jahrtausends nach Christus und blieben so fast zweihundert Jahre im ungestörten Besitz. Noch spät, um die Wende des 13. Jahrhunderts zum 14., umfaßte das Freisinger „Amt Föhring" eine ganze Reihe von Ortschaften am Jsarrain und am Würmsee — —
Mitten hinein in die Entwicklung sprengte der bewaffnete berittene Troß, mit dem Heinrich der Löwe, der Welfenherzog, um 1157 Ober- föhring überfiel, Brücke und Markt zerstörte. Der von ihm vernichteten Schöpfung des Bischofs setzte er eine eigene entgegen, ebenso lebensfähig aus den gleichen Bedingungen der Natur und des Verkehrs. Wo die heutige Ludwigsbrücke steht, bei der Kohleninsel, jetzigen Museumsinsel, legte er der Isar eine neue Brücke auf: sie führte hinüber zu der Stätte, wo bisher hauptsächlich drei Benediktinerklöster begütert waren, zum Dorfe „Bei den Munichen".
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Außerhalb der Tore
Der weitberühmte Kaiser Ludwig der Bayer besaß zu eigen einen heiligen Kreuzpartikel, den trug er alle Zeit in einer Kapsel an einem Kettlein um den Hals. Als er nun Anno 1347 Todes verblichen war, da erbte sein Sohn, der Markgraf Otto von Brandenburg, gedachtes Heiligtum und trug es gleichermaßen bei sich. Über eine Zeit tat der Markgraf Otto mit seinem Bruder Stephan und anderen Herren eine Pilgerfahrt zum heiligen Grab. Da verhielten sie sich eine ziemliche Frist in der Stadt Jerusalem, ohne doch irgend Jemand ihren Stand und Namen kundzutun, denn sie wollten unerkannt bleiben. Aber aller Vorsicht zum Trutz spürten etliche von den Türkischen eö aus, wer die Beiden wären, und gedachten: zwei Fürsten mit samt ihrem Geleit wären ein feiner Fang, der ein hohes Lösegeld bringen möchte. Also beschlossen die Heiden, die Pilger aus Bayerland an einem Tag, wo sie alle beisammen wären, zu überfallen.
Es lebte aber zu Jerusalem ein Jude, Aaron geheißen, der hatte früher eine Zeit in München gewohnt und mancherlei Guttat empfangen von einem Münchner Patrizier, der hieß Johannes Ligsalz und befand sich auch in Jerusalem mit dem Markgrafen. Nun kam zu dem der Aaron und entdeckte ihm den bösen Anschlag der Türken, den er weislich ausgekundschaftet hatte. Alsbald brachte der Ligsalz die Nachricht seinen fürstlichen Herren. Die wußten wohl, wessen sie sich von den blut- und habgierigen Heiden zu versehen hätten; darum besandten sie eilig ihre Mitpilger und redeten untereinander ab, daß Jeder einzeln und heimlich das Weite suchen sollte: erst außer der Stadt wollten sie sich wieder zusammenfinden.
Die Türken derweil erfuhren von ihren Spähern: zur Zeit seien die Wallfahrer alle unter einem Dach versammelt. Sie rückten also stattlich an und umzingelten das Gebäu; aber da sie eindrangen, fanden sie eö leer. Während sie nun hin und her stritten, nach welcher Richtung die Vögel entwischt sein möchten, gewann die kleine Schar der Bayern einen großen Vorsprung. Doch lag es am Tage, daß die Türkischen ihnen nachsehen würden; und weil deren gar viele und wohlberitten waren, sahen die Pilger den Untergang vor Augen, denn weder die Fürsten noch ihre Gefolgschaft wollten sich gutwillig ergeben. Da tat der Markgraf Otto ein Gelübde zu der seligsten Jungfrau Maria, von der ein Bildnis in der Kapelle zu Ramersdorf verehrt ward: wenn ihnen Allen Rettung würde aus der drohenden Gefahr, so wollte er seinen Kreuzpartikel in die Kapelle stiften und ihn dort dem Marienbilde umhängen.
Die Türkischen aber hatten sich richtig aufgemacht und jagten den Pilgern nach. Ein paarmal war es nahe daran, daß sie ihrer habhaft geworden wären, aber immer führte irgend ein Umstand sie irr, und sie suchten und suchten, als ob sie mit Blindheit geschlagen wären. So kam es, daß die beiden Fürsten den Meeresstrand erreichten und ein Schiff bestiegen, das dort vor Anker lag; das führte sie mit ihrem ganzen Geleit davon.
Als sie schon dahinsegelten, gelangten die Türken auch ans Ufer und verfolgten zu Schiff die Entflohenen. Doch ging eö ihnen zu Wasser wie zu Lande: ein widriger Wind trieb sie der Kreuz und Quer, und die Anderen waren zu weit voraus — so mußten sie zuletzt grimmig enttäuscht das Steuer wenden und heimsegeln.
Die Wallfahrer aber priesen Gott und seine seligste Mutter dafür, daß sie so glücklich entronnen waren; und als sie ins Land Bayern zurückkehrten, da löste der Markgraf Otto alsbald sein Gelübde ein und opferte seinen heiligen Kreuzpartikel der Jungfrau Maria in Ramersdorf. Und es war eine große Freude über die Heimgekommenen und taten Viele den Dank für deren wunderbare Rettung durch Opfer und milde Gaben gleichfalls kund. —
Das war im vierzehnten Jahrhundert.
Dreihundert Jahre später geriet nochmals eine kleine Schar von Münchnern in große Not: anno 1632, da der Schwedenkönig Gustav Adolf als Sieger die Stadt München in feiner Gewalt hielt. Zum Entgelt, daß er nicht rauben und brennen hatte lassen, sollte ihm die Stadt dreimalhunderttausend Taler Brandschatzung entrichten. Die konnten nicht allsogleich bezahlt werden, und da ließ der König, bis daß es geschehen wäre, zweiundvierzig angesehene Männer geistlichen und weltlichen Standes als Geiseln ausheben und von dannen führen. Sie wurden am 7. Juni in Kutschen gesetzt und unter starker soldatischer Bedeckung nach Augsburg gebracht, wo sie, gemeinsam mit den Geiseln von Landshut, Freising und Weilheim, in Haft verblieben. In der alten bischöflichen Pfalz wurden sie gefangen gehalten, mit großer Härte behandelt, gelegentlich sogar mit dem Tode bedroht. Damals taten sämtliche Geiseln das Gelübde, im Falle glücklicher Wiederkehr nach München „einen löblichen Gottesdienst mit Predigt und Prozession zu Talkirchen oder Ramersdorf abzuhallen und dort der Mutter und Patronin eine ewige Lobtafel" aufrichten zu lassen.
Nach dem Tode des Königs Gustav Adolf in der Lützener Schlacht verschlimmerte sich das Schicksal der Geiseln beträchtlich, denn sie sollten, wie ihnen angekündigt ward, nun nicht mehr Gefangene der Krone Schweden, sondern derjenigen Generäle and Obersten sein, denen der Rest der Brandschatzungssumme zugewiesen worden. Von dieser Summe war aber erst die kleinere Hälfte bezahlt. Häufig wurden Abgeordnete von den Gefangenen selbst — natürlich gegen Versprechen der Rückkehr — in die Heimat gesandt; es kamen auch zu Beginn des Jahres 1633 Abgesandte von München und vom Kurfürsten nach Augsburg, um den schwedischen Generalen etwas von der noch ausstehenden Summe abzuhandeln. Aber das alles führte zu nichts; vielmehr wurden die Schweden noch dadurch erbittert, daß zwei der Geiseln, einer von München und einer von Landshut, trotz ihres Eides von solch einer Gesandtschaft nicht zurückkehrten. Daraufhin wurden im Juni 1633 die übrigen Geiseln gefesselt zur Armee geführt, erst nach Donauwörth, dann nach Nördlingen. Auf inständiges Bitten wurde ihnen erlaubt, nochmals Abgesandte zu schicken, für deren Rückkunft alle Übrigen sich „mit Leib und Blut" verbürgen mußten. Die Verhandlungen mit der Heimat und dem Kurfürsten brachten nur den einen Gewinn, daß die Gefangenen wieder nach Augsburg geschafft wurden.
Endlich ward der Handel so geschlichtet, daß gegen Salzlieferungen, die von Bayern aus zu leisten wären, etliche Augsburger Handelsherren sich bereit erklärten, den schwedischen Obersten das noch fehlende Geld zu erlegen. Aber infolge des Mangels an Pferden und der Kriegsschwierigkeiten überhaupt trafen die Salzlieferungen ebenso verspätet und unregelmäßig ein, wie die Spenden an Geld und Lebensmitteln, die von München aus den unglücklichen Geiseln gesandt wurden; und diese litten deshalb oft bittere Not. Erst im März 1635 schlug ihnen die Erlösungsstunde und sie kehrten — mit Ausnahme von dreien — nach fast dreijähriger Gefangenschaft zurück in die Heimat, in die Arme der Ihrigen. Sie erfüllten alsbald ihr Gelübde, zogen zu feierlichem Dankgottesdienst nach Ramersdorf und ließen die Votivtafel machen, die sich zu ewigem Angedenken der Stifter heutigen Tages noch dort befindet. Alle sind, im Gebet vor der seligsten Jungfrau knieend, darauf abgebildet.
Das Andenken der Männer, die für sie gelitten, hat die Münchnerstadt auch bewahrt, indem sie eine ganze Anzahl Straßen nach deren Namen benannt hat.
Noch zwei andere Votivtafeln, gleichfalls mit den Bildnissen der Stifter geschmückt, hängen zu Ramersdorf. Erstens die der sieben Münchner Bürger, die 1683 — „alß der Türk Wien belagerent der gantzen Christenheit den gäntzlichen Untergang anthroete" — eine jährliche Messe an jedem Sonn- und Feiertag des „Frauendreißigers" gelobten, ein Verbündnis, das seit 1894 in die hl. Geistkirche überging. Ferner eine Tafel ganz im Sinne der Schwedengeiseln errichtet von den zwanzig Geiseln, welche im Oktober 1742 von den Österreichern mitgenommen wurden, als diese München nach neunmonatlicher Okkupation verließen. Die Gefangenschaft der Armen — zuerst in Linz, dann in Graz — währte dreiviertel Jahre; zwei der Geiseln starben in dieser Leidenszeit. Die Übrigen kehrten glücklich heim und erfüllten ihr Gelöbnis zu Ramersdorf.
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Außerhalb der Tore
Bogenhausen, im achten Jahrhundert „Puginhusir", später „Pu- genhausen" benannt, war zuerst geistliches Land: die Benediktiner von Schäftlarn waren dort begütert; später scheint es an das Hochstift Freising gelangt zu sein. Hinwieder belehnte Herzog Ludwig II. („der Strenge") 1272 den Edlen Heinrich von Schwabing mit allen Gütern zu „Pugenhausen und obern Beringen" (Bogenhausen und Ober- föhring); schon im nächsten Jahr jedoch vertauschte der Lehensträger die Güter gegen anderen Landbesitz an Bischof Konrad II. von Freising. Auch ein Nonnenkloster (das von St. Clären) besaß um jene Zeit schon in Bogenhausen zwei freieigene Höfe und eine Mühle.
Die Pfarrei Bogenhausen war im 14. Jahrhundert eine sehr ausgedehnte: sie umfaßte acht Filialen mit Begräbnisstätten, nämlich: Giesing, Haidhausen, Harthausen, Trudering, Riem, Gronsdorf, Hart und das Leprosenkirchlein St. Nicolaus am Gasteig. Im Jahre 1524 zählte die Pfarrei achthundert Seelen.
Der dreißigjährige Krieg verschonte den friedsamen Ort nicht: die Schmiede und etliche Häuser von Bogenhausen gingen beim Durchzug der Schweden in Flammen auf. Später, da es sich wieder erholt hatte, war das Dorf durch den Reiz seiner Lage jenseits der rauschenden Isar, sowie ein paar gute Einkehrhäuser ein beliebtes Ziel der Münchner Spaziergänger. Zwischen Wiesen und Bäumen lagen verstreut die herrschaftlichen Ansitze: am Jsarabhang der des Grafen Montgelas, des eine Zeit lang allvermögenden Ministers unter König Max Joseph I. Hier in Bogenhausen haben 1815 Fürst Taxis am 5. Oktober und General von Wrede am 6. Oktober es gegen die Meinung des von Napoleons Unbesiegbarkeit durchdrungenen Grafen Montgelas erreicht und erstritten, daß Bayern sich von Napoleon ab und der deutschen Sache zuwandte.
Oben auf aussichtsreichem Hügel über dem heutigen Brunnthal (das Ende des 17. Jahrhunderts eine Art Weiberspittel gewesen sein soll)
stand der „Kögelhof", der sich allmählig zu einem Schlößchen auswuchs. 1740 wurde dies, Eigentum des Hofkammerrats Greg. Kasp. von La- chenmayer, unter dem Namen „Neuburghausen" zu einem adeligen Sitz erhoben und mit Patrimonialgerichtsbarkeit ausgestattet. Später kam Neuburghausen oder Neuberghausen in die Hände der Grafen Törring, aus deren Hause zwei, Georg und Josef Ignaz von Törring, auch in der St. Georgskirche zu Bogenhausen bestattet sind. Als 1766 die Kirche neu erbaut ward — sie bietet eines der reizvollsten Beispiele für eine ganz im Stil des Spätrokoko durchgeführte Dorfkirche -- stiftete Graf August von Törring, damals Besitzer von Neuberghausen, den Choraltar, der das Bildnis des heiligen ritterlichen Kirchenpatrons trägt und die Kanzel, über der drei schwebende Engel die Sinnbilder des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe halten. Zu dankbarem Gedächtnis des Stifters ist am Hochaltar das Törringsche Wappen angebracht. Die Törring, Landjägermeister von Bayern, aus deren Stamme bekanntlich außer Kriegs- und Staatsmännern ein vaterländischer Dichter, der Verfasser der Dramen „Kaspar der Torringer" und „Agnes Bernauerin" entsprang, waren auch ansässig drüben in Haidhausen (alt Haidhustr), wo ihnen der prächtige ehemals Fuggersche Lustgarten gehörte und ihr Lustschloß auf dem Bezirk etwa der späteren Schloßstraße lag. Sie hatten dort zu Nachbarn noch ein Geschlecht, dessen Name mit der bayerischen Geschichte eng verbunden ist, die Grafen von Prey- sing-Hohenaschau.
Das Schlößchen Neuberghausen erwarb späterhin König Maximilian II-, der ein Stift für die Töchter von Staatsbeamten daraus machte. Der Plan des Königs, sich im Garten des Stiftes ein Mausoleum zu errichten, blieb unausgeführt.
Der feierliche Tag für Bogenhausen war ehedem, wie natürlich, der Tag des Kirchpatrons, des hl. Georg, am 23. April. Die Flößer, sowie die Ökonomen und herrschaftlichen Grundbesitzer der Umgegend fanden sich in großer Zahl dazu ein. Nach dem levitierten Hochamt (das jetzt am Sonntag nach Georgi stattfindet) ging es in den Garten der vormaligen Beh'schen Gastwirtschaft, wo Gelegenheit zu reichlicher Erquickung durch Speise und Trank sich bot. Gewöhnlich war nächsten Tages in der Zeitung zu lesen, wie viel Paar Würstel und wie viel Kirchweihnudeln verzehrt, auch wie viel Banzen zu Ehren des Festtages geleert worden waren. Mitten im Garten des Wirtshauses stand eine der behaglichen alten Tanzlauben — ein überdachter hölzerner Rundbau auf hölzernen Säulen — wie eine solche auch auf dem Wege von Föhring nach dem heutigen Herzogpark jüngst noch träumte. Da konnte das junge Volk zur Feiertagslust sich munter im Kreise drehen. Die Decke der Tanzlaube war einst bemalt; ebenso schmückte bunte Malerei das Kinderkarussel, das später unterm Dach des alten Tanzbodens aufgestellt war und bei Jugendfesten im Freien eine große Anziehungskraft ausübte.
Dies alles hat nun sein Ende gefunden, so gut wie das „Hendlbraten" resp. „Hendlessen", das als eine rühmliche Besonderheit des „alten Betz" galt. Jetzt ist die Gastwirtschaft aufgehoben, die Gebäude sind zu einer Chemikalienfabrik umgeftaltet, und nur die alte Tanzlaube im Garten, ein verlassenes Überbleibsel, mahnt an Bogen- hausens idyllische Zeit, aus der zum Glück die zopfige Pfarrkirche und das Pfarrhaus unverändert erhalten sind.
An der Mauer der kleinen Kirche befindet sich eine Steintafel zum Gedächtnis des Hofaftronomen Dr. Johann Söldner, Erfinder der Söldnerschen Coordinatensystems; eine andere bezeichnet die alte Grabstätte Johannes von Lamonts, der, ein gebürtiger Schotte, vom Jahre 1835 an vierundvierzig Jahre Direktor der Sternwarte war. Die Bogenhauser Sternwarte ward errichtet 1817. Zuvor im 18. Jahrhundert wurden die von der Akademie der Wissenschaften ausgehenden astronomischen Beobachtungen auf dem frei und hochgelegenen „Geister- schlößl", das sich auf einer Bastion der alten Stadtumwallung befand und Schauplatz aller möglichen Spuksagen war, angestellt, sowie auf der „Schwanenburg" am Gasteig, da wo heute das Gasteigspital steht. Lamont, gestorben 1879, hat neben dem südlichen Bogenhauser Friedhofseingang ein größeres später errichtetes Grabdenkmal mit seinem Bildnis und der Grabschrift:
„El coelum et terrain exploravit.“
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Außerhalb der Tore
Bei dem uralten, ehemals nach Bogenhausen eingepfarrten Kirchlein des hl. Nikolaus auf dem Gafteighügel stand das Spital der unheilbaren ansteckenden Kranken, der „Sundersiechen". Die Leprosen (d. h. Aussätzigen), die nur hier und im Nikolausspital in Schwabing untergebracht wurden, trugen besonders vorgeschriebene Tracht: schwarz oder grau, darüber einen schwarzen Mantel bis an die Kniee und hierüber einen breiten weißen Leinenkragen. Ebenso gingen auch die Weiber „mit Übermäntl und Kragen und hatten hoch- oder spitzgupfige Hüte wo nicht auch einen weißen Schleier um das Kinn." Sowohl die Siechen zu Schwabing wie die am Gasteig hatten ein kleines Häuslein am Weg „neben den Angern hin", wo die Leute aus der Stadt vorbeigingen, wenn sie eine der beiden Nikolauskirchen besuchen wollten. Die St. Nikolauskapelle am Gasteig ward zumal am Ostermontag viel besucht, „da man nach Emmaus geht". Die Siechen machten mit kleinen hölzernen Pritschen die sie hatten, „ein Getös", um-die Aufmerksamkeit und Gebefreudigkeit der Vorübergehenden zu erregen. Auch durften sie zu bestimmten Zeiten, am Mittwoch und Freitag in der Quatemberwoche, in die Stadt kommen, wo sie mit ihren Pritschen „ein großes Getös" machten und Almosen sammelten unter dem beständigen Ruf: „Gebts, weilS lebts! WannS nimmer lebts, könntS nimmer geben! Vergelts Gott tausendmal, vergeltS Gott!"
Als der Aussatz, diese spezifisch mittelalterliche Krankheit, auf deutschem Boden erloschen war, blieb das Spital noch eine Zeit lang die Zuflucht der mit anderen ekelhaften oder unheilbaren Übeln Behafteten, bis es 1862 abgebrochen ward.
Neben der NikolauSkirche steht die kleine Altöttinger Kapelle, deren Gründung auf den frommen Herzog Wilhelm V. zurückgeführt wird, und die ebenfalls durch lange Jahre ein beliebtes Wallfahrtsziel der Münchener war.
Am Gafteig wurde 1561, als Merkzeichen des hier endenden Münchener Burgfriedens, ein Kalvarienberg errichtet. Noch keine hundert Jahre hatte er bestanden, da kam der gelehrte Jesuitenpater und Poet Jakob Balde heraufgewandelt und rastete am Kalvarienberg. Hierbei entdeckte er, daß in dem hölzernen großen Kruzifix ein junger Bienenschwarm sich eingenistet hatte und ein ebenso emsiges als vergnügtes Dasein führte. DaS regte den geistlichen Dichter zu sinniger Betrachtung an, und er verfaßte darauf hin eine Dichtung, benannt „Der Bienenstock" in sieben lateinischen Oden, deren letzte mit frommer Anrufung des gekreuzigten Heilands schließt. —
Die Sage läßt auch einen anderen hier oben kurze Rast halten, nämlich den „ewigen Juden". Der soll 1702 von der Salzburger Straße her zum Gafteig hingekommen sein und nach München hereingewollt haben; es wäre ihm aber nicht erlaubt worden. Da beschied er sich in Demut, sagte zu vielen Leuten, die ihn umstanden: das Chriftus- bild auf dem Hügel sei das wahre Abbild unseres Herrn, betete auch lange davor und beschenkte etliche mit Rosenkränzen und sonstigen andächtigen Dingen, ehe er seines Weges wieder von dannen zog.
Die wundersame Mär wird aber noch anders erzählt. Es wäre nämlich der AhasveruS 1721 am Jsartor erschienen, und es wäre, nachdem er sich genannt, der Einlaß in die Stadt ihm verweigert worden. Darauf hätte er jedoch in Haidhausen Unterkunft gefunden und dort mit allerhand Geschmeide, das er bei sich trug, eine ergiebige Handelschaft eröffnet. Der Zulauf zu ihm steigerte sich rasch, um so mehr als er umständlich von den Wundern und dem Leiden des Heilands, auch von den Aposteln, die er alle persönlich gekannt haben wollte, zu erzählen wußte.
Überdies hatte er, wie er sagte, schon siebenmal den ganzen Erdkreis durchwandert und berichtete merkwürdige Dinge davon. Die Meisten glaubten ihm aufs Wort und kauften desto lieber bei ihm ein. Das Kruzifix auf dem Gafteigbergl bezeichnete er als das einzig wahre und genaue Abbild unseres Herrn, betete auch mit großer Andacht davor. Nachdem er einige Zeit dagewesen, verschwand er eines Tages so plötzlich wie er gekommen war.
In den nächsten paar Jahren soll der angebliche „ewige Jude" noch anderwärts, so in Bamberg und in Würzburg, aufgetaucht sein, bis er, überall ausgewiesen, endlich spurlos verschwand.
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Außerhalb der Tore
Wo heute die Vorstadt Au ist, soll im 12. Jahrhundert noch nichts gestanden haben als ein paar dürftige Fischerhütten und das Häuschen eines Forstaufsehers. Es geschah nicht selten, daß die Isar, damals noch der ungebändigte Bergstrom, der sie von Urzeit gewesen, mit Hochwasser daherwogte und das bißchen Habe der wenigen Ansiedler wegzureißen drohte. Das soll einmal im 15. Jahrhundert wieder geschehen sein, und die Bedrängten wußten sich angesichts des immer höher schwellenden Ge- ftrudelS keinen Rat, als laut und inbrünstig zu beten. Da gewahrten sie ein Kruzifix, das auf dem Wasser daherschwamm und auf einer Sandbank liegen blieb. Die Anwohner taten alsbald das Gelübde: wenn die Gefahr gnädig vorüberginge, wollten sie an dieser Stelle ein Kirchl bauen und das auf der Isar hergetriebene Kreuz auf den Altar setzen. Als sich darnach das Wasser wirklich verlief, erfüllten die Geretteten, was sie gelobt, und das alsbald erbaute Kirchlein konnte 1466 geweiht werden, zu Ehren des hl. Kreuzes. Diese Kreuzkirche stand auf dem jetzigen Mariahilfplatz bis ins 17. Jahrhundert; daneben wurde 1629 bis 1651 die alte Mariahilfkirche erbaut, an deren Stelle später die heutige Pfarrkirche trat.
Bald nach dem Entstehen des ersten Kirchleins schuf sich Herzog Wilhelm IV. hier außen in der damals noch freien waldigen Gegend „am Neudeck" ein Jagdschloß mit Hofgarten, Falknerei und Pagenhaus. Albrecht V. gelobte, in unmittelbarer Nähe des Schlößchens eine Kirche des hl. Karl Borromäus zu erbauen, die jedoch erst unter seinen Nachfolgern vollendet ward. Wilhelm V. gründete sich „am Neideck" zu zeitweiliger Weltflucht „ägyptische Einsiedeleien" wie in Schleißheim. 1627 berief Maximilian I. die Paulanermönche von Burgund nach München, überwies ihnen das Neudeckschloß samt der Kirche, verftattete ihnen auch, zur Erleichterung ihres Unterhaltes, den Anbau eines Mietftockes (wie
ihn später die Augustiner errichten durften) sowie die Einrichtung einer Bierbrauerei. Eine weibliche Ordensniederlaffung ckam hinzu, da der Münchener Patrizier Alberti neben einer von Hofbaumeister Gais- reitter errichteten Kapelle ein Frauenkloster stiftete, das anfänglich nur klein und von wenigen Paulaner-Tertiarierinnen bewohnt, dann aber, nach seiner Vergrößerung und Vollendung, von 1715 an den Benediktinerinnen des Klosters Niedernburg bei Passau überwiesen ward. Die Anhöhe, auf der es lag, zuvor GeiSberg genannt, empfing den Namen „Lilienberg" von der Inschrift des Klostereingangs:
„Unter reinen Lilgen weidet
Hier der Göttlich Präutigam.“
Die Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts machte dem Bestehen beider Klöster ein Ende. Der Paulanerstock ward Strafanstalt; im Benediktinerinnenkloster befindet sich heute das Bezirksamt. An Stelle der Kirche und des Klosters der Paulaner steht das Amtsgericht München II, deffen Turmdach nach dem ehemaligen Kirchturm die Form eines PriesterbirettS trägt. Ans Jagdschlößchen mahnt noch das Hirschgeweih und die Gedenktafel an der Südwand des Gasthauses „Neudeckergarten". Die Paulanerbrauerei aber, übergegangen erst an Franz Xaver Zacherl, dann an Schmederer, ist, jetzt noch am Nockherberg in Giesing befindlich, die Quelle des weltberühmten „Salvatorbieres".
Wenn schon die Hauptgebäude der Au sämtlich ihre Bestimmung gewechselt und ihr Äußeres der Neuzeit angepaßt haben, so ist doch die alte Zeit nirgend so lebendig als hier. Da gibt es noch schmale Sträßchen mit einstöckigen aneinandergeklebten Häusern, kleinen Wasserläufen, über die hölzerne Brücken führen, bescheidenen ländlichen Vorgärten, kurz das ganze reizvolle Wesen, das heutige Maler ebenso unwiderstehlich anzieht wie einen Lebschee oder Karl Spitzweg. Das „Paschihaus" (ehemaliges Pagenhaus) überrascht auch jetzt, so sehr es umgebaut ist, durch seine Gestalt und Lage; noch steht das Haus des „Radlwirt", das zu Wilhelm IV. Zeit von Andreas Radl erbaut und als Wirtschaft aufgetan wurde. An die Falknerei mahnen Falkenstraße und Falkenwirt. Aber die bauliche Besonderheit der Au, die sie nur mit Giesing und Haidhausen teilt, bilden die sogenannten „Herbergen".
Die Herbergen sind einstöckige Holzbauten in der Weise altbayerischer Bauernhäuser; meist umgibt den niedrigen Oberstock ein hölzerner Altan, auf dem Wäsche zum Trocknen hängt oder etwelche Pflanzen gezogen werden. Bunte Fensterläden beleben den Ton des alten Holzwerks. Oft hat jedes Stockwerk seinen eigenen Eingang über eine schmale von außen hinaufführende Treppe oder kleine Brücke von der Straße her. Jede solche Wohnung kann, soviel Räume sie eben umfaßt, vom Besitzer selbständig veräußert werden, und bei Niederlegung der Häuser müßte der Magistrat München sie den Insassen mit Geld ablösen.
In diesen Vorstadthäusern vererbte sich lange Zeit ein frommer Brauch, der freilich verschollen ist. Bald im einen, bald im andern Hause kamen während der Adventszeit die Nachbarn Abends zusammen, entzündeten ein paar Wachslichter auf dem Tisch, stellten dazwischen als „Sinnbild" die Figuren der hl. Jungfrau und des hl. Josef und Huben, nachdem der Rosenkranz gebetet worden, die Herberggesänge zu singen an. Der Hauptgegenstand dieser Lieder war: Maria bittet Josef, ihr eine Herberg zu suchen, wo sie sich ihrer heiligen Bürde entledigen kann. Aber vergeblich klopft Josef an alle Türen; mit groben Reden wird er fortgescheucht: nirgends ist Raum für die Müden, die schließlich im Stall sich ein Obdach suchen müssen. Die Sänger wehklagen darum und sprechen ihre Entrüstung aus:
„Felsenharte Bethlehemiten,
Wie könnt Ihr so grausam sein?..“
um am Ende demütig und treuherzig zu bitten, daß die heilige Mutter hier bei ihnen einkehren möchte:
„Ganz unwürdig solcher Ehre
Ist zwar dieses Sündenhaus;
Doch, o Mutter, mich anhöre:
Schlag mir nicht mein' Wohnung aus!
Wo du und dein Kind zugegen,
Da ist die Vergnügenheit.“..
Ebenso wird der heilige Josef innig eingeladen:
„Einstens batest du die Sünder,
Doch umsonst; jetzt bitt ich dich.
Wenn du kommst zu Menschenkindern,
Wer ist glücklicher als ich?!“-
Neben diesem häufigsten Thema der Obdachsuchenden heiligen Fa- milie kamen meist Hirtenlieder zum Vortrag. Seltener wurde ein anderes Lied gesungen: wo ein Kind nächtlicher Weile ans Fenster pocht und von der „Schäferin", die offenbar als Verkörperung der christlichen Seele gedacht ist, Einlaß begehrt. Sie weigert sich zunächst, ist voll Mißtrauen gegen den späten seltsamen Gast: . .
„Ich hier mich nur allein befind',
Magst etwa sein ein loses Kind;
[: Nein, nein, laß dich nicht ein."]
Aber der Adel in den Worten des Kindes, das angibt, es wolle ein ihm verloren gegangenes Schäflein suchen, überwindet sie:
„Glaub schwerlich, daß ein fremdes Schaf
Sich in der Au befindt.
Eh als ich dir die Port aufmach,
Sag mir: wer bist, mein Kind?
Oder wer ist der Vater dein,
Daß du schon jetzt ein Hirt mußt sein,
[: So jung, so zart, so fein?" :]
Worauf die Antwort kommt:
„Mein Vater ist von Ewigkeit,
Und ewig ist sein Reich;
Sein eingeborner Sohn zugleich
Ich ewig bin und bleib.
So merke nur und mich anhör:
Dein arme Seel von dir begehr;
[: Drum bin ich hier, schenk's mir!" :]
Den Heiland erkennend, bricht die bisher Zweiflerische in Entzücken aus und öffnet ihm Heim und Herz:
„Mein Herz ich dir eröffnen thu,
Darin sollst finden Rast und Ruh.
[: Ich bitt, abschlag mirS nicht!" — :]
Den ganzen Brauch dieses Zusammenkommens und dieser Gesänge nannte man „die Herberg abstatten". Erst um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts kam er ab.
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Außerhalb der Tore
Durch die Straßen der Vorstädte rechts der Isar geht ein Mann, dürftig gekleidet, wie ein Bettler den Hut in der Hand. Das Gesicht ist dennoch nicht das eines bloßen Bettlers: in den Augen glimmt ein inneres Licht; die Haltung, der dunkle Rock sind mehr wie die eines Geistlichen, zum mindesten eines Lehrers. Das hat der Johann Michael Pöp- pel, Faßbinderssohn aus der Au, einst auch werden wollen, hat die Lateinschule besucht, ist Schulgehilfe gewesen in den Waisenhäusern zu Freising und Erding und hat da gesehen, was elternlose Kinder sind, waS ihr Leben ist. —
Vielleicht war es die unbestimmte Furcht vor der Größe und Schwere einer aufdämmernden Bestimmung, was ihn flüchten ließ in Klosterfrieden. Aber nicht für immer, nicht einmal für lange, denn die gleiche Liebe zu aller Kreatur, die im Herzen des hl. Franziskus glühte, trieb den Johann Michael aus dem Haufe des Heiligen wieder hinaus. Als Privatlehrer — nach anderen als Tagschreiber — hauste er in einem bescheidenen Stübchen in der Au, sah das Elend, das der österreichische Erbfolgekrieg über sein Vaterland brachte, sah die Kinder, deren Väter im Kriege gefallen waren, deren Mütter dem Hunger und der übermäßigen Arbeit erlagen, obdachlos, ohne Brot, verwildert herumirren. Und der Johann Michael, der den Anblick nicht ertrug, reckte sich auf zu einem Entschluß: der Vater all dieser Waisen zu werden.
Er erbat sich die Erlaubnis vom Gerichtsherrn des Pflegegerichts Au, dem Freiherrn Franz Karl von Widemann, daß er versuchen dürfte, was er vermöchte. Und sein Hausherr, der Gerichtsdiener Christoph Nußbaum überließ ihm eine große Stube um billigen Zins. Darauf, am letzten November, am Tage des hl. Andreas, holte sich Pöppel eine Schar von völlig verlassenen Buben und Mädeln, dreißig im Ganzen, zusammen; die führte er zuerst in die Mariahilfkirche — die alte, denn die neue hat erst Ludwig I. erbaut — und betete zu Gott für sie und sich. Dann nahm er sie heim in seine Stube und fing an, ihnen Vater und Mutter zu sein, sie zu waschen und zu kämmen, zu kleiden, zu nähren, zu unterrichten.
Noch mehr: er ging betteln für sie.
Von Tür zu Tür, bei Wind und Wetter, im dünnen schäbigen Rock, verachtet, rauh abgewiesen, beschimpft. Er durfte sich keine Empfindlichkeit gestatten, denn seine Kinder brauchten Brot. Es heißt, daß ein Reicher, der nicht geben wollte, ihn einst mit dem Stock bedrohte und, als der kecke Bittsteller sich nicht abweisen ließ, ihn wirklich schlug. Pöppel hätte darauf geantwortet: „Schlagen Sie mich, aber geben Sie meinen Waisen!" — und da wäre dem reichen Mann das Herz dockweich geworden, so daß er fortan der Waisenschule freigebig spendete.
Sieben Jahre bettelte sich der Waisenvater so durch, von 1742 bis 1749. Er litt oft bittere Not mit seinen Kindern, aber er verließ sie nicht. Als 1749 öffentliche Sammlungen für die Armen, Krüppel und Waisen des nun beendigten Krieges veranstaltet wurden, erhielt der Johann Michael ein gutes Teil von dem Ertrag; er konnte ein Haus nahe der Mariahilfkirche kaufen und für seinen Zweck ausbauen. Da trat zu der bisherigen Verspottung ein anderes: der Neid, der dem Habenichts das Gelingen nicht gönnte. Häßliche Angriffe und Beschuldigungen wurden gegen ihn geschleudert; des Eigennutzes, der Fahrlässigkeit wurde er geziehen. Allerhand Hindernisse erschwerten ihm den Weg;
mehrmals stockte sein Bau, weil die Mittel fehlten. Das Alles nahm der Pöppel hin wie ehedem den Schlag; feine Geduld war so unerschöpflich, wie sein Mut. Und nach drei Jahren stand sein Hausbau fertig da.
Wie vor jedem Sieger, beugten sich Unverstand und Mißgunst vor Dem, der innerhalb zehn Jahren das Alles erreicht hatte.
Begüterte Wohltäter spendeten so viel, daß die auf dem Waisenhaus lastenden Schulden abgetragen werden konnten und noch ein Rest von 4822 fl. als Anstaltsvermögen übrig blieb. Außerdem befaß Pöppel feit 1751 ein behördliches Sammelpatent. Das „Waisenhaus zu St Andrä in der Au", wie es nunmehr hieß, konnte als richtige Erziehungsanstalt in verschiedene Klaffen eingeteilt werden; die Kinder, genährt und gekleidet, erhielten von Pöppel und einem Gehilfen Unterricht in Religion, Lesen, Stricken, Spinnen und Nähen.
Als Pöppel starb (1763), hinterließ er ein gesichertes Werk, das heute, mit dem großen städtischen Waisenhause seit 1818 vereinigt, unter Aufsicht des Magistrats München steht.
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Außerhalb der Tore
Wie der „schwarze Tod" in Bayern umging, da machte er vor den alten Dörfern rings um München so wenig Halt wie vor den stattlichen Häusern zu Füßen der Frauentürme. Immer wieder rollten vermummte Totengräber den Peftkarren vor die Häuser und luden die neuen Opfer, die der Tag gefordert hatte, darauf. Die Freithöfe boten nicht Raum für alle die frischen Gräber; an vielen Orten mußten eigene Pestfriedhöfe angelegt werden. Dies war auch in Obergiesing, dem alten „Kyesinga", der Fall. So klein und frei der Ort auf waldiger Höhe am Perlacher Forst lag, hatte er von allem Elend des dreißigjährigen Krieges sein Teil getragen und trug es auch jetzt.
Hart am Waldrand stand ein schmucker Hof, der einem freien Bauern gehörte. Der saß in Wohlstand und Wohlsein mit Weib und Kindern, war bisher vor allem Unheil bewahrt geblieben und schien es fürder zu bleiben, denn die Pest verschonte sein Haus. Um sich dankbar zu zeigen, ließ der Bauer einen großen „Christus in der Rast" schnitzen, d. h. ein Bildnis unseres Herrn in Ketten, während der kurzen Rast zwischen der Geißelung und der Kreuzigung- Davor hielt der Bauer von nun an stets seine Andacht. Aber die Pest, eine Zeit lang scheinbar erloschen, kehrte wieder, grausiger als zuvor, und so brünstig der Bauer vor dem Herrgottsbild betete, fielen doch all seine Hausgenossen der Seuche zum Opfer, zuletzt sein Weib und seine Kinder. Da geriet der Mann in Verzweiflung, lästerte Gott und schleuderte das Christusbild vor das Haus auf die Erde. Darnach holte die Pest auch ihn. Weil aber das Sterben immer zunahm, meinten die Umwohner, das fei die Strafe für die Verunehrung des Heilandsbildes. Darum taten die von Giesing und von der Au sich zusammen und wallfahrteten mit Kreuz und Fahne nach Ramersdorf zur Gnadenkirche. Den geketteten Christus trugen sie feierlich mit sich und stellten ihn bei der Rückkehr in der Giesinger Kirche auf. Von da an begann die Pest mählich abzunehmen. Der Pestwagen jedoch, der die Leichen zum Friedhof fuhr, soll noch lange oben unterm Dach der Kirche aufbewahrt worden sein.
Der „Herrgott in der Rast" blieb in der Giesinger Dorfkirche, von den Andächtigen voll Zutrauens verehrt, bis zum Jahr 1890, wo die kleine Pfarrkirche abgerissen und der sie umgebende Friedhof aufgehoben wurde. Da übersiedelte der Herrgott in den Gottesacker, der eben in jener schweren Zeit der Pestilenz als Pestfreithof angelegt worden war, an der Stelle, wo heute der Giesinger Pfarrhof steht.
Von diesem Peftacker wird erzählt, daß ehemals zur Mitternachtsstunde zwölf graue Männlein den Steig, der von der früheren Bäckergasse am Giesinger Berg hinaufgeht, sacht emporgewandelt seien, den Pestfreithof umschritten und in der alten Dorfkirche gebetet hätten. Davon hätte das Bergl den Namen „Manndlbergl" oder „Mannderbergl" geführt. Bei dem Freithof, so lang er bestand, soll es zur Nacht überhaupt nicht geheuer gewesen sein: wer vorüberging, vernahm rufende Stimmen oder den Ton wie wenn mit Steinen oder Sand geworfen wird.
1895 verschwand auch dieser Gottesacker; und der Herrgott in der Rast" wurde von da an im Kloster der armen Schulschwcstern in Obergiesing aufbewahrt.
Das letzte äußere Gedenken der Pestzeit, eine Pestsäule auf dem Wege von Giesing nach Ramersdorf, erhielt sich bis gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts, ist aber seitdem auch entfernt.
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Außerhalb der Tore
Zu Neudeck in der Au begingen alljährlich im Monat April die Paulanermönche mit großer Feierlichkeit, acht Tage lang, das Fest ihres Ordensstifters, des hl. Franz von Paula. Es begann am 2. April; nur wenn etwa dieser Tag in die Karwoche fiel, ward der Festanfang auf den ersten Sonntag nach Ostern verschoben. Während der Festoktav konnte jeder andächtige Besucher der Paulanerkirche eines vollkommenen Ablasses teilhaftig werden. Auch wurden dort die ganze Festwoche hin- durch die „heilig Vaterkertzen" geweiht, weshalb die Münchener Bür
gersfrauen korbweise das Wachs zum Weihen in die Kirche brachten. Der Brauch schrieb sich her von einer Gewohnheit deS hl. Franz von Paula, nämlich: Hohen und Niedrigen geweihte Kerzen zu schenken; deß zum Gedächtnis wurden alljährlich an seinem Feste in den Kirchen seines Ordens geweihte Kerzen den Gläubigen ausgeteilt.
Wer einmal in die Au hinauSgepilgert war, besuchte natürlich auch die Mariahilfkirche und die übrigen Kirchen der Vorstadt. Nach der Andacht war im Paulanerkloster gutes „heilig Vaterbier" oder „heilig Vateröl" — so benannt, weil die Paulaner nur von Oel speisen durften — zu bekommen.
Kurfürst Maximilian I. begab sich alljährlich am 2. April zu den Paulanern, um einer Messe beizuwohnen. Auch unter seinen Nachfoldern pflegte der kurfürstliche Hof den heil. Vaterfeften nicht fern zu bleiben. Die Emporkirche im Heiligtum der Paulaner trug den Namen „der Fürstenchor" — „weil die gnädigsten Herrschaften darauf dem Ordensfeste beiwohnen." Sowohl Max HI. Joseph als Karl Theodor versäumten nicht, am 2. April den Ausflug nach der Vorstadt Au zu machen und die Messe bei den Paulanern zu hören. Es war Sitte, daß der Kurfürst unter Begleitung seiner Leibgarde, der Hartschiere, zu Pferde und gefolgt von einer Kavallerieabteilung hinaus ritt, vor dem Paulanerkloster abstieg und die Väter besuchte, ehe er sich in die Kirche begab. Die Kurfürstin und die Prinzessinnen fuhren mit ihren Hofdamen zu Wagen dorthin, gleichfalls von Hartschieren eskortiert, deren prächtige Uniform und Pferde — sie ritten auf Schimmeln — einen glänzenden Eindruck machten.
Der Konvent der Paulaner war stets bestrebt, auch an seinem Teil das Fest würdig und feierlich zu gestalten; für die Festpredigt ward ein berühmter Kanzelredner aus der Stadt oder anderswoher gewonnen, außerdem ein infulierter Prälat geladen, damit ein Pontifikalamt abgehalten werden konnte.
Nicht minder beeiferten sich die Bewohner der Au, „den durchlauchtigsten Landesvater nach Fürstenwürde zu empfangen." Kanonendonner begrüßte den festlichen Tag; am Auertor erwartete den aus der Residenz kommenden fürstlichen Zug „die bürgerlich Auische Kavallerie", die ihn von da ab „in schuldiger Ehrfurcht" eskortierte. Spalier bildendes Militär, Ehrenpforten, Schaugerüste mit allegorischen Darstellungen, geschmückte junge Mädchen und weißgekleidete Schulkinder, dazu das fröhliche Gewoge einer dichtgedrängten festlich erregten Menge und das Geschmetter mehrerer Musikchöre - nichts fehlte, um die hohen Gäste zu ehren und den Tag zu einem lange nachleuchtenden zu machen. Nach beendigtem Hochamt wurde den fürstlichen Herrschaften in der Klosterkirche die geweihte Vaterkerze überreicht, worauf der Hof noch im Kloster bewirtet wurde. — Wie zu sehen, ging es umständlicher damals her, als ein bekanntes Gedicht und Bild eö darstellt, das den Kurfürsten einfach vor der Klosterpforte anreiten und von Barnabas, dem Bräuhausfrater, empfangen läßt . . .
„Mit dem Gruß, der bis zur Stunde
Sich erhielt in Volkes Munde:
Salve, Pater patriae,
Bibas, princeps optime.“
Von diesem Gruß nämlich: „Salve Pater" usw. soll das Wort „Salvator", das aber eigentlich von „Sankt Vaterbier" herkommt, abgeleitet werden. Das Einzige, was von all dem Glanz uns Heutigen geblieben, ist bekanntlich dies Sankt Vater- oder Salvatorbier.
Das Kloster der Paulaner ward 1799, nachdem es kurz vorher ein letztesmal den Besuch des Kurfürsten (späteren Königs) Max IV. Joseph empfangen hatte, aufgehoben. Es wurde nachmals Strafanstalt; die Brauerei aber ging in weltliche Hände über, die eS nicht minder gut verstanden, das weitberühmte stark eingesottene Bier, das berauschendste der Münchner Doppelbiere (hierin dem vielbesungenen „Bock" noch über) zu brauen. Der Salvatorkeller am Nockherberg in Giesing öffnet seine Pforten alljährlich auch nur für kurze Zeit, weil nämlich, zum Bedauern der Durstigen, der Stoff meist schnell auögetrunken ist. Hofmäßig geht es dabei freilich nicht zu, denn bekanntlich ist das Tragen eines Zylinders z. B. verpönt, und ein solcher wird augenblicklich eingetrieben. Von den Gesängen, die dabei üblich sind, darf behauptet werden, daß sie an den eigentlich geistlichen Ursprung des Festes keineswegs erinnern. Auch bedarf der Menschenstrom, der während des Salvator- auSschankS zur Quelle wallt, keines Ehrengeleites, noch der Triumph, pforten. Dennoch ist, wenn gleich in vergröberter Form, etwas vom Charakter des Volksfestes diesen bierfrohen Frühlingstagen noch verblieben.
Es hieß einst, daß zur Salvatorzeit der Brauer Franz Xaver Zacherl, der das Bräuhaus von den Maltesern, den Nachfolgern der Paulaner, erkaufte, bedeutend erweiterte und den nach ihm benannten Keller erbaute, nächtlicherweile dort umgehen soll. Wer die Gäste vom Nockherberg herabkommen sieht, zweifelt bei ihrem Anblick sicher nicht, daß auch dort und bei Tage der Zacherlgeift umgeht.
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Außerhalb der Tore
In ganz Bayern finden sich Sagen von versunkenen Orten, ähnlich den norddeutschen Sagen von Vineta und Julin oder der Gerftäcker- schen Erzählung vom verschwundenen Dorf GermelShausen, das nur alle hundert Jahr an die Oberfläche kommt. So geht die Mär von einem Dorf, geheißen Pachem oder Bachheim, das nahe bei München, zwischen Riem und Berg am Laim gelegen hätte. Der Ortsname Pachem kommt in Urkunden des 14. und 15. Jahrhunderts vor, doch ist er, wenn er sich wirklich von einem Bach ableitet, nach der heutigen Beschaffenheit der Gegend unverständlich, da kein Gewäffer sich ringsum befindet. Möglich, daß ein Kirchdorf, das hier stand, zu Beginn des 16. Jahrhunderts gewaltsam zerstört, oder durch irgend ein Ereignis vernichtet wurde. Leute, die an windstillen Tagen dort durch die Felder gingen, haben erzählt, daß sie Menschenstimmen, Dengeln von Sensen, zuweilen Geläute von Kirchenglocken aus der Erde heraufgehört hätten. Deshalb erhielt sich die Überlieferung, daß ein großes Dorf dort in die Tiefe versunken sei. Manche bringen deffen Schicksal in Verbindung mit dem Wasier, das südlich von der sagenhaften Stätte fließt: dem in seiner Art auch wundersamen, als Naturmerkwürdigkeit anzusprechenden Hachinger Bach-
Bei Deisenhofen wird er zuerst als schmale Wafferader sichtbar, von Oberhaching an strömt er reichlicher, erreicht seine eigentliche Stärke bei Taufkirchen. So bleibt er eine Weile, treibt mehrere Mühlen; von Unterhaching an aber beginnt er abzunehmen und ist in Unterbiberg Nur mehr ein kleines Rinnsal, das außerhalb Perlach gänzlich versickert.
Diese Eigentümlichkeit wird geologisch aus dem engen Zusammenhang des Bachwasierspiegels mit dem unterirdischen Grundwasserspiegel erklärt. Aber die Volksphantasie deutete den Vorgang anders und leitete daraus eine Sage ab von einem feindlichen Brüderpaar, dessen Vater, ein braver alter Müller, bei seinem Sterben den Beiden gemeinsam die Mühle am Hachinger Bach nahe Perlach hinterlassen hätte. Durch die Erbschaft fuhr der Geizteufel in die Söhne, die sich zuvor ganz gut vertragen halten und sie wurden einander spinnefeind. Keiner gönnte dem Anderen sein Teil, sie stritten und maulten den ganzen Tag, vernachlässigten darüber Arbeit und Kundschaft und kamen so allmählich herab.
Damals floß an jener Stelle der Bach noch breit und hell. Als jedoch die Zwei es immer ärger trieben und den würdigen Pfarrer von Per« lach, der um der Liebe Gottes und des Gedächtnisses ihres Vaters willen sie zur Eintracht mahnte, roh von der Schwelle jagten, da war ihr Maß voll. Eines Tages war der Bach, gerade bei der Mühle, versiegt, und die Mühle stand still.
Da half kein Fluchen und kein Jammern, keine Vorwürfe, die sich die Beiden gegenseitig machten. Sie wurden zu Bettlern, und schließlich suchten sie sich auf dem Wege von Perlach nach Ramersdorf zwei starkästige Birnbäume aus, nahmen Jeder einen Strick und hingen sich daran.
Nächtlicherweise sollen die zwei Müller als ruhelose Geister an der Stelle ihres Selbstmordes spuken und zwar so lange, bis der Hachinger Bach wieder seinen früheren Lauf hat.
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Außerhalb der Tore
Die kleine Wallfahrtskirche zu Harlaching, hoch am Ufer der Isar, ist ursprünglich wohl sehr alt. Keine Gewißheit besteht über die Zeit ihrer Erbauung; doch kommt der Ortsname selbst im 12. Jahrhundert als „Hadelaichen", „Hadelahingen" vor. Die Kirche, der heiligen Mutter Anna geweiht, hat eine schwermütig sagenhafte Entstehungsgeschichte. Ein Münchener Patrizier soll mit einer schönen Jüdin auf einem Landsitze in Thalkirchen verbotenes Liebesglück genossen, die Verführte aber hernach verlassen haben. Da sprang sie verzweifelt in die Isar und fand den Tod. Von seinem Gewissen beunruhigt, ließ ihr Verführer die kleine Kirche von Harlaching erbauen. Bei der „Marienklause", die 1865 aus einem Dankgelübde für Errettung von Hochwasser und Felssturzgefahr entstanden ist, soll die Seele der Selbstmörderin als blaues Irrlicht umherschweben.
Einem Dankgelübde wird auch das alljährliche große Kirchenfeft, der Harlachinger Ablaß, der am 8. September beginnt, zugeschrieben. Es soll herrühren von einem Grafen, der zu Giesing seinen Ansitz hatte, sich aber in einer kalten Winternacht während eines furchtbaren Schneesturmes in den damals noch dichten Wäldern an den Isarhängen verirrte und den Tod vor Augen sah. In dieser Bedrängnis gelobte er, für den Fall seiner glücklichen Errettung der nächsten Kirche eine reiche Stiftung zu machen. Darnach vernahm er den feinen Ton eines Glöck- leins, das gar nicht weit entfernt zu sein schien. Der bereits erschöpfte Graf nahm seine Kräfte zusammen, ging dem Klang des Glöckchens nach und kam so nach Harlaching, wo er alles wach und in größtem Staunen fand, denn das Glöcklein hatte von selbst geläutet. Da erfüllte der Gerettete sein Gelübde und stiftete, von reichen Spenden der Umwohner unterstützt, das „Harlachinger Ablaßfeft".
Harlaching, ursprünglich dem Kloster Tegernsee gehörig, ward später mit der Schwaige Harthausen (der heutigen Menterschwaige) zusammen Eigentum des Landesfürsten und wurde von ihm mehrfach als Ritterlehen an verschiedene Adelige verliehen. Es gehört heute zur Stadtgemeinde München und zur Pfarrei Giesing.
Das Schloß der bayerischen Herzoge, das in Harlaching stand und berühmt war durch seine prächtigen Gartenanlagen am Bergabhange, ist zu Ende des 18. Jahrhunderts durch Brand zerstört worden. Heute erinnert, da die Kirche gleichfalls im 18. Jahrhundert völlig neu erbaut ist, und der ganze Ort sich als vornehme Villenvorstadt entwickelt hat, eigentlich nichts mehr an frühere Zeilen, als der uralte kleine Kirchhof und das Denkmal, das König Ludwig I. bei der Kirche dem Andenken des Malers Claude Gelse, genannt „Lorrain" setzen ließ. Dessen Ansässigkeit zu Harlaching ist freilich neuerdings in das Bereich der Sage verwiesen worden. Ludwig I. selbst weilte gern auf der benachbarten Menterschwaige, die bis 1660 herzoglicher, resp. kurfürstlicher, von 1793 an bürgerlicher Besitz war. Hierher, auf die — damals noch Harthausen genannte — Schwaige flüchtete Herzog Johann II-, der älteste der fünf Söhne Albrechts III-, vor der in München herrschenden Pest, und hier, in dem nachmals abgebrannten Schlößchen, erlag er ihr, sechsundzwanzigjährig, am 18. November 1463.
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Außerhalb der Tore
Untrennbar, landschaftlich wie geschichtlich, gehören München und sein freudiger Karwendelsproß, der Jsarstrom, zusammen. Ja, die Isar darf sich rühmen als Ursächerin der Stadt. Wo ein solches belebendes Wasser fließt, ist die gegebene Stätte einer größeren Menschenansiedelung. Mit der Zerstörung der einen und Erbauung der anderen Isarbrücke, mit dem sich bekriegenden, durch die Isar bedingten Vorteil zweier großer Herren hat Münchens Geschichte begonnen, das Werden des Dorfes zu einer Stadt, die schon hundert Jahre nach ihrer Gründung „ins Maßlose" wuchs. Die Brückenwacht der Isar, das ist München zu Anfang gewesen; die Lebensader der Stadt, das war die Isar.
Die „Schnelle, Reißende", soll ihr Name, der uralten Ursprungs ist, bedeuten. Zu Zeiten der Schneeschmelze oder sonst bei Hochwasser fährt sie wirklich reißend daher, mit hohen Schaumwellen gegen die Ufer schlagend. Schön ist der Blick von den waldigen Hängen, etwa bei Pullach oder Großhesselohe, herab auf den milchig grünen Strom, die breiten hellschimmernden Kiesstrecken, die Höhlen und seltsamen Bildungen im Nagelfluhgeftein. Kelten und Römer haben ihre Spur längs des Flusses zurückgelassen; drüben am Osthang, wo die gotische Herzogsburg Grünwald so stattlich in die Isar hinabschaut, liegt das alte Römer-Kastell, das in jene fernste Vergangenheit zurückweist. Von der Eisenbahnbrücke, die bei Großhesselohe die Isar überspannt, haben frei- lich selbst die Römer sich nichts träumen lassen, so wenig wie der sinnende Mann im schwarzen geistlichen Gewand, der hier so gern die Schau über das Flußbett und die waldigen Höhen genoß.
Inmitten all der Drangsal des dreißigjährigen Krieges hat hier der „bayerische Horaz", der Jesuitenpater Jakobus Balde, eine seiner schönsten Oden gedichtet, das „Echo". Sie sind lateinisch, die Dichtungen des gelehrten Humanisten, aber sein ganzes Empfinden war deutsch, so wie der Schmerz um die Leiden seines Volkes, für das er den teuerwerten Frieden so heiß ersehnte.
Auch ein Anderer, dessen Namen als den eines Zeitgenossen die Echo- Ode nennt, hätte nach, zwar unverbürgter, Überlieferung hier oben geweilt: Claude Gelee, benannt le Lorrain. Er hätte seine Studien gemacht an der Durchsichtigkeit der Luft, den duftigen Lichtwirkungen der Ferne, so wie es nachmals noch mancher Meister des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts tat: Dillis, Beich, Lebschse, Schleich, Weng- lein und wie sie sonst heißen. Eines Künstlers Gedächtnis erneuert auch der Anblick von Brug Schwanegg, die sich Ludwig Schwanthaler erbaute und damit einen Traum seiner frühen Jugend verwirklichte. Und welche fröhliche Scharen hat der Wald zwischen Großhesselohe und Pullach gesehen, wenn alljährlich bei der Habenschaden-Feier nach dem Gedächtnisgottesdienst für den Stifter das Frühlingsfest der Künstler sich entspann! —
Einen eigenen Reiz aber hat es, der Isar ganz nahe zu sein, dicht am Strand im Gras der Jsarauen zu rasten, die von selbst, durch mähliches Zurückziehen des Stromes in sein heutiges Bett, entstanden sind. Oder auf einem Floß, das etwa von Tölz dahertreibt, sich fröhlich nach München hinunterschaukeln zu lassen. Die Flößer und Uferanwohner wissen mancherlei zu erzählen von den frühen märchenhaften Vorstellungen, mit denen die Volksphantasie Fels und Strom belebte. Die Höhlen bei Geiselgasteig und Großhesselohe wurden gedacht als von wilden Leuten, Wassergeschöpfen und wohl auch räuberischen Unholden bewohnt. In einer davon soll das „Schnarchermandl", einer aus der großen Familie der Zwerge, Kobolde und Wichtelmännchen seßhaft sein, dessen lautes Schnarchen zu Zeiten sich über den Fluß hin vernehmen läßt. Häufiger noch ist der eigentümlich klagende Ruf „Tutli —i —i" zu hören, der von einem Wasservogel herrührt, aber den Viele einem namentlich zwischen Thalkirchen und Harlaching heimischen Spukgeift, dem „Tutlipfeiferl", zuschreiben. Bald pfiff er dem Wanderer oder Flößer dicht vor den Ohren, gleich darauf weit vom jenseitigen Ufer her. Die Einen knüpfen daran die Sage von einem wirklichen Pfeifer, einem Spielmann, der das stolze Fräulein von Burg Grünwald geliebt und dem sie aufgegeben hätte, ihr Geschmeide, das sie vor seinen Augen hineingeworfen, aus der Isar zu holen. Er versuchte es, kam aber nimmer herauf — es ist die Geschichte von Schillers „Taucher". Auch der ruhelose Geist einer jungen schönen Selbstmörderin, die, entweder aus Liebesgram oder einem Ehrenräuber zu entfliehen, in den Fluß gesprungen sei, wird mit dem Tutlipfeiferl und seinem Klageruf in Verbindung gebracht.
Als harmlos und gutartig gilt das „Wisperl", das nur zu heiligen Zeiten, vornehmlich an Allerseelen, mit leisem Gezirp wie eine Grille, bald nah, bald fern sich hören läßt. Ein geradeswegs böser Geist aber ist das „Pfeiferl"; er pfeift grell durch die Finger, und wagt jemand ihm zu antworten — flugs ist er da. Einmal ging einer zu später Stunde durch die Jsarauen, ahmte den Pfiff des „Pfeiferls" nach —> da wuchs vor ihm aus dem Boden eine schwarze Gestalt. Der Mann, beherzt, griff nach seinem Messer und schrie: „Trau di net zuawi, oder du bist hin!" Aber das Gespenst schwoll zu dreifacher Mannshöhe empor; da packte den Kühnen das Grausen, und er rannte davon — hast du nicht gesehen! Ob ihm Unheil widerfahren ist — denn das „Pfeiferl" bringt Unglück durch seine Begegnung — weiß man nicht. Am besten ift'S, wenn der Pfiff ertönt, sich still zu halten, ein Kreuz zu schlagen und im Gehen für sich zu beten. So haben eS ehedem auch die Floßknechte gemacht, beim Überfahren des IfarwehrS an der Marien- klaufe; denn dort in der Nähe haust die Jfarnixe — die übrigens den Meisten als gleichbedeutend mit dem „Tutlipfeiferl" gilt — samt ihrem Gatten, dem Hakemann oder Hackenmann. Zu Zeiten singt sie ein seltsam berückendes Lied; wer sie singen hört, muß nach altem Glauben bei einer nächsten Floßfahrt ertrinken. Drum schützten die Flößer sich dort an den „Überfällen" durch Gebet und führten gern etwas Geweihtes bei sich. —
War jede Unbill des Wassers und der Witterung samt jeglicher dämonischen Anfechtung überwunden, dann saß und trank der wackere Flößer recht „grüabig" zu München beim „grünen Baum". Da wurde das beliebte Tölzer Bier verzapft; da herrschte ein fröhliches Durcheinander von Münchnern aller Stände, Gelächter und Gesang. Zur Zeit König Ludwig I. pflegten auch die Künstler die Wirtschaft zum „grünen Baum" mit besonderer Vorliebe zu besuchen. Der Wirt galt als eines der vielen, just in seinem Stande nicht seltenen, Münchner Originale, so wie der „lachende Wirt", der diesen Namen trug, weil er, wie die Prinzessin im Märchen, nur einmal gelacht hatte. An den Grünbaumwirt knüpft sich die Münchner Redensart: „Da möchtst doch gleich Greanbaamwirt wern!" — Angeblich führte der drollig-knurrige Wirt selbst diesen Spruch im Munde, wenn ihm etwas widern Strich ging.
Der „grüne Baum", nach dem die Wirtschaft sich nannte, wurde, als 1787 ein Sturm ihn brach, durch eine Linde ersetzt. Die Wirtschaft selbst aber verschwand gleich der anderen, altbekannten Gaststätte „zum Ketterl" an der Floßftraße, als der Durchbruch der Stcinödorfstraße erfolgte und an die Stelle der ehemaligen Lände ein großstädtischer Straßenzug längs der Isar trat.
Die Zeilen und ihre Bedürfnisse wandeln sich; Gebäude entstehen und vergehen. Was aber unmittelbar aus Schöpferhand entsprungen ist wie der leuchtende rauschende Bergfluß, der München durchftrömt, bringt stets, trotz menschlicher Regulierung und moderner Prachtbauten, einen Ewigkeilshauch mit sich.
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Außerhalb der Tore
Die Schwabinger — die Nachkommen eines mutmaßlichen Swapo. Schon seit dem sechsten Jahrhundert wahrscheinlich ortsseßhaft, seit dem achten Jahrhundert — Respekt! — urkundlich nachgewiesen. Bauern, Fischer, Flößer, wie die Nachbarschaft der Isar eö bedingte, meist Untertanen eines ausgedehnten EdelhofeS. Denn schon im zehnten Jahrhundert gab es dort einen Edelsitz „Derer von Schwabing". Einen des offenbar zahlreichen Geschlechtes, den edlen Heinrich von Schwabing, hat, wie früher erzählt worden, Herzog Ludwig II. „mit allen Gütern zu Pugenhausen und Oberfehringen" belehnt; Bogenhausen und Oberföhring liegen ja Schwabing gegenüber. Besagter Heinrich trat diese Besitzungen am anderen Jsarufer bald an den Bischof von Freising ab. Ähnlich handelte, jedoch aus höchst praktischen Gründen, ein Eberhard von Schwabing, im dreizehnten Jahrhundert. Der hatte einen seiner Okonomiehöse einem Münchner, dem Richter Jordan, verpfändet um sechs Talente — und als die fällige Zeit herannahte, wußte er das Geld nicht zu beschaffen. Da entschloß er sich kurz und schenkte seinen Hof dem Kloster Schäftlarn mit dem Beding, daß dies ihn auslösen müßte — was auch zu beiderseitiger Befriedigung geschah.
Zu Anfang des 14. Jahrhunderts starben die Edlen von Schwabing im Mannesstamme aus; eine Erbtochter jedoch hatte zur Ehe den Patrizier Gollier von München. Der Gatte oder erst der Sohn dieser Schwabingerin war Ainwich der Gollier, den Herzog Ludwig um seiner Verdienste willen zum Ritter schlug, und der auf dem Marktplatz in München die Allerheiligenkapelle anstatt' der zerstörten herzoglichen Münze erbauen ließ. Dieser Ainwich soll auch das alte, gar kleine Kirchl Johannes des Täufers in Schwabing größer und schmucker erbaut haben aus Freude und Dank, daß er ein Söhnlein Johannes zur Taufe gebracht. Nachmals starb dies Kind, die Kirche jedoch erstand abermals größer und ward nach der zweiten Patronin, der hl. Ursula mit ihren Jungfrauen, benannt. Die Kirche zu „Swäbingen pey München, da rastent der gut Herr sant Johans, der Tauffer unseres Herrn Jesu Christi und die heilige Elftausend Mayd" war freilich nur eine „Zu- kirch" (Nebenkirche) des Gotteshauses zu Sendling; erst 1811 ward Schwabing eine selbständige Pfarrei. Aber die Schwabinger hielten ihr Kirchl hoch und heilig: bei den etlichen Malen, als die noch ungebändigte Isar mit Hochwaffer ging und wilde Wogen auf die Kirche zuwälzte, wagten die Bauern und Fischer ihr Leben daran und eilten auf Flößen und Kähnen ihrer „Sani Ursel" zu Hilfe.
Sogar in friedsam später Zeit forderte hier der Jsarkanal ein junges Leben: den 21. Juli 1783 ertrank darin „der kunst- und tugendreich Pankratius Piebl, Buchdruckergesell in München, seines Alters 26" — und ward beim alten Schwabinger Kirchl gefunden und bestattet.
Noch älteren Ursprungs soll das Kirchlein des hl. Nikolaus gewesen sein, dessen Abbruch 1898 nicht bloß den Schwabingern, sondern auch vielen Münchnern tief ins Herz griff. Nachgewiesen ist sein Bestehen seit dem fünfzehnten Jahrhundert als „GotzhauS der Siechen", das beim Leprosenspital stand und noch zu München gehörte. Die gelegentlichen Ausflüge der Münchner nach „Sand Nikolas bey Schwäbing" namentlich am Pfingstfest und ihre Einkehr beim wirtenden Hausverwalter des Spitals sind anderwärts erwähnt. Aber die Münchner, sowie die Schwabinger kamen auch mit dem Kreuz gewallfahrtet, da das Nikolaikirchl größtes Vertrauen und Ansehen genoß. Sankt Nikolaus, als früher Patron der Schiffergilde, hatte billigen Anspruch auf die Verehrung dieser ruderführenden Jsaranwohner.
Die ehemaligen Untertanen der Edlen von Schwabing, wie sie gediehen und sich mehrten, legten einen Zug ausgesprochener Selbstbehauptung an den Tag. Durch die größere Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts währten die Händel, die sie hatten mit denen von München und von Freising wegen Verletzung der Fischereigrenze. Die Schwabinger hätten bloß bis zum Frauenkreuz (gesetzt zu frommem Andenken an eine ertrunkene Frau) und bis drüben zum Föhringer „Engelturm" fischen sollen, aber sie zogen vor, eö bis Garching zu tun. Die Münchner, obzwar sie gelegentlich ihre Grenze energisch gegen diese „unruehigen Vischer von schwebing" verteidigten, huldigten doch auch wieder dem Satze: „da kann ma aa net so sein" — und ließen ein paar ertappte Schwabinger laufen, „weil die ihnen guete Worte geben haben, daß sy hinfüro nimmer khomen wellen." Die Freisinger prozessierten lange und heftig, wobei aber schließlich nichts herauskam, als ein neuer Markstein zur Darnachachtung unterhalb des Frauenkreuzes. Auch an diesen hielten sich die Schwabinger nicht unbedingt; und bei dem „Blumbesuch" (Weiderecht) in der Hirschau, das sie mit denen von Freimann, Föhring und Bogenhausen teilten, richteten sie eö gleichfalls so ein, daß nicht gerade sie im Nachteil blieben.
Von jener Zeit und dem pfiffigen, zugleich aber wehrhaften alten Bauernschlag, der selbst der kurfürstlichen Regierung nicht allzuviel Reverenz bewies, zeugen heute nur noch die paar alten Häuser und Gärten unten beim Ursulakirchl (jetzt St. Silvefterkirche), an der Biedersteinerstraße, der Maria Josefastraße, und den andern, die sich am englischen Garten hinziehen. Eigentlich ist eö so recht der Garten Schwabings, dies am einstigen Hirschanger von Kurfürst Karl Theodor und seinem Mithelfer, dem Benjamin Thompson, Grafen Rumford, geschaffene Stück Eden nördlich der Altstadt München. Wer vom „Harmlos", diesem steinernen Hüter des GarteneingangS, hinunterschlendert zum „Chinesischen Turm", durch die umbuschten Schlängelpfade an Wasserfällen, Ruhebänken vorbei zum „Aumeister", ans „Milchhäusl" oder nach Kleinhesselohe, der sieht dem Kurfürsten, dessen Verhältnis zu München ein so gezwungenes war, um dieser Schöpfung willen vieles nach. Freilich darf auch das Verdienst der Vollender, der beiden ersten Könige und Ludwig von Skells, nicht vergessen werden. Die Großstadt versinkt hier völlig vor dem Landschaftsreiz eines Parkes, bei dessen Anlage die Kunst das von der Natur Gegebene aufs glücklichste benutzt hat. Die kleinen, bald raschflutenden, bald sacht dahinschleichenden Wasserarme, die schönen alten Bäume, von einem linden FeuchtigkeitSdunft umwebt, die durch- blümten Wiesen nehmen Blick und Seele gefangen. Und beim Hinaus- schauen, Hinaustreten immer wieder irgend ein Ausschnitt aus dem alten Schwabing, der das Bild ergänzt: der Wasserturm am Schwabinger Bach etwa — oder Schloß Biederstem oder SureöneS oder das Gohrenschlößl.
Es gab noch einen Weg nach Schwabing: den trockenen „Türkengraben", den Max Emanuel durch gefangene Türken hatte anlegen lassen. Seinen Zweck als Wasserweg verfehlte der Kanal, wurde daher I8II eingeebnet und mit Häusern und Gärten überbaut. Ganze Generationen geputzter Münchner sind Feiertags durch den Graben oder durch den Theodorspark gen Schwabing gewallt, etwa nach dem Serem- puögarten, auch Schwabinger Volksgarten, wo es Kegelscheiben und Scheibenschießen für die Erwachsenen, Schaukel und Karussel für die Kleinen gab. Aber das und der erste zoologische Garten, der hier außen entstand, im Gumppenberg-Garten, gehörten einer späteren Zeit an;
früher war ein Hauptziel der Ausflügler die „kalte Herberge" nordwestlich vom Dorf Schwabing. Eine üble Sage hing sich an den Namen: das freiliegende Wirtshaus sei ein MordhauS gewesen, wo Leute kalt gemacht worden wären. Aber das soll Verleumdung gewesen sein; und sedenfallS war die Einkehr sehr beliebt. Die Münchner Gärtner hielten dort eine Zeitlang ihr Iahresfest.
Was Neu-Schwabing heute ist, ein Begriff für sich innerhalb Mün- chens, weiß Jedermann; und es hat ja auch schon den Fall gegeben, daß München zu Schwabing wie einst bei den Fischereihändeln, in Gegensatz trat. Aber wohlgemerkt: zu dem nicht bodenständigen, dem sozusagen angeschwemmten Element. Denn Jung-Schwabing, das auf Schwabinger Boden erwachsene, bewahrt im Grunde den Charakter des „alten romantischen Landes", besten äußeres Antlitz auch unterm neuen Gewand der Villen oder Arbeiterviertel noch da und dort hervorschaut. Und das ist gut so.
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Außerhalb der Tore
Räumlich ist es eine ziemliche Strecke von Schwabing nach Sendling. Aber da Schwabing einst zur Sendlinger Pfarrei gehört hat, ist der Schritt doch nicht zu weit. —
Auch Sendling ist alte Bajuwarenniederlastung, beurkundet seit 782. Bis in das 18. Jahrhundert waren im Reichental bei Obersendling die Ruinen der Burgen sichtbar, die das Edelgeschlecht der Sendlinger dort bewohnte. Auch eine Dingftätte (Gerichtsstätte) ist zu Sendling gewesen. In Untersendling war das Kloster Benediktbeuren begütert, dessen Besitzungen im 30 jähr. Krieg verheert wurden; ferner besaß das Gotteshaus St. Martin in Ottendichl den „Distelhof", aus dem dann ein adeliger Sitz und später der heutige Vergnügungtz- ort Neuhofen wurde. Jahrhunderte lang gehörte Sendling zur Pfarrei Thalkirchen, doch hatten Mitter- und Untersendling schon 1315 eigene Kirchen mit Freithöfen umgeben. Das alte Margarethenkirchlein und sein Freithof sind Schauplatz der Sendlinger Mordweihnacht gewesen.
Ein grauer Chrifttag, der heranzieht am Ende des schicksalsvollen Jahres 1705. Die letzten Haufen der Oberländler, deren Sturm auf die Stadt München mißlungen ist, haben sich hinaufgeflüchtet nach Sendling. Die Kaiserlichen unter General Kriechbaum halten sie in weitem Bogen umschlossen; sie sind umstellt wie jagdbares Wild. Ein Versuch, durchzubrechen, wäre vergeblich; er würde so viel bedeuten, wie gewissen Tod. Das verschneite, vereiste Land ringsum ist bereits bedeckt mit Verwundeten und Toten, die gefallen sind auf dem Rückzug vom Isartor bis Untersendling. Die noch Lebenden haben keine Wahl als zu sterben oder sich zu ergeben.
Die Mehrzahl wählt den letzteren Weg; denn es ist Pardon ver- heißen worden, unter der Bedingung, daß die Waffen sofort gestreckt würden. Sie tun wie ihnen geboten ist, drängen hinaus auf das freie Feld, werfen die Waffen von sich und sich selber auf die Knie.' Die Rosenkränze haben sie herausgezogen, winden sie um die Hände, die sie aufheben zum Beten, zum Bitten — —
Eine Salve kracht. Geknatter und Geschrei — Geröchel. Dann heißt eS: „Wer noch lebendig ist, stehe auf!"
„Und wie die erste Salva vorbey,, — so lautet ein zeitgenössischer Bericht — „hat man gleich wieder Salva gegeben und türkisch um- gemetzgert, bis 1100 Mann auf dem Platz geblieben". Reiter und Fußvolk stürzen über die Wehrlosen her, mit Schüssen und Säbelhieben. Das Morden setzt sich fort in die Dorfhäuser, auf den Friedhof, in die Kirche hinein, wohin immer die noch Überlebenden sich zu bergen suchen. Wie der damalige Pfarrer von Sendling, Simon Schoyer, drei Tage später an den Fürstbischof berichtete, „hat man auch das Gotteshaus nit verschont, dises mit bluetvergießen, und beraubung der hinein- geflichten Bauern profanirt, auch ... die drey Sendling sammt Thalkirchen schröcklich beraubt, allen Bauern, Söldner und Tagwerkher all ihr Geld, Fahrnuß und Vich, wie auch mir über die 700 fl. bares Geld, auch alle meine Pferdt hinweggenommen." —
Die Pfarrkirche und ihre unmittelbare Umgebung waren Schauplatz des letzten Verzweiflungskampfes. Erst hatten die Bauern nach Gemeinden zusammengeftanden, jetzt drängten sie durcheinander, wie wilde Tiere wehrten sie sich. Nach der Überlieferung kämpfte inmitten des verlorenen Haufens der Schmiedbalthes von Kochel nebst seinen Söhnen. Reckenhaft stand er, schwang seinen Morgenstern, bis er selbst zu Tode getroffen niedersank. Die geschichtliche Forschung hat keinen Schmied von Kochel gefunden, wohl aber feftgestellt, daß ein Schmied Balthasar (Balthes) Riesenberger von Bach im Mangfalltal, Pflegamt Vallei, an jenem 25. Dezember sein Leben bei Sendling ließ. Vielleicht half eben sein Schreibname dazu, ihn im Andenken der späteren Geschlechter überlebensgroß darzustellen.
Die Wenigen, die dem Blutbad entrannen, wurden auf Leiterwägen in die Stadt geschafft, zum Gefängnis, zur Folter, zum Tode — sofern sie nicht vorher aus Mangel an Hilfe ihren Wunden erlagen.
Vier äußere Denkzeichen mahnen an die Sendlinger Mordweihnacht. Auf dem südlichen Friedhof der eiserne Weihbrunnkessel, den König Ludwig I. stiftete zum Gedächtnis der 682 Oberländler, die dort ruhen. Ferner der von Geheimrat Philipp Zwackh errichtete Denkstein auf dem Hügel des alten Sendlinger Friedhofes, der drei- bis vierhundert jener Tapferen deckt — und am Unterfendlinger Kirchlein das Freskogemälde Lindenschmitt's, das deren letzten Kampf verherrlicht. Gegenüber von Kirche und Kirchhof aber erhebt sich seit neuer Zeit das eherne Brunnen-Denkmal des Schmiedbalthes mit dem Hammer in der Faust, als die Verkörperung des mannhaften opferbereiten Volkswillens, der sich gegen Unrecht mutig zur Wehr fetzt, und dem das Leben nicht als der Güter Höchstes gilt. Außerdem bewahren das Andenken des Schmieds und seiner heldischen Mitkämpfer die Straßen Sendlings, welche die Stadt München sämtlich nach Jenen und nach ihren Heimatorten benannt hat.
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Außerhalb der Tore
Weil Neuhausen — wohl im Gegensatz zu der älteren Ansiedlung, die schon bestand, heißt es hier „bei den neuen Häusern" — bis vor einem halben Jahrhundert eine Filiale der Pfarrei Sendling war (gleich Schwabing) soll in diesem Zusammenhang von ihm berichtet werden. —
Nahe dem heutigen Rotekreuzplatz steht, ein Wahrzeichen, daß hier ehemals das kurfürstliche Jagdgehege begann, das kleine halbverfallene Jagdschlößchen des Kurfürsten Karl Albrecht, das durch sein verblaßtes Freskogemälde noch setzt die Augen auf sich zieht. Schräg über davon ragt ein schlichtes Brunnendenkmal: auf romanischer Säule ein Mann im Reisegewand, mit treuherzig frommer Gebärde an ein Saumtiergelehnt. Das ist der selige Winthir.
Ursprünglich hieß es: der fromme Mann, der als ein Säumer an den Strand der Isar gekommen, sei aus edlem fremdländischen Geschlechte gewesen und hierher eingewandert, um in dem zum Teil noch heidnischen Niuwenhusir (Neuhausen) das Evangelium zu predigen. Wahrscheinlich hing er irgendwie zusammen mit den irisch-schottischen Mönchen, die im siebenten Jahrhundert schon und zwar meist als scheinbare Händler, Säumer, Kaufleute, die Lande durchzogen und den Glauben verbreiteten. Das Vorhandensein einer Handelsstraße, wie es die von Reichenhall herkommende, über die Isar, Munichen und Pasing nach Augsburg führende Salzstraße war, bestimmte naturgemäß den Gang solcher Glaubensboten. Winthir, dessen Auftreten in das achte Jahrhundert fallen dürfte, baute sich, wie die Legende berichtet, eine einfache Klause hier zwischen den Angern und verbrachte darin sein Leben mit Gebet und Werken der Wohltätigkeit. Sogar von Wundern, die er gewirkt habe, meldet die Überlieferung. Da er starb, wurde er an der Kirchenmauer bestattet in einem steinernen Sarge, unter dem Wehklagen des ihn verehrenden Volkes. Als anno 1 <500 die Neuhauser Kirche vergrößert werden sollte, ward an der bezeichneten Stätte gesucht, und wirklich fand sich der Steinsarg mit Winthirs Gebeinen. Nun wurde die Wand der Epistelseite weiter hinausgerückt, sodaß WinthirS Gruft, über der später ein Altar sich erhob, in das Innere der Kirche zu liegen kam. Außerdem stand jahrhundertelang an der Wendlstraße in Neuhausen ein Stein, die sogenannte Winthirsäule, die vermutlich nur ein Markstein war, dem Volke aber als Wahrzeichen galt, daß hier die Klause stand, wo Winthir wohnte und predigte. Der Winthirstein, wie die Säule auch hieß, war lange Zeit ein Ort beständiger Andacht: in irgendwelcher Not und Bedrängnis flüchteten die Beter dorthin. Es hieß auch: durch Winthirs Fürbitte seien die Fluren umher von allen Hagelschlägen und sonstigen Weiterschäden verschont geblieben. Einmal soll ein reicher Bauer, der zu Neuhausen wohnte, es doch erlebt haben, daß ein Hagelschauer zerstörend über seine Felder ging; da hätte der Betroffene, der ein großer Geizkragen war, auf den seligen Winthir, als auf einen Betrüger, furchtbar gelästert und geflucht, sich auch daran gemacht, auö Rache den Winthirstein umzuftürzen. Mit Hacke und Spaten ging er ans Werk, aber ein Blitz traf ihn, daß er tot an der Stelle seines Frevels niederfiel.
Im 18. Jahrhundert fanden regelmäßig zu Neuhausen feierliche Winthirprozessionen statt unter Beteiligung einer großen Volksmenge, zuweilen auch des kurfürstlichen Hofes, denn seit 1715 gehörte die freie Hofmark Neuhausen zum Besitz der Wittelsbacher. Unter ihren frühen Eignern befanden sich, außer den Bischöfen von Freising und später dem Augustinerkloster zu München, zwei seitliche Abkömmlinge des herrschenden Hauses, Herzog Sigmunds natürliche Söhne: Hans und Sigmund Pfattendorfer. Eines der größten höfischen Feste hat übrigens in Neuhausen seinen Anfang genommen: die Hochzeit Wilhelms V. mit Renata von Lothringen. Hier im Dorf waren die beiden Gezelte geschlagen, wo am 21. Februar 1568 die feierliche Einholung der hohen Braut geschah. Herzog Wilhelm, der Bräutigam, von einem glänzenden Geleite umgeben, geführt von seinem Vater, Albrecht V. und dem Großmeister des Deutschordens, traf zuerst ein, harrte im Bräutigamszelt der Braut, die von Dachau herannahte, ebenfalls mit stattlichem Gefolge. Sie begab sich zunächst in das noch leere Gezeit, dann trat sie hinaus, und zwischen den zwei Zelten begegnete sich das Paar zur Begrüßung. Darnach, unter Geschützdonner und Glockengeläute, wogte der Zug in die Stadt, nach der Kirche Unserer l. Frau, wo das De Oeum gesungen ward.
Solche Pracht hat Neuhausen später nimmer gesehen, nur etwa einen Abglanz davon, wenn der Kurfürst hier mit seinen Begleitern eine Rast vor oder nach der Jagd hielt. Auch den Kreuzgängen zu Ehren des seligen Winthir machte der Beginn des 19. Jahrhunderts ein Ende. Doch wurde die Säule, die seinem Andenken galt, noch im Jahre 1S73 erneuert und erst, als der wachsende Verkehr in dem großgewordenen Orte ihre Entfernung ratsam erscheinen ließ, an die westliche Mauer des Friedhofes versetzt. Damit eö aber nicht etwa heiße: Aus den Augen, aus dem Sinn — steht dafür WinthirS neues Denkmal am Eingang der Vorstadt Neuhausen, nahe dem Hause des Roten Kreuzes, wo die Werke der christlichen Nächstenliebe unablässig geübt werden.
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Außerhalb der Tore
Als Herzog Stephan, zubenannt Fibulatus, mit den Augsburgern in Fehde lag, da haben ihm vornehmlich die tapferen Grafen und Gebrüder Christian und Wilhelm von Frauenberg Beistand getan. Es war ihm aber, trotz solcher Hilfe, das Kriegsglück nicht immer hold, und die Fehde war gar lang und blutig. Anfang des Jahres 1372 zog der Herzog mit seinem Volk an der Würm entlang, da sperrten die Kriegsknechte derer von Augsburg ihm in großer Zahl den Weg. Weil die Feinde die mehreren waren, blieb dem Herzog und seinem Haufen nichts, als sich zurückzuziehen. Graf Christian von Frauenberg hatte den Auftrag, den Rückzug zu decken und führte ihn mannhaft aus, geriet aber dabei in große Not, denn die Feinde drängten ungestüm hinterdrein, und die kleine herzogliche Nachhut befand sich unversehens eingeklemmt zwischen die feindliche Reiterei und die reißende Isar bei Thalkirchen. Da mochte der tapfere Graf Christian gedenken, daß Gott die Kinder Israel glücklich durch das rote Meer geführt habe, während ihre Verfolger ertrunken seien. Also rief er Gottes Hilfe an und gelobte, wenn ihnen hinübergeholfen würde, an dieser Stelle eine Kirche samt Kloster zu Ehren der Gottesmutter zu erbauen. Darauf sprengte er beherzt mit seinen Reitern in die Isar hinein und durchschwamm sie glücklich, ohne daß Einer von ihnen ums Leben kam. Die nachsehenden Feinde aber ertranken. Seinem Gelöbnis treu, ließ der Graf Christian alsbald die Kirche erbauen, hatte auch die Absicht, ein Kloster dabei zu errichten. „Als er" — so meldet ein Chronist — „darnach anno 1396 mit Pfalzgraf Rupprecht auch anderem Bayerischen Adel König Sigmund von Ungeren wider die Türken zuzogen, soll er endtlichen Vorhabens gewest seyn, auf seine Wiederkunft das Kloster vollends zu bauen, derhalb auch etlich Geld verordnet, aber er ist daselbst sammt vielen anderen umbkommen in der Schlacht bei Nikopolis, 26. September 1396." So weit die Meldung, die auch durch zwei alte Ver- löbnistaseln in der WallfahrtS- und Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt zu Thalkirchen bekräftigt wird. Das eine Bild zeigt den Vorgang, wie der Graf mit den Seinigen die Isar glücklich überseht, während die feindlichen Krieger verdutzt und enttäuscht am jenseitigen Ufer zurückbleiben. DaS Gemälde pflegt große Befriedigung bei den Betrachtern hervorzurufen, weil die feindlichen Kriegsknechte „gar so dumm schauen", wie einmal eine Kirchenbesucherin sich ausdrückte. Die, zweite Votivtafel zeigt eine Jsarlandschaft mit der bereits im Bau befindlichen Gnadenkirche, im Vordergründe den Grafen Christian, dem der Baumeister den Plan des Gotteshauses überreicht. Das erste Gemälde hat eine erklärende Aufschrift in Prosa; die des zweiten Gemäldes 'lautet: „Dies Gotteshaus im schönsten Flor1 Stieg 1372 hier empor 1 Durch Grafen von Frauenberg, als er hier war 1 Mit seinen Kriegern in Gefahr.1 Es wurde erbaut zur Muttergottes Ehr'1 Weil sie mit Sieg gekrönt das bayerische Kriegesheer."
Urkundlich erwiesen ist aber, daß allerdings Graf Christian der Frauenberger diese Kirche hat erbauen lassen und daß er im Falle seiner glücklichen Rückkehr aus dem Türkenkriege einen halben Dom gelobte. Doch hat offenbar einzig seine Frömmigkeit ihn zum Kirchenbau bewogen, während die Erzählung von der glücklichen Errettung aus Feindeshand und aus den Fluten der Isar nur schöne Sage ist.
Besonders verdienstlich haben sich, nachdem 1632 die Kirche von den Schweden arg verwüstet worden, ihrer die kurfürstlichen Hofmusiker Münchens angenommen, indem sie 1656 zusammentraten und einen frommen Bund schlossen mit der Absicht, für den Schmuck des aller Zierde beraubten Gotteshauses Sorge zu tragen und daselbst den Frauendreißiger durch ihr Zusammenwirken möglichst feierlich zu begehen.
Aus diesem Bunde entwickelte sich das jetzt noch bestehende „Ma- rianische Ehr- und Zierbündnis". Von innen und außen gänzlich erneuert, ist die ehemals gotische Kirche in ihrer heutigen Gestalt vollkommen eine Schöpfung des 18. Jahrhunderts.
Wo von Kirchenschmuck und vom achtzehnten Jahrhundert die Rede ist, darf billigerweise Maria Einsiedel nahe Thalkirchen nicht unerwähnt bleiben und zwar um der Brüder Asam willen, die 1763 die Kapelle dort erbauten, in Erinnerung ihrer vorhergegangenen Arbeit an der gleichnamigen berühmten Wallfahrtskirche in der Schweiz. Das Landhaus, das sie sich selbst neben der, jetzt abgebrochenen, Kirche geschaffen, mit ehemals reichem äußeren Schmuck, ist als Gasthaus noch erhalten.
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Außerhalb der Tore
Auf der Straße von Wolfratshausen her nach Schäftlarn hat einst vielhunderifacher rüstiger Männertritt gedröhnt: als die Oberländler von Tölz, von Benediktbeuren, von Starnberg sich sammelten zur Befreiung Münchens von der österreichischen Zwangsherrschaft. Zu Hohenschäftlarn und Kloster Schäftlarn war der Sammelplatz in jenen verhängnisvollen Dezembertagen 1725; von hier zogen die vielen Tapferen in Kampf und Tod. —
Östlich von der Ortschaft, jenseits der Landstraße, führt durch den Wald der Fußweg von Schäftlarn nach Baierbrunn. Zwischen den Stämmen wölben sich keltische Hochäcker; aus keltischer Zeit stammle wohl schon das verschanzte Lager, das hier oben über der Isar lag. Die Römer kamen ins Land, bauten die Birg aus als Kastell mit Wällen und Gräben, benützend, was vorher war und was die Natur hergab. Ein bayerisches Rittergeschlecht späterer Zeit machte seine Burg daraus. Von ihrem Ende handelt die Sage, die hier, an der Stätte uralter Vergangenheit, lebendig ist:
In der Birg wohnte ein Ritter, namens Sachsenhäuser; er war der Sohn eines Tyrannen, welcher die Leute erschoß, wenn sie auf Flößen auf der Isar herabfuhren. Die Birg wurde einst belagert, konnte aber nicht genommen werden, bis eine alte Frau von Baierbrunn den Belagerern den Rat gab, das Waffer abzugraben. „Gebt," sagte sie, „einem Roß drei Tage lang kein Waffer, dann wird es die Quelle finden." Die Belagerer befolgten den Rat: das dürstende Pferd scharrte und fand die Quelle; da wurde an dieser Stelle die Waffer- leitung der Birg abgegraben. Die Belagerten hatten kein Waffer mehr und mußten sich ergeben. Der besiegte Sachsenhäuser zog in das Kloster Schäftlarn, um dort bußfertig zu enden. Am Jahrestag, da solches geschehen, nämlich am Tage Pauli Bekehr, haben vormals die Klosterherren ein Erinnerungsfest gefeiert: sie hielten am Vormittag in der Kirche einen Gottesdienst ab, darnach ließen sie drei Banzen Bier für die armen Leute laufen und teilten Hefennudeln an sie aus.
Die Alte aber, die den Rat gegeben hatte, mußte nach ihrem Tod geistern und ist als „Birgweibl" Vielen erschienen. Sie ist von kleiner Gestalt, schlecht gekleidet; auf dem Kopf trägt sie einen Strohhut, in der Hand einen Stock und einen Korb. Wenn sie von der Birg wegging, und es begegnete ihr jemand, dann fragte sie jedesmal um den Weg nach Baierbrunn; ging sie aber gegen die Birg zu, so fragte sie, wo der Weg nach Schäftlarn geht. Aber sie kam niemals weder dahin noch dorthin, denn sie ist in die Grenzen der Birg gebannt und kann darüber nicht hinaus.
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Außerhalb der Tore
Um das Jahr 1286 kam ein Pilgrim mit Namen Konrad Nantwein nach Wolfratshausen, der wollte gen Rom wallfahrten gehen. Der Richter dort war aber ein ungerechter und habgieriger Mann; dem stand der Sinn nach dem Reisegeld des Pilgers. Darum ließ er ihn durch falsche Zeugen einer schändlichen Tat verklagen, in den Kerker werfen und nach gefälltem Spruch den Feuertod erleiden. Das Urteil ward dem Pilger auf dem GerichtSplah der Burg Wolfratshausen angekündigt. Als er nun - so meldet die Sage — von den Schergen befragt worden, wo er seinen Geist aufgeben wolle? da hätte er den Knopf seines Pilgerstabes gelockert und gesagt, wo der beim Hinwegschleudern niederfalle, dort wolle er gerichtet sein; darauf habe er den Knopf des Stabes mit Macht hinausgeschleudert und wo dieser niedergefallen, sei er verbrannt worden.
Noch andere erzählen, daß er nicht verbrannt, sondern auf einem glühenden Rost zu Tode gemartert worden sei; und das wäre im sogenannten Deisenbergerhaus geschehen.
An der Stelle aber, da Nantwein den Henkerstod erlitten hatte oder (wie Etliche sagen) da er verscharrt worden war, geschahen mannigfache Wunderzeichen, aus denen die Unschuld des Gerichteten offenbar ward. Alsbald strömten von allerwärts die Andächtigen herbei, und schon nach wenigen Jahren ward die Verehrung des Seligen eingeführt und erlaubt. Über derselbigen Stätte erhob sich später die Wallfahrtskirche St. Nantwein (geweiht dem hl. Laurentius), etwa zwanzig Minuten von Wolfratshausen.
Im Deisenbergerhaus wurde noch lange das Gewölbe gezeigt, wo Konrad Nantwein eingekerkert gewesen. Als ein früherer Besitzer des Hauses, seines Zeichens ein Schlosser, die Ketten, an denen der Selige gelegen hatte, wiffentlich verarbeitete, soll er drob närrisch geworden sein. Das hölzerne „Pilgramsflaschl" und die in Silber gefaßte Hirnschale des seligen Nantwein wurden lange Zeit mit großen Ehren aufbewahrt; und an seiner Kirchweih wurde noch im 17. Jahrhundert den Wallfahrern Wein aus dem Fläschchen gereicht. 1862 jedoch wurde beides angeblich nach London verkauft.
Außerhalb der Tore
Der Gafteigpudel ist ein Gespenst, das sich allnächtlich um die Geisterstunde auf dem Gasteig bei Wolfratshausen umtrieb. Es hat das Aussehen eines kohlschwarzen Pudels von mittlerer Größe mit feurigen Augen; wie etliche behaupten, schleift er eine-lange feurige Kette nach sich. Aus der Schlucht zwischen dem Schloßberg und dem anderen Bergl, an dem die Münchner Landstraße hinanführt, kommt der Gasteigpudel oder — mit dem Volksmund zu sprechen: Gastabudl — hervor, klimmt das Bergl empor und erscheint auf der Straße. Gar manche wisien vom Schrecken zu erzählen, den er ihnen eingejagt; zumal in den Erinnerungen alter Floßknechte, die sich auf dem Heimweg von München verspätet und bei später Nacht erst den Gafteig beschritten hatten, spielte der Gastabudl eine Hauptrolle.
Einmal aber gingen mehrere Wolfratshauser Bürger von Starnberg spät nach Hause: es war stockfinster, und sie nahmen daher in Dorfen eine Laterne zu leihen. Wie sie auf den Gafteig kommen, läuft etwas vor ihnen in einiger Entfernung her, schwarz und vierfüßig, ähnlich einem Hund. „Aha!" riefen sie durcheinander. „Dös iS meinoad da Gastabudl!" — „Nacha is's also wirkli wahr?" — „Den müaß 'ma derlösn!" Also Huben sie den bekannten frommen Spruch an: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn; sag an, Geist, was ist dein Begehrn?" — Aber das schwarze Ding lief dahin, redete und deutete nichts; die Bürger, mit ihren Stöcken und der Laterne, liefen mutig hinterdrein. Wie sie am Fuß des Bergls angekommen sind, verschwindet das Gespenst — hast du nicht gesehen? — in einem Hof, der zu einem Hause gehört. Da haben es die Männer endlich erwischt, und siehe: es war ein friedlich grunzendes Schwein! und die Frau vom Haus rief aus dem Fenster: was denn los fei? ob sie ihr vielleicht die Sau mehgern wollten mitten in der Nacht? — Da zogen die Wackeren beschämt davon.
Trotz dieser mißglückten Erlösung muß aber der Gastabudl endlich Frieden gefunden haben; denn man hört schon lang nichts mehr von ihm.
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Außerhalb der Tore
„Es hielt einstmals der Kurfürst von Bayern in den Wäldern um Planegg eine große Hofjagd ab. Dabei ging es laut und wild her und wurde von den Jägern, Hofherren und Rittern manch ein edles Wild zur Strecke gebracht. Da ersah der Fürst selber von ferne einen prächtigen Hirschen mit mächtigem Geweih, so stattlich, wie er meinte, noch keinen erblickt zu haben. Asbald ward auf diesen Jagd gemacht: die Schar der Jäger und die Meute der Hunde war hinter ihm drein, aber der schnellfüßige Hirsch floh allen weit voraus. Plötzlich gewahrten die Verfolger, wie der Hirsch bei einem großen Eichbaum stehen blieb, sich an den Stamm hindrückte und unverwandt an ihm emporschaute. Der Kurfürst mit seinem Jagdgefolge nahte heran, allein das edle Tier blieb ruhig stehen. Als sie nun zu dem Eichbaum hinkamen, sahen sie oben daran ein Bildnis der allerseligsten Mutter Gottes befestigt, wie wenn es droben gewachsen wäre. Der Fürst, ergriffen und gerührt, schenkte dem Hirschen, der seine Zuflucht zu der Himmelsherrin genommen hatte, Leben und Freiheit. Um den Eichbaum herum aber ließ er ein Kirchlein nebst einer Klausnerhütte erbauen."
So meldet die Sage. Richtig ist, daß ein frommer Knabe aus Planegg in einem hohlen Eichbaum ein tönernes Marienbild aufstellte und häufig davor betete, auch daß solche Andacht von anderen Nach- ahmung fand. 1743 ward ein Kapellchen über dem Baum erbaut und fünfundzwanzig Jahre später zur heutigen Kapelle umgemodelt. 1809 fuhr während des Gottesdienstes ein Blitz in den Baum, ohne jedoch das Gnadenbild zu beschädigen. Darnach ward der zerspellte Baum bis auf den Strunk abgesägt, doch steht das wundersame Marienbild noch dort über dem Tabernakel und ist Gegenstand hoher Verehrung von allen den vielen Wallfahrern, die jahraus jahrein den Gnadenort Maria Eich besuchen. Eine große Zahl von Votivtäfelchen, die an den Wänden des Kirchleins aufgehängt sind, kündet den Dank für göttliche Hilfe und Gebetserhörung. An der Außenwand ist auf einer Tafel der wirkliche Hergang jenes Jagdabenteuers gemalt zu sehen. Das begab sich am 12. Oktober 1775, dem Namenstage des Kurfürsten Max HI. Joseph, folgendermaßen: Der von kurfürstlichen Jägern gehetzte Hirsch war endlich gestellt worden, dicht bei der Kapelle, an die er sich nun zitternd hinschmiegte. Der Kurfürst, als ein inbrünstiger Verehrer der Gottesmutter und zugleich ein besonderer Tierfreund, ehrte das Asyl des Hirschen, wie die Verse unter dem Bilde verkünden:
„Ein abgejagter Hirsch in seiner vollen Flucht
Hat Schuh und Sicherheit an diesem Ort gesucht.
Und was er hat gesucht, das hat er auch gefunden;
Die Jäger haben sich zu seinem Tod verbunden:
Der Churfürst selber kommt und sieht das Schauspiel an,
Er giebt dem Tiere Schutz und wandle seine Bahn.
O Vater, welcher Preis muß Deinen Namen zieren:
Der beßte kommt Dir zu, bei Menschen und bei Tieren."
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Außerhalb der Tore
Pippin der Frankenkönig hielt eine Zeit lang Hof auf der Burg Weihenstephan bei Freising. Da gedachte er sich zu vermählen und ließ werben um eines mächtigen Fürsten Kind aus Schwaben, die war geheißen Bertha und hoch gepriesen um ihre Schönheit und Tugend. Der König sandte nun seinen Hofmeister, einen seiner ersten Ritter, die Braut zu holen; da nahm sie -weinenden Abschied von ihren Eltern und folgte dem Gesandten. Außer ihrem Brautschatz führte sie mit sich ihr Lieblingshündlein und ihr Wirkzeug, denn im Weben, wie im Spinnen kam ihr keine gleich.
Der Hofmeister aber war argen Herzens und gedachte, dem König anstatt der fürstlichen Braut seine eigene Tochter unterzuschieben, die jener ähnlich sah. Darum ließ er, ehe sie das letzte Nachtlager auf der Reise hielten, das Gefolge vorauf ziehen und nächtigte mit der ihm Anbefohlenen und zweien seiner vertrauten Knechte in der liefen Wildnis zwischen dem Würm- und Ammersee. Als Jungfrau Bertha kaum eingeschlasen war, mußten die Knechte sie ungestüm aufwecken und ins liefe Dickicht führen; die Arme folgte ihnen voll Schrecken, gehüllt in «in schlichtes Gewand, das der Hofmeister ihr anstatt der königlichen Kleider vor ihr Lager gelegt hatte. Ihr treues Hündchen lief ihr nach. Da sie zu tiefst im Walde waren, wollten die Knechte sie töten, wie von ihrem Herrn ihnen geboten war. Aber Bertha bat so flehentlich, daß die Knechte sich über ihre Jugend und Schönheit erbarmten und sie leben ließen. Nur mußte sie ihnen mit einem teuren Eide geloben, daß sie nie wieder in ihre Heimat trachten wollte, auch keinem ihren Stand und Namen aussagen wollte, noch was ihr geschehen sei. Als sie das beschworen hatte, töteten die Knechte statt ihrer das Hündlein und brachten sein Herz und seine Zunge sowie das von seinem Blut bespritzte Oberkleid Berthas dem Hofmeister zum Wahrzeichen, daß sie die Jungfrau umgebracht hätten. Da ward der arge Mann voll Freude, nahm die königlichen Gewänder Berthas und tat seine Tochter, die er in der Nähe verborgen hatte, damit an. So führte er sie dem König Pippin zu. Dem deuchte sie nicht so schön als das Bildnis, das ihm zuvor von ihr gezeigt worden, doch löste er sein Königswort ein und nahm die falsche Braut zu seiner Gemahlin.
Die verlaffene Bertha hielt sich in der Wildnis verborgen so lange, bis bitterer Hunger sie zu Menschen trieb. Sie irrte lange umher, ehe sie einen Köhler fand, der sie aus dem Walde heraus nach der Reis- mühle bei Gauting führte; da bat sie den Müller, ihr Obdach zu gewähren als einer Magd. Dort im Hause blieb sie, und es reute den Müller nicht, daß er sie ausgenommen, denn sie fertigte wunderschönes Gewirk aus Gold und Seide: das trug der Müller gen Augsburg und verkaufte es den Händlern um gutes Geld. So schwanden Jahr und Tag dahin.
Einst kam der König Pippin in jenem Walde zu jagen und verirrte sich darin, so daß er sein Gefolge verloren und niemand bei sich hatte als seinen weisen Arzt und Sterndeuter nebst einem Knecht. Zuletzt fanden sie denselbigen Köhler, der führte sie, wie er Bertha geführt, zur Reismühle, damit sie dort nächtigten und sich erquickten. Am Himmel zogen die Sterne auf; der weise Meister blickte empor und sprach zu Pippin mit Staunen: „Herr, Ihr sollt noch diese Nacht von Eurer Hausfrau einen Sohn gewinnen, vor dem die Christenkönige und die Heidenkönige sich neigen." Da sprach Pippin: „Wie kann das sein? Meine Hausfrau und meine Burg sind weit." Der Sterndeuter ging noch einmal hin, beschaute das Firmament und sprach: „Herr, es ist so: Ihr werdet diese Nacht bei Der sein, die Eure rechte Hausfrau ist und schon lange war." Alsbald bedrängte Pipin den Müller, daß er sagen sollte, wer außer ihm und den Seinen noch im Hause wäre? Der Müller gestand zuletzt: es sei schon sieben Jahre bei ihm eine engelschöne Jungfrau verborgen, die laffe sich vor keinem Menschen sehen. Da mußte die Jungfrau herfürgehen, und als Pipin sie ansah, erkannte er, daß sie seinem Weibe glich, aber noch mehr dem Bildnis der edlen Maid Bertha, das ihm einst gesandt worden. So beschwor er sie, ihm zu sagen, wer sie sei, denn in den Sternen stehe geschrieben, daß sie sein ehelich Weib. Darauf schwieg sie und weinte — er aber gewahrte an ihrer Hand den Brautring, den er ihr durch seinen falschen Hofmeister geschickt hatte. Alsbald hielt er sich nicht länger, sondern umfing sie minniglich. Sie aber bat ihn, nicht mehr in sie zu dringen mit Fragen, denn ihr Mund sei mit dreifachem Siegel geschloffen.
Am Morgen, da er ungern schied, nahm Pippin den Müller beiseite und sprach zu ihm: „Ich muß nun zu Felde ziehen wider die Sachsen; pflegt meiner Fraue wohl, und bringt sie mir ein Kind, so sendet mir Botschaft: einen Pfeil, wenn es ein Knabe, eine Spindel, wenn es ein Mädchen ist!" Darnach ritt er von dannen.
Während er zu seinem Heereszug rüstete, erstand er von augsburgi- schen Händlern ein köstliches Geweb für sein KönigSzelt; das war aus bunten Seiden und Gold gewirkt und stammte von Berthas eigener Hand. Darauf hatte sie ihre Geschichte dargestellt: wie der Hofmeister sie aus ihrer Eltern Burg geführt hatte und dann den Mördern überantwortet, und wie sie, um das Leben zu behalten, ihnen den teuren Eid schwören gemußt. Ihr Bild und das des bösen Hofmeisters waren deutlich erkennbar; und je mehr der König die Schilderei ansah, desto klarer ward ihm, welche Untat da geschehen war.-Sogleich ließ er die beiden Knechte heimlich zu sich berufen und bedräute sie, bis sie nieder» fielen und alles gestanden. Da versammelte Pippin seine Räte und auch den Hofmeister; denen erzählte er die Missetat und fragte den Hofmeister vor allen, was einem gebühre, der solches verbrochen hätte. Der Hofmeister erblaßte und zitterte und wollte sein eigenes Urteil nicht sprechen. Die Räte aber, vor denen der König ihn anklagte, verdammten ihn zum schmählichen Tode. Seine Tochter, die falsche Königin, ward in strenge Haft genommen, wo sie vor Gram bald hernach starb.
Pippin aber zog zu Felde, und es währte Jahr und Tag, bis er siegreich aus dem Sachsenkrieg wiederkehrte. Da kam ihm, als er der Heimat sich näherte, schon der Müller entgegen und reichte ihm einen Pfeil, zum Zeichen, daß die schöne Berta ihm einen Knaben geboren. Da ward Pippin fröhlich und hieß all seine Edlen und Ritter mit ihm reiten nach der Reismühle, um ihre Königin in Ehren abzuholen. An der Türe der Mühle bot ihnen Frau Berta Willkommen und reichte dem König seinen Sohn dar. Und er führte sie und ihr Kind mit großem Jubel nach Weihenstephan — da wurde sie als Königin gekrönt und ihr Knäblein getauft und Karl genannt. Also behielten die Sterne recht, und Karl der Große ward ein Held, vor dem sich Christenheit und Heidenschaft in Ehrfurcht neigten.
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Außerhalb der Tore
Lange Zeit war um den Würmsee herum nichts als Wald und moosige Aue; Fischer und Bauern wohnten dort. Das Dorf, das am Rande des Sees mählich entstand, hieß Aheim; die Burg, die es auf einer Höhe überragte, hieß nach dem Namen ihrer Besitzer, der Edlen von Starenberg. Sie verarmten und verzogen bald; zu Ende des 14. Jahrhunderts ward das Schloß Eigentum der Herzoge von Bayern. Herzog Ernst und Herzog Albrecht IV. weilten hier gern. Albrecht V. ließ im Schloßgarten ein prächtiges „Sommer- oder Fürstenhaus" erbauen, hatte auch auf dem See eine eigene Luftflotte, darunter „eine königliche Fregatte, drei Schiffe von Lärchenholz mit eichenen Säulen darauf, Gondeln nach Venediger Art, alles zierlich geschnitzt, bemalt und vergoldet". Er fuhr oft auf dem See, geriet einmal (1575) in das „groß Hagelwetter, das zu Starnberg gewest, hat die leut undt das Schiff jämmerlich abklopfft, aber dem Herzog, Gott lob, nichts geschehen."
Die hohe Zeit für den Würmsee oder, wie er später hieß, den Starnbergersee, brach jedoch erst an unterm Kurfürsten Ferdinand Maria, deffen schöne prachtliebende Gemahlin Henriette Adelaide auf dem See „das größte Vergnügen der Welt" genoß.
Für den Aufenthalt des Hofes am See wurde ein eigenes Prunk- und Staatsschiff gebaut, von venetianischen Baumeistern, darunter Francesco Santurini. Als Muster diente ihnen das berühmte Staatsschiff, das den Dogen Venedigs an feierlichen Tagen hinaus auf die Adria trug: der Bucintoro. Aber der jüngere bayerische Namensvetter übertraf seinen Vorgänger um eines Stockwerks Höhe, wie auch an Glanz der Ausstattung. Ringsum war das Schiff mit Sirenen, Na- jaden und Tritonen bemalt; diese Gemälde sowie die in den Kajüten stammten von Joh. Spielberger aus München. Am Vorderteil schwang Neptun, auf einem Delphin thronend, seinen Dreizack; ferner war da der die Himmelskugel tragende Atlas (ein Werk Kaspar AmortS), sowie im Saal eine Statue des Herkules. Ein giebelförmiger Aufbau mit zwei vergoldeten Löwen und einer vergoldeten Laterne krönte die oberste Galerie; eine vergoldete Pallas vom Bucintoro befindet sich noch im Nationalmuseum, wo auch die Abbildung des Schiffes zu sehen ist.
Es hatte zwei Segel, wurde aber durch hundert Ruderer, die in die bayerischen Farben gekleidet waren, hauptsächlich bewegt. Dem prächtigen Anblick, den es mit seiner Bemannung und den glänzenden Fahrgästen sicherlich gewährte, scheint allerdings die Seetüchtigkeit des Fahrzeugs nicht völlig gleichgekommen zu sein. Denn bei den auf dem See sich häufig und jäh erhebenden Winden war es mit seinem Tiefgang von nur drei Fuß ein hilfloser Spielball für Sturm und Wellen. Dieser Fehler in der Bauart kam wahrscheinlich von dem irrigen Glauben an verborgene Felsklippen im See, der schon im 16. Jahrhundert bei den ersten Segelschiffen mit Masten, die für den Würmsee erbaut wurden, sich äußerte. Jedenfalls geriet 1669 der Kurfürst mit seiner Gattin auf dem Staatsschiff bei stürmischem Wetter in augenscheinliche Lebensgefahr. Sie hatten samt ihren Kindern auf dem Wasser, nahe bei Possenhofen, gespeist, als unvermutet der Sturm sich erhob und den Bucintoro, der obendrein sehr breit war und einen Flachboden ohne Kiel hatte, mit größtem Ungestüm hinaus in den hochgehenden See trieb. Zum Glück sah dies vom Gestade der Fischer Georg Schropp, sprang, da das Schiff gegen seine Behausung getrieben wurde, bis an den Hals ins Wasser und half den Gefährdeten glücklich ans Land, wo dann die fürstliche Familie in seinem Fischerhäusl sich trocknete und bis nach Ablauf des „groben Unwetters" verblieb.
Vermutlich hat der wackre Fischer, dem übrigens sogleich eine Gnade versprochen ward — er erhielt dann später den „Steurmaisterdienst" zu Starnberg — im Stillen seine Betrachtungen angestellt über das Befahren oberbayerischer Gebirgsseen mit venetianischen Prunkschiffen, und im letzten Herzensgründe hat er möglicherweise den herrlichen Bu- cintoro für ein „Gelump" erklärt.
Die glänzenden Feste auf dem See nahmen jedoch ihren Fortgang: es gab Konzerte, Feuerwerke, Tanzbelustigung, Spielpartieen, ja sogar Hirschjagden auf dem Waster. Hierzu wurde aus den Wäldern bei Berg der Hirsch aufgescheucht und in den See gesprengt; die Hunde schwammen ihm nach. Der Bucintoro und sein Gefolge kleinerer Schiffe waren in drei Reihen schlachtmäßig aufgestellt; man sah von Bord aus, wie der gehetzte Hirsch ermattete: schließlich wurde der mit dem Tode Ringende durch einen Schuß oder Partisanenftoß zur Strecke gebracht. — Eine solche Jagd fand statt im Jahre 1722, als Max Emanuels ältester Prinz, nachmals Kurfürst Karl Albrecht, sich mit der KaiserS- tochter Marie Amalie vermählte.
Karl Albrecht, gleich seinem Vater ein besonderer Freund des Starnberger Sees, war übrigens der Letzte, der auf dem Bucimoro den Starnberger See befuhr. Mit ihm nahm die Zeit der Glanzfeste auf dem See ihr Ende; 1758 ward das Prunkschiff abgebrochen.
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Außerhalb der Tore
Als der vielgeliebte und vielgeprüfte Kaiser Ludwig schon sechzig Jahre seines Alters zählte, pflegte er noch körperliche Gebresten, die ihn befielen, am liebsten durch Bewegung in frischer Luft zu vertreiben. Am elften Oktober des Jahres 1547 spürte er während der Mittagsmahlzeit Schmerzen im Unterleib; da ließ er fein Roß aufzäumen, bestieg es und ritt auf die Bärenhatz gen Fürstenfeld. Da er hinter dem Dorfe Puch über eine Wiese sprengte, sah sein Gefolge, dem er weit voraus war, ihn plötzlich im Sattel wanken und vom Roste herab zu Boden sinken. Etliche Landleute, die draußen arbeiteten, liefen erschrocken hinzu; in den Armen eines Bauern verschied der Kaiser. Seine letzten Worte waren: „Süße Künigin, unser Frau, bis (sei) bei meiner Scheidung!" Als die Seinen herbeieilten, war er schon tot. Der Anger, da dies geschehen, wird noch heute die Kaiserwiese genannt. An der Stelle, wo der Kaiser starb, wurde ihm zum Gedächtnis eine kleine Kapelle erbaut; nachmals verfiel sie, und heute steht dort ein Gedenkstein in Pyramidenform aus Ettaler Marmor.
„Am andern Tag nach dem Tode des Kaisers" - so meldet die Überlieferung — „ist geschehen in einem Kloster zu Slams — (andere sagen: bei den Patres Franziskanern zu München) — daß ein überaus frommer und andächtiger Pater den Gottesdienst vollbrachte und Meste las. So er nun gekommen war bis auf die heil. Wandlung, schwieg er eine kleine Zeit gar still, darnach sprach er zu deutsch dreimalen: ,O wie weh ist dir, und wird dir doch schier wohl bester!' Nach diesen Worten vollbrachte er sein Amt und wandelte. Auch so er wollte genießen das hochwürdige Sakrament, verzog er abermals eine kleine Zeit und schwieg still. Darnach sprach er, wie vor, in deutsch zu dreimal: ,O wie weh ist dir, und wird dir doch schier wohl bester!' Nach dem genoß er das heil. Sakrament. Das alles vernahm der Altardiener, und so die Meß vollendet war, fragte der Diener gar demütiglich den Priester, was er doch mit den deutschen Worten, die er in dem Amt der Meß also gemeldt, gemeint oder angezeigt hätte. Antwortete ihm der Priester und verkündt ihm, wie Kaiser Ludwig gestorben und ihm in der Meß fürkommen in großer Pein, aber doch daraus erlöst worden sei. Daraus männiglich mag merken, daß er ist in den Gnaden Gottes des Allmächtigen."
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Außerhalb der Tore
Die Jungfrau Edigna war eines mächtigen Königs Tochter aus Frankenreich. Ihr Vater wollte sie einem reichen Fürsten vermählen; sie aber mochte keines Mannes sein, denn sie hatte sich Gott allein gelobt und diente ihm mit Fleiß. Sie hatte einen Hahn, der weckte sie in aller Frühe durch sein Krähen, da stand sie alsbald auf und betete und rief mit einem silbernen Glöcklein auch ihre Gespielinnen zum Gebet. Ihr Sinn aber stand nach der Einsamkeit, und sie sehnte sich weit hinweg vom Prunk des Hofes. Drum lag sie ihrem Vater an mit Bitten, bis daß er sie ziehen ließ. Und zog aus auf einem schlechten Wagen, davor zwei Ochsen gespannt waren, und nahm nichts mit sich als ein härenes Gewand, ihren Hahn und ihr Glöcklein. Sie vertraute aber, daß Gott ihr den Ort anzeigen werde, wo sie fürder bleiben sollte; wenn sie dahin gelangte, sollte ihr Hahn krähen und die Glocke von selbst läuten — dies Zeichen hatte sie von Gott erbeten.
So fuhr sie viele Tage und kam in deutsches Land, dahin, wo die Bojoaren hausten. Durch ein waldiges Tal fuhr sie, darin ein schönes grünes Waster floß, die Amper geheißen. Von dem langen Weg aber ward die Fürstentochter müde und schlief ein. Da war ihr, als hätte der Hahn gekräht und das Glöcklein geläutet; sie wachte auf und fragte ihren Fuhrmann, ob er nicht den Hahn hätte krähen und die Glocke läuten hören? Der Fuhrmann sprach ja und wies ihr die Statt, wo
beides geschehen sei. DaS war an einem Hügel, der heute zum Dorf Puch gehört, und es stand eine hohe dickstämmige Linde darauf. Da hieß Edigna den Fuhrmann umkehren nach der Stelle — denn sie waren schon vorbeigefahren — und stieg ab an dem Hügel und sandte den Wagen hinweg. Wie sie zur Linde schritt, fand sie den einen der zwei Hauptäste hohl; darin machte sie sich ein Bette von MooS und wohnte dort fünfunddreißig Jahre und diente Gott mit Gebet und Bußübungen. Das Volk umher aber hielt sie in hohen Ehren, denn sie tat allen Gutes und spendete Rat und Trost jedem, der zu ihr kam, verkündete oft auch verborgene und zukünftige Dinge. Morgens und abends läutete sie ihr ■ Glöcklein, um die Waldleute zum Gebet zu mahnen. Sie lebte nur von Wurzeln, Kräutern und Milch; die Milch erhielt sie aus einer Schwaige, die unweit des Berges stand, denn das Dorf war noch nicht da.
Einmal kam ihr Vater aus Frankenreich dahergefahren, der hatte Sorge, wie es seinem Kind etwa erginge in der Wildnis und fragte, ob sie nicht wieder heimkehren wollte mit ihm. Aber die heilige Edigna mochte nichts mehr wissen vom Glanz der Krone und bat, daß er sie lassen sollte, wo sie Frieden gefunden. Da gab er sich drein, und sie blieb wohnen in der Linde, bis sie selig verstarb, zu großer Trauer des Landvolks umher, das den heiligen Leichnam an selbiger Stelle bestattete. AuS der Linde floß hernach ein heilsames Ol; aber als geizige Menschen es um Geld verkaufen wollten, vertrocknete es alsbald.
Darnach, da sich immer mehrere dort angesiedelt hatten und ein Kirchlein erstand, wurden die seligen Gebeine erhoben und in das Kirchlein verbracht, wo auch Edignas Glocke lange Zeit gezeigt ward. Zahlreiche Votivbilder, sowie wächserne Abgüsse von Gliedern und Tieren bezeugen das Vertrauen, das die Umwohner in Edignas Fürbitte setzen. Bei Viehseuchen zumal wird sie häufig angerufen. Die Linde ist heutzutage umfriedet, und darin steht eine zierliche Bildfigur der heiligen Edigna. Zwischen den Zweigen sind kleine Engel angebracht, weil in den langen Jahren ihrer Einsamkeit die Heilige von Engeln bewacht und behütet worden.
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Außerhalb der Tore
Es war zur Zeit der letzten Karolinger ein Graf zu Andechs und Dießen mit Namen Rathold; das war ein arger Mann und grausamen Sinnes. Er hatte zur Ehe eine liebholde Frau, Adalona, eine Gräfin von Hohenwart: an der fuhr er so übel, daß sie, so geduldig sie war, es zuletzt nimmer ertrug, zumal da sie noch für ein zweites Leben Sorge zu tragen hatte. Also floh sie mit Angst und Wehklagen von dannen, gedachte Schutz zu suchen bei ihrem Bruder, der nicht gar zu weit entfernt wohnte; denn er war Pfarrherr im Dorf Gerezhausen nahe von Landsberg. Aber weil sie großen Leibes war, kam sie nur mühsam vorwärts; und ehe sie noch Gerezhausen und den dortigen Burgstall erreichte, am Fuße des Burgbergs, wo der Weg von Mühlhausen nach Gerezhausen führt, ward sie von den Wehen überfallen und genas eines Sohnes. Fromme Leute brachten die Mutter und das Neugeborene in das Haus des Pfarrers; da empfing das Kind die heilige Taufe und mit ihr den Namen Rasso.
Der Kleine ward zuerst bei seinem Ohm aufgezogen und zeigte sich gar verständig, auch wuchs er gewaltig an Gliedern und Leibesstärke. Darnach kam er in ritterliche Zucht, und nach der Schwertleite ward er den deutschen Königen Heinrich und Otto ein tapferer Kämpfer gegen die heidnischen Ungarn. Dafür wurde er Gaugraf des Husen- und Ammergaus; auch war seines Vaters Erbe, die Grafschaft Andechs- Dießen, ihm zugefallen. Weil aber fein Sinn noch eifriger nach den himmlischen Dingen stand als nach weltlicher Herrschaft, so trug er große Sehnsucht, die Stätten zu sehen, wo unser Heiland auf Erden gewandelt; darum geleitete er im Jahre 949 seine Base Judith, die Gemahlin des Bayernherzogs Heinrich I., auf ihrer Fahrt nach Rom und Jerusalem. Von da brachte er eine große Menge köstlicher Heil- tümer mit, die zu sammeln der Papst zu Rom ihm huldreich bewilligt hatte.
Als der Graf Rasso wiederkehrte von seiner Pilgerfahrt, da tat er sich der Waffen ab, gedachte nimmer zu Felde zu ziehen, vielmehr still in der Heimat zu bleiben und durch fromme Werke seine Sünden zu sühnen. Er besaß die Altenburg bei Andechs; auch die Sonderburg oder Sünderburg bei Schöngeising, wo vordem die Römer gehaust haben, soll ihm eigen gewesen sein. Am liebsten aber wohnte er auf der Rassenburg beim Dorf Wildenroth, von dem er gesagt haben soll: es liege ähnlich wie Bethlehem. Das Schloß aber ist sehr groß gewesen, und die Vormauern sind bis zu dem Turm gegangen, der heute zur Kirche von Höfen gehört, selbiger Zeit aber ein Wachtturm war. Einmal stand der Graf Rasso auf den Zinnen seines Schlosses und schaute auf die Stelle nieder, wo die Amper eine Insel bildet, die sie mit zwei Wasserarmen umschlingt. Da sprach der fromme Graf: „Dorthin, wo mein Speer fällt, will ich mir ein Klösterlein bauen." Dieweil er so sprach, erhob er gewaltigen Armes seinen Speer — andere sagen: seinen Streithammer — und schleuderte ihn über die Amper hinweg. Der Speer fiel nieder dort, wo heute das Kloster und die Wallfahrtskirche zu Grafrath steht. Alsbald begann Graf Rasso den Bau des Klosters an derselbigen Statt, und da es vollendet stand, übertrug er die Herr» schäft seines Gaus an seinen Sohn Friedrich. Er selbst aber trat als Laienbruder in das Kloster, das er gestiftet und weihte sein Leben fortan dem Dienste Gottes und den Werken der Buße und Mildtätigkeit, bis er Anno 954 im Rufe der Heiligkeit verstarb.
Das Kloster wurde schon im Jahr nach seinem Tode von den Ungarn zerstört. Die Heiligtümer, die er aus Jerusalem und Rom gebracht und dem Kloster vergabt hatte, wurden mit Not noch geflüchtet aus die Burg Andechs. Es heißt, daß die Ungarn auch das Grab des Seligen zerstören wollten, aber daß sie, wie mit Blindheit geschlagen, es nicht fanden. Hernach bauten Raffos Nachkommen eine Kirche über dem Grab und schenkten sie dem Kloster Dieffen; das Kloster Dieffen, auch von den Andechsern gestiftet, baute im 17. Jahrhundert an die Grab- und Wallfahrtskirche ein neues Klösterlein und später die heutige neue Kirche.
Dort in der Kirche zu Grafrath, das nach seinem Namen also benannt ist, steht des seligen Grafen Grabmal mit seinem Steinbild. Auf dem Hochaltar werden seine Gebeine verwahrt, woran zu erkennen, wie stark und mächtig von Gliedern er gewesen ist; um sie zu verehren und seine Fürbitte anzurufen, kommen noch häufig Wallfahrer dorthin. An der Stätte aber, da er im Freien geboren worden, unterm Burgsel bei Gerezhausen, steht eine steinerne Säule, darin eine Tafel, die gleichfalls das Bild des seligen Raffo und daneben das seiner Mutter zeigt. Welche von den Anwohnern des Lechrains nach Grafrath kirchfahrten gegangen sind, die halten, wenn sie vom Grabe Raffos zurückkehren, ihre letzte Rast und ihre letzte Andacht gern bei seiner Geburtsstatt, oder sie machen es umgekehrt.
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Außerhalb der Tore
Über dem Ammersee ragt er auf, umrauscht von allen Quellen deutscher Vergangenheit. Schon zu Karls des Großen Zeit hätte eine Veste auf dem Berg gestanden; die Sage nennt Burg Andechs als die GeburtSftätte Ludwigs des Frommen. In ungewiffem Dämmer der Vorzeit verliert sich das Edelgeschlecht, das zuerst hier oben hauste; einer Überlieferung nach sollen es die tirolischen Grafen von Taur, deren Hauptsitz zwischen Hall und Innsbruck lag, aus deren Stamm der heilige Romedius (im vierten Jahrhundert) entsproffen war, gewesen sein. Beurkundete Besitzer von Andechs sind seit Ausgang des zehnten, Beginn des elften Jahrhunderts nach Christus die Grafen von Dieffen-AndechS.
Die Geschichte dieses Hauses böte Stoff für einen historischen Roman, sowohl was die bewegten äußeren Schicksale, als die seelischen Besonderheiten der Andechser betrifft. Zu höchsten geistlichen und weltlichen Ehren sind die einen gelangt; blutig und gewaltsam haben andere geendet. Von dem so mächtigen als frommen Grafen Raffo, dem Sohne Ratolds und AdalonaS, ist schon erzählt worden. Die Heiligtümer, die er mit päpstlicher Genehmigung nach Bayern brachte, wurden nach seinem Tode bei der Zerstörung des von ihm gegründeten Klosters nach Andechs gerettet; die mitgeflüchteten Mönche von Wörth bewachten sie, bis später die Mönche von Seeon (auch Kloster Seeon hatten im 10. Jahrhundert die Ahnen der Andechser gestiftet) dies Amt über- nahmen. Graf Berthold II., der Begründer des Klosters Dieffen, wird als erster Stifter eines Klosters auch auf Andechs bezeichnet. Ein vorheriger Versuch Bertholds, die Reliquien nach Seeon zu übertragen, soll daran gescheitert sein, daß die Pferde plötzlich erlahmten. Graf Berthold ist der Vater der seligen Mechtildis, deren goldene Haarlocke in die Wetterglocke des Klosters Dieffen mit hineingegoffen worden wäre und ihr segnende Kraft verliehen hätte. Als nach der Säkularisation das wilde Feuer in die Kirche schlug, der Turm abbrannte und die Glockenmaffe glühend herunterrann, sei die Haarlocke der Seligen unversehrt zum Vorschein gekommen.
Inzwischen stieg die Machtfülle der Grafen von Andechs so, daß sie beinahe der der bayerischen Herzoge gleichkam. Nicht nur zwischen Lech und Isar, auch am Inn, an der Donau, und in Franken, wo die Plaffenburg ihnen gehörte, waren sie begütert, ferner in Burgund, Italien, Kärnten und Steiermark, Dalmatien und Kroatien. Die letzteren Besitzungen wurden als „Herzogtum Meranien" zusammengefaßt. Herzog von Meranien und Markgraf zu Istrien nannte sich schon Berthold IV., der 1188 starb und dem ein so bedeutsames Geschlecht entsproß. Die älteste Tochter war die hl. Hedwig, Herzogin von Schlesien und Polen; die andere, Gertrud, ward Königin von Ungarn und Mutter der hl. Elisabeth; sie starb ermordet. Königin Gertruds Schicksal ist poetisch behandelt in Grillparzers Drama „Ein treuer Diener seines Herrn". Tragisch fiel auch das Los der schönen und fühlsamen Agnes, die von König Philipp II. Augustus von Frankreich geliebt und zur Ehe begehrt wurde. Als sie einst — so erzählt die Legende — in der Burgkapelle vor dem den Hochaltar schmückenden Kruzifixus um die Erfüllung ihres Herzens- Wunsches gebetet hatte und darüber in Schlummer sank, wäre ihr im Traum der Gekreuzigte erschienen und hätte gesprochen: „Kröne mich mit der Dornenkrone". Bald hernach ward die Vermählung vollzogen, und Agnes kam nach Frankreich. In Paris aber ward ein großer Teil von der Dornenkrone des Erlösers aufbewahrt; die hätte der hl. Germanus im sechsten Jahrhundert dorthin gebracht. Da Agnes das Heiligtum sah, gedachte sie an ihren Traum und auch daran, daß schon Ludwig der Fromme ihrem Ahnherrn ein paar Zweiglein davon geschenkt hätte. Mit Erlaubnis des Königs, den sie darum bat, ließ sie durch einen Benediktinermönch, Isaak aus Seeon, der ihr Begleiter gewesen, sieben Zweige der hl. Dornenkrone nach Andechs bringen. Damit widerfuhr der Burg und Kapelle großes Heil, aber der Königin Agnes war in Frankreich kein Glück beschieden. Vielmehr ward ihr die Krone gleichfalls zu einer Dornenkrone; denn ihr Gemahl, vom Papste gebannt, mußte sich von ihr trennen und feine widerrechtlich verstoßene Gattin Ingelberga zurücknehmen. Agnes, die — wie es heißt — in gutem Glauben gewesen, als sie den König ehelichte, starb ein Jahr nach der Trennung an gebrochenem Herzen.
Wiederholt hatten die deutschen Kaiser auf der Burg Andechs geweilt, Heinrich II., der Heilige, und Heinrich HI- während der Zeit seiner Minderjährigkeit. Die Gnade der Kaiser vermehrte den Heilig- tümerschah der Burg durch die drei wunderbaren heiligen Hostien, die als päpstliches Geschenk sich zu Bamberg befanden. Da Berthold des Vierten Bruder, Otto, Bischof von Bamberg war — wie nachmals Bertholds Sohn, Eckbert — so geht die kostbare Stiftung offenbar auf bischöfliche Fürbitte zurück.
Inmitten allen Glanzes brach Verderben über Andechs herein. Heinrich, der Sohn Bertholds IV., ward der Mitschuld geziehen an der Ermordung Kaiser Philipps (1208) durch Otto von Wittelsbach. Graf Heinrich, vor dem Kruzifixus in der Schloßkapelle betend, gleich seiner unglücklichen Schwester Agnes, sah acht Tage lang das Kreuzbild Blut schwitzen. Wenige Wochen später irrte er geächtet umher; sein Gebiet aber ward von den Kriegern Herzog Ludwigs I., des Kehlheimerö, verwüstet. Die Mönche auf Andechs vergruben, ehe sie flüchteten, den Reliquienschatz; nur jenes Kruzifir nahmen sie mit sich, um es nach Seeon zu bringen. Unterwegs, bei Forstenried, ward das Kreuz so schwer, daß sechs Pferde es nicht von der Stelle bewegen konnten. Daraus ward erkannt, daß hier die Stätte seiner künftigen Verehrung sei. Zwei Mönche, Isaak und Berthold, blieben bei ihm zurück; bald erhob sich über dem wundertätigen Kreuzbild von Forstenried ein Kirchlein und wurde daraus ein berühmter Wallfahrtsort.
Graf Heinrich, der wie sein Ahn Rasso ins heilige Land gepilgert war, kehrte heim, als seine Unschuld sich erwiesen hatte; doch starb er bald darauf. Vor seinem Tode noch empfing er den Besuch seiner Nichte, der heiligen Elisabeth, von der auch das Brustkreuz und ein Teil ihres Brautkleides, sowie andere Reliquien unter den Kleinodien des Kirchenschatzes bewahrt werden. Auf der halben Höhe des Berges Andechs fließt das St. Elisabethenbrünnchen, das durch ihr Gebet entweder erweckt oder so gesegnet worden sei, daß ihm vielfache Heilkraft zugeschrieben wird.
Bald nach Heinrichs Hinscheiden wurde die Burg angeblich völlig zerstört. Das Geschlecht der Andechser jedoch stand in hohen Ehren noch unter Otto VII., Heinrichs Bruder, der wie der gleichnamige deutsche Kaiser den Beinamen der Große erhielt, und Otto VIII., beide Herzöge von Meranien und Pfalzgrafen von Burgund. Mit Otto VIII. starben die Andechser aus (1248).
Auch die Wallfahrt zu den Heiligtümern auf Andechs schien auö- gestorben, bis eine blinde Frau von Widdersberg, durch ein Traumgesicht ermahnt, hinaufpilgerte, ihre Augen mit der Wurzel eines, aus den Trümmern des Kirchleins aufsproffenden Wachholderstrauches gerieben und alsbald das Augenlicht wieder erlangt hätte. Der wundersamen Erzählung, wie die Reliquien wieder aufgefunden wurden, ist schon im Zusammenhang mit dem „Münchner Gnadenjahr" Erwähnung geschehen. Fast vierzig Jahre sind die Reliquien in München verblieben, und eS heißt: die Münchner hätten sie gerne behalten, wenn nicht Wunderzeichen sie davor gewarnt hätten, — wie derln jede teilweise oder ganze Verpflanzung der Heiligtümer auf übernatürliche Art vereitelt worden wäre. Also kehrte 1428 der Schatz nach Andechs zurück, wo inzwischen die neue Kirche erbaut worden. Herzog Ernst errichtete bald darnach ein Benediktinerkollegiatstift auf dem „heiligen Berg", wie er von da an hieß. Albrecht III. machte aus dem Stift ein wirkliches Bcnediktinerkloster, und 1455 zogen, am Georgitag, die ersten Mönche aus Tegernsee droben ein. Der „heilige Berg", den Legende und Geschichte so mit unverwelklichery Grün umranken, erlangte und bewahrte einen hohen Ruf als der berühmteste bayerische Wallfahrtsort nächst Altötting. Allein im Pestjahr 1465 sind fünftausend Menschen hinaufgepilgert. Andechs überstand die Stürme des dreißigjährigen Krieges, wie es die des spanischen und österreichischen Erbfolgekrieges und auch die Säkularisation schließlich überwunden hat. Denn nachdem das Kloster 1805 aufgehoben worden, hat Ludwig I. es neu gestiftet und seiner Lieblingsschöpfung, der neugegründeten Benediktinerabtei St. Bonifaz in München, als Priorat einverleibt. Der Ruhm der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, der die alten Klöster des Ordens stets schmückte, ziert in hohem Maße auch das neuzeitliche zu München und seine Tochteranstalt auf dem heiligen Berge. —
Es weilt sich schön droben, als wandernder freundlich aufgenommener Gast. Bei einem kühlen Trunk aus der Klofterbrauerei rastet der Fremdling von den Eindrücken der Kirche mit ihren Wunderschätzen und der Erziehungsanstalt - denn ein Heim für verwahrloste Knaben ist mit dem Kloster verbunden. Weit schweift der Blick umher, zu den leuchtenden Gipfeln der Gebirgskette, auf die Seen und die Dörfer drunten, über die Ebene, in der München liegt. —
Auf dem Boden der Benediktiner, der frühesten Glaubensboten, ist „Munichen" erwachsen. Von benediktinischem Boden aus, hoch über der Welt, grüßen wir am Ende unseres Rundganges die traute Stadt.
Raff - So lang der alte Peter...
Brauchtum
Das Bezeichnende ist für München, daß es die Hauptstadt eines Volkes von Bauern und Hirten, Jägern und Fischern war, aus dem umgebenden agrarischen Hinterland nicht nur mit leiblicher Nahrung, sondern auch mit alter Überlieferung und bodenständigen Anschauungen gespeist. Der Name „Kulturdorf", den München gelegentlich empfing, hebt das Schollenhafte, Wurzelechte hervor, wodurch die Kultur Münchens sich von der anderer Großstädte von jeher unterschied. Was an alten Sitten heute noch in München lebt, ist ländlichem Volkstum entsprossen; was in der Stadt längst nicht mehr gilt, ist auf dem Lande, in den Bergen teilweise noch lebendig.
Auch das Münchner Straßenbild erhält ein besonderes Gepräge durch die verhältnismäßige Häufigkeit volkstümlicher Typen, die namentlich an Festtagen zwischen der modisch langweiligen Allerweltstracht einherwandeln. Ehemals freilich bot auch die Kleidung der Städter einen abwechslungsreichen Anblick, zumal die Freude am Farbigen und Prächtigen in München trotz sonstiger Einfachheit stets hervortrat. Seit dem 13. Jahrhundert schon machten Luxusgesetze sich notwendig. Zu Beginn des l 5. Jahrhunderts war der Aufwand, der in der guten Stadt München mit Kleidern getrieben ward, so groß, daß er einem hohen Rate bedenklich erschien. Die Münchner Bürger verschmähten es, sich, ihre Frauen und Töchter in schlichte Stoffe zu kleiden, sie trugen feine flandrische Tücher, davon die Elle 50 Pfennige kostete, auch Mäntel und Wämser von Seide, wohl gar mit kostbaren Pelzen verbrämt und mit Gold, Perlen und Edelsteinen geziert, bald mit
offenen (sogenannten „zerhauenen") oder mit einfachen langen Ärmeln. Die Frauen trugen lange Schleppgewänder, dazu Silberketten und Goldgeschmeide, kostbare Gürtel, das Haar mit Bändern und Perlenkränzen — Schapeln oder Gebende genannt — durchflochten. Im Jahre 1405 sah der Stadtrat von München sich genötigt, eine strenge Kleiderordnung zu erlassen, darin er den Frauen und Jungfrauen alle Perlenkränze, auch Haarbänder von Gold und Perlen verbietet und ihnen nur Haarbänder von Seide oder von zwei Lot Perlen erlaubt. Keine soll mehr als anderthalb Mark Silber auf ihrem Leib tragen, es soll fürder keine Frau noch Jungfrau einen Rock tragen mit Vehen (ausländischem Pelzwerk) gefüttert und verbrämt. Auch die Sitte der offenen Ärmel wird untersagt, sowie das Tragen eines Mantels oder Rockes, der länger als zwei Finger auf der Erde nachschleift. Die Verletzung dieser Gebote wurde nicht an den schönen Übertreterinnen, sondern an deren Mann oder Vater mit einer Geldstrafe gebüßt.
Solche Verordnungen halfen jedoch immer nur für gewisse Zeit; bald war die alte Üppigkeit wieder eingerissen und eine abermalige strenge Mahnung notwendig. Die letzte derartige Kleiderordnung datiert von: Jahre 1749, also aus der Regierung Kurfürst Max III. Joseph. Die komischen Folgen derselben schildert eine „Relation" vom Beginn des Jahres 1750: „Am heiligen Neujahrstag", — heißt es da — „sind verschiedenen Weibsbildern, und wie man sagt bey 60 Personen ihre schönen bordierten Hauben von den Stadtamtleuten vom Kopfe weggerissen und abgenommen worden. Sodann bis 12 Uhr haben.. meistens vor den Gotteshäusern sehr viele Hauben von den Weibsköpfen springen müssen. Einige Weibsbilder haben auf der Gaffen gleich anderen schwarze Hauben bis zum Eingang der Kirche getragen, unterm Portal aber solche abgetan und verborgene bei ihnen getragene reiche Hauben aufgesetzt, beim Ausgang aus der Kirche abgetan und versteckt; eS sind aber dergleichen Vortel den Amtleuten sogleich bekannt und folglich die Weibsbilder endlich gar ausgesucht worden".
Solche, die Ratsfrauen waren, wurden nicht angegriffen, sondern notiert. Diesen wurde dann solange, bis sie zu gesetzlicher Strafe gezogen waren, zur Nachtzeit militärische Exekution in die Häuser gelegt. „Einem Bräuknecht sind die seidenen Strümpfe von den Füßen abgezogen, dann mehr anderen Bräu- und Metzgerknechten ihre auf dem Hut gehabten Borden, weiters einigen Bürgers- auch Bauernmenschern die Brustflecke herausgerissen und die darangewesten Borden abgetrennt worden."...
Daß diese übermäßige Strenge nicht lange vorhielt, beweist die übliche Münchner Kleidung im 18. Jahrhundert bis zu Anfang des 19., wie sie vornehmlich Westenrieder beschreibt. Darnach trug der
Münchner Bürger an Werktagen Rock und Weste von Landtuch, letztere auch von Leinwand, eine Halsbinde von Flor oder weißer sehr feiner Leinwand und einen großen runden, mit Schnüren zu drei Flügeln aufgeschlagenen Hut, ferner lederne Beinkleider nebst grauen, blauen oder weißen baumwollenen Strümpfen. An Feiertagen trug er Rock und Weste von feinem ausländischen Tuch und einen ebensolchen sehr weiten Mantel, der ihm in vielen Falten von den Schultern bis zu den Schuhen hinabging. Der Kragen des Mantels war nicht selten mit silbernen oder goldenen Borten verbrämt; von geschlagenem Silber waren auch die Schnallen am Hute und an den Schuhen, sowie die Knöpfe an Rock und Weste. Dazu kam noch ein silberner oder goldener Ehering und eine Sackuhr.
Außerdem gehörte zur Feiertagskleidung ein spanisches Rohr mit silbernem Knopfe. „Auch ein Degen, aber niemals beides zugleich". (Nach der vorerwähnten Kleiderordnung vom Jahre 1749 war den Lakaien oder Handwerksburschen das Tragen eines Degens untersagt.) Der Bürger trug abgeschnittenes Haar, zuweilen auch die Perücke. Das Gesicht war glatt rasiert. Die meisten Zünfte hatten an feierlichen Tagen ihre besondere Tracht, z. B. die Müller hellblaue Röcke, die Schmiede und Schlaffer braune, die Metzger hochrote Westen usw. Ratsherren und Doktoren trugen sich meist dunkel und bedienten sich der Perücke. Merkwürdigerweise ward den Weltpriestern noch 1789 vom bischöflichen Ordinariat Freising eingeschärft, schwarze Kleidung mit einem Kollar oder, da dies sehr teuer kam, doch dunkle Farben zu tragen. Die Tracht der geistlichen Orden blieb sich natürlich gleich. Eigentümlich will uns Heutigen der Brauch erscheinen, die Kinder in OrdenShabite zu kleiden, wozu sie noch „Gehänge" trugen, nämlich ein Amulett, das an einem schönen Bande von der rechten Schulter herabhing, an dessen Seiten aber Denkmünzen mit Öhrlein oder andere Raritäten festgemacht wurden. So ward Kurfürst Karl Theodor durch seine fromme Mutter Maria Anna, in Folge eines Gelübdes, schon als zartes Kind in das Ordensgewand der Paulaner gekleidet.
Die Bürgersfrauen trugen gewöhnlich einige Unterröcke; der Oberrock war von Leinenzeug, ost auch von Seide oder feinstem Tuch, unten mit einem Silber- oder Goldspitz verbrämt. Dazu kam ein Fürtuch (Schürze), dann ein Oberleib oder Mieder mit Fischbein auögespannl und überaus steif. Dies Mieder aus Brokat oder Seide mit einem dazu passenden Bruftfleck wurde geschlossen durch ein Geschnür aus silbernen Ketten, woran etliche Schaumünzen, Kreuzchen und dergleichen „angeöhrlt" waren. Darüber eine kurze Weste, Wams genannt, von Tuch oder Zeug und ein Brusttuch aus Seide oder feinem Linnen. Den Hals schmückte eine silberne oder gar goldene Kette von 10—18 „Gängen" (Reihen) mit reicher Schließe; auch waren die Finger mit Ringen und die Schuhe mit silbernen Schnallen geziert. Zur völligen Tracht der Bürgersfrauen und Bürgerstöchter an Sonntagen gehörte ein mit Silber beschlagenes Gebetbuch und ein Rosenkranz von kostbaren Korallen oder Steinen. An feierlichen Tagen war die Kleidung gewöhnlich schwarz oder braun; statt der Westen wurden die sogenannten „Schal- keln" getragen und mit silbernen Ketten zugeschnürt. Das Haar ward nicht gepudert; die Frauen trugen es geflochten und in Knoten um den Kopf gebunden. Im Winter setzten sie darauf große Hauben, deren äußerer Boden von Seiden oder Samt, die Verbrämung aber von Pelz war. Auch die Jungfrauen trugen im Winter Hauben, welche den ganzen Kopf bedeckten. (Späterhin, als der Dreispitz auf den Männerköpfen dem hohen zylinderförmigen Hut gewichen war, diente zur allgemeinen Zier der Bürgerstöchter die den Vorderscheitel freilassende Riegelhaube aus Silber- oder Goldstoff.) Im Sommer ward um das Haar eine Krone geflochten, „welche von schwarzen Bändern oder gemeinen Perlen, oft aber mit kostbaren Steinen besetzt ist und diese machen sie mit einer silbernen oder goldenen Nadel, welche sie durch die Krone und die Haare stechen, fest." So trug sich namentlich die ehrsame Jungfrau als Antlaßjungfer bei kirchlichen Umgängen, oder als Kranzljungfer bei Hochzeiten, nachdem der Kranz, resp. die Krone das Zeichen der Jungfräulichkeit — anstatt des vormals frei herabwallenden Haares — geworden war.
Diese Trachten beschränkten sich auf die eigentlich bürgerlichen Kreise. Der Hof und die adelige Gesellschaft, denen die reichsten und angesehensten Bürger gern nacheiferten, kleideten sich im 17. Jahrhundert auf spanische, im 18. auf französische Art, machten alle „Faxens" der Zopf- und Empirezeit mit, parlierten und gebarten „ä la mode“. Der Bürger- und Handwerkerstand jedoch behielt auch in Sitte und häuslichem Leben die schlichten altväterischen Daseinsformen bei. Die Eh- halten (das Gesinde) aßen am Tische der Dienstgeber, desgleichen am Tische des Handwerksmeisters dessen Lehrlinge und Gesellen. Früh ward aufgestanden, wenn irgend möglich der Frühmesse beigewohnt; gefrühstückt wurde eine einfache Morgensuppe, wenn das Frühstück nicht ganz ausfiel. Der Kaffee, dessen erstes Auftreten zur Zeit und an dem Hofe Karl Albrechts stattfand, hat sehr langsam sich in der eigentlichen Münchner Bevölkerung eingebürgert. Um 11 Uhr ward zu Mittag gegessen — noch jetzt ist die durchschnittliche Essenszeit um 12 Uhr — die Zeit des Abendessens war um 6 Uhr. Die häufigsten Gerichte waren: Suppe, Voressen (Lungenragout), gesottenes und geselchtes Fleisch, Gemüse und Salat, auch Knödel verschiedener Art. Braten gab es nur an Sonn- und Feiertagen und dann vornehmlich Kalbs- oder Gansbraten. Im Backen und Bereiten von Mehlspeisen hat die Münchner Hausfrau stets eines guten Rufes-genoffen. Bestimmte Gewerbe halten herkömmliche Vorzugsspeisen: so mußte bei den Schustern des Abends stets Kopfsalat aufgesetzt werden. Das gemeinsame Tischgebet, das der jüngste Tischgenoffe vorzubeten pflegte, sowie der abendliche Rosenkranz waren allerwärtS. üblich.
Nach dem Abendessen ging der Hausherr, auch etwa der erwachsene Sohn gern noch zu einem guten Abendtrunk in irgend eine Wirtschaft oder späterhin auf einen Keller; wohlgemerkt durfte er nur so lange beim Trünke sitzen, bis die Bierglocke läutete und ihn mahnte, daß es für ehrbare Leute Zeit zum Heimgehen sei. Hatte er außerhalb der Tore gezecht, so mußte er auch der Torsperre gedenken, die das Vergnügen etwas verteuerte. Die kleine Torsperre trat sogleich nach dem Gebetläuten ein, also an kurzen Wintertagen schon um halb fünf Uhr, im Hochsommer dagegen um halb neun Uhr. Die Stadttore blieben dann zwar geöffnet, aber jede eintretende Person bezahlte einen Kreuzer und für ein Pferd zwei Kreuzer. DaS Zeichen zur großen Torsperre gab eine Glocke vom Frauenturm und zwar im Winter um neun, im Sommer um zehn Uhr. Darnach wurden die Tore geschloffen, und nur bei dem sogenannten Einlaßtor, das davon seinen Namen hatte, war der Eintritt für jeden Menschen und für jedes Tier, gleichviel ob Pferd oder Hund, zu 6 Kreuzer. Natürlich kam es vor, daß besondere Güte des BiereS oder Weines einen Trinkluftigen Maß und Stunde überschreiten ließ. Herzog Wilhelm IIL legte 1410 während seines Tiroler Feldzugs beim Magistrat München briefliche Fürbitte ein für seinen Werkmann (Hofmaurermeifter), den Pogl Mauerer, der sich „von Weins wegen vergeffen und etwas töricht .... gehandelt habe". Der Herzog gibt hinsichtlich desselben zu: „wenn er sich überweint, daß dann Niemand übler Behandlung vor ihm sicher ist"; weil er aber sonst ein guter und bescheidener Werkmann ist, bittet der Herzog, ihm die Geldstrafe, die er verwirkt hat, zu erlaßen. Im Mittelalter wurde in Bayern selbst der Weinbau emsig getrieben, am linken Donauufer zumal, von Kelheim bis nach Donaustauf, aber auch an der Altmühl, an der Isar, am Inn und am Lech. Der eigentliche „Baiernwein", eben aus jener Donaugegend, soll in heißen Jahren wirklich gut geraten sein, während der bei Landshut oder bei der Herzog Maxburg in München selbst gewachsene Tropfen eS über den Rachenputzer nicht viel hinausbrachte. Die Herbigkeit solchen einheimischen Rebensaftes ward durch Zusatz von Honig gemildert. Auf die Einfuhr fremder Weine war ein „Ungeld" (Steuer) gesetzt; eingeführt wurden Weine aus Franken, aus Österreich und Tirol, ferner Neckarwein, Romanier, Wälschwein (aus Südtirol), Malvasier, Rainval (aus Rivoglio inIstrien). Zur Niederlage und zum Faßverkauf der fremden Weine diente der „Weinstadel" in der Dienersgaffe. Der Weinmarkt aber wurde in der Weinstraße gehalten, woran der Name der Straße noch gemahnt. Bezüglich des Weinausschankes und des etwaigen Wein- pantfchens bestanden ebenso ausführliche und strenge Gesetze, wie hinsichtlich des Bierausschankes. Es war verboten, Branntwein oder Weidenasche oder anderes „Gemächt" in den Wein zu tun, aus zweierlei Zapfen zu schenken und den guten Wein mit geringerem zu mischen. Wenn bei der magiftratlichen Weinbeschau gefälschter Wein sich vorfand, so wurde der Weinschenk mit strenger Strafe belegt. Seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hat das Bier den Wein aus der Volksgunft verdrängt.
Bei dem Beleuchtungszustand der Straßen verstand es sich von selbst, daß der Biedermann, der sich zu später Stunde heimbegab, eine Laterne mit sich führte, denn wer ohne Licht in den Straßen betroffen ward, den hielten die Sicherheitswächter an, abgesehen von allem Unlieben, was ihm sonst zuftoßen konnte. Oft ließ der Hausvater sich von seinem Knecht oder Lehrling, die Frau von ihrer Magd vorleuchten. Übrigens waren im Jahre 1782 die Straßen Münchens bereits durch mehr als 600 Laternen erhellt; auch gab es damals bei weiteren Wegen oder schlechtem Wetter schon die Kutsche und daneben den Tragseffel (portechaise), dessen vornehme Damen sich gern bedienten.
Als ausgesprochener Freiluftmensch verlegte der Münchner von jeher seine liebste Erholung hinaus in Gottes Natur. Die Fahrten nach einem der Belustigungsorte, die uns heute ganz nah dünken, Schleißheim, Nymphenburg, Starnberg, Großheffelohe, galten damals freilich als weite Ausflüge, die mindestens einen ganzen Tag erforderten und mit der Kutsche unternommen wurden. Aber die allernächste Umgebung bot genügende Wanderziele: die Jsarauen, das Jsarbergl, den englischen Garten, die zahlreichen Biergärten, in denen es sich so gemütlich saß. Wohlgemerkt durften nur in den vier Sommermonaten die Brauer auf ihren Kellern vor der Stadt „Gäste setzen und Bier in ininutc, verschleißen." Nichts anderes als Bier durfte gereicht werden, weshalb sich bis in neueste Zeit die Münchner ihr Effen auf den Keller mitbrachten.
Im Frühjahr, wo nach allgemeiner Ansicht etwas zur Erneuerung des Geblütes geschehen mußte, war es Sitte, entweder zum Maibock oder zum „Schön- und Stärketrunk", nämlich zum Met, zu gehen. Dies geschah vorzugsweise am ersten Sonntag nach Ostern. Die beliebteste Metschenke war in der Neuhausergaffe beim Lebzelter Thumberger. Ein besonderer Brauch war, daß die Dienstmädchen am Tage des Dienstwechsels, dem sogenannten „Schlenkltag", im Sonntagsstaat von ihren Liebhabern zum Thumberger geführt wurden. Die gebräuchlichen Ziele zum schlenkeln waren: Lichtmeß (2. Februar), Georgi (23. April), Jakobi (25. Juli) und Michaeli (2.9. September). Die paar Tage, die sich der Dienstbote zwischen dem Verlasien des alten und dem Antritt des neuen Dienstes gerne gönnte, hießen die „Schlenklweil". Vorzugsweise an Georgi gingen die Pärchen zum Metschenken, saßen dort in den Gartenlauben, „Beichtstühle" genannt, und verzehrten zum süßen Würztrunk die Lebkuchen, die „Schiffer!" hießen.*)
Als Frühlingskur wurde ferner nach altem Brauch die Ader geschlagen, und die Wundärzte hatten genug zu tun. Mit fortschreitender Jahreszeit dachten die Begüterten auch daran, eine Landfrische, ein „Badl" aufzusuchen. Das Volk im allgemeinen hielt sich an die herkömmlichen Ausgänge, die meist ein kirchliches Ziel hatten. Am Ostermontag, wo es Brauch war „nach Emmaus zu gehen", wurde, wie schon erwähnt, das Gasteigbergl erklommen und dort im Nikolauökirchl eine Andacht gehalten. Ein Gleiches geschah an Pfingsten in der St. Nikolauskapelle zu Schwabing, neben der sich wie am Gasteig ein Siechen- oder Leprosenhaus befand. Bei dem Pfleger desselben „war gutes, weißes Bier zu trinken". Von der allgemeinen Wanderung der Münchner in die Au zum Kloster der Paulaner am Feste des heiligen Ordensvaters, wo es die geweihten St. Vaterkerzen und das süße starke Salvatorbier gab, ist auch schon gesprochen worden, ebenso vom großen vielbesuchten Ablaßfest in Harlaching, dem das zu Ramersdorf gleichkam.
Außer diesen freundlichen Unterbrechungen des täglichen Lebens wurden besonders in Ehren gehalten und ausgiebig gefeiert sowohl die Feste des Familienlebens, wie die hohen Kirchenfeste. Von den ersteren möge zunächst die Rede fein.
*) In den 80er Jahren vorkgen Jahrhunderts sah dke Schrelberkn dleser Blätter in einer damals kn der Auguskenstraße befindlichen Filiale der Seidl- Bäckerei noch ein altes Gemälde, das eine männliche und weibliche Figur kn Altmünchner Tracht, umgeben von obigen Leckereien, zeigte mit der Unterschrift:
„Komm her meine liebe Gret,
Hier gibt es guten Meth.
Willst du auch was guats dazua
Das kannst du haben alles gnua."
Raff - So lang der alte Peter...
Brauchtum
Die alte Sehnsucht, die beide Geschlechter zu einander zieht, war in Altmünchen so mächtig, wie allerwärtö. Manches Mädchen, wenn es am Lenztage ins Freie kam, fragte heimlich den Kuckuck, wie viel Jahre noch bis zur Hochzeit? und zählte dann, wie oft er seinen Ruf erschallen ließ. Die Begegnung eines Schimmels galt als glückbringend, weil der Hochzeitswagen gewöhnlich von Schimmeln gezogen ward. Zu den Ehepatronen, der hl. Katharina, dem hl. Nikolaus, vor allem dem hl. Antonius betete das Mädchen fleißig, tat ihnen Gelübde für Erfüllung des heißesten Herzenswunsches. In bestimmten „Losnächten", so in der Andreasnacht (3O. November) und der ThomaSnacht (21. Dezember), versuchte die Heiratslustige zu erforschen, welcher Hochzeiter ihr etwa beschieden sei. Völlig entkleidet stieg sie von rückwärts in ihr Bett oder trat es mit der großen Zehe und sprach dazu: „Bettstatt ich tritt dich 1 heiliger Andreas (hl. Thomas) ich bitt dich, 1 laß mir erscheinen 1 den Herzliebsten meinen," worauf ihr im Traum der Zukünftige erscheinen sollte, zumal wenn sie neben dem Bette zwei geweihte Kerzen brennen hatte, um von keinem Teufelsspuk geäfft zu werden. Das gleiche geschah in der Christ- und Silvesternacht, wie auch in beiden Nächten jetzt noch Blei gegoßen wird, um aus der Gestalt der Bleistückchen die Zukunft zu erforschen. Oft werfen die Mädchen in der Thomasnacht, entkleidet am Boden hockend und der Türe den Rücken wendend, ihren linken Schuh über den Kopf. Fällt er so, daß die Schuhspitze gegen die Türe weist, so bedeutet es, daß sie im Laufe des Jahres das Haus verlaßen wird. Auch schaut die Liebende gerne in den Brunnen oder durch ein Stück Kirchenfensterglas, um die Gestalt des Ersehnten zu erblicken; in den Spiegel zu schauen, soll den gleichen Erfolg haben. Doch soll es auch schon geschehen sein, daß die Neugierige anstatt eines schmucken Bräutigams den beinernen Tod sah und von ihm auch richtig im nächsten Jahre heimgeholt ward. Trotz der .Frömmigkeit der Münchnerinnen kam es bisweilen vor, daß eine unglücklich Liebende magische Mittel zur Erreichung ihres Zieles anwandte. So trachtete sie z. B. ein Läppchen, worauf Tropfen ihres Blutes gefallen, mit einem anderen, das ein Tropfen vom Blute des Geliebten genetzt hatte, unter das Altarluch zu verbergen, so daß eine hl. Meße darüber gelesen ward; oder sie versuchte einen Tropfen ihres Blutes dem Manne in Bier oder Wein zu trinken zu geben. Der schaurige Aberglaube des „Totbetens" (durch Rückwärts- Beten des Vaterunsers) ward geübt, wenn ein Mädchen sich an einem Ungetreuen rächen wollte. Eine Andere erzählte in der Mitte der 8Oer Jahre des vorigen Jahrhunderts: „Jetzt bet ich alle Abend ein Vaterunser für die allerärmste Seele, für die sonst kcinS mehr bittet, die laßt ihm nachher keine Ruh', bis er wieder zu mir kimmt."
Wie streng in früherer Zeit die Gefallene gerichtet wurde, ist bekannt.
Eine Alt-Münchner Redensart lautet: „die darf am Antlaß (am Prozesstonstage) auch schon in die Frühmeß' gehen", d. h. sie darf nicht dem Hochamte beiwohnen, von dem die unbescholtenen, kranztragenden Jung
fronen ausgehen. Heutzutage sind die Anschauungen beträchtlich gelockert, und über ein lediges Kind, das auf dem Lande ohnehin keine zu schlechte Stellung hat, regt sich das Volk auch in der Stadt nicht mehr besonders auf. „Wenn er (der Verführer) Mann ist, wenn er an Charakter hat, wird er sie wohl heiraten," hört man höchstens sagen.
Wurde aber von Anfang an der rechtmäßige Weg betreten, so tat in Altmünchen nicht der Freier selbst — auch wenn Beide sich schon einig waren — sondern ein älterer, ehrsamer Mann, meist ein naher Verwandter, die Anfrage, ob die Sippschaft des Mädchens und dieses selbst der Vermählung geneigt sei. War zwischen den Familien alles abgeredet, so erfolgte der feierliche Verspruch, jedoch nur im engsten Familienkreise. Mit um so größerem Prunk wurde dagegen die Hochzeit gefeiert; jeder, der irgend zur Freundschaft (Verwandtschaft) gehörte, mußte dazu geladen werden. „Ich gehe dir auf die Hochzeit" war ein Versprechen, das freundliche ehrende Gesinnung ausdrückte. Es galt und gilt als schwere Kränkung, Jemand hierbei zu übergehen. In alter Zeit fanden die Hochzeiten stets im Elternhause des Bräutigams, erst später in dem der Braut statt. Die Feste und Gastlichkeiten dauerten oft mehrere Tage, so daß der Rat von München zu Beginn des 15. Jahrhunderts den übermäßigen Aufwand bei derartigen Festen rügen mußte. Es wurde damals verordnet, daß zu einer Hochzeit höchstens 24 Frauen und Jungfrauen aus der Verwandtschaft geladen werden dürften, außer es seien Fremde da. Kinder unter 10 Jahren sollte man gar nicht zur Hochzeit gehen lassen. Die Hausfrau setzte besonderen Stolz darein, bei solchen Anlässen vor den Gästen mit ihrem schönsten Geschirr zu prunken; in wohlhabenden Bürgerhäusern war damals an glänzendem Zinn und Kupfer, sogar an getriebenem Silber kein Mangel. Vom Umfange hochzeitlicher Gastmähler berichten einzelne noch erhaltene Speisezettel, die uns Heutige mit fassungslosem Staunen über solche Leistungsfähigkeit erfüllen. Außerdem erhielten die Gäste am Schlüsse eine zierlich in ein Tuch eingewickelte Mitgabe, die sie mit heimnahmen und die das „Bscheidessen" hieß. Später bürgerte sich allgemein die Sitte ein, das Hochzeitsmahl in einem Wirtshaus zu halten, wie dies auch heute noch in den weitesten Volkskreisen Brauch ist.
Zum Kirchgang wurde im alten München vom Turme herab geblasen. In frühen Zeiten begab sich der Brautzug in die Kirche zu Fuß, später bediente man sich bei vornehmen Hochzeiten der Kutsche, wenigstens für die Braut und die beiden Ehrenmütter. Die Braut trug den reich gestickten Brautgürtel und den Kranz resp. die mit Blumen durchflochtene Brautkrone. Der Bräutigam steckte an Hut und Sonntagsrock ein Sträußchen von goldenen und silbernen Flitterblumen, mit bunten Bändern durchflochten, dazu ein Zweiglein Rosmarin. Vor dem Kirchgang pflegte das Brautpaar noch den Eltern für alle bisher genossenen Guttaten zu danken, ihren Segen zu erbitten und zu empfangen.
Nach altem Volksglauben soll die Braut niemals umblicken während der kirchlichen Trauung, sonst „sieht sie sich nach dem Zweiten um", d. h. ihr junger Gatte wird sterben. Viele der einfachen Zuschauerinnen bei einer Hochzeit achten jetzt noch darauf, wer von den Brautleuten weiter vom Altar zurückkniet oder an wessen Seite die Altarkerze schneller herunterbrennt; denn das Betreffende wird zuerst sterben. Ebenso ist viel verbreitet der Aberglaube: derjenige, der während der Trauung seinen Fuß auf den des anderen setzt, oder die Hand beim Segen oben hat, werde in der Ehe die Herrschaft haben. Die Brautleute sollen während des Segens so nahe beieinander knieen, daß niemand zwischen ihnen hindurchblicken kann. Sehr alt war der unheimliche Glaube: um jede liebende Annäherung der Vermählten aneinander zu hindern, dürfe jemand nur ein Schloß, das er in der Hand halte, während des Segens zuschnappen lassen und dies Schloß hernach ins Wasser werfen. Auch wer beim Gratulieren die Hände des Brautpaares mit einem Nagel rieb, der am Charfreitag an das heilige Schmerzenskreuz gedrückt ward, sollte die Eintracht beider zerstören; doch versündigte er sich schwer dadurch. Ehemals bestand die schöne Sitte, daß eine vom Land stammende Braut in ihrer Heimattracht vor den Altar trat; die aus Tölz gebürtige Schwester eines bekannten vaterländischen Forschers trug an ihrem Hochzeitstage das schöne Gewand der Ahnfrau, obschon sie in ein vornehmes Münchner Haus einheiratete. Die Ausstattung der Braut wurde in solchem Falle gleichfalls auf geschmückten Wagen — „Kammerwagen" sagt man auf dem Lande — in das neue Heim geführt. Die Spitze des Wagens bildete ehedem die Braut oder Brautjungfer mit der Kunkel, später die Wiege. Es war bräuchlich, einer solchen Fuhre bei der Abfahrt einen Teller oder Hafen so nachzuwerfen, daß das Geschirr an den Rädern zerschellte. Gab es viel Scherben, so bedeutete dies Glück in der Ehe, nach anderen Herrschaft des Mannes.
So lange Münchens Kirchen noch mit Friedhöfen umgeben waren, galt der alte fromme Brauch, daß sich das neugetraute Paar beim Verlassen der Kirche an die Gräber der dort bestatteten Anverwandten, zumal der Eltern, begab, um im stillen Gebet daran zu verweilen. Beim Verlassen des Friedhofes sperrte gewöhnlich ein Strick mit frischem Grün umwunden den Ausgang, und dieser mußte erkauft werden, indem der Bräutigam kleine Münzen unter die den Strick haltende, mutwillige Jugend warf.
Beim Betreten des Hauses, wo das Hochzeitmahl ftattfand, war es ehemals Sitte, daß die Köchin der Braut entgegentrat, sie begrüßte
und aufforderte, das Kraut zu versuchen, worauf die Braut in die Küche ging, die Suppe salzte und etwas vom geweihten Hochzeitswein in den Fleischtopf tat. Späterhin pflegte die Köchin während des Mahles mit verbundener Hand im Saale zu erscheinen, klagend, daß sie vor Freude und Aufregung sich so arg verbrannt hätte und nicht weiter kochen könnte. Doch stellte ein Trinkgeld des Bräutigams sie alsbald wieder her.
Auf uralte Germanensitte geht der Brauch zurück, daß während des Hochzeitmahles die Braut plötzlich verschwunden, nämlich gestohlen war. Der Bräutigam mit seinen Beiständern machte sich auf, sie zu suchen, fand sie endlich in einem Nachbarhause versteckt und mußte sie von den jungen Leuten, denen der Raub gelungen war, mit Geld wieder auslösen. Bei oder nach der Mahlzeit wurde stets in irgend einer drolligen Umhüllung der Braut eine Anspielung auf künftige Mutterfreuden, etwa ein Wickelkindchen, überreicht.
Den Reigen nach der Tafel eröffnete der Hochzeiter mit seiner Hochzeiterin, darnach forderten beide alle anwesenden Ehrengäste der Reihe nach zum tanzen auf. Mitunter gab eö zu Anfang des Tanzes eine kleine Verzögerung, indem die Hochzeiterin mit einem Male hinkte. Es stellte sich heraus, daß eine größere Münze in ihrem Schuh das Hinken veranlaßt hatte. Das Hindernis wurde entfernt und den aufspielenden Musikanten eingehändigt.
Bis zur Schwelle des hochzeitlichen Gemaches gaben ehemals dem Brautpaar die nächsten Angehörigen das Geleite; bei vornehmen Hochzeiten wurde dem Paar mit Fackeln vorgeleuchtet. Das Ehebett kirchlich einsegnen zu lassen, ehe die Gatten ihr Gemach betraten, war weit verbreitete Sitte. Der Tag nach der Hochzeit hieß „der goldene Tag". Er wurde durch ein kleines Mahl im Hause der Brauteltern gefeiert, an dem aber nur die nächsten Verwandten teilnahmen. Die jungen Gatten pflegten an diesem Tage die Kirche zu besuchen; außerdem wurde am goldenen Tage die Mitgift der Frau dem Gatten ausgehändigt. Sie selber trat die Herrschaft an im neuen Hauswesen, wo sie von nun an wacker schaltete - wenn sie nicht gar zu bald „nach Rom reisen mußte", wie ein gewisser hoffnungsvoller Zustand in München allgemein genannt wird.
Kindersegen war vereinst viel mehr als heute ersehnt und, falls er ausblieb, bitter vermißt. Wo die Kunst der Arzte versagte, flüchtete die unfruchtbare Frau meist zur Gottesmutter in irgend eine Gnadenkirche. In solchen Kirchen sind häufig seltsame, krötenähnliche Gebilde, meist aus Eisen zu sehen, Sinnbilder der sogenannten „Bärmutter", gewidmet von Frauen, die Befreiung von einem weiblichen Leiden erflehen. Auf erbetenen Kindersegen weist das Votivgeschenk eines kleinen Kindchens aus Wachs oder gar aus Silber. Wenn fleißiges Kirchfahren nicht half, so lag der Altmünchnerin der Verdacht nicht ferne, daß sie „vermeint" oder verhext sei. Hat doch sogar Kurfürst Maximilian I. die Unfruchtbarkeit seiner ersten Frau der Verhexung zugeschrieben! Im 16. und 17. Jahrhundert, wo der Hexenwahn wie eine Seuche wütete, wandten viele^Frauen sich irgend einer „wissenden" Person zu, die sich auf „weiße Magie" verstand, nämlich auf magische Mittel, welche, ohne gegen den Christenglauben zu verstoßen, der schwarzen Magie, der Hexenkunst, entgegenwirken sollten. Doch sind auch die Volksmeinungen zahlreich, die sich mit anderen Gründen der Kinderlosigkeit beschäftigen. Daß ein zorniges Weib nicht leicht Mutier werde, war eine weitverbreitete Anschauung. Auch die Nichterfüllung eines Gelübdes oder des feierlichen Versprechens, das man einem anderen gegeben hgtte, konnte die Ursache der Unfruchtbarkeit sein.
Die werdende Mutter, nachdem sie ihrer Hoffnung gewiß war, sollte stets etwas Geweihtes an sich tragen, um sich vor dem „Vermeinen" zu schützen. Sie soll nicht Branntwein oder Schnaps trinken, denn damit brennt sie dem Kind „das Herzl aus". Es ist auch nicht gut, wenn die Mutter vor der Geburt die leere Wiege schaukelt: damit nimmt sie dem Kinde den Schlaf. Den Anblick eines Toten soll sie meiden, sonst kann ihr Kleines sterben oder doch Totenfarbe erhalten. Während eine Wöchnerin im Bette liegt, soll nach altem Glauben das Feuer auf dem Herde nicht ausgehen, das brächte Unglück. Gerne legte man ehemals der Mutter und dem Neugeborenen etwas Geweihtes ins Bett oder hing es ihnen um den Hals, weil über die noch nicht aufgesegnete Frau und das ungetaufte Kind der Böse Gewalt hätte. Die Hebamme räucherte mit Kranewitt (Wachholder), der gegen Zauber hilft; sie hing übers Bett einen Trudenstein (ein kleiner schwarzer Kiesel, durch den von Natur ein Loch geht), wenn sie glücklicherweise einen solchen besaß. Auch zündete sie eine geweihte Kerze an und machte mit dem Benedik- tenkreuz der Kindbetterin drei Segenskreuze auf Stirne, Brust und Füße. Mit der Taufe ward von jeher so sehr als möglich geeilt, damit der kleine Mensch nicht der ewigen Seligkeit verlustig gehe. Den Zustand der Ungetauften im Jenseits dachte die Volksmeinung als leid- und freudlos. Noch im 18. Jahrhundert wurden bisweilen die Leichen von Kindern, die bei der Geburt gestorben waren, in irgend einer Gnadenkirche vor den Altar gelegt unter andächtigem Gebete, solange bis der kleine Leichnam „zeichnete", d. h. irgend eine Veränderung zeigte, die als ein Merkmal flüchtig wiedergekehrten Lebens gelten konnte. Dann durfte er die Nottaufe empfangen und somit der Christenheit beigezählt werden. Ungetaufte oder totgeborene Kinder kamen ehemals nicht in geweihte Erde, sondern hatten auf dem Freithof oder angrenzend an denselben ihr eigenes kleines Totenfeld, den Unschuldigen- Gottesacker. Allgemein war und ist setzt noch der Brauch, eine Mutter, die bei der Geburt stirbt, in Kranz und Schleier wie eine Jungfrau zu begraben. Die tiefe und schöne Bedeutung davon ist, daß die Gebärerin durch ihren Opfertod die ursprüngliche Reinheit wieder erlangt hat und geradeswegs in den Himmel eingeht.
Nach alter Anschauung sollte bei einem Kinde, außer dem namengebenden Paten, auch eine Person des anderen Geschlechtes zu Gevatter stehen. Das bedeutete dem Kinde künftiges Liebes- und Eheglück. Ferner galt in Altmünchen der Brauch, einem Knaben gleich nach der Taufe ein Schwert oder sonstiges Gewaffen in die Hand zu geben, damit er nicht verzagten Sinnes würde. Die Hebamme, von dem Paten, resp. der Patin geleitet, trug das Kleine zur Kirche, wohlgemerkt in die Sakristei, denn das Betreten des heiligen Raumes selbst ist erst dem in die christliche Gemeinschaft Aufgenommenen gestattet. Am alten Frauenfreithofe befanden sich an fünf Stellen Öffnungen in der Kirchhofsmauer, die durch eine Drehschranke (einen Pfahl, auf dem eine Drehscheibe in Kreuzesform liegt) abgeschloffen waren. Im Volksmund hießen diese Drehschranken „wart ein bißl". Hier hatte der Täufling seinen ersten Aufenthalt: die Wehmutter mußte mit ihm warten, bis der Meßner kam und gegen ein paar Kreuzer Schrankengeld beide hereinließ.
Nach der Taufe brachte die Wehmutter der Wöchnerin das Neuge- taufte zurück mit dem Spruche: „einen Heiden haben wir fortgetragen, einen Christen bringen wir."
In guten Bürgerhäusern war es Sitte, daß darnach ein kleines Taufmahl abgehalten wurde, an welchem der Geistliche, die Paten, die Hebamme und die nächsten Verwandten teilnahmen. Fleischspeisen waren von diesem Mahle auögeschloffen; als unerläßliche Speisen aber wurden aufgesetzt: Schneeballen (eine Art Krapfen), Käse, Konfekt, Früchte und Wein. Hernach wurde von all diesem den Gästen noch etwas in ihre Wohnung geschickt. Käse mußte beim Kindtaufmahl dabei sein, weil das Kind, wenn es ein Knabe war, sonst später keinen Bart bekam.
Einige Tage nach der Taufe pflegten die Frau Gevatterin und die sonstigen Nahestehenden der Kindbetterin ihren Besuch abzustatten. Dabei wurden Geschenke gebracht, meist Eier, Butter, Mehl und dergl. Das altbayerische Wort für das Kindbett- oder auch Hochzeitsgeschenk lautet „Weisat". Sogar im altbayerischen Weihnachtslied, wenn die Hirten sich aufmachen gen Bethlehem, wird beraten, was sie dem göttlichen Kinde und der reinsten Mutter „weisen" wollen, und der älteste Hirt mahnt die jüngeren:
Und bäl ma zu dem Kind hinkemma
So buckts enk sauber fei,
Tuats Weisat in die Hand nemma
Und geats schö zugsam nei!"
Ein Münchner Kind empfing vom Paten (Göd, Godel ist der bayerische Name für Pate und Patin) einen Patenthaler, meist eine schöne, alte Denkmünze, in die Wiege. Später, wenn eS größer war, einen silbernen Patenlöffel mit dem eingravierten Namen des Herrn Göden. Außerdem bekommt das Patenkind, bis es erwachsen ist, vom Göd oder der Godel an jedem Allerseelentag einen Seelenwecken oder Seelenzopf. Dies Gebäck, künstlich geflochten, vom einfachen Hefenteig bis zum feinsten Bisquit- oder Makronenteig, ziert in allen Größen, mit bunten Papierblumen besteckt, während der letzten Oktober- und ersten Novembertage die Auslagefenster sämtlicher Münchner Feinbäcker und Konditoren. Am Palmsonntag wurde das Kind ehedem im Hause des Paten mit Met und Konfekt bewirtet. Göd oder Godel stehen dem Kinde näher, als selbst die Blutsverwandten; denn sie sind es, welche das Kleine „aus dem Waffer" (der Taufe) holen und ihm den Namen schöpfen. Ehemals war es Brauch, daß am Tage der Firmung das Patenkind nochmals brieflich dem Göd oder der Godel ehrerbietigen Dank sagte dafür, daß sie ihm einst zur christlichen Taufe verhelfen hatten.
Wenn Fremde ein kleines Kind berufen, so soll die Mutter zur Seite ausspucken oder noch bester das Kind sofort bekreuzen. Noch heute besteht im Volke der Glaube: einem von plötzlicher Krankheit, z. B. den Fraisen, befallenen kleinen Kinde könnte etwas „angetan", d. h. es könnte verhext fein. Eine Münchner Arbeitersfrau dagegen, deren Kleines in Krämpfen lag, erklärte: „Dös glaub i wieder net, daß dem Kind was antan worden is; s' Gehirn wachst halt und so oft döS an Ruck tut, beutelt's das Kind a weng umanand." Wo Kinder sind, galt es als heilsam, ein Rotkehlchen im Käfig zu halten, weil bei Masern oder Scharlach der Kinder dieser Vogel die Krankheit an sich ziehen soll. Hier und da ward noch bis vor kurzem behauptet, daß man einem kleinen Kinde die Fingernägel nicht beschneiden, sondern, wenn sie wachsen, ihm abbeißen soll, weil das Kind sonst ein Dieb wird.
Recht bedenklich war die alte Sitte, das Kind, fast bis es stehen konnte, fest zu „fatschen", d. h. zu wickeln, wobei die Ärmchen eng an den Körper gepreßt wurden. Es gehörte die eingeborene Gesundheit eines kräftigen Volksstammes dazu, daß nicht viel häufiger Krankheiten und Verkrüppelungen hieraus entstanden.
Das Trotzen auf diese Gesundheit verriet und verrät sich auch in dem frühen Darreichen schwer verdaulicher Nahrung, in dem vorzeitigen Biergenuß und ähnlichen Dingen, die jedoch in München erfreulich abgenommen haben, dank der unabläffigen Einwirkung sozialer und hygienischer Vereinigungen.
DaS Kind ward größer und die Eltern walteten ihrer Erzieherpflicht. Sie lehrten es, nicht ohne Morgengebet aufzustehen, nicht das Waschen und Kämmen zu vergessen, nichts anzunehmen aus fremder Hand; denn durch alles dies könnte feindliches, nächtiges Wesen Macht über Leib und Seele gewinnen. Auch nichts aufheben von der Straße sollte das Kind. Es soll jetzt noch nicht bei Tische das Messer mit der aufwärtsgekehrten Schneide hinlegen, damit nicht ein Englein oder eine arme Seele sich daran schneidet. Eßbare Gegenstände wegzuwerfen gilt als Sünde gegen die Gottesgabe, sie verkommen lassen, ebenso. Eine Ausnahme macht, wenn das Kind ein Stück Brot ins Freie auf einen Kreuzweg legt oder in ein Bächlein wirft mit den Worten: „für die armen Seelen." Wer den Tisch Abends nach dem Nachtmahl nicht ordentlich abräumt, nimmt den armen Seelen die Ruhe; wer ohne Nachtgebet einschläft oder die Stiefel verkehrt vors Bett wirft, den kann die „Trud" (der Alp) drucken, oder der Teufel kann einfteigen zu ihm. Der kann auch einfahren in Solche, die beim Gähnen nicht die Hand vor den Mund halten oder ein Kreuz davor machen. Recht eitle Dirndln, die sich voll Hoffart in den Spiegel schauen, sollen ein Teufelsantlitz oder einen Totenkopf statt des ihrigen sehen. Eine Münchner Mutter lehrte ihr Dirndl: ,,D' Hoffart ist die öberste Sünd; weil dös an Lucifer die seine g'west ist. Der hat nöt unserm Herrgott zu Füßen sitzen mögen, und a seins Paar Schuh' hätt' er wöllen, er alloanig, wo doch alle lieben Engerln bloßfußet gehen."
Wenn die Kinder fragten, wo sie hergekommen seien, ward ihnen gerne weißgemacht, die Eltern hätten sie vom Baume herabgeschüttelt oder aus einem tiefen Brunnen heraufgeholt. Erst ziemlich spät hat der gute Storch sich in München eingebürgert.
Nach Sonnenuntergang, wo alles Unholde um den Weg ist, sahen sorgliche Eltern nicht gern, daß ihre Kleinen noch draußen spielten; auch jetzt rufen sie dieselben meist nach dem Aveläuten in die Stube.
Unzählig sind die Spiele alten Herkommens, die das Münchner Straßenkind noch heute spielt: „Fangemandl", (Haschespiel), „Schneider leih' mir die Scher", (ein Plahwechselspiel), „Räuber und Schandi" und das in allen möglichen Lesarten übliche „Engerl- und Teuferlspiel". Das allbekannte: „Ringel ringelreihe", wobei die Kinder sich an den Händen halten und eine Runde bilden, ist von alteröher den Münchner Kindern geläufig, nicht minder das Reihenlied „Marie- chen saß auf einem Stein", über dessen grauslichen Sinn (Ermordung des Mädchens durch den treulosen Geliebten) die Harmlosigkeit der Kinder glücklich hinweggeht.
Was den Schulunterricht in Altmünchen betrifft, so war bis zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Niemand verpflichtet, seine Kinder in eine öffentliche Schule zu schicken; vielmehr stand Jedem frei, sie nach eigenem Plan erziehen zu lassen. Der Adel wählte meist den letzteren Weg, hielt sich Privatlehrer; die Bürgersöhne besuchten öffentliche Schulen. Die beiden Normal- und Trivialschulen bei Unserer lieben Frau und bei St. Peter waren nur für Knaben, desgleichen das Gymnasium, in dessen lyceistischer Abteilung Philosophie und Theologie von geistlichen Lehrern gelehrt wurden, während in den Realklassen und der humanistischen Abteilung auch weltliche Lehrer sich befanden. Außerdem gab es gegen Ende des 18. Jahrhunderts noch zehn Normalschulen in den verschiedenen Stadtteilen. Die üblichen Prüfungsgegenstände waren: Religions- und Sittenlehre, Schönschreiben, Historie und biblische Geschichte, Rechenkunst. Den Unterricht der Mädchen übernahmen hauptsächlich die Nonnenklöster, so die Englischen Fräulein, die Salesianerinnen, die Servitinnen. Zur Ausbildung armer fähiger Knaben für den Priesterftand hatte Albrecht V. noch das Gre- gorianum in der Neuhauserstraße (außerdem auch Albertinum genannt) begründet. Es hieß nach dem großen Papst Gregor, dem besonderen Gönner und Patron der armen Bettelstudenten. Ein ganz eigen Münchnerischeö Kinderfest, das gleichfalls mit dem Papste Gregor I. zusammenhing und an seinem Tage stattfand (12. März), war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Schwange. Zu diesem „Gregori", mit dem der winterliche Schulunterricht abschloß, wurden aus der Zahl der Schulknaben dreie gewählt, deren einer den Bischof, die zwei anderen seine Pfarrer (Diakone) darftellten; die übrigen Buben verkörperten verschiedene Stände: Doktoren, Handwerker usw. Nach diesen angenommenen Charakteren gekleidet, zogen die Kinder am genannten Festtage von der Schule zur Kirche, wo eine Predigt mit Hochamt abgehalten ward. Nach der Predigt wurde von den Kindern das Gregoriuslied: „Hört ihr Eltern, Christus spricht" gesungen, darauf hielt der kleine Bischof eine ihm eingelernte Predigt in Versen. Nach dem Gottesdienst zog die Kinderschar unter Führung des „Bischofs", der anstatt des KrummftabeS eine Bretzel auf einer Stange trug, durch die Stadt und erhielt von allen Seiten Kuchen und Bäckereien geschenkt. Eine „Münchner Schulmeisterordnung" vom Jahre 1563 besagt: „Mit dem Gregori oder Umgehen zu St. Gre- gorientag soll es hinfüran noch wie von alters her gehalten werden und ein jeder Schulmeister mit seinen Kindern denselben zu einer Freud und Ergetzung züchtig umgehen. Aber zu der Mahlzeit, die nach dem Umgehen gehalten worden, soll hinfür niemand verbunden sein, seine Kinder zu schicken, sondern in eines Jedweden freien Willen stehen,
ob er seine Kinder bei dem Schulmeister will effen und zehren lasten oder nicht."
Allmählich wurde der Brauch, der als unpassend und veraltet erschien, in eine Art Maifest umgewandelt, das an einem schönen Tage, etwa zwei Wochen vor Jakobi, mit einem Gottesdienst begann und sich dann in ein großes fröhliches Treiben auf der alten Schießstätte vor dem Karlötor fortsetzte. Noch Lorenz Westenrieder hat es mit Freuden gesehen und beschrieben. Um die Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts hörte der Kindergregori auf. Die altbayerische Mundart kennt noch den Ausdruck „Gregori", als Bezeichnung eines ausgelassenen Treibens, eines Drüber und Drunter.
Am 20. Dezember herrschte in Altmünchen der Brauch, daß jedes Kind sich eine Rute aus Wachholderzweigen machte und die Erwachsenen damit fitzen durfte, was man „pfeffern" hieß, bis sie sich durch ein kleines Geschenk loskauften. Desgleichen durften bis ins 18. Jahrhundert die Knaben am Vorabend und Nachmittag des Palmsonntags auf dem hölzernen Palmesel, der die segnende Heilandsfigur trug, die Kirchen umfahren. Von den übrigen mit den kirchlichen Hauptfestzeiten verbundenen Kinderfreuden, wie dem Niklo, dem Klöpfeln usw. wird noch zu reden sein. —
Um ein Kind, das in seiner Unschuld gestorben, mithin ein Engel geworden ist, soll die Mutier nicht zu heftig weinen, weil sie ihm damit die himmlische Freude verstört. Wer kennt nicht das schöne Märchen, wie das tote Kindlein der weinenden Mutter erscheint und sie bittet, nicht mehr so zu weinen, weil sein Hemdchen von ihren Tränen so naß wird? Und die Mutter, aus Liebe zu ihrem Kind, zwingt sich, nicht mehr zu weinen.
Den toten Kindern ward ein Kränzlein auf den Kopf und um die Hände gegeben; sie wurden schon binnen 24 Stunden begraben. Mit einer Kinderleiche ging kein Mann, mit dem Leichenzuge eines Erwachsenen dagegen keine Frau. (Erft seit ein paar Jahrzehnten ist diese Sitte durchbrochen worden.) Dem Seelengottesdienft dagegen wohnten Männer und Frauen bei.
Den Verstorbenen ledigen Standes, die schon zur Kommunion gegangen waren, legte die Seelnonne vor das Haus ein Kreuz von Stroh, hierauf einen Ziegelstein und auf diesen eine Krone, die jedoch vor Nacht weggenommen, erst des Morgens wieder hingesetzt ward. Den Verheirateten wurden das Kreuz und der Stein ohne Krone hingelegt, wie auch ihr Sarg nicht gleich dem von Kindern und Ledigen mit Kronen geziert war. Bei Erwachsenen pflegte das Trauergeleite nicht zur Begräbnisstätte zu fahren; Kinderleichen wurden (nach Weftenrieder) in der Kutsche hingebracht. E'gene Leichenfuhrwerke gab es bis Ende des 18. Jahrhunderts nicht; die Toten wurden zu Grabe getragen. Erst im März 1798 beantragte Graf Rumford, der Vertraute des Kurfürsten Karl Theodor, bei der Staatskammer die Beschaffung von Kin- derleichenwagen; im selben Jahre schaffte die Stadtgemeinde München drei Leichenwagen für Erwachsene an. Die Sitte des Totentragens war jedoch so allgemein, daß die Fortschaffung der Leichen mittelst Leichenwagen noch 1848 bei Strafe anbefohlen werden mußte. Bis tief ins neunzehnte Jahrhundert kam es vor, daß die Seelnonne (Leichenfrau) ein totes Kind auf den Friedhof trug.
Die Einrichtung von Leichenhäusern, die Vorkehrungen gegen die Bestattung Scheintoter entstammen auch erst dem neunzehnten Jahrhundert, desgleichen die heutige Sitte, die Toten hinter den großen Glasfenstern der Leichenhallen auszustellen. Als zu München noch nicht die jetzigen Vorschriften bestanden, laut welchen ein Verstorbener spätestens 12 Stunden nach eingetretenem Tode in die Leichenhalle überführt werden muß, wurden die Leichen der Erwachsenen bis zur Bestattung, also 56 — 48 Stunden im Hause aufgebahrt; zuweilen vollzog sich die Aufbahrung in einer Kirche. Bei dem Verstorbenen hielten Angehörige und Freunde abwechselnd unter Gebet die Totenwacht; fand die Aufbahrung in einer Kirche statt, so ward dies Amt auch von Geistlichen übernommen.
Die Begräbnisse gewöhnlicher Leute geschahen in Altmünchen meist am frühen Morgen, die der Bürger nach Vesperzeit, und zwar war die Stunde um so später, je vornehmer der Rang des Verstorbenen. Bei vornehmen Leichen gingen die Hauptleidtragenden in der „Gugel", d. h. in einem schwarzen kuttenartigen Gewand mit schwarzer Kapuze, die nur die Augen freiließ. Dieser Brauch erhielt sich nachmals nur bei den Leichenbegängnissen bayerischer Könige, und zwar war eö die Münchner Laderinnung (Trockenlader), der die Gerechtsame zustand, den toten Fürsten als „Gugelmänner" zu geleiten. Sie schritten, wie dies noch bei der Bestattung König Ottos I. geschah, unmittelbar vor dem Sarge, vierundzwanzig an der Zahl, der Letzte trug das Bildnis des hl. Georg, des Schutzpatrons des wittelsbachischen Königshauses. Anläßlich der Bestattung des letzten Königspaares wurden die Gugelmänner durch ehemaliges Hofpersonal gestellt.
Wo eine Leiche an einer Kirche vorübergetragen wurde, läuteten in Alt-München jedesmal die Glocken. Bei den Seelgottesdienften herrschte in München der auf dem Lande noch bestehende Brauch, daß sämtliche Anwesende zweimal um den Altar zum Opfer gingen. Der Hauptkläger behielt bei der ersten Seelenmesse den Hut auf. Allgemein war es üblich, den Freunden, die den Toten geleitet hatten, hernach ein Leichenmahl zu geben, wobei es nach reichlichem Trünke mitunter sehr
lärmend zuging. Ebenso ward Brot und bisweilen Geld nach der Kirche den Armen ausgeteilt; noch setzt stellen in einem Trauerhause Bettler sich zahlreich ein. Am siebenten oder am dreißigsten Tage nach dem Todesfall fand ehemals noch ein Leichentrunk für die Leidtragenden nach Kirch- und Opfergang statt. Bis ein Monat abgelaufen, kamen jeden Abend die nächsten Freunde zusammen, um im Trauerhause für den Verstorbenen zu beten, wobei sie dort bewirtet wurden. Nach altem Glauben aber sollte kein Fremder im Hause effen, solange der Tote noch darin lag; das galt als unheilbringend. Ebenso wurden ehemals die Schüsseln, die beim Leichenmahl gedient hatten, zerschlagen, wegen des Glaubens, daß, wer daraus wieder äße, schwer erkranken würde.
Wenn Eins in „die Züge greift", d. h. wenn der Todeskampf eintritt, wurde (und wird) eine geweihte Kerze angezündet und das Fenster geöffnet, damit die Seele leichter vom Leibe scheide; auch wurden sonst die Wände mit Weihbrunn besprengt, auf daß der Böse keine Gewalt habe. Das Waschen und Ankleiden der Leiche oblag von Alters der Seelnonne. Beim Hinaustragen eines Toten wurde streng darauf geachtet, daß er „mit den Füßen voraus" fein Heim verließe; auch ward ihm ein Gefäß mit Wasser nachgeschüttet, — Beides, damit er nicht als Spukgeist wiederkehre.
An Tod und Grab hat sich von jeher der Aberglaube mit Vorliebe gehängt. Wenn z. B. in einer Münchner Kirche ein Licht auf dem Altäre von selbst auslöschte, so ward daraus geschlossen, daß bald ein Priester dieser Kirche sterben werde. Das Ablaufen einer Turmuhr sollte einen Todesfall in der Herrscherfamilie anzeigen; ganz besonders galt dies von der Uhr auf der Theatinerkirche. Übrigens ward auch das plötzliche Ablaufen von Uhren in Privathäusern als unheilkündend angesehen. Das hartnäckige Heulen eines Hundes in einem Hause, wo jemand krank liegt oder das Krächzen eines Raben auf dem Dache waren und sind in den Augen vieler alter Münchnerinnen bestimmte Todesvorzeichen. Der Totenwurm (Holzwurm), dessen leises Picken gleichfalls Tod weissagt, ist unterm Namen -,Erdschmiedl" bekannt und unbeliebt. Wenn der Kranke auf Hühner- oder Taubenfedern liegt, so stirbt er hart. Erst recht hart stirbt, wer eine unbereute Sünde auf sich hat oder Unrecht eines andern gegen ihn nicht verzeihen mag. Wenn einer Leiche im Sarge ein Band des Totenkleides in den Mund gerät, so — meinte man einst — saugt sie daran so lange, bis noch ein anderes Familienglied stirbt. Auch wenn das Gesicht einer Leiche rot aussieht, soll noch jemand aus der Sippschaft sterben. Die beiden letzten, an Vampyrsagen gemahnenden Arten von Aberglauben sind längst verschollen, ebenso die alte Sitte, dem Toten ein Geldstück in den Mund zu legen, damit er, im Falle er einen verborgenen Schatz hinterließe, nicht als Spukgeift umgehen dürfte. Dagegen wird es von furchtsamen Gemütern noch heute als gefährlich betrachtet, einem Toten irgend etwas, das einem Lebenden gehört, mit ins Grab zu geben, weil dadurch der Tote ihn nachziehen könnte. Alt- münchnerifch hieß es: „wenn ein Zweiglein von einem Rosmarinstrauche einem Toten ins Grab mitgegeben wird, so verdirbt der Stock, sobald das Reis im Grabe fault". Manche haben es nicht gern, wenn ein Toter die Augen nicht fest zu hat, sodaß er zu blinzeln scheint; er soll dann nach dem nächsten Toten schauen. Weit verbreitet ist die Meinung, daß die Trauernden keine Träne auf den Toten fallen lassen dürfen, weil sie ihm sonst die Ruhe nehmen.
Ein Nagel von einer Totenbahre unter eine Türschwelle gelegt, sollte nach altem Glauben verhindern, daß ein Dieb hereinkäme; wurde ein solcher Nagel an den Standort eines Pferdes gesteckt, so sollte eö nicht weiter können, sondern stehen bleiben müssen. Ein Nagel, auf dem Kirchhof gefunden, bringt dem den Tod, in dessen HauStüre er eingeschlagen wird.
Bisweilen geben sogenannte „könnende" oder „wissende" Frauen den Rat, Kirchhofserde auf ein geschwollenes oder entzündetes Glied zu legen: das heile trefflich. Ein alter Taglöhner, dem dieser Rat erteilt wurde, nickte bedeutsam: „Sell glaab i scho," sagte er - „Kirchhofserden heilt uns allesam."
Raff - So lang der alte Peter...
Brauchtum
Eng verbunden ist das Münchner Volksleben mit der reichen Symbolik des katholischen Kults. Gleich in den Beginn jedweden neuen Jahres fällt das Fest der Erscheinung des Herrn, „Dreikönigstag" genannt. In alten Urkunden wird er als der „obrifte Tag" bezeichnet; mit ihm schließt die geheimnisvollste Zeit des Jahres ab, die der zwölf Rauchnächte (von Christi Geburt bis 6. Januar), in der christliche und uralt heidnische Überlieferung sich wundersam vermischen. Am Vorabend schon wird in der Kirche Wasser, Salz, Kreide und Weihrauch geweiht. Mit dem Weihrauch, der früh beim Gottesdienst an allen Kirchtüren zu Kauf steht, wird das Haus durchräuchert, während auf die Türen von Haus und Stall die Anfangsbuchstaben der heiligen drei Könige + C +M + B + mit geweihter Kreide gemalt werden. Ehemals räucherte der Hausherr sein Heim mit der Glutpfanne aus, auf die außer dem Weihrauch noch Wachholder und andere heilsame, zur Abwehr finsterer Mächte dienende Kräuter gelegt wurden.
An Dreikönig soll auch die Wünschelrute geschnitten werden, äußerdem noch zur Fastnacht und am Johannistag. Um Sonnenaufgang und wann der Mond sich erneut, soll der Schnitt geschehen; ein jähriger Trieb der Haselstaude hat die meiste Kraft. Während des Schnittes soll man sprechen: „Ich schneide dich, liebe Ruten, daß du mir mußt sagen, um was ich dich tu fragen und dich solang nit rühren, bis du die Wahrheit tust spüren." Darnach ward die Rute getauft in der Hl. Dreifaltigkeit Namen und auf einen der hl. drei Könige.
Sowohl am Vorabend wie am Abend des Dreikönigstages zogen ehemals Kinder und junge Leute Gaben heischend umher unter Absingen der uralten Dreikönigslieder, auch Sternlieder genannt. Meist waren drei dabei, die sich als „Könige" hergerichtet hatten und auf einer Stange einen goldpapierenen Stern trugen. Alte Münchner, zumal in den Vorstädten rechts der Isar, erinnern sich noch wohl an das „Ansingen" von Tür zu Tür; fast überall ward gern gespendet für den frommen Sang. Außerdem aber hat der Dreikönigstag noch die besondere Bedeutung, daß mit ihm der Fasching beginnt, der bei der genußfreudigen Münchner Bevölkerung von Alters wie noch heute sein volles Recht behauptet hat. Es muß jedem auffallen, wie gern und leicht sich der Münchner in einer Mummerei, einem angenommenen Charakter bewegt, zumal wenn eine Augenluft sich damit verbindet. Alle Schichten und Stände sind sich darin ziemlich gleich.
Im 16. Jahrhundert pflegte der Magistrat von München noch am Sonntag nach Dreikönig eine große nachmittägliche Schlittenfahrt zu veranstalten, an der die Bürgermeister, Ratsherren und Patrizier samt ihren weiblichen Angehörigen teilnahmen. Die Herzoge mit ihren Familien sahen aus den Fenstern der Neuveste, später der Residenz, dem Schauspiel zu und stifteten zu der Mahlzeit, welche hernach in der Trinkstube am Marienplatz stattfand, das Wildbret, fanden sich wohl auch bei dem nachfolgenden Tanze persönlich ein. Vom Jahre 1592 an suchte jedoch der Magistrat sich diesem Herkommen zu entziehen, während offenbar der herzogliche Hof, als einer ihm gebührenden Huldigung, darauf bestand. Bei Herzog Wilhelm V. entschuldigte sich der Magistrat im obengenannten Jahre mit der Tatsache, „daß bisher noch kein Schnee gefallen sei" — bat auch aus diesem Grund um Ausfallen der diesjährigen Schlittenfahrt, weil „mehrere ihrer Hausfrauen schwangeren Leibes seien und daher das Herumfahren mit Schlitten auf dem bloßen Pflaster gefährlich für sie sei." Mit Herzog Maximilian I. gab es eine längere Verhandlung in Sachen dieser Umfahrt. Der Herzog ließ dem Magistrat zu Beginn des Jahres 1604 sein Mißfallen wegen der unterlasienen Schlittenfahrt ausdrücken und gab den Befehl, herum zu fahren, „es schneie oder nicht". Worauf unterm 18. Januar die Ratsherren dem sparsamen Fürsten hinrieben, daß er
ihnen diesmal das Wildbret zum Bürgermahl nicht hätte zuordnen lasien, und daß sie daher geglaubt hätten, er selbst wolle den Brauch wegen der großen Unkosten abstellen. Sie rechneten ihm darnach die Ausgaben vor, die auch sie gehabt hätten und baten, die Umfahrt wenigstens bis zum Vorhandensein einer Schlittenbahn aufzuschieben, zumal wieder etliche ihrer Hausfrauen krank oder in gesegneten Umständen sich befänden. Es gab noch einiges Hin und Her, bis im Dezember des gleichen Jahres der Rat dem Herzog auseinandersetzte: sie (die Ratsherren) hätten nicht finden können, daß das Herumfahren „aus einiger Schuldigkeit" geschehen, sondern es sei nicht anders, als eine aus freiem Willen angestellte Ehrenbezeugung. Der „Pöbel" aber habe in letzter Zeit davon fpöttlich geredet, als geschehe es dem Magistrate zum Spott und wegen einer von alters verschuldeten Strafe. Es sei auch geschehen, daß die alten Geschlechter merklich abgenommen haben, so daß sie kaum mehr sechs Geschlechtspersonen des Äußeren Rates ersetzen können .... und Seiner fürstlichen Durchlaucht nur schlechte Ehr' erzeigt werde. Sie bitten daher um gänzliche Aufhebung dieses Gebrauches. — Im Jahre 1608 ward ihnen dann vom Herzog das jährliche Herumfahren wirklich für immer erlasien.
Es versteht sich, daß der Hof auch feine eigenen Faschingsfeiern hatte; namentlich unter Max Emanuel und Karl Albrecht, doch auch noch unter Max III. Joseph war als höfisches Karnevalsvergnügen besonders die Nachahmung einer ländlichen Wirtschaft oder Bauernhochzeit beliebt. Schon im Februar 1670 unter Ferdinand Maria stellte des Kurfürsten Schwägerin, Herzogin Febronia, die Wirtin eines in der Residenz sehr geschickt nachgeahmten Wirtshauses dar; der Hofratspräsident Fürst von Fürftenberg spielte den Wirt, die übrigen Persönlichkeiten des Hofes figurierten als Dienerschaft oder als Gäste. Noch luftiger waren die Bauernhochzeiten, welche im Jahre 1719 ihren Anfang nahmen. Der Hof und der hoffähige Adel, in die verschiedensten bayerischen Bauerntrachten gekleidet, versammelte sich in Nymphenburg und fuhr von dort im Schlitten nach München zur Residenz. Dort stiegen sie ab und begaben sich in den Eeorgssaal, an desien Türe ein Schild mit der Aufschrift „zum bayerischen Löwen" hing. Am Eingang des Saales wurden sie vom Kurfürsten als Bauernwirt und von der Kurfürstin als Wirtin empfangen und bewillkommnet, worauf alles nach Weife einer wirklichen ländlichen Hochzeit, zu der auch Stühle, Gedeck und alle Äußerlichkeiten stimmten, durchgeführt ward. Die Tänze waren im bäurischen Geschmack, die Musik bestand aus Geigen, Dudelsack und Schalmeien, der Hochzeitlader brachte seine ländlichen Sprüche in Knittelversen vor. Später wurden diese Bauernspiele durch die mehr und mehr aufgekommenen Schäferspiele verdrängt.
Minder üppig, aber um so lustiger und ungebundener, ging es im Volke her. DaS eigentliche Faschingsireiben zu München entfaltete sich am letzten Donnerstag im Fasching, dem „unsinnigen Pfinztag". Da zog alles in Maskengewändern, mitunter derb drolligen Verkleidungen einher. Typische Figuren waren: der Hansl und die Gretl (auch Dudl und Bartl genannt), die meist von jungen Burschen der Umgebung dargestellt oder ausgestopft auf einem Karren geführt wurden. Zwei groteske Bauerngestalten, er mit einem Stock und sie mit einem Korb. In der Neuzeit fand das in München außerordentlich beliebte „Masch- keragehen" hauptsächlich in den drei letzten Fastnachtstagen vom Sonntag bis zum Dienstag statt. Ehemals war es am Fastnachtsdienstag der Brauch, die Fastnacht in Gestalt einer hanswurstmäßig hergerichteten Stroh- und Lappenpuppe zu verbrennen; später, im München der Prinzregentenzeit, gab es richtige Fastnachtszüge mit geschmückten Wagen und allerlei witzigen Anspielungen auf jüngste Geschehnisse des öffentlichen Lebens. Die allbekannten, weithin berühmten Künftlerfeste, die sich von der Zeit Ludwigs I. bis in die Jahre kurz vor dem Weltkrieg erstreckten, pflegten den Höhepunkt des Münchner Faschings zu bilden.
Ein bedeutsamer Tag im Februar ist Mariä Lichtmeß (2. Februar), an dem das Wachs für die Kerzen und diese selbst geweiht werden. An diesem Tage soll sonnenloses Wetter sein, nach der alten Wetterregel: wenn der Dachs an diesem Tage seinen Schatten sieht, schlieft er wieder für 40 Tage ins Loch. Im übrigen tröstet sich jedermann, daß die kurzen Tage zu Ende sind, denn bis Neujahr wächst der Tag einen Hahnenschritt, bis Dreikönig einen Mannschritt, bis Sebastian (20. Januar) einen Hirschensprung und bis Lichtmeß eine ganze Stund. „Lichtmeß tut bei Tag eß", lautet ein bayerischer Spruch, der sich auf das ehemals übliche Nachtmahl um 6 Uhr bezieht, das an diesem Tage schon ohne künstliches Licht eingenommen werden konnte.
Der Aschermittwoch macht heute wie ehemals dem Faschingstreiben ein Ende. Im Brunnen am Marienplatz wäscht nach drolligem alten Brauch manch Einer den leeren Geldbeutel aus. Die bis Mitternacht gelacht und getollt haben, werden früh in der Kirche mit dem Aschenkreuz an der Stirn bezeichnet und vernehmen die alte, ernste Wahrheit: „Gedenke Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirft!"
Die nun angebrochene Fastenzeit, die stille und hoffnungsreiche, wurde und wird bekanntlich unterbrochen durch die Bock- und Salvatortage mit ihrer derben Genußfreude. Fällt Ostern sehr früh, so kann der Ausschank der beiden berühmten Starkbiere in die Festzeit kommen; meist aber sind sie das, was sie auch heißen: Fastenbiere. Inzwischen regt sich schon überall das Walten des Frühlings: an Mariä Verkündigung (25. März) kommen die Schwalben wiederum; der verschiedenen Frühjahrsbräuche und Frühjahrskuren ist bereits gedacht worden. Die wackere Münchner Hausfrau läßt vor Ostern ihr Heim gründlich „stöbern" (groß reinemachen), wie das auch im Herbst geschieht; hauptsächlich aber nahm und nimmt die Sorge um den Schmuck der Seele, den die hohe kirchliche Festzeit bedingt, die Gemüter in Anspruch. Am Palmsonntag früh drängt sich jung und alt zur Palmenweihe. Die ersten jungen Zweige und Triebe der Palmweide mit ihren grauen, sammetnen Kätzchen werden entweder als Sträuße oder in künstlicher Form um den geschälten Stab einer Hasel gebunden, nach der Weihe heimgetragen und daheim in der Wohnstube, meist im sogenannten Herrgottswinkel (wo das Kruzifix hängt), aufbewahrt. Bei Ungewittern ein Stück der geweihten Palmen auf dem Herdfeuer zu verbrennen, galt als Schutz gegen Blitzschlag.
Am Gründonnerstag läuten bekanntlich die Glocken der katholischen Kirchen zum letztenmal. Nach altem Volksglauben, der noch lange Zeit in der Vorstellung namentlich der Kinder haften blieb, reiften die Glocken in der Nacht nach Rom, um ihren Teil von dem Segen zu empfangen, den der Papst am Karfreitag spendet; in der Nacht vom Freitag auf den Samstag flogen sie dann wieder heim. Während die Glocken schweigen, wird mit der „Ratsche", einer Art hölzerner Klapper, zum Gottesdienst gerufen. Eine Weibsperson, die mit ihrem Sprechwerk allzu ausgiebiges Geräusch macht, bezeichnet der Münchner Volksmund als „Karfreitagsratschen". Am Vormittag des Gründonnerstags werden in der Kirche die heiligen Öle geweiht; den „12 Aposteln" (ehrbaren bedürftigen Greisen) wusch ehmals der König die Füße und beschenkte sie; das Gleiche tut jetzt noch der Erzbischof, wie auch in allen Klöstern die Fußwaschung stattfindet. Daß am Gründonnerstag mittags eine grüne Suppe („Kräutlsuppe") verzehrt wird, ist wohl überall Brauch. Nachmittags strömen die Andächtigen zu den heiligen Gräbern, die bis zum Karsamstag in allen Kirchen errichtet und mit bunten Lampen (Grabkugeln), Blumen und Kerzen geschmückt sind. Am Karfreitag ward ehemals ziemlich allgemein gearbeitet; jetzt bürgert sich in München mehr und mehr der Brauch ein, geräuschvolle häusliche Arbeiten zu unterlassen, um die weihevoll trauernde Ruhe des Tages nicht zu stören.
Der Karsamstag Morgen war in Alt-München fröhlich bedeutsam dadurch, daß sich zumal die Knaben jeder Gemeinde in aller Frühe zur Feuerweihe einfanden. Dies Feuer, das auf dem Kirchhofe oder in der Vorhalle der Kirche entfacht und vom Priester geweiht wird, dient dazu, um daran zuerst die dreiarmige Kerze, die das Sinnbild der Drei-
faltigkeit ist, hernach die Osterkerze, die den auserstandenen Christus bedeutet, anzustccken. Wer an diesem geweihten Feuer ein Holzstück, Reisigbündel oder was immer Brennbares anzündet, trägt sich damit den Segen nach Hause. Drum hatten die Buben und jungen Burschen cs eilig, die am Osterfeuer entzündeten Scheite heimzubringen, wenn möglich brennend, wofür sie dann ein kleines Geschenk (Ostereier oder dergleichen) erhielten. Auch alte Reime wurden bei dem Lauf gesungen. Hier und da in den Münchner Vorstädten besteht der Brauch noch.
Gegen Abend wird, nachdem zuvor die „Auferstehung der Glocken" in gleichzeitigem weithallenden Geläut stattgefunden, die Auferstehung des Herrn gefeiert, wobei in früherer Zeit tatsächlich ein wächsernes oder hölzernes Heilandsbild, mit der roten Osterfahne in der Hand, überm Altar emporgezogen ward. Jetzt geschieht dies nur noch in ländlichen und einzelnen klösterlichen Kirchen; aber die Osterwonne, die aus aller Augen strahlt, ist darum nicht geringer.
Wer einem Nahestehenden eine Ostergabe reichen wollte, stand ehedem recht früh am Ostersonntag auf und brachte ein Körbchen voll leckerer Dinge in die Kirche, wo bei der ersten Messe die Speisen geweiht werden. Da standen, resp. lagen nebeneinander das Tüchel, in das etwa ein alter Austrägler die von ihm zu verschenkenden Eier gebunden und der Korb mit Osterschinken, Osterfladen, Eiern und sonstigen Leckerbissen, den eine begüterte Hausfrau ihren Gefreundeten zu- gedacht hatte. Erft die Nahrungsknappheit der letzten Jahre hat den schönen Brauch eingeschränkt. Von geweihten Speisen (vom „Geweichten" heißt es kurzweg) dürfen Reste und Abfälle nie weggeworfen werden: auf dem Herdfeuer werden sie verbrannt, damit der Segen beim Hause bleibe. Die liebe Jugend ergibt sich mit Eifer dem Spiel des „Eierspeckens", indem zwei Kinder je ein buntes Osterei in der Hand halten und diese gegeneinanderklopfen; wessen Ei dabei zerbricht, der hat verloren und muß es dem anderen abtreten. So umgeben freundliche und neckische Bräuche das hohe Auferstehungsfest. Sogar die Sonne soll nach altem Glauben am Ostersonntag, wenn sie aufgeht, drei Freudensprünge tun. Das Wasser, das jemand an diesem Tage vor Sonnenaufgang in heiligem Schweigen aus einem Bach oder Fluß schöpft, gilt als heilsam.
Das Fest Christi Himmelfahrt schließt die Osterzeit kirchlich ab. Altmünchnerische und überhaupt altbayerische Sitte war es, an diesem Tage wieder eine, den Heiland darstellende Figur durch das Kirchendach hinaufzuziehen. Etliche gaben dabei immer scharf acht, nach welcher Himmelsrichtung das Heilandsbild sein Antlitz gewendet hielt, denn daher sollten im Sommer die meisten Gewitter kommen. In München aber hatte dieser Brauch noch ein Vorspiel. Am Vorabend des Himmelfahrtstages vermummte irgend ein „Bacchant" oder „Vagant" (fahrender Gesell) sich als Teufel und wurde von etlichen, die als „Druden" ebenfalls greulich hergerichtet waren, mit Krücken und Ofengabeln unter Hallohgeschrei durch die Stadt gehetzt bis in die Hofburg, wo man ihm zu trinken gab. Darnach ward die Teufelsverkleidung ihm ausgezogen, fein mit Heu und Stroh ausgestopft, und diese Figur hing über Nacht an einem langen Strick aus dem Fenster des einen Frauenkirchturms heraus. Wenn dann am Himmelfahrts-Nachmittag die Gestalt des Herrn emporgeschwebt war, warf man die Teufelspuppe von der Höhe des Gewölbes herab, als ein Zeichen, daß der Fürst der Finsternis durch den Heiland überwunden fei. Dann schleiften die Buben die Teufelspuppe vor die Stadt auf den Gasteig, wo sie unter Lärm und Jubel verbrannt wurde.
Ein durchtriebener Schalk vom Hofe Herzog Wilhelms IV., mit Namen Liendl Lautenschlager, führte einst den Streich aus, den „Herrgott", der gen Himmel fahren sollte, vorher aus der Frauenkirche zu entwenden und mit ins Wirtshaus zu nehmen, wo er ihn hinter den Tisch setzte und ihm fleißig zutrank. Das Ding ward ruchbar und die Heilandsfigur ward zur Himmelfahrt in die Kirche zurückgebracht, Liendl aber wegen feines Frevels zur Verantwortung gezogen. Er gab an: er habe ja nur „die Letz" getrunken mit unserm Herrn, damit es der ihm einst vergelte und im Himmel ihn freihalte. Der Herzog verwies ihm streng seinen unzeitigen Scherz: mit dem Teufel könne er Schwank treiben, nicht aber mit unserm Herrgott. Darauf ging Liendl am nächsten Himmelfahrtstag hin und bemächtigte sich der vom Frauenturm herabhängenden Teufelspuppe und stellte sie nächtlicher Weile an den Pranger, nachdem er ihr noch einen schönen Fuchspelz, den er unter anderem Vorgeben von seinem Wirt entlehnt, angezogen hatte. Der Streich kam alsbald auf; Liendl jedoch, wiederum verklagt, redete sich frischweg auf den Herzog aus, der ihm im Vorjahr befohlen habe, künftig u)it dem Teufel Scherz zu treiben. Diesen Schelmenstreich hat kein Geringerer in Versen verewigt, als der teure Meistersinger Hans Sachs, der 1514 während seiner Wandcrzeit sich in München aufhielt. (Hans Sachs hat außer diesem Schwank noch andere auf München bezügliche Dichtungen und einen gereimten Lobspruch auf die Münchnerstadt verfaßt.)
Bald nach dem Himmelfahrtstage ist wiederum „Pfingsten das liebliche Fest" gekommen, wo alle Kirchen mit Maien (jungen Birken) geschmückt und die Altäre mit Pfingstrosen geziert sind. Auch der häusliche Tisch prangt mit Blumen und Grün. Vormals hielt zu München — (ein Brauch namentlich der Handwerksgesellen und Lehrlinge) — der „Pfingstlümmel" oder „Wasservogel" seinen Umzug, eine ganz in
Grünwerk vermummte Jungemannsfigur zu Pferde, von andern jungen Burschen zu Fuß oder zu Pferd umgeben. Er sagte seinen alten, in verschiedenen Fassungen üblichen, Spruch auf und wurde mit Eßwaren, auch mit etwas Geld beschenkt. Bis gegen Ende des 18. Jahr- Hunderts pflegten auch aus der Umgebung Münchens junge Bauernburschen beritten nach München zu kommen, wobei sie zwei ausgestopfte groteske Figuren, Hans und Grell genannt, herumführten. Diese Figuren waren an den entgegengesetzten Enden eines umlaufenden Rades befestigt, reichten einander wie zum Tanz die Hand und wurden von ihren Führern vor jedem Wirtshaus unter Hersagen eines gereimten Spruches, sowie unter großem Jauchzen und Johlen der Zuhörer vorgeführt. Das allzu ausgelassene Gebaren der Burschen bei Übung dieser Pfingstbräuche war schuld, daß das „Pfingstlreiten" verboten ward.
Da um Pfingsten die Zeit der Firmungen ist, herrscht große Nachfrage nach Firmpaten. Diese Würde ist zwar minder verantwortungsvoll als die Taufpatenschast, doch kann sie stets nur einer Person und zwar vom selben Geschlecht wie der Firmling übertragen werden.
Das mit dem größten Prunk und Aufbietung aller künstlerischen Kräfte begangene Kirchenfest im alten München war die Fronleichnamsprozession. Ihren Höhepunkt erreichte die Ausgestaltung dieses Festes unter Herzog Wilhelm V., der seinen Rat, den Lizenziaten Müller, einen Freund Orlando di Lassos, zum Generaldirektor der Prozession bestellte. Wochenlang vorher erwog im Verein mit diesem eine Anzahl von Hoftheologen, Hofbeamten, Mitgliedern des Stadt- rateö und erfahrenen Werkleuten alle Vorbereitungen. Gebete um schönes Wetter wurden angeordnet und durch Almosen unterstützt. Fast sämtliche Figuren des Alten und Neuen Testaments wandelten in Gruppen vorbei. Gottvater selbst erschien als würdige, bejahrte ManneSgeftalt mit langem grauem Barte; ein ähnlich ehrwürdiges Ansehen mußten die Patriarchen und Propheten haben, während die Hohenpriester und Pharisäer feiste, aufgeblasene Gesichter und künstlich auSgestopfte Bäuche zur Schau trugen. Sechzehnmal im Zuge trat die Gestalt der Gottesmutter Maria auf: die auf dem Esel Sitzende bei der Flucht nach Ägypten mußte das längste Haar, die als schmerzhafte Mutter Auftretende verweinte Augen haben. Hiob, auf dem Miste sitzend, kratzte sich von Zeit zu Zeit mit Scherben; Jonaö, der Prophet, dargeftellt durch einen kecken, gewandten Buben, schlüpfte an bestimmten Straßenecken in seinen Walfisch hinein und an anderen wieder heraus. Die Pharaonen durften in kostbaren Schlafröcken aus dem Nachlaß Herzog Albrecht V. prangen, mußten aber, wenn sie trinken wollten, zur Vorsicht ein „Tischfazinetl" (Serviette) vornehmen. Bei den neunzig Engeln hatte der Generaldirektor sehr darauf zu achten, daß nicht etwa einflußreiche Eltern ihre unansehnlichen Knaben unter die holdselige Schar hineinschmuggelten; überhaupt ward dem wackeren Manne das Leben so sauer gemacht, wie nur irgend einem heutigen Theaterintendanten, und er mußte ernstlich darauf Hinweisen, daß das Mitwirken an diesem gottseligen Werk gleich verdienstlich sei, ob eines nun eine hervorragende oder geringere Rolle spielte.
Der Eindruck so vieler wohlgebildeter und schöngewandeter Gestalten hat übrigens hie und da (wiewohl diese Ausgestaltung der Prozession auch zahlreiche Gegner fand) sehr anmutige Wirkungen gezeitigt. So hatte Lizenziat Müller einmal für die Darstellung der Rebekka am Brunnen die Köchin eines angesehenen Münchner Hauses mit Namen Veronika, die „ein schönes, wohlbetendes und gottesfürchtiges Mensch war", erkoren. Die sah ein vermöglicher Handelsmann aus Bozen, der zum Zusehen gekommen, und fand solches Gefallen an ihr, daß er sie vom Fleck weg heiratete.
Die hübscheste und bekannteste Geschichte, die sich an jene prunkvollen Umgänge knüpft, ist Müllers Erzählung von der Prozession des Jahres 1584, wo morgens um 4 Uhr ein schreckliches Wetter losging - der Generaldirektor erhob sich an diesem Tage stets um halb zwei Uhr — und auch zu Beginn der Prozession der Himmel jeden Augenblick mit Regen zu drohen schien. Im Augenblick aber, als das Allerheiligste aus der St. Peterskirche herausgetragen ward, und Meister Orlando di Lasso seinen „herrlichen, wohlkomponierten, lieblichen Gesang ,0u8tnte ed videte“" anheben ließ, brach die Sonne hervor und schien während der ganzen Prozession zur innigsten Freude des Lizen- ziaten Müller, sowie auch des Fürsten und aller Teilnehmer. Erft nachdem die Prozession vorüber war, fing eö wie mit Schäffeln zu gießen an.
Gut Wetter am Fronleichnamstage gilt auch der Ernte wegen für wünschenswert, denn „Lorpu8 Christi hell und klar, deutet ein gutes fruchtbares Jahr."
Am Fronleichnamstag sind selbstverständlich auch heute die Straßen, welche die feierliche Prozession durchschreitet, mit grünen Birken besteckt; bunte Decken und Teppiche hängen aus den offenen Fenstern der Häuser, in reichem Blumenschmuck prangen die im Freien aufgerichteten Altäre, an denen die vier Evangelien gelesen werden. Und wenn schon vom Bilderreichtum der früheren Zeit so gut wie nichts geblieben ist, tut der Anblick der hohen und höchsten geistlichen Würdenträger, das Mitgehen der Bruderschaften und katholischen Studentenkorporationen, der lieblichen weißgekleideten Kinder und jungen Mädchen immer noch seine Wirkung. Nach der Prozession stürzen die Zuschauer, die jugend- lichen zumal, sich auf die straßenschmückenden Bäume und reißen sie in Stücke, um ein Zweiglein mit heimzutragen.
Bald hinter dem Corpus Ckristi-Tag kommt Johannes des Täufers Tag mit seinem lohenden Feuerzauber. Vom Sonnwendfeuer zu München ist schon erzählt worden; wer darüber sprang unversengt, galt für ein Jahr als gegen Fieber gefeit. Wer durch den Kranz, den er beim Tanzen um das Feuer getragen hatte, hindurch ins Feuer sah, den befiel angeblich kein Augenweh; ein noch glühender Brand vom Subendfeuer sollte ein Feld, in das er gesteckt wurde, vor Hagelschlag schützen. Gegen solchen Aberglauben trat schon frühzeitig die Kirche auf; doch erhielt der Brauch des Sonnwend- oder Iohannisfeuers sich zu München bis ins achtzehnte Jahrhundert, bis wiederholte polizeiliche Verbote ihn als feuergefährlich abstellten. Wunderschön anzusehen sind die Bergfeuer am Johannisabend, die, auf einer Anhöhe oder Bergkuppe entzündet, wie große Sterne die Nacht erleuchten. Durch Hineinschauen in ein fließendes Waffer, in der St. Iohanniönacht unter Anrufung des Heiligen, hoffen junge Dirnen ihren künftigen Liebsten zu erblicken. Waffer, das schweigend in der Frühe des Johannistages aus einem dem heiligen Täufer geweihten Brünnlein geschöpft wird, soll gleiche Heilkraft haben, wie das am Morgen des Ostersonntags geholte. Wer sich des Tages noch besonders freut, sind die Jäger und die Wilderer, denn zu Johanni geht die Jagd auf.
An den Johannitag knüpfte sich zu München ein alter Handwerksbrauch, der bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts bestanden hat. Die Lehrlinge der Schmiede und Schloffer trugen nämlich an diesem Feste eine kleine als Schmied gekleidete Puppe, je zu vier und vier, herum. Vor den Häusern ihrer Kunden schnellten sie die Puppe auf einem Leintuch auf und nieder, was man das „Jackelschutzen" hieß: Dazu sangen sie:
Wir schützen den Jackl in alle Höh',
Daß ihm'ö Weiß in 'n Augen vergeh'.
Eins, zwei, drei.
Der Jackl, der hat a groß' Paar Augen,
Der taugt uns wohl zum Geld aufklauben.
Eins, zwei, drei.
Der Jackl, der hat a große Nas'n,
Die taugt uns gut zum Feuer anblasen.
Eins, zwei, drei.
Der Jackl ist gar hochgeborn,
Hat wenig Hirn und lange Ohrn.
Eins, zwei, drei.
Natürlich empfingen sie von den Kunden für das Jacklschutzen ein kleines Geschenk. Der Name soll sich herleiten von dem großen Schmiedhammer, den die Schloffer und Schmiede „Jackl" nennen.
Auf Johannitag folgt der Festtag der Apostelfürsten Peter und Paul (29. Juni), der zwar vom Städter auch mit Besuch der Gottesdienste und Rasten von der Alltagsarbeit gefeiert wird, doch nicht so eifrig wie auf dem Lande, wo die zwei hohen Apostel als besondere „Wetterherren" geehrt sind.
An Mariä Heimsuchung (3. Juli) hat es Jedermann nicht gern, wenn es regnet, denn sonst regnet es drei Wochen lang. „Wie unser liebe Frau übern Berg geht" — (naß oder trocken) — „so geht sie wieder zurück."
So lange die Frucht auf dem Felde steht, sind Prozessionen und Bittgänge in Münchens Umgebung häufig, um Regen und Sonne, Gedeihen des täglichen Brotes zu erflehen. Desgleichen ist der Sommer die Zeit der meisten Wallfahrten. „Mit dem Kreuz gehen" heißt das Wallfahrten auf altbayerisch, und die Wallfahrer heißen auch „Kreuzleut". Von berühmten Gnadenorten nahe bei München steht schon an anderen Stellen dieses Buches zu lesen. Ein Haupttag, um nach Maria Eich oder gar zur Muttergottes von Altötting zu wallen, ist der „Großfrauentag", nämlich Mariä Himmelfahrt (15. August). Nichts ist holder, als die an diesem Tage in allen Kirchen schimmernde bunte Blumenfülle, denn an Mariä Himmelfahrt werden Blumen und Kräuter in großen Buschen und Körben zur „Kräuterweihe" gebracht. Die schönsten Blüten des Spätsommers umduften den Altar; heilsame Kräuter — heißt es — haben besondere Heilkraft in dieser Zeit, wie auch die giftigen oder für giftig geltenden Tiere und Pflanzen in ihr die giftige Eigenschaft verlieren.
Mit Mariä Himmelfahrt, dem schon erwähnten Großfrauentag, beginnt der „Frauendreißigft". Etliche Bäuerinnen, auch Städterinnen, hangen fest an der Meinung, daß die während des „Dreißigst" gelegten Hühnereier sich bester halten als alle übrigen, wie ja auch die Küchenkräuter in dieser Zeit am besten seien. Der „kleine Frauentag", Mariä Geburt (8. September), schließt den Dreißigst ab und schließt die schöne Jahreszeit, denn „an Mariä Geburt ziehen die Schwalben furt". Dem kleinen Frauentag vorher geht noch das Erntedankfest, nachdem das „tägliche Brot" glücklich in Scheunen und Vorraisräumen geborgen ist.
Die in den Herbst fallende Kirchweih bringt fett gebackene Schmalznudeln und die rösch gebratene Kirchweihgans. Die Hauptfreuden des Herbstes sind übrigens dann für den Münchner alter und neuer Zeit eigentlich schon vorüber, da das vierzehn Tage währende „Oktoberfest", der Kirchweih voraufgeht. Dies Fest, von König Max I. eingeführt, hat als Zweck und Ursprung eine Ausstellung der Landwirtschaft Bayerns, zumal des heimischen ViehftandeS. Die besten Tiere inländischer
Zucht erhalten Preise, deren Verteilung ehemals vor dem weißblau gestreiften, inmitten der Theresienwiese errichteten Königszelt stattfand. Es kamen drollige Szenen dabei vor, wie z. B. daß ein Bäuerlein dem verstorbenen Prinzregenten Luitpold die H<md dankbar schütteln, oder ein etwas protziger Großbauer nach der Prämierung seines Stieres dem ersten Bürgermeister von München ein Trinkgeld geben wollte. Wettrennen von tüchtigen Bauerngäulen finden statt, auch Preisschießen um eine Ehrenscheibe und eine Menge von Volksbelustigungen, wie eine solche Gelegenheit sie mit sich bringt. Der erste Sonntag im Oktober war der Haupttag: da bewegte sich der Festzug, in dem auch heute alle möglichen Münchner Vereine und ländliche Trachten vertre- treten sind, auf die von Menschen wimmelnde Festwiese zu Füßen der ehernen Bavaria. Die Budenstadt, die sich da ausbreitet, gewährt einen nahezu phantastischen Anblick; es duftet nach Eß- und Trinkbarem von aller möglichen Art. Das Fest dauert noch eine Woche nach dem Hauptsonnlag; dann beginnt, nach nur achttägiger Ruhepause, die Herbstdult (Michaelidult) in der Vorstadt Au, wo man ehemals die schönsten alten Stoffe, Geräte, Bücher um ein Spottgeld kaufte. Heute sind alle diese Dinge dort so teuer, wie sie auf allen Meffen und Märkten und in sämtlichen Trödlerläden sind. —
Mählich wird es still in Stadt und Land. Über die kahle Erde pfeift der kalte Wind. Das ernsteste Fest des Jahres naht: Allerheiligen- Allerseelen. (1. und 2. November.)
Am letzten Oktober schon stehen viele Gräber geschmückt; eö wimmelt und hastet zwischen den Grabfeldern, durch die Kirchhofsportale. Lampen und Kerzen werden herbeigetragen, die letzten Herbstblumen als Kränze und Sträuße über die Hügel ausgestreut. Es fällt oft schon der erste Schnee um diese Zeit, wenn der Geistliche im Rauchmantel, mit dem Weihwedel den Gang um die Gräber antritt. Liegt viel Schnee, so sagte man ehemals, daß im kommenden Jahre viel Wöchnerinnen sterben würden. Der alte Aberglaube, daß der, welcher in der Allerseelennacht um zwölf Uhr sich auf den Friedhof oder auf einen Kreuzweg stellt, die Toten des künftigen Jahres vorbeiziehen steht, ist bekannt. Altbayerischer Glaube ist außerdem: die in der Fremde begraben liegen, kommen in der Nacht vor Allerseelen an ihren Heimatort geflogen, um am Libera und Segen auf dem heimischen Gottesacker ihren Anteil zu haben. Noch eine alte Überlieferung erzählt von den nächtlichen Gottesdiensten der abgeschiedenen Seelen in Kirchen und Domen. Die Nacht vom l. auf 2. November gibt alle Geister frei. Fährt der Wind heulend und mit unheimlicher Macht einher, so hören feine Ohren das Klagen der abgeschiedenen Seelen heraus. In alten Zeiten war es Brauch, den armen Seelen Speise hinzuftellen; wer ihnen diese wegaß, mußte noch im selben Jahre sterben, dafern er nicht durch eine besondere Guttat einer armen Seele aus dem Fegfeuer half. Besonders verdienstlich sind Gebete und Liebeswerke für das Heil der allerärmsten Seele, deren sonst Niemand mehr gedenkt.
Am 25. November ist in München in vielen Gasthäusern „Katharinentanz", weil hernach, im Advent, die fromme Vorbereitung auf die Ankunft des Gotteskindes solche Vergnügungen nicht zulaßt. Daher der Spruch: „Sankt Kathrein stellt's Tanzen ein."
Advent! — Im „Engelamt" in der dunklen Frühe tönt der alte flehende Gesang: „Tauet Himmel den Gerechten, regnet Wolken ihn herab! Auf tue sich die Erde und sproße den Heiland!"
Dem von den Kleinen so sehnlich erwarteten Christkind geht noch ein Gabenspender voraus, der Nikolaus oder Niklo am 6. Dezember. Nach alter Sitte erschien er als heiliger Bischof, meist beritten, weißgewandet mit goldenem Hauptschmuck; als finsterer Gefährte schritt ihm der haarige, ungefüge Klaubauf zur Seite. Heutzutage kommt, um Fleiß und Betragen der Kinder zu prüfen, ehrwürdig im langen Bart und Pelzrock der „Niklo" mit Sack und Rute, macht aber von der letzteren selten Gebrauch, schüttet hingegen fleißig den süßen Inhalt des ersteren aus. Alle Bäcker-Schaufenster Münchens liegen voll eßbarer Nikolausfiguren aus Marzipan- und Lebkuchenteig, zum Teil nach entzückenden alten Modeln, zum Teil grotesk modern: Teufel, Bauernweiber, Bergfexn und dergleichen.
Eine anmutige Art, das Schicksal zu befragen, bringt kurz vorher der Tag der heiligen Barbara, der 4. Dezember. Überall wurden und werden an diesem Tage „Barbarazweige" feilgeboten, d. h. Zweige vom Flieder, vom Kirschbaum, der Kastanie usw., die schon Augen angesetzt haben. Die stellt man in laues Wasier in einen warmen Raum und tut bei jedem Zweig einen heimlichen Wunsch. Hat der Zweig bis Weihnacht Blüten getrieben, so geht der Wunsch in Erfüllung.
Die drei letzten Sonntage vor dem Christfest hießen ehemals: der „kupferne", der „silberne" und der „goldene"; an allen dreien durften die Verkaufsläden geöffnet sein.
Im alten München hieß der Abend des letzten Donnerstages vor Weihnachten „die KlöpfleinSnacht". Es war üblich, daß die Dienstmägde bei den Krämern, Bäckern und sonstigen Gewerbsleuten, wo sie das Jahr über einkauften, desgleichen die Lehrlinge bei den Kunden ihrer Handwerksmeister, ein kleines Geldgeschenk oder auch Lebkuchen, Kletzenbrot und Ähnliches erhielten. Dabei sagten oder sangen sie folgenden Spruch:
„Hollah, Hollah, klopf an!
D' Frau Hot an scheanen Mann.
Seit mir d' Frau a Küchl zum Lohn,
Daß i an Herrn gelobt hon;
A Küchl und an Zelten.
Da Peter wirds vergelten;
Da Peter is a heil'ger Mann,
Der alle Ding vergelten kann."
Womit gesagt sein sollte, daß St. Peter, der Himmelspförtner, dereinst den Mildtätigen mild vergelten und ihnen die Himmelstüre öffnen werde.
Das „Klöpfeln" auch „Ansingen" ward außerdem sowohl an den Abenden vor Weihnachten, wie in der ganzen Zeit zwischen Weihnacht und Dreikönig geübt. Anklopfend und die alten schönen Weihnachtslieder singend, zogen Kinder und junge Leute von Haus zu Haus, wurden überall reich beschenkt. „Halloh, halloh, Klöpfleönacht 1 Wer nix gibt, der iS nit brav", riefen sie strafend an den Häusern empor, wo ihnen nicht alsbald aufgetan ward. Jetzt ist der Brauch nur noch hie und da auf dem Lande lebendig.
Mit zahlreichen Wundern schmückte die Volksphantasie ehedem die gnadenreiche Weihnacht aus. Um Mitternacht sollten an den dürren Asten der Obstbäume goldene und silberne Blüten aufsprießen; aus dem Brunnen sollte lauterer Wein rinnen, aber dem Vorwitzigen, der absichtlich deswegen von der Christmette daheimblieb, konnte es übel ergehen. Ein Schlemmer und Trunkenbold erpaßte die Mitternacht, um gierig an den nächsten Brunnen zu eilen und dessen Strahl sich ins Maul laufen zu lassen. „I schmeck an Wein", schrie er beglückt, und — „du bist mein", ergänzte der Teufel, der schon lange auf ihn gelauert hatte und nun mit ihm davonfuhr. Um Mitternacht soll auch das Vieh im Stalle menschliche Sprache erhalten und die Zukunft offenbaren können.
Da sehr viele Münchner zur Christmette gehen, sind die Straßen Münchens gegen Mitternacht so belebt, wie am Tage. Das Schießen aus Freude ist lange abgekommen; daegegen ist in jüngster Zeit die alte Sitte des nächtlichen Blasens vom Kirchturm wieder neu belebt worden. Auf den Friedhöfen, obschon diese jetzt weit außerhalb der inneren Stadt liegen, geht es am hl. Abend lebhaft zu. Tannenbäume und Lichterkronen brennen auf vielen Gräbern, ein Zeichen, daß die Liebe nimmer aufhört.
Wie schon erwähnt, fand in München am zweiten Weihnachtsfeiertage, dem Tage des Erzmärtyrers Stephan, der Stephansritt statt.
Denn dieser Heilige ist, außer dem heiligen Leonhard und dem heiligen Wendelin, der Hauptpatron für das Vieh, zumal für die Pferde. An seinem Feste ließ man darum den Pferden zur Ader oder ritt sie um eine Stephanskirche herum, wie dies in München um die Stephans- kirche des alten (südlichen) Friedhofes geschah.
Die Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönig führen gemeinsam den Namen „Rauhnächte" oder „Rauchnächte" und gelten sämtlich als zum „Lössln" geeignet. Um z. B. zu erfahren, ob ein Verschollener noch am Leben ist, bindet der Fragende in einer der Rauhnächte einen Ring an einen Faden und nimmt diesen zwischen die Finger, indem er sich vor den Tisch stellt. Auf den Tisch sind ein Stück Brot und ein Häufchen Erde gelegt; neigt nun der zwischen den Fingern baumelnde Ring sich nach dem Brot, so lebt der Verschollene noch — i im andern Falle ist er tot. Vollends am letzten Tag des alten und ersten Tag des neuen Jahres, tritt alter Brauch und Glaube, auch Aberglaube in sein Recht. Nachdem in den Kirchen feierlicher JahreS- fchluß stattgefunden hat, gibt es allerorten fröhliche Silvesterfeiern mit Punsch und Krapfen. Auch wird mit großem Lärm um Mitternacht das neue Jahr angeschossen. Aber daheim im Stübchen legt vielleicht Mancher oder Manche sich einen geweihten Gegenstand unter das Kopfkissen, weil es heißt, daß einem dann das Erleben des neuen Jahres träumt. Oder ein Mädchen übt einen von den schicksalskündenden Bräuchen, die in der Silvesternacht gang und gäbe sind. Eine Art, um zu erforschen, welcher Art der künftige Gatte sein würde, war folgende: Am Neujahrsmorgen stellte sich das Mädchen früh vor die Haustüre, einen vom Christabend aufbewahrten Apfel schälend. Wer dann zuerst vorbeiging, ein Schuster, Schlosser, Schreiber usw. aus dessen Stande sollte ihr Liebster sein. Es galt und gilt auch noch für wichtig, wer Einem am ersten Januar zuerst begegnet. Alte und Kranke sollen Unglück bringen, Kinder und junge, schmucke Leute Glück.
Das Neujahrsingen ist, wie überhaupt das Singen und Klöpfeln dieser Festzeit, aus München verschwunden; ehemals war es allgemeiner Brauch. Die schönen alten Lieder, die dabei gesungen wurden, bezogen sich alle auf die gnadenreiche Geburt des göttlichen Kindes, auf das neue Jahr, „das uns hereingeht", außerdem enthielten sie Wünsche für sämtliche Hausgenossen. Solch ein Lied möge hier am Schlüsse im Auszug stehen:
„Wir treten einher ohn' alles Gefahr,
Wir wünschen euch Allen ein glückseligs Neujahr,
Ein neues Jahr, eine gute Zeit,
Die uns Gott Vater vom Himmel geil.
Wir wünschen Euch einen goldenen Tisch^
An jedem Eck ein' gebackenen Fisch
Und in der Mitten ein GläSlein Wein,
Das soll euch wohl bekommen sein!
Wir wünschen euch zum neuen Jahr
Ein neugebornö Christkindl mit krausem Haar.
Wir wünschen Gesundheit für Klein und Groß,
Gott behüt' eure Truhn, eure Rinder und Roß;
Und daß wir aufs Jahr wieder kommen gegangen,
Und daß wir uns Alle mit Freuden empfangen.
Sprecht Amen, sprecht Amen! das werde wahr:
Gott führ' uns allsammen zur himmlischen Schar!
Raff - So lang der alte Peter...
Der Tag des Münchener Bürgers
August Lewald (1792—1871), der bekannte Publizist und Theatermann, hatte bereits acht Jahre seines bewegten Lebens in München, der Vaterstadt seiner Gattin, verbracht und war eben daran, seinen Stab nicht ganz freiwillig weiterzusehen, als er im Jahre 1835 sein „Panorama von München" erscheinen ließ, eine unterhaltsame, der satirischen Würze nicht ermangelnde Naturgeschichte Münchens. Dem „Panorama" ist nachfolgendes Stück entnommen:
Ein Münchner Bürger, der einigermaßen sein Auskommen hat, arbeitet wenig und lebt nur dem Vergnügen. Er überläßt seinen Gesellen die Arbeit, seiner Frau den Verkauf und die Wirtschaft. Er steht nicht zu früh auf und ißt mit seiner Frau die Morgensuppe, die bald aus Brot, bald aus geröstetem Mehle besteht und durch Pfeffer sehr pikant gemacht wird, um zum Trünke zu reizen. Sobald das Fleisch, das für den Mittag bestimmt ist, den ersten Grad der Eßbarkeit erlangt hat, was bei den Franzosen „succulant“ genannt wird oder „dans son jus“, so wird ein gutes Stück heruntergeschnitten und dem Wackern Meister mit Senf zum Imbiß aufgetragen. Dieses Gericht wird „Schüsselfleisch" benannt und ist sehr beliebt. Nachdem es eingenommen worden, nimmt der Meister Lut und Stock und begibt sich ins Weinhaus, um ein gehöriges Quantum Würzburger oder Äberrheiner Weins zu sich zu nehmen. So nahet sich Essenszeit, zwölf Ahr. Der Meister begibt sich nach Lause. Die Speisen, die alle Tage auf seinen Tisch kommen, können seinen Gaumen nicht mehr reizen. Es ist eine sogenannte eingekochte Suppe, eine Fleischbrühe mit irgendeiner Art von Mehlteig; dann das Voressen: aus dem Kopse, den Füßen oder den Eingeweiden des Kalbes bestehend, in sauerer Tunke und endlich das Rindfleisch, „altes Fleisch" genannt, mit Gemüse. Dieselbe Ordnung und dieselben Gerichte kehren alle Tage wieder. Nur der Fasttag macht eine Ausnahme und der Feiertag. An dem ersten wird die Fastensuppe, Knödel und Nudel aufgetischt, an den: letzter» erscheint ein Kalbsbraten und Salat und an den höchsten Feiertagen, den Kirchweihen usw., wohl noch ein Ragout in Pastetenteig, welches das feierlichste und vornehmste Gericht ist, das wohl jemals auf der Tafel eines Münchner Bürgers erscheint.
Nach Tische wird ein kurzer Schlummer nicht verschmäht und dann im eigenen Einspänner oder zu Fuße und, wenn es das Gewerbe zuläßt, auch in Gesellschaft der Frau eine weitere oder kürzere Promenade gemacht. Das kopiöse Frühstück, das den Appetit von Mittag verdrängt, ist jetzt verdaut, und man fühlt sich geneigt, Schinken, Käse oder Wurst zu verzehren und einige Gläser Bier dabei zu trinken. Das nimmt den ganzen Nachmittag in Anspruch, und die fünfte Stunde, die sonst wohl erst zum Spaziergange einzuladen pflegt, fordert hier zur Leimkehr auf. Die Frau, wenn sie den Mann begleitete, wird nach Lause gebracht, und dieser stopft seine Pfeife von neuem, pfeift seinem Lunde und geht auf den Keller, um sein Bier zu trinken und mit einem Stück Kalbsbraten oder einem gebratenen Luhn die Reihe der täglichen Mahlzeiten auf eine würdige Weise zu beschließen. Der Winter macht hierin nur insofern eine Abänderung, als statt des Kellers am Abend irgendein Kaffeehaus oder eine geschlossene Gesellschaft besucht wird.
Wenn man auf solche Weise den Mann nur selten im Lause antrifft, so ist es hingegen die Frau, die, wie bei den Franzosen, dem Geschäfte vorsteht, die Rechnungen führt, den Verkauf besorgt und von Morgen bis Abend alle Lände voll zu tun hat. Dies bringt dem Geschäfte nur Gewinn; denn während der Mann nicht sehr einnehmend in seinen Manieren ist und von zuvorkommender Löflichkeit nichts wissen will, ist die Frau bemüht, den Käufer durch Freundlichkeit anzuziehen und mit einer Fülle von gutmütiger Bereitwilligkeit, unermüdlich des kleinsten Gegenstandes wegen, zu unterhandeln.
Wolf - Ein Jahrhundert München
„Riegelhäubchen" und Schönheitengalerie
In seinem „Panorama vor: München" plaudert August Lewald über die Münchnerin:
Die so sehr beliebte Riegelhaube, die besonders den jungen Münchnerinnen gar zierlich zu Gesichte steht, ist ein ganz eigentümlicher Kopfputz, der mit keinem an dem in Deutschland einige Ähnlichkeit zeigt. Das Läubchen ist flach und hat einen mäßig gewölbten Deckel, etwa einen Zoll hoch, und nur so groß, um den Zopf, der oben auf dem Scheitel in ein Nest geschlungen wird, zu umfassen und zu bedecken. Das Hintere Ende dieses Deckels ist in der Mitte aufgezogen und durch eine Spange befestigt, so daß an jeder Seite eine kleine Spitze entsteht, die sich horizontal ausstreckt. Während nun das Läubchen auf dem Zopfe sitzt, stehen die beiden Spitzchen nach hinten in freier Luft, und zwar wird die Riegelhaube so getragen, daß man darunter das Laarnest deutlich sieht. Auch dieser provinzielle Kopfputz, der nur in München und seiner nächsten Umgebung angetroffen wird, ist indes der Mode unterworfen und hat im Laufe der Zeiten manche Veränderung erleiden müssen. Die älteste Form, die wir noch bei ganz alten Mütterchen, wiewohl selten antteffen, ist die sogenannte „Zughauben", bedeutend größer und mit einem ziemlich breiten Vorstoße angekrauster Spitzen versehen. Vor zehn Jahren noch würden die zierlichsten Bürgermädchen das Riegelhäubchen nicht anders aufgesetzt haben als tief in den Nacken geschoben, wie es jetzt nur noch ältere Frauen ttagen, während die junge Welt es auf die beschriebene Weise, hoch droben, auf dem Zopfe schwebend, ttägt. Auch erfindet die Mode von Zeit zu Zeit andere Muster in derZeichnung, den Stickereien usw., die von den eleganten Münchnerinnen genau beobachtet werden müssen. Dies nennt man: „Es ist ein neuer Riß aufgekommen". Wie Otto König von Griechenland wurde, brachte der schöne „Ottoriß" eine allgemeine Riegelhäubchenreform hervor, und alles eilte, seine alten Läubchen auszubrennen, um sich eine moderne anzuschaffen. Da der Preis einer solchen vier Louisdors, auch mehr ist, da man sie von Gold hat, mit echten Perlen reich bestickt, und der reine Metallbettag nach dem Brennen nur gering ist, so sieht man leicht ein, daß diese Mode so kostspielig wie eine andere mitzumachen ist.
Jüngere Frauenzimmer aus dem Bürgerstande tragen außer der Riegelhaube nichts mehr, was an die altbürgerliche Tracht erinnerte, und kleiden sich im übrigen ganz genau so, wie es die allgemeine Mode verlangt. Zum Unterschiede von anderen Damen nennt man diese daher schlechtweg „Riegelhäubchen".
„Last du das bildhübsche Riegelhäubchen gesehen?" kann man oftmals auf Bällen hören. Oder „ich habe mit einem allerliebsten Riegelhäubchen getanzt" usw. Der König hat einige der schönsten Riegelhäubchen für seine Privatgalerie vonStieler malen lassen, und diese Porttäts sind auch im Kunstverein und in der Kunstausstellung gesehen worden. Es ist nicht wohl anzunehmen, daß dies Beginnen der Moralität förderlich sei. Die stillen Bürgerstöchter sehen sich auf solche Weise zu einer Celebrität erhoben, die ihnen oftmals sehr verderblich wird. Sie erregen Aufmerksamkeit, wo sie sich blicken lassen, und der Gedanke „Du bist die Schönste, weil es ja der König selbst gesagt hat und Stieler dich malen mußte", verdreht die Köpfchen, facht Loff- nungen und Wünsche an und untergräbt oft das Glück des ganzen Lebens.
Zwei der bekanntesten dieser in die Galerie des Königs aufgenommenen Schönheiten waren die Tochter eines Wildbreihändlers, gewöhnlich nur „die schöne Wildbretstochter" und ein Dienstmädchen bei dem Kaufmann Auracher, „das Auracher- madl" geheißen. Beide waren indes nichts weniger als vollkommen schön und bedurften sehr der Kunst des Malers, die es verstanden hat, ihre Vorzüge im hellsten Lichte darzustellen. Die erstere erschien gewöhnlich an der Seite ihrer Mutter, welcher sie sehr ähnlich sah, und deren plumpe, gealterte Züge daher den jugendlichen der Tochter nicht eben zur Folie dienten. Die Augen waren ohne Ausdruck, der Mund gekniffen, die Rase aber edel, feingebogen und vor allem die Laut, hier das „Fell" genannt, überaus zart, durchsichtig und schön gefärbt.
Das Benehmen, der Gang, die Lattung dieser Schönheit war jedoch auffallend steif und gemessen; die natürliche Grazie, welche sonst den Riegelhäubchen angehört, war ganz verschwunden, wahrscheinlich eine Folge des Lochmuts, sich auf eine zierlichere, ausgezeichnete Weise benehmen zu wollen, die dann in unangenehme Geziertheit ausartete.
Das „Aurachermadl" konnte für ein Bild der Anschuld, Gutmütigkeit und Züchtigkeit gelten. Die Augen lagen etwas tief, waren aber dunkel und ausdrucksvoll, das Näschen war fein, und wenn je Lippen verdient hatten, mit einem Purpurkirschenpaar oder noch besser mit Rosenknospen verglichen zu werden, so waren es diese. Das Mädchen sah im Putze des Sonntags mit dem Silberhäubchen auf dem rabenschwarzen Laar wirklich allerliebst aus. Aber auch diese hob die Augen nicht vom Boden und ging nie ohne sichtbare Bewegung an gaffenden Männern vorüber, als Folge der durch das Malen erlangten Celebrität. Man erzählte, daß der König dieser Schönheit als Aussteuer tausend Gulden versprochen haben solle, sie aber bestimmt verweigerte, als ein ffemder Abenteurer sich um ihre Land bewarb, wahrscheinlich um in den Besitz der Aussteuer zu gelangen. Das Mädchen grämte sich darüber einige Zeit lang und sah kränklich aus. Sie wurde allgemein beklagt; jetzt aber wird sie einem Zöglinge der Akademie der bildenden Künste die Land reichen. So interessierte das Schicksal eines Mädchens, von dem sonst niemand Notiz genommen haben würde, die ganze Stadt bloß deswegen, weil sie schön und als Schönheit gemalt worden war!
Wolf - Ein Jahrhundert München
München im Jahre 1829
Friedrich Wasmann, der Lamburger Maler, hat eine Selbstbiographie hinterlassen, die von Bernt Grönvold unter dem Titel „Ein deutsches Künstlerleben" veröffentlicht wurde. Seine Münchner Erlebnisse und Eindrücke schildert er darin so:
In den letzten Tagen des Oktoberfestes traf ich in München ein. Das Wetter war schön und alles voll Leben und Bewegung. In der Michaelskirche wurde zum Iahresgedächtnis eine Totenfeier für den letztverstorbenen König gehalten. Die Tiroler Berge lagen glänzend in der Ferne, als ich mich ins Krankenhaus begab, um von meinem Anwohlsein wieder zu genesen. Freunde und Landsleute aus Lamburg besuchten mich sieißig, während ich krank lag, und ich fühlte mich nicht so verlassen, wie einst unter ähnlichen Amständen in Dresden. Als ich, wieder hergestellt, zum ersten Male wieder in die Stadt kam, war ich wie berauscht vom Gefühl der Genesung und Freiheit, und alles, was ich sah, gefiel mir.
Ich fand ein passendes Quartier im Mariengäßchen am Jsartor, wo damals noch der alte Turm, der sogenannte „Lueg ins Land", stand, anstatt der neuen Triumphpforte mit dem von dem Maler Neher in Fresko gemalten Einzug Ludwig des
Aus Münchens Fürstenschlössern
Albrecht V. und Orlando di Lasso Die ausgesprochene, in großem Stil sich betätigende Kunst- und Prachtliebe Albrechts des Fünften, dieses typischen deutschen Renaissancefürsten, war keineswegs eine Ursache reiner Freude für seine Landstände und seine obersten Räte. Die sprachen ihm in einem schriftlichen Gutachten vom Sommer 1558 ihr „herzliches Mitleiden" aus, daß er „solche hergelaufene unbekannte, liederliche Leute am Hofe überhandnehmen" und „zu so vilfeltigen gepewen, malereyen, kift- lereyen" sich bereden lasse. - Die guten Räte hatten von ihrem Standpunkt, im sorglichen Hinblick auf ihres Herzogs wachsende Schuldenlast, nicht ganz unrecht; aber auch der Herzog hatte nicht unrecht, wenn er mit Unwillen das wohlmeinende Schriftstück aufnahm und ungnädig beantwortete.
Denn zu den „Malereien" die man ihm vorwarf, gehörten unter anderen die Gemälde und Miniaturen von Hans Mielich, zu den „Kiftlereyen" (Holzschnitzereien) Jakob Sandtners prachtvolle Holzmodelle bayerischer Städte, vor allem das große Stadtmodell von München, das eine Perle des bayerischen Nationalmuseums bildet. Unter den „Gebäuen" befand sich beispielsweise das heutige Münzgebäude, enthaltend das bauliche Kleinod des sogenannten Turnierhofs; und mit den „hergelaufenen liederlichen Leuten" ward merklich auf einen kürzlich neu Berufenen gezielt: Orlando di Lasso.
Ein Freund der Künste überhaupt, war Albrecht V. besonders ein Freund der Tonkunst; die Liebe zur Musik war ein Erbteil der baye* 126 * rischen Herzöge. Mit seinem Sohne Wilhelm, der zu Landshut eine eigene Hofmusik hielt, wechselte Albrecht ausführliche Briefe über neu zu gewinnende oder gewonnene Kräfte für die „Cantorey" (Hofkapelle). Desgleichen schreibt der kaiserliche Vizekanzler und bayerische Gesandte in Brüssel, Dr. Selb, von „guten Singern", auch Knaben, um die er sich für Albrecht bemüht. Das fürstliche Cantorey- haus stand an der Ostseite des heutigen „Platzls", damals Graggen- au geheißen; die einstige Stätte des Cantoreyhauses nimmt ein Teil des jetzigen Hofbräuhauses ein. Die Hofkapelle pflegte bei den gesungenen Ämtern in der alten Hofkirche zu St. Lorenz mitzuwirken, sowie bei Hofe die Tafelmusik zu bestreiten; später ließ sie sich hören in dem 1558 — 62 erbauten großen Saal der Neuveste. Ihre Mitglieder teilten sich in Sänger und Instrumentalisten; sie wurde, so scheint es, umgebildet nach dem Muster der kaiserlichen Kapelle durch den hervorragenden Tonmeister und großen Kontrapunktisten Ludwig Senfl, der von 1525 an am Hofe Wilhelms I V. gelebt hatte. Er war ein Schüler des flandrischen Komponisten Isaak. Von allen Zeitgenossen war er gepriesen worden: der gelehrte Benediktiner Wolfgang Seidl aus Tegernsee hatte eine begeisterte sapphische Ode auf ihn gedichtet; Luther hatte ihn hochgeschätzt und in einem Schreiben an ihn die Wittelsbacher Herzöge, die er in religiöser Hinsicht befehdete, höchlich gerühmt, weil sie die Musik so pflegten und ehrten. Senfls Behausung befand sich in der Hofstatt Nr. 6, ganz nahe von seinem Freunde Simon Schaidenreißer. Er starb zu München um 1555.
Zu Beginn von Albrechts V. Regierung nun war der Kapellmeister Ludwig Daser, ein geborener Münchner, Leiter der Hofkapelle, der auch kompositorisch tätig war. Obschon erst ein Dreißiger, ward er 1559 pensioniert, offenbar um Orlando di Lasso Platz zu machen. Er ging später nach Stuttgart und starb als Kapellmeister dort 1589. Ein Zug jener Zeit war das Vordringen des ausländischen, zumal italienischen und niederländischen Elementes auf jedem künstlerischen Gebiete. Im Falle Orlando di Lassos trat noch dessen überrragende künstlerische Bedeutung hinzu. Hans Jakob Fugger, dem der Grundstock von Albrecht V. Bibliothek und Handschriftensammlung zu danken ist, sandte 1556 eine Motette Orlandos nach München; durch seine Vermittlung berief Herzog Albrecht den jungen Meister in seine Hofkapelle und später zu deren oberstem Leiter. Alle Hauptwerke Orlandos sind in München entstanden. Auf Bestellung Albrechts komponierte Orlando seine berühmten fünfstimmigen „Sieben Bußpsalmen Davids". Unmöglich, die Fülle des von Orlando Geschaffenen hier auch nur zu streifen. Kaiser Max II. verlieh ihm für seine „orländischen Gesänge" (die Herzog Albrecht dem Kaiser mitgeteilt) den erblichen Adel; Papst Gregor XIII. bereitete dem Künstler, als dieser ihm in Rom persönlich seine fünfstimmige Messe überreichte, einen ehrenvollen Empfang und machte ihn zum Ritter des goldenen Sporns. Dazwischen lud Karl IX. von Frankreich Orlando zu sich nach Paris, um seine Meinung bei Errichtung der von dem König gestifteten musikalischen Akademie zu vernehmen. Doch blieb der Meister, trotz aller schmeichelhaften Anerbietungen, die ihm anderwärts gemacht wurden, stets München freudig getreu.
Dies änderte sich auch nicht, als 1579 Albrecht der Fünfte das Zeitliche segnete und den Ruhm eines „gottesfürchtigen, stattlichen und gar vernünftigen Herren" zurückließ, „der gelahrte und kunstreiche leit vast lieb hält und baiern zieren wollt von innen undt von außen." Denn Wilhelm V-, fein Nachfolger, hielt Orlando nicht minder in Ehren. 1580 lehnte der Meister einen Antrag des Kurfürsten August von Sachsen ab, unter Hinweis auf die reichliche Entlohnung und sonstigen Güter, mit denen die Gunst der beiden Bayernfürsten ihn bedacht hatte.
Um die zeitliche Wohlfahrt des Meisters Orlando war es also gut bestellt; dazu kam noch die Auszeichnung und persönliche Wärme, die er von den Herzögen genoß. Und neben den Ehren, die sein Schaffen ihm erwarb, lebte er ein glückliches, häusliches Leben, vermählt mit Regina Weckhinger, „einer herzoglichen Kammerdienerin", die ihm achtzehn Kinder gebar, zehn Söhne und acht Töchter. Wenn der Dienst seines Fürsten ihm nicht Zeit ließ, das von Wilhelm V. ihm geschenkte Landhaus in Schöngeising an der Amper aufzusuchen, weilte er des Sommers „zur Recreation" in einem anderen Garten, den er „sambt einem Hauß darinn" vor den Toren der Stadt, in der Lehel-Gegend besaß. Da fanden wohl auch die Freunde sich öfters ein: Friedrich de Sustris und dessen Schwiegersohn HanS Krumpper, Peter Candid, Lizenziat Müller und des Herzogs Leibarzt Dr. Thomas Mermann mit dem tiefgründigen Forscherblick, den, wie des Meisters Orlando Witwe noch bezeugt, „ihr Mann seliger" vor Allen geliebt hat am fürstlichen Hofe.
Orlandos letzte Jahre waren verdunkelt durch Schwermut und Ge- mütsverdüsterungen, die Folgen rastloser geistiger Überanstrengung —> über zweitausend Werke hat er geschaffen. Umgeben von Frau und Kindern, sowie treuen Freunden starb er, zweiundsechzigjährig, eines sanften Todes. Er ward bestattet bei den Franziskanern, deren Kloster und Freithof sich bekanntlich an der Stelle des heutigen Nationaltheaters befand. Demgemäß ist von der Grabstätte des „Fürsten der Musik", wie seine Zeitgenossen ihn nannten, keine Spur ge* 128 * blieben; sein Grabstein jedoch steht im Bayerischen Nationalmuseum, mit der Inschrift:
„Hic jacet Orlandus ille Lassus,
Qui lassum recreat orbem.“
Das Wohn- und Sterbehaus Orlando di Lassos ist die heutige Gaststätte am „Platzl", die seinen Namen trägt.
Raff - So lang der alte Peter...
München im Jahre 1829
Friedrich Wasmann, der Lamburger Maler, hat eine Selbstbiographie hinterlassen, die von Bernt Grönvold unter dem Titel „Ein deutsches Künstlerleben" veröffentlicht wurde. Seine Münchner Erlebnisse und Eindrücke schildert er darin so: In den letzten Tagen des Oktoberfestes traf ich in München ein. Das Wetter war schön und alles voll Leben und Bewegung. In der Michaelskirche wurde zum Iahresgedächtnis eine Totenfeier für den letztverstorbenen König gehalten. Die Tiroler Berge lagen glänzend in der Ferne, als ich mich ins Krankenhaus begab, um von meinem Anwohlsein wieder zu genesen. Freunde und Landsleute aus Lamburg besuchten mich sieißig, während ich krank lag, und ich fühlte mich nicht so verlassen, wie einst unter ähnlichen Amständen in Dresden. Als ich, wieder hergestellt, zum ersten Male wieder in die Stadt kam, war ich wie berauscht vom Gefühl der Genesung und Freiheit, und alles, was ich sah, gefiel mir.
Ich fand ein passendes Quartier im Mariengäßchen am Jsartor, wo damals noch der alte Turm, der sogenannte „Lueg ins Land", stand, anstatt der neuen Triumphpforte mit dem von dem Maler Neher in Fresko gemalten Einzug Ludwig des Bayern. Die Kunst hatte erst angefangen, ihre verschönernde Land an die Laupt- stadt zu legen. Die meisten Straßen ttugen noch das schlichte Äußere des alten Bürgertums, und über den Türen der Landwerkshäuser las man auf den Schildern das unvermeidliche „bürgerlich" dem Lebzelter, Salzstößler usw. vorangesetzt. Sprache und Sitten waren damit im Einklang, auch die Einfachheit und Wohlfeilheit der Lebensmittel. Treffliches Bier verlangte der Taglöhner ebenso unverfälscht zu trinken wie der Bankier, da es mit einem Stück guten Brotes oft die einzige Nahrung der ärmeren, schwer arbeitenden Volksklasse ausmachte, und diese Gleichheit der notwendigsten Bedürfnisse gab der ganzen Masse der Bevölkerung einen Anschein von Behäbigkeit und ließ den Anterschied der Stände nicht so grell hervortteten. Man sah in den Bräuhäusern Studenten, Soldaten, reiche Bürger, Landwerksburschen und elegante Lerren gemütlich nebeneinander sitzen. Gutes Bier war die Losung, und München war damals auch wegen seiner Naturwüchsigkeit und Wohlfeilheit ganz besonders das Dorado für die Künstlerwelt.
Auf diesem katholischen Boden wuchs, von der Sonne der Fürstengunst beschie- nen, die junge Kunstpflanzung unter Cornelius empor. Die Großmut des Königs Ludwig I. ermöglichte es diesem Meister, den alten Sauerteig auszufegen, mit gleichgesinnten Männern eine neue, auf Wahrheit und Geschichte gegründete Richtung anzubahnen und die Adlerschwingen des Genius zu entfalten. Es war dies kein leichtes Anternehmen, nachdem die Tradition aus den Lerzen der Völker entrückt, die Kunst ein Monopol der gebildeten Welt in Gestalt der Akademie mit konventionellen Formen geworden war und es in Frage steht, ob sie je wieder Sache des christlichen Volkes und wie in alten Zeiten demselben verständlich werden kann. Diese Männer arbeiteten und kämpften wie Riesen, Erstaunliches leistend. Selbst als die neu auftauchende Mode des Tages, „unbeständig wie der wechselnde Mond", wiederum eine ihnen feindliche Richtung begünstigte, wußten sie ihre Stellung zu behaupten und, ohne vom Platze zu weichen, in ihrem Sinne fortzuwirken.
Aber nicht für Künstler allein, auch für andere, nach gleichem Ziele strebende Geister war die Regierung des großen Königs ein irdisches Paradies und die Blütezeit der christlichen Romantik. Es war eine Vereinigung von Männern, die, in gemeinsamem Ringen für Wahrheit und Religion begeistert, in einem angemessenen, großen Wirkungskreis, verbunden mit einer behaglichen Existenz, lebten.
Nach dem Vorgänge vieler andrer Künstler ging ich nicht auf die Akademie, sondern suchte nach einer Skizze, die ich auf der Reise entworfen, etwas im Genrefach zu leisten. Ich hatte mir Lebels Alemannische Gedichte gekauft, und diese, nebst Goethes Faust, bildeten fast meine einzige Lektüre, während ich einen Karton zeichnete, den ich noch in diesem Jahre fertigmachte, so daß ich im neuen Jahre zu malen beginnen konnte. Fortwährende Kränklichkeit ließ mich aber nie recht zum Genuß des Schaffens und zu tüchtiger Durchführung einer größeren Arbeit kommen; doch war es die schönste Zeit meines Lebens, und ich fühlte mich von dem Strom der Ideen gleichsam gehoben und getragen. Selbst diejenigen, welche sich nur mit Darstellung von Naturgegenständen beschäftigen, wußten einen gewissen Adel und Würde in ihre Arbeiten zu legen, wie die kleinen, anspruchslosen, aber exakt durchgeführten Bilder von Peter Leß und Leidegger noch jetzt wie Edelsteine unter den Genrebildern glänzen. Der Troß der krassen Naturalisten, welche die Natur sozusagen auf die Leinwand kleben, hielt sich in bescheidener Entfernung. Mittelmäßigkeit und technische Bravour gehörten noch nicht zur Tagesordnung, solange noch Cornelius und seine Schüler als Autorität galten; erst später wurden sie Herren des Terrains und wußten sich für den ihnen auferlegten Zwang reichlich zu entschädigen. Es war neben der Akademie, außer der Schule des Cornelius und der Professoren Schlotthauer und Schnorr, besonders Heinrich Heß, welcher mit Takt und Sachkenntnis auf einfache Weise junge Leute zu Künstlern bildete, indem er sie ohne das Mittel der Akademie und lange Übergänge rasch in die praktische Übung der kirchlichen Kunst mitten hineinsetzte, sie von Lehrbuben zu besseren Arbeitern aufsteigen ließ und endlich zu großen, monumentalen Werken in der Kirche verwendete. Seine bedeutendsten Schüler waren einst aus dem schwäbischen Allgäu: jener leider zu früh verstorbene Fischer, welcher die Kartons zu den Glasfenstern der Auer Kirche zeichnete, und die drei Gebrüder Schraudolph, von denen der erste in der Folge eine eigene Schule gründete. Ich sah in späterer Zeit den jüngsten, Lukas mit Namen, wie er von seinem Dorfe gekommen, kindlich frommen Ernst in den Zügen, fast einem jungen Novizen glich. Als er angewiesen wurde, im Gipssaal nach den Antiken zu zeichnen, erklärte er, so schüchtern er sonst war, ganz entschieden, die „loamenen" (lehmenen, tönernen) Götzenbilder nicht zeichnen zu wollen. Man lachte und ließ ihn gewähren. Er wurde später, nachdem er viele andächtige Bilder gemalt, ein geschickter Arbeiter und Elfenbeinschnitzer und starb als Laienbruder in einem Benediktinerkloster.
Der ideale Aufschwung des Kunstlebens übte auf die Masse der Studierenden einen wohltätigen Einfluß und ließ sie nicht in Pedanterie oder zuchtlose Wildheit ausarten.
Wir Hamburger, vierzehn an der Zahl, hielten in einer Art Landsmannschaft zusammen, halfen einander als gute Kameraden, und wenn einer von uns krank war, wachten die andern abwechselnd die Nächte bei ihm. Wie heimisch dünkte mir dies gemütliche Leben nach dem wüsten Treiben, in das ich auf der Dresdner Akademie gestürzt war. Auch fehlte es unserer Gesellschaft nicht an irgendeinem Individuum, das durch lächerlichen, mit Kunstphrasen aufgeputzten Blödsinn den „Clown" abgab, an dem sich der Witz der andern übte, aber im ganzen herrschte ein anständiger, gemütlicher Ton. Ansere Sprache war das heimatliche Plattdeutsch, das wir selbst in den Kneipen gar zu gerne hören ließen, um uns von den Süddeutschen zu unterscheiden.
die es nicht verstanden. Linser Senior war ein wohlbeleibter Kupferstecher, Vater Borum genannt, der bei Gelagen und Festlichkeiten präsidierte. Llnter seiner Leitung feierten wir den Weihnachtsabend mit Tannenbaum und kleinen Geschenken, und ein kleiner, häßlicher, koboldähnlicher, hinkender Junge, der Sohn der Lausfrau, als Amor mit Flügeln ausstaffiert, mußte die Lose ziehen. Dann wurden Karpfen geschmaust, gepunscht und darauf die Runde durch die katholischen Kirchen gemacht, um die Christmette anzuhören, wobei ich vergeblich mich anstrengte, in eine andächtige Stimmung zu kommen.
Am Silvesterabend zogen wir spät nachts in ein Weinhaus, wo mehrere Maler versammelt waren, uns mit Jubel empfingen und Getränk von den schönsten Namen des Rheins in Strömen floß. Gesundheiten wurden getrunken, des Königs, der Professoren, auf Vergessen alles Zwistes und Laders, wie sie unter Künstlern stattfinden. Man herzte, umarmte fich, bat um Verzeihung, brach in den lautesten Jubel oder in Tränen aus, je nachdem sich nach der Verschiedenheit des Landes und der Temperamente die Wirkung des Weines kundgab. Wir Lamburger fingen an, wie Matrosen uns einander auf der Bank zu schieben und zu stoßen. Etliche Oldenburger mit dickerem Geblüt blieben apathisch sitzen; die Rheinländer und Düsseldorfer machten Gesichter wie die Recken der Nibelungen und übten sich in kühnen, ritterlichen Stellungen. In einem Winkel der Stube saß eine trauernde Gruppe, gleich den Juden auf den Trümmern des Tempels. Als ich näher trat, erkannte ich lauter Sachsen, deren einer, um die Arsache des Leides befragt, untröstlich und laut schluchzend sagte, der beste Schüler des Cornelius, ihr Landsmann der Maler Lermann, sei bis dahin immer verkannt und zurückgeseht worden. Man hatte nämlich an diesem Abend seine Gesundheit ausgebracht, worauf er sich beschämt in eine Ecke setzte und zu weinen anfing. Auf dieses hinauf setzten sich seine Landsleute um ihn herum und weinten ebenfalls. Er war ein frommer, stiller Mensch, als Künstler hochgeachtet; die Schlacht von Ampfing unter den Arkaden wurde von ihm gemalt, ebenso das etwas rätselhafte Deckengemälde in der neuerbauten protestantischen Kirche, dessen Erklärung wieder einer Erklärung bedarf. Auf positiv geschichtlichem Grunde leistete er Vortreffliches. Ich sah dort auch Volz, Leinlein und den damals schon berühmten Schüler des Cornelius, Kaulbach, einen schönen Jüngling von schlanker, zart gebauter Figur, in knappem Leibrock und breitkrempigem Lut, der sich vornehm von dem größeren Lausen entfernt hielt, welcher, seinem Talent huldigend, sich an ihn drängte. Diese aristokratische Laltung behielt er auch später seinen Verehrern gegenüber bei, die, als sie ihm einst eine Ovation bereiten wollten und anfragten, wie er es aufnehmen würde, eine solche Abfertigung erhielten, daß sie nicht zum zweiten Male kamen.
Es war damals ein freudiges Wirken und Zusammenleben in München, wie noch keine Zeit es gesehen, der fröhliche Jugendrausch eines jungen Deutschland, das, von den Banden fremder Zwingherrschaft befreit, Brotneid, Eitelkeit und Vornehmtuerei ausschloß. Wenn die ganze große Künstlermasse, jenseits des Englischen Gartens in Bogenhausen bei gutem Bier versammelt, ftöhlich durch- und nebeneinander summte und brauste, wenn dann Stille geboten wurde und einer der verehrten Meister eine kurze Ansprache hielt oder der alte Eberhard einen selbstverfaßten, altdeutschen Reimspruch vortrug, während aller Blicke ehrfurchtsvoll aus den Redner gerichtet waren; wenn es dann hieß: „Comelius kommt!" und man den Altmeister in seiner gedrungenen Gestalt, mit seinen majestätischen, scharf ausgeprägten Gesichtszügen in das Tor des Gartens hereinreiten sah, dann erhob sich ein Jubel und Lurrarufen, das kein Ende nahm. Es herrschte eine fteiwillige Anterordnung und Vereinigung unter einer künstlerischen Autorität.
Etliche dreißig Jahre später kam ich wieder nach München. Da hatte es ein anderes Aussehen bekommen. Der ftöhliche Lärm der Künstler war verklungen; man stand sich mißtrauisch gegenüber, sprach von dem Preiskurant der Bilder. Große Preise und das Geschick, sich der Mode anzuschmiegen, bestimmten den Wert des Werkes. Die alte Zeit war nicht mehr, welche Cornelius in der Rede 1835 zu Rom schildert, wo er sagt: „Als aber König Ludwig den Thron seiner Väter bestieg, da ging's erst los, hei! Wie wurde da gemeißelt, gebaut, gezeichnet und gemalt! Mit welcher Lust, mit welcher Heiterkeit ging da jeder ans Werk! Aber es war eine ernste Heiterkeit. Auch war München damals kein Treibhaus der Kunst."
Der „Lueg ins Land" stand, waö Waömann offenbar verkennt, etwas nördlich vom Jsartor, bas von Gärtner 1832—1835 restauriert und mit dem Fresko B. von Nehers „Der Einzug Kaiser Ludwigs deö Bayern nach der Schlacht bei Ampfing" geschmückt wurde. — Peter Heß (1792—1817), Schlachten- und Pferdemaler, zugleich Meister deö Genrebildes. — Karl Wilhelm Freiherr von Heideck, genannt Heidegger (1788—1861), Maler und Radierer, war Offizier, zuletzt Generalleutnant. — Heinrich Heß (1798—1863), seit 1816 in München, zuletzt Direktor der „Vereinigten Sammlungen". — Joseph Anton Fischer (1814—1859) stammte aus Oberstdorf im Allgäu. — Carl Heinrich Hermann, geboren 1801 in Dresden, lebte von 1825—1840 in München und übersiedelte später nach Berlin; er war Maler religiöser Motive in nazarenischem Sinne. — Der berühmteste der Brüder Schraudolph war Johann (1808—1879), der im Jahre 1849 als Nachfolger von Heinrich Heß mit der Professur für religiöse Malerei an der Akademie betraut wurde. — Der Bildhauer Konrad Eberhard (1768—1859) aus Hindelang war von 1817 bis zu seiner Pensionierung im Lahre 1835 Professor für Plastik an der Akademie. — Heinrich Heinlein (1803—1885) war ein ausgezeichneter Landschaftsmaler, der besonders die oberbaycrische Hochebene und das Gebirge in ihren großartigen Stimmungen festhielt. — Wilhelm von Kaulbach (1805—1874), der hier zum erstenmal in unseren Gesichtskreis tritt, erscheint noch wiederholt in späteren Abschnitten des Buches.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Künstlerfeste
Das „Münchner Lundert und Eins", das S.F.Daxenberger im Jahre 1840 unter dem Pseudonym C.Fernau erscheinen ließ, und dem dieses und einige folgende Stücke entnommen sind, ist eine der zuverlässigsten Quellen der Erkenntnis Münchner Zustände in der Biedermeierzeit. Äber Künstlerseste schreibt Daxenberger:
Die schönsten jungen Leute, die kräftigsten Charaktere und die besten Stimmen sind unter den Malern. Ihr Gesang ist eine herrliche Arabeske im Münchner Künstlerleben. Regelmäßig erschallt er in einem Nebensaale des Englischen Kaffeehauses, wo an sechsunddreißig Kunstzöglinge sich unter dem Namen „Neu-England" zu einer heiteren Abendgesellschaft konstituiert haben. Von Zeit zu Zeit gibt es eine ihren Standesgenossen und Freunden gewidmete Produktion; auch kann man diese frische Sängerschar bei feierlichen Anlässen, Cornelius-Fest, Gärtner-Diner, bei Künstler- Maskenbällen und Banketten zu hören bekommen. Für ihre selbständigen Festlieder haben sie ihren eigenen Maler-Dichter, Felix von Schiller aus Braunschweig. Schiller ein Name, bei dem aller Deutschen Lerzen aufgehen. Der ausübenden Maler sind bei dieser Nova-Anglia (nur von dem Sih der Gesellschaft so genannt) wenige; die meisten sind noch Schüler der Akademie. Ihre Lehrer und Professoren, meistens verheiratet, bleiben des Abends zu Lause; ihre Meister, vor deren Bildern sie auf dem Kunstverein und in deren Ateliers lemen, kommen teils bei dem Kafetier Schimon in der Kaufingerstraße, teils bei dem Stubenvollbräuer auf dem Anger (früher bei Findel) zusammen. Dort werden die Trophäen künstlerischer Feste gruppiert und aufgehängt und mit der rechten, vollkommenen Einsicht in die Technik die neuesten Kunstleistungen besprochen. Kommt ein Fest, so wird dieses mit den Frauen entweder in einem Saale auf dem Prater, ein ländliches auf der Menterschwaige gefeiert. Theaterstücke zur Parodie unserer Zeit werden geschrieben und aufgeführt oder ein charakteristischer Maskenball gegeben. Anvergeßlich allen sind jene lebenskräftigen Bilder der Vergangenheit, die Maskenzüge der Künstler im königlichen Lostheater (1835—1840), die Gestalten aus Wallensteins Zeit und Lager, noch mehr aber der Einzug Kaiser Maximilians I. in Nürnberg, wobei über 300 Personen, Bürger und Gefolge des Kaisers, Mummenschanz und Meistersänger, die berühmten Künstler, Gelehrten, kaiserlichen Räte, Kriegsobristen und Feldhauptleute aus der ersten Lälfte des 16. Jahrhunderts, von Künstlerhand wieder ans Licht gerufen, erschienen. Die deutschen Maler aus dem Zeitalter König Ludwig des Ersten haben sich in der großen Mehrzahl den Toilettenformen der Gegenwart entrückt; sie sind herrschend geworden und haben sich auf Natur, Geschichte und Romantik zurückgezogen. Die gefeierten Künstler-Bälle (1827—33), zuerst im „Bauhof", hierauf im Kotel zum schwarzen Adler, dann im großen Odeonssaale gehalten, wozu die Elite der hiesigen Gesellschaft eingeladen war, wo die gesamte königliche Familie sich zeigte, können jetzt nicht mehr stattsinden; der Ton der Salonwelt, dem sich die Stifter und Chorführer unterwarfen, ist bei dem starken Volke unbeliebten Andenkens geworden. Nicht mit Anrecht ist ihm der Frack verhaßt; das Modern-Konventionelle ist der Tod des Poetischen.
Das Englische Kaffeehaus stand am Dultplatz, dem jetzigen Maximiliansplatz, an der Stelle, wo heute das Bernheimerhaus steht. Das Findelsche Wein- und Gasthaus befand sich in der Dienersgaffe, der Gasthof zum schwarzen Adler in der Kaufingerstraße. — Daö Kaiser Maximilian- oder Albrecht Dürer-Fest des Jahres 1840 spielt bekanntlich eine Rolle in Gottfried Kellers Roman „Der Grüne Heinrich" und ist dort ausführlich geschildert.
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Bei Harlaching an der Isar
Ein luftiger Lüge! gewährt hier die Ansicht der steinernen Hauptstadt, Wie sie in des Kimmels Blau schneidet der Käufer Kontur, And weithin die Ebene decket mit ragenden Türmen und Giebeln, Durch Pappelalleengebüsch südlich und westlich begrenzt. Es dränget sich zu dem Riesengebäude des herrlichen Domes Der Käufer steinerne Last, tausendmal wechselnd die Form. Es hat die neueste Zeit viel Großes und Schönes geleistet. Doch nur das Theater allein hat sie zur Köhe gebracht. Auf dieser fteundlichen Köhe huldigte Lorrain der Muse, Er baute ein niedliches Schloß, weihte dasselbe der Kunst And sammelte Bilder im Tale an dem chaotischen Flußbett, Das launig seine Gestalt ändert, wie Nebel die Luft. Auch Balde, der zarte Sänger, des Ruhm das Ausland verewigt. Erhob hier dankbar zu Gott seiner Begeisterung Lied.
J. Suttner in seinen „Vermischten Schriften" (1828).
„Das Theater hat sie zur Höhe gebracht" — das ist ganz wörtlich aufzufaffen; das niedergebrannte und von Leo von Klenze wieder aufgebaute Hoftheater ist einer der wenigen neuen Bauten, die damals, ehe Ludwigs I. große Bauten emporstiegen, für die Silhouette des Stadtbildes bestimmende Geltung gewannen. Claude Gellöe, genannt Lorrain (1600—1682), soll einmal in dem Harlachinger Schlößchen gewohnt haben; indessen ist das Schlößchen erst nach 1700 erbaut, und die Geschichte weist einen längeren Aufenthalt deö berühmten Malers in Harlaching in das Reich der Fabel.
Der Jesuit Balde (1604—1668) aus Ensisheim im Elsaß war als Dichter ftommer neulateinischer Gesänge von gediegenem Anhalt und erstaunlicher Formgewandtheit nicht ohne Bedeutung.
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Oktoberfest und Keferloher Markt
Das Oktoberfest und der Keferloher Markt, dieser zu Anfang September, für den St. Egidientag bestimmt, nur wenige Stunden dauernd, jenes zu Anfang Oktober während einer ganzen Woche, können beide Volksfeste der Münchner genannt werden. Der Charakter derselben ist aber unter sich wesentlich verschieden. Bei dem Oktoberfeste auf der freien weiten Theresienwiese, im Angesicht himmelblau glänzender Gebirge, vor der nun emporstrebenden Magna Bavaria und der bayerischen Ruhmes- halle mit deutschem Eichenhain, unter Teilnahme des Loses, ringt sich eine bunte, zu keiner anderen Zeit so zahlreiche Menge von nahe an Lunderttausend zu jener schönen Epoche Altgriechenlands hinauf, wo Spiele ein Band um die Nation schlangen. Seine nächste Bedeutung hat es aber als Zentrallandwirtschastsfest. Der Städter hört, wenn nie in dem Gebirge, jetzt in den Straßen das Alpengeläute der Kühe, und das glänzend geputzte Preisvieh ist mit Blumen und Kränzen, die Pferde sind mit Bändern geschmückt. Lier ist Streben zum Edleren. Dort auf dem Keserloher Markte, drei Stunden von der Lauptstadt entfernt, ist ein Sinken zum Gemeinen. Es ist wie eine Volksbelustigung in einem slavischen Dorfe. So widerlich-kahl ist daselbst die Gegend: nur ein Halbdutzend schmutziger Bauernhütten, von einem düsteren Forst eingeschlossen; ein grauer Limmel drückt gewöhnlich auf den einsiedlerischen Weiler herunter. Aber der Viehmarkt ist seit uralten Zeiten privilegiert und schon Kaiser Ludwig dem Bayern bekannt gewesen, einer der bedeutendsten in Bayern. Es werden ein paar tausend Pferde, das Lornvieh zu Lunderten, zahlreiche Schaf- und Schweineherden zugeführt. Baut man auf der Theresienwiese, wenigstens in den letzten Jahren, niedliche Landhäuschen und wohlgezimmerte bequeme Bretterhütten zur Zeit des Festes und erhält dort eine Abteilung der Bürgergarde Ordnung und Anstand, so werden in dem Dorfe Keferlohs, wenn der Tag kommt, wie im Fluge Krämerbuden errichtet, aus einigen Brettern und Lolzschlägen schnell Wirtsschenken zusammengefügt. Lerde rauchen mit Wursttöpfen; das Bier wird unter freiem Limmel verzapft; die sechs Scheunen von Keferlohe werden zu Tanzplätzen umgeschaffen. Ein bunter Troß von unzähligen Personen jeden Standes, Geschlechts und Alters wogt den ganzen Tag lang im Dorfe und aus der Landstraße von Laid- hausen und Trudering zusammen; vom frühesten Morgen bis in die späte Nacht drängt eine Equipage die andere, der Einspänner den Fiaker, eine Reiterkarawane den Gesellschaftswagen aus dem Geleise. Das allgemeine Losungswort ist: „Kefer- loherisch", womit alles erlaubt und alles entschuldigt werden will. Es herrscht ein dem Gesetze höherer Gesittung hohnsprechender Zustand; ein Laus von Bacchanten hat sich hie und da von aller Zucht befreit. Viele Leiden des Tages, vom Gerstensafte berauscht, verleihen sich selbst den sogenannten Flegelorden und lassen nun vollends die rohen Kräfte walten. Zur Ehre von München ist in eines Tages Frist alles vorüber: aber dieser ist in den Kalendern der Ärzte und Gendarmen rot gezeichnet. Die Lust zum Keferloher Zug hat indessen, wie nicht geleugnet werden kann, merklich abgenommen.
Das Oktoberfest zu München hat bereits viele Nachahmungen in Provinzen und Staaten gefunden. Es ist Pferderennen und fteies Vogel-, Lirsch- und Scheibenschießen und manche andere Ergötzlichkeit damit verbunden. Die ganze Festwoche hindurch, insbesondere aber während des Sonntags und Montags, ist die Wiese von Tausenden besucht, und der Fremde hat hier gute Gelegenheit, nicht nur die vorzüglichere Personenwelt, sondern auch einen großen Teil des Tons von München kennenzulernen. Lier sind Frauen zu sehen, „der Dichter wahres Publikum". In Keferlohe siehst du nur Männer oder auch Larfenmädchen und Troßweiber.
Das Oktoberfest wurde 1810, aus Anlaß der Vermählung des Kronprinzen Ludwig rnit der herzoglichen Prinzessin Therese von Sachsen-Altenburg gestiftet. München hatte seit dem Jahre 1722 keine Lochzeit eines bayerischen Thronfolgers mehr erlebt und gefeiert gehabt. Der Magistrat der Lauptstadt beschloß, dieses hocherfreuliche Ereignis durch ein veranstaltetes Pferderennen zu verherrlichen. Man hatte dergleichen hier lange nicht mehr gesehen, obwohl es eine alte Sitte der Bayern war und urkundlich das erste Wettrennen mit Pferden schon im Jahre 1436, nach der Vermählung Lerzog Alberts III. mit der Prinzessin Anna von Braunschweig, stattsand. Die erste Idee hierzu war von dem damaligen Ches der Bürgerkavallerie, Lerrn von Dall' Armi, ausgegangen. Schon im Jahre 1811 trat das Preisfest des land- wirtschaftlichenVereins dazu. Allein in den darauffolgenden Kriegsjahren unterblieben die Oktoberfestlichkeiten; erst 1816, trotz der allgemeinen Teuerung im Lande, begannen sie aufs neue und zwar mit neuerdachten Attributionen. Da kam nach und nach ein Glückshafen, ein Scheiben- und Vogelschießen, Lieder und Gesänge, Wettlauf und Wettringen von Landwerksburschen und Gesellen, eine Ausstellung von Fabrikaten durch den polytechnischen Verein, ein Feuerwerk und anderes hinzu. Einmal stieg Wilhelmine Reichard aus Dresden in einem Luftballon (1820) herrlich auf; ein andermal war der jetzige König von Preußen als Bräutigam (1823), ein drittes Mal waren die griechischen Gesandten, der greise Miaulis an der Spitze, zugegen (1832).
Aus Femau-Daxenbergers „Münchner Hundert und Eins"
Wolf - Ein Jahrhundert München
Das Oktoberfest von 1832
Aber das letzterwähnte Oktoberfest, das in Anwesenheit der griechischen Abgesandten begangen wurde, schreibt August Lewald in seinem „Panorama": Eine ganze Woche der heitersten Lust und des schönsten Wetters war bereits verstrichen, und die Wiese wimmelte von Gästen. Man sah dem eigentlichen Äauptfeste, das am Sonntag,den 7. Oktober abgehalten werden sollte, erwartungsvoll entgegen. Von allen Seiten strömten schon die Landbewohner der Äauptstadt zu, um die Erzeugnisse ihrer Provinz beim Feste auszustellen. Die Ställe füllten sich mit herrlichen Rindern und Pferden, welche durch Mast und Zucht zu einem seltenen Grade der Vortrefflichkeit gediehen waren, ihren Besitzern die höchsten landwirtschaftlichen Preise verheißend, und das eigentümlich regsame Leben, welches die Gäste in gewissen Bezirken verbreiteten, sing auch schon an, sich bemerkbar zu machen. In den Gasthöfeir war alles besetzt, und man begegnete aus den Promenaden Leuten, die in Bettagen und Tracht leicht das Fremdartige erkennen ließen. Dabei regte sich noch eine andere Erwartung, die ganz geeignet war, die festliche Stimmung aller bedeutend zu erhöhen.
Es war die Nachricht verbreitet worden, daß der zweitgeborene Prinz des Regentenhauses zur Krone von Griechenland berufen worden war, und bald gewann diese Nachricht ein offizielles Gewicht. Man erfuhr die Ankunft einer griechischen Gesandtschaft in Triest, von wo sie nach Beendigung der Quarantäne sich nach München begeben würde, um die Luldigung ihrer Natton dem Könige darzubringen.
Miaulis, Vozzaris, Koliopulos nannte man als Mitglieder dieser Gesandtschaft; ohne irgendeine andere Stimmung bei dieser merkwürdigen Gelegenheit angeregt zu fühlen, nahm es schon eine ungemeine Teilnahme in Anspruch, diese Männer von Angesicht kennen zu lernen. Es war daher ein natürlicher Wunsch, die griechischen Gesandten beim Volksfeste erscheinen zu sehen. Durch die Erkrankung des Admirals Miaulis wurde jedoch ihre Ankunft zur bestimmten Zeit unmöglich gemacht und auf Anordnung des Königs die Feier um acht Tage hinausgeschoben. Diese Maßregel erregte nur Steigerung des Vergnügens und der Erwartung, denn sie verlängerte die frohe Zeit um eine volle Woche, und da nun noch der zum eigentlichen Feste bestimmt gewesene Sonntag Regen brachte, so war die Zufriedenheit allgemein.
Mittlerweile traf der königliche Los von Aschaffenburg, der Sommerresidenz, ein und bezog das gewöhnliche Winterresidenzgebäude. Der jungeKönig von Griechenland erhielt ein seinem neuen Range angemessenes Apartement in einem Flügel des Schlosses nach dem Äofgarten, eine Äartschierwache und alle dem Könige gebührenden Ehreir.
Man sah in den Straßen Landeskinder in der Llniform der neuen griechischen Garde, mit der griechischen Schärpe umgürtet, die zufällig gleich der bayerischen aus Blau und Weiß besteht. Die hoffähigen Kavaliere und die gesamte Diplonratie fuhren zur Aufwartung bei Otto I. in steifer Gala und mit ziemlich fremdartigem Gepränge. Das Lotel der Grafen Preysing, dem königlichen Schlosse gegenüber, wurde für die Regierungsmitglieder des neuen Königs eingeräumt, und ebenso war dort alles zum Empfange der Gesandten vorbereitet. Neugierige umstanden zu allen Tageszeiten das alte, graue Lotel, dessen Pforten und Tore man nun wieder einmal nach langer Zeit geöffnet sah, und vor welchem zwei Posten hin und her gingen...
Die aus allen Teilen des Königreichs zusammengeströmten Landleute durchziehen am Sonnabend, der dem Sonntage des eigentlichen Festes unmittelbar vorhergeht, in ihren Festtagskleidern die Stadt und vermehren das Gewühl, welches alle Straßen und Plätze effüllt, um ein Bettächtliches. Alles was München Sehenswürdiges enthält, ist dem Publikum geöffnet, und zu dem Elfenbeinkabinett, den physikalischen Sammlungen, den naturhistorischen Museen und den brasilianischen Kuriositäten sieht man lange Züge Neugieriger durch die weit offenen Pforten ein und aus gehen.
Vor allem sind es aber die Herrlichkeiten des königlichen Marstalls, der Sattelkammer und die Remisen der Los- und Staatswagen, welche die Aufmerksamkeit der ländlichen Gäste in Anspruch nehmen. Zn diesen Räumen wird das Gedränge so, daß man nur mit Mühe hindurchzukommen vermag. Was sind aber auch die kunstvollsten Kabinettstücke gegen einen Wagen von Spiegelglas, wo ein goldener Engel den Bock ttägt und Drachenköpfe und Blumengewinde sich in Pracht überbieten, und wobei das wirklich Wunderbare ist, daß selbst acht Pferde kaum imstande waren, den Koloß fortzubewegen! Mehr noch als die Wagen aber sind es die Schlitten, die angestaunt werden müssen. Lier reitet ein das Posthom blasender Engel auf einem Delphin, dort sitzt eine ganz natürliche Nymphe mit rosafarbenem Leib und schwarzen Laaren auf einer Muschel, weiterhin erblickt man einen Drachen ganz in Gold, in dessen rotsamtenem Bauche einst die mächtigsten und huldreichsten Damen sich über die Schneedecke hinziehen ließen. Diesen barocken Geschmack an Schlitten findet man in allen jenen Ländern, wo das Schlittenfahren zu den seltenen Vorzügen gehört, er verschwindet im Norden, wo eine wahrhaft geschmackvolle Eleganz sich über alles darauf Beziehende verbreitet.
Auch die Kunstausstellung zog die Volksmenge in hohem Grade an. Erfreulich war es, die schnurrbärtigen Gebirgsbewohner in ihrer malerischen Tracht vor den großen Tiroler Schlachtgemälden zu sehen oder vor schön gemalten Pferden und die Mädchen vor den religiösen Schildereien, mit einer Andacht und einem Ausdruck von Bewunderung im Gesichte, die diesen liebenswürdigen Naturkindern vortrefflich anstanden. Aus dem Platze vor der Reitschule hatte das eigentliche Landwirtschaftsfest bereits begonnen. Das zur Preisbewerbung bestimmte Vieh war hier zusammengetrieben worden, und alles ging mit einer nicht genug zu lobenden Öffentlichkeit zu. Lier war von keiner Devise, von keiner Chiffre, von keinem versiegelten Zettel die Rede, wie bei literarischen Preisbewerbungen; da stand der Bauer, daneben sein Stück Vieh, und das Arteil wurde gesprochen. Dennoch fehlte es nicht an den verschiedenartigsten Bewerbungen. Lier war es eine Idylle in einem kleinen Pferche: Schafe mit feiner Wolle, dort Ingredienzien zu einem Schlachtgemälde: bäumende und schlagende Lengste; weiterhin ein häusliches Stilleben: glatte, breitgestirnte Rinder und Kühe; als freche Satyre die — weithin ekelerregenden Dust verbreitend — springenden Böcke. And zuletzt als ergreifende Familienszene: eine Sau mit ihrem Wurf, vierzehn an der Zahl, die im aufgewühlten Erdreich einer behaglichen Ruhe genossen.
Kanonenschüsse, die vom frühen Morgen, während des ganzen Tages, in abgemessenen Pausen sich vernehmen ließen, deuteten inzwischen auf eine ernstere Feier. Man sah Galawagen durch die Straßen rollen, und Militär, wie zur Parade, aufziehen. Die St.Michaelskirche war weit geöffnet, und die Wache am Portale mußte dem übermäßigen Andrange Schranken sehen. Lier wurde das Totenamt für die gefallenen Max Josephs-Ritter begangen.
Das K. Elfenbeinkabinett wurde mit seinen einzigartigen Schätzen später dem National-Museum einverlcibt, wo es sich noch befindet. Die physikalischen und naturhistorischen Sammlungen sind der Akademie der Wiffenschaften angegliebert, die „brasilianischen Kuriositäten" befinden sich jetzt im Völkerkunde-Museum.
Otto (1816—1867), Königs Ludwigs zweitgeborener Sohn, wurde 1832 auf der Londoner Konferenz zum König von Griechenland gewählt und von der griechischen Nationalversammlung anerkannt. 1833 bestieg er den Thron. Es war ein kurzes Abenteuer. Otto konnte, ttotz guten Willens und reicher Unterstützung seines griechenbegeisterten Vaters, seinen Thron nicht befestigen und wurde durch die Revolution 1862 der Krone beraubt. Vereinsamt starb er im Jahre 1867 in Bamberg.
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Wie es in München im Jahre 1833 aussah
Im Oktober 1833 kam der damals neunzehnjährige Kunststudent Friedrich Pecht, später als Kunstschriftsteller ein einflußreicher Mann, aus Konstanz nach München. Es gewann einen ziemlich tristen Eindruck, den er in seinen Erinnerungen „Aus meinem Leben", die er fast sechzig Jahre später niederschrieb, festgehalten hat:
Es war ein nebliger Abend geworden, und so sah ich denn von München nicht mehr viel. Überhaupt hatte die damals kaum ein Viertel ihrer heutigen (1894) Einwohnerzahl besitzende, ziemlich ärmlich aussehende Stadt selbst für solchen Provinzialen wie ich recht wenig Imponierendes, nur das furchtbare Pflaster und den ungeheuren Kot. Die Straßen sämtlicher Vorstädte waren nur erst projektiert und da und dort ein Laus darin gebaut; das wie ein riesiger Kasten aussehende Limbsel- haus und der vollkommen öde Dult- oder Maximiliansplatz, der jetzt mit prächtigen Anlagen und palastartigen Läufern geschmückt ist, machten wie der Karlsplatz selber alle damals den Eindruck der gleichen trostlosen öde und Armut, wie ich ihn einige Jahre später auch von Berlin hatte. Die Glyptothek stand weit draußen in einer Art von Wüstenei, wie die kaum im Bau begonnene Pinakothek hinter ihr. Als Wegzeiger zu beiden wurde am Tage nach meiner Ankunft der Obelisk enthüllt, als Denkmal für die dreißigtausend Bayern, die „auch für Deutschlands Befreiung gestorben" sein sollten. Von dieser Befreiung war nun freilich recht wenig wahrzunehmen, denn der unleidlichste Polizeidruck lastete auf der Stadt, in der auf den Straßen nicht einmal geraucht werden durste, und wo der Fremdling gleich nach seiner Ankunft sich persönlich auf der Polizei zu melden und um Aufenthaltsbewilligung zu flehen hatte. Die Grobheit, mit der man da angeschnauzt wurde, war jedenfalls noch viel klassischer als die Architektur Klenzes; überall hatte man die Empfindung, daß man nur eben geduldet sei, aber nicht mucksen dürfe, wenn man nicht fort- geschubt werden wolle ...
Von dem stolzen Selbstgefühl, mit dem der Brite oder Franzose ihren Staat als ihr Eigentum betrachten, ist noch viel zu wenig unter uns zu tteffen. Am mich dergleichen recht lebhaft empfinden zu lassen, dazu war meine Erziehung durch den Liberalismus der Rotteck und Welcker bei der Einbürgerung in München, die ich jetzt durchzumachen hatte, recht geschickt. Denn überall, in der Akademie, in den Museen, wie auf der Straße, bekanr man da die Empfindung, daß diese Anstalten ganz und gar nicht für den Bürger da seien, der sie bezahlte, sondern daß ihm bloß gestattet werde, sie so weit zu benützen, als es die Gnade des Herrschers, besonders aber die Bequemlichkeit der Lerren Angestellten etwa zuließ. Das München aber, welches König Ludwig erst zu schaffen im Begriff war, stand genau so armselig und willkürllch dem schon vorhandenen gegenüber, welches die früheren Jahrhunderte hinterlassen hatten, wie Karlsruhe oder Mannheim sich gegen Nürnberg oder Augsburg ausnahmen.
Das Himbselhaus, dem Baudirektor Himbsel gehörig, stand am heutigen Lenbachplatz hinter dem Goethe-Denkmal. Es fiel erst in neuerer Zeit, um dem Gebäude der Deutschen Bank Platz zu machen.
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Das alte und das sogenannte „neue“ München
Dem abendlichen Lieblingsaufenthalt des Münchners, dem Bierkeller, widmete Ludwig Steub im Jahre 1841 folgende, mit Künstlergestalten staffierte Analyse:
Wer sich unter dem Sommerkeller eines Münchener Bräuers etwa einen Keller vorstellen wollte, wie ihn die übrige Welt auch hat, der läge in einem großen Irrtum. Es sind dies keine von jenen kleinen Grüften, wo die Hausfrau ihre Weinfäßchen aufstapelt und ihr Flaschenbier, etwas Kartoffeln nebenher für den Winter und ein paar aromatische Käslaibe, sondern vielmehr ungeheure Gewölbe, in die man allenfalls vierspännig einfahren kann, und die auf ihrem Rücken mächtige Gebäude, wie Edelsitze und Schlösser, tragen, welche weit rankende Arme ausstrecken, mit Sommerwohnungen für den Eigentümer, kühlen Hallen für die Hundstage und netten, gemalten Zimmerchen für die „Abonnierten". Diese Burgen stehen in einem weiten Gehöfte, das gar Mannigfaltiges aufzuweisen hat. So vor allem die vielen, vielen Ruhebänke für die labedurstigen Gäste, malerisch auf die schönsten Plätze hingestellt, unter das Dach alter Linden oder stolzer Kastanienbäume. Ferner gehört ein kleiner Wald dazu, durch welchen einsame Kiespfade ziehen oder auch die breite Heerstraße für die Bierwagen. Im Gehölze aber finden sich Blumengärtchen, ein paar verliebte Lauben, ein paar geheimnisvolle Eremitagen und endlich auch eine wundervolle Aussicht auf die blauen Züge der fernen Alpen.
In einem solchen Keller nun, und zwar in einem der schönsten, bereiteten unsere Künstler dem großen Thorwaldsen ein Fest. Der lange Sommertag begann sich schon zu neigen, und der Keller mit Haus und Hof, Garten und Wald, reichlich geschmückt mit Laubbögen zu ebener Erde, mit wallenden Flaggen auf den Zinnen, war voll harrender Verehrer, voll von Jüngern der Kunst aus allen deutschen Gauen, voll von anderen Herren und Damen und voll lieber Jugend. Ein sanfter Anstieg führt aus der waldigen Talenge, welche die Einfahrt bildet, allmählich hinaus gegen die kleine Hochebene. Dort sammelte sich nun, als der gefeierte Gast von der hohen Warte, die das Dach krönt, erspäht war, der Reigen der Festgeber, voran auf grünem Rasenstücke ihre jungen Frauen, deren sie sehr schöne haben, hinter ihnen die Haufen der kunstliebenden Münchner, die den Wundermann erschauen und sein Bild zur unvergesslichen Erinnerung mit nach Hause nehmen wollten. Der Wagen rollte unter Böllerkrachen vor. Thorwaldsen, der stattliche Nordländer mit dem Löwenkopfe und den langen Silberhaaren, begleitet von den ersten künstlerischen Zelebritäten, die mit ihm gekommen waren, schritt jugendlich, alle Blicke auf sich ziehend, den Anstieg hinauf, während alle Häupter sich entblößten, alles sich verneigte und ein donnernder Willkomm ihm entgegenscholl.
Bertel Thorwaldsen (1770—1844), dem München sein schönstes Reiterdenkmal verdankt, das Monument des Kurfürsten Maximilian I. auf dem Wittelsbacherplatz, kam auf dem Wege von Rom in seine dänische Heimat nach München. Das ihm zu Ehren gegebene Fest fand auf dem Knorrbräukeller, nächst dem Marsfeld, statt.
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Straßen- und Häusernamen
Luise von Kobell plaudert anziehend über die alten, heute zumeist ganz verschwundenen Namen alter Straßen und Gassen. Auch manche Läufer, nicht nur die Wirtshäuser, trugen besondere, oft komische Namen.
Viele Straßennamen deuteten auf Gewerbe und Zünfte hin, wie die Lederer-, Pfister-, Mühl-, Windenmacher- und Lirtenstraße, das Sattler-, Bräuhaus-, Pflug-, Koch-, Küchelbäcker-, Fischer-, Metzger-, Pfaffen-, Lebammen-, Schmied- und Schlossergäßchen. Aber auch einzelne Läufer hatten noch Namen, die teilweise so ursprünglich aus den Lebensanschauungen herausgewachsen waren, daß sie wie eine aufgeschlagene Chronik erzählen: Die Bierwirtschaft „Zur Arche Noah" in der Wurzerstraße, „Zu den drei Laufern" (Diener, die ehedem vor und mit dem Wagen des Lerrn laufen mußten) am Maximiliansplatz, „Zum Knödelbäcker" in der Knödelstraße (jetzt Lartmannstraße), „Zur Maus" am Promenadenplatz, „Zum Eichelober" und „Zum Schindlhüter" an der Wasserstraße, das „Pesthaus" in der Magazingasse, der „Lusarenstadel" in der Bayerstraße, „Zum grünen Ast" in der Prielmaier- straße, „Zum Kuchloch" am Platzl, „Zur Geis" in der Kaufingerstraße, „Zur Bayerweinschenke", „Zum Pfaueneck", „Zum Limmelschäffler", „Zum Krautbärtl" im Färbergraben, das „Raisonnierhäuschen" in der Residenzstraße, „Zur Schärgen-stube" in der Burggasse, „Zum Thürlbader" in der Ledererstraße, „Zur Schafglocke" in der Pfistergasse, „Zum Alletag" in der Vruderstraße, „Zum Iudenbranntweiner", „Zum Obernfutterbeni" im Tal Mariä, „Zum Teufelsmelber" und „Zum Paradieskramer" im Tal Petri, „Zum Laarpuderwaberl" am Petersplatz, „Zum Fetzengarten" in der Blumenstraße, „Zum schelchen Märtl" am Äeumarkt, das „Tatzlhaus" und „Puzenhäuschen" an: Oberanger, „Zum Koch" in der Lölle (Sendlinger Straße), „Zum Iesuitenmelber", „Zum Narr" in der Karlsstraße (jetzt Neuhauser Straße), „Zum Lateinischen" in der St. Annastraße (Damenstiftstraße), „Zum Brotesel" in der Äerzogspitalstraße, „Zum Pestraucher" am Schulplatz, „Zum Schlafhauben-- kramer" in der Weinstraße. Schreckensvolle Gestalten tauchen auf bei dem Namen „Äexengang", der sich im Graggenauerviertel befand.
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Metzgersprung und Schäfflertanz
Ludwig Rockinger schreibt in der „Bavaria" über die beiden hervorstechendsten und ältesten Zunftbräuche Münchens, über Metzgersprung und Schäfflertanz:
Auf traurige Erscheinungen Wrt manches Spiel zurück, das jetzt in heiterer Weise die Münchener Bevölkerung auf diesem oder jenem Platze versammelt. Wir meinen den Metzgersprung und den Schäfflertanz. Niemand weiß den Arsprung dieser alten Gebräuche. Gewöhnlich nimmt man an, und die Sage deutet auch dahin, daß zur Zeit der Pest sich die Zünfte der Metzger und Schäffler tätig und ohne Furcht ihrer Mitbürger angenommen, weswegen ihnen zum Andenken ein feierlicher Amzug mit Tanz gewährt wurde.
Jedenfalls ist beim Brunnenspringen der Metzger noch eine andere Bedeutung nicht zu übersehen, welche für diese Zunft wesentlich mit in Betracht kommt. Es ist nämlich damit zugleich die Freisprechung der Lehrlinge verbunden. Auch erscheint diese Festlichkeit — und gerade vielleicht deshalb — nicht wie der Schäfflertanz ausschließlich in München, sondern sie findet sich gleichfalls, seit längerer Zeit wenigstens, auch in Tölz. Für dieselbe nun versammeln sich die Beimeister mit ihren Zunftgenossen vierzehn Tage vor dem Faschingsonntage und beraten sich über die Anordnung des Festes und wem die Ehre gebühre, den silbernen Becher und die große Kanne zu tragen. Die dazu Erkorenen, ein Meistersohn und ein Knecht, welchen auch die Bestreitung der Kosten je für Mahl und Trunk obliegt, heißen die Loch- zeiter. Abends wird der Büscheltanz gehalten, mit Bezug auf die Blumensträuße — Büschel—so genannt, welche dieMetzgerknechtevondenMädchen,die sie da zum Tanze führen, seinerzeit für den Amzug bekommen. Nach Beendigung des Tanzes nehmen die Lochzeiter Becher und Kanne sogleich mit nach Lause, um sie mit den reichsten Gehängen von alten und neuen Wertgegenständen an Gold und Silber, namentlich einer hübschen Auswahl von Schaumünzen, für das Fest zu schmücken. Am Faschingmontag ziehen alle Genossen der ehrsamen Zunft in die Kirche von St. Peter zum Gottesdienste. Nach demselben geht der Zug durch mehrere Straßen der Stadt, voran etwa zwanzig Spielleute, dann reitend auf geschmückten Rossen einige kleine Metzgerknaben und die Lehrlinge, welche fteigesagt werden, alle neu gekleidet in schwarze Beinkleider, rote Westen und Jacken, die Lüte mit bunten Bändenr und Blumensträußen geziert, um die Lüste eine weiße Schürze, darauf der blanke Wetzstahl. Die sämtlichen Metzgerknechte folgen zu Fuß in sonntäglicher Kleidung, die Lüte mit Bändern und Blumen geziert, in den Länden Sträuße. Dann kommt
der erste und zweite Hochzeiter als die Willkommsträger, in altmodische mit Silber- borten besetzte Röcke und Westen gekleidet, um die Schultern ein breites Bandelier mit Degen, auf dem Kopfe einen dreieckigen Lut. Ihnen folgt der Altgeselle, dem sich die zwei Beimeister anschließen, worauf der Herbergsvater den Zug beendigt. So geht es in die Residenz, wo sie nach alter Sitte den feierlichen Willkomm bringen, dann zu den übrigen Mitgliedern des Fürstenhauses, worauf sie unter mehrfachen Lebehochrufen zunächst auf die „hohen Stände des Reiches, die Würdigsten des Volkes, die Stützen des Thrones", wie auf „die sämtlichen Stellen und Behörden" sowie auf den „verehrlichen Magistrat", endlich auf „die braven und biedern Einwohner Münchens, die Mit- und Beimeister, Meisterinnen, Meisterssöhne, Gesellen und alle Zunftglieder" auf den Marienplatz ziehen. Jetzt kleiden sich die Lehrlinge um. Der Altgeselle erscheint mit ihnen, sowie sie sich in weißes, enganschließendes Gewand, das mit vielen Kälberschweiflein besetzt ist, umgewandelt haben, am Fischbrunnen und spricht sie frei, nachdem er einige Gläser Wein auf das Wohl der allerhöchsten Herrschaften geleert, nach Beantwortung folgender Fragen:
Altgeselle: Wo kommst du her, aus welchem Land?
Lehrjunge: Allhier bin ich sehr wohl bekannt.
Allhier hab ich das Metzgerhandwerk aufrichtig und redlich erlernt, eben darum will ich auch ein rechtschaffener Metzgergeselle werden. Altgeselle: Ja. Allhier hast du das Metzgerhandwerk aufrichtig und redlich erlernt, darum sollst du auch ein rechtschaffener Metzgergeselle werden. Du sollst aber getauft werden bei dieser Frist, weil du gerne Fleisch, Bratl und Bratwürst ißt.
Darum sage an deinen Namen und Stammen, so will ich dich taufen in Gottes Namen.
Lehrjunge: Mit meinem Namen und Stammen heiße ich Johann Georg N. in allen Ehren. — Das Taufen kann mir niemand wehren.
Altgeselle: Nein nein. Das Taufen kann dir niemand wehren.
Aber dein Namen und Stammen muß verändert werden. Du sollst von nun an heißen Johann Georg Gut, der viel verdient, aber wenig vertut.
Lehrjunge: Vivat allen Lerumstehenden, allen Mit- und Beimeistem, Meisterinnen, Meisterssöhnen und Gesellen! Vivat! Gute Gesundheit!
Hierauf springen sie getrosten Mutes in den Brunnen, werfen Nüsse aus und begießen das sich darum balgende Volk mit Wasserströmen. Wie sie aus diesem Bade steigen, wird jedem ein weißes Tuch um den Hals gebunden und jeder mit einem blauen Bande geschmückt, woran silbeme und vergoldete Schaumünzen hängen, der stattliche Schmuck ihrer Meisterfrauen. Sie sind nun frei und ehrsame Metzgerknechte und ziehen — nachdem sie sich wieder umgekleidet — zur Auflage in heiterer Lust zurück.
Auch den Schäfflertanz, der nur alle sieben Jahre zur Aufführung kommt, läßt eine Sage nach einer Pestfeuche — 1515 und 1517 — entstehen, damit das Volkwieder aufgeheitert wurde. Ein Musikchor eröffnet vierzehn Tage vor dem Fasching den Zug, der von der Lerberge der Schäffler ausgeht. Zwei Amfrager haben schon vorher Erkundigungen eingezogen, wo überall der Tanz stattfinden solle. Bei der Aufführung selbst haben Vortänzer und Nachtänzer eine wichtige Nolle. Als eigentliche Tänzer figurieren zwanzig Gesellen, welche Reise führen, die mit Buchs umwunden und mit blauen und weißen Bändern geziert sind. Die Gesellen selbst tragen ein grünes mit weißen und blauen Federn geschmücktes Samtkäppchen, eine rote,silberbortierte Jacke, weiße Weste, kurze Beinkleider von schwarzem Manchester, darüber das gelbe Schurzfell, weiße Strümpfe und Schuhe mit silbernen Schnallen. Eine schwierige Aufgabe sodann fällt den beiden Neiffchwingern zu. Derjenige, den es eben trifft, seht nämlich auf einem hübschen Fasse — um welches ein Paar Gesellen nach der Musik das Anschlägen der Reife nachmachen — die vollen Weingläser auf die innere Seite des blauen und weißen Reifes frei hin und soll mit keinem das Anglück des Verschüttens oder Linauswersens haben, obwohl er den Reif mit größter Behendigkeit über den Kopf und durch die Beine schwingt, woraus das Glas nach dem Ausbringen des betreffenden Lebehoches rückwärts in das Innere des Kreises fliegt. Daß endlich zwei Spaßmacher sich mit dem Publikum, welches den Zug begleitet, auf erlaubte Weise unterhalten, versteht sich ziemlich von selbst. So ziehen sie zur Residenz, führen hier zuerst ihre fleißig eingeübten Reistänze — vorzugsweise sogenannte schottische — mit den vielfach sich verschlingenden und wieder lösenden Figuren aus und bringen aus das Lerrscherhaus die üblichen Lebehochrufe. Danu erneuern sie die Tänze an diesem und den folgenden Tagen vor den Wohnungen der übrigen Glieder des fürstlichen Laufes wie vor den Sitzen verschiedener Behörden und den Läufern von Privaten. Auch erinnern sich die Zuschauer wohl des hübschen Fäßchens, das beim Zuge mitgetragen wird, worauf ein kleiner Schäfflergeselle von Lolz sitzt, und das im Boden mit zwei Öffnungen versehen ist, woraus früher zwei Ähren herabhingen. Noch im Jahre 1802 spielte auch die „Gretel in der Butten" mit, ein Lustigmacher mit den vier Affen aus der gewöhnlichen Spielkarte auf seinem vierfach ausgeschlagenen Lute, welcher von einem ausgeschoppten alten Weibe gleichsam in der Butte auf dem Rücken getragen wurde und eine lange Wurst zur Neckerei des Trosses aus dem Volke in der Land hatte, unter dem Klange der Musik nach der noch öfter zu hörenden Melodie:
Gretel in der Butten,
Wieviel gibst denn Oar?
„Achte um ein' Batzen,
Und um ein' Kreuzer zwoa."
Ja, wenn du mir net mehrer' gibst.
Als achte um ein' Batzen
Und um ein' Kreuzer zwoa.
So pfeif' ich dir in d' Butten
Auf alle deine Oar.
Diese Maske soll daher gekommen sein, daß nach der überstandenen Pest ein Bauernweib mit Eiern in ihrerButte sich zuerst in die halbentvölkerte Stadt hereingetraut habe.
Der Metzgersprung wurde bis zum Jahre 1896 abgehalten; der Brauch schlief dann ein, doch wurden „Wiederbelebungsversuche" gemacht. Der Schäfflertanz findet noch alle sieben Jahre statt; man hat ihn für die Faschingszeit des Jahres 1935 wieder in Aussicht genommen.
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Parade auf dem Marsfelde
Im August 1838 besuchte Kaiser Nikolaus von Russland München. Ihm zu Ehren fand am 18. August auf dem Marsfeld, das sich damals noch weit außerhalb der Stadt, auf der Gemeindeflur des Dorfes Neuhausen, unbebaut ausdehnte, eine „große Revue der hier garnisonierenden Truppen“ statt, über die „Der Bayerische Eilbote“, die damals vielgelesene Münchner Zeitung, in höfisch geschraubtem Stil folgendes berichtet:
Seine Majestät der Kaiser, in Begleitung Seiner Majestät des Königs, sämtlicher königlichen Prinzen, Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau, Seiner Durchlaucht des Feldmarschalls Fürsten von Wrede und des ganzen sehr zahlreichen Generalstabes begaben sich schon um 9 Uhr auf das Marsfeld und verweilten daselbst bis 12 Uhr. Die sämtlichen Truppen, durch das bevorstehende Übungslager ganz vollzählig, zeichneten sich sowohl durch Properität als gute Haltung und treffliche Ausführung der einzelnen Bewegungen vorzüglich aus.
Ganz besonderes Interesse zeigten Seine Majestät für die Artillerie, als diese ihre Bewegungen vollführte. Die Schnelligkeit in allen Bewegungen und Wendungen, das rasche Zusammenwirken der Mannschaft war auch staunenerregend, und um sich aufs Genaueste von allem zu überzeugen, begaben sich Seine Majestät der Kaiser selbst, und zwar ganz allein, unter die Geschütze und ritten in allen Bewegungen mit.
Als aber die ganze Artillerie über einen vier Fuß breiten und drei Fuß tiefen Graben setzte, um die Trefflichkeit des seit kurzem bei der bayerischen Artillerie eingeführten neuen Systems zu beweisen, konnten sich Seine Majestät der Kaiser nicht enthalten, dem General Freiherrn von Zoller als dem Erfinder dieses Systems in Gegenwart aller höchsten und hohen Anwesenden ihre vollste Anerkennung seiner Verdienste zu erkennen zu geben.
Die Revue, von dem herrlichsten Wetter begünstigt, schloss mit dem Kavalleriemanöver der Kürassiere, wobei die Leichtigkeit, mit der die schwere Reiterei ihre Bewegungen ausführte, die besondere Zufriedenheit Seiner Majestät des Kaisers sich erwarb.
Eine zahllose Menschenmasse bedeckte die große Ebene des Marsfeldes, und nicht die Truppenübungen waren es, welche sie hier versammelt hatten, sondern die Neugierde, den mächtigen Beherrscher Russlands kennenzulernen. Und in der Tat, selbst die gespannteste Erwartung ward durch die Erscheinung der Wirklichkeit übertroffen.
Eine wahrhaft imponierende Gestalt stellte sich unseren Blicken dar. Welch ein Wuchs! Welcher Adel in den Zügen! Und diese schöne, freie, den tiefen Denker verratende Stirn, das große, vielversprechende, aber keine Leidenschaft verratende Auge, der hohe, würdevolle Ernst, der auf des Kaisers Antlitz ruhte – alles vereinigte sich zu einem herrlichen Bilde, auf dem mit Vergnügen das Auge des Beschauers weilte, selbst wenn es ihm unbemerkt geblieben wäre, mit welchem Anstand und welcher Grazie der kühne Reiter zu Pferd saß, so dass Mann und Ross nur eines zu sein schienen.
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Die Eisenbahn von München nach Lochhausen 1839
Telegraphische Depesche:
München, Sonntag, 25.August, 8% Ahr morgens. Die Lokomotive „Vesta" hat heute morgen 7 Ahr mit einem Personenwagen Lochhausen begrüßt und jubelnden Empfang bei Abfahrt und Ankunft gesunden.
Ganz in der Stille wurde das hehre Königsfest von den Direktoren der München- Augsburger Eisenbahn dazu benützt, daß die fertige Strecke der Eisenbahn bis Lochhausen, vier Stunden von hier, zum erstenmal mit Dampf befahren wurde, welches erhabene Schauspiel für diesmal nur den: technischen Personal und wenigen andern zuteil ward. Außer den Münchener und Augsburger Direktorialmitgliedern wohnten der Fahrt auch der königliche Baurat Panzer und Baudirektor Lnmbsel bei. Es war gegen 7 Ahr morgens, als die Lokomotive „Vesta" mit einem Personenwagen majestätisch dahinrollte und die Strecke, obwohl wegen verschiedener Versuche viermal innegehalten wurde, in 25 Minuten zurücklegte. Nach kurzem Aufenthalt begann die Rückfahrt, und die Strecke wurde dabei, nach zweimaligem Aufenthalt in 18 Minuten zurückgelegt. Gestern wurden wieder Proben gemacht, welche ebenso günstig wie die erste ausfielen; die Leizung geschah dabei mit Buchenholz und entsprach aller Erwartung. In kurzem wird die Bahnstrecke nicht nur bis Lochhausen, sondern bis Maisach, welches gegen sieben Stunden entfernt ist, dem Publikum eröffnet werden. Man hegt neuerdings die Löschung, daß die ganze Bahnstrecke nach Augsburg bis zum Äerbst 1840 werde befahren werden können.
Aus der „Augsburger Abendzeitung" vom 26. August 1839.
Das Dorf Lochhausen ist von München nicht vier, sondern nur etwa zwei Gehstunden entfernt. Die offizielle Eröffnung der München-Augöburger Eisenbahn fand am 1. September 1839 statt. Die ganze Strecke wurde jedoch erst 1840 ausgebaut. Man fuhr damals etwas über drei Stunden von München nach Augsburg. Der ursprüngliche Bahnhof befand sich dort, wo heute die sogenannte Hackerbrücke über die Bahngeleise führt. Die Baukosten der ganzen Strecke betrugen 4162000 Gulden. Der technische Obcrleiter des Eisenbahnbaues war Baudirektor Himbsel, der auch das erste Dampfschiff in den Würmsee legte. 2m Jahre 1844 übernahm der Staat die Eisenbahn von der Aktiengesellschaft und ließ den Ientralbahnhof bauen, der 1848 in Betrieb genommen wurde. Die Haltung der Öffentlichkeit dem neuen Unternehmen gegenüber war sehr skeptisch und ablehnend; in der Tat blieb der Kurs der Aktien auch sehr niedrig (82%), und an Dividenden wurden nur 2%% verteilt. Der Fahrpreis von München nach Lochhausen schwankte je nach der Wagenklaffe zwischen 16 Kr. und 48 Kr.
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Auf der Eisenbahn nach Nannhofen
Ludwig Steub (1812–1888) veröffentlichte 1840 in der „Allgemeinen Zeitung“ folgende Plauderei, die später in seine „Kleineren Schriften“ Aufnahme fand:
Wir dürfen jetzt auch von Eisenbahnen mitsprechen, wir Münchner-Augsburger. Wir besitzen nicht bloß das Komitee, lange genug unser einziges Unterpfand, sondern auch wirklich die eisernen Spuren seiner Tätigkeit auf viele Stunden weit, wenn auch noch nicht auf der ganzen Strecke, die erst im Oktober fertig werden soll.
Wir freuen uns herzlich darüber; zunächst nicht wegen der kommerziellen Folgen, die sich allerdings unter Hinzudenken eines Schienenweges von München nach Salzburg und Triest, von Augsburg nach Nürnberg und Norddeutschland ins Unermessliche spinnen lassen, sondern weil wir den Weg zwischen beiden Städten für langweilig halten und also froh sind, schnell darüber wegzukommen.
Dies ist wenigstens die Stimmung der Menge, welche der Heerstraße über Dachau oder Fürstenfeldbruck, die sich zwischen stillen Weiden über kornbewachsene Hügel, durch fruchtbare Täler, durch Waldesgrün und freundliche Dörfer dahinschlängelt, herzlich gram ist. So verwöhnt sind wir durch unsere Nachbarschaft! Wir wollen nur Seegefilde, Hochgebirge, Alpentriften, Felsenhäupter.
Wieviel glücklicher ist der knapper gehaltene Landsmann aus dem Norden, vom Strande der Ostsee oder der Nordsee, aus der sandigen Mark, aus der Lüneburger Heide, der hierherum schon zu schwelgen anfängt! In unseren Hügeln achtet er die jungen Söhne der alten Berge, die am Horizonte stehen; in unseren Tälern erblickt er dichterisch nur Idyllenszenerien; aus der raschen, grünen Isar weht ihn der kühle Duft der Gletscher an, in denen er sie entspringen lässt, und über alles legt sich ihm verherrlichend der zaubervolle Nimbus des goldenen Südens, von dem er daheim so viel gelesen und den er gutmütig bei uns schon beginnen sieht.
Der Bahnhof zu München liegt eine kleine halbe Stunde vor dem Tore, ein Missstand, der dadurch an Gewicht verliert, dass die Gäste durch eigene, von der Anstalt bestellte Fiaker aus den Ringmauern herausgeholt werden, bis es einmal zur Erwerbung eines näher gelegenen Grundes kommt, wozu die alte Schießstätte ausersehen ist.
Wer den Pschorrbräukeller kennt, den ungeheuren, der von seiner künstlichen Esplanade herab freundlich über die Stadt hinblickt, der weiß auch den Bahnhof, denn er liegt zu dessen Füßen, in einer Ecke des Marsfeldes, ganz nahe an der Landsberger Straße, gegenüber von Nymphenburg.
Es ist ein hohes, hölzernes Gehäuse, von dessen First herunter die Landesflagge weht, an dessen Vorderseite auf großer schwarzer Tafel Bedeutung und Zweck des Gebäudes ausgesprochen sind. Von seinen Seiten lösen sich hohe Planken ab, die einen beträchtlichen Hofraum einfangen, das Arsenal der Bahn.
Vor den Eingängen stehen zwei hölzerne Tempelchen unbestimmbarer Ordnung, in denen der Reisende sein Opfer darbringt, welches er im Vergleich zu anderen Bahnen immer noch etwas hoch zu finden geneigt ist.
Die Glocke, die über dem Giebel des Bahnhauses hängt, lässt sich vor der Abfahrt dreimal hören. Beim zweiten Male öffnen sich die Tore des Laufes, um sich beim dritten Male wieder hinter der Menge zu schließen. Zwei große Empfangszimmer beherbergen die Reisenden die wenigen Minuten bis zur Abfahrt.
Endlich ist’s an der Zeit, und das fahrlustige Volk strömt hinaus in die weite Halle, welche die Anfänge der Bahn überwölbt. Dort stehen in langer Reihe die Wagen bereit, die rauchende Maschine an der Spitze.
Die beiden englischen Wagenlenker hantieren an dieser und schüren den Brand, der glühend herausglotzt, vom Kopf bis zur Zehe zwei Dämonen gleich, die an den Pforten der Hölle stehen.
Der Wagen sind viererlei. Die letzte Klasse ist ein viereckiger Kasten ohne Deckel, mit hölzernen Bänken, ohne Schutz gegen Sonne und Regen – der Lieblingsplatz der Landleute.
Die nächste Klasse erfreut sich schon gepolsterter Sitze; vor der Sonne schützt die Bedachung und gegen den einschlagenden Regen die ledernen Vorhänge zu beiden Seiten. Wer es noch besser haben will, dem gewährt die zweite Klasse nicht allein gepolsterte Sitze, sondern auch gepolsterte Rücklehnen.
Und die besten und vornehmsten Wagen, die der ersten Klasse, führen sogar Glasfenster. In ihr Inneres aber guckte ich nicht hinein, gerade um mir’s desto schöner ausmalen zu können. Da denke ich mir samtene, schwellende Kissen, mit goldenen Stäben eingefasst, weiche Eiderdaunenpolster an den Seiten zur Ruhe für das müde Haupt, und den Plafond schmücken vielleicht geschichtliche Fresken von Wilhelm Kaulbach oder Julius Schnorr von Carolsfeld.
Eine Menge Diener laufen unterdessen hin und her, ermahnend, helfend und ratend, die meisten in der Bahnlivree, einem krapproten Frack mit schwarzen Aufschlägen. Das Haupt bedeckt eine Jockeymütze, deren Vorderseite die Insignien der Anstalt zeigt: ein geflügeltes Rad, das auf einer Schiene ruht.
Wir sitzen, die Maschine gibt sich mit ihrem durchdringenden Pfiff selbst das Zeichen und rollt davon. Das Ungetüm jagt raffelnd, dampfend, schnaubend dahin, und darüber kommt die ganze Gegend in Unordnung und fährt wie besessen durcheinander.
Die fernen Höhen rücken eiligst näher; einzelne Läufer schießen pfeilschnell daher und fahren pfeilschnell wieder davon. Wenn man durch die Alleebäume auf das Gebirge sieht, so ist’s gerade, als ob die ungeheure Zugspitze den anderen Bergen nachjagte, die lustig vor ihr davonrennen.
Fährt man durch einen Hain, so lassen sich zwar die vorderen Bäume an der Straße ganz vernünftig an, aber hinten im Walde sieht es aus, als ob die Fichten scherzend durcheinander liefen.
Die Menschen, die an der Bahn stehen, erscheinen von ferne recht menschlich, aber im Vorbeifahren verfließen sie ins Formlose und werden erst hinter uns wieder konsistent. Und all diese Wunder sieht man auf den guten Polstern recht ruhig an und raucht eine Zigarre dazu.
Wir fahren am Hirschpark vorüber und sehen alsbald die Mauern und die Bäume des Nymphenburger Gartens und darüber die Zinnen des hohen Schlosses.
Die Anlage ist aus jener Zeit, wo die deutschen Versailles gestiftet wurden, mit den endlosen geraden Avenuen, in denen die noblen Ahnen auf und ab promenierten, mit den Fontänen, die dem Himmel drohen, mit den Göttern und Göttinnen, deren Nacktheit jetzt die Flechte deckt, und mit den wundervollen coups d’œil durch ausgehauene Waldungen und andere besiegte Naturhindernisse hindurch auf halbe Tagereisen weit entfernte Kirchtürme.
Die Lustschlösser haben auch ihre Fata: jetzt spiegeln sich diese weißen Gemäuer öde und verlassen in den Bassins ihrer Springbrunnen. Berg am Würmsee, Tegernsee und Hohenschwangau in ihrer herrlichen Natur sind für die Fürsten an ihre Stelle getreten.
Außer dem nahen Nymphenburg erschauen wir aber auch noch in weiter Ferne das ragende Hochgebirge in seiner Alpenmajestät und gegen Norden den Höhenzug, auf dem der Markt und das weitgesehene Schloss von Dachau liegen, und von da herauf nacheinander die uralten agilolfingischen Dörfer Allach, Menzing, Pipping, Pasing, Aubing, die schon lange standen, ehe die jetzige Hauptstadt erwähnt wird.
Die Maschine hält: wir sind in Lochhausen, einem stillen, verlegenen Dörfchen, zwei Stunden von München.
Diese Ortschaft war nämlich viele Monate lang der Port, in dem der Dampfwagen seine Fahrt beschloss, zu einer Zeit, da er noch in Windeln lag und sich nicht weiter getraute, weil die Schienen nicht gelegt waren.
Damit ging ein glücklicher Stern auf für Lochhausen, das überrascht und freudetrunken täglich Hunderte von Hauptstädtern ankommen sah, die die Eisenbahn hatten probieren wollen.
Nach ein paar Minuten, während deren manche Passagiere ausgeschifft und andere an Bord geladen worden sind, macht sich der Zug wieder auf und eilt wieder tobend davon.
Doch wird noch an verschiedenen Dörfern gehalten, ehe wir nach Nannhofen kommen, das acht Stunden von München liegt und gegenwärtig der äußerste Punkt ist, bis zu dem die Lokomotive geht.
Hier steigen wir immerhin zufrieden aus, wenn auch anderthalb Stunden darauf gegangen sind, um eine Strecke von acht Stunden zurückzulegen.
Diese lange Dauer der Fahrt ist zunächst dem oftmaligen Anhalten zuzuschreiben; denn außer der Zeitversäumnis in den verschiedenen Dörfern geht aus der Kürze der Stationen auch noch der Übelstand hervor, dass der Drache an der Spitze nie dazukommt, seine Flügel so recht kräftig zu schlagen, weil er immer schon wieder am Ziele ist, wenn er gerade in den besten Eifer geraten will.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Krippe und Heiliges Grab
Ludwig Steub entwarf unter dem Titel „Aus der Fasten“ im März 1842 in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ folgendes Stimmungsbild über die katholischen Haus- und Kinderfreuden, die aus der Reihe der kirchlichen Feste erwuchsen:
Es liegt da in den verdunkelten Kirchen das verschleierte Bild des begrabenen Heilands in einer hellerleuchteten Tuffsteingrotte, welche mannigfaltiges Schauwerk umgibt: kniende Engel, schlafende Wächter und dergleichen. Oben darüber grünt der Ölberg, und hinter diesem prangt die gotische Stadt Jerusalem mit dem Münster Salomonis. Große Glaskugeln, mit farbigen Wassern gefüllt, hinter denen unsichtbare Lampen brennen, werfen seltsamen Schein auf die stillen Beter, die im Dunkel davor knien.
Die Auferstehung Christi, in kirchlichen Freuden gefeiert, schließt die Trauerwoche, und der Ostermorgen bringt uns geweihte Schinken und Ostereier. Der Ostermorgen ist aber auch der Schlussstein im Vierteljahr der katholischen Kinderfreuden, welches ehedem am St.-Nikolaustage begann, wo der gefürchtete und doch sehnlichst erwartete „Klas“ Nüsse, Äpfel und vergoldete Birkenreiser brachte, nun aber zu Weihnachten seinen Anfang nimmt, weil das holdselige Christkind den polternden Heiligen verdrängt hat.
An jenen Abenden steht auf der hiesigen Christkindeldult unter tausend Lichtern das Höchste, Schönste und Prächtigste aus, was sich die Kinder in ihr Paradies denken: alle Leckerbissen von Nürnberg, alle europäischen Armeen in Blei, rührige Hanswürste, halbgewachsene Puppen und unzählige andere Funkeleien. Und wenn dann der Christbaum abgeleert, so beginnen in den Kirchen und den frommen Bürgerhäusern die Krippenvorstellungen.
Die Szene derselben ist eine größere oder kleinere Brettertafel, in eine Kapelle oder an eine leere Zimmerwand gestellt und mit weichem Moos belegt, durch welches sich reinlich bekieste Pfade ziehen, während im Hintergrunde das Hochgebirge mit verfallenen Burgen und den Zedern vom Libanon aufragt. In diesen Krippen bringen die sinnigen Pfleger alle ihre poetischen Ideen plastisch an.
Da sind z. B. weite Wiesen mit weißen Lämmchen, mit jungen Schäfern und Schäferinnen, welche die Schalmei blasen, die man aber leider nicht hört. Im abgelegenen Gebirge oben sitzt ein Einsiedler in seiner Klause und liest im Evangelium. Fleißige Landleute pflügen das Feld oder beten ihren Morgensegen im Grase, während ihre Frauen vor den zierlichen Schweizerhäuschen die Butter rühren. Funkende Bettler stehen an den Wegen, und in den Bosketten zeigt sich halbversteckt das abenteuerlichste Gesindel.
Auch an Wasserkünsten fehlt es nicht: blitzende Kaskaden rieseln über Felsen, Mühlen klappern, Springbrunnen beleben die Gegend, und in dem Weiher schwimmen stolze Schwäne. Es ist schade, dass sich der Sinn für Landesverschönerung, der in den Krippen so kräftig waltet, unter Gottes freiem Himmel nur so spärlich bemerken lässt.
Ferner ist da wahrzunehmen, wie tief das Gefühl der Wiedergeburt Deutschlands bereits in die Herzen gedrungen ist, denn die materiellen Interessen treten auch in den Krippen mächtig auf. So sah man in einer derselben ein Dampfschiff in dem Schwanenteich vor Anker liegen, und eine Eisenbahn, aus welcher zu bestimmten Stunden ein langer Wagenzug dahinrollte, zog durch die ganze Breite der Gegend.
In diesen reizenden Umgebungen gehen nun die heiligen Geschichten vorüber: die Geburt des Heilands im halbverfallenen Stalle, die Anbetung der drei Könige aus dem Morgenlande – die schönste Vorstellung mit orientalischer Pracht, mit dichten Heerscharen von Schwarzen und Mamelucken, mit Kamelen und Elefanten – dann der bethlehemitische Kindermord usw. bis zur Hochzeit von Kana in Galiläa, die den Zyklus unter Musik und Tanz abschließt.
Kaum sind aber die leckeren Schüsseln des Brautmahles weggenommen, das Tischtuch abgehoben, die Gäste entfernt und der Speisesaal samt der ganzen Gegend abgebrochen, so ist die Karwoche herangekommen, und nun werden die heiligen Gräber aufgeschlagen.
Sind jene in den Kirchen groß und prunkvoll, so sind die in den Häusern klein und heimlich und oft voll lieblicher Eigentümlichkeiten, mit denen sie die kindliche Phantasie ausgeziert. Wenn aber Christus am Auferstehungsmorgen in der Strahlenkrone, mit dem roten Fähnlein und dem roten Mantel auf dem Grabdeckel steht, dann hat er auch schon das Zeichen gegeben, dass die schöne Zeit der katholischen Kinderfreuden vorübergegangen; dann werden auch bald die heiligen Gräber aufgehoben, zu dem Krippenzeug in die Truhen gelegt und auf den Speicher gestellt, um dort zu ruhen bis zum nächsten Weihnachten.
Die Münchener waren von jeher Krippenfreunde und sind es geblieben; es gibt sogar einen großen Verein, der diese Interessen fördert. Berühmt war einst die Krippe in dem benachbarten Dorfe Haching, bei der viele Automaten und mechanische Werke mit Wasserkraft angetrieben wurden. Handwerker, Gewerbe, Bauarbeit wurden so „im Betrieb“ gezeigt. Daher stammt der auf buntscheckigen, lauten Betrieb gemünzte, heute noch gebräuchliche Vergleich:
„Da geht’s zu wie im Hachinger Kripperl!“
Wolf - Ein Jahrhundert München
Die Fronleichnamsprozession
Aus Lewalds „Panorama von München“ (1835)
Früh am Morgen weckten mich die Glocken, die von allen Türmen und Türmchen tönten; dazwischen schallten die munteren Märsche der ausrückenden Truppen. Es ist ein herrliches Wetter; mein Blick schweift über das Panorama der Stadt hin zu den blauen Bergen, die zwischen den mächtigen schwarzen Frauentürmen und der prächtigen Kuppel der Theatinerkirche schneebedeckt hervorlugen, und auch das glänzende Haupt der zehntausend Fuß hohen Zugspitze gewahre ich deutlich, rechts von dem hohen Chor der Hofkirche zum heiligen Michael.
Schon aus der Ferne betrachtet hat mir alles ein so festliches Aussehen – selbst das Leblose. Alles ist geputzt und gescheuert. Durch die geöffneten Fenster sieht man in wohlgeordnete Zimmer; vor der Mutter Gottes und den Heiligen prangen Blumen in zierlichen Gefäßen; die Straßen säumt ein Hain junger Birken, Erlen und anderer schlanker und leicht belaubter Holzarten.
Die Einwohner ziehen geputzt, doch eilfertig, als gälte es ein Geschäft, zur Stadt. Von der schlichten Bürgerfrau in der runden Mütze vom feinsten Fischotterfell bis zur Dame und dem Fräulein in Shawl und Strohhut sieht man alles die entlegenen Viertel verlassen und jenen Straßen und Plätzen zueilen, durch welche die Prozession, hier „der große Antlaß“ genannt, vorüberzieht, und wo die Evangelien unter freiem Himmel gelesen werden.
Und noch ist es sehr früh am Tage, erst sieben Uhr. In Hamburg sind noch die Häuser der Reichen geschlossen, und in denen der Unbemittelten erhebt sich erst die Magd vom Lager. In München stehen Bürgersfrauen gern um fünf Uhr auf.
Am Ende der Ludwigstraße, dort wo das Portal in die Arkaden des Bazars führt, halten Kürassiere unter lustigem Trompetenschall. Von hier aus erstreckt sich nun das Militär, Spalier machend, und die unabsehbare Menschenmenge, still und freundlich hin und her gehend oder auf festen Standpunkten von Erhöhungen oder Fenstern die Festlichkeit erwartend.
In allen Häusern, die an den Straßen des Umzugs liegen, gibt es Gäste, geladene und ungeladene, und überall steht ein Frühstück bereit, wobei das beliebte Getränk „der Bock“ nicht fehlen darf, selbst dann nicht, wenn die feinsten Frühstücksweine und gaumenkitzelnde Delikatessen die Tafel zieren.
Die schmausenden Gäste schauen zu den Fenstern hinaus, indes die reichlich aufgestellten Musikchöre abwechselnd bald Symphonien, Märsche und Opernarien hören lassen, was zu den sich in kleinen Zügen ordnenden Schulen, Brüderschaften und Zünften einen seltsamen, fast komischen Kontrast bildet.
In den Straßen liegen Dielen, die mit Blättern und Blumen bestreut werden. Ein hohles Gepolter verkündet, daß sich Teile des großen Zuges darauf nähern. Es sind die Brüderschaften. Alte arme Bürger in Kleidern, die vor vielen Jahren für Größere oder Kleinere, Dickere oder Dünnere gemacht wurden, mit einem altfränkischen Degen am Bandelier, einem Hut mit drei Spitzen, woran Kokarde und Plume prangen, schief aufgesetzt, mit einer seidenen, verschossenen Schärpe um den Leib – dies sind die Panierträger.
Sie tragen nämlich hohe, mächtige Paniere von Gold oder anderen Stoffen, mit Bildern und Stickereien und verschiedenen Emblemen vor sich und schwanken dabei, von der Wucht der langen Stange und der im Winde flatternden Fahne hin und her gerissen, wie Betrunkene von einer Seite zur anderen.
Hinter ihnen geht ein bald größerer, bald kleinerer Haufen alter Männer, andächtig mit Buch und Rosenkranz, die heilige Mutter Gottes anflehend. Von Geistlichen mit Fahnen geführt und von ihren Lehrern begleitet, folgen die Schulen.
Lieblich sehen die Mädchen aus. Alle mit blendend weißen Kleidern, mit blauen Schärpen, Tüchern und Schleifen in den Haaren, die größeren in Riegelhäubchen von strahlendem Silber und mit niedergeschlagenen Augen die Worte des Gebetes in ihren Büchern suchend, während die schwirrenden Volkswogen, die plaudernden Soldaten, die sprengenden Offiziere und die betäubende Militärmusik sie der Andacht abwendig machen wollen.
Man trägt festlich geschmückte Altäre und den ganzen Apparat herbei, um sie an gewissen Plätzen, wo das Evangelium gelesen werden soll, aufzustellen und von der Masse des zuströmenden Volkes absondern zu können. Schöner gekleidete Jungfrauen, große, von Blumen strotzende, zierliche Körbe tragend, folgen den Altären, um der siegenden Kirche ein reiches Blumenopfer zu bringen.
Die Siegerin zieht indes einher, nicht in Demut; kein Triumphator hat sich jemals eines solchen Siegeszuges erfreut. Die erste Jugend, der gekrümmte Greis schließen sich freudig an. Auf Blumen schreitet der Fuß, der Krieger senkt die Fahnen, während jene der Kirche hoch in der Luft wallen. Immer dichter erscheinen die Fahnen, immer ernster werden die Klänge; ein leichter Weihrauchduft haucht uns an.
Die ehrsamen Zünfte erscheinen nun. Die Zeichen und Standarten in altertümlicher Pracht vor sich her, wohl auch Insignien mit kunstreicher, mechanischer Einrichtung und mit Kerzen und Blumengewinden überreich verziert, nahen die zünftigen Handwerker, zum Teil elegant und modern gekleidet.
Die Prozession wird ernster, würdiger, feierlicher. Man vernimmt Chorgesang; der Weihrauchduft verdickt sich; von Ferne blickt man die Straße hinab wie in einen ausgeflaggten Hafen, nur ungleich prächtiger.
Einige Reihen Linientruppen in Schlachtordnung marschieren auf. Franziskaner folgen in Meßgewändern und in Kutten, vor sich her das heilige Kreuz in einen Wald von herrlichen Blumen getaucht und mit einer reizenden Decke behängt, die an beiden Enden wie ein Baldachin getragen wird.
Mönche mit bleichen Gesichtern, geschorenen Köpfen, die hageren Hälse aus den weiten Kapuzen gereckt, barfuß, elende Bettler – und alles beugt sich vor ihnen! Es ist der Zug der siegenden Kirche.
Jetzt nahen die barmherzigen Schwestern in ihrer faltigen, schweren Nonnentracht. Die sechs jungen hübschen Mädchen in weißen Kleidern sind jene Novizen, die vor wenigen Monaten erst eingekleidet wurden.
Hofbediente in Gala, angeführt von einem Oberfourier mit dem Stabe; Pauker und Trompeter; die Hofsänger im Chorhemde, Noten in der Hand, auf der Straße singend. Diese Abteilung des Zuges erregt bei den Zuschauern Heiterkeit. Die Bekannten wechseln Blicke und Grüße, selbst die Damen in den Fenstern nicken vertraut, man lacht einander zu.
Es sind Baier, Pellegrini, all unsere Lieblinge; die Andacht ist fort, wir denken an Rossinis „Tell“, der diesen Abend gegeben wird. Selbst die Konversation nimmt ihren Lauf dahin.
Die höhere Geistlichkeit lässt sich blicken; die Weihrauchwolken, die schon sichtbar werden, ziehen unsere ganze Aufmerksamkeit wieder auf das Fest. Das Domkapitel im violetten Ornat, der Weihbischof mit dem Hirtenstabe wandeln vorüber.
Die prachtvollsten Gewänder des Kirchenschatzes sieht man prangen, und die ausdrucksvollen, zum Teile greisen Köpfe der Prälaten nehmen sich wunderbar genug aus.
Plötzlich hält der Zug. Er kehrt um – er kniet. Alles entblößt die Häupter – das Militär legt die Hand an die Kopfbedeckung und senkt den Blick zur Erde – ein allgemeines Gebet.
Von jener Straßenecke her, wo die Rauchfässer hoch geschwungen werden, strömt ein feierlicher Chor aus den wirbelnden Weihrauchwolken zum Himmel; ein Baldachin hält – ein gebeugter Greis tritt zum bereiteten Tische des Herrn, in zitternden Händen die Monstranz emporhaltend – es ist der Erzbischof von München-Freising.
Das erste Evangelium wird gelesen. Alles harrt in Andacht versunken.
Plötzlich werden Kanonen gelöst, die türkische Trommel erschallt, ein feuriger Kriegermarsch ertönt, die Waffen werden präsentiert, der Zug setzt sich wieder in Bewegung; die Köpfe bleiben unbedeckt.
Der Zug ist vorüber; die Musik währt fort. Ruhige Spaziergänger füllen die mit Dielen belegte Straße und treten auf jene Blumen, welche der siegenden Kirche gestreut wurden. Mit dem Zuge ist selbst in den Gemütern der Frömmsten die Andacht verschwunden. Man mustert Gesichter und Toiletten oder lässt sie an sich mustern, man freut sich auf festliche Mahlzeiten, auf Fahrten ins Freie, auf die Oper, die trotz des schönsten Wetters Anziehungskraft genug besitzt.
Der Zug ist nun in anderen Quartieren der Stadt – man sieht und hört nichts mehr davon. Aber die Menschen ziehen noch immer hin und her, die Truppen halten in den Straßen, und die Musik spielt abwechselnd immerwährend fort.
Endlich schweigen Glocken und Musik. Equipagen durchrollen in allen Richtungen die Straßen der Stadt, um die Würdenträger und Hofbeamten, von der unwillkommenen Morgenpromenade ermüdet, nach Hause zu bringen; der Generalmarsch erschallt, es ist der König, der in die Residenz fährt.
Die Menge verläuft sich, alle Fiaker werden in Beschlag genommen, um in die Gegend auszufliegen.
In dem protestantischen Norddeutschen erregt das Fest ein seltsames Gefühl. Manches dabei macht einen feierlich erhebenden Eindruck; das Ganze erregt eine freudige Stimmung.
Eine junge Schauspielerin aus der Fremde, die dies alles zum ersten Male sah, konnte sich nicht erwehren, an Schillers „Jungfrau von Orleans“ zu denken; ein Berliner Doktor ärgerte sich, daß der Zug nicht auch durch seine Straße ging, da es doch für das Publikum wäre. Ein anderer hatte alles verschlafen und sagte:
„In Berlin würde so etwas stets durch die öffentlichen Blätter bekannt gemacht!“
Wolf - Ein Jahrhundert München
Hebbels Abschied von München
Friedrich Hebbel (1813–1863), der vom Herbst 1836 bis 1839 in München studierte und hier die Anregung zu seinem Drama „Maria Magdalene“ erhielt, vertraute seinem Tagebuch folgende Sätze an:
6. März 1839.
Jetzt geht’s ans Abschiednehmen. Gestern war ich zum letztenmal in der Pinakothek, heute in der Leuchtenbergschen Galerie und in der Glyptothek. Es wird mir doch in Hamburg eine große Entbehrung sein, daß ich dort nirgends schöne Gemälde und Bildwerke sehen kann. Welch ein Genuß, in diesen prachtvollen Sälen umherzuwandeln und sich in den Geist der fernen Zeiten und Schulen mit dem vollen Gefühl der frischen, anders gestalteten Gegenwart zu versenken! Gerade die Kunst ist es, die das Leben erweitert, die es dem beschränkten Individuum vergönnt, sich in das Fremde und Unerreichbare zu verlieren; dies ist ihre herrlichste Wirkung …
10. März.
Gestern abend ging ich einmal wieder in das Haberedersche Kaffeehaus am Englischen Garten, das ich und Rousseau im vorigen Winter jeden Abend zu besuchen pflegten. Ich setzte mich an den Tisch, wo wir gewöhnlich saßen, und ließ mir ein Glas Bier geben, um es auf sein Andenken zu leeren.
„Leben Sie auch noch?“, sagte der kleine Wirt, den wir immer den Kobold nannten.
Das Zimmer war verändert; die Tochter war lang in die Höhe geschossen; die Gäste waren dieselben. Offiziere, die Karten und Billard spielten, ein Graf darunter, der sich dadurch amüsierte, daß er seine Kameraden zuweilen in die Lenden kniff. Bauern im anderen Zimmer, darunter der krausköpfige Geschichtsforscher, der über Karl den Großen sprach. Eilbote, Landbote, Tageblatt. Gang nach Hause, Arm in Arm, dem Sturm und Schnee entgegen. Abends Kartoffelessen oder Pfannkuchen.
O, wie süß sind die Schmerzen des Abschieds! Wer könnte scheiden, wenn sie nicht wären! Das Herzblut schießt hervor; wir glauben in Wehmut zu zerfließen; uns ist, als sollten wir sterben, und so geht’s fort. Fort!
Mittags.
Als ich ankam in München, hatte ich gleich vorm Tor Gelegenheit, ein Paar Stiefel zu erhandeln, die ich notwendig brauchte. Ich nahm dies für ein günstiges Zeichen und habe mich nicht getäuscht. Freilich habe ich in München viel verloren, aber ich habe darin doch auch viel besessen.
Heute morgen dachte ich: Die erste Person, die dir, wenn du ausgehst, begegnet, soll dir Glück oder Unglück bedeuten. Ich hatte dies ganz vergessen, als ich fortging. Bei der protestantischen Kirche stieg gerade, wie ich vorüberging, die Königin aus dem Wagen; da fiel es mir wieder ein. Die zweite Person, die mir auffiel (und diese könne doch nur gelten), war der Prinz. Also – Glück! Denn diese Personen, die so glücklich sind, können doch unmöglich Unglück verkündigen.
Dazu, um mich ganz selig zu machen, ward mir noch einmal die Wonne, zu dichten. Ich machte einen Spaziergang – den letzten – im Englischen Garten; da entstand in bezug auf das erste ein zweites Scheidelied:
Das ist ein eitles Wähnen,
Sei nicht so selig, mein Herz!
Gib redlich Tränen um Tränen,
Nimm tapfer Schmerz um Schmerz!
Ich will dich weinen sehen,
Zum ersten und letztenmal;
Will selbst nicht widerstehen,
Da löscht sich Qual in Qual.
In diesem bittren Leiden
Lab’ ich nur darum Mut,
Nur darum Kraft zum Scheiden,
Weil es so weh uns tut!
Dann stieg ich den Monopteros hinan und übersah noch einmal den großen Garten und die Stadt. Ich habe dort gebetet um Segen für München, das mich in seinem Schoß so freundlich aufnahm, und um Segen für mich selbst.
„Mach’ etwas aus meinem Leben“, rief ich aus, „es sei, was es sei!“
Auch für meine liebe Beppi habe ich den Segen des Himmels herabgerufen. Und, da dieses Blatt doch beschlossen werden muß: warum soll ich es nicht mit ihrem Namen beschließen?
Am 11. März 1839 verließ Hebbel München. Unterwegs schrieb er sein Reisejournal „Von München nach Hamburg“ mit der Bleifeder; vier Jahre später trug er es in Kopenhagen in sein Tagebuch ein. Das Journal beginnt mit den Sätzen:
Bei sehr schönem Frostwetter, morgens um sechs Uhr ging ich am 11. März aus München. Beppi trug mir mein Ränzchen bis ans Ende der Ludwigstraße, dort nahm ich es selbst auf den Rücken. Einen Torzettel, den ich mir tags zuvor mit vieler Mühe besorgt, brauchte ich nicht. Dies erregte mir eigentlich ein unangenehmes Gefühl; man mag nichts umsonst tun.
Beppi begleitete mich über zwei Stunden; in einer Bauernschenke, die einsam im Walde stand, der sogenannten Kalten Herberge, tranken wir das letzte Glas Bier zusammen. Dann schieden wir unter unendlichen Tränen …
Beppi Schwarz, das Münchner „Verhältnis“ Hebbels, ist das Urbild der Klara in Maria Magdalene; ihr Vater, wie Meister Anton ein Schreiner, und ihr Bruder Karl, der der Familie viel Sorgen bereitete, dienten als Vorbilder für die entsprechenden Gestalten des Dramas.
Die Herzoglich Leuchtenbergische Galerie gründete Eugen Beauharnais, der Schwiegersohn Max I. Josephs, späterer Herzog von Leuchtenberg, und stellte sie in seinem Palais am Odeonsplatz in zwei dem allgemeinen Besuch geöffneten Sälen auf. Sie vereinigte u. a. Werke von D. Quaglio, A. Adam, Wagenbauer, Warnberger, Peter Heß, Wilhelm Kobell, Dillis, Heideck, Dörner, dann von Italienern des Cinquecento und Seicento. Die Galerie wurde, als die Leuchtenbergische Familie nach Rußland übersiedelte, dorthin verbracht und ist verschollen.
Emil Rousseau, Hebbels Freund in Heidelberg und München, stammte aus Ansbach. – Eilbote, Landbote, Tageblatt: drei der damals gelesensten Zeitungen. Daneben erschienen „Die Bayerische Landbotin“, „Bayerische Nationalzeitung“, „Volksfreund“, „Bazar“, „Lesefrüchte“ usw.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Der grüne Heinrich in München
Gottfried Keller (1819–1890) kam im Mai 1840 nach München, um Maler zu werden. Er bezog die Akademie, aber sein Werben um die bildende Kunst blieb ohne Erfolg. In seinem großen Lebensroman „Der grüne Heinrich“ hat er seine Münchner Eindrücke und Erlebnisse, u. a. auch das Albrecht-Dürer-Fest von 1840, in freier Vermischung von Wahrheit und Dichtung verwertet. Dort steht auch diese Münchner Impression:
Mit dem Sonnenuntergange des zweiten Tages erreichte ich das Ziel meiner Reise, die große Hauptstadt, welche mit ihren Steinmassen und großen Baumgruppen auf einer weiten Ebene sich dehnte. Meinen verhüllten Totenkopf in der Hand, suchte ich bald das notierte Wirtshaus und durchwanderte so einen guten Teil der Stadt.
Da glühten im letzten Abendscheine griechische Giebelfelder und gotische Türme; Säulenreihen tauchten ihre geschmückten Häupter noch in den Rosenglanz; helle gegossene Erzbildwerke, funkelneu, schimmerten aus dem Helldunkel der Dämmerung, wie wenn sie noch das warme Tageslicht von sich gäben, indessen bemalte offene Hallen schon durch Laternenlicht erleuchtet waren und von geputzten Leuten begangen wurden.
Steinbilder ragten in langen Reihen von hohen Zinnen in die dunkelblaue Luft; Paläste, Theater, Kirchen bildeten große Gesamtbilder in allen möglichen Bauarten, neu und glänzend, und wechselten mit dunklen Massen geschwärzter Kuppeln und Dächer der Rats- und Bürgerhäuser.
Aus Kirchen und mächtigen Schenkhäusern erscholl Musik, Geläute, Orgel- und Harfenspiel; aus mystisch verzierten Kapellentüren drangen Weihrauchwolken auf die Gasse; schöne und fratzenhafte Künstlergestalten gingen scharenweise vorüber, Studenten in verschnürten Röcken und silbergestickten Mützen kamen daher, gepanzerte Reiter mit glänzenden Stahlhelmen ritten gemächlich und stolz auf ihre Nachtwache, während Kurtisanen mit blanken Schultern nach erhellten Tanzsälen zogen, von denen Pauken und Trompeten herabtönten.
Alte, dicke Weiber verbeugten sich vor dünnen, schwarzen Priestern, die zahlreich umhergingen; in offenen Hausfluren dagegen saßen wohlgenährte Bürger hinter gebratenen jungen Gänsen und mächtigen Krügen; Wagen mit Mohren und Jägern fuhren vorbei.
Kurz, ich hatte genug zu sehen, wohin ich kam, und wurde darüber so müde, daß ich froh war, als ich endlich in dem mir angewiesenen Zimmer des Gasthofes Mantel und Totenkopf ablegen konnte.
In einem Briefe an seine Mutter, datiert vom 18. Mai 1840, faßt Keller seinen Eindruck von München und den Münchnern in die Sätze:
Ich befinde mich sehr wohl hier; man kann über die Straße gehen, ohne daß man von allen Seiten begafft oder für stolz ausgeschrien wird. Kein Mensch achtet auf den andern; alles geht bunt durcheinander; kommt man aber mit den Leuten in Berührung, so sind sie höflich und gefällig, nur die Weibsbilder von der bürgerlichen Klasse sind ungemein roh.
Sie fluchen und schimpfen wie bei uns die Stallknechte und sitzen alle Abend in der Kneipe und saufen Bier. Sogar die nobelsten Damen gehen ins Kaffeehaus und trinken da – nicht Kaffee, sondern so zum Spaß eine Maß Bier bis zwei.
In Kellers „Schreibbuch“ findet man, eingetragen im Jahre 1843, den Beginn eines Sonetts, das – ganz anders als die Impression im „Grünen Heinrich“ – recht unwirsch gewisse Münchner Beobachtungen in die summarischen Verse zusammenpackt:
Ein liederliches, sittenloses Nest
voll Fanatismus, Grobheit, Kälbertreiber,
voll Heiligenbilder, Knödel, Radiweiber.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Münchner Originale
In Fernau-Daxenbergers „Münchner Hundert und Eins“ steht zu lesen:
Ramlo, Finessensepperl und Prangerl dauern im Andenken der Hauptstadt fort. Ramlo war ein gottesfürchtiger Musikus, der die Viola in dem königlichen Hoforchester spielte und auf der Straße, stets seine Geige im Arm, mit weiß gepuderten Haaren und dreieckigem Hütchen, in der Rechten ein schönes spanisches Rohr, noch im zweiten Zehnt dieses Jahrhunderts zu sehen war. Dabei grüßte er alle Leute und besonders alle Kinder auf die zuvorkommendste Weise.
Seine sanfte Sinnesart führte ihn gern in die Peterskirche oder gar auf den Gasteigberg zu jenem Christus am Kreuze, an dessen Fuße die nahen Wellen der Isar sein murmelndes Gebet durchrauschten. Leider ist es dem frommen Ramlo nicht so gut geworden wie jenem heiligen Musikanten, der unter dem Kruzifix spielte, dessen Herrgott an den Füßen goldene Schuhe trug und dem Armen zuliebe einen fallen ließ.
Diese zierlichen Exemplare von Menschen, wie Ramlo einer der letzten war, sind in München ausgestorben; ebenso die Hofnarren wie Prangerl. Mit dem Kurfürstentum in Bayern wurde auch ihre Herrschaft begraben. Prangerl war der Lustigmacher des Hofes. Sein Witz war zotig, schonungslos.
Die „gute Stadt München“ hatte ein ganz anderes Gepräge als die „Königliche Haupt- und Residenzstadt“. Zu jener Zeit, da Prangerl lebte, konnte man noch satirisch sein. Prangerl war kein Zwerg, aber auch weit von einem Riesen; auch er ging immer mit einem Stock in der Hand, den mancher Gassenjunge zu fühlen bekam.
Die derben Anekdoten, die von ihm noch in der Überlieferung des Münchner Volkes leben, haben den Geist Till Eulenspiegels, und Prangerl sowie seines Gebieters kurfürstliche Durchlaucht konnten herzlich lachen, wenn er jemanden geprellt hatte. Raimund hat ein bekanntes Stück geschrieben: „Die Insel der Wahrheit“; Hofnarren können wahrlich Oasen der Wahrheit genannt werden. Auch Prangerl hatte diesen Vorzug; doch die Freiheit, die in diesem gnädigen Vorrechte lag, gedieh bei ihm einigemale bis zur Unverschämtheit, der Ungnade folgte.
Wer aber, der hier eine Generation gelebt, kannte nicht jenes dürre Männlein, das zu jeder Stunde des Tages ein Täfelchen unterm Arme trug, das jedem Vorübergehenden mit verschmitzt-freundlich lächelnder Miene ein „Grüß di Gott“ leise zurief?
Der König und der Bettler haben Finessensepperl wohl gekannt. Er war bis in die zwanziger Jahre unserer Zeit hinein der populärste Mann in München. Nun ruht auch er unter der Erde. Ruht er? Nein, ich weiß es: sein Skelett ist in der Anatomie aufgestellt; denn der kleine Mann hatte eine Rippe mehr als andere Menschen.
Finessensepperl war der postilion d’amour Münchens. Er hatte in allen Häusern Zutritt; er war schlau und schien das Gegenteil zu sein. Er konnte nicht lesen und schreiben und verstand sich doch darin. Er hatte selbst geliebt; seine beständige Liebe war eine Törin, welche die „rote Nanni“ hieß und der die Buben oft schreiend nachliefen.
Nannerl und Sepperl sind nun einmal die Grundheiligen der Isarstadt. Freilich fangen auch sie an, mehr zu verschwinden. War einer dieser Namenstage, so waren beide mit Blumensträußen geschmückt, gingen stolz in allen Straßen umher und ließen sich gratulieren.
Finessensepperl bettelte nicht; allein seine Miene drückte hinlänglich aus, was er nicht sagte, und reichlich flossen ihm die Gaben zu. Es gibt keinen öffentlichen Charakter dieser Art in München mehr. Unsere Zeit verwischt das Eigentümliche.
Einen vierten könnte ich jenem Dreiblatt wohl beifügen, den bekannten „Professor der unentdeckten Wissenschaften“. Er hieß Wilhelmi, der unermüdlichste Theaterbesucher, immer an demselben Platz; er wurde viel mißhandelt und war unausstehlich.
Von weiteren Münchner „Originalen“ spricht Franz Trautmann in seinem Plauderbüchlein „Im Münchner Hofgarten“:
Nicht hinsichtlich seiner Streiche, sondern gelegentlichen Hofgartenbesuches hatte der Finessensepperl um ein paar Jahrzehnte später einen Nachahmer, den bekannten „ewigen Hochzeiter“, welcher, so beschränkt seine Verhältnisse waren, immer einen frischen Blumenstrauß in der Rechten trug.
Dabei hielt er mit dem Hinschreiten manches Mal ein – nämlich, wenn ihn eine Damengestalt besonders anzog – und machte Miene, den Strauß darzubieten. Was er aber immer wieder unterließ, so daß man nie erfuhr, welches weibliche Wesen er denn seiner vollen Ergebenheit würdig gehalten habe.
Wer noch zu nennen? Ja, später der soi-disant „Baron Sulzbeck“, der mit seiner großen Baßgeige, auf welcher er den Lärm der Schlachten bei Leipzig und Waterloo vorzutragen wußte, zwar nie im Hofgarten tätig wurde, aber unweit davon, weshalb man ihn wenigstens in hochbreitem Leibwuchs durchschreiten sah. Dies geschah bekanntlich bis in das fünfte Dezennium hinein, trotzdem der Schlachtlärm nie abnahm, vielmehr stets gewaltiger wurde.
Noch jemand zu nennen – trabte er doch oft am Hofgarten vorüber!
Es war der hochgeschossene, ehrenhaftest gesinnte Bürger und Pferdeverleiher, dessen deutschen Namen ein maliziöser Herr, zum ärgsten Groll des Inhabers, gallisierte und in „Monsieur de Krainquele“ verwandelte.
Krainquele war der Mann, für welchen „Salonsprache“ das überflüssigste, das „hippologische“ aber von höchstem Werte war.
F. E. Krenkl, Lohnkutscher und Pferdehändler, ungemein beliebt in München, machte sich um die Oktoberfest-Pferderennen verdient.
Ein Stadtoriginal war in gewissem Sinne auch der Journalist Moritz Saphir (1795–1858) (eigentlich hieß er Jaffé), dessen Gazetten mit seinen Humoralbriefen und witzigen Vorlesungen, die meistens im schönen Saal der Gesellschaft „Museum“ stattfanden, nicht weniger Stadtgespräch waren als seine spöttischen Angriffe auf das Hoftheater, seine Scherze mit König Ludwig I. und seine Taufe (er war Jude) in der protestantischen Matthäuskirche.
Schließlich wurde Saphir mit dem Titel eines Hoftheaterintendanzrates begnadet. Von da an schwieg er, verließ aber auch bald München (1835).
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Ein Ringkampf im Münchener Hoftheater
Der Ringkampf, der am 14. Januar 1841 zwischen dem starken Jean Dupuis und dem Hausknecht Simmerl vom Faberbräu im Münchner Hoftheater ausgetragen wurde, erregte so ungeheures Aufsehen, daß etwa zwanzig Lithographien und Flugblätter darüber erschienen. Von den zeitgenössischen Autoren berichtet Johann Nepomuk Sepp:
Als der französische Minister Thiers 1840 die Deutschen mit Krieg überziehen wollte, kam ihr stärkster Ringer gleichsam zur Probe ihrer Überlegenheit über den Rhein, ein Mann von herkulischer Gestalt, um sich in Kassel, Berlin, Dresden und anderen Hauptstädten mit den stärksten Deutschen zu messen, und er überwand sie allenthalben: der Schrecken wandelte vor ihm her.
So gelangte er schließlich nach München, schrieb sich Jean Dupuis und setzte einen Preis von nahe tausend Gulden aus, wenn ein Stärkerer auftrete als er. Der Schimpf brachte alle stämmigen Burschen auf; der Fechtmeister Gruber gab einigen Unterricht, und so sollte auf der ersten Schaubühne des Landes das Ringen vor sich gehen. Kopf stand an Kopf; es galt eine Ehrensache für das ganze Volk.
Der Vorhang rollt auf; der Sieger in so vielen Kämpfen steht da; für einen antiken Helden gebaut, den Oberkörper weit vorgestreckt, einen Gürtel um die Hüfte, und nur an den Armen zu fassen.
Der erste, der angesichts all der Tausende zum ungewohnten Wettkampf ihm entgegentritt, ist ein junger Metzgerbursche, Johann Ebner, nicht groß von Statur, aber untersetzt. Solch eine Pause muß im römischen Amphitheater bei Gladiatorenkämpfen oder Tierhetzen eingetreten sein, wo die Gegner sich erst mit den Augen maßen, Löwen und Tiger umeinander herumgingen, um eine schwache Seite ausfindig zu machen und dann zu Sprung oder Angriff überzugehen.
Alles blickte stumm in die Szene; den Zuschauern pochte das Herz.
Da begannen sich beide, der Bayer und der Franzose, an den Händen zu fassen, hin und her zu schieben, ein Stoß, ein Ansturm, ungeheure Muskelkraft wurde von beiden Seiten aufgeboten. Der verwöhnte Sieger hatte sich den Kampf wohl leichter vorgestellt.
Das Volk atmete hoffnungsvoll auf; Zornwut schien den jungen Menschen zu erfassen, dem sein Widersacher am kolossalen Körper überlegen war — auf einmal stürzte der Franzose aufs Knie. Ein Beifallsklatschen begann; aber, ohne Übung, übersah der sehnige Junge den Vorteil, den Franzmann zu drehen, und wurde nun, seinerseits überrascht, zu Boden gelegt.
In diesem Augenblick fühlte jeder sich an seiner nationalen Ehre gepackt. Wie? Eine Niederlage? Unmöglich!
Schon stand der Rächer dem triumphierenden Welschen gegenüber: Simon Meisinger, Bierführer des Faberbräu, und das will etwas sagen. Die englischen und amerikanischen Boxer pflegen auch ihr Quantum zu trinken, und der Pschorrbräu erwartete, daß jeder Mann, den er zum Geschäfte brauchte, seine fünfzehn, wo nicht dreißig Maß täglich schluckte. So einer ist imstande, die Eimerfässer ohne Leiter durch alleinige Kraft der Arme vom Wagen zu heben.
Der Mann, der sich alsbald mit Riesenkraft auf den Franzosen warf, war um einen halben Fuß größer als sein Vorgänger, knochenstark, eine robuste Statur.
Er hatte während des Ringens der beiden die Stärke, aber auch die Schwäche dem welschen Feinde abgelauscht, welche im Unterkörper und Fußgestell bestand. Ihm galt es, diesen Antäus zu entwurzeln, und kaum gehoben, mußte er fallen.
Man muß es gesehen haben, mit welcher Berserkerwut dieser Altbayer sich an den übermütigen Welschen machte, treu seinem im letzten Augenblicke gegebenen Worte: „Fallen muß er um jeden Preis!“
Wie ein Bär schlug er seine Pranken ihm an die Ellenbogen; die Aufregung der Zuschauer war furchtbar, alle hoben sich von ihren Sitzen, als ob es Ehre und Leben jedes einzelnen gelte. Aus dem Schlachtfelde könnte die Spannung nicht höher steigen. Sollten beide sich erwürgen?
Mann an Mann waren sie fest geklammert; nur stahlfeste Knochen ertragen einen solchen Druck.
Unversehens faßte der Bayer seinen Gegner, und nun war es um diesen geschehen; augenblicklich war er zu Boden geschmettert, und der Sieger stemmte sein Knie ihm aus dem Leib.
„Hab ich dich jetzt, du Lauser!“ soll er dabei gerufen haben; aber das Haus erbebte vor Sturm; als hätten die Deutschen eine Schlacht über die Franzosen gewonnen, so war die Entscheidung.
Kaum aus dem Theater, so hörte man schon trällern:
Mag einer rebellieren, wie er will,
Doch kommt er nach Bayern, so sei er still!
Des anderen Tages war die halbe Stadt in Bewegung, den Sieger zu ehren; der beschämte Franzose wollte der Pflicht, den Wettpreis zu zahlen, sich entziehen, wurde aber gerichtlich dazu verurteilt.
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Die Schranne
Aus Lewalds „Panorama von München“ (1835)
Nun zur Schranne, wie sie ist! In der Mitte des eigentlichen Münchens, das einen Kern wie andere Städte bildet, befindet sich ein nicht eben regelmäßiger, aber recht hübscher Platz. Ringsumher ziehen sich, nach oberitalienischer Sitte, Bogen oder sogenannte Lauben an den Häusern hin, worin Laden an Laden sich reiht und eine Menge der verschiedenartigsten Gegenstände feilgehalten wird.
Zu den eigentümlichsten Bewohnern dieser Läden sind die „Priechler“ zu zählen, welche mit Barchent oder Leinwand handeln, und die „Käskäufler“, worin wir neben angeschnittenen Käsen von penetrantem Geruche allerlei Gegenstände des Luxus antreffen. Das seidene Tuch hängt neben dem zarten Limburger, das Rosenband neben dem duftigen Jochberger; ein zierliches Kleid, das Angebinde zum Namenstage, liegt in trauter Nachbarschaft eines gemütlichen Emmentalers.
Ich habe nie von diesen Waren gekauft, die größtenteils auf den Geschmack der Schrannenbesucher berechnet sind, und kann daher nicht von der Erhöhung des Eindrucks urteilen, den die aromatische Beigabe dem Geschenke zu verleihen imstande ist. Diese Läden, die in ihrem innersten Schoße auch oft noch Sauerkraut bergen, machen sich jedoch in weiterer Ferne schon bemerkbar und ziehen die Aufmerksamkeit einer unbefangenen, diesen Sitten fremden Nase frühzeitig genug auf sich.
Am unteren Ende des Platzes liegt das unförmliche Rathaus, dessen hinterer Flügel noch der Burg angehört haben soll, die Heinrich der Löwe hier erbaute. Ein in Stein gehauener Löwe, der aussieht, als wenn er zu viel gegessen hätte und an Übelkeiten leidet, wird für ein Wahrzeichen der Stadt gehalten.
Zunächst vor dem Rathause liegt eine engere Ausmündung des Platzes, der Eiermarkt geheißen, und hier prangt ein großes Bild, vorstellend St. Onuphrius, zu öftern Malen renoviert und ebenfalls ein Wahrzeichen der Stadt. An der Seite liegt das Regierungsgebäude des Isarkreises und am oberen Ende die Hauptwache.
Fünf bedeutende Straßen – Diener-, Wein-, Kaufinger-, Rosen- und Talstraße – laufen auf diesen Platz aus und dazu noch einige Steige und Durchgänge. Das Rathaus hat einen unbedeutenden Turm, aber der schönere Turm von St. Peter, sowie der von der Heilig-Geist-Kirche schauen von Südost über die Häuser des Platzes; nach Nordwest erblickt man das erhabene Zwillingspaar der Frauenkirche. In der Mitte steht eine rote Marmorsäule, worauf das Standbild einer Maria als Patrona Bavariae in Golderz prangt.
Die ganze Woche hindurch zeigt sich nichts Auffallendes und, Wachtparade und Zapfenstreich ausgenommen, auch nichts Lärmendes. Mit dem Freitag beginnt jedoch ein neues Leben. Die Fiaker, die gewöhnlich unterhalb der Mariensäule halten, erscheinen nicht; dafür aber langen vierspännige Bauernwagen an, von denen Getreidesäcke abgeladen werden, die man in Gassen oder Vierecken auf dem Platze, bis in die angrenzenden, zum Teil sehr engen Straßen aufstellt.
Viele Leute sind dabei behilflich, und es werden die gern gehörten Töne des lautschallenden, breiten Gebirgsidioms vernommen. Wer am Freitag abends den Platz wieder sieht, den er etwa am Donnerstag verlassen, erstaunt über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen, und glaubt sich in eine kleine Landstadt, wo eben Markt gehalten wird, versetzt.
Eine neue Bevölkerung treibt sich dort zwischen den Gassen der Säcke umher, die zum Schutze gegen die Witterung mit Brettern belegt sind, und die ursprünglichen Bewohner, die sonst ehrbar still, unaufmerksam und keine Käufer erwartend in ihren engen Behältern bei der ausgeschichteten Ware sitzen, rufen jetzt jedem Vorübergehenden zu, blicken mutig fragend, unternehmend aus freundlichen Augen; die Waren sind sorgfältiger ausgelegt, der Käse riecht stärker, das Sauerkraut wirkt harmonischer ein.
Alles deutet darauf hin, daß die Zeit der Lese da ist, die Wochenmesse, gleich dem Moment der Étrennes für die Kaufleute des Palais-Royal.
Doch ist dies nur ein Vorspiel zum Sonnabend, der eigentlichen Getreidebörse. Mit Tagesanbruch ziehen dann rüstige Pferde neue Vorräte herbei. Alles wird lärmender, geräuschvoller und nimmt dabei einen ernsteren Charakter an. Man sieht, daß es sich hier um den höchsten Preis und schnellsten Absatz handelt, und jeder ist bemüht, dahin zu gelangen.
Die Oberländer mit den spitzen Hüten und der knappen Gebirgstracht, die Oberländerinnen mit den hochgepolsterten Schultern und den langen Röcken, nehmen die ersten Plätze ein; dazwischen bewegen sich schnell, mit vorgekrümmtem Oberleibe und hin und her schlagenden, weiten Röcken die Mädchen vom Unterlande in ihrer seltsamen Tracht, im kurzen Kotillon, dem Mieder von Band und Tressen, dem Janker darüber von buntem Kattun, mit dem Rücken von weißer Leinwand und der enganliegenden schwarzen Spitzenhaube.
Am frühen Morgen kommen die Käufer: Bäcker, Melber (Mehlhändler) und Brauer, und alles ist in vollem Gange. Hier wird ein Handel geschlossen, dort werden Säcke geöffnet und Proben besehen; hier wird gemessen, dort ausgeladen.
Die Müller mit ihren schweren Wagen und starken Rossen haben sich auch eingestellt, um das Erkaufte sogleich in Mehl zu verwandeln. Das Messen besorgen eigene alte Weiber, die mit großer Geschäftigkeit hin und herlaufen und mit dem Streichholz über den Scheffel fahren, daß das liebe Gut von allen Seiten reichlich zu Boden fällt.
Auf eine Handvoll Getreide kommt es in diesem kornreichen Lande nicht an; wie vorsichtig gehen andere Nationen hingegen bei dem Kornmessen zu Werke, z. B. die Italiener, welche tun, als ob sie Gold vor sich haben.
Der Markt wird immer belebter, alles kauft, alles treibt sich umher. Wagen und Rosse erregen Verwirrung im Gedränge, die alten Weiber werden auf dreißig Punkten zugleich gerufen; der Platz ist fast nicht mehr zu passieren.
So naht die Mittagsstunde, und mit ihr erscheint der Geschäftsführer der Pschorrschen Bräuhäuser. Er beginnt seine Einkäufe zu machen, und bald sieht man nur noch die Säcke mit der Aufschrift „Pschorrsches Bräuhaus“ oder mit zwei Hacken oder Beilen, welches das Sinnbild des zweiten Pschorrschen Etablissements „Zum Hackerbräu“ ist, den Platz bedecken.
Der Markt ist beendet; die Säcke werden nach und nach aufgeladen; die Messer und Arbeiter halten stehend oder auf den Säcken sitzend ihr Mittagsmahl mit Brot und Bier, und die aufziehende Wachtparade kommt still und ohne Musik und stellt sich seitwärts in der Kaufingerstraße auf, um die Bauernschranne nicht zu stören.
Wen nicht eben sein Weg über den Platz führt, vermeidet ihn gern, denn Pferde, Säcke, Wagen und Menschen drohen Gefahr, und man kann gestoßen, gequetscht, geschlagen, getreten, wohl gar gerädert werden.
Nach und nach schweigt der Lärm, die Bauern haben die übriggebliebenen, die Käufer die erkauften Säcke fortgefahren, und die Messer beginnen nun ihr stilleres Werk. Der Platz wird gefegt und die ansehnliche Menge des überall verschütteten Getreides gesiebt und in Säcke geworfen. Dies ist der Profit der Messer, die deshalb eigens angewiesene Reviere haben, die sie nicht überschreiten dürfen.
Zwischen vier und fünf Uhr nachmittags ist alles leer, und die Fiaker halten darauf wieder siegend ihren Einzug.
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Das Bürgermilitär
Das Bürgermilitär, wie es jetzt ist, ist nicht mehr die Belustigung der Kinder und der Spott der Alten. Die Nationalgarde von München ist weit entfernt von jener Zeit, wo sie einer deutschen Kleinstädterei gleichen konnte, wo noch Zöllner an den Toren saßen und alles „Herr Vetter“ und „Frau Base“ in der guten Stadt München hieß, wo man sich im Brautzug in die Kirche begab und vom Turme herab zur Hochzeit blasen ließ.
Wenn du sie aufziehen, paradieren und exerzieren siehst, wirst du mit mir sagen: die Landwehr von München ist diszipliniert und hat eine treffliche Haltung. Die aufrufsfähige Mannschaft beträgt diesseits der Isar 1900, mit der Au 2500, darunter eine Eskadron zu Pferde, Füsiliere, Grenadiere, Schützen und Artillerie.
Sie wählt sich ihre Offiziere selbst, hat ihre eigenen Musikkorps und ihre Waffen zu Hause. Bei Prozessionen, Aufzügen und Festen (Oktoberfest), an allerhöchsten Geburts- und Namenstagen, bei Beerdigungen tritt sie en masse auf; zum eigentlichen Waffendienste wird sie in friedlicher und ruhiger Zeit nicht verwendet.
Man kann behaupten, daß sie durch das ausgezeichnete Wirken ihrer Chefs von dem besten Geiste beseelt ist.
Die kurzen, hellblauen Uniformröcke der Landwehr sind seit 1811 vorgeschrieben, aber erst seit 1815, nach manchem altväterischen Widerstande, vollständig eingeführt.
Das bürgerliche Zeughaus aus dem Alten Rathaus hat keine besondere Sehenswürdigkeit an Rüstungen, Wehren und Waffen; doch enthält es die Marschallsuniform, die König Max nur einmal trug und nicht wieder, nämlich bei der Eröffnung der ersten Ständeversammlung im Jahre 1819.
Sie brachte der Bürger und ehemalige Artilleriehauptmann, jetzt Kastellan der Burg zu Hohenschwangau, J. B. Findel, als er sie nach dem Tode des Königs käuflich erworben hatte, der Gemeinde zum Geschenke. König Ludwig legte den Degen dazu.
(Aus: „Münchner Hundert und Eins“)
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Die Münchner Kaffeehäuser um 1840
Die hiesigen Kaffeehäuser lassen sich nach „zu ebener Erde" und „ersten Stock" unterscheiden oder auch in Weiber--, Männer--, Vormittags--, Nachmittags-- und Abend- Kaffees. Bürgerfrauen, meistens der geringern Gewerbe, Marktweiber, Händlerinnen, Köchinnen stellen sich in jenen ein und ruhen sich da ein Stündchen aus. Bekannt als weibliche Kaffeehäuser sind Leitmayer am Petersfreithofe, cidevant Lämmer an der Burggasse, Kastner am Viktualienmarkt, Walser und vorrnals Gießer, dann See-thaler zunächst A. L. Frauenkirche. Diese sind eigentliche Kaffeewirtschaften und werden des Abends geschlossen. In den Küchen wird der sogenannte LaseDie hiesigen Kaffeehäuser lassen sich nach „zu ebener Erde“ und „im ersten Stock“ unterscheiden oder auch in Weiber-, Männer-, Vormittags-, Nachmittags- und Abendkaffees.
Bürgerfrauen, meistens der geringeren Gewerbe, Marktweiber, Händlerinnen und Köchinnen stellen sich in jenen ein und ruhen sich da ein Stündchen aus.
Bekannt als weibliche Kaffeehäuser sind Leitmayer am Petersfreithofe, ehedem Lämmer an der Burggasse, Kastner am Viktualienmarkt, Walser und vormals Gießer, dann Seethaler zunächst an der Liebfrauenkirche. Diese sind eigentliche Kaffeewirtschaften und werden des Abends geschlossen. In den Küchen wird der sogenannte Haserlkaffee gereicht.
Die besuchtesten Männer-Kaffeehäuser sind Tillmetz, Kastner (im zweiten Stock), Scheidel, Krois, Fink, das Englische Kaffeehaus und Reubel im Englischen Garten. Bei Kastner liegen unter allen Kaffees die meisten Tageblätter und Journale; bei Scheidel findet man den Schachklub, bei Tillmetz die ausdauerndsten Kartenspieler.
La banque und der Würfel und alle Hazardspiele sind in Bayern verboten. In vertrauten Kreisen gehen sie dennoch ungestört fort.
Wer die Eleganz der französischen oder Wiener Lokale hier suchen wollte, irrt sich. Nur eines macht den Anspruch, in diesem Sinne fashionable zu sein: Tambosi unter den Arkaden am Eingange des Hofgartens.
Dies ist ein von Künstlerhand geschmücktes Kaffeehaus mit allen begehrten Vorzügen. Tambosi ist das Gesellschaftshaus der jungen Leute. Dort kannst du die ausgezeichnetsten Schauspieler und Musiker, die vorzüglichsten Maler, Literaten, Studenten, vornehme Offiziere, interessante Fremde, die besten Karten- und Billardspieler kennenlernen.
Es wird viel gespielt und kritisiert bei Tambosi. Der Ton ist frei und anständig. Aber auch flotte Burschen und schlechte Zahler fehlen nicht. Man kann gewiß sein, jeden Abenteurer, der nach München kommt, bei Tambosi zu sehen.rlkaffee gereicht. Die besuchtesten Männer-Kaffeehäuser sind Tillmeh, Kastner (im zweiten Stock), Scheidet, Krois, Fink, das Englische Kaffeehaus und Reubel im Englischen Garten. Bei Kastner liegen unter allen Kaffees die meisten Tageblätter und Journale; bei Scheide! findet man den Schachklub, bei Tillmetz die ausdauerndsten Kartenspieler. La banque und der Würfel und alle Lasardspiele sind in Bayern verboten. In vertrauten Kreisen gehen sie dennoch ungestört fort. Wer die Eleganz der französischen oder Wiener Lokale hier suchen wollte, irrt sich. Nur eines macht den Anspruch, in diesem Sinne fashionable zu sein: Tambosi unter den Arkaden am Eingänge des Lofgartens. Dies ist ein von Künstlerhaild geschmücktes Kaffeehaus mit allen begehrten Vorzügen. Tambosi ist das Gesellschaftshaus der jungen Leute. Dort kannst du die ausgezeichnetsten Schauspieler und Musiker, die vorzüglichsten Maler, Literaten, Studenten, vornehme Offiziere, interessante Frenrde, die besten Karten- und Billardspieler kennenlernen. Es wird viel gespielt und kritisiert bei Tambosi. Der Ton ist frei und anständig. Aber auch flotte Burschen und schlechte Zahler fehlen nicht. Man kann gewiß sein, jeden Abenteurer, der nach München kommt, bei Tambosi zu sehen..
Vor dem Buffet unter den Kastanienbäumen des Hofgartens, wo nicht geraucht werden darf, stehen grüne Tischchen für die schöne Welt, und sie sind vorzugsweise an Sonn- oder Festtagen sowie an Mittwochabenden bei der vom Mai an stattfindenden Militärmusik zahlreich besetzt.
Tambosi hat auch eine Schokoladefabrik; aber berühmter ist die von Mayrhofer und die Satini-Babellische. In einem bescheidenen Häuschen in der Mitte der Prannerstraße floriert diese bereits seit fast einem Jahrhundert (wohl ein seltenes Beispiel solchen Bestandes) ebenso bescheiden, und erst in der jüngsten Zeit hat der Inhaber Pietro Poglia ein Schild an den Laden geheftet mit der Firma und mit der Jahreszahl:
„Besteht seit 1765.“
(Münchner Hundert und Eins.)
Das Kaffeehaus von Tillmetz befand sich in der Rosengasse, jenes von Scheidel in der Kaufingerstraße, Krois in der Dienerstraße, Fink – bis zur Gegenwart als Café Baumann bestehend – am Frauenplatz, das Englische Kaffeehaus am Dult- (Maximilians-)Platz, an der Stelle des heutigen Bernheimer-Hauses.
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Der grüne Baum und der Prater
An der Isar liegt, gleich neben der steinernen Brücke, ein kleines Wirtshaus, „Zum grünen Baum“ genannt. Hier trinkt man immer ausgezeichnetes und frisches Bier. Es ist eine hergebrachte Sitte, nach einem Spaziergang an der Isar hier einzukehren und sich zu stärken.
Man kann kein schöneres Plätzchen finden: unter schattigen Bäumen, an den schnell dahinflutenden grünen Wellen der Isar, belebt durch viele Flöße; gegenüber der Gasteig mit seinen amphitheatralischen Häusern und die Au mit der herrlichen gotischen Kirche; dazu eine freundliche Wirtin und gute Bedienung.
Unweit davon ist der Prater, ein schattiger Platz und Garten auf einer von der Isar gebildeten Insel, mit einem sehr freundlichen Salon geziert, in welchem in den Wintermonaten manche fröhlichen Abendgesellschaften, namentlich von den Künstlern, veranstaltet werden.
An allen Freitagen im Sommer ist gute Gesellschaft im Prater zu treffen; ein ungewöhnliches Leben herrscht dann hier. Mehrere gute Musikchöre, Feuerwerk und Illumination tragen das Ihrige dazu bei.
An Sonntagen ist hier immer Tanz- oder Harmoniemusik, wo sich aber nur die niederen Klassen der Bevölkerung vergnügen.
Felix von Schiller in seinem Büchlein über München vom Jahre 1843.
Die „steinerne Brücke“: die heutige Isarbrücke an der Zweibrückenstraße. Herkömmlicherweise wurde im Grünen Baum Tölzer Bier ausgeschenkt. Die Wirtin, Frau Walburga Hitzelsberger, war eine Münchner Berühmtheit. Andere bekannte Wirtschaften hier, an der Floßlände, waren das „Ketterl“ und der „Turmwirt“.
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Die Kellnerinnen
Felix von Schiller schreibt in seinem Büchlein über München vom Jahre 1843:
Eine eigentümliche Sitte Münchens ist auch, daß, außer in wenigen Gasthäusern, die Bedienung durchgängig von jungen und meistens hübschen Mädchen besorgt wird, die sich in ihrer Landestracht mit silbernem Schnürmieder und dem Riegelhäubchen schnell und anmutig unter den vielen Gästen bewegen und — was eine langjährige Erfahrung hier gelehrt hat — ihr Geschäft ungleich schneller, gewandter und umsichtiger vollführen, als es jemals von männlicher Aufwartung geschieht.
Auch mag ein wohlbegründeter Vorteil der Gastgeber in dieser Einrichtung liegen, da sich jeder Gast lieber von einem freundlichen Mädchen bedient sieht als von einem Ansprüche machenden Kellner.
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Das Schweigertheater
In der Nähe des „Grünen Baumes“, aber jenseits der Isar, am Eingange in die Vorstadt Au, steht ein sehr unansehnlicher Thespiskarren, ich meine das königlich privilegierte Sommertheater des Herrn Schweiger.
Ihm, der einst seine Bretterbude vor dem Karlstor aufgeschlagen hatte, ist nunmehr zu seinem Schauspiel die Stadt verpönt; ja eine Zeitlang, unter einer unglaublich eifersüchtigen Hoftheaterintendanz, durfte er gar nicht spielen. Als ihm die Erlaubnis allergnädigst wieder zuteil ward, errichtete er seine Bühne auf dem Prater, aber der Ort war zu entlegen, hierauf da, wo sie gegenwärtig steht.
Schweigers Theater ist im Munde der Münchner unter der Benennung „Lipperltheater“ noch immer geläufiger. Es ist die alte Verlassenschaft Lorenzonis, der anfangs nur während der Sommerdult (Messe) sechs Wochen lang, zuerst auf dem Anger, von 1797 an aber auf dem freien Platze vor dem Karlstor, zunächst der viel später erbauten protestantischen Kirche, extemporierte Stücke, die sogenannte Kreuzerkomödie, aufführte und seine allgemein ergötzlichen Lazzi machte.
Von Lorenzoni, bei seinem Tode Stifter eines gedeihlichen, noch bestehenden Armen- und Spinnhauses auf dem Anger, ging die Bühne auf dessen als Possenreißer nicht minder beliebten Schwiegersohn Schweiger, den Vater des jetzigen Theaterunternehmers, über.
Lipperl (Philipperl) war der Ausdruck der neu-originalen Komik, gleichwie in Wien ein Kasperl figurierte. Er machte den gröberen, zotigeren Hanswurst und Pickelhäring mit der Pritsche vergessen, und noch heutzutage besteht diese trockene Art, auf die Lachmuskeln zu wirken, fort.
Der Hanswurst war um vieles aktiver, er attackierte die Personen; Lipperl, wie heutzutage Damian Stützel, ließ sie beiseite. Seine Mimik gefiel sich darin, in allen Schick- und Drangsalen sich immer gleich zu bleiben.
Lipperl erscheint aber nicht mehr. Die Kreuzerkomödie, wobei nämlich für jeden, in der Regel halbstündigen Akt ein Kreuzer bezahlt und nach jedem Aufzug der ganze hölzerne Theaterraum geleert wurde, hat sich im Sommertheater gleichfalls in für das Ganze fixierte Preise umgewandelt.
Die neuen Wiener Possen und Parodien ersetzten die extemporierten Stücke, und z. B. „Lumpaci Vagabundus“ war hier recht zu Haus.
Schweigers Schauspielpersonal muß auch singen können; dafür steht aber auch der Name eines jeden Statisten und Choristen auf dem Zettel. Der Mann selbst kämpft fortwährend mit des Lebens Mühen. Vom Oktober bis zum Wonnemonat bleibt sein Thespiskasten in jedem Jahre geschlossen; er hat für beinahe dreißig Individuen der Bühne und für zwölf des Orchesters die Gagen aufzutreiben.
Die Beleuchtung kostet ihm wenig, da nur eine äußerst spärliche vorhanden ist. Aber da der Bewohner der Residenz und auch der heitere Reisende nur zum Spaß und Zeitvertreib Schweigers Bude besucht, so braucht er notwendig einen entsprechenden Komiker, der ihm so häufig mangelt.
Ritter- und Gespensterdramen haben ihr eigenes Publikum; das läuft aus den Vorstädten zusammen, allein es füllt nur den letzten und höchstens den dritten (6 und 12 Kreuzer) Platz, und die besseren Einnahmen werden ihm dadurch entgehen.
Aber das Spiel ist nicht zu reden; in ernsten Dramen sind diese Komödianten, wie sie nicht sein sollen; sie haben alle Fehler von Hamlets Luftseglern.
(Münchner Hundert und Eins.)
Die Schweigerschen Theater in der Au und in der Isarvorstadt bestanden bis in die 1860er Jahre herein. Erst da konnten sie der Konkurrenz des 1864 gegründeten Volkstheaters am Gärtnerplatz nicht mehr Widerstand leisten. Sie wurden aufgehoben und die Familie Schweiger mit einer Pension abgefunden. Daneben bestand in einer Bretterbude des Gasthofs zur Leopoldstadt an der Senefelderstraße das Bintzersche Volkstheater, das später von Franz Hilpert in die Westendhalle an der Josephspitalstraße übergeführt wurde. Aus diesem Unternehmen erwuchs das heutige Münchner Volkstheater.
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Ein Fest auf einem Münchner Bierkeller
Dem abendlichen Lieblingsaufenthalt des Münchners, dem Bierkeller, widmete Ludwig Steub im Jahre 1841 folgende, mit Künstlergestalten staffierte Analyse:
Wer sich unter dem Sommerkeller eines Münchener Bräuers etwa einen Keller vorstellen wollte, wie ihn die übrige Welt auch hat, der läge in einem großen Irrtum. Es sind dies keine von jenen kleinen Grüften, wo die Lausfrau ihre Weinfäßchen aufstapelt und ihr Flaschenbier, etwas Kartoffeln nebenher für den Winter und ein paar aromatische Käslaibe, sondern vielmehr ungeheure Gewölbe, in die man allenfalls vierspännig einfahren kann, und die auf ihrem Rücken mächtige Gebäude, wie Edelsitze und Schlösser, tragen, welche weit rankendeArme ausstrecken, mit Sommerwohnungen für den Eigentümer, kühlen Lallen für die Lundstage und netten, gemalten Zimmerchen für die „Abonnierten". Diese Burgen stehen in einem weiten Gehöfte, das gar Mannigfaltiges aufzuweisen hat. So vor allem die vielen, vielen Ruhebänke für die labedurstigen Gäste, malerisch auf die schönsten Plätze hingestellt, unter das Dach alter Linden oder stolzer Kastanienbäume. Ferner gehört ein kleiner Wald dazu, durch welchen einsame Kiespfade ziehen oder auch die breite Leerstraße für die Bierwagen. Im Gehölze aber finden sich Blumengärtchen, ein paar verliebte Lauben, ein paar geheimnisvolle Eremitagen und endlich auch eine wundervolle Aussicht auf die blauen Züge der fernen Alpen.
In einem solchen Keller nun, und zwar in einem der schönsten, bereiteten unsere Künstler dem großen Thorwaldsen ein Fest. Der lange Sommertag begann sich schon zu neigen, und der Keller mit Laus und Los, Garten und Wald, reichlich geschmückt mit Laubbögen zu ebener Erde, mit wallenden Flaggen auf den Zinnen, war voll harrender Verehrer, voll von Jüngern der Kunst aus allen deutschen Gauen, voll von anderen Lerren und Damen und voll lieber Jugend. Ein sanfter Anstieg führt aus der waldigen Talenge, welche die Einfahrt bildet, allmählich hinaus gegen die kleine Lochebene. Dort sammelte sich nun, als der gefeierte Gast von der hohen Warte, die das Dach krönt, erspäht war, der Reigen der Festgeber, voran auf grünem Rasensiecke ihre jungen Frauen, deren sie sehr schöne haben, hinter ihnen die Laufen der kunstliebenden Münchner, die den Wundermann erschauen und sein Bild zur unvergeßlichen Erinnerung mit nach Lause nehmen wollten. Der Wagen rollte unter Böllerkrachen vor. Thorwaldsen, der stattliche Nordländer mit dem Löwenkopfe und den langen Silberhaaren, begleitet von den ersten künstlerischen Zelebritäten, die mit
ihm gekommen waren, schritt jugendlich, alle Blicke auf sich ziehend, den Anstieg hinauf, während alle Läupter sich entblößten, alles sich verneigte und ein donnernder Willkomm ihm entgegenscholl.
Bertel Thorwaldsen (1770—1844), dem München sein schönstes Reiterdenkmal verdankt, das Monument des Kurfürsten Maximilian I. auf dem Wittelsbacherplatz, kam auf dem Wege von Rom in seine dänische Heimat nach München. Das ihm zu Ehren gegebene Fest fand auf dem Knorrbräukeller, nächst dem Marsfeld, statt.
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Auf der Münchener Akademie der Künste
Reinhart Sebastian Zimmermann (1815—1893), der Stammvater einer fruchtbaren Künstlerfamilie, hat in seiner Selbstbiographie „Erinnerungen eines alten Malers" folgende Eindrücke vom Leben der jungen Münchner Künstler in den 1840 er Jahren festgehalten:
Man macht sich kaum einen Begriff, was für junges Volk sich damals auf der Akademie Herumtrieb, nicht etwa aus Eifer, etwas zu lernen, sondern hauptsächlich, um sich zu amüsieren. Die Akademie war ein Rendezvous für eine große Menge jugendlicher Müßiggänger, welche nur bei schlechtem Wetter oder etwa an bösen Wintertagen hier, bei gutem Wetter aber viel eher an der Isar auswärts, in der Menterschwaige, in Lesselohe und Pullach, zu treffen waren. Diese Tage waren für diejenigen, die arbeiten wollten, wohl die schönsten. Ich konnte nicht begreifen, wie man so ohne Wahl beinahe jeden, der sich meldete, aufnahm. Da kamen, wie in einer Versorgungsanstalt, Anglückliche aller Art, Taubstumme und sonst Anzurechnungsfähige, als könnten alle, welche nirgends zu gebrauchen und allen Schulen entlaufen waren, immer noch wenigstens Maler werden, noch dazu ohne einen Funken von Talent.
Jene streng historische Zeit war überhaupt eine merkwürdige. Man hörte viel von Streben, Kompositionen und Konturen sprechen, aber von unserer herrlichen Galerie war selten die Rede, als müßte man die Kunst erst erfinden, nicht als wäre sie schon in glänzendster Weise durch die besten alten Meister vertreten. Aus der anderen Seite wurde dann wieder alle fingerslang bald dieser, bald ein anderer der alten Meister zitiert, aber niemals, soviel ich mich erinnere, in der Art, als sollte es unsere heiligste Pflicht sein, es ihnen gleichzutun. Ein Rembrandt, ein Rubens und die Niederländer der Reihe nach waren damals sehr vielen ein Greuel, wenn ich auch nicht sagen kann, daß man gerade so weit ging, wie der vor einigen Jahren verstorbene Franzose Ingres, welcher immer, wenn er an einem Rubens vorbeiging, die Land vor die Augen hielt.
Sonst aber liest man sich wohl Zeit. Wer nicht gerade Bestellungen hatte, laborierte Jahr und Tag an einem Bild herum und schimpfte nebenher über Zopf, französische und belgische Manieriertheit. Auch sprach man damals monatelang von einem Bild, das der^. oder V-angefangen und dessen Antermalung bald fertig sei; oder der Landschaftsmaler N.N. habe eine Luft zu malen begonnen, für welche er den ganzen Sommer lang Studien gemacht habe, und welche sehr bedeutend zu werden verspreche.
Gewöhnlich wurde nur vormittags gearbeitet; nachmittags begab man sich nach der Menterschwaige, wo zeitweise herrlichste Feste stattfanden, von denen man sich kaum mehr einen Begriff macht. Wenn ich von diesen Dingen spreche, die mir, soweit ich dabei war, noch alle genau in der Erinnerung sind, geschieht dies nur, um jene Zeit zu charakterisieren.
So gehörte auch zum guten Ton, dast man sich im Sommer aus Frauen-Chiemsee, einem ganz merkwürdigen Sammelplatz von Künstlern, namentlich von Landschasts- und Genremalern, oder doch in Prien und schliestlich im Gebirge aufhielt. Frauen- Chiemsee war der Glanz- und Brennpunkt für alle die, welche es machen konnten. Wenn ich in der Glanzperiode niemals dort war, so unterblieb dies nur, weil ich nicht konnte. Ich sah von all den schönen Festen hier, auf der Menterschwaige und aus Frauen-Chiemsee ziemlich gar nichts. Nur den Maifesten, die hier in früheren Zeiten so schön waren, und mit welchen unsere Künstlergesellschast „Neuengland" eigentlich den Anfang machte, konnte ich beiwohnen.
Am 1. Mai 1841 zogen wir das erstemal mit siatternder Fahne, auf welcher ein Aar gemalt war, am frühen Morgen aus und zwar nach Blutenburg. Ein herrlicher Ausflug, so den ganzen Tag in Luft und Sonnenschein bei einer Fröhlichkeit, die man heute kaum mehr kennt. Dazu trug allerdings viel bei, dast einer unserer Freunde, ein junger Jurist, und andere poetisch angelegte Naturen alles aufboten, um dem Feste Glanz zu verleihen.
Besonders waren Fentschs Maipredigten, die er unter dem Pseudonym Frater Lilarius jeweils drucken liest, geradezu klassisch. Gewöhnlich brachten die jung Verheirateten ihre Frauen, Väschen und Schwestern mit. Da war fröhliche Musik und Gesang. Diese Tage gehörten zu den schönsten des Jahres...
Damals wurde auch dem Professor Leinrich Lest, nachdem er mit Ausschmückung der Allerheiligenkirche fertig geworden, ein großes Fest im „Frohsinn" gegeben, zu dem unsere Gesellschaft eingeladen war. Allein ich bewahre nur noch sehr wenige Erinnerungen an dasselbe, nur fiel mir dabei auf, dast schon bald nach Beginn des Nachtessens oben am Tisch die Champagnerflaschen knallten. Einer aus der Gesellschaft erklärte uns, dast es, wenn Cornelius dabei sei, immer so gehalten werde, weil er keinen andern Wein trinken wolle. Kaum war das Mahl zu Ende, Hub der Gesang an, indem Cornelius das Lied „Prinz Eugen, der edle Nitter" anstimmte.
Von seiner Tischrede ist mir wenigstens noch der Schluß erinnerlich, wo er sagte:
„Die Kunst hab' ich geliebet.
Die Kunst hab' ich geübet
Mein Leben lang;
Die Künste stets verachtet.
Nach Wahrheit nur getrachtet,
Drum wird mir auch nicht bang."
Großer Jubel mit Trompetengeschmetter folgte hierauf und erfüllte den herrlich geschmückten Saal...
Wenn wir Alten an jene Zeiten zurückdenken, so fällt uns im Vergleich zu jetzt besonders das schöne Zusammenleben von jung und alt auf. Die Verehrung für die mit uns lebenden älteren Künstler, unsere Meister, war eine aufrichtige und pietätvolle. Man erkannte das, was sie Gutes gemacht hatten, und freute sich dessen, obwohl man damals so gut wie heute wußte, daß früher andere da waren, die es noch besser konnten. Man verzieh ihnen, wenn sie irr ihrem Eifer, sich aus schlimmer Zeit herauszuarbeiten, noch nicht ganz die rechten Wege einschlugen, indem man eben diese Versuche, die Kunst aus dem Verfall emporzuheben, hochachtete.
Die Künstlerkolonie aufFrauen-Chiemsee hatten imJahre1828MaxHaushofer,derLandschaftsmaler, die Brüder Boshart und Franz Trautmann gegründet; sie blieb bis um die Jahrhundertwende in Flor.
Blutenburg, ein Dorf bei München, an der Würm gelegen, mit einem aus dem 15. Jahrhundert stammenden, ehemals herzoglichen Schloß. An der Kapelle sind die berühmten gotischen Skulpturen.
Der junge Jurist war Eduard Fentsch, später Regierungsdirektor, eine im öffentlichen Leben München seit etwa 1840 vielgenannte, besonders in Künstlerkreisen beliebte Persönlichkeit. Seine Maipredigt aus dem Jahre 1858 folgt in einem späteren Abschnitt. — Die Gesellschaft „Frohsinn", welche Bälle, Konzerte, theattalische Unterhaltungen usw. gab, gehörte neben „Museum", „Bürgerverein" und den Künstlergesellschaften zu denangesehensten, das gesellige Leben beherrschenden Vereinigungen Münchens.
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Joseph Schlotthauer
Johann Nepomuk von Ringseis widmet in seinen „Erinnerungen" dem Freunde dieses Gedenkblatt:
Dieser Wackere war der Sohn eines Münchner Tischlers. Als kleiner Knabe war er durch Krankheit unfähig zum Gehen und Stehen; seine Beinchen litten am Schwinden oder einer Verkrüppelung. Da trat eines Tages seine Mutter im Vorbeigehen in die Äerzogspitalkirche, um vor dem Bilde der schmerzhaften Mutter Gottes Äilfe in ihrem Kummer zu erflehen. Als sie heimkehrte, fand sie den Knaben am Gitter feines Bett- stättchens aufgerichtet und nach dem Boden verlangend; er war und blieb geheilt. Dies Erlebnis mag seine spätere Neigung zur Orthopädie befördert, die Ausbildung imÄand- werk seines Vaters sein mechanisches Talent früh entwickelt haben. Als Soldat ist er bis nach Spanien gekommen. Erst hernach wandte er sich zur Kunst und zeigte als Maler seine Empfindung und Schönheitssinn. Sein religiöses Bedürfnis führte ihn jenen Männern zu, deren eifrige, aber unerleuchtete und starrsinnige Frömmigkeit sie schließlich in Separatismus gestürzt, worauf allerdings die besten ihrerFreunde, wofern sie der Kirche sich innerlich entfremdet hatten, ihr wiederum vonLerzen sich unterwarfen.
Schlotthauer hatte eine schöne Stimme und sang Volksweisen zur Gitarre. Auf einer Reise, die er als jungerMann zuFuß wandernd mit Freunden durch Oberitalien machte, kehrten sie meist in Bauernhäusern ein und erfreuten die abendliche Muße der Bewohner durch Sang und Spiel; frugen sie am Morgen nach der Zeche, so hieß es, man habe vielmehr ihnen zu danken für solchen Genuß. Als Cornelius nach München kam, schloß sich Schlotthauer ihm innig an, und man versichert, dasjenige, was er von des Freundes Kompositionen in der Glyptothek zur Ausführung übernommen, sei in der Farbengebung das weitaus Schönste. Die Professur an der Akademie gab Schlotthauer einen reichen Wirkungskreis, in welchem er als treuer Lehrer nicht nur das künstlerische, sondern überhaupt das Gedeihen seiner Schüler an Seele und Leib sich zu Kerzen nahm. Freilich wurde geklagt, daß seine Güte ost in Schwäche übergehe, indem er etwa einen vom Lehrerkolleg bei der Laupttür Linaus gestoßenen durch sein Mitleid bei einem Lintertürchen wieder hineinzuschmuggeln gewußt. Ebenso war er oft überschwänglich und die Rücksicht auf Würdigkeit allzuwenig im Auge haltend in seinen Almosen, worüber seine gute Frau einst äußerte: „Wenn Schlotthauer einmal an die Limmelstür kommt, so wird er bitten müssen: Lerr, verzeih mir meine guten Werke!"
Leider ließ der Gute sich je länger je mehr von eigener Ausübung der Kunst abziehen durch seinen Erfindungsgeist in der Mechanik, der neben sehr tüchtigen Leistungen doch in anderem, nicht ohne Verschulden Schlotthauers, sein Ziel verfehlte. Treffliche Erfolge hatte er aufzuweisen in der Orthopädie, in welcher sein künstlerisches Auge ihm häufig beistand, den Sitz des Älbels zu finden, während ein tüchtiger Arbeiter seine sinnreich erfundenen, möglichst milde wirkenden Maschinen und Mieder herstellte. Für rein ärztliche Seiten der orthopädischen Behandlung nahm er Ringseis und den ihm befreundeten Professor Dr. Lorner zu Lilfe; dennoch wurde er von medizinischer Seite das eine und andre Mal angefeindet. Dies und noch mehr die finanzielle Schwierigkeit veranlaßte ihn, ein orthopädisches Institut für Mädchen, das er einige Jahre hindurch gehalten, wieder aufzugeben, und nun bezog er ein von ihm erworbenes Läuschen mit Garten am jenseitigen Isarufer, wo die schlichte, aber künstlerisch traute Einrichtung den Reiz erhöhte, welchen die Freunde im Umgang mit dem redlichen und vielseitig begabten Mann und in der häuslichen Atmosphäre seiner trefflichen Frau empfanden. Aber die böse Isar, damals noch ungenügend reguliert, spielte seinem armen, kleinen Anwesen so schlimme Streiche, daß er nach schweren Beschädigungen es verkaufen mußte. Jene erlittenen Röte veranlaßten ihn, seinen Erfindergeist auf Abhilfe gegen die so sehr gefürchteten Äberschwemmungen der Gebirgsflüsse zu richten. Die Mechanik, welche er ersann, hatte die Bestimmung, die wilden Gewässer zur Selbstregulierung zu zwingen; man hielt dafür, sie sei von wundervoll sinnreicher Einfachheit. Lier aber zeigte sich jene Seite in Schlott- hauers Wesen, durch welche er seinem eigenen Wirken das schlimmste Lindernis und sich selber manch tiefe Kränkung, manch schwere Sorge bereitet hat. Einsam über seinen Gedanken brütend, nahm er zu wenig Notiz von dem, was andere auf gleichem Felde bereits geleistet hatten; er wollte alles allein zustande bringen und konnte an kein Ende kommen, weil er sich niemals Genüge tat, immer noch eine neue Verbesserung, eine höhere Vervollkommnung im Sinne trug. Vergeblich drängten Ningseis und andere Freunde, endlich einmal abzuschließen, die nötigen Schritte zu tun, damit die Behörde seine Erfindung kennenlerne; immer wieder zögerte er, bis es endlich zu spät und ein anderer Plan von der Regierung genehmigt war.
Ähnlich erging es ihm mit der Stereochromie. Als Geheimrat Dr. Ioh. Nep. von Fuchs das Wasserglas erfunden hatte, tat sich derselbe mit Schlotthauer zusammen, auf daß mitLilfe dieses wichtigen Mittels eine Wandmalerei zustande komme, welche die Schwierigkeiten des al fresco vermeide. Lierfür war es mit der Erfindung des Chemikers nicht genug; der Maler mußte seine praktischen Erfahrungen machen. Dabei aber regte sich Schlotthauers grübelnder Geist; er wollte weiter erfinden und laborierte so lange, daß nach wiederholter vergeblicher Mahnung und Drohung, sich von ihm loszusagen, der alte Lerr, welcher die Anwendung noch zu erleben wünschte, Schlotthauer den Scheidebrief gab und sich an Kaulbach wandte, welcher in kurzer Frist mit der Sache im reinen schien. Ob von Schlotthauers Ideen etwas hiebei benützt wurde, wodurch er wäre in einem wirklichen Rechte geschädigt worden, wissen wir nicht, wohl aber, daß er in tiefster Kränkung es ablehnte, auf Ringseis' Aussöhnungsverfuche einzugehen; doch gereichte es Ringseis zum Trost, nach dem bald erfolgten Tode von Fuchs den alten Freund in dessen Seelengottesdienst zu treffen. Äätte Schlotthauer den jetzigen Zustand von Kaulbachs Bildern an der neuen Pinakothek erlebt, so hätte es ihm zur traurigen Genugtuung dienen müssen. Er ließ nicht ab, an seinem Teil der Erfindung weiterzuarbeiten, und als Ringseis ihn beschwor, doch wenigstens alles genau in schriftlicher Aufzeichnung zurückzulassen, versicherte er, hiefür sei gesorgt. Einstweilen war der gering Besoldete, welcher den künstlerischen Erwerb beiseitegelegt und von seinen Erfindungen bisher nur Auslagen gehabt hatte, in die schlimmste finanzielle Lage geraten, und mehr als einmal mußten die Freunde schleunig eintreten, um ihn vor einer Katastrophe zu retten, wobei der Gute, überzeugt wie er war von der Tüchtigkeit seiner Erfindungen, in bäldesterZeit alles zu erstatten versprach. „Oh, wie kannSchlotthauer das versprechen!" sagte tiefbetrübt seine liebe Frau, deren letzte Jahre durch diese Kümmernisse und durch die schmerzliche Überzeugung, daß ihr guter Mann nicht wenig eigene Schuld daran trage, sehr verbittert wurden, und die trotzdem ihr kleines Lauswesen immer in idealer Reinlichkeit und Trautheit zu erhalten wußte. Sie war eine richtige Künstlersfrau durch den seinen Sinn, mit dem sie diese kleine bürgerliche Häuslichkeit zu vergeistigen verstand, hatte auch von jeher, obschon häufig an schwerem Kopfweh leidend, mit ihren seinen, geschickten Fingern die niedlichsten, sinnigsten Arbeiten zustande gebracht. Rührend aber ist vor allem die Erinnerung an ihre, des einfachen Bürgerkindes eigene Erscheinung mit dem bleichen, sanften und doch so charaktervoll edlen Antlitz, mit der schlicht demütigen Würde ihrer Laltung. Richt allzulang nach ihrem Linscheiden entriß auch ihren Gatten der Tod seinen irdischen Kümmernissen, aber sein Anstern, die Tragik, die teilweise in seinem Geschicke lag, war damit nicht zu Ende. Jene Aufzeichnungen über die Stereochromie, insbesondere über die Bereitung der Farben, waren laut Versicherung seiner Verwandten noch kurz vorher bei ihm gesehen worden; nun waren sie verschwunden. Wenn ein Anberechtigter sie sich angeeignet, so hat er nichts daraus zu machen gewußt, denn man hat niemäls mehr von der Erfindung gehört.
Joseph Schlotthauer (1789—1869), Maler religiöser Bilder, war seit 1831 Professor an der Akademie, wo er indessen, von seinem Amt als Inspektor des Instituts sehr stark in Anspruch genommen, keine nachhaltige künstlerische Lehrtätigkeit entfalten konnte.
Johann Nepomuk von Fuchs (1774—1856) Chemiker und Mineralog, seit 1826 Universitätsprofessor, seit 1839 Oberberg- und Salinenrat in München, eine Autorität auf dem Gebiete der organischen Chemie.
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Künstlergesellschaften
Friedrich Pecht war acht Jahre von München fern; im Jahre 1843 kam er wieder und erzählt über die Eindrücke, die er vom Münchner Kunstleben gewann:
Der bloße Amstand, daß ich durch ein Pariser Atelier gelaufen war und dementsprechend schwärzlich malte, verschaffte mir Aufnahme in eine Gesellschaft von Künstlern, die alle älter und begabter waren als ich. Sie bestand fast durchwegs aus Landschafts- und Sittenbildmalern, so aus dem mir von früher befreundeten Schleich, dann aus Leinlein, Morgenstern, Felix von Schiller, Albert Zimmermann, dem Lithographen Lohe, Kaspar Braun, der von der Malerei sich eben zum Lolzschnitt wandte, dem Tiermaler Lotze; vor allem aber zählte sie zu den ihren den liebenswürdigen Spitzweg, der sich aus einem Apotheker auch noch nicht lang zum Maler umgewandelt hatte, neben vielen anderen, die ich vergessen. Wir kneipten allabendlich im Cafe Scheidet an der Kaufingerstraße, während der größere Teil der jungen Maler im Stubenvollbräu sich zum ersten Male ein Lokal im gotischen Stil, eng, rauchig und unbequem, aber sehr romantisch geschaffen hatte, wo Fedor Dietz und
Kreling das große Wort führten und es ost sehr wild und lärmend herging. Beide Gesellschaften kämpften beständig um den Einfluß im mächtig herangewachsenen Kunstverein, von dessen Käufen die meisten Künstler mehr oder weniger abhingen.
Kaspar Braun (1807—1877) ist Mitbegründer der Fliegenden Blätter, deren erste Nummer am 3. Oktober 1844 erschien, und des um die Pflege des Holzschnittes hochverdienten Verlags Braun L Schneider.
Von den Genannten ist besonders Karl Spitzweg (1808—1885) hervorzuheben, ein Autodidakt, der nicht allein einer der vorzüglichsten Maler seiner Zeit war, sondern auch als Schilderer Alt-Münchens, das er in eine Wolke liebenswürdiger Romantik einhüllte, einer der bedeutsamsten Meister dieser Epoche ist.
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Die Sonntagskinder
Der Sonntagabend war Ende der vierziger Jahre im Kaulbachschen Lause der Geselligkeit gewidmet. Eine große Zahl von Freunden sand sich regelmäßig ein, und mit ernsten und heiteren Gesprächen, mit Musik und Dichtkunst und interessanten Vorträgen aller Art verflossen die Stunden rasch. Die Bewirtung war dabei die denkbar einfachste: es gab jedesmal Kalbsbraten mit Kartoffelsalat, allerdings beides von der Mutter mit besonderem Verständnis und so vortrefflich zubereitet, daß heute noch der „Kaulbachsche Kalbsbraten" eine traditionelle Berühmtheit genießt. Nach und nach hatte sich ein Grundstock von Intimen gebildet, die sich den Namen „Die Sonntagskinder" beilegten. Am diesen Kreis kristallisierte sich, was von Fremden zu längerem oder kürzerem Aufenthalt in München war, und es wird wohl keinen Namen von Bedeutung geben, dessen Träger nicht wenigstens vorübergehend der Gast des Lauses gewesen ist. Es existiert noch in unserer Familie ein reichverziertes Album, welches die „dankbaren Sonntagskinder" der Mutter geschenkt hatten. Das Widmungsgedicht ist von Ernst Förster, dem bekannten Kunsthistoriker, illustriert von E. Neureuther, dem berühmten Illustrator. Die Blätter des Buches enthielten Beiträge aller Art von den Malern Nottmann, Teichlein, Dürck (meinem späteren Schwiegervater), Asher und Dietz, von den Musikern Franz Lachner, Speidel, Goltermann, von Franz Liszt, der FürstinWittgenstein, vonGeibel, Liebig, GrafPoeci,Lasaulx, von Perfall, dem späteren Intendanten, vonBluntschli,dem bekanntenNationalökonomen, und vielen anderen mehr.
Im Jahre 1846 war auch die berühmte Sängerin Jenny Lind, die in München an der Oper austrat, während dieser Wochen in unserem elterlichen Lause Gast. Die Sängerin wollte nicht in einem Lotel, sondern in einer Familie ausgenommen sein; dies hatte der Direktor des Konservatoriums, C. Lauser, an einem Sonntage im Kaulbachschen Lause erzählt, und der Vater, leicht entflammt, hatte ohne weiteres sogleich seine Gastfreundschaft angeboten. So fuhr denn eines schönen Tages der eigens für Jenny Lind gebaute große Neisewagen, mit Koffern und Kisten hochbepackt zum Gartentor herein. Daß hiebei die sorgfältig gepflegten Blumen und die reinlichen Wege verdorben und vertreten wurden, erregte schon gleich den Zorn des Vaters, der sich überhaupt ein ganz anderes Bild von der schwedischen Nachtigall gemacht hatte. Jenny Lind war eine äußerst liebenswürdige, aber ebenso launische und verwöhnte Künstlerin und unterlag noch mehr ihren Stimmungen wie Kaulbach. Die Mutter mag da wohl manche fatale Stunde durchkostet haben, denn beideKünstler bewegten sich in Gegensätzen: war der eine verstimmt, so war der andere guter Laune; hatte der eine Lust, allein zu sein, so wollte der andere Menschen um sich sehen. Der Löhepunkt dieser Extreme war aber an dem schönen Abend erreicht, als Jenny Lind im „Freischütz" das Annchen sang. Sie hatte während der Vorstellung das Mißgeschick, ihren Schuh zu verlieren; dadurch kam sie aus der Stimmung, dies wirkte wieder auf das Publikum, das Fluidum zwischen Bühne und Lörern war fort, und der erwartete Erfolg blieb aus. Zu Lause aber hatte die Mutter eine große Gesellschaft geladen, und alles war gespannt, die berühmte Sängerin von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Wer aber nicht zum Vorschein kam — war Jenny Lind. Sie hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen und hörte auf kein Rufen und Pochen. Der Vater, ärgerlich über diese Nücksichtslosigkeit, schloß sich ebenfalls ein und überließ die erstaunten Gäste der Mutter, die sich am andern Morgen ein Vergnügen daraus machte, den beiden zu berichten, wie gelungen und heiter der Abend verlausen sei. Aus „Erinnerungen an Kaulbach und sein Laus", niedergeschrieben und herausgegeben von Kaulbachs Tochter Josepha Dürck.
Ernst Förster (1800—1885), ursprünglich Historienmaler, wandte sich später dem Schrifttum zu und war der begeisterte Herold der Cornelius, Kaulbach, Schwind und ihrer Richtung.
Eugen Napoleon Neureuther (1806—1882), Maler und Radierer, Vorstand der Porzellanmanufaktur, war ein an ornamentalen Einfällen reiches, auf liebenswerteste Poesie gestelltes Talent.
Jenny Lind (1820—1887) aus Stockholm, lebte seit 1844 als gefeierte dramatische Sängerin in Deutschland auf Gastspielreisen, die sich zu wahren Triumphzügen steigerten.
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Bei Görres und Schelling
Fernau-Daxenberger schreibt im „Münchner Lundert und Eins" von 1840:
Das kleine Haus des Görres ist in einem sorgsam gepflegten und, wie es scheint, von den Bewohnern geliebten Gärtchen an der Schönfeldstraße fast gegenüber dem Kriegsministerium gelegen. Hier schrieb der Mann des „Rheinischen Merkur" und „Deutschland und die Revolution" seinen donnerrollenden „Athanasius." So ziemlich allgemein wird der fünfundsechzigjährige Verfasser der „Mystik" als das Laupt der ultramontanen wissenschaftlichen Partei betrachtet und, wie von seinen Gegnern maßlos angefeindet, so wird er von diesen seinen Verehrern enthusiastisch angestaunt.
Solange Görres in München ist (seit 1827), empfängt er jeden Sonntagabend regelmäßig einen kleinen Kreis vertrauter Freunde, größtenteils Kollegen an der Universität, als Philipps, Döllinger, von Ringseis, Moy, Arndts, El. Brentano, Löfler nebst einigen Geistlichen. Auch sein Sohn Guido, seine Gattin, Tochter und mehrere liebenswürdige Frauen sind zugegen. Sehr häufig findet man hier Fremde von Auszeichnung, Künstler und Gelehrte von verschiedenen Färbungen der politischen und kirchlichen Meinung und der religiösen Empfindung. Der Abend wird beim Tee in ernsten und heiteren Gesprächen zugebracht; Görres entwickelt im Amgange ein ungewöhnliches Wissen und eine geprüfte, vielbewegte Lebenserfahrung. Seine Sprache zeigt an ihm, ohne daß er Verse gemacht hätte, einen der poetischen Geister der Neuzeit und ist in der Tat zu bilder hast, um allen völlig zum Bewußtsein zu dringen. Nach dem Tee begibt sich die Gesellschaft — auch die anwesenden Fremden werden mit großer Liberalität dazu eingeladen — in das Speisezimmer, um an dem Abendessen teilzunehmen. Es herrscht kein fühlbarer Zwang, und treuherzig spricht sich der Charakter des alten Professors aus, der im Kreise seiner Familie und seiner viel jüngeren Kollegen wie ein Patriarch erscheint. Dies ist ein Bild von Görres, wie er zu Lause, nicht wie er auf dem Katheder oder im öffentlichen Leben und Wirken erscheint. Wen Interesse zu dem Manne hinzieht, der kann ihn öfter mit ernstem Aussehen in seinem Lausgärtchen auf und ab wandeln sehen.
Auch Schelling empfängt am liebsten des Sonntags; dort findet sich mehr, wenn auch nicht ausschließlich, protestantische Gesellschaft und vornehme Welt ein. Kaum geht ein Fremder von Namen und Nus durch, ohne den großen, berühmten Mann gesehen zu haben, der anspruchslos, aber voll edler Laltung im äußeren Benehmen, stets ruhig, tief, klar und verständig in allen seinen Bemerkungen ist. Thiersch hat unter allen hiesigen Gelehrten von höherer Bedeutsamkeit am meisten das, was man 111318011 ouverte nennt; er selbst erhält mit beredtem Geiste das Gespräch immer lebendig und nimmt großen Anteil an den Fragen des Tages und der Politik. Herr von Martius, der Chemiker Vogel und die Gebrüder Boisseree empfangen gleichfalls interessante Besuche und heißen Fremde mit Gastlichkeit willkommen. Lier ist insbesondere die Kunst, dort die Naturwissenschaft und Neisebeschreibung geistreich und anmutig vertreten, und wer diese gelehrten Abendzirkel besucht, darf sicher annehmen, mit den ersten Zelebritäten der Wissenschaft in Europa nach und nach bekannt zu werden.
Carl Friedrich Philipp von Martius (1794—1868), Botaniker und Naturforscher, seit 1820 Konservator des Botanischen Gartens, seit 1826 Universitätsprofefsor in München.
Sulpiz Boisseree (1783—1854) und Melchior Boisseree (1786—1841), beide um die Kunstwissenschaft sehr verdient, verkauften im Jahre 1827 ihre etwa 200 Werke zählende Sammlung altdeutscher und altniederländischer Gemälde an König Ludwig, der sie später der Pinakothek einverleibte. Beide Brüder lebten, ersterer als Oberbaurat und Generalkonservator der Kunstdenkmäler Bayerns, seit 1827 in München.
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Sonntag in der Biedermeierzeit
Morgen im Englischen Garten
Der Englische Garten wird eigentlich viel zu wenig von den Münchnew gewürdigt. Die vowehme Welt sährt und reitet darin spazieren, der echte Münchner benützt ihn aber nicht an und für sich, sondem nur als Durchgang zu den in seiner Nähe liegenden Orten Neuberghausen, Föhring, Brunntal, Schwabing usw., wo gutes Bier ist. Der Sonntagmorgen aber hat in den schönen Sommermonaten sein eigenes Publikum; da sieht man ihn von der Morgenröte an bis gegen sieben Ahr von einer Menge junger und zum größten Teil hübscher Mädchen der dienenden Klasse belebt, welche diese wenigen Stunden, wo sie zu Lause abkommen können, benützen, um mit dem Gegenstand ihrer Verehrung einen Kaffee am chinesischen Turm zu trinken und ein trauliches Wort zu kosen. Es ist interessant, wenn man gegen acht Ahr früh dahin kommt und allen diesen zurückkehrenden einzelnen Liebespaaren begegnet, welche dann eilen, um zu Lause nicht den Dienst bei der gestrengen Lerrschaft zu versäumen.
Mittag in den Arkaden
Der Gottesdienst ist beendet, und alles strömt nach 11 Ahr dem Losgarten zu; die Damen in feiertäglichem Gewände machen ihre Promenade in den herrlichen Arkaden. Scharen von Elegants stehen am Cafe vonTambosi und lassen diese vorüberschwebenden, reizenden Erscheinungen eine scharfe Kritik passieren; die Wachtparade kommt mit dem klingenden Spiele und herrlicher Musik vorbei, und dann wird nach dem Kunstverein am Ende des Bazars gewandert, an diesem Tage weniger der Kunst als der schönen Damen wegen. Denn das Gedränge ist dort so groß, daß man wirklich die an jedem Sonntag neu ausgestellten Schätze der Kunst kaum zu sehen bekommt, vielweniger aber sie mit Muße betrachten kann; indes — es gehört zur Mode!
Der Nachmittag
An diesem sind die Straßen wie ausgestorben. Alles ist nach den Amgebungen hin gezogen; man macht kleinere oder größere Partien zu Fuß, zu Wagen oder auf der Eisenbahn nach den verschiedenen Orten. Mit der sinkenden Sonne wird München erst wieder belebt; man eilt dann dem Theater oder seiner geschlossenen Gesellschaft zu.
Felix von Schiller in seinem Büchlein über München vom Jahre 1843.
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Herzog Max
Der volkstümlichste bayerische Prinz war jahrzehntelang Lerzog Max (1808 bis 1888), Chef der jüngeren (Birkenfelder) Linie des wittelsbachischen Laufes. Ihn charakterisiert Daxenberger im „Münchner Hundert und Eins" folgendermaßen:
Der Herzog Max ist jung, reich, mit einer Königlichen Prinzessin verheiratet und hat mehrere Kinder. Er liebt höhere Reitkunst und hat in seinem prachtvollen Palaste an der Ludwigstraße einen eigenen Zirkus und ein Theater erbauen lassen, in welchem während des Karnevals wöchentliche Vorstellungen, Reitexerzitien, dann Possen, Pantomimen und Balletts mit Benützung der Kräfte des Königlichen Hostheaters gegeben werden. Den Sommer und Herbst bis zur Winterszeit bringt der Herr Herzog in Aichach und Wittelsbach zu, erfreut sich an Jagd und lustiger Gesellschaft, und sein Spielmann Petzmaier, herzoglicher Kammervirtuose auf der Zither, begleitet ihn überall hin. Der Prinz selbst ist des Zitherspieles kundig, ein ausgezeichneter Schüler seines seelenvollen Meisters; er liebt Musik und komponiert; er liebt Poesie und dichtet. VonihmistbereitsmehreresWertvollegedruckt. Die „RovellenvonPhantasus" sind von seiner Feder. Die Ländler und Walzer von H. M. sind von ihm. Er ist der liebenswürdigste, heiterste, ungezwungenste Gesellschafter. Während zu seinen Vorstellungen in der höheren Reitkunst die Elite des Adels sich drängt und seine Ballfeste zu den brillantesten in München gehören, während auf diesen jährlich die wundervollsten Maskenquadrillen erscheinen, verschmäht der Herzog doch auch nicht, bürgerliche Elemente an sich zu ziehen und einige Sommitäten des Künstler- und Gelehrtenstandes an seinen Los einzuladen. Mit einer kleineren Anzahlvon Professoren, Doktoren, Offizieren bringt er manchen Abend in wahrhaft freundschaftlichem Kreise zu; es wird Bier getrunken, geraucht, Billard gespielt. Der Herzog begibt sich ohne alle Prätentionen auch in Abendgesellschaften von Künstlern, wie auf den Prater oder zu einer Produktion in der Gesellschaft der „Alt-Engländer" im Englischen Kaffeehause, deren Mitglieder ihm großenteils näher bekannt sind. Dieses fürstliche Leben zwischen den verschiedenen Ständen, beruhend auf dem Grundsatz „Variew8 delectat“, verschafft jene natürliche Anschauung der Dinge, die so wertvoll ist. Schon Goethe sagt: „Glaube dem Leben, es lehrt besser als Rede und Buch." Der Herzog hat große Reisen gemacht; er hat den Nil bis zum zweiten Katarakt befahren, Jerusalem und die heiligen Stätten besucht und Griechenland durchzogen. Diese Wanderung nach dem Orient hat er selbst einfach und schön beschrieben und im Druck herausgegeben. Die herzoglich Birkenfeldische Nebenlinie ist die letzte zur Sukzession aus den bayerischen Thron berufene; ihr Haupt ist der Herr Herzog Max in Bayern. Er ist Generalkommandant der gesamten Landwehr des Regierungsbezirkes Oberbayern und hält zum öfteren Inspektion über die Nationalgarden Münchens und der Vorstadt Au, dann der einzelnen Städte des Kreises.
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Kronprinz Maximilians Hochzeit
Ludwig Steub schrieb in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung" im Oktober 1842 folgenden „Festbericht", der später in seine „Kleineren Schriften" überging:
Bei uns ist alles voller Freuden — die fröhlichste Aufregung geht durch alle Gaffen der Stadt, von einem Ende des Weichbildes bis zum andern, vom Erdgeschoß bis ins Dachstübchen. Der Neigen unserer Feste ist eröffnet seit dem Tage, als die junge Kronprinzessin ihre neue Heimat in unserer Königsburg betrat. Daß die liebliche Braut, die Prinzessin Maria von Preußen, mit herzlichem Willkomm werde ausgenommen werden, war vorauszusehen, aber die jubelnde Aufgeregtheit bei ihrem Empfange war am Ende doch noch überraschend. Es war in der Tat ein schöner Tag, als selbst die kolossale Ludwigstraße zu eng wurde für die Tausende, welche im Sonnenschein auf und ab wogten, die von Freude und Spannung durcheinander drängten in der festlich geschmückten Straße, aus deren Fenstern ungeheure Banner siaggten. An ihrem Anfang, wo das Gebiet der Stadt beginnt, war dagegen ein grüner Triumphbogen erbaut, auf welchem der Willkomm zu lesen, den die Harrenden der Erwarteten, längst Ersehnten mit Herz und Mund entgegentrugen. Alle die Freudenbezeigungen der Städte, der Märkte und Dörfer an der Straße — noch im letzten Ort, zu Schwabing, standen die Landleute mit einem sinnigen Gruß bereit — alle diese Huldigungen hatten die Ankunft etwas über die angesagte Stunde verzögert; endlich aber ging ein froher Ruf durch die Menge, welcher deutlich kundgab, daß der rechte Augenblick gekommen sei. Äber dem bunten Gewimmel sah man die Helme der Kürassiere funkeln, die dem Zuge voranritten. Die Gasse öffnete sich, die Reiter zogen vorüber, der Wagen nahte, ein tausendfaches Willkomm stieg donnernd auf, und im offenen Viergespann erblicken wir an der Seite der Eltern, des Prinzen Wilhelm von Preußen und seiner Gemahlin, ein holdes, jugendliches Frauenbild, lieblich gerötet von der Aufregung des Tages, mit zauberhafter Freundlichkeit die Bürger grüßend, die sie jubelnd in ihre Stadt geleiteten. Es ist unter allen, die da waren, nur ein Entzücken über die frohe Feierlichkeit dieser Stunde, nur eine Freude über die anmutige Persönlichkeit der schönen Fürstin.
Der Vollständigkeit nach wäre nun zu erzählen, wie sich von da an Feier an Feier drängte; es wäre der reiche, noch lange nicht endende Kranz der großen und kleinen Feste zu besprechen, die vom Lose, von der Stadt, von den Familien gefeiert wurden, werden und werden sollen, die hohe Vermählung selbst, die Theaterstücke, Festspiele, beleuchteten Läufer, die Bälle, Gastmähler und Bankette — indessen haben davon andere schon ziemlich Erwähnung getan, und wir wollen daher, um bald zum heutigen Festtage zu gelangen, nur etwa den unendlichen Jubel hervorheben, der an dem Abend erscholl, als die hohen Neuvermählten zum erstenmal das Theater besuchten und, an die Brüstung der königlichen Loge vortretend, sich dem zahllosen, glänzenden Publikum zeigten, — diesen Jubel, der gar nicht mehr zu beschwichtigen, in immer neuen Salven aufschlug und nur spät erst die Trompeten nach langen fruchtlosen Versuchen zu Worte kommen ließ. Seit drei Tagen ist nun auch die ganze Stadt hochzeitlich aufgeputzt. Von den Firsten herunter senken sich mächtige Fahnen blau und weiß, schwarz und weiß in die volkreichen Gassen, und an den Wänden hinauf und von unterst bis zu oberst blühen freundliche Ziergärten mit Bildern, Namenszügen, Wappenschilden, mit Flaggen, Tapeten und anderem prangenden Ornate ausgelegt. Manche Fronten sind so reich und zierlich, so prachtvoll und so glänzend, daß man glauben sollte, das Portal führe unmittelbar in einen Feenpalast. Am besten von allen Gegenden der Stadt hat uns aber der feierliche Schrannenplatz gefallen.
So stehen wir denn am heutigen Tage, den die Freude der Bayern über die Lochzeit ihres Königssohnes so bedeutsam und so volkstümlich verschönt hat. Wir haben nun vor allem die sechsunddreißig Brautpaare zu erwähnen, welche die acht bayerischen Kreise ausgestattet und hieher gesendet haben. Es war gewiß ein preiswürdiger Gedanke, alle Gaue des Landes durch solche Festgesandte an der Feier und an ihren Freuden teilnehmen zu lassen. Die Idee hat hier höchlich angesprochen, und ebenso groß wie die Freude unserer Landsleute, sich als Lochzeitsgäste in der wunderreichen Lauptstadt zu finden, war wohl die Neugier der Münchener, sich die Stellvertreter aller Gebiete des Königreichs im Feierstaate gegenüberzusehen. Leute früh zehn Ahr war nun die bestimmte Stunde, wo der Festzug vom Rathaus herunter über den Schrannenplatz und durch die Kaufingerstraße zur Trauung in die Kirche ziehen sollte, und so stand denn geraume Zeit vorher schon auf dem Platze und in der Gasse unzähliges Volk.
Endlich kommt der Zug. Voraus ein Bannerträger mit der Fahne von München, dem Mönche im goldenen Felde, und dann die Bergschützen von Lenggries und Wackersberg, über hundert Mann stark, mit ihren Spielleuten, welche die Schwegel- pfeife bliesen und die Trommel rührten, prächtige Lochländer mit buschigen Schnurrbärten und roten Backen in ruhig fester Laltung einherschreitend, mit grünen Röcken, den grünbebänderten Lut mit den Spielhahnfedern und dem Gamsbart auf dem Laupte, den sicheren Stutzen im Arm.
Auf die grünen Schützen der Berge folgten also die sechsunddreisiig Lochzeitszüge. Die Brautleute erscheinen mit ihren Brautführern und Lochzeitsladern, den jugendlichen Kranzeljungfern, mit dem Ehrenvater, der Ehrenmutter und den Gästen: alle zusammen an vierhundert Personen. Einzelne Genossenschaften waren zu Fuß, andere saßen in langen, reich verzierten Wagen, die von vier stolzen, urkräftigen Rossen gezogen wurden. Da gab es viele wunderliche Trachten zu beschauen, die zum größten Teil noch jetzt im Ansehen sind, wenn auch hie und da mit lobenswertem Takte um einige Dezennien zurückgegriffen wurde, um alte funkelnde Prachtstücke, die jetzt aus der Äbung gekommen, wieder glänzen zu lassen. Es wäre aber zu große Arbeit, den farbenreichen Zug nach all seinen Gewandstücken zu schildern und die 36 Landsmannschaften gesondert abzumalen, und so wollen wir nur einzelne herausheben.
Zuerst kam also der elegante Brautwagen der Landeshauptstadt, von welchem die hübschen Töchter vonMünchen herablächelten, die zierlichen Gestaltenmit dem blitzenden Riegelhäubchen und dem reich verschnürten Mieder, an dem die hundertjährigen Lecktaler hängen. Mit den Oberbayern erschienen auch die Reichenhaller, denen die heimatlichen Bergschützen das Geleit gaben, mit grauen Joppen und spitzen Lüten. Mit den Mädchen von München in ihrer modernen städtischen Zierlichkeit mochte man- dieLochzeiterin von Schrobenhausen, „der Stadt an der stillenPaar, treu dem Königshause immerdar", Zusammenhalten, die in alter bäuerlicher Pracht, die Laare gepudert und abwärts mit roten Bändern in einen dicken Zopf gestochten, eine schwere weit ausgreifende Krone auf dem Laupte trug. Rach dem Brautpaare aus dem Gebirge von Rosenheim fuhren die rotjackigen Jungen von Straubing, die mächtig auf ihren Trompeten bliesen, stolz auf ihre Lochzeiterin, die auch in roter Jacke brannte. Lierauf in offener Kalesche die Passauer, die schönen Mädchen von Passau mit den goldenen Lörnern auf den Köpfchen, sämtlich jenes berühmten Schlages, der am Innstrom erblüht, von seinen Quellen im Engadin durch Tirol und durch das bayerische Lügel- land hinunter bis zu seinem Einstuß in die Donau. Dann die Rottaler Bauernjungfern mit kufenförmigen Kronen von Flittergold und nach diesen die ferne Pfalz in städtisch züchtiger Einfachheit. Den Reichtum ihrer Lerzen beweist das Geschenk der Burg Lambach, das die Pfalz am Rhein in diesen Tagen dem Königssohn zu Füßen legte. Ferner die Oberpfälzer von Kemnath, wo der Bräutigam mit dem Säbel zur Lochzeit geht, die Mädchen mit hohen, dünnen Zylindern auf dem Scheitel, welche seltsam nicken, und die Lemauer, denen der Brautführer das Schwert vorantrug. Mit den Oberpfälzern waren 76 Bergknappen gekommen, die nun in schwarzer Bergmannstracht, denLammer im Arm, in Reih und Glied vorüberzogen, ihre Trompeter voran — ein in unserer Ebene selten gesehenes Corps. Dann folgten die Bambergerinnen mit den gigantischen Barthauben und wieder in offenem Wagen die Ratsherren von Kronach in schwarzem spanischen Gewände mit goldenen Ketten, sehr stattlich anzusehen, ein beneidenswertes Bild sür alle andern schwarzfrackigen Ratsherren unserer Zeit. Lierauf die kräftigen Männer aus dem oberfränkischen Mistelgau mit breiten schwarzen Lüten und alteigentümlicher Landestracht.
Aus Mittelfranken waren die Knoblauchsbauern da, die um Nürnberg wohnen und große Blumenfreunde sind. Aus Anterfranken waren Lochzeitsleute vonWürzburg gekommen und feine Mädchen damit, mit niedlichen Florhäubchen geschmückt, in weiße Stoffe gekleidet, leicht und elfenhaft und wohlberechtigt, mit den Töchtern vonMünchen und Passau um den Preis der Zierlichkeit zu ringen. Diesen folgte ein Lochzeitszug aus dem reichen Schweinfurtergau, wo das Frauenvolk hohe kegelförmige Lauben trägt, deren Ausläufer als breite Bänder über den Rücken siattern. Die Mädchen dieses Gaues erfreuen sich besonders schmächtiger Füßchen und behaupten mit koketter Ironie, sie hätten nicht Geld genug, sich große Schuhe machen zu lassen.
Den Schluß bildeten die Schwaben. Zuerst ein Zug von Trompetern aus Augsburg in altdeutschen Samtröcken und Baretten, dann die zwei Brautzüge aus der alten Augusta, zweiunddreißig Personen. Die Frauen von Augsburg trugen noch die goldenen reichsstädtischen Boggelhauben, die Mädchen von Kempten aber jene riesenhaften scheibenförmigen Gebäude, die sie Rathauben nennen. So zogen also in spannender Mannigfaltigkeit der Gewänder, glitzernd in Gold und Silber und in reichem Spiel der Farben die jungen Brautpaare, ihre Verwandten und Landsleute in die Kirchen zur Trauung. Von den Dächern herunter wallten ihnen die Festbarmer entgegen, aus den bekränzten vollen Fenstern bewunderten sie die Lerren und Frauen, auf der Gaffe fteute sich unzähliges Volk an den stattlichen Männern und den anmutigen Iungftauen, welche lächelnd vorüberfuhren, während die Trompeten und Waldhörner, die im Zuge reichlich verteilt waren, ermutigend dareinschmetterten.
Als sie, die Katholiken in der Michaelskirche, die Protestanten in der ihrigen, getraut waren, kamen sie wieder zusammen und begaben sich allerwege durch dichtes Gedränge des Volkes in den Pschorrkeller, wo ihnen in dem weiten Raume ein Mittagsmahl bereitet war, das die Stadt München gab, welche überhaupt die Lonneurs des Festes mit großartiger Freigebigkeit zu machen wußte. Im weiten Lose des Pschorrkellers stellten nun die Festordner den Zug wieder aus zum feierlichen Gange über die Theresienwiese. Lier kamen auch die festlichen Symbole hinzu, die ihm die letzte Weihe gaben; alle Landsmannschaften ließen ihre Banner wehen, und allen voran wehte die große Fahne mit dem Wappen des Königreichs. Nun ging's freudig hinab in die Wiese, aus welche eine herrliche Lerbstsonne herunterleuchtete, und vor das königliche Zelt, wo die Mistelgauer einen heimischen Brauttanz begannen und ihre Iungftauen weidlich schwangen zum großen Vergnügen der Hunderttausende, welche auf dem Tanzplatz standen. Dann reihten sich alle auf die Bänke, die für sie aufgeschlagen waren, gegenüber den königlichen Herrschaften, um das Nennen zu beschauen. Wir unterlassen die weitere Schilderung der Feier, müssen uns aber noch bei dem tiefen Eindruck aufhalten, den der Festzug auf alles Volk, hoch und nieder, hervorbrachte. Manchem Beschauer wurden die Augen feucht, und selbst weit hergekommene, ausländische Gäste bekannten gern ihre Rührung ein- Es ist das Volkstümliche, das so wirkt, die Freude an der Art des eigenen Stammes, der Gedanke, wieviel Schönes und Herrliches, anscheinend Anmögliches sich durch einträchtigen Sinn, durch Liebe und Begeisterung, durch teure Namen ermöglichen lasse. Es ist etwas Prächtiges um ein volkstümliches Volksfest! Wollte Gott, wir Deutschen alle hätten bald Anlaß, ein großes deutsches Volksfest zu begehen, sei es an den Afern des Rheins oder der Donau, wo dann die Seemänner von Danzig und die Weinbauern der Pfalz, die Dittmarschen und die Zillertaler nebeneinander erscheinen mögen im pangermanischen Festzug!
Kronprinz Maximilian, der 1848 als Maximilian II. die Regierung antrat, war am 28. November 1811 geboren. Prinzessin Maria von Preußen, die spätere Königin Marie, Mutter der Könige Ludwig II. und Otto I., war bei ihrer Verheiratung 17 Jahre alt; sie starb im Jahre 1889.
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Die vormärzlichen Dichter
Paul Heyse schreibt in seinen „Jugenderinnerungen und Bekenntnissen":
Den vormärzlichen Dichtern Münchens gebrach es nicht an Talent, aber an der Energie des Strebens. Süddeutsche Gemütlichkeit ging ihnen über jeden Erfolg. Vormittags beim Bockfrühschoppen im „Achazgarten" zu sitzen, den Nachmittag in einem der Kaffeehäuser des Lofgartens zu verplaudern und den Abend, wenn er schön war, auf einem der damals noch so prächtigen, aussichtsreichen Keller zuzubringen: das war in jener Zeit ein viel schöneres und poetischeres Tun als das Sitzen am Schreibtisch. (So Laushofer in seinem Essay „Die literarische Blüte Münchens unter König Max II.").
Es war aber doch wohl nicht vorzugsweise diese Neigung zu vergnüglichem Lebensgenuß, was die talentvollen Altbayern nicht zu strenger Arbeit im Dienst der Muse kommen ließ. Gerade weil hier im Süden der poetische Trieb den Begabteren mehr im Blute lag, ihre Natur von Lause aus künstlerischer gestimmt war als bei dem nüchternen Menschenschlag im Norden, fühlten sie weniger die Psiicht innerer Ver- tiefung und glaubten, den Kranz „schon im Spazierengehen" zu erringen. Daß auch der Dichter nicht nur im Technischen viel zu lernen habe — hatte doch auch der berühmteste bayerische Poet, Graf Platen, sich nachgerühmt: „Die Kunst zu lernen, war ich nie zu träge" —, sondern daß es etwas wie ein künstlerisches Gewissen gebe, dessen Mahnungen nicht als Schulweisheit eines pedantischen Präzeptors verspottet und vernachlässigt werden dürfen, ahnten die wenigsten. Sie begnügten sich nach der Art aller Dilettanten mit dem, was ihnen in angeregter Stunde von ihrem Genius beschert worden war, und antworteten, wenn sie aus Mängel dieses ersten Linwurfs hingewiesen wurden, wie jener Poet in Shakespeares „Timon": „'s ist eben nur ein Ding, mir leicht entschlüpft."
Dazu kam, daß es vor fünfzig Jahren in München völlig an einer einsichtsvollen literarischen Kritik gebrach. Der Journalismus stand selbst in Bayerns Hauptstadt auf keiner höheren Stufe als heutzutage in den Lokalblättern kleinerer Provinzstädte, und auch das „Blatt für Diplomaten und Staatsmänner", die Augsburger „Allgemeine Zeitung", befaßte sich nur gelegentlich in der Beilage mit neueren belletristischen Erscheinungen. Was in den norddeutschen kritischen Journalen hin und wieder geurteilt wurde über ein Buch, das aus dem Süden kam, machte, wenn es noch so sachlich und maßvoll klang, keine tiefere Wirkung, da man überzeugt war, die norddeutsche Kritik stehe der süddeutschen Produktion von vornherein mit einem geringschätzigen Vorurteil gegenüber. Auch fehlte es in München an einem Verleger für andere als wissenschaftliche, geistliche und pädagogische Literatur, und bei Cotta anzukommen, war ein seltener Glücksfall.
Noch verhängnisvoller aber als der Mangel einer öffentlichen Kritik war die Scheu vor jenen „goldenen Rücksichtslosigkeiten" im persönlichen Verkehr der Schriftsteller untereinander, die den Berliner „Tunnel" trotz manches pedantischen Zuges für die Bildung junger Talente so ersprießlich gemacht hatten. Junge Künstler haben in der Regel mehr Vorteil von kameradschaftlicher, wetteifernder Anregung untereinander, als von der eindringlichsten Unterweisung älterer Meister. Nun galt es aber für sehr unschicklich, offen ins Gesicht seine Meinung zu sagen, da man ja hinter dem Rücken der guten Freunde seiner scharfen Zunge keinen Zwang anzutun brauchte. Ich selbst, als ich einigen Kollegen keinen besseren Beweis meines freundlichen guten Willens geben zu können meinte, als wenn ich ihnen in der schonendsten Form aussprach, was mir neben dem Gelungenen noch einer Besserung fähig schien, mußte zu meinem Schaden erfahren, daß dies des Landes nicht der Brauch sei. Man wollte en bloc gelobt werden und beschuldigte den unberufenen Tadler eines Mangels an guter Erziehung oder einer hochmütigen, wenn nicht gar feindlichen Gesinnung. Ich sah denn auch bald ein, daß mein redliches Bemühen hier an die Anrechten kam. Den wenigsten war es so ernstlich um die Sache zu tun, daß sie die Mühe daran gewendet hätten, auch wenn sie einen Einwand zugeben mußten, noch einmal Land an ihr Werk zu legen. Sie fühlten sich persönlich beleidigt und trotzten nun erst recht aus die Anantastbarkeit ihres ersten Hinwurfs.
Einem so viel älteren Poeten wie Franz von Kobell gegenüber hätte ich mich wohl gehütet, meinem kritischen Vorwitz Luft zu machen. Auch waren seine frischen Lieder und kleinen anekdotischen Gedichte in bayerischer und pfälzischer Mundart voll Mutterwitz und volkstümlichem Reiz schon durch den Zügel des Dialekts in ihrem munteren Gange gesichert, wie ja auch im Dialekt keine Sprachfehler gemacht werden. Was er hochdeutsch dichtete oder gelegentlich für die Bühne schrieb, hatte freilich auch einen dilettantischen Anstrich, fand aber ebenfalls so allgemeinen Beifall, daß sich niemand versucht fühlen konnte, die höchsten ästhetischen Maßstäbe daran zu legen, so wenig wie an die Verse seines Freundes, des Grafen Franz von Pocci, der so recht der Typus des vielseitig begabten altbayerischen Dilettantismus war. Als Knabe hatte ich den „Festkalender", den er in Gemeinschaft mit Guido Görres herausgab, mit Entzücken studiert, die schnurrigen oder romantischen Balladen auswendig gelernt, die hübschen Bilder eifrig nachgezeichnet. Nun begnügte sich der liebenswürdigeMann freilich nicht mit seinenErfolgen in geselligen Kreisen, wo er seine witzigen, oft sehr anzüglichen Karikaturen durch lustige Verse erklärte, noch mit dem Beifall der Kinderwelt, für die er seine vielen drolligen Puppenspiele dichtete, sondern er verfaßte auch anspruchsvollere Dramen, die allerdings von neuem bewiesen, daß es in dieser dichterischen Gattung mit einer leichtherzigen Improvisation nicht getan, sondern ernste Arbeit unerläßlich ist.
Der „Tunnel über der Spree" war eine in den vierziger Jahren in Berlin bestehende literarische Gesellschaft, der als wichtigste Persönlichkeit Theodor Fontane angehörte. Später fand sie in München in dem Dichterverein der „Krokodile" ein Seitenstück.
Franz von Kobell (1803—1882), Professor der Mineralogie an der Universität, der beliebteste Dialektdichter Münchens, im gesellschaftlichen Leben von hervorragender Geltung, mit Herzog Max und Graf Franz von Pocci der volkstümlichste Mann im biedermeierlichen und maximilianischen München.
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Franz von Pocci
Jahrzehntelang war Graf Franz von Pocci ein Herrscher im gesellschaftlichen und geselligen Leben Münchens, das ihm eine seiner köstlichsten „Spezialitäten", sein bis in unsere Zeit herein lebendiggebliebenes, von dem Aktuar Joseph Schmid, dem „Papa Schmid", zur Löhe geführtes Marionettentheater, verdankt. Pocci wurde 1807 in München geboren, wuchs mit Schwanthaler auf und gehörte, zusammen mit seinem Freunde Guido Görres, dem Kreise der Münchner Romantiker an. Schon in jungen Jahren (1830) wurde er von Ludwig dem Ersten als Zeremonienmeister berufen, später war der liebenswürdige Kavalier und Dilettant (das Wort im Goetheschen Sinne gebraucht) Intendant der Lofmusik. Er starb als Oberstkämmerer am 7. Mai 1876. Das „Frankfurter Konversationsblatt", widmete ihm 1838 nachstehende Würdigung:
Graf Pocci, der junge Zeremonienmeister des bayerischen Königshauses, ist eine der interessantesten Erscheinungen am Lose, wie der liebenswürdigsten in der höheren Gesellschaft. Vom Vater her noch Italiener, hat er sich doch ganz dem deutschen Volke zugewandt und dessen Interessen, Freuden und Leiden an sein Lerz gelegt, was ihn als Menschen schon achtenswert, als Lofmann aber bewunderungswürdig macht. In der Nähe eines Königs wie Ludwig muß alles Kunst atmen, alles von der allgemeinen Flamme mitergriffen werden, und so ist denn auch der junge Graf Dichter, Zeichner und Tonseher. Fast sabelhast klingt es, daß er, vermöge seiner Lebensrichtung den höheren Ständen zugewandt und vermöge seiner Stellung im Taumel der Loffeste bewegt, mit seinen Dichtungen zu den niederen Volksklassen
hinabsteigt und sich dort der Jugend und deren Budung zuwendet. Demnach gibt der Graf mit dem jüngeren Görres den sogenannten Festkalender heraus, eine periodische Schrift, die fromme Lieder, oft auch geistliche, in bunter Folge mit Balladen und Romanzen, Bildern und Musikalien enthält und durch Ausstattung wie Gehalt für die Jugend und den Mittelstand bestimmt ist. Pocci bewährt sich geistreich in jeder seiner Gaben zu diesem Werke, vorzüglich in jenen, die er als Dichter spendet. Frömmigkeit und Treue, Limmel und Vaterland sollen einem Dichter vor allem vorschweben, und sie sind auch das Ziel des Grafen in einer Zeit, wo es schon so selten wird, überhaupt ein Ziel zu haben.
Von dem Pocci der späteren Zeit weiß Hyazinth Lolland (1827—1918), einer der viel erlebte und als Letzter aus Münchens großen Tagen bis in die Gegenwart hereinreichte, in seinen „Lebens erinnerungen eines neunzigjährigen Altmünchners" (niedergeschrieben von Or. A. Dreyer) allerlei charakteristische Züge zu erzählen:
Den Grafen Pocci sah ich zum ersten Male beim Künstlerfest im Odeon 1853. In der Garderobe herrschte ein fürchterliches Gedränge. Dabei wurde ich an einen langen, hageren Mann hingedrückt, der eine rotblonde Dame am Arme führte: es war Pocci. Im November 1854, als ich schon bei Arco war, kam Schlotthauer und erzählte, er fei zu einer Vorlesung des „Gevatter Tod" bei Pocci eingeladen und dürfe noch jemand mitbringen. Dazu habe er mich auserlesen. Meine große Freude hierüber verhehlte ich Schlotthauer nicht. Pocci war mir ein lieber Freund in meiner Jugend geworden, und den von ihm herausgegebenen „Festkalender", die erste deutsche illustrierte Jugendzeitschrift, hatte ich voll glühender Begeisterung gelesen und fast auswendig gelernt.
Voll Spannung betrat ich mit Schlotthauer Poccis prächtig eingerichtetes Stübchen und harrte des Vortrags. Pocci las nicht gut und nicht schön vor, erzielte aber trotzdem einen ungeheuren Eindruck bei den Zuhörern. Die Vorlesung dauerte anderthalb Stunden.
Im Fasching 1855 führte Pocci ein Kasperlstück im Palais Arco auf, und zwar in meinem Zimmer. Ringseis, Lasaulx und andere Vertreter des geistigen München jener Zeit wohnten der Vorstellung bei. An den Flügeltüren hingen große Lampen, die das Theater und das Publikum beleuchteten. Der Raum war sehr günstig. Pocci las einen Prolog mit allerlei harmlosen Bosheiten aus Ringseis. Die Satire begann mit den Worten: „Locherlauchtes Publikum mit und ohne Autorität." Pocci selbst, sein Sohn Friedel und ich waren die Spielenden. Allein er las so schnell, daß wir beide, Friedel und ich, kaum folgen konnten und ganz außer Atem kamen. An diesem Abend war er in keiner guten Stimmung. Vielleicht hatte ihn die kühle Ausnahme seines Prologs verschnupft. Das Spiel wurde nur so abgehaspelt, und kaum war es beendet, so nahm er seinen Lut und lief davon...
Pocci pstegte Zeichnungen, die er rasch entworfen hatte, die ihm aber dann nicht gefielen, in den Papierkorb zu werfen. Sooft ich ihn besuchte, durfte ich mir solche Zeichnungen herausnehmen. Aus diese Weise brachte ich ein schönes Album zusammen. Ein Düsseldorfer Verleger, der dasselbe gesehen hatte, bot mir zweihundert Gulden dafür, doch ich lehnte ab. Pocci erfuhr tnes durch die Isabell (Braun). Sogleich lief er in meine Wohnung am Jsartor und rief mir schon von weitem entgegen: „Sie sind doch ein rechter Esel, daß Sie die Sachen um zweihundert Gulden nicht hergegeben haben! Dafür hätten Sie die schönste Rheinreise machen können." Bei dem Worte „Esel" umarmte er mich gerührt.
Einmal besuchte mich Pocci und meinte: „Ich möchte wieder eine Burg zeichnen." In Landshut hatte er nämlich eine schöne Ansicht der Burg Trausnitz gezeichnet, so groß wie eine Türfüllung. Diese Zeichnung hing immer in seinem Zimmer. Zur Jubelfeier der Universität stiftete er sie nach Landshut. Nun beauftragte er mich einen großen Karton auf ein Reißbrett zu spannen; denn er wollte wieder etwas Umfängliches zeichnen. Ich legte einen 5 Schuh hohen, 2% Schuh breiten Karton bereit. „Infam, infam", sagte Pocci, dann fing er zu zeichnen an, zuerst mit dem Bleistift, dann, weil's ihm zu langsam ging, mit Kohle, hierauf mit der Feder, und zuletzt begann er gar zu malen. Das Ding flog nur so hin aufs Papier; alles wurde durcheinander gewurstelt. Nach einer Stunde sagte er: „Jetzt mag ich nimmer" und ging fort. Am anderen Morgen arbeitete er wieder daran, auch nicht lange, und so noch an ein paar folgenden Tagen, im ganzen etwa acht Stunden. Da stand eine Burg in großen Amrissen da. Aus Scherz nannte er sie die „Biberegg". Zum Spaß erzählte er mir auch die Geschichte dieser Burg, und zwar, wie mir dünkt, „sinnberückend". Die Burg liegt in der Schweiz und ist schon sehr alt. König Dagobert baute einen Turm. Die Burg erhebt sich auf einem Berge. Eine Zugbrücke führt dahin, unten ruht ein kleiner See. Die Burgherren waren eine Zeitlang Raubritter. (Dies drückte er auch in der Staffage der Zeichnung aus.) Die Familre, die sie jetzt bewohnt, ist etwas „muffig" geworden, ist heruntergekommen.
Poeci zeigte das Bild auch seiner Tochter, die bei dieser Gelegenheit zum ersten Male meine Wohnung betrat. Sie war eine wunderschöne, ätherische Erscheinung. Wenn sie mit mir sprach, hatte ich große Mühe, meine Fassung zu bewahren. Verliebt in sie war ich niemals, ich bewunderte sie nur. Einmal sagte Schwind zu Pocci: „Wenn deine Tochter aus einem Balle in der Residenz erscheint, so hält man sie sür das Arbild einer Fee."
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Bei Franz von Kobell
Luise von Kobell schöpft aus dem Schatz ihrer Erinnerungen, niedergelegt in ihrem Buche „Anter den vier ersten Königen Bayerns", die nachstehenden Eindrücke von frohen Stunden im elterlichen Lause:
Bei Kobells Bockpartie stand in jeder Ecke seines Arbeitszimmers ein frischer Tannenbaum; Maiglocken und Wiesenblumen dufteten in großen Gläsern auf den Tischen. Das Faß, dessen Inhalt alle Gäste in frohe Laune versetzen sollte, war bekränzt, und manch seltsames Sträußlein aus farbigen Lobelspänen, das Sennerinnen in lustiger Löhe dem Jägersmann verehrt hatten, steckte zwischen den Gemskrücken an den Wänden.
Ein ausgestopfter Reiher, Reh- und Lirschgeweihe verrieten überdies meinesVaters Lust am Waidwerk, und die sorgsam bezeichneten Mineralien im Glaskasten, sowie die vom Steinreich handelnden Werke auf dem Schreibtische und in dessen Fächern bekundeten den Mineralogen. Die Poesie, die meinem Vater bald eine Geschichte erzählte, bald ein Lied lehrte, hauste hier ungestört unter den Büchern und Flinten, Pfeifen, Blumen und Bildern. Die letzteren waren mannigfaltig: eine Lithographie, die jugendlich schöne Marie in der Gebirgstracht, auf den Bergstock gestützt, hoch über der zu ihren Füßen liegenden Landschaft Lohenschwangau hinaus in die herrliche Gegend blickend; unweit von ihr sitzt ein sinnender Einsiedler im Walddickicht, von dem deutschen Meissonier Anton Seitz gemalt. Daran reiht sich das Porträt des Nimrods Fürst Konstantin von Löwenstein, mit welchem Kobell oftmals gejagt und einstmals den Sechzehnender erlegt hatte, dessen Geweih zwischen den Stangen eine Scheibe trägt. Diese Scheibe ist ein kleines Meisterstück, denn Arthur von Ram- berg hat darauf eine mit Nelken gezierte Altane gemalt, auf welcher eine schmucke Dirne sitzt, die nachdenklich den eben gepflückten Strauß in der Land hält; ungesehen von ihr naht rückwärts ihr Schatz, ein Iägersbursch:
Und hat d' Gams amol a Rua,
Jag' i's Dirndl aus der Laub'n.
An die Flügeltüren sind Photographien gehestet, klein, groß, schmal, breit, von Gelehrten, Dichtem und Malem, von Mädchen und Frauen hohen und niedrigen Standes, kunterbunt, wie deren Originale meinem Vater im Leben begegnet sind oder ihre Abbildung an ihn verschenkt haben. So kam der alte Solacher Förster neben die „Seherin von Prevorst"; — man merkt die Absichtslosigkeit und wird heiter gestimmt. Ein Erstling im Lichtdruck ist jene von Talbot photographierte Spitze, welche Photographie unter dem „antiken Fragment" hängt, einer sarbenfrischenLumo- reske Franz Poccis.
„Kunst und Wissenschaft schöpfen am Quell der Natur", heißt die Überschrift. Aus einem Felsen, in welchem ein Bock eingemeißelt ist, fließt die Bockquelle. Die Musen im antiken Gewände füllen sich die Gläser; Franz Pocci bläst als griechischer Lirte die Flöte, und Kobell spielt in der Joppe die Zither dazu. Im Gegenbilde huldigen die neun Musen als Sennerinnen auf dem Parnasse dem Dichter. Aus einem großen Faß, das die „Lippokrene" enthält, schenkt eine derselben dem gefeierten Kobell einen Maßkrug voll; eine andere, das grüne Miesbacherhütl am Kopf, bekränzt ihn; die dritte bringt ihm eine weißblaue Schützenfahne, und die übrigen schreien „Vivat, der Lerr Professor soll leben!" Aufs Geratewohl tickt die vom Vater besungene alte Ahr,
„Von Richt'n is koa Red;
Ob s'nacha z'stua geht oder 'z'spat,
I' freu' mi', wann s'no geht!“
Auch der Salon ist bei diesem Anlaß in eine kleine Bockhalle verwandelt. Es schlägt 12 Ahr, Gäste um Gäste erscheinen. Kobell begrüßt alle in seiner gemütlich- stöhlichen Art, und gutgelaunt erwidern sie den Gruß. Die Gesellschaft ist eine
auserlesene; darunter überwiegend Mitglieder der „Zwanglosen" und der Gesellschaft „Altengland". Diese letztere besteht seit 1826 und entnahm ihren Namen dem „Merry old England“, das unter Königin Elisabeth der Inbegriff der Fröhlichkeit war. Die Teilnehmer heißen sich Lords; der Vorstand ist Lordmajor und trägt bei den Festdiners eine Allongeperücke, auch die übrigen Leeren erscheinen dann im „Lordkostüme". Neben Beamten, Gelehrten und Künstlern zählt die Gesellschaft zu ihren Mitgliedern viele edle, erlauchte Lerren wie die Lerzöge August und Maximilian von Leuchtenberg, Graf Wilhelm von Württemberg, den Lerzog von Arach und die Lerzöge Maximilian und Karl Theodor in Bayern. Große Verdienste um die Blüte „Altenglands" hatte Franz Pocci, der auch stets laut bewillkommnete Stammgast bei Kobells Bockpartien.
Die Lerren sehen sich und erquicken sich an den einfachen Tafelgenüssen einer Bockpartie, wobei die Bratwürste die Lauptrolle spielen; das bekränzte Faß zaubert Lebenslust in Kehlen und Lerzen. „Kobell, das Bocklied!" ertönen Ruse von allen Seiten. Er erhebt sich und singt nach der Melodie „Der Papst lebt herrlich in der Welt" folgende Strophen, wobei die Gesellschaft je bei den Endversen im Chor einfällt:
„Fürwahr mein Liebchen ist der Wein;
Er blinkt so heiter und so fein.
Er macht ein fröhlich leichtes Blut.
Ja, ja der Wein gefällt mir gut.
Doch nein! Er liebt den Rettich nicht
Und macht der Wurst ein krumm' Gesicht,
Und vom Tabak den lieben Rauch,
Wahrhaftig, den verschmäht er auch.
Der Bock, der ist ein braver Mann,
Lebt er nach seinem Alkoran,
So schmückt ein Rettichblatt den Hut,
Ja, ja, der Bock gefällt mir gut.
Doch nein, er liebt ja nur den Mai
Und ist beim Jagen nicht dabei.
Und unter uns sei es gesagt:
Was wär' das Leben ohne Jagd!
Drum hört, was der Professor spricht:
Den Wein mit ftöhlichem Gesicht,
Den trinkt das ganze Jahr in Ruh'
Und trinkt im Mai den Bock dazu.“
Gleichfalls kamen die Meister der deutschen Kunst: Anton Seitz, Kaulbach, Ram- berg, Franz Defregger, die Professoren Windscheid, Siebold, Liebig, Riehl, Laushofer, Jolly, Carriere, Lofmarschall von Reck, der Münzmeister Laindl, Dönniges, Stieler, Robert von Lornstein, der Lofmedikus Koch, der Zithermeister Petzmaier und Lerzog Maximilian in Bayern, der es so wohl verstand, die Leiterkeit zu wecken.
Man lacht und toastiert; da spielt Petzmaier Zither. Es erklingt Leid und Freud darin; die Töne sind sanft und keck. Wie eine Wünschelrute versetzen sie einen bald da, bald dorthin; man hört Vögel singen und den See rauschen. Dann ertönt plötzlich: „Ach Elslein, liebes Elslein, wie gern wär ich bei dir! So sein zwei tiefe Wasser wohl zwischen dir und mir." Ein frischer Ländler darauf, ein Ländeklatschen! Da ist der Zuhörer aus seinem Traum gerissen und erwacht wieder inmitten der Bockpartie von Franz Kobell.
Königin Marie liebte wie ihr Gatte, König Maximilian, der bekanntlich im Jahre 1858 das bayerische Alpenland fünf Wochen lang durchwanderte, die Berge und war eine vorzügliche Bergsteigerin. Ein Gemälde von Foltz stellt die Begegnung von Max und Marie im Hochgebirge dar.
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Beim Bock
Der Bock is a' Dichter,
Wie ma' gar koan' so Hamm.
Schau! Veigerln und Radi,
All's reimt er ihm z'amm.
Und der Bock is a' Maler,
Da halt i' was d'rauf;
Wie alt aar a' Kopf is.
Er frischt'n no' auf.
Und der Bock is niet’ Spezi,
Mir kennen uns lang.
Und macht ma', versteht si'.
Sei' Stöß'n nit bang.
Und der Bock is a' Rößl,
Gar scharf in sein Lauf,
Und wirft's mi' heunt a'.
Sitz' i morg'n wieder auf.
Was waar's um 'n Mai
Mit sein' bliemlet'n Rock,
Wann er Bloamen g'rad bringet
Und bringet koan Bock;
Aber bringt er all' zwoa,
Racha jux' mer ihm zua:
Grüß' di' Gott! Grüß' di' Gott,
O du herzlieber Bua!
Und a' Bock ohni Mai,
Es is dengerscht a' Freud';
Aber a' Mai ohni Bock?
Bua! Da, sag i', waar's g'feit.
Mi'n Bock a' wen'g raffa,
Desselbi nimm g'ring.
Wirfst du eahm, wirft er di'.
Es is ja oa' Ding.
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Der Bockkeller
Wie es aussah und zuging in der biedermeierlichen Zeit im „neuen" Bockkeller, der nach dem Abbruch des alten die Maifreuden der trinkfesten Münchner umhegte, erzählt G. F. Blaul in seinem Skizzenbuch „Bilder aus München":
Des Lebens Mai blüht alle Jahre wieder! Dies ist der Wahlspruch manches Münchners. Im Mai erschließt sich hier das wahre Leben; er ist der Wonnemond im vollen Sinne des Wortes — der Bockkeller tut sich auf. Maienlust und Bock sind dem Münchner von ganz gleicher Bedeutung. Bock heißt der Karneval des Frühlings; Bock ist der süße Name, der alles in sich schließt, was manches Münchner Lerz Großes und Beseligendes kennt. Wenn an der Schweizerbrust das trübe Äeim-weh zehrt und das Auge mit unwiderstehlichem Sehnen sich nach dem semen Vaterlande richtet, sooft der junge Mai der Flur ihr farbenbuntes Kleid zu weben beginnt, so bleibt mir dies stets ein unerklärliches Rätsel. Wenn aber der eine oder der andere Münchner dann nicht mehr in der Fremde weilen will, so begreife ich das wohl, sehr wohl, weil hier das wahre Gefühl der Menschlichkeit sich regt. Gras und Blumen und Berge und Täler und Kühe und Ochsen gibt es ja überall, aber Bock — Bock gibt's nicht überall.
Es hieße leeres Stroh dreschen, wollte ich erzählen, woher dieses doppelt gesottene Maibier zu seinem edlen Namen kam; da lasse ich den einzigen Demagogen, wie ihn Leine nennt, Lerrn Maßmann, und etwa noch den Märchen- und Romanzen-Duller reden.
Die haben die Geschichte vom Braunschweiger König Gambrinus, von Einbeck und der dicken Mumme, schon breit genug gedrückt und durch köstliche Zitätlein erwiesen, weß Stammes und Namens dieser Nektar sei.
Der Mai hat in München zwei Tage mehr als anderwärts, denn der Bockkeller geht schon am 29. April auf. Wenigstens war es im Jahre 1831 so. Ich war erst zwei Tage in der Stadt und hätte noch gar mancherlei vorläufig zu betrachten ge-habt, aber diese Feier wollte ich nicht versäumen; alles andere war noch nachzuholen. Ich ging mit meinem Freunde hinab an den Isararm, aber ach! Der alte Bockkeller war eben zertrümmert worden, um an seiner Stelle das neue Katasterbüro aufzubauen. Ich hab' es also nicht mehr gesehen, das dunkle, rußige Gewölbe mit seinen niedrigen Pfeilern, an denen das alte Bockschild und der große Rettich hingen. Die Bockfreude muß viel verloren haben durch die Einbuße des alten Kellers, in dem Gambrinus selber noch gezecht haben könnte. Das neu dazu eingerichtete Lokal, dem alten gegenüber, entbehrt jene frühere Gemütlichkeit. Es war, wie ich mir sagen ließ, nicht mehr jenes außerordentliche Gedränge; der Raum hatte sich in zwei Löse und zwei große Säle erweitert. Wohl beseht war jedoch jeder dieser Räume, und dicht gedrängt stand stets eine ansehnliche Menge mit den leeren, eigen geformten Gläsem in und vor einem niedrigen Gewölbe, wo der köstliche Saft gleich von den aufgelagerten Fässern geholt wird, und wo das Brot in hohen Laufen ausgeschnitten liegt.
In der großen Stube zu ebener Erde bewegte sich schon bei meiner Ankunft das Leben am wildesten durcheinander, und die Musik, die während der ganzen Maizeit diesen Platz nicht mehr verläßt, steigerte von Zeit zu Zeit die wilden Äußerungen der Freude bis zum Höllenjubel; während draußen in dem Linterhofe mit dem reinlich ausgeweißten Schuppen, wohin sich die etwas gewähltere Gesellschaft zurückgezogen, eine Donna mit der alten Harfe auf einer aufgestellten Biertonne saß und ihre sentimentalen Lieder durch Geige und Klarinette begleiten ließ. Wo die Bockwürste gleich zu Dutzenden aus den großen dampfenden Töpfen herausgezogen wurden, wo die vollen Gläser windschnell wechselten, wo Finger und Fäuste auf allen Tischen den Takt zur Musik trommelten, wo die Männer wie die Löwen brüllten und die weiblichen Luldinnen Feuer aus den Augen sprühten oder mit schwimmendem Blicke süße Minnelieder lallten, den Kopf gefühlvoll wiegten wie ein junger Orang-Atan, den Gegenübersitzenden leise mit dem Fuße traten und beiden Nachbarn mit massiver Zärtlichkeit die Lände quetschten: da waren die Bockfreuden in der höchsten Blüte.
So ging's aber nicht bloß am ersten Abende, so ging's den ganzen Mai hindurch alle Tage, und wenn ich mir jetzt noch die höchste Lustbarkeit der unteren Volksklasse Münchens denken will, so denk ich mir die beim Bock. Ich hatte nun zwar am ersten Tage schon Studien genug gemacht, hatte gesehen, wie manchen der Bock stieß, hatte sogar schon an diesem ersten Abende, üblicherweise, ein Bockglas heimlich meiner Tasche anvertraut und mit genauer Beobachtung des elften Gebotes nach Lause gebracht, konnte aber doch nicht umhin, an andern Tagen bisweilen wieder einzusprechen.
Mit dem Mai schließt sich der Bockkeller zwar; aber wie es immerhin gehe, etwas muß noch übrigbleiben zur Würze des Fronleichnamsfestes. Damit dem guten Volke die anstrengende Frömmigkeit nicht zu schwer werde, tut sich, auf kurze Frist, das Leiligtum des Bockkellers wieder auf, um durch die Neige für Fasten und Kasteien zu entschädigen und demLl. Vater die Mühe der endlosen Heiligsprechungen zu ersparen.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Der Münchener Bierkrawall 1843
In dieser Zeit (1843) brachen die ersten Unruhen aus, welche das Jahr 1848 voraus verkündeten. Ganz charakteristisch für München hatten sie als Veranlassung eine unbedeutende Erhöhung des Bierpreises, welche aber die Massen sehr erbitterte. Am Vorabend derselben schlug ein Pöbelhaufe bei einer Anzahl Bräuer die Fenster ein und verübte anderen Unfug, ja das angesichts der Akademie liegende Pschorrbräuhaus wurde förmlich demoliert, trotz Polizei, Landwehr- und Kürassierabteilungen, die alle zu spät ankamen und, selber ärgerlich über die Bräuer, sehr wenig guten Willen zur Steuerung des Unfugs bezeugten. Ein paar Tage herrschte nun ein förmlicher Belagerungszustand, der freilich nicht verhinderte, daß das Krawallmachen in die Mode kam und alle Welt sich an den Gedanken bewaffneten Widerstandes gegen die Staatsgewalt gewöhnte. — Die vielen Willkürakte von oben, wie die Brutalität der Polizei hatten eine gereizte Stimmung erzeugt, und die frühere große Beliebtheit des Königs Ludwig ging rasch auf die Neige. (Pecht „Aus meiner Zeit".)
Wolf - Ein Jahrhundert München
Lola Montez
Luise von Kobell erzählt in ihrem Buche „Unter den vier ersten Königen Bayerns": Am 9. Oktober 1846 ging ich die Briennerstraße entlang, da sah ich vor dem Bayersdorfpalais eine schwarzgekleidete Dame, einen Schleier aus dem Kopf, einen Fächer in der Land, des Weges kommen. Plötzlich funkelte mir etwas ins Gesicht. Ich blieb jählings stehen und betrachtete verwundert die Augen, die dieses Gefunkel verbreiteten. Sie leuchteten aus einem blassen Gesichte, das einen lächelnden Ausdruck über mein bewunderndes Anstarren annahm. Dann ging sie oder schwebte vielmehr an mir vorüber. Ich vergaß ganz die mir eingeprägte Anstandslehre, „nie umzusehen", und schaute ihr nach, bis ich nichts mehr von ihr erblicken konnte.
So, dachte ich mir, müßten die Feen in den Märchen gewesen sein. Fast atemlos eilte ich nach Laus und erzählte von der Begegnung. Marie und Emma teilten meinen Enthusiasmus durch ein langgestrecktes Aah!, aber der Vater sagte fast verdrießlich: „Das wird die spanische Tänzerin Lola Montez gewesen sein."
„Sie tritt ja morgen im Theater auf; da kannst du von mir aus in die Loge gehen", bemerkte die Mutter, „ich inache mir nichts aus dem Ballett." Ich dankte lebhaft, denn ich wollte sehen, ob dies wirklich die spanische Tänzernr war oder am Ende doch eine andere, die auch den Vater entzückt hätte.
Ich ging also Samstag, den 10. Oktober, ins Hoftheater; weil ich viel zu frühe in die Loge kam, las ich erwartungsvoll den Zettel: „Der verwunschene Prinz. Schwank in 3 Akten von I. v. Plötz. In den beiden Zwischenakten tanzt Demoiselle Lola Montez aus Madrid spanische Nationaltänze." Dann sah ich voll Ungeduld den Vorhang an, lauschte dem ersten Akte des Lustspieles; nun fiel wieder der Vorhang. Jetzt erhob er sich, da erschien meine Fee von gestern: Lola Montez.
Im Parterre klatschte und zischte man, das letztere „wegen der verschiedenen Gerüchte", erklärte meine Nachbarin, „denn Lola Montez soll eine Missionärin der englischen Freimaurer sein, eine Feindin der Jesuiten, eine Kokette, die schon Liebesabenteuer in allen Weltteilen erlebt hat, nach den Berichten der Zeitungen."
Lola Montez stellte sich in Mitte der Bühne, nicht in Trikots mit dem üblichen kurzen Ballettröcklein, sondern in spanischer Tracht, mit Seide und Spitzen angetan, da und dort schimmerte ein Diamant. Sie blitzte mit ihren wunderbaren blauen Augen und verbeugte sich wie eine Grazie vor dem Könige, der in seiner Loge saß. Dann tanzte sie Nationaltänze, wobei sie sich in den Lüsten wiegte und bald diese, bald jene Laltung einnahm, voll unerreichter Schönheit.
Solange sie tanzte, fesselte sie alle Zuschauer; die Blicke hafteten an ihren geschmeidigen Körperwendungen, an ihrer Mimik, die oft von der glühendsten Leidenschaft in die anmutigste Schalkhaftigkeit überging. Erst als sie aufhörte, sich rhythmisch zu bewegen, war der Bann gebrochen, und „der Spektakel ging wieder los", wie mein Onkel trocken bemerkte. Aber ich ging ganz verzückt nach Lause ...
Der König hatte sie, wie sonstige fremde Künstler und Künstlerinnen, vor ihrem Gastspiele in Audienz empfangen; ihre Schönheit und ihre anregende Unterhaltung entzückten Ludwig I. Aberdies erfteuten ihn ihre Erzählungen über Spanien, wohin er zu reisen gedachte, sowie der in das Gespräch eingesiochtene Sprachunterricht. Mit der Zeit las diese geistreiche Bajadere ihrem königlichen Gönner Calderons Dramen vor und fügte zu der Poesie des Don Quixote die ihres Vortrages.
Anterdessen ging das im Unschuldskleide bekannte Gespenst „Man sagt" von einem zum andern und erregte den König und seine Antertanen. Eine fieberhafte Anruhe bemächtigte sich bald der Bevölkerung. Anter den Studenten war eine Spaltung eingetreten. Einige, der Verbindung „Palatia" angehörend, machten sich zu Satelliten der „Tochter Babels", weshalb sie von den übrigen Studenten aus dem Korps- verbande gestoßen wurden. Sie gründeten eine neue Verbindung „Allemannia". Liberale und Altramontane feindeten sich mit neuer Kraft an.
Joseph Görres, das Laupt der Strengkatholischen, eiferte gegen Lola und ihren Einfluß. Die Presse schürte. Schmähreden und Schmähschriften ereilten die Tänzerin. Sie rächte sich durch ihre Wünsche bei dem König, den sie mehr und mehr für sich einzunehmen verstand. Sie drang aus ihre Erhebung in den Adelstand, welcher ihr die höheren Kreise erschließen sollte. Zur Aufnahme in die Adelsmatrikel mußte man das bayerische Jndigenat erwerben, und so kam die Sache damals in den Staatsrat.
Dieser trat dem Gesuche entgegen, desgleichen das Ministerium, das dem Monarchen in einem Memorandum seine Gründe darlegte, aus welche sich der Wunsch stützte, Lola Montez aus Bayern entfernt zu sehen. Die Wirkung glich der Kugel, die den trifft, der sie abfeuert. Die Schwester eines Ministers las eines Tages im geheimen das Memorandum, teilte es im geheimen ihren Freundinnen mit, diese lasen es gleichfalls im geheimen, dann wanderte das wichtige Schriftstück in das geheime Fach des Schreibtisches zurück, und plötzlich — man wußte nicht wie, noch woher — erschien der Inhalt des Memorandums in der Zeitung. Die Minister erschraken heftig; der König glaubte an Verrat; das Ministerium Abel wurde am 17. Februar 1847 entlassen und durch das Ministerium Maurer-Zu Rhein ersetzt...
Lola Montez ward zur Gräfin Landsfeld erhoben. Angesichts dieser Tatsache stellte der Aniversitätsprofessor Lasaulx den Antrag an den Senat, dem Exministerium eine Adresse in Anerkennung des Memorandums zu überreichen.
Dieser Antrag erzürnte den König und hatte Lasaulx' Quieszenz zur Folge. Eine lebhafte Aufregung bemächtigte sich der Studenten. Sie zogen vor das Laus des Professors und huldigten ihm enthusiastisch, dann zogen sie in die Theresienstraße vor Lolas Wohnung und machten ihrem Zorn in einer Demonstration Luft. Gräfin Landsfeld stellte sich ans Fenster, hob höhnisch ein Glas Champagner in die Löhe und trank es aus. Aber die verächtlichen Blicke und Gebärden der Angesammelten reizten alsbald ihre Wut; sie ergriff eine geladene Pistole und rnachte Miene, sie auf die Studenten abzufeuern. Der hinter ihr stehende Artillerieleutnant Nußbaum hinderte sie noch rechtzeitig daran, wofür sie ihm eine Ohrfeige gab. Der arme Leutnant mußte später den Vorfall mit seiner Entlassung arts dem Leere büßen.
Weitere Einzelheiten über Lola berichtet Josephine Kaulbach ihrem Mann, der damals in Berlin arbeitete, in Briefen vom August und September 1847:
Also du willst von den Altramontanen, von Lola etwas hören! Unsere Freunde sind mit allem unzufrieden, was jetzt geschieht, es mag gut oder schlecht sein. Ich bin so gleichgültig gegen diese Geschichten; mir sind die Sachen so zuwider und so zum Ekel. Die Minister sind noch dieselben, obwohl man immer erzählt, daß Veränderungen vorgenommen werden. Die Feuerprobe müssen die Lerren erst bestehen, wenn der König wieder zurückkehrt und sie auffordert, bei der Signora zu erscheinen.
Ein Herr, namens Berks, ist zum Staatsrat ernannt worden, weil er sich angeboten hat, den Kavalier der Lola zu machen. Sie ist seit acht Tagen hier, nachdem Dr. Walter erklärte, der Zustand der Königin wäre von der Art, daß jede Gemütsbewegung für sie die schlimmsten Folgen haben könnte. Darauf wurde beschlossen, die Signora solle nach Würzburg. Darüber soll sie schon wütend gewesen sein, und nun wurde sie dort von den Studenten und Bürgern sehr schlecht ausgenommen; sie zog schnell ab, nachdem sie vorher einem Soldaten zwei Ohrfeigen erteilte, der ihr untersagte, im Lofgarten ihren Lund frei laufen zu lassen. So kam sie nach München. Leeb, Metzger empfingen sie in ihrem Laufe in Gala, kniend; den anderen Morgen war große Aufwartung. Zwei Studenten, die von ihren Kameraden aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden (Lolajaner), erschienen in größter Gala, mit Stiefel und Sporen und boten der Lola ihre Dienste an; sie wollten leben und sterben für sie. Man soll die Lola viel unter ihrem Laustor sitzen sehen in Gesellschaft des Lerrn .... und Kompanie, ihren Lund auf dem Schoß, dem sie die Flöhe absuchen!
Vor einigen Tagen haben 170 Studenten (Philosophen) eine Eingabe an den König direkt geschickt, worin sie bitten, ihnen Lasaulx als Professor wiederzugeben. Darauf kam eigenhändig ein Schreiben von oben an den Senat der Aniversität, worin verlangt wird, der Senat solle die 170 Studenten vorladen und ihnen die vom König aufgestellten zwölf Fragen beantworten lassen; unter anderem, warum sie Lasaulx so sehr wünschten, warum sie die Eingabe nicht durch die Aniversität nach Aschaffenburg abschickten usw. Die meisten Studenten waren schon fort; nur zwölf fanden sie noch auf, und die beantworteten diese Fragen mit einer solchen Entschiedenheit, daß der Senat staunte; man ist allgemein begierig, was vom König erfolgt. Vor einigen Tagen sollte ein Duell zwischen einem Günstling der Lola (Nußbaumer) und einem Offizier namens Berchstorff stattfinden. Sie soll diesen Lern: auf der Straße beleidigt haben. Nachdem sie die Stunde und den Ort, wo und wann das Duell stattfinden sollte, erfahren hatte, hat sie nachts einspannen lassen und fuhr in Begleitung des Staatsrats Berks und eines neuen Ministerialrats Mussinan in die Menterschwaige und blieb die Nacht dort. Den anderen Morgen, als die Lerren kamen, war sie so in Verzweiflung, daß sie dem Offizier zu Füßen fiel und für das Leben ihres Liebhabers bat; das Duell fand wirklich nicht statt. Ich sage dir, das gibt noch schöne Geschichten. Die Gesellschaft in ihrem Lause wird immer größer; ihren früheren Gesellschafterinnen ist das Laus verboten; sie steigt nun schon in die höheren Regionen, wo es genug ihresgleichen gibt: da finden sich genug Lerren und Damen. Es kommt noch dahin, wie ich immer sagte: so ein gemeines, sittenloses Betragen von oben kann ein ganzes Volk moralisch zugrunde richten. Man hört hier und da schon die Zeit herbeiwünschen, wo unsere Freunde am Ruder waren.
25. August. Leute am Geburtstag und Namenstag unseres Allergnädigsten wurde die Lola zur Gräfin ernannt. Gräfin Landsfeld heißt sie. Sie fuhr in die Kirche, und der ganze Weg dahin war mit Gendarmen besetzt. Abends war Beleuchtung und Musik in ihrem Garten; es sollen achtzig Personen dagewesen sein ...
14. September. Der göttliche Lilari begegnete mir heute und erzählte, daß die Gräfin Landsfeld ihn nach Leoni rufen ließ, um ihn zu fragen, ob er gesonnen sei, sein Laus zu verkaufen. Als er dies bejahte, lud sie ihn ein, bei ihr zu speisen; er wollte es ablehnen, allein es half nichts. Lilari kann ihre Liebenswürdigkeit, ihr königliches Benehmen nicht
genug rühmen. Sie ließ Champagner kommen und brachte ein Loch auf den König, die Königin und die Kinder aus, in welches die ganze Sippschaft einstimmte. Dann erzählte sie, mit welchem Jubel der König in der Pfalz ausgenommen wurde, und als Lilari sich auch als einen Pfälzer vorstellte, ließ sie diese auch hochleben, und wieder erscholl ein Loch von den Genossen. Nach dieser Komödie ging der ganze Trupp, an der Spitze die Gräfin, geführt von Lerrn Staatsrat Berks, dann Bildhauer Leeb, Metzger, Choko- lademacherRottenhöfer, Nußbaumer, der Portier Blötz, zwei zweifelhafte Damen aus Würzburg und eine Parapluimacherstochter aus Bayreuth, Lilari und Lofgärtner Linkert nicht zu vergessen, ging also die ganze Gesellschaft in das Laus, von dem sie entzückt waren. Lilari hofft nun einen guten Käufer an der Lola gefunden zu haben. Aber Frau Lilari soll über ihren Mann entrüstet sein und will mit keinem Schritt mehr das Laus betreten. Das erzählte er mir mit einer Gutmütigkeit, daß ich lachen mußte. Minister Zenetti und Zu-Rhein sind um ihre Entlassung eingekommen; man glaubt aber nicht, daß sie von dieser Lola befreit werden, bis die Ständeversammlung vorbei ist. Das gibt schöne Geschichten! Die Königin hat der Lola den Theresienorden zugeschickt; nun denke dir die Schmach für die anderen Damen!
Lola Montez (1820—1861), geboren zu Montrose in Schottland als Tochter eines schottischen Offiziers und einer Kreolin, seit 1837 mit einem Leutnant James verheiratet, folgte diesem nach Ostindien, verließ ihn 1840, übersiedelte nach Paris und führte seitdem ein unstetes Abenteurerleben.
Wie Lola König Ludwig kennen lernte, darüber berichtet ein Akt im Geheimarchiv deö Wiener Polizeiministeriums, fußend auf Informationen von dem Münchner Kommiffar dieses Amtes, HinciS mit Namen, folgendes: „Als die Lola im vorigen Jahr (1846) nach München kam, wollte sie im Theater tanzen, waö ihr jedoch von der Intendanz nicht gestattet werden wollte. Sie verfügte sich hierüber sogleich zu dem König, hatte gleich im Vorzimmer mit dem diensttuenden Kammerdiener eine heftigen Streit, weil er sie nicht vorlassen wollte, bis endlich der König, von dem anmaßenden und kecken Auftreten unterrichtet, befahl, sie vorzulassen, er würde ihr schon selbst den Kopf waschen. Als sie eintrat, war der König sichtlich überrascht und sogleich für sie eingenommen, und hier soll auch die in München vielseitig erzählte Szene vor sich gegangen sein, daß die Lola, als der König einigen Iweifel über die Realität der ersichtlichen Wölbung ihres Busens andeutete, eine Schere von des Königs Schreibtisch nahm und sich damit daö Kleid vor der Brust aufschnitt. Von diesem Moment an soll die Anknüpfung des jetzigen Verhältnisses datieren."
DaS Ministerium Karl von Abels (1788—1863), bestehend aus Graf Seinsheim, Schrenk und von Gumppenberg, war entschieden ultramontan gerichtet. Staatsrat Georg Ludwig von Maurer (1790 bis 1872), Rechtöhistoriker, Universitätsprofessor und an dem griechischen Thronabenteuer der Wittelsbacher hervorragend beteiligt, übernahm zusammen mit Friedrich Freiherrn Iu-Rhein, zuvor Regierungspräsident von Unterfranken, die Kabinettsbildung, wurde aber in seinem freisinnigen Regiment bald abgelöst von dem Ministerium des Fürsten L.K.E. von Oettingen-Wallerstein (1791—1870), der in das konservative Fahrwasser zurücklenkte.
Ernst von Lasaulx (1805-1861), seit 1844 Professor der Philosophie und Ästhetik an der Universität, war rinbedingter Parteigänger der Ultramontanen. Gleich ihm wurden Moy, Höfler und Philipps des Lehrstuhls entsetzt; doch wurde er im März 1849 zurückberufcn. 1848 war er in der deutschen Nationalversammlung; später gehörte er der Angeordnetenkammer an.
Hilari-Bolgiano, K.Konfektmeister, war ein Freund des Hauses Kaulbach. — Der Theresien-Orden gestiftet 1827 von der Königin Therese, wurde nur an Damen des hohen Adels (alö an „Ehrendamen") verliehen und trug als Devise auf der Kehrseite die Worte „Unser Erdenleben sei Glaube an das Ewige".
Wolf - Ein Jahrhundert München
Stürmische Februartage 9. bis 12. Februar 1848
Über die Ereignisse des 9. Februar berichtet die Augsburger Postzeitung:
Bekanntlich haben schon seit einiger Zeit die übrigen Studierenden aus Arsachen, die hier unberührt bleiben mögen, die „Alemannen" überall und auch in den Lör- sälen mit der entschiedensten Verachtung behandelt, so daß vorgestern der Fürst Wallerstein sich persönlich zur Aniversität begab, um Ruhe innerhalb der Lörsäle zu bewirken. Leute mittag nun, zu einer Zeit, wo eben eine große Anzahl von Studenten aus den Kollegien kam, gab es wieder einen Konflikt mit den Alemannen. Man begann zu pfeifen, Pereat zu rufen und auf ähnliche Weise seinen Lohn gegen dieselben auszudrücken, was einen großen Teil der Straße hinauf bis in die Nähe des Bazars fortdauerte. Lier stellt einer der Verfolgten (Graf Lirschberg) einen der nachfolgenden Studenten, zieht einen Dolch und führt damit mehrere Stöße auf ihn, die jedoch glücklicherweise sehlgehen. Ein Offizier und ein Gendarm fallen dem Stechenden in den Arm und hindern ihn, einen Mord zu begehen. Lierauf stürmen nicht nur die Studenten, sondern was vom Volk eben Zeuge der Tat war, auf den Grafen Lirschberg ein und fordern von einem herbeigekommenen Polizeikommissar und von den Gendarmen, als Lirschberg sich in das Rottmannersche Kaffeehaus flüchtet, Arretierung wegen eines Kriminalfalles auf offener Straße. Der Polizeikommissar und die Gendarmen weigern sich aber, den „Alemannen" zu verhaften. Inzwischen war auch die Gräfin Landsfeld in der Theatinerstraße in Konflikte gekommen, die verschiedenartig erzählt werden. Eine Pistole, welche sie bei sich führte, wurde ihr entweder entrissen oder entfiel ihr, ist aber alsbald aufgehoben worden. Bei dem sofort entstandenen Auflauf wird sie ergriffen und sehr hart gegen ein Eisengitter gedrückt. Die ganze Masse drängt nach, so daß sie in höchster Gefahr ist, erdrückt zu werden, und flehentlich um Schonung und Lilfe bittet. Lerbeigeeilten Gendarmen gelingt es indessen, sie soweit zu befreien, daß sie sich in die nahestehende Theatinerkirche flüchten kann, wohin eine Menge Menschen, anscheinend jedoch nur aus Neugierde — denn die Leiligkeit der Kirche ist nicht verletzt worden — nachströmen. In der Zwischenzeit hatten sich große Massen Menschen vor der Theatinerkirche und bis hinter den Odeonsplatz hinunter angesammelt, und um 1% Ahr betrug die Menge bedeutend über 2000 Köpfe. Am diese Zeit wurden die m der Kirche befindlichen Leute herausgeschafft, und endlich trat auch die Gräfin Landsfeld leichenbleich aus der Kirchentür, was das Signal zu gellendem Pfeifen, Pereat-Rufen und Schreien von allen Seiten her gab. Die immer zahlreicher herbeigeeilten Gendarmen umringten sie jedoch gleich so dicht, daß sie den Augen der Masse ganz entzogen wurde. Langsam bewegte sie sich in dieser Weise etwa sechzig Schritte die Straße hinunter, wo sie mit ihrer Amgebung sehr lange stehen blieb, vielleicht unschlüssig, ob sie sich nach ihrer entfernten Wohnung begeben solle. Unglücklicherweise mischte sich um diese Zeit ein anderer „Alemanne", an der roten Kappe gleich kenntlich, in das dichte Gedränge, worauf nicht nur das Pfeifen und Schreien auf betäubende Weise überhand nahm, sondern er auch von allen Seiten angespien wurde, während er nach jeder Richtung herumfuhr und herausforderte, es solle „ihm nur einer kommen". Die ganze, allmählich sehr bedeutend gewordene Gendarmenschar beschränkte sich indessen darauf, die Gräfin Landsfeld zuvörderst eine Zeitlang noch dicht an den Läufern zu decken, dann aber machte der berittene Teil derselben so viel Platz durch die Menge, daß die Fußmannschaft sie sicher in die gegenüberliegende Residenz bringen konnte. Die Masse, unter der sich jedoch mehr als die Lälfte bloß ruhiger Zuschauer befanden, drängte pfeifend und rufend nach, wurde aber ohne Mühe durch die Gendarmerie und die Residenzwache zurückgehalten, so wie es denn überhaupt zu keinen weiteren Tätlichkeiten kam. Bei Los war eben ein Kammerball, dem Ihre Majestät die Königin nicht, jedoch Seine Majestät der König beiwohnte, der durch diese Ereignisse von demselben abgerufen wurde.
Aber die Vorfälle vor dem Kultusministerium am Morgen des 10. Februar wird der „Augsburger Postzeitung" berichtet:
Lofrat Thiersch hielt vom Balkon (seiner Villa in der Arcisstraße) aus eine treffliche Rede an die Studierenden, die auch großen Eindruck machte. Vor dem Karlstor hatten sie sich wieder vollständig gesanunelt und kamen darauf durch die Neuhauser Straße in corpore, ihr „Gaudeanms" singend, bis an die Akademie, wo das Ministerium des Innern für Kultus- und Anterrichtsangelegenheiten sich befindet. Fürst Wallerstein war glücklicherweise bereits dort, und die Versammelten brachten Sr. Durchlaucht wiederholte Lebehochs; doch fiel auch nicht die mindeste Anordnung vor, kein Pfeifen, kein Schreien. Gerade in diesen: Moment aber rückte vom Dultplatz her eine Abteilung Gendarmerie, teils zu Fuß, teils zu Roß mit einem Offizier und einem Polizeikommissär an. Die Fußmannschaft stellte sich mit geschultertem Gewehr quer über die Straße auf, die Berittenen aber sprangen vorwärts unter die Studenten, welche nach allen Richtungen sich eiligst zerstreuten, und zwar ohne daß irgendein Ruf sich hören ließ. Angefähr zwanzig bis dreißig, darunter auch andere Leute, blieben innerhalb des Tores der Akademie ruhig stehen, offenbar bloß aus Neugierde, um zu sehen, was die Gendarmerie mache. Mit einemmal eilte eine Anzahl der aufgestellten Gendarmen mit gefällten Gewehren auf Befehl des Offiziers auf dieses Tor zu, wozu um so weniger Anlaß war, als zu beiden Seiten der Straße weit größere Massen von neugierigen Menschen aller Klassen standen und auch von denen im Tor nicht der mindeste Anfug geschah. Als die jungen Leute die Gendarmen mit den Bajonetten auf sich zustürzen sahen, zogen sie sich schnell zurück, und einige von ihnen machten eilig die Torflügel zu, augenscheinlich, um sich gegen diesen unprovozierten Anfall zu schützen. Da indessen der innen geleistete Widerstand nur sehr gering war, so gelang es den Gendarmen leicht, das noch nicht völlig geschlossene Tor aufzudrücken, worauf sie sofort mit den Bajonetten dreinstachen, auch ein berittener Gendarm mit der Faust dreinschlug, da seine Säbelklinge sich im Mantel verwickelt hatte. Eine Widersetzung von seiten der Angegriffenen fand durchaus nicht statt; sie hatten auch weder Stöcke noch sonst eine Waffe irgendwelcher Art. Die meisten flohen bald rückwärts durch die Akademie. Verhaftungen, wozu keine Arsache vorhanden, sah man nicht stattfinden. Aber alsbald wurde ein Student, der einen Bajonettstich voll hinten in den Kopf erhalten hatte, stark blutend von einigen seiner Kommilitonen herausgeleitet, und die tapferen. Gendarmen kehrten wieder zu ihrem Offizier zurück. Glücklicherweise ist dieser ganze unverantwortliche Auftritt oben vom Ministerium mrd von den Akademiefensteril genau gesehen worden, so daß man dort aus eigener Wahrnehmung urteilen konnte. Daß der Fürst Wallerstein darüber sehr entrüstet gewesen sein muß, geht schoir daraus hervor, daß er augeilblicklich dem Gendarmerieoffizier den Befehl schickte, mit seiner Mannschaft abzuziehen. Sobald dieselbe von dannen war, verhielt sich alles so ruhig wie zuvor, obwohl sich noch viele Studenten namentlich vor dem Lause eines Baders fandeil, wo der Verwundete verbunden wurde. Die Wunde am Linterkopf blutete zwar stark, soll aber nicht gefährlich sein, wenigstens nicht lebensgefährlich. Ein anderer nebeir ihm stehender Student ist in die Schulter gestochen worden, aber wie es heißt, ohne daß das Bajonett ins Fleisch einge- drungen ist. Daß noch mehr verletzt sind, hört man bis jetzt nicht.
In einer Nachschrift trägt das genannte Blatt folgende sehr ernste Trauerpost nach: Außer jenem Studenten, der am Kopfe verwundet worden, hat noch ein anderer, namens Faber, einen tödlichen Bajonettstich durch den Lals erhalten und ist, wie ich eben erfahre, bereits vor anderthalb Stunden verschieden. Noch mehrere andere sind leicht verwundet. Zugleich ist zu ergänzen, daß der Bajonettanfall der Gendarmerie ohne alle vorausgeschickte Warnung, Drohung oder irgend dergleichen weder von seiten des Gendarmeriehauptmanns Bauer noch des Polizeikommissärs neben ihm geschehen ist, so daß ohne Zweifel hier das Kriminalgericht einzutreten haben wird. Dem Verlauten nach ist auch der Lauptmann Bauer kaum eine Stunde nach dem Vorfall vor Seine Majestät den König beordert worden. Welche Dinge übrigens die „Alemannen" sich erlaubt haben, ist daraus zu entnehmen, daß sie sich sogar erfrecht haben, von den Fenstern herunter auf die Offiziere der Truppen zu speien, die dafür auf dem gesetzmäßigen Wege bei ihren Kommandeurs Satisfaktion verlangt haben. Lierauf hin sollen dann sämtliche „Alemannen" arts München sofort ausgewiesen worden sein.
Am 11. Februar 1848 brachte die „Augsburger Abendzeitung" folgenden Bericht aus München:
Gestern nach eingetretener Nacht gab es Straßenskandale, bei denen sich jedoch weder Studierende, noch Bürger, noch Gebildete überhaupt beteiligten. Am diese Zeit war die arbeitende Klasse auf den Beinen, die sich durch Pfeifen, Schreien und Schimpfen ankündigte, nach der Barerstraße zog, aber von dem dort aufgestellten Militär zurückgedrängt wurde, wobei sogar ein Individuum verwundet wurde. Später zerteilte man sich in den Straßen. Vor der Polizei wurden mittels Bräuwagen Barrikaden gebildet, so daß die Kürassiere nicht passieren konnten, wonach die Fenster des Polizeigebäudes ohne Störung eingeworfen werden konnten. Durch die meisten Straßen pfiff und lärmte es fort bis gegen 10 Ahr, die Kürassiere zerstreuten die dichten Laufen, und später erlosch allmählich der Lärm, so daß die Stille der Nacht nur durch die reitenden und gehenden Patrouillen unterbrochen wurde. Leute früh las man am schwarzen Brett der Aniversität den schon gestern abend an den Magistrat ergangenen allerhöchsten Erlaß folgenden Inhalts: „Jetzt, da die Bürger sich ruhig zurückgezogen haben, ist mein Vorhaben, daß statt mit dem Wintersemester 1848/49 bereits mit dem Sommersemester die Aniversität wieder geöffnet werde, wenn bis dahin Münchens Einwohner sich zu meiner Zufriedenheit benehmen. Ludwig." Die Studierenden fühlten sich hiedurch nicht befriedigt, gelobten sich aber gegenseitig ein ruhiges Verhalten, nachdem die Bürger sich auch ferner ihrer annehmen werden. In der Tat waren die Bürger diesen Vormittag wieder auf dem Rathaus versammelt, da auch sie dieser allerhöchste Bescheid nicht zufriedenstellte; man verlangte allgemein und laut die Entfernung der Gräfin Landsfeld und der „Alemannen". Lauptmann Bauer wurde schon gestern entsetzt, und der an seine Stelle tretende Lauptmann Neumann ist bereits gestern abend aus Augsburg hier eingetroffen. Anterdessen aber erschien der Platzkommandant Generalmajor von Kunst auf dem Rathaus und zeigte den Bürgern an, daß Se. Majestät der König den Befehl gegeben, die Gräfiir Landsfeld habe unsere Lauptstadt nach einer Stunde zu verlassen. Die Freude, der allgemeine Jubel bei dieser Nachricht, die mit Blitzesschnelle durch die ganze Stadt sich verbreitete, läßt sich nicht beschreiben. Jeder dankte im Kerzen dem Monarchen für diesen aus freier Nachgiebigkeit gefaßten Beschluß, wodurch bei der im höchsten Grade herrschenden Aufregung die übelsten Folgen verhütet wurden. Im „Bayerischen Los" hatten sich eine Anzahl Adeliger, die hier anwesenden Reichsräte bei dem Fürsten von Leiningen, zu Beratungen über die bedrohte Ordnung des Staates versammelt. Gegen halb 12 Ahr marschierten die Bürger, der Magistrat an der Spitze, wieder nach der Residenz, wo sie sich in Ordnung aufstellten. Bald darauf erschien Fürst Wallerstein mit dem allerhöchsten Erlaß, welcher ihnen vorgelesen wurde, wodurch die Entfernung der Landsfeld bestätigt wurde und das Kier- bleiben der Studierenden beschlossen wird.
Als der König einen Augenblick am Fenster erschien, ertönte von vielen tausend Stimmen ihm ein dreimaliges Koch entgegen; dasselbe geschah Ihrer Majestät der Königin, als sie im Neglige einen Moment sichtbar wurde. Am %11 Ahr verließ die Gräfin Landsseld ihr Kaus, nachdem sie zuvor sich allerdings mit persönlichem Mute den Drohungen gegenübergestellt hatte, bestieg ihren Wagen, machte einen Versuch, in die Residenz zu gelangen, aber die Tore waren verschlossen. Endlich fuhr sie aus der Stadt, man sah es und verfolgte sie durchaus nicht; nur zwei Kavaliere fuhren ihr eine Strecke nach, um sich zu versichern, daß sie die Stadt auch wirklich verlassen. Sie fuhr nach Starnberg. Obgleich eine Masse Menschen ihr ganz nahe waren, so erfuhr sie doch keine Realinsulte. Sie war in ihrem Wagen nicht allein. Von diesem Augenblick an aber trat die Ordnung sichtbar wieder ein, nur den Gendarmen drohte noch die Volksrache, und vor der Polizei ging es deshalb auch dann noch lebhaft her. Aber man hielt schon um die Mittagstunde die Ordnung sür so gesichert, daß man die Militärmacht aus den Straßen zurückziehen konnte, ohne daß die geringste Störung vorfiel. In den Straßen herrscht wieder der alltägliche Verkehr, und die Gemüter sind froh gestimmt. Wie wir hören, soll ein weiterer königlicher Entschluß den Befehl enthalten, daß die Gräfin Landsfeld das Königreich Bayern innerhalb 24 Stunden zu verlassen habe, und Fürst Wallerstein mit der Vollziehung dieses Befehles beauftragt sein. Wie die Sachen jetzt stehen, wird das gegenwärtige Wintersemester seinen ruhigen Verlauf nehmen, und die Studierenden, welche sich dadurch vollständig satisfaziert sehen, daß die „Alemannen" ihre Laufpässe erhielten, werden sich von nun an der gegenwärtigen Ordnung der Dinge mit der ganzen Einwohnerschaft nur freuen können. Daß gestern abend Seine Majestät der König im Theater erschien und diesen Vormittag unter den dichten Volksmassen ruhig promenierte, ja einen Bürger, welcher als bekaimter Anhänger der Landsfeld tätlich mißhandelt wurde, um ihn zu schützen, am Arme nahm und durch das Gedränge führte, sind erwähnenswerte Momente.
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Nach der Abreise der Gräfin Landsfeld
Etwas anders als der vorstehende Bericht schildert der Korrespondent der „Augsburger Postzeitung“ die Abreise der Gräfin Landsfeld, die sich übrigens nicht nach Starnberg, sondern zunächst in das Schlösschen Blutenburg an der Würm, nahe dem Nymphenburger Schloss, begab:
Sobald die Gräfin Landsfeld gestern schon vor elf Uhr abgefahren war, drang die so lange zurückgehaltene Menge vom oberen Ende der Barerstraße in das Haus ein und zertrümmerte Möbel und alles, was sie fand, um die Spur der Unheilstifterin so weit wie möglich zu vernichten. Während sie hiermit beschäftigt war, erschien Seine Majestät der König am Hause und redete die Leute an: „Ich habe euch alles gewährt. Ich habe die Gräfin Landsfeld fortgeschickt und die Universität wieder eröffnet; wenn ihr euren König liebt, so betragt euch nun ruhig. Das Haus muss geschont werden.“
Dies war der Inhalt der königlichen Worte, auf welche die Menge mit lautem Lebehochruf erwiderte und „Heil unserem König, Heil“ anstimmte, was jedoch wegen des sich fort und fort erneuernden Lebehochrufens nicht ausgesungen werden konnte.
Es ist schwer zu beschreiben, wie sehr die ohnehin stets hohe Verehrung und Liebe für die Prinzessin und den Prinzen Luitpold sich während der letzten Begebenheiten gesteigert hat; denn die Prinzessin und der Prinz Luitpold waren es, welche die Deputation der Bürger vorgestern bei Seiner Majestät einführten und deren Bitten auf das Wärmste unterstützten. Man muss die Bürger reden gehört haben, um die Innigkeit der Gefühle für dieses herrliche fürstliche Paar zu würdigen. Dem Vernehmen nach wird eine entsprechende Dankadresse an Höchstdieselben gerichtet und von sämtlichen Bürgern Münchens unterzeichnet werden.
In dem gedachten Hause hat man außer zahlreichen Visitenkarten und Briefen auch eine ungeheure Masse von Bittschriften, darunter solche von Personen, von denen niemand dergleichen geahnt hätte, vorgefunden. Es heißt, die Gräfin habe Pässe nach England erhalten.
Graf Arco-Valley hat, wie öffentliche Blätter melden, dem Armenpflegschaftsrat zu München zur Verherrlichung der Ausweisung der Gräfin Landsfeld die Summe von 5000 fl zur Verteilung an die Armen übermacht.
Prinz Luitpold (1821–1912), der drittälteste Sohn König Ludwigs I., der spätere Prinzregent, war verheiratet mit Prinzessin Augusta von Österreich-Toskana (1825–1864), die am Hofe ihres Schwiegervaters und später unter der Regierung ihres Schwagers Maximilian großen Einfluss besaß.
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Rückblick auf die Unruhen
Die Katastrophe kam mir übrigens nicht unerwartet. Seit dem Anfang meiner Amtsführung habe ich sie herannahen sehen, nachdem es mir wie jedem andern unmöglich erschien, den Bestand jener Gesellschaft zu erschüttern, mit welcher und durch welche die Gräfin Landsfeld in die Universität eingriff, um die Wurzel aus dem Boden unseres akademischen Lebens zu reißen, aus welcher eine bittere Frucht nach der andern und immer die letzte schlimmer als die frühere sich entwickelte. Die vulkanische Natur unserer Zustände kam dazu. Mir so wenig als den übrigen Behörden war verborgen, daß der Boden unter unseren Füßen zitterte, und daß die etwas heftigere Bewegung an irgendeinem Punkte der Stadt das Signal einer größeren Eruption sein würde. Gott gebe, daß die, deren Zeugen wir gewesen, die letzte sein möge. Meine Lage war um so bedenklicher, als ich bei der Unentschlossenheit und Furchtsamkeit, welche die Schrecknis vor der Gräfin und den Folgen ihres Zorns um uns her verbreitet hatte, die Gemüter befangen und den guten Willen gehemmt fand. Nur Josef Müller stand mir im Senat mit Entschlossenheit zur Seite und in den letzten Tagen noch Laneberg. — Ich übernahm also alles auf meine Verantwortlichkeit und verfolgte beharrlich einen und denselben Zweck, die aufgeregten und erschütterten Gemüter der Jugend in den Schranken der Ordnung und des Gesetzes so weit zu halten, als es noch möglich war, und als das Unglück über die Universität ausgebrochen war, sie zu bewegen, in jenen Schranken zu beharren und männlich zu ertragen, was mit einer Art von innerer Notwendigkeit über sie gekommen war. So ist es geschehen, daß die Studenten, sobald sie das Ziel ihres Unwillens, die Alemannen aus ihrer Mitte fernzuhalten, erreicht hatten, sich in keiner Weise an den Unordnungen beteiligten, die sich daran knüpften, und nun, obwohl noch etwas exaltiert, allmählich in den ruhigen Gang ihres Lebens wieder einlenkten. Es kommt uns sehr zu statten, daß S. Durchlaucht der Fürst von Wallerstein, mit dem ich gemeinsam jeden Schritt getan, und dessen Tätigkeit und überlegene Einsicht in Behandlung schwieriger Probleme ich von neuem zu bewundern Gelegenheit gehabt habe, bereits den Studierenden das Recht freier Assoziation für ihre geselligen Verhältnisse erworben hat. Die Anordnung derselben, die ich unter meine Aussicht genommen habe, wird sie einige Wochen in ihren freien Stunden beschäftigen, und wir kommen dadurch dem Ende des Semesters näher, das ich mit Ende des März zu schließen gedenke, um sie dann in ihre Leimat zu entlassen, aus der sie dann, wie ich hoffe, zum Sommersemester mit erhöhtem und beruhigtem Gefühl an ihre Arbeiten zurückkehren werden. An neue Aufregung unter ihnen ist vor der Land nicht zu denken und nur zu wünschen, daß von außen nichts geschieht, wodurch sie in die Aniversität hineingetrieben wird. Ich kenne die Gefahren, die auch unserer Ruhe von dieser Seite drohen, und habe mit Vergnügen gesehen, daß durch den vorwiegenden besseren Geist der Studierenden sie bis jetzt auf jedem Punkte, wo sie sich zeigten, besiegt und ferngehalten wurden.
Über das weitere, was geschehen ist und noch geschieht, um den noch hochgehenden Strom in seinem normalen Gang zu erhalten und allmählich verlaufen zu lassen, werde ich nachträglich berichten. Die Umgestaltung des akademischen Lebens, entsprechend dem Bedürfnisse und dem Geist der gegenwärtigen Zeit, wird dadurch eingeleitet, nachdem sie in der Burschenschaft durch politische Reaktion verunglückt war, während jetzt der Charakter politischer Aufregung unserer Jugend ganz und gar fernliegt. Es war eine Krisis, in der sie ein gefährliches Gift ausgestoßen, das ihrem gesunden Organismus war eingeimpst worden.
Daniel Bonifaz von Haneberg (1816—1876), seit 1844 Professor für alttestamentliche Exegese an der Universität, wurde 1884 Abt des Benediktincrklosters St. Bonifaz in München und 1872 Bischof von Speyer. Ursprünglich im Sinne Ignaz von Döllingers der freieren Richtung des Katholizismus huldigend, wandte er sich nach der Entzweiung init Döllinger infolge dessen Ablehnung des Unfehl-barkeitödogmaö der orthodoxen Richtung zu und bekämpfte mit besonderer Schärfe den Altkatholizismus.
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Studentenadresse und Zeughaussturm
Otto Freiherr von Völderndorff erlebte als junger Mann die Münchner Sturmtage des Februar und März 1848 mit und erzählte darüber später in seinen „Harmlosen Plaudereien eines alten Münchners":
Der lebhafteste Tag war nach meiner Erinnerung der 4. März, über den ich in meinem Tagebuch verzeichnet finde: „Studentenadresse, Rede auf dem Rathhaus, Zeughaussturm, Dultplatz." Ich saß noch beim Frühstück, als drei Kommilitonen ins Zimmer stürmten mit der Eröffnung, es solle eine Studentenadresse beraten werden, und ich müsse mitkommen. Nun war mir dies zwar auffallend, weil die drei Auffordernden bisher zu den enragiertesten Anhängern des Korpswesens gehört hatten, ich aber stets einen Anflug von burschenschaftlichen Tendenzen besaß, allein die Zeiten waren derart, daß man eine Gesinnungsänderung wohl annehmen konnte, und so ging ich mit. Während ich indessen, wie bemerkt, vordem auf der studentischen Linken gestanden war, befand ich mich in dieser Versammlung plötzlich auf der äußersten Rechten, denn die vorgeschlagene Adresse war nicht nur radikal au po88ib1e, sondern sie wollte auch der Regierung die Ansichten der Studenten über auswärtige Politik darlegen. Dazu war ich denn doch zu nüchtern, und ich versuchte in verschiedenen Reden begreiflich zu machen, daß in der Politik die Studenten als solche nichts Besonderes bedeuten würden, sondern daß wir uns bei der soeben im Rathause stattfindenden allgemeinen Bürgerversammlung beteiligen müßten. Als dies durchaus nichts half, sondern sogar der Passus angenommen wurde (das Aktenstück wurde in dieser Fassung wirklich überreicht und muß sich also noch heute in den Archiven vorfinden): „Wenn Krieg, dann mit Frankreich gegen Rußland", da verließ mich die Geduld und ich die Versammlung, und ich begab mich auf das Rathaus. Auf dem Wege begegnete ich Lerrn Staatsrat von Lerrmann, welcher mir mitteilte, daß bezüglich der Gesinnungen des in Würzburg weilenden Kronprinzen nachteilige Gerüchte verbreitet würden, und daß es notwendig sei, dem entgegenzutreten, was am besten durch euren Nichtbeamten geschehe. Er selbst half mir derm auch im großen Rathaussaale auf einen Tisch, vor: dem herab ich „aus zuverlässigster Quelle" alle Erzählungen über feindselige Äußerungen des Kronprinzen gegen die Münchner Bürger und so weiter dementierte, was einen sehr guten Eindruck machte, welcher wesentlich dadurch gehoben wurde, daß ich ein rotes Gilet anhatte, dessen Schösse länger waren als mein kurzes graues Studentenröcklein. Auf einmal ertönt der Ruf: „Die Proletarier von der Au wollen das Zeughaus stürmen und sich bewaffnen". Anfänglich Bestürzung, die aber rasch dem Entschlüsse weicht, dieser gefährlichen Eventualität dadurch vorzubeugen, daß man sich der Waffen selbst bemächtige. Junge Bürger, Künstler und Studenten strömen darauf in Massen nach dem Anger und verlangen mit Angestüm die Schlüssel zu den Waffenkammern, allein der wackere Zeugwart Rinspacher, der sie in der Tasche hat, tut nicht dergleichen, sondern schreit selbst mit und entgeht dadurch allem Verdachte. Leider hilft dieses heroische Verhalten nichts, die Türen werden erbrochen, und alles bewaffnet sich mit Morgensternen, alten Luntenflinten, Lellebarden, Armbrüsten und dergleichen antediluvianischem Gerät; etliche setzen auch Äelme und Sturmhauben auf, und mein Freund ..., als vorsichtiger Familienvater, ergreift einen enormen Schild, hinter dem seine kurze Gestalt völlig gesichert marschiert. So gerüstet, bewegt sich der Zug nach dem Karlsplatz und schwenkt dann rechts ein in den alten Pageriehof. Ich nahm an diesem Marsche keinen Anteil, sondern hatte inzwischen mich in der Stadt umgesehen und war innegeworden, daß das Bürgermilitär auf dem Promenadeplatz versammelt sei, und zwar die Gewehre bei sich habe,nichtaberscharfePatronen,daßfernerdieBürgervollständigvon Militär eingeschlossen und auf dem Dultplatze — ungefähr da, wo jetzt das Schiller-Monument steht — Kanonen aufgefahren und die Kürassiere zur Charge bereit waren. Zu unseren Lehrgegenständen in der Pagerie hatte nun auch die Taktik und Strategie gehört, und wenn auch der Unterricht in diesen Fächern (ehedem war so etwas keineswegs ungewöhnlich) nicht von einem Militär, sondern von einem königlichen Oberpostrate erteilt wurde, und ich insbesondere die Stunden der „Tiktak" (wie wir mit einer Konsequenz, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, zwei Jahre lang das Wort aussprachen), größtenteils damit ausfüllte, auf die gestellten Fragen möglichst unpassende Antworten zu ersinnen, so hatte ich doch genügend kriegswissenschaftliches Verständnis erlangt, urn einzusehen, daß die schlecht bewaffneten Fußkämpfer insgesamt verloren seien, wenn sie aus der Lerzog-Max-Burg auf den Dultplah debouchieren würden. Ich war selbst deshalb aufAmwegen zurückgeeilt und erschöpfte mich inVemühungen, dieses begreiflich zu machen. Natürlich vergeblich; der freiheitsbegeisterte Laufe — und es war die Elite der Studenten- und Künstlerjugend dabei vertreten — stürmte blindlings auf den freien Platz hervor, und ich kann heute noch nur mit innerlichem Entsetzen daran denken, welcher namenlose Jammer über Lunderte von Familien gekommen wäre, wenn die mit Kartätschen geladenen Kanonen damals gesprochen hätten. Zum Gliick geschah dies nicht. Vielmehr erschien bekanntlich Seine Königliche Loheit der Prinz Karl von Bayern mit der Botschaft von der allerhöchst bewilligten Einberufung der Kammern, und zwar ritt der heldenmütige Prinz, was uns alle sofort zu einem begeisterten Loch hinriß, ganz allein, furchtlos und mit der größten Ruhe unter die Laufen hinein, freundlich und besänftigend zum Auseinandergehen ermahnend. Nur einen Augenblick sah ich den edlen Lerrn erregt werden, als ihm aus der Menge heraus zugerufen wurde, ob das auch wahr sei, was er sage. „Wer sind Sie, der mich das fragt?" sprach er, auf den Rufenden zureitend, mit erhobener Stimme. „Ich bin der Wagnertoni" war die Antwort. „Nun wohl, ich bin Prinz Karl von Bayern, und was der versichert, wird der Wagnertoni wohl glauben können." Der Wagnertoni, unser nachmaliger Major, der ein durchaus wackerer Bursche war, reichte ihm jetzt treuherzig auf das Pferd hinauf die Land und sagt: „Wohl, wohl, jetzt glaub' ich's." Darauf erneutes allgemeines Loch und jubelnder Rückmarsch in das Zeughaus, wohin so ziemlich alles dort Weggenommene redlich wieder abgeliesert wurde.
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Königliche Proklamation am 6. März
Ich habe Mich entschlossen, die Stände Meines Reiches um Mich zu versammeln; dieselben sind auf den 16. dieses Monats in die Kauptstadt berufen. Die Wünsche Meines Volkes haben in Meinem Kerzen jederzeit voll Widerhall gefunden. An die Stände des Reiches werden ungesäumt Gesetzesvorlagen gelangen, unter anderen: Aber die verfassungsmäßige Verantwortlichkeit der Minister; über vollständige Preßfreiheit; über Verbesserung der Stände-Wahlordnung; über Einführung der Öffentlichkeit und Mündlichkeit in die Rechtspflege mit Schwurgerichten; über die in der IX. Verfassungs-Beilage angedeutete umfassendere Fürsorge für die Staatsdiener und deren Relikten, dann deren Ausdehnung auf die übrigen Angestellten des Staates; über Verbesserung der Verhältnisse der Israeliten. Ferner ordne Ich in diesem Augenblicke die schleunige Abfassung eines Polizei-Gesetzbuches an; ebenso befehle Ich die unverzügliche Beeidigung Meines Leeres auf die Verfassung und lasse Ich von heute an die Zensur über äußere wie innere Angelegenheiten außer Anwendung treten. Bayern, erkennt in diesem Entschlüsse die angestammte Gesinnung der Wittelsbacher! Ein großer Augenblick ist in der Entwicklung der Staaten eingetreten. Ernst ist die Lage Deutschlands. Wie Ich für die deutsche Sache denke und fühle, davon zeugt Mein ganzes Leben. Deutschlands Einheit durch wirksame Maßnahmen zu stärken, dem Mittelpunkte des vereinten Vaterlandes neue Kraft und nationale Bedeutsamkeit mit einer Vertretung der deutschen Nation am Bunde zu sichern und zu dem Ende die schleunige Revision der Bundesverfassung in Gemäßheit der gerechten Erwartungen Deutschlands herbeizuführen, wird Mir ein teurer Gedanke, wird Ziel Meines Strebens bleiben. Bayerns König ist stolz darauf, ein deutscher Mann zu sein. Bayern! Euer Vertrauen wird erwidert, es wird gerechtfertigt werden! Scharet Euch um den Thron! Mit Eurem Kerrscher vereint, vertreten durch Eure verfassungsmäßigen Organe laßt uns erwägen, was Ans, was dem gemeinsamen Vaterlande nottut. Alles für Mein Volk! Alles für Deutschland!
München, den 6. März 1848
Ludwig
Maximilian Kronprinz, Luitpold Prinz von Bayern, Adalbert Prinz von Bayern, Karl Prinz von Bayern
Fürst v. Oettingen-Wallerstein, v. Beisler, v. Keres, v. der Mark, v. Voltz
Wie diese Proklamation wirkte und was weiterhin folgte, erzählt Luise von Kobell: Die Stadt hallte von Jubel. Vor der Residenz, wo vor kurzem noch Kanonen gestanden, dröhnte es am 7. März von Lochrufen; von Läufern und Kirchtürmen wehten blauweiße Flaggen; Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen lustwandelten, die bayerische Kokarde auf dem Lut oder an der Schulter. Gerührt las uns der Vater die königliche Proklamation vor, und zu Mittag tranken wir in der Familie Champagner und toastierten auf des Königs Wohl und auf die Königsfamilie.
Nachmittags wurden sämtliche Truppen und Offiziere auf dem Maximiliansplah (Dultplah) beeidigt; tags darauf begannen die am 4. März beeidigten Studenten in 16 Kompanien ihre Exerzitien unter der Leitung von Landwehr- und Linienoffizieren und Anteroffizieren. And gleich ihnen organisierten sich Professoren-, Künstler- und Beamtenkompanien, die alle zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt beitragen wollten. Das Marsfcld, wo die Exerzitien größtenteils abgehalten wurden, zeigte ein buntes Tun und Treiben. Schaulustige Frauen und Mädchen zogen hinaus und betrachteten stolz ihre Väter, Brüder, Söhne und Freier im neuen Amte, und fröhliche Szenen spielten sich neben dem Ernste ab ...
Aber schon am 16. März begannen wieder Tumulte und Straßenkrawalle. Die von einigen ausgegebene Parole „Gräfin Landsfeld ist schon wieder da; sie ist im Schloß Fllrstenried" machte die Leute wie rasend. Sie zogen hinaus zur Verfolgung der Verhaßten. Da sie sie nicht fanden, entstand das Gerücht, sie sei nach München in das Polizeigebäude geflüchtet. Diese Annahme verleitete die Tumultanten zur Stürmung des Polizeigebäudes. Bierwagen wurden umgestürzt, mit den Deichseln die Fensterstöcke eingestoßen, die Tore gesprengt und in den Amtszimmern die Gräfin gesucht. Ohne Erfolg, denn sicherlich war Lolas Rückkehr eine böswillige Erfindung. Dann zog der fanatische Troß vor jedes Laus, in dem er der Gräfin Zuflucht vermutete, in groben Ausschreitungen gegen Militär und Studenten, die unerschrocken und voll Pflichttreue handelten. Offizielle Maueranschläge, welche bekundeten, Gräfin Landsfeld sei am 14. März von Karlsruhe nach Frankfurt gereist, das bayerische Jndigenat sei der Gräfin genommen, wurden verhöhnt, und johlend setzten die Anführer ihr Landwerk fort, durch Geld von dieser und jener Partei unterstützt, wie behauptet wurde.
Am 18. März und die folgenden Tage war München wie im Belagerungszustand. An 10000 Bewaffnete, Militär und Freikorps, waren teils auf Plätzen und Straßen aufgestellt, teils in den Kasernen konsigniert. Den revolutionären Amtrieben sollte ein Ende gesetzt werden. Deputationen begaben sich zu den: König und zu den einge- troffenen Abgeordneten der Ständekammer. Dunkle Gerüchte kommen wie die Raben herbei, und wer nicht zu den Aufrührern zählte, harrte bange der Lösung der Dinge.
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Ludwigs Abdankung
Als sich die durch die Februarunruhen heraufbeschworene Erregung nicht legen wollte und vom König Garantien verlangt wurden, die zu geben er sich nicht entschließen konnte, willigte er in die Abdankung, die er später manchmal bereute, und die auch die anderen bereuten. In einem Patent von, 20. März 1848 gab er bekannt:
Ludwig,
von Gottes Gnaden König von Bayern, Äerzog von Bayern,Franken und in Schwaben usw.
Wir haben Ans Allerhöchst bewogen gefunden, zu Anseres geliebten Sohnes, des Kronprinzen Maximilian königlicher Loheit Gunsten auf Ansere Krone zu verzichten, und fügen mit diesem zugleich zu wissen, daß Wir von nun an die Namens-Titulatur König Ludwig (Majestät) und Ansere vielgeliebte königliche Gemahlin die Titulatur Königin Therese (Majestät) führen werden. Vorstehende Ansere Verzichtleistung und Titulatur-Bestimmung ist in Anserem Regierungsblatte zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Gegeben zu München, den zwanzigsten März des Jahres Eintausend achthundert und achtundvierzig, im dreiundzwanzigsten Anserer Regierung.
Königliche Worte an die Bayern.
Bayern! Eine neue Richtung hat begonnen, eine andere als die in der Verfassungsurkunde enthaltene, in welcher Ich nun im 23. Jahre geherrscht. Ich lege die Krone nieder zu Gunsten Meines geliebten Sohnes, des Kronprinzen Maximilian.
Treu der Verfassung regierte Ich, dem Wohle des Volkes war Mein Leben geweiht; als wenn Ich eines Freistaats Beamter gewesen, ging Ich mit den Staatsgeldern um. Ich kann jedem offen in die Augen sehen. And nun Meinen tiefgefühlten Dank Allen, die Mir anhingen. Auch vom Throne herabgestiegen, schlägt glühend Mein Lerz für Bayern, für Teutschland!
München, 20. März 1848. Ludwig
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Von der Studentenkompagnie
Ein heiteres Gemälde aus ernster Zeit entwirft Otto von Völderndorff in seinen „Larmlosen Plaudereien eines alten Münchners":
Ein lustiges Bild entschleiert sich meiner Erinnerung bei der Tagebuchnotiz vom 26. März, welche lautet: „Wache bezogen; Nachricht vom Einfall der Franzosen". Ich hatte an diesem Tage als Hauptmann der zweiten Studentenkompanie unsere Lauptwache im Akademiegebäude, rechts von der Normaluhr, als mir gemeldet wurde, in der Stadt verbreite sich die Nachricht, die Franzosen hätten bei Kehl den Rhein überschritten, durchzögen plündernd und sengend bereits Baden und Württemberg, und die Avantgarde sei schon bei Dachau gesehen worden. Damals glaubte man so etwas ohne weiteres, und ich hielt es sofort für meine Pflicht, meine Wache in sicheren Verteidigungszustand zu sehen. Zu diesem Behuf stellte ich auf den nach meiner Meinung bedrohtesten Punkten Posten aus, so unter anderen einen solchen vor die Hintere Türe des Akademiegebäudes. Ich instruiere denselben, auf das zum Dultplah mündende Tor der Lerzog-Max-Burg sorgfältig Obacht zu geben, sobald sich etwas Verdächtiges zeige, zu schießen und dann sich nach Kräften zu verteidigen. Hierauf sperre ich die Türe hinter ihm zu. Kaum ist dies geschehen, so höre ich ein heftiges Poltern an der Türe, ich sperre wieder auf und frage: „Was gibt es?" „Ja, Sie sperren ja hinter mir zu, da kann ich doch nicht hinein, wenn ich überfallen werde." „Natürlich sperre ich zu, sonst kommt ja der Feind mit Ihnen herein." „So, was ist denn aber mit mir, wenn ich da nicht zurück kann?" „Ja, haben Sie denn noch nie von verlorenen Posten gehört? Ich habe Ihnen schon gesagt: Verteidigen Sie sich, so gut Sie können." „So und dann?" „Nun dann sterben Sie den ehrenvollen Tod fürs Vaterland." In meiner damaligen Begeisterung meinte ich, der betreffende junge Krieger werde mir für diese ihm zugedachte Ehre dankend um den Hals fallen, aber quod non. „Das fällt mir denn doch nicht im Traum ein," sagt derselbe, stellt sein Gewehr an die Mauer, legt Säbel und Patronentasche dazu und geht davon. Ich war außer mir vor Entrüstung über diesen Mangel an Patriotismus; heute sinde ich freilich, daß er der Gescheitere von uns beiden gewesen ist.
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Krawalle und kein Ende
Zwei Briefe Josephine Kaulbachs an ihren Gatten nach Berlin.
20. August 1848.
Bei uns in München geht es wieder toll zu. Es ist ein Lärmen und Toben in den Straßen; die Wühler und Schreier lassen nicht nach, das Volk auf alle mögliche Weise aufzuwiegeln. Nun setzen sie den Leuten in den Kopf, den Lausschah, die Juwelen des Staates, hätte König Ludwig fortgebracht. An allen Ecken waren Plakate angeschlagen, worin aufgefordert wird, sich zur Beratung auf dem Rathause einzufinden. Tausende von Menschen strömten hinauf; es wurde beschlossen, zum Minister zu gehen, und der sollte Rechenschaft abgeben. Der erklärte aber auf eine ziemlich brutale Weise, daß sie kein Recht hätten, darnach zu ftagen. Darüber wurden sie noch erzürnter; der kleine, an Leib und Seele verkrüppelte Volkstribun Vogt stolzierte durch die Straßen, gefolgt von einem Laufen Schusterjungen, Weibern und Gesindel. Auch sah man Gruppen von Menschen beisammenstehen, und einer in ihrer Mitte, der das große Wort führte, schimpfte aus Gesetz und Ordnung und suchte das Volk zu reizen. Bald mußte das Militär ausrücken, und alle Plätze und Straßen wurden besetzt. Aber auch das half nichts; denn es kam des Nachts zu schlimmen Auftritten, und es gab mehrere Verwundungen. Bürger und Freikorps übernahmen es dann, die Ruhe wieder herzustellen. Leute ist an allen Ecken angeschlagen, daß auf Befehl des Königs die Schatzkammer für jedermann offen steht, und man warnt die Bürger davor, künftig wieder solchem Geschwätz und böswilligen Gerüchten Glauben zu schenken.
22. August 1848.
Guido Görres hat wieder was Schönes angefangen; er wäre beinah vom Volk gesteinigt worden. Gestern nämlich erschien ein Auftuf an alle Katholiken, daß wir Zusammenhalten müßten; unsere Religion sei in Gefahr, der Staat müßte von der Kirche getrennt werden, und der Unterricht sollte allein der Geistlichkeit zufallen usw. Eine Adresse läge auf dem Rathause, wo sich alle guten Christen unterschreiben sollten, um dann die Epistel nach Frankfurt zu schicken. Der Auftuf wurde an den Straßenecken schon heruntergerissen, und die Menschen strömten aufs Rathaus nicht zum Anterschreiben, sondern um ihrem Anwillen Luft zu machen. Dort wurde für und dagegen gesprochen. Schließlich packten einigen Menschen die Adresse mit ungefähr
600 Unterschriften und zerrissen sie. Die Tintenfässer warfen sie sich an die Köpfe. Die Magrstratsräte flüchteten mit genauer Not, und die Menschenwoge stürzte dann herunter auf die Straße. Da kam auf einmal unser guter Guido Görres des Weges. Er wurde von der Menge umringt, versuchte zu sprechen, aber er wurde mcht gehört. So schleppten sie ihn bis in die Burggasse und wollten dort über ihn herfallen. Er aber, dank seiner großen Gewandtheit, entschlüpfte ihren Fäusten und entfloh bis auf den Schrannenplatz unter die Bögen, wo er sich ausruhte. Ein Bekannter, der ihn dort sah, sagte zu ihm: „Am Gottes willen, was haben Sie angefangen? Wie haben Sie Ihrer Partei geschadet!" Da sprach Guido: „Man muß für seinen Glauben zu sterben wissen." Leute nacht ist alles Militär in Bewegung, man fürchtet große Anruhen durch diese Geschichte; denn auf dem Lande sollen Tausende diese Adresse unterschrieben haben. Aber sage, ist das nicht entsetzlich? Sie ziehen den Religionskrieg ja gewaltsam herbei! „Man sollte sie alle an den Fußzehen aushängen", sagte heute unsere gute Anna. Ich meine, die katholische Kirche sei immer dann am besten gewesen, wenn sie arm war. Die reichen Geistlichen haben nie etwas getaugt.
Guido Görres (1805—1852) war der Sohn von Joseph Görres und in dem hochkatholischcn Münchner Spätromantikerkreise, sowie im politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt eine wichtige Persönlichkeit, wenn auch an weittragender, politischer Bedeutung seinem Vater keineswegs ebenbürtig. 1838 begründete Guido Görres die „Historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland"; vielseitig literarisch tätig, gab er 1846—47 das erfolgreiche „Deutsche Hausbuch" heraus.
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Wie die Bavaria entstand und ausgestellt wurde
Joseph Anselm Pangkofer, ein beliebter Alt-Münchner Schriftsteller, schreibt im Oktober 1852 in Chlingensbergs großem Sammelwerk „Das Königreich Bayern in seinen altertümlichen, geschichtlichen, artistischen und malerischen Schönheiten":
Die Idee zur Aufstellung der Bavaria ging von König Ludwig aus, der ein Riesenerzbild geschaffen wissen wollte, gleich jenem der Pallas, welche, ein Werk des Bildners Phidias, auf dem athenischen Tempelberge der Akropolis 26 griechische Ellen hoch aufragte. Gleich dem Phidias hatte Schwanthaler, der Schöpfer der Bavaria, das traurige Geschick, sein größtes Werk im Leben nicht mehr vollendet zu sehen.
Die Bavaria erhebt sich 54 Schuh von der Sohle bis zum Scheitel, und der linke Arm mit dem Kranze ragt noch 18 Schuh darüber empor. Die Plinte, welche das 30 Schuh hohe Piedestal deckt, mißt 408 Schuh im Geviert, die Kopfhöhe beträgt 6 Fuß 4 Zoll, die Gesichtslänge 5 Fuß 3 Zoll, die Nasenlänge 1 Fuß 11 Zoll, die Mundspalte 15 Zoll, die Augenbreite 11 Zoll, die Länge des Arms 24 Fuß 1 Zoll, dessen Amfang 5 Fuß 1 Zoll und die Länge des Zeigefingers 3 Fuß 2 Zoll. Das ganze Gewicht der Statue hält 1560 Zentner, deren Metall sich auf 93000 Gulden wertet. Die Dicke der Gußschale beträgt einen halben Zoll, und das ausgebreitete Metall würde 10400 Schuh im Geviert, also mehr als ein Viertel Tagwerk bedecken.
Nachdem von 1837 an, in welchem Jahre an Schwanthaler der erste Auftrag ergangen, eine Reihe von Vorstudien und kleinere Probekompositionen voraus gemacht waren und man sich für die Form der Darstellung entschieden hatte, begann der Aufbau des Modellhauses nächst der Erzgießerei in einer Löhe von 120 Schuh. Lier wurde unter Leitung des Schöpfers von Giuseppe Lazzarin, der 1844 gestorben, und unter Mithilfe von Schwanthalers Arbeitern der Ausbau des riesigen Tonmodells ausgeführt; in Gips gegossen wurde es vom Formator Lorenz Biehl. Die Vorbereitung und die Apparate zu diesen Arbeiten waren großartig: Eisenrüstungen, Ton- und Gipsmassen gingen ins Enorme. Die Arbeiten selbst dauerten von 1840 bis 1844, in welchem Jahre endlich das gewaltige Kernbild fertig und Erstaunen erregend dastand, nach dem Vorbilde von 15 Schuh Löhe errichtet. Aber dieser Vollendung ging erst noch die schwierigste und mühseligste Arbeit voran, die Re- vidierung und Reinstellung der Verhältnisse bis ins einzelnste zum Behufe der
Schönheit in der plastischen Erscheinung. Schwanthaler, der schon seit Jahren gekränkelt, unterzog sich diesem Geschäfte zur Lerbstzeit, da es nun nicht mehr verschieblich, mit einem Eifer und mit einer Gewissenhaftigkeit, mit einer Ausdauer und Aufopferung, welche ein hohes Zeugnis gaben, wie heilig ernst es ihm um Kunstberuf und echten Künstlerruhm gewesen. Die kolossalen Verhältnisse der Figur ließen sich nur aus gemessener Ferne überschauen und beurteilen; es wurden sonach die bretternen Wände des Modellhauses entfernt, und ab- und zufahrend prüfte des Künstlers sicheres, schönheitgewohntes Auge die Figur rundum und von der Sohle bis zum Scheitel um jede Linie, jede Falte. Alle Abänderungen gab er selbst allenthalben an, die Galerien des Laufes ersteigend, und seine Gehilfen arbeiteten mit rüstigem Fleiße nach seinen Anordnungen, während der Lerbststurm Schneegestöber durch die Luft trieb und das Gebälk des Turmes schüttelte, während eine losende Jagd durch Gefilde zog und Kanonendonner der manöverierenden Artillerie in der Nähe brüllte. Die Anstrengung, die Mühen trugen vielleicht nicht wenig zur Beschleunigung des Krankheitsverlaufes bei, welchem der große Künstler vier Jahre darauf erlag.
Wie Schwanthaler mit väterlicher Sorgfalt und inniger Liebe an seiner Bavaria hing, davon ließen sich rührende Beispiele erzählen; bis zu seinem Tode erfüllten die Gedanken an sie Tag und Nacht seine Seele.
Dem glücklich vollendeten Aufbau des Modells folgte die zweite schwierige Aufgabe, der Erzguß desselben. Dieses Werk hatte Ferdinand Miller von seinem Onkel, Professor Stiglmaier, mit dem Amte der Inspektorsstelle in der Erzgießerei ererbt. Miller hatte sich in einer Gießerei zu Paris vorgebildet, unter seines Oheims Leitung und selbständig bereits große Güsse ausgeführt; auch bei den Vorbereitungen zum Guß der Bavaria standen ihm anfänglich noch die Ratschläge Stiglmaiers zur Seite, aber später, bei der Ausführung selbst, folgte er gänzlich seinen eigenen Erfahrungen und wohlüberlegten Entschlüssen. Der erste betraf die Absicht, die Statue in möglichst großen Stücken zu gießen und zwar in horizontalen Durchschnitten aus Gründen der Statik, welche für diese Zusammenstellung sprachen; der andere bezog sich auf die Verbindung und Befestigung der Gußteile, für welche Miller weder den sogenannten Schwalbenschwanz noch Falz und Nute verwendete, sondern nach eigener Idee an den Rändern der Gußstücke 5 Zoll breite horizontale Platten angoß, die innerlich verschraubt und äußerlich verhämmert wurden. Die Spuren der Verschraubungen sind verarbeitet und gleich den Fugen äußerlich unsichtbar, so daß nur e;wa eine Pulversprengung den Koloß umwerfen könnte. Der Guß der Bavaria selbst wurde in fünf Lauptteilen gemacht, von denen der schwerste 380 Zentner Erz, 500 Zentner Eisen für die Rüstung und 12000 Ziegel und 300 Zentner Gips für die Einformung und Einmauerung erforderte. Gegossen wurde zuerst der Kopf, am 11. September 1844; bei diesem und bei dem Gusse des Bruststückes waren neben
den technischen Schwierigkeiten und neben der Besorgnis fllr große pekuniäre Nachteile außerordentliche Gefahren zu überwinden und zu beseitigen. Beim ersten Guß war eine Berstung der Form eingetreten, durch welche 40 Zentner Erz entwichen, und nur der Vorsicht, daß er 50 Zentner über die erforderliche Masse Erz in den Ofen legte, dankte Miller das Gelingen.
Noch mißlicher und gefahrdrohender stand es um den zweiten, den Guß des großen Bruststückes, obschon alles Erdenkliche vorgesehen und der Meister selbst ununterbrochen an den Vorbereitungen tätig war. Wir übergehen die Schilderung der einzelnen Arbeiten von der Stückformung bis zur Zusammenstellung und Einmauerung, um sogleich von: imposanten Gusse selbst zu sprechen. 380 Zentner Erz füllten den Ofen. Am 10. Oktober 1845, abends 5 Ahr, begann die Feuerung; nachts 12 Ahr am 11. Oktober folgte der Guß mit vollstem Glücke, nachdem die Hoffnung daraus 24 Stunden geschwankt hatte. Gußhaus, Ofen und Form standen auf dem Spiele. Die ununterbrochene, wütende Feuerung entzündete das Gebälk des Gußhauses, das nur mit Mühe und Gefahr wieder gelöscht werden konnte. Das schmelzende Erz hatte mehrmals zu stocken gedroht, und mußte man es erkalten lassen, so mußte der Ofen abgebrochen und mit großen Kosten wieder erbaut werden. Inzwischen wäre die Form durch Anziehung von Feuchtigkeit unbrauchbar geworden; sie hätte neu hergestellt werden müssen. Alle diese Anfälle wären auf Kosten des Meisters eingetreten, der jeden Guß auf eigene Wag und Gefahr bewerkstelligen mußte. Aber endlich, wider Erwarten, ging alles gut, und erschöpfende Mühe, verständige Vorsicht, Sorge und Mut lohnten sich glänzend. Hundert Zuschauer waren Zeuge des imposanten Aktes und des beglückwünschenden Jubels, der die Gußhalle füllte. Den folgenden Güssen kamen die Erfahrungen und Proben der beiden ersten zugute, so daß sich weitere Anstände nicht ergaben und die Vollendung der Bavaria die edle Erzgußkunst mächtig förderte, so daß die königliche Anstalt in München als die erste der Welt ohne Rivalin rühmlichst dasteht.
Die fernere Sorge betraf nun den Transport der Gußstücke an den Standplatz und den Aufbau der Riesengestalt. Ein turmhohes, sicherfestes Gerüst für die Heb- und Versetzmaschinen wurde über dein fertigen Piedestale errichtet. Mit erprobten Seilen und Flaschenzügen wurde, nachdem ein Seilbruch glücklich abgelausen, die Hebung der wuchtigsten Gußteile bewerkstelligt. Diese brachte ein eigens hiezu konstruierter Wagen, mit zwölf kraftvollen Pferden bespannt, an Ort und Stelle. Jede Frachtung vom Gußhause dahin forderte mehrere Stunden. Der Transport des Kopfes arn 7. August 1850 brachte ein interessantes Fest mit sich. Rosse und Wagen waren festlich mit Kränzen und Draperien geschmückt. Dem Haupt zog ein anderer Festwagen voran mit der Marmorbüste Schwanthalers, des doppelt verewigten Schöpfers, die Arbeiter der Gießerei, Künstler und Sängerchöre umgaben die Wagen, dem eine
Musikbande voranzog, gebildet aus dem Personal der Gießerei. Tausende von Teilnehmern und gerührten Zuschauern bestaunten das schöne, kolossale Gebilde durch alle Gassen oder geleiteten es zur Ruhmeshalle, wo sie selbst unter Regen die Aufziehung des gewaltigen Lauptes erwarteten. Als der Kopf 20 Schuh hoch über dem Boden schwebte, entstiegen 31 Personen demselben, um einen Begriff von dem Amfange zu geben, den er ob der schönen Verhältnisse nicht zu haben schien. Musik, Chorgesang und donnernde Lochs auf König Ludwig, Schwanthaler und Miller begleiteten und schlossen das schöne Fest, das dem noch viel imposanteren der Enthüllung der vollendeten Gestalt voranging. Vom 20. Juli bis 7. August hatte der Transport gedauert; nach der Vollendung wurde die Statue mit Plaggen umwickelt und mit einer hohen Bretterwand verstellt.
Mit der feierlichen Inauguration und Enthüllung der Bavaria war am 9. Oktober 1850 ein Luldigungsfest verbunden, welches die Künste und Gewerbe Münchens dem König Ludwig brachten.
Liber dieses Fest hören wir Josephine Kaulbach, die ihrem Gatten nach Berlin über die Enthüllung der Bavaria
am Tage nach dem Feste folgende Einzelheiten aus eigener Anschauung mitteilt: In unserem Lause grünt und blüht es. Die Treppe mit den Bäumen sieht herrlich aus, und allmählich kommt alles in Ordnung. Also das Fest, die Enthüllung der Bavaria, war ganz einzig in seiner Art, und nie hat man Ähnliches erlebt. Die Beschreibung der prachtvoll geschmückten Wagen sämtlicher Landwerker bis auf die Künstler hat Fräulein Kohler Euch schon geschickt. Aber hat sie von dem höchst eigentümlichen Gespann geschrieben, welches die Künstler gemacht hatten? Ein Wagen, von acht schwarzen, kolossalen Pferden gezogen, vier immer zusammen, die von weißen Zügeln gehalten wurden. Zwischen je zwei Pferden ging ein schöner, junger Mensch in gutem Kostüm, der die Tiere führte. Die Künstler gingen neben dem Wagen. König Ludwig war außer sich vor Freude, und die Königin soll nicht aus den Tränen gekommen sein. Das Wetter war herrlich und alles in Begeisterung. Auf dem Dult- platz stellten sich die Wagen auf; aber der Telegraphendraht mußte dort um einige Fuß höher gemacht werden für diesen Tag, damit die „Auerkirche", die Ottokapelle und ein großes Rad durchgebracht werden konnten. Wir sahen den Zug bei Limbsel ganz prächtig, und dann fuhren wir auf die Wiese. Der Zug dauerte von zwölf bis zwei Ahr, denn jeder Wagen hielt amKönigszelt. Kreling, Wiednmann und die anderen Lerren des Komitees erklärten dem Könige die Wagen. Als der Zug vorüber war, richteten sich alle Augen auf die Bavaria, die Bretterwand davor sollte einstürzen. Es wurde gehämmert und geklopft; die Menschen wurden immer stiller vor Erwartung, und der Platz vor der Bavaria wurde frei gemacht. Auf einmal fiel ein
Böllerschuß; zugleich neigte sich langsam, feierlich die ganze Bretterwand nach vorne, und die herrliche Riesenfigur wurde sichtbar. Ein unendlicher Jubel erschallte; sämtliche Liedertafeln sangen begeisterte Lieder, schwangen die Fahnen, und Teichlein hielt eine herrliche Rede. Es war eure Begeisterung, ein Jubel in der ganzen Menschenmasse, der kaum zu schildern ist.
Die Umrechnung in modernes Maß ergibt für die Gesamthöhe der Bavaria von der Sohle bis zum Scheitel zirka 15,6 m, von der Sohle bis zur Kranzspitze 20,9 m, vom Fuß des Piedestals bis zur Kranzspitze 28,7 m, die Kopshöhe beträgt 1,87 m, die Armlänge etwas über 7 m, die Länge des Zeigefingers etwa 93 cm. Der Metallwert (93000 Gulden) rechnet sich in etwa 158000 Mark um.
Ludwig Schwanthaler (1802—1848), der bevorzugte Bildhauer Ludwigs I., Professor der Akademie, war eine künstlerisch ungemein reich beschäftigte und stark auswirkende Persönlichkeit, menschlich einer der heitersten Gesellschafter und der besten Freunde, der in seiner „Humpenburg" an der Schwanthalerstraße stets eine frohe Runde von Zechern um sich versammelt sah. Er ist auch der Erbauer der Burg Schwancck im Isartal.
Johann Baptist Stiglmaier (1791—1844), Erzgießer und Bildhauer, Inspektor der K. Erzgießerei seit 1822; seine Hauptleistung ist der Guß des Thorwaldsenschen Reiterstandbilds des Kurfürsten Maximilian auf dem Wittelsbacherplatz und des König Max-Denkmals vor dem Nationaltheater.
Ferdinand von Miller (1813—1887), ursprünglich Silbcrschmied, arbeitete in Paris in der Werkstätte des Erzgießers Soyer, seit 1844 Inspektor der K. Erzgießerei, lieferte besonders viele Erzwerke nach Amerika; sein letztes Werk war der Guß der Germania für das Niederwalddenkmal.
Anton Teichlein (1820—1879), ausgezeichneter Landschaftsmaler, Schüler und Freund W.v.Kaul-bachS, hat sich auch als Gelegenheitsdichter und Redner bei allen möglichen Anlässen hervorgetan.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Der Bavaria Enthüllungsfest
Gedicht von König Ludwig I.
Glühend schien die Sonne, noch glühender schlugen die Herzen
Bei dem glänzenden Fest, welches die Liebe beseelt'.
Gegenwart war die Vergangenheit wieder, ich schien auf das Neue
Der Beherrscher des mich freudig umgebenden Volkes.
Doch es war nur ein Traum, ein Traum, den ich Wachender hatte.
Aber es ist kein Traum, daß ich geliebt von dem Volk.
Schön geschmückt zog Wagen an Wagen in heiterer, langer
Reihe. Was sinnig erdacht, war ausgeführt von der Kunst,
Von der vollendeten. Durch der Gewerbe Erzeugnis gedrungen
War die Kunst wie das Blut, welches den Körper durchfließt.
Jede Innung zeigte, was sie zu bewirken vermögend:
Hoher Schönheitssinn wurde in allem geseh'n.
Prächtig folgte der Wagen der Künstler, würdig derselben.
Die erhabensten sie seit der Kunst Wiedergeburt.
Keiner Anreden auswendig gelernte, schwülstige Phrasen
Gab es zu hören; der Blick sprach, was nicht sagte der Mund,
Drückte der Anerkennung, der Anhänglichkeit tiefe,
Inn'ge Gefühle mir aus. Wie ich sie früher gekannt.
Meine alten Münchner, sie waren, wie sie gewesen.
Eh' sie der Taumel gefaßt, welcher ergriffen die Welt.
Als der Zug vorüber, da wurde es lautlos, und plötzlich
Stand der Koloß enthüllt, stand die Bavaria da.
Golden schimmerte sie in den Strahlen der Sonne, und leuchten
Wird durch mein Leben die Glut, die in den Herzen ich sand.
Herrlich! Herrlich! Ja herrlich in jeder Beziehung war dieses Fest,
wie durch das Gefühl, welches dasselbe erzeugt.
Durch den Gedanken der Darstellung und durch die kunstvolle selber.
Sie war ein solches, und nie gibt ein solches es mehr.
„Zu dem Vater kamen die Kinder" in dankbarer Liebe.
Sie fühlten, was ihnen er war, welchen sein Volk hat geliebt.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Nachmärzliche Idylle
David Friedrich Strauß (1808—1874), der Verfasser des „Leben Jesu", hatte in den 1850 er Jahren seinen Wohnsitz in München. Von hier aus schrieb er seinem Freunde Ernst Rapp am 29. März 1851:
Dein Veilchen hat den ganzen Frühling nach sich gezogen: Lerchen, Amseln, spielende Knaben, gärtelnde Frauen. Ging gestern auf den Türkengraben und Kanaldamm und trank auf dem Leimweg in Schwabing ein Glas Bier. Ein Münchener Bürger (wohl ein Spezereihändler) in gewissen Jahren kam mit seiner Frau und einem kleinen Lund in dasselbe Zimmer. Er habe heute früh auch nicht gedacht, sagte er, daß er heute abend in Schwabing sein würde, aber es geschehe des Lundes wegen. Es ist nämlich neuestens hier verboten worden, Hunde ins Wirtshaus in der Stadt mitzunehmen. Auch der Schneider Lechner, der sich sonst nicht leicht außer der Stadt betreffen lasse, sei ihm heut vor den Toren begegnet und habe ihm gesagt, auch er gehe seinem Lund zuliebe über Feld. Ich machte dem Mann bemerklich, wie gut er und sein Freund Lechner auf solche Motion heute nacht schlafen würden, zeigte ihm, wie alle Dinge, auch die unangenehmen, ihre gute Seite haben, deutete auf den Vorteil hin, der den Dorfwirten aus dieser Verordnung erwachse und ihnen auch zu gönnen sei, wagte die Vermutung, daß diese Dorfwirte dem ganzen Verbot nicht fremd sein dürften, und schloß mit der Beruhigung, daß ein so hartes Gesetz, so wenig als einst die drakonischen, sich auf die Dauer werde halten können. Nachdem ich so den trefflichen Bürger mit seiner Frau sichtlich befriedigt hatte, trank ich mein Glas Bier aus und überließ ihn seinen Betrachtungen und seinen Leberwürsten, deren er für sich zwei und für seine Ehehälfte eine bestellt hatte, und wovon auch der spazierengeführte Lund sein gutes Teil bekommen haben wird.
Du fragst schon nach dem „Harmlos"! Aber so weit sind wir noch nicht.
Schneeverhüllt schaut noch das Gebirg herüber;
Wasserleer noch schweigen die zwei Fontänen;
Und im Kasten winterlich eingeschlossen
Träumet der „Harmlos".
Über den „Harmlos" ist das Kapitel „Der Englische Garten im Jahre 1814" auf Seite 97 nachzulesen. Die zwei Fontänen befinden sich an der Ludwigstraße vor der Universität und dem Georgianum.
Wolf - Ein Jahrhundert München
König Max II.
Julius Grosse (1828—1902) hat in seinen Lebenserinnerungen „Ursachen und Wirkungen" eine Fülle trefflicher Beobachtungen des Münchner Lebens und der Münchner Persönlichkeiten vereinigt. Über König Max II. urteilt er:
König Max II. Persönlichkeit war die eines Kavaliers, gleichsam eines englischen Lords, hoch und schlank gewachsen, mit verhältnismäßig kleinem Kopf, der zu zwei Dritteln Stirn zu sein schien; die großen intelligenten Augen bald forschend schars, bald verschwimmend, die Stimme verschleiert mild, fast frauenhaft, wie in der ganzen Mannesgestalt etwas Weibliches vorzuwalten schien; ein Herrscher, der weder zu seinen Lebzeiten, noch bis heute von seinem Volke recht erkannt und nach Gebühr geschätzt worden ist, allerdings nicht ganz ohne seine Schuld und nicht ohne tragische Buße. Tragisch schon darf man es nennen, daß er den Norden, woher er seine geistigen Lelser rief, zugleich liebte und haßte, liebte als die Leimat der Wissenschaft und seiner Jugendfreunde Wendland und Dönniges, welcher die späteren Berufungen bewirkte, dagegen haßte als politische Macht, die er als Wittelsbacher fürchten zu müssen glaubte. Allerdings, auch König Max war von der fixen Idee beherrscht, daß Preußen eines Tages den deutschen Einheitsstaat Herstellen und Bayern verschlingen werde. Aus diesem unvereinbaren Doppelaffekt der Liebe und des Lasses, der Zuneigung und des tiefsten Mißtrauens dürften sich manche Widersprüche seines Landelns erklären, vor allem der scheinbare Wankelmut, dem Sybel und Bluntschli zum Opfer fielen, wie die willenlose Nachgiebigkeit gegen partikularistische, wohl auch österreichische Einflüsterungen.
Man hat wiederholt behauptet, daß der König die hohe Begabung seines eigenen Volkes unterschätzt und die Fremden deshalb bevorzugt habe, weil er die einheimischen Talente mißachtete. Lag darin eine Verschuldung, so ist sie nicht den Norddeutschen zur Last zu legen, und außerdem ist die etwaige Verschuldung reichlich gebüßt worden, wenn auch erst in der nächsten Generation. Aber wahrhaft tragisch-ironisch muß es anmuten, daß die Nemesis gegen die bevorzugtenNorddeutschen nicht etwa vom bayerischen Volke kommen sollte, sondern gleichfalls von einem Norddeutschen, genauer gesagt, von einem Sachsen, der, nachdem er die Luld und Gnade seines Monarchen in ganz anderer Weise ausbeutete als seine Vorgänger, diese letzteren zwar diskreditierte und vertrieb, aber ein Reich des Wahns aufrichtete, der seinen königlichen Freund schließlich umnachtete; eine Evolution von eigenartigster Peripetie, wie von erschütterndster Tragik.
Wie es gekommen wäre, wenn König Max II. länger gelebt hätte, ob er mit gleicher Wärme der Emeuerung des Deutschen Reiches zugestimmt haben würde, wie sein unglücklicher Sohn, und was geschehen wäre, wenn er widerstrebte — wer vermag es zu sagen? Vielleicht hätten die gewaltigen Tatsachen auch eine Wandlung seiner Gesinnungen herbeigeführt. Im Jahre 1861 stand König Max noch unter der Herrschaft des harmlosen Wahnbildes der Triasidee, und wahrlich nicht er allein.
Die dem König Maximilian II. von W. von DönnigeS eingegebene politische Lieblingsidee war die Schöpfung eines Bundes der deutschen Mittel- und Kleinstaaten unter Bayerns Leitung, der neben den beiden Großmächten Österreich und Preußen vollwertig als dritte Großmacht (daher Triaö- idee) bestehen sollte. Der König gab indessen, viel mehr seinen kulturellen Interessen als der Politik zugewandt, den Plan auf und schloß sich 1863 dem österreichischen Bundesreformprojekt an.
Heinrich von Sybel (1817—1895), deutscher Geschichtschreiber, von Ranke an den König empfohlen, wurde 1856 nach München berufen und 1858 Sekretär der historischen Kommission, verließ jedoch München schon 1861 wieder. Am gleichen Jahre verließ auch Johann Kaspar von Bluntschli (1868 bis 1881), der im Jahre 1848 als Professor des Privat- und Staatörechts nach München berufen worden war, die Stadt und ließ sich in Heidelberg nieder, während Sybel zunächst nach Bonn ging. Die Gründe des Wegzuges beider Gelehrten deutet Grosse an.
Mit dem „Norddeutschen", genauer gesagt, „Sachsen", ist Richard Wagner gemeint, der Günstling Ludwigs II., der Widersacher Paul Hcyses und anderer „Berufener".
Wolf - Ein Jahrhundert München
Das „Gesamtgasispiel“ im Münchner Hoftheater
Franz von Dingelstedt (1814—1881), als Loftheaterintendant im Jahre 1851 nach München berufen, hat seine Erinnerungen und Eindrücke in einem Büchlein „Münchner Bilderbogen" zusammengefaßt, worin er auch von seiner wichtigsten Tat als Münchner Intendant, von dem „Gesamtgastspiel", erzählt:
Dienstag, den 11. Juli (1854), vier Tage vor der Eröffnung der Industrieausstellung, ging morgens die Sonne und abends der Theatervorhang über dem großen Ereignis der ersten Gesamtgastspielvorstellung endlich, wirklich, glücklich auf. Die Braut von Messina. Ein Prolog, zu dessen Abfassung ich mehrmals den verzweifelten Anlauf genommen, blieb mir in der Feder stecken. Ich beruhigte mein Gewissen mit der Überzeugung, daß dergleichen Gelegenheitsdichtungen auf dem Liebhabertheater eine gute Wirkung und Stimmung hervorbringen können, während sie ein großes, gemischtes Publikum in der Regel abkühlend berühren.
Der erste Eindruck der „Braut von Messina" erwies sich, vollkommen objektiv gesprochen, als überwältigend. Meine Wahl gerade dieses Werkes war eine wohlüberlegte gewesen. Dasselbe ist das am wenigsten volkstümliche unseres volkstümlichsten Dramatikers, also nicht abgespielt wie die übrigen. Es ist feierlich bis zum Fremdartigen; keineswegs ein Schicksalsdrama im gewöhnlichen Sinne, wozu es
eine kurzsichtige Kritik hier und da hat stempeln wollen, sondern eine Gattung für sich, in welcher das klassische und das romantische Ideal organisch verbunden erscheinen; geschrieben in einer Sprache, die in ihrer eigentümlichen Klangfarbe, ihrem streng gemessenen und doch beflügelten Rhythmus zur Musik wird. Mit besonderer Vorliebe habe ich mich, seit ich überhaupt die szenische Reproduktion großer Tragödien betreibe, auf diese „Braut von Messina" geworfen, welche von den meisten deutschen Bühnen in die Ecke geschoben und meines Wissens auf einer außerdeutschen niemals versucht worden ist. Sie kommt mit ihren Aufzügen und Chören, mit dem ganzen äußerlichen Apparat der Handlung meinem angeborenen Lang zu Massenentwicklungen und Maffenwirkungen auf der Bühne verführerisch entgegen.
Da ich keine Theatergeschichte schreibe, sondern nur das Märchen meines Lebens erzähle, brauche ich den Verlauf des Gesamtgastspiels hier nicht zu verfolgen. Der Erfolg war am ersten Abend entschieden, wuchs mit jeder Vorstellung, wie die Ziffern der Einnahmen unwiderleglich dartun, verbreitete sich in die höchsten wie in die niedrigsten Kreise und spiegelte sich auch in den Arteilen der Presse ab, die aus allen Enden und Ecken Deutschlands ihre Vertreter gesendet hatte. Sie waren meiner Eülladung folgend, erschienen, unter ihnen die anerkanntesten Namen. Sogar ein paar Franzosen, Engländer, Italiener fanden sich ein, so daß die „Fliegenden Blätter" den Einzug der Berichterstatter zum Gesamtgastspiele durch eine Illustration verherrlichen konnten, aus welcher Lottentotten, Chinesen, Indianer, Grönländer in ihren Nationaltrachten, die Schreibtafel und den Operngucker umgehängt, einherstolzierten. Auch sämtliche fremden Souveräne, die den Glaspalast besuchten, sprachen im Theater vor und nahmen Teil an dem Gastspiele: der Kaiser von Österreich, König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, die Königin der Niederlande, der König von Sachsen, der mir beim Abschied sagte: „In Ihrem Lause ist's wohl schön, aber schöner noch in meinen Bergen", und der zwei Tage darauf an der Schwelle dieser Berge seinen plötzlichen, traurigen Tod fand, alle ernestinischen Fürsten, der Kurfürst von Lessen, der, weil er inkognito bleiben wollte, sich meiner Loge landesväterlich bediente. Aber das Fernbleiben meiner Kollegen, der Bühnenvorstände und der Biihnendichter, mußte ich mich beruhigen; sie glänzten, obwohl geziemend eingeladen, durch ihre Abwesenheit. Eine gleich bezeichnende Ausnahme von der Regel machte in einer anderen Richtung die Münchener Lokalpresse. Indes die auswärtigen Zeitungen, unter ihnen die größten und mächtigsten Organe der Öffentlichkeit, übereinstimmten in der Anerkennung sowohl meines Anternehmens, wie der einzelnen Kunstleistungen, ergingen sich kleine Tageblätter Münchens in einer gesinnungstüchtigen Negation, von deren Ton die nachfolgende Probe einen Begriff geben mag. Die „Bayerische Landbötin" brachte Donnerstag, 27. Juli 1854 eine Theaterkritik, welche also beginnt: „Dienstag, 25. Juli. Mit aufgehobenem Abonnement. Neunte Gesamtgastspielvorstellung. Kabale und Liebe, Trauerspiel in 5 Aufzügen von Schiller. Bei Siriushitze und erhöhten Preisen ins Theater gehen, anstatt ins Wasser, ist auch klassisch. Das Laus war vollgepackt wie ein Faß Sardellen ..." And so weiter. Zum Schluß hieß es: „Dort sitzt einer; er zählt die Läupter seiner Lieben und sieh': ihm ist viel Geld geblieben. Auch der Lamster sammelt sich Vorrat im Sommer, um im Winter davon leben zu können. Den sieben fetten Kühen können sieben magere folgen, und es wird eine Zeit kommen, wo Abrahams Nachkommen sich vergebens nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurücksehnen werden." Welch ein Standpunkt dem ganzen Anternehmen und der einzelnen Vorstellung gegenüber! Gerade „Kabale und Liebe" zündete so mächtig, schlug so erschütternd ein und durch, daß die Aufführung wiederholt werden mußte. In dem wunderbaren Finale des zweiten Aktes standen nebeneinander gleichzeitig auf der Bühne: Meister Anschütz als Geiger Miller, Mama Laizinger als Millerin, Emil Devrient als Ferdinand, als Luise Marie Seebach, deren Stern in dem Gesamtgastspiel zuerst aufging, Kaiser als Präsident. And das vor einem im vollen Sinne des Wortes europäischen Publikum.
Als der Vorhang gefallen war, raste ein minutenlanger Beifallssturm durch das Laus, wie er stärker niemals in einer italienischen Oper gehört worden ist, und auf dem Wege zur Bühne, wohin ich eilte, meinen Gästen zu danken, drängten sich wildfremde Leute in Scharen an mich heran, glückwünschend und huldigend. Im Foyer feierten mich mit jubelndem Zuruf die Studenten, welche zu diesem Stück massenhaft herbeigeströmt waren, wie sie immer tun, wenn Jugend zu Jugend spricht. Darauf dann, zwei Tage später, eine solche „Kritik", welche freilich von der Polizeidirektion konfisziert wurde! Ein Jammer über das heiße, das überfüllte Laus! Ein Münchner Klagelied gegen die Münchner Intendanz, die mit fremden Kräften und aus einem großenteils ftemden Teil Publikum Einnahmen und Erübrigungen erzielte! Wie es aber um die „erhöhten" Preise bestellt war, möge der Leser selbst beurteilen: ein Stehplatz im Parterre kostete 48 Kreuzer, ein Parkettsitz 1 Fl. 30 Kr., die Galerie 24 Kr., eine viersitzige Loge in den vier Rängen 6, 9, 10, 11 Gulden.
Einmal bei Ziffern angelangt, will ich auch nicht unterlassen, den Freunden der Statistik zu Liebe, in meine Plauderei ein paar ernsthafte „Tabellen" einzuschalten, betreffend die Personal- und die Repertoirechronik und die Kassaresultate des Gesamtgastspiels. Es fanden vom 11. bis zum 31. Juli zwölf Vorstellungen statt: Die Braut von Messina, Minna von Barnhelm (zweimal gegeben), Nathan der Weise (am Tage der Eröffnung des Glaspalastes, 15. Juli), Faust (zweimal), Emilia Galotti, Egmont, Maria Stuart, Kabale und Liebe (zweimal), Clavigo und Der zerbrochene Krug. Schlußvorstellung: Faust.
Mitwirkten zwölf auswärtige Gäste, zehn einheimische Mitglieder: Anschütz, Emil Devrient, Döring, Frau Laizinger, Lendrichs, Kaiser, La Roche, Liedtke, Fräulein Luise Neumann, Frau Rettig, Schneider, Fräulein Marie Seebach; von Einheimischen: Christen, Dahn, Frau Constanze Dahn, Frau Marie Dahn-Lausmann, Fräulein Damböck, Fräulein Denker, Laase, Jost, Lang, Straßmann.
Mag das Gesamtgastspiel bisher (1879) keinen Ableger getrieben haben, darüber sollen die Schriftgelehrten sich weiter fteuen; daß es rasch und reich in Blüten schoß, kann mit dem besten Willen niemand von ihnen leugnen. And zwar nicht bloß Blüten auf der Bühne, sondern auch im Salon. München war im wunderheißen Iulimond außerordentlich gesellig. Der Los, die Minister, die Diplomaten, die baute üuance sahen täglich Leute. Gelehrte und Künstler ließen sich gleichfalls nicht lumpen; sie lumpten vielmehr lustig mit. Ein Abend in der Woche gehörte Liebigs, ein anderer Kaulbachs, ein dritter Dönniges, ein vierter Dingelstedts. Äberall standen die Schauspielgäste im Mittelpunkt der aus interessanten Fremden und notabeln Einheimischen bunt gemischten Kreise; sie spielten die ersten Rollen aus dem Theater in der Soiree sort. Ich gedenke mit Wonne und Wehmut einer attischen Nacht bei uns, wo eine übermütige, improvisierte Komödie, frei nach Kotzebues „Landhaus an derLeerstraße", aufgeführt wurde unter Dörings Leitung. Zuletzt verlangte das junge Volk stürmisch zu tanzen. Dem berechtigten Wunsch stand ein Paragraph meines Mietvertrages entgegen, in welchem ich mich verpflichtet hatte, bei mir nicht tanzen zu lassen. Mein erlauchter Lausherr, Graf Montgelas, brauchte zwar keineswegs für die Plafonds oder Parkette seines Baues zu zittern, da derselbe ein durchaus solider war; aber er wollte Ruhe über seinem Kopfe haben. Wer verdenkt es ihm? Ein Lausbesitzer gewiß
nicht. An ihn schickte ich denn, von allen Seiten gedrängt, die Bitte um ausnahms- weisen Dispens von dem Verbote. Antwort: der Graf werde sie, die Antwort nämlich, selbst bringen. Er kam kurz vor Mitternacht und tanzte mit meiner Frau die Franyaise. Ein Kavalier von vornehmen Manieren und vornehmen Gesinnungen. Er befand sich keineswegs im Lager von Neu-München, ebensowenig in dem entgegengesetzten, welchem er mit Anrecht zuweilen wohl beigezählt wurde. Als ich über Nacht— fast buchstäblich über Nacht: vom 29. Januar auf den 1. Februar 1857 — entlassen wurde, besuchte er mich auf die erste Nachricht von meinem Sturz und bat mich, bei ihm wohnen zu bleiben, falls ich die Absicht hätte, zu kündigen; den Betrag der Miete möge ich selbst bestimmen. Dieses Anerbieten habe ich ihm niemals vergessen, wie auch seine artige Gastrolle nicht bei dem Sommernachtsreigen in seinem Lause, der nicht eher auseinanderstob, als bis auf dem Karolinenplatz Tageshelle herrschte.
Ihren Löhepunkt erreichten die geselligen Feste in dem Bankett, welches die Intendanz im Namen und aus Befehl des Königs ihren Gästen Montag, den 24. Juli, im großen Foyer des Loftheaters gab. Dasselbe dauerte von zwei Ahr nachmittags bis in den späten Abend, der deswegen keine Vorstellung brachte, und vereinigte zu einer, in der Tat seltenen Tafelrunde die zwölf Gäste, die ersten Mitglieder und Beamten der Münchner Lofbühne, die Vertreter der Presse, einige Notabilitäten der Kunst und Wissenschaft. Obgleich es jetzt hergebracht ist, das Menu und die Toaste derartiger Zweckessen mit gewissenhafter Treue zu veröffentlichen, wenn nicht zu „verewigen", so will ich dem geneigten Leser die aufgewärmten Schüsseln erlassen und von den Trinksprüchen nur den Inhalt der offiziellen mitteilen. Wie natürlich begann ich mit einem wohlverdienten, wohlaufgenommenen Dank und Loch auf König Max. Dann folgten: Emil Devrient: auf Franz Dingelstedt, den Schöpfer usw. Charta erubescit. Regisseur Christen: den zwölf Gästen. Regisseur Lölken: Frau Jenny Dingelstedt- Lutzer, doppelt die unsere, als Künstlerin und als Intendantin. Meister Anschütz: das gastliche Bayernland und seine kunstreiche Lauptstadt München. F. G. Kühne aus Leipzig : der Einigkeit, der Einheitlichkeit aller Künste. Armand Bachet aus Paris: Au revoir ä Paris, l’annee prochaine. Lendrichs: der Presse. Wolfgang Müller aus Köln: den Frauen. Den größten Eindruck von allen Rednern brachte Grunert hervor, der bekannte, nun auch schon dahingeschiedene Charakterdarsteller aus Stuttgart. Er befand sich ursprünglich unter den Geladenen, hatte die Einladung angenommen, aber, obwohl die wllrttembergische Lofbühne fest geschlossen war, wie alljährlich im Juli, den zu seiner Beteiligung am Gesamtgastspiele nötig erachteten Arlaub nicht erhalten. Als Dreizehnter ein Opfer des Schicksals, sprach er folgendes, von ihm selbst verfaßtes Gedicht:
Ihr rieft mich vom lieblichen Schwabenland,
mich euch zu opfern am Isarstrand.
Ihr Glücklichen opfert, doch ich bin gebannt.
Ihr labt euch an der kastalischen Quelle,
taucht froh in des Liedes erfrischende Welle,
ich — sitz' auf dem Trocknen, auf sandiger Stelle.
Ein Zauberbaum bietet euch frohen Genuß
hoch unter der Krone; ich stehe am Fuß
und spiele — nein, lebe den Tantalus I
Wer wär' in diesem glänzenden Kreise,
der die Qual nicht verstände, die herbe und heiße,
nicht glaubte, daß ich euch glücklich preise?
Ihr windet den frischen, blühenden Kranz
um die Ehrensäule des Künstlerstands
frei unter den Augen des Vaterlands!
Ihr züchtigt die hämische Lüge, die dreist
das Priestergewand von den Schultern euch reißt,
denn brüderlich dient ihr dem deutschen Geist!
Euch segnet Germania im Eichenkranze,
und ich--------------ich sonne mich mit in dem Glanze,
denn was ihr erreicht, ihr erreicht es fürs Ganze!
Drum ruf' ich wie ihr so feurig und gern:
Heil unsrer Tat und Leil dem Stern,
der uns vereinigt von nah und fern!
Und Heil der Land, die den Segen webt,
der Land, die gastlich zum Gruße sich hebt,
die königlich schützend über uns schwebt!
Mit ungeheuchelter Empfindung und in dem dumpfgrollendcn Donnerton vorgetragen, welcher dem mächtigen Organ Grunerts eigentümlich war, hatten die wunderlichen Dreizeiler bei dem weiblichen Teile der Versammlung einen so reichlichen Tränenersolg, daß die Stimmung sich zu trüben, zu verweichlichen drohte. Da erschien zum Dessert, die Gesellschaft überraschend, König Maximilian, begleitet von einem einzigen Flügeladjutanten, Freiherrn von Leonrod. Empfangen von stürmischen Zurufen, verweilte Seine Majestät eine volle Stunde in unserer Mitte, ließ sich bald hier, bald da an der Tafel nieder und bezauberte alle, die Frauen vor allem, durch herzgewinnende Anmut und Leutseligkeit. Bevor er aufbrach, erhob er das Glas und sprach mit fester, weithin tönender Stimme: „Mit hoher Freude trinke
ich auf das Wohl der berühmten Gäste meiner Bühne und auf das Gedeihen der dramatischen Poesie und Kunst in Deutschland." Welches Echo die königlichen Worte in dem weiten Saal erweckten, wie, gleichzeitig mit den Kandelabern und Lüstern in den dunkel werdenden Räumen, gesellige Lust und künstlerische Begeisterung immer Heller emporstammten, dergleichen vergißt sich niemals.
And doch — es lagen, nur mühsam verborgen, zuweilen unwillkürlich hervortretend, finstere Schatten über meiner Stimmung, schwere Sorgen und Ahnungen auf meinem Lerzen. Meine Tischnachbarin, Julie Rettich, von Wien her mir und meiner Frau nahe befreundet, fragte mich: „Was haben Sie? Sie sind nicht bei uns!" Was ich hatte? Vor meinen Augen, mir allein lesbar, tauchte es auf in dunklen Zügen an der glänzenden Marmorwand des Festsaals, das warnende Menetekel. Dienstag, den 18. Juli, während der ersten Darstellung des „Faust", war Polizeidirektor Düring — Graf Reigersberg saß schon auf der Ministerbank — in meine Loge gekommen „zu einer dringenden Mitteilung", wie er sagte. Wir gingen hinaus, im Korridor auf und nieder. Mit beklommenem Ton fragte er, ob ich noch viel im Theater vorhabe, wie lange das Gesamtgastspiel dauern werde? Run neigte sich gerade der fünfte Abend seinem Ende zu, und bei dem wachsenden Erfolg durfte ich an ein Dutzend weitere Aufführungen denken. Düring flüsterte kopffchüttelnd: „Machen Sie, daß Sie fertig werden. Rasch Ihre Ernte unter Dach gebracht. Es ist ein Anwetter im Anzuge, das wir nicht lange mehr verheimlichen können. Eben komme ich aus dem Krankenzimmer in Ihrem Lause. Ein junger Bursch ist aus dem Parterre dahinein und sofort weiter, ins Spital geschafft worden. Armer Teufel! Leut abend erst ist er aus Zürich zugereist und sofort ins Theater gestürzt, um die Seebach als Gretchen zu sehen. Ehe sie aufgetreten, ward er hinausgetragen. Sein Ränzel liegt in der Garderobe. Polizeiarzt und Theaterarzt sind einer Meinung ... Die Cholera."
Das sogenannte „Gesamtgastspiel" entsprang der Idee Dingelstedts, die namhaftesten und eigenartigsten Schauspieler Deutschlands zu gemeinsamem Gastspiel bei Mustervorstellungen und Schauspielfestvorstellungen des Münchner HoftheaterS im Sommer 1854 zusammenzubringen und dabei für jede Rolle, bis herab zu den kleinsten, einen vollwertigen Darsteller zu haben. Die Besetzung der Rollen bei der Eröffnungsvorstellung war folgende: Donna Isabella, Fürstin von Messina: Frau Rettich aus Wien — Don Manuel: Herr Emil Devrient aus Dresden — Don Cesar: Herr Hendrichs aus Berlin — Beatrice: Frl. Damböck aus München — Diego: Herr Kaiser aus Hannover — Chorführer Don Manuels: Herr Anschütz aus Wien — Chorführer Don Cesars: Herr Schneider aus Karlsruhe. — 2m Jahre 1880, in der Zeit vom 1. mit 21. Juli, fand unter Karl von Perfalls Intendanz und Ernst Possarts künstlerischer Leitung eine Art Wiederholung des „Gesamtgastspiels", gleichfalls mit außerordentlichem künstlerischen Erfolg, im Münchner Hof- und Nationaltheater statt.
Von den 1854 mitwirkenden Münchnern ist besonders Ferdinand Lang (1810—1882) erwähnenswert, der Jahrzehnte hindurch der volkstümlichste Komiker Münchens und gewissermaßen daö letzte Alt-Münchner Original war. — „Der König von Sachsen": Friedrich August II. (1797—1854), starb an den Folgen eines Sturzes aus dem Wagen zu Brennbüchel bei Imst in Tirol am 9. August 1854. — „Der Kurfürst von Hessen": Friedrich Wilhelm I. (1802—1875), seit 1847 Kurfürst, der letzte Fürst seines Landes (Hessen-Kassel) vor dessen Annexion durch Preußen im Jahre 1866; Dingelstedt selbst war Hesse, daher nennt er den Kurfürsten seinen Landeövater. — Frau Jenny Dingelstedt-Lutzcr (1816 bis 1877), eine ausgezeichnete Sängerin, war seit 1844 mit Franz Dingelstedt verheiratet.
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Industrie-Ausstellung und Cholera 1854
Franz von Dingelstedt erzählt in den „Münchner Bilderbogen":
Die erste große Industrie-Ausstellung im neuerbauten Glaspalast war eröffnet worden zum großen Mißbehagen der ultramontanen Presse, die längst ein Konzert von Unkenrufen anstimmte. Gleichsam zur Bestätigung zog mit dem Fremdenstrom gleichzeitig die asiatische Seuche ein, um ihre Geißel zu schwingen.
Die Zustände wurden allmählich schreckenerregend. Ein schwefelgelber Dampf schien über der Stadt zu liegen; auf den Straßen sah man nur die bekannten schwarzen Wagen, alle Fremden stoben in panischer Flucht davon. Schwer wie Blei stockte das Blut auch in den Gliedern der Gesunden, als wäre die Luft vergiftet. Die Zahl der Toten stieg allmählich auf hundert und mehr jeden Tag.
Mit dem alten Pangkofer hatte ich noch vorgestern im Kaffeehause Schach gespielt, als einer in der Zeitung las: „Gestern starb auch der Redakteur Or. Pangkofer." Niemand hatte auch nur erfahren, daß er erkrankt war. Meister Konrad Knoll, der Bildhauer, mit denr ich in letzter Zeit zusammen speiste, kam zu mir. „In unserem Lause sind heute nacht wieder fünf gestorben, in meiner Etage allein drei; wenn ich bleibe, komme ich auch an die Reihe. Geh mit mir nach Starnberg, bis Gauting können wir fahren." So weit war in diesem Jahre bereits die neue Eisenbahn eröffnet.
Für die Erste allgemeine deutsche Industrie-Ausstellung, deren Eröffnung am 15. Juli erfolgte, und der zu Ehren daö „Gesamtgastspiel" stattfand, war im Areal des Botanischen Gartens von der Firma Cramer-Klett in Nürnberg der Glaspalast, der so manche Ausstellung von höchstem Belang beherbergte, innerhalb 78 Tagen in Glas- und Eisenkonstruktion fcrtiggestellt worden. Wie bei seiner Einweihung die Cholera München ins Unglück stürzte, so war auch des Glaspalastü Ende nach siebenundsiebzigjährigem Bestehen von Grauen unwittert. An einer einzigen Nachtstunde, zwischen 3 und 4 Uhr morgens am 6. Juni 1931, brannte der Glaöpalast vollkommen nieder. Mehr als 3000 Kunstwerke wurden dabei vernichtet, darunter auch 110 Werke deutscher romantischer Malerei.
I. A. Pangkofer, von dem der hübsche Aufsatz stammt „Wie die Bavaria entstand" (vgl. S. 304ff.), war namentlich auch als Dialektdichter geschätzt und neben Franz von Kobell zu seiner Zeit der volkstümlichste auf diesem Gebiete.
Die Eisenbahn nach Starnberg war die zweite Linie, die man, nach der Verbindung München- Augsburg, baute; 1857 wurde sie eröffnet. Die Fahrt von München nach Starnberg kostete 21 Kreuze«.
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Es wird wieder schön in München
Das „satyrische Originalblatt" Münchens, der von dem um Münchens Publizistik hochverdienten M. E.Schleich 1848 gegründete „Punsch", brachte am 1. Oktober 1854 folgenden grotesken Abschied von der Cholera und ihrer Zeit:
Da die Epidemie als solche aufgehört hat und gegenwärtig keine neuen Trauerspiele gegeben werden, so sind einunddreißig Totengräber als überflüssig ihres Dienstes entlassen worden. Niemals hat eine Brotlosigkeit solche allgemeine Freude erregt. Die Kaffeehäuser beleben sich, die Polizeistunden werden wieder übertreten. Man spricht von heiteren Gegenständen: von unserer Literatur, vom fechtenden Karlchen, vom bayerischen Landtag usw. Die Gemeindewahlen sind ergänzt, habemus papam — wir haben wieder einen Bürgermeister, und alles wird wieder ins alte Geleise zurückkehren! Sogar acht bis zehn Fremde sind hier eingetroffen und haben sich, als gegenwärtig die neuesten Merkwürdigkeiten Münchens, gegenseitig betrachtet. Die Aufseher im Glaspalast haben die ungeheuere Ironie ihres Daseins abgestreist, und wenn man an den Treppen der Galerien steht, so sieht man, wie die Besucher fortwährend steigen. Mit einem Wort: Es wird wieder schön in München! Noch ist es Zeit, sich davon zu überzeugen — aber die höchste Zeit! Denn die Industrie-Ausstellung ist kein badischer Kriegszustand, den man alle vier Wochen um einen Monat verlängern kann. Sie schließt am 15. Oktober unwiderruflich und für immer. Wer sich von ihren Fontänen betauen lassen, ihre Orgelklänge noch hören, ihre feenhaften Auslagen noch sehen und den Obelisk von Seife noch riechen will, der eile, sonst donnert ihm entgegen der deutsche Schlachtenruf: Zu spät!
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Maximilianstraße und Nationalmuseum
Im Gegensatz zu seinem königlichen Vater Ludwig I. war König Maximilian II. den Wissenschaften mehr zugetan als der bildenden Kunst. Gleichwohl beschäftigte er sich angelegentlich mit städtebaulichen Problemen. Sein Werk ist die Erbauung des nach ihm Maximilianstraße genannten, auf Grund eines Preisausschreibens vom Jahre 1857 in einheitlichem Geiste gestalteten Straßenzuges, der vom Max-Ioseph-Platz, wo früher das Franziskanerkloster mit seinem berühmten Braustübl sozusagen das Stadtende bildete, hinausleitet zur Isar, auf deren jenseitiger Löhe das Maximilianeum den etwas pathetischen, aber gleichwohl großartigen Abschluß bildet.
Aber der städtebaulichen Tätigkeit des jungen Königs, der sich dabei vornehmlich der Architekten Friedrich Bürklein (1813—1872), Kreuter und E. Riedel und der Gartenbaukünstler Effner und Lenee bediente, schwebt der wissenschaftliche Geist einer übertriebenen Gründlichkeit; so mußte Lofsekretär von Pfistermeister den Oberbaurat Bürklein auf den vom König gelesenen Essay des Bacon de Berulam aufmerksam machen und auf das darin befindliche Kapitel über Baukunst Hinweisen; einen Palast, wie er dort beschrieben wird, solle ihm Bürklein entwerfen.
Bürkleins Stadterweiterungsvorschlag von 1851 gipfelt in der Ausführung:
„Die größte Zierde jeder Stadt ist eine Akropote, welche in direkter Verbindung mit der Stadt selbst steht. Eine solche fehlt hier vollständig. Dies wäre am einfachsten dadurch zu erreichen, daß das alte rechte Isarufer (Gasteig) durch eine direkte Straßenführung gleichsam in die Stadt hereinsieht und wenn durch ein bedeutendes Objekt, in der Langenachse der Straße gelegen, diese Löhe bekrönt wird. Am eine vollständige Wirkung zu erzielen, wäre es notwendig, daß das Ende der neuen, etwa 80 Fuß breiten Straße nach Art des römischen Forums erweitert und insbesondere an dieser Stelle mit Anlagen, Bildwerken, Fontänen ausgestattet würde. Die so gestaltete neue Straße könnte am zweckmäßigsten parallel mit dem K. Hof- und Nationaltheater zur Isar gebaut werden."
Luise von Kobell läßt sich zu diesem Vorschlag, der fast buchstäblich genau ausgeführt wurde, im Jahre 1894 folgendermaßen vernehmen:
Münchens schönste Straße die Maximilians Namen trägt, verdankt ihm ihre Entstehung, wenn auch der dabei gemachte Versuch, einen neuen Baustil zu ersinnen, nicht vollständig geglückt ist. Das darin befindliche Nationalmuseum ist ein imposantes Monument seines Bestrebens, die geistigen Güter, Kunstdenkmale und Schätze seines Volkes aufzubewahren und zu vermehren. Nun ist diese Schöpfung Maximilians II., welche durch dessen Nachfolger vollendet wurde, eine Lochschule geworden für Künstler, Gelehrte und Gewerbetreibende. — Ein Monumentalbau bildet den perspektivischer: Abschluß der Straße, das Maximilianeum, eine Pflanzstätte zukünftiger höherer Staatsbeamten, für welche Stiftung der König für alle Zeiten Sorge getragen.
Um den Ausbau des vom König 1853 „Meinem Volk zu Ehr und Vorbild" gestifteten, als Museum vaterländischer Altertümer gedachten Bayerischen Nationalmuseums (vordem „Wittelsbacher-Museum") machten sich vor anderen die beiden ersten Direktoren v. Hesner-Alteneck und H. W. Riehl verdient. Seit 1900 beherbergt der von G. v. Seidl an der Prinzregentenstraße errichtete Neubau die umfangreichen einzigartigen Sammlungen.
Das Maximilianeum, zugleich Erziehungsinstitut für Hochbegabte, die künftig dem Staat dienen sollen, und Gehäuse einer Sammlung bedeutender Geschichtsbilder, wurde erst 1874, nach Bürkleins Tod durch Gottfried Semper, mit einer in Renaistanceform umgewandelten Fassade vollendet.
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Neu-München
Aber die exklusive Stellung der sogenannten „Berufenen", meistens Norddeutscher, die König Max an seinen Los zog, äußert sich Franz von Dingelstedt in seinen „Münchner Bilderbogen":
Am die Mitte der fünfziger Jahre war die Fremdenkolonie so an Zahl gewachsen, im Bestände befestigt, daß sie als eigenes Element in der Bevölkerung gelten durfte, als solches auch bereits sich wirksam erwiesen hatte. Die meisten der neuen Ankömmlinge gruppierten sich um die Universität: Liebig, der Chemiker, Jolly, der Physiker, Siebold, derZoologe, Bischoff, der Anatom und Physiologe, Pfeufer, der Therapeut, Sybel, der Geschichtsschreiber, nach seinem frühen Abgang ersetzt durch Giesebrecht, die Kulturhistoriker Niehl und Löher, Bluntschli, der Staatsrechtslehrer, Carriere, derPhi-losoph und Kunsthistoriker, der Pandektist Windscheid, also Männer aller wissenschaftlichen Fächer und aller akademischen Fakultäten mit Ausnahme der theologischen. Der ehrwürdige Thiersch, der beinahe um 50 Jahre früher, gleichfalls infolge einer königlichen Berufung, nachMünchen gekommen war und dieReform derGelehrtenschulen inBayern gegen vielseitigeAnfechtungen durchgesetzt hatte, verhielt sich zu dem jüngeren Ansiedlergeschlechte wie ein Patriarch. Er pflegte, wenn die Rede auf die Kämpfe zwischen Altmünchen und Neumünchen geriet, sein dichtes, schneeweißes Laar aus dem Nacken zu streichen und zum Beweise, daß damals noch mit ganz anderen Waffen gefochten wurde als mit Zungen und Federn, auf eine breite Narbe zu zeigen, welche ihm als Andenken an einen nächtlichen Mordanfall zurückgeblieben war. Zwei wackere Söhne Vater Thierschens, der eine ein berühmter Chirurg geworden, der andere Maler, schlossen sich naturgemäß dem Kreise Neumünchens an. Von Dichtern besaß derselbe ein glänzendes Vierkleeblatt: Geibel, Leyse, Bodenstedt, Schack; dann und wann hospitierten Zuzügler von draußen oder auch eingeborene, wie L ermann Lingg, welchen Geibel auf dem deutschen Parnaß eingeführt, Melchior Meyr, Julius Grosse. Ein einziger Autochthone, er aber ein urwüchsiges, echt- und altbayerisches Talent, Poet und Professor zugleich, Franz von Kobell, ward als Ausnahme völlig heimisch unter uns Fremden, wie wir es in seinem Lause wurden, das eine liebenswürdige Frau und drei holde und kluge Töchter schmückten. Auch aus König Ludwigs Künstlerkreis trat nur einer, der größte freilich, Wilhelm Kaulbach, offen und entschieden zu uns herüber, während andere: Schwind, Volz, Kreling, Teichlein nur vereinzelt und gelegentlich eine gesellige Gastrolle gaben. Am nächsten hielt sich noch Ernst Förster, mit welchem ich mich später im Verwaltungsrat der deutschen Schillerstiftung ost und gern wieder zusammenfand. Im übrigen blieb Neumünchen in gesellschaftlicher Richtung so ziemlich auf sich allein angewiesen und bis auf die offiziellen, sozusagen obligatorischen Begegnungen in den Salons der Aristokratie und der Diplomatie von Altmünchen streng abgesondert. Ein einziges Laus, das der Grafen Tascher de la Pagerie, selbst ftemden Ursprungs und darum neutraler Boden, machte zugunsten der Fremden eine Ausnahme; aber der Windstoß des zweiten Empire trug dasselbe aus der Prannerstraße plötzlich in die Tuilerien, wo ich nach Jahr und Tag dessen Lerren und Damen in ansehnlichen Stellungen am Lose der ihnen nahe verwandten Napoleoniden, aber ebenso heiter und herzlich wie an unseren Münchner Abenden wiedersah. Die Paläste der bayerischen Standesherren und des einheimischen Adels, ebenso die Läufer des Beamten- und Bürgerstandes sind den Einwanderern, die auf König Maximilians Ruf herbeigeeilt, verschlossen gewesen und geblieben — wenigstens so lange, wie ich mit ihnen in München verweilte. Später hat wohl einer oder der andere in der dortigen Scholle Wurzel gefaßt, aber die Mehrzahl ist, sei es nach kürzerem, sei es nach längerem Aufenthalt, wieder davongegangen, so daß heute, nach Verlaufvon 20Jahren, der ganze, in seiner Zusammensetzung so interessante Kreis für aufgelöst gelten kann, obgleich der Tod verhältnismäßig nicht viele der bedeutungsvollen Namen ausgelöscht. Sind die Äbriggebliebenen verschmolzen mit dem allerdings merklich veränderten heutigen München, dem gegenwärtigen Bayern? Laben die Folgen des siebziger Jahres allseitig verwirklicht, was seit Beginn der Fünfziger von einer Seite her angestrebt worden? Ich weiß es nicht. Aber ich erinnere mich nur, daß, als ich in denZeitungen las,König Ludwig II. habe namens derReichsfürsten die deutsche Kaiserkrone dem König von Preußen dargeboten, das Bild meiner Münchner Vergangenheit in eigentümlicher Beleuchtung wieder vor mir auftauchte. Quantum mutatus ab illo!
Wenn ich jetzt, durch eine lange Reihe von Wintern gereist und bereift, durch schwere Erfahrungen zwar weder müde noch mürbe gemacht, wohl aber mild im Llrteil gegen andere und streng gegen mich, — wenn ich jetzt mich aufs Gewissen stage, wer oder was die traurige Kluft zwischen Altmünchen und Neumünchen verschuldet hat, so kann ich keinen Teil unbedingt anklagen, keinen unbedingt steisprechen, mich selbst eingeschlossen. Gaststeundschaft gegen Fremde, entgegenkommende Löslichkeit im geselligen Verkehr, freiwillige Teilnahme an wissenschaftlichen oder künstlerischen Bestrebungen, Versuchen, Neuerungen, alle diese Eigenschaften liegen bekanntlich nicht im angeborenen Stammcharakter des Altbayern. Er neigt vielmehr zum Parti-kularismus, zur Abgeschlossenheit gegen außen, entschiedener noch als sein Nachbar gen Westen, der Schwabe, und in diesem Bezüge fast ein Gegensatz zu dem Nachbarn gen Osten, dem Österreicher, welcher zutunlich, neugierig, empfänglich für fremde Einflüsse und Erscheinungen ist, welcher den Begriff des Fremden eigentlich gar nicht kennt, da sein ganzes Volkstum einer Völkermosaik, seine Reichshauptstadt einer internationalen Redoute gleicht. Demnach war es nicht zu verwundern, daß die öffentliche Stimmung in München zu den Berufungen des Königs Max sich von vornherein kühl, mißtrauisch, ablehnend, im besten Falle gleichgültig verhielt. Sie soll bei der Ankunft der Maler, Steinmetzen und Bildhauer, die König Ludwig herbeizog, nicht wärmer sich beteiligt haben, obwohl derer: Tätigkeit der Residenz unmittelbare Vorteile versprach. Daß die berühmten neuen Lehrer hundert Studenten mehr nach München zogen, als vor ihnen schon anwesend waren, ohne Lieblinge der Bevölkerung geworden zu sein wie in kleinen Universitätsstädten, — daran lag der Münchner Bürgerschaft blutwenig, der Münchner Gesellschaft gar nichts. Welche Aufnahme würde ein Mann wie Liebig — von Paris und London zu schweigen — in Berlin gefunden haben, wo, und das nicht bloß seit heute, sondern seit geraumer Zeit, die „Fürsten der Wissenschaft" in der Gesellschaft rangieren, bei Los ausgezeichnet werden, Gemeingut des Volkes sind, an welchem jeder Eckensteher sein eigen Teil hat! Ob ein solcher in Wahrheit stolz ist auf „seinen" Lumboldt oder nur „dicke mit ihm tut", das kommt in der Wirkung auf eins hinaus. Für die Wissenschaft erweist sich der BerlinerBoden als entschieden günstig; vielweniger für dieKunst.
In München kam zu angeborenen Abneigungen und Stimmungsverschiedenheiten noch ein wichtiges Moment: das konfessionelle. Der Altramontanismus hat seinerzeit in Bayern schärfer und strenger regiert als der Klerikalismus in Österreich. Es war mehr als zufällig, daß nicht in Wien, sondern in München das wissenschaftliche Laupt-quartier derPartei aufgeschlagen war, die „Listorisch-politischen Blätter", aus welchen die populären Zeitungen nicht bloß in Bayern, sondern auch in Tirol, am Rhein, im Münsterlande ihre Direktive, Waffen und Munition empfingen. Grundsätzlich schaltete und waltete die kirchliche Politik Metternichs milder als diejenige Abels, welcher jene, bewußt oder unbewußt, diente. Da nun die Mehrzahl der Maximilian-kolonie zum Protestantismus sich bekannte — nicht einer freilich zum streitbaren Muckertum — und außerdem von jenseits der Mainlinie ihre Abstammung herleitete, so wurden wir insgesamt von vornherein als Preußen und als Ketzer angesehen, mithin zur Minorität gezählt', als Opposition gehaßt. Daraus flössen Konflikte, die wir keineswegs herausforderten, denen wir aber auch nicht ausweichen durften, die wir ausfechten mußten, wollten wir nicht uns selbst und unserer Aufgabe untreu werden. Dafür nur cinVeispiel aus meinen: besonderenWirkungskreise,demTheater.
„Nathan der Weise", den das Wiener Burgtheater seit einem halben Jahrhundert gibt, mit verhältnismäßig geringen Auslassungen, stand auch in München nicht auf dem Index, wohl aber bei Äof und bei der Kurie in üblem Geruch, als
ein antikatholisches Stück, eine Apotheose des Judentums. Bei König Max, dessen methodische Denkweise sich gern an Kategorien, an geflügelte Worte hielt, hatte man, wie die „Minna von Barnhelm" als ein „Preußenstück", so den Nathan als ein „Iudenstück" oder auch als „die Komödie des religiösen Indifferentismus" zu diskreditieren gewußt. Dieses Vorurteil, das sich für ein Arteil ausgab, konnte mich nicht abhalten, für den Tag der Eröffnung der Industrie-Ausstellung „den mit falschen Ringen handelnden Lebräer" (dritte Variante der Inquisition), auf das Repertoire zu setzen. Ich dachte dabei an keinerlei Demonstration gegen die Widersacher; Leffmgs Meisterwerk schien mir durch seinen Charakter reinster Humanität und kosmopolitischer Aniversalität eben auf diesen Tag zu passen. So drang ich denn auch in höchster Instanz damit durch, daß „Nathan" stehenblieb; aber, um den frommen Seelen wenigstens ein Zugeständnis zu machen, der König neigte seiner Natur nach zu Kompromissen, mußte das Bild des Patriarchen, welchen unser Jost in allerdings grellen Farben und scharfen Zügen, aber ungemein wahr und wirksam darstellte, wesentlich abgetönt werden, in der Maske, im Akzent, im Vortrag. Darauf dann großes Ach und Weh über mich in den Kulissen und im liberalen, im eigenen Lager. Den „Berufenen" galt folgender, mit ihren Namen spielender Spruch des Berliner Humoristen GlaS-brenner: Merkt es euch, ihr Geibel, Heyse, die ein Wind beliebig dreht,
Hofgunst ist ein Dingel, das auf keinem festen Boden steht.
Emanuel von Geibel (1815—1884), seit 1852 in München, von König Maximilian berufen, das Haupt und der Mittelpunkt der Münchner Dichterschule, die bis zum Wegzuge GeibelS nach dem Tode des Königs blühte. Seine Beziehungen zu München brach er völlig ab, als ihm König Ludwig II. wegen eines Huldigungsgedichtes an König Wilhelm von Preußen den Ehrensold entzog, den ihm König Max ausgesetzt hatte. — Die Daten für Paul Heyse siehe Seite 3.
Friedrich Bodenstedt (1819—1892), der Mirza Schaffy-Dichter, Widerpart Gcibelö in der Müchner Dichterrunde, war eine etwas komische Figur. Robert von Hornstein erzählt von ihm in seinen „Memoiren", seine Hauptschwäche sei der Glaube an seine Unwiderstehlichkeit bei den Frauen gewesen; die Sache habe aber um so komischer gewirkt, als er eigentlich nichts weniger als gefährlich auSgesehen habe.
Adolf Friedrich Freiherr (später Graf) von Schack (1815—1894), ein ausgesprochener Kunstdichter, Platen nachstrebend, war aus seiner Heimat Mecklenburg nach München gekommen. Durch die Anlage seiner Privatgalerie, die nach seinem Tod in den Besitz des Kaisers Wilhelm II. überging und München bisher erhalten blieb, hat er sich um das Kunstleben und die Förderung stärkster deutscher Talente außerordentliche Verdienste erworben.
Melchior Meyr (1810—1871), ein Bauernsohn aus dem Ries, der Verfasser köstlicher Erzählungen und der „Gespräche mit einem Grobian", war auch als philosophischer Schriftsteller bedeutend.
Julius Grosse (1828—1902), Schriftsteller und Journalist, in Versdichtungen nicht ohne liebenswürdige Anmut, kommt auch als aufmerksamer und scharfblickender Zeitschildercr in Frage; zuletzt lebte er in Weimar als Geschäftsführer der Schillerstiftung.
Justus von Liebig (1803—1873), der große Chemiker, folgte im Jahre 1852 einem Ruf nach München als Professor an die Universität und lebte hier ganz seinen Forschungen. Seit 1860 war er Präsident der Akademie der Wissenschaften; er ist einer der wenigen „Berufenen", die heimisch wurden, er ist auch in München, dessen Ehrenbürger er war, gestorben.
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Im Hause Emilie Linders
Die kulturpolitischen Verhältnisse, auf die Dingelstedt hinzielt, spielten auch in das gesellschaftliche Leben herein und führten zur „Zirkelbildung". Einen solchen in seiner geistigen und sozialen Struktur eigenartigen Zirkel, die hochkatholische Gesellschaft Münchens, versammelte Emilie Linder um sich. Aber diesen Kreis berichtet L. W. Riehl in seinen „Kulturgeschichtlichen Charakterköpfen":
Im Januar 1854 war ich von Augsburg nach München übergesiedelt, um im nächsten Semester meine Lehrtätigkeit an der Universität zu beginnen. Ich hatte alsbald meine Antrittsbesuche bei den neuen Kollegen gemacht und darunter selbstverständlich auch bei dem Senior der medizinischen Fakultät, dem Geheimrat von Ringseis, der mich sehr fteundlich aufnahm und schon nach wenigen Tagen den Besuch erwiderte. Da er mich nicht zu Lause traf, hinterließ er eine Visitenkarte, auf welcher stand: „Ich bitte Lerrn Kollegen Riehl auf übermorgen ein Ahr zum Mittagessen bei Fräulein Linder,Karlsplatz 25/1." Die sofortige Einladung zeigte das liebenswürdigste Entgegenkommen, und ich säumte nicht, durch eine Karte meine Zusage zu melden.
Fräulein Linder, so dachte ich mir, wird eine feine Speisewirtschaft führen, wo man ein diner-ä-part bestellen und solchergestalt seine Freunde bequemer bewirten kann als im eigenen Lause. Latte mich doch erst kurz vorher Ludwig Steub in ähnlicher Weise zu einem Frühschoppen bei Ott eingeladen. Daß ein Fräulein Inhaberin einer Restauration sei, schien mir nicht auffallend, da Witwen und Töchter verstorbener Gastwirte auch damals schon das Geschäft selbständig fortzuführen pflegten. Die Adresse war deutlich genug, und so erkundigte ich mich nicht weiter über das Lokal und ging am übernächsten Tage Punkt ein Ahr zum Lause Karlsplatz 25.
Ich arbeitete damals fleißig an meinem Buch über die Familie, welches gegen Weihnachten des Jahres erschien, und stand eben bei dem Kapitel: „Die Emanzipation bei den Frauen", wo ich neben anderem von dem bedenklich wachsenden Einfluß der in Kunst und Literatur mitredenden und mithandelnden Frauen sprach, einem Einfluß, welcher Geschmack und Mode und die Männer dazu immer weibischer zu machen drohe. Dagegen pries ich die echt weibliche Aufgabe des Waltens im Lause.
Diese Gedanken begleiteten mich, als ich durch die Schützenstraße zum Karlsplatz, zum Restaurant von Fräulein Linder ging, und ich dachte, wenn dieses Fräulein nun die rechte Wirtin ist und gut zu kochen versteht, dann ist sie auf der rechten Spur des weiblichen Berufs, denn ein Wirtshaus ist auch ein Laus,
Ich stieg die Treppe hinauf zum ersten Stock und fragte eine Dienerin, die auf dem Flur stand, ob Lerr von Ringseis schon hier sei? Sie bejahte es und führte mich in eine Art Vorzimmer, wo ich den würdigen Alten fand, den heißblütigen Kämpen für seinen Glauben, der ihm zum Wissen und für sein Wissen, welches ihm zum Glauben ward, jugendfrisch mit grauen Laaren, umgeben von fünf anderen Lerren. Es war der Philosoph und Philolog Ernst von Lasaulx, ein Mann von Welt und Wissen und eigensten Ideen, der den vergrabenen Lausschah der alten byzantinischen Kaiser in Konstantinopel wieder auffinden zu können glaubte, der Maler Schlotthauer, welcher neben Kirchenbildern orthopädische Apparate für verkrüppelte Kinder verfertigte und sich außerdem mit einem großen Plane zur Korrektur der Isar trug, der Maler Leinrich Leß, der dagegen nur Maler war und streng bei seiner dem Lohen und Leiligen gewidmeten Palette blieb, der wunderliche Bildhauer Konrad Eberhard, halb Künstler, halb Landwerker nach alter Art, mit Leib und Seele nur im Mittelalter lebend, und der Badearzt von Kreuth, vr. Stephan, der seine ärztliche Kunst früher in Rio de Janeiro geübt hatte, um sie jetzt in der Waldeinsamkeit des bayerischen Lochgebirgs zu beschließen. Gewiß eine originelle und anziehende Gesellschaft, wie man sie in dieser Art damals nur in München finden konnte.
Nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten, erschien eine ältere Dame von sehr unscheinbarem Äußern, ganz grau gekleidet und keineswegs nach der neuesten Mode, mit einem weißen Läubchen auf dem Kopfe. Ringseis stellte mich ihr als unserer trefflichen Wirtin flüchtig vor; die andern begrüßten sie wie eine alte Bekannte. Das war also Fräulein Linder.
Ich wechselte nur ein paar nichtige Worte mit ihr — vom Wetter, welches sich sehr vordringlich bemerkbar machte, denn der Regen wurde von einem Sturmwind in dicken Tropfen wider die Scheiben gepeitscht, um ein kaum begonnenes, doch schon sehr fesselndes Gespräch mit Lasaulx fortzusetzen.
Lasaulx wußte einen in der Anterhaltung sofort zu packen wie wenige, und so bemerkte ich nur oberflächlich, als wir durch zwei oder drei Zimmer zu dem kleinen Speisesaal gingen, daß diese Zimmer doch kaum wie in einem Wirtshaus eingerichtet waren. Nur fielen mir im Vorbeistreifen zahlreiche gute Ölgemälde auf, welche die Wände schmückten, und eine männliche Porträtbüste aus weißem Marmor, die mit einem Trauerflor bedeckt war.
Wir setzten uns um einen runden Tisch, und ich nahm mit Vergnügen wahr, daß die Wirtin gleichfalls bei uns sich niederließ. Lier herrscht doch noch, so dachte ich, die gute, alte, patriarchalische Sitte, die ich zwar mehr aus Walter Scotts Romanen als aus der Wirklichkeit kannte, daß der Gastwirt die Gäste ehrt und ihnen zugleich die Bürgschaft eines guten und gesunden Mahles gibt, indem er sich an die Spitze seiner Tafel setzt und mitißt. And wenn der Wirt eine Wirtin war. so dünkte mir die Sitte noch viel schöner. Ich machte mir im Geist eine Notiz darüber für mein Buch von der Familie.
Ringseis ordnete unsere Plätze; die andern Lerren schienen auch von ihm geladen zu sein. Zu beiden Seiten unserer Wirtin saßen die beiden Maler; ich erhielt den Stuhl zwischen meinen beiden neuen Kollegen Ringseis und Lasaulx am entgegengesetzten Ende, und der Bildhauer und der Doktor verbanden rechts und links die zwei Gruppen der Maler und Professoren.
Ich sand mich bald im lebhaftesten Gespräch mit meinen Nachbarn. Dies hinderte mich jedoch nicht, zwischendurch unsere Wirtin von fernher zu beobachten. Sie aß kaum mit, sie schien die Speisen nur hie und da zu versuchen; sie mischte sich nicht in die allgemeine Anterhaltung, sondern wechselte nur ab und zu leise Worte mit den beiden Lerren zu ihrer Seite; dagegen war ihr Auge überall, sie beobachtete, ob uns nichts abgehe, und gab der aufwartenden Dienerin ihre Winke; sie vergaß sich selbst über ihren Gästen, sie war die aufmerksame Wirtin, wie sie sein soll. And so ging denn auch die Bedienung wie am Schnürchen. Die Küche war ausgesucht, aber nicht überladen, die Weine vortrefflich; nur schien die gute Küche der Wirtin selbst am wenigsten anzuschlagen; denn ihre Züge waren bleich, fast etwas leidend. Ich notierte mir im stillen zu dem Kapitel von den erweiterten Frauenberufen, daß der feinste Gastwirt eigentlich eine feine Gastwirtin sei.
Nachdem wir solchergestalt gut gegessen und getrunken und uns höchst anregend unterhalten hatten, plauderten wir noch eine Weile im Vorzimmer. Ich bedankte mich bei Ringseis, sagte Fräulein Linder, daß man sehr gut bei ihr esse und fast noch besser trinke, — und empfahl mich.
Nach einigen Tagen besuchte ich Professor Dollmann, den Kriminalisten, der mir mit freundlichem Rate über die Einrichtung meiner Kollegien zur Land ging.
Im Fortgehen, zwischen Tür und Angel, sprach ich unter anderem noch von den interessanten Bekanntschaften, welche ich in jüngster Zeit in München gemacht hatte, und erwähnte dabei auch der Künstler Leß und Schlotthauer, mit welchen ich im „Restaurant Linder" zusammengetroffen sei. „Im Restaurant Linder?" fragte Dollmann. „Dieses Lokal ist mir ganz unbekannt." „Es liegt am Karls-platz, Nummer 25", entgegnete ich. „Man speist dort ausgezeichnet, namentlich sind die Lner8-3-parr zu rühmen; Ningseis hatte mich dorthin zu einem solchen eingeladen."
„Ringseis?" fragte Dollmann verwundert, und zugleich schien ihm ein Licht aufzugehen, und er rief lachend: „Also waren Sie bei Fräulein Emilie Linder zu Gast? Ningseis macht dort sozusagen den Lofmarschall. Allein wie kommen Sie nur dazu, das Laus dieser Dame ein Restaurant zu nennen?" „And was wäre es denn sonst?" entgegnete ich erschrocken. „Wer ist denn Fräulein Linder?"
„Fräulein Emilie Linder ist eine ebenso hochgebildete und kunstsinnige, wie reiche Schweizerin, eine Millionärin, nicht minder ausgezeichnet durch ihr edles, schlichtes, frommes Wesen und ihre großartige Wohltätigkeit, wie durch ihr ideales, künstlerisches Streben. Sie sieht ihre alten Freunde an bestimmten Tagen zu Tisch bei sich, wo dann Ringseis die Äonneurs macht, und sie hat es gern, wenn er gelegentlich auch jüngere Freunde und fremde Künstler und Gelehrte mitbringt." Jetzt begann es mir wie Schuppen von den Augen zu fallen.
„Man befindet sich im ,Restaurant Linder^ immer in guter Gesellschaft", fuhr Dollmann schalkhaft fort, „nur ist die Gesellschaft etwas ausschließend, meist hochkatholisch wie die Dame selbst. Die Zeit der alten Münchener Romantiker lebt wieder auf an dieser Tafelrunde, die Zeit von Josef Görres, die Zeit des Bundes zu den drei Schilden, die Zeit, wo Clemens Brentano wie ein Komet durch diese Münchner Gesellschaft fuhr, bezaubernd und bezaubert, letzteres, wie man sagt, ganz besonders durch Fräulein Linder."
And ich hatte mit dieser Dame, deren Gast ich war, nur zwei Worte gesprochen, vom schlechten Wetter und von ihrer guten Küche! Für welch einen Böotier mußte sie mich halten! „Aber was haben Sie denn?" fragte Dollmann, als er mich ganz versteinert in der Türe stehen bleiben sah. „Ich habe gar nichts", rief ich, „wenigstens nichts Merkwürdiges. Ich bin ein Esel gewesen, und das psiegt man ja wohl manchmal zu sein." Ich schlug mir vor den Kopf und wünschte dem Erstaunten guten Abend.
Gleich am nächsten Vormittag zog ich meinen Frack und meine schönsten perlgrauen Landschuhe an, um Fräulein Linder meinen Dankbesuch zu machen. Ich wollte mich zugleich entschuldigen, indem ich ihr die Geschichte des Irrtums erzählte, in welchem ich befangen gewesen war, und zwar ganz getreu und mit all dem Lumor, der im Vorgänge selbst lag. Denn der Lumor lindert nicht nur unfern Schmerz, er löst nicht nur unsere Tränen, er versöhnt auch mit unseren Dummheiten.
Fräulein Linder empfing mich aufs freundlichste. Sie trug dasselbe schlichte graue Kleid, dasselbe kleine, weiße Läubchen, welches sie immer zu tragen schien. Wir waren bald in lebhaftem Gespräch, und hatte sie neulich bei Tische gezeigt, daß sie zu schweigen verstand, so zeigte sie jetzt, daß sie auch sehr gut reden konnte. Ich lenkte die Rede auf Ringseis, um mein Sündenbekenntnis an diesen Namen zu knüpfen, allein sie entwand mir den Faden, indem sie von ihrer frühen Begegnung mit Ringseis in Italien sprach; statt des letzten Mittagessens wurde Italien das Gesprächsthema. Sie erzählte von ihren höchst eigenartigen persönlichen Erlebnissen in diesem Wunderlande, denen ich meine persönlichen Eindrücke nicht gegenüberstellen konnte, denn ich war noch nicht dort gewesen. Allein ich hatte seit meiner Knabenzeit über dieses Land gelesen, welches in meinen Studentenjahren ganz besonders das Land meiner Sehnsucht wurde. Ich war ja gekommen, um Fräulein Linder meine Bildung zu zeigen, während ich ihr neulich mein Anbildung gezeigt hatte, und begann darum meine besten Gedanken über Italien dazwischen zu werfen. Sie war als fromme Christin in dem Zauberkreise von Nom und Assisi gewesen; ich würde als künstlerischer Leide dorthin gekommen sein. Ob wir uns gegenseitig verstanden? Sie erschien mir zuletzt wie eine geborene Klosterschwester, die vergessen hatte, ins Kloster zu gehen, und es war mir ganz unmöglich, ihr in diesem Augenblicke scherzend zu bekennen, daß ich sie jüngst für die Inhaberin des feinsten Münchner Restaurants gehalten habe. Ich schwieg davon. Mochte sie immerhin denken, ich hätte damals meinen vernagelten Tag gehabt.
Im Laufe der Jahre wurde ich noch öfters durch Ringseis zu der anregenden Tafelrunde von Fräulein Linder geladen und beobachtete nun mssere Wirtin mit richtigerem Blick, aber die eigentliche Geschichte meines ersten Besuchs habe ich ihr niemals erzählt.
Mein letzter Gang zu Fräulein Emilie Linder war an einem sonnigen Sommernachmittage 1867 — auf den Kirchhof. Es hatte sich ein ansehnliches Leichengefolge eingefunden, um ihr die letzte Ehre zu erweisen, der Rest ihrer alten Freunde — denn die meisten waren ihr schon vorangegangen— und viele andere Leute, darunter auch jiingere Künstler, die wir nicht kannten; allein sie hatten die Güte und das milde Lerz von Fräulein Linder kennengelernt.
Am offenen Grabe erzählte der Geistliche den Lebenslauf der Verstorbenen kurz und gut, er erzählte mir und den andern viel Neues, was man sonst von Grabreden selten rühmen kann. Emilie Linder hatte ein stilles Leben geführt, weltabgeschieden fast wie eine Klosterschwester, und doch ein in der Stille wundersam tätiges Leben. Namentlich erfuhr ich hier zuerst, daß sie eigentlich Malerin gewesen sei und zwar Listorienmalerin, daß sie namentlich viele Kirchenbilder gemalt habe. Sie war im Jahre 1824 von Basel nach München gekommen und etwas später als Schülerin in die Akademie der Künste eingetreten, deren Leitung Peter Cornelius im Jahre 1825 übernommen hatte, und die damals — freilich nur kurze Zeit — auch Damen zum Studium der Listorienmalerei zuließ. Allein das gemeinsame Arbeiten mit jungen Künstlern widersprach dem innersten Wesen des „Schweizerfräuleins", wie man Emilie Linder nannte. Sie trat aus und nahm Privatunterricht bei Schlotthauer, der ihr dann durchs ganze Leben ein treuer Lehrer und Berater blieb, und wandte sich, ihrem eigenen Geiste wie der Richtung ihres Lehrers folgend, zur religiösen Malerei. Sie lernte das Erlernbare, erkannte aber, daß ihr die schöpferische Kraft für diese hohe Kunstweise fehle, und wollte doch von dem einmal erfaßten Ziele nicht lassen. Darum malte sie fortan gleichsam insgeheim Altarbilder, die sie an eine arme Dorskirche schenkte, darunter viele Kopien nach guten Meistern, und diese Kopien wurden sehr gerühmt. Sie unterstützte arme, junge Künstler, indem sie Bilder bei ihnen bestellte und kaufte, und sammelte daneben eine kleine Galerie erlesener Gemälde, die sie ihrer Geburtsstadt Basel testamentarisch vermachte. Von Laus zu Laus verkehrte sie wohl nur mit wenigen gesinnungsverwandten Familien, aber an ihrer Tafelrunde erschloß sich ihr ein weiteres Stückchen Welt in jenem altbefteundeten und doch auch sich verjüngenden Kreise künstlerischer und gelehrter Männer.
Ich habe öfters in diesem Kreise gesessen, ich habe dabei auch manches Gespräch mit Fräulein Linder geführt, allein sie sprach niemals von sich selbst und sprach doch so tief aus sich selbst heraus. And so hörte ich denn von der verschwiegenen Kunstübung unserer Wirtin, von der Listorienmalerin das erste Wort — an ihrem Grabe.
Emilie Linder, als Malerin nicht eben bedeutend, ist 1797 in Basel geboren, 1867 in München gestorben.
Am Jahre 1834 reisten unter Schlotthauerö Führung mehrere junge Münchner Künstler als Emilie Lindners Gäste nach Mailand, nur zu dem Zweck, sich an Lionardoö „Abendmahl" zu erbauen.
Heinrich Wilhelm Riehl (1823—1897), Kulturhistorikcr, war ursprünglich Journalist, Redakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung, und wurde 1864 von König Maximilian als Professor der Staatsund Kameralwissenschaften nach München berufen. Unter seiner Leitung erschien 1859—1867 die „Bavaria", das geographisch-ethnographische Hauptwerk über Bayern. Riehl sebst entfaltete eine umfangreiche literarische Tätigkeit. Große Verdienste erwarb er sich als Direktor des Nationalmuseums.
Die Gesellschaft „Zu den drei Schilden" war ursprünglich ausschließlich zum Zwecke der Pflege der Altertumskunde bestimmt. Sie war 1831 von Freiherrn von Bernhard und Friedrich Hoffstadt gegründet worden und tagte in der Lerchenstraße. Pocci, Beck, Schwanthaler, Domenico Quaglio gehörten ihr an.
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Neue Amalienstraße Nr. 66
In eine ganz anders geartete Geisteswelt, in den Salon des Freundes und Erziehers Max II., des Rates im Auswärtigen Amt Wilhelm von Dönniges, führt Otto Freiherr von Völderndorff in seinen „Harmlosen Plaudereien eines alten Münchners":
Was im politischen Wirken Wilhelm von Dönniges,als ernachAltenhöfers berühmt gewordenen Versen „die Glutidee der Trias zündend in die Welt geschmettert", geleistet und worin er gefehlt haben mag, soll der Beurteilung eines Staatsmannes überlassen bleiben. Was er mit seinem Feuereifer in Durchführung der Pläne seines Königs, dem geistigen Leben Bayerns einen neuen großartigen Aufschwung zu geben, an guten Resultaten erzielt und worin er danebengegriffen hat, mögen Gelehrte entscheiden. Hier soll nur des sozialen Lebens gedacht sein, das sich in jenen Jahren in der „Reuen Amalienstraße Nummer sechsundsechzig" entwickelt, und zwar blühend entwickelt hat. Der Münchner und überhaupt der Süddeutsche ist zwar gemütlich, aber nicht gastfreundlich, vielmehr in seinem Lause recht exklusiv. Vor dreißig Jahren kannte man hier zwar „Salons", in der haute volee und in den übrigen Kreisen der Gesellschaft einzelne, selten vorkommende „Einladungen", allein ein tägliches soziales Leben, wie es in Norddeutschland Sitte ist, war damals hier fast unbekannt. Frau von Dünniges hatte den Mut, den Berliner „Tee-Abend" bei uns einzuführen, aber sie war zu praktisch und zu gesund im Gemüte, als daß sie jene vielbesprochenen Spree-Soireen mit dünnem Tee und noch dünneren poetischen Vorträgen, mit kaltem Aufschnitt und noch kälteren schöngeistigen Gesprächen hätte importieren können. In ihren gastlichen Räumen brodelte zwar auch im Salon die Teemaschine, aber dies war rein nebensächlich, die physikalische Grundlage des Abends bildete stets ein treffliches, kopiöses Souper mit bajuwarischem Bier und einer nach bewährten Rezepten vom Lausherrn, der darin — wie in so vielem — Meister war, gebrauten Bowle, zu welcher die Zigarre fteundlich gestattet wurde. And was an Poesie, an Geist, Witz, Lumor und an künstlerischen Leistungen jene Abende geboten haben, unvergeßlich blieb es dem Einheimischen und dem Fremden, der ihnen anwohnte. And Fremde erschienen in reicher Fülle; man darf sagen, es ist damals keine Zelebrität durch München gekommen, die nicht im Salon der Frau Franziska sich eingefunden hätte.
Die Empfangsräume waren für die damalige Zeit elegant eingerichtet. Jetzt freilich, wo die Kunstwerke der Gotik und Renaissance den meisten Wohnungen einen so trauten Zauber verleihen, würde man allerdings den Salon mit seinen grellroten Sammetmöbeln, den langen Etageren und geradlinigen Spiegeln, das Boudoir mit der blauen Tapete und dem napoleonischen Kanapee, das Speisezimmer mit der Sphinx-Ahr und den steifbeinigen Tischen und Stühlen mit dem Epitheton „echt biedermännisch" belegen und als völlig unstilgemäß perhorreszieren. Damals aber wußte man es nicht besser. Man sah mehr darauf, ob derjenige, der auf dem Stuhle saß, ein geistreicher und amüsanter Mensch war, als darauf, ob der Stuhl eine bestimmte Fasson hatte, und so war man, wie gesagt, mit der Eleganz der Einrichtung zufrieden. Kommen durfte des Abends jeder Bekannte, so oft Frau von Dönniges zu Lause war, was man einfach an den beleuchteten Fenstern von der Straße aus erkannte. Zwei Tage aber in der Woche war man sicher, die Lausftau und — sofern nicht königliche Einladung ihn fernhielt — auch den Lausherrn zu Lause zu treffen. Für gewöhnlich war die Anterhaltung völlig zwanglos; man setzte sich, wohin man wollte; man ging in dieses oder jenes Zimmer, wie es einem beliebte; man suchte sich Gesellschaft, wie sie einem behagte; man sprach mit einer Person, stand auf und sprach mit einer anderen, und wer gehen mochte, der ging. Das letztere kam aber vor ein Ahr nachts nicht leicht vor. Rur für die Montage lautete das bestimmte Programm: Einzelvorträge oder Lesen mit verteilten Nollen.
Beim Eintritt empfing Frau von Dönniges, eine nicht große, aber wohlproportio-nierte Gestalt, ihre Gäste liebenswürdig mit freundlichem Drucke der kleinen, wohlgepflegten Land, indes ihr Gemahl meist schon bei der ftöhlichen Begrüßung irgendein satirisches Wort an den Kommenden richtete. Aber seine Satire erfreute den geistig Gesunden, weil man durch dieselbe stets das ehrliche, treugemeinte Wohlwollen durchfühlte; nur wer an narzißartiger Selbstbespiegelung kränkelte, der mochte sich vielleicht verletzt fühlen. „Willkommen, unwiderstehlicher Bodenstedt", empfängt er den Sänger des Mirza-Schaffy, der mit seiner „Edlitam" (wie er seine anmutige Gattin Mathilde nannte) eintritt. And: „Nicht jeder hat soviel Glück bei den Frauen wie du mit deinem struppigen Barte", lautet die lachende Antwort. „Nicht wahr, zu zweien philosophiert es sich besser?" wird Carriere begrüßt, der seine junge Frau, Liebigs älteste Tochter, die leider so früh geschiedene Agnes, glückstrahlend am Arme hereinführt. „Jedenfalls ist der Dualismus leichter durchzuführen als die Trias", entgegnet schlagfertig der Ästhetiker. „Nanu, Jung-Goethe, wie weit ist das Leysesche Trauerspiel vorgeschritten?" — „Was du wieder für ein Reinekegesicht mitbringst, Kaulbach! Gott Gnade unserer Geselligkeit!" So und in ähnlicher Weise dauern die Begrüßungen fort. Allmählich füllt sich der Saal, Bluntschli mit dem mächtigen Denkerhaupte, begleitet von seinem alpenfrischen Töchterlein Luise, Schlachtenmaler Feodor Dietz, Geibel mit seiner schüchternen, taubenartigen Frau, der ewig gut gelaunte Franz von Kobell mit seinen zwei liebenswürdigen Töchtern Marie und Luise, in der Gesellschaft „Rose und Röschen" geheißen, Justus von Liebig mit der zweiten, schönen Tochter Johanna, Franz von Löher, Obermedizinalrat Pfeufer, der berühmte Kulturhistoriker Riehl, Maler Rugendas und Seibertz, Professor Siebold, der Historiker Sybel, Vater Thiersch mit seiner Familie, Julius von Wickede und „zuletzt, wie natürlich, der Nachtwächter" wird der verspätete Dingelstedt vom Lausherrn angeredet. „Daran ist Jenny schuld, diese Frauen werden ja nie fertig", will dieser sich entschuldigen; aber da kommt er schlecht an; denn sofort empört sich seine Ehehälfte, und die Lausfrau eilt ihr zu Lilfe. Den glänzenden Namen, die soeben genannt wurden, schließen sich einzelne Mitglieder der Aristokratie an: vor allem Baron (jetzt Gras) von Schack, der, selbst ein Dichter und Gelehrter und großmütiger Mäzen der Künstler, eigentlich schon oben zu nennen gewesen wäre, und der, wenn auch kein „Berufener", doch ein „Auserwählter" ist; dann Graf Karl Tascher, der auch als späterer Lerzog cke la Pagerie in den Tuilerien zu Paris wohnend, mit rührender Anhänglichkeit an sein liebes München der treue Leiser und Berater aller ihn aufsuchenden früheren Landsleute blieb; Baron Perfall, der nunmehrige Generalintendant, der jetzige Regierungspräsident Graf Luxburg, ein allgemeiner Liebling wegen seiner übersprudelnden Lebendigkeit; auch ich selbst, der in jenen Räumen das „Plaudern" erlernte, und andere meist inzwischen zu hohen Stellungen gelangte Namen. And nun entwickelt sich ein lebhaftes Treiben und Konversieren, bis Frau Franziska entweder die Rollenlesenden an den großen runden Tisch in der Ecke vorfordert oder ein Tischchen in die Mitte rückt, an welchem der Einzelvortragende sich niederläßt...
War ein Fremder anwesend, so gehörte ihm der Abend. Einmal erzählte uns Andersen seine schönsten Märchen; ein andermal ließ Rubinstein ein Meer von Tönen unter seinen Virtuosenhänden erklingen; dann wieder sang die schöne Cruvelli grausig und doch entzückend die wilden Melodien, die sie mit Vorliebe vortrug, oder es las Lebbel, mit seiner wie von innerem Angestüm gleichsam vulkanisch vorgetriebenen Stirne, seine erschütternden Poesien. Ihm aber nahm plötzlich Dingelstedt das Buch aus der Land. „Ich kann nicht mehr anhören, daß Sie meines Freundes Lebbel Gedichte so verhunzen", sagt er dem verblüfften Dichter und liest dann seine Verse so herrlich und entzückend, daß Lebbel tief ergriffen ihm die Land drückt mit den Worten: „Ich habe nicht gewußt, daß meine Sachen so schön sind". Freilich lohnte es auch, anregend und lobverdienend zu sein bei einer Zuhörerschaft von so schönen Frauen, wie sie im Salon Dönniges stets zu finden war. Neben der Lausfrau selbst die reichbegabte Frau Stadler, Frau Kaulbach mit dem antik geschnittenen Kopfe und den funkelnden Augen, die blendend schöne Fürstin Cantacuzene, die junonische Tochter des großen Liszt, Frau von Pacher, die beiden reizenden Gräfinnen Lolnstein (geb. von Kark und von der Malsburg) und andere. All die schönen Frauen aber stellte Frau von Dingelstedt, die unvergleichliche Jenny Lutzer, in Schatten, wenn sie sich zu singen entschloß, was freilich immer einige diplomatische Verhandlungen erforderte. Anfänglich nämlich war stets alles Bitten vergeblich; „ich bin nicht disponiert, ich bin müde, meine Stimme ist belegt" und so weiter. Dann verzichtete man anscheinend und bat eine andere Dame zu singen. Kaum aber erklangen die ersten Töne, so erwachte in Frau Jenny die Kunstrivalität, sie verschwand aus dem Salon, und bald vernahm man außen im Gange glockenhell intonierte Skalisationen, die immer mehr anschwollen; die Singende am Klavier hörte nach und nach lächelnd auf, und Frau von Dingelstedt trat ein mit der Erklärung: „Ich sehe, es geht doch". And nun begann sie mit ihrer vollsten Meisterschaft. So trillert keine Nachtigall, so jubelt keine Lerche, so ruft kein Kuckuck im schönen Monat Mai, wie Frau Jenny die Taubertschen „Klänge aus der Kinderwelt" hinausjauchzte. Dann wieder, wie ganz anders, wenn die Tarantella in glühenden und sprühenden Tönen erschallte, oder wenn unwiderstehlich kokett das „ouvrez-moi, ouvrez-moi“ eines französischen Chanson das Ohr umschmeichelte. And wenn sie nur das einfache „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus" sang, unwillkürlich traten dem Lörer da Tränen ins Auge. Zeigte sich aber endlich die große Künstlerin in voller Glorie als Primadonna, indem sie die Arien der Donna Anna oder der Agathe sang, dann kannte der Enthusiasmus keine Grenzen mehr, und ich erinnere mich, daß einmal Geibel und Dietz ihr zu Füßen fielen und rechts und links die Land küßten.
Solche begeisterte Verschönerung des Angesichts regt den darstellenden Künstler notwendigerweise gleichfalls an, und so mag in Kaulbach der Gedanke entstanden sein, die Matadore der Gesellschaft zu porträtieren. Er begann mit Frau von Dönniges und wußte den interessanten Kopf, die lebendigen und doch so fteundlich blickenden Augen, die hohe, geistvolle Stirne, den energisch geschwungenen Mund und die schönen, scharf geschnittenen Züge so treffend und doch von Freundeshand unwillkürlich etwas idealisiert zu gestalten, daß alles in Jubel ausbrach.
Von da an stellte er jeden Montag ein anderes Bild, in Kreide gezeichnet, im Salön Dönniges aus und schenkte sein Kunstwerk in großmütiger Weise dem Originale.
Am Schluß der Abende folgte, wie bereits erwähnt, regelmäßig das gemeinsame Souper, bei welchem deutsch-gemütliche Unterhaltung mit attisch-feinem Tischgespräche Land in Land ging. Anter dem Brillantfeuer des Lumors wurde gegessen, getrunken, geplaudert und gelacht, dann und wann wohl auch eine ernst politische oder wissenschaftliche Frage erörtert. Tiefes Schweigen aber herrschte unter uns übrigen, wenn das Dichterkleeblatt Geibel, Dingelstedt und Bodenstedt zu improvisieren begann in Schlag auf Schlag sich folgender, gereimter Wechselrede, in welche der Äausherr mitunter einige zündende Verse hineinwarf. Welch köstliche Perlen der frisch empfun-densten Poesie reihten sich da aneinander, die leider ungesammelt geblieben sind; nur der lautschallende Beifall der Anwesenden lohnte die gottbegnadeten Dichter.
Verklungen sind sie nun längst, die sprudelnden Reime, und die ihnen gespendeten Zurufe sind verhallt; verschwunden ist das lebendige Tun und Treiben in jenen gastlichen Räumen, und das Feuer ist erloschen, das einst sorgfältig von so vielen hohen Geistern genährt und gehütet war. Richt bloß still erloschen leider: viel Trauriges und Schweres hat ihn nachmals getroffen, der das Laupt der „Neuberufenen" in München gewesen ist, und nicht wenig Bitteres mußte Wilhelm von Dönniges über sich ergehen sehen, bis er in Rom zum stillen Friedensschlafe sich niederlegte. And nun ruht auch sie, die ihm als Gattin und Gehilfin so treu zur Seite stand, neben ihm bei der Pyramide des Cestius, umrauscht von den Pinien der ewigen Stadt, nach der sie sich aus den Wirrnissen und Trübsalen ihres späteren Lebens gerettet hatte. Vergessen aber ist jene schöne Zeit, die wir oben geschildert, bei keinem, der sie miterlebt: wohl an manchem Abend zieht die Erinnerung daran vorüber an den Augen des Geistes, und manch einer denkt dankend sich zurück in die „Reue Amalien-straße Nummer sechsundsechzig".
Wilhelm von Dönniges (1814—1874), ein Schüler Leopold von Rankes, 1842 Professor in Berlin, begleitete von 1842—1845 den damaligen Kronprinzen Maximilian von Bayern nach Göttingen an die Universität und wirkte bestimmend auf seine geistige Richtung. 1851 wurde er bayerischer Legationörat, 1854 Rat im bayerischen Auswärtigen Amt. Dönniges wurde sehr viel angefeindet, die Stockmünchner sahen in ihm den bösen Genius des Königs, den Urheber der „Fremdenkolonie". Allgemein war der Spruch verbreitet: Os ckuodus v sb uno T libera nos, Dornins. Gemeint waren damit Dönniges, Dingelstedt und von der Tann. Dönniges verließ München, den Anfeindungen weichend; er wurde im diplomastschen Dienst verwendet, war Gesandter Bayerns bei der Eidgenossenschaft und zuletzt in Rom, wo er starb. Die Bitternisse seines Lebens, auf die Völderndorff anspielt, flössen aus seiner Verwicklung in daS ttagische Ende Ferdinand Lassalles, das durch DönnigeS' Tochter Helene (geb. 1846 in München) veranlaßt wurde. Wegen dieser Umstände wurde Dönniges von 1865—1867 zur Disposition gestellt.
Moritz Carriere (1817—1895), seit 1853 Professor der Philosophie an der Münchner Universität, nebenbei Generalsekretär der Akademie der bildenden Künste, einer der Hauptvertteter der theistischen Weltanschauung. Sein philosophisches System hat er niedergelegt in seinem 1877 erschienenen Hauptwerk „Die sittliche Weltordnung". Wegen seiner maßlosen Eitelkeit war er vielen Sticheleien ausgesetzt.
Karl Freiherr von Perfall (1824—1907), Komponist, ein geborener Münchner, wurde 1864 zum Hofmusikintendanten berufen und 1867 auch mit der Leitung des HofthcaterS betraut; 1872 wurde er zum Generalintendanten ernannt; 1893 trat er von dieser Stellung zurück. Unter ihm erlebte die Münchner Hofoper ihre Blütezeit; um das Schauspiel machte er sich besonders durch die für ein Hoftheater sehr mutige Tat der Uraufführung von AbsenS Dramen „Nora" und „Ein Volksfeind" verdient.
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Das Fest der Zwanglosen
Geibel zu feiern, fand sich die Gesellschaft der „Zwanglosen", die heute noch in München als eine hochgeschätzte Vereinigung angesehener und gemütvoller, den Musen zugewandter Männer besteht, am 5. Dezember 1852 zu einem großen Fest im Bayerischen Los zusammen. Es war eine Art Siegesfeier der „Berufenen". Dr. A. I.Altenhofer, der Redakteur der Allgemeinen Zeitung, verfaßte einen anonym gedruckten, als Flugblatt erschienenen Bericht über das Fest in Versen, die voll Anzüglichkeiten stecken:
München, München, Metropole siebenfüß'ger Lerameter,
Wo von Prosodie und Metrik zwanglos dichten Paul und Peter!
In der Allgemeinen Zeitung liest man jetzt in Ost und West
Nur vom Kaiser Bonaparte und vom Münchner Dichterfest.
Dich, o Geibel, zu begrüßen, dich den Liederschwan aus Norden,
Trat am Jsarstrand zusammen bajovarscher Sänger Orden;
Mit den frischen Iodelkehlen, mit dem Lackbrett frank und frei
Kam der Beilhack, Teichlein, Kobell, kam die ganze Dichterei.
Geibel! kein Poet im schnöden Sinn der Leiden, kein Gestalter,
Nur die zartesten, modernsten Fühlsamkeiten tönt dein Psalter,
Patriotisch, doch vernünftig, allzeit fromm und tugendhaft.
Ohne unanständ'ge Wallung, ohne blinde Leidenschaft.
Deine Minne, keusch, geschlechtslos fast, wie ein Mosa'scher Engel,
Statt der glühend roten Rosen trägt sie Josephs Lilienstengel;
Ach! das duftet! Ach! das säuselt, und kein Weiblein geht dir fehl,
Tugendsamer Rattenfänger, Gott mit uns — Emanuel!
And so bist du vorgedrungen glücklich bis zur Auflag' dreißig.
Nur der Anna Strüffin Kochbuch kauften sie bisher so fleißig.
Und des lieben Oskar Redwitz allerliebste Amaranth,
Der in Wien Geschmacksprosessor ist, wie du am Jsarstrand.
Eine Mahlzeit diesem Edlen rüsten Münchens hochverehrte
Groß' und kleine Würdenträger, Michelsritter, Schriftgelehrte;
Schlagen ihre guten Klingen, wischen dann sich ab den Mund,
Und es gibt den ersten Trinkspruch feierlich Ernst Förster kund.
Ernst, im Kunstrevier der Förster, Kämmrer, Wichsier, Cicerone,
Dankt im Schiller-Iambenschwunge dem Augustus auf dem Throne;
Und nun spricht in Versen alles, hin und her stiegt Gruß auf Gruß;
Paff! der Tölzer Scheibenfranzel tut sogleich den Meisterschuß.
Franz von Kobell ohne Lobel, doch den Lebel übersingend.
Am die vaterländ'schen Alpen grüne Lopfenkränze schlingend,
Äschylus der Schnadahüpferln! zwar die Mundart ist nicht fein.
Doch erlaubt muß Dorern Dorisch und den Bayern Bayrisch sein.
Sah der große Muschkin — Puschkin nicht mulattisch aus vor Jahren,
Und war doch ein guter Russe unter seinen Wollenhaaren?
Also ist auch unser Kobell tief im Lerzen blau und weiß
Und bei Sendling seine Muse — welche Schultern! welcher Steiß!
Thiersch, Geheimrat, der den Pindar bös verpindart hat vor Zeiten,
Wollte statt in Oden-Rhythmen sich in Prosa sanft verbreiten.
Sprach den Münchenern von Platen? — August Platen? hör ich recht?
Was Gemeinsames, o Lümmel, hat mit Platen dies Geschlecht?
Rein, ein andrer Geist wohl mochte durch den Dichterfestsaal schweben.
Jener Geist, der, sagt man, weiland solchen Reichsbefehl gegeben:
„Welcher meiner Untertanen diese Verse mir skandiert.
Sei mit des Zivilverdienstes Orden heut noch dekoriert."
Kommt der Teichlein, der amphibisch rühret so Palett' als Leier,
Der langweilig einst gedichtet jene Küifftler-Maskenfeier;
Dann der Beilhack — hui! der Name hört sich guillotinisch an.
Doch besang er uns gemütlich Bayerns großen Biedermann.
Doch die Dichtergattin leben läßt Regierungsrat von Daxen-
Berger, der, „in Nebenstunden" ist als Dichter groß gewachsen.
Oh! anheimelnd wie der Rettich, den im durst'gen Monat Mai
Huldmnen zum Bock kredenzen, tönt Karl Fernaus Melodei.
Daß der Frühverklärte fehlte, der Verfasser „guter Bücher",
Jener blondgelockte Guido, jung gehüllt in Leichentücher;
Ein Marienliedlein hätte Geibels weiches Lerz gerührt
Und uns diesen Ostsee-Skalden in der Kirche Schoß geführt.
Jenen auch, der München lieblich „angetutet" mit Sonetten,
Einen Franz, den mit dem andern Franz wir nicht zusammenbetten.
Ihn vermiß ich. Warum schwieg er? Oder blieb er gar verbannt.
Weil er statt der Leier Saiten Vogt die Löslein hat gespannt?
Auch der Vogt, er fehlte leider bei dem heim'schen Bardenreigen,
Vogt mit seinem deutschen Lerzen, stets den Agilulfen eigen.
Der bei allen edlen Taten billig in die Larfe klingt:
Freiheit, nachgeborne Prinzen — alles, was man will, besingt.
Doch um zwei, drei att'sche Bienen, unnütz war's, sich hier zu härmen.
Wo nian zählt ein halbes Tausend, eh' der Stock fing an zu schwärmen.
Drei noch sprachen gold'ne Worte beim Konfekt und Schweizerkäs,
Völkel, Martius und „voll Tiefsinn", du, o Staatsmann „Könnt'iches",
Der die Glutidee der Trias zündend in die Welt geschmettert.
Doch in seinen Mußestunden sich den Musen angevettert
Und den Dante deutsch gesungen, wie's kein Schlegel je vermocht.
Auch aus England, ohne Englisch, die Balladen mürb' gekocht.
Und nun höhne mir noch einer, daß halt München München bleibe.
Daß da wohl die Kunst der Bilder, doch die Bildung nicht bekleide!
Glaub, es ist Athen und Florenz; komm, o Wandrer, sieh und dann
Stirb? Nein! trink — du triffst den besten Stoff bei Pschorr und Zacherl an.
Außer vielen ohne weiteres bekannten Persönlichkeiten erscheint hier vr. I. G. Beilhack, der damals Rektor in München war und dem Kreise der „Krokodile" nahestand. Daxenberger hat unter seinem Pseudonym C. Fernau als der Verfasser des „Münchner Hundert und Eins" schon wiederholt zu uns gesprochen. Der Vergleich Kobells mit Puschkin zielt auf Kobells volles, krauses Haar hin. Der Frühverklärte ist Guido Görres, der kurze Zeit vor dem Feste im Alter von siebenundvierzig Jahren starb. Der München „angetutct" mit Sonetten, ist der Hoftheaterintendant Franz Dingelstedt, der „Exnachtwächter"; er hatte kurz vor dem Feste einen Konflikt mit dem Journalisten Vogt, einem Loyalitätsdichter, der indessen als Kritiker Dingelstedts Gattin rnit seiner Galle überschüttete. Es kam zu einer Prügelei im Englischen Garten. Martius ist der berühmte Botaniker. Der Staatsmann Könnt'iches ist natürlich W. v. Dönniges.
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Schwind und München
Im Frühsommer 1847 war Moritz von Schwind zu dauerndem Aufenthalt als Professor an die Akademie nach München gekommen. Seine Beziehungen zu der Stadt unterlagen seinen sehr wechselnden Stimmungen. Kurz nach seiner Ankunft schrieb er seinem Freund Schädler:
Was ist in diesen acht bis neun Wochen alles vorgekommen! Von der kleinlichen Pein des Wohnungsuchens, Frauerwartens, Besuchemachens, Zimmermalens und Möbelkaufens gar nicht zu reden. Unter allem diesem Trubel ist vorderhand das Wichtigste geschehen, ich habe Frankfurt vergessen, rein abgeschüttelt, und was davon halten kann, das kommt jetzt zum Vorschein, ohne den Beigeschmack alberner Verdrießlichkeiten, die alle in den großen Papierkorb versenkt sind. Hier ist Fahrwasser, und wer Kräfte hat, der kann sie loslassen.
Ich habe lange zu tun gehabt, mich des langersehnten herrlichen Zustandes, als eines wirklich erreichten, ganz zu bemächtigen: dass ich mich hinsetzen kann und mit aller Muße Werke unternehmen, bei deren Ausführung mich von vornherein kein fremder Einfluss auf die Wahl des Stoffes, hintennach keine alberne und neidische Verdächtigungspolitik verstimmt und ermüdet. Im Vorbeigehen gesagt, ist das Musikantenbild mit Glück überarbeitet und braucht nur mehr die letzte Feile. Der „Rhein" im Begriff auf die Leinwand gepaust zu werden, und für die Geschichte mit der „Beethoven-Symphonie" ist ein wichtiger Schritt geschehen, nämlich die Einteilung erfunden.
Über den Verkauf des Hauses bin ich vollkommen getröstet. Meine hiesige Wohnung (in Schnorrs Haus) ist um ein Tüchtiges größer, der Garten schöner, die Umgebung ganz grün, und statt des Eschenheimerturmes haben wir die Glyptothek vor Augen, die auch nicht bitter ist. Veni et vide. Ein Gastzimmer fehlt nicht. Die Akklimatisierung scheint vorüber zu sein. Die ganze Gesellschaft hustete und fieberte — jetzt ist es, Gott sei Dank, gut. Die Kinder fressen wie die Wölfe und schlafen wie die Würste. Ich hatte anfangs viel von Schwindel zu leiden, der aber auch seinen Abschied genommen hat. Drei, vier Ärzte, die ich über das Schleimfieber gesprochen, versichern, dass es erstens seinen epidemischen, zweitens seinen nervösen Charakter, den es seit der Cholera behauptet, seit mehr als einem Jahr ganz verloren und wieder, wie sonst, nur mehr sporadisch und entzündlicher Natur sei. Dies zum Trost für Frau Gemahlin, wenn sie den Reisepass ausfertigen muss.
Dieser Tage habe ich mit der Liedertafel gekneipt — eine solche Masse von Humor habe ich nicht bald beisammen gesehen, dazu singen die Kerls prächtig. Zum Künstler-Maifest habe ich Frau und Kinder hinausgeführt, welche treffliche Wirtschaft! Man sitzt und liegt im Walde herum, hält Reden, Maskenzüge, singt, isst und trinkt, alles auf das fröhlichste. Der König ist im allerbesten Humor. An meiner Tür war er einmal vergeblich, und rufen hat er mich nicht lassen. Um unseren Direktor Gärtner hat es mir leid getan. Er war ein Grobian, aber eine ehrliche Haut und ein Mann von Energie und großen Gaben. Wenn man sich um den unentbehrlichsten Mann in München gefragt hätte, so war es Gärtner; jetzt ist er vier Wochen tot, und wenn er heute zurückkommt, kann man ihn gar nicht mehr gebrauchen.
Über König Ludwig, der mit den Künstlern gern um die Preise feilschte, lässt sich Schwind folgendermaßen hören (unterm 6. März 1853): Unser allergnädigster König Ludwig, der für allen und jeden Plunder Geld hat, mir möchte er für so ein gewaltiges Stück Arbeit wie das Aschenbrödel so viel geben wie für den nächsten besten belgischen Fetzen, von dem es zweifelhaft ist, ob es eine Landschaft oder eine Ofentür ist. „Da werden Sie keinen Käufer bekommen, Liebster, Bester!", das waren die aufmunternden Worte, mit denen er mich verließ. Glücklicherweise bin ich das alles so gewohnt, dass ich meine Pfeife wieder anzündete und weitermalte. Die Mühe ist groß, aber das Schwerste ist geschehen. Die Ausführung rutscht wie auf der Eisenbahn. Bis Ende Mai kann's überstanden sein.
Erst nachdem sich Schwind am Starnberger See in Niederpöcking im Sommer 1855 ein Häuschen erbaut, ergab er sich darein, sich „für einen Bayern anzusehen". „Ich habe mich lange genug gewehrt", meinte er. Schließlich fasst er in einem Brief vom 12. November 1860 sein Urteil über München in die Worte zusammen:
In München lebt sich's gut — man wird etwas landpomeranzig, wie ich jedesmal bemerken kann, wenn ich mit einem ordentlichen Wiener zusammenkomme, aber man ist mit allen Leuten auf gutem Fuß. Mit dem König, mit Soldaten, Lutheranern, endlich auch mit der Polizei und mit den Gendarmen selbst. Ich komme auch mit Geibel und Sybel und denen gut aus. Bodenstedt ist sogar ein sehr angenehmer Mann und der hübsche Heyse: für einen Berliner ganz charmant. Ungesellig geht es zu, woran ich vielleicht selbst schuld bin. Wenn es nicht ganz nach meinem Gusto geht, so tue ich lieber gar nicht mit. Worüber ein trauriges Lied zu singen.
Moritz von Schwind (1804—1871) malte in München seine schönsten und reifsten Bilder, besonders seine prächtigen lyrischen „Reisebilder", deren Mehrzahl der Graf Schack erwarb und in seiner berühmten Galerie, über deren Entstehen später noch ausführlicher berichtet wird, vereinigte. Muther meinte, an keinem Ort der Welt könne man Schwind andächtiger genießen als in der Schackgalerie.
Friedrich von Gärtner (1792—1847) war neben Klenze Ludwigs I. bevorzugter Architekt, der Schöpfer der Ludwigskirche, der Feldherrnhalle, der Bauten der Ludwigstraße. Seine Verdienste als Akademiedirektor (seit 1842) waren beträchtlich. Am 21. April 1847 starb er.
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Justus von Liebig und sein Haus
Luise von Kobell schreibt in ihrem Buche „Anter den vier ersten Königen Bayerns": Eine neue Errungenschaft waren die durch Liebig eingeführten Vorlesungen, wie aus Folgendem ersichtlich ist: Einladungen zu den Vorträgen, welche während der Fasten 1853 im neuen chemischen Laboratoriunr gehalten werden. München, 9. Februar 1853.
Programm der Vorträge: 1. Den 12. Februar: Aber die Natur der Flamme. Professor Or. Justus Freiherr von Liebig. 2. Den 15. Februar: Faust auf der Bühne. Loftheaterintendant Or. Franz Dingelstedt. 3. Den 19. Februar: Aber den Kohlenstoff und die Kohlensäure. Professor vr. Justus Freiherr von Liebig. 4. Den 22. Februar: Aber Gold und Eisen. Professor Or. Franz Ritter von Kobell. 5. Den 26. Februar: Aber die Natur der Gase. Professor vr. Justus Freiherr von Liebig. 6. Den 1.März:Äber die germanischen Volkslieder. Geheimer Legationsrat Wilhelm von Dön-niges. 7. Den 5. März: Organisches Bruchstück aus dem erzählenden Gedichte Julian. Professor vr. Emanuel von Geibel. 8. Den 8. März: Aber die äginetischell Bildsäulen der Glyptothek. Geheimer Rat Professor vr. Friedrich von Thiersch.
Diese Vorträge im „Liebigschen Äörsaal" wiederholten sich nun Jahr für Jahr.
Nach der Vorlesung forderte Frau von Liebig einige Bekannte auf, bei ihr Tee zu trinken, und so nahm auch ich oft an diesen anregenden kleinen Gesellschaften teil.
Äerr von Liebig ergänzte seinen vorher gehaltenen Vortrag, indem er Fragen und Einwendungen seiner Gäste beantwortete. Er beherrschte nicht nur seine Wissenschaft, sondern er besaß auch die Gewandtheit, seine Gedanken so klar auszudrücken, daß man mit ihm als Führer freudig in dem Wunderlande der Naturgesetze umherging und sich vertraut damit machte. Bisweilen entstand eine gelehrte Diskussion mit Jolly, Pettenkofer, Bischoff, meinem Vater, welcher zu folgen anziehend war. Wollte Dönniges dem naturwissenschaftlichen Gespräche ein Ende machen, so rief er eine literarische Bemerkung dazwischen, die der Anterhaltung eine andere Richtung gab. Einmal erklärte er inmitten der Erörterungen über Bodenbeschaffenheit, das Thema langweile die Damen, Carriere möge doch einen Vortrag über den Apollosaal halten. Es entstand ein allgemeines Gelächter, eingedenk des Streiches, den Dönniges vor kurzem der Gesellschaft gespielt hatte. In Gegenwart mehrerer Mitglieder der „Fremdenkolonie" hatte man den im Gasthaus „Zum grünen Baum" befindlichen Apollosaal erwähnt, den König Ludwig I., wie es hieß, hin und wieder mit seinem Besuch beehrte. „Apollosaal I Den müssen wir ansehen!" ertönte es von allen Seiten. Dönniges, der nicht gern die Gelegenheit zu einem Scherze versäumte, pries die Merkwürdigkeiten dieses Saales und lud die Lerren mit ihren Damen zu einem Picknick dort-selbst ein. Zur ausgemachten Zeit — es war gerade das schlechteste Regenwetter — trafen alle vor dem an der Isar gelegenen „grünen Baum" ein, wo fie Dönniges feierlich empfing. Die Ermattung war groß und die Enttäuschung noch größer, als die Gesellschaft in ein kleines, rot angestrichenes Zimmer gepfercht wurde, in dem eine unansehnliche Gipsstatue des Apollo stand. Die einen lachten, die anderen ärgerten sich; Dönniges lächelte hämisch, aber schließlich endete durch Frau Lihelsbergers Kochkunst doch alles in Wohlgefallen, und der Apollosaal kam, wenn auch nicht durch seinen Apollo, so durch das berühmte Knödelragout auch bei den „Berufenen" fortan zu Ehren.
Drei-, viermal in der Woche hatte Liebig seine Whistpartie, und die mit ihm droschen, wie er das Spielen nannte, erzählten von seinem Fleiß und Eifer dabei. Beim Abendessen, bei welchem seine Frau und Töchter den Vorsitz führten, bot er stets seinen Gästen nebst ausländischen Raritäten die besten Weine aus seinem Keller an. Diners gaben Liebigs in Äülle und Fülle, und air Tanzgesellschafterr mangelte es auch nicht. Ihre Geselligkeit war so groß, daß Baron Völderndorff mit mir wettete, sie würden es gar nicht merken, ob eurer eingeladen oder uneingeladen zu Tisch käme. And so begab er sich, ohne eingeladeir zu sein, an einen: Sonntag etwas vor zwei Ahr zu Liebigs. Sie begrüßten ihn freundlichst und unterhielten sich mit ihm und den anwesenden Gästen, bis der Diener das wichtige Wort sprach: „Angerichtet". Beim Setzen fehlte natürlich ein Stuhl und eilt Kouvert, es wurde sofort ohne weiteres Aufsehen herbeigeholt, und das Diner ging lustig vonstatten. Beim Champagner erhob sich Völderndorff, brachte einen Toast auf die Gastfreundschaft aus und bekannte sich zu allgemeiner Heiterkeit als Eindringling. Er hatte seine Wette gewonnen.
Zur Zeit der Industrie- uird Kunstausstellung in: Jahre 1854 waren am Freitag die Gesellschaftsräume des großen Chemikers der Tummelplatz und das Stelldichein für die Vertreter der verschiedensten Nationen. In: Salon mit der Riesenpalme, die an das Oberlichtfenster streifte, schwirrten alle Sprachen wie beim babylonischen Turmbau, nur verstanden sich hier die Leute und waren im großen und ganzen verwandte Geisteskinder. In der Kleidung herrschte die größte Verschiedenheit; man durfte in Straßen--, Reise-- oder Balltoilette erscheinen, wie man wollte. Einige Damen rauschten in Samt oder Seide einher, und seltsam nahm sich neben ihnen ein Tiroler in der Joppe aus. Er wurde sogar sehr umflattert; es war der berühmte Bildhauer Gasser aus Wien. Eingedenk seiner Abkunft wollte er seiner Tiroler Tracht treu bleiben, und selbst der Kaiser von Österreich fügte sich in diese Sonderbarkeit, wenn er den Künstler bei sich sah.
Eines Freitags ließ sich ein ausgezeichneter Klavierspieler hören. Alles lauschte den melodischen Tönen und spendete dann begeisterten Beifall. „Luischen", sagte Lerr von Liebig zu mir, „wissen Sie, wer dieser Virtuos ist?" „Nein, aber ich will sogleich Ihre Frau Gemahlin sragen." „Sie hat eben mich geftagt, und niemand kennt ihn von unserer Familie. Ach, da ist Edmund und seine Schwester, die kennen ihn vielleicht." Die Bezeichneten waren Mr. und Miß Musprat, ein liebenswürdiges Geschwisier--paar, das bei Liebigs auf Besuch war. Allein auch sie kannten den in Frage Stehenden nicht, und Liebig hat dessen Namen nie erfahren. Der Fall, daß Eingeführte wegen Äberfüllung nicht vorgestellt werden konnten, hat sich wiederholt ereignet.
Obgleich die geistigen Genüsse an diesen Freitagsgesellschaften die materiellen überwogen, so beschäftigten die Vorbereitungen zu den letzteren doch stets einige fleißige Lände. Da wir ganz nahe bei Liebigs wohnten, halfen meine Schwestern und ich der schönen Agnes Carriere und Johanna, späterer Gemahlin des Professors Karl Thiersch, (Mariechen war noch im Flügelkleide), das Zuckerwerk usw. für den „jour fixe" zu ordnen. Eines Vormittags besuchte uns Lerr von Liebig inmitten dieser Arbeit und erzählte lustig gelaunt: „Leute abend kommt ein Nabob, der heiraten will. Ich werde ihn jeder von euch vorstellen, und wenn er einer gefällt, so möge sie mir's sagen, dann kann man sich verständigen und bald Lochzeit feiern. Denn daß jede von euch dem Nabob gefällt, weiß ich im voraus." Wir lachten alle, und, wie versprochen, stellte Liebig jeder den Nabob vor. Dieser hatte rabenschwarzes Laar und funkelnde Augen, die er unheimlich hin- und herrollte, einen großen Diamant in seiner Vorstecknadel und einen großen Diamant an einem Fingerring. Er sprach englisch und zeigte dabei seine Zähne, als ob er beißen wollte. Ich sagte Lerrn von Liebig nichts von einem Leiratswunsche, und die anderen taten das Gleiche. Wir alle heirateten eines Tages, aber einen Nabob hat jede verscherzt.
Philipp von Jolly (1809—1884) berühmter Physiker, war seit 1854 Universitätsprofessor in München. Seine Hauptarbeit bewegte sich auf dem Gebiet der Erforschung des Wesens der Gase; sein bedeutendstes Werk erschien 1857 unter dem Titel „Über die Physik der Molekularkräfte".
Theodor Ludwig Wilhelm Bischoff (1807—1882), Anatom und Physiolog, wurde 1855 an die Münchner Universität berufen.
HanS Gasser (1817—1868) lebte 1842—1847 in München, wo er sich haupffächlich an Schwanthaler anschloß. Nach Wien zurückgekehrt, schuf er mehrere öffentliche Denkmäler und zahlreiche ausgezeichnete Porträtplastiken.
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Die Symposien
Als die Cholera, die im Sommer des für München so ereignisreichen und bedeutungsvollen Jahres 1854 die Festlichkeiten und Gesellschaften jäh zerstört hatte, erloschen war, nahm die Geselligkeit wieder Besch von der Stadt. Die „Berufenen" trafen sich wieder, und der König lud zum ersten seiner berühmten „Symposien" ein. Paul Leyse erzählt in seinen „Iugenderinnerungen und Bekenntnissen" über diese Zusammenkünfte:
Am 4. Dezember des Jahres 1854 fand das erste Symposion statt, an dem ich teilnahm. Man wurde regelmäßig erst am Morgen oder Mittag zu diesen Abenden eingeladen und hatte im Frack und schwarzer Krawatte zu erscheinen. Oben in dem Vorzimmer der sogenannten Grünen Galerie nahmen einem die Lakaien den Mantel ab; man trat in den Billardsaal, der nur schwach erleuchtet war, dann empfing uns in dem nächsten, hohen, weiten Gemach der diensttuende Adjutant oder der Losmarschall Baron von Zoller, ein liebenswürdiger Lerr von der schlichtesten Löslichkeit, der uns allen sehr wert wurde. In meinem sonst lakonischen Tagebuch finde ich über dieses erste Symposion ausführlich berichtet. Neben Baron von Zoller machten von der Tann als Generaladjutant und Baron Leonrod die Lonneurs; bei den ferneren Abenden erschienen abwechselnd auch die Adjutanten Graf Pappenheim, Baron Struntz, General von Spruner und Gras Ricciardelli, letzterer ein mir besonders sympathischer Italiener, großer Jäger vor dem Lerrn, dessen braunes Gesicht und schwarze Augen unter dem grauen Laarschopf aus den ersten Blick seine südliche Ler-kunft verrieten. Er kam mir sogleich aufs wohlwollendste entgegen. Aber auch die anderen Lerren aus der nächsten Umgebung des Königs beflissen sich der größten gentilezza uns Nrcht-Bayern gegenüber, und nur lernten in ihnen Männer kennen, deren Bildung und Talente und geistige Interessen es begreiflich machten, daß der König gerade sie zu seinen Adjutanten gewählt hatte.
An diesem ersten Abende waren außer den Erwähnten nur noch Graf Rechberg, Dönniges, Liebig und wir drei Poeten geladen. Als wir alle versammelt waren, erschien der König und begrüßte jeden einzelnen mit seiner gewinnenden Freundlichkeit. Er fragte mich, was ich eben arbeitete; ich erzählte von dem Trauerspiel „Die Pfälzer in Irland", das ich nach V. A. Lubers „Skizzen aus Irland" schon in Berlin entworfen hatte und soeben zu einem richtigen Theaterstück auszuarbeiten im Begriff war. Darauf setzte man sich an den langen, ovalen Tisch, über den eine einfache grüne Decke gebreitet war; Bier in kleinen Gläsern und Sandwiches wurden herumgereicht, und der König, der kein Raucher war und fast immer an Kopfschmerzen litt, zündete eine von den Zigarren an, die mitten auf dem Tische standen, und tat ein paar Züge daraus, nur um seine Gäste einzuladen, seinem Beispiel zu folgen.
Damals war gerade der „Fechter von Ravenna" das Tagesgespräch, und Boden-stedt, dem es an jedem kritischen Organ gebrach, fing auch hier an, davon zu reden, ich weiß nicht mehr, in welchem Sinne. Rur das finde ich ausgezeichnet, daß Geibel ihm heftig widersprach — ein Vorfall, der sich bei Geibels Geringschätzung Boden-stedts und dessen Neigung, sich hervorzutun, nur allzuoft wiederholen sollte. Liebig erwähnte dann Geibels Komödie „Meister Andrea", die der König kennenzulernen wünschte, und deren Vorlesung sür den nächsten Abend bestimmt wurde. Von mir war soeben der „Meleager" erschienen, dessen Expositionsszene und Schluß ich nun vorlesen mußte, nachdem ich den Mythus erzählt hatte. Ein ästhetisches Gespräch schloß sich an, das wieder durch Bodenstedts redselige Gemeinplätze unerquicklich wurde und zuletzt sich nach dem Kaukasus verlor.
Am zehn Ahr brach der König auf, nachdem er mir noch fteundliche Worte gesagt hatte; wir aber blieben noch bei einem einfachen Souper eine Stunde lang beisammen.
Die nächsten Symposien folgten einander in kurzen Zwischenräumen weniger Tage. Der König schien großes Gefallen daran zu finden und brachte immer neue Fragen aufs Tapet, über die er zunächst den gerade Sachverständigsten unter uns zu hören wünschte. Doch verliefen die späteren Abende nicht ganz wie die ersten. Mehr und mehr wurde es Brauch, daß in der ersten Stunde ein wissenschaftliches Thema aus den verschiedensten Gebieten durchgesprochen wurde, ein naturwissenschaftliches, wie über Parthenogenesis (Siebold), Ebbe und Flut, Elektrizität oder die Entstehung des Sonnensystems, (von Jolly, zuweilen mit Experimenten illustriert), Chemie (Liebig), Mineralogie (Kobell), ästhetische und literarhistorische, dann vorwiegend soziale und völkerpsychologische Probleme. Hierauf erhob sich der König und ging in das Billardzimmer voran, wo eine Partie Boule gespielt wurde, während deren er einen oder den anderen in eine Fensternische zog und mit ihm besprach, was im Augenblick ihn beschäftigte, etwa über schwebende Besetzungsftagen von Lehrstühlen an Aniversität und Polytechnikum Liebigs Meinung zu hören wünschte oder über das Ausschreiben eines Wettbewerbs um das beste Drama mit Geibel sich beriet. War dies beendet, so verfügte man sich wieder an den langen Tisch, und nun hatten die Dichter das Wort, die sorgen mußten, daß immer etwas zum Vorlesen bereit war.
So verklang der Abend nach manchen, ost stürmischen Debatten tönereich und harmonisch, und man blieb, wenn die Majestät sich zurückgezogen hatte, in heiterer Stimmung beisammen. Einmal war Liebig, der eine feine Weinzunge hatte, darauf gekommen, daß mail uns Elfer zu trinkeir gab, mrd Baron Zoller erklärte, es fei noch ein großer Vorrat dieses berühmten Jahrgangs im Keller, der allen anderen zu herb erschien und von jetzt an nur den Synrposiasten gewidmet sein sollte.
Was diesen Abenden aber einen besonderen Reiz und Wert verlieh, war die unbedingte Redesteiheit, die zuweilen sogar in sehr unhöfischem Maße an die Grenze des Zanks sich verirrte. Latte man in der Litze des Gefechts dann vergessen, daß die Gegenwart des Kölligs doch einige Rücksicht erheischte, und hielt plötzlich inne mit einer Entschuldigung, daß man sich zu weit habe sortreißen lassen, so bemerkte der König mit freundlichem Lächeln: „Ich bitte, sich ja keinen Zwang anzutun. Ich habe nichts lieber, als wenn die Geister aufeinanderplatzen." Für den Wahrheitstrieb des Fürsten kann ich kein schlagenderes Beispiel angeben als jenes Symposion vom 21. April 1855, zu welchem alle bedeutenden Architekten Münchens geladen waren, um sich über den Lieblingsgedanken des Königs, ob ein neuer Baustil zu schaffen sei, steimütig zu äußern. Der Gedanke entsprang dem Wunsch, nicht ferner, wie König Ludwig getan, Bauwerke der verschiedensten Zeiten und Stile zu kopieren uild sich eigener Erfindung zu enthalten, sondern es womöglich mit völlig neuen Formen zu versuchen. Daß kein Fürst der Welt eigenmächtig in die Entwicklung dieser so eminent volkstümlichen, aus notwendigen Kulturbedingungen hervorsprießenden Kunst eingreifen könne, war dem Könige nicht aufgegangen. Er hoffte, durch seinen guten Willen und eine reiche Belohnung einem schöpferischen Genius auf einen neuen Weg verhelfen zu können.
Run gereichte es ebensowohl ihm selbst wie den Männern, die er befragte, zur Ehre, daß nicht ein einziger darunter war, der dem königlichen Wahn zu schmeicheln suchte, vielmehr einer nach dem andern die Anmöglichkeit eures aus dem Boden gestampften neuen Baustils nachwies. Der König hörte jeden mit gespannter Aufmerksamkeit an, ohne eure Äußerung der Angeduld oder des Anmuts, und dankte schließlich dem ganzen Kreise für die Offenheit, mit der man sich ausgesprochen.
In der Sache freilich wurde dadurch nichts geändert. Der Bau der Maximilian-straße und des Maximilianeums wurde fortgesetzt. Denn allerdings war König Max kein Mann der Tat, sondern beschaulicher Betrachtung, und manchmal kam die theoretische Erkenntnis zu spät, wenn ein praktischer Schritt nicht mehr zurückgetan werden konnte. In der ersten Lälfte des Jahres 1856 war das Interesse des Königs so sehr von verschiedenen Fragen in Anspruch genommen, daß vom 7. Januar bis zum 20. Juni nicht weniger als 43 Symposien stattfanden. Die Themata waren mannigfaltig; hauptsächlich kanien die politischen Zeitströmungen, die Volksstim-mungen in Spanien, Italien, England und Amerika, die kirchlichen Zustände in Frankreich und Amerika zur Sprache, dazwischen eine Übersicht über die moderne Geschichtschreibung, dann wieder Chemie und Physiologie. Als es dann tiefer in den Sommer hineinging, wurden die Symposiasten nach Nymphenburg geladen, in die reizenden Nokokosäle der Amalienburg und Badenburg, wo man, wenn man nicht gerade das Protokoll zu führen hatte, die Augen zu der offenen Flügeltür hinaus über den kleinen See schweifen lassen und sich an der glänzenden Sternennacht erquicken konnte. In ähnlich raschem Tempo wurden die Symposien nie wieder abgehalten, doch dauerten sie, gewöhnlich einmal wöchentlich, bis an den Tod des Königs fort, nur während des italienischen Krieges 1859 einen Monat lang unterbrochen, da der Bürgermeister dem König vorgestellt hatte, dieser fortgesetzte Verkehr mit den Fremden und Protestanten mache ihn unpopulär. Der sonst so mutige Fürst, der aber „Frieden haben wollte mit seinem Volk", gehorchte einer Anwandlung von Schwäche, da er die Gefahren der Weltlage überschätzte, und ließ auch andere Pläne und Bewilligungen an Gelehrte und Schriftsteller fallen, um sie dann nach dem Friedensschluß doch wieder aufzunehmen.
Er hatte auch sonst sich bemüht, die Bevorzugung der Berufenen sich von seinem Volke verzeihen zu lassen, indem er einheimische Gelehrte hin und wieder zu den Symposien hinzuzog: den alten Ringseis, Lasaulx, Döllinger, Pettenkofer, Dollmann, Lamont, Voigt, Seidl, Schashäutl, von Künstlern gelegentlich Ziebland, Piloty, Kaulbach, Ph. Foltz und andere. Zuweilen erschien auch ein notabler durchreisender Gast, so an einem der Nymphenburger Abende der Großherzog von Mecklenburg, früher schon Fürst Pückler und Andersen; am 31. März 1859 ein ganzer Kreis illustrer Gäste zu Ehren der Säkularfeier der Akademie, darunter Äelmholtz, Wöhler, Lepsius, Rudolf Wagner, Ehrenberg, Eisenlohr, wo es mehrere Stunden lang hochgelehrt zuging, da Lelmholtz über Klangfarbe, Wöhler über organische Elemente in Meteorsteinen, Lepsius über Pyramiden sprach. Gegen seine Gewohnheit blieb dann der König auch beim Souper, dem, statt unseres herben Elfers, der Champagner einen festlichen Charakter gab.
In ähnlicher Weise wurden bei Gelegenheit der Gründung der historischen Kommission die Historiker gefeiert. Sybel hatte schon seit seiner Berufung regelmäßig an den Symposien teilgenommen. Nun erschienen am 6. Oktober 1860 auch die fremden Größen im königlichen Schloß, voran des Königs hochverehrter Lehrer Leopold von Ranke, mit ihm Waitz, Pertz, Lappenberg, Legel, Wegele und von den in München Ansässigen Cornelius und Föhringer. Außerdem waren Dönniges, Liebig, Dollmann, Löher und die Poeten geladen, und der Abend gestaltete sich zu einem heiteren Fest, bei dem zuletzt Ranke einen Trinkspruch ausbrachte. Zum Schluß rief er das echt bayerische Pfüet (Behüt') Gott!, das er als „Führ' Gott!" verstanden hatte, der neuen Gründung des Königs zu und mußte ßch von Dönniges seines Irrtums belehren lassen. Noch eines Gastes will ich hier gedenken, ehe ich den Bericht über diese denkwürdige Tafelrunde beschließe. Gegen Ende Februar des Jahres 1859 war Fontane nach München gekommen. Geibel hatte auch ihn für uns zu gewirmen gesucht, und auch Dönniges war lebhaft dafür gewesen. Ich hatte bei eurem der Symposien (am 14. März) von seinen Balladen und „Männern und Lelden" vorgelesen und großen Beifall auch beim König damit geerntet. Er gewährte dann unserem Freunde am 19. März eine Audienz und ließ ihn zu dem Symposion am 24. März laden. Lier las Fontane unter anderem dem anwesenden von der Tann das Gedicht vor, das er in der Zeit, da dieser in Schleswig-Äolstein sich die ersten Lorbeeren geholt, aus ihn gedichtet hatte (Lurrah, Lurrahl von der Tann ist da). Seine Poesie und seine Person erweckten die wärmste Sympathie von allen Seiten. Weshalb es trotzdem zu einer Berufung nicht gekommen ist, die übrigens dem eingefleischten Märker auf die Länge schwerlich behagt haben würde, vermag ich nicht zu sagen.
Der erwähnte Adjutant des Königs, Ludwig Freiherr von der Tann-Rathsamhausen (1815—1881), hat sich im Kriege 1870/71 als Heerführer und Kommandeur des 1. bayerischen Armeekorps hervorgetan; er hat die Siege bei Wörth und Beaumont erfochten und in der Schlacht bei Sedan entscheidend mitgekämpft.
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Tee-Abende bei der Königin Marie
Anderer Art als die Symposien beim König waren die „poetischen" Teeabende bei der Könin Marie; indessen wurden auch sie von des Königs „Symposiasten" bestritten. Paul Leyse plaudert darüber in seinen „Iugenderinnerungen und Bekenntnissen" :
Neben den Symposien wurden Geibel und ich zuweilen zu den Teeabenden der Königin geladen, wo auch der König erschien, da er gern häufiger etwas Poetisches von uns vorlesen zu hören wünschte.
Es war immer nur ein kleiner Kreis: außer der Obersthofmeisterin Frau von Pille-mand, einer ganz verwitterten, kleinen, alten Dame, die Platens erste und einzige Liebe gewesen sein sollte, die schöne Gräfin Charlotte Fugger und Fräulein von Redwitz, die zweite, ebenfalls sehr anmutige Losdame, gewöhnlich von der Tann mit seiner Gemahlin, der Äofmarschall Baron Zoller und eine sehr gescheite, unverheiratete Dame, Fräulein von Küster, Tochter eines früheren preußischen Gesandten in München, die der jungen Kronprinzessin nach ihrer Ankunft in München attachiert worden war, um die noch sehr kindliche Bildung der reizenden jungen Frau ein wenig zu vervollkommnen. (Sie hatte dabei gewisse sittliche Rücksichten zu nehmen, deren man sonst gegenüber jungen Frauen überhoben zu sein pflegt. So erzählte man, es sei ihr zur Pflicht gemacht worden, beim Vorlesen von Romanen und Novellen das Wort „Liebe" stets durch „Freundschaft" zu ersetzen.)
Trotz alles Bemühens aber war es nicht gelungen, der Königin Interesse an Literatur und Poesie einzuflößen. Ihr war nur wohl im leichtesten Geplauder und besonders in der freien Luft des Gebirges, das sie unermüdlich nach allen Richtungen zu durchstreifen liebte. Auch am Theater sand sie keinen Geschmack und sah, wenn sie doch einmal mit dem Könige in ihrer Proszeniumsloge erschien, lieber ins Publikum als auf die Bühne.
Jene Tee-Abende, an denen gelesen wurde, erfreuten sich daher nicht ihrer Gunst; sie fügte sich eben nur dem Wunsche des Königs und pflegte während der Vorlesung in Photographiealbums zu blättern. Zuweilen flüsterte sie dabei der neben ihr sitzenden Dame ein Wort zu, einmal so laut, daß Geibel das Buch, aus dem er gelesen, auf den Tisch legte und nut finsterem Stirnrunzeln verstümmle.
Der König, auf das peinlichste berührt, warf seiner Gemahlin einen unwilligen Blick zu und lud dann Geibel mit einer huldvollen Landbewegung ein, fortzufahren.
Ich selbst durste mir einen ähnlichen Protest gegen einen Mangel an Respekt vor der Würde der Poesie nicht erlauben, sondern erhob nur die Stimme ein wenig stärker, wenn ich das Flüstern vom Sopha her vernahm. Abrigens waren diese kleinen Gesellschaften sehr behaglich, der König gewöhnlich besonders gütig, die Damen dankbar dafür, die allabendliche, ziemlich einförmige Konversation einmal durch etwas Poetisches unterbrochen zu sehen.
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Die Krokodile
Waren die „Symposien" von höfischen Rücksichten nicht frei und keineswegs geeignet, den „Berufenen" und denen, die sich zu ihnen bekannten, die Möglichkeit künstlerischen Auslebens zu geben, so vermochten diese das um so mehr in der Dichtergesellschaft der „Krokodile". Felix Dahn schreibt in seinen „Erinnerungen" über diese wichtige Künstlergesellschaft des älteren Münchens:
Die „Krokodile"! Wer waren diese vielbesprochenen Angetüme?
Es waren jene Dichter und Schriftsteller, welche damals meist aus Nicht-Bayern und Norddeutschen, aber auch aus einigen Bayern und anderen Süddeutschen Geibel um sich geschart hatte. Der Name, der mir nie recht geistvoll gewählt vorkam, war daraus entstanden, daß ein willkürlich ersonnener, schöntöniger mit Recht vermieden und ein „erlebter" angenommen werden sollte, aus irgendeinem Geschehnis in unserem Kreise. Ein solches ließ aber auf sich warten. Da siel es einmal bei einer solchen Zusammenkunft Geibel ein, daß er wie Lermann Lingg das Krokodil in Gedichten verherrlicht hatte, und dieses Zusammentreffen unserer beiden ältesten Läupter mußte nun genügen, uns den Namen abzugeben. Ich fand das ein wenig frostig und ge-zwungen, wie überhaupt die Art des Lumors in unserem Verband mir am wenigsten behagte: ich war an den süddeutschen Lumor und Witz von Scheffel, Steub, Kobell, Schleich, Kaspar Braun, Ille gewöhnt.
Die übrigen Krokodile, nach Geibel, waren nun der von diesem erst „entdeckte", unvergleichliche Äermann Lingg, der geniale Dichter der „Völkerwanderung". Es ist bezeichnend — und tief beschämend! — für die damaligen literarischen Zustände an der Isar, daß wirklich erst ein Mann aus Lübeck kommen mußte, um einen: der allerersten deutschen Lyriker, zumal lyrischen Epiker, dazu zu verhelfen, gedruckt und gekannt zu werden. Dies Verdienst ist Geibel nicht hoch genug anzurechnen. Dann Paul Äeyse, Bodenstedt-Mirza Schaffy, der immer steundliche; ferner Moritz Carriere, dessen milde, wohlwollende Art sich redlich bemühte, etwa im Bunde mit seinem Freunde Melchior Meyr, die Schroffheit des Gegensatzes zu den Eingeborenen zu mildern, auch Zwiste, die unter den Krokodilen selbst nicht eben selten ausbrachen, zu schlichten.
An Carriere reihe ich den ihm so nahestehenden Melchior Meyr, diesen prächtigen Schwaben aus dem Nies, mit allen guten Eigenschaften und Vorzügen seines Stammes : mit der starken Neigung zu der ein bischen mystisch angehauchten Spekulation, die ein wenig mehr pantheistisch als die Lehre Carrieres, aber doch theistisch sein wollte, mit seinem tiefen, verhaltenen Gemüt, mit dem trockenen Lumor. Gemüt, Äumor und liebevollste Versenkung in Land und Leute machen seine „Geschichten aus dem Ries" zu wahren Perlen, mit denen seine ein wenig hausbackenen Dramen („Agnes Bernauer" und „Karl der Kühne") sich so wenig vergleichen mochten, wie sein politischer Roman „Vier Deutsche". Der Vortreffliche, es ging ihm schlecht oder doch knapp sein ganzes arbeitsreiches Leben hindurch, ward doch nicht verbittert und nicht neidisch auf— oft unverdiente — Erfolge gewandterer Wettbewerber. Ans verknüpfte am innigsten der gemeinsame Zug der Philosophie.
Der dritte Philosoph im Bunde war Adolf Zeising, der Entdecker des Schönheitsgesetzes vom goldenen Schnitt, wonach im menschlichen, in den griechischen Statuen und an anderen Erscheinungen das unseren Sinnen Wohlgefälligste ein Verhältnis sei, in welchem der kleinere Teil zum größeren sich verhalte wie der größere zum Ganzen (also z. B. 2: 4:8). Dieses Gesetz, übrigens schon früher angedeutet, wird ja neuerdings scharf angefochten. Sein Entdecker verstand es aber sinnig zu verteidigen und durch viele Beispiele zu erläutern; er war einer der wenigen, die ausgenommen wurden, obgleich sie Verse gar nicht oder nur zum Scherze machten, wie Zeising in solchen mit liebenswürdiger Selbstironie sein eigen Gesetz belächelte; es war belehrend und anregend, mit dem Klugen zu streiten.
Andere nicht dichtende Krokodile waren von Lützow, der Kunsthistoriker, später Professor in Wien, und der Freiherr Robert von Äornstein, ebenfalls ein echter, höchst liebenswürdiger Alamanne, der eine hervorragende Gabe besaß, das für das einzelne Stück bezeichnendst Dichterische in seinen melodischen Weisen darzustellen; ich, ohne musikalische Bildung, vermag das nicht geschickter zu sagen. Seine Technik ward zuweilen angestritten, aber ich muß sagen: treffender als er hat kein Musiker, was ich in meinen Balladen und Romanzen dichterisch zum Ausdruck bringen wollte, musikalisch zum Ausdruck gebracht, so in seinen Kompositionen meiner Gedichte: Gesang der Legionen, Tejas Todesgesang, Klagelieder der Mauren vor Granada, Lied des Kreuzfahrers,Lied RobinLoods, Romanze von Richard Löwenherz und anderermehr.
Eingeführt war Äornstein worden durch seinen Stammesgenossen Wilhelm Äertz, der mir unter allen Krokodilen — Scheffel tauchte nur ein- oder zweimal in dem heiligen Teich auf — im Äerzen und in der Dichtungsweise, in der zugleich auf Forschung und Poesie gerichteten Neigung (und auch in manchen Abneigungen) am nächsten stand. Wir wurden aus fröhlichen Gesellen ernste treue Freunde fürs Leben. Seine viel zu wenig gekannte Dichtung „Lancelot und Ginevra" (ich glaube, sie ist auch noch in erster Auflage zu haben) ist das Allerschönste, was ich in dieser Art von poetischer Erzählung kenne. Manch guten Trunk und manch guten alamannisch-baju-warischen Scherz haben wir geteilt.
Auch der wahrhaft goldtreue Julius Grosse ward mir gar lieb; als Generalsekretär unserer Schillerstiftung bewährt er eine Gewissenhaftigkeit, Pflichttreue, Einsicht und Lerzensgüte, von der jene Leute keine Vorstellung haben, welche ihn und uns Vorstandsmitglieder deshalb schmähen, weil wir nicht allen helfen können, die es zu verdienen meinten und ost auch wirklich verdienen oder doch dringend brauchen können. Grosse hatte viele Jahre eine dornige Aufgabe: in der Münchener „Bayerischen Zeitung" die Neuigkeiten der Bühne, auch der Literatur und der Malerei zu besprechen — unfehlbar war auch er nicht, aber unbestechlich und uneinschüchterlich und grundehrlich. Auch dieser echte Dichter hat — vielleicht auch, weil er die Reklame nicht wie andere versteht—im Leben viel weniger Lorbeer und Gold geerntet, als er verdient.
Eine stille, in sich gekehrte, sinnige Natur war Or. Lichtenstein, lange Zeit Lehrer der Literaturgeschichte an dem Ascherschen Mädcheninstitut. Donnerwetter! Das war ein großer Schweiger, trotz Moltke. An den allermeisten Abenden tat er den Mund nicht auf. Gegen ihn war der stille Lingg ein Schwäher! Sprach er einmal — alle lauschten dann, als ob eine Schildkröte plötzlich die Gabe der Rede gewonnen —, so waren's kurze, epigrammatische, scharf zugespitzte und sicher gezielte Worte: seine „Sprüche" sind spärlich, aber trefflich.
Ferner ist zu nennen Bernhard Äofmann, mein Schulkamerad vom Gymnasium her: bei nicht eben mächtig sprudelnder Ader zeichnete seine Dichtung sich durch musterhafte, fein geglättete Form aus: „Du Platenide!" donnerte ihn einmal Lein-rich Leuthold an, als ob das ein Scheltwort wäre.
Äeinrich Leuthold, der Schweizer! Viel wäre über ihn zu sagen. Jedenfalls war er selbst ein eifriger, erfolggekrönter Schüler Platens, wie Rückerts und Geibels. Leuthold war ein ganz hervorragender Lyriker und ein Formtalent allerersten Ranges, wie, außer seinen eigenen Gedichten, seine mit Geibel zusammen unternommenen Übertragungen aus dem Französischen aufs glänzendste dartun. Leider gelangte er nie dazu, neben der Lyrik seine Kraft einmal an einer größeren — epischen oder dramatischen Aufgabe zusammengefaßt zu erproben: Bruchstücke seines epischen Gedichtes Penthesilea, welche er mir vorlas, enthalten unvergleichliche Schönheiten. Viel Kraft und Zeit nahm ihm die Sorge für den täglichen Lebensunterhalt in Anspruch: er war lange Leiter der „Süddeutschen Zeitung" in München, welche unter Karl Brater mutig und scharf den Gedanken der „Gothaer Partei", des Nationalvereins, vertrat. Vieles in seiner Art stand so weit von der meinen ab, wie etwa seine hünenhafte Landsknechtsgestalt von meiner Leiblichkeit. Auch war der Mißtrauische unschön gegen mich eingenommen worden, so daß es anfangs an scharfen Zusammenstößen zwischen uns nicht fehlte. Aber in der Folge sah er seinen Irrtum ein, erklärte mir das mit ergreifender Offenheit und Wärme, und wir wurden nun ganz gute Kameraden. Gar oft hab' ich ihm, fehlte es ihm für sein Feuilleton an Stoff, in aller Geschwindigkeit eine Besprechung irgendeines Buches geschrieben; Besseres von mir sparte er dann wohl pour la bonne bouche, wie er sagte. Schon damals traten nicht selten Anzeichen der Krankheit auf, die später diesen reichen, kraftvollen Geist umnachten sollte, auch in plötzlichen Wutausbrüchen ohne greifbareir Anlaß. In nachmitternächtiger Stunde, bei einem unserer Stiftungsfeste, gelang es mir einmal nur mit alleräußerster Anstrengung, den Riesenstarken, dem der Schaum des Zorns auf dem Munde stand, von einem ungleich schwächeren Gegner loszumachen, der sich vergebens mit einem Tischmesser gegen ihn wehrte, und dem die Erdrosselung recht nahe stand. Selbstverständlich wurden dem Armen solche und ähnliche Dinge arg verdacht; ich will nicht behaupten, daß ich an Wahnsinn dachte, aber höchst unheimlich war mir der schon damals stiere Blick seines Auges. Ich habe später nur Wahnsinnige so blicken sehen. „O welch ein reicher Geist ward hier zerrüttet!"
Bei dieser Aufzählung drängt sich mir — zum erstenmal — auf, wie stark doch auch in diesem Kreise von Künstlern der Alemannenstamm vertreten war: Lingg, Scheffel, Mehr, Lerh, Leuthold, L ernstem: unter fünfzehn Krokodilen sechs, welche schwäbisch sprachen! Die Alemannen sind der für Krieg und Frieden, für Staatsleitung, für Philosophie und Dichtung begabteste deutsche Stamm, sie haben uns Schiller, Ahland, Lölderlin, -Segel und Schelling, David Strauß und Bauer, aber auch die Lohenzollern wie die Lohenstaufen gegeben.
Nur als Gäste führte ich einige Male Beilhack und Max Laushofer ein; dieser ward erst nach meinem Abgang von München Mitglied.
Dagegen früh ward Lans Lopfen Mitglied. Der siotte Studio, Frankone, entfaltete plötzlich eine ganz hervorragende lyrische Begabung; seine lyrischen Gedichte zählen nach Formgefühl und Inhalt mit zu dem Schönsten, was ich kenne. Sie haben Ähnlichkeit mit denen von Karl von Leigel und stehen hoch über allem, was der Verfasser an Erzählungen und Schauspielen veröffentlicht hat. Älbrigens hat er, ein eifriger Durchforscher der französischen Romane der Neuzeit, das Verdienst, längst vor Zola und längst bevor in Deutschland das neue Licht des „Realismus" und dessen höchste Verklärung im „Naturalismus" emporstieg, pariserisch, real- und naturalistisch und „freilichterlich" geschrieben zu haben, und ohne Zweifel verdankt er der hierbei erlernten und vielfach bewährten Kunst seine lebhaften Erfolge. Daß mir die Ausschreitungen dieser Richtung bis zur Ekelerregung zuwider sind, schließt meine Anerkennung der Berechtigung dieser Richtung an sich keineswegs aus, und ich tann also — trotz meiner stark entgegengesetzten Neigungen — hier ein wirkliches Verdienst Äopfens anerkennen, das noch zu wenig gewürdigt ist.
Im übrigen schmerzt mich ein nicht von mir verschuldeter Mißklang zwischen uns. Ich glaubte, wir seien, wenn nicht geradezu Freunde, doch recht gute Kameraden: er hatte an meinen Anfängen in München so warme Freude! Auch später kamen wir gedeihsam und fröhlich zusammen aus, zumal seine erste Gemahlin eine freund-liche Gönnerin von mir und gute Gesellin meiner Frau ward.
Die Krokodile kamen früh am Abend zusammen, am längsten in einem Kaffeehaus auf dem Marienplatz unter „den finstern Bögen" und blieben nicht gar lang: dies, ursprünglich wohl auch aus Rücksicht auf den leidenden Zustand Geibels eingeführt, war äusterst ersprießlich. Geibel oder Leyse führten den Vorsitz: es ging übrigens alles ziemlich formlos her, sehr verschieden von dem Verfahren im Tunnel über der Spree. Wer etwas zum Vorlesen mitgebracht hatte, las vor: darauf entspann sich eine beurteilende Verhandlung über das Gehörte, welche aber, gerade weil sie nicht, wie weiland im Tunnel, streng gegliedert war, bei weitem nicht so belehrend ausfiel wie dort, und wie von einer Versammlung so berufener Sachverständiger zu erwarten gewesen wäre. Das große Wort führte Geibel — und zwar sehr von Rechts wegen, denn dieser Lyriker hatte ein ganz vortreffliches, rasch den Kern der Sache treffendes Arteil. Ich habe von Geibel mehr gelernt, als von allen anderen zusammen: allerdings aber nicht im „heiligen Teich", da ging es ein wenig zu tumultarisch her für erschöpfende, methodische Durchsprechung schwieriger Fragen, wohl aber auf den stundenweiten Spaziergängen, auf welchen ich den Leidenden, dem solche Bewegung vorgeschrieben war, begleiten durfte.
Hermann von Lingg (1820—1905) stammte aus Lindau im Bodensee, war ursprünglich Arzt. Nach der Mitteilung einiger soll Pettenkofer sein „Entdecker" gewesen sein, diese Anschauung hat sich auch Knapp in seinem „Hoch auf München" (siehe Seite 3) zu eigen geinacht; Robert von Hornstein nennt in seinen „Memoiren" den Archivbeamten Fernbacher den Entdecker Linggs. Dieser ist, nach Hornsteins Darstellung, mit einem Stoß Linggscher Gedichte eines Tages zu Geibel gegangen; zum Glück kamen diesein bei der flüchtigen Durchsicht gerade die schönsten Lieder vor Augen, und er veranlaßte Cotta, die Gedichte, denen er eine enthusiastische Einleitung mitgab, in Verlag zu nehmen. Außerdem stellte Geibel dem König Max vor, er könne der königlichen Gnade nicht froh werden, wenn er sehe, wie das genialste Landeskind darbe. Daraufhin wurde Lingg ein lebenslängliches Gehalt von 600 Gulden ausgesetzt. Ähnlich stellt Lingg selbst in seiner Selbstbiographie „Meine Lebensrcise" die Begebenheit dar. LinggS berühmte Krokodilromanze lautet:
Am Heilgen Teich zu Singapur
Da liegt ein altes Krokodil
Von äußerst grämlicher Natur
Und kaut an einem Lotosstiel.
Es ist ganz alt und völlig blind.
Und wenn es einmal stiert des Nachts,
So weint es wie ein kleines Kind,
Doch wenn ein schöner Tag ist, lachUö!
Felix Dahn (1834—1912), Professor der Rechtsgeschichte, zuletzt in Breslau, der Verfasser der historischen Romane „Kamps um Rom", ist in seiner Frühzeit, die ihn zu den Krokodilen führte, ohne daß er indessen mit deren Führern an Bedeutung und Geltung wetteifern konnte, mit manchem hübschen Gedicht hervorgetreten.
Robert Freiherr von Hornstein (1833—1890) ein ausgezeichneter Liedcrkomponist, Freund Schopenhauers und Wagners, berichtet gleichfalls in feinen „Memoiren" von den „Geisteslichtern unter den finstern Bögen" bei Darburger. Er erzählt manches Boshafte. So, daß Melchior Meyr jedesmal, wenn Geibel und Heyse die Gesellschaft verlassen hätten, in den Ruf auögebrochen sei: „Der Hof ist fort." Dann sei es eigentlich immer erst richtig losgegangen. „Die jungen Unsterblichkeitskandidaten suchten ihren noch mangelnden Ruhm durch Bier zu ersetzen. Oft ging eS noch bis tief in die Nacht hinein, meist in einem anderen Lokal. Bierkcnner wie Hopfen und Leuthold brachten irgendeines mit gutem Stoff in Vorschlag."
Wilhelm Hertz (1838—1902), Professor der Literaturgeschichte amMünchnerPolytechnikum(seit1869), seit 1858 in München und der Dichterrunde angehörig, hat außer durch seine prachtvollen, formvollendeten Übersetzungen auch durch eigene Gedichte von tiefster Empfindung sich hervorgetan.
Heinrich Leuthold (1827—1879), der im Wahnsinn endete, vertrat in diesem Kreise das Grabbesche Element. Er war ein Lyriker, dessen Gedichten Gottfried Keller, der sie 1879 hcrauSgab, „ihre durchgehende Schönheit und Vollendung" nachrühmte. Leuthold war so etwas wie ein Münchner „Original", seine bacchischen Exzesse waren stadtbekannt. Die „Süddeutsche Zeitung" Karl Braters (1819—1869) erschien seit dem 1. Oktober 1859. Außer Leuthold arbeiteten an dem, den Stockmünchnern sehr mißliebigen „preußischen Blatt" auch August Vecchioni und Adolf Wilbrandt mit.
Max Haushofer (1840—1907), VolkSwirtschastler und Schriftsteller, ein Münchner Malerssohn, seit 1868 Professor der Nationalökonomie am Münchner Polytechnikum, trat mit seinen ersten Gedichten im Jahre 1864 hervor.
Hans Hopfen (1835—1904), gleichfalls ein Münchner, von Geibel „entdeckt", stellte sich in dem vor: diesem im Jahre 1862 herauögegebenen „Münchner Dichterbuch" mit Liedern und Balladen vor. Hornstein erzählt, Hopfen habe damals seine Abende zumeist im Hofbräuhaus zugebracht. Zwischen Rettichschwänzen und Maßkrügen, neben den ärgsten Koffern sitzend, habe er bei spärlichster Lampenbeleuchtung sich in die Welt Balzacs versenkt.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Im goldenen Hahn
Julius Grosse erzählt von einer Dichterrunde; sie bestand meist aus Einheimischen und zum Teil aus Amateuren, aber manchem Wackern darunter:
Gegenüber dem Polizeigebäude in der Wein-straße lag ein nun längst verschwundenes Gasthaus „Zum goldenen Lahn". Dort im entlegenen großen Linterzimmer des Loses tagte oder nächtigte eine ehrsame Zunft. Vorsitzender war ein hochgewachsener Lerr von militärischer Laltung, der frühere Oberleutnant Medikus, jetzt Großindustrieller als Papierfabrikant in der Au, neben ihm allerlei Originale: der kleine Pangkofer, eine
Art zweiter gestiefelter Kater von unergründlicher
Mystik, der Blumenfabrikant Billing, eine Art bürgerlicher Tiberius Gracchus, der hochgelehrte Professor Goßmann, Vater der berühmten Schauspielerin, der brandrote RabbinatskandidatZirndorffer, der schockweise Sonette produzierte,Lermann Schmid, damals nur berühmt als Dramatiker, August Becker, dessen großes Epos bereits vollendet war und erwartet wurde — er selbst war im ersten Jahre abwesend —, endlich eine stattliche militärische Phalanx von schöngeistigen Offizieren: Leinrich Reder, Karl Rottmann, von Mussinan, von Lutten, Woldemar Neumann, G. Betzel u. a.
Es war damals eine merkwürdige Übergangszeit aus dem deluge zu neuem Weltmorgen, aus Zusammenbruch und Negation zur Aufraffung und Erstarkung. Die alte Romantik war tot; die Märzpoesie mitsamt den Achtundvierzigern war untergepflügt; die Neuronmntik erhob ihr Laupt in Redwitz, Roquette und Bodenstedt. Im Norden schlossen sich ihnen an Putlitz und Rodenberg, am Rhein Kinkel im „Otto der Schütz", Scheffel im „Trompeter von Säckingen", Wolfgang Müller und andere.
Auch hier in München sprudelte derselbe Quell, wenn auch aus breiterer, historischer Grundlage, um in der Freude an altdeutscher Tüchtigkeit das wunde Gemüt des deutschen Volkes wieder aufzurichten. Diese Vertiefung in sich selbst nahm mannigfache Formen an; mit Vorliebe griff man zur epischen als dem eigentlichen Ausdruck der Ruhe. Das deutsche Epos hing gleichsam in der Lust, wie etwas Anerreichbares, wie eine Konkurrenzaufgabe, die allen gestellt war. Lermann Schmid suchte sie im „Winlandsfahrer" zu gestalten, eine deutsche Odyssee im fünfzehnten Jahrhundert, ein prächtiges Rundgemälde in wechselnden Formen. August Becker gab in seinem „Iungfriedel" ein Zeitbild des sechzehntenIahrhunderts von viel echterem Ton und blendenderer Farbe als jemals nachher die Baumbach und Wolff. Es war Münchner Lyrik und Lichtmalerei im Schwindschen Stil, leider nur zu ernst genommen in der Nixenromantik, die ja doch nur dekorative Illusion und Syrnbolik war. Leinrich Reder arbeitete damals schon an seinem „Wilden Jäger", Neumann schuf ein Lied vom Spielmann Volker; der alte Grätsch verstieg sich noch weiter rückwärts zu den Agilolfingern, während Lingg in der Verborgenheit an der „Völkerwanderung" schmiedete und Wilhelm Jordan den neuen Weltmorgen im „Demiurgos" heraufzubeschwören wähnte.
Neben jenen größeren Pfadsuchern wirkten hier in der Meistersängerzunft eine Schar kleinerer in derselben Richtung. Ich kann sagen, jene Abende im Goldenen Lahn führten mich wie mit einem Zauberstabe zur Literatur zurück. Fand auch der Idealist von Lalle noch keine anerkannten Führer zmn Gipfel, so entschädigte doch süddeutscher Lumor und bajuwarische Lebensfreude. Die meisten jenes Kreises sind mir als Freunde nähergetreten und es lebenslang geblieben. Damals schlossen sich mir zunächst an Pangkofer, der wunderliche Mystiker, der mir oft schon morgens seine phantastisch tiefsinnigen Träume erzählte, dann der verbitterte Karl Rottmann, Sohn des berühmten Landschaftsmalers, damals noch Leutnant, dessen Spezialität die verzwicktesten Ghaselen waren; Neumann, der weiche Tannhäuser, mit dem tiefen Brustton; vor allem Franz Trautmann, der sich in der verfehlten modernen Zeit selber vorkam wie ein ausgegrabener Mönch des vierzehnten Jahrhunderts. Er hatte bereits sein köstliches Volksbuch „Lerzog Christoph der Kämpfer" vollendet und begann seine prächtigen Münchner Stadtgeschichten.
Von den hier genannten Dichtern sind folgende als wesentlich und über ihre Zeit hinaus wirkend hervorzuheben: Hermann Schmid (1815—1880), damals Assessor am Stadtgericht, Autor zahlreicher vaterländischer, besonders in der Bergwelt spielender Romane, Verfasser hübscher Bauernstücke, die später in dem von ihm geleiteten Volkötheater am Gärtnerplatz viel gespielt wurden. August Becker (1828—1891) schrieb außer „Jung-Friedel" als Hauptwerk „Des Rabby Vermächtnis". Heinrich von Reder (1824—1909) starb als Generalmajor und Militär-Max-Josefs-Ordensritter in München. Als Dichter, Maler und Musiker dilettierend, fand er starke, eigene lyrische Töne und war noch in der modernen literarischen Bewegung der neunziger Jahre tätig. Franz Trautmann (1813—1887), der Alt-Münchner Novellist und Stadtgeschichtenerzähler, kommt auch in diesem Buche zu Wort. Außer seinem „Herzog Christoph" sind seine „Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen", sein „Münchner Stadtbüchlein", sein „Plaudcrstüblein", seine „Schwanthaler-Reliquien" besonders bemerkenswert. Trautmann versuchte sich auch als Maler; jedoch mit recht wenig Erfolg. Darüber war er unglücklich, brachte aber dennoch der bildenden Kunst stets wärmstes Interesse entgegen.
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Die Münchner Presse
Eine nicht allzu stark vordringende Note des Münchner Schrifttums der Maxi-milianszeit bildete die Presse. Julius Grosse hat in seinen „Arsachen und Wirkungen" der Münchner Presse, die bis in die sechziger Jahre hinein rein lokalen Charakter trug und besonders hinter Augsburgs Presse in beträchtlichem Abstand marschierte, folgende Charakteristik gewidmet:
Während in allen anderen Großstädten Deutschlands, in Wien und Berlin voran, sich seit dem Jahre 1848 die Presse mit wahrhaft vulkanischer Energie zu einer Großmacht entwickelt hatte und von Tag zu Tag unaufhaltsam wuchs, war München inzwischen auf diesem Gebiet der Kultur ganz erheblich zurückgeblieben. Nicht als ob es in der Lauptstadt des drittgrößten Staates Deutschlands an Zeitungen fehlte. Es waren über ein Dutzend kleiner Blätter vorhanden, aber keines galt als das tonangebende, herrschende, wenn man nicht sagen will, daß diese führende Rolle der „Allgemeinen Zeitung" in Augsburg zufiel. So war es aber in der Tat. Dieses vornehme, im vorigen Jahrhundert unter den Auspizien Schillers gegründete Weltblatt war damals noch — ich rede vom Anfang der fünfziger Jahre — allen anderen deutschen Zeitungen in Süd und Nord an Reichhaltigkeit, Gediegenheit und Ansehen weit voraus. 3m Ausland repräsentierte die „Allgemeine Zeitung" Deutschland als Kulturmacht; in politischer Beziehung großdeutsch liberal, eigentlich mehr farblos universal — wie die weiße Farbe alle anderen einschließt —, stand sie in der wissenschaftlichen Beilage geradezu unerreicht da. Die geistreichsten Korrespondenten in allen Hauptstädten Europas, die schneidigsten Wortführer ganz Deutschlands auf allen Gebieten der Wissenschaft und Kunst bildeten ihre Phalanx, und wenn speziell von München aus ein Liebig oder Lasaulx, ein Fallnierayer oder Steub seine Stimme erhob, so war das immer ein Ereignis und ein Fest. Überhaupt gehörte die „Allgemeine Zeitung" in München zum täglichen Brot jedes Gebildeten und ist es noch lange Jahre geblieben ...
Neben dieser stolzen und allbeherrschenden „Allgemeinen Zeitung" kam die Münchener Lokalpresse eigentlich kaum in Betracht. Ihr Einfluß wie ihre Geltung teilte sich nach den beiden mächtigsten Parteien: der ultramontanen und der liberalen. Diese ultramontane Leeresmacht war uns als Norddeutschen und Protestanten damals ein fremdartiges, schier lustiges Spektakulum, wobei niemand selbst die tollsten Sprünge ernst nahm, obgleich sie der Fremde damit entschieden unterschätzte. Dieselben Leute, die den „Volksboten" wegen seiner Frechheit und seines Fanatismus verlachten und zu verachten schienen, hatten doch ihre heimliche Freude daran. Man liebt den Verrat, aber man haßt den Verräter, und doch wäre Laß ein viel zu scharfes Wort für den Lerrn Zander, der, ursprünglich ein Mecklenburger Jude, sich hier zum Wortführer der Altramontanen aufgeschwungen hatte. Man gönnte ihm die Ehre, gefürchtet zu sein, um so williger, weil seine Grobheit dem bayerischen Geschmack als volkstümlich erschien, obgleich dieser norddeutsche Pfeffer doch lediglich ein Kunstprodukt war, das später von Sigls naturwüchsig bayerischem Bierbankton sofort überholt worden ist. Zanders „Volksboten" zur Seite stand als Adjutant der „Bayerische Courier", redigiert von Peter Rothlauf, und weiter als Reserve die „Augsburger Postzeitung", beide Blätter weit anständiger als der Volksbote, aber eben deshalb weit weniger gefürchtet. Dieses Trifolium hat trotz des sehr mäßigen Ansehens ihrer Blätter dennoch lange Dezennien in Bayern geherrscht, hat Ministerien gestürzt und erhoben und ist heute (1896) auch in den Nachfolgern noch ein Faktor geblieben, mit dem selbst der Deutsche Reichstag erheblich zu rechnen hat.
Jener schwarzen Trinität gegenüber stand eine Dreiheit liberaler Richtung: die „AugsburgerAbendzeitung",der„FreieLandesbote" und die„Neuesten Nachrichten". Diese letztere Zeitung, heute (1896) und seit Jahren eine siegreiche Großmacht, war damals nur ein kleines, winziges Annoncenblättchen, das von Knorr und Schurich im Jahre 1848 gegründet worden war, ein mageres Sammelsurium von Depeschen und Lokalnotizen, im redaktionellen Teil ein Lerold des hauptstädtischen Liberalismus, in Streitfragen von hitziger Wichtigtuerei, im ganzen eine Art Straßenecke, die weithin durch Plakate und Reklame wirkte, aber als Zeitung sich kaum über kleinstädtischen Dilettantismus erhob.
Zwischen diesen beiden Polen tummelte sich noch eine Anzahl kleiner, kaum nennenswerter Lokalblätter, während als Münchener Spezialität schon damals allerhand Witzblätter florierten und vegetierten wie die „Stadtfraubas" u. a., allen voran die weltberühmten, unübertroffenen „Fliegenden Blätter", daneben als Münchener Kladderadatsch Schleichs „Punsch ", ein gern gelesenes, meist höchst grimmig sich gebärdendes Blättchen von blauweißem Größenwahn. Martin Schleich, der sich später als sehr glücklicherund fruchtbarer Lustspieldichter entwickelte, lebte damals noch ausschließlich vonver-biffenstem Preußenhaß. And wenn die Purzelbäume dieses liberalen Clowns auch meist über die Schlagbäume der Reaktion voltigierten, so zog er oft genug an demselben Strang wie der ultramontane „Volksbote" und zwar sehr zur Erbauung aller echten Bajuwaren.
Reben dieser in aller Kürze skizzierten Phalanx der Lokalpresse existierte nun noch eine farblose, halb oder drittel offizielle Zeitung, äußerlich von vornehmem Gepräge. Ihre beiden Redakteure mußten persona gratader Regierung sein, die sich bei besonderen Anlässen dieses Organs bediente; im übrigen war die Zeitung ohne direkte Korrespondenzen, mit Lilfe von Ausschnitten möglichst billig hergestellt und deshalb ebenso langweilig, und leer, wie die meisten offiziellen Zeitungen, trotzdem aber wegen ihrer amtlichen Inserate von verhältnismäßig weitester Verbreitung über das ganze Königreich. Diese Zeitung also war ausersehen, nun das Hauptquartier der neuen literarischen Aera zu werden. Leinrich Wilhelm Riehl, bisher nur Mitarbeiter der „Allgemeinen Zeitung" in Augsburg, ward zunr Professor seiner neugeschaffenen Wissenschaft, der Kulturgeschichte, ernannt und sollte als solcher die politische Redaktion des Lofblattes leiten, obgleich er kein Bayer war. Lier war von Anfang an ein gewisser innerer Widerspruch vorhanden, der sich sehr bald geltend machen sollte. In Bayern lag die historische Schichtung der Parteien ganz wesentlich anders, als sonst in Deutschland. Wirkten im Bürgertum wie im Volke immer noch die großen Erinnerungen an den deutschen Krieg vor zweihundert Jahren fort, dann an die doppelte französische Zeit unter Max Emanuel, wie später zur Zeit Napoleons, so war von ultramontaner Seite, speziell noch durch die Jesuiten, seit mehr als zwei Jahrhunderten ein intensiver Laß gegen den Protestantismus großgezogen worden, der sich auch jetzt noch in versteckter Furcht vor Preußen wie als blinde Liebe zu Österreich zeigte, von wo man alles Lei! der Zukunft erwartete.
Des Königs Vorliebe für norddeutsche Art und Weise fand deshalb von Anfang an bei seinem eigenen Volke zwar Entstellung und Widerwillen, gleichwohl ließ die loyale Königstreue seiner Bayern ihn gewähren, um so mehr, als man wußte, daß in politischer Beziehung der König gleichfalls von Mißtrauen gegen Preußen erfüllt war. Zu diesen Widersprüchen, wie zu anderem halb Anerklärlichen zählte die Antipathie der Münchner gegen alle Nichtbayern, obschon doch die Argesundheit des Volkes in sozialer Gleichheit aller Stände ohne Vorwiegen des Adels oder sonstigen Kastengeistes, gleichsam in republikanischem Leben und Lebenlassen, jede Daseinsart gelten ließ und läßt. Nicht zu vergessen ist, daß damals, im Jahre 1855, die politische Reaktion noch auf unbestrittener Löhe stand.
Das erwähnte offizielle Organ, zu dessen Leitung H. W. Riehl am 1. Januar 1854 bestellt wurde, war die Neue Münchner Zeitung. Am Jahre 1859 trat zu den hier erwähnten Zeitungen als großliberales Organ die „Süddeutsche Zeitung" unter Leitung des hervorragenden Journalisten Karl Brater.
Martin Schleich (1827—1881), der Herausgeber des „Punsch", ist der Verfasser des Faschingsschwankes „Die letzte Hexe von München" und des Stückes „Bürger und Junker". Er übersetzte auch Baldes lateinische Oden und ist überhaupt aus dem Münchner Kulturbild von 1860—1880 nicht wegzudenken. Johann Sigl (1839—1902), RcichStagsabgeordneter, der gefürchtete Preußen- und Judenfresser, gab seit dem Jahre 1868 das von ihm gegründete „Bayerische Vaterland" heraus.
Jakob Fallmerayer (1790—1861), der hier als einer der Hauptmitarbeiter der Allgemeinen Zeitung genannt wird, wurde 1848 auf GörreS' Lehrkanzel als Professor der Geschichte berufen. Sein Buch „Fragmente aus dem Orient" fand Beifall wie nicht leicht eine zweite gelehrte Publikation der Zeit. München taufte er wegen seiner Kirchlichkeit „Derwischabad". 1849 wurde er, der dem Frankfurter Parlament angehört hatte, seiner Professur enthoben.
Ludwig Steub (1812—1888), der in diesem Buche wiederholt selbst das Wort ergriff, lebte als Notar in München. Er ist der Klassiker der Reisebcschreibung, im besonderen der alpinen, hat sich aber auch als Romanschriftsteller und als Dramatiker versucht.
Die „Allgemeine Zeitung" wurde 1882 nach München übergeführt, wo sie bald nach dem Weltkrieg einging. Die „Fliegenden Blätter" wurden 1844 von Braun und Schneider begründet. Sie überdauerten die wesenöverwandten Münchner Blätter „Punsch" und „Leuchtkugeln" und fanden erst in Georg Hirthö „Jugend" und Albert Langens „Simplizissimus" Mitstrebende. Heute sind sie mit den „Meggen-dorfcr Blättern" vereinigt. Als neue große Tageszeitung trat, von Hermaun Haaö gegründet, 1892 die „Münchner Zeitung" in Erscheinung.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Das Münchner Bürgertum
In den bürgerlichen Kreisen ließ sich Leben und Geselligkeit anders an als in den hier mit Bevorzugung geschilderten gelehrten und künstlerischen Zirkeln. Paul Leyse schreibt darüber in seinen „Iugenderümerungen und Bekenntnissen":
In München fand ich gerade das, was mir bisher gefehlt hatte: eine sehr unliterarische Gesellschaft, die sich um mein Tun und Treiben wenig oder gar nicht bekümmerte, am wenigsten mich durch Arteile verwirren konnte. Man sprach damals selbst in den gebildeten Münchner Kreisen niemals von Literatur, höchstens vom Theater. Dafür empfing mich eine unfreundlich, wo nicht feindselig gesinnte Schar einheimischer Kollegen, deren Verhalten gegen den Fremdling seinen Charakter stählte und ihn dazu trieb, stets sein Bestes zu geben. Wichtiger noch war, daß der Großstädter, der bisher nur in den Läufern guter Freunde heimisch gewesen war, sich hier zum erstell Male auf einen breiten, derben Volksboden gestellt fand, auf dem sich ein eigenwüchsiger, nicht immer löblicher, aber kraftvoller und vielfach poetischer Menschenschlag bewegte, nicht von fern mit dem zu vergleichen, den man ill Berlin „Pöbel" nannte. Von diesem sich fernzuhalten, war wohlgetan gewesen, zumal man von der Literaturfähigkeit des Berliner Iargoils, die heutzutage so eifrig angestrebt wird, damals noch keine Ahnung hatte. Eine Berührung aber mit dem altbayerischen Stamm, der seine eigenen Volkslieder und volkstümlichen Poeten besaß, konnte dem Norddeutschen nur heilsam sein und seine dichterischen Nerven erfrischen. Zudem galt es hier für mich, da gesellschaftliche Lorbeeren nicht zu erringen waren, über die nächsten Grenzen hinaus vor dem deutschen Volke zu beweisen, daß ich nicht von Königsgnaden allein zu den „Berufenen" zählte.
München war im Jahre 1854 eine Stadt von wenig über 150000 Einwohnern. Schon im Sommer 1842 auf der Reise mit meinem Vater und dem Petersburger Onkel über Dresden, Prag, Wien, Graz und Ischl war ich auch nach München gekommen, wo wir König Ludwigs große künstlerische Anternehmungen zum Teil noch im Werden fanden. Noch hatten wir nur erst das Modell der Bavaria in der hohen Bretterhütte bestaunt, waren in der Basilika auf den Gerüsten herumgeklettert, auf denen Leß und Schraudolph ihre Fresken malten, und in der Ludwigskirche legte Meister Cornelius die letzte Land an sein großes Jüngstes Gericht. Jetzt, zwölf Jahre später, fand ich die schöne Kunststadt an der Isar in vollem Glanz. Das Siegestor und die noch unvollendeten Propyläen begrenzten damals im Norden und Westen, das Loftheater im Osten die Stadt, die erst durch König Max bis an den schönen, starken Strom fortgeführt wurde, während nach Süden hin die Straßen sich ohne Abschluß bald ins freie Feld verliefen und die Vorstädte Au, Giesing, Laidhausen und Schwabing sich's noch nicht träumen ließen, daß sie dermaleinst in den Ring der Stadt einbezogen werden sollten. Es lag damals auch noch eine Menge großer Gärten zwischen den Läusermaffen verstreut, wenn auch der jetzt so lustig grünende Dultplatz noch eine dürre Wüste war, da man zu gewissen Zeiten dort die Budenstadt hinpsianzte. Den Berliner aber, der diese in fröhlichem Aufschwung begriffene, lachende Stadt betrat, heimelte sie im Vergleich zu den endlosen Straßenzügen und schwerfälligen Palästen seiner Vaterstadt fast mit ländlichem Reize an, während doch wieder die vielen Kirchen und die drei großen Museen dem Ganzen ein vornehmes Gepräge gaben und die malerischen, altertümlichen Stadtteile daran erinnerten, eine wie lange, merkwürdige Geschichte dies Isar-Athen zu erzählen hatte.
Nicht minder fand sich der Norddeutsche, zumal wenn ihm das muntere Blut des „fahrenden Schülers" noch in den Adern stoß, durch die ungebundenen Sitten und den farbigen, volkstümlichen Zuschnitt des Lebens angezogen, wenn er auch manches Liebgewohnte vermißte. So gab es zum Beispiel keine eigentliche Geselligkeit, kein uneingeladenes Eintreten bei Freunden, sehr selten eine Lausfreundschaft, wie ich sie von meinem Elternhause, der Kuglerschen und anderen Berliner Familien her gewöhnt war.
Die Männer gingen allabendlich in ihr gewohntes Bierhaus; die Frauen saßen in sehr zwangloser Toilette zu Lause und empfingen höchstens eine Freundin — gelegentlich wohl auch einen „Freund", den das Negligee nicht abschreckte. Wenn ein Gast von fem zugereist kam, bestellte ihn sein Münchner Gastfreund auf den Abend ins Wirtshaus, oder wenn er ihn zu seinem Tische einlud, kam die Magd herein, zu fragen, was der Lerr zu Nacht zu speisen wünsche. Das wurde dann nebst dem trefflichen Abendtrunk aus dem nächsten Wirtshaus „über die Gasse" geholt. Ich erinnere mich sogar, daß Kobell uns einmal ausnahmsweise zum Abend einlud, ein Drama mit anzuhören, das ein ihm empfohlener junger Poet der Familie vorlesen wollte. Als wir alle versammelt waren, trat der Lausherr herein, begrüßte uns freundlich und sagte: „Nun, unterhalten Sie sich gut! Ich muß in meine Gesellschaft." Wir konnten, als die Lektüre begann, freilich begreifen, daß er es vorgezogen hatte, in sein „Alt-England" zu gehen. Aber von den ortsüblichen Bräuchen der Gastlichkeit hatten wir doch einen seltsamen Begriff bekommen.
Desto liebenswürdiger erschien uns hier im Süden gegenüber der strengen Sonderung die Stände, der in der Leimat herrschte, der freiere Verkehr der verschiedenen Gesellschaftsklassen untereinander an öffentlichen Orten, der schon an Italien erinnerte. Zwar konnte es in München nicht vorkommen, wie ich es in Nom erlebt hatte, daß ein Bettler im Cafe von Tisch zu Tisch ging und, nachdem er so viel gesammelt hatte, um seinen Kaffee zu bezahlen, sich ohne Verlegenheit unter die Gäste setzte, um vom Kellner wie jeder andere bedient zu werden. Aber die demokratisierende Macht des Bieres hatte doch eine Annäherung bewirkt. Der geringste Arbeiter war sich bewußt, daß der hochgeborene Fürst und Graf keinen besseren Trunk sich verschaffen könnte als er; die Gleichheit vor dem Nationalgetränk milderte den Druck der sozialen Gegensätze. And wenn im Frühling noch der Bock dazu kam, konnte man in manchem Wirtsgarten eine so gemischte Gesellschaft zwanglos beisammen finden, wie sie in Berlin nirgends anzutreffen war.
Sei mir gegrüßt, du Leld im Schaumgelock,
Streitbarer Männer Sieger, edler Bock!
Nicht graues Zwielicht dampfdurchwölkter Schenken,
Den Mittag liebst du und der Gärten Frische.
Hier finden sich auf brüderlichen Bänken
Hoch und Gering in traulichem Gemische:
Den Knechten nah, die seine Pferde lenken.
Der Staatenlenker vom Ministertische;
Pedell, Professor, Famulus, Student —
Du spülst hinweg die Schranke, die sie trennt.
Es wird von jenem Trevi-Quell berichtet.
Daraus man ew'ges Leimweh trinkt nach Rom,
Sehnsucht, die unermüdlich denkt und dichtet.
Nur einmal noch zu schau'n Sankt Peters Dom.
So hat auf München nie ein Herz verzichtet.
Das je hinabgetaucht in deinen Strom.
So rasche Wurzeln hier geschlagen hält' ich
Nie ohne dich und deinen Freund, den Rettich.
Das gewann mich sofort für meine neuen Landsleute, daß sie, so sehr sie Rang und Stand zu schätzen wußten, sich durch die Nähe eines höherstehenden nicht einschüchtern oder im behaglichen Lebensgenuß stören ließen. Freilich hatte das alte München auch noch keine breite Arbeiterbevölkerung. Noch herrschte unter einem strengen Zunftzwang die Handwerksarbeit im kleinen vor; es fehlte fast gänzlich an Fabriken und jeder Art von Großindustrie, wie denn auch hier vor fünfzig Jahren diejenigen gezählt werden konnten, die nach heutigen Begriffen für reich gegolten hätten. Dafür gab es auch durchaus keine Massenarmut, die in großen Städten dem Menschenfreunde das Herz beklemmt. Bettler waren genug vorhanden, an den Kirchenpforten wie in den Häusern. Aber sie waren sämtlich mit ihrem Lose zufrieden, da in wohltätigen Vereinen und durch das obligate Almosenspenden frommer Seelen dafür gesorgt wurde, daß sie sich in ihrem Stande wie in einer auskömmlichen Sinekure wohl fühlen konnten. Der gewerbetreibende Bürgerstand vollends genoß eines so reichlichen Lebens- und Nahrungszuschnitts, wie er in dem sparsamen und nüchternen Norden unerhört war. Zweimal, auch wohl dreimal am Tage Fleisch essen, erschien hier als etwas, das der gute Bürger als sein Recht in Anspruch nehmen konnte. Dafür arbeitete er nicht mehr als nötig war, um das nahrhafte, vergnügliche Leben fortzusetzen, und wurde durch strenge Zunftgesetze gegen betriebsamere Konkurrenten geschützt. Aufs genaueste, für den Uneingeweihten oft unverständlich, war vorgeschrieben, was jeder Handwerker oder Händler anfertigen oder verkaufen durste. War dann ein ehrsamer Meister, der selbst nicht höher hinausgewollt hatte, zu einigem Wohlstand gediehen, so ließ er den Sohn, wenn er ihn nicht der Kirche widmete, wohl auch studieren, obwohl er, wie ein bekannter Großbrauer, der Meinung war: „Studieren hält auf!" Es war eben noch die gute alte, pattiarchalische Zeit, deren Sitten und Ansitten im Gegensatz zu der stark sich aufschwingenden norddeutschen Industrie einen „gemütlich" anheimelnden Charakter ttug.
Die großen Schöpfungen König Ludwigs hatten alte und junge Künstler jeder Art nach München gezogen, hier fanden sie außer großen, weitreichenden Aufgaben auch alle Mittel zu ihrer Durchführung, vor allem unter den Mädchen aus den niederen Klassen, die sich durch eine kräftige, raffemäßige Schönheit und frische Anmut auszeichneten, Modelle genug, während es in Berlin einem ehrbaren Dienstmädchen als eine Beleidigung erschienen wäre, einem Maler diesen Dienst erweisen zu sollen. Daß dies Vorwiegen der Künstlerschast dazu beittug, die Anbesangenheit im Verkehr der Geschlechter überhaupt zu steigern, liegt auf derhand. König Ludwig selbst hatte sich ein „gemaltes Serail" angelegt, nicht blos als ein platonischer Verehrer der Schönheit. And so ging ein Lauch von fröhlicher, warmer Sinnlichkeit durch alle Schichten der Gesellschaft, ein wenig phäakenhaft, doch nicht in unfruchtbares „süßes Nichtstun" ausartend, da eben auf dem Boden, wo Leben und Lebenlassen der Wahlspruch der gesamten Bevölkerung war, jene großen künstlerischen Taten geschahen, denen das heutige München seinen Rang als erste deutsche Kunststadt verdanken sollte.
Damals freilich ging noch ein ganz anderer Geist durch die Münchner Künstlerschaft. Wie alle sich hatten bescheiden müssen, bei den Aufträgen des Königs mehr auf die Ehre als auf reichen Lohn zu sehen, so war auch von einem Kunstmarkt wie heutzutage noch keine Rede. Freilich auch nicht von einer so übermäßigen Konkurrenz, an der seit Jahrzehnten auch noch die immer wachsende Zahl der „Malweibchen" in beängstigender Weise teilnimmt. Die Künstler waren keiner fieberhaften Bilderproduktion beflissen, sondern manche, die mehr Verstand als Glück hatten, ergaben sich sogar zeitweise einem behaglichen Müßiggang, weil es ihnen „so billiger kam". Wo es aber galt, öffentliche Feste zu verherrlichen, war jeder bereit, seine Dienste anzubieten, ohne sich für den Zeitverlust entschädigen zu lassen. Die Frühlingsfeste an den reizenden, waldigen Jsarufern bei Pullach, Grünwald, Schwaneck, die alles, was an Schönheit, Jugend und Lumor in den gebildeteren Kreisen der Stadt vorhanden war, in buntem Gemisch hinauslockten, erschienen dem norddeutschen Gast wie ein lebendig gewordenes Bild aus einem Märchen.
Diese Jugendzeit der Münchener Kunst ist längst dahin. Eine Periode ernster, ruhiger Arbeit ist ihr gefolgt, deren Führer und Meister nur noch bei seltenen Gelegenheiten sich um eine öffentliche Lustbarkeit der Stadt mithelfend verdient machen. Zeit ist Geld geworden, und auch die bildenden Künste haben sich dem Industrialismus anbequemen müssen, der seit dem französischen Kriege alle Lebensgebiete beherrscht. Viel Schönes ist trotzdem zur Erscheinung gekommen. Wem aber die damaligen Anfänge in der Erinnerung fortleben, dem klingen wohl Linggs Verse im Ohr:
Schöner war die trübe Schwüle als die Helle Kühle jetzt.
Jene frühen Vollgefühle, kennst du was, das sie ersetzt?
Zur Ergänzung der Naturgeschichte des Münchner Bürgers möge ein Abschnitt aus den „Erinnerungen" Felix Dahns dienen, der seit früher Jugend in München lebte:
Der wärmere Limmelsstrich, die schönere Landschaft und das Bier statt des Tees als althergebrachter Abendtrunk bringen es mit sich, daß man in Süddeutschland die Geselligkeit so gern in das Freie verlegt. Künstler, Studenten, andere Gesellschaften feiern ihre Waldfeste, geben auch im Sommer Tanzvergnügungen im Freien, wo es viel poetischer, fröhlicher, ungezwungener hergeht, als bei den großen Bällen des Winters. Ja, um das Jahr 1840 etwa war es noch ganz herkömmlich, daß Damen wie Frau Monten, meine Mutter, Offiziersfrauen am Sonntagnachmittag im „Pers"-Kleid auf dem wenig glatten Tanzboden des chinesischen Turms oder in Neuberghausen oder Neuhausen oder im „Controlor" zu Nymphenburg sich im Walzer und Schottisch drehten, wo sich jetzt nur Handwerksgesellen und Dienstmädchen vergnügen. Dann aber war und ist es noch heute in München üblich, die Abende des lange währenden Sommers und des oft noch warmen Frühherbstes im Freien in den Wirtsgärten zu verbringen. An die Stelle von Reidels Kaffeehaus trat später der „Frühlingsgarten" an der Ecke der Königin- und der von der Tann- (damals Frühlings-)Straße, oder man war im Englischen Cafe, im Achaz auf dem Dultplatz oder auf dem luftigen Keller unter dem Schatten der Bäume. Dahin „verloben" (verabreden) sich befreundete Familien und verbinden Natur, Bier und Freundschaft zu gefälligem Dreiklang unter sehr geringen Ausgaben. And es stört den Lerrn Losrat und die Frau Oberlandesgerichtsrat nicht im mindesten, daß am Tische daneben sein Schuster oder ihre Schneiderin sich derselben Larmonien erfreuen. Am lebhaftesten trat (und es ist hoffentlich noch heute so) dieser schöne Zug der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hervor während der Bockzeit im „Achazgarten", wo man den Baron von Liebig, den General von Spruner, den Oberstleutnant von Bothmer und ein tonsuriertes Psäfflein, ein paar Studenten, Kaulbach, Schwind, Geibel, Carriere mit seiner sittlichen Weltordnung neben einer Gruppe von Lartschieren, ein paar Lofherren neben Packträgern, den Lerrn Geheimrat von Sybel neben mir allzeit antreffen konnte.
Das ist ein schöner Zug freier, unbefangener Menschlichkeit, wie sie unsere oberdeutsche Art in gar vielen Dingen gegenüber der niederdeutschen schmückt. Ein solches Nebeneinander wie im Achazgarten wäre in der Königsberger „Zentralhalle" undenkbar: der Lochmut der Löherstehenden wie das Gefühl des Nicht-her-gehörens des Geringeren schließt das aus. Freilich muß auch gesagt werden: Nie ist in München eine solche Gesellung durch Rohheit der Ärmeren gestört worden; in Ostdeutschland möchte ich es nicht immer daraus ankommen lassen. Anser süddeutsches Volk hat viel mehr Selbstgefühl, so auch ungleich mehr Liebenswürdigkeit im Verkehr mit den Gebildeten; im Nordosten ist die Masse mißtrauisch, äußerlich unterwürfiger, z. B. in dein greulichen slavischen Landkuß von Mann gegen Mann; aber dann bei Ausbruch der Rohheit allerdings bestialischer. Verglichen mit dem Gift des Branntweins, ist das Bier ein Segen.
Lobte ich nun die Vorzüge des süddeutschen Verkehrs, zumal im Freien, so muß ich freilich auch die argen Mängel der Alt-Münchnerischen Geselligkeit hervorheben. Diese Geselligkeit war eine Angeselligkeit und erst der dankenswerte Einfluß der Norddeutschen hat hierin Besserung geschaffen. Wie war das denn bestellt anno 1840 in einer Münchner Kaufmanns- oder Beamtenfamilie? Die Frau, die Seele feiner gesellschaftlicher Anterhaltung, war gar nicht in der Lage, irgendeine gesellschaftliche Form einzuhalten. So gut wie ausnahmslos katholisch — Protestanten siedelten anfangs nur spärlich aus Franken, aus Augsburg, aus Norddeutschland an die Isar über — war das Bürgermädchen, wenn es nach Erledigung der Volksschule noch eine Bildungsschule besuchte, in einem Kloster herangebildet worden, wo es sehr viel Religion, Fertigung zierlicher Landarbeit, französisch plappern, singen, vielleicht auch Spinett spielen, aber außerdem gewiß gar nichts lernte. Von Literatur, von Geschichte, von dem klassischen Altertum, von bildender Kunst, vom Schauspiel war keine Rede; ja, das Theater ward noch etwa 1840 vielfach als eine Veranstaltung des bösen Feindes angesehen. Ein Gespräch führen mit „Fremden" — unmöglich! Es gab gar keine Fremden; der Lerr Vetter und d'Frau Bas, der Lerr God (Gevatter) und die Frau Gödin, — sonst kam niemand zu Besuch. Feste gab es nur bei Lochzeiten, Kindstaufen, Begräbnissen; der Geburtstag ward nicht gefeiert, der Namenstag durch ein „Präsent" geehrt, die Weihnachtsfeier war unbekannt. Den Christbaum haben erst in den dreißiger Jahren protestantische Familien aus Norddeutschland an die Isar verpflanzt. Statt dessen kam am 6. Dezember der Niklo mit Nute und Sack und die Berchtfrau mit Äpfeln und Nüssen. Im Karneval gingen Ehepaare minder strenger Weltanschauung vielleicht einmal aufdie „maskierteRedoute"; im Sommer „wallfahrtete" man am ganz frühen Morgen „in d'Eich" oder nach Blutenburg. Man reiste nie, höchstens, wieder im Wege der Wallfahrt, nach Altötting, aber gewiß nicht nach Berlin! Wovon hätte die Frau Assessor oder die Frau Priechlerin mit fremden Menschen einen Abend lang sprechen sollen? Gegenüber der Frau Bas freilich ging der Rede Fülle nicht zu Ende: über die „Ehehalten" (Dienstboten), die teueren Preise der Knackwürste, das letzte Mirakel in Deggendorf, die Krankheiten der Kinder, im Flüsterton auch über das viele Trinken des „Lerrn". And wie die Mutter, so die Töchter! Die ganze Einrichtung der Wohnung, wie die Tagesordnung schlossen jede Geselligkeit aus. Schon früh — was übrigens gar löblich! — stand man auf; in der Kirche und in der Küche verbrachten Mutter und Tochter den Morgen bis Mittag. Am zwölf Ahr ward ausgiebig gespeist, um sechs Ahr oder sieben Ahr Abendessen; dann ging der „Lerr" so regelmäßig, wie die Sonne zu Golde geht, in das oft durch Erbgang vom Vater überkommene Wirtshaus — und Mutter und Tochter nach Abstrickung der vorschriftsmäßigen Maschen ins Bett, sehr früh, um acht oder neun Ahr. 3m Sommer freilich ging die ganze Familie einschließlich des Schnauzl und der kleinsten Kinder auf den Keller um fünf oder sechs Ahr. An dieser streng geregelten Tagesordnung zu rütteln um des Besuches eines Fremden willen: das war ganz undenkbar! Aber wie an Zeit, so fehlte es in dem Lause zur Geselligkeit an Raum. Zwar gab's den „Saal" oder die „Ehrenstube" — aber das war ein schrecklicher Raum! Muffige Luft verriet, daß die Fenster nie geöffnet wurden; die an den Wänden in Reih und Glied aufgestellten Stühle mit rot und weiß gewürfeltem Kattun oder bunt geblümten „Pers"-Schonern überzogen, „die Kommod" zwischen den zwei Fenstern gegenüber dem Eingang mit dem Christus und der „schmerzhaften Mutter" aus Wachs, grell bemalt, unter einem zersprungenen Glassturz, links und rechts, in schnörkeligen Vasen aus dem XVII. Jahrhundert, von den Töchtern im Kloster zu Nymphenburg gefertigte, höchst unwahrscheinliche Blumensträuße, daneben eine Perlmuttermuschel, zwei Äpfel aus Wachs, über dem ganzen Aufbau von der Decke herab an einem Goldfaden schwebend ein „heiliger Geist", d. h. eine Taube aus Wachs mit Flügeln von Rauschgold — dem Ganzen entströmend ein dumpfer Geruch von Wachs und Staub und Papierblumen und ein Lauch steifer, gähnender Langweile! Wie hätten Menschen in diesem Gelaß plaudern, lachen, zwanglos vergnügt sein sollen? Jeder Wirt und Besucher war froh, hatte man diese feierliche „Tödten" (Tot-Heit) wieder im Rücken.
So ist denn für jene Zeiten nur wenig übertrieben die gute Geschichte der „Fliegenden Blätter", wonach ein Alt-Münchner monatelang die Gastfteundschaft einer befreundeten Familie in Berlin, mittags und abends deren Tisch teilend, genossen und beim Scheiden den Berliner zum Besuch in München eingeladen hat. An einem Sommerabend lehnt der Biedere in einem Fenster seines Lauses im ersten Stock; da erscheint der Berliner, höflich hinauf grüßend, vor seiner Türe: „Jesses, Maria und a bisserl an Josef", ruft der Verwandte des Lerrn Nudelmeyer, „ja, wo führt denn der Teifi Jhna her? No, jeh woll mer a mal g'mütli sei! Alle Abend um achte treffen's mi am Franziskanerkeller."
Das Münchner Bürgertum
In den bürgerlichen Kreisen ließ sich Leben und Geselligkeit anders an als in den hier mit Bevorzugung geschilderten gelehrten und künstlerischen Zirkeln. Paul Heyse schreibt darüber in seinen „Jugenderinnerungen und Bekenntnissen":
In München fand ich gerade das, was mir bisher gefehlt hatte: eine sehr unliterarische Gesellschaft, die sich um mein Tun und Treiben wenig oder gar nicht bekümmerte, am wenigsten mich durch Urteile verwirren konnte. Man sprach damals selbst in den gebildeten Münchner Kreisen niemals von Literatur, höchstens vom Theater. Dafür empfing mich eine unfreundlich, wo nicht feindselig gesinnte Schar einheimischer Kollegen, deren Verhalten gegen den Fremdling seinen Charakter stählte und ihn dazu trieb, stets sein Bestes zu geben.
Wichtiger noch war, dass der Großstädter, der bisher nur in den Häusern guter Freunde heimisch gewesen war, sich hier zum ersten Male auf einen breiten, derben Volksboden gestellt fand, auf dem sich ein eigenwüchsiger, nicht immer löblicher, aber kraftvoller und vielfach poetischer Menschenschlag bewegte, nicht von fern mit dem zu vergleichen, den man in Berlin „Pöbel" nannte. Eine Berührung mit dem altbayerischen Stamm, der seine eigenen Volkslieder und volkstümlichen Poeten besaß, konnte dem Norddeutschen nur heilsam sein und seine dichterischen Nerven erfrischen.
München war im Jahre 1854 eine Stadt von wenig über 150.000 Einwohnern. Jetzt fand ich die schöne Kunststadt an der Isar in vollem Glanz. Das Siegestor und die noch unvollendeten Propyläen begrenzten damals im Norden und Westen, das Hoftheater im Osten die Stadt, die erst durch König Max bis an den schönen, starken Strom fortgeführt wurde, während nach Süden hin die Straßen sich ohne Abschluss bald ins freie Feld verliefen und die Vorstädte Au, Giesing, Haidhausen und Schwabing sich's noch nicht träumen ließen, dass sie dermaleinst in den Ring der Stadt einbezogen werden sollten. Es lag damals auch noch eine Menge großer Gärten zwischen den Häusermassen verstreut. Den Berliner aber, der diese lachende Stadt betrat, heimelte sie im Vergleich zu den endlosen Straßenzügen seiner Vaterstadt fast mit ländlichem Reize an.
Nicht minder fand sich der Norddeutsche durch die ungebundenen Sitten angezogen, wenn er auch manches Liebgewohnte vermisste. So gab es zum Beispiel keine eigentliche Geselligkeit, kein uneingeladenes Eintreten bei Freunden, sehr selten eine Hausfreundschaft, wie ich sie von meinem Elternhause her gewohnt war. Die Männer gingen allabendlich in ihr gewohntes Bierhaus; die Frauen saßen in sehr zwangloser Toilette zu Hause und empfingen höchstens eine Freundin. Wenn ein Gast von fern zugereist kam, bestellte ihn sein Münchner Gastfreund auf den Abend ins Wirtshaus. Ich erinnere mich sogar, dass Kobell uns einmal ausnahmsweise zum Abend einlud, ein Drama mit anzuhören. Als wir alle versammelt waren, trat der Hausherr herein, begrüßte uns freundlich und sagte: „Nun, unterhalten Sie sich gut! Ich muss in meine Gesellschaft." Er war in sein „Alt-England" gegangen.
Desto liebenswürdiger erschien uns hier im Süden der freiere Verkehr der verschiedenen Gesellschaftsklassen untereinander an öffentlichen Orten. Die demokratisierende Macht des Bieres hatte eine Annäherung bewirkt. Der geringste Arbeiter war sich bewusst, dass der hochgeborene Fürst keinen besseren Trunk sich verschaffen könnte als er. Und wenn im Frühling noch der Bock dazu kam, konnte man in manchem Wirtsgarten eine so gemischte Gesellschaft zwanglos beisammen finden, wie sie in Berlin nirgends anzutreffen war.
Sei mir gegrüßt, du Held im Schaumgelock, Streitbarer Männer Sieger, edler Bock! Hier finden sich auf brüderlichen Bänken Hoch und Gering in traulichem Gemische: Den Knechten nah, die seine Pferde lenken, Der Staatenlenker vom Ministertische; Pedell, Professor, Famulus, Student — Du spülst hinweg die Schranke, die sie trennt.
Das gewann mich sofort für meine neuen Landsleute. Freilich hatte das alte München auch noch keine breite Arbeiterbevölkerung. Noch herrschte unter einem strengen Zunftzwang die Handwerksarbeit im Kleinen vor. Dafür gab es auch durchaus keine Massenarmut, die in großen Städten dem Menschenfreunde das Herz beklemmt. Bettler waren genug vorhanden, aber sie waren sämtlich mit ihrem Lose zufrieden. Der gewerbetreibende Bürgerstand vollends genoss eines so reichlichen Lebenszuschnitts, wie er im Norden unerhört war. Zweimal, auch wohl dreimal am Tage Fleisch essen, erschien hier als etwas, das der gute Bürger als sein Recht in Anspruch nehmen konnte.
Die großen Schöpfungen König Ludwigs hatten Künstler jeder Art nach München gezogen. Dass dies Vorwiegen der Künstlerschaft dazu beitrug, die Unbefangenheit im Verkehr der Geschlechter überhaupt zu steigern, liegt auf der Hand. Und so ging ein Hauch von fröhlicher, warmer Sinnlichkeit durch alle Schichten der Gesellschaft, ein wenig phäakenhaft, doch nicht in unfruchtbares „süßes Nichtstun" ausartend. Damals freilich ging noch ein ganz anderer Geist durch die Münchner Künstlerschaft. Die Frühlingsfeste an den reizenden Isarufern bei Pullach, Grünwald und Schwaneck erschienen dem norddeutschen Gast wie ein lebendig gewordenes Bild aus einem Märchen.
Zur Ergänzung möge ein Abschnitt aus den „Erinnerungen" Felix Dahns dienen:
Der wärmere Himmelsstrich und das Bier statt des Tees bringen es mit sich, dass man in Süddeutschland die Geselligkeit so gern in das Freie verlegt. Künstler, Studenten, andere Gesellschaften feiern ihre Waldfeste. Dann aber war und ist es noch heute in München üblich, die Abende im Freien in den Wirtsgärten zu verbringen. Dahin „verloben" (verabreden) sich befreundete Familien und verbinden Natur, Bier und Freundschaft zu gefälligem Dreiklang. Und es stört den Herrn Hofrat nicht im Mindesten, dass am Tische daneben sein Schuster derselben Harmonien erfreut. Am lebhaftesten trat dieser schöne Zug der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hervor während der Bockzeit im „Achazgarten", wo man den Baron von Liebig, den General von Spruner, Kaulbach, Schwind, Geibel und den Herrn Geheimrat von Sybel allzeit antreffen konnte.
Das ist ein schöner Zug freier Menschlichkeit. Ein solches Nebeneinander wäre in der Königsberger „Zentralhalle" undenkbar. Unser süddeutsches Volk hat viel mehr Selbstgefühl, so auch ungleich mehr Liebenswürdigkeit im Verkehr mit den Gebildeten. Verglichen mit dem Gift des Branntweins, ist das Bier ein Segen.
Lobte ich nun die Vorzüge, so muss ich freilich auch die argen Mängel der alt-münchnerischen Geselligkeit hervorheben. Diese Geselligkeit war eine Ungeselligkeit. Wie war das denn bestellt anno 1840? Von Literatur, von Geschichte, von bildender Kunst war keine Rede. Ein Gespräch führen mit „Fremden" — unmöglich! Es gab gar keine Fremden; der Herr Vetter und die Frau Base, der Herr Göd (Gevatter) und die Frau Gödin — sonst kam niemand zu Besuch. Den Christbaum haben erst in den dreißiger Jahren protestantische Familien aus Norddeutschland an die Isar verpflanzt.
Wovon hätte die Frau Assessor mit fremden Menschen einen Abend lang sprechen sollen? Gegenüber der Frau Base freilich ging der Rede Fülle nicht zu Ende: über die „Ehehalten" (Dienstboten), die teuren Preise der Knackwürste, das letzte Mirakel in Deggendorf und im Flüsterton auch über das viele Trinken des „Herrn". Und wie die Mutter, so die Töchter! Am zwölf Uhr ward ausgiebig gespeist, um sechs Uhr oder sieben Uhr Abendessen; dann ging der „Herr" so regelmäßig, wie die Sonne zu Grunde geht, in das Wirtshaus — und Mutter und Tochter nach Abstrickung der vorschriftsmäßigen Maschen ins Bett, sehr früh, um acht oder neun Uhr. Im Sommer freilich ging die ganze Familie auf den Keller. Aber wie an Zeit, so fehlte es im Hause zur Geselligkeit an Raum. Zwar gab's den „Saal" — aber das war ein schrecklicher Raum! Jeder Wirt und Besucher war froh, hatte man diese feierliche „Tödten" (Totheit) wieder im Rücken.
So ist denn für jene Zeiten nur wenig übertrieben die gute Geschichte der „Fliegenden Blätter", wonach ein Alt-Münchner monatelang die Gastfreundschaft einer befreundeten Familie in Berlin genossen und beim Scheiden den Berliner zum Besuch in München eingeladen hat. An einem Sommerabend lehnt der Biedere in einem Fenster seines Hauses; da erscheint der Berliner vor seiner Türe: „Jesses, Maria und a bisserl an Josef", ruft der Münchner, „ja, wo führt denn der Teifi Ihna her? No, jetzt woll' mer amal g'mütli sei! Alle Abend um achte treffen's mi am Franziskanerkeller."
Wolf - Ein Jahrhundert München
Im Lerchengarten
In seiner Selbstbiographie „Meine Lebensfahrt" schreibt Hermann Lingg über einen spitzwegisch anmutenden, kleinbürgerlichen Zirkel, der sich in den fünfziger Jahren zu versammeln pflegte:
Im „Krokodil", so sehr anregend und förderlich es auch war, ging es mir manchmal zu gemessen her, und die ästhetischen Anschauungen erschienen mir oft pedantisch.
Ich pflegte nebenbei noch einen Klub in einem kleinen Wirtshause an der Nymphenburger Straße mit Genossen, wo es ungezwungener zuging. Es waren das genial angelegte Leute mit viel Kenntnissen, die es aber zu nichts gebracht hatten oder wenigstens nicht so weit, als es ihren Fähigkeiten und ihrem Wissen entsprochen hätte. Der älteste derselben, auch der ärmste, war Eisenbahnbeamter gewesen; weil er aber alles besser wissen wollte als seine Vorgesetzten, wurde er entlassen. Er verstand sich auf alles und konnte alles; er reparierte die Uhren im Hause, besorgte die Reinschrift von Manuskripten, spielte hübsch Klavier, war Mitarbeiter eines Konversationslexikons und dabei so arm, daß er oft kein Logis hatte und seine Wohnung im Wald bei Großhesselohe nahm, wo er sich unter einer Tanne ein Loch in den Schnee grub und darin übernachtete. Sein Mittag- und Abendessen teilte er mit seinen Freunden, oder er gewann es im Tarock. Er war beinahe regelmäßig unser Tischgenosse, dabei war er von unverwüstlicher Gesundheit, gutem Lumor und grundehrlich. Er besaß mehr Verständnis für Poesie als mancher Literarhistoriker und schrieb selbst auch ganz hübsche Gelegenheitsgedichte. Er ist eines Tages verschwunden,und man hat nichts mehr von ihm gehört. Ein anderer dieser Freunde war ein geschickter Architekt, ein dritter, der am besten situierte, war ein mittelloser Rechtspraktikant, berühmt durch seine Schweigsamkeit und Virtuosität, Gesichter zu schneiden und Karikaturen zu zeichnen; vorzüglich gelang ihm die Maske des Mephisto. Mit diesen guten Freunden verlebte ich manch vergnügte Stunde im Lerchengarten; so hieß unsere Kneipe. Andere Gesellschaft blieb übrigens isoliert und schloß sich keinem der Münchner Vereine an, die sich in feindlicher Laltung gegen die „Fremden", besonders auch gegen die Mitglieder des „Krokodils", erwiesen.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Die Münchner Kunst in den fünfziger Jahren
Julius Grosse läßt sich in seinem Buche „Ursachen und Wirkungen" über die Münchner Malerschule und ihre Größen in nachludovicianischer Zeit hören:
Die Münchner Kunst stand mit dem Beginn der fünfziger Jahre bereits am Vorabend einer entscheidenden Revolution, eines unaufhaltsamen Umsturzes zugunsten des Realismus. Schon war Piloty am Werke, seinen epochemachenden „Seni" zu malen und damit die Grundfesten der Münchner idealen Romantik zu erschüttern. Aber noch war die Macht und das AnsehenKaulbachs auf Jahre hinaus ungebrochen. Auch seine weiteren Schöpfungen für Berlin: die Kreuzzüge, das Zeitalter der Reformation, vor allem Salamis, wirkten wie großartige Altarblätter der Menschheitsgeschichte, ungerechnet dabei seine damals beginnende Shakespeare- und Goethe-Galerie, deren Photographien in Millionen von Exemplaren die Welt überfluteten. Dazu Moritz von Schwinds entzückende Märchenromantik, sein Dornröschen, sein Aschenbrödel, sein Märchen von den fleben Raben und sein Schwanengesang: die Melusine — in allem erkannte das deutsche Volksgemüt sich selbst wieder. Ich nenne hier manches im voraus, was erst in spätere Jahre fällt, aber wenn hier auch kein Raum zu einem kunsthistorischen Exkurse, ist doch wenigstens das Profil der Münchner Kunst anzudeuten. Die glänzende Phalanx, welche sich um die Läupter der Neu-romantik scharte, die Schraudolph und Ramberg, Foltz und Neureuther, Äiltens-perger und Thiersch gaben der Münchner Kunst ihr eigentümliches Gepräge. Noch immer stand sie als siegende Großmacht, noch ein Jahrzehnt hindurch, bis die herangewachsene realistische Schule Pilotys auf den Plan trat und zur führenden wurde.
Aber dieser Entwicklungsprozeß und Kampf war ein sehr langsamer und keineswegs so durchsichtiger, wie er heute nach langen Jahren erscheint. Freilich schon damals mochten Piloty und mit ihm seine zahlreichen Stimmführer in der Presse den Kopf schütteln. „Wollt ihr Maler sein, so müßt ihr vor allen Dingen erst malen lernen, wie man es in Paris und in den Niederlanden versteht", und mit diesem Feldgeschrei war die Parole der nächsten Zukunft gegeben.
Trotz alledem ist und bleibt die Einwirkung jener Trias: Cornelius, Kaulbach und Schwind auf die gleichzeitige Literatur unübersehbar. Der gewaltige Amschwung, der seit den: Niedergang der Iungdeutschen in der literarischen Neuromantik hervortrat, alles Beste, was seit Scheffel, Jordan, Äamerling, einschließlich der Münchner Schule bis herab zu Baumbach, Wolffund den Butzenscheibenpoeten geleistet worden, ist auf die Germanisten in der Wissenschaft und auf die Germanisten in der Kunst, auf Schwind und Richter, Cornelius und Kaulbach zurückzuführen. Mit anderen Worten: die viel befeindete Münchner Malerschule hat sich erwiesenermaßen nicht eigentlich fruchtbar in der Malerei erwiesen, wohl aber unermeßlich befruchtend in der zeitgenössischen Literatur.
Man sollte nun glauben, daß jene imponierende Löhe der Münchner Kunst eine gleiche Blüte der Einrichtungen auf der Akademie involviert habe, allein hier klafften die schreiendsten Widersprüche.
Die Eindrücke, die ich als gewesener Student empfing, waren anfangs beftemdend, dann aber abschreckend und vollendeten gleich in den ersten Wochen meine gründliche Enttäuschung. Nicht als ob den Lehrkräften ein ernsthafter Vorwurf zu machen wäre. Mochten auch Nebenfächer wie Anatomie, Kunstgeschichte und Perspektive nur dilettantischen oder invaliden Kräften anvertraut sein, so war die Leitung des Antiken- saals in guten Länden. Der treffliche Liltensperger dominierte im ersten, beim zweiten herrschte abwechselnde Beteiligung aller. Schwind, Schraudolph, Schlotthauer, Foltz, Leß und Anschütz, wie Thäter und Widnmann korrigierten abwechselnd. In der Malklasse dagegen galt nur die Tradition der Vergangenheit; die modernste Kunst hatte überhaupt noch keinen Vertreter. Jeder Schüler konnte sich nach eigener Willkür seinen Meister wählen, und genügte ihm keiner, nun so mochte er beizeiten nach Paris, Antwerpen oder Rom gehen, wie ja auch Studenten die alma mater wechseln. Diese Lücke also war nicht befremdend und wurde auch vorläufig nicht so empfunden.
Carl von Piloty (1826—1888), der Führer der realistischen Richtung der Münchner Malerei, Profeffor und später Direktor der Akademie, ist das Oberhaupt einer zahlreichen glänzenden Schülerschar. Er trat, als Anhänger des Realismus und von belgischer Malerei beeinflußt, in wirkungsvollen Gegensatz zu Kaulbach und Foltz, besten Nachfolger als Leiter der Akademie er wurde. — Philipp Foltz (1805 bis 1877) kam 1825 nach München, um Schüler des Cornelius zu werden. Später war er Professor der Akademie und von 1874—1875 deren Direktor. — Johann Georg Hiltensperger (1806—1890) kam im Jahre 1822 zum ersten Male nach München, ging bann nach Düsseldorf und kehrte 1825, mit Cornelius, nach München zurück. Von ihm stammen die Malereien im Giebelfeld deö National- theaters. — I. C. Thäter (1804—1870) lebte seit 1849 in München, wo er an der Akademie die Klasse für Kupferstich leitete. Er starb als Konservator des Kupferstichkabinetts. — Maximilian Widnmann (1812—1895) war seit 1839 in München; er schloß sich an Schwanthaler an und wurde im Jahre 1849 dessen Nachfolger in der Professur für Bildhauerei.
In dieser Zeit waren zwei der bedeutendsten deutschen Meister vorübergehend in München tätig. Von 1848—1849 lernte hier Anselm Feuerbach, hauptsächlich durch Kopieren in der Alten Pinakothek. Von 1856—1864 arbeitete Hans von Maräes in München und schuf einige seiner bedeutungs- vollen Frühwerke.

Wolf - Ein Jahrhundert München
Kaulbachs Fresken an der neuen Pinakothek
Emilie Ringseis berichtet in den „Erinnerungen" über den Eindruck, den Kaulbachs Fresken an der Fassade der Neuen Pinakothek auf gewisse Münchner Kreise machten. Sie läßt ihren Vater folgendermaßen sprechen:
Heut' ist mir König Ludwig begegnet, der sagte mir: „Nicht wahr, Ringseis, Kaulbach abscheulich — nicht wie wir, nicht wie wir!" — Ich weiß nicht, was er gemeint hat. Ein Freund gab Auskunft: An der Neuen Pinakothek seien die Fresken der Außenwände enthüllt, und unter anderen Karikaturen zeigten dieselben auch jene von Ringseis. Es sind dies die Fresken, über welche Julius Schnorr von Carolsfeld geäußert hat: Soundsoviele Millionen hat König Ludwig es sich kosten lassen, eine Kunstära zu schaffen, und dann setzte er noch etliche 30000 Gulden darauf, damit dieselbe verhöhnt werde. Wie es Kaulbach gelungen, bei Vorlegung der Entwürfe den König so zu gewinnen, daß derselbe den Schalk nicht gemerkt oder ihn harmlos gefunden, bleibt ein Rätsel, mit dessen äußerer Bedeutung allerdings Zeit und Witterung schnell aufgeräumt haben. — Sei dem wie ihm wolle, Familie Ringseis setzte sich eines schönen Tages in Bewegung nach der Neuen Pinakothek und sah auf demjenigen Bilde, welches die Huldigung der Zeitgenossen für den König
Schule bis herab zu Baumbach, Wolffund den Butzenscheibenpoeten geleistet worden, ist auf die Germanisten in der Wissenschaft und auf die Germanisten in der Kunst, auf Schwind und Richter, Cornelius und Kaulbach zurückzuführen. Mit anderen Worten: die viel befeindete Münchner Malerschule hat sich erwiesenermaßen nicht eigentlich fruchtbar in der Malerei erwiesen, wohl aber unermeßlich befruchtend in der zeitgenössischen Literatur.
Man sollte nun glauben, daß jene imponierende Löhe der Münchner Kunst eine gleiche Blüte der Einrichtungen auf der Akademie involviert habe, allein hier klafften die schreiendsten Widersprüche.
Die Eindrücke, die ich als gewesener Student empfing, waren anfangs beftemdend, dann aber abschreckend und vollendeten gleich in den ersten Wochen meine gründliche Enttäuschung. Nicht als ob den Lehrkräften ein ernsthafter Vorwurf zu machen wäre. Mochten auch Nebenfächer wie Anatomie, Kunstgeschichte und Perspektive nur dilettantischen oder invaliden Kräften anvertraut sein, so war die Leitung des Antikensaals in guten Länden. Der treffliche Liltensperger dominierte im ersten, beim zweiten herrschte abwechselnde Beteiligung aller. Schwind, Schraudolph, Schlotthauer, Foltz, Leß und Anschütz, wie Thäter und Widnmann korrigierten abwechselnd. 2n der Malklasse dagegen galt nur die Tradition der Vergangenheit; die modernste Kunst hatte überhaupt noch keinen Vertreter. Jeder Schüler konnte sich nach eigener Willkür seinen Meister wählen, und genügte ihm keiner, nun so mochte er beizeiten nach Paris, Antwerpen oder Rom gehen, wie ja auch Studenten die alma mater wechseln. Diese Lücke also war nicht befremdend und wurde auch vorläufig nicht so empfunden.
Carl von Piloty (1826—1888), der Führer der realistischen Richtung der Münchner Malerei, Professor und später Direktor der Akademie, ist das Oberhaupt einer zahlreichen glänzenden Schülerschar. Er trat, als Anhänger des Realismus und von belgischer Malerei beeinflußt, in wirkungsvollen Gegensatz zu Kaulbach und Foltz, dessen Nachfolger als Leiter der Akademie er wurde. — Philipp Foltz (1805 bis 1877) kam 1825 nach München, um Schüler des Cornelius zu werden. Später war er Professor der Akademie und von 1874—1875 deren Direktor. — Johann Georg Hiltensperger (1806—1890) kam im Jahre 1822 zum ersten Male nach München, ging dann nach Düsseldorf und kehrte 1825, mit Cornelius, nach München zurück. Von ihm stammen die Malereien im Giebelfeld des Nationaltheaters. — I. C. Thäter (1804—1870) lebte feit 1849 in München, wo er an der Akademie die Klasse für Kupferstich leitete. Er starb als Konservator des Kupferstichkabinetts. — Maximilian Widnmann (1812—1895) war seit 1839 in München; er schloß sich an Schwanthaler an und wurde im Jahre 1849 dessen Nachfolger in der Professur für Bildhauerei.
In dieser Zeit waren zwei der bedeutendsten deutschen Meister vorübergehend in München tätig. Von 1848—1849 lernte hier Anselm Feuerbach, hauptsächlich durch Kopieren in der Alten Pinakothek. Von 1856—1864 arbeitete Hans von MaräeS in München und schuf einige seiner bedeutungsvollen Frühwerke. darstellen sollte, denselben umgeben von Männern, deren einige in die Ära seines Nachfolgers gehörten oder sonstige Bedenken gegen ihr Lierstehn erregten. ImLinter-grund ragte aus der Volksmenge, den Lut auf dem Kopf(I), ein in einem Buche lesendes Gesperrt empor, das Ningseis vorstellen sollte. Die Bleistiftzeichnung dazu von Kaulbachs Land ist später der Familie durch einen Kunst- und Antiquitätenhändler zum Kauf angetragen worden; aus historischem Interesse hätte dieselbe vielleicht sie erwerben sollen, aber sie ist von so empörender Widerwärtigkeit, daß gar nicht daran gedacht wurde, auch nur um den Preis zu fragen. Ringseis selber, als er die Freske beschaut hatte, lachte gleichmütig und fand sich mit Overbeck, Heinrich Lest und anderen in zu guter Gesellschaft verhöhnt, als daß es ihm hätte zu Herzen gehen sollen. Aber seine Friederike nahm die Sache nicht so gelassen hin; es wurmte sie, daß der König solch eine monumentale Verunglimpfung seines „Muckerl" zugegeben hatte. „Zu hören muß Seine Majestät es kriegen", das schwur sie, aber dem harthörigen Fürsten beizukommen ohne mitanhörende Zeugen, war schwer. Da geschah es im Mai 1856 eines Tages, daß sie, mit ihrer jüngsten Tochter gehend, dem König an menschenleerer Stelle beim Obelisk begegnete. Nach Gewohnheit hielt er sie an, redete dies und jenes und frug, wie er schon öfter getan, ob sie das Bild von Catel kenne, das er in seinem Wittelsbacher Palast verwahre. „Ja freilich kenn' ich es. Euer Majestät", erwiderte Friederike, „und freue mich, so oft ich es sehe; das ist was anderes, als die abscheuliche Karikatur, welche Kaulbach von Ringseis an die Wand gemalt hat". — „Wieso? Wo? Wann?" fragte Seine Majestät mit den Augen blinzelnd. — „Da draußen an der Pinakothek." — „Aber Ringseis ist ja kein Künstler; wie gehört er dorthin?" — „Als ein häßliches Gespenst steigt er auf im Hintergrund." Der gute König wand sich hin und her, dann sich zur Tochter kehrend: „Sie hätten Ihre Mutter in der Jugend sehen sollen, wie schön sie war!" — „And um den Thron Eurer Majestät", fuhr, ohne sich irre und kirre machen zu lassen, Friederike fort, „sind Männer versammelt, welche im Jahre 1848 dort nicht zu finden waren." — „And wie schön sie Komödie gespielt hat", warf der hohe Herr versöhnungsdurstig dazwischen, aber — unerbittlich wie das Schicksal: „Es hat Ringseis" (sollte heißen Friederike) „recht geschmerzt und uns alle mit ihm". Mit huldvollem Kopfnicken wurde sie entlassen, und hochbefriedigt kehrte Friederike heim, der übrigen Familie das Erlebnis zu berichten. Der begleitenden Tochter aber tat trotz dem Ergötzen an der originellen Szene das Lerz doch weh, weil gerade zu jener Zeit der hohe Herr sich seines alten Dieners so treu und eifrig angenommen hatte. „Der König" heißt es in einem Brief, „fängt gewiß nicht so bald wieder an über Catels Bild." Als bald darauf Graf Karl Geinsheim zu Besuch erschien und ihm die Sache lächelnd, aber auch unter Erwähnung jenes Bedauerns erzählt wurde, da meinte derselbe: „Das schadet nichts, der König wird es Ihnen auch nicht nachtragen, weil er fühlt, daß er Anrecht hat." And sieh, bei der nächsten Straßenbegegnung fing in rührender Güte der König, als wäre nichts vorgefallen, wieder vom Catelschen Bild zu sprechen an, und Friederike beeilte sich, ihr Wohlgefallen daran so harmlos auszudrücken, als wäre niemals die Rede gewesen von einer Kaulbachschen Karikatur. Doch hatte Seine Majestät die Sache sich gemerkt; denn wo in einem Saale der Pinakothek bei den kleinen farbigen Entwürfen zu jenen Fresken auch die mit Nummern und Namen versehenen Amrißblätter für die Köpfe sich befinden, traf bald nachher ein Besuchender den Namen Ringseis verklebt; natürlich währte es nicht lang, so hatte ein andrer Besucher das verklebende Blättchen wieder abgerissen.
Karl Zettel urteilt in seinen „Monacensia" über Kaulbachs Fresken folgendermaßen:
Großer Kunst- und Schelmenmeister,
Welche teufelischen Geister
Führten Pinsel dir und Land,
Als du an der öden Wand
Jenes langen Bilderschreines
Hier ein derbes, dort ein feines
Späßchen und Satirchen maltest
Und mit heißer Münze zahltest.
Hat ein Gegner dir gegrollt
Oder Ehre nicht gezollt?
Aber Zeus, der Regenspender,
Helios, der Strahlensender,
Und der Winde lose Schar
Zürnten schon im ersten Jahr
Deines Pinsels bunten Witzen,
Deines Spottes farb'gen Blitzen,
Tilgten erst die Arabesken
Später fast die ganzen Fresken. —
Schließt man aus der Götter Grimm,
Warst du ihnen, scheint's, zu schlimm.
König Ludwig I. überlebte seinen Sohn und Nachfolger Max II.; er starb am 29. Februar 1868 in Nizza. Sein Leichnam wurde nach München verbracht und in der Bonifaziuö-Basilika beigesetzt. Auch nach seiner Abdankung stellte er sein wahrhaft königliches Kunstmäzenat nicht ein. Insgesamt wandte er für seine Kunstschöpfungen aus privaten Mitteln rund zwanzig Millionen Mark auf.
Das Bild von Franz Ludwig Catel, von dem des öfteren die Rede ist, befindet sich jetzt in der Neuen Pinakothek und stellt König Ludwig in seiner Kronprinzenzeit in der spanischen Weinkneipe auf Ripagrande in Rom in Gesellschaft von Künstlern dar; auch RingSciS ist auf dem Bilde zu erblicken.
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Bergpredigt auf der Rottmannshöhe
Bei einem im Jahre 1858 veranstalteten Künstlerfest auf der Rottmannshöhe am Stamberger See hielt der berühmte Festredner Frater Äilarius, ein Pseudonym, unter welchem sich Eduard Fentsch verbarg, in der Kapuzinerkutte folgende Verspredigt:
Geliebte! „Ansere Tage rauschen vorüber wie des Baches Wellen, und unsere jungen Jahre verdampfen wie der Tautropfen am Sommermorgen! Wir lachen ein Stündlein und weinen ihrer zwei, und bis wir uns die Augen ausgewischt haben, — sind wir alt geworden!" Also hab ich schon vor Jahren gepredigt, und daran gemahnt es mich auch heute wieder trotz des lieblichen Sonnenscheins, der sich wie eine Glorie um Wald und Wiese legt. Aber Gott sei Dank! Es gibt noch ein Elixier, das uns die kahlen Schläfen und den Schimmel auf den Laaren vergessen macht, das uns die Sinne verjüngt, wenn uns bisweilen bedünken will, als ob die ganze Welt alt würde und absterbe. Wir nennen es: Kunst und Dichtung!
Also wollen wir just zu dieser sröhlichen Stunde der guten Verse eingedenk sein, die einer unserer verewigten Meister gesungen und die da trefflich passen zum Texte unserer Bergpredigt. Sie lauten aber also:
„Sittenzwang und Formelwesen hätten längst die Welt verkümmert. Wenn sich Dichtung nicht bisweilen durch die Welt ergossen hätte!"
Der Segen dieses Herbstes begleite uns bei Betrachtung dieser Worte!
Als der größte Künstler — unser Lerrgott lobebar —
Mit seiner Schöpfung fertig war.
Fand er, daß sie gut sei und wohlbemessen
Vom Gänseblümlein bis zu den Zypressen,
Vom Spatzen, der auf dem Dache pfeift.
Bis zum Adler, dessen Flügel die Wolken streift!
Er machte darob ein vergnüglich Gesicht,
Schätzte die Wirkung beim Oberlicht,
Hielt die Land vors Auge und ging dabei
Ein paar Schritte von der Staffelei,
Damit er auch von der Feme betracht'.
Was sein Meisterwerk für Wirkung macht.
Wie waren die Formen so schön und rund.
Wie reizend der Vorder- und Hintergrund,
Die Konturen so edel und so groß.
Die Farben so saftig und pastös
Und die Lichteffekte von solcher Gewalt,
Wie sie kaum der Zwengauer malt!
Und doch — wie er so im Anblick verloren —
Kratzt sich der Meister hinter den Ohren
Und dachte sich: „Bei meinem Eid!
Es bedarf noch einer Kleinigkeit.
Ist auch die Wirkung just nicht schlecht.
Sind auch die Formen regelrecht.
Ich fühl's: in dieser Gewissenhaftigkeit,
In dieser strengen Regelmäßigkeit
Fehlt etwas, das mit voller Wucht
Einen Weg zu dem Gefühle sucht.
Das Äerz packt und mit geheimer Magie
Zum Gemüte spricht und zur Phantasie!"
Sprach's, greift zum Pinsel und wagt sich dran.
Seht da und dort ein paar kühne Drucker an.
Haut ab und zu ein bißchen über die Schnur,
Greift zum bekannten Kunststück der Lasur,
Vermalt noch ein paar Blasen Asphalt,
Wo ihm die Stimmung zu nüchtern und kalt:
Lind wie er damit fertig war.
Ward erst das Geheimnis offenbar.
Daß jeweils der poetische Gedanke,
Überspringe des Formelwesens Schranke,
Daß die Dichtung sei wie jener feurige Schaum,
Dem zu enge wird des Glases Raum,
Der auch zuweilen den Anstand verletzt
Und die Etikette des Tischtuchs benetzt!
Das fühlte der Schöpfer und kam zum Entschluß.
„Jetzt weiß ich", dacht' er, „was ich beginnen muß:
Ich schaff mir aus den: Menschenpack
Noch eine Spezies nach meinem Geschmack,
Denen ich das schöne Geheimnis verkünde.
Daß die poetische Freiheit keine Sünde;
Eine Kaste, der es mag gelingen.
Mit der Lasur so recht umzuspringen.
Und die — zum Verdruß der Philister und Mucker —
Weiß anzubringen die rechten Drucker;
Ein auserles'nes Geschlecht der Geschlechter,
Zwangsentbundene — Formelverächter,
Die sich an der Schöpfung poetischem Gedanken
Mit ihrem Gefühl wissen airzuranken;
Menschen, so recht nach meinem Gelichter,
Und die Welt soll sie heißen: Künstler und Dichter!"
Und im nächsten Momente war auch schon
Vollendet des Gedankens Inkarnation.
Ihr Freunde, ich hab' Euch damit erzählt
Die Genesis der Künstlerwelt.
Nun geht hin und zieht den Nutzen davon.
Vollendet Euere Mission,
Zieht aus nach Süden und nach Nord
Und verkündet dieser Bergpredigt Wort,
Daß Formelwesen und Sittenzwang
Die Welt verkümmert hätten schon lang.
Wenn nicht Kunst und Dichtung, die Dioskuren,
Ihr aufdrückten ihres Wandels Spuren,
Wenn nicht die Maler und Poeten
Ans bisweilen den Gefallen täten
Und schlügen dem Philister, dem traurigen Wicht,
Mit allen Ehren ins Gesicht
Und schnitten mit Anstand, wo er zu finden.
Den Zopf ab vorn, seitwärts und hinten!
Das merkt Euch und schreibt Euch hinter die Ohren,
Auf daß meine Worte nicht verloren.
Auf daß ich umsonst nicht mein Geschäft erledigt.
Und vor tauben Kunden habe gepredigt.
Dixi! Und damit Gott zum Gruß!
Euer alter — Frater Äilarius.
Anton Zwengauer (1810—1884), ein geborener Münchner, war ursprünglich Schüler des Cornelius, ging später ganz zur Landschaftsmalerei über und wurde der malerische Spezialist feuriger Sonnenuntergänge und effektvoller Lichtphänomene, deren Motive er sich aus der oberbayerischen Hochebene und an den Vorlandseen suchte.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Ausflüge zum Aumeister und zur Menterschwaige
Ausflüge zum Aumeister und zur Menterschwaige
Der rheinische Dichter Wolfgang Müller von Königswinter war im Jahre 1855 in München und hat seine Eindrücke einem „Münchner Skizzenbuch" anvertraut. Daraus sind diese Abschnitte entnommen:
Es ist ein arger Irrtum, wenn man die Umgegend der bayerischen Hauptstadt für unschön und öde verschreit. Die meisten Leute besuchen sie von Augsburg her, und dieser Weg ist allerdings ziemlich reizlos und kahl, zumal da er sich stundenlang ohne alle Abwechslung hinzieht. Ganz anders aber wird es, sobald man sich der Isar nähert; denn wo gäbe es ein Flusstal, welches nicht in der einen oder andern Beziehung eigentümliche malerische Vorzüge entwickelte! Oder will man es leugnen, dass eine Fahrt nach der Bavaria, die auf der linken Seite des Flusses auf einer alten Uferböschung liegt, bei klarem Wetter allerliebste landschaftliche Bilder entrolle?
Ich rede hier nicht von dem nördlich gelegenen München, obgleich es einen ganz hübschen Eindruck macht. Aber gegen Süden erheben sich über kleinen, waldigen Vorbergen, die sich vielfach übereinanderschieben, die kühnen zackigen Hörner der bayerischen Alpen und bieten ein Gemälde, auf dessen Mannigfaltigkeit der Blick gern ausruht, besonders wenn es ihm selten gegönnt ist, die Eis- und Schneeberge zu grüßen. Ein anderer schöner Weg erstreckt sich auf dem höheren rechtsseitigen Isarufer hinter der Vorstadt Au nach Haidhausen hin. Dort ist das Land auch fruchtbar und trägt Korn und Weizen in schwerer goldener Fülle, was dem Auge und Herzen als Vordergrund so überaus wohl tut. Nach Süden rückt hier das bayerische Gebirge noch stolzer und mächtiger in die Nähe. Am Sonnenuntergang hat man zugleich herrliche Blicke in die Niederung, in welcher München gelegen ist, dessen Türme und Paläste alsdann oft in einem seltsamen Meere von goldigen Lüften schwimmen, die man bei uns am Rhein und in Norddeutschland nicht so leicht wiederfindet.
Im Englischen Garten, der sich fast zwei Stunden den Lauf der Isar entlang nach Norden dehnt, ist das herrlichste Waldleben zu finden. Riesenhafte Baumgruppen wechseln mit weiten Rasenplätzen. Hin und wieder rauscht das wilde opalgrüne Bergwasser des Flusses in gewundenen Armen durch die tiefe Grüne, indem es unterwegs mitunter einen Weiher bildet, auf dem Schwäne kreisen, mitunter aber auch in einem See ausruht, über welchen die Möwe hin und wieder zieht und schrille Töne ausstößt.
Die Vegetation besteht freilich nicht aus den deutschen Lieblingsbäumen, nämlich aus Buchen und Eichen, aber ich habe nie die Weiden, die Eschen, die Silberpappeln und die Erlen in so riesenhaftem, grandiosem Wuchs gesehen wie in diesem Parke, der nur Bäume zieht, die ein großes Maß von Nässe ertragen können. Eines Tages machten wir eine Partie zum Aumeister, wie ein Vergnügungsort heißt, der eine Stunde weit in dieser Wildnis liegt. Dort wohnt der Förster, dem die Pflege des Parks anvertraut ist. Professor Riehl hatte eingeladen, und Geibel, Heyse und Lasaulx waren von der Gesellschaft. Dass es also nicht an guter und anregender Gesellschaft fehlte, lässt sich denken. Da der Sommertag überaus prächtig war, so hob sich die Stimmung noch ganz besonders. Wie nah blickte man da nicht mitunter in Szenen, die sonst nur die Einsamkeit und Stille enthüllt! Eine Kette Fasanen rauschte hier ins Gebüsch, dort flüchtete ein Reh in das Dickicht. Und welche kräftige, goldige Beleuchtung gegen Abend! Funkelnde Strahlen fielen durch das saftige Laub, das ich selten so groß entwickelt und tief gefärbt sah. Es war eine Naturschwelgerei, die man so nah an einer Hauptstadt nicht leicht finden wird.
Eine andere hübsche Fahrt machte ich mit einem rheinischen Landsmanne nach der Menterschwaige. Wir hatten den ganzen Morgen in den Glypto- und Pinakotheken verbracht und sehnten uns aus der Kunst in die Natur. Heiße Mittagshitze brütete überall, als uns der Wagen über die Isar und die südlich sich hebenden Höhen hinauf-führte, an denen zuweilen ein leiser Luftzug, den die Schneeberge gekühlt hatten, voll Labung dahinstrich. Die Straße ging dann zwischen Fruchtfeldern und kleinen Weilern hin, bis sie rechts in eine Art von Baumgarten abzweigte. Der Kutscher hielt, und wir befanden uns in einem der berühmtesten und vielbesuchtesten Vergnügungsorte der Umgegend. Menterschwaige heißt in unserem Deutsch das Gehöft des Menter, der sein früherer Besitzer war. Aus dichten Bäumen erheben sich die traulichen Gebäude. Vor dem Hause streuen die Linden einen erquicklichen Schatten über Tische und Bänke, an welchen große Gesellschaften Platz finden können. Hier und dort steht auch ein Sommerhaus oder ein überdachtes Zelt, das bei Regenwetter Schutz und Schirm bietet.
Zugleich hat man hier einen großartigen Blick in eine wilde und unbändige Natur; denn links im Grunde gewahrt man das breite und seltsam gestaltete Bett der Isar, die mehr als hundert Fuß tief über Kies und Gerölle dahinfährt. Man gewinnt hier recht eigentlich das Bild eines reißenden Gebirgsstromes, der, wenn Schnee und Eis im Frühjahr schmelzen, unzählige und reiche Zuflüsse erhält, welche ihn in einer Weise anschwellen, dass er ganz aus Rand und Band kommt, während er im Sommer, nur durch die Wasser der Gletscher genährt, ziemlich anständig und ruhig dahinfließt.
Durch die Tauzeit aber wird der Charakter dieses Flussbettes bestimmt, das sich als eine tiefausgewaschene Rinne mitten in der Hochebene offenbart, die man nicht eher zu Gesicht bekommt, als bis man am Abgrunde steht. Bei großer Wasserfülle mag es hier noch seltsamer aussehen, wenn der flutende Strom in der Tiefe braust und zischt. Aber auch jetzt war es ein Gemälde voll wilder Naturkraft und Fülle und dabei von einer Einsamkeit, dass einem, zumal wenn man nur nach Süden schaut, Gedanken an die unangebauten Strecken der neuen Welt kommen. Weithin ist nämlich alles mit Wald bewachsen, über dem die weißen Häupter der Alpen ragen. In dieser Gegend wird auch die München-Salzburger Eisenbahn über die Isar gelegt. Wir sahen uns den kühnen Bau an und fanden dort Hunderte von Arbeitern beschäftigt, den mächtigen Viadukt, welcher die Ufer verbinden soll, aus der Tiefe heraufzuführen. Es wird ein stolzes Werk, in dem der Mensch seine Herrschaft über die Hindernisse, die ihm die Natur in den Weg legt, glänzend betätigt.
Als wir uns alles angesehen hatten, setzten wir uns zum Mittagsmahl in die Kühle der schattigen Bäume und erfreuten uns der trefflichen Forellen und des freundlichen Wirtes, der uns auf mancherlei Fragen verständige und bescheidene Antwort gab. Der gute Mann hieß Zörnlein, aber wie Lucus a non lucendo, denn er war die personifizierte Sanftmut. Sein Gesicht war das Wohlwollen selbst. Keine Gedanken von Neugierde, Zudringlichkeit und Renommisterei, wie sie sonst diesem Genus so leicht zu eigen werden. Wir durften einen Blick in die Küche tun, wo die blank gescheuerten Gefäße an den Wänden standen, und wo es in den Töpfen sott und auf den Pfannen briet; denn oben in dem Salon mit den großen Fenstern sollte ein Mittagsmahl stattfinden, zu dem die saubersten und reinlichsten Anstalten getroffen waren. Es wurden ja auch Fürsten und Grafen erwartet.
Unterdessen saßen unten die armen Flößer des Gebirges und tranken ihr Bier und aßen ihr Brot. Sie hatten ihr Holz den Strom hinab und weiter in die Donau bis nach Wien gebracht. Nun kamen sie in Gruppen oder einzeln, ihre Äxte auf dem Rücken, das Ufer herauf. Die Menterschwaige schien ihnen als Sammelplatz zu dienen. Die Ankömmlinge wurden jauchzend begrüßt. Bald saß in unserer Nähe ein ganzer Schwarm um einen Tisch und führte die lebendigste Unterhaltung in einer Sprache, die wir für eine fremde halten mussten, obgleich es oberbayerisch war. Französisch und englisch hätten wir besser verstanden. Wir traten hinzu, um uns die Trachten anzusehen. Da wurden wir gleich treuherzig begrüßt. Diese Tiroler schüttelten uns die Hände und sagten uns — soviel verstanden wir nämlich von den harten Kehllauten — dass es mit dem Holzhandel schlecht stehe, und dass sie in Wien wegen des österreichischen Papiergeldes ihre liebe Not hätten. Als wir Abschied nahmen, fanden sich auch die vornehmen Gäste ein, um sich oben an den Rheinwein- und Champagnerbatterien wohl sein zu lassen. Wie gemütlich ist doch ein solches Wirtshaus, wo sich Hoch und Gering mit gleicher Behaglichkeit niederlässt! In einer solchen süddeutschen Kneipe entfaltet sich gleich das ganze Volksleben. Und so fuhren wir durchaus befriedigt nach München zurück, das sich unten in der Niederung vor unseren Augen ausdehnte.
Der „Viadukt" der München-Salzburger Eisenbahn ist die Großhesseloher Eisenbahnbrücke, die um die Mitte der fünfziger Jahre in Kombination von Ziegel im Unterbau und Eisen (die sogenannten Paulischen Träger) im Oberbau errichtet wurde. Mit ihrer Länge von 300 m und einer Höhe von 30 m über dem Normalspiegel der Isar galt sie zu ihrer Zeit als ein Wunderwerk der Technik.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Das Münchner Stadtjubiläum im Jahre 1858
Es war am Tage des hl. Cosmas, den 27. September im Jahre 1858—so erzählt Eduard Fentsch in dem von ihm herausgegebenen Gedenkbuch der Jubiläumsfeier —, die Sonne hatte den leichten herbstlichen Morgennebel bald überwunden, und ein Heller, gottfreudiger Tag ging aus über der guten Stadt München. Schien es doch, als wollte auch der Limmel seinen Segen drein geben, daß ein schönes, erhebendes, denkwürdiges Fest gelinge, davon unsere Kinder noch den Enkeln erzählen sollen. Wir wenigstens wollen ihnen das vordersainst raten, damit diesen das Lerz warm bleibe und ihnen nach aberhundert Jahren der Mut zur Feier des achten Säkularfestes nicht minder gebreche als ihren Ahnen, denen das siebente weidlich zu schaffen machte.
Schon in den ersten Morgenstunden ward es rege und lebendig in allen Gaffen und auf allen Plätzen der Stadt, insbesondere drunten am Anger, wo noch die beiden stämmigen Tortürme wie ein paar alte, riesige Gedenksteine einer hinabgesunkenen Zeit dreinschauen—schier fremd, und als ob's ihnen nicht mehr recht geheuer wäre unter all den zierlichen, seinen, modernen Bauten eines Jahrhunderts von völlig anderem Gefüge. Am selbigen Morgen aber mochte es den beiden grauen Kumpanen doch wohl bedünken, als seierr die alten Zeiten der Sendlinger und Püttriche und Diener wieder ausgewacht; als hätten die Geister der edlen, schöffen-barfreien Geschlechterherren wieder Fleisch und Blut gewonnen und wollten sich einmal nach vielhundertjährigem Schlafe in ihren Grüften zu St. Peter und bei Anserer lieben Frauen das München ihrer Epigonen beim Hellen Tageslichte wieder beschauen! Denn von allen Seiten und aus allen Gassen schritten sie herbei, alte, längstvergessene Gestalten mit Cuculle und Mäntelchen — aus der grauen Zeit, da der handrasche Löwenherzog das erste Brückengebälke legen ließ über den wilden Strom, oder bunter und hellfarbiger aus dem phantastischen Mittelalter oder ernster und eiserner aus den stürmischen Tagen des dreißigjährigen Krieges oder sein und galant, wie sie die kokette, höfische Zeit Ferdinand Marias ausstaffierte.
Welch ein reges buntes Leben entfaltete sich nun in den Räumen der Schrannenhalle und auf den umgebenden Straßen! Es galt die Ordnung der sieben großen Gruppen des historischen Zuges unter der Leitung von Meister Seitz, und die Arbeit war keine geringe, eine Masse von etwa 2000 Personen zu Fuß, zu Roß und zu Wagen in das Geleise zu bringen. Erst eine volle Stunde nach Mittag war das Werk vollendet, und um ein Ahr ritten die Trompeter, welche den Zug des zwölften Jahrhunderts ansührten, unter dem dämmernden Bogen des Isartores herein ins Tal. Die ernsten, einfachen Fanfaren erklangen — eine ungewohnte Weise, die ans Ohr schlug, wie eine Mahnung längst versunkener Jahrhunderte. Das Volk, das Kopf an Kopf gedrängt zu beiden Seiten der Straße des konlmcnden Zuges harrte, ward stille, uild schon die erste Gruppe der Reisigen aus dem Zeitalter Heinrichs des Löwen bereitete die Wirkung vor, die nachgerade diese wundersamen Bilder aus der siebenhundertjährigen Geschichte der guten und getreuen Stadt hervorriefen. Es war eine Art Andacht, die sich des Volkes bemächtigte. Nicht allein das Echte uird Wahre, was diese Gestalten zu leibhaftigen Erscheinungen aus denr tiefen Mittelalter machte, nicht nur der Reiz ungewohnter Schönheit und Form des Gewandes war es, was diese Stimmung weckte. Man hatte sich nicht getäuscht, als man voraussetzte, daß jede Mahnung an eine tatenreiche Vergangenheit des Volkes im Volke selbst ernst und bewegend anklingen werde, daß diese lebendigen Bilder aus seiner Geschichte gewaltig rührend zu seinem Gemüte reden würden.
Wir haben es wahrgenommen, wie sie die Äüte vom Kopfe zogen, wie deren viele die Äände falteten und ihnen das Wasser ins Auge stieg; wie selbst das Lächeln schwand aus dem Gesichte jener, die vorwitzig den ganzen Zug zu einem Mummenschanz zu stempeln beliebten, die es behaglich fanden, den Anternehmern des Werkes die Arbeit recht sauer zu machen, und denen kein Witz zu wohlfeil war, um nicht die drastische Wirkung an dieser projektierten „öffentlichen Maskerade" zu versuchen. Mehr denn einmal hatte sich der Jubiläumsverein der Verse des Dichters zu getrosten.
Doch Seelen gibt's, für Worte unerreichbar.
Mit siebenfachem Leder überzogen.
Dem Schild des Ajax im Lomer vergleichbar!
Aber er rechnete auf die „Wirkung der Tat" und — ward nicht getäuscht!
Der Festzug bewegte sich von seinem Aufstellungoplatze an der Maximiliansgetreidehalle durch die Müller- und Rumfordstraße, das Jsartor und Tal in die Dienersgasse, von da durch die Residenzstraße auf den Max-Zoseph-Platz, vorüber an dem Postgcbäude, dem Hoftheatcr und der neuen Residenz. Nach der Huldigung durchzog er die Ludwig-, Theresien- und Türkenstraße, lenkte am Wittelöbacher Palais in die Brienner-, Theatincr- und Weinstraße, dann in die Kaufingerstraße, Ett- und Karmelitcngaffe ein und umging den Promenadeplatz. Von da bewegte er sich über den Karlsplatz in die Neuhauser- und Kaufingerstraße, sodann durch die Rosen- und Sendlinger Gasse über den Sendlinger Torplatz in die Müllerstraßc und kehrte an seinen Ausgangspunkt zurück. „Die Sendlinger, Püttrichc, Diener": Namen alter Patrizierfamilien der Stadt München. — Meister Seitz: Franz von Seitz (1817 —1883) war ein geschätzter Maler und hervorragender Meister dekorativer Kunst. Bei den Hoftheatern war er als Leiter des Kostüm- und Dekorationswesenö tätig.
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Die Auflösung „Neu-Münchens“
Franz von Dingelstedt schreibt hierüber in seinen „Münchener Bilderbogen":
Um die Mitte der fünfziger Jahre begann die Wendung einzutreten, welche, anfangs langsam, dann — genau nach den Gesetzen des Falles — mit doppelter Geschwindigkeit, die Auflösung der Kolonie Neu-Münchens herbeiführen sollte. Das erste Opfer war Dönniges, ich das zweite. Natürlich. Wir standen am meisten ausgesetzt, er auf seinem politischen Posten, ich im offenen Feldlager des Theaters, während die Dichter verhältnismäßig die am wenigsten Angefochtenen blieben und die Gelehrten in ihrem Katheder einen festen Boden unter den Füßen hatten.
So namentlich Liebig, den kein Sturm und keine Wühlerei von seiner sicheren Höhe herabzuwerfen vermochte, obwohl er seinen Grundsätzen und seinem Streben niemals etwas vergab, Missbräuchen, wo er sie fand, schonungslos entgegentrat, in der Universität wie in der Akademie Reformen durchsetzte und bald auch Resultate erzielte, zum Beispiel in der jährlichen Wahl des Rektors magnificus, aus welcher eines schönen Tages, zu aller Welt Erstaunen, ein homo novus hervorging: Jolly.
Dönniges war in die Dienste des Königs Max gekommen, da dieser noch als Kronprinz in Bamberg residierte. Von ihm stammte die seinerzeit viel besprochene Denkschrift gegen die Jesuiten in Bayern, welche unter dem Ministerium Abel dem König Ludwig vom Kronprinzen vorgelegt worden war. Nächst Wendland, später bayerischer Gesandter in Paris, galt Dönniges für den vertrautesten Ratgeber seines Herrn. Obwohl geborener Preuße — irre ich nicht, sogar ein Pommer — bekannte er sich nicht zu der Lehre von der preußischen Spitze in Deutschland, auch nicht zu dem unitarischen Programm des jungen Nationalvereins.
Seine Politik gipfelte in der Triasidee, die vielleicht ganz, gewiss zum großen Teil sein Werk, in den Dresdner Konferenzen durch ihn lebhaft vertreten wurde. Auch später, in den Bamberger Konferenzen, versuchte er aus den deutschen Mittelstaaten eine dritte Macht im Bundestage zusammenzusetzen, die, zwischen Österreich und Preußen gestellt, in kritischen Fällen den Ausschlag gebend, von großer Bedeutung gewesen sein und namentlich Bayern zu solcher verholfen haben würde. Dieses sein Adoptiv-Vaterland liebte Dönniges wirklich und warm. Er glaubte an eine hohe Sendung, eine schöne Zukunft Bayerns in und mit Deutschland. „Österreich die Zölle und den Handel! — Preußen das Heer und die Vertretung nach Außen — Bayern Wissenschaft und Kunst", so teilte er, wenn wir dann und wann aus Bowlen- und Zigarrendämpfen politische Geschichte lasen, die Rollen aus in dem welthistorischen Drama.
Was er im Kabinett des Königs schrieb und trieb, war gewiss ebenso oft bayerische Politik wie persönliche Politik des Königs Max, welche beide Dönniges sich nicht getrennt denken konnte. Dessenungeachtet aber begab es sich, und das nicht selten, dass diese Politik sich im Widerspruch befand mit derjenigen, welche das Staatsministerium am grünen Sitzungstisch machte und vor den Kammern vertreten musste. Daher dann die Missverständnisse, die Ketzereien, die stillen Intrigen, die offenen Kämpfe und endlich der Zusammensturz einer Stellung, die in ihrer Unverantwortlichkeit freilich wider alle konstitutionellen Usancen verstieß, aber doch des Guten viel vermittelte und erschuf.
Da wir im Herbst 1855 aus den Sommerferien nach Hause und wieder zusammenkamen, fehlte einer in unserem Kreise, der Mittelpunkt: Dönniges. Er war ins Exil gegangen, geschickt worden und hatte sich, in einen losen Zusammenhang mit der bayerischen Gesandtschaft zu Turin gebracht, in Nizza niedergelassen. Dort fand ich ihn noch drei Jahre später, in einem weitläufigen, unheimlichen Hause am Saume der Stadt, zwischen Meer und Gebirge gelegen. Auf dem flachen Dache des Steinhaufens hatte er sich eine primitive Sternwarte gebaut und betrachtete durch eine alte lederne Hutschachtel, welcher der Boden ausgeschnitten worden, den Vollmond.
Von Nizza war damals Dönniges nach kurzer Rast, von innerer Unruhe getrieben, nach Sardinien gegangen. Aus Sassari schrieb er mir, am 19. Februar 1856, einen langen Brief: „... Allerdings war dieses Jahr 1855 ein sehr schweres für mich, und ich kann mich noch immer nicht trösten, aus dem Kreise meiner Freunde und aus meinen alten Verhältnissen geschieden zu sein, nach denen ich mich manchmal trotz aller Freuden der göttlichen Natur und des wundermilden Klimas hier sehr zurücksehne. Bisweilen will es mir scheinen, als wenn eine einzige mündliche Unterredung mit Seiner Majestät alles ausgeglichen hätte. Sollte meine Entfernung wirklich als die Entfernung eines Hindernisses angesehen werden, so bleibt Seiner Majestät stets der königliche Ausweg, mich anderweitig angemessen zu beschäftigen und mich dann zurückzurufen, wann es an der Zeit erscheint."
Wilhelm von Dönniges ist später wieder an hervorragender Stelle im diplomatischen Dienste Bayerns in der Schweiz und in Italien verwendet worden.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Kronprinz Ludwig
In der Stille, neben dem stark in der Öffentlichkeit wirkenden Vater und dem das Münchner Kulturleben immer noch entscheidend beeinflussenden Großvater kaum auffallend, wuchs der am 25. August 1845 geborene Kronprinz Ludwig heran. Ihm, der so jung zur Regierung berufen werden sollte, widmete Bismarck, der Weitblickende, der als preußischer Ministerpräsident im Sommer 1863 den damals Achtzehnjährigen zum ersten Male sah, in seinen „Gedanken und Erinnerungen" diese Zeilen:
Auf dem Wege von Gastein nach Baden-Baden berührten wir München, das der König Max bereits verlassen hatte, um sich nach Frankfurt zu begeben, es seiner Gemahlin überlassend, die Gäste zu empfangen. Ich glaube nicht, daß die Königin Marie nach ihrer wenig aus sich heraustretenden und der Politik abgewandten Stimmung auf den König Wilhelm und die Entschließung, mit welcher er sich damals trug, lebhaft eingewirkt hat. Bei den regelmäßigen Mahlzeiten, die wir während des Aufenthaltes in Nymphenburg, 16. und 17. August 1863, einnahmen, war der Kronprinz, später König Ludwig II., der seiner Mutter gegenüber saß, mein Nachbar. Ich hatte den Eindruck, daß er mit seinen Gedanken nicht bei der Tafel war und sich nur ab und zu seiner Absicht erinnerte, mit mir eine Anterhaltung zu führen, die aus dem Gebiete der üblichen Hofgespräche nicht herausging. Gleichwohl glaubte ich in dem, was er sagte, eine begabte Lebhaftigkeit und einen von seiner Zukunft erfüllten Sinn zu erkennen. In den Pausen des Gesprächs blickte er über seine Frau Mutter hinweg an die Decke und leerte ab und zu hastig sein Champagnerglas, dessen Füllung, wie ich annahm, auf mütterlichen Befehl verlangsamt wurde, so daß der Prinz mehrmals sein leeres Glas rückwärts über seine Schulter hielt, wo es zögernd wieder gefüllt wurde. Er hat weder damals noch später die Mäßigkeit im Trinken überschritten: ich hatte jedoch das Gefühl, daß die Umgebung ihn langweilte und er den von ihr unabhängigen Richtungen seiner Phantasie durch den Champagner zu Hilfe kam. Der Eindruck, den er mir machte, war ein sympathischer, obschon ich mir mit einiger Verdrießlichkeit sagen mußte, daß mein Bestreben, ihn als Tischnachbar angenehm zu unterhalten, unfruchtbar blieb. Es war dies das einzige Mal, daß ich den König Ludwig von Angesicht gesehen habe, ich bin aber mit ihm, seit er bald nachher (10. März 1864) den Thron bestiegen hatte, bis an sein Lebensende in günstigen Beziehungen und in verhältnismäßig regem brieflichen Verkehr geblieben und habe dabei jederzeit von ihm den Eindruck eines geschäftlich klaren Regenten von national deutscher Gesinnung gehabt, wenn auch mit vorwiegender Sorge für die Erhaltung des föderativen Prinzips der Reichsverfassung und der verfassungsmäßigen Privilegien seines Landes. Als außerhalb des Gebiets politischer Möglichkeit liegend ist mir sein in den Versailler Verhandlungen auftauchender Gedanke erinnerlich, daß das deutsche Kaisertum resp. Bundespräsidium zwischen dem preußischen und dem bayerischen Saufe erblich alternieren solle. Die Zweifel darüber, wie dieser unpraktische Gedanke praktisch zu machen, wurden überholt durch die Verhandlungen mit den bayerischen Vertretern in Versailles und deren Ergebnisse, wonach dem Präsidium des Bundes, also dem Könige von Preußen, die Rechte, die er heute dem bayerischen Bundesgenossen gegenüber ausübt, schon in der Äauptsache bewilligt waren, ehe es sich um den Kaisertitel handelte.
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Der Tod des Königs Max
Julius Grosse schreibt nach eigenem Erleben in seinen „Arsachen und Wirkungen":
Eines Nachmittags im März erschien der Minister des Innern, Lerr von Neumayr, aus der Redaktion und wünschte den Chefredakteur Vogl unter vier Augen zu sprechen.
„Sie werden auf der Stelle ein Extrablatt hinaussenden. Seine Majestät der König liegt im Sterben." „Aber Exzellenz, wollen wir nicht zuvor die Erkrankung melden?" „Das wird unmöglich sein, denn dieses Stadium würde vom folgenden überholt werden. Der König leidet am Rotlauf, und nach dem Arteil der Ärzte wird er kaum die kommende Nacht überleben."
Die Kunde wirkte wie ein betäubender Donnerschlag durch die Stadt, durch das Land Bayern, ja durch ganz Deutschland. Es war einer jener umschleierten, silbergrauen, lauen Vorfrllhlingstage, wie sie nur München kennt, stimmungsvoll, wie sonst nur der Serbst, und so ist mir auch die Stimmung dieses Tages für immer unvergeßlich geblieben. In Scharen strömten die Massen des Volkes zum Schloß, wie sonst nur in Revolutionszeiten, und weiter in das Innere, die Treppen empor bis in die Vorzimmer, wo die Hofstaaten versammelt waren, um den Andrängenden aus allen Ständen Bescheid zu erteilen. So ging es denn die ganze Nacht hindurch bis zum anderen Tage, und als um elf Ahr plötzlich alle Glocken läuteten, da wußte München, daß ein edles Königsherz aufgehört hatte zu schlagen. And wie innig der König geliebt gewesen, trotzdem es nie so geschienen, jetzt zeigte es sich in der Stunde der Erschütterung, die alle ergriff. Eine dumpfe Schwüle der Betäubung lastete auf der Hauptstadt, als sei etwas Unbegreifliches geschehen. Nur im Jahre 1886 bin ich Zeuge einer gleichen panikähnlichen Bestürzung gewesen. Auch damals schon erzeugten sich plötzlich törichte Gerüchte, wie zweiundzwanzig Jahre später. Die Erfindungen erschreckter Phantasien mochten verwerflich sein, menschlich begreiflich warm sie gewiß, denn dieses jähe Ende, ohne vorausgehende Krankheit, erschien gegen allen Lauf der Natur. In Wahrheit war der König schon schwer leidend heimgekehrt.
König Maximilian II. starb am 10. März 1864 im 53. Lebensjahr. Man sprach, da sein Ableben ganz unerwartet kam, von einer Vergiftung. Robert von Hornstein legte in seinen „Memoiren" nieder, wie ihm seine Erlebnisse bei dem unerwarteten Tod des Königs im Gedächtnis geblieben waren. Ich kam von der Residenz, schreibt er; Menschenmassen hatten sich angesammelt. Ach kam die Treppen hinauf, welche von Leuten aller Stände eingenommen waren. Endlich gelangte ich halb geschoben in einen großen Raum, unweit der Gemächer des Königs. Der Adjutant des Königs, Baron Moy, erschien von Zeit zu Zeit, um den Versammelten Nachricht über das Befinden des Königs zu geben. Die Nachrichten wurden immer trostloser. Lautlos wurden die Meldungen hingenommen. Höchstens wurde ein leises Flüstern vernommen. Endlich erscheint Moy, um mit tränenerstickter Stimme mitzuteilen, daß Seine Majestät eben verschieden seien. Allgemeines Schluchzen erfolgte auf diese Worte. Anfangs blieb alles wie gebannt stehen. Allmählich verließ die Menge in größter Sülle den Saal und stieg langsam die Treppen hinab. Ach hatte mich unten noch einen Augenblick postiert, als Erzbischof Scherr, der am Totenbett des Königs gestanden war, mit lächelnder Miene und eiligen Schrittes die Treppe herabkam. Ein Geistlicher kam ihm in den Weg. „Nun, wie steht's?" — ,,'ö ist schon rum", antwortete der Kirchenfürst.
Einer der Erschüttertsten war F. v. Kobell. Wie Geibel und H. v. Schmid feierte er den Heimgegangenen in Versen. Seine Elegie schloß mit den Worten:
„Verblüht sind die Rosen, verblichen ihr Rot, — Dahin ist die Jugend, mein König ist tot."
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Ludwig II. im Urteil seiner Zeitgenossen
Belangreiches über den jungen König Ludwig hat Luise von Kobell mitzuteilen. Als Gattin des Kabinettschefs von Eisenhart gewann sie in manches Einblick, was anderen verborgen blieb. So zeichnet sie in zarten Strichen dieses Bild des Königs:
Der König, der im jugendlichen Alter von achtzehn Jahren — er war geboren am 25. August 1845 — zur Regierung berufen ward, leistete am 11. März vormittags zehn Uhr unter dem Vorsitze seines erlauchten Oheims, Prinz Luitpold von Bayern, in Gegenwart der übrigen königlichen Prinzen und sämtlicher Mitglieder des Staatsrates den Eid auf die Verfassung. In der Antwort auf die Anrede des Ministers des Auswärtigen, Freiherrn von Schrenk, gab Ludwig II. die Zusicherung, im Geiste des hohen Verstorbenen und im Geiste der Verfassung die Regierung führen zu wollen. Vielfach wurde des Königs würdevolles Benehmen gerühmt und die Rücksichtnahme auf die von seinem hohen Vorgänger herrührenden Anordnungen. Denn weder im Ministerium noch im Kabinett oder in der Hofhaltung traten irgendwelche Änderungen ein.
Nach einem Morgenbesuche bei der „Königin-Mutter" — welchen Titel die Witwe Maximilians II. nach Verfügung ihres Sohnes führte — nahm König Ludwig vormittags neun Uhr den Vortrag seines Sekretärs von Pfistermeister entgegen und empfing an jedem Wochentage je einen anderen Staatsminister, um mit ihm persönlich die laufenden Geschäfte zu besprechen. Im jugendlichen Feuereifer, alles rasch zu erledigen, ließ der König anfangs sogar öfters am Tage im Kabinett anfragen, ob von den Ministerien keine Anträge zur Unterschrift gekommen seien.
Alsbald besuchte König Ludwig die im Bade Kissingen weilenden russischen und österreichischen Majestäten, und nach München zurückgekehrt erteilte er Audienzen und zeigte sich allenthalben so leutselig, dass seine Äußerungen als geflügelte Worte in Umlauf kamen. Am 25. August feierte der Monarch seinen Namenstag mit seiner Mutter und mit Prinz Otto in Hohenschwangau.
Adolf Friedrich Graf von Schack sagt in seinen Lebenserinnerungen „Ein halbes Jahrhundert" über den jungen König und seine literarischen Neigungen:
Den Sohn und Nachfolger König Maximilians II. hatte ich schon bei Lebzeiten des Vaters mehrfach gesehen und den angenehmsten Eindruck von dem schönen Knaben empfunden. Er war von seinem Gouverneur sehr streng erzogen worden. Als nun der junge Prinz ganz unerwartet mit achtzehn Jahren den Thron bestieg, vermochte er, der bisher fast noch als ein Kind betrachtet worden war, in den plötzlichen Wandel seiner Lage sich kaum zu finden. Er zeigte eine gewisse Scheu und Bangigkeit und konnte sich nur schwer entschließen, unter Menschen zu gehen.
Je mehr früher sein Hang zur Poesie unterdrückt worden war, desto leidenschaftlicher gab er sich jetzt demselben hin. Vor allem war Schiller sein Lieblingsdichter, und er las ihn so viel, dass er manche von dessen Schauspielen zuletzt Wort für Wort auswendig wusste. Bei diesem dichterischen Sinn des Königs war es nun auffallend, dass er doch nie Neigung zeigte, die Länder, in denen die Poesie besonders ins Leben getreten ist, namentlich Italien, zu besuchen. Die wenigen kurzen Reisen, welche er machte, hatten fast nur den Zweck, Örtlichkeiten zu besichtigen, welche in Schillers Dramen vorkommen, so namentlich den Vierwaldstätter See und die Kathedrale von Reims.
Weniger als mit der Vorliebe Ludwigs II. für die Schauspiele unseres großen Dichters konnte ein deutscher Sinn mit dem lebhaften Interesse sympathisieren, welches er für alles auf Ludwig XIV. sich Beziehende zeigte. Das Stück „Die Herzogin" von J. L. Klein zog seine Aufmerksamkeit auf sich, bloß weil der französische Monarch darin auftrat. Trotz aller Bedenken befahl der König, dass es völlig unverkürzt in Szene gehen sollte. Der Erfolg war vorauszusehen: Schon gegen Ende des ersten Aktes begann das Haus sich merklich zu leeren, und gegen Schluss des zweiten war kaum noch ein Zuhörer da.
Paul Heyse schildert in „Jugenderinnerungen und Bekenntnisse" persönliche Eindrücke:
Um für die Weitergewährung der Pension meinen Dank abzustatten, hatte ich um eine Audienz nachgesucht. Es war das einzige Mal, dass ich dem jungen Könige gegenüberstand. Er empfing mich freundlich, doch mit einer gewissen, gesucht hoheitsvollen Haltung, die erkennen ließ, dass ihm seine königliche Würde noch eine Rolle war, in die er erst hineinwachsen sollte. Doch war der Blick der schönen, großen Augen, in denen ein träumerischer Glanz leuchtete, gewinnend. Von Dönniges wusste ich auch, dass der junge Herrscher ein ungewöhnlich sicheres Urteil über jeden besaß, der in seine Nähe kam.
Stiftspropst Ignaz von Döllinger schreibt in seinen Briefen:
Unser junger König beginnt kostspielige Liebhabereien zu entwickeln, und große Summen schlüpfen ihm durch die Finger. Von der zarteren Hälfte des menschlichen Geschlechtes, glaubte man bisher, wisse er sehr wenig. Neulich gab er doch seine Meinung kurzweg auch über den Sexe ab: „Ach die Weiber! Auch die Gescheiteste disputiert ohne Logik!" Wo er nur diese Entdeckung gemacht haben mag! Wenn er einmal eine Frau hat, wird er sehr froh sein, dass sie ihm nicht mit der Logik des Kopfes immer entgegentritt, sondern der Logik des Herzens folgt.
Ihr werdet euch über unseren Ministerwechsel gewundert haben. Soviel ist sicher, dass der junge König einen sehr festen Willen hat und schon gar gerne sagt: ich befehl's. Neumayr dagegen gefällt ihm als Minister. Da man von einem Minister einerseits klare Bestimmtheit, anderseits große Biegsamkeit erwartet, so werden auch die Neuen sich sehr unsicher auf ihren Ministerstühlen fühlen.
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Richard Wagner in München
König Ludwig II. hatte, kaum zur Regierung gelangt, dem von ihm seit seinem 16. Lebensjahr schwärmerisch verehrten Tondichter Richard Wagner den in dessen verzweifeltster Stunde seine hilfreiche Land entgegengestreckt. Er hatte durch seinen Kabinettssekretär Lofrat von Pfistermeister Wagner suchen lassen. Pfistermeister fand ihn inStuttgart im LotelMarquardt und übermittelte ihm mitBriesen und Geschenkenden Wunsch des Königs, ihn nach München in seine nächste Umgebung zu ziehen. Wagner dantte dafür mit diesem Brief:
Teurer, huldvoller König!
Diese Tränen himmlischer Rührung sende ich Ihnen, um Ihnen zu sagen, daß nun die Wunder der Poesie wie eine göttliche Wirklichkeit in mein armes, liebebedürftiges Leben getteten sind! — And dieses Leben, sein letztes Dichten und Tönen gehört nun Ihnen, mein gnadenreicher junger König: verfügen Sie darüber, als über Ihr Eigentum! Im höchsten Entzücken, tteu und wahr
Stuttgart, 3. Mai 1864 Ihr Untertan Richard Wagner.
Friedrich Pecht, ein alter Freund Richard Wagners, berichtet in seinen, Wagner gegenüber durchaus nicht voreingenommenen Erinnerungen „Aus meiner Zeit" über Wagners Verhältnis zu König Ludwig II.:
Die Schwärmerei des jungen Königs für den Tondichter hatte zuerst etwas fast Kindliches; er behandelte ihn durchweg als Ratgeber und Freund, während Wagner wieder die väterlichste Zärtlichkeit für ihn zur Schau ttug, aber zugleich auch in Gedanken das Königreich Bayern mittegierte. So bekam ich denn auch viele Briefe und Billette des Königs an Wagner zu lesen, die mir schon damals weit mehr als durch ihren Geist durch ihre Überschwenglichkeit auffielen. Daß dieselbe durch den Amgang mit dem genialen, aber zugleich unglaublich aufgeregten Meister nicht vermindert werden konnte, lag auf der Land, umsomehr als derselbe geneigt war, die ganze Menschheit, mit einigen kleinen Ausnahmen, zu verachten und für bloßes Material zum Verbrauchtwerden durch die Auserwählten zu halten. Wagner hat daher ganz sicher keinen guten Einfluß auf den jungen König ausgellbt, jedenfalls dessen Neigung, sich in eine phantastische Traumwelt einzuspinnen, nur gesteigert. War er doch selber nur zu sehr disponiert, diese Welt nur dazu vorhanden zu glauben.
Wagnersche Musik zu hören und alles andere daneben gering zu schätzen. Solch natürlicher Egoismus des Genies war aber alles eher als von günstigem Einfluß für einen Charakter wie den jungen König, da es den seinigen nur steigern konnte. Da Wagner überdies eine Menge Schulden und große Bedürfnisse hatte, so war er genötigt, die Kasse des Königs übermäßig in Anspruch zu nehmen, was ihm jedenfalls die stille Feindschaft aller Lofbeamten zuzog.
So kamen denn alsbald die abenteuerlichsten Gerüchte über seine Ausbeutung des hohen Beschützers ins Publikum. Der biedere Philister nicht allein, sondern auch die Lofkreise würden es ganz natürlich gefunden haben, wenn der König an eine hübsche Maitreffe zehnmal soviel gewendet hätte, aber an einen großen Künstler — das war unerträglich! Man verstand es denn auch von gewisser Seite vorttefflich, die über eine angebliche Günstlingsherrschaft entstandene Auftegung noch zu steigern. In Wahrheit existierte dieselbe gar nie, denn es zeigte sich sehr bald, daß der König zwar wohl Wagners Amgang gelegentlich liebte, aber nicht im geringsten geneigt war, sich durch ihn oder irgend jemand anderen übermäßig beeinflussen zu lassen. In dieser Beziehung war das wechselseitige Verhältnis im Gegenteil sogar nie ganz aufrichtig. Der König ward oft ärgerlich über Wagner und entwickelte überhaupt früh einen Charakter ohne jede Äingebung.---- Das außerordentlich einschmeichelnde
und verführerische Wesen, das Wagner in so hohem Grade zu Gebote stand, gefiel offenbar dem jungen Fürsten sehr, ohne daß er indes jemals auch nur einen Augenblick den ungeheueren Abstand vergessen hätte, der einen Fürsten, nicht nur seiner Meinung nach, von allen übrigen Sterblichen ttennt. Ohne Zweifel hätte sich Wagner in München, beschützt vom König, wie er es war, immerhin noch lange halten können, wenn er nicht in Äans von Bülow einen Genossen hergezogen hätte, der es in ganz ungewöhnlichem Grade verstand, bei den Münchnern sich unbeliebt und Wagner zahllose Feinde zu machen...
Ich mußte noch einmal sehr lebhaft an den Wagnerschen Angelegenheiten teilnehmen. Es war das bei dem projeftierten großen Festtheater für die Aufführung Wagnerscher Opern, das der König drüben über der Isar errichten lassen wollte. Da empfahl ich nun Wagner feinen alten Anglücksgenossen Semper für den Bau, der denn auch richtig gewählt und zur Anfertigung von herrlichen Plänen und Modellen veranlaßt ward, was ihn mehrfach nach München führte, so daß wir schon hofften, ihn ganz dahingezogen zu sehen. Da erhob sich aber über dieses Projekt, dessen sich zu freuen die Münchner alle Arsache gehabt hätten, da es ihre Stadt um eine herrliche Zierde bereichert und ihnen einen großen Künstler gewonnen hätte, ein solcher Sturm in der Presse und in der mißleiteten Bevölkerung, daß der König es ein für allemal aufgab, für München irgend etwas zu tun. Er hat denn auch bekanntlich alle seine Schlösser auswärts gebaut; das Theater aber ward in Bayreuth als eine Bretterbude errichtet und hat dieser Stadt die Millionen eingetragen, welche die aufgehetzten Münchner so unvernünftig verscherzten.
Da mit der Dummheit und Roheit eines hohen wie niederen Pöbels bekanntlich selbst die Götter vergeblich kämpfen, so gab zuletzt auch Wagner den Widerstand auf und zog in die Schweiz, wo man ihn gewiß nicht besser verstand, aber wenigstens in Ruhe ließ. Denn das Merkwürdigste an diesem Münchner Aufenthalt war und blieb, daß selbst zur Zeit ihrer größten Empörung gegen den Meister die Münchner doch seine Musik immer gleich gerne hörten und seine Opern das Theater jedesmal bis zum letzten Platz füllten. Sie bewiesen also, daß sie den großen Künstler sehr gut vom Menschen zu ttennen wußten, der ihnen allein antipathisch war und blieb, weil er nun einmal so wenig zu ihrer phlegmaüschen und schlichten Art paßte, wie der Vesuv auf den Gasteig passen würde.
Ignaz von Döllinger läßt in den Briefen an seine junge Freundin das Verhältnis des Königs zu Wagner wiederholt anklingen, so am 29. Dezember 1864:
...... Anser junger König hat doch angefangen, die geistige Leere, die seine mangelhafte Erziehung in ihm gelassen hat, einigermaßen ausfüllen zu wollen. Professor Äuber soll ihn in die Philosophie einweihen — eine ungemein schwierige Aufgabe! Inzwischen hält sein Enthusiasmus für die Musik an. Reben Richard Wagner hat er nun auch einen Klavierspieler, Äans von Bülow aus Berlin, dessen Frau eine Tochter Liszts ist, hieher gezogen, als „Vorspieler Sr. Majestät des Königs". And eben ist von einer dritten musikalischen Berufung die Rede: Peter Cornelius. Wenn das so fortgeht, werden den guten Bayern die ftemden Tonkünstler bald so widerwärtig werden, als ihnen die vom Vater hereingerufenen ftemden Gelehrten geworden sind....... Von unserm König erzählt man sich fortwährend viel Gutes; er ist geistig begabter als sein Vater, allem Gemeinen entschieden abhold, religiös und zu stiller, einsamer Zurückgezogenheit geneigt. Bei Audienzen-Erteilung sind ihm jene Männer willkommen, aus deren Gespräch er etwas lernen kann, wie er sagt. Seine vorherrschende Neigung ist bis jetzt Musik und das ernste Drama. Er hat verlangt, daß die großen Tragödien ganz unverkürzt gegeben werden sollen. Sein Äauptgünstling ist noch immer Wagner, der ihn denn auch sehr viel Geld kostet. Da er kein rechtes musikalisches Gehör besitzt, so weiß man sich diese Vorliebe nicht recht zu erklären. Übrigens ist der König sehr gutmütig, es macht ihm Freude zu schenken; zugleich ist er aber auch sehr eifersüchtig auf seine Königsmacht und hierin seinem Großvater ähnlich.
27. Januar 186
Peter Cornelius (1824—1874), ein Neffe des Malers, der Komponist der Oper „Der Barbier von Bagdad", war, von Wagner gerufen, von 1864 an als Lehrer an der Münchner Musikschule tätig.
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Die „Tristan“-Uraufführung
Die positivste Auswirkung der Beziehungen zwischen König Ludwig und Richard Wagner war die Uraufführung des Musikdramas „Tristan und Isolde" am 10. Juni 1865. Da damals schon die Letze gegen Wagner eingesetzt hatte, so wurde das Werk, das Laus von Bülow dirigierte, nicht eben ffeudig ausgenommen. Auch erwies es sich, daß das Publikum für das Verständnis der Kunst Wagners noch nicht die nötige Reife befaß. Selbst eine so fein empfindende Frau wie Josephine Kaulbach war der Größe des Werkes nicht gewachsen und schrieb darüber ihrem Mann nach Berlin:
Gestern, Donnerstag, war im Loftheater die erste Probe zur Wagnerschen Oper „Tristan und Isolde", die künftigen Montag zur Aufführung kommen wird. Diese Probe kann schon als vollkommene Aufführung gelten, nur mit dem Unterschied, daß dies Publikum von Wagner und Bülow eingeladen ist — nur „die Auserwählten und die Freunde", wie Wagner in seiner Rede, die er vor dem Beginn an uns gehalten, gesagt hat. Die Rede war vorzüglich, bescheiden, schlicht und herzlich. Ich wollte, man könnte das auch von seiner Oper sagen. Die Parkettsitze waren alle dicht besetzt, und ich sah lauter Freunde und Bekannte. Frau von Bülow hatte mir zwei Karten gegeben und, da Maria nicht wohl war, lud ich Freund Dietz ein. Neben uns saßen Riehls, Siebold, Wüllner, Pfeuffer usw. Bülow als Dirigent streckte seinen Kopf gewaltig in die Löhe und wollte nach Wagner auch noch eine Rede halten. Leider blieb er schon beim ersten Satz gründlich stecken. Er kam in seiner Verwirrung über die gewöhnlichen Phrasen von Dank und Aufopferung nicht hinaus. Endlich fand er den Schluß, und es begann die Ouvertüre, die mit wirklicher Meisterschaft ausgeführt wurde, aber unsere herkömmlichen Begriffe von Musik nicht überschreitet. Den Inhalt der Oper kennst Du ja. Die Steigerung der wütendsten Leidenschaft füllt den ganzen zweiten Akt, der aus einem Duett besteht, welches dreiviertel Stunden dauert, ohne Melodie, die höchst barbarischen, ich möchte sagen, die Leidenschaften eines vorsintflutlichen Geschlechtes ausdrückend. Für unsere schwachen Nerven und Ohren ungenießbar. Der Gesang besteht nur in heulenden, schrillen Tönen; sie brüllen, wüten, toben und werden dazu von dem Orchester mit den kunstvollsten Dissonanzen begleitet: Pauken, Trompeten, Zimbeln und noch andere neuerfundene Instrumente steigern sich zu wahrer Raserei. Das Orchester hat diese schwierige, mühsame Arbeit meisterhaft durchgeführt; in keiner anderen Stadt wäre dies möglich gewesen. Aber vor allem gebührt Schnorr und seiner Frau das höchste Lob. Letztere übertraf alles bisher Dagewesene sowohl als Sängerin, wie als Schauspielerin. An Gestalt und Aussehen ist sie eine Krimhilde; ebenso herrlich wirkt Schnorr. Nur diesen beiden großen Künstlern wird Wagner den Erfolg zu danken haben; sie besitzen sowohl die körperlichen, wie die geistigen Kräfte, um dieser Riesenarbeit nicht zu erliegen. — Mit diesen drei Aufführungen wird wohl „Tristan und Isolde" sich ins Privatleben zurückziehen müssen. Man ist besorgt, daß Bülow bei der ersten Aufführung (wegen der Schweinehundgeschichte) schlecht empfangen wird, denn die Erbitterung gegen ihn ist sehr groß. Der junge König soll in der großen Probe vor Begeisterung bis zu Tränen gerührt gewesen sein. Aus allen Teilen Deutschlands sind Freunde Wagners hierhergekommen. Die gute Bülow strahlt vor Entzücken.
Die gereizte Stimmung der Münchner kommt in diesem Brief gut zum Ausdruck. Im übrigen ging, dank umsichtiger Maßnahmen, die Uraufführung doch glatt vonstatten. Die Erregung galt überhaupt mehr als Wagner seinem Schildknappen HanS von Bülow (1830—1894), der 1864 als Hofpianist nach München berufen worden war und sich durch sein extravagantes Wesen mißliebig gemacht hatte, und seiner etwas absonderlichen Gattin Cosima, einer Tochter Liszts, die später Wagners Gemahlin wurde. Bülow verließ indessen München erst im Jahre 1869, also vier Jahre später als Wagner. Julius Schnorr von Carolsfeld (1836—1865) und seine Gattin Malwine waren aus Dresden zur Uraufführung berufen worden, da Wagner die einheimischen Kräfte nicht für ausreichend hielt.
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Wachsende Mißstimmung
Die Stimmung der Bevölkerung war unbedingt gegen Wagner. Dass der Sänger Ludwig Schnorr von Carolsfeld, wahrscheinlich infolge der Überanstrengung, am 21. Juli 1865, fünf Wochen nach der ersten „Tristan"-Aufführung, starb, rechnete man Wagner an; vor allem aber war das Benehmen der von Wagner nach München gezogenen Freunde nicht derart, dass es die Sache Wagners fördern konnte. Darüber hören wir Josephine Kaulbach:
Die Zukunftsmusiker haben wieder eine entsetzliche Geschichte angerichtet. Bülow, der auf dem besten Wege war, sich die Achtung und Bewunderung der Münchner zu erringen durch seine geniale Leitung der Proben, verdirbt sich noch seine ganze schöne, angenehme Stellung hier. Vor einigen Tagen, während einer Probe, in der er sehr aufgeregt war, ließ er sich bei irgendeiner kleinen Veranlassung hinreißen, das Münchner Theaterpublikum — „Schweinehunde" zu nennen! Diese ungeschickte Äußerung ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt und kam auch dem jungen König zu Ohren, der Bülow schriftlich zurechtwies. Gestern Abend sollte ihm eine Katzenmusik gebracht werden, doch wurde es noch glücklicherweise von der Polizei verhindert. Frau von Siebold sagte mir, in Berlin sei „Schweinehund" kein Schimpfname; wir hätten einen falschen Begriff davon, es sei beinah als ein Liebesname, als eine Neckerei aufzufassen!
Wenige Tage später schrieb Frau Kaulbach: Wir leben hier in großen Aufregungen; die Gerüchte wachsen aus der Erde, und kein Tag vergeht, an dem nicht wieder etwas Neues, Unerhörtes sich ereignet. Wagner spielt die Rolle der Lola und, wenn die Erbitterung und der Hass gegen ihn und Bülow so fortgeht, so ist ihres Bleibens nicht mehr lange. Als der Abend kam, waren große Plakate angeschlagen, auf denen zu lesen war, dass die Aufführung wegen Erkrankung Frau Schnorrs unterbleibe. Der Schreck war ungeheuer, denn kein Mensch glaubte daran. Man dachte, die Polizei habe dies alles so veranstaltet, weil sie fürchtet, es könne einen Skandal geben. Die Studenten wollten Bülow mit Äpfeln und faulen Eiern bewerfen und ihn mit Kinderratschen empfangen, sobald er den Dirigentenstuhl besteige.
Auch Martin Schleich, ein Vorkämpfer der Antiwagnerianer, machte mit den Waffen der Satire gegen Wagner mobil. Er ließ in seinem „Punsch" eine dramatische Szene erscheinen, die sich gegen Wagners angeblich sehr luxuriöses Leben wandte. Sie ist betitelt:
Prachtvolles Schlafzimmer: Samttapeten, Seidenvorhänge, Wollteppiche, Spiegelplafond mit Fresken. Gegen das Fenster zu ein kleines Orangenwäldchen. Der Waschtisch befindet sich in einer Felsengrotte. Aus dem Fels entspringen zwei Quellen, eine kalte und eine warme. Rumorhäuser, der große Komponist, erwacht, streckt sich und reißt an einem Glockenzug. Man hört sogleich das Trompetensignal aus „Lohengrin". Der Kammerdiener tritt ein.
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Wagners Abschied
Wie die Dinge lagen, mußte der König schließlich Wagner ziehen lassen. Seine Stimmung vertraute König Ludwig am 8. Dezember 1865 diesem Brief an Richard Wagner an:
Mein teuerer, inniggeliebter Freund!
Worte können den Schmerz nicht schildern, der mir das Innere zerwühlt. — Was nur irgend möglich, soll geschehen, um jene elenden, neuesten Zeitungsberichte zu widerlegen. Daß es bis dahin kommen mußte! Unsere Ideale sollen treu gepflegt werden; dies brauche ich Ihnen kaum erst zu versichern. Schreiben wir uns oft und viel, ich bitte darum. Wir kennen uns ja; wir wollen von der Freundschaft nie lassen, die uns verbindet. Am Ihrer Ruhe willen mußte ich so handeln.
Verkennen Sie mich nicht, selbst nicht auf einen Augenblick, es wäre Höllenqual für mich. — heil dem geliebtesten Freunde! Gedeihen seinen Schöpfungen! herzlichen
Gruß aus ganzer Seele von Ihrem treuen Ludwig.
Richard Wagner (1813—1883) mußte weichen. Neuere Forschungen ergaben, daß daran weniger die Münchner Bürger und die Hofgesellschaft als die Kreise um Richard Wagner selbst durch fortwährende Taktlosigkeiten schuld trugen. Wagner übersiedelte im Dezember 1865 nach Triebschen bei Luzern und vollendete dort „Die Meistersinger von Nürnberg". Sie wurden am 21. Juni 1868 in München uraufgeführt, dabei saß Wagner in der Königsloge an der Seite Ludwigs: Horaz neben Augustus, wie man im Wagnerlager sagte. Auch die vier „Abende" des „Rings des Nibelungen" erlebten in München ihre Uraufführung. Schließlich erkaltete das Freundschaftsverhältnis zwischen König und Komponist, und Bayreuth wirkt fast wie eine Verbannung.
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Das neue Volkstheater am Gärtnerplatz
In Hermann Schmids Zeitschrift „Heimgarten" liest man im Jahrgang 1864:
Zu den Ubelständen der Zeit, welche überall beklagt werden, gehören auch die Verhältnisse der Bühnen, in welchen nur darauf Bedacht genommen ist, der Menge zu Bier, Tabak und anderem auch dramatische Spiele zum besten zu geben, welche meistens wie dem guten Geschmack so auch der Sittlichkeit geradezu ins Gesicht schlagen. Je schwerer es ist, zu bessern und zu helfen, desto erfreulicher ist jeder Anfang, der dazu gemacht wird. Als ein solcher muß das Unternehmen begrüßt werden, in der kunstberühmten Hauptstadt München statt der beiden, bisher dort bestandenen Schweigerschen Bühnen ein Volkstheater im echten und schönen Sinne des Wortes zu gründen, das, ohne Lustigkeit und Frohsinn des Volkes zu verkümmern, darauf bedacht ist, ihm statt französischen Abhubs gesunde, nationale Unterhaltung zu bringen.
Das auf Aktien begründete Unternehmen ist bereits so weit gediehen, daß am 25. August, als dem Namenstage des jugendlichen Königs von Bayern, der die Genehmigung erteilte, der Grundstein des Theatergebäudes gelegt werden konnte. In denselben wurde eingelegt folgende von Or. E. Fentsch in Reimen verfaßte
Arkunde.
And so geschah mit Gottes Gnad, Als man das Jahr gezählet hat Tausend achthundert sechzig vier: Da Hub man an zu Münchens Zier, Zu seiner Bürger Ehr und Nutz, Zu der Philister Spott und Trutz, Der hohen, edlen Kunst zu Dank Für ernstes Spiel und heitern Schwank Ein feines Schauspielhaus zu gründen. Wie dieses Instrument tut künden.
Lerr Reifenstuel, der Senior, Lat als Baumeister ehzuvor Gar manchen Tag und manche Nacht Den Riß ersonnen, den Plan erdacht. Bis daß er ihm zu dieser Frist Gar löblich auch gelungen ist.
Am fünfundzwanzigsten August, Da man mit sonderlicher Lust Wohl auf und ab im Lande Bayern Des besten Königs Fest tat feiern: Da setzte man den ersten Stein Mit Gunst dem Fundamente ein And sprach darob.ein fröhlich „Amen", Daß, wie der Baum aus kleinem Samen, So aus dem Stein, der im Grunde ruht, Der Bau aufwachse schön und gut. Mit Mauern fest und ohngewank. Mit Säulen und Pilastern schlank. And drin ein prunkendes Gelaß, Gefügt mit Kunst und Ebenmaß, Allwo die Muse anmutvoll Sich eine Stätte gründen soll!
Dazu verhelf' des Bauherrn Kunst, Bor allem aber Gottes Gunst, Der seinen Segen uns verleihe. Auf daß der Bau gar wohl gedeihe Bom ersten Stein im Fundament Zum letzten Stein im Giebelend.
In der von Or. Lermann Schmid gehaltenen Festrede wurde namentlich der Begriff des „Volkstheaters" betont und wie folgt entwickelt:
„Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß mit dem Worte Volk nicht der Begriff verbunden ist, den vielleicht eine frühere Zeit damit verband, und der es nahezu gleichbedeutend mit Pöbel machte. Wer zählte Heuzutage nicht zum Volk? Wer dächte daran, sich loszusagen von ihm, und wer vermöchte es in Wirklichkeit? Volk ist hier einzig in jenem Sinn gemeint, in welchem überall und gemeinverständlich von Volksliedern, Volksbüchern, Volksstücken und Volksdichtung die Rede ist. Die deutsche Kunst überhaupt und die dramatische insbesondere hatten viele Wandlungen zu durchlaufen, je nachdem die Vorbilder Griechenlands, Frankreichs oder Englands überwiegend waren. Trotz dieser Geschmacksänderungen aber, die sich mehr in den höheren Kreisen vollzogen, blieb das Volk in seinem Wesen unverändert; seine Sehnsucht, sein Geschmack und seine Liebe sind im großen und ganzen dieselben geblieben. Das Volk will überall nur den Kern, das immer Gültige, dessen Wirkung es auch in der unbehilflichsten Form empfindet, das es versteht, weil es darin das allgemein Menschliche erkennt und sich selbst wieder findet. Ein solches Bild des allgemein Menschlichen, zurückgestrahlt aus dem Spiegel der besonderen Volks- und Stammeseigentümlichkeit, soll dieses neue Volkstheater werden. Das bayerische Volk ist in seinem Grundcharakter heiter und zur vollsten Lustigkeit geneigt, aber es ist auch reich begabt mit einem sinnenden, gemütlichen Zug; es ist offen und kurz angebunden, bieder und kräftig. 2n dem neuen bayerischen Volkstheater wird daher der Kothurngang der Tragödie nicht ertönen, und wenn auch ein gerührtes, erschüttertes Äerz, ein nasses Auge darin keine Fremdlinge sein dürfen, so werden seine freundlichen Räume doch am öftesten und lautesten widerhallen von Volkslied, Volksgesang und Volkswitz und von Gelächter über die Torheiten des Lebens."
Am 4. November 1865 wurde das Theater, dessen entscheidender geistiger Führer im ersten Jahrzehnt Hermann von Schmid war, eröffnet. Widrige finanzielle Schicksale waren dem Hause beschieden, bis Ludwig II. das Theater 1872 auf die Zivilliste übernahm. Fortan hieß es Königliches Theater am Gärtnerplatz. Das oberbayerische Volksstück, das gebirglerische dramatische Sittengemälde, hatte hier seine klassische Heimstätte, ebenso der bodenständige Schwank und die saftige Posse; der junge Ludwig Ganghofer und Neuert wurden nach H. v. Schmid die Hausdichter, zuletzt trat Rauchenegger dazu. Das Volksstück wurde hier so meisterhaft gespielt, daß ein Ensemble des Theaters mit Amalie Schönchen,
Neuert, Dreher, Albert, Hofpauer ganz Deutschland erfolgreich bereiste. Berühmte Komiker, die hier auftraten, waren außerdem Ferdinand Lang, Eduard Sigl und Eduard Brummer. Später opferte man in dem Hause vorwiegend der Muse der Operette. — Hier muß auch auf die in München heimischen „Volkssänger", die sogenannten „Komiker", hingewiesen werden; der berühmteste war Jakob Geis, genannt „Papa Geiö", der von den 1870er Jahren bis zur Jahrhundertwende in Flor stand.
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Die Schackgalerie und ihre Meister
Rosalie Braun-Artaria (1840—1919) schreibt in ihren Lebenserinnerungen „Von berühmten Zeitgenossen" folgendes über die Entstehung und die Künstler der Schackgalerie, deren Bedeutung für das Kunstleben Münchens sie richtig erkennt:
Schon in den fünfziger Jahren war Leyse durch den ihm und Schack nahe befreundeten Maler Karl Roß auf das große Talent Genellis aufmerksam geworden, dem es nie gelungen war, für seine vielen monumentalen Entwürfe einen Auftrag von König Ludwig I. zu erhalten, so daß er allmählich in bittere Rot sank und oft nicht mehr so viel hatte, um Kartonpapier und Stifte für seine von niemand begehrten großen Zeichnungen zu bezahlen. Leyse und Roß, die ihn menschlich wie künstlerisch aufs höchste schätzten, vereinigten sich dann, auf Schack zu seinen Gunsten einzuwirken, und erreichten es, daß dieser Genelli aufsuchte und seine reichgefüllten Mappen besah. Bei Schacks besonderer Richtung auf edle Stoffe und Größe der Darstellung entzückte ihn der Inhalt so sehr, daß er gleich eine Farbenzeichnung „Die Vision des Ezechiel" ankaufte und weitere Entwürfe bestellte. Bis dahin hatte er hauptsächlich die großen Alten in Italien und Spanien bewundert, aber zur modernen deutschen Kunst kein Verhältnis gehabt. Nun kam durch die, auch wieder auf Veranlassung seiner beiden Berater folgenden weiteren Ankäufe ein neues Interesse in sein Leben, und so wandelte sich allmählich der bisher nur der Literatur ergebene Schack zum Kunstmäzen um. Aber an Platz für die wachsende Bilderzahl fehlte es in dem kleinen Laus mit vielen Fenstern und schmalen Pfeilern. Ich erinnere mich noch sehr wohl des Nachmittags, wo wir, seiner Einladung folgend, zur Besichtigung des neuerworbenen Bildes „Lerkules und Omphale" hinkamen. In dem oberen Salon stand das große Bild ganz provisorisch über den beiden Armlehnen eines Sofas gegen die Wand gestützt und man konnte nicht absehen, wie es in dem kleinen Raum überhaupt aufgehängt werden sollte. Doch gab es anderen Rat. Inmitten der vielen Gärten, die von Schacks Laus rückwärts den ganzen Raum zwischen Brienner- und Karlstraße füllten, stand in dem seinigen ein quadratischer Pavillon, in dem er Sommers zu arbeiten pflegte. Dieser wurde nun geräumt und nahm bald die neuen Erwerbungen an seinen Wänden auf. Später wurde er durch einen langen Zwischengang mit dem Laupthause verbunden, und dort sah man dann in den nächsten Jahren auch die herrlichen Kopien nach Tizian, Rubens und Velasquez, die der junge Lenbach in Italien und Spanien machte.
Es ist später in Künstlerkreisen viel gelästert worden über die karge Bezahlung dieser von den Originalen kaum zu unterscheidenden Meisterwerke. Doch hätte man dabei nicht vergessen sollen, daß Lenbach damals ein unbekannter junger Anfänger in sehr ärmlichen Verhältnissen war, für den die Verbindung mit Schack ein großes Glück bedeutete. Anvergeßlich ist mir der erste Eindruck seiner noch höchst unzivili-fierten Persönlichkeit, als ihn mein Mann eines Abends zum Essen mit heimbrachte. Der Laarbusch hing unordentlich in die Stirne, hinter den runden Brillengläsern sahen wohl ein Paar scharfe, kluge Augen hervor, aber der dicklippige Mund und ein wahrer Bocksbart am Kinn wirkten entschieden faunenhast. Ohne viel Amstände setzte er sich zum Essen nieder, half mit den Fingern nach, wenn die Gabel nicht genügend fassen wollte, und zog dabei unablässig über alles her, was damals Münchner Kunst hieß. Ganz entsetzt hörte ich zu und sagte nach seinem Weggehen zu meinem Mann: „Was hast du mir denn da für einen Landwerksgesellen mitgebracht?" Aber sehr ernsthaft erwiderte er: „Das wird künftig einer unserer ersten Künstler sein; er ist ein Mensch von ganz ungewöhnlicher Begabung und originellem Geist. Nach seinen Manieren freilich darf man ihn nicht beurteilen."
Es war dies unmittelbar vor Lenbachs Abreise nach Italien, die eine entscheidende Wendung in seinem Leben bedeutete. Er konnte sehr froh sein und war es auch, mit freier Reise und einigen hundert Gulden für jedes Bild den langen Aufenthalt dort zu gewinnen, der für seine ganze Kunst ausschlaggebend wurde. Eine ähnliche Rettung waren Schacks Aufttäge auch für Feuerbach und Böcklin. Beide waren vorher hart von Geldnot bedrängt, beiden wurde dadurch wesentlich geholfen. Feuerbach besonders würde ohne Schack in verzweifelte Lage geraten sein, wie heftig er sich auch jederzeit über des Lerrn Baron Verständnislosigkeit und Bevormundung empörte. Die Dankbriefe der von diesem aufs höchste geschätzten Mutter sprechen eine andere Sprache, so sehr sie vielleicht im Innersten dem Sohne recht gab.
Bei Erwägung aller dieser Amstände soll man auch bedenken, daß die Mittel des „reichen Mannes" keineswegs unbeschränkt waren. Was er im ganzen jährlich für Kunst ausgeben konnte, würde heute ein Berühmter für ein einziges großes Bild verlangen. Daß es ihm mit verhältnismäßig kleinen Mitteln gelang, in den Jahrzehnten, während deren durch Ludwigs II. Teilnahmslosigkeit die Neue Pinakotheknur wenig Zuwachs erhielt, eine solche Fülle herrlicher Kunstwerke zu erwerben, das war wohl sein großes Glück, aber auch das Verdienst seiner edlen Gesinnung, die sich der bedrängten Künstler annahm, ehe er ahnen konnte, welcher Nachruhm ihm selbst daraus erwachsen würde. And große Freude hat er, obgleich er kein wirklicher Kenner war, stets an seiner Galerie und der bewundernden Besucherzahl gehabt. Doch sollte er sie nicht bis zum Ende behalten; ein jahrelanges Augenleiden ging in fast völlige Blindheit über, die er mit großartiger Standhaftigkeit ertrug, bis im Jahre 1894 der Tod den fast Achtzigjährigen erlöste.
Seine Galerie wollte er ursprünglich der Stadt München überlassen, die es aber am nötigen Entgegenkommen fehlen ließ. So vermachte er sie dem Deutschen Kaiser, indessen entführte sie dieser nicht, wie man fürchtete, nach Berlin, sondern ließ sie in großherzigem Entschluß dennoch in München, wo sie heute als höchste Zierde des preußischen Gesandtschastspalastes weite Säle füllt.
Graf Schack, der sich im Jahre 1857 in München niedergelassen hatte, wurde von dem holsteinischen Landschaftsmaler Carl Roß (1819—1858) zur Kunstpflege hingeführt. Am wesentlichen kam Schacks Galerie in den sechziger und siebziger Jahren zusammen. Von Anselm Feuerbach (1829—1880) besitzt Schack Gemälde aus den Jahren 1863—1866, von Arnold Böcklin (1827—1901) aus der gleichen Zeit, doch blieb die Verbindung Schacks mit Böcklin, der 1871—1874 wieder in München lebte, bis zu diesem Jahre aufrecht.
Bonaventura Genelli (1798—1868), der Meister allegorischer Bilder, lebte vorübergehend in München und starb in Weimar. Er ist der Held der in München spielenden, das geniale Treiben der maximi-lianischen Zeit blitzartig beleuchtenden Novelle „Der letzte Centaur" von Paul Heyse.
Franz von Lenbach (1836—1904) ist als Sohn eines Maurermeisters in Schrobenhausen geboren. 1856 trat er in Pilotys Atelier ein. Die Kopien für Schack malte er zu Beginn der sechziger Jahre. Lenbach, der sich als hervorragender Bildnismaler eines Weltrufes erfreute, entwickelte sich zum Malerfürsten, dessen Haus ein Sammelpunkt internationaler Größen wurde. Am Rahmen der Künstlergesellschaft „Allotria" veranstaltete und leitete er Münchens große Künstlerseste; er war jahrzehntelang eine beherrschende Erscheinung der Münchner Gesellschaft.
Für seine schönen Gemälde ließ sich Schack durch Lorenz Gedon (1843—1883) die Schackgalerie an der Briennerstraße erbauen; im Jahre 1909 wurde die kostbare Sammlung sodann in eigene, würdige Räume im Gebäude der preußischen Gesandtschaft an der Prinzregentenstraße übergeführt; auch nach deren Auflassung blieben die Gemälde in München im gleichen Hause beisammen.
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Stimmung 1866
Fürst Chlodwig zu Lohenlohe-Schillingsfürst (1819—1901), bayerischer Reichsrat und seit 31. Dezember 1866 bayerischer Ministerpräsident, später Statthalter von Elsaß-Lothringen und seit 1894 deutscher Reichskanzler, gibt in den aus seinen Tagebüchern geschöpften „Denkwürdigkeiten" folgende Schilderung der Begebenheiten von 1866, soweit sie Bayern und München betreffen:
31. Mai 1866. Die Stimmung ist hier gegen Preußen. Die Sympathien für Preußen, die in der Armee geherrscht haben, sind verschwunden, wie man sagt. Ich ging gestern lange mit Bodenstedt auf dem Dultplah auf und ab, der insbesondere für Volksbewaffnung sprach, natürlich neben den stehenden Leeren. Es sei nun einmal ein Schlagwort der Demokratie, und wenn die Leute sich diese Kosten und Unannehmlichkeiten machen wollten, so solle man sie damit beglücken. Revolution werde dadurch nicht entstehen.
Der König hat sich unter den Münchner Bürgern durch seine Reise nach der Schweiz sehr geschadet. Man soll ihm öffentlich auf der Straße Schimpfworte nachgerufen haben. Bei der Fahrt nach der Kirche am Eröffnungstag des Landtages ist er vom Publikum nicht behurrat worden, und man hat ihn kaum gegrüßt. Run hat er den Polizeidirektor Pfeufer, wie man sagt, deshalb nach Augsburg als Regierungsdirektor versetzt und Fritz Luxburg zum Polizeidirektor ernannt, der darüber unglücklich ist und sich noch nicht entschieden hat, ob er annehmen soll.
Pfordten erklärt wiederholt, daß er die Wirtschaft satt habe, bleibt aber doch und wird wahrscheinlich als Bundesbevollmächtigter zu den Konferenzen gehen. Ich begreife nicht recht, wie dies mit dem Landtag zusammenpassen wird, da dann kein Minister da ist, der die Vorlagen der Regierung vertreten kann.
Gestern abend (2. Juni 1866) war wieder Bierkrawall im Sterngarten. Die Landwehr schoß auf Tumultanten, wobei ein Mensch gelötet und zwei verwundet wurden. Ich hörte das Schießen, dachte aber, es sei Feuerwerk in einem der Biergärten. Daß dieser Anfug durch bezahlte Leute veranlaßt wird, unterliegt gar keinem Zweifel. Leute nachmittag soll beim Löwenbräu der Lärm wieder beginnen. Wer es anstiftet, ist nicht klar. Die Liberalen sagen, es seien die Altramontanen, die Revolution machen wollten, um den jungen König zu vertreiben; die andern sagen. es seien Bismarcksche Agenten, die den Spektakel veranlaßten, um Bayern zu nötigen, einen Teil seiner Truppen von der Grenze ab-- und nach dem Innern zu ziehen.
16. Juni 1866. Die bayerische Armee ist in keinem genügenden Zustand. Der Prinz Karl als Oberfeldherr ist zu alt. Die Offiziere haben kein rechtes Vertrauen in die eigene Kraft. Ich glaube nicht, daß wir große Lorbeeren ernten werden bei der noch so guten Gesinnung der Mannschaft und trotz der Rauflust der Bayern ...
Den König sieht jetzt niemand. Er wohnt mit Taxis und dem Reitknecht Völk auf der Roseninsel und läßt Feuerwerke abbrennen. Auch die Reichsräte, welche ihm die Adresse überbringen wollten, sind nicht empfangen worden, ein Fall, der im konstitutionellen Leben Bayerns unerhört ist. Ergebenheitsadressen nicht zu empfangen, und zwar von dem getreuen Reichsrat, das stiinmt die hohe Kammer sehr trüb. Die eigentlichen Münchner räsonieren wieder recht. Andere Leute kümmern sich nicht um die Kindereien des Königs, da er ja die Minister mit den Kammern ganz ungestört regieren läßt. Es ist aber sein Benehmen unklug, weil es Gelegenheit dazu bietet, ihn verhaßt zu machen ...
Das große Publikum sieht die ganze Krisis mit einer gewissen Gleichgültigkeit, mit einem objektiven Interesse an. Daß die gegenwärtigen Zustände nicht dauern können, das sieht jedermann ein. Warum für die Erhaltung derselben Krieg führen?
5. Juli 1866. Die Nachrichten aus Böhmen bringen hier eine sehr niedergeschlagene Stimmung hervor. Dazu kommt, daß die bayerische Armee aus purer Anfähigkeit ihrer Führer den Hannoveranern nicht zu Äilfe gekommen ist. Die „Bayerische Zeitung" entschuldigt dies damit, „daß man im Hauptquartier nicht gewußt habe, wo die Hannoveraner seien". Kann man sich etwas Absurderes denken? In unserem Kriegsministerium geht es nach altem bureaukratischen Schlendrian her. Selbst-zufriedenheit und Langsamkeit überall. Der Kriegsminister von Lutz ist, soviel ich in den Ausschußsitzmrgen der Kammer der Reichsräte beurteilen konnte, ein Mann von sehr geringen geistigen Fähigkeiten. Ein solcher Mann, der sich noch dazu neulich seinen Kopf beim Aufsteigen aufs Pferd an die Tür anrannte und dadurch noch unfähiger wurde, leitet jetzt die bayerische Armeeverwaltung. Prinz Karl ist ein alter ängstlicher Lerr; die Generalstabsoffiziere sind zum Teil nicht gescheiter als der Minister. Ich sehe mit Schrecken auf den Fortgang des Krieges. Gut ist es wenigstens, daß unsere bayerischen Soldaten ganz besonders rauflustig sind, insbesondere wenn sie gut genährt werden. Es ist möglich, daß die Soldaten das wieder gutmachen werden, was ihre Führer verfehlen.
13. Juli 1866. Die letzten Tage hier waren Tage großer Aufregung über die Gefechte in und bei Kissingen. Das Publikum machte seiner Aufregung durch Schimpfen Luft, wie unter gewöhnlichen Leuten zu geschehen pflegt.
13. August 1866. ... Gestern abend war ich in einer Volksversammlung. Ich hielt dort trotz einer Kitze von 25 ©tab und einer Stickluft von Menschenausdünstung und Biergeruch bis 11 Ahr aus. Kolb sprach gegen den Anschluß an Preußen, Völk für denselben. Die Stimmung in der Versammlung, war geteilt. Allgemein war nur der Beifall, wenn die Tapferkeit der Armee gelobt, wenn die Führung derselben verdammt und wenn auf von der Pfordten geschimpft wurde. Ich sand im Saal keinen Platz und brachte den Abend auf einem Gestell für Bierfässer in dem Büfett zu.
Gestenr (17. August) ging das Gerücht, Bayern habe mit Preußen eine Alliarrz geschlossen und ihm 100000 Manir zur Verfügung gestellt, wogegen Preußen auf jede Gebietsabtretung und Geldeirischädigung verzichtet habe. Erkundigungen ergaben aber, daß dies Gerücht erfunden war. Der König beschäftigt sich nrit Erfindung von Dekorationen für die Oper „Wilhelm Tell" und läßt sich Kostüme machen für Opern, die er dann anzieht, und womit er in seinem Zimmer umhergeht. Anter-dessen handelt es sich darrrm, denr Körrigreich Bayerrr dreißigtausend Einwohner in Frarrken und siebenhunderttausend in der Pfalz wegzunehmeir...
Bayern wird wahrscheinlich zwanzig Millionen Gulden zahleir und einen kleinen Teil von Anterfranken und ein Stück von Oberfrairken, Äof usw. abtreterr müssen. Nun muß ich zur Ehre unseres Vaterlandes konstatieren, daß selbst iit den schlimmsten Tagen unserer neuesten Geschichte sich kein Fürsprecher für einen französischen Bund gefunden hat, mit Ausnahme vielleicht eines Münchner Winkelblattes, das diesen Gedanken verteidigt hat. Es bleibt also nur das Bündnis mit Preußen. Äier entsteht nun die Frage, ob es jetzt schon an der Zeit sei, dieses Bündnis anzustreben. Man könnte dagegen einwenden, es sei Bayerns nicht würdig, jetzt schon dem siegreichen Feind die Land zu reichen. Ich gestehe, daß ich diesen Einwand nie verstanden habe. Wir haben Frieden mit Preußen geschlossen; Friede aber bedeutet Versöhnung und schließt jeden Gedanken der Rache und Bitterkeit aus.
Die viel Staub aufwirbelnde Reise des jungen Königs ging, von Biessenhofen aus zu Pferd ausgeführt, nach Triebschcn bei Luzern, zu Richard Wagner. Ludwig II. ließ sich nur von dem Reitknecht Völk, seinem Günstling, begleiten.
Prinz Karl (1795—1875) war seit 1841 bayerischer Feldmarschall und Oberkommandierender der bayerischen Armee. — L. K. H. von der Pfordten (1811—1880), Freund Österreichs und Anhänger der „Triasidee", war wiederholt bayerischer Staatsminister des Äußeren und Vorsitzender imMinisterrat; er trat in entscheidender Zeit, im Dezember 1864, an die Spitze der bayerischen Regierung. Ain 29. Dezember 1866 mußte er sein Amt niederlegen. Sein Nachfolger war Fürst Chlodwig zu Hohenlohe.
Der Friede, geschlossen am 22. August, fiel für Bayern glimpflich aus; es mußten 30 Millionen Gulden bezahlt und die unwesentlichen Gebiete Orb, Kaulsdorf und Gersfeld abgetreten werden.
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König Ludwigs Vereinsamung
Der Berliner Dramatiker Felix Philippi lebte von 1875—1890 in München; er faßte seine Erlebnisse und Eindrücke zusammen in ein Buch, dem er den Titel „Münchner Bilderbogen" gab. Im Zusammenhang mit der Königskatastrophe des Jahres 1886 teilt er ein Gespräch nut, das er mit dem ehemaligen Kabinettsekretär des Königs, Ministerialdirektor von Bürkel, hatte. Dieser erzählte, rückschauend in die Zeit der Vereinsamung des verbitterten Monarchen, folgendes:
Ein König von neunzehn Jahren! Welch ein Spielball für politische, religiöse und höfische Intrigen! Da hätte er einen ernsten, gebildeten Mann zur Seite haben müssen, einen Mentor, der seinen Äorizont erweitert, der ihn bei der Land genommen und ihm Weg und Richtung gezeigt hätte. Der fehlte ihm zu seinem Anglück! Statt dessen bestand seine Amgebung aus ein paar jungen Flügeladjutanten, gefälligen Höflingen, die für Amüsement und Zerstreuung des jungen Herrschers sorgten und das in ihm schon damals leider viel zu ausgeprägte Selbbewußtsein liebedienerisch derart steigerten, daß er glaubte, jeden ausgesprochenen Wunsch sofort erfüllt sehen zu können. And dieses Gefühl der Machtfülle wurde bis ins Anermeßliche erweitert durch eine ihm verwandte, sehr befreundete Herrscherin, die zeitlebens einen gewaltigen, vielleicht den einzigen Einfluß auf ihn ausübte. Wie oft hat er mir, als ich mich seinen Plänen widersehen mußte, deren tief aus ihrer Anschauung geschöpfte, gefährliche Worte wiederholt: „Du und ich: wir beide können uns alles erlauben!"
Dieses unglückselige „Ich kann mir alles erlauben!" wurde sein Motto, seine Richtschnur, seine fixe Idee, sein Antergang! Aber auch sein eigenes Volk, dieses gutmütige, naive, urwüchsige Volk, hat mit seiner Liebe, die zu einem wahren Götzendienst ausartete, viel Anheil in dem ungeübten und unlogisch denkenden Kopf des gekrönten Knaben angerichtet. Wohin er blickte, sah er gekrümmte Rücken, verhimmelnde Augen und Adorantenstellungen! Da nahte das Schicksal mit ehernen Schritten und versetzte seiner „Gottähnlichkeit", von der er damals schon ganz durchdrungen war, schwere Nackenschläge, die ihm mit erschreckender Klarheit zum Bewußtsein brachten, daß idealen Träumereien nüchterne Wirklichkeiten gegenüberstehen, daß sein Wölkenkuckucksheim auf schwankem Grunde ruhte.
Er schwärmte für die der deutschen Sage entnommenen Dichtungen Wagners, während er für dessen Musik nicht das geringste Verständnis besaß und es sich auch niemals erworben hat.
Zwei Jahre nach der Trennung von Wagner verwirrte die Enttäuschung seiner ersten und einzigen Liebe dem idealgestimmten Jüngling die Sinne. Er hatte sich plötzlich mit seiner reizenden Cousine, der Herzogin Sophie, verlobt, und ebenso plötzlich entlobte er sich. Sie können mir's glauben: an dem ganzen Geschwätz, das sich an diese Lösung hängte, ist auch nicht ein wahres Wort. Man erzählte damals und erzählt es noch heute: der König habe ein Liebesverhältnis seiner Braut mit einer bekannten Münchener Persönlichkeit entdeckt und in rasender Wut über die Antteue die Marmorbüste seiner Verlobten in den Schloßhof geworfen. Die einfache Wahrheit ist, daß das junge, sehr natürliche Mädchen ihren „gespreizten" Vetter nicht leiden konnte; sie gab nur sehr gezwungen ihr Jawort, ließ sich eine allerdings höchst burschikose Äußerung über ihren Bräutigam entschlüpfen, der unbeobachtet hinter einer Portiere stand, und eine Stunde darauf hielt sie seinen Abschiedsbrief in den Länden. Mit diesem Briefe besiegelte er recht eigentlich sein Schicksal! Wäre ihm eine resolute, vernünftige Frau zur Seite gestanden, die ihm Ehe- und Kindersegen geschenkt hätte, es wäre alles anders gekommen! So wandte er sich vom lebendigen, warmen Blut, das ihn hätte beglücken können, in seiner selbstgewollten Einsamkeit Phantasien zu, Bildern, die flüchtig vorübergaukelten; so führte er ein wesenloses, imaginäres Gefühlsleben, das ihn in Irre und Tod geleitete! Dunkle Gewalten hatten sich seiner bemächtigt, denen er nicht mehr entrinnen konnte!"
Unter der Ludwig „verwandten, sehr befreundeten Herrscherin" ist Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837—1898) zu verstehen. Sie war die älteste Tochter des Herzogs Maximilian von Bayern und wurde im Jahre 1854 dem Kaiser Franz Joseph von Österreich vermählt. Elisabeth war eine blendende Schönheit, sehr regen Geistes, eine große Naturfreundin und treffliche Reiterin. Wie ihr Vetter König Ludwig hatte sie die Neigung zum Absonderlichen; sie teilte auch seinen Hang zur Einsamkeit. In späteren Jahren, namentlich nach Ludwigs Tode, lebte sie fast stets in großer Zurückgezogenheit auf ihrem Besitztum Achilleion auf der Insel Korfu, wo sie sich einer schwärmerischen Verehrung Heinrich Heines hingab. Die Begegnungen zwischen Ludwig und Elisabeth fanden auf der Roseninsel im Starnberger See statt. Än ihren Briefen unterzeichneten sie „Adler" und „Taube". Elisabeth endete tragisch; am IO. September 1898 wurde sie in Genf von einem Anarchisten erdolcht. Die Braut des Königs, Herzogin Sophie Charlotte Auguste von Bayern (1847—1897), war eine Schwester der Kaiserin Elisabeth. Bald nach der Lösung ihres Verlöbnisses mit König Ludwig vermählte sich die Herzogin Sophie im Jahre 1868 mit dem Prinzen Ferdinand von Bourbon-OrleanS, Herzog von Alenyon. Auch Sophiens Lebensende war tragisch; sie war eines der Opfer des großen Bazarbrandes in Paris am 4. Mai 1897.
König Ludwig mied in späteren Jahren München und die Öffentlichkeit. Meist lebte er ganz einsam im Gebirge und an den oberbayrischen Seen, wo er sich die Schlösser Linderhof, Neuschwanstein und Herrenchiemsee erbauen ließ, aber auch da war es ihm nicht einsam genug, deshalb hielt er sich oft Wochen hindurch auf Berghäusern auf, so vor allem auf dem Schachen, dessen „Königshaus" noch erhalten ist, auf dem Pürschling oder in der „Hundingöhütte" im Ammerwald, die er getreu nach Wagners Angaben in der „Walküre" hatte erbauen lassen. Die Münchner waren sehr verdrossen darüber, daß ihr König seine Hauptstadt so beharrlich mied.
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Mobilisierungsstimmung in München 1870
Auch für das Jahr 1870 bieten die Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe sehr Bedeutsames. Als Tagebuchnotiz vom 22. Juli 1870 liest man dort:
Die Sitzung der Kammer der Abgeordneten vom 19. war sür mich persönlich von größerer Wichtigkeit, als ich anfangs glaubte, und ich kann Gott danken, daß die Regierungsvorlage angenommen wurde. Wäre statt der Kriegskostenbewilligung die Neutralität beschlossen worden, so würde das ganze Ministerium zurückgetreten sein. Dann würde man ohne Zweifel an mich gekommen sein mit dem Auftrag, ein neues Ministerium zu bilden. Dies hätte nur ein sehr entschieden fortschrittliches sein können, welches die Kammer aufgelöst, die Verfassung suspendiert, den Belagerungszustand verkündet und den Krieg begonnen hätte. Das wäre ein sehr gefährliches Experiment gewesen, bei dem ich meinen Äals riskiert hätte. Denn wäre die Sache schlecht ausgefallen, siegten die Franzosen, so hätte ich dieselben Schreier gegen mich gehabt, die jetzt den Krieg wollen, und ich würde mit Schimpf und Schande davongejagt worden sein. Aber auch bei günstigem Ausgang hätte Bayern wenig profitiert. Es war also nicht viel zu gewinnen. Jetzt ist die Sache im Gang; geht Bray jetzt ab, was Gott sei Dank nicht zu erwarten ist, so kann der Minister nichts anderes tun, als auf dem eingeschlagenen Weg ruhig fortgehen.
Gestern verbreiteten sich hier Gerüchte über drohende Haltung von Österreich. Dazu trugen Nachrichten bei, die Quadt von Paris mitbrachte, und welche die Tätigkeit Metternichs als eine sehr kriegerische bezeichnen. Ich war gestern bei Döllinger, den ich bat, darauf hinzuwirken, daß der Erzbischof etwas tue, um auf die Geistlichen beruhigend einzuwirken, daß sie jetzt, wo die Entscheidung einmal getroffen ist, nicht unsere Soldaten aufhetzen. Er riet mir, zu Haneberg zu gehen, was ich auch tat. Haneberg war meiner Ansicht und versprach mir, mit dem Erzbischof zu reden. Diese Setzereien haben jetzt keinen Sinn mehr. Die Mobilisierung der bayerischen Armee geht rasch vor sich. Lütten wir gute Gewehre, so wäre alles gut.
Otto Camillus Hugo Graf von Bray-Steinburg (1807—1899), wiederholt bayerischer Staatsminister, trat am 7. März 1870 an Stelle Hohenlohes an die Spitze des bayerischen Staatsministeriums; er schloß 1870 in Versailles die Verträge, durch die Bayern in das Deutsche Reich eintrat. Die sog. „Patriotenpartei" des Landtages trat, hauptsächlich aus Veranlassung von Pros. I. N. Sepp, für die Kriegskostenbewilligung und Bayerns Teilnahme am Krieg ein.
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Der 2. Februar 1871
Aus der Siegesstimmung nach der Einnahme vori Paris schrieb der Dichter Karl Stieler folgendes Stimmungsbild, das später in das von Ratzel herausgegebene Sammelbuch seiner Zeitaufsätze „Durch Krieg zunl Frieden" überging:
Wir haben München oft im Festkleide gesehen, im Lichterschmuck und mit wehenden Wimpeln, aber das alles war doch so grundverschieden von gestern. Wenn sich damals die Dächer mit Fahnen schmückten, so lag etwas Phantasievolles, etwas harmlos weiteres darin, das mtser eisernes Geschlecht beinahe vergessen hat.
Wir erinnern nur ar» die glänzenden Feste, welche vor Jahren die Künstler gaben. Die Züge der Stadt hatten in jenen Tagen noch etwas Sinniges und Mildes. Es war mehr die gedachte als die wirkliche Welt, der sich die geistigen Kräfte zuwandten, es war eine Zeit, die ohne Känrpfe lebte. Allein schon seit dem Jahre 1848 war das geniale Element in München mehr und mehr dem kritischen gewichen; ein unbewußter Zug drängte uns auf das Positive. Die Wissenschaft ward mächtiger als die Kunst, wenn auch noch niemand es wagte, mit der Summe von geistiger Kraft, von Scharfsinn und Initiative die großen politischen Fragen aufzugreifen.
Das war erst jener unverhofften drangvollen Epoche beschieden,diemitdemIahr1866 uns überkam. Von da an ward München eine politische Stadt. Der deutsche Gedanke war lebendig geworden, und all die grübelnden Geister stürzten sich über ihn her, die einen, um ihn hoch auf den Schild zu heben, die anderen, um ihn mit Füßen zu treten; der Kampf des Partikularismus gegen die Idee des einigen Deutschlands begann. Wir alle wissen, daß dieser Kampf sich in Bayern potenzierte, München aber war gewissermaßen das Hauptquartier der liberalen Bewegung; und wenn wir gegenwärtig einen doppelten Sieg feiern, den Triumph unserer Waffen, welche die Eintracht stark gemacht, und den Triumph des neu erstandenen Reichs, dann muß uns in München, in der eigentlichen Kampfesstätte des Südens, dieser Sieg doppelt zu Äerzen gehen.
Das war die Idee, welche dem gestrigen Feste zugrunde lag, und das Viktoria-schießen, womit dasselbe begann, galt uns im vollsten Sinne des Worts. Jeder Schuß verkündete ja mit dröhnender Stinnne, daß der Kampf einer antinationalen Partei nun durch den Sieg der deutscher» Sache für immer überwunden ist, daß sich das Recht den Frieden erzwungen hat.
In der Mittagsstunde ward mit sämtlichen Glocken der Stadt, wohl mehr als hundert, geläutet. Kein Ton wölbt sich so unermeßlich ins Weite, keiner bietet so vollen Raum, um gleichsam die Gedanken von Lunderttausenden aufzunehmen und einzuschließen, wie der Glockenton; es ist die einzige Stimme, welche dem Masseneindruck vollendeten Ausdruck gibt. Breit und gewaltig wogten die Klänge über dem geschmückten Läusermeer, ein Nachklang von jener Andacht lag darin, mit der wir einst in den Krieg zogen.
An dem Festmahl, das im Saale der „Vier Jahreszeiten" stattfand, nahmen fast sämtliche politischen und wissenschaftlichen Größen teil; die besten Namen unserer Deputierten, der Aniversität und der Künstlerschaft führten dabei das Wort. Wir nennen von den Rednern Erhardt und Stauffenberg, Giesebrecht und Adolf Wil-brandt, dessen feiner, feuriger Geist auch hier das Lob der Meisterschaft gewann. Alle Seiten des deutschen Wesens, welche in diesem Riesenkampf bedeutungsvoll hervorttaten, fanden ihr Verständnis und ihren Vertteter, und noch hat es keine Gefahr, daß die reiche Gliederung unseres nationalen Lebens von der Schablone überwältigt wird. Den Glanzpunkt des Festes bildete indessen die Illumination des Abends. Schon bald nach sechs Ahr füllten sich die unabsehbaren Fensterreihen mit den ersten Lichtern, und ehe es sieben Ahr schlug, war die gesamte Stadt hell wie am Tage. Tausende von Flaggen regten sich in der leisbewegten Lust, die meisten Läufer hatte man mit Tannengrün oder mit buntem Gehäng verziert, und die langen glänzenden Girlanden schlangen sich von einer Fassade zur andern. Mehr und mehr füllten sich die Straßen. Wie die Wogen zur Zeit der Flut emporsteigen, so sah man das Gewoge der Massen höher und höher werden, man darf wohl sagen, daß hunderttausend Menschen um die Wege waren. Dazwischen unermeßliche Wagenreihen, langsam vorwärts rückend, mehr gettagen als tragend, Omnibusse mit bunten Flaggen und turmhoch beladen, überall Jubel und Begeisterung. Die mächtigen Schatten- und Lichtreflexe, der Wiederschein der feuchten, durchsichtigen Nebelluft, aus der sich die großen architektonischen Massen abhoben, waren von unvergleichlicher Wirkung. Viele der Läufer trugen reichen Bilderschmuck oder geschmackvoll ausgerichtete Trophäen; an andern sah man in Flammenschrift manches ernste Wort. Auf den farbigen Schildern, auf denen die gewonnenen Schlachten verzeichnet standen, begegnete man lauter Namen, unter denen Lekatomben des edelsten Blutes liegen, deren Klang uns ins tiefste Lerz greift. Prunkvoll waren die Gebäude der Bank und der Post, die Paläste des Lerzogs Maximilian und des Freiherrn von Eichthal dekoriert; als eigentliches Zentrum der Effekte aber muß der Platz an der Feld-herrnhallc gelten. Der Bau, nach florentinischem Muster entworfen, war zur Aufnahme eines Riesentransparents vorzüglich geeignet; hier glänzte die ungeheure goldene Krone, und unter ihren Reifen verkündeten brennende Lettern ein Loch dem deutschgesinnten König. Zu beiden Seiten aber sah man in die Tiefe der lichterhellten Straßen bis an den Marien-- und den Max--Iosephs--Platz, von dem sich der Festzug langsam heranbewegte. Die Musik, welche ihn begleitete, spielte das Lieblingslied des deutschen Krieges, und hinter den Bannerträgern kam auf breitem, sechsspännigem Wagen das riesige Standbild der „Germania" mit ernsten Zügen und mit gesenktem Schwert. Grenzenloser Jubel scholl durch die Menge; mit leuchtenden Augen blickten die Knaben empor zu der strengen, heldenhaften Gestalt. Ich sah, wie die Väter sie ihren Kindern zeigten und sie ermahnten, daß sie mit grauen Laaren einst dieses Tages gedenken sollten, wenn sie allein von den jetzt Lebenden noch leben. Welch ungeheure Gewalt ist doch mit einemmal in den Gedanken an das große, einige Vaterland gekommen; die Ehrfurcht und Liebe desselben ist nahezu ein Teil der Religion geworden, jener religio wenigstens, welche die antike Welt von dem sittlichen Menschen forderte. Das arme, vielzerrissene und geknechtete Deutschland, das Aschenbrödel unter den Nationen, ist nun mit einem Male zur Königin geworden und zieht im Triumphzuge durch alle Weltteile.
Die gutmütige Sinnesart der süddeutschen Stämme trat auch hier deutlich ans Licht; wer nicht auf der Löhe des Verständnisses stand, der sah wenigstens mit treuherziger Freude den Eindruck und die Ergriffenheit der ander,:. Wenn je ein kritisches Wort fiel, so klang es nicht spottend oder neidisch, sondern es war nur jenes harmlos treffende Witzwort, das für den Altbayern so charakteristisch ist und seinen Festen ihr lokales Gepräge gibt.
Wo sich der Wagen des Königs zeigte, welcher an der Seite seiner Mutter durch die Straßen fuhr, da begrüßten ihn die herzlichsten und ungeteiltesten Sympathien, da empfing er Dank für den edlen Dienst, welchen er der deutschen Sache geleistet hatte.
So verlief die Feier des Abends würdevoll und erhaben. Kein wilder Jubel scholl durch die Luft, kein Triumphgeschrei, das sich am Schaden des Feindes weidet; die Franzosen haben sicherlich mehr Lärm gemacht über die „Einnahme von Saarbrücken" als wir über die Einnahme von Paris. Nicht die Summe von Musik und Spektakel, von Lichtern und Kosten ist es, die ein Fest zum Feste macht, wenn ihm der innerliche Inhalt fehlt, wenn alles auf der Oberfläche dieses Wortes haftet und nicht auf dem Grunde desselben. Was der gegenwärtigen Feier ihre Bedeutung lieh, das war ihre innerliche Begründung in der Seele des Volkes; und was ihr Wert gab, das war die Allgemeinheit des Gedankens, den sie vertrat.
A. von Erhardt (1831—1888) war seit 1870 Erster Bürgermeister von München. — Freiherr Franz August von Stauffenberg (1834—1901) gehörte als Führer der Fortschrittspartei dem bayerischen Abgeordnetenhaus an, besten Präsident er von 1873—1875 war. 1871 wurde er als Vertreter Münchens in den Reichstag gewählt, wo er sich zuerst den Nationalliberalen, später (1884)1 der, deutsch-freisinnigen Partei anschloß. — Adolf Wilbrandt (1837—1911). der berühmte Dramatiker und Romanschriftsteller, übersiedelte im Laufe des Jahres 1871 nach Wien, wo er Direktor des Burgtheaters wurde. — Wilhelm von Giesebrecht (1814—1889), der Verfasser der „Geschichte der deutschen Kaiserzeit", war 1862 als Nachfolger Sybelö als Ordinarius der Geschichte an die Münchner Universität berufen worden.
Wolf - Ein Jahrhundert München
Die Künstler in München um das Jahr 1870
Hans Thoma kam 1869 als junger Kunstentflammter nach München. Seine Eindrücke und Erinnerungen hat er in einem Aufsatz „In München im Anfang der siebziger Jahre" niedergelegt, der zuerst in den „Süddeutschen Monatsheften" erschien und dann in sein Buch „3m Lerbste des Lebens" überging. Darin heißt es:
Mit Loffnungen, Erwartungen, Befürchtungen tritt man in eine solche Stadt, und gerade München hat einen geheimnisvollen Zauber, von dem ich nicht sprechen will, weil er allgemein bekannt und anerkannt ist. Es ist freilich jetzt schon dreißig Jahre her, aber ich glaube, daß das, was ich über München sage, auch jetzt noch gelten wird. Ich hatte das Gefühl, in eine Stadt eingetreten zu sein, in der deutsches Wesen in einem Stamm von Eigenheit noch über gute Kräfte verfügt. Die Bayern, ein frohgemutes Volk und wohl der kunstbegabteste Stamm der Deutschen, — eine Stadt, in der leben und leben lassen noch recht viel Geltung hat. Das von mir durch die Not erworbene Anabhängigkeitsgefühl kam wohl hier besser zur Geltung als irgendwo anders. So wie in München fühlt sich der Künstler doch in keiner anderen deutschen Stadt. Teilnehmend ratende Freunde erwarteten mich dort, und ich mietete ein recht kleines Atelier. Ich wollte in aller Stille für mich bleiben und fing auch an, ein bestelltes Bild zu Lebels „Morgenstern" zu malen. Einer der guten Freunde sprach mir aber eifrig zu, ich müsse in die Pilotyschule eintreten, wenn ich in München vorwärts kommen wolle. Ich hatte aber, nachdem ich Pilotybilder gesehen hatte, keine Lust hierzu. Besonders der „Kolumbus" war schuld daran; ich konnte mein künstlerisches Fühlen nun einmal in keinen Zusammenhang bringen mit der Entdeckung Amerikas, so sehr ich diese Tatsache auch schätzte. Was sollte ich in der Pilotyschule? Der gut meinende Freund kam wieder und wurde dringender, und auf meine etwas schwachmütige Ausrede, daß ich gehört habe, die Pilotyschule sei überfüllt, Piloty nehme keine Schüler mehr an, sagte er mir, er wisse bestimmt, daß ich genommen werde. So mußte ich nun offen herausrücken und ihm sagen, daß ich in gar keine Schule mehr eintreten wolle. Am vor ihm nicht etwa hochmütig zu erscheinen, sagte ich ihm, daß, wem: ich einen Berater in München brauchte, ich mich an Viktor Müller wenden würde; da wurde er ganz verdutzt: „Kennen Sie den? Nehmen Sie sich in acht; das ist ein Egoist!"
Freilich kannte ich ihn schon, diesen lieben Egoisten, diesen Menschen mit der vollen, weichen, behaglichen Künstlernatur voll Güte, — Egoist genannt, weil er sich gar nicht viel um den allgemeinen Kunsttrubel kümmerte, ruhig ablehnte, was seinem Fühlen zuwider war, aber herzlich dankbar, vollständig neidlos das anerkannte, was ihm zum Lerzen ging von künstlerischen Dingen. Er war genußsüchtig nach Kunst, er war umgänglich in Gesellschaft, und mit großer Geduld konnte er zuhören, wenn unreife Kunstweisheit vor ihm ausgekramt wurde. Freilich konnte es bei solcher Gelegenheit auch passieren, daß er wie ein Donnerwetter plötzlich auf einen ahnungslosen Kunstinteressenten losfuhr; es waren in dieser Art mancherlei Anekdoten in Amlauf. Zart und weich war er freilich dann gar nicht mehr, sondern von einer Art, man könnte sagen, liebenswürdiger, hanebüchener Grobheit, wie man ihr in Frankfurt, woher er ja war, begegnen kann...
Am Viktor Müller bildete sich eine kleine Gruppe von Künstlern, und wenn der Name Sezession damals schon bekannt gewesen wäre, so wäre dies wohl die erste Münchner Sezession gewesen. Wir wurden eigentlich sezessioniert, denn wir gehörten eben, ob wir wollten oder nicht, nicht dazu; wir standen abseits von der großen Kunstblüte, die mit den Gründerjahren hereingebrochen war. Für die Kunsthändler existierten wir nicht — also existierten wir überhaupt nicht; es waren auch nur ganz wenige, und es war für niemand verlockend, sich uns anzuschließen: Scholderer, Laider, Sattler, Eysen; auch Leibl mag, solange Müller gelebt hat, dazu gehört haben. In treuer Kunstliebe hielt Dr. Bayersdorfer zu uns, den ich bei Viktor Müller kennenlernte. Programm hatten wir keines. Bayersdorfer kam dahinter, daß „unverkäufliche Bilder" so ungefähr unser Programm sei.
In dieses schöne Zusammenleben mit Viktor Müller trat ein jäher Schluß. Ich war im Dezember 1871 einige Tage unwohl, und als ich wieder ins Atelier kam und Müller nicht fand, ging ich in seine Wohnung; da lag er schon schwer krank zu Bett, und in wenig Tagen war er tot. Er war etwa 42 Jahre alt; sein Grab ist auf den: Frankfurter Friedhof. Es war für uns jüngere Künstler, die in ihm eine Art von Führer gesehen hatten, ein recht schwerer Schlag. So Gutes er auch schon geschaffen hatte, — sein Werk war noch nicht zur vollen Reife gelangt, denn er war einer von denen, die um der Sache willen nach Klarheit und Vollendung streben. Viktor Müller war es auch, der mich bei Böcklin einfllhrte; schon vorher hatte er mir von dem Bild mit den zwei Faunen erzählt, das auf dieser Ausstellung war. Das ist jetzt freilich nicht merkwürdig, aber es geschah zu einer Zeit, da ich von später zu Böcklinschwärmern gewordenen, berühmten Malern den Ausspruch hörte, es sei viel Ansinniges auf dieser Ausstellung, aber der Gipfel der Narrheit sei das Bild des Böcklin.
So gerne ich mit Böcklin, meist Sonntag vormittags, in die alte Pinakothek ging, nach seinem Ausspruch in München der einzige Ort, wo man keinen Malern begegnete, so folgte ich ihm doch nicht gerne zu den Rembrandtbildern, die ihm höchst zuwider waren. Böcklin ging sehr bald nach Italien, so daß mein Zusammen-sein mit ihm nur kurz war. Mit Leibl verkehrte ich viel, und wir hatten uns gerne; jedoch merkte ich ein gewisses Mißtrauen gegen mich, weil ich im Verdachte stand, zu lasieren und andere Kunststücke beim Malen anzuwenden, die vor seinen: ehrlichen Primamalen ihm wie Sünden erschienen. Der Frankfurter Maler Eysen kam ab und zu nach München; er war mit Leibl sehr befreundet, und sein hochgebildetes, unbestechliches Arteil war uns von hohen: Wert. Mit Stäbli war ich von Karlsruhe her schon befreundet; er hat den Kampf mit der Lebensnot wacker bestanden, ja denselben mit einer Art von Fröhlichkeit und Äbernmt geführt, ein Kind von Frohsinn und guter Laune, dabei aber fest an dem haltend, was seine Sache war, und in:mer mehr seine starke Eigenheit entwickelnd. Er schien sich gar nicht darum zu kümmern, daß ihm wenig Anerkennung zuteil wurde, und er hatte recht daran, so sehr es auch seine Freunde betrauerten, daß dieselbe ihm erst am Ende seines Lebens zuteil wurde. Mir war er ein treuer, teilnehmender Freund. Auch mit Fröhlicher, einer festgefügten, syn:pathischen Schweizernatur, stand ich in guter Freundschaft, und ich verkehrte besonders viel mit diesen beiden.
Dr. Bayersdorfers Geistesreichtum war uns allen viel wert; sein scharfes Arteil und treffendes Wort war eine gute Waffe, die mit den Jahren immer mehr Geltung gewann; trotz seines schlagfertigen Witzes war er doch kein Spötter. Davor hatte ihn der hohe Ernst bewahrt, mit dem er die Kunst so aufrichtig liebte. Sein Sinn war gesund, und so hat er immer segensreich für die Entwicklung des Guten in der Kunst gewirkt, aber ganz in seiner Weise ohne Programm, man könnte sagen ohne Plan, nur durch sein persönliches Sein und durch persönlichen Verkehr. Die vielfachen Pläne, die auftauchten, auch die Aufforderungen, zu schreiben, hat er selten ausgeführt; — er kam halt nicht dazu.
Da ich jetzt einmal das Wort habe, so kann ich mich nicht verwinden, auch etwas darüber zu sagen, wie die Münchner öffentliche Kritik sich zu meinen Arbeiten verhalten hat. Der Kritiker der „Allgemeinen Zeitung" war wohl der Äauptleithammel in den siebziger Jahren; derselbe verglich die Kunst gerne mit politischen Parteibildungen, und so paßte es ihm, mich den „nicht talentlosen Begründer der sozialdemokratischen Malerei" zu nennen. Es ist freilich schlimm genug, wenn man für die Kunstbeurteilung keinen anderen Maßstab anlegt, als den Vergleich mit politischen Parteibildungen, aber wenn die Leser so dumm sind, wie die Schreiber boshaft, so leuchtet ihnen dies zu allermeist ein. Die Ordnungsparteien in der Kunst werden durch so ein Schlagwort auf eine verderbenbringende Wirkung aufmerksam gemacht. Die Reinheit der Kunstabsicht wird verdächtigt, oder es wird von der Voraussetzung ausgegangen, daß sie überhaupt nur dazu da sei, derartige Parteibildungen zu stärken, ihnen zu dienen und dergleichen. Besagter Kritiker scheint sich aber doch für mich interessiert zu haben; er ließ ziemlich direkt durch einen gemeinsamen Bekannten mir die Frage vorlegen, wenn man nur wüßte, wo hinaus ich denn eigentlich mit meiner Malerei wollte. Worauf ich mit voller Überzeugung antwortete: Ei, ich will gar nirgends hinaus; ich sorge nur, daß ich bei mir selber bleibe. Aber das ist nun einmal die Sorge, die sich gar manche um die Kunst machen, sie möchten wissen, was sie denn eigentlich will, und denen es geradezu unheimlich bei ihr wird, wenn sie sich keinem der Zwecke, die ihnen gerade am Äerzen liegen, einfügen will. Wenn ein Maler nun gar nach der allgemeinen Meinung des Kunstvereinspublikums, wie es damals war, offenbar „unverkäufliche Bilder" malte, so kam ihm das schon fast bedenklich vor, und gerade die, welche ani wenigsten daran denken konnten, etwas zu kaufen, schrien am ärgsten. Von den anderen Kritiken will ich nichts weiter sagen; eine in einem Lokalblatt fing an: „Meister Klex hat wieder ausgestellt." Ein paar Ausnahmen gab es ffeilich auch damals schon, die ernsthaftere Erwägungen anstellten. Einmal bekam ich ein anonymes Sonett zugeschickt, etwa dahin lautend, meine Frechheit sei groß, daß ich es wage, mein Machwerk goldumrahmt vor das Publikum zu bringen, mit dem Schlußreim: „Streich Kästen an und Schrein, — Doch das Malen, das laß sein."
Dergleichen Gehässigkeiten haben mich aber nie viel angefochten; ich arbeitete unverdrossen und freute mich an allen Schönheiten des Lebens, der Kunst und der herrlichen Natur Münchens. Ich war unempfindlich und unverwundbar, hatte nicht einmal besonders viel Malerehrgeiz, und ich hätte meine Sache auch dann nicht verloren gegeben, wenn ich hätte müssen streichen „Kästen an und Schrein".
Hanö Thoma, geboren 1839 in Bernau im badischen Schwarzwald, lebte von 1869—1873 in München. Die Schule Karl von Pilotyö (1826—1886), die Thoma verschmähte, brachte übrigens eine ganze Reihe bedeutender Künstler hervor, so Lenbach, Leibl, Defregger, Max, Makart. Viktor Müller aus Frankfurt (1829—1871) siedelte 1865 aus Paris nach München über. Arnold Böcklin (1827—1901) lebte wieder von 1871—1874 in München. Wilhelm Leibl (1844—1900) lebte von 1864—1873 in München, dann in dessen Umgebung in stillen Dörfem, in Graßlfing, Unterschondorf, Berbling, zuletzt in Kutterling bei Feilnbach am Fuß des Wendelsteins. Er vereinsamte und schuf in der behaglichen Stille seines Jägerlebens seine besten Gemälde. Adolf Stäbli (1842—1901), schweizerischer Landschaftsmaler, kam Ende der 60er Jahre nach München und bildete dank seiner Persönlichkeit und seinem malerischen Können den Mittelpunkt eines frohen Künstlerkreises. Or. Adolf Bayersdorfer (1842 bis 1901), Konservator an der Pinakothek, war einer der ausgezeichnetsten Kunstkenner seiner Zeit.
In diesen Jahren fanden sich in München die Künstler zu einer neuen Gruppe geselligen Charakters zusammen, die sich 1873 unter dem Namen „Allotria" offiziell konstituierte. Die Seele der Vereinigung, von der viel Glanz und Lebensheiterkeit ausstrahlte, war Lorenz Gedon, der Frühvollendete; nach dessen Tod erlebte „Allotria" unter Franz von Lenbachs Führung ihre zweite Blüte.
Wolf - Ein Jahrhundert München