Bäcker Hisans Söhne
Zu München im Tal, links über der Hochbrücke, steht das Bäckerbruderschafts-Häuslein.
Davon weiß jeder, daß es der Kaiser Ludwig den Bäckern erbaute, weil sie ihm zu Mühldorf in der Kaiserschlacht das Leben retteten, und daß er ihnen den Reichsadler ins Panier setzte, ist auch schier allen bekannt.
Nun traf’s da bei einem Bäcker zu, daß er nicht mitfocht und dennoch große Ehre davontrug. – Das war aber so:
Als man 1300 zählte, lebte zu München ein Bäcker namens Jörg Hisan. Sein Bruder aber war Barfüßer nächst der Burg und hieß Felix. Da nun der Pater Felix zu Zeiten zum Bruder Jörg Hisan kam, klagte der, daß ihm seine treue Ehehälfte gestorben sei – eine andere zu nehmen, könne er sich nicht entschließen, weil er die erste nicht vergesse – nun lebe er bei halbwegs guten Mitteln dahin, verspüre aber wenig Freude am Leben, weil er nicht wisse, für wen er schaffe und arbeite.
Als der Pater Felix einmal wieder kam, eilte ihm der Bäcker Hisan ganz freudig entgegen, hatte ein Kind auf dem Arm und sagte: „Nun ist mir aus all meinen Sorgen und Nöten geholfen. Da mag einer mein Verlangen inne geworden sein, daß er mir dies Kind auf den Brotladen legte! Könnte er des armen Geschöpfes Leben fristen, täte er es sicher! Oder er meint, bei mir ergehe es ihm um vieles besser. Dem sei, wie da wolle. Da ist es und bleibt es, und das Kind zieh ich auf, als wär es mir von meiner Ehefrau geschenkt worden.“
Sagte der Pater Felix, daran tue er ganz wohl, und war im Herzen froh, daß der Bruder Jörg solche Freude erlebte, wo einem anderen, wer weiß, nicht gedient worden wäre.
Als nun ein Jahr vergangen war und der Pater Felix wieder einmal kam, kam ihm der Hisan wieder mit einem Kind entgegen, sagte, es sei ihm an die Türe gelegt worden, und das Kind nehme er wieder mit Freuden auf.
Meinte der Felix, das sei ganz recht. Nun wäre es aber etwa genug, und habe der Bruder früher verlauten lassen, daß er gern Kinder hätte, möge er nun kundgeben, daß ihn zwei vollauf bedünkten.
Dachte der Hisan: Wird nicht vonnöten sein – und vergaß die gute Lehre.
Der Pater Felix hatte es aber ganz gut gemeint, und übers Jahr zeigte sich, daß die Warnung gerecht gewesen sei. Denn unversehens war wieder ein Kind da.
Wie der Hisan das dritte unerwartete Geschenk in Augenschein nahm, bedünkte es ihn, er solle es doch nicht zurückweisen, und dachte: Aller guten Dinge sind drei.
Als aber der Pater Felix daherkam, war der nicht zum besten aufgelegt, weil er für seinen Bruder besorgt war. Er vermaß sich, ein guter Prophet gewesen zu sein, und behauptete: Wenn das in gleicher Weise fort und fort ginge, könne es der Hisan sonder Ehegemahl so weit bringen wie weiland der Graf Babo von Abensberg. Der habe zwei Ehehälften und aller Kinder im ganzen vierzig Stück gehabt – zweiunddreißig Söhne und acht Töchter.
Sagte der Hisan: „Das wäre mir sicher zu viel. Gott legt aber keinem mehr auf, als er vermag. Also mag ich’s mit den drei Rangen wohl so gut zu Ende führen, wie es sicher der Babo mit seinen zweiunddreißig tat. Was tat er denn all mit denen?“
Sagte der Pater Felix: „Dem ließ der Kaiser Heinrich eines Tags verkünden, er solle mit ihm auf die Jagd reiten und einen Diener mitbringen, mehr aber nicht. Da nahm der Babo seinen liebsten Diener zu sich, die 32 Söhne aber ritten sämtlich auch mit. Sagte der Kaiser, der die Söhne nicht kannte: ›Hab ich dir nicht gesagt, nur einen – und da kommst du mit ihrer einer ganzen Schar!‹ Da offenbarte der Babo, wer sein einziger Diener – hinwieder, wer die zweiunddreißig seien, und daß er sie mit der Zeit sämtlich zu seines Herrn Diensten stelle. Wie das der Kaiser vernahm, war er ganz erfreut, daß er auf einen Schlag so viele treffliche Kriegsleute gewänne, und nahm sie alle in Gnaden auf.“
Darauf sagte der Hisan: „Wer weiß, was zutrifft! Die Zeit bringt mancherlei, und hätt ich noch so viel Sorge und Kümmernis, ich ließe die Kinder nimmer von mir.“
„Da wird’s dann im gleichen fortergehen“, sagte der Pater Felix, „und dir jedweder sein Kind bringen, damit es ihm wohl ergehe und besser denn bei ihm selber. Darüber wird dein Häuslein zu klein, du kommst in Schulden, und es bricht das Verderben über dich herein, daß dir niemand mehr helfen kann! Oder meinst du etwa, es lade dich auch dereinst ein Kaiser, daß du auf die Jagd mit ihm rittest, und du dann sagtest: Hier sind meine gelegten Rangen, das sind alles scharfe Reitersleute! Wo ist er denn, der Kaiser? Und wenn er da wäre, was möchten ihm so viele Bäckergesellen frommen? Also hab ich’s dir gesagt und sehe deinem Untergang entgegen!“
Sagte der Hisan: „Du sprichst wie ein solcher Prophet! Ich nehm einmal, was Gott gibt – und ob er mir noch mehr Kinder zuschickte – die nehm ich alle in Dankbarkeit an. Er wird mir wohl nicht zu vieles auflegen.“
Sagte der Pater Felix: „Du tust, was du willst, und ich tue seinerzeit, was ich nicht lassen kann.“
Darauf ging der Pater Felix von dannen, hatte seinen Entschluß wohl gefaßt, und als die Zeit übers Jahr herankam, hielt er eine Predigt in der Barfüßerkirche.
Da fing er bei der Barmherzigkeit an, darüber kam er auf ihr weites Revier und wieviel der Mensch vermag und vermögen sollte. Hinwieder rückte er aber auch über den Frevel derer ein, die sich ganz auf die Barmherzigkeit verließen und andere dadurch in ihre Sorgen einsetzten.
Da erkannte jeder, wo er hinaus wollte. – Item, der Pater Felix sprach in der Barfüßerkirche so deutlich, daß ihn kein Mensch mißverstehen konnte.
Als er zu Ende war, lobten alle seine treffliche Beredsamkeit und wie wahr jedes Wort gewesen sei. Der Pater Felix aber dachte, nun habe er seinem Bruder Jörg guten Dienst erwiesen und ihm von weiterer Last geholfen.
Darauf kehrte er in sein Kloster zurück. Am nächsten Tag aber machte er sich auf und schritt ins Tal hinab, rechts zum Eckhäuslein am Radlsteg, wo der Hisan daheim war, und wollte hören, was sein Bruder zu der gehaltenen Predigt sage.
Wie da der Pater Felix eintrat und meinte, der Bruder werde ihn loben, sagte der kein Wort, sondern schritt ins Nebenkämmerlein, und als er wieder herauskam, hatte er ein Kind auf dem Arm.
„Ja, was ist denn das!“, stotterte der Pater Felix.
„Das ist die Frucht deiner eigennützigen Predigt“, sagte der Hisan. „Meinst du denn, es sei Gott gefällig, so du irdische Absicht in deinem Kanzelwort vorbringst?“
„Willst du mich etwa das Predigen lehren?“, zürnte jener. „Ich weiß gar wohl, was sein darf und nicht! Wie soll ich denn zu Menschen reden, wo ich nie etwas Menschliches einfließen lasse? Soviel ich von deinem Handwerk verstehe, so viel und nichts verstehst du von meinem heiligen Zungenwerk! Was willst du dann mit dem vierten Kind? Soll es wieder dein eigen sein?“
„Sicher, das haben sie mir heut Nacht gelegt“, sagte der Hisan, „und lag der Zettel dabei. Darauf steht, was du lesen magst.“
Dazu nahm er den Zettel vom Tisch, gab ihn dem Bruder Felix, und der las:
„Der Pater Felix verkündt’s rein und wahr,
verwarnt vor fremder Bürde schwer.
Es soll jeder tragen seine eigene Last,
auf daß ein anderer keine Sorge faßt.
Des verseh ich mich bei Hisan nicht,
als dann ich ihn freundlich bitt,
den Kinderlein, so er hat, nunmehr drei,
daß er dem vierten auch barmherzig sei.“
Als der Pater Felix das gelesen hatte, warf er den Zettel unmutig hin und sagte: „Hab ich mich noch nicht deutlich genug vernehmen lassen, so mag ich’s demnächst noch deutlicher tun. Dir aber sag ich dies: Weil’s Gott will, behalt das vierte Kind – aber laß es bei der geraden Zahl, und wo dir ein weiteres gelegt würde, nimm’s nimmer an und schick’s an die Stadt. Denn alles sollst du den Verwandten doch nicht zum Trotz tun! Ich habe deiner nicht vonnöten, weil ich mich zur Armut gewendet habe. Aber du hast Schwestern und Brüder mehr denn mich, und denen sollst du dein Erbe nicht ganz aufspeisen lassen!“
Auf diese Worte machte sich der Pater Felix von dannen.