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Sagen & Geschichten

Auf dem Frauenturm

Joseph Ruederer, der Münchner Satiriker, der seine Vaterstadt über alles liebte, aber auch mit Vorwürfen und ernstem Tadel nicht zurückhielt, erzählt in seinem Buche „München", wie er eines Abends (am letzten Oktobertage war es) auf den Frauenturm stieg und von da hinabschaute auf die im sinkenden Lichte liegende Stadt:

Höher und höher hinauf die schmale, steinerne Wendeltreppe und weiter zwischen ragendem Gebälk. Die Bretter krachen unter meinen Tritten, und je mehr ich emporsteige, desto stärker besinne ich mich, dass dreißig Jahre vergangen sind, seit ich als kleiner Lateinschüler fast täglich den Türmer besuchte. Mit ihm hab ich die Dohlen gefüttert und hab ausgeschaut nach Rauch und nach Feuer. Auch Geschichten ließ ich mir künden, vom Fräulein von Leppenstein, das vor hundert Jahren zur Tiefe sprang, weil es einen Leutnant nicht kriegen konnte, und von jenen Münchnern, die als Herz, Hirn und Leberwurst wie eine lebendige Speisekarte an einem Tage da oben zusammentrafen.

Unten aber hab ich mit dem Mesner die Glocken gezogen, jene schönsten und größten Glocken Münchens, die jetzt plötzlich zwischen vier ungeheuren Bogenfenstern über mir herauswachsen, als schwebten sie frei zwischen Himmel und Erde. Tief darunter die Stadt, zum ersten Male sichtbar, über ihr der Himmel und als Zwischenstufe die charakteristische Kopfbedeckung der Frauentürme, jene närrischen Hüteln, die man ihnen aufsetzte, weil das Geld in München wieder einmal nicht gelangt hatte, die man kennt weit und breit als die Deckel zu den zwei Maßkrügen.

Hier halte ich ein und schaue mich um. Lotrecht unter mir die weiten Höfe des ehemaligen Augustinerklosters, dahinter, nicht minder schwer und finster, die Jesuiten mit den Karmelitern. Drüben aber als Gegensatz im köstlichsten Blau die stolze, geschlossene Linie der weiten Alpenkette. Dort, wo die Sonne jetzt strahlt auf Zacken und Schrunde, bin ich gewandert, so oft, so viel, vom Untersberg bis zum Grünten. Und überall, wo ich gerastet habe, auf Gipfeln und Hütten, hab ich ausgeschaut nach den zwei Türmen wie nach lieben alten Bekannten. Gleichviel, ob sie im Dunste erschienen oder nicht. Auch sonst hab ich ihnen zugenickt, diesen feinpatinierten Dickschädeln, wenn ich von Westen, von Norden, von Süden, von Osten in die Heimat zurückkam. Aus Nebeln herauswachsend, im Gewitterschein leuchtend, von der Sonne beglänzt, vom Schneegestöber umringelt, so sah ich sie vor mir als treue Gesellen, als zwei brave Onkel, deren Taschenuhren gleichmäßig weitergehen, die rechte wie die linke, im breiten Ticktack des Münchner Lebens.

Alle Viertelstunden behaglich brummend, so wie der richtige alte Münchner, der auch nur alle fünfzehn Minuten ein Wort spricht, „weil eh scho gnua g'redt werd auf dera damischen Welt". „Alles Blödsinn, alles Schwindel", tönt es unter der Türmerwohnung. Diese Glocke trug uns Buben die Stunden der Erlösung ins alte Wilhelmsgymnasium hinüber, sie war uns das Vorbild, wenn wir Schiller deklamieren mussten, sie kündete uns mit aufgeregten Schlägen die Brände, weithin durch die Stille der Nacht, sie rief zu kirchlichen Feierlichkeiten, zum Leben, zum Tode. Jetzt, wo ich unter ihr stehe, läutet sie Allerheiligen ein. So stark, so mächtig, dass das ganze Gebälk zittert. Auch die Fenster klirren in leiser Bewegung. Und der Ton vibriert immer stärker, er schwillt an, als riefe er die Toten selber zum Feste. Zu jenem Feste, das ihnen gilt. Denn an diesem Tage werden die Gräber geschmückt, damit das Volk zwischen brennenden Wachskerzen die verstaubten Zinnsärge bewundern kann.

Unwillkürlich wende ich die Blicke nach Süden zum alten Friedhof. Dort hinaus pilgern sie morgen zu Tausenden. Sie kommen zu Fuß, zu Wagen, mit Kränzen, mit Sträußen, mit bunten Laternen. Eine stumme Andacht am Grabe der Angehörigen, ein flüchtiger Gruß mit dem Weihwasserwedel. Dann machen sie einen Rundgang und kritisieren die Gräber der Nachbarn. Wie neue Kleider oder Theaterstücke. Da, die weibliche Marmorgestalt, die von Engeln zum Himmel getragen wird, erregt besonderes Aufsehen. Die junge Frau ist erst im vorigen Jahre gestorben. Soll übrigens gar keine solche Heilige gewesen sein, wie sie da dargestellt wird, mit dem sicheren Eintrittsbillett für den Himmel. Und erst dort, der bekannte Großkaufmann! Ein Spekulant, man kann schon sagen: ein Gurgelabschneider. Schön ist ja seine Gruft, aber die erhebende Inschrift darunter passt durchaus nicht zu seinem Leben. Dem Doktor dort, dem einst vielgerühmten praktischen Arzt, kann man dagegen nur Gutes nachsagen. Ein Wohltäter der Menschheit im Sinne des Wortes. Dafür ist sein Grab auch das ärmlichste in der Runde. Zwei Kandelaber mit brennendem Weingeist — das ist alles. Dass sich die Familie nicht vor den Leuten geniert! Unglaublich!

Und hier erst, der berühmte Schauspieler mit seinem klassischen in Erz gegossenen Profil! Der Mann, der als Tell, Wallenstein, Egmont ganz München begeisterte, dieser Abgott seiner Zeit, von dem jeder schwärmte, der das Glück hatte, ihn einmal zu sehen oder gar ihn zu hören mit diesem wunderbaren Organ — vergessen ist er. Nicht die bescheidenste Blume ziert sein Grab, nicht der billigste Immortellenkranz. Rings herum werden Sträuße feilgeboten, aber für ihn kauft keiner. Auch der nicht, der so jammert über das Los des Mimen. Er hat anderes zu tun, hat weiter zu wandern mit seiner Ehehälfte, Arm in Arm zwischen den flackernden Lichtern und den schwarzen Schleiergewinden, zwischen tropischen Pflanzen und laut betenden Klageweibern. Da trifft er einen Bekannten. „Diese Protzerei, dieser Luxus!" — „Nicht wahr? Und das widerwärtige Gegaffe der Leute!" — „Allerdings, na, auf Wiedersehen!" — „Auf Wiedersehen!" Und die Herrschaften gehen auseinander, die einen zum nördlichen Friedhof, die anderen zum östlichen, wo's auch sehr schön sein soll.

Ich aber schaue auf meinem Turme vom Süden zum Westen hinüber. Die Sonne brennt mir direkt ins Gesicht mit vollen, leuchtenden Strahlen. Sie hat sich geneigt zu dem kleinen Wäldchen hinter der Ruhmeshalle. Vor ihr die Bavaria in massiger Größe. Doch man kann nichts unterscheiden, so stark blendet's von dort. Nur die schwarze Silhouette des Riesenkopfes taucht aus dem zitronengelben Lichte. Darüber ein zartgrüner Himmel in weitem, ungemessenem Bogen. Der schimmert so durchsichtig, dass man den Herrgott selber zu sehen vermeint mit allen katholischen Englein, mit der ganzen Geistlichkeit und all denen, die tugendhaft gelebt haben auf Erden. Erst als ich mich umwende gegen Osten, wird's wirkliches Blau, da hinten, wo das Maximilianeum thront, sogar tiefes. Als sollte noch ein letzter Gruß winken vom Schimmer des Südens auf die Dächer der Stadt. Die sind noch frei von Schnee. Rot, braun, grün, grau, in allen Schattierungen lachen sie zu mir herauf, bald hoch, bald niedrig. Ich erkenne an ihnen bestimmte Gebäude, ich richte mich nach ihnen wie nach einer Landkarte, ich sehe an ihnen die ungeheure Metamorphose meiner Vaterstadt. Wie sie sich hinausstreckte gegen alle Richtungen der Windrose mit neuen, gewaltigen Vierteln, wie sie auch zum Himmel emporwuchs mit hohen Giebeln, dem neuen Rathausturme, dem Nationalmuseum, der Kuppel des Justizpalastes, den zahllosen Schulhäusern und den neuerbauten Kirchen. Jahre an Arbeit liegen da vor mir, und ich kann jeden Winkel bezeichnen, jede Stelle, wo's aufhörte und wo's anfing.

Wäre ich ein Redner, so einer vom Schlage derer, die an das Glas klopfen, um Feste einzuleiten, wäre ich der König dieser Stadt, die in immer wärmeren Flammengluten unter mir liegt, dann würde ich wohl danken mit weithin vernehmbarer Stimme. Das Summen und Brausen, das von unten heraufdringt, würde ich übertönen mit Worten der Anerkennung für jene Männer, die meine Vaterstadt so weit geführt haben. Denn sie wächst empor als ein Ding für sich, fröhlich und selbständig, in der neuen, farbigen Bauart mit den Rundtürmen, den Erkern, den Biedermeierfassaden, kurz mit dem ganzen Stil, den Gabriel Seidl geschaffen hat und auch sein Bruder erfolgreich verwandte. Dienten dabei auch alte Muster als Vorbild, der gänzlich verlotterte Baustil der Stadt wurde durch diese Künstler zu neuem Leben geführt. Wo man hinblickt, spricht es von ihrem Wirken, ob sie selbst bauten, ob sie dem Haus nur den Stempel aufdrückten. Der aber ist nicht von Wien, nicht vom Norden bezogen, er ist münchnerisch. Münchnerisch wie seine Schöpfer bis in die Knochen. Breit und behäbig, fest und selbstbewusst macht er sich Platz. Bums, da steht er und lässt keinen andern neben sich aufkommen! Höchstens die Freundin, die Spezln und deren Trabanten, die blind zur Fahne schwören, zu der großen, mächtigen Münchner Gemeinde. „G'moa" sagt man auf Altbayerisch und kann lachen dabei, lachen über die großen und kleinen Münchner Tyrannen. Denn das Lachen ist noch die einzige Befreiung im Leben, wenn man sich praktisch nicht mehr zu helfen weiß.

Jetzt ist die Sonne hinter Sendling hinabgegangen. Doch von der Stelle, wo sie verschwand, lodert die Glut empor. Die volle Glut eines leuchtenden Abends. Weit über die Dächer ragt sie hinaus in das dunkelnde Firmament. Nun brennt alles in der Runde, dass man Sturm läuten möchte auf der einsamen Warte. Dampfwolken steigen vor dem Feuer aus Kaminen und rauchenden Lokomotiven. Daraus wachsen die Türme des Westens wie Giganten. Und von ihnen strahlt es hinaus bis zum Dachauer Schlossberg über das herbstliche Moor; ein Weltenbrand, wie von tausend Händen entzündet. Da wird's lebendig auf der oberbayerischen Ebene, so weit das Auge noch reichen kann. Der Sommer hat sie gelb gebrannt, aber jetzt schillert sie mit dem Himmel um die Wette mit ewig wechselnden Lichtern. Und von ihr zieht es über die ganze Stadt, über die Straßen, wo's wimmelt von heimkehrenden Menschen, über die Dächer, deren Kupfer wie fließendes Metall glänzt, und über die Bogenlampen, die hell in dem sengenden Feuermeer glitzern, über all das hinaus zu den Frauentürmen, zu den beiden roten Ziegelsäulen, die wie Dolomitfelsen erstehen. Zum offenen Fenster aber strömt es herein mit erlöschenden Feuergluten, mit einem Hauch, gesättigt von Weite, von Bergen, von Wäldern. So köstlich, so frisch, dass man hineinbeißen könnte ins Ungewisse, dass man fressen möchte, bis man nimmer genug hat. Mag die bayerische Regierung noch so fromm werden, mag der Landtag den letzten Groschen nur noch für Heugabeln verwenden oder für Rosenkränze, mögen die Künstler selber die größten Dummheiten begehen — diese Luft können sie alle zusammen nicht umbringen. Und der Polyp im Norden mit den großen Fangarmen kann sie nicht nachmachen.