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Sagen & Geschichten

Der ehrliche Bader

Wenn heutzutage einer ein rechter Mann und in seinen Angelegenheiten wohl erfahren ist, wird er geschätzt, er sei dann, wes Zeichens er wolle.

Das war aber früher anders, und es stand zu München in alter Zeit so, dass die Bader nicht für ehrlich galten, obschon Kaiser Wenzel deshalb einen Befehl erlassen hatte. Aber der Befehl half nichts, denn das Volk gab gar wenig auf ihn, und so mussten die Bader manches erdulden.

Als man nun 1400 zählte, lebte zu München nächst dem Sonneneck oder am Schneeberg ein Bader, der war ein kluger Mann und hieß Naras.

Demselben Naras kam aber weit und breit kein Arzneidoktor in seiner Kunst gleich, selbst Herr Conrad von Botinbach nicht, der des Herzogs Wilhelm Hofmedikus war. Was half’s – er, der Naras, galt doch nicht für ehrlich.

Nun befiel den Herzog Wilhelm ein heftiges Unwohlsein. Da konnte Herr Conrad von Botinbach nicht helfen. Etliche Mönche, welche gute Meister in der Arzneikunst waren, vermochten ebenso wenig. Mit dem Herzog ging es täglich schlimmer, und zuletzt blieb niemand übrig, den man hätte befragen können, als der Bader Naras – von dem aber wagte keiner zu sprechen.

Zuletzt verfiel Wilhelm selbst auf ihn – der Naras wurde berufen und mit großem Lob empfangen, damit er umso mehr Mut gewinne.

Dasselbe Lob lehnte der Naras ganz bescheiden ab, prüfte des Herzogs Zustand und sagte dann:
„Seid Ihr doch so gnädig, hoher Herr, als könnt’ ich alle Kranken zugleich kurieren! Das kann ich nicht. Was Euch fehlt, weiß ich gleichwohl, und ich will Euch eine Arznei verabreichen. Die wirkt aber nur, so Ihr eine Wahrheit hören könnt.“

Als nun Wilhelm dieselbe hören wollte, fuhr jener fort:
„Der Kaiser hat uns vor etlicher Zeit für ehrlich erklärt, Ihr aber schärft es dem Volk nicht ein! Daran tut Ihr Unrecht – und das ist die Wahrheit, die ich Euch zu verkünden habe. Wohlan denn! Ich helfe Euch – und Ihr macht dafür die Bader ehrlich, denn Eure Gewalt ist groß!“

Darauf sagte Herzog Wilhelm:
„Ei, lieber Naras, tut Ihr doch, als könnt’ ich all des Volkes Wahn auf einmal kurieren. Das kann ich nicht. Euch aber will ich helfen, daran soll sich das Volk ein Beispiel nehmen. Also will ich ein Glas Wein mit Euch trinken, so Ihr mich gesund macht. Dann seid Ihr sicher ehrlich!“

Darauf lächelte der Naras und sprach:
„Wär Euer Leib halb so gesund, wie Euer Geist es ist, so könnte Euch ein ehrlicher Arzneidoktor helfen, und Ihr bedürftet keines unehrlichen Baders! Also nehmt Ihr mich beim Wort, ich aber nehme Euch bei dem Euren!“

Da zeigte sich in kurzem des Naras Meisterschaft. Der Herzog Wilhelm ward gesund und trank ein Glas Wein mit ihm.

Darauf galt der Naras allerorten für ehrlich – die anderen Bader aber mussten noch lange Zeit warten. Denn gar mancher Herzog wurde noch unpässlich, aber ein Bader ward gar selten mehr gerufen, und wenn – nicht jeder war ein Naras.