Blatt 24

Blatt 24 zeigt die Rathhaus-Gebäude gegen den Peters-Freithof. Das Haus links im Bilde ist das aus dem XIII. Jahrhundert stammende, ganz aus Quadern erbaute Haus der Geschlechter-Familie Gollier, das die Stadt von dem damaligen Inhaber des Gollier-Benefiziums kaufte. Es ist wohl das älteste Haus Münchens und durch einen Bogen mit dem Gebäude verbunden, das den kleinen Rathhaussaal sammt Nebenzimmern umfaßt und ehedem aller Wahrscheinlichkeit nach auch das vom Ende des XIII. Jahrhunderts stammende Wohnhaus eines reichen Bürgers, vielleicht des Alnwich Gollier, war. Dafür spricht die Beschränktheit des Raumes. Ein Gebäude, das im Hochparterre nur einen Saal und eine gewölbte Küche, im oberen Stock aber nur ein paar kleine Zimmer enthält, konnte wohl den Ansprüchen eines Bürgers, nicht aber denen entsprechen, die man an ein Rathhaus stellen darf. Es wurde vom Rath seit 1315 nur provisorisch benützt, da ja das alte Dinghaus auf dem Marktplatz entfernt werden sollte, bei dem großen Saal nördlich vom Thurme aber keine Nebengemächer vorhanden waren. Das kleine Rathhaus heißt 1365 „der Bürger Hofstatt.“ Das Stiegenhaus rechts im Bilde wurde 1415 gebaut, als man auf die gegen das Thal zu gelegene Stadtwaage ein Stockwerk aufsetzte, um eine neue Rathstube einzurichten, da der kleine Rathhaussaal nicht mehr ausreichte. Auch ist die dahin führende Treppe für den öffentlichen Verkehr viel zu schmal.
Vor 1431 war der kleine Rathhaussaal mit einer flachen Decke versehen gewesen, dann erhielt er sein gegenwärtiges Tonnengewölbe und bald danach malte Gabriel Angler ein Bild und Hans Gleysmüller ein Glasfenster für denselben. Leider ist alles verschwunden.
Ueberblicken wir an dieser Stelle sämmtliche Rathhaus-Baulichkeiten, so finden wir folgende Entwickelung derselben: Das älteste Gebäude des ganzen Komplexes ist der Rathhausthurm, das ursprüngliche Thalbruckthor. In Folge des Befehles, das Dinghaus abzubrechen, der freilich erst 1458 befolgt worden zu sein scheint, erwarb die Stadt das eine von den beiden steinernen Gollierhäusern auf dem Petersfreithof und machte es nach 1315 zum provisorischen Rathhaus; hundert Jahre später setzte man auf die Stadtwaage ein Stockwerk und stellte eine Verbindung desselben mit dem provisorischen Rathhaus her und 1443 erwarb die Stadt auch noch das andere Gollierhaus, womit die Erweiterung der Baulichkeiten südlich des Thurmes in der Hauptsache abgeschlossen war.
Was den großen Rathhaussaal nördlich davon anlangt, so dürfte dessen erste Anlage in die Zeit Ludwigs des Bayern fallen. In Folge des Brandes des Rathhausthurmes von 1460 wurde das ganze Rathhaus erweitert und 1470—74 durch den Baumeister der Frauenkirche, Jörg von Halsbach, der große Rathhaussaal in seiner jetzigen Gestalt hergestellt. Aus derselben Zeit stammen die leider nicht mehr vollzähligen Narrenfiguren des Erasmus Graßer im Innern desselben. Damals erhielt auch der Rathhausthurm ein neues Zinndach mit acht Wimpergen und reiche Wandmalerei. Und in dieser Gestalt blieb alles bis zu der bereits erwähnten unglücklichen Restauration vom Jahre 1778. Das Glasgemälde des großen Rathhaussaales ist ein Werk des Hans Hebenstreit und wurde 1644 von Georg Hebenstreit restaurirt.