Zum Inhalt springen
Menü

Sagen & Geschichten

Vierzehntes Kapitel

Geistiges Leben

Die Wissenschaft und ihre Pflege in München sind nicht so jungen Datums, als Manche wohl glauben. Schon Kaiser Ludwig der Bayer kannte den Wert großer Köpfe und tüchtiger Gelehrter und war der erste Monarch, der einen Dichter, Albertinus Mussatus (gestorben zu Clodium 1329), krönte. Und wo er von irgendeinem Gelehrten in Europa hörte, der sich durch Mut und Fleiß ausgezeichnet hatte, zog er ihn unter einer reichen Versorgung nach München.

Dass übrigens Wissenschaft und Poesie in alter Zeit von den Münchenern nicht bloß geachtet, sondern auch selbst geübt ward, dafür geben der Maler, Poet und Chronist Ulrich Fueterer in München und der Patrizier Jakob Püterich Zeugnis. Jener schrieb nach 1498 eine bayerische Chronik, und dieser 1462 einen Turnierbrief in Reimen; und 1427 übersetzte des Herzogs Ernst Kanzler, Simon Schaidenreisser, gar Homers Odyssee ins Deutsche. Und schon legte der schon gelegentlich der alten Gruftkirche genannte Dr. Hans Hartlieb in München als der Erste unter allen bayerischen Gelehrten bei Jorg Schapff in Augsburg eine Schrift über Chiromantie in Druck.

Von allen bayerischen Städten war auch München die erste, in der eine Buchdruckerpresse aufgestellt ward. Es geschah das 1478 durch den Augsburger Hans Schobser. Im Jahre 1564 finden wir in München einen Buchdrucker Adam Berg, dessen umfassender Verlag uns interessante Blicke in die Kulturgeschichte jener Zeit tun lässt. Bei ihm erschienen auch die Kompositionen der ersten zeitgenössischen Tondichter, an ihrer Spitze Orlando di Lasso und seine Söhne. Seine Witwe Anna Bergin verlegte 1613 des Jesuiten Matthäus Rader bekannte „Bavaria Sancta“, wozu Raphael Sadeler wertvolle Kupfer gestochen; und Nikolaus Henrici, Buchdrucker in München, druckte 1605 das Leben und Leiden des heiligen Kastulus in deutschen Reimen von Hans Mayr, einem Münchener Bürger, der unter die Dichter gegangen. Aber auch die Bücherzensur und das Verbot aller ausländischen Schriften und Schulbücher ließen nicht lange auf sich warten: Schon im Jahre 1582 erschien zu München der erste gedruckte Index Librorum Autorumque prohibitorum.

In alter Zeit blieb Erziehung und Unterricht fast ausschließlich der Familie überlassen. Der Besuch einer Klosterschule und Reisen waren die einzigen Bildungsmittel außerhalb derselben. So war es denn kein Wunder, wenn von hundert Münchenern kaum einer der edlen Kunst des Lesens und Schreibens mächtig war und kaum der Tausendste einige literarische Kenntnisse besaß, die er auf der Universität zu Ingolstadt, Wien, Leipzig oder Prag oder während eines mehr oder minder kurzen Aufenthaltes im Auslande hatte sammeln können.

Indes wissen wir, dass schon im Jahre 1407 Niklas von Goedlitz zu St. Peter in München berufen ward, „daß er die Buben lehre.“ Mädchen gingen damals noch nicht zur Schule. Der Schulmeister bekam viermal im Jahre von jedem Schüler 12 Pfennige und verfügte der Rat in Bezug darauf: „Dies soll der Maister mit seinem Boten vordern von dem Vater, vnd wer es im in 8 Tagen nit gibt, des Abends mag er pfänden in der Schul umb sein Lon.“

Erst nach der Reformation wurde es einigermaßen besser. Die Oberaufsicht über die unteren oder sogenannten gymnastischen Schulen und das gesamte Unterrichtswesen übt der Rat. Aber schon vorher hatte Herzog Albrecht V. sein Augenmerk auf diese hochwichtige Angelegenheit gerichtet, und es war wohl seiner Anregung zu verdanken, wenn der Rat der Stadt im Jahre 1560 einen neuen Schulplan ausarbeiten ließ. Er war das Werk des Poeten — so hießen damals die Schullehrer — Gabriel Kastner, nach der Übung der Zeit in lateinischer Sprache verfasst und hatte zunächst den Unterricht in der lateinischen Sprache im Auge. Die Muttersprache kam nur ausnahmsweise in Betracht; auch durfte in der Schule nur lateinisch gesprochen werden. Der Rat nahm Kastners Plan an und übertrug ihm die Ausführung. Und so groß war der Zudrang zu seiner Anstalt, dass er schon im nächsten Jahre ein Promemoria einreichte, in welchem er nachwies, dass es ihm unmöglich sei, mit seinem Jahresgehalte von 80 Gulden (137 M. 14 Pf.) zu leben und den Hauszins und einen Kollaborator zu bezahlen, weshalb er bitte, ihm die Entrichtung des Hauszinses nachzulassen.

Nachdem 1560 für den Lateinunterricht gesorgt worden, erinnerte sich der Rat auch der Notwendigkeit der Regelung der deutschen Schulen und erließ am 28. August 1564 eine „Schulmaisterordnung für die deutschen Schulen.“ Der Unterricht umfasste Lesen, Schreiben und Rechnen, ausnahmsweise auch die „welsch Practica.“ Für Lesen und Schreiben Lernen waren alle Quatember 15 Kreuzer (43 Pf.) zu bezahlen; kam dazu noch der Unterricht im Rechnen, so betrug das Schulgeld 30 Kreuzer (86 Pf.) und erstreckte sich derselbe außerdem auch noch auf die „welsch Practica“, so war alle Quatember 1 Gulden (1 M. 71 Pf.) zu entrichten. Ferner durfte der „Schuelmaister“ altem Herkommen gemäß für das zu Ostern, Pfingsten, Weihnachten, zur Fastnacht und Jakobidult übliche „Ausstreichen“ von jedem Kind jedesmal einen Pfennig „Ausstreichgellt, thuet das Jahr fünf Pfening“ nehmen. Zugleich ward „ein pöser Brauch“ abgeschafft. Die Schulmeister gaben nämlich den Kindern „umb Gellt vnd gegen anderer Liebung“ Zeichen, die man „pacem“ hieß und ließen dem Kind, das „Correction oder Straff“ verdient hatte, diese auf Vorzeigen des Zeichens nach. Ferner war es den Schulmeistern untersagt, die Eltern zu bereden, sie möchten die Kinder neben Lesen und Schreiben auch noch Rechnen lernen lassen, auf dass sie „desto mer Quottembergellts vordern mugen.“ Schließlich durften die Schulmeister von jedem Schulkind, das die zwei Winterquatember in die Schule ging, zwei Kreuzer (6 Pf.) für Beheizung und eine Unschlittkerze fordern.

Das war der Stand des öffentlichen Unterrichtswesens in München, als Herzog Albrecht V. im Jahre 1559 die Jesuiten dahin berief und ihnen sechs Schulzimmer bauen ließ. Nach kurzer Frist waren der „Poet“ Kastner und sein Collaborator verdrängt und die Jesuiten im Alleinbesitze des höheren Unterrichts. So blieb es über zweihundert Jahre. Da erschien am 3. September 1770 ein landesherrliches Generalmandat über die Verbesserung der Stadt- und Landschulen, und Heinrich Braun, der kurz vorher einen „Plan der neuen Schuleinrichtung in Bayern, nebst einem Unterricht für Schullehrer rc.“ im Drucke herausgegeben hatte, ward bevollmächtigt, die im Generalmandat vorgeschriebenen Reformen durchzuführen. Die Hauptschule zu Unserer Lieben Frau ward zu einer Normal- und Musterschule erhoben, viele Kinder bekamen die Schulbücher unentgeltlich, die Schullehrer höhere Besoldung und im Jahre 1772 wurden öffentliche Prüfungen eingeführt, desgleichen feierliche Preisverteilungen im großen Rathaussaale.

Zehn Jahre später zählte München außer den beiden Normalschulen (der Stiftschule zu Unserer Lieben Frau und der St. Peterspfarrschule) noch 11 andere Trivialschulen — so hießen nämlich damals die deutschen Schulen in bedenklicher Weise — welche nach den Namen der Unternehmer genannt wurden, wie z. B. die Anderlische, die Fuchsische, die Peckenstallerische u. s. w. mit zusammen 1.728 Kindern, während die Zahl der Kinder unter 14 Jahren 8.667 betrug. Dazu kam noch im Jahre 1793 die von dem Lehrer Fr. Xav. Kefer errichtete männliche und im Jahre 1801 die von der Oberlehrerin Aloisia Schlößer, geb. Hübner, eingerichtete weibliche Feiertagsschule. Erstere zählte im genannten Jahre bereits 800 Schüler, denn die Lehrjungen mussten von ihren Meistern bei Strafvermeidung dahin geschickt werden. Der Gymnasiallehrer Hermann Mitterer aber fügte der Anstalt noch eine Zeichenschule bei. Mit der fast ebenso stark besuchten weiblichen Feiertagsschule stand eine Industrieschule in Verbindung. Das wichtigste Ereignis im Leben der Schulen aber war die Verordnung vom 23. Dezember 1802, welche den Besuch der Werktags- und Feiertagsschulen als obligatorisch erklärte. Von dieser Zeit an gab es in München eine Schule der höheren bürgerlichen Klassen und 10 Knaben- und 12 Mädchenschulen, in welch letzteren auch Unterricht in Handarbeiten erteilt wurde, und am 7. März 1803 wurde die erste Präparandenschule für künftige Schullehrer eröffnet.

Auch im lateinischen Schulwesen geschahen gute Fortschritte, die München zugutekamen. Aber es dauerte nicht lange, und vom Jahre 1781 an befanden sich die lateinischen Schulen in den Händen der regulierten Chorherren, bis sie im Jahre 1794 an den Orden des heil. Benedikt übergingen. Im Jahre 1782 bestand das Gymnasium aus 10 Schulen, nämlich aus 2 sogen. Real- und 4 humanistischen Schulen, wozu noch 4 lyceistische kamen. Der Unterricht wurde durchaus unentgeltlich erteilt. Nach der Reformation des Studienwesens vom Jahre 1802 gab es in München ein Lyceum und ein Gymnasium, ersteres mit 2, beziehungsweise 3, letzteres mit 5 Jahreskursen, beide im vormaligen Karmeliterkloster untergebracht, während sich das damit verbundene Seminar im Hause Nr. 21 und 22 an der Neuhauserstraße befand.

Im Jahre 1756 gründete der Kurfürst Max III. eine eigene Militärschule, welche zuerst in einem Privathause vor dem Sendlingertore, dann in einem solchen auf dem Kreuz untergebracht war. Die Herzogin Maria Anna von Pfalz-Neuburg dotierte dieselbe reich, und im Jahre 1777 ward aus dem kleinen Kadettencorps eine nach ihr benannte Marianische Landes-Akademie, die Karl Theodor 1789 als kurfürstliche Militär-Akademie reorganisierte. Ihr Zweck war Ausbildung zu Zivil- und Militärämtern, zu deren Wahl die Zöglinge im 15. Jahre sich entschließen mussten, wonach dann ihre weitere Bildung geregelt wurde. Nach Aufhebung des Jesuitenordens im Jahre 1773 siedelte die Anstalt in den nördlichen Flügel des vormaligen Jesuiten-Collegiums über. Seit 1790 zählte die Militär-Akademie jährlich mehr als 100 Zöglinge, welche blaue Soldatenuniform und Kaskette trugen.

Schließlich wäre noch der kurfürstlichen Pagerie zu gedenken, welche bis zum Jahre 1816 in einem Gebäude zwischen der Residenz und dem Schwabinger Tor untergebracht war. Die Stiftung derselben reicht in die Zeit Albrechts V. zurück, der im Jahre 1577 eine Anzahl junger Adeliger unentgeltlich in einem Konvikt innerhalb der Residenz vereinigte und ihnen dort eine ihrer Geburt angemessene Erziehung geben ließ. Im Allgemeinen machten von den öffentlichen Unterrichtsanstalten vorwiegend nur die Kinder bürgerlicher Eltern Gebrauch; der Adel ließ seine Söhne und Töchter nach dem Geiste der Zeit durchgehends im eigenen Hause von Privatlehrern, sogenannten Hofmeistern, unterrichten. Der treffliche Westenrieder kennzeichnet im Jahre 1782 die damaligen Zustände mit folgenden scharfen aber gerechten Worten:

„Eine Universal- oder eigentliche Nationalerziehung, wo man die sämtliche, die vornehme und nicht geadelte Jugend nach bestimmten Grundsätzen bildet, und den Klassen derselben nach den verschiedenen Graden künftiger Ämter und Geschäfte eine zweckmäßige Erziehung erteilt, ist nicht vorhanden. Es gibt welche, bei denen Französisch und Italienisch reden können, ein bischen Geographie verstehen, und etwas von den Dilettanten-Wissenschaften, über Tanz, Komödie und Malerey sprechen zu können, der höchste Grad von Wissenschaften ist. Es gibt welche, die ohne die deutsche, ihre Muttersprache, im geringsten regelmäßig sprechen, noch weniger schreiben zu können, immer Französisch sprechen. Es gibt aber auch welche, die wohl verstehen, dass man Kinder nicht für das, was man itzt große Welt nennt, noch für den Umgang derselben, noch weniger für die gefälligste Art, sich die Zeit zu vertreiben, sondern für Geschäfte unterrichten und erziehen müsse, und die mit deutschem Stolz und Eigensinn auf einer bessern Erziehung verharren, an der man dies einzige bedauern muss, dass sie nicht allgemein ist.“

Übrigens fehlte es auch nicht an Privat-Unterrichts-Anstalten, von denen um die Zeit von 1800 das männliche Institut des Professors Wankerl und das weibliche der Madame Cors, geb. Pannong aus Straßburg, in großem Ansehen standen. Als die höchste Pflegestätte der Wissenschaft erschien die von Maximilian III. im Jahre 1759 gestiftete Akademie. Die erste Anregung dazu hatten der Hofrat Georg von Lori, Sohn eines Bauern von Gründel bei Steingaden, und der Bergrat Dominik von Linbrunn, Sohn eines Landgerichtsschreibers aus Viechtach im bayerischen Walde, im Jahre 1758 gegeben. Die kurfürstliche Akademie der Wissenschaften zählte die bedeutendsten Gelehrten des In- und Auslandes zu ihren Mitgliedern und veröffentlichte vom Jahre 1763 an zahlreiche belletristische Abhandlungen und die in ihrer Art einzig dastehenden historischen Denkmäler, die „Monumenta Boica“ d. i. sämtliche Diplome und Urkunden der bayerischen Klosterarchive. Außerdem sammelte sie Münzen, Inschriften und andere Denkwürdigkeiten, gab und löste Preisfragen, verbreitete Aufsätze aus deutschen Klassikern in Sammlungen, hielt Vorlesungen zur Veredelung der Muttersprache und zur Pflege der Naturkunde und gab nützliche Zeitschriften heraus.

Aber bald traten offene und geheime Feinde gegen die Akademie auf, namentlich aus den Reihen des meist von den Jesuiten erzogenen Klerus, wie z. B. der Jesuiten-Pater Johann Bapt. Seidel die Akademie in einer am Gymnasium zu Landshut gegebenen Tragödie „Ludovicus Boiorum Dux an. 1231 Kelheimii a Sicario occisus“ auf das Schmählichste verhöhnte und deren Mitgliedern gottlose und staatsgefährliche Tendenzen in den Mund legte. Und wenn die Richtigkeit der Sprechweise im Volk viel zu wünschen übrig ließ, so trugen einen großen Teil der Schuld die Kanzelredner, welche ihre Predigten lateinisch aufsetzten, dann aus dem Stegreif deutsch perorierten und dabei deutsche und lateinische Worte durcheinander mengten. Nicht bloß Pater Jeremias Drexel, der vor Jakob Balde dreiundzwanzig Jahre lang bayerischer Hofprediger war, sondern auch der kurfürstliche Hof- und Stadtprediger Gruber bei St. Michael in München schrieben ihre Predigten lateinisch und ließen sie so auch drucken; Gruber aber lebte 1782 und 1783!

Die brennende Frage jener Periode war die Aufklärung. Der Bürgerstand, bestenfalls nur höchst mangelhaft unterrichtet, verhielt sich dieser Frage gegenüber im Großen und Ganzen entschieden ablehnend. Der sogenannte lehnische Adel dagegen, die vielen Beamten der verschiedenen Departements, Tribunale und Kanzleien, zerfiel in zwei wesentlich voneinander verschiedene Teile. Die Anschauungen des ersten, älteren Teils ließen sich so ziemlich auf den Satz zurückführen: Alles soll beim Alten bleiben, und dieser Satz galt sowohl von politischen wie von religiösen Angelegenheiten. Diesem stand der jüngere Beamtenstand gegenüber. Er machte sich mit den Erscheinungen der neuen Literatur bekannt und benutzte die Vorzüge seiner Zeit; er las, studierte und debattierte über die Vor- und Nachteile gewisser Grundsätze der Staatsverwaltung, und wenn er sich auch als echtes Kind seiner Zeit nicht ganz vom Stutzer- und Geniewesen frei halten konnte, so beeinträchtigte dies doch den Ernst der Bestrebungen im Allgemeinen nicht wesentlich.

Als ein hervorragendes Requisit zur Hebung des wissenschaftlichen Lebens ist die kurfürstliche Hof- und National-Bibliothek zu nennen. Den Grund zur selben legte Albrecht V. von 1550 bis 1579, indem er seine eigene Handbibliothek mit den von Hartmann Schedel, Johann Alb. Widmanstadt und einem Grafen Fugger erkauften Büchersammlungen vereinigte und im obersten Stockwerke im alten Hof ausstellte. Diese seine „Liberei“ war als die reichste Büchersammlung damals weit und breit berühmt und wurde von seinen Nachfolgern stetig vermehrt. Ferdinand Maria verordnete im Jahre 1663 die Ablieferung eines Exemplars von jedem in Bayern erschienenen Buche und Maximilian III. stellte ihr den ersten Stock des Fuggerischen Palastes (jetzt Haus-Nr. 11 an der Theatinerstraße) zur Verfügung.

Liebig bezeichnete den Verbrauch der Seife als Maßstab der Kultur; man könnte mit gleichem Rechte das nämliche vom Verbrauche der Buchdruckerschwärze sagen. Fassen wir also die einschlägigen Verhältnisse Münchens kurz ins Auge: Beim Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges hatte München 5 Druckereien gezählt, während desselben gingen 3 davon ein, und es bedurfte der Frist bis zum Jahre 1803, um sie wieder auf 3 zu bringen. Die Zahl der Buchhändler betrug zu Anfang unseres Jahrhunderts nur 3 und nur 2 davon bezogen die Ostermesse.

Auf das Gebiet der periodischen Presse übergehend, finden wir unter den Schätzen der k. b. Hof- und Staats-Bibliothek als älteste in München erschienene Zeitung die „partikular vnd rechte Ordinari Zeitungen aus vnterschiedlichen Orten auff das 1628. Jahr.“ Bald ändert sie ihren Namen zuerst in „Rechte Ordinari Zeitung“ und darauf in „Wöchentliche Ordinari Zeitung.“ Als Vignette trägt sie von Nr. 27 des Jahrganges 1628 einen über der Weltkugel schwebenden Mercur. Das Blatt enthält politische und andere Nachrichten aus aller Herren Länder, nur nicht aus Bayern im Allgemeinen und München im Besondern. Auffällig ist auch die Tatsache, dass keine der zahlreichen Korrespondenzen des vom Kaiser erlassenen Restitutions-Ediktes vom 6. März 1629 auch nur mit einer Silbe erwähnt, dagegen genau um die Zeit, in welcher dasselbe eben publiziert worden und in der Durchführung begriffen war, sich darin folgende Redaktions-Note findet: „Es ist newlicher Zeit von Straßburg, Speyr vnd Regenfpurg spargirt worden, als sollten zween Jesuiter von München geflohen, vnd der eine sich nachher Dreßden begeben haben, etc. daß deme aber nicht also, wird der günstige Leser im Ostermärl, so zu München getruckt, gnugsamen Bericht finden.“ Die Zeitung dürfte eben von Jesuiten geschrieben worden sein.

An diesen Band der Sammlung reiht sich unmittelbar ein weiterer an, der außen mit vergilbter Tinte überschrieben ist: „Wöchentliche Ordinarj Postzeitung de anno 1680 et 81 München.“ Derselbe enthält abwechselnd Nummern der „Mercurii Relation oder Wöchentliche Reichs Ordinari Zeitungen von vnterschidlichen Orthen Auff das 1680. Jahr“ und der „Ordentliche Wöchentliche Postzeitungen, dieses 1680. Jahrs.“ Die „Mercurii Relation“ aber zeigt den uns wohlbekannten Mercur als Vignette, so dass wir nicht daran zweifeln können, dass wir eine Fortsetzung der erst genannten „partikular vnd rechte Ordinari Zeitungen“ vor uns haben. In beiden Zeitungen wechseln politische Nachrichten mit Unglücksfällen, Spukgeschichten in buntester Weise, der Postverkehr aber war ein so langsamer, dass die Münchener die am 29. September 1681 erfolgte Wegnahme Straßburgs erst am 19. Oktober erfuhren.

Die „Mercurii Relation“ findet sich bis 1743, die „Postzeitung“ nur bis 1718 fortgesetzt. Jener folgen im Jahre 1745 die „Neuen Münchener Zeitungen von denen Kriegs- Friedens- Staats und andere Begebenheiten in- und außerhalb Landes“ und bringen nun auch Lokalnachrichten, heißen dann von 1766 bis 1779 „Ordinari Münchener Zeitungen“, von 1780 bis 1808 „Münchner Oberdeutsche Staatszeitungen“, von 1808 bis 1848 „Münchener politische Zeitung“, dann bis 18. Oktober 1867 „Bayerische Zeitung“ hierauf „Süddeutsche Presse“ und gingen Ende März 1870 als „Bayerische Landeszeitung“ ein.

Der für Bayern so unglückliche österreichische Erbfolgekrieg brachte München eine neue Zeitung. Selbe führte den Titel „Münchener Postzeitungen. Mit Allergnädigstem Privilegio Sr. zu Hungarn und Böheimb Königlichen Majestät rc.“ Die Österreicher waren am 13. Februar 1742 in München eingerückt und „den 14. Tag im Monath Junii“ (dieser Druckfehler findet sich am Kopfe des Blattes volle drei Wochen lang) erschien die erste Nummer dieser wöchentlich einmal in Quart ausgegebenen Zeitung. Sie war indes nur von sehr kurzer Lebensdauer, denn ihre letzte Nummer datiert schon vom 3. Oktober desselben Jahres. Sie enthält unter anderem aus München die Nachricht, dass das Namensfest des Großherzogs von Toskana Franz I. in der Kirche zu Unserer Lieben Frau feierlich begangen worden, „wobei die 2 Grenadiers Compagnien Baireuth und Olivari paradirten, 3 Mahl Salve gaben, und alle Stücke auf den Müllen gelöst worden.“ Weiterhin finden wir die Nachricht: „Es verlautete, daß der feindliche Feldmarschall Graf von Seckendorf hiesige Stadt belagern wolle, und im Anzug sei.“ Und der österreichische Redakteur war nicht falsch berichtet worden. Seckendorf hatte von Karl Albrecht den Oberbefehl über die bayerische Armee erhalten, obwohl er sich zuvor im Türkenkriege (1736–1738) als ganz unbrauchbar erwiesen, hatte am 13. September von Abensberg und Kelheim aus seine Kriegsoperationen begonnen und nahm seinen Weg gegen München. Die Besatzung der Stadt rückte aus und mit ihr ging der Redakteur der „Münchener Postzeitungen.“ Beide kamen aber nicht wieder, denn Seckendorf rückte bereits am 7. Oktober in München ein. Das war das rasche Ende der „Münchener Postzeitungen.“

Im Juni 1765 wurde die erste Nummer des „Intelligenz- oder Commerzien-Communications-Blatt der Thurbaierischen Lande, mit Thurfürstlichen gnädigsten Privilegio, München, gedruckt bei Joh. Friedr. Ott, Thurfürstl. akademischen Buchdrucker und zu haben bei Franz Lorenz Richter, akademischen Bücherverlagsinspektor“ ausgegeben. Es erschien im Auftrage der kurfürstlichen Akademie und brachte landesherrliche Verordnungen und obrigkeitliche Edikte, Verkaufs- und Pachtsowie Leihanzeigen, An- und Nachfragen zu Behelf des Nahrungsstandes und der Haushaltung, Anzeigen über nützliche Bücher und Erfindungen, über Frachten und andere Löhnungen, vermischte Nachrichten zum Dienste der Künste, Handwerker und Haushaltung, den Münzkurs, in- und ausländische Warenpreise und Preise von allerlei verkäuflichen Sachen, und dazwischen — die Bekanntgabe sympathetischer Heilmittel. Aber schon im Mai 1766 erhält es den Titel: „Thurbaierisches Intelligenzblatt“, heißt 1778 bis 1779 kurzweg „Münchener Intelligenzblatt“, und von 1784 an „Thurpfalzbaierisches Intelligenzblatt“, dann vom Jahre 1790 wiederum bloß „Münchener Intelligenzblatt“, worauf im Jahre 1800 das „Kurpfalzbaierische Regierungsblatt“ davon abgetrennt wurde.

Das seit 1776 vom Professor Westenrieder trefflich redigierte Intelligenzblatt bietet für uns Epigonen eine reiche Fundgrube kulturgeschichtlichen Materials. Ein Beispiel, das auf die Stellung der von Rumford geleiteten Polizei zum Publikum ein interessantes Streiflicht wirft, mag hier an Stelle vieler ähnlicher aus den verschiedenen Sphären des Lebens genügen. Die Polizei-Verwaltung war bis zum Jahre 1798 zum größeren Teile in der Hand der Stadtgemeindeverwaltung gelegen. In diesem Jahre übertrug sie Karl Theodor dem Kämmerer, wirklichen geheimen Rat und Generallieutenant Grafen von Rumford, ursprünglich Benjamin Thompson aus Rumford. Wie Graf Rumford seine Stellung auffasste, erhellt aus den öffentlichen Bekanntmachungen, worin er sich als den „von Amtswegen bestellten Verteidiger aller Jener, welche wegen ihrer Armuth oder wegen auffälliger Bedrückungen den Schutz eines Mächtigen nöthig haben“ erklärte. Und er hielt getreulich, was er versprochen. Die Verwaltung belebte alsbald ein frischer Hauch echter Humanität; jedem Rat- und Hilfesuchenden stand sie bereitwillig zur Seite, ja sie übernahm im Interesse des Publikums nicht selten Geschäfte, welche heute von Kommissionsbureaus besorgt zu werden pflegen. So wurden z. B. unerfahrene Bauersleute, welche in die Stadt gekommen, Rechtsangelegenheiten zu besorgen, von der Polizei ausführlich darüber belehrt und von einem Bediensteten derselben zu einem Anwalt geführt. Überzeugt, dass die Polizei der Unterstützung der Bürger bedürfe, ersuchte Rumford im Intelligenzblatt um Bekanntgabe bestehender Missstände unter Vorschlag von Abhilfsmitteln. Auf diese Weise entspann sich im genannten Blatte alsbald eine ausgedehnte Korrespondenz zwischen dem Publikum und dem Grafen, wie folgende:

„Ausgebetene Antwort an einen unbekannten Korrespondenten. Nro. 120. Der Generallieutenant Graf von Rumford lässt Nro. 120 seinen verbindlichsten Dank für den ihm übersendeten Brief abstatten. Der Gegenstand dieses Briefes ist sehr interessant, und man wird gewiss die mitgetheilten Nachrichten zu benützen suchen. Nicht allein darf Nro. 120 seine Meinung sagen, sondern wird gebeten, sie öfters und ohne Rückhalt ganz zu sagen. Ungeachtet man niemals den Schleier, womit Nro. 120 sich umhüllt hat, zurückzuziehen trachten wird, wünscht man doch sehr, sich Hoffnung machen zu dürfen, einmal Gelegenheit zu bekommen, für so viele freundliche Teilnahme persönlich zu danken. München den 1. März 1798.“

Vom Jahre 1754 bis 1773 erschien ein von Mathias Itenhueber herausgegebenes „Münchnerisches Wochenblatt“ und vom Jahre 1759 bis 1771 ein „Münchnerisches Wochenblatt in Versen, Kriegs- Friedens-, in- und ausländische Begebenheiten und Zufälle betreffend. Mit gnädigsten Consens eines Churfürstl. Hochlobl. Hof-Raths verfertiget, und herausgegeben von Mathias Itenhueber.“ Dieses Wochenblatt in Versen ist wohl das einzige in seiner Art, das je existiert hat. Itenhueber war eine reich begabte Natur, die aber der Ungunst der Zeitverhältnisse erlag. Man denke nur eine Produktivität, welche neben vielen hundert anderen Gedichten — Itenhueber schrieb selbst seine alljährlich wiederkehrenden Eingaben an den Kurfürsten um Unterstützung zum Ankauf von Brennholz in Versen — wöchentlich einen halben Quartbogen Alexandriner über die Weltläufe liefert! So lesen wir in „Nummer 35 vom 18. August 1759“ — es ist die Zeit des siebenjährigen Krieges:

„Hannover wird sich fast vor Freud zu Tode rasen, Und sich die Post-Courier bey nahe brüchig blasen, Berlin spricht wiederum aus einem höheren Thon Und bauet Friedrich einen neuen Ehren-Thron. Die Hessen, die den Muth bißhero stark verlohren, Macht die beglückte Schlacht*) schier gleichsam neu gebohren, So stark auch der Franzos auf die Alliierten drang, Und durch sein Übermacht zur Retirade zwang, So schnell geht er zurück, und sucht die hintre Thüre, wie trefflich sich der Feind an ihme revangiere, Fühlt er nur gar zu sehr, der Kern von seiner Macht Ist völlig ausgetilgt, und zum Ruin gebracht, Von sechzig tausend Mann sind wenig überbliben, So herrlich wird der Sieg, so fürchterlich beschriben, Bey hundert fünfzig Stück sind in des Feindes Hand, Mit Frankreich ist es gar, es nützt kein Widerstand.“ rc. rc.

*) Die Schlacht bei Minden am 1. August 1759, in der Prinz Ferdinand Contades auf's Haupt schlug.

Die Nummer 38 vom 22. September bringt folgendes Zwiegespräch:

CURIOSUS. Freund Daniel, wie gehts? was gibts vor Neuigkeiten? Stehts dann schon wieder schlecht auf Oesterreich'scher Seiten?

DANIEL. So viel die Zeitung spricht, steht es nicht gar zu gut, Der Überwundne sieht, der Überwinder ruht.

CURIOSUS. Wie soll ich das verstehn?

DANIEL. Du wirst es bald erfahren, Die Preußen, die schon tod, und so geschlagen waren, *) Dass es mit ihrem Glück für heut verloren schien, Sieht man mit neuer Kraft dem Feind entgegen ziehn, Der Nordische Achill will keinen Fuß breit weichen Und dieses leider ist ein unfehlbares Zeichen, Dass der verhasste Krieg noch nicht zu Ende gehe rc. rc.

*) Bei Kunersdorf am 12. August 1759.

Aber nicht bloß vom Krieg singt unser poetischer Zeitungsschreiber, er berichtet auch von einem Ausbruch des Vesuv, von großen Bränden und u. A. auch über eine:

SELTSAME GEBURT. Genf gibt uns folgendes von Audenarde zu lesen, Eine Schneidersfrau gebahr drey Knaben auf einmahl, Und ist der erste schwarz, die andren weiß gewesen, Das Wunderlichste war bei diesem seltnen Fall, Dass sie am hohen Fest der dreyen Königen Zugleich der Heilgen Tauf, und ihren Nahm empfiengen, Darauf aus dieser Welt zu dem Erlöser giengen, Den sie von Angesicht zu Angesichte sehn.

Dass das deutsche Rom auch eine eigene Zeitung für geistliche und weltliche Interessen besaß, kann nicht wohl befremden, wohl aber muss es mit Recht auffallen, dass sie allem Anscheine nach, vom 26. März 1769 beginnend, nur achtzehn Nummern erlebte. Sie brachte Korrespondenzen aus München und den größeren Städten Europas über kirchliche Zustände und Vorkommnisse, Besprechungen geistlicher Bücher, vermischte Nachrichten oft ganz weltlichen Inhalts, Abhandlungen über den Muhamedanismus, landesherrliche Vorschriften über kirchliche Verhältnisse rc.

Der Veröffentlichungen der kurfürstlichen Akademie ist schon oben rühmend gedacht worden und es erübrigt an dieser Stelle nur noch, der „Münchnerischen gelehrten Nachrichten von dem Neuesten aus dem Reiche der Wissenschaften“ Erwähnung zu tun, die im Jahre 1770 erschienen. Jede Nummer brachte eine ausführliche, mehrere kürzere Nachrichten und vermischte Anzeigen über die neuesten Schriften, Bücher und andere Abhandlungen aus dem Reiche der Wissenschaften. Der Herausgeber fand aber, wie er in seinem Schlusswort sagt, „daß er mit seiner Wochenschrift noch um etliche Jahre zu frühe gekommen.“ Er hatte nämlich kaum siebzig Abonnenten gefunden. Im Jahre 1773 folgten „Materialien für die Sittenlehre, Literatur rc.“, die schon 1774 wieder eingingen. Noch schlimmer erging es Fr. Ser. Kohlbrenner’s im Jahre 1775 herausgegebenem „Magazin für das Nützliche und Schöne“; es wurde nach dem Erscheinen des zweiten Stücks unterdrückt, was deshalb bemerkenswert ist, weil die gleiche Maßregel dahier früher nicht vorgekommen zu sein scheint.