Blatt 35

„Gegenwärtiger Kupferstich stellt das Mehlberhaus Nr. 58 und Kaufmann Alois’sche Haus Nr. 59 vor (welche zwar in der Weinstraße stehen, aber bis in das Thiereckgäßl durchgehen), wie selbe am 21. Juli 1801 eingestürzt, und darauf gestützt worden sind. Es ist mehr dem Zufalle als der Vorsicht der Hausbewohner zuzuschreiben, daß von 12 in den beiden Häusern wohnenden Menschen nur zwei mit einsanken.
Ein halb im Stalle verschüttetes Pferd wurde durch den Leibregiments-Unterlieutenant v. Balligand, dann durch zwei Zimmerleute auf der Stelle herausgerissen. Ein Mädchen der Hebamme Gaulrappinn kam vom dritten Stock so glücklich auf den Schutt herab, daß es ohne Beschädigung davon laufen konnte. Der Spiegelmacher Phil. Weichselberger, welcher das unter solchen Umständen sicherste Mittel ergriff, sich unter der Thüre festzuhalten, wurde zwar am Oberleibe beschädiget, aber doch durch den Gürtlermeister Ortner, dann durch die herbeieilten Pflasterer Sebastian Langenrieder und Augustin Jung glücklich herausgebracht. Desto unglücklicher ging es dessen Ehegattin und dem Lehrjunge Joseph Fraunhofer, einem verwaisten Glasersohn von Straubing, die im Augenblicke unter mehreren 8000 Zentnern Stein und Gebälke begraben lagen.
Als man kaum von dem Schrecken dieser traurigen Begebenheit zu sich kam, war es die einzige Sorge der herbeieilenden Menschen, der unter dem Schutte um Hülfe rufenden Menschenstimme nachzuforschen. Nach langer vergeblicher Untersuchung gelang es dem Pflastermeister Zischl, dann den beiden bürgerlichen Zimmerpalieren Joseph und Mathias Frühholz zu entdecken, dass die Menschenstimme von einem Stubenboden herkomme, der mit einer Seite an die Rudera [Trümmer] des stehengebliebenen Hauses sich festgestellt, mit der andern Seite aber tief abwärts im Schutt sich eingegraben hatte, und dessen Zwischenraum bis zur Seite des halb stehengebliebenen Hauses auch mit Schutt ausgefüllt war. — Man durfte nun weder von unten, noch von oben den Schutt wegräumen, wenn man nicht die noch lebende Person ganz ersticken wollte. Unter diesen Umständen begaben sich der Proviant-Bäckermeister Zenger, Hofbauamts-Palier Jakob Harrer, Ministrant Sebastian Mader, der Rittmeister-Bernhardische Bediente Joseph Schock (dieser hat schon vor 6 Jahren am Heil.-Geist-Mühlschuß dem jungen Nepomuck Zottmayr das Leben gerettet), die Zimmerleute Kaspar und Martin Ziegler, Aloys Huber, Felix Mayer, und Johann Niggl, dann der Zeughaus-Büchsenmacher Paul Günzer, so wie der General-Landes-Directions-Bothe Hainz, und der Keller-Officiant Stimpich in das halb abgerissene Zimmer des stehen gebliebenen Hauses, und räumten zwischen dem Hause und dem wie ein Dach herabhangenden Stubenboden mit wahrer Lebensgefahr den Schutt weg, bis sie an die Bodenbretter selbst kamen, wo dann die beiden Zimmer-Palier Frühholz mit ihren Instrumenten kleine Stücke von einem Brette heraussägten. Hier erfuhr man, daß es der Lehrjung sei, der noch lebte, und anfangs einen Finger, dann die Hand, endlich einen Arm herausstreckte. Man steckte ihm Schnupftücher zu, die mit Wasser und Essig eingefeuchtet waren, um ihn zu laben, und brachte ihn endlich nach vierstündiger rastloser, lebensgefährlicher Arbeit, ohne daß etwas an ihm Schaden gelitten hätte, ans Tageslicht. — Se. kurfürstl. Durchlaucht [Max IV. Joseph], welche während der Arbeit unten an den gefährlichsten Plätzen sich aufgehalten haben, gingen selbst in das halb abgerissene Zimmer im ersten Stocke Lit. A., um die Arbeiter zu ermuntern, und sahen mit sichtbarer Rührung, wie der arme Knabe den Arm aus der Ritze herauslangte.“
Von der verunglückten Spiegelmacherin hatte man keinen Laut vernommen, man musste annehmen, dass sie bereits tot sei und fand wirklich im Verlaufe der Abräumarbeiten am 24. Juli ihre Leiche 5 Fuß unter der Stelle, an der man den Knaben aufgefunden, mit dem Gesicht auf dem Tischbrette liegend. „Drei Balken, welche auf ihr lagen, mussten losgesägt werden, um zu ihr zu gelangen. Diese Balken hatten sie im Fallen dergestalt auf das Tischbrett geschlagen, dass nach dem Zeugnis des herbeigerufenen Wundarzts Braun das Gesicht selbst platt wie ein Zinnteller zerquetscht worden war.“ Der damalige Lehrjunge aber wurde nachmals der weltberühmte Optiker Joseph Fraunhofer, auf dessen Grabstein im alten südlichen Kirchhof zu München mit Recht die Worte stehen: Approximavit sidera, d. h., er hat uns die Gestirne näher gerückt.