Herzog Christofs Wurf und Sprung
Es war im Jahre 1490, als Herzog Christof eines schönen Maitages durch den Bogen zu München schritt, der vom Rathausturm zu Sankt Peter führt, nahebei, wo die wohlweisen Herren auf- und abstolzierten, wenn sie oben im wohlgetäfelten Saale wichtige und noch wichtigere Sachen zu besprechen und zu schlichten hatten.
Als Herzog Christof um die Ecke bog, wäre er bald mit Herrn Florian Hundertpfund zusammengestoßen, der in geziemender Kundgebung seiner persönlichen und Amtsmajestät die Treppe herabgekommen war, nachdem er oben einen großen Vortrag gehalten und Antrag gestellt hatte: „Daß dem Bildschnitzer Hans Heidelolf das Bürgerrecht gewährt werde.“ Er hatte es auch durchgesetzt, trotzdem er Gegner in Menge hatte, und der naseweise junge Ratsherr, Herr Hans Stupf, ihm sogar zu verstehen gab: „Es möchte an der großen Wärme wohl des Bildschnitzers schönes Töchterlein teilhaben – sintemalen der Herr Kollege bis in die letzten Zeiten, ungeachtet seiner ehrwürdigen Scheitel, noch immer gern auf Freiersfüßen gewandelt und es notorisch sei, daß er zum Lobe einer oder der anderen schönen Jungfrau sich noch gern auf den Pegasus setze und einen ganz starken Trab reite.“
Herr Florian hatte aber, wie alle, insonderheit diesen Gegner und boshaften Angreifer mit deutschen und lateinischen Kraftsprüchen gänzlich zu Boden geschmettert, so daß männiglich sagte: „Es sei seit Menschengedenken keine solche Rede gehalten worden“ – und die Sache alsbald abgetan war. Worauf Herr Florian sogleich von dannen ging, um sich ins „Tal“ an die Hochbrücke zu begeben, dem Bildschnitzer sein Glück zu verkünden und sich einen Stein ins Brett zu setzen. Denn wenn ein Mensch für Hans Heidelolfs Tochter in Feuer und Flammen stand, so war es Herr Florian Hundertpfund, und hatte der naseweise Kollege nicht ins Blaue getroffen, da er einen so boshaften Bolzen auf ihn geschossen.
Als er nun, wie gesagt, mit Herzog Christof zusammentraf, stotterte er: „Bitte tausendmal um Vergebung, gnädigster Herr Herzog!“ und machte eine so tiefe Reverenz, als es sein wohlgenährter Leib zugab.
Herzog Christof aber wandte sich mittlerweile zur alten Wieskapelle geradeüber von der Rathausstiege. Er war fast daran vorübergeschritten, als er flüchtigen Blickes eine Jungfrau gewahr geworden, die in tiefster Andacht ganz einsam in einer Ecke kniete und überreich an Schönheit war. Von der ausnehmenden Zucht und Reinheit berührt, trieb es ihn einzutreten, und erst, da er sie eine Weile belauscht, wollte er, aber recht ungern, fort. Dabei machte er jedoch ohne Willen mit den Sporen ein kleines Geräusch, so daß sich die Jungfrau erschreckt umschaute und ihn erblickte, wie er, das Auge auf sie gerichtet, am Fortschreiten war. In rechter Glut überströmte es ihr Antlitz, und Herzog Christof war auch nie so rot geworden. Das holde Kind sah ihn aber nicht lange an, senkte schnell die Augen darnieder, bekreuzte sich und wollte am Herzog vorüber und ihres Pfades gehen.
Er vertrat ihr jedoch mit feiner Sitte den Weg und sprach: „Mein Leben lang hab ich kein Wesen frommer beten gesehen. Euch möchte ja wohl der Himmel nichts abschlagen. Haltet’s allzeit so! Doch sprecht, wie heißt Ihr?“
„Heiß Gertraud, gnädiger Herr“, sagte jene mit beklommener Stimme, „und bin des Bildschnitzers Hans Heidelolfs Tochter.“
„Hab ich Euch doch nie gesehen unter der Zier unserer Stadt!“
„Gehör ja wohl nicht zur Zier einer Stadt“, entgegnete sie, „könnt mich auch nicht leicht gesehen haben, da ich erst wenige Zeit hier bin zu München mit meinem Vater, der gern Bürger würde, wenn es die wohlweisen Herren nur gestatten wollten.“
„Und da habt Ihr gebetet, daß die Sache guten Verlauf nehme –?“
„Das hab ich.“
„Nun, so hoffen wir vordersamst das Beste!“ sagte Christof. „Und wo seid Ihr dahier zu Hause?“
„Wo – ich –?“
„Wo Ihr mit Eurem Vater wohnt?“ verbesserte Christof.
„Was kühne Frage, Herr!“ fiel die Jungfrau rasch ein. „Gelobt sei Jesus Christus!“ Dabei bekreuzte sie sich.
„In Ewigkeit!“ sagte Herzog Christof rasch. In dem Augenblicke war Gertraud zur Kapelle hinaus – weg war sie.
Herzog Christof stand eine Weile betroffen, und es tat ihm leid, daß er das fromme Kind willenlos beleidigt.
„Gertraud!“ summte er dann, „heißt sie?“ Er stand in Erinnerung an ihre Schönheit versunken. „Ich muß sie wiedersehen. Sie ist ja wohl ein wahrer Engel – beim Himmel, sag ich, ich wüßte nicht, was ich täte, wär sie eines Fürsten Tochter!“
Er trat heraus und wandte sich wieder zur Rathausstiege. Daran standen die wohlweisen Herren in guter Zahl und machte einer dem anderen so viele Reverenzen, als ob sie gar nicht vom Platze kommen wollten. Nun sie Herzog Christof wahrnahmen, beugten sie sich noch tiefer und sämtlich zugleich um ihn, als sei da ein Kornfeld, darein der Wind von allen Seiten wehte.
„Gott zum Gruß, ihr Herren“, sagte Christof freundlich, „was habt ihr heute zustande gebracht?“
„In Untertänigkeit zu melden“, entgegnete der erste, „haben wir für gut befunden, Hans Heidelolf, Bildschnitzer von Landsberg, zurzeit hie wohnhaft an der Hochbruck’, in die Stadt und wohlehrsame Bürgerschaft aufzunehmen.“
„Daran habt ihr gut getan“, sprach Christof, „allzeit gereicht es zum Nutzen, kunsterfahrene Männer einzusammeln. Somit Dank für die Nachricht und dazu alle Huld und Gnade!“
Darauf verließ er sie und schritt den Gang hinab zur Hofburg, nicht minder erfreut über das, was er vernommen, als die Ratsherren über sein gnädiges Antlitz.
In wenigen Tagen war die Werkstatt zurechtgerichtet, und der Bildschnitzer fleißig an der Arbeit von früh bis spät.
„Dem Hundertpfund sind wir Dank schuldig“, sagte er am dritten Tage, das Schnitzmesser weglegend, als Gertraud den Tisch deckte, um ein schlichtes Essen aufzusetzen. „Geld kann ich ihm keines geben – wie wär es, wenn ich ihm den heiligen Johannes verehrte, der da hinten steht?“
„Wie Ihr meint, Vater!“ warf Gertraud freundlich ein.
„Und du mußt ihm den heiligen Johannes überreichen!“
„Ich, Vater? – Nun, wenn’s sein muß!“ Gertrauds Stirn hatte sich umwölkt.
„Nun, was bist du so finster, Traud? Er nimmt’s halt zuliebst aus deinen Händen, du gefällst ihm gar gut, Traud!“ – In dem Augenblicke klopfte es, und der grundgütige, wohlweise Herr Florian Hundertpfund trat gnädig schmunzelnd ein.
„Ei, ei, ei!“ rief er. „Da komm ich gerade zur Essenszeit – wahrlich, speiste ich nicht heute an des Herzog Christofs Tafel, ich lüd mich bei Euch zu Gast, he, he, he!“
„Das wär mir eine große Ehr“, erwiderte Meister Heidelolf, „so aber – Gertraud, trag das Essen hinaus!“
„Aber laßt Euch doch nicht stören, Meister Hans!“ sagte Herr Florian.
„Kenn die schuldige Ehrfurcht“, entgegnete der Bildschnitzer und flüsterte der Tochter etwas zu. Sie nahm die zwei Schüsseln vom Tisch, machte dem Herrn Hundertpfund einen Knicks und ging ein wenig unmutig zur Tür hinaus, sich auf des Vaters Gebot in Staat zu werfen, um den Johannes mit Ehren überreichen zu können.
Herr Florian, der nicht wußte, welche Bescherung ihm zugedacht sei, war mit des Töchterleins Verschwinden keineswegs zufrieden, fand aber für besser, seinen Zorn zu verbeißen, als zu zeigen, und fing an, Großes und Breites zu Gertrauds Lob zu verkünden.
Gertraud war kaum in die Küche getreten, als sie Schritte die Treppe herauf vernahm, und da sie einen Blick hinablenkte, hätte sie schier beide Schüsseln fallen lassen, solch einen Riß gab es ihr, halb in Schrecken, halb in Wonne. Der aber heraufkam, hatte sie auch schon gesehen, er sprang, was er springen konnte, streckte die Arme weit aus und jauchzte mit mühsam unterdrückter Stimme:
„Ja grüß dich Gott, meine herzallerliebste Gertraud! O je, wer hätt denn gedacht, daß wir uns da wiedersehen!“
„Ja, bist du es wirklich, Philipp“, lispelte Gertraud entzückt, „ist’s kein Traum?“
„Warum nicht gar“, jubelte es ihr entgegen, „wahr ist’s, vor dir steh ich mit Fleisch und Blut!“
Der Gertraud standen die helllichten Tränen in den Augen, und über und über voll Seligkeit konnte sie kaum reden.
„Aber sag mir nur – wie – wie kommst denn nach München?“ fragte sie endlich.
„Ja, weißt es denn nicht, Gertraud? Hab dir’s ja sagen lassen, ist schon vor einem halben Jahr gewesen!“
„Ich hab nichts gehört und vernommen?“
„Ja, durch den Dirnberger Fritz?“
„Kein Wort hat er mir gesagt – aber – heiraten hätt er mich gern mögen!“
„O der Hauptspitzbub! Ah, da lernt man aber seine Freunde kennen. Also deswegen hab ich nichts von dir gehört? Und ich hab auch nichts mehr hören lassen, weil ich geglaubt, du hast mich aus deinem Herzen gestrichen – o du Hauptspitzbub, sag ich!“
„Ja, aber sag nur, Philipp, wie schaust denn du aus, was hast denn du für ein schönes Gewand an?“
„Ja, kennst es denn nicht, Traud? In Herzog Christofs Diensten bin ich, und wenn’s gut geht, werd ich noch was Rechtes, denn lieb hat er mich für sein Leben!“
„Gott sei’s gedankt! Aber wie hast du denn erfahren, daß ich hier bin?“
„Ja, vom Herzog hab ich’s erfahren.“
„Vom Herzog?“
„Ja freilich, Traud! Geh zum Bildschnitzer Heidelolf von Landsberg, an der Hochbruck’, hat er gesagt, und meld ihm, daß ich um die vierte Stunde komm. Das sind seine Worte. Ja, was wär denn das, hab ich mir gedacht – Heidelolf? Da wär am End die Gertraud auch dabei und ich wüßt nichts davon, daß sie hier sei! Es wird doch, meiner Seel, nicht noch einen Heidelolf geben! Und fort bin ich wie der Wind. Und richtig, ’s gibt nur einen, und bei dem ist die Gertraud! Aber jetzt laßt der Philipp Springer auch nimmer nach, bis du sein bist, und wenn alle Stricke brechen, so sag ich’s dem Herzog Christof, der muß helfen – o du meine liebe, gute, du meine schöne Gertraud!“
„Aber jetzt mußt du zum Vater hinein, Philipp – ich komm bald nach, muß mich nur anziehn.“
„Bist ja schon angezogen!“
„Aber nicht schön genug, meint der Vater. Weißt, ’s ist der Ratsherr drin, der ihm ’s Wort gesprochen. Dem muß ich den heiligen Johannes überreichen, und da soll ich –“
„Wie heißt denn der Ratsherr, Traud?“
„Florian Hundertpfund heißt er.“
„Was sagst? Florian Hundertpfund? Das ist ja ein Hauptunglücksstifter!“
„Ein Hauptunglücksstifter?“
„Der ist ja noch ärger als der Dirnberger Fritz!“
„Ja, ich weiß nicht – du meinst also?“
„O du, dem ist auf der Welt gar nichts heilig – jetzt wirst mich doch verstehen, Traud, dem dreh ich den Hals um, wenn er dir ein unrechtes Wort sagt!“
„Aber Philipp, der Mann mit seinem schneeweißen Haar – dem tust aber gewiß unrecht!“
„Nicht wahr ist’s, Traud, der hat’s hinter den Ohren! Wirst schon sehen, was er uns noch für Herzleid antut!“
„Meinst? Freilich hat der Vater manches Wort vom alten Herrn gesprochen, wie ich ihm gar wohl gefiel – aber selb bedeutet nichts, sei nur ohne Sorgen und jetzt geh hinein zum Vater!“
„Ich geh schon, Traud, aber einen Kuß zum Willkomm krieg ich –“
Und kaum gesagt, wollte er sie umschlingen. Aber sie schlüpfte in die Kammer.
„O Philipp“, murmelte er vor sich hin, „da hast du wieder falsch angeklopft. Dem Vater wird mein Anblick nicht viel Freud machen. Nun, was ist’s – jetzt bin ich halt doch ein anderer Philipp als dazumal zu Landsberg, und will er den Herzog zum Kunden, so darf er seinen liebsten Diener und allerbesten Schützen, Ringer und Springer auch nicht gradweg vor den Kopf stoßen!“
Darauf trat er in die Werkstatt, meldete den Besuch des Herzogs und ging wieder.
Über Mittag sprach der Vater kaum ein Wort. Als sie gegessen hatten, begann er:
„Du, Gertraud, behalt dein schönes Gewand an, denn der Herzog kommt!“
Bald darauf erschien Herzog Christof.
Er ließ sich die Werke zeigen, lobte den Bildschnitzer und ließ schließlich Gertraud rufen.
Sie trat ein, scheu und ehrfürchtig.
Als sie den Herzog erkannte, erschrak sie zuerst, erinnerte sich aber bald.
Christof sprach freundlich mit ihr und erkannte ihre Treue zu Philipp.
Darauf eröffnete er eine Probe:
Ein reicher Kaufherr – Kunrath – werbe ebenfalls um sie.
Wer im Wettstreit der Kräfte siege, solle sie zur Frau erhalten.
Gertraud aber bekannte offen:
„Ich nehme den Kaufherrn nicht – und wär er reicher als alle Kaufherren zusammen!“
Doch der Wettkampf wurde angesetzt.
Der Wettkampf
Am nächsten Tage versammelten sich viele Zuschauer.
Ein schwerer schwarzer Stein lag bereit, dazu drei Nägel in der Mauer – jeder höher als der andere.
Wer weiter warf und höher sprang, sollte sie gewinnen.
Zuerst trat Philipp an.
Er hob den schweren Stein und warf ihn zwei Schritte weit.
Dann sprang er – und schlug mit der Ferse den ersten Nagel heraus.
Nun trat Kunrath vor.
Er war stark.
Er schleuderte den Stein vier Schritte weit.
Dann sprang er höher – und traf den zweiten Nagel.
Gertraud erblaßte. Philipp verzweifelte.
Da trat Herzog Christof selbst vor.
Er nahm den schweren Stein, als wäre er leicht, schwang ihn –
und warf ihn neun Schritte weit.
Staunen ging durch die Menge.
Dann lief er an –
und sprang so hoch, daß er mit der Ferse den höchsten Nagel aus der Mauer schlug.
Jubel brach aus.
Philipp aber glaubte verloren zu haben.
Da sprach Herzog Christof:
„Ich habe den Wettstreit nur entschieden.
Die Braut gehört dir!“
Da war die Freude groß.
Philipp fiel ihm zu Füßen, Gertraud weinte vor Glück,
und Meister Heidelolf segnete die beiden.
Zum Andenken wurde eine steinerne Tafel errichtet, die verkündete:
- den gewaltigen Wurf des Herzogs
- den Sprung bis zum höchsten Nagel
- und den Wettstreit der Männer