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Sagen & Geschichten

Zwölftes Kapitel

Hof, Adel und Beamte

In alten Tagen lag noch keine so breite Kluft zwischen den Fürsten und ihren Völkern, und wenn ein Bürger oder Bauer ein Anliegen auf dem Herzen hatte und meinte, sein Fürst könne ihm darin helfen, so gab es keine versperrten Thüren und davor postirte Wachen, sondern er konnte vor ihn treten und ihm in schlichten Worten die Sache vortragen. Und so wissen wir auch vom großen Kaiser Ludwig, daß er, wenn des Reichsregiments Geschäfte ihm gönnten, ein paar Wochen in seinem lieben München zu weilen, nach des Tages Mühen gar oft durch den hohen Thorbogen der alten Veste in die Burggasse hinaustrat und leutselig mit seinen treuen Bürgern verkehrte.

Und auch seine Nachfolger hielten es so und Herzog Stephan der Kneißel konnte einstmals zu seinem Schwiegervater, dem Herzog Galeazzo Visconti von Mailand, mit Recht sagen: „wir haben zu den Unsern in unsern Landen ein solches Trauen, daß keiner ist, in dessen Schooß wir nicht eine Nacht ohne Sorge schlafen dürften.“ Um so weniger trugen sie Anstand, an öffentlichen Orten mit dem Volk zu verkehren, das sie darum nicht minder hoch hielt. Und so kam es auch, daß der Bürgermeister Georg Kätzmair und der Stadtschreiber Peter Krümmel von München, als sie im Auftrage der Stadt mit dem Herzog Stephan zu sprechen hatten, ihn ein paar Tage vor Weihnachten des Jahres 1392 im Gasthause der Adelheid Schymelin an der Burggasse aufsuchten und ihn dort auch fanden, wie er eben in Gesellschaft des Herzogs Wilhelm aß. Und das war nicht etwa in einer Herren-, sondern in der großen allgemeinen Gaststube der Schymelin und es handelte sich um wichtige Staatsangelegenheiten. Sein Sohn Ludwig, ein geistvoller und gewandter Jüngling, der schönen Isabeau von Frankreich schöner Bruder, seines kräftigen Bartwuchses halber der Bärtige genannt, war der Liebling der Münchener Bürger, mit denen er gern beim Weine saß und deren Frauen und Töchter er zum Tanz führte. Von Herzog Wilhelm ganz zu schweigen, der sich die schöne Enkelin der Frau Schymelin zur Liebsten erkor.

Dabei war der Haushalt der Fürsten ein gar bescheidener, denn die ewigen Fehden kosteten viel Geld und trugen selten etwas ein und die Juden nahmen hohen Wucherzins. So gerieth Herzog Friedrich, Stephans und Johanns Bruder, in solche Noth, daß ihm nichts mehr übrig blieb, als seiner Gemahlin Magdalena Visconti Geschmeide zu versetzen.

Dieselbe patriarchalische Sitte blieb auch noch im XV. Jahrhundert erhalten. So ging einstmals ein armer Mann zu Herzog Albrecht III., dem Gemahl der schönen Agnes Bernauer, und klagte ihm seine große Noth. Der junge Herzog achtete nicht viel darauf und schaute, während der Arme zu ihm sprach, zum Fenster hinaus, an dem er stand. Das verdroß den armen Mann billig und er sprach: „Herr, Euer Auslugen ist mein groß Verderben, wann Ihr sollt merken auf meine Klag, die ich Euern Gnaden thu, damit mir geholfen würde und ich nit also verdürb.“ Der Herzog aber nahm sich das zu Herzen und schaute fortan nicht mehr zum Fenster hinaus, wenn arme Leute zu ihm kamen, ihm ihre Angelegenheiten vorzutragen.

Nach der Einführung des Erstgeburtsrechtes durch Herzog Albrecht den Weisen, das den verderblichen Landestheilungen ein Ende machte, nahm auch das Leben am Hofe eine andere Gestalt an, denn die Einkünfte mehrten sich stark und betrugen schon unter Wilhelm dem Standhaften 250,000 fl. (428,571 M.), wozu der 1543 zum ersten Mal eingeführte Aufschlag auf Bier, Wein, Meth und Branntwein nicht wenig beitrug. Zum Hof gehörten damals nur 162 Personen mit fester Bestallung und einem Gesammtgehalte von 3786 fl. (6490 M.). Gleichwohl hinterließ der Herzog über eine Million Schulden.

Von überschwänglicher Prachtliebe zeugte der Hof Herzog Albrechts V.; er vereinigte die berühmtesten Gelehrten, Künstler und Musiker seiner Zeit um sich und hielt auf dem Starnberger See eine kleine aber kostbare Lustflotte und im Zwinger neben dem alten Hofe Löwen, deren einer ihn wie ein Hund überall begleitete. Ihm verdankt München die Anlage seiner Bibliothek und Gemälde-, Münz- und Antikensammlung. Seine Zeitgenossen nannten ihn den Vater der Musen, den prächtigen, den Goldbrunnen, durch den alle Gebiete der Wissenschaft und Künste überströmend befruchtet würden.

Nicht weniger prächtig war der Hofhalt Wilhelms V., dessen Hochzeit mit Renata von Lothringen sein Vater mit einer Verschwendung hatte ausrichten lassen, welche selbst jene bei der Georgs des Reichen von Bayern-Landshut mit Hedwig von Polen übertraf. Die Kosten derselben beliefen sich nach der noch vorhandenen Hofrechnung auf 125,604 fl. (215,321 M.), wurden aber nicht aus dem Säckel des Herzogs, sondern aus dem des Landes bestritten; denn die Landstände hatten hiefür und für die Aussteuer des Prinzen Wilhelm 190,000 fl. (325,714 M.) bewilligt. Die Münchener standen sich ganz gut dabei. Abgesehen von dem Gewinn aus dem Andrang der Gäste zu dem achtzehntägigen Feste findet sich in der Hofrechnung u. A. folgender Posten: „Den Wirthen zu München zur Auslösung der Fürsten und Herren Gesind: Suppen, Abend- und Schlaftrunk je für eine Person des Tags 48 kr. (1 M. 37 Pf.) Summa: 31,774 fl. (54,470 M.).“

Auch Wilhelm that viel für Kunst und Wissenschaft und das ward ihm um so leichter, als er sich auf Grund der Lehre des Jesuiten Hoffaeus, der alles Zinsenzahlen für einen Gott mißfälligen Wucher erklärte, nicht verpflichtet hielt, von seinen auf anderthalb Millionen angewachsenen Schulden Zinsen zu bezahlen.

Nach seiner Abdankung im Jahre 1598 hielt Wilhelm zwar noch einen eigenen Hof, der aber war ganz absonderlicher Art. Er trug schwarze Mönchs- und seine Gemahlin schwarze Nonnenkleidung und auch alle Hofdiener mußten sich schwarz kleiden. Der Herzog speiste nur von schlechtem irdenen Geschirr und bediente täglich zwölf Arme bei der Tafel, ebenso die Pilger bei St. Rochus und wusch ihnen die Füße und wartete und pflegte in dem von ihm gestifteten Siechen-, Waisen- und Findelhause die Kranken und Kinder, geiselte sich auch in der Fastenzeit bis aufs Blut und trug auf bloßem Leibe ein härenes Kleid.

Wilhelm's V. Lob hat sein Enkel Ferdinand Wilhelm nach den Mittheilungen seines Erziehers, eines Jesuiten, als er von des Großvaters Sterbelager gegangen in den naiven Worten ausgesprochen: „Man sagt, er sei gar gehorsam gewesen, und hat allzeit gethan, was man ihn geheißen habe.“ Nun, das konnte der Jesuit ja wissen.

Seinem laxen Haushalt-Regiment folgte das strenge seines Sohnes Maximilian, der in dem Alleinhandel mit dem Weißbier und Salz eine neue ergiebige Einnahmsquelle schuf. Wimmelten doch, wie ein Münchener Bericht von 1605 sagt, die Wein-, Meth- und Bierhäuser Tags und Nachts von Zechern.

So lange Maximilian noch Herzog war, bestand sein ganzer Hofstaat aus nur zwölf Personen, als er aber im Jahre 1623 den Kurhut erhalten, richtete er seinen Hof ganz nach dem kaiserlichen ein und schuf acht Oberhofämter und fünf Erbämter. In diesen dreizehn Aemtern finden wir fortan die Reichsgrafen von Fürstenberg und Truchseße von Waldburg, die Reichsgrafen von Fugger, Rechberg-Rothenlöwen, Törringer, Tattenbach, Preysinger, Thürheim, Taufkirchen, Königsfeld, Leublfing, Lerchenfeld, Seinsheim und Baumgarten, dann die Freiherren von Gumppenberg, von Klofen und Freyberg. Eine besonders hervorragende Rolle spielten zu allen Zeiten die Grafen von Arco, während die Landgrafen von Leuchtenberg und die Grafen von Tilly, Maxlrain und Wolfstein schon vor der Mitte des vorigen Jahrhunderts ausstarben. Ebenso die Kurtz und Haslang. So bestand der Hof des Kurfürsten aus 540 Personen mit einer Gesammtbesoldung von mehr als 67,000 fl. (114,857 M.).

Unter Ferdinand Maria bekam durch den Einfluß seiner aus Savoyen gebürtigen und ganz französisch gebildeten Gemahlin Adelheid der Hof eine ganz neue Gestalt. Der trotz der Verarmung des Landes an demselben herrschende Luxus trat namentlich bei den Festlichkeiten zu Tage, welche der Kurfürst im Jahre 1671 beim Besuche des Erzbischofs von Salzburg, Max Gandolf Graf von Kuenburg, in München und am Starnberger See gaben. Auf dem See lag eine colossale nach dem Krönungsschiffe des Dogen von Venedig Bucentaur benannte Lustfregatte. Selbe war 100 Fuß lang, 25 breit und 20 hoch, mit 110 Rudern und 26 Kanonen versehen, faßte an 500 Menschen, war innen und außen auf das erfindungsreichste mit mythologisch-allegorischen Skulpturen und Gemälden geziert und ward auf ihren Fahrten von einem zahlreichen Geschwader kleinerer Barken und Gondeln umschwärmt. Die Fahrten waren meist mit Parforce-Jagden in den See gehetzter Hirsche und Fischerspielen, wie Schiffrennen, Lanzen- und Fischerstechen verbunden.

Ueber den Bucentaur, von dem heute nur das Gallionbild übrig ist — es steht im bayerischen National-Museum — berichtet der Franzose Chapuzeau als Augenzeuge des erwähnten Festes: „Alle die Herrlichkeiten und curiosen Dinge, die man in Bayern sehen kann, übertrifft der Bucentaurus auf dem Starnberger See — er muß für ein Wunder der Zeit gelten. Nicht nur steht er weder an Schönheit, noch an Größe dem von Venedig nicht nach, von dem man soviel Aufhebens macht — der bayerische hat noch etwas Lachenderes und Prachtvolleres. Vom Vorder- bis Hintertheil ist er bis ins Wasser hinein vergoldet; es befindet sich auf dem Schiff eine Säulenhalle, vor der eine hohe und schöne künstliche Fontäne steht; von ihr kommt man in einen großen Salon und zwei Cabinete. Rings um das Schiff läuft eine Galerie in Gestalt eines Balkons; auch sie ist vergoldet und mit Gemälden geziert. Der Hintertheil des Schiffes stützt sich auf zwei Löwen, die eine große Schiffslaterne tragen, und auf dem Vordertheil steht eine Statue des Neptun als Riese, der mit der einen Hand einen Dreizack hält und mit der anderen zwei Segel aufzuspannen scheint. Das oberste Theil des Schiffes ist ebenfalls durch die Fontäne bewässert, alles Außenwerk, wie schon gesagt, vergoldet und mit Schnitzwerk verziert und bedeckt mit einer Menge von Wimpeln, Flaggen und Fahnen. Der Reichthum der Möbeln im Innern entspricht ganz der Pracht von außen und diese ungeheuere Maschine wird von hundert und fünfzig Ruderern in Bewegung gesetzt, die man wie beim Bucentauro in Venedig nicht sieht, und deren gemalte und vergoldete Ruder einen überaus schönen Anblick gewähren.“

Den ersten Tag dieser Festlichkeiten fuhren die Herrschaften von Berg nach Starnberg, den dritten — am zweiten regnete es — nach Possenhofen zum Diner, nach welchem eine Hirschjagd im See, und dann fischte man Fische und Perlen. Nach dem Souper aber gab es ein großes Feuerwerk auf dem See. Und von der abgehaltenen Lust-Seeschlacht schreibt ein anderer Berichterstatter: „dabei seynd zu sehen gewesen zwey Kriegsschiffe, welche continuirlich mit Feuren und Schlägen gegeneinander gespilet, wie auch 60 allerhand Wasserkugel „die geringste zu 50 Pfund“.“

Darauf folgte in der Reitbahn zu München ein glänzendes Caroussel und den Schluß machte ein zweites Feuerwerk vor der Kapuzinerbastei, während dessen zwei Bataillone Infanterie, vier Schwadronen Cavallerie und zwölf Feldstücke unaufhörlich feuerten, und das zwei Stunden dauerte. Bei der Tafel bediente man sich der beiden großen goldenen Service, deren jedes aus einem großen Schwenkkessel, zwei solchen Kannen, vier Flaschen, fünf großen Gießbecken, vier Dutzend Schüsseln, sechs Dutzend Assietten und sechs Leuchtern sammt übrigem Zubehör bestanden.

Umsonst hatte der Kammer Präsident Frhr. von Mandl 1662 gegen die Verschwendung geeifert: „Uebermaaß in allen Aemtern, als Frauenzimmer, Kämmerer, Musik, Kammerdiener, Medici“ — „Beide Oberhofmeisterinnen nehmen hinweg und geben anderen, was sie wollen.“ — „Kosten sie zwei- oder dreimal soviel, als eine ganze Frauenzimmer-Tafel.“ — „Mundkellner und Sommelier (Kellermeister) lassen ihnen nichts sagen und kaufen, wie sie wollen.“ — „Hauskämmerei braucht jetzt mehr weißes Wachs, als vor diesem Unselt (Unschlitt), jetzt mehr Pommeranzen und Simonien, als vor diesem gemeine Aepfel.“ — „Jetzt geht mehr Zucker als vor diesem Salz auf.“

Es gab da zwanzig Kammerherren mit dem goldenen Schlüssel wie in Wien, eine Hofkapelle von vierzig Musikern, eine Leibgarde von sechzig Trabanten und hundert Mann zu Pferd rc. rc.

Der Hof Max Emanuels war ganz und gar nach französischem Muster eingerichtet. Zu seiner Vermählung mit des Kaisers Tochter Maria Antonia im Jahre 1685 kaufte er zu den schon vorhandenen zwei goldenen Servicen noch ein größeres und kostspieligeres aus neun Dutzend Tellern, sechs Dutzend Schüsseln, sechs Schalen, sechs Leuchtern, einem großen Gießbecken, zwei prächtigen Waschbecken, zehn Konfektschalen und vielen goldenen Löffeln, Messern und Gabeln, deren viele mit Edelsteinen besetzt waren. Mit derselben Pracht, mit der sich Max Emanuel bei seinen wiederholten Besuchen Venedigs z. Z. des Carnevals umgab, empfing er 1690 seine kaiserlichen Schwiegereltern auf der Rückreise von Augsburg nach Wien in München. Bei dem ihnen zu Ehren veranstalteten Turnier trug er „einen rothsammtnen Rock, der über und über schwer mit Diamanten und Rubinen besetzt war, so etliche Tonnen Goldes werth geschätzt wurde.“

Tags darauf gab es eine sog. maskirte Wirthschaft, bei welcher der Kurfürst und die Kurfürstin als Wirth und Wirthin figurirten und von Kellnern und Hausknechten umgeben waren. Max Emanuel lag Sommers meist im Feld und „den ganzen Winter über hatten Amouretten, Caroussels, Opern, Comödien und Schlittenfahren kein Ende“, wie der Marschall de Villars nach Paris berichtete. Wäre das nur in Bayern der Fall gewesen, so hätten es die Bayern wohl ruhig hingenommen, aber da er dieß Leben in Brüssel noch in erhöhtem Maßstabe fortsetzte, wo er Namens Carls II. als Statthalter der Niederlande lebte, so meinten seine zur Bestreitung solchen Aufwandes mit verdoppelten Steuern gedrückten Bayern: „Der Kurfürst brockt den Niederländern sein Bayern ein.“ Damals entstand auch ein Sprüchwort, das sagte: „In Brüssel geht's zu, wie im ewigen Leben.“

Bei seiner enormen Schuldenlast ließ er sich auch noch von Goldmachern, zuerst dem berüchtigten Donte Ruggiero, den er zum Feldmarschall, Generalfeldzeugmeister, Staatsrath und Commandanten von München ernannte, und der, nachdem er dem Kurfürsten 60,000 fl. (102,857 M.) abgeschwindelt, später in Preußen gehenkt wurde, und dann von einem Grafen Taufkirchen betrügen. In Holland brachte es der leichtlebige Herr zu einer Schuldenlast von 1,120,000 fl. (1,920,000 M.) und hinterließ, obschon ihm die Landstände im Jahre 1721 acht Millionen (13,714,286 M.) zur Einlösung der verpfändeten Juwelen und zur Tilgung der übrigen Schulden bewilligt hatten, bei seinem Tode die für jene Zeit riesige Summe von 30 Millionen Gulden (51,428,571 M.) Schulden.

Unter Max Emanuels zweiter Gemahlin, Therese Kunigunde von Polen, gab der Hof noch mehr zu reden. Sie gab durch die seltsame Laune, nicht öffentlich erscheinen zu wollen, immer nur Maskenbälle, nie aber die Kirche zu besuchen und keine Hofdamen um sich zu dulden, in Brüssel viel Aergerniß. In München setzte sie dieß Leben fort und konnten es ihr die Münchener mit Recht nicht verzeihen, daß sie ihre Kinder nicht einmal deutsch wollte lernen lassen. Und der Kurfürst machte es nicht besser, und es begann am Hofe eine Maitressenherrschaft, die dem Versailler in nichts nachstand.

Das Unglück, das der spanische Erbfolgekrieg über sein Haus und Land gebracht, schien spurlos an ihm vorübergegangen; Lustbarkeiten aller Art wechselten Tag für Tag und er selber ordnete sie an und leitete sie persönlich und außer dem König von Frankreich besaß kein Fürst Europa's so herrliche Lustschlösser als er. Für die damals weltberühmte Flora-Fontäne im Schloßgarten zu Nymphenburg, die 172 Schritte im Umfang hatte und deren zahlreiche Statuen und Berge alle vergoldet waren, gab er allein 60,000 fl. (102,857 M.) aus. Die Kosten der Hofhaltung berechneten sich auf jährlich 2,120,000 fl. (3,634,386 M.). Dazu kamen in den Jahren 1713 bis 1720 noch 4,601,145 fl. (7,887,677 M.) Extra-Ausgaben. Auch die Jagd wurde so großartig betrieben, daß täglich 400 Pferde auf den Beinen waren.

Der Zuzug italienischer Adeliger an den bayerischen Hof hatte schon unter Wilhelm V. begonnen, sich unter Ferdinand Maria gesteigert und dauerte auch unter Max Emanuel noch fort, so daß sie zuletzt auf 43 Familien anwuchsen, und Max Emanuel zog dazu noch über 40 französische und niederländische an seinen Hof.

Unter dem Kurfürsten Karl Albrecht, nachmaligem Kaiser Karl VII., behielt der Hof seinen französischen Charakter vollständig bei, namentlich in Bezug auf die Laxheit der Sitten, von der uns die Skandal-Chronik jener Zeit gar viel zu erzählen weiß. Daneben aber gehörte fleißiger Kirchenbesuch zum guten Ton. Auch ein leidenschaftlicher Jäger war der Kurfürst und die Kurfürstin Amalie theilte diese seine Leidenschaft. So wimmelte es in den Gemächern Beider von Hunden, welche die Prachtmöbel der Schlösser Schleißheim und Nymphenburg übel zurichteten. Des Kurfürsten Lieblingshund lag in einer Loge neben seinem Bett, während zwölf andere Logen für Hunde sich im anstoßenden Schreibsaal befanden. Und die Kurfürstin hatte bei der Tafel einen Hund auf jeder Seite und einer hatte neben ihrem Bett ein gelbseidenes kleines Gezelt mit einem Kissen, auf der Seite aber hing das Brustbild des Herrn Christi mit der Dornenkrone, wie Reußler in seiner Reise durch Deutschland 1724 schreibt.

Der Hof brauchte viel Geld — er zählte, ehe der Kurfürst noch Kaiser geworden, schon 267 Kammerherren — und so verkaufte der Kurfürst im Jahre 1738 8000 Bayern, den Mann zu 36 fl. (61 M. 71 Pf.) an das Haus Habsburg, das sie gegen die Türken schickte. Der Krieg um die Kaiserkrone ruinirte das Land vollständig und bei seinem Tode hinterließ der Kaiser 40 Millionen Schulden.

Sein Nachfolger Maximilian III. hielt nicht minder auf Glanz und Prunk, obwohl es um die Finanzen noch immer schlecht genug bestellt war. Zudem bestand seine Umgebung aus ganz mittelmäßigen Leuten, so daß es seinem Beichtvater, dem Jesuiten P. Stadler doppelt leicht war, den Kurfürsten ganz zu beherrschen. Auch Maximilian verkaufte Soldaten an Oesterreich, bekam aber nur 24 fl. (41 M. 14 Pf.) für den Kopf.

Karl Theodor machte aus seiner Abneigung gegen Altbayern kein Hehl und die Altbayern, die Münchener an der Spitze, gaben sie mit Zinsen zurück. Mit ihm kam die ganze Lüderlichkeit des Mannheimer Regiments nach Altbayern. Aemter wurden um Geld und Gunst vertauscht und vererblich gemacht und im Voraus nicht blos den Söhnen, sondern auch den Frauen und Töchtern der Begünstigten zugesichert. So führt ein „churpfalz-bayerischer hochadeliger Damenkalender“ aus jener Zeit ein „Fräulein Oberforstmeisterin“, eine „beanwartete Grenz-Hauptmauterin“ und ein paar Dutzend „Pflegerinnen“ auf. „Pfleger“ aber hießen die Beamten, in deren Händen die Justiz und Verwaltung lagen. Der Adel erfreute sich in Bezug auf das Steuerzahlen besonderer Begünstigung und von den Gesammtsteuern verzehrte der Hof ein volles Fünftel. Ebenso schlimm stand es um die Armee. Obwohl der Kurfürst keine sonderliche Neigung für das Militärwesen hatte, ward das Soldatenspiel doch so weit getrieben, daß auf je zwei- bis dreihundert Mann ein General traf, es auch an einem Generalfeldmarschall, ja sogar für die zwei oder drei Rheinschiffe nicht an einem Großadmiral fehlte. Mindestens ein Viertheil der Armee bestand aus Offizieren, unter denen kaum ein Bürgerlicher zu finden war.

Neben der Armee von Soldaten, die dem Lande 1,400,000 fl. (2,400,000 M.) jährlich kostete, gab es noch eine Armee von 10,000 und mehr Hof- und Staatsbeamten beider Geschlechter. Darunter 83 Excellenzen, 152 geheime und gegen 1000 gewöhnliche Räthe; zum Beamtenstaat in München allein aber gehörten im Jahre 1782 nach Westenrieders Beschreibung von München nicht weniger als 3762 Personen.

Seinem großen Vorbilde Ludwig XIV. eiferte der Kurfürst auch darin nach, daß er die Zahl der Adeligen namhaft vermehrte; wenn Vehse schreibt, er habe nicht weniger als 190 Familien in den Adelstand erhoben, so bleibt er um die Hälfte hinter der wahren Ziffer zurück. Die Zahl der Kammerherren war bei seinem Ableben auf 600 angestiegen, wovon etwa ein Sechstel in München seinen ständigen Wohnsitz hatte. Im Ganzen zählte der Hof im Jahre 1789 2150 Personen. Die Landjägerei war nach französischem Muster eingerichtet und bestand aus 6 bis 700 Mann und in den kurfürstlichen Marställen standen 450 Pferde, obwohl der Kurfürst schon seit der Mitte der sechziger Jahre des Schwindels halber, dem er unterworfen war, weder ritt noch jagte.

Karl Theodors häusliche Verhältnisse waren keine glücklichen. Seine Ehe mit seiner Cousine Elisabeth Auguste blieb neunzehn Jahre kinderlos. Endlich schienen sich seine Hoffnungen zu erfüllen, da gebar ihm seine Gemahlin ein todtes Kind. Die Mutter entging nur mit Mühe dem Tode und mußte sich, ärztlichem Rathe gemäß, dem Gatten ganz entziehen, der damals erst 37 Jahre zählte und in der Vollkraft des Lebens stand. So war es nicht zu verwundern, wenn der Kurfürst gewisse Verbindungen einging, von denen der englische Reisende William Wraxall sagt, sie hätten sich nie durch Delikatesse oder Auswahl ausgezeichnet, wohl aber eher durch die entgegengesetzten Merkmale bemerkbar gemacht. Das Glück, das ihm die Gattin versagen mußte, suchte er in den Armen von Geliebten und hing mit rührender Zärtlichkeit an seinen natürlichen Kindern. Den Vorwurf seines Gewissens aber wußte die fromme und kluge Beredsamkeit seines Beichtvaters, des Exjesuiten P. Frank zu beschwichtigen. Die Chronik jener Tage hat uns mit seinen Geliebten bekannt gemacht. Sie nennt uns als die erste in der Reihe eine Bäckerstochter Huber aus Mannheim. Sie wurde zur Gräfin Bergstein erhoben; die zweite, Josepha Seyffert, die Tochter eines Regierungskanzelisten und Schauspielerin, machte er zur Gräfin Haideck. Ihr Sohn Carl August war der besondere Liebling des Vaters, der ihm um 300,000 fl. (514,286 M.) die westphälische Herrschaft Bretzenheim kaufte, die Würde eines unmittelbaren Reichsfürsten verschaffte und das Großpriorat der bayerischen Malteserordens-Zunge übertrug, mit dem ein Jahreseinkommen von 26,000 fl. (44,571 M.) verbunden war. Nach seiner Uebersiedelung nach München folgte der Haideck die Gräfin Josephine von Törring-Seefeld, geb. Gräfin Minucci, und dieser die Freiin Elisabeth Schenk von Castell.

Im Jahre 1795, ein Jahr nach dem Tode seiner Gemahlin Elisabeth Auguste, vermählte sich der einundsiebzigjährige Kurfürst zum zweiten Male und zwar mit der siebzehnjährigen Erzherzogin Maria Leopoldine aus dem Hause Habsburg-Este und Graf Rumford veranstaltete im Auftrage seines Herrn im englischen Garten ein großes Fest.

Seit dem Einfalle der Franzosen schloß sich der Kurfürst immer mehr von seinem Volke ab, mißtraute demselben mehr als je und ließ es durch reichbesoldete Aushorcher überwachen. Der verhaßte geheime Referendar und Staatsrath von Lippert schlug an der Spitze des geheimen Ausschusses im gelben Zimmer der Residenz sein Hauptquartier auf, erbrach oft an einem Tage hundert auf der Post zurückgehaltene Privatbriefe und besoldete einen eigenen Siegelstecher zur Herstellung falscher Siegel. Als einmal auch ein Brief des Baron von Meggenhofen erbrochen worden, der von dessen freien religiösen Ansichten Zeugniß gab, ließ der Kurfürst auf Anstiften seines Beichtvaters P. Frank den Baron zum besseren Unterricht im katholischen Glauben einen Monat lang im Franziskaner-Kloster gefangen halten.

Seine uneheliche Tochter, Eleonore Gräfin von Leiningen-Guntersblum, entlief mit einem französischen General und der Kurfürst selber ließ von seinem Hofmusikus und Hofnarren Pranger die angesehensten Männer verhöhnen, während der Sage nach seine junge Gemahlin ihren Gästen Katzen, Mäuse, Ratten, Fledermäuse u. s. w. vorsetzen ließ, um sich an ihrem Ekel zu ergötzen. So sank die Achtung vor dem Hofe immer mehr. Zudem wußte das darbende Volk, daß im Hausschatze ungeheuere Baarsummen lagen, die für Staatszwecke auch nur auszuleihen der Kurfürst nicht zu bewegen war. Sie waren eben für seine Kinder bestimmt. Und dabei betrug das Jahresbudget für den Hof allein weit über eine Million. Gastmähler und Lustfahrten, Tänze und Spiele, Theater, Liebschaften und ernste Geschäfte erhielten den Hof fortwährend in Athem. Daneben wurden die Kirchenfeste mit altem Glanze gefeiert und hörte der Kurfürst jeden Sonn- und Feiertag in der Herzogspitalkirche am Altar mit dem wunderthätigen Marienbild die Messe.

Von Carl Theodor's Prachtliebe, der er Millionen opferte, zeugten seine reizenden Gartenanlagen, seine prächtigen Paläste, seine unvergleichlichen Concerte, seine zauberhaften Schauspiele. Sein Hofpersonal bestand aus nicht weniger als 1506 Seelen, welche in sechs Stäbe vertheilt waren. Da finden wir unter Anderen 23 Hof-Geistliche, 16 Leibmedici und Leibchirurgen sammt 8 Hofmedicis und Hofchirurgen, 16 Hoftapezierer, 46 Kämmerer, 6 Truchsessen, 67 Mann Küchenpersonal, 12 Conditoren, 3 Oberststallmeister, 16 Edelknaben, 33 Kammer- und Hoflaquaien, Läufer u. f. w.; 11 Heiducken, 38 Vorreiter, 3 Oberstsilberkämmerer, 2 Oberst- und Vice-Oberstjägermeister, 24 Piqueurs, 65 Gejaid-Fuchterknechte, 22 Sänger und Sängerinnen, 62 Instrumentalisten, 27 Tänzer und Tänzerinnen, 26 deutsche Schauspieler u. s. w. Außerdem hatte der Kurfürst noch eine Trabanten- und Partschiergarde von dreihundert Mann.

In der kurfürstlichen Residenz, deren Reichthum weit über Bayern hinaus berühmt war, versammelte sich die Elitè der Gesellschaft, und da war es besonders die sogenannte grüne Galerie mit den beiden dazu gehörigen Zimmern, welche zum Mittelpunkte der vornehmen Versammlung diente, die oft über einhundert fünfzig Cavaliere und Damen im blendendsten Anzuge zählte. Bisweilen waren auch noch die acht prächtigen Kaiserzimmer geöffnet und alle Räume von dem Scheine von tausend Wachskerzen erhellt.

Den am Hofe lebenden Adel beurtheilt Riesbeck in seinen Briefen eines reisenden Franzosen höchst ungünstig. „Unter dem großen Adel giebt es, wie überall, ausgebildete und sehr artige Leuthe; aber überhaupt genommen ist er im ganzen Umfange des Wortes Pöbel, ohne alles Gefühl von Ehre, wenn nicht ein großer Titel und Bänder und Sterne ausschließlich Ehre heißen, ohne Erziehung und ohne Thätigkeit für den Staat, ohne alles Gefühl für sein Vaterland, ohne alle Empfindung von Großmuth. Die meisten Häuser, von denen mehrere 15 bis 20 und einige wohl auch 30 bis 40 Tausend Gulden Einkünfte haben, wissen von gar keiner andern Verwendung ihres Geldes, als zu essen, zu trinken, zu h— und zu spielen. Das Spiel hat schon viele gute Häuser zu Grunde gerichtet. Das jetzt regierende Lieblingsspiel der Hofleute heißt Zwicken; seitdem aber Finanzminister Pombesch die Besoldungen so entsetzlich zwickt, nennen sie es pombeschen. — Viele Hofdamen kennen außer dem Bette keine andere Beschäftigung, als mit ihren Papageien, Hunden und Katzen zu spielen. Eine der vornehmsten Damen, die ich kenne, hält sich einen großen Saal voll Katzen, und zur Bedienung derselben 2 bis 3 Zofen. Sie bespricht sich halbe Tage weg mit denselben, bedient sie oft selbst mit Kaffee und Zuckerbrod und putzt sie nach ihrer Phantasie täglich anders auf.

Der kleine Adel und die eigentlichen Hofbedienten schleppen sich mit einer erbärmlichen Titelsucht. Ehe der jetzige Kurfürst (Karl Theodor) hieher kam, wimmelte es hier von Excellenzen, gnädigen und gestrengen Herren. Das Lächerliche der Titulatur fiel dem jetzigen Hof auf, weil sie in Mannheim nicht üblich war. Es erschien eine Verordnung, welche deutlich bestimmte, wer Excellenz, Euer Gnaden und Euer Gestrengen heißen solle. Die, welche durch diese Verordnung entexcellenzt und entgnädigt wurden, und besonders die Weiber derselben, wollten verzweifeln. Zum erstenmal hörte man nun hier über Tyrannei klagen, von der man zuvor gar keinen Begriff zu haben schien, und der Hof hätte den gnädigen Herrn ihr Brod, ihre bürgerliche Ehre und ihr Leben nehmen können, ohne sich diesen Vorwurf zuzuziehn.“

Und als Papst Pius VI. im April 1782 auf der Rückreise von Wien nach Bayern kam, eilte ihm Karl Theodor bis Altötting entgegen, führte ihn mit großem Gepränge und umgab ihn während dessen fünftägigem Aufenthalt in München mit den höchsten Ehren, während Tausende und Tausende andächtig herbeiströmten, den Segen des greisen, von seiner Reise nach Wien bitter enttäuscht heimkehrenden Stellvertreters Christi auf Erden zu empfangen.