Von der Ludwigsburg oder dem Alten Hof
Wenn einer zu München, in der lieben schönen Stadt, hier oder dort seines Pfades dahingeht und umherschaut, fügt sich’s etwa, daß er vom Rathaus und von St. Onuphrius auf dem alten Eiermarkt die Burggasse entlang schreitet. Da kommt er an einen großen Torbogen, und wenn er durch denselben geschritten ist, gelangt er in einen großen Hof.
Da sieht er dann beim Eintritt gleich zur Linken ein hohes und überaus zierliches Erkertürmlein. Steht auch ein guter Teil alten Gebäudes da – das stammt augenscheinlich aus den ältesten Zeiten, und ob einer auch nicht wüßte, daß hier die wahrhaftig erste Burg der Münchener Herzoge befindlich sei, könnt er doch nicht anders denken als so: Mit dem Gebäude hat’s eine sonderliche Bewandtnis, und es möchten sich mancher hohe Herr darin aufgehalten und gar mancherlei sich zugetragen haben, was da seinen Anfang und sein Ende nahm. – Da hat er dann wohl nicht ins Blaue geschossen.
Hem, dasselbe Gebäude ist gutenteils zu Zeiten Ludwigs, genannt der Strenge, erbaut worden und hieß die „Ludwigsburg“. Wir aber nennen’s jetzt da „im Alten Hof“.
Besagter Ludwig war derselbe, so das Kloster Fürstenfeld stiftete und bewies so viel Edelmut und Besonnenheit in seinen späteren Jahren, daß gar niemand fassen und begreifen konnte, wie er sich in jüngerem Alter von falschem Verdacht irreleiten und drüber so viel Unglück über seine Gemahlin, die Maria von Brabant, habe verhängen können, die zu Donauwörth in der Kreuzkirche begraben liegt.
Weil just die Sprach von Ludwig des Strengen Zeiten ist: Dazumal trug sich der schreckliche Judenbrand zu.
Das sag ich, damit ihr’s wißt, wenn ihr durch die Gruftgasse zu München geht. Dieselbe Gruftgasse war voreinst die Judengasse, und wo heutzutag das Bäckerhaus ist, da war unter der Erde die Synagoge.
Nun heißt’s da: Im Jahre 1285 hab ein Weib den Juden ein Kind verkauft, die hätten es angeblich ermordet, und das sei kund geworden.
So viel aber ist sicher: Das Volk glaubte es, war wütend, setzte den Juden überall nach – der Ludovicus mochte tun, was er wollte, die Gemüter zu beschwichtigen, es half alles nichts – und die Juden wußten sich nicht mehr anders zu retten, als daß sie sich in ihrer Synagoge verbargen.
Da kam erst das ganze Verderben über sie. Denn der Aufruhr wuchs immer mehr, in die Synagoge fuhren Feuerbrände, drüber verbrannte das Gebäude oberhalb, und die armen Juden erstickten und verbrannten unten desgleichen. Deren sollen 180 gewesen sein.
In späterer Zeit, so einhundertfünfzig Jahre drauf, schenkte dann Herzog Albertus III. das Haus oder Mauerwerk mit dem Platz an seinen Leibarzt namens Hans Hartlieb. Der ließ da ein Kirchlein und eine Gruft zu Ehren der Mutter Gottes errichten, wo dann viel Andacht gepflogen, manches Herz von Liebe zu Gott und seiner Versöhnlichkeit erhellt wurde. Das ist wohl hell und weit schöner als wildwirbelnde Flammen und tobender Haß.
Wer weiß, ist von euch selbst noch einer oder eine in der Gruft gewesen.
Nun will ich da von Ludwig des Strengen Zeiten nichts weiter melden. Vielmehr kommt’s nun an seine Söhne. Die hießen Rudolf und Ludwig. Da traf dies und jenes zu. Mit der Zeit aber kam es so, daß der Rudolf außer Land ging und durch Gottes Fügung nimmer heimkam. Der Ludwig aber führte das Regiment im Land Bayern fortan. Er war’s, der seinen festen Aufenthalt zu München in der Ludwigsburg nahm und späterhin König des deutschen und Kaiser des römischen Reiches ward.
Das ist der Kaiser Ludwig, der, als man 1347 zählte, zu Fürstenfeld auf der Bärenjagd vom Schlag getroffen ward und seine Seele in eines Bäuerleins Armen aushauchte.
Zu Lebzeiten aber hielt er sich in derselben Ludwigsburg auf, und zwar gerade vom Bogen der Burggasse den alten Teil des Schloßhofes entlang. In selbem Spitztürmlein im ersten Gaden und im großen Gemach überm Tor war er sicher ganz zu Haus, und da freute er sich seiner Gemahlin und Kinder, wenn sie zu ihm kamen.
Die Kinder aber hatten ihr Losament zur Rechten des anderen Bogens über dem Schloßhof drüben, und die Gemahlin hatte immer die ganze rechte Seite der Burg. Davon ist aber jetzt nichts mehr zu sehen; denn das Altergraue ist ganz weg, und das neue Schneeweiße steht dafür da.
Eins aber sag ich noch hie: Eine schöne, ehrwürdige Kirche gehörte zur Burg. Diese Kirche stand gerade gegenüber vom Erkertürmlein auf der anderen Seite des Hofes, wo heutzutag die bayerischen Leute ihre Landessteuer entrichten. Die Kirche war St. Lorenzen geweiht; befanden sich viele sehr merkwürdige Denkmäler und Bilder darin. Oben aber an der einen Seite, überm Bogentor draußen, befand sich ein Steingebild. Das stellte einen Affen vor. Der soll ganz treu nach dem Leben conterfeit gewesen und deshalb hinaufgekommen sein.
Nun heißt’s da so:
In ganz früher Zeit, als der Herzog Ludwig der Strenge wieder eine Gemahlin genommen hatte, sein Söhnlein, der spätere Kaiser Ludwig, noch in den Windeln lag und den Eltern wie allen um ihn seiner Anmut wegen gar lieb und wert war, soll ihn die Hofmeisterin oft auf die Arme genommen, dem Kinde auf alle Art schön getan, es geschwungen und gehoben haben, und stets unter froher Rede, wie das der Frauen Brauch ist.
Nun befand sich aber ein Affe im Schloß, der so zahm war, daß sich die Prinzlein und Prinzessinnen und die älteren Leute samt und sonders keiner Gefahr versahen. Besagter Affe hatte demnach überall freien Zugang. Über dieser seiner Freiheit sah er aber, was die Hofmeisterin tat, und wie sie einmal nicht da war, ergriff den Affen das Lüstlein, ihr das Spiel nachzumachen. Er hob demnach das Kind aus der Wiege und begann ungefähr so zu tun, wie er es von der gräflichen Frau gesehen hatte.
Als nun diese mit einem Mal hereintrat und voll Schrecken laut aufrief, dachte der Affe, es setze eine Züchtigung oder wie sonst – item, das Fenster war offen, das machte sich der Affe zunutze, weil er verfolgt ward und nimmer anders aus und an wußte.
Er sprang also auf das Gesims mitsamt dem Wickelkinde, kletterte von da weiter und weiter – und als er sich auf dem Kirchendach befand und sicher glaubte, fing er hoch in Lüften dasselbe Spiel an, wie er es in der Ammenstube gepflogen hatte.
Nun kann sich wohl jeder denken, welch Jammergeschrei in der ganzen Burg aufschlug und was man alles ersann, um den Affen vom Kirchdach herabzubringen. Es machte sich auch männiglich gefaßt, der Affe werde das Kind übereins fallen lassen, und es sind die Betten und was da sonst Mildes und Sanftes schier nicht zu zählen, so unten aufeinander getürmt wurden, damit das Kind sich im Sturz nicht zu sehr beschädige.
Als nun das Kind glücklicherweise nicht fiel, der Affe aber lange genug gescherzt hatte, ward die Gefahr doch noch größer.
Denn es stand zu erwarten, er lege es etwa neben sich hin oder werfe es gar von sich. Das tat nun der Affe nicht, sondern er schien den Rückweg antreten zu wollen, aber nicht ohne Sorge vor Schlägen zu sein, weshalb er sich bald näher, bald wieder weiter vom besagten Fenster einfand, dabei er das Kind stets fest in den Armen hielt.
Weil’s nun just die Zeit war, zu der er jeden Tag gefüttert wurde, setzte man ihm auf diese Weise zu und stellte ihm das Beste und was er am liebsten verzehrte ans Fenster. Mit dem ist schon gar manches in der Welt erzielt worden, und da gelang’s auch.
Der kecke „Kaiserräuber“ ward gänzlich an die Ammenstube gelockt, und die Hofmeisterin war schon auf der Lauer, ihm das heilig fürstliche Kleinod abzunehmen, ein Diener hingegen, ihm das seinige empfindlich angedeihen zu lassen.
Wie nun der Affe zu seinem guten Futter kam und die Hofmeisterin glaubte, er sollte das Ludwiglein etwa aufs Gesims legen, damit sie dasselbe ruhig zu sich nehmen könne – war dem ganz anders. Denn der Affe war ganz wundersam groß gesinnt, berührte von all seinem Futter nicht das geringste, vielmehr stieg er ganz vorsichtig in die Stube, machte sich allgemach auf die Wiege zu – da hob er das Kind noch etlichemal in die Höhe – dann legte er’s aber in die Wiege und deckte es zu, gerade wie er’s von der Amme, der Hofmeisterin und der fürstlichen Mutter Mechthildis gesehen hatte.
Über diese wunderbare Rettung war die Hofmeisterin so erstaunt und gerührt, daß sie ganz sprachlos auf die Knie sank – und die Mutter Mechthildis desgleichen. Denn die war mit mehreren anderen Frauen und Hoffräulein auch in der Nähe. Nicht minder befand sich Herzog Ludwig der Strenge zugegen.
Wie nun der Affe mit einem Mal so viele Menschen sah, die er nicht vermutet hatte, fuhr eine unglaubliche Angst in ihn, so daß er wie im Blitz wieder zum Fenster hinaus wollte.
Das war aber verschlossen, es standen auch schon mehrere Diener davor. Also zitterte er erst am ganzen Leib, denn er sah nirgends einen Ausweg – wohl aber einen, der auf ihn zu wollte, um ihm die Rute angedeihen zu lassen.
Über das begann er ganz diverse Sprünge und Sätze, daß es schier possierlich anzuschauen war – und flüchtete sich auf einmal zur Hofmeisterin. Der sprang er auf die Schulter und nahm sie um den Hals.
Da rief die laut auf vor Schrecken. – Die anderen soll’s aber trotz all gehabtem Schrecken ergötzt haben. Denn es war, als ob sich der Affe besten Schutz da suche, wo er das gesehen, was er nachmachen zu dürfen geglaubt hatte.
Weil nun dem Ludwiglein nichts widerfahren war und der Affe seine kühne Tat so artig zu Ende gebracht, erfüllte der Eltern und aller anderen Herz große Freude und Dank zu Gott.
Dem Affen geschah weiters gar kein Leid, sondern ward dem vorwitzigen Gesellen verziehen. Ja, es ward sogar ein guter Steinbildner berufen. Der bekam des Affen Konterfei zu fertigen, und das kam an dieselbe Stelle, wo der Affe mit dem Kind auf dem Kirchendach gesessen war.
Da war’s so lange zu sehen, bis die Kirche zu St. Lorenz weggerissen wurde. – Hätt noch viel hundert Jahre stehen können.
Wieder auf die Burg zu kommen, so hatten von Kaiser Ludwig an bis auf weiterhin alle regierenden Herren von München ihren fürstlichen Wohnsitz in der Ludwigsburg. Kam da gar mancher berühmte Fürst und Graf mit seinem Gefolge in den Schloßhof geritten, fand sich gar mancher Bischof oder gelehrte Abt ein und sprach bei den Herzögen zu – stellte sich auch der und jener Mönch ein, insonderheit vom Barfüßerkloster herüber. Das war auf der Stelle befindlich, wo heutzutag die Theater abgehalten werden, und war’s das nämliche Kloster, in welchem der Kaiser Ludwig oft, voll Verlangen nach dem Gottesdienste, hinter einem Gitter kniete und die heilige Messe anhörte, alldieweil er im Bann war und sich in der Kirche nicht wohl offen zeigen konnte.
Auch kann ich euch noch das sagen: Über der Burg draußen ward zu Kaisers Zeiten ein Turm gebaut. Drin wurden arge Übeltäter eingesperrt. Weil aber nächst am besagten Turm ein Haus stand, darin der Herzöge Falkeniere und anderes Jagdgesinde lag, so ward der Turm der „Falkenturm“ genannt.
Solcher Türme und Gefängnisse gab’s an den Mauern zu München ringsum noch mehrere; in die wurden die schwersten Verbrecher gelegt. Im Ratturm wurden kommender Zeit auch manche zur Haft gebracht. Für Geringeres aber war anders gesorgt.
Da gab’s im Rathaus das „Bürger-“ und gab’s das „Grafenstüblein“. Ein „Narrenstüblein“ gab’s auch. Drein wurden keck lärmende Gesellen oder schalkhafte Ränkeschmiede gesetzt, und eh man sie ins Narrenstüblein brachte, ließ man die Herren etwa eine Stunde auf dem „Holzesel“ reiten. Der stand auf dem Schrannen- oder Marienplatz, etwa zehn oder zwölf Schritte links ab von der Mitte des Platzes auf die Rosengasse zu.
Von dem Holzesel will ich euch späterhin ein Geschichtlein erzählen. Da werdet ihr sehen, wer darauf reiten mußte.