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Sagen & Geschichten

Drittes Kapitel

Graggenauer Viertel

Kehren wir auf unserer Wanderung zur Theatinerkirche zurück, so haben wir in nächster Nähe das Schwabingerthor, von dem noch die Rede sein wird, und das gräflich Preysing’sche Palais, nun Eigentum der bayerischen Hypotheken- und Wechselbank. Es zählt zu den schönsten Bauwerken der Spätrenaissance in München und war 1720 ursprünglich in einfacherer Gestalt von einem Grafen von Rechberg erbaut worden.

Der Hauptfronte gegenüber auf der anderen Seite der damaligen Residenz-Schwabingergasse, der ersten im Graggenauerviertel, das wir nun betreten haben, erhebt sich der mächtige Bau der vom Kurfürsten Maximilian I. aufgeführten Residenz. Dieselbe kam, freilich nur in ihrem kleineren gegen Osten gelegenen Teil, auf den Grund und Boden zu stehen, auf dem ehedem die Neue Veste gestanden.

Dass aber diese gebaut wurde, kam so: Nach dem Tode Stephans mit der Hafte, des zweiten Sohnes Ludwigs des Bayern, regierten dessen drei Söhne Stephan der Kneißel, Friedrich und Johann eine Zeit lang (1375–1392) gemeinschaftlich. Im Jahre 1385 rebellierten die Münchener Bürger, erbittert über die schlechte Finanzwirtschaft der Herzöge und über Gewalttätigkeiten des Patriziers Ulrich Impler, der bei Herzog Johann hoch in Gunst stand, machten dem Impler den Prozess und schlugen ihm den Kopf ab. Über diesen Frevel ergrimmten die Herzöge sehr, widersagten der Stadt und wollten den unschuldig Gerichteten rächen. Da baten die Münchener um Gnade. Nun mussten hundert Männer unbewaffnet nach Dachau gehen, wo Herzog Johann eben residierte, und ihn kniefällig um Gnade anflehen; und als er und seine Brüder darauf nach München eilten, da mussten alle Männer der Stadt vor dem Neuhauserthor sie kniend empfangen und die Schlüssel zu den Toren der Stadt überreichen.

Am härtesten wurde der Bürgermeister gestraft; der musste seines Frevels halber anstatt der goldenen Ehrenkette einen Strick um den Hals tragen. Und zwar nicht bloß bei diesem Einritte der Herzöge, sondern er und jeder seiner Nachfolger — so geht wenigstens die Sage — alljährlich am Tage der Kreuzerfindung und dem der Kreuzerhöhung bei dem öffentlichen Gottesdienste.

Die Herzöge aber belegten die Bürger mit schwerer Geldbuße und zwangen sie zu gestatten, dass sie neben ihrer bisherigen Burg im Alten Hof zur Überwachung der Bürgerschaft eine neue erbauten, und außerdem an der alten ein eigenes Tor zum Ein- und Ausreiten.

Die „Neue Veste“ ward dann 1392 zu bauen begonnen und kam da zu stehen, wo heute der östliche Teil der Residenz am Marstallplatz steht, und neben ihr führte eine Brücke über den äußeren Bach und ein Tor vor die Stadt; letzteres ungefähr an der Stelle der Einfahrt in den heutigen Hofgarten. Das Tor aber zum Aus- und Einreiten von und zur alten Hofburg hat sich noch heute als Schlichtingerbogen zwischen Burg- und Lederergasse erhalten. Vordem hieß es das Thürmleinthor.

Albrecht IV. wohnte vor Erlangung der Alleinherrschaft einige Zeit in der ursprünglich wohl ziemlich engen Neuen Veste und dann im Alten Hof. Es scheint ihm aber weder dort noch hier behaglich gewesen zu sein, denn er erweiterte jene namhaft und vollendete den Bau 1476.

Eine Abbildung der Stadt in Hartmann Schedels Buch der Chroniken und Geschichten (Nürnberg 1493) zeigt, dass der keineswegs symmetrisch zu denkende Hauptbau durch einen viereckigen und einen runden Turm flankiert war. Der erstere ist verschwunden und mag da gestanden sein, wo jetzt die k. Hofapotheke ist; der andere soll den streitlustigen Herzog Christoph als Gefangenen seines Bruders Albrecht beherbergt haben und ist im Ostende des Festsaalbaues erhalten, wo durch ihn der Zugang zur kgl. Kabinetskassa führt.

Die von Lukas Cranach gemalte Ansicht der Stadt aus dem XVI. Jahrhundert gibt ebensowenig genaueren Aufschluss über die äußere Erscheinung der Neuen Veste; und nicht viel besser ist es mit unserem Wissen über die innere Einteilung derselben bestellt. Ohne Zweifel schlossen sich aber an den Hauptbau Nebengebäude an, während dem heutigen Hofgarten gegenüber die Katharinenkapelle und auf der anderen Seite des heutigen Küchenhofes die St. Georgenkapelle waren, welche beide der große Residenzbrand von 1750 zerstörte. Auf dem Turme der letzteren stellte 1584 Elias Purlebein eine zweimal schlagende Uhr auf.

Von den vorhandenen Gemächern nennen gleichzeitige Urkunden eine Rund- und mehrere Langstuben und die Kapellen als „Kirchenstübeln.“

In den stattlichen Räumen der Neuen Veste ging es manches Mal gar hoch her. So zeigt uns ein Kupferstich von M. Zasinger aus dem Jahre 1500 einen Hofball in der oben erwähnten Rundstube der Neuen Veste, wobei Herzog Albrecht IV. mit seiner Gemahlin Kunigunde in einer Fensternische beim Kartenspiel sitzt, während sich im Vordergrunde verschiedene Paare, dazwischen ein paar Hunde, durch den Saal bewegen. Ein zweiter lässt uns die fürstliche Brauttafel Herzog Wilhelms mit Renata von Lothringen am 22. Februar 1568 im großen langen Saale derselben Veste, ein dritter das Rößelturnier im nämlichen Saal am selben Tage, und ein vierter den Mummenschanz ebenda bei demselben Anlasse sehen. Die letzten drei Stiche fertigte Nik. Solis im Jahre 1568. In der mittleren Rundstube ward fünf Jahre später der neugeborene Herzog Maximilian getauft und 1579 ging in der Langstube Herzog Albrecht V. mit Tod ab. Leider ward die Neue Veste durch den großen Schloßbrand von 1580 stark beschädigt.

An dieser Stelle mag auch des kaiserlichen Gastes gedacht sein, den die Neue Veste am 10. Juni des Jahres 1530 beherbergte. Es war Karl V., der von Innsbruck kommend zum Reichstag nach Augsburg ritt und von den herzoglichen Brüdern Wilhelm und Ludwig mit großem Pomp eingeholt wurde. Dabei gab es allerlei Schauspiele, als die Erstürmung einer Burg, ein Fischerstechen, eine Vorstellung der Geschichte der Esther und der Königin Tomyris und eine Szene aus dem Leben des Kambyses. Und während des viertägigen Aufenthalts des Kaisers im Schlosse folgte Fest auf Fest.

Der Volckmerische Stadtplan vom Jahre 1613 verzeichnet auf der Ostseite der Residenz jenseits des nun eingedeckten Stadtgrabens einen Ziergarten mit einem Lusthaus in der Mitte. Es ist das der von dem prachtliebenden Herzog Albrecht V. im italienischen Style angelegte Hofgarten, dessen Areal heute der Marstallplatz einnimmt. Da gab es künstliche Terrassen, Grotten und Hügel und nach symmetrischen Linien gezogene Rasenflecke mit Marmorstatuen und Vasen. Das Hauptwerk aber war ein figurenreicher Neptuns- und Venusbrunnen, von Hans Reisinger aus Augsburg 1576 gar künstlich ausgeführt. Auch an anderen Bildwerken fehlte es nicht; so trug ein Hügel einen ehernen Pegasus, unter dessen Huf ein Quell entsprang. Um den Hügel reihten sich die neun Musen und in einer Grotte im Innern desselben stand eine Bavaria, wohl dieselbe, die jetzt den Kuppelscheitel des sogenannten Tempels im Hofgarten schmückt. Auf dem Giebel des Lusthauses sah man eine Statue des Apollo und in den Nischen des mit mythologischen Wand- und Deckengemälden von Hans Bocksberger geschmückten Innenraumes mancherlei plastisches Bildwerk.

Als Herzog Maximilian seine neue Residenz zu bauen begann, ließ er den größten Teil der Neuen Veste niederlegen, und was noch davon übrig blieb, das verwüsteten die Brände von 1674, 1729 und 1750. Dem Neubau musste auch der schöne Ziergarten Albrechts V. weichen; an seine Stelle trat das neue kurfürstliche Zeughaus, nachdem das alte beim Frauenfreithof hinter den Theatinern 1632 abgebrannt war. Das neue Zeughaus bestand aus fünf Gebäuden um ein großes Viereck. Hier war es, wo die Schweden die vergrabenen und zum Teil mit Goldmünzen gefüllten Kanonen entdeckten. Daneben stand zu Anfang unseres Jahrhunderts die kurfürstliche Artillerieakademie und weiterhin die Artilleriekaserne mit Offizierswohnungen.

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zur Residenz zurück. Herzog Maximilian lebte bis zu seines Vaters Ableben 1597 mit diesem in der nach ihm genannten Burg, wo es ihm nicht sonderlich behagt haben mag. Die Neue Veste lag seit dem Brande von 1580 noch teilweise in Trümmern und Maximilian hatte keine Lust zu ihrem Wiederaufbau. So begann er denn 1608 den Neubau zwischen dem Kapellenhof und dem heutigen Königsbau, die Residenzstraße entlang, wobei der sogenannte Grottenhof den Mittelbau des ganzen Baues bildete. Baumeister war der Münchener Hans Reiffenstuel. Nach Vollendung dieses Traktes ließ Maximilian 1612 den nördlichen um den Kaiserhof in Angriff nehmen und zwar durch einen anderen Münchener: Heinrich Schön, wobei die dortigen Türme, Mauern und Wälle der Neuen Veste niedergelegt wurden. Der Bau dieses Flügels dauerte über sechs Jahre.

Die neue Residenz Maximilians mit ihren vier weiten Höfen, zwanzig Sälen, sechzehn Galerien, vier Kapellen, sechzehn Küchen, zwölf Kellern, acht Thürnitzen und zweitausendsechzig Zimmern wurde als achtes Weltwunder gepriesen und Gustav Adolf von Schweden wünschte sie auf Walzen nach Stockholm schaffen zu können. Der hatte sich bei seiner ersten Anwesenheit in München vom 17. bis 27. Mai 1632 in der kurfürstlichen Residenz einquartiert und weil er diese nicht selber mitnehmen konnte, so nahm er aus ihr, aus der Bibliothek und der Kunstkammer wenigstens eine Menge wertvoller Sachen fort, und die Prinzen Bernhard und Wilhelm von Sachsen und der vormalige Böhmenkönig Friedrich von der Pfalz machten es nicht besser.

Der italienische Geschmack erhielt sich auch unter Maximilians I. Nachfolger, dem mit der savoyischen Prinzessin Adelheid vermählten Kurfürsten Ferdinand Maria, innerhalb der Residenz freilich nur in Bezug auf die Herstellung der sogenannten italienischen Zimmer (1651–1652), später die Kaiserzimmer genannt, weil Kaiserin Amalie als Witwe sie bewohnte, während unter seinen nächsten Nachfolgern das Rokoko die Alleinherrschaft inne hatte, die sich namentlich in den von Karl Albrecht, als Kaiser Karl VII., mit staunenswerter Pracht eingerichteten sogenannten reichen Zimmern ausspricht. Sie entstanden durch die Wiederherstellung des 1729 ausgebrannten östlichen Teiles der Residenz und ziehen sich bis in den westlichen herüber. Von ihnen schreibt Bianconi 1771: „dass bei dem Anblick dieser Zimmer die schönsten Paläste der Feen Reinem weiter fabelhaft vorkommen könnten. Die kostbarsten Tapeten, vergoldete Bronzen, marmorne Bildsäulen, altes und neues Porzellan, Spiegel, Schildereien, Stickwerk, Gold, Silber, Alles sei daselbst auf’s reichste verteilt und zwar mit so großem Geschmack, dass ein menschliches Auge nichts weiter mehr zu wünschen wisse.“ In diesen Zimmern übernachtete später Napoleon I.

Den Brand der Neuen Veste vom Jahre 1580 mit eingerechnet, wurde die Residenz viermal von schweren Feuersbrünsten heimgesucht. In der Nacht vom 9. auf 10. April 1674 schlief die erste Kammerfrau der Kurfürstin Adelheid, Fräulein de la Perouse, über dem Lesen im Bett ein, die Kerze entzündete ihr Bett, sie selbst rettete sich nur mit Not, während das Feuer einen großen Teil der Residenz, namentlich den von der Kurfürstin bewohnten südlichen Flügel, ein Werk Zuccalis, in Asche legte, woran außer den schlechten Löschanstalten in der Residenz die Eigensucht der Bürger die Hauptschuld trug, die jede Hilfe verweigerten, weil sie ihr eigen Hab und Gut für bedroht hielten. In der Nacht vom 14. Dezember 1729 entstand wieder ein Brand, diesmal nahe beim Schlafgemach des Kurfürsten Karl Albrecht, wobei zwei Geschosse der Residenz mit all ihren Kostbarkeiten ausbrannten und aus dem Hausschatz um eine Million entwendet ward. Der Brandschaden ward auf fünf Millionen geschätzt.

Der letzte Brand aber brach in der Nacht vom 5. März 1750 im französischen Residenztheater aus und verzehrte die Prachtbauten Karl Albrechts, die er nach dem Brande von 1729 hatte aufführen lassen, darin den 150 Fuß langen und 60 Fuß breiten, kostbar ausgestatteten Georgen-Saal, die Georgi-Ritterkapelle, die alte Katharinen-Kapelle und was sonst noch von der Neuen Veste übrig war, die Prachttreppe zur Wohnung der Edelknaben mit ihren 32 Marmorstufen, sieben fürstliche Zimmer, die Ritterstube, die Hofapotheke und das reich ausgestattete kurfürstliche Bad samt dem sogenannten Rosenkabinett, dem Feigenhaus und der Orangerie; verschont blieb diesmal nur der westliche Hauptflügel der Residenz.

Dem Hofgarten so nahe, tun wir wohl gut, ihn sofort zu betreten. Er verdankt seine Entstehung Maximilian I., der ihn 1614 anlegte und mit einer Mauer umgab, nachdem der alte am heutigen Marstallplatze mit dem Zeughause war überbaut worden. Es lagen da vordem Krautäcker, und der Kurfürst traf bei der Neubefestigung der Stadt 1623 Sorge, dass seine neue Schöpfung von der Umwallung eingeschlossen ward. Die Anlage zeigte eine Mischung von italienischem und holländischem Gartenstil: symmetrische Beete waren mit Buchs eingefasst und mit schönen Tulpen und anderen Blumen gefüllt. Von der Residenz aber führte ein gedeckter Gang hinüber.

Das Ganze zerfiel, wie aus Merians Stadtplan zu ersehen, in vier Teile, zwischen denen breite Wege liefen, deren acht in einer von Heinrich Schön erbauten, noch heute erhaltenen Rotunde zusammentrafen, die innen mit Muschelgrotten und Fresken geschmückt ward. Auf die Kuppelscheitel derselben kam die schon erwähnte Bavaria aus dem Hofgarten Albrechts V. zu stehen, aus dem auch noch manches andere Bildwerk hier Verwendung fand. Der westlichste Teil des Gartens gegen die heutige Ludwigstraße zu war, um Schatten zu gewinnen, mit Bäumen bepflanzt. Auch an Springbrunnen wird es kaum gefehlt haben. Der ganze Plan scheint nach Merians Zeichnung mit einem Laubengang umgeben gewesen zu sein, der sich an vierzehn den Wegen im Innern entsprechenden Punkten zu ebenso vielen Eingängen öffnete. Zwölf kleine Kuppelbaldachine wölbten sich über ebenso vielen Kreuzwegen.

Der Garten ward gegen Westen (die heutige Ludwigstraße) durch eine Mauer begrenzt, die vielleicht zum Teil dem von Albrecht V. erbauten, von Maximilian aber abgebrochenen Turnierhaus angehört hatte, gegen Norden aber, wo heute die Galeriestraße hinläuft, von Arkaden, deren Wände mit Fresken aus dem Leben Ottos von Wittelsbach und den allegorischen Gestalten der zwölf Monate von Peter Candid geschmückt waren.

Bis in unser Jahrhundert herein war auch die Grundfläche der 1803 erbauten Leib-Regimentskaserne und der davor liegende Exerzierplatz zum Hofgarten einbezogen. Die Esplanade dortselbst trug zierliches Gitterwerk und zwischen figürlich gezogenen Blumenbeeten zahlreiche Statuen. Dann folgte unten ein Weiher, den ein in der Mitte zu einer kleinen Insel erweiterter Damm in zwei gleiche Hälften teilte und den Abschluss bildete ein Saalbau mit zwei vorspringenden Flügeln. Davor aber sendeten zwei monumentale Brunnen ihr Wasser in rechtwinkelige mit Hecken umgebene Bassins. Kaiser Karl VII. ließ diese zu einem ansehnlichen Teich erweitern, selben mit Schwänen, mehreren Tiergruppen und ringsum mit Lorbeer-, Orangen- und Pappelbäumen und Aloen auf sechs Fuß hohen Steinsockeln besetzen, zwischen denen 128 Springbrunnen ihr Wasser im Bogen in die Bassins warfen, während sich an der Stelle der heutigen Kaserne ein zierlicher Lustbau erhob, den Kaiser Karl prächtig ausstattete.

Eine durchgreifende Veränderung erfuhr der Hofgarten durch Maximilian III. im vorletzten Jahre seines Lebens (1776). Der ließ nämlich die alten französischen Anlagen ganz beseitigen, an deren Stelle Linden setzen und nur die äußeren Alleen aus wilden Kastanien fortbestehen. In der Mitte der vier Abteilungen wurden ebenso viele Grotten mit Fontänen erbaut, die obere Böschung ward der lieben Jugend als Spielplatz überlassen und der Weiherdamm beiderseits so durchschnitten, dass eine förmliche Insel mit einem Wasserfall und hübschen Waldbäumen daraus entstand, zu der man auf einem Nachen gelangen konnte. Auch die Tiergruppen wurden beseitigt und an die Stelle der kostbaren Umgebung des Teiches simple Geländer gesetzt. Nur die Lorbeerbäume in ihren Kübeln blieben.

Nachmals wurde auch der Teich beseitigt und an der Escarpe eine Fahrbahn nach dem englischen Garten angelegt. Noch zu Anfang unseres Jahrhunderts sah man am östlichen Ende der Arkaden hinter einem schönen Marmorportale die Ruine eines prächtigen Saales, an den mit Marmorkaminen ausgestattete Seitenzimmer stießen, und an der Decke des Saales dreizehn Fresken mythologischen Inhalts von Bocksberger. Von da führte vordem eine Treppe an den Teich hinab; im Jahre 1802 aber verschwand Alles, um der Kaserne Platz zu machen.

Nächst der nordwestlichen Ecke erbaute Karl Theodor im Jahre 1779 eine Bildergalerie, der die bedeutendsten Kunstschätze aus der Residenz, Nymphenburg und Schleißheim einverleibt wurden, bis sie 1836 in die Pinakothek kamen. Heute befindet sich im Erdgeschosse dieses Baues das Gypsmuseum.

An der Stelle des südlichen Flügels des Bazars, wo vordem das Turnierhaus gestanden, erhob sich seit 1660 eine umfangreiche Reitschule, die, als sie noch drei Galerien übereinander hatte, über 9000 Zuschauer fassen konnte. Durch Differenzen zwischen Hof und Bürgerschaft fand sich Karl Theodor veranlasst, nach Mannheim zu gehen und kehrte erst nach neun Monaten auf vieles Bitten wieder nach München zurück. Zum Zeichen seiner Versöhnung gab der Kurfürst den Münchenern in der eben erwähnten Reitschule einen prächtigen Ball. Leider benahm sich ein Teil der Gäste unsäglich roh und die Umgebung des Kurfürsten nützte diese Tatsache heimtückisch gegen das Volk aus; der Bruch ward vollständig. Ein anderer Ball fand daselbst unter Karl Theodor bei Vermählung der Prinzessin Josepha von Bayern mit Kaiser Joseph II. statt.

Wo man von der Residenztreppe in den Hofgarten herab kommt, begann, wie noch heute, ein sehr langer, damals jedoch gewölbter Gang, dessen Fußboden mit Marmor belegt war. An den Wänden waren vierzehn Bänke aus rotem Marmor angebracht, dazwischen die bekannten Herkulesstatuen nach Peter Candids Entwürfen. Dann folgte in der Ecke eine doppelte Grotte mit den schönsten Muschelarbeiten und zwei springenden Wassern.

Von hier aus kam man links in das kurfürstliche Kaffeehaus, welches in jener Zeit als sehr besucht genannt wird. Fünf große Bilder im geräumigsten Zimmer zeigten den Moment der Segengebung durch den Papst am 26. April 1782; ein am 17. Juni 1784 stattgefundenes Festmahl des Bischofs von Osnabrück; dann den König von Neapel, in Karl Theodors Gegenwart den Zelter als Tribut an den Papst übergebend; ferner die Abnahme einer Revue durch den König von Schweden am 20. Oktober 1785, und schließlich den zärtlichen Abschied des Papstes von Karl Theodor bei der großen Marmortreppe im Schlosse zu Nymphenburg.

Über den Hofgarten schreibt Lorenz Hübner im Jahre 1803: „Der Hofgarten ist noch immer der Sammelplatz der städtischen Eleganz. Hier wird an Sonn- und Festtagen jeder neue Putz zur Schau getragen; hier ist der offene Markt der Reize; hier wird geschmachtet, geseufzet, getändelt und geliebäugelt. Auf höchsten Befehl wechseln hier im Sommer die Orchester des Militärs in schönen Abendstunden; Zuckerwerk und andere Näschereien werden feilgeboten; das außen angebaute Kaffeehaus reicht Erfrischungen aller Art.“

Wir dürfen die Residenz nicht verlassen, ohne des von dem Kurfürsten Maximilian III. von 1750–1753 durch den älteren Cuvilliés mit einem Aufwande von mehr als einer halben Million auf der Stelle des Bades seines Vaters erbauten Neuen Opernhauses zu gedenken, das am 12. Oktober 1753 mit der italienischen Oper „Catone“ eröffnet ward.

Da wo jetzt der Königsbau in die Residenzstraße hereintritt, stand bis in unser Jahrhundert herein das Kloster der Ridler Nonnen, auch „von der Stiege“ genannt, weil sie nach Art der Theatiner eine heilige Stiege erbaut hatten, auf der man von außen in die Kirche kommen konnte.

Von der Ecke der heutigen Perusagasse bis zum Hause Nr. 14 an der Residenzstraße erstreckte sich bis zur allgemeinen Klosteraufhebung im Jahre 1805 das um 1248 gegründete Pütrich-Regelhaus. Die Nonnen übten Krankenpflege und standen Sterbenden bei, weshalb sie auch Seelschwestern genannt wurden. In ihrer Behausung brachte Herzogin Kunigunde, Witwe Albrechts IV., den Rest ihres Lebens in frommen Betrachtungen zu.

Dem Pütrich-Regelhaus gegenüber lagen die 1805 abgebrochenen Baulichkeiten des Franziskaner-Klosters. So wären wir denn der Ludwigsburg oder der Alten Veste, vom Volke gemeinhin der Alte Hof genannt, ganz nahe gekommen und damit in das Gebiet der ältesten von Heinrich dem Löwen gegründeten Stadt eingetreten. Schon Ludwig der Strenge begann 1255 den Bau, von dem leider nichts mehr auf uns kam als der südliche Flügel mit dem zierlichen Erker nächst dem Thorturm gegen die Burggasse, nachdem die Hofkapelle zum hl. Lorenz 1816 abgebrochen worden. Jetzt hat sich von dem zierlichen Bau nichts weiter erhalten als zwei schöne Votivreliefs im Nationalmuseum. Das erste zeigt den Kaiser mit seiner Gemahlin Margaretha von Holland kniend vor der Madonna. Das zweite Relief stellt zwei Engel dar, welche den bayerischen Wappenschild setzen.

Der große Kaiser war in dem Erkerflügel geboren worden und führte später den westlichen Bau auf, in welchem sich jetzt die Lokalitäten der Zentral-Staatscassa befinden. An der Außenseite dieses Mittelbaues hat sich wenig verändert. Wie oft mag der Kaiser durch jene unregelmäßig verteilten Fenster in den Hof hinab geschaut haben! Die Stube des Torwarts ist heute wie damals bewohnt, als der Kaiser nach Fürstenfeld hinausritt, um Bären zu jagen und auf dem Anger feine große Seele in den Armen eines armen Bäuerleins aushauchte. Und unter dem Fenster des Torwärtels dehnt sich noch heute die Steinbank, auf der mancher Bittsteller des Kaisers geharrt haben mag.

Im oberen Stockwerke des Hauptgebäudes ließ Albrecht V. feine Liberei (Bibliothek) aufstellen. Von dem Erkertürmchen aber geht die Sage, ein bei Hof gehaltener Affe habe einstmals das fürstliche Kind aus der Wiege genommen und sich damit auf die Spitze jenes Erkers geflüchtet.

Da war zunächst außerhalb des nördlichen Burgtors das Marstallgebäude mit einem geräumigen Turnierhof. Später wurde die Münze hieher verlegt. Am Toratzbache lag im Mittelalter das „Herzogenbad“, in dem Herzog Christoph gefangen genommen ward. Nicht fern davon war der Falkenturm, der Falken beherbergte. Südlich davon lagen die herzogliche Mühle und Hofbäckerei (Hofpfisterei genannt). Diesen folgte das herzogliche Hofbräuhaus. Gegenüber aber, an der nördlichen Ecke der Burggasse, lagen die Löwenstallungen, denn die bayerischen Herzöge liebten es, Löwen zu halten. Zwischen dem Alten-Hofgäßchen und der Burg lag der Schlossgarten.

Der Muggenthaler-Turm diente der ältesten Stadt als Tor und war zuletzt Eigentum des Grafen Larosee, von dem ihn Karl Theodor erwarb, um darin die Polizei zu installieren. Er trennte die Dieners- von der Residenzstraße, deren bedeutendstes Gebäude das Palais der Grafen Törring war. Von der Dienersgasse ist zu sagen, dass das Haus Nr. 20 bis in unser Jahrhundert herein der städtische Weinstadel war.

Wenige Schritte vom Muggenthalerturm begann die alte Juden- nun Gruftgasse und in ihr lag die Gruftkirche, eine Doppelkirche. Im Jahre 1285 hatten die Münchener die Synagoge verbrannt. Herzog Albrecht III. verkaufte später das Haus an seinen Leibarzt Dr. Hans Hartlieb, welcher die Ruine in eine Kirche umwandeln ließ. Ein merkwürdiger Fund wurde im Jahre 1733 gemacht: beim Abbrechen eines Pfeilers fand man eine brennende Lampe, ein sogenanntes „ewiges Licht“, wie es die Alten in den Gräbern anzuzünden pflegten. Dieser Fund machte großes Aufsehen und das Lampenglas wurde später nach Dresden gebracht. Gelehrte vermuteten, die leuchtende Masse sei Phosphor gewesen.

Die alte Gruftkirche stieß gen Westen an das Institut der englischen Fräulein. Von da ist nicht weit zum Hofgraben und hinab auf’s „Plätzl“, vormals die Graggenau genannt. Hier besaß Orlando di Lasso ein stattliches Haus. Das nahe gelegene Kostthörl hieß vordem Wurzerthor und erhielt seinen späteren Namen, seit Martin Riedler dort die Armen ausspeiste. Der runde Neuturm wurde erst vor wenigen Jahren abgebrochen.

Die nahe Lederergasse dankt ihre Entstehung den Lederern, welche ihres übelriechenden Gewerbes halber vor die Tore der Stadt verwiesen wurden. Hier stand an der Stelle des heutigen Gasthauses zur Scholastika das Thürlbad. Vor ein paar Jahren hat nun auch die „Einschütt“, ihren Namen daher tragend, dass man Unrat in den Isarkanal schütten durfte, der Hochbrückenstraße Platz gemacht.

So wären wir denn in’s Thal gekommen, die breiteste Straße Altmünchens. Leider haben sich hier wenig Gebäude aus der ältesten Zeit erhalten, denn der große Brand von 1327 wütete hier fürchterlich. Das Haus Nr. 1 im Thal galt immer als Residenz Heinrichs des Löwen. Nordöstlich vom Isartor erhob sich an der inneren Stadtmauer der Lueginsland, ein Wartturm. Das Isartor gehört der Befestigung unter Ludwig dem Bayern an und hieß ursprünglich das untere oder Zollthor. Die Türme erhielten ihre heutigen Bekrönungen erst durch die Restauration von Friedrich von Gärtner im Jahre 1833. Es ist das einzige Tor, das noch das alte Barbakan-System erkennen lässt.