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Sagen & Geschichten

Blatt 6

Der Schöne Thurm, der die Kaufinger- von der Neuhausergasse trennte.

In einer Urkunde von 1300 wird er Thufringerthor genannt, um 1460 heißt er der öde Thurm und 18 Jahre später wurde er wegen Baufälligkeit abgetragen, um 1481, mit Malereien und Spitzthürmchen mit farbig glasirten Dachplatten geschmückt, als Schöner Thurm wieder zu erstehen. Die Thürmchen wurden 1777 wegen angeblicher Bauschäden abgetragen und 1807 folgte der Rest nach. Die außen über den Stadtgraben führende Brücke wurde erst 1414 aus Stein gebaut, bis dahin war sie hölzern gewesen. Sie hieß die Augustiner-Brücke.

„An der Seite dieses Thurmes, welche gegen die Kaufingergasse sieht, bemerkt man noch, mit welcher imponirenden Schönheit nach damaliger Sitte derselbe übermalt gewesen ist. Die zweite Etage von unten hinauf stellt den Kaiser auf dem Throne sitzend vor. Die Kurfürsten und die Großen des Reiches, ihre Wappen zu den Füßen, stehen dem Kaiser rechts und links zur Seite. Vor dieser majestätischen Versammlung pflügt ein Bauer das Feld. Über dem Kaiser sind die Paniere des Reiches und unter dem Kaiser die Paniere des bayerischen Hauses. In der vierten Etage verkündigen Trompeten und Zymbeln, wie der Bauernstand durch diesen öffentlichen Beweis des seinem Fleiße zugesicherten Schutzes geehrt sei. An dem Rande des Thurmes sind verschiedene Verzierungen, und ganz unten neben dem gothischen Thore Menschen aus verschiedenen Ständen vorgestellt, welche über diese Scene ihren Beifall zu geben scheinen. Es ist dabei eine Umschrift enthalten, wo man das Wort Jahr Christi noch deutlich lesen kann, keineswegs aber die Jahrzahl.

Das Münchener Stadtwappen befindet sich in der Füllung des Thores. — Als im Jahre 1796 ein Theil des Reichsheeres und der französischen Armee bei München zusammenstießen, flog während dem Feuern eine Haubitzgranate von dem durch kaiserl. königliche und Kondeische Truppen besetzten Gasteigberge bis an die zweite Fensteröffnung dieses Thurmes, wo der pflügende Bauer angebracht ist. Diese Haubitzgranate prellte vom Thurme ab, und fiel zu den Füßen des Weinwirths Carl Albert nieder, welcher sie noch aufbewahrt. — Über der Uhr stehen zwei Männchen, welche die Stunden auf der Glocke anzeigen. — Die Kugel unter der Uhr zeigt, wenn die Maschine ordentlich eingerichtet ist, die Mondeswechsel; und die im Thurme befindliche Glocke wird geläutet, wenn ein Missethäter zum Tode geführt wird, um die übrigen Menschen zum Gebete für ihn einzuladen. Die Tradition (worüber man aber bis jetzt noch kein Aktenstück hat finden können) sagt, dass diese Glocke von einem Goldarbeiter gestiftet worden sei. Der nämliche Mann kam in Verdacht, Juwelen aus einem vornehmen Hause entwendet zu haben, und die Tortur presste ihm das Geständniß ab. Er wurde hingerichtet, und zum ersten die Glocke für ihn geläutet. Erst nach seinem Tode entdeckte sichs, dass eine Dohle der Dieb war."

Das kleine Häuschen am Thurm (Nr. 814) war städtisches Eigenthum und Wohnung des Stadtuhrmachers, der dafür die Rathhaus-, Frauen- und Petersthurm- und andere Uhren zu besorgen hatte. Das linker Hand vorn sichtbare Eckhaus der Kaufinger- und Fürstenfeldergasse (heute Nr. 17 und der Privatierswittwe Frau Leuze gehörig) wurde von Kaiser Ludwig dem von ihm gestifteten Kloster Ettal geschenkt und soll früher von ihm selbst bewohnt worden sein.

Darüber geht folgende Sage: „Als sich dieser um Bayern, und besonders um die Stadt München ebenso verdiente als unglückliche Kaiser in Rom in großer Geldnoth befand, näherte sich ihm in einer Kapelle, wo er betete, ein unbekannter Benediktiner-Mönch und sagte ihm, dass er von einem vornehmen Italiener das erforderliche Geld erhalten würde, wenn er ihm die Freiheit sowohl seines Landes als seiner Person bewilligen würde. Dagegen sollte der Kaiser zu Ehren eines alabasternen Mutter Gottes-Bildes, welches er ihm schenkte, in dem bayerischen Gebirgsorte Ammergau ein Kloster bauen. Der vornehme Herr erschien wirklich bei dem Kaiser, bezahlte ihm für seine und seines Landes Freiheit 150,000 Gulden und der Kaiser baute das Kloster Ettal, welchem er auch dies sein Residenzhaus in der Stadt schenkte, und darauf den alten Hof bezog."

Viele Jahre hatten Buchhändler das Gewölbe unten im Hause inne, das 1753 Urban Gastl dem Kloster abkaufte, nach seinem Abzuge bald nachher wieder an das Kloster kam und bis zur Klosteraufhebung in seinem Besitze blieb. Später erwarb es der wohlbekannte Buchhändler Lentner.

„Das gegenüberstehende Haus Nr. 171 (jetzt Nr. 24 und Eigenthum der Privatiers-Wittwe Frau Th. Gruber) hat ursprünglich mit dem außerhalb dem schönen Thurm stehenden Eisenhändler-Hause ein Haus ausgemacht." — „Auf der Straße unter diesem Hause sieht man auf dem Kupferstiche Waaren, die von der Mauthalle unter Hilfe eines Truhenladers ab- und zugeführt werden, ein paar Tyroler Mädchen, die auf den Markt gehen, und einen Friseur, welcher sich sehr zu seinen Kunden eilt."