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„Gegenwärtiges Kupfer stellt den sogenannten Jungfernthurm vor, welcher als ein Theil der vormaligen Befestigungswerke von München zwischen der Palais-Max-Brücke und dem Theatinergebäude gestanden hatte, und im Jahre 1804 abgebrochen worden ist.“ Er stammte aus der Zeit Ludwigs des Bayern und seines Bruders Rudolf. „Dieser Thurm hatte in der Höhe 70 Schuhe, im Umkreise 120 Schuhe und die Mauern hatten am dicksten Orte 9 Schuhe, am wenigst dicken aber 6 Schuhe. — — Man sieht sehr deutlich, dass das Dach dieses Thurmes ungleich später aufgesetzt worden ist rc. In späteren Zeiten wurde der Thurm benützt, um die Opernkleider darin zu verwahren. Unter dem Volke ging immer das Gerücht herum, dass in diesem Thurme in ältesten Zeiten ein heimliches Gericht gearbeitet habe und vielleicht manche Opfer begraben haben möge.“

Dieses Gerücht gab wohl auch dem Thurm seinen Namen nach dem Hinrichtungs-Instrument: die eiserne Jungfrau. Baumgartner fand beim Abbruch des Thurmes unter einer Fallthüre einen an ein Begräbniß mahnenden Raum, in welchem in einer Art Nische eine Art von Ruhestelle zurecht gerichtet war. Einige daselbst vorhandene Knochen waren aus der Kinnlade eines Hundes. „Von Ketten oder eisernen Ringen war keine Spur zu finden, wohl aber im Gewölbe oder der Fallthüre selbst ein eiserner Haken zu einem Flaschenzuge, um in diese Tiefe etwas hinabzulassen, oder davon heraufzuziehen.“ — „Nun aber erzählt der General-Feld- und Oberstland-Zeugmeister Joseph Graf von Salern, dass er, als er im Jahre 1785 noch Intendant der Hofmusik gewesen, eines Tages wegen Opernkleidern in dem Thurme Geschäfte hatte. Ein Pflasterstückel von Ziegel stand in der ersten Etage etwas in die Höhe, dass man darüber hätte fallen können. Als man dies repariren wollte, fand man darunter eine Fallthüre. Ein paar beherzte Männer liessen sich in das unten befindliche Loch auf einem an ein Seil befestigten Querholz hinab und fanden daselbst 2 nicht angeschlossene, jedoch fast ganz vermoderte Leichen mit vielen Lumpen. Diese Leichen und Lumpen wurden nun ohne weitere Untersuchung herausgeschafft, und auf dem damals gleich daneben gelegenen Kirchhofe begraben.“