Dreizehntes Kapitel
Handel und Wandel. Kunst und Gewerbe
Wie schwer auch der Hof und was mit ihm zusammenhing durch seine hervorragende Stellung in die Waagschale fiel, den Kern der Bevölkerung der Stadt bildete zu allen Zeiten der Bürgerstand; und in demselben Maße, in dem sich der Hofhalt der Herzöge ausdehnte, in demselben stieg auch die Anzahl und Tätigkeit der Bürger.
Die Stärke der Bevölkerung bis zum Jahre 1580 ist uns nicht bekannt; in diesem Jahre wies eine Zählung der Einwohner 20,000 nach. Es konnte nicht ausbleiben, dass die Verbindung vieler deutscher Städte an der See und im Innern des Landes, welche unter dem Namen der deutschen Hansa berühmt ist, auch auf den Gewerbefleiß der Stadt München einen belebenden Einfluss äußerte. Hier und im ganzen Bayerlande rührten sich viel fleißige Hände, und der Rat der Stadt verfehlte nicht, diese Tätigkeit bei Kraft und in Schwung zu halten und stetig zu fördern. So kam es denn, dass noch wenige Jahre vor dem Ausbruche des unglückseligen dreißigjährigen Krieges Münchens Handel und Wandel in schönster Blüte stand und die Bevölkerung der Stadt in fortwährender Zunahme begriffen war. Ohne ihn wäre sie gewiss im Jahre 1688 stärker als 26,000 gewesen. Soll doch die Pest des Jahres 1634 in München allein 15,000 Menschen hinweggerafft haben.
Es war leider nicht die einzige, von welcher die Stadt heimgesucht worden. Sie litt 1228 und 1363 und dann wiederum 1451, 1454, 1457 und 1472 viel von der Pest. Die von 1563 regierte von Weihnachten bis zum Samstag nach Michaelis, d. h. bis in die ersten Tage des Oktober. Damals „giengen auß jedem Hauß ein Mensch, die man besonder und die Frauen sonder, mit großer andacht wainenden Augen vnd noch mit betriebten Kerzen vnd doch mit sonder grossen frolokhen zu dem wierdigen hailigthumb auf den Berg zu Andex woll bei 5000 Menschen die man hinauß mit proceszen von den Pfarren und Klostern vnd wieder herein mit grosser Wirdigkait beglaittet vnd mit grosser menig des Volkhs der statt des khain mensch gedenkht. Item desgleichen thete und hete man ain process gehn vnser lieben Frauen gehn Freißing in 14 tagen darnach.“
Das Auftreten der Pest in verschiedenen Gegenden Deutschlands während des Jahres 1618 zog in München entsprechende Vorbeugungsmittel nach sich. Gleichwohl brach sie zehn Jahre später, am 28. September 1628, auch hier aus. Nun wurden die Vorsichtsmaßregeln noch gesteigert, und es blieb bei einem einzigen im Hause des Vizekanzlers Richel vorgekommenen Falle. Acht Jahre nachher (1634) wurde die Pest von spanischem Kriegsvolk eingeschleppt. Im August traten die ersten Spuren derselben auf, und im folgenden Monat September wütete sie so fürchterlich, dass oft in einer einzigen Woche 200 bis 250 Wohnungen und Häuser gesperrt werden mussten. Das dauerte bis zum Dezember. Von da an schien die Wuth der Krankheit gebrochen, und erst im Februar 1637 erlosch sie ganz. Sie hatte im Ganzen 2 Jahre und 7 Monate gedauert. Manche Häuser starben ganz aus und wurden zum traurigen Gedächtnis dessen mit einem T bezeichnet. Die letzte solche Bezeichnung ist erst vor ein paar Jahren verschwunden, als der Verkaufsladen im Hause der Privatiersgattin Frau Josepha Göschl Nr. 7 an der Kaufingerstraße verschönert wurde. Die Zahl der Toten war so groß, dass man die Leichen ohne ihre Vormerkung des Namens auf den Straßen und in den Häusern auflas und zu je 900 in ein Grab legte und die Zahl der Totengräber um 20 erhöhen musste.
Nach der Versicherung Adlzreiters, der damals Hofkanzler und Polizeivorstand war, und mehrerer anderer Zeitgenossen starben während jener schrecklichen dritthalb Jahre gegen 15,000 Menschen, wohl die Hälfte aller Einwohner. Großes Verdienst erwarb sich damals durch seine Ausdauer in Bekämpfung der Seuche der Goldschmied und äußerer Ratsverwandte Ferdinand Schock, der Oberaufseher der Pestanstalten, der von allen seinen Amtsgenossen allein übrig blieb. In den Jahren 1680 und 1740 herrschten wiederum pestartige Krankheiten in der Stadt, und so war es kein Wunder, dass die Einwohnerzahl acht Jahre später nur 26,000 betrug. Im Jahre 1775 war sie trotz großer Sterblichkeit infolge Misswachs und Teuerung auf 31,000, und im Jahre 1783 auf 37,840 gestiegen. Zu Georgi 1805 aber zählte man bereits 40,450 Einwohner.
Die Zünfte reichen wie in anderen deutschen Städten auch in die ältesten Zeiten Münchens zurück. Hatte man, um die gewerbetreibenden Landbewohner in die Städte zu ziehen, nach und nach den Gewerbsbetrieb auf dem Lande teilweise ganz untersagt, teilweise durch nichts begünstigt, so verlieh man dadurch den städtischen Handwerkern ein schwer wiegendes Vorrecht. Aber bald fühlten dieselben gegenüber den in den Städten zur Herrschaft gelangten Patrizier-Familien das Bedürfnis, sich zu vereinigen. Es lag somit diesen Vereinigungen ursprünglich ein politisches Element zu Grunde, und es war nichts natürlicher, als dass sich dieselben auf der Grundlage des nämlichen oder doch verwandter Gewerbe vollzogen.
Wir haben in einem früheren Kapitel gesehen, dass diese Korporationen, die untereinander in Verbindung traten und durch die ab- und zuwandernden Gesellen in steter Verbindung blieben, eine immer steigende politische Bedeutung gewannen; und das umso mehr, als sie sich zum Kriegsdienste vereinigten und so den Kern der bewaffneten Macht der Städte bildeten, welche nicht selten die Herrschaft an sich rissen. Nachdem das Ansehen der Zünfte bis gegen die Mitte des Jahrhunderts immer gestiegen war, sah sich das Reichsregiment sogar 1530 und 1548 genötigt, die von ihnen bisher tatsächlich ausgeübte Gerichtsbarkeit über ihre Angehörigen gesetzlich anzuerkennen. Es wurden jedoch damals und auch noch später mancherlei Missbräuche abgestellt.
So und ähnlich entwickelte sich das Zunftwesen auch in München, und infolgedessen finden wir daselbst die bürgerlichen Gewerbetreibenden in Zünfte oder Innungen geteilt. Neben den Zünftlern aber gab es in späterer Zeit auch Freikünstler. In alter Zeit, da die Anzahl der Gewerbetreibenden noch eine kleine war, hielten sich die Genossen eines und desselben Gewerbes häufig zusammen, teils freiwillig, wie z. B. die Fischer, teils infolge polizeilicher Vorschrift, wie die Genossen solcher Gewerbe, deren Betrieb für die Umwohner mit irgendeiner Belästigung durch Lärm, üblen Geruch etc. verbunden war, wie der des Lederer-, Schäfflergewerbes und anderer. Auf diese Weise erklären sich auch die Namen der Lederer-, Schäffler-, Sporrer-, Mindenmacher-, Fischergasse, des Färbergrabens u. s. w. Mit der größeren Ausdehnung der Stadt verschwand aber im Interesse des Publikums auch diese Absonderung der Gewerbe und machte einer immer zunehmenden Verteilung derselben in die neuen Straßen und Stadtteile Platz.
Die Gewerbe in München sind keineswegs eines und desselben Ursprunges. Die vom Rate der Stadt nach vorgängiger Prüfung persönlicher Befähigung erteilte Freiheit, ein Gewerbe oder eine Kunst auszuüben, hieß eine Gerechtigkeit. Daneben aber wurden einige Gewerbe als rein persönliche vom Hofe und unter seinem Schutze verliehen. Wer ein solches Gewerbe innehatte, hieß ein Hofschutzbefreiter, in früherer Zeit wohl auch Hofschützler. Diese Art von Gewerbetreibenden brauchte das Bürgerrecht nicht zu erwerben, wohl aber mussten das die Inhaber von Gerechtigkeiten tun, die deshalb sich auch zur Unterscheidung von jenen bürgerliche Schuhmacher-, Bäckermeister u. s. w. nannten.
Die Zünfte wählten aus der Anzahl ihrer Mitglieder gewöhnlich zwei Führer, welche Lehr-, Gesellen- und Meisterbriefe ausfertigten und mit den übrigen Zunftmeistern die Angelegenheiten ihrer Zunft berieten und deren Interessen wahrten. Im Jahre 1782 gab es nach Westenrieders gleichzeitigen Aufzeichnungen in München 1376 Bürger, 952 Hofschutzbefohlene, 1127 Gerechtigkeiten mit Schutz, 863 Meister und 267 schlafende Gerechtigkeiten, daneben aber nicht weniger als 363 Pfuscher. Das weitaus größte Kontingent von Pfuschern stellten die Schneider mit 93; ihnen zunächst folgten die Schuhmacher mit 70, dann die Perückenmacher und Friseure mit 45. Als Gärtner pfuschten 17, als Musiker (Scherzlgeiger) 14, als Metzger 13, als Bader, Handelsleute und Maler je 10 Individuen.
Von den Gewerben besaßen wie die Bäcker, Schuhmacher und Schlachtgewandter manche besondere Privilegien, von denen schon an anderen Orten die Rede war. Weiterhin verlieh Kaiser Ludwig der Bayer den Müllern die Freiheit, peinliche Fälle ausgenommen, von einem eigenen Richter, dem Hofkastner, gerichtet zu werden. Zugunsten der Schuhmacher verfügte schon Ludwig der Strenge im Jahre 1290, dass kein Schuhmacher, der nicht als Meister aufgenommen wäre, Schuhe verkaufen dürfe; die Kalt- oder Kupferschmiede befreite Kaiser Ludwig der Bayer im Jahre 1346 von allen Richterstühlen, so dass sie, die drei höheren peinlichen Fälle ausgenommen, bloß von einem Mitkupferschmied gerichtet werden durften u. s. w. Von gewissen Gewerbezeremonien der Metzger, Schäffler und Schlosser wird noch später die Rede sein. Was dagegen die Zunftjahrtage, auch Tänzeltage geheißen, anlangt, so bestanden dieselben noch bis vor wenig Jahren, und bedarf es keines weiteren Eingehens auf selbe.
Andererseits aber dürfte es nicht allgemein bekannt sein, dass der sogenannte blaue Montag der Handwerksgesellen seine Legalisierung in einer Verordnung des Kurfürsten Maximilian I. vom 15. November 1605 hat. Es ist nämlich darin bestimmt, dass man keine gemeine Handwerks- oder sonst unvermögliche Leute, weder in den Wirts- noch anderen Gasthäusern in der Woche setzen, noch zechen lassen soll, „ausgenommen an einem Feyertag Nachmittag, oder da kein Feyertag in der Wochen, am Montag Nachmittag.“
Die wiederholt zutage tretende Unzufriedenheit der Zünftler über die Hofschützler wegen Beeinträchtigung im Gewerbsbetriebe erklärt sich leicht aus dem Umstande, dass von den von Hübner im Jahre 1805 aufgezählten 176 Gewerben mehr als ein Viertelhundert auch unter dem Hofschutze ausgeübt werden durften, wie denn das erwähnte Verzeichnis z. B. 6 Bierwirte, 8 Friseure, 15 Kaffeeschenken, 35 Maurer, 13 Schuhflicker, 28 Schuhmacher und 10 Tändler aufführt, die sich des Hofschutzes erfreuten und sohin keine Abgaben an die Stadt zu bezahlen hatten.
Nicht ohne Interesse ist es auch, die Schwankungen ins Auge zu fassen, denen die Zahl der einzelnen Gewerbe in verschiedenen Perioden unterworfen war. So stieg z. B. von 1658 bis 1802 die Zahl der Bader von 16 auf 21, die der Buchbinder von 10 auf 14, die der Eisenhändler von 12 auf 18, die der Handelsleute von 30 auf 91, die der Metzger von 36 auf 61, die der Priechler von 3 auf 11, die der Tändler von 2 auf 10, die der Uhrenmacher von 5 auf 10. Dagegen fiel in derselben Zeit die Zahl der Bäcker von 70 auf 57, die der Bierbrauer von 69 auf 52, die der Fischer von 16 auf 8, der Gastgeber und Wirte von 42 auf 24, die der Goldschmiede von 35 auf 13, die der Hafner von 16 auf 9, die der Hutmacher von 23 auf 9, die der Köche von 58 auf 16, die der Lebzelter von 20 auf 6, die der Lein- und Zeugweber von 161 auf 71, die der Loderer von 116 auf 17, die der Messerschmiede von 13 auf 5, die der Schmiede von 24 auf 8, die der Steinmetzen von 27 auf 2, die der Tuchmacher von 32 auf 14, die der Weißgerber von 34 auf 8 herab.
Im Großen und Ganzen hatte man im Jahre 1618 1771 bürgerliche Gewerbe gezählt, im Jahre 1802 aber betrug deren Zahl trotz der Bevölkerungs-Zunahme nur mehr 1597, hatte also um 174 abgenommen. Ferner waren 57 Gewerbe entweder ganz eingegangen oder hatten andere Namen angenommen. So finden wir unter den Ersteren die Briefmaler (Schönschreiber), Pastlbieger, Rosenstricker, Kristallschneider, Plattner, Schleierweber, Stöckelschneider, Zinkenmacher, Pastetenkäfel, Mangmeister, Porterkocher, Speisärzte, Stuhlschreiber, Sagenschmiede, Hosennestler, Handschuster, Wollschläger etc. etc. Unter den 37,840 Einwohnern, welche München im Jahre 1781 zählte, befanden sich 2288 Bürger, Beisitzer und Inwohner.
Bis zum XV. Jahrhundert trank man in München fast ganz allgemein meist süße Tiroler und italienische Weine. In- wie ausländische Weine durften übrigens nur im Weinstadel im Großen verkauft werden. Derselbe befand sich zuletzt im Hause Nr. 27 des Hofschlossers Hrn. Pöck an der Dienerstraße. Daneben aber stand als zweites Hauptgetränk der Met. Der Verbrauch des braunen Gerstenbieres, das in ältester Zeit das rote hieß, stieg erst nach der Erfindung der kalten Gärung, welche die bisherige warme verdrängte und ins XV. Jahrhundert fällt. Schon Ludwig der Strenge (1255–1294) besaß in München ein Bräuhaus, und unter ihm gab es bereits eine Bräuordnung, und eine solche des Magistrats vom Jahre 1420 erlaubte den Bräuern, Met, geringeres und besseres Bier (Greußnig) zu brauen, verfügte aber: „Ez sull am yeglichr prew (Bräu) das pir daz er fewdt (siedet) vor acht tagn nit auzgebn (ausschenken) ez hab dann vor(her) vber sich wol v'gorn (vergoren) vnn nit vnder sich.“ Und als im XVI. Jahrhundert das weiße Weizenbier aus Böhmen nach München kam, da verdrängte es anfangs fast das braune Gerstenbier. Weil man es aber für gesundheitsschädlich hielt, tat die Polizei dem Brauen nach Kräften Einhalt und nahm endlich der Herzog das Recht, es zu brauen, für sich allein in Anspruch. Und so entstand das „weiße Bräuhaus“, 1589 aber im Interesse des Hofsäckels ein „braunes“ oder „Hofbräuhaus“ im alten Hof, das 1651 gegen die Lederergasse hin erweitert wurde, welcher Bau jetzt als Zerwirkgewölbe bekannt ist. Im Jahre 1708 braute man auch im „weißen Bräuhaus“ braunes Bier und seit 1807 wird im Hofbräuhaus nur mehr braunes Bier gesotten.
Erst nach dem Jahre 1400 kommen Bierbrauer allmählich in größerer Zahl vor und waren bis in unser Jahrhundert herein dem Hofe lehenbar. Gleichwohl nahmen sie schon in früherer Zeit eine hervorragende Stellung unter den Gewerbtreibenden der Stadt ein. Im Jahre 1500 befanden sich deren in der Neuhausergasse allein nicht weniger als zwölf. Selbe hatten seit dem Jahre 1782 ihre Lagerkeller zu beiden Seiten der über den Gasteig führenden Rosenheimerstraße, einige wenige von ihnen vor dem Karlstor. In diesen Kellern schenkten die Bräuer das zweite oder dritte Märzenlos aus, das erste aber oder wohl je nach Gelegenheit auch die beiden anderen in der Stadt selber. Den Anfang mit dem Ausfchenken machte nach uraltem Recht und Herkommen allzeit das Bräuhaus zum heil. Geist, und die übrigen folgten in der Reihe, welche schon vor dem Beginne des Einsudes durch das Los bestimmt worden war. Am Anfang unseres Jahrhunderts rechnete man für die Sommermonate allein eine Konsumtion von 50,000 Eimern und für das ganze Jahr eine solche von 150,000 Eimern, wonach auf jeden Einwohner durchschnittlich 3 Eimer trafen. „Doch“, meint Hübner, „gibt es auch deren, welche mehr als 6 Eimer unter ihre ordentliche Bedürfnisse zählen.“ Die Verlosung wurde bald nach dem Regierungsantritte Max Josephs aufgehoben und öffnete von da an jeder Bräuer seinen Sommerkeller nach Gutdünken und Bedürfnis. Der Menterbräu im Thal braute Bier nach englischer Weise, und die Grafen von Törring-Seefeld führten aus ihrem Bräuhause in Seefeld das sog. Seefelder Bier ein, das wohl leichter eingesotten gewesen sein mag als das Münchener, denn sie schenkten es um den halben Preis aus. Dazu kam noch das aus Tölz und anderen Orten eingeführte Bier. Das vom Hof allein gebraute Einbeckerbier, von Einbeck in Sachsen so und später Bock genannt, wurde von Christi Himmelfahrt an zwei bis drei Monate ausgeschenkt und zwar nur an zwei Plätzen: im alten Hof und bei einem Kornmesser unter den „Landschaftsbögen“ auf dem Schrannenplatze.
Die Lebzelter hielten zugleich auch Metschenken. Die besuchteste darunter war die beim Thumberger an der Neuhausergasse (jetzt Nr. 17 und Eigentum des Sattlermeisters Hrn. Joh. Reiter). Das Schenkgeschäft wurde in der besseren Jahreszeit auch in dem hinter dem Hause gelegenen Gärtchen ausgeübt, in welchem sich des Abends zahlreiche Gäste einzufinden pflegten. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts besaß München bereits 58 Kaffeehäuser, von denen 53 von Hofschutzbefreiten gehalten wurden, 26 Wein- und 180 Bierwirte (sog. Zapfler) und Trakteure, außerdem 19 Branntweiner, aber keine einzige Branntweinschenke.
Unter den 55 Bäckereien stand die herzogliche, später kurfürstliche Bäckerei, Hofpfisterei genannt, oben an. Der Name Pfisterei kommt von dem lateinischen pistor, Bäcker, pistrinum, Bäckerei, her und befanden sich solche in früherer Zeit auch bei Abteien und Propsteien. Charakteristisch für sie ist die Verbindung einer Mühle mit ihnen. Die Brot-, Mehl- und Mühlbeschau stand unter der landesherrlichen Hofkammer, die Führung des Werkes aber unter einem eigenen Pfistermeister oder Beständner. Die älteste Pfisterordnung datierte vom Jahre 1560 und wurde selbe 1668 viermal revidiert. Nach dem Bestandbriefe vom Jahre 1698 musste ein Mundbrot 12 Loth, eine Semmel 3 Loth, ein Herrenbrot 15 Loth und jedes Speis-, Spend- und Almosenbrot 21 Loth wiegen. In der Hofpfisterei wurde auch das Studentenbrot ausgegeben, das sich bis auf unsere Zeit erhalten hat. Es stammt aus der Zeit der Gründung des 1659 angelegten Seminars zum heil. Gregor an der Neuhausergasse, an das, bis die Stiftung vermöglicher wurde, täglich 48 „Hoflaibl“ abgegeben wurden, um als „Speisbrot“ Verwendung zu finden. Nachmals wurde dieselbe Vergünstigung armen Studenten zugewendet und wurden allmonatlich 2826 solche Hoflaibl verteilt. Von der Hofpfisterei wurden früher auch am „Josephtag“ zur Ehre Jesu, Mariä und Josephs drei Personen und am grünen Donnerstag zwölf alte Männer und ebenso viele Mädchen ausgespeist. Nachmals aber geschah diese Ausspeisung von Seite des Hofes.
Die Strumpfwirker hatten auf dem Anger eine eigene Niederlage, aus der nach einer Verordnung vom Jahre 1793 jeder Strumpfhändler jährlich ein Dutzend obrigkeitlich als gut anerkannte schafwollene Strümpfe abnehmen musste. In den ältesten noch vorhandenen Steuerbüchern der Stadt von 1372 bis 1400 heißen die Metzger allzeit Carnifices, d. h. zu deutsch Fleischhauer. Vor dem letztgenannten Jahre wohnte keiner von ihnen in der inneren Stadt, erst einunddreißig Jahre später finden wir einen solchen daselbst. Eines der am stärksten vertretenen Gewerbe war das der Loderer; es zählte im Jahre 1626 nicht weniger als 114 Meister. Auch der Tuchmacher sollen in jener Zeit über hundert gewesen sein.
Infolge der mehr oder minder engen Grenzen, welche den einzelnen Gewerben zum Schutze der übrigen gesteckt waren, fehlte es nie an Gewerbsstreitigkeiten aller Art. So hatten z. B. die acht Münchener Lederer und Rotgerber im Jahre 1290 von Herzog Ludwig dem Strengen das Recht erhalten, ganze Häute, nicht aber abgeschnittenes Leder zu verkaufen und wurde ebendenselben noch in den Jahren 1788 und 1794 zur Beförderung der inländischen Gerbereien die Beilegung ausländischen Leders auch in dem Falle untersagt, wenn sie auf Grund irgendeines Rechtstitels bis dahin befugt waren, ausländisches Leder auszuschneiden. Noch im Jahre 1793 erging an die Handelsleute ein Verbot, im Inland hergestellte Ware bei Vermeidung der Konfiskation zum Färben außer Landes zu führen. Den Kupferschmieden war nur infolge eines uralten Privilegiums gestattet, selbstverfertigtes eisernes und messingenes Küchengeschirr zu führen. Es gab ferner Buchhändler, welche nur ungebundene und solche, welche nur gebundene Bücher verkaufen durften etc. etc. Endlich wurde den Münchener Kauf- und Handelsleuten erst durch ein Dekret vom Jahre 1642 erlaubt, mit fremden in- und ausländischen Gewerbsleuten in Gesellschaft zu stehen, jedoch mussten diese sich verhältnismäßig den in München an die Stadt zu zahlenden Lasten und Abgaben unterziehen und anstatt dieser mit einer gewissen Summe Geldes sich belegen lassen.
Unter solchen Umständen war es denn nicht zu verwundern, wenn die Gewerbe unter so weit gehendem Schutze gegen Konkurrenz zur Lässigkeit und allmählichen Verrottung geführt wurden. Gleichwohl fehlte es aber auch zu keiner Zeit an tüchtigen Gewerbsmeistern, namentlich im Kunstgewerbe. Übrigens veranlasste der starre Zunftgeist nicht bloß unter den Bürgern, wie bereits angedeutet worden, Konflikte. Die Münchener Gewerbtreibenden konnten sich mit der freieren Bewegung nicht befreunden, die Karl Theodor ins gewerbliche Leben einführte. Sie sahen lange mit Missgunst Bäcker aus der Au mit Brot, Tiroler mit Obst auf dem Markt erscheinen, Auer und Haidhauser Handwerker für Münchener Kunden wohlfeiler arbeiten, als sie selber nach Zunftbeschluss arbeiteten, und endlich kam der lang verhaltene Groll zum Ausbruch. Der Rat ließ sich dazu bereden, Abgeordnete in die Residenz zu schicken, um dem Kurfürsten vorzustellen, wie sehr die Bürgerschaft in Gewerbe und Nahrung bedroht sei. Die Deputation verstieg sich bis zu Drohungen, und der Kurfürst verließ seine Residenzstadt, um erst auf dringendes Bitten und nach zehn Monaten zurückzukehren.
Was die Fabriken anlangt, so ist der berühmten kurfürstlichen Hautelisses-Fabrik bereits eingehender gedacht worden, auch der von Max III. errichteten Baumwollen-Manufaktur auf dem Lehel Erwähnung geschehen. Außerdem legte Ferdinand Maria eine Gold- und Silberdraht-Manufaktur und Karl Theodor am untern Eingang in den Hofgarten eine Seidenfabrik an. Weiter bestanden mehrere Privatfabriken verschiedener Art, sie konnten sich aber nie zu namhafter Bedeutung aufschwingen. Der Speditionshandel lag zu Anfang des XIX. Jahrhunderts fast ganz allein in den Händen der Handlungshäuser Nocker & Comp., Ruedorfer und Zech & Mayr. Eben dieselben teilten sich mit den Firmen Seeligmann, jetzt Freiherr von Eichthal, und Westheimer & Comp. in die Besorgung der Wechsel- und Geldgeschäfte.
Fleisch, Unschlitt, Brot, Mehl und Bier unterlagen obrigkeitlicher Satzung; Wein, Bier, Branntwein und Met wurden schon im Jahre 1543 einem Aufschlage unterworfen, der zur Tilgung der im Türken- und verschiedenen Reichskriegen gemachten Schulden diente. Dabei war der Bieraufschlag nach den Ständen verschieden; vom Weinaufschlage waren wirklich frequentierende Räte und adelige Grundbesitzer für den Haustrunk frei. Die Stadtkammer aber erhielt von jeder Maß Bier von uralter Vergünstigung 1 Umgeld, und im Jahre 1634 wurde auch ein städtischer Fleischaufschlag eingeführt.
Der Entstehung der Jakobidult ist schon an einer anderen Stelle gedacht worden. Sie dauerte anfänglich nur acht Tage. Dazu kam später, vermutlich erst nach dem Jahre 1643, noch die Gebnacht- oder Dreikönigsdult mit gleicher Dauer. An den Vorabenden beider und nach dem Schlusse derselben ward die „Freiung“ eingeläutet, d. h. während der ganzen Dauer hatte jeder Besucher Freiheit der Person, wie denn in alter Zeit bei Beginn der Jakobidult durch einen städtischen Ausrufer nachstehende Bekanntmachung erging: „Es gebieten mein Herr der Richter und Rat, dass allermänniglich, wer jetzo im Jahrmarkt herkommt, Freiung und ein sicheres Geleit soll haben, von Sct. Jacobs Abend heut, als man die Freiung einläut. Und soll währen vierzehn Tage von Sct. Jacobs Tag, als man die Freiung ausläut, ungefährlich ausgenommen alle die, denen die Stadt verboten ist, und die der Stadt Feind sind, und alle Mörder, Diebe, Räuber, Mordbrenner, und alle die, die solch Unrecht auf ihnen haben, damit sie den Leib verwirkt haben.“
Übrigens hatte Handel und Wandel auch noch mit mancherlei anderen als den erwähnten Unbequemlichkeiten zu kämpfen. Dahin gehört das nach dem Zeugnisse von Zeitgenossen höchst ungeeignete Benehmen der Unteroffiziere und Soldaten auf den Torwachen gegen die zur Stadt fahrenden Landleute nicht nur, sondern auch gegen die hiesigen Einwohner. Es wurden eine Anzahl von Klagen darüber laut, dass sie sich nicht mit Schimpfworten begnügten, sondern auf Menschen und Vieh losschlugen, wenn ihnen gegen das Herkommen die Abgabe von Scheitern Brennholz, Krautköpfen und dergleichen für den Markt bestimmten Produkten verweigert wurde. Dasselbe Herkommen machten die Torschreiber für sich geltend, und erst Rumford schaffte diesen heutzutage unbegreiflichen Missbrauch ab durch eine unterm 3. Februar 1788 erlassene Verfügung, welche darauf hinweist, wie ungerecht ein solches Herkommen sei und wie es die Produzenten zur Preissteigerung reize.
Von der Münchener Kunst aus der ältesten Zeit der Stadt wissen wir gar wenig, und das Wenige ist nicht von sonderlichem Belang: von Werken der romanischen Kunstperiode ist so viel wie nichts zu verzeichnen, und auch aus der Zeit der Gotik finden wir kein Bauwerk im reichgegliederten Prachtstil der Blütezeit. Von bedeutenderen plastischen Werken ist nichts auf uns gekommen, was ins XIII. oder XIV. Jahrhundert zurückreichte, den schon erwähnten Schrenkischen Altar in der Peterskirche ausgenommen. Dagegen wissen wir, dass Plattner und Geschmeidmacher jener Tage große Kunstfertigkeit in der Herstellung von Schutz- und Trutzwaffen besaßen, wie denn Kaiser Ludwig einen Brustharnisch trug, der von blau angelaufenem Stahl und mit dem von einem Strahlenkranze umgebenen Bildnis der Maria mit dem Jesukinde aus gediegenem Gold geschmückt war.
Dagegen sehen wir München um die Mitte des XV. Jahrhunderts als den Mittelpunkt bayerischer Kunsttätigkeit. Von der Tüchtigkeit der Meister jener Zeit geben des Kaisers Ludwigs Hochgrab in der Frauenkirche, von Meister Hans, des Erasmus Grasser Narren im alten Rathaus-Saal u. s. w. glänzendes Zeugnis. Die Maler waren damals zünftig, und so heißt es in den Satzungen derselben vom Jahre 1448: es solle keiner als Maler angehen „Er mach dan vor sein Meisterstück nach dez handwerkhs haissn auf maln. Ein Maler soll machn ein Mariapild, das die veldung geplanyrt sei von feinem gold vnd darin gepuntziret.“ Ähnliches galt für Schnitzer und Glasmaler.
Die ältesten Werke der Malerei, die sich in München bis auf unsere Zeit erhalten haben, sind Glasgemälde aus dem Leben Christi und Mariae in Medaillenform mit der Jahreszahl 1386, welche sich in den Fenstern der Frauenkirche befinden. Leider ist der Name ihres Meisters unbekannt. Einige Zeit später lebte der Meister des berühmten Altarwerks derselben Kirche vom Jahre 1457, Gabriel Angler. Um dieselbe Zeit waren auch die Glasmaler Hans Gleismüller und Konrad Sachs viel beschäftigte Künstler. Einer etwas späteren gehören und zwar wieder als Zeitgenossen an: Gabriel Mächselkirchner, Ulrich Fueterer, Hans Olmdorfer und Egydius Trautenwolf, von denen der letzte als tüchtiger Glasmaler bekannt ist und für die jetzige Frauenkirche sechs schöne Fenster malte. Und ist auch das alte Chorgestühl in der Frauenkirche mit seinen vielen Heiligengestalten ernst und nüchtern genug, so besitzen wir doch Kunde, dass man damals in den Häusern der Münchener Bürger gar schöne und lustbare Schnitzarbeit und künstliches Tafelwerk besaß und die Bürger, ihre Frauen, Söhne und Töchter sich in prächtigen mit Silber und Gold und Perlen geschmückten Kleidern gar stattlich bewegten. Und den Gold- und Silberschmuck aber brauchten sie damals so wenig als heute von außen zu beziehen, denn an geschickten Goldschmieden, voran die Tulpecke, Seefelder, Zeisinger und Donauer, war kein Mangel.
Dann kam die Zeit der Renaissance, zugleich die der weitgehenden Kunstpflege durch Albrecht V., Wilhelm V. und Maximilian I. Da schieden die Künstler, eine Kunst annehmend, die dem Volke fremd war, selber aus dem Volke. Aber zugleich wuchs ihre Zahl: in München lebten damals mehr denn sechzig Bildhauer, darunter die Meister in Erzguß: Hubert Gerhard und der Weilheimer Hans Krumpper oder Krummter, der Hofbildhauer Christoph Angermaier, ebenfalls aus Weilheim, der Balthasar Ableitner und der als Maler, Bildhauer und Baumeister tätige Peter Witte, genannt Candid, und andere. Übrigens muss hier noch eines bemerkt werden. Wenn man in München noch im Jahre 1619 auf Goldgrund malte, wovon man anderwärts schon vor mehr als 20 Jahren abgegangen war, so hatte das seinen Grund wohl in dem streng konservativen Sinne des bayerischen Volkes. In dieser Zeit wurde es in München auch Sitte, die Fronten der Häuser mit Fresken zu schmücken. Die Zahl der Maler stieg namhaft; man zählte deren nicht weniger als 82, teils Bayern, teils Fremde. Am bekanntesten aber machten sich Christoph Schwarz, Hans Muelich, Fried. Sustris, de Witte (Candid), Hans von Aachen, Ulrich Loth, Johann Rottenhammer und Nikolaus Pruckner aus Trudering.
Je höfischer die Kunst in jenen Tagen ward, desto mehr verflachte sie sich in kirchlicher und nationaler Richtung; im Kunsthandwerk aber trat sie mit neuer Kraft zutage, und hatte München auch keine Jamnitzer und Altenstetter aufzuweisen, so besaß es doch einen Josua Habermel, Hans Schleich und Hans Pracht, die neben den Augsburger Gold- und Silberschmieden mit Ehren bestehen konnten, und waren die Prachtrüstungen Martin Hofer's, Andreas Junghans' und Paul Schaller's weit und breit berühmt. Ganz zu schweigen von dem Silberschmied Jos. Seitz, der gar schön in Metall gravierte, von Valentin Drausch, der im Edelsteinschnitt Ausgezeichnetes leistete, und von Egid Sesselschreiber, der die meisten Figuren am Denkmal des Kaisers Max in der Franziskanerkirche zu Innsbruck modellierte und goss. Damals erhob Hans Prüll die Schlosserei zum Kunstgewerbe und reihte sich Simon Winkler den ersten Kunsttischlern seiner Zeit würdig an, fertigte Georg Vischer wertvolle astronomische Uhren in Stein und Ulrich Schniep in Messing und Veit Schaufel vielgesuchte Taschenuhren. Adam Nonhard's und Ludwig Teppich's treffliche Büchsen haben gar manchen Feind in die andere Welt befördert und Hans Wagner schnitt kunstreiche Schäfte dazu, während der Sticker Hans Menzinger prächtige Antependien und Kirchengewänder fertigte.
Dem mächtigen Einflüsse des Rokoko konnte sich auch München nicht viel länger verschließen als andere Städte, obwohl Adelheid von Savoyen an italienischer Auffassung der Kunst möglichst festhielt. Es kam zunächst in der Umgebung des kurfürstlichen Hofes unter Max Emanuel zur Anwendung und fand unter seinen Nachfolgern eifrige Pflege, und so entstanden die berühmten, für alle Zeiten mustergültigen „schönen“ oder „reichen Zimmer“ Kaiser Karls VII. in der Münchener Residenz. Das war die Zeit der Baumeister Couvilliés d. Ä. und Couvilliés d. J., Gunetzrhainer, Oeffner und Lespilliez, der Bildhauer Dom. Aulizeck, Rom. Boos, Karl Dubut, Wilh. de Groff, Frz. Ign. Günther, Paul Troger, Frz. And. Schega, Joh. Straub u. s. w., des Stukkadorers Egyd Adam, der Maler Cosm. Dam. Asam, Gg. Desmarées, Aug. Demmel, Franz Ettlinger, Frz. Ig. Oefele, And. Wolf, Christian Wink, Frz. Jos. Winter etc. etc., sowie der Kupferstecher I. W. Stöckler, Mich. Wening, Jos. Ant. Zimmermann etc. etc., der Boulearbeiter Jos. Krapp und And. Lechner, des Elfenbeinschneiders Ig. Elhafen und des Goldstickers Frz. Jos. Jansen, der das blausamtene Bett in der kgl. Residenz so schön mit Silber stickte.