Erklärung der Kupferbeilage.
Gegenwärtiges Kupfer stellt den sogenannten Jungfernturm vor, welcher als ein Theil der vormaligen Befestigungswerke von München zwischen der Palais-Max-Brücke und dem Theatiner-Gebäude gestanden hatte, und im Jahre 1804 abgebrochen worden ist. — Nach Inhalt der vom geistlichen Rathe Hüfner herausgegebenen Beschreibung von München der 25. Seite und den folgenden wurde bereits unter der Regierung der Herzoge Rudolph und Ludwig des Baiern die Stadt mit den gegenwärtigen äußeren Ringmauern umgeben, und gleichwie seine Mauer ohne mehrere dazwischen gestandene Wachttürme errichtet hat, so mag auch dieser Turm vielleicht damals noch im kleineren Umfange ein solcher Wachtturm gewesen sein. — Die besondere Festigkeit und Vorrichtung, um mit schwerem Geschütz daraus zu schießen, mag dieser Turm im Jahre 1619 erhalten haben, als München gleich andern baierischen Städten gegen die Anfälle der Schweden befestigt wurde. Diese Befestigungsarbeiten geschahen durch Zusammenberufung und Herbeischaffung alles müßig umherschweifenden Gesindels, vagierender Knechte, arbeitsloser Handwerksbursche und Bettler, wozu Ausschreibungen durch das ganze Land geschahen. — Dieser Turm hatte in der Höhe 70 Schuh, im Umfange 120 Schuh, und die Mauern hatten an dichten Orte 9 Schuh, an wenig dichten Orte aber 6 Schuh. Man sieht sehr deutlich, daß das Dach dieses Turmes ungleich später aufgesetzt worden ist, und es ist zu vermuthen, daß, bevor dieses Dach hinauf gesetzt worden ist, oben auf der breiten Fläche des Turmes zu Feindeszeiten gleichfalls Militär zur Observation gestanden ist. — In späteren Zeiten wurde der Turm benutzt, um die Sperrflechte darin zu verwahren. — Unter dem Volke ging immer das Gerücht herum, daß in diesem Turme in älteren Zeiten ein heimliches Gericht gehalten habe, und vielleicht manche Opfer begraben haben möge. — Als der Turm abgebrochen wurde, untersuchte ich mit dem Stadtdirector v. Scheidel und dem Stadtmaurer-Pallier Ferd. Zimmermann alle Winkel desselben, und es zeigte sich oben in der ersten Etage eine alte gothische Thüre, innerhalb dieser Thüre ein ausgemauertes Fels, und auf dem Boden eine Fallthüre. Ich stieg mit einem Maurer eine Leiter hinunter, und befand mich wie in einem Begräbnisse, in welchem in einer Nische eine Art von Ruhestelle zurecht gerichtet war. Von Ketten oder eisernen Ringen habe ich keine Spur gefunden, wohl aber im Gewölbe ober der Fallthüre selbst einen eisernen Haken zu einem Flaschenzuge, um in diese Tiefe etwas hinab zu lassen, oder davon herauf zu ziehen. Es war ein modernder Geruch in dieser Vertiefung, und der Boden war ganz mit den Hüllen der Motten überdeckt, welche man an lange begrabenen todten Körpern findet. Einige Knochen, die man darinnen fand, waren aus der Kinnlade eines Hundes. — Nun erzählt aber der noch lebende General-Feld- und Oberstlandzeugmeister Joseph Graf von Salern, daß er, als er im Jahre 1751 noch Intendant der Hofmusik gewesen, eines Tages wegen Opernkleidern in dem Turme Geschäfte hatte. Ein Pflasterstück von Ziegel stand in der ersten Etage etwas in die Höhe, daß man darüber hätte fallen können. Als man dies reparieren wollte, fand man darunter eine Fallthüre. Ein paar beherzte Maurer ließen sich in das unten befindliche Loch auf einen an einer Seite befestigten Querbalken hinab, und fanden daselbst 2 nicht angeschlossene, jedoch fast ganz vermoderte Leichen mit vielen Lumpen. Diese Leichen und Lumpen wurden nun ohne weitere Untersuchung herausgeschafft, und auf dem damals gleich daneben gelegenen Kirchhofe begraben. — Unter der Regierung unseres durchlauchtigsten Churfürsten Max Joseph IV. wurde nun dieser Turm, dieses Überbleibsel irgend einer heimlichen Justiz, abgerissen, und dem Erdboden gleich gemacht, um die Steine zum Brückenbaue vor dem Mar-Joseph-Thore zu benützen.