Zum Inhalt springen
Menü

Sagen & Geschichten

Der Türmer und der Komet

Ich weiß noch etwas aus Kaiser Ludwigs Zeiten. Das will ich euch erzählen.

So in alten Zeiten ein Komet erschien, wurde gar viel Wert darauf gelegt, und viel Wunderwürdiges oder Schreckbares daraus gedeutet. Davon findet sich mancherlei Bericht.

Nun war’s, wie gesagt, zu Kaiser Ludwigs Zeiten. Man zählte 1318 – und als man so viel nach Christus zählte, lebte zu München einer, der hieß Lebrecht und amtierte auf St. Peter als Turmwächter.

Selbiger Lebrecht machte seinem Namen keine Schande, und konnte sich die Stadt keinen besseren Turmwächter wünschen. Man konnte sich auch sonst auf ihn verlassen, wenn er nicht im Dienst war, und sah sich der Lebrecht mit allen guten Eigenschaften wohl hinaus.

Mit einer Eigenschaft aber, die gar viele für eine sonderlich gute halten, kam der Lebrecht nie recht zu Paß. Selbige war das leidige Geld. Einmal und fürs erste hatte er nie viel. Nächst war seine Hand aller Armut anderer offen. Er war früher selbst arm gewesen, also wußte er ja wohl, was es um Sorge und Kümmernis sei, und gab deshalb, solange er etwas hatte

Wenn das einer gewöhnt ist, läßt er so leicht nimmer ab. Zuletzt geht’s zeitweise so, daß er selbst in Verlegenheit gerät, und wie es da schon vielen früher und wieder später erging, so ging’s dem Türmer Lebrecht dazumal eben auch, und das gar oft. Er blieb aber dennoch bei gutem Mut.

Da traf sich’s, daß seine Mutter, die Veronika, krank ward. Er hatte aber kurz zuvor sein letztes Geldlein verausgabt und konnte nun da nicht helfen und beistehen, wo es sein treues Sohnesherz doch zumeist hinzog.

Es trieb ihn demnach, wie jeder begreift, das wenige nicht umher da droben auf dem Turm, so daß er schier rastlos auf den Füßen war. Er dachte immer und immer, was er tun und wie er es richten sollte, um etliches Geld zu erobern, damit er seiner guten alten Mutter in ihrem Bedürfnis beispringen könnte.

Je mehr er aber dachte und sann, um so viel minder fiel ihm eine Auskunft bei. Eine einzige ausgenommen. Die war: sich den Lohn für seine Turmwacht voraus zu erbitten. Selbiges tat er aber halt gar nicht gern.

Ging nun weiters so hin und wieder, von diesem Fenster an jenes, stand in seinen Gedanken da, oder er sah hie und da hinaus, wie es seine Pflicht war – zumeist aber gegen das Tal zu, wo das Mütterlein krank lag – hatte die größte Unruhe im Herzen, weil er nicht wußte, wie es der frommen Seele gehe, und weil er meinte, sie möge ihm heimlich Vorwürfe machen. Kurz, es war selb dem Lebrecht am besten keineswegs zu Mut. Darüber ward’s Nacht, und als es Nacht war, hatte er noch viel weniger Ruhe und noch um keinen Heller mehr Geld als am Tage.

Wie er nun da wieder so hin und her schritt oder sich eine Weile gedankenvoll setzte, aber bald wieder erhob, kam er zu einer Zeit wieder an ein Fenster. Das führte gen die Kaufringergasse zu. An dem Fenster blieb er so stehen, stützte das Haupt auf die Hand, sah zum Himmel, der voll Sterne war, und seufzte vor sich hin:

„Da wären aber zwei hellichte da droben! Wenn Gott jetzt nur ein Wunder geschehen ließ, auf daß die zwei Sternlein zu zwei Gulden würden und mir vom Himmel herab in die Hand fielen!“

Er hatte die Worte kaum über die Lippen, als er seinen großen Frevel einsah, Gott im Himmel aufzufordern, des Türmers von St. Peter wegen ein Wunder geschehen zu lassen. Er schlug deshalb sogleich ein Kreuz, faltete die Hände und bat um Vergebung, daß er so kühn gesprochen habe. Dabei schaute er ganz inbrünstig zum Himmel.

Wie er da so schaute und schaute, meinte er zuletzt, er sehe etwas Besonderes. Das ward ihm jeden Augenblick klarer und sicherer, und blieb über eins kein Zweifel mehr, daß da droben hoch in Lüften ein Komet stehe – und der hatte keinen kleinen Feuerschweif.

Als der Lebrecht das aufs gewisseste erkannt hatte, erschrak er ganz ungemein und lallte: „Jetzt zeigt sich das Wahre! Ich bitt da Gott um Vergebung für meine Frevelrede, und statt deren seh ich seine Zornrute!“

Es fiel ihm aber bald ein, dies Wunder sei nicht geringer als das erste, davon er gesprochen hatte, und sah, Gott möchte seinetwegen ebenso wenig einen Komet erscheinen lassen, um ihm zu drohen, als bewußt die zwei Sternlein verwandeln und sie ihm als zwei Gulden in die Hand fallen lassen.

Er machte sich deshalb weiters nimmer so viel Sorge, hoffte sicher, es sei ihm sein törichter Wunsch vergeben, und dachte mehr an die wichtige Botschaft von wegen des Kometen. Denn er wußte wohl, welch ein Aufsehen dessen Erscheinen erregen werde, und daß es seine Pflicht sei, sobald es tunlich, Kund und Bericht zu geben, wie und was sich da droben am Himmel zeige.

Nun wär er freilich gerne sogleich hinab und hätte seine Sache ins Reine gebracht. Er konnte aber nicht fort. Denn der zweite Türmer, so gen Tagesanbruch kommen sollte, hatte den Schlüssel zur Türe ins Freie. Wär aber das auch nicht gewesen, er war nun einmal auf der Wacht, und wo einer da ist, darf er nicht, wie und wann er will, auf und davon. Das ist etwas Altes.

Item, der Lebrecht blieb, bis sein Neben- und Wechselmann heraufkam. Darauf säumte er aber keinen Augenblick, sondern machte sich die Turmstieg hinab und eilte zum Bürgermeister Johannes Ligsalz, der geradeüber von der Peterskirche wohnte und eben am besten schlief.

Da klopfte der Lebrecht an die Türe, bis im Haus drinnen alles aus den Federn fuhr – letzt ging das Fenster beim Bürgermeister auf, sah der heraus, anscheinend noch ganz schlummertrunken, und rief herunter: „Wie – was – was gibt’s – brennt’s oder ist der Feind da?“

„Freilich brennt’s und der Feind ist da!“, rief der Lebrecht hinauf, „mich bedünkt aber –“

„Was kann Euch bedünken!“, zürnte der Herr Ligsalz. „Es brennt und der Feind ist da! Was bedarf’s mehr? Auf da, gleich von da weg und zum Stadtobristen! Er soll die Wehrleute zusammenblasen lassen – ich komm zur Stelle – Blitz, Donners – der Feind ist da!“ Damit wollte er wieder in die Stube zurück.

Der Lebrecht aber rief: „So habt nur Geduld, hochgelahrtester Herr! Es ist ja nicht so, wie Ihr meint – laßt mich nur ausreden! Der Brand und Feind ist nicht zu München, vielmehr am Himmel – es hat sich ein Komet aufgetan, der steht über der Kaufringerstraße!“

„Wie – was – was, ein Komet hat sich aufgetan?“, rief der Bürgermeister, „das ist ja ein wunderbar, allerart vieldeutsames und überirdisches Ereignis! Ein Komet, sagt Ihr? Wißt Ihr’s aber sicher und gewiß, auf daß ich mich nicht für ein Vergebliches aus meiner gewohnten Morgenruhe herausreiß’?“

„Sicher und gewiß ist’s, wie ich Euch sage!“, antwortete der Lebrecht, „um die elfte Stunde nachts hat er sich aufgetan, und allitzt steht er noch am selben Fleck, als ob er gar nimmer wegwollte – und einen Feuerschweif hat er hinter sich, der mißt über die acht Schuh – da lüg ich nicht!“

„Was sagt Ihr? Einen acht Schuh langen Feuerschweif hat er hinter sich? Das ist ja seit meines Gedenkens nicht am Himmel erlebt worden – gleich komm ich, gleich!“ – Darauf fuhr der Herr Ligsalz mit dem Kopf in sein Gemach zurück und kleidete sich aufs rascheste an.

Nun weiß jeder, wie’s geht: So einer eilt, findet er nichts, und kommt ihm alles durcheinander. Also widerfuhr’s Herrn Ligsalzen auch, so daß er seinen Leibrock für das Wams ansah und meinte, die Ärmel seien seine Beinkleider. Darüber schalt er das wenige nicht, bis er den Irrtum verbesserte.

Als er zuletzt bereit war und sein Barett aufsetzte, vergaß er, seine rotwollene Betthaube abzunehmen, also daß sein Hauptschmuck ganz sonderlich hersah. Er dachte aber an nichts als an den Kometen und eilte nur noch an den Kasten, darin zuunterst etliche große Pergamente lagen. Davon rollte er das größte zusammen, damit er hindurchschauen und den Kometen desto besser sehen möchte. Nächst eilte er hinaus, hinab, und folgte dem Lebrecht auf den Marktplatz und bis ans Eck der Rosengasse.

Als er da ankam, standen schon mehrere Leute da, die durch die hohle Hand zum Himmel schauten.

Der Herr Johannes Ligsalz aber schaute durch seine Pergamentrolle und rief: „Ich bestätige, was der Lebrecht vermeint und behauptet, id est, als daß dies da droben ein wahrhaftiger, viel Böses oder aber auch, wer weiß, Wunderbares prophezeiender Komet sei!“

Dabei tat er mit seinem wohlweisen Haupt einen Ruck, so daß besagtes Barett zu Boden fiel, hingegen die rotwollene Schlafmütze gänzlich zum Vorschein kam, und der obere Teil seines Kopfes mit selbigem Kometen nicht ganz ungleich erschien – stand auch der oberste Teil ganz spitz ab und weg, so daß einer leicht meinte, er sei ein Feuerschweiflein.

Der Herr Ligsalz beachtete das zum geringsten nicht, vielmehr war er ganz herablassend, und wo einer durch sein Pergament schauen wollte, gab er es ihm mit großer Bereitwilligkeit. Zuletzt aber sagte er:

„Diese Nacht, respektive die Stunde derselben, muß aufs genaueste verzeichnet und eingetragen werden, auf daß man erkennen möge, wie das und jenes, was gleicher Zeit geschah, mit selbigem Kometen zusammenzureimen sei!“

Darauf wandte er sich zum Lebrecht und fuhr fort: „Ich frag Euch, wann habt Ihr den Kometen zuerst gesehen? Wie war die Luft heute Nacht? Habt Ihr sonst nichts bemerkt, als da ist Dunst, Wärme oder aber gar Schwüle? Weiters keinen Pesthauch, kein Geröll, Gepolter, Gekrächz, sonderlich geisterhaft Geschrei, etwaiges Krachen oder gar ein Erdbeben?“

Auf dies gab der Lebrecht nach bestem Wissen Bescheid. – Als er aber gesagt hatte, was weniges er wußte und dem Bürgermeister sein Barett aufhob, dankte ihm derselbe für genaue Auskunft ganz gnädig, tat aber zugleich einen raschen Griff auf sein gelehrtes Haupt, zog seine rotwollene Kometenhaube behende vom Kopf und versenkte sie in die Manteltasche, setzte sein Barett fest auf die Schläfe und murmelte vor sich hin: „Das wär das Wahre! Coram publico selb rotwollenes Kopf- und Nachtgewand! All darüber könnte sämtliche Ehrfurcht verschwinden – da hat sich schier die erste Gefahr des Kometen erzeigt!“

Dann rückte er sein Barett noch fester in die Stirne und sah umher, ob niemand geziemenden Ernst verloren habe. Es herrschte aber große Ehrerbietung, weshalb Herr Ligsalz guten Mutes ward, in sein Wams griff, sein Geldkätzlein herausnahm und es öffnete.

Nächst wandte er sich zum Lebrecht und sagte: „Auf daß Ihr für die von Euch geschehene, von Obrigkeit wegen und respektive durch mich, Johannes Ligsalz, Bürgermeister hiesiger Stadt, als wahr und richtig befundene Entdeckung des hie über uns stehenden Schweifsternes – vulgo Cometae – belohnt, wie auch zu weiterer fleißiger Beschauung des Firmamentes angeeifert werdet, verabreiche ich Euch hiermit – zwei Gulden.“

Wer ganz verwirrt dastand, war der Lebrecht.

„Weshalb nehmt Ihr denn das Euch gewährte Geld nicht?“, fragte der Bürgermeister, „tut Ihr doch, als säht Ihr ein Wunder?“

„Ich – ich nehm sie schon, die zween Gulden“, stotterte der Lebrecht, „aber nur einen Augenblick vergönnt, hochweiser, hochgelahrter Herr!“ – Er sah scharf zum Himmel hinauf und ein weniges seitwärts vom Kometen. „Richtig, da stehen sie – grad seh ich sie noch!“, rief er.

„Wer – was steht da droben?“, fiel der Herr Johannes Ligsalz ein. „Seid Ihr von Sinnen? Macht, daß Ihr die zwei Gulden nehmt, oder aber ich schließ diese meine gnädige, offene Hand und schiebe das Geld wieder in mein Geldkätzlein!“

„Nein, um des Himmels willen, nur das nicht!“, rief der Lebrecht. Rasch nahm er das Geld in Empfang und erwiderte reichen Dank. Darauf erzählte er, wie es ihm heute Nacht ergangen sei.

Zuletzt, da er alles geschildert hatte, rief er in der Freude seines Herzens: „Also wißt Ihr’s! Ist nun dort oben kein Wunder geschehen – da herunten ist’s doch, als wär’s eins. Der Komet bringt sicher kein Unglück – denn das Erste, was zutraf, ist gut und segenreich! Hat nun Gott zum Geld verholfen, wird er dem Mütterlein etwa auch zur Gesundheit verhelfen – ich glaub fest daran!“

Damit eilte er fort und ins Tal hinab. – Und er hatte wahr gesprochen. Denn der Lebrecht fand seine gute Mutter gebessert – und in Zeit von zwei Tagen war sie frisch und gesund.