König Ludwig-Erinnerungen
Der Maler Hanns Fechner, der damals in München lebte, berichtet in seinen „Malerfahrten" über den Eindruck der Königskatastrophe und reiht daran eine Anzahl von Anekdoten, wie sie damals über den König in Umlauf waren.
Ich kehrte sofort von meinem Ferienausflug nach München zurück und konnte so noch den gewaltigen Eindruck auf mich wirken lassen, den des Königs jäher Tod auf das bayerische Volk ausgeübt hatte. Als gar während der Beerdigung ein Blitz aus sonst fast wolkenlosem Himmel in den Turm der Kirche einschlug, verstärkte sich noch der Eindruck des Mystischen und Wunderbaren. Eine furchtbare Aufregung hatte sich besonders der Gebirgler bemächtigt. Diese einfachen Menschen konnten sich nicht vorstellen, dass ihr König gestorben sein könne, ja, gestorben!
Noch lange danach erwarteten sie ihn, den abgöttisch Geliebten; sie glaubten fest, er müsse einmal wieder nächtlicherweise in seiner Karosse dahergejagt kommen, die Fackelträger zu Pferde voranstürmend, um bei ihnen, seinen treuesten Untertanen, Zuflucht zu suchen vor den Ränken und Listen seiner Widersacher, in deren Gefangenschaft sie ihn wähnten. Gerade diese Bergkinder waren wirkliche rechte Vasallen und Getreue ihres Königs, jederzeit bereit, ihr Herzblut für ihren Abgott zu opfern. Und ein König, ein wirklicher, rechter König musste das doch wohl gewesen sein, den das einfache Volk so liebte und mit solcher Hingebung verehrte, dessen es so treu dachte, lange über seinen Tod hinaus.
Auf mich machte es immer einen bizarren, unheimlichen Eindruck, wenn der König des Nachts gespensterhaft durch den Englischen Garten fuhr. Vorher wurden da die paar verspäteten Fußgänger gebeten, den Fahrweg zu verlassen, weil der menschenscheue Herrscher niemanden sehen, niemandem begegnen wollte. Man suchte natürlich Deckung hinter den Bäumen, und dem einen oder anderen Neugierigen mag es dort wohl manchmal gelungen sein, des Königs einsames, bleiches Antlitz hinter den dicken Scheiben des Galawagens aufleuchten zu sehen. Ob es zutraf, weiß ich nicht, aber die Leute, die ihn gesehen hatten, behaupteten, die Scheiben seien als Vergrößerungsgläser geschliffen, und des Königs Haupt habe riesengroß, übermenschlich ausgesehen. An einsam lebende Menschen bilden sich leicht Gerüchte und Legenden, nicht immer zum Vorteil der Betreffenden, die allein durch ihr Hervortreten an die Öffentlichkeit die Zerrbilder der Phantasie verwischen könnten. König Ludwig hatte das verschmäht.
Ihm lag nichts an der Menschen Meinung; ohne Rücksicht auf enge Traditionen und kleinliche Gebräuche tat der gekrönte Dichter nur, was seinen hohen Begriffen von Königstum und Herrscherwürde entsprach.
Auf der einen Seite des Münchner Schlosses befand sich ein wundervoll gepflegter Wintergarten voll hoher Palmenbäume und verschiedenster exotischer Blatt- und Schlinggewächse; bunte Papageien in den herrlichsten Farbenkleidern stiegen eifrig an den Baumsäulen auf und nieder, den Riesenraum durch ihr Gekreische und Geplapper mit unmelodischem Tongewirr erfüllend. Auch hier soll es neugierigen Fremden möglich gewesen sein, aus gutbezahlten, sicheren Verstecken heraus den König zu beobachten, wenn er die scheinbare Einsamkeit seines Zaubergartens nächtlicherweise aufsuchte. Strengste Verpflichtung für die Lauscher war es natürlich, was auch geschehen möge, ihre Anwesenheit nicht zu verraten.
Und so geschah es denn auch einmal, dass der König, der seinen schwanengeschmückten Nachen auf dem künstlichen Weiher inmitten des Gartens besteigen wollte, fehltrat und, bei seinem Riesenkörpergewicht, Mühe hatte, sich im Wasser aufzurichten und den Rand des Bassins zu erklimmen. Auf seine Hilferufe erschienen die zu seinem Schutze ebenfalls ganz in der Nähe versteckten Leibdiener aus Angst vor seinem Zorn erst nach längerer Zeit, um den richtigen Eindruck der Entfernung vorzutäuschen. Die neugierigen Gaffer aber, die ihre Plätze nicht verlassen durften und natürlich auch nicht gewagt hätten, dem Könige beizuspringen, konnten ein besonders seltsames Ereignis in ihren Reise-Merkbüchern verzeichnen.
Von den kostbaren Uhren, die der König gelegentlich an seine Günstlinge verschenkte, um ihnen eine Freude zu machen oder auch um eine im Zorn geschlagene Wunde zu heilen, hat man häufig gehört. Unter den anderen Kleinodien, die eine gleiche Bestimmung hatten, nahmen zwei kunstvoll geschnitzte Meerschaumspitzen einen besonderen Raum ein. Beide Exemplare, von denen eines schöner und größer noch als das andere war und die beide einen reich geschnitzten Rokokojagdzug darstellten, kaufte der König auf den Ausstellungen. Der Bildhauer Feldmann, dessen besondere Kunst es war, vorzüglich in Meerschaum zu schnitzen, und der mit Stolz den Namen „Meerschaumxaverl" trug, hatte diese Meisterwerke geschaffen.
Kainz, der vergötterte junge Freund Ludwigs, erhielt eine dieser wertvollen Schnitzereien zum Geschenk bei einer jener Vorstellungen, die den König als einzigen Zuschauer hatten. Kainz bewunderte die Gabe in allen Tonarten, wusste aber nichts damit anzufangen, und so schleppte er das unpraktische Möbel bald danach zur Koblank Frieda, einer sehr bekannten Persönlichkeit in München. Die hatte angefangen, neben allem möglichen Trödelkram auch ausgebrauchte Hofkleider aufzukaufen und sie an junge Künstler als Malrequisiten zu verleihen. Ihr Geschäft blühte auf, ihre Kenntnisse erweiterten sich im Umgänge mit der jungen Künstlerwelt, und bald fand man die wertvollsten Antiquitäten und auch die angesehensten Leute Münchens bei ihr. Kalisch, Philippi, Fulda, Kainz tranken dort ihre Tasse Kaffee und waren gut Freund mit der klugen, amüsanten Frau.
Diese Frieda Koblank hatte jetzt die Meerschaumspitze hilfsbereit in Versatz genommen, und bei ihr wurde das kostbare Stück in einem kleinen Marokko-Koffer gebührend angestaunt. Kurze Zeit später machte der „Meerschaumxaverl" mit einigen Freunden einen Ausflug nach Hohenschwangau und hielt Rast in der „Alpenrose". Dort fanden sie eine gar sonderbare Versammlung. Einige Diener in des Königs Livree saßen um einen Tisch und schauten bewundernd einem herkulischen, hemdärmeligen Reitknecht zu. Der qualmte mit rotem Gesicht schier allmächtige Rauchwolken hervor und umwölkte damit irgendeinen großen Gegenstand, der in einem Riesengestell aus Draht vor ihm ruhte.
Neugierig ging das Künstlervölkchen näher heran, um das kuriose Schauspiel zu betrachten. Mit einem freudigen „Da schau!" erkannte Feldmann in dem Monstrum auf dem Riesengestell den einen seiner kunstvollen Rokokozüge, der jetzt aber im schönsten Goldbraun des angerauchten Meerschaums prangte. „Was soll's denn kosten, die Pfeife?" fragte er sofort den Weißledernen. Der aber würdigte ihn hochnäsig gar keiner Antwort, und ein stämmiger Stallknecht erklärte an seiner Statt wohlwollend: „Die is ihm net feil, die hat ihm der König selber zum Präsent gemacht. Do spannens, die schöne Meerschaumspitzen! Dass Sie's wissen, solchene gibt’s bloß zwoa. Die oa hat Seine Majestät dem Toni verehrt zum Andenken, und die andere, grod a solchene, nur zwoa Pferd sau weniger drauf gewesen, dem junga Schauspieler, der eam damals so oft aloa was aufsagn hat müassen. Kainz hat a g'hoasen, so a Kloana, Magerer mit am schwarzen Schopf. Dem seine soll a nöt so schön ang'raucht sein wia die; wissens der war drunten von die Schlowakn oda Ungarn gebürtig, da rauchans koa richtige Zigarrn, bloß so Papierzigarrln. Da werd koa Spitzn was. Es muss eben alles in die richtigen Händ kemma!"
Der Schauspieler Josef Kainz (1858—1910) wurde auf Possarts Betreiben gegen den Willen des Generalintendanten von Perfall, dem er bei seinem Probegastspiel missfiel, am 1. Oktober 1880 am Hof- und Nationaltheater angestellt und wirkte dort bis 30. September 1883. Seine Hauptrollen waren Romeo, Don Carlos und Mortimer. König Ludwig II. befreundete sich mit ihm und reiste mit ihm in die Schweiz an den Vierwaldstätter See, um dort das Rütli zu besuchen und sich von ihm an Ort und Stelle Szenen aus Schillers Tell vorsprechen zu lassen. Auf dieser Reise kam es zum Bruch. Der junge, unberatene Künstler, durch den mehr als vertraulichen Ton des Königs verführt, ließ sich zu Burschikositäten hinreißen, die das Majestätsgefühl Ludwigs II. verletzten: die Ungnade, wenn auch nach außen hin taktvoll verhüllt, war da. Josef Kainz verließ München, ging zuerst nach Berlin und später nach Wien, wo er starb. Kainz war einer der genialsten Menschendarsteller der deutschen Bühne; vielleicht dass die jugendlichen Erschütterungen, die sein Umgang mit dem König gebracht, ihm die künstlerische Reife gaben.