Zweites Kapitel
Im Kreuzviertel
Wir haben die Eintheilung der Stadt in vier Viertel als eine ihrer Anlage auf das natürlichste entsprechende kennen gelernt und glauben deshalb am Besten zu thun, wenn wir sie unseren Wanderungen durch Altmünchen zu Grunde legen.
Beginnen wir sie denn am Karlsthor und durchstreifen wir zuvörderst das Kreuzviertel. Das hat seinen Namen nicht etwa, wie man vielleicht glauben möchte, von der Kreuzkirche, die ja im Hackenviertel liegt, sondern von der Kreuzgasse, die wir da zu suchen haben, wo sich heute der an Monumenten so reiche Promenadenplatz befindet.
Der Zugang zum Neuhauserthor, von dem im Anhang Bl. 2 eingehend die Rede ist, führte vor der Befestigung der Stadt durch Kurfürst Maximilian I. durch die einwärts gekehrte halbkreisförmige Stadtmauer. Bei Gelegenheit der Befestigung aber wurde um jene Stelle ein Wall aufgeworfen und der Ausgang auf der anderen Seite jener alten Mauer durchgebrochen, so daß das äußere Wachhaus dahin zu stehen kam, wo man jetzt den Wassertheurm an der Nordseite des Hotel Leinfelder sieht. Erst von da führte die Straße zum heutigen Hotel Bellevue.
In der Zöllnerstube nächst dem Neuhauserthor waren die sogenannten drei Göken zu sehen, ein Kopf mit drei Gesichtern, von denen eines weiß, eines schwarz und eines roth angestüncht war, und mit den Jahreszahlen 1105, 1109 und 1262. Man erzählte sich, von einem heidnischen Tempel, der an diesem Platze gestanden sei. Das nun längst verschwundene Bildwerk dürfte die drei Nornen Urdur, Werandi und Skuld dargestellt haben, die der fromme Glaube später zu heiligen Frauen machte.
Gleich rechter Hand im Gäßchen sah man die nach der nahen Kreuzkirche benannte Kreuz-Kaserne, die sich fast bis zum Sendlingerthor erstreckte und deren übrig gebliebener Theil heute als Militärgefängniß dient. Auf derselben Seite, dem Bürgerfaal gegenüber, stand in der Shäuferreihe das kurfürstliche Studientheminar mit der dazu gehörigen Kirche.
Herzog Albrecht V., selber ein trefflich unterrichteter Mann und warmer Verehrer des classischen Alterthums, legte durch eine Stiftung von 1473 den ersten Grundstein zu dieser Studienanstalt, in der arme Knaben unentgeltlich Aufnahme fanden. Wilhelm V. aber ging auf den Rath der ihn umgebenden Jesuiten darin noch ein gutes Stück weiter, indem er an der Neuhausergasse eine Anzahl von Wohnhäusern zusammenkaufte, abbrach und an deren Stelle, wo jetzt die Häuser Nr. 21 und 22, 1573 ein großes im Geviert gebautes Haus aufführte. Maximilian I. und Max Emanuel vergrößerten die Stiftung namhaft und Jener erbaute dazu auch eine nun verschwundene Kirche. So lange die Jesuiten die Anstalt leiteten, legten sie namentlich auf den musikalischen Unterricht Werth, weil sie die Studenten zum Chordienst in ihrer Kirche verwendeten. Die Baulichkeiten waren ziemlich umfangreiche und die Rückgebäude mit den Professoren-Wohnungen erstreckten sich bis an die Herzogspitalgasse. Das alte Seminarium ist später in dem Ludwigs-Gymnasium aufgegangen.
Links vom Thore zeigt sich in die Häuserreihe eingebaut der Bürgersaal, von dem wir im Anhange bei Blatt 15 eingehender werden zu sprechen haben. An die Façade des Bürgersaales lehnte sich das von der Kaiserin Amalie, Gemahlin des unglücklichen Carls VII., mit einem Fonds von 70,000 Gulden gestiftete Exercitienhaus, das nach dem Sinne der Stifterin eine Vereinigung des goldenen Exercitienbüchleins des hl. Ignatius von Lojola hätte sein sollen, nach Aufhebung des Jesuitenordens aber an den deutschen Schulfond und weiter in Privathände kam. Es hatte viele kleine Geschosse, die aber nach der Straße heraus nicht bewohnt wurden, und enthielt vier Zimmer, das Gemeinszimmer, die Kapelle, das Zimmer der Kaiserin Amalie und die Bibliothek aus lauter asketischen Schriften, ferner Wohnungen für den Prediger, Lektor und Hausmeister und rückwärts zehn Zellen für fromme Büßer. Diese blieben drei Tage darin und erhielten die Kost unentgeltlich. Zu den frommen Betrachtungen, wie zum Tisch, wozu eine Glocke das Zeichen gab, versammelten sie sich in einem gemeinschaftlichen Saale.
Die fromme, durch so schweres Unglück tiefgebeugte Kaiserin Amalie machte selber ebenda ihre Exercitien und war ihr Zimmer und Bett noch bis zur Aufhebung des Hauses zu sehen. Ursprünglich und bis auf die letzten Jahre wurden nur Geistliche und Studenten aufgenommen, später auch andere Personen ohne Unterschied des Standes.
Die nahen Prachtbauten des Jesuitencollegiums und der dazu gehörigen Sct. Michaelskirche sind eine Schöpfung des frommen Herzogs Wilhelm V., der bekanntlich ganz vom Orden Jesu geleitet ward.
Es war im Jahre 1559 gewesen, als die ersten Jesuiten — acht an der Zahl — auf den Wunsch des Herzogs Albrecht V. von Ingolstadt nach München kamen und bei den Vätern Augustinern abstiegen, wo sie auf Kosten des Hofs reich verpflegt wurden. Das folgende Jahr ließ ihnen der Herzog im hinteren Theile des Klostergartens der Augustiner ein kleines Wohnhaus mit einem Noviziat und sechs Schulzimmern erbauen, das sie bis 1574 inne hatten. Noch in diesem Jahre wurden in Folge Andranges von Novizen und Studenten die Baulichkeiten vergrößert und mit einer Kapelle bereichert. Aber schon 1583 beschloß Wilhelm V. ein neues Gebäude zu errichten und kaufte zu diesem Zweck die kleine Nikolauskapelle sammt mehreren Anwesen und Gärten, darunter ein Haus des Klosters Schäftlarn, und vollendete den großartigen Bau in zwölf Jahren. Architekt des Baues war der Hofbaumeister Wendelin Dietrich aus Straßburg, der eben die Wilhelminische oder Mayburg vollendet hatte, Werkmeister Wolfgang Müller.
Aber kaum war die Kirche vollendet, als am 4. Mai 1590 der unzureichend fundirte Thurm einstürzte und die dicht daran liegende Kirche beschädigte. Doch ließ sich der leichte Riß im Gewölbe noch ausbessern und was an sich ein Unglück gewesen, ward für die Kirche zum Glück, indem man nun den Chor namhaft tiefer machte. Das that indeß nicht mehr Wendelin Dietrich, der wegen nicht genügender Ueberwachung des fahrlässigen Werkmeisters mit diesem vom Bau entfernt worden war, sondern der Hofmaler Friedrich Sustris. Dagegen vollendete Dietrich das Jesuiten-Collegium 1598 ganz allein.
Bei der Einweihung der Kirche im Jahre 1597 ging es gar hoch her: Es waren nicht weniger als 24 fürstliche Personen dabei anwesend und 900 Studenten führten auf dem Platz vor der Kirche ein Schauspiel auf, in welchem die Teufel von den Engeln nach hartnäckigem Kampfe aus dem Feld geschlagen wurden. Einer unverbürgten Sage nach hätte des Herzogs Bruder, der Cardinal Wilhelm Philipp, bei dieser Feierlichkeit die erste Predigt gehalten.
Ein gleichzeitiger Kupferstich zeigt vor dem noch nicht vollendeten Collegium einen Brunnen mit Löwen — die Löwen kamen später an die Thore der neuen Residenz Maximilians I. zu stehen — und den Durchblick nach einer Mauer mit einem Thor. Auf einem etwas späteren Blatte sieht man den nun ganz ausgebauten vorspringenden Flügel, der von einem später gleichfalls abgebrochenen runden Thurme flankirt ist, der später auch abgebrochen wurde. Ein drittes Blatt zeigt diesen Thurm schon nicht mehr, am Trottoir vor der Kirche Ecksteine mit Eisengittern und den Thurm mit dem projektirten Erzengel Michael auf dem Helme.
Der Schatz der Jesuitenkirche gehörte einst zu den reichsten und wog 37 Pfund an Gold und 62 Zentner an Silber, ganz abgesehen vom Kunstwerth. Den Grund dazu hatte Herzog Wilhelm V. gelegt, der, nachdem er der Regierung entsagt, unter und mit den Jesuiten als einer der Ihren lebte und die Zimmer oberhalb der Kreuzkapelle gegen die jetzige weite Gasse bewohnte, die deshalb noch lange nachher die Wilhelminischen hießen.
Im Jahre 1773, nach Aufhebung des Jesuitenordens, wurde die Michaelskirche zur Hofkirche erhoben, sieben Jahre nachher Militärpfarrkirche und wieder zwei Jahre später, nämlich 1782, räumte sie Karl Theodor dem von ihm reorganisirten Malteserorden ein, der an den Hauptfesten seine Flagge aus der Fensterrose der Façade unter der Statue des Welterlösers wehen ließ. Vor der Aufhebung ihres Ordens befand sich im Erdgeschosse und im ersten Stockwerke des Collegiums das von ihnen geleitete Lyceum und Gymnasium, nun Wilhelms-Gymnasium, im zweiten Stockwerke die größere Marianische Congregation der Studenten, während ein kleinerer Saal unter dem Namen der kleinen Congregation für die kleineren Studenten, für Preisvertheilungen und Theater-vorstellungen bestimmt war. Daß es an einem Brauhause nicht fehlte, versteht sich von selbst.
Nach der Aufhebung des Ordens wurden in dem ersten Stockwerke die kurfürstliche Akademie der Wissenschaften mit ihren Sammlungen und Hörsälen, im zweiten Stockwerke aber die mit ihr vereinigte Hof- oder Nationalbibliothek, desgleichen in einem inneren Traktte der kurfürstliche Hofrath, das General-Schuldirektorium 2c. 2c. und im hinteren Theile gegen die Herzog Maxburg die Militär-Akademie untergebracht.
Die heutige Weite Gasse zwischen der Michaelskirche und dem Kloster der Augustiner war damals noch durch den weit herreitenden Garten der genannten Mönche verengt und hieß deshalb die Enge Gasse oder auch das Jesuitenpflaster.
In weit ältere Zeit als das Jesuitencollegium und die Michaelskirche reicht das Kloster der Augustiner mit seiner Kirche zurück. Es war im Jahre 1291 unter der Regierung Ludwigs des Strengen, als die Augustiner Mönche einen Ruf nach München erhielten und ihnen vor dem nachmals der schöne Thurm genannten Kaufingerthore der Stadt Heinrichs des Löwen ein Platz zum Bau eines Klosters angewiesen wurde. Es hieß da auf dem Haberfeld und gegenüber davon lag ein Oekonomie-Anwesen, der „Konradshof“ genannt, wie denn die damaligen Münchener Bürger neben ihrem städtischen Gewerbe mehr oder minder Feldbau trieben. Das Haberfeld gehörte schon zur Neuhauser Markung und es stand auch eine Kapelle des heil. Johannes des Täufers daselbst.
Die Stiftung des Klosters aber erfolgte erst am 4. April 1294 durch Herzog Rudolf in seinem und seines Bruders (nachmaligen Kaisers) Ludwig Namen und schon im nächsten Monat verlieh der Bischof Heinrich von Regensburg den ursprünglich seiner Diözesen angehörigen Mönchen einen Ablass, der ihnen die Mittel verschaffen sollte, das bereits bestehende Haus und Oratorium zu einem Kloster und einer Klosterkirche zu erweitern. Gleiches thaten bald danach auch andere Bischöfe und die Folgen blieben um so weniger aus, als eine Bulle Bonifaz VIII. dem Orden die Geschäfte der inneren Mission übertrug, indem sie ihm das Privilegium ertheilte, überall zu predigen und Beichte zu hören und öffentliche Friedhöfe zu halten, auf denen sie Jeden begraben lassen durften, der es wünschte. Die Augustiner ließen sich auch das Missionsgeschäft, das nebenbei bemerkt Ex-maligen Kirchenfreiheit mit der größten Energie für die Interessen der Päpste eintraten. Daraus erklärt sich auch, warum die Augustiner später die Leiche des im Kirchenbann verstorbenen Kaisers Ludwig, obschon er der Mitstifter ihres Klosters war und selbes nach dem großen Brande von 1327 wieder aufgebaut hatte, von der Thüre ihrer Kirche wiesen, in der die treuen Münchener selbe beisetzen wollten.
Charakteristisch für das kirchliche Leben jener Zeit ist, daß sie inhaltlich einer Ablassbulle des Bischofs von Freising vom Jahre 1341 zu Gunsten des Augustinerklosters zu München außer den 52 Sonntagen noch sechs und sechzig Fest- und Feiertage kannte.
Ob den Augustinern ihre Haltung dem verstorbenen Kaiser gegenüber bei der Zuneigung der Bürger Münchens Eintrag gethan, ist nicht mehr festzustellen, darf aber bei dem biederen Wesen der Letzteren wohl angenommen werden. Uebrigens übernahmen sich die Augustiner im Hinblick auf den hohen Schutz des damals in Avignon residirenden Papstes bald der Art, daß sie 1372 einen Privatstreit mit dem Kloster Polling dem Münchener Stadtrichter entziehen und an den Papst bringen wollten. Das war aber dem Herzog Stefan dem Aelteren und seinen Söhnen Friedrich und Johann denn doch zu stark und sie verordneten, es solle bei ihrer Ungnade kein Augustiner es mehr wagen, den Propst von Polling zu behelligen.
Im Jahre 1458 aber mussten in Folge fortdauernden Andranges ihr Kloster und ihre Kirche erweitert werden, so daß eine neue Einweihung nothwendig wurde, welche der Weihbischof Peter Ulmer von Freising, ein Münchener und vormals bayerischer Hofprediger, vornahm. Aus demselben Kloster ging auch 1481 der Weihbischof von Brixen und Freising, Johannes Berger und Pater Augustin Kapelmayer hervor, der um 1518 lebte und dem Herzog Albert V. das größte Verdienst um die Erhaltung der katholischen Religion beimaß.
Im Jahre 1620 erhielten Kloster und Kirche ihre letzte Gestalt und Erweiterung durch den hinterlegten Schatz der Herzöge Albrecht V. und Wilhelm V., sowie durch namhafte Unterstützung Maximilians I.
Die Augustinerkirche besaß einen seltenen Reichthum an Gemälden berühmter Meister, so von Rottenhammer, Rubens (die hl. Dreieinigkeit, nun in der alten Pinakothek), von Ulrich Loth, Sarazeno, Passetti, Peter Candid, Tintoretto u. A. und diente zahlreichen adeligen Familien wie der gräflich Hörwartischen und der freiherrlich Füllischen, Elsenheimischen, Altenheimischen u. a. als Begräbnißstätte. Auch die Klosterbibliothek war reich ausgestattet.
Nicht minder zeichneten sich die geistlichen Ornate und die Kirchengeräthe durch Pracht und Schönheit aus.
Unter den Reliquien und Heiligthümern der Kirche befand sich namentlich ein schönes wächsernes und dazu noch wunderthätiges Jesuskind, der Gegenstand ganz besonderer Verehrung von Frauen und Jungfrauen. Das höchste Lob, das man in München einem Kindlein beilegen konnte, war, es so schön zu heißen wie das „Christkindl bei den Augustinern“. Einstmals ließ es ein unvorsichtiger Küster fallen und siehe da, die Stücke fügten sich alsbald wieder von selbst ordentlich zusammen. An hohen Festtagen lag es, fein säuberlich in Windeln eingeschnürt und dicht mit mancherlei Schmuck behangen, in einer Wiege und wurde mit größter Ernsthaftigkeit darin geschaukelt, während die Gläubigen ein geistliches Wiegenlied dazu sangen, dessen Refrain das „Eia popeia“ bildete. Wer es sehen will, findet es noch heute im Bürgersaal. Ein anderes Wunderbild ebenda, und nicht minder hochgeehrt, war eine hölzerne Marienstatuette aus der Klosterkirche zu Tegernsee, nachmals Eigenthum der Wirthin Ursula Hammerthalerin im Thal. In der Urkunde des Bischofs Veit Adam in Freising vom Jahre 1638, welches die von diesem Marienbild gewirkten Wunder bestätigt, ist auch das erwähnt, daß, als in der Sendlingergasse zwei Häuser, Himmel und Hölle genannt, über einem armen Studentlein zusammenstürzten, dieser doch durch sein Vertrauen auf die Muttergottes bei den Augustinern unversehrt blieb. Jetzt befindet sich die Statuette in der hl. Geistkirche, ihre Wunder aber sind längst vergessen.
Im Jahre 1699 bauten die Augustiner zur großen Befriedigung des Kurfürsten Max Emanuel an ihr Kloster einen großen Miethstock mit vier Stockwerken und mehreren Höfen, woraus sie beträchtliche Renten zogen. Sie thaten sich neben ihren Nachbarn, den Jesuiten, in der höheren Jugendbildung hervor und kultivirten gleich ihnen die Poesie, namentlich in geistlichen Komödien und allerlei schönen weltlichen Singspielen. In einem der letzteren, das uns erhalten geblieben, spielt Faunus, der sich für einen Vetter Jupiters hält und darob von Mars zum Besten gehalten wird, die Hauptrolle und singt:
„Ich schnupfe kein Tobak,
Ich trag kein Schnupftuch in dem Sak,
Ich schnalz mir gleich in d’ Hand
Und werf den Klingel an die Wand.
Ceremonien und Compliment
Nutzen ja kein Flidderment.“
Das klingt nun freilich nicht sonderlich fein, lag aber im Geiste der Zeit und es glichen auch nicht alle Conventualen dieses Klosters dem Verfasser des oben erwähnten Singspiels; im Gegentheil zählte das Kloster gar manchen hochgebildeten Mann und war seine Studienanstalt stark besucht.
Gegenüber der Augustinerkirche befand sich schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Gasthaus „zum Bauhof“ oder auch „zum Storchen“ geheißen. Es zeigt jetzt die Hausnummer 3 an der Neuhausergasse und enthielt bis vor Kurzem eine vielbesuchte Weinwirthschaft, „zur Wartburg“, auch „zum Senor-Mayer“ genannt. Hier pflegten sich Georg von Lori, Dominik von Linbrunn, Felix von Defele und ihre Freunde zu anregenden Gesprächen zu versammeln, ehe Kurfürst Max III. am 28. März 1759 die von ihnen vorbereitete Akademie der Wissenschaften bestätigte. Und ebenda entgingen sie nur mit knapper Noth größerem Unheil, als eine von den Feinden der Aufklärung aufgestachelte Menge das Haus tobend und Steine schleudernd umstand.
Von der Neuhauser- und Kaufingergasse her führten auch damals das Augustiner-, Frauen- oder Albert-, Mazari- und Bäckergäßchen, das letzte dermal Thiereckgäßchen genannt, zur Frauenkirche.
München hat kein Gebäude aus alter und neuer Zeit aufzuweisen, das es schärfer charakterisirte als die stattliche Kirche zu U. L. Frau, deren mächtige Thürme zu ihrem Wahrzeichen geworden sind. Mag eine Abbildung unserer guten Stadt noch so misslungen sein, an den beiden Frauenthürmen erkennt man sie trotzdem, und mag einer noch so viel gereist sein und in deutschen und fremden Landen noch so viele schöne und prächtige Kirchen geschaut haben, die Münchener Frauenkirche mit ihren Thürmen, die vergisst er über all den anderen prächtigeren und kunstreicheren doch nicht. Und fehlt ein Münchener von einer Reise heim, so heimelt es ihn gar wunderam an, wenn er die Thürme fern am Horizont aufsteigen sieht; auch dann wenn er keinen Schatz und nicht Weib und Kinder in der Stadt zurückgelassen hatte als er ihr den Rücken kehrte.
Da wo sich jetzt der Riesenbau des Domes zu U. L. Frau erhebt, stand schon in alter Zeit eine Frauenkapelle. Wann sie erbaut wurde, wissen wir freilich nicht mehr, doch spricht Manches dafür, daß ihr Bau schon ins zwölfte Jahrhundert fällt, mithin in die erste Zeit der Stadt.
In dieser nämlichen Marienkapelle wurde die Leiche des Kaisers Ludwig mit kaiserlicher Pracht bestattet und aus ihr wollte im Jahre 1359 Bischof Paul von Freising sie gewaltsam hinauswerfen lassen, welcher Frevelthat sich indeß die Söhne des Kaisers an der Spitze ihrer Leibwachen widersetzten. Damals wurde auch der große erzene Kronleuchter, der über seinem Grabe gehangen, weggenommen, um nicht künftigem Frevel den Weg zu weisen.
Um jene Zeit aber waren die Häuserreihen der Stadt selbst in der nächsten Nähe des Marktes noch nicht geschlossen und wo heute von der Kaufingergasse das Mazarigäßchen zur Frauenkirche hinüberführt, da war damals der Kirchweg zum Marienkirchlein in das Gras des sanft aufsteigenden Hügels eingetreten.
Und als München mit der Zeit heranwuchs, da trat um 1270 an die Stelle der kleinen Kirche eine neue größere von etwa hundert Fuß Länge bei dreißig Fuß Breite mit ursprünglich achtzehn Altären. Diese Kirche mag immerhin stattlich genug gewesen sein, denn sie hatte an ihrer Westseite zwei Thürme und zwischen diesen den Haupteingang; der lag an der Stelle des heutigen Frauengäßchens, ein zweiter Eingang an der Südseite am Mazarigäßchen und ein dritter dem gegenüber gegen die Löwengrube hin. Sie wurde wahrscheinlich 1275 vom Bischof Konrad von Freising eingeweiht, die alte Marienkapelle aber nun als „Freithofkapelle“ benutzt und wie alle diese dem hl. Michael geweiht.
Was die Gebeine Ludwigs des Bayern anlangt, so waren sie nicht, wie einige glauben, in der Krypta dieser St. Michaelskapelle verblieben, sondern aus der alten (ersten) in die neue (zweite) Frauenkirche verbracht worden, und zwar nach Ausweis einer Urkunde des Herzogs Ernst über die Kaiser-Ludwigs-Messe vom Jahre 1417 unter dem Chor vor dem Hochaltar, wo auch 1458 sein prächtiger, von Hans dem Steinmeißel gearbeiteter Grabstein seinen Platz fand.
Die Münchener müssen damals auf ihre Frauenkirche ein gutes Stück gehalten haben, obwohl sie schon zu eng geworden, denn sie ließen 1457 an den Maler Gabriel Angler für einen von ihm gelieferten neuen Hochaltar 2000 Gulden und für einen Tabernakel 275 Gulden auszahlen. Er hatte drei Jahre daran gearbeitet.
Übrigens nahm von den Pfarrern von U. L. Frau und von St. Peter der letztere die erste Stellung ein; es musste ihm, der zugleich Dechant war, nicht bloß in der Kirche, sondern auch auf der Straße Gehorsam und Untertänigkeit erwiesen werden. Auch ging von der Frauenkirche keine eigene Fronleichnamsprozession aus, sondern es musste der Pfarrer von U. L. Frau „mit seiner Priesterschaft und seinem Pfarrvolk schlicht, ehrbarlich und zierlich“ zu St. Peter gehen und hierauf dem Dechant von St. Peter in ganzer Prozession nach- und bis wieder in die Peterskirche zurückgehen. Im folgenden Jahre aber hatte es umgekehrt zu geschehen usw.
Wie wir gesehen, war auch die zweite Frauenkirche zu klein geworden — München mag damals wohl schon 12.000 Einwohner gezählt haben — und so ging man denn 1468 an einen Neubau, ohne jedoch die ältere Kirche sofort ganz abzubrechen, wonach anzunehmen, dass die beiden Bauten sich nicht vollkommen deckten. Auch die Türme der alten scheinen nicht gleichzeitig abgebrochen worden zu sein, denn eine Urkunde von 1471 spricht noch von einem Turme „gegen Augustinern großen Haus“. Dagegen finden wir die beiden Türme der neuen Kirche schon 1475 in Angriff genommen.
Neben der lieben Not war es wohl auch Ehrgeiz gewesen, der die Münchener zum Bau getrieben. Die anderen bayerischen Residenzstädte Landshut und Ingolstadt und kleinere Städte des schönen Bayerlandes wie Straubing, Moosburg, Freising, Neuötting und Wasserburg hatten bereits vor längerer oder kürzerer Zeit gar herrliche Kirchen gebaut, und da durfte und wollte München nicht länger zurückbleiben.
Den Grundstein hatte Herzog Sigmund als der älteste regierende Fürst und Kirchenpatron am 9. Februar 1468 gelegt, und Bischof Johann IV. von Freising aus dem Münchener Patriziergeschlechte der Tulbeck eingesegnet. Wenn man Sigmund aber als den Erbauer der Kirche nennt, so tut man ihm eine Ehre an, auf die er kaum je Anspruch machte. Denn er war nicht bloß ein gar milder Herr, der half, wo er helfen konnte, sondern auch ein sehr lebenslustiger, der fröhliche Gesellschaft liebte und viel mit Künstlern und schönen Frauen verkehrte, ohne Unterschied, ob er hier in München oder auf den Schlössern Grünwald und Blutenburg lebte. So war es denn nicht zu verwundern, dass sein Jahrgeld von 4000 Gulden meist schon lange vor der Zeit zu Ende war.
Von namhaften und ergiebigen Beiträgen zu den Kosten des Kirchenbaues von seiner Seite wird demnach kaum die Rede gewesen sein. Die Mittel flossen vielmehr zunächst aus dem eigenen Vermögen der Kirche, dann aus freiwilligen Spenden der Pfarrgemeinde und anderer mildtätiger Gläubigen, und da auch diese nicht ausreichten, so nahm man schließlich seine Zuflucht zu Ablassgeldern, die für diesen Zweck aus ganz Deutschland, namentlich aber aus Bayern und Franken reichlich genug flossen.
Papst Sixtus IV. erließ 1479 ein Breve über einen in München selber drei Jahre hintereinander von Sonntag Laetare bis zum Sonntag Judica zu gewinnenden Jubiläumsablass. Da kamen im ersten Jahre 65.000, im zweiten 24.000 und im dritten 34.000 Menschen nach München, mithin im Ganzen 123.700, die opferten zum Kirchenbau 15.232 Gulden 4 Schilling, ganz abgesehen von den Geschäften, welche die Münchener Bürger machten.
Inhaltlich einer Urkunde von 1480 waren inzwischen die Gebeine Ludwigs des Bayern und der übrigen fürstlichen Personen in den Chor der neuen Kirche herüber gebracht worden, wo sie noch heute liegen.
Ueber den Namen des Baumeisters der Kirche gehen die Meinungen der Forscher weit auseinander: Auf seinem Grabstein wird er „maister Jörg von Halspach“ genannt; in einer Urkunde von 1475 heißt er „Maister Jörg von Polling“, und unter seinem Bildniß in der Kirche steht „Jörg Ganghofer“, was wohl sein Familienname gewesen sein wird. Er wohnte während des Baues in dem jetzigen Schweinmetzgerhaus am früheren Fingergäßchen, das in den letzten Jahren zur Maffeistraße erweitert wurde. Sein Gehalt betrug nach unserem heutigen Gelde 15 Mark 72 Pfennige. Das Zimmerwerk der Kirche machte Meister Heinrich von Straubing. Das Finger- (urkundlich Binger) Gäßchen aber hieß so von dem daselbst gelegenen Hofe der welfischen Dienstmannen Binger, der älter gewesen sein soll als die Stadt.
Ohne Zweifel hatte Meister Jörg, eh' ihn die Münchener zu sich beriefen, schon bei anderen großen Bauten gearbeitet, aber er war ein vorsichtiger Mann und gab wohl selber Anlaß dazu, daß ihn 1470 die Stadt nach Augsburg und Ulm schickte, um dortselbst „etliche Baue“ zu besichtigen und daß ihm 1475 Meister Mattheis von Eichstädt mit gutem Rath zur Seite trat. Auf seine Reisen aber gab die Stadt ihrem Werkmeister, auf daß er stattlicher auftreten könne, sogar einen Stadtsöldner mit.
Als im Jahre 1473 die 95 Fuß hohen Umfassungsmauern und Pfeiler vollendet waren, da beschied der Rath auf des Baumeisters Wunsch den Meister Moriz Ensinger von Ulm, der den dortigen Münster innerhalb acht Monaten eingewölbt und den Meister Konrad Roritzer, den siebenten Regensburger „Thom-Maister“, der auch dem Bau der Lorenzkirche in Nürnberg vorgestanden und als Berather zum Bau des Stefansdomes in Wien berufen worden, und dem man später auf dem Haidplatz in Regensburg als Aufrührer den Kopf vor die Füße legte, nach München. Außer diesen kamen auch noch Meister Friedrich von Ingolstadt und Meister Michel von Pfarrkirchen. Und die Vier sahen die Pläne des Meisters Jörg durch und besichtigten auch den Bau und keiner von ihnen fand etwas an dem Werk zu tadeln. Und als sie wieder weggegangen, begann Meister Jörg mit der Einwölbung des mächtigen Gewölbes und vollendete sie in drei Jahren. Und als er 1488 sein großes Werk abgeschlossen, da war auch sein Leben zu Ende, er ging am Montag nach dem Michaelistag desselben Jahres heim. Nur die Aufsetzung der Helme sah er nicht mehr.
Die schon erwähnte Ansicht der Stadt München von 1493 zeigt die Frauenthürme oben mit einer Art von Mauerkrone abschließend; auf der Abbildung der Stadt von Lukas Cranach, von der Zeit um 1530, tragen sie schon ihre heutigen Kappen. In welchem Jahre sie aufgesetzt wurden, ist nicht mehr festzustellen; wahrscheinlich geschah es im Jahre 1525.
Die damalige Umgebung der Frauenkirche hatte wenig Aehnlichkeit mit der heutigen. Zunächst um die Kirche lag der von einer niedrigen Mauer umgebene Freithof, von dem die Michaelskapelle verschwunden war. An der Südseite zog sich die Kirchhofgasse hin, an der Ostseite gelangte man durch zwei Thürchen in der Freithofmauer an der Stelle des heutigen Albert- und Filserbräugäßchens gegen die Weinstraße zu. An der Nordseite lag jenseits des damals offen fließenden Stadtbaches die Schäfflergasse, die schon der erweiterten Stadt angehörte. In diese hinunter führte da, wo heut der überwölbte Durchgang, ein Steg, daneben lag das Schulhaus und den Thürmen gegenüber erhob sich das 1866 abgebrochene, zuletzt als Dechanthof bekannte Pfarrhaus.
Albrecht IV., der nun allein regierte, wünschte mit der neuen Kirche ein Kollegiatstift zu verbinden und es gelang ihm nach manchem vergeblichen Versuche, welche sich auf die damalige Zuchtlosigkeit der Klöster stützten, jenes in Schliersee auszulösen und die Chorherren von Ilmmünster zur Uebersiedelung nach München zu bewegen. Indess erwiesen sich die Bischöfe von Freising und Salzburg dem neuen Stift höchst abgeneigt und suchten auch Rom dagegen einzunehmen, aber dies stand fest zum Herzog und belegte jene mit dem Kirchenbann.
Man lebte nun in der Zeit der Renaissance und die neue Kunstrichtung verdrängte die alte allerorten. Auch der schöne Hochaltar des Gabriel Angler, der in die neue Kirche herübergenommen worden, musste einem anderen Platz machen, der das ganze mittlere Chorfenster deckte, und auf dem von 1601–1620 die Erzstatue der hl. Maria stand, welche seit 1638 auf der Mariensäule des Marienplatzes steht.
Dieser Zeit dürfte auch die Sage vom Teufel in der Frauenkirche ihre Entstehung verdanken. Dem Teufel kam nämlich der Bau der neuen großen Kirche gar ungelegen und er beschloss, sie mit Wind und Sturm zu verderben. Und als er durch das Hauptportal zwischen den beiden Türmen eintrat, freute er sich ganz unbändig, denn er sah kein einziges Fenster, der mächtigen Pfeiler wegen. Solch eine Kirche, meinte der dumme Teufel, könn' ihm nicht schaden, und er ging vergnügt wieder fort. Wo er aber gestanden, da ließ sein Fuß eine Spur im Pflaster, die man noch heute sieht. Hinterher merkte er freilich, dass er sich geirrt, und fährt deshalb mit Sturm um das Frauenbergl, um die Leute vom Kirchgang abzuhalten.
Arg verunstaltet ward das Innere der Kirche 1605 durch den sogenannten Bennobogen, der an sich schön, doch mit dem gotischen Bau im Widerspruch stand, bis er bei der Restauration des vorigen Jahrzehnts verschwand und mit ihm der fünfzehn Jahre später von Maximilian I. aufgerichtete Hochaltar. Und 1622 steckte man den herrlichen Grabstein des Kaisers Ludwig von 1347 in das gleich dem Hochaltar von Peter Candid entworfene Mausoleum. Und immer ärger und ärger ward von da an der Kirche mitgespielt, bis es 1774 auch an die schönen alten, zum Teil noch aus der ersten Frauenkirche stammenden gemalten Fenster ging, die nach dem Berichte der Stiftsherren „ob der vielen Bilder und der Menge Bleies zu große Finsternis verursachten“ und deshalb „geputzt“ wurden, wobei so viele in Scherben gingen, dass man später in einem Winkel des Langhauses ganze Kisten davon vorfand.
Während seines ersten Aufenthaltes in München kam Gustav Adolf — es war am Himmelfahrtstage (20. Mai 1632) — mit dem ehemaligen Böhmenkönig Friedrich, dem Pfalzgrafen August von Neuburg und den Herzogen Wilhelm und Bernhard von Weimar und großem Gefolge zum Gottesdienste in die Frauenkirche, wo er, am Benno-Altar stehend, demselben beiwohnte und sich in lateinischer Sprache freundlich mit dem Dechant unterhielt und dann die Merkwürdigkeiten der Kirche sich zeigen ließ. Von da ging der König in die Jesuitenkirche hinüber. Ein andermal aber ritt er gar in die Frauenkirche, wie Augenzeugen berichten.
Was aber den hl. Benno anlangt, so war der im elften Jahrhundert Bischof von Meißen gewesen und 1523 sprach ihn Papst Hadrian VI. heilig. In Sachsen herrschten um diese Zeit große Glaubensstreitigkeiten und die Katholischen flüchteten die Gebeine des neuen Heiligen, die ihnen in Meißen nicht mehr sicher schienen, nach Stolpen in die fürstliche Hofkapelle, wo sie auch bis 1576 lagen. Damals erwarb sie Herzog Albrecht V. von Bayern und bewahrte sie vier Jahre lang in der Neuen Veste, ehe er sie in die Frauenkirche übertrug.
Vordem nun stand der hl. Benno in und um München noch in höheren Ehren als heute, denn es kamen noch um das Jahr 1805 alljährlich an sechzig Pilger- oder Kreuzzüge mit fliegenden Fahnen zu dem Altäre, neben dem seine Inful samt seiner Kasel und seinem Bischofsstab aufbewahrt wird.
Dem Hauptportal der Frauenkirche gegenüber lag damals und bis auf unsere Tage herab der Dechanthof, die Wohnung des Kapitelstifts mit einem hübschen Garten, von dem sich nur ein einziger Baum erhalten hat. Außerdem befand sich auf dem Frauenfreithof das Schulhaus zu U. L. Frau mit einem uralten, die Schule zeigenden Freskobilde, der Saal der Altöttinger Bruderschaft, eine kleine Totenkapelle, wo heute „die Stadt London“, und das Haus zum reichen Almosen (jetzt Frauenplatz Nr. 10), durch ein im Jahre 1718 restauriertes Gemälde kenntlich gemacht und in der Ecke vor dem Mesnerhaus der Freithofbrunnen, ein uralter Ziehbrunnen mit trefflichem Wasser. Ehemals vor dem Kosttor, wurde diese Privatstiftung 1510 auf den Frauenfreithof verlegt, wo jeden Sonnabend eine bestimmte Anzahl Armer ein Laibchen Brot, eine Portion Fleisch und zur Fastenzeit Erbsen und Schmalz bekamen. Eine Inschrift am Hause besagte:
hie zeit man das Almusen prot vnd Fleisch all
samstag durch gotes willen hausarm elenden
des Marten Ridler ein Anfang ist das zu deg
lich gemeret ist durch anndere Leit. 1449.
In einem erst 1865 abgebrochenen Hause neben dem heute mit Nr. 10 bezeichneten befand sich in alter Zeit die Poetenschule, in der auch Hans Sachs von Nürnberg auf seiner Wanderung einsprach. Sonderlich Bedeutendes scheint diese Meistersinger-Schule gerade nicht geleistet zu haben; wenigstens hat sich solches nicht erhalten. Unfern davon stand von 1412–1500 das älteste bürgerliche Zeughaus.
Rings um die Kirche lag der Freithof, der in älterer Zeit von einer Mauer umgeben war. Die hatte fünf Öffnungen und in jeder ein Drehkreuz. Wenn man nun ein Kind zur Taufe brachte, mussten dem Mesner ein paar Kreuzer Schrankengeld gereicht werden, damit er es einließ. Übrigens war der Frauenfreithof der erste, der — es war im Jahre 1774 — außer Gebrauch gesetzt wurde. Die anderen wurden erst 1789 aufgehoben. Und so wird denn auch die Sage vom Schlafhaubenkramer schon vor 1774 entstanden sein.
Die aber lautet: Auf dem Frauenfreithof ging ein Geist mit einer weißen Schlafhaube auf dem Kopf um, so dass sich kein Mensch mehr nachts über den Freithof zu gehen getraute. Nur der Krämer an der Ecke der Wein- und Schäfflergasse wollt' es einmal mit dem Geist aufnehmen und sah wirklich, als er mit Stock und Laterne vom Wirtshaus heimging, den Geist mit der Schlafhaube auf einem Grab sitzen. Da nahm er seinen Mut zusammen und versetzte demselben eine so derbe Ohrfeige, dass ihm die Schlafhaube vom kahlen Schädel flog. Vom Gespenst verfolgt, erreichte er in raschem Laufe sein Haus, das Gespenst aber musste wegen der drei Kreuze unter dem C. M. B. an der Tür draußen bleiben. Von der Zeit an aber hieß der Krämer der Schlafhaubenkramer.
Von der Frauenkirche sind nur ein paar Schritte zur Weinstraße, die schon im XIV. Jahrhundert als Straße bezeichnet wird, an deren Westseite zwischen dem Schrannen-, heute Marienplatz bis in die letzten sechziger Jahre sich sogenannte Bögen mit Kaufgewölben befanden.
Die erste Gasse in der äußeren Stadt, die Schwabingergasse, nun Theatinerstraße, enthielt eine ansehnliche Reihe ebenso geschmackvoller als prächtiger herrschaftlicher Gebäude. Dort hatten die Reichsgrafen Tattenbach (jetzt Arco-Valley), Baumgarten (jetzt Stadtkommandantur), Königsfeld (jetzt Kaufmann Napht. Wassermann), Baron Lafabrique (jetzt k. Advokat Wohlschläger), Graf Sandizell (ursprünglich von den Grafen Fugger erbaut und deshalb der Fuggerstock genannt, dann von Louvillier auf Geheiß des Kurfürsten Maximilian III. umgebaut und Sitz der Akademie der Wissenschaften, nachher Palais des Fürsten von Bretzenheim, eines außerehelichen Sohnes des Kurfürsten Karl Theodor, weiterhin Residenz des Herzogs Wilhelm in Bayern, dann Eigentum der Familien v. Totta und dermal v. Reischach in Stuttgart), die Grafen Haimhausen (jetzt Buchhändler Himmer), der Freiherr v. Hertling (nun Baron Lichthal) und der Freiherr v. Lerchenfeld (jetzt Hof-Hutmacher Bauer), sowie die gräflich Berchem'sche Familie (neben dem sogenannten Kühbogen) (jetzt Bankier Wilmersdoerfer) ihre Behausungen.
Auf der anderen Straßenseite folgten das gräflich Preysing'sche Palais (jetzt Hypotheken- und Wechselbank), das Haus der Grafen Fugger (nun Großhändler Salomon Rau), die gräflich Königsfeld'sche Behausung (jetzt Handschuhfabrikant Holste) und das Haus des Grafen Perusa, nachmals des Grafen Sandizell und weiterhin des Grafen Salern (nun Engelsapotheke von M. Lesmüller). Ursprünglich war es Eigentum des Klosters Scheyern gewesen.
Zwischen dem sogenannten Berchem-Bogen und der Theatinerkirche befand sich das Theatinerkloster (nun Ministerium des Innern) und an dieses angebaut erhebt sich die imponierende Theatinerkirche mit ihrer mächtigen Kuppel und zwei stattlichen Türmen.
Kirche und Kloster entstanden infolge eines Gelübdes. Es war nämlich die Ehe Ferdinand Marias und Adelheids von Savoyen nach acht Jahren noch mit keinem Sohne gesegnet; da versprach die Kurfürstin dem hl. Kajetan Kirche und Kloster zu bauen, wenn solcher Muttersegen sie beglücke. Und siehe da, sie gebar im Jahre 1662 einen Prinzen, den die hocherfreuten Eltern Emanuel, d. h. Gott mit uns, nannten. Noch im selben Jahre wurden die Kajetaner oder Theatiner (nach Joh. Peter Caraffa, Bischof von Theate, einem ihrer vier Ordensstifter, so genannt) nach München berufen; sofort begann auch der Bau der Kirche und des Klosters durch den Baumeister Agostino Barella aus Bologna. Die Türme wurden erst 1686 von Zuccali und das Kloster von Visardi, die Fassade aber ward gar erst von einem Meister des Rokokostils, Fr. de Cuvilliés, dem Schöpfer der Amalienburg im Nymphenburger Schlossgarten, 1767 vollendet.
Die Kirche besaß, obwohl als die ärmste ihrer Münchener Schwestern geltend, einen merkwürdigen Kirchenschatz, wovon das Silberzeug allein 120,000 Gulden wert gewesen sein soll, und außer dem gewöhnlichen Anhängsel der Theatinerkirchen, der Nachbildung der Lorettokapelle, auch eine sogenannte heilige Stiege, nach dem Vorbilde der Treppe im Hause des Pontius Pilatus in Jerusalem, auf welcher Christus zu diesem seinem Richter emporstieg. Man durfte nur auf den Knien hinaufrutschen und hatte dabei auf jeder der 28 Stufen ein Vater Unser mit Ave Maria zu beten. Zudem befinden sich in dieser Kirche auch kostbare Gemälde von Paolo Veronese, Rubens, Andrea del Sarto, Sassoferrato, Rottenhammer, Pozzo und Amiconi und auf dem Kreuzaltar stand ein als wunderthätig verehrtes Kruzifix.
In diesem Kloster lebte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts der berühmte Pater Sterzinger, der Mitglied der Akademie der Wissenschaften war und tapfer den Aberglauben seiner Zeit bekämpfte, dafür aber kaum seiner Feinde sich erwehren konnte.
In der Theatinerkirche befand sich auch die „Verschwisterung der leibeigenen Dienerinnen Mariens“, eine Stiftung der Kurfürstin Adelheid. Diesem Bündnisse konnten nur adelige Damen angehören. Sie trugen ein weißes Gewand, ein blaues Skapulier, ein eisernes Kettchen, von dessen Ende ein Totenkopf herabhing und ein Kreuz in der Hand und mussten sich in dieser Tracht begraben lassen.
Der Klostergarten wurde nach Aufhebung des Klosters im Jahre 1802 als Hofgarten erklärt und zierlich unterhalten. Später wurde er zum sogenannten Prinz-Karl-Palais geschlagen und hat sich zwischen der Galerie- und von-der-Tann-Straße zum größten Teile erhalten.
Durch den Küh- oder Berchembogen führt der Weg in das alte Kühgässel, heute Salvatorstraße, mit zwei Palais der Grafen Minucci und den Behausungen der Grafen Wahl und Waldkirch.
Die nahe Salvator-, nun griechische Kirche trat im Jahre 1493 an die Stelle einer anlässlich eines angeblichen Hostien-Diebstahls durch die Juden 1413 erbauten Kirche vor dem Schwabinger Tor, das von ihr Unseres-Herrn-Tor hieß. Die alte Kirche musste einigen Befestigungswerken weichen und die neue wurde in die Mitte des alten U. L. Frauen-Gottesackers gebaut, der Bauplatz der alten aber durch eine Turmsäule bezeichnet, die noch am Schlusse des vorigen Jahrhunderts am Hause eines nebenan wohnenden Steinmetzen zu sehen war und an ihren vier Seiten die Geschichte des Hostien-Diebstahls, die Krönung, Kreuzschleppung und Kreuzigung Christi zeigte.
Bei der im Jahre 1789 erfolgten Beseitigung auch dieses Gottesackers wurde zugleich die Ritterkapelle des Georgi-Ritterordens abgebrochen, in der vordem der Ritterschlag stattgefunden. Gleichzeitig wurde oben erwähnte Turmsäule weg-, sowie eine von Herzog Wilhelm V. gestiftete Ewig-Licht-Säule nach dem Gottesacker vor dem Sendlinger Tor verbracht, wo sie noch heute steht.
In der nahen vorderen oder äußeren Pranners- nun Promenadestraße besaßen die Grafen Portia einen herrlichen Palast (dermal Museum), nicht minder die Grafen von Königsfeld zwei Palais (jetzt erzbischöfliches Palais und Großhändler Lehmann).
In derselben Straße (Hausnummer 2) befand sich das Hauptlottoamt. Schon Karl Albrecht hatte 1733 das Lotto eingeführt, Maximilian III. reorganisierte dasselbe 1750, „um ein Werk des Vergnügens mit dem der Mildthätigkeit zu verbinden“ — es wurden von dem Gewinn jährlich fünf arme Mädchen mit je 200 Gulden ausgesteuert, — errichtete 1764 eine Rentengesellschaft und übernahm es 1773 selber. Die Ziehungen wechselten wöchentlich in München, Mannheim und Stadtamhof.
Eine weitere Palaststraße war die hintere Prannersgasse, nun einfach Prannersstraße; sie enthielt das Palais des Grafen Seeau mit dem Redoutensaal (heute Ständehaus), die Häuser der Grafen Lamberg, Tauffkirchen, Rambaldi, Spreti, Preysing und Haimhausen und der Herren von Segesser und Baron von Perglas, nun mit Ausnahme der gräflich Preysing'schen und freiherrlich von Giese'schen Familie alle in bürgerlichen Händen. Im Jahre 1384 hieß sie Brandasgasse.
Der Parade- nun Promenadeplatz ist erst eine Schöpfung des Jahres 1780, in welchem er eine Einfassung von Balustern und Eisenstangen erhielt. Er hieß bis dahin Kreuzgasse, gab dem Kreuzviertel seinen Namen und trug bis zum genannten Jahre die Salzstädel, d. h. alte Scheunen, die als Salzniederlagen dienten. Ebendaselbst wurden zu den beiden Dultzeiten Schaubuden aufgeschlagen.
Hier befanden sich die Wohnhäuser der Grafen Perusa, Vieregg, Seinsheim und Haslang, sowie der Barone Lerchenfeld und Sturmfeder u. A. Ebenda stand seit 1759 auch die Mauth.
Paradeplatz und Prannersgasse erhielten erst zu Anfang unseres Jahrhunderts Ausgänge durch die Stadtmauer, die sie westwärts abschloss.
Der westliche Teil des Paradeplatzes gegen die Herzog-Max-Burg zu hieß von den Klöstern der Karmeliten und Karmelitinnen auch Karmelitenplatz. Das Kloster der Ersteren dient jetzt als Studien- und Erziehungsanstalt (Ludwigsgymnasium und k. Erziehungs-Institut für Studierende), die Kirche als Studienkirche, das Kloster der Karmelitinnen wurde nachmals der städtischen Leihanstalt überwiesen und wird jetzt zur Kunstgewerbehalle umgebaut, und ihre Kirche ist die dermalige Dreifaltigkeitskirche.
Letztere wurde infolge eines Gelöbnisses der drei Stände zur Zeit der österreichischen Okkupation im Jahre 1704 erbaut, als die Österreicher wieder abgezogen waren. In gleicher Weise verdankt die Karmelitenkirche ihre Entstehung einem Gelübde Maximilians vor der Schlacht am Weißen Berge im Jahre 1620.
Der lange Trakt, in dem heute die k. Kriegsakademie, Kriegs-, Artillerie- und Ingenieurschule sich befinden, sollte eigentlich Wilhelms- und nicht Herzog-Max-Burg heißen, denn sein Erbauer war Maximilians Vater, Wilhelm V., der den Bau 1579 begann und ihn mit seinen Söhnen Maximilian und Albert in drei verschiedenen Hofhaltungen bewohnte.
Der Torbogen mit dem Porträt des Herzogs Wilhelm V. zwischen der Maxburg und dem vormaligen Jesuitencollegium bildete den Haupteingang in die Burg und enthielt noch zu Anfang unseres Jahrhunderts die Torwache, vermittelte auch ursprünglich die Verbindung zwischen beiden Gebäuden. Die Haupttore gingen gegen das erst später erbaute Jesuitencollegium heraus und das Ganze zerfiel in drei Vierecke. Das vordere größere umschloss noch vor siebzig und weniger Jahren einen zierlichen Garten und in den übrigen befanden sich ein Ball- (Spiel-) Haus, ein Theater und eine Reitschule. An der Stelle der Hintergebäude des vormaligen Karmelitenklosters aber hatte Herzog Wilhelm, seinen einsiedlerischen Neigungen folgend, eine vollständige Wüstenei von hochstämmigen Bäumen mit mehreren Einsiedeleien angelegt, in denen er Erholung von den Staatsgeschäften suchte und fand.
Die Verbindungen mit mehreren Klöstern, die er hergestellt, bestanden teilweise bis zum Abbruch der Stadtmauern fort. Sie führten ins Jesuiten- und Karmelitenkloster, ins Herzogspital, zu den Kapuzinern und nach Wening, sogar bis ins Klarissinnenkloster am Anger.
In der nun verschwundenen Burgkapelle zeigte man vordem in einem Altärchen aus Ebenholz drei Blutstropfen Christi von der Geißelung.
Der heutige Herzog-Max-Turm stand im hintersten Teile des Gebäudekomplexes, das außer dem schon erwähnten Haupttore noch drei weitere Tore hatte: eines gegen die Neuhausergasse nächst dem Karlstor, eines auf die Brücke über den Kapuzinergraben, das erst vor wenigen Jahren beim Bau der Lokalitäten der Staatsschulden-Tilgungskassa beseitigt wurde, und ein schon länger verschwundenes nach dem Promenadeplatz.
Zuletzt wurde die Maxburg vom Herzoge Clemens Franz (gest. 1770) und seiner Gemahlin (gest. 1790), dann von der Kurfürstin Leopoldine, Witwe Karl Theodors, und schließlich von der Königin Caroline, Witwe Maximilians I., bewohnt.
Vordem führte die Schäfflergasse von der Theatinerstraße bis zur Maxburg; nachmals aber erhielt der Teil von der Windenmachergasse bis dahin den Namen Löwengrube, entweder von einem vergoldeten Löwen an einem Hause, das früher zum Bayerischen Hof hieß, oder, was wahrscheinlicher, von einem Freskobilde an einem anderen, das Daniel in der Löwengrube darstellte.
An der Löwengrube befand sich auch das von Maximilian III. im Jahre 1754 errichtete Pfand- oder Leihhaus, das auf alles Geldwerte ein Drittel des Wertes gegen sehr geringe Zinsen Bargeld lieh. Der genannte Kurfürst verlieh damals einem seiner Kammerdiener ein bezügliches Privilegium, das nach dessen Absterben 1785 an das hl. Geistspital überging, und als im Jahre 1802 das Karmelitinnenkloster aufgehoben ward, wurde das Leihhaus dahin verlegt.
Ehe wir das Kreuzviertel verlassen, wollen wir noch des nun auch verschwundenen Rochus-Spitals mit dem Rochuskirchlein und Freithof gedenken. Das Spital war eine Schöpfung Wilhelms V. vom Jahre 1589 und gab allen Pilgern Obdach und Verpflegung. Wer von ihnen auf der Durchreise dahier starb, fand im anliegenden Freithof sein Grab. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts ward das Spital, weil unnötig, verkauft, der Freithof eingeebnet und die kleine Kirche Privatneubauten einverleibt. Eine daneben stehende Kapelle des hl. Johannes des Täufers war schon früher dem Kloster Altomünster überlassen worden, das vorn am Karmelitenplatz ein an die Kapelle anstoßendes Haus besaß.
Hinter dem Theatinerkloster stand zunächst dem heutigen sogenannten Griechischen Markt das von Fr. Santurini 1654 begonnene und 1657 vollendete Opernhaus, das vier äußerst reich dekorierte Logenreihen übereinander hatte und am 17. Mai 1772 dem deutschen Schauspiel überlassen wurde, nachdem es seit dem Bau des heutigen Residenztheaters, beziehungsweise seiner Eröffnung im Jahre 1750 nicht mehr benutzt worden. Es wurde 1802 bei der Niederlegung der Wälle abgebrochen. Ein Teil desselben hat sich als Giebelmauer des Hauses Nr. 2 erhalten, welche ein paar Gesträuche trägt. Es war das die Rückwand des Saales.