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Sagen & Geschichten

König Ludwig des Zweiten Ende

König Ludwigs geistige Erkrankung hatte am 10. Juni 1886 zur Einsetzung einer Regentschaft geführt. Der König selbst wurde nach Schloß Berg übergeführt; in seiner Begleitung befand sich als Pofkavalier Baron Washington und der Irrenarzt Geheimrat Or. von Gudden. Da traf am 14. Juni 1886, am Pfingstmontag, folgende Bekanntmachung der Polizeidirektion die erregten Gemüter der Münchner:

Nachdem Seine Majestät der König seit seiner Ankunft in Schloß Berg den ärztlichen Ratschlägen ruhig Folge geleistet, machte derselbe gestern abend 6% Ahr in Begleitung des Obermedizinalrates von Gudden einen Spaziergang im Park, von dem der König und Or. von Gudden längere Zeit nicht zurückgekehrt sind. Nach Durchsuchung des Parkes und des Seeufers wurde Seine Majestät mit Gudden im See gefunden. Seine Majestät gaben gleich wie Gudden anfangs noch schwache Lebenszeichen; die von vr. Müller vorgenommenen Wiederbelebungsversuche waren jedoch vergeblich. Am 12 Ahr nachts wurde der Tod Seiner Majestät konstatiert. Gleiches war bei von Gudden der Fall.                    

Königliche Polizeidirektion.

Einzelheiten sind den Depeschen des Begleiters des Königs, Baron Washington, an die Polizeidirektion zu entnehmen:

Palb 11 Ahr nachts: Der König und Or. Gudden gingen gegen halb 7 Ahr spazieren. Die unternommene Antersuchung des Parks gab kein Resultat. Lalb 10 Ahr wurden der Put und Mantel des Königs und Or. von Guddens in der Nähe des Pirschparkes gefunden. Sogleich wurden Barken auf Suche ausgesendet.

11 Ahr 55 Min. Seine Majestät und Or. von Gudden soeben im See gefunden. Beide geben schwache Lebenszeichen, vr. Müller macht künstliche Einatmungen.

12 Ahr 30 Min. Nach der Aussage des Or. Müller war mit Schlag 12 Ahr bei Seiner Majestät sowie auch bei Or. von Gudden das Leben geendet.

3 Ahr 10 Min. Das große Anglück wird wahrscheinlich 6 Minuten vor 7 Ahr stattgefunden haben. Die Ahr Seiner Majestät zeigt Wasser zwischen Glas und Zifferblatt und ist um diese Zeit stehengeblieben. Die Verunglückten wurden an das Äser gebracht von Or. Müller und Schloßverwalter Luber. Beide Körper waren nach ärztlicherAussage unmittelbar nach Verbringung ins Bett ohne Atmungserscheinungen und ohne Puls. Die Wiederbelebungsversuche wurden von Dr. Müller abwechselnd mit den Pflegern und zwei Gendarmen, früheren Sanitätssoldaten, 45 Minuten lang fortgesetzt. Am 12 Ahr wurde die endgültige Erklärung des Perm vr. Müller abgegeben, daß weitere Versuche nutzlos wären.

Die Wirkung in der Stadt

München, 14. Juni. Soeben holen Militärabteilungen aus der Residenz die Fahnen zur Vereidigung auf König Otto. Am 11 Ahr findet die Ministersitzung beim Prinzregenten statt.

München, 14. Juni. Vor dem Palais des Prinzen Luitpold und vor der Residenz finden große Ansammlungen der Bevölkerung statt, welche aber nur Gefühle der Trauer bekunden und absolut die höchste Ruhe beobachten.

 

Am gleichen Tage wurde nachstehendes Thronfolgepatent veröffentlicht:

Im Namen Seiner Majestät des Königs.

Bayerns Königliches Haus und sein in Glück und Unglück treu zu Demselben stehendes Volk ist vom schwersten Schicksalsschlage betroffen. Nach Gottes unermeßlichem Ratschlüsse ist Seine Majestät König Ludwig II. aus dieser Zeitlichkeit geschieden. Durch diesen, das ganze Vaterland in schmerzlichste Betrübnis versetzenden Todesfall ist das Königreich Bayern in der Gesamtvereinigung aller seiner älteren und neueren Gebietsteile nach den Bestimmungen der Verfaffungsurkunde auf Grund der Laus- und Staatsverträge Anserem vielgeliebten Neffen, dem Bruder weiland Seiner Majestät, Seiner Königlichen Loheit dem Prinzen Otto, jetzt Majestät, als nächstem Stammfolger nach dem Recht der Erstgeburt und der agnatisch-linealen Erbfolge angefallen.

Da Allerhöchst-Derselbe durch ein schon länger andauerndes Leiden verhindert ist, die Regierung Allerhöchst-Selbst zu führen, so haben Wir als nächstberufener Agnat nach den Bestimmungen der Verfassungsurkunde in Allerhöchstdessen Namen die Reichsverwesung zu übernehmen. Die nach der Verfassung erforderliche Einberufung des Landtages ist bereits verfügt. Indem Wir im Namen Seiner Majestät des Königs die Reichsverwesung hiemit übernehmen, versehen Wir uns zu allen Angehörigen der Bayerischen Erblande, daß sie Seine Majestät den König als ihren rechtmäßigen und einzigen Landesherrn so willig als pflichtgemäß erkennen und Allerhöchst Demselben und Ans, als dem durch die Verfassung berufenen Regenten, unverbrüchliche Treue und unverweigerlichen Gehorsam leisten.

Damit der Gang der Staatsgeschäfte nicht unterbrochen werde, befehlen Wir, daß sämtliche Stellen und Behörden ihre Verrichtungen bis auf nähere Bestimmung wie bisher nach ihren Amtspflichten sortsetzen, die amtlichen Ausfertigungen von nun an im Namen Seiner Majestät des Königs Otto von Bayern, wo solches vorgeschrieben ist, erlassen, bei der Siegelung aber sich der bisherigen Siegel so lange, bis ihnen die neu zu fertigenden werden zugestellt werden, bedienen sollen.

Wir wollen alle Bedienstete an den von ihnen geleisteten Verfassungs- und Diensteseid besonders erinnert haben und versehen Ans gnädigste daß alle Antertanen Seiner Majestät dieser Anserer in tiefem Schmerz im Namen des Königs an sie gerichteten Aufforderung in Treue folgen.

Gegeben zu München, den 14. Juni 1886.

Luitpold, Prinz von Bayern

vr. Frhr. v. Lutz, Or. v. Fäustle, vr. v. Riedel, Frhr. v. Crailsheim, Frhr. v. Feilitzsch, v. Heinleth.

 

Dem König Ludwig wurde seine Entmündigung im Schloß Neuschwanstein mitgeteilt. Nach erregten Szenen schickte er sich scheinbar ins Unvermeidliche und ließ sich nach Schloß Berg überführen. Dm Rat des Reichskanzlers Fürsten Bismarck, an den sich der königliche Flügcladjutant Graf Dürckheim gewandt hatte, der König solle in seine Residenz fahren und sich seinem Volke zeigen, konnte Ludwig II. nicht mehr ausführen. Er war dafür zu energielos; er vermochte wohl auch die Tragweite des Rates nicht mehr zu ermeffen. 2n Berg fügte er sich willig den Anordnungen des Geheimrats Dr. von Gudden (1824—1886), der Direktor der oberbayerischen Kreisirrenanstalt und behandelnder Arzt des Prinzen Otto war, und besten Assistenten vr. Müller. Daß Ludwig daö Los seines Bruders Otto teilen und sein Leben in geistiger Umnachtung beenden werde, war für Männer seiner nächsten Umgebung längst nicht mehr zweifelhaft. Namentlich seine Kabincttchefs und Hofsekretäre von Eisenhart, von Bürkel und vr. von Ziegler sahen das voraus, aber es fanden sich keine Mittel, das Leiden aufzuhalten.

König Otto (1848—1917) verlebte seine Tage in völliger geistiger Umnachtung in dem stillen Schlößchen Fürstenried bei München. Da der nächstälteste Bruder des Königs Max II., der ehemalige, 1862 durch die griechische Revolution seines Thrones beraubte König Otto von Griechenland, im Jahre 1867 kinderlos in Bamberg gestorben war, übernahm an seiner Statt der nächstberufenc Agnat, Prinz Luitpold (1821—1912), als Prinzregent die Regierung. Unter seinem aufgeklärten, milden Regiment erlebte die Münchner Kunst ihre Nachblüte, und die behagliche Stadt wuchs ins Große; es war das letzte Aufleuchten jenes KulturmünchnertumS, das Ludwig I. entfacht hatte.