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Sagen & Geschichten

Die Agnes vom Tal

Ans Talbruckertor oder den Rathausturm knüpft sich etwas recht Trauriges. Wollte der Himmel, es wär anders – aber was geschehen ist, läßt sich nicht wegstreiten. –

Als man nach Christi Geburt das 1255. Jahr schrieb, führte Herzog Ludwig das Regiment im Land Bayern. Der erbaute die Ludwigsburg oder den Alten Hof, und darin lebte er mit seiner Gemahlin, der edlen, schönen Maria von Brabant.

Mittlerweile, alldieweil das so war, hielt sich zu München im Tal, links unterhalb der Hochbrücke, ein tüchtiger Waffenschmied namens Gerold auf. Dessen Töchterlein hieß Agnes, und ein trefflicher Geselle hätte sie gerne zum Altar geführt. Der Geselle hieß Heinrich.

Was nun auch der Heinrich tat, der Vater wollte seinem Verlangen nicht nachgeben; denn des Gesellen Sache war auf nichts gestellt – hingegen er, der Waffenschmied, für reich und angesehen galt, weil Herzöge und Ritter seine ständigen Kunden waren.

Aus diesem Weigern des Vaters erwuchs dem Heinrich und der Agnes viel stiller Kummer. So verstrich Lenz und Sommer, und als der Herbst schier vorüber war, dachte die Agnes in treuester Sorge noch immer hin und her, was zu tun sei; der Heinrich begreiflich nicht minder. Aber es fiel keinem von beiden etwas Dienliches ein, des Vaters harten Widerspruch zu mildern.

Da ward laut, der Herzog Ludwig ziehe in die Rheinpfalz, weil er ein und das andere vorhabe.

Über kurz bestellte des Ludovicus Gemahlin, die Maria, etwelche herrliche Waffenstücke – dazu einen schönen Dolch – und weil sie so viel von der Agnes’ Schönheit vernommen hatte, befahl sie dem Waffenschmied Gerold, er sollte sein Töchterlein mitbringen, sobald er seine bestellte Arbeit übergebe.

Da fügte sich’s nun, daß die Herzogin der Agnes Liebeskummer erfuhr, nahm alsbald den Heinrich zu Diensten an und versprach, für weiter zu sorgen, wenn sie vom Schloß Mangoldstein nächst Donauwörth zurückkäme. Dahin wollte sie während ihres fürstlichen Eheherrn Abwesenheit ziehen.

Nun kann sich jeder des Heinrichs und der Agnes Freude denken, denn es lag eine gute Zukunft vor Augen. Der Waffenschmied ließ sich auch minder hart an – und so schien sich alles aufs beste zu gestalten.

Über weniger Tage Frist zog der Herzog Ludwig von dannen, hielt sich vorerst einige Zeit zu Heidelberg und hatte dann dort und da zu schaffen. Der Heinrich aber ritt mit der Herzogin gen Donauwörth, hielt sich da auf dem Schloß Mangoldstein und genoß seiner fürstlichen Herrin ganzes Vertrauen.

Davon gab er der Agnes durch den und jenen, welcher gen München kam, Nachricht, und daraus erwuchs der Agnes rosenfarbener Lebensmut.

So entrückte Tag um Tag. Nun schrieb man das Jahr 1256, und im Jänner war’s. Selbiger Zeit empfand die Maria von Brabant stets größere Sehnsucht nach ihrem Gemahl. Sie schrieb demnach zwei Briefe, davon war der eine rot, der andere schwarz gesiegelt, und bat sie im ersten ihren Gemahl, doch bald heimzukehren. Im zweiten aber versprach sie dem Raugrafen Conrad von Peilstein ihr bestes Wohlwollen und daß sie „Du“ zu ihm sagen wolle – wie das dazumal Sitte war, wenn sich einer am Hoflager recht verdienstlich erwies – falls er des Ludovicus Rückkehr zu beschleunigen vermöge.

Darauf befahl sie dem Heinrich, ein Roß zu satteln, gab ihm beide Briefe und hieß ihn gen Heidelberg zu reiten, denn sie glaubte, ihr Gemahl befinde sich dort. Der Heinrich machte sich alsbald freudig auf; die Agnes zu München erfuhr, daß die Herzogin wieder einen neuen Beweis ihres Vertrauens gegeben habe und hinterbrachte dem Vater die Botschaft.

So war’s. Der Heinrich aber ritt fort und fort, bis er beim Herzog Ludwig anlangte. Den traf er aber nimmer zu Heidelberg, sondern mußte wieder umkehren und ins Schwäbische sprengen, denn dahin war der Ludwig gezogen.

Nun war’s mehr Tage später, am 19. Jänner, nachmittags um die Vesperzeit. Da kniete die Agnes eben in der Peterskirche und betete eifrig für den Heinrich.

Mit einem Mal hörte sie Geräusch und Gewirr, und als sie zur Kirche hinaus und durch den Bogengang gegen das Rathaus eilte, sah sie, wie vor demselben viele Menschen standen, dazu noch stets mehrere vom Platz her und vom Tal herauf kamen, und vernahm zuerst: Es sei ein berittener Bote in größter Eile zur Stadt herein allsogleich dahergesprengt, aus dem Sattel gesprungen und nach wenigen Worten unverzüglich zu den Ratsherren hinaufgeeilt – sein Roß aber stehe in Schweiß gebadet an der großen Rathaustreppe und könne sich vor Ermüdung kaum auf den Beinen halten.

Ehe die Agnes etliche Schritte weiter tat, hörte sie von einem, der Herzog habe einen unrechten Brief geöffnet, sei in unglückseliger Eifersucht von Heidelberg gen Donauwörth gesprengt und habe da den Schloßvogt niedergestoßen; von einem anderen, er habe die Helica von Bremberg, der Herzogin Kammerfrau, getötet, die Oberhofmeisterin vom Turm werfen lassen, weil er sie gemäß selbigem Brief für mitschuldig gehalten; von einem Dritten aber, des Herzogs Gemahlin, die Maria von Brabant, sei auf des Ludovicus Befehl enthauptet worden.

Das ging von Mund zu Mund, hin und wieder, bis alle die Kunde wußten; darauf schlug unbeschreiblicher Jammer auf – und als der Bote totenbleich herabkam, alles zu bestätigen und näher zu berichten, da fand er sämtlich die Menge in lauter Verzweiflung und in Tränen.

Nur eine Jungfrau stand lautlos und wie vom Blitz durchzuckt. Dann plötzlich raffte sie sich auf, drängte sich durch die Menge und rief mit flehender Stimme: „So viel Elend und Unheil hat Gott im Himmel zugelassen – was ist aber dem widerfahren, der die Briefe übergab?“

Da ließ der Bote die Hände krampfhaft verschränkt sinken, starrte zu Boden und sagte: „Dem stieß er den Dolch in die Brust!“

Als er das sprach, rief die Jungfrau – es war die Agnes – vor Entsetzen laut auf. „Und ich hab ihm den Dolch gebracht!“, stammelte sie. Darauf sank sie zu Boden –

Als man sie erhob, waren all ihre Sinne verwirrt, und nimmer ward sie deren mächtig.

Noch drei Jahre lebte sie, stets in wirrer Erwartung, der Heinrich sollte wiederkehren. Schier jeden Tag schlich sie ans Tor, dahinaus er mit der Maria gen Donauwörth geritten – aber ihr unruhig waltendes Auge entdeckte ihn nie. Denn die Toten kehren nicht wieder, und kein Schmerz ruft sie zurück. Auch keine Reue.

Das fühlte der Herzog wohl. – In der ersten Nacht hatte er seine Tat erfaßt, seinen Irrtum erkannt, und Verzweiflung kam über ihn. – Am Morgen war er eisgrau. Heiß flehte und flehte er zu Gott um Vergebung, und zu geringster Sühne stiftete er in kommender Zeit das Kloster Fürstenfeld.

Dort ward er auch, als er in späteren Jahren gestorben – nach vielen schönen Taten, so der Menschen Herz mit seinem schrecklichen Walten von dazumal um einiges versöhnten – dort ward er in die Erde gesenkt.

Die Maria von Brabant und ihre zwei Freundinnen schlummern zu Donauwörth in der Heilig-Kreuz-Frauen-Kapelle.

Die Agnes aber trug man eines schönen Lenztages – da lebte Ludwig noch – vom Tal herauf gen St. Peters Friedhof zu Grab; der Waffenschmied Gerold wankte hinter dem offenen Sarg einher und zog viel Volkes mit, jung und alt, unter frommem Gebet.

Wie sie da eben heraufschritten und dem Talbruckertor nahten, soll der Herzog ganz tief in Gedanken des Weges gekommen sein. Und als er aufgeschaut und vernommen, wen sie da zur Ruhe trügen, sei er stumm und zerknirscht stehen geblieben, und in seinen Augen sollen Tränen gezittert haben.

Nächsten Morgen, heißt es, lag ein herrlicher, viel duftender Kranz auf der Agnes Grab – und so sei es Jahr für Jahr gewesen an dem gleichen Lenztag. Über Nacht lag ein Kranz da – oder hing am Grabkreuz. Das letzte Mal, als man 1295 schrieb. In diesem Jahre schied der Herzog von hinieden.

War’s wohl etwa er gewesen, der nachts an der Agnes’ Grab gekommen war und es geschmückt hatte –