Das Lindwurm-Eck
Man zählte nach Christus das vierzehnhundertdreiundsechzigste Jahr. Und die Nacht des ersten Tags Novembris war es.
Selbige Nacht nun war in München wundersam schaurig, und obschon es gen Winter ging, hauchte die Luft doch so schwül und Bangen erregend, als wollte ein arges Gewitter heranziehen.
Die Leute, so schliefen, hatten entsetzliche Träume. Die aber wachten, mussten nicht mindere Angst ertragen. Denn es war ein Geklapper und Getu in der Luft, wie früher noch nie, und von denen, so auf dem Marktplatze wohnten, glaubten die meisten, zu einer Zeit hätten sie etwas hoch oben rauschen hören.
Die hatten sich auch nicht getäuscht, und der Türmer von Sankt Peter konnte es am besten bezeugen, denn er wäre schier vor Schrecken gestorben.
Das war so: Als er um Mitternacht die Runde um die Fenster machte, brauste etwas auf ungeheuren Flügeln vom Schwabinger Tor herüber, kam schier bis zur Kirche, fuhr dann rechts hinüber gegen die Sendlingergasse, kehrte aber bald zurück, stieß mehrmals grimmig an den rechten Petersturm und schoss in weiten Kreisen gegen den Marktplatz. Dort flatterte es erst rechts um die Gollierkapelle und dann sauste es nach links über den Holzesel hinweg. Wo es weiter hinkam, vermochte der Türmer nicht zu sehen. Fast schien es ihm aber, es habe sich unweit vom Marktplatz niedergelassen.
War demnach wohl mit Recht erschrocken, darauf aber in tausend Zweifeln, ob er Lärm machen sollte. Zuletzt beschloss er, den anderen Türmer abzuwarten, dann auf das Rathaus zu eilen und Bericht zu erstatten.
Alsbald der Morgen graute, machte sich zu München der und jener mit oder ohne Laterne auf, um zur Frühmesse in die Gollierkapelle zu gehen. Die war auf der Sankt-Peters-Seite, wo die finsteren Bögen sind, und das Glöcklein läutete recht hell durch die Luft.
Mit zu frühest unter allen war ein gar frommes Weiblein auf dem Weg, das Monika hieß. Selbe kam immer aus dem Gruftgässel in die Weinstraße herfür, dann ging sie über den Marktplatz.
Wie nun die Monika selben Morgen aus dem Gruftgässel bog, fuhr sie vor Schrecken zusammen, denn sie stieß an etwas. Als sie aber näher zusah, war es der Nachtwächter Klaus, der tot dalag, als hätte ihn beim Gehen der Schlag gerührt. In großer Verwirrung und nicht wissend, was tun, schritt sie fest eilend weiter. Da lag, weit auseinander, die ganze Scharwache tot umher. Dabei schien es, als hätten die meisten fliehen wollen, hätte ihnen aber keine Flucht gefrommt. Denn ihrer vier lagen auf dem Gesichte gegen das Gruftgässel zu.
Da brach die Monika in großes Jammern aus und gedachte laut um Hilfe zu rufen, weil etwa doch noch einer am Leben wäre. Sie wusste aber selbst nicht recht, was sie wollte, ward ganz sonderlich betäubt, und so kam sie wieder weiter bis an die Ecke der Weinstraße.
Dort wäre sie vor Entsetzen schier umgesunken. Denn sie erblickte ein gewaltiges, finsteres Ungetüm mit wild gerolltem Schweife, mit ungeheuren, scharfgezahnten Flügeln und einem mächtigen Kopfe. Selbiges Ungeheuer schlief. Wie es aber Odem schöpfte, so schnaubte, zischte und kollerte es unheimlich, als ob da viel Schlangen und anderes Gezüchte in Heide oder Sümpfen im Streit lägen – und so oft ein Odemzug geschah, war es, als ob dafür ein Giftstrom aus des Ungetüms Nüstern schösse und die ganze Luft verpeste.
Drei große Kreuze schlug Frau Monika. Wohl fühlte sie, dass es ihr ans Leben gehe, wie dem Nachtwächter und der Scharwache, und stammelte: „O Herr, o Herr, jetzt ist mein letztes End kommen – das ist mein letzter Gang!“
Darauf wankte sie betäubt, dass sie sich allerorten festhalten musste, bis zum Gruftgäßlein zurück, da hindurch gelangte sie weiters schräg durch die Dienersgasse und sofort bis zu der herzoglichen Hofburg. Dort meldete sie der Wache in verwirrten Worten all ihre grause Mär. Die wollte der Soldknecht nicht glauben, hielt die Monika für verrückt und wollte sie davonjagen. Sie aber schwor bei allem, was heilig, und plötzlich sank sie vor ihm nieder.
Da ward es dem Soldknecht nimmer geheuer, kamen auch bald mehr andere voll Angst und Schrecken dahergewankt, bezeugten, was die Monika gesehen und gehört – darauf taumelten sie fort und nach Hause.
Nächst kam der Türmer von Sankt Peter daher. Der hatte auf dem Rathaus schon Meldung getan, selbst mehrere auf der Flucht getroffen und mit eigenen Augen in der Ferne etwas Schreckbares gesehen.
Da blieb dem Soldknecht kein Bedenken. Er riss an der Lärmglocke, dass es schauerlich durch die ganze Burg gellte; alle Reisigen fuhren auf, griffen zu den Waffen und zogen das Tor auf, zu fragen, was es gäbe.
Alsbald erzählte die Wache, was sie wusste. Alle sahen die Monika vor ihnen liegen und eilten sofort zwei hinauf, den Herzögen Johannes und Siegmund die Botschaft zu bringen.
Die wollten ihnen zuerst nicht glauben, es kam aber stets neue Bestätigung, und darauf rüsteten sich beide.
Die Herzöge Christof und Wolfgang waren aber zu Grünwald. Der Albertus war gar außer Landes. Ward nun befohlen, Mann um Mann sollte ausrücken und den Platz in der Ferne absperren, bis Rat gehalten wäre, was zu tun sei. Zugleich ward einer mit dem besten Renner ausgesandt, den Brüdern zu Grünwald zu melden, wie es in München stehe. Der sprengte sofort durch das Tal und fort und dann rechts die Höhen entlang. Dabei rief er allerorten den Bauern zu: „Den Schweinsspieß zur Hand und gen München! Ein Drach, ein Drach!“ und sauste wieder weiter.
Mittlerweile war ganz München in Aufruhr gekommen. Die Sturmglocken heulten, wiewohl es verboten wurde; was Waffen und Mut hatte, rannte hervor und postierte sich hinter die Soldknechte, die Schwerter oder Speere weit vorgestreckt hielten. Wieder andere hatten tüchtige Hämmer oder Kolben, und von der Isar durchs Tal herauf stürzten ihrer bald viele mit Spießen, Sensen, Hacken und Knütteln. Alle die dachten: Schösse der Lindwurm daher, sollte er sich an den einen spießen, die anderen aber gäben ihm mit Hack und Knüttel seinen Teil, bis er vollends tot wäre.
War es demnach mit mutiger Absicht ganz wohl beschaffen. Indessen, so sich das Ungeheuer im Schlaf ein wenig rührte, bewährte sich dennoch des Schreckens Macht: Es nahmen sogleich eine Zahl Bürger und Bauern Reißaus, und währte es stets eine gute Zeit, bis sie aufs Neue hintraten und die Hellebarden oder Schweinsspieße ausstreckten, gleichwie die Soldknechte.
Erging es bei alledem mancher schönen Jungfrau sehr schlimm.
Am schlimmsten jedoch einer minder Schönen. Die weilte schon in den ehrwürdigeren Jahren, hieß Jungfrau Petronella – und war des Herrn Adam Barth Haushälterin.
Selbiger Herr Adam Barth war ein ehrsamer Witwer, wohnte gerade an dem Eck, daran sich der Lindwurm niedergelassen, und hätte der alte Herr wohl keinen solchen Schrecken verschuldet – denn er war zur guten Stunde selbst vielmehr etwas Besseres verdient, weil er ohnehin viel zu leiden hatte.
Die Jungfrau Petronella führte nämlich ein starkes Pantoffelregiment, und wer sie nur immer kannte, der beneidete Herrn Barth zu keiner Zeit. Er aber, weil er ein so böses Leben um sich hatte, brauste wohl auch hie und da auf, donnerte die Petronella an und schalt sie mit Drohungen göttlicher Strafe. Dafür trotzte sie aber nur desto mehr.
Nun hatte sich Herr Barth gestern Abend schon zum Schlafengehen gerüstet, als die Petronella noch einen argen Streit vom Zaun brach, so dass Herr Adam ganz verzweifelt ausrief: „Jetzt hab ich’s endlich satt! Euch treibt der helle Teufel, und wär’s kein Wunder, käme er einst daher und fräße Euch auf bei lebendigem Leibe. Kreuz Blitz, ich sag Euch demnach nur eines: Ich lasse Euch’s wohl verwarnt sein. Nichts wird mehr hingenommen von all Eurem Gezänk und Getu, so wahr ich in meinem Losament ein freier Mann bin und Herr Adam Barth heiße!“
Über diese Worte ward die Petronella so empört, dass sie vorerst schier die Sprache verlor. Dann aber brach sie in eine Flut böser Reden aus. Es half ihr gleichwohl nichts. Herr Barth war einmal bei Heldenmut, ließ sie toben und drängte sie geschickt in ihr Schlafgemach. Dann schob er den Riegel vor und legte sich siegreich zu Bett.
Weil sie aber beide sehr zornig waren, so konnten sie beide nicht einschlafen. Vielmehr ballte Herr Barth zu wiederholten Malen beide Hände und bildete sich im Dunkeln ein, er habe die Petronella und könne sie tüchtig zerzausen.
Dafür setzte sich wieder diese ein über das andere Mal auf und sagte: „Nein, nein, nein, er soll mir nicht Herr werden!“ Dabei fuhr sie mehrmals auf ihr würdiges Haupt, dass die Nachthaube ganz schief droben saß.
Mittlerweile nun jedes dem anderen Schlimmes zudachte, war es Mitternacht geworden. Allgemach verspürten sie beide große Schwüle, hörten in der Ferne ein sonderliches Geräusch – mit einem Male rauschte und schnaubte etwas über den Markt und ließ sich hart am Eck des Hauses nieder.
Ist nun wohl begreiflich, wie Herr Barth und die Petronella emporfuhren, wie versteinert dasaßen und horchten. Weil sie zuerst nichts hörten, so hielten sie alles für Täuschung, ermannten sich jedwedes, hüllten sich aufs Beste ein und sahen zum Fenster hinaus – links auf den Platz zu Herr Barth und rechts in die Weinstraße hinab die Petronella.
Im nämlichen Augenblick vernahmen sie aber das bewusste Gerassel und Kollern, denn der Lindwurm begann zu schnarchen, und trotz der Finsternis erkannten Herr Adam und die Petronella des Ungetüms schreckbare Gestalt. Wie im Blitz flogen die zwei Fenster zu, sprangen der alte Herr und die ehrwürdige Jungfrau auf ihre verschiedenen Pfühle, deckten sich bis über die Ohren zu und lagen da wie tot.
Was nun die zwei an Sorge und Angst erduldeten, das könnte niemand beschreiben. Als es aber Tag war, die Sturmglocken längst durch die Luft heulten und über den Marktplatz drüben alles ein Surren, Murren und Rumoren war, da lagen Herr Barth und die Petronella noch auf derselben Stelle und wagten kaum zu atmen.
Es war um die zehnte Stunde. Herzog Christof und Wolfgang sprengten schon halbwegs von Grünwald einher. Zu München aber waren die Menschen stets noch ratlos, wie der Lindwurm getötet oder vertrieben würde. Der schlief und schnarchte immerfort, angreifen wollte ihn keiner – und von selber wachte er nicht auf, dass er etwa von dannen geflogen wäre.
Wiewohl ihm’s nun jedermann widerriet, nahm sich zuletzt Herzog Johannes der Sache an und beschloss, die Tat zu wagen, denn er war ein sehr mutiger Herr.
Befahl demnach, das Allerheiligste aus der Gollierkapelle zu tragen, beichtete und nahm das heilige Abendmahl, darauf sagte er: „Gebt mir etliche Speere, ich will sehen, wo das Ungetüm verwundbar ist und ihm die drei Speere hineinrennen.“
Als er das gesprochen und die Speere ergriffen hatte, blieb Herzog Siegmund mit seinem Gefolge gegen die Rosengasse zu und ein wenig vor allen Reisigen stehen, der Johannes aber schritt sofort leise über den Platz und stand bald auf zehn Schritte beim Lindwurm.
Scharf spähte sein Auge, und just wollte er ganz nahe rücken, dem Ungetüm einen Stoß zu versetzen, als es im Schlafe seinen riesigen Kopf herüberlegte, den Rachen gähnend weit aufsperrte und dann wieder fest einschlief. Dabei war ihm aber ein schwarzer Hauch aus dem Rachen gequollen und gerade auf den Herzog Johannes zu, so dass der ganz betäubt wurde, schon im nächsten Augenblick zu Boden sank und sich nimmer zu erheben vermochte.
Als das der Herzog Siegmund mit ansah, eilte er mit etlichen der Mutigsten hinüber. Die hoben den Schwachen auf ihre Arme und trugen ihn hinweg. Der Johannes aber lallte: „Gott sei mir gnädig, ich glaub, mein letztes Stündlein ist da!“
Ließ sich sofort nicht in die Hofburg tragen, sondern verlangte nach freier Luft und weg zur Stadt hinaus. Also ward er durchs Tal hinab und weiter gebracht. Dort verfiel er in tiefen Schlaf im Schlösslein zu Haidhausen. Die auf dem Marktplatz aber standen in größter Betrübnis und Bestürzung.
Mit einem Male entstand ein frohes Gemurmel. Denn vom Tal herauf vernahmen sie lauthallenden Hufschlag, und haufenweise strömten die Leute in die Gegend.
Richtig war es Herzog Christof. Hinter ihm kam Herzog Wolfgang. Die ritten bis durch den Rathausturmbogen, da stiegen sie ab und ließen die müden Rosse zur Burg hinüberführen, und während die Herzoge über den Platz schritten, wollte ihnen ein jeder genauer als der andere melden, wie alles gekommen sei und sich bisher zugetragen habe.
Darauf sagte Herzog Christof: „Das ist schier übermäßiges Unglück, so uns betroffen hat. Ist es, was ich meine, so kommt die Stadt nicht sonder großen Schaden davon. Vorerst aber bewahrt Mut und Vertrauen zu Gott. Was ich tun kann, soll auch geschehen, und wer verzweifelt, dem wird seine Angelegenheit nicht besser.“
Gelangte darauf mit Herzog Wolfgang zu seinem Bruder Siegmund, der ihm ein wenig entgegengekommen war und ihn nun gegen das Eck der Rosengasse führte, davon gerade hinüber das Ungeheuer lag. Dabei sprach er seine Besorgnis für den Johannes aus.
Da schaute Herzog Christof eine Zeitlang hinüber und sagte dann: „Ihr habt wenig Hoffnung für unseren Bruder. So er nicht stirbt, wird er zeitlebens siech und elend. Das ist der größte Lindwurm, so seit langer Zeit in deutschen Landen getroffen ward. Ist aber auch sonst kein gewöhnlicher Drache, wie ich aus allem ersehe. Ist aller solcher Ungeheuer Odem ungesund, diesem seiner bringt wilde Fieber, Pest und Tod. Wann er demnach nicht in kürzester Frist verscheucht wird oder einer hergeht und ihn rasch erlegt, sind wir vielleicht sämtlich verloren. Ohne viel Schaden und Unglück geht’s ohnehin nicht ab.“
Fragte nun Herzog Siegmund, was denn Christof zu tun rate. Darauf sagte Herzog Christof: „Die Sache ist so beschaffen. Ich hab in Welschland zwei Molche und einen Walddrachen getötet. Nun kann ich da wohl urteilen. Sie sind sich in vielem gleich, Molche, Wald- und Sumpf- oder Pest-Lindwürmer; die letzten aber haben einen leicht verwundbaren Fleck auf der Brust. Da muss einer scharf hinwerfen, dass der Speer mitten durchs Herz fährt. Nun liegt dieser Pest-Lindwurm so, dass ich den Fleck nicht zu treffen vermag. Will demnach versuchen, ob ich ihn von hinten mit dem Streitkolben erschlag oder betäube; dann fährt er etwa empor, dass ich mit dem Speer zukomme. Haucht er mich aber an, dann bin ich des Todes. Darauf dürft ihr zählen.“
Darauf nahm er den mächtigsten Streitkolben, den er sah, und ein halbes Dutzend Speere. Die trug er halbwegs hinüber und da legte er sie nieder, bis auf einen. Den nahm er in die Linke, den Streitkolben hatte er in der Rechten, und sein Visier schloss er. Alle anderen standen an der Rosengasse, die finsteren Bögen hinab bis gegen das Rathaus zu und schräg über den Platz, sämtlich mit gestreckter Wehr.
Herzog Christof aber schritt langsam auf die hellen Bögen zu, schier bis an die Trinkstube. Dann kam er unter denselben Bögen herauf und immer näher zum Lindwurm. Zuletzt trat er durch die Tür an der Weinstraße heraus und stand hinter dem Ungetüm. Das hatte den Kopf abgewendet und kürzlich keinen Odem geschöpft. Gleichwohl fühlte Herzog Christof, dass rasche Tat gelte.
Er empfahl seine Seele Gott, tat einen Schritt vorwärts, holte aus und schlug das Ungetüm auf den gepanzerten Schädel, dass der Streich hätte tödlich sein müssen, wäre er nicht zu weit links gefallen, dass er abglitt. War also der Lindwurm nicht tot. Vielmehr fuhr er grimmig auf, erhob ein furchtbares Geschrei, und da Christof den zweiten Schlag tun wollte, reckte jener den Kopf in die Höhe, riss den Rachen weit auf und stieß einen Qualm in die Luft hinauf. Ehe er aber darnieder kam, ersah Herzog Christof seine Zeit und salvierte sich unter die Bögen. Drinnen tat er etliche dreißig Schritte, dann kreuzte er rasch über den Platz, bis wo die Speere lagen, vermeinend, das Ungetüm rage noch empor und er könne den Fleck auf der Brust erspähen.
Da er aber hinsah, hatte sich der Lindwurm wieder gelegt, schüttelte ein über das andere Mal den Kopf, warf ihn bald hin, bald her und schnaubte laut auf in Unmut. Dazu bewegte er von Zeit zu Zeit die stacheligen Flügel. Das rauschte und knarrte wie Erz, dass man’s weithin hörte, und durch Mark und Bein ging der Ton. Zuletzt verfiel der arge Gast wieder in Schlaf.
Wie das Herzog Christof sah, schlug er sein Visier wieder auf, griff rasch nach seinem Speer und rief Herzog Siegmund zu, unbesorgt zu sein, er sei gesund und kräftig; sie aber möchten einen schmalen, dichten Speerwald bilden, abwechselnd geradeaus und hinwieder aufwärts, denn er wolle den Lindwurm zum zweiten Male wecken. Da könnte der über den Platz sausen oder in die Luft und sich auf sie herabstürzen.
Darauf wandte er sich, holte weit aus – und wie gewaltig der Blitz aus den Wolken saust, also fuhr der Speer dem Lindwurm in die Seite.
Der erhob schlaftrunken ein furchtbares Geschrei, wand den Hals in wilden Ringen, rollte die Augen, sich hochaufbäumend, und scharrte und flatterte dazu mit den Flügeln, als wollte er fliegen.
Da sauste der zweite Speer aus Christofs gewaltiger Faust. Der fuhr hart neben den Fleck auf der Brust und prallte übermächtig an, so dass er weitab zur Seite sprang. Das Scheusal aber stürzte rücklings zusammen. Alsbald raffte es sich wieder auf, wandte sich in schrecklichem Grimm gegen Herzog Christof und schien einen Anlauf zu nehmen.
Das wartete jener nicht ab. Den dritten Speer entsandte er. Der traf den Lindwurm auf die Stirn, dass es ihm den Kopf bis in den Nacken zurückwarf – der vierte aber fuhr schräg in den Rachen, dass ein Strom kohlschwarzen Blutes hervorschoss. Ein wütendes Gebrüll und Geheul erhob das Ungetüm, entsetzlich schüttelte es sein riesiges Haupt, den Speer loszuwerden; dazu spreizte es mehr und mehr die Flügel und wollte sich zur Flucht in die Luft schwingen.
„So steht’s?!“ rief Herzog Christof. Der fünfte Speer sauste dahin. Der fuhr in den Fleck auf der Brust, dass ein neuer Strom Blutes entstürzte. Doch ins Herz war der Speer nicht gedrungen, denn das Eisen war zu breit. Dazu hatte sich der Lindwurm abseits gewendet. In unnennbarer Wut schüttelte er den Kopf und zog und trat mit den gewaltigen Tatzen, bis der Speer in zwei Hälften brach. Der Teil mit der Spitze aber blieb stecken.
Heulend spannte das Ungetüm die Flügel, erhob sich urplötzlich in die Luft und tat einen Zug zur Höhe im Kreis, um mit zwiefacher Gewalt auf Herzog Christof herabzustürzen. Der aber entsandte mit aller Macht den sechsten Speer, just als es darniederfahren wollte.
Da traf Gewalt auf Gewalt. Der Speer fuhr zu Splittern, der Lindwurm aber zurück, dass es ihn in der Luft umwandte; darauf schoss er mit grimmigem Geschrei wieder empor und hoch hinauf, Gischt, Blut und giftigen Odem wie schwarzes Gewölk ausspeiend. In Turmeshöhe kreiste er schnarrend über den Marktplatz, schien sich der Isar zuzuwenden; mit einem Male machte er rechtsum, schoss über die Kaufingerstraße dahin – und in kurzem war er verschwunden.
Da erhob sich unendliches Freudengeschrei. Zu Hunderten stürzten sie allüberall vom Platz und aus den Häusern und freudig auf Herzog Christof zu.
Der bot ihnen ab und sagte: „Dankt nicht mir, sondern Gott, und fleht, dass unser nicht zu viele dahinsterben, wie auch für unseren Herrn Bruder und Landesherrn Johannes!“
Darauf knieten alle nieder und beteten inbrünstig.
Als sie sich aber erhoben, befahl Christof, große Feuerstöße aufzurichten von der Weinstraße und von der Rosengasse her und an allen Orten in der Stadt, auf dass des Lindwurms giftiger Hauch von Flammen und Rauch verzehrt würde. Ward demnach in bester Weise vorgesorgt.
Beim Herzog Johannes aber verschwendeten die Ärzte alle Mühe. Der ward stets schwächer und schwächer, und am dritten Tag Novembris hauchte er zu Haidhausen seine Seele aus. War ein gar mutiger, hübscher Herr gewesen. Ihm folgten gute Zeit lang mehr und mehr ins Grab, bis in die fünfhundert, denn des Lindwurms Hauch wollte nicht so schnell weichen, und wer schwach und sonst geneigt war, der konnte die Luft nicht überwinden und musste sterben. War aber das Glück doch größer als das Unglück. Hätte Herzog Christof den Lindwurm nicht besiegt, wäre etwa halb München an der Pest ausgestorben.
Den Herzog Johannes führten sie mit großem Geleit und viel Trauer gen Andechs zu seinem Vater Albertus.
Was aber Herrn Barth und die Petronella betrifft, waren sie zwar von Anfang dem Lindwurm die nächsten gewesen, gleichwohl kamen sie beide mit Heil davon. Denn der Petronella schadete nicht leicht etwas, und Herr Barth war auch nicht so gar schwach. Dazu wusch er sich des Tages dreimal mit Essig, solange die Pest währte.
Es erwuchs ihm sogar ein ganz neues Leben. Denn von selbigem gefährlichen Tag an war Jungfrau Petronella in ihrem ganzen Wesen wie verkehrt und verwandelt und meistens ganz nachdenklich und sanft. Vermerkte aber Herr Barth nur von ferne, es rühre sich der alte Pantoffelgeist, so fing er an, wie zufällig vom Lindwurm und Herzog Christofs Heldentat zu sprechen – und das half.