Von der Zentenarfeier im Jahre 1888
Das letzte der großen merkwürdigen Münchner Feste des 19. Jahrhunderts war die Zentenarfeier für Ludwig den Ersten. Sie hätte 1886 zur 100. Wiederkehr des Geburtstages Ludwigs stattfinden sollen, man musste sie jedoch infolge der Königskatastrophe verschieben, und so wurde sie erst im Jahre 1888 abgehalten. Hermann Lingg erzählt in seiner Selbstbiographie von der Feier:
„Eines der bedeutendsten und schönsten Feste, die in München gefeiert wurden, war die Zentenarfeier für König Ludwig den Ersten. Alle Veranstaltungen zu dieser Feier waren großartig und bezeugten die Verehrung und Liebe, die der König im Lande genoss, und bewiesen den Kunstsinn der Anordner im hohen Grade.
Am interessantesten war der Festzug, der sich durch die Stadt bewegte, und das Interessanteste an diesem Festzug war derjenige Teil des Zuges, welcher die Kaufmannschaft und den Verkehr mit dem Ausland versinnbildlichte. In diesem Zug waren, den Orient vorstellend, die Elefanten und Dromedare aus einer in München weilenden Menagerie verwendet worden. Als bei einer Biegung des Weges der feuerspeiende Drache der Maffei’schen Lokomotivfabrik den Elefanten gegenüberkam, scheuten diese und nahmen Reißaus.
Alle Bemühungen der Wärter, sie im Zuge zu halten, waren vergeblich. Die Anstrengungen anderer machten die Tiere nur noch scheuer. Es entstand eine Panik; der Zug löste sich auf; die Zuschauer wogten voll Schrecken durch die Straßen. Gefahrvoll war die Situation der Damen, die nach orientalischer Weise auf Sitzen auf den Rücken der schnaubenden und fliehenden Tiere sich befanden. Verzweifelnd sah man sie die Arme ringen, da sie sich nicht mehr zu helfen wussten.
Glücklicherweise geschah kein Unglück; es kam alles wieder in Ordnung. Eine Frau erzählte mir, sie sei von der drängenden Menge auf den Boden gestoßen worden, ein im Trab herankommender Elefant sei jedoch vorsichtig über sie hinweggeschritten; das habe sie noch gesehen, dann sei sie in Ohnmacht gefallen und bewusstlos aufgehoben worden. Der Anblick der mächtigen Tiere, die trompetend, mit gehobenen Rüsseln durch unsere Straßen so ungewohnt daherstürmten und Kandelaber wie Rohre zerbrachen, war ein schrecklicher und bezaubernder Anblick zugleich; man glaubte sich in eine orientalische Straßenszene versetzt.“