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Sagen & Geschichten

Viertes Kapitel

Im Angerviertel

Folgen wir, vom Isarthor ausgehend, der inneren Stadtmauer in südwestlicher Richtung, so gelangen wir ganz nahe am Isarthor an eine Stelle der Westenriederstraße, an der Merians Stadtplan von 1643 einen hohen Thurm verzeichnet, über dessen Verschwinden nichts zu finden ist. Der Volckmer'sche Plan seinerseits zeigt da, wo der dann das Thal kreuzende Isararm in die Stadt eintritt, also an dem äußeren Ende des Radelsteg, einen Ausgang aus der Stadt und eine Ueberbrückung des Stadtgrabens, der ein später vermauertes Thor, dessen Thurm noch heut in die Westenriederstraße hereinragt, entsprach. Es hieß das Tücken- oder auch Färberthor. Weiterhin am Viktualienmarkte sieht man auch noch ein Stück der alten Stadtmauer mit einem zinnengekrönten Thurm aus der Zeit Ludwigs des Bayern, in welchem die Neuzeit Wohnungen eingerichtet hat.

Da, wo man vom Viktualienmarkt her in das Rosenthal eintritt, stand an der Stelle des heutigen Schulhauses bis 1825 ein Palais des Grafen Törring-Seefeld und hier schloß vordem ein Thurm, der sogenannte Seefeldbogen die Straße ab. Ganz nahe dabei gegen den nördlichen Pavillon der heutigen Schrannenhalle führte ehemals das Schifferthor vor die Stadt. Es lag etwa 60 Schritte dem Hause Nr. 8 an der Taschenthurmgasse gegenüber und ihm entsprach jenseits des Stadtgrabens das spätere Einlaßthor.

Das Schifferthor aber spielt in der Geschichte Münchens und Bayerns eine nicht unwichtige Rolle.

Nach dem Tode ihres Vaters Johann im Jahre 1397 geriethen nämlich die Herzöge Ernst und Wilhelm mit ihrem Vetter Stephan dem Kneißel und seinem Sohne Ludwig dem Gebarteten von Bayern-Ingolstadt, welche München für sich allein beanspruchten, in Streit. In München aber standen die gemeinen Bürger gegen das drückende Regiment des aristokratisch zusammengesetzten Rathes auf, entrissen ihm das Regiment und vertrieben dessen Mitglieder unter Einziehung ihres Vermögens aus der Stadt. Inzwischen vertrugen sich die vier Herzöge und die ganze Landschaft huldigte ihnen; nur die Münchener verlangten von Ernst und Wilhelm Genehmigung ihres Vorgehens gegen ihren vorigen Rath und schlossen, als diese nicht darauf eingingen, ein Bündniß mit dem Ingolstädter Herzog Ludwig dem Gebarteten und es begann offene Fehde. Schließlich aber gaben die Münchener Herzöge nach und kehrten 1399 in ihre Residenzstadt zurück. Die in München herrschende Partei aber ließ die Bürger Thomas Haidvolk, Konrad Triener und Ulrich Strohmayer wegen Verschwörung gegen den Stadtfrieden hinrichten. Drei Jahre später wurde das Land in Bayern-Ingolstadt, Bayern-München und Bayern-Straubing getheilt und die Herzöge Ernst und Wilhelm zogen 1403 mit ihrem Vetter Johann von Straubing vor die noch immer ungehorsame Stadt und berannten und blockirten sie. Nun erhoben sich ihre Anhänger in der Stadt, vertrieben den demokratischen Rath, erbrachen die Stadtthore und rissen beim Schifferthor selbst ein Stück der Stadtmauer ein, durch die nun die Herzöge Ernst und Wilhelm am 4. Juni 1403 einzogen. Nachher wurde die Mauer wieder ausgebessert und ein bayerischer Löwe daran gemalt.

In der Richtung gegen das Angerthor folgte in geringer Entfernung vom Schifferthor der 1822 abgebrochene Taschenthurm, der als Militärgefängniß diente, ursprünglich aber einer der Befestigungsthürme der inneren Mauer gewesen war. Gleich dem Taschenthurm ist in den letzten Jahren auch das Angerthor verschwunden. Vom Angerthor wird anderwärts eingehend die Rede sein.

Was aber den sogenannten Anger betrifft, der dem Stadtviertel seinen Namen gab, so war derselbe bis zur Stadterweiterung durch Kaiser Ludwig ein vor dem alten Sendlingerthor (später Pütrich-, Blauenten- und Ruffinithurm) gelegener Wiesenplatz; von ihm als einem solchen „in prato“ ist in mehreren gleichzeitigen Urkunden die Rede.

Dagegen ist die heutige Bezeichnung „unterer“ und „oberer“ Anger erst jüngeren Datums: noch im XVI. Jahrhunderte wurde, was heute zu beiden Seiten gezählt wird, in die Mühlgasse, den heutigen oberen Anger, und in den Roßmarkt, den heutigen unteren Anger getheilt. Die alten Bezeichnungen verloren sich aber nach Verlegung der Jahrmärkte oder Dulten auf den Rindermarkt, die Rosengasse und die Kaufingergasse. Den oberen Anger floss seit Jahrhunderten ein Isarkanal hinunter, der bis vor Kurzem noch offen, nun ganz überwölbt ist, zu dessen beiden Seiten sich die Häuserreihen entlang zogen und man kann wohl sagen, daß sich von allen Stadttheilen Münchens keiner seit Jahrhunderten so wenig verändert hat als der obere Anger.

Es war im Jahre 1204, als Ludwig der Kelheimer auf dem genannten Wiesenplatz, dem „Anger“, ein Minoritenkloster gründete. Aus dieser Zeit, etwa 1220–50, stammt denn auch die innere Klosterkirche zu St. Jakob, die älteste Kirche der Stadt. Aus diesem Kloster wurden die Minoriten aber 1284 von Ludwig dem Strengen in ein neues Kloster auf dem heutigen Max-Joseph-Platz versetzt, das später als Franziskanerkloster viel genannt ward. An die alte Kirche aber, welche samt Kloster nach Abzug der Mönche Clarissinen überlassen wurde, baute man eine zweite größere Kirche für das Volk, die jedoch einstürzte, aber alsbald wieder aufgebaut wurde und im Jahre 1850 ihre heutige unpassende Fassade erhielt. Sieben Jahre vorher waren die Nonnen nach Dietramszell versetzt worden.

In dem Kloster der Clarissinen spielte im vorigen Jahrhundert eine häßliche Geschichte, die wir nicht mit Stillschweigen übergehen dürfen, um so weniger als sie aktenmäßig verbürgt ist.

Im Jahre 1752 trat eine Wundarztstochter, Maria Baumann von Hornstein bei Scheyern, als Novize in das Angerkloster, wo sie sich ihrer Jugend und Schönheit halber vorerst der Gunst des Klosterbeichtvaters P. Olympius vom Orden des hl. Franziskus erfreuen durfte. Sie verscherzte selbe aber bald durch ihre Sprödigkeit und wurde nun auf sein Anstiften vielfach verfolgt und mißhandelt. Ein Versuch, ihre Eltern über ihre Lage aufzuklären, mißlang, ebenso ein Fluchtversuch, da sie die Halmberger'schen Metzgerseheleute, die Nachbarn der Nonnen, wieder an sie auslieferten. Umsonst schritt der Weihbischof von Freising, Freiherr von Werdenstein, zu ihren Gunsten ein. Sobald dieser München wieder verlassen, wurde die unglückliche Magdalena auf des Beichtvaters Anstiften zu lebenslänglicher Einkerkerung verurtheilt. Ihr Kerker bestand in einem kleinen finsteren Loche, ihr Lager aus etwas Stroh auf dem Erdboden. Ein zweiter Fluchtversuch mißlang wie der erste, sie wurde noch im Kloster ergriffen. In einen anderen Kerker gebracht, fand sie dort eine andere Unglücksgefährtin, die Schwester Christina, die bereits dreizehn Jahre an diesem Orte des Entsetzens verlebt hatte und darüber schwachsinnig geworden war. Als sie später in ihren vorigen Kerker zurückgebracht worden, und darin neuerlich drei Jahre und acht Monate geschmachtet, vernahm ein im Kloster beschäftigter Schornsteinfeger ihr Jammern und Wehklagen, erinnerte sich des Gerüchtes von der Flucht der Schwester Magdalena und erstattete Anzeige beim Stiftsdechante, der seinerseits dem kurfürstlichen Minister Mittheilung machte. Ein weltlicher und ein geistlicher Commissär begaben sich mit einem Aktuar, einem Amtsdiener und dem Schornsteinfeger in's Kloster, fanden dort — freilich erst, als mit ernsteren Maßregeln gedroht worden — von der Aebtissin geführt die arme Magdalena mit den Lumpen ihres zerrissenen Ordenskleides angethan, auf faulem Stroh und ließen die Gelähmte auf einer Tragbahre an die Klosterpforte und von da in das Spital der Elisabethinerinen bringen. Erst nach sechs Jahren gewann sie wieder so viel Kraft, daß sie gehen konnte. Ihre Haft hatte bis zum Juni 1769 gedauert, die der Nonne Christina etwa 20 Jahre!

Der Anger war in alter Zeit ein hervorragender Sitz des gewerblichen Lebens, wozu die denselben durchströmenden Isarkanäle nicht wenig beitragen mochten. Da gab es Färber und Tuchmacher, Bleicher und Walker, Lodenwirker und Leinweber und zahlreiche Wollenschläger, auch eine Walkmühle und ein eigenes Manghaus. Außerdem wurde am hinteren Anger der Pferdemarkt gehalten, weßhalb er Roßmarkt hieß. Uebrigens ward Vieh aller Art dort zum Verkauf zugetrieben. Aus diesem lebhaften gewerblichen Verkehr erklärt es sich auch, warum dieser Platz für die Jahrmärkte gewählt wurde, die nach der St. Jakobskirche Jakobidulten genannt wurden. Mit dem Portiunkula-Ablaß (indulgentia), den Bonifacius IX. der Kirche verlieh, hat aber das Wort „Dult“ nichts gemein: das gothische „dulth“ und althochdeutsche „tult“ heißt so viel wie „Fest“ und so ist Jakobi-Dult das (Jahrmarkts-) Fest beim hl. Jakob. Ebenso unrichtig ist, daß der erste Jahrmarkt mit dem 1392 — nicht 1481 — verliehenen Ablaß zusammenfiel; es wurden schon früher Jahrmärkte daselbst abgehalten, als der Platz noch wirklich eine Wiese war. Von dem Festmarkt aber erhielt das zur Sendlingergasse hinaufführende Dultgäßchen seinen Namen.

Mit dem regen Leben daselbst hängt auch die Errichtung eines „gemeinen Frauenhauses“ an der Mauer der Mühlgasse nächst der Schleifmühle am Anger im Jahre 1436 (jetzt steht das magistratische Gebäude Hausnummer 17 am oberen Anger daselbst) zusammen, das an die Stelle eines schon im XIV. Jahrhundert an der Stadtmauer nächst Unsers Herrn (nachmals Schwabinger-) Thor bestandenen trat. Das Frauenhaus hatte von 1490 an wöchentlich 34 Pfennige an den Stadtkämmerer abzuliefern; nur die Charwoche war ausgenommen und mussten dessen Einwohnerinen zu den heiligen Zeiten in die Kirche gehen und Messe und Predigt mit anhören. Herzog Albrecht V. (gest. 1579) hob das Frauenhaus auf, aber dreißig Jahre später finden wir wieder einen Frauenmeister.

Fast an der Stelle des Frauenhauses auf dem Anger erbaute Maximilian III. 1744–55 einen Palast, dessen Bestimmung sonderbarer Weise Niemand außer ihm kannte. Er ward erst 1810 vollendet, trägt die Nummer 17 und ist jetzt Gemeinde-Eigenthum.

Auf dem oberen Anger befand sich auch bis in unser Jahrhundert herein, d. h. bis zu dem 1813 erfolgten Neubau des städtischen allgemeinen Krankenhauses vor dem Sendlingerthor, das von den Brüdern Joseph und Georg Nockher, Bürgern, Handelsleuten und Wechselherren, erbaute Spital, welches 1742 zur Hilfe armer Kranken gestiftet ward. Die dabei befindliche Kapelle ward vier Jahre später eingeweiht. Das Haus reichte rückseits bis gegen das Sendlingerthor hin.

Ganz nahe an Letzterem erhob sich über der nun verschwundenen inneren Stadtmauer ein Thürmlein, das oben in eine drohende Faust auslief. Es gingen davon allerlei Sagen. Im Thurm selber soll ein Bürgermeister oder Rathsherr oder auch Jude eingemauert worden sein, weil er die Stadt an einen äußeren Feind verrathen wollte und an der Mauer sollen in alter Zeit die Selbstmörder begraben worden sein. Im Innern des Thurmes befand sich ein Raum von etwa drei Meter Höhe und zwei Meter Breite und dürfte derselbe wohl als Lueginsland gedient haben, die drohende Faust aber ein Steinmetzschwank gewesen sein.

Der bedeutendste Bau auf dem unteren Anger nach dem Kloster war und ist noch heut das städtische Zeughaus mit dem anstoßenden Stadthaus. Der Bau begann nach 1410 und zwar mit dem Letzteren, in dessen mächtigen Gewölben die „Büchsen“ der Stadt untergebracht wurden, während das Hintergebäude die Stallungen enthielt. Als aber der Raum nicht mehr ausreichte, nahm man 1531 den Bau des Nebenhauses mit seinen zierlichen bunt eingedeckten Spitzthürmchen in Angriff und brachte nun die „Büchsen“ dahin, darunter eine 1525 gegossene, 43 Zentner 33 Pfund schwere, ein für jene Zeit recht respektables Stück. Auch die Spieße, Helme und Harnische und andere Schutz- und Trutzwaffen wurden daselbst aufbewahrt, nur die Armbruste nicht; die hingen ursprünglich im Wilbrechtsthurm.

Gegenüber den Zeughäusern sehen wir einen kleinen Häusercomplex, das vormalige städtische Seidenhaus, in welchem schon zu Anfang des XVIII. Jahrhunderts Seide gesponnen wurde. Als 1705 die Oesterreicher Bayern besetzt hielten, machten sie das Haus zu einer Kaserne. Das nahestehende Feuerhaus ward 1775 vollendet. Dagegen reicht das vormalige Kloster Tegernseer Haus an der Tegernseergasse bis in's XIII. Jahrhundert zurück. Daß ferner in das z. Z. dem Gastwirth Herrn Martin Stengel zum „Blauen Bock“ gehörige Wohnhaus eine aus Anlaß der Pest gelobte und bis 1814 dem Gottesdienst offene St. Sebastianskirche einverleibt ist, weiß wohl noch mancher alte Münchener, zu sehen aber ist nichts mehr davon.

Vom Sebastiansplatz kommen wir in das Rosenthal, das sich gleich dem Färbergraben den alten Stadtgraben entlang zieht. Die Gasse hieß bis 1430 Krottenthal und erst von da an kommt auch der Name Rosenthal vor. Noch vor weniger als einem halben Jahrhundert ward das Haus Nr. 2, nun Herrn Kaufmann Friedr. Hayler jun. gehörig, als Rosenbad bezeichnet. In unseren Tagen freilich dürfte ein Bad, das sein Wasser aus dem dort fließenden Stadtbach nähme, kaum mehr auf Besuch rechnen dürfen.

In der Nähe des stattlichen Neubaues Nr. 12 am Viktualienmarkte, Herrn Eisenhändler Max Austermann gehörig, befand sich bis vor Kurzem die Roßschwemme. In alter Zeit aber wurden daselbst Bäcker, die das Brot zu leicht oder schlecht gebacken, geschnellt und man sah noch bis 1810 daselbst die sogenannte Bäckerschnelle, einen beweglichen Korb zwischen zwei Balken, in welchem der Betrüger einmal oder nach Umständen auch öfter in's Wasser getaucht wurde, eine Prozedur, die dem consumirenden Publikum allzeit zu gerechter Befriedigung diente.

So sind wir auf unserer Wanderung wieder in die Nähe des Thales gekommen und sehen, indem wir zwischen den alten Rathhausbauten und der noch älteren Fleischhalle unseren Weg weiter fortsetzen, das schon erwähnte städtische Gebäude mit dem Steinbild des Löwen vor uns, von dem wir schon sprachen.

Diesem Hause gegenüber stand in unvordenklicher Zeit, vielleicht schon zu der, in welcher Heinrich der Löwe seine Stadt gründete, eine der hl. Katharina geweihte Kapelle. Damals zogen Jahr aus Jahr ein Schaaren von Pilgern durch das Land. Zu deren Nutz und Frommen erbaute Herzog Ludwig der Kelheimer im Jahre 1204 ein Haus zu ihrer Beherbergung und übertrug selbes den Augustiner Mönchen, die zugleich die Vorstände der Weltpriester waren, welche die Seelsorge in der Kapelle und dem Pilgerhause versahen.

Aus einer Bestätigungsbulle Urbans IV. von 1262 ist zu ersehen, daß die Kirche vom Herzog Otto I. den Isarzoll erhalten, Pfarr- und Beerdigungsrecht und bei Sendling einen Hof besaß, der noch heut als Spitalhof bekannt und Eigenthum der Spitalstiftung ist. 1286 verlieh Ludwig der Strenge dem Spital das Recht, aus 30 Münchener Metzen Gersten und Haber nach den hergekommenen Gebräuchen der Bräuer Bier zu brauen. Und da die Stadt inzwischen volkreicher geworden, legte Herzog Otto der Erlauchte 1253 daselbst den Grundstein zu einem Spitale, das er unter den Schutz des hl. Geistes stellte.

Die Kirche ward 1271 zu einer Pfarrkirche erhoben, aber bei dem großen Brande von 1327 mitsammt dem Spital ein Raub der Flammen. Ob das schöne Gewölbe der heutigen großen Fleischhalle den Brand überdauerte, oder erst nach ihm erbaut ward, ist bestritten.

Bald gingen dem Spital reiche Schenkungen zu, so daß es schon 1308 das Gut zu Kastell, den sogenannten Spitalkasten kaufen konnte. Und nach dem Brande erwarb es weiter großes Vermögen nicht bloß durch Schenkungen der Freisinger und Seefelder sowie anderer Adeliger, nicht minder auch des Kaisers Ludwig, sondern auch durch einen Ablaß, den Alle erwerben konnten, die zum Wiederaufbau beitrugen. Im Verlaufe der Zeit gewannen die Spitalgebäude einen sehr beträchtlichen Umfang: es enthielt mehrere Häuser an der Stelle, wo vor dem Brande der Gottesacker gewesen, der auf den heutigen Dreifaltigkeitsplatz verlegt ward. Es gab da das eigentliche Pfründnerhaus, ein Pfarrhaus, ein Entbindungs- und Irrenhaus, ein Findelhaus und ein Brauhaus mit Oekonomiegebäuden.

Die Verwaltung des Spitals lag in der Hand zweier „Hochherren“, von denen einer dem inneren, der andere dem äußeren Rathe angehörte und die einen Spitalschreiber unter sich hatten. Noch in unseren Tagen kommen jeden Quatember sechs Spitaler und eben so viele Spitalerinnen in langen schwarzen Mänteln und breiten weißen Halskrägen zum Fürstenjahrtage in die Frauenkirche, wo über der Gruft der Fürsten drei Kerzen auf einem Leuchter brennen, und beten für alle katholisch verstorbenen Mitglieder der Fürstenhäuser Bayern, Oesterreich und Baden, wie es die Stiftungsurkunde der Herzogin Anna Maria, der Wittwe Albrechts V., vom 12. September 1580 verlangt. Sie nehmen ihren Ausgang aus dem Elisabethenspital an der Mathildenstraße, wohin die Pfründner des hl. Geistspitals im Jahre 1823 versetzt wurden. Das Volk aber nennt sie die Quatembermännel und Quatemberweiberl.

Die alte Kapelle der hl. Katharina, von der oben die Rede gewesen, befand sich übrigens nicht im Erdgeschoß, sondern im ersten Stockwerk. Es war ein kleiner romanischer Bau mit zwei kleinen Fenstern nach dem Thal heraus. Jetzt ist er in ein Amtslokal umgewandelt. In dieser Kapelle musste zweimal im Jahre der regierende Bürgermeister in voller Amtskleidung dem Gottesdienste beiwohnen und er betrat selbe dabei durch eine Thüre, die sich ihm nur allein öffnete. Damit er dorthin gelangen konnte, wurde 1527 vom unteren Stock des Rathhauses an der Fleischbank vorbei in den ersten Stock des Spitals ein gedeckter Gang geführt. Ob der Bürgermeister dabei einen Strick anstatt der goldenen Kette um den Hals tragen musste zum Gedächtniß an den Aufstand vom Jahre 1385, ist nicht nachzuweisen, wenn auch das heimliche Wesen, das mit dem fraglichen Gottesdienste verbunden war, auffällig genug erscheint.

Der hl. Geistkirche hat die Restauration 1724–28 übel genug mitgespielt: Die edlen gothischen Formen verschwanden unter denen des Rococo, aus dem schönen Kreuzgewölbe wurden ganze Flächen herausgeschlagen, um Raum für mittelmäßige Bilder zu gewinnen und der Thurm wurde ganz neu aufgeführt und 1731 vollendet. Unter den Bildern stellt eines die Wadler-Spende dar. Ein Münchener Bürger, Burghard Wadler, gab im Jahre 1358 an das hl. Geistspital 63 Pfund Pfennige. Von dem Zinsenbetrag wurden u. A. am Johannistage und zu Weihnachten drei Pfund Bretzeln gekauft und in einen Sack gesteckt. Mit dem ritt ein Knecht des Spitals um Mitternacht auf einem Schimmel mit lockeren Hufeisen durch die Stadt und theilte sie unter dem Rufe aus:

Ihr jung und alte Leut, Gehts hin zum heiligen Geist, Wo man die Wadler Pretzen ausgeit!

Und das geschähe wohl heute noch, hätte nicht im Jahre 1801 der Pöbel den Knecht, als er schließlich keine Bretzen mehr hatte, vom Schimmel gerissen, worauf die Polizei dem uralten Brauch ein Ende machte.

Was die Fleischbank im Thal betrifft, so wurde sie dahin verlegt, weil Kaiser Ludwig 1315 kein Schlachthaus mehr in der Stadt duldete, nachdem sie bis dahin mitten auf dem Markt (dem heutigen Marienplatz) gestanden. Das im Thale wurde 1733 neu hergestellt und an der Fronte mit einem Fresko geschmückt, welches einen Metzgerknecht darstellte, der einen Ochsen schlug und daneben sah man den Meister und die Meisterin, im Hintergrund aber die Stadt Aichach und die Burg Wittelsbach.

Vom Rathausthurm her führt der alte Gollierbogen zur ältesten Kirche Münchens, der stattlichen St. Peterskirche, an der schon 1170 ein Dechant fungirte. Die alte romanische Kirche ward aber um 1285 baufällig und wurde 1292 durch eine neue ersetzt, die dem Brande von 1327 zum Opfer fiel. Die neue 1365 eingeweihte Kirche hatte einen noch heut vorhandenen Thurmbau, der jedoch oben in zwei Spitzen auslief, und seit 1381 auch eine Uhr aufzuweisen. Die erste Thurmuhr hatte Augsburg 1364, die zweite Breslau 1368, die dritte Paris 1374 erhalten; Nürnberg folgte München erst 1462. Die Restauration von 1607 erfolgte natürlich im Sinne der Renaissance und Maximilian ließ elf Jahre später den heutigen Thurmabschluß erbauen, der 1618 wieder vom Blitz beschädigt ward. Damals ward auch gegen die Mieskapelle der Chor mit der Sakristei angefügt. Von der alten Einrichtung des Inneren aber blieb nichts übrig als der aus der Zeit des Kirchenbaues von 1365 stammende steinerne Schrenk'sche Altar links vorn in der Seitenkapelle.

Wie bekannt blasen jetzt einige Musiker während der Sommermonate an den Vorabenden und Morgen von Sonn- und Feiertagen auf der Galerie des St. Petersthurmes einige Stücke. Bis in unser Jahrhundert herein geschah das täglich und zwar ohne Unterschied der Jahreszeit, jedoch des Sommers um drei Uhr früh und um neun Uhr Abends, im Winter dagegen um vier Uhr Morgens und acht Uhr Abends. Auch bei Hochzeiten bliesen die Thürmer, während sich die Aufzüge der Kirche näherten. Dasselbe geschah am Ostersonntag Mittags halb zwölf Uhr, während am Allerheiligen-Abende mit drei Posaunen und einem Horn eine Trauermusik ausgeführt wurde.

Wir stehen nun auf dem Rindermarkt. Derselbe lag ursprünglich an der Stadtmauer, die sich von der Fürstenfeldergasse die Peterskirche südlich entlang bis um's Rathhaus herum zog, bis sie unter Ludwig dem Bayer, um Bauplätze zu gewinnen, abgebrochen wurde. Der Name Rindermarkt kommt schon 1430 in Urkunden vor, was wohl jenen Hauseigenthümern unbekannt gewesen sein mag, in deren Ohr derselbe einen so übeln Klang hat, dass sie kürzlich um dessen Umwandlung in St. Petersgasse nachsuchten. Vordem hieß die breite Straße Mattmangergasse. Auf dem Rindermarkt besaß 1348 Ludwig der Brandenburger, des Kaisers Ludwig Sohn, ein Haus, da wo jetzt das dem Grafen Bray gehörige Haus Nr. 12 steht. Es wurde im vorigen Jahrhundert von Baron Ruffini vergrößert. Die heute mit Nr. 4, 5 und 6 bezeichneten Häuser des Glasermeisters Herrn Hildebrand, Gastgebers Preisinger und des kgl. Advokaten Rau erwarb 1580 Herzog Ferdinand, der Gemahl der Maria Pettenbeck und verband sie mit dem Hause Nr. 1 in der Rosengasse, nun Eigenthum der Kaufmannswittwe Frau Pauline Gift, und baute dort eine Kapelle, von der anderwärts die Rede sein wird.

Dem besseren Fremdenverkehr in München genügte noch zu Anfang unsers Jahrhunderts das Reichsoberpostamt, das auf dem Rindermarkte seinen Sitz in dem Hause hatte, das nun mit Nr. 2 bezeichnet ist und dem Kaufmann Herrn Ben. Gautsch jun. gehört. Das gesammte Inventar bestand aus fünf Wagen, welche in Ketten hingen, und zwei Schlitten und blieb Jahrein Jahraus größtentheils an der Straße stehen. Eine Fahrt mit der Reichspost nach Wien kostete 18 fl. 40 kr., nach Salzburg 5 fl. 40 kr., nach Augsburg 2 fl. 30 kr., nach Landshut 3 fl. Die Preise stunden somit den heutigen Eisenbahntaxen nach den genannten Orten ziemlich gleich. Wer von seinem Hause wegfahren wollte, hatte dafür ein Trinkgeld von 24 Kreuzern zu entrichten.

Ursprünglich mögen in dieser breiten Straße wohl Viehmärkte gehalten worden sein, später aber traten an deren Stelle die vordem auf dem Anger stattgehabten Waarenmärkte, während dem Anger nur der „Geschirrmarkt“ verblieb. Die Dulten dehnten sich vom Rindermarkte durch die Rosengasse die ganze Kaufingergasse entlang. Jede derselben dauerte eigentlich nur vierzehn Tage; man begann aber mit dem Aufschlagen der Verkaufsbuden, um nicht allzusehr eilen zu müssen, schon zwei Wochen früher und brauchte regelmäßig weitere vierzehn Tage zum Abschlagen und Wegschaffen derselben, so daß diese Straßen alljährlich zwei Monate hindurch für den genannten Zweck in Anspruch genommen waren. Uebrigens durften die beiden Dulten füglich als Volksfeste betrachtet werden, da gleichzeitig im Thal wilde Thiere, Wachsfiguren und Aehnliches zur Schau gestellt waren und Seiltänzer und Akrobaten sich zwischen der Herzog-Maxburg und der Dreifaltigkeitskirche produzirten, wo die Stadtmauer die alte Kreuzgasse abschloß. Aber auch sonst war der Rindermarkt mit Verkaufsständen und Ständchen besetzt, in denen fette Gänse, Wildpret u. A. feilgeboten wurden. Hier durften auch die Bäcker aus der Au und Haidhausen mit Bewilligung des Kurfürsten Carl Theodor Brot verkaufen, worüber ihre Münchener Gewerbsgenossen und der hohe Rath so erbost waren, daß es zu einer höchst ungeeigneten Scene in der Residenz kam. Die Folge davon war, daß der Kurfürst in seinem Zorne darüber München verließ und seine Residenz wieder nach Mannheim verlegte, dessen geistiges Leben allerdings Reize für ihn hatte, die er in München vergeblich suchte. Er hatte sich vom Anfange seiner Regierung an nicht recht in das Wesen und den Charakter der Altbayern finden können, und diese hatten ihm daher auch nicht jenes Vertrauen entgegen gebracht, das sein Vorgänger in der Regierung, Maximilian III. genossen. Namentlich wurden vielfache Neuerungen von den Münchenern, die mit Zähigkeit am Alten hingen, übel aufgenommen. Daß er in München für die schönen Künste nicht weniger that als er am Rheine gethan, daß sein Schauspiel und sein Ballet um die Anerkennung wetteiferten, daß seine Hofmusik die erste in Deutschland war, und daß er in München eine Gemäldegalerie gründete und dem Publikum zugänglich machte, konnte dies nicht ändern. Eben so wenig das, was er für die Aufnahme der Wissenschaften that, indem er für die Vermehrung und Verbesserung der Hofbibliothek und für Bereicherung des Münzkabinets sorgte, daß er die Bemühungen der Akademie förderte. Freilich gab die Maitressenwirthschaft an seinem Hofe auch gerechten Anlaß zu Klagen. Gleichwohl waren die Münchener recht froh, als der Kurfürst im nächsten Jahre auf Bitten der Stadt wieder zu ihnen zurückkehrte.

Bis zur Stadterweiterung durch Kaiser Ludwig hatte die Stadt am Beginne der Sendlingergasse ein Ende. Es stand da ein Thurm, der nacheinander der Pütrich-, Blauenten- und Ruffinithurm hieß und im Jahre 1808 abgetragen wurde.