Blatt 23

Blatt 23 zeigt das Innere des großen Rathhaussaales während eines Maskenfestes. Derselbe hat in unserem Jahrhunderte keine architektonischen, wohl aber einige dekorative Veränderungen erlitten, in Folge deren namentlich die großen Wandbilder Ludwigs des Bayern, Karls VII., Max Emanuels und Maximilians III. an den Fensterpfeilern und der Herzoge Stephan III. und Ludwigs des Strengen, sowie der Kurfürsten Maximilian I. und Ferdinand Marias verschwunden sind.
„Dieser Saal war ehedem der Saal, auf welchem die Bankete nach den auf dem Platz gehaltenen Turnieren gegeben wurden; dann der Stadttanzsaal, auf welchem jedes Hochzeitspaar den ersten Tanz zu machen hatte.“
Der Natur der Sache gemäß aber war der Rathhaussaal zunächst der Zentralpunkt der magistratischen Geschäfte und Verhandlungen. So hatte seit 1403 der alljährlich neu gewählte innere Rath, nachdem er dem Landesherrn den Eid der Treue geschworen, sofort den äußeren Rath zu wählen und hiezu die Gemeinde auf den Rathhaussaal zu berufen; und nachdem der äußere Rath vor versammelter Gemeinde geschworen, leistete die Gemeinde ihrerseits wiederum dem gesammten Rath den Schwur.
Im Rathhaussaal wurde auch die Stadtsteuer von der Bürgerschaft berathen und bewilligt und nachdem dies geschehen, auch sogleich von den drei Steuer-Einnehmern erhoben. Während dies geschah, wurde auf dem Rathhaus die Steuerfahne, worauf nach der Stadtkammer-Rechnung von 1409 ein Scherge gemalt war, ausgehangen und gingen die Frohnboten von Haus zu Haus und sagten ein: „man sitze an der Steuer.“
Im Rathhaussaal berieth die Bürgerschaft auch über die nothwendigen Kriegszüge und wählte ihre Hauptleute, und ebenda legten die Stadtkämmerer alljährlich in Gegenwart der beiden Bürgermeister, mehrerer Mitglieder des inneren und äußeren Rathes, der künftigen Kämmerer und der Steuereinnehmer, so wie vor der versammelten Gemeinde die Kammerrechnung ab. Alle Anwesenden beschworen hierauf, dass die Kämmerer „ehrbarlich geraitet [gerechnet] und der Stadt ein gut Genügen gethan haben“, worauf ein fröhliches Kammermahl auf Kosten der Kammerrechnung den Schluss machte, sofern der Kassabestand nicht durch die Badegelder der Kämmerer und das sogenannte letzte Geld, d. h. die Trinkgelder der niederen Bediensteten, aufgezehrt worden, wie z. B. im Jahre 1371, wo der Stadtkämmerer Püttrich auf den inneren und äußeren Schmuck des Rathhauses so viel verwendet hatte, dass nicht einmal die zum Kammermahl ausreichende Baarschaft von 3 Pfund Pfennigen mehr vorhanden war. Wer aber bei der Rechnungsablage anwesend gewesen, konnte auch am Kammermahl Antheil nehmen. Diese Uebung hörte erst im XVII. Jahrhundert auf.
In demselben Saale legte die Stadt München den neuen Landesherren die Erbhuldigungen ab und erhielt daraufhin ihre hergebrachten Rechte und Freiheiten bestätiget. Zu diesem Behufe erschienen Herzog Wilhelm V. 1580 und Kurfürst Karl Albrecht, nachmals Kaiser Karl VII., 1727 persönlich, während die meisten anderen Fürsten sich bei dieser Feierlichkeit vertreten ließen.
Ebenda versammelten sich auch bis zur Vollendung des Landschaftsgebäudes auf dem Marktplatze die bayerischen Landstände, und in den Jahren des Aufruhrs 1397—1405 war der nämliche Saal der Schauplatz der heftigen Kämpfe der demokratischen Partei gegen die Geschlechter und ihren Anhang, wie der ingolstädtisch gesinnten Bürgerschaft gegen ihre Herzöge.
Wenn der Rathhaussaal in den Rechnungen der Stadt öfter das Tanzhaus genannt wird, so hat das seinen guten Grund, denn es wurden in demselben bei Hochzeiten von Fürsten und Patriziern, bei Anwesenheit fremder Fürsten etc. Bälle und andere Lustbarkeiten gegeben. So haben wir gehört, dass sich am Abende des 23. Februars 1568, als am Vermählungstage Herzog Wilhelms V. und Renatas von Lothringen, nach der Tafel die Fürsten und Damen auf das Rathhaus begaben, woselbst im großen Saale getanzt wurde, und am 11. April 1715, an welchem Max Emanuel nach Abzug der Oesterreicher wieder in München eintraf, erschien er auf Einladung des Bürgermeisters mit der ganzen kurfürstlichen Familie auf dem Rathhause beim Banket, das die Bürgerschaft veranstaltete und dem ein glänzender Ball folgte. Der Kurfürst und die Prinzen tanzten mit Bürgerinnen und die Kurfürstin mit Bürgern. Und als 1784 Karl Theodor wieder aus Mannheim nach München zurückkehrte, dem er grollend den Rücken gewandt, gab die Bürgerschaft im Rathhaussaal auch wieder einen großen Ball. Im Jahre 1716 aber veranstaltete ebenda ein Herr v. Duclos die erste Redoute und 1760 führten daselbst die Stadtmusiker Passionsspiele und im folgenden Jahre französische Schauspieler verschiedene Stücke auf.
Im selben Raume wurden die Volksschulpreise vertheilt, zur Meßzeit inländische Tuche verkauft, übte sich das Bürgermilitär und zog im französischen Revolutionskriege auf die Wache — und hier wurde vor einer Einrichtung von dem Mittelfenster gegen den Platz zu ein rothes Tuch ausgehängt und dem unten auf dem Armensünderwägelchen sitzenden Verbrecher noch einmal das Todesurtheil verlesen und der Stab gebrochen.