Dorf und Weltstadt
In dem entscheidenden Entwicklungsabschnitt des Wachsens und Werdens unserer Stadt, den die Zeit nach dem Krieg von 1870/71 bis etwa zur Regierungsübernahme durch Prinz Luitpold umfasst, standen die Übergangserscheinungen, ganz Ländliches und ausgesprochen Weltstädtisches, krass nebeneinander. Der Danziger Dichter Max Halbe, der 1884 als Student nach München kam und die Stadt zur zweiten Heimat wählte, hatte dafür ein scharfes Auge. Er schreibt in seiner Lebensgeschichte „Scholle und Schicksal" (München 1933, bei Knorr & Hirth):
Als ich in den regenfeuchten Frühlingswochen Anno Domini 1884 meinen gänzlich unfeierlichen studentischen Einzug in die Isarstadt hielt, war gerade der Maibock angegangen. Es regnete tagelang, was vom Himmel herunter wollte. Es regnete Schnürln oder Spagat, wie der Münchner zu sagen pflegt. Auf den damals noch makadamisierten Straßen — Steinpflaster war noch wenig vorhanden — spritzte, wenn ein Wagen vorbeifuhr, was ja vorkam, Schlamm und Kot springquellartig gen Himmel; man planschte bis an die Knöchel im Wasser. Hier war selbst für den wissensdurstigen Fremden, der hinter jeder Straßenecke das Wunder erwartete, kein langes Bleiben. Wohin trieb es ihn also wie durch Naturgesetz? Zum Bockfrühschoppen ins Platzl und, wenn der Abend kam, in den „Affenkasten" beim Augustiner, Spaten oder Pschorr. Im Platzl beim Maibock erklang aus Hunderten von Kehlen das Lied vom „Alten Peter", von der grünen Isar und von der Gemütlichkeit, die in der Münchner Stadt nicht ausstirbt. Es war schon damals uralt, der älteste Bierkieser hatte es bereits in seiner Jugend gesungen, und so singt man es noch heute, nach über fünfzig Jahren. Auch ich sang es damals mit, aus begeistertem Herzen, wenn auch nicht gerade mit besonderer Tonreinheit, denn Singen war nie meine starke Seite gewesen. Aber keiner achtete auf meine falschen Töne, es war alles eine einzige Harmonie.
Ich hatte in der Theresienstraße 5 ein behaglich möbliertes Zimmer gefunden, im ersten oder zweiten Stock. Wenn ich aus dem Fenster sah, so fiel mein Blick auf ein weiß und blau gestrichenes Wägelchen, das mir heute wie aus einer Spielzeugschachtel vorkäme. Es war ein Gefährt der Münchner Straßenbahn, die man damals, wie auch heute noch, Trambahn nannte. Das Wort ging darauf zurück, dass ein englischer Unternehmer zuerst die „Tram" (englisches Wort für Schienen) in München eingeführt hatte. Die Linie, die an der Ludwigstraße, dicht vor meinem Hause, endigte, war die spätere Ringlinie und führte zu jener Zeit über den Bahnhof nur bis zum Isartorplatz. Außerdem gab es noch die Dampftrambahn nach Nymphenburg und, soweit ich mich entsinne, schon die grüne Linie vom Bahnhof bis zur Universität. Alle zehn Minuten tauchte so ein blauweißes Wägelchen vor meinem Fenster auf, bremste geräuschvoll, hielt knirschend an, worauf der geduldige Braune umgespannt wurde. Nach einer ausgiebigen Pause, während welcher Maßkrug und Brotzeit keine geringe Rolle spielten, trollte sich das Gefährt wieder von dannen, dem „fernen" Bahnhof und dem noch ferneren Isartorplatz entgegen. Ein idyllischer Anblick, wenn ich ihn mir heute zurückrufe. Damals kam er mir nicht wenig großstädtisch vor.
Jenes München der achtziger Jahre war freilich noch eine sehr friedliche und geruhsame Großstadt, wenn es überhaupt schon eine war. Seinem äußeren Umfang nach hatte es natürlich berechtigten Anspruch auf diesen Titel. Seine Einwohnerzahl betrug damals 225.000, etwa ein Drittel von heute (1932). Aber selbst heute hat ja München noch manches von einem Dorf oder von einem lebhaften Marktflecken des Oberlandes, während es zugleich bereits sehr wesentliche internationale und weltstädtische Züge aufweist. Man könnte von einem weltstädtischen Dorf oder Marktflecken sprechen, wenn diese Synthese nicht doch wieder ein falsches Bild gäbe, da es ihm an den vermittelnden Übergängen und Zwischenschattierungen fehlt. Um wieviel mehr musste natürlich vor beinahe fünfzig Jahren der dörfliche und ländliche Grundriss hervortreten, während andererseits die großstädtische, die internationale Seite sich erst in andeutenden, doch schon sichtbaren Linien zeigte! An manchen heutigen Verkehrsmittelpunkten der Stadt, die es schon damals waren, sah man noch im wörtlichen Sinne Gras wachsen; man konnte es mit seinen Fingern gemächlich aus dem Boden zupfen, wenn man Lust dazu hatte, und wäre gewiss nicht überfahren worden.
München befand sich gerade im ersten Abschnitt jenes Entwicklungsweges, der es aus dem Zustande einer stillen, behaglichen Residenzstadt von äußerlich großstädtischem Anstrich in den Kreis der bereits in Deutschland vorhandenen wirklichen Großstädte hinüberführen sollte. Noch herrschten Hof, Beamte und Militär. Das Bürgertum, bis auf das nicht sehr zahlreiche Patriziat, stand zurück; nicht weil man dies von oben verfügte, sondern weil es selbst es so wollte. Man baute seine Häuser, möblierte seine Wohnungen im Feststil der deutschen Renaissance, die gerade in Mode kam, und war im Übrigen für Einfachheit, Schlichtheit, Bürgerlichkeit, Unauffälligkeit, nicht zuletzt auch in politischer Hinsicht. Für politische Geltung nach außen sorgte Bismarck; die Zeit war vorbei, wo man bei ihm statt beim Teufel schwor, wenn auch Dr. Sigl im „Bayerischen Vaterland" noch immer die alten Register zog: es war schon zum Witzblatt geworden. In der inneren Politik war natürlich Hader und Fehde genug, die „bayerischen Belange" bestanden schon damals zu Recht, nur ohne das Wort dafür, aber, von heute gesehen, war das doch alles nur Kleinkram. Das Leben der Zeit war unpolitisch, war privat bis in die Zehenspitzen hinein.
Eine eigene Note brachte die Künstlerschaft in die weißblaue Palette der Stadt. Sie verlieh ihr die grellen oder feierlichen Töne, das aufreizende Rot oder Gold, das tragische Violett. Da bei einer ungefähren Zahl von dreitausend Angehörigen der bildenden Kunst jeder siebzigste Mensch in München ein Maler oder Bildhauer oder Zeichner war und ein ähnliches Zahlenverhältnis bereits seit zwei Menschenaltern bestand, so konnte es nicht ausbleiben, dass das gesamte Münchner Leben gleichsam mit Kunst imprägniert und durchtränkt war. Wieviel Münchner und Münchnerinnen waren nicht mit zugereisten Malern, darunter so manchen „Schlawinern" vom fernen Balkan her, verheiratet, verlobt, verwandt, verschwägert, von den Bindungen leichterer, flüchtigerer Art gar nicht zu reden; oder sie standen ihnen in der Rolle des Hausherrn, Gläubigers, Geschäftsmannes, Lieferanten gegenüber, die nicht in allen Fällen beneidenswert war! Bürger und Künstler hatten in den sechzig Jahren, dass dies nun so ging, Zeit und Gelegenheit gehabt voneinander abzufärben.
Ein besonders wirksames Bindemittel zwischen Volk und Malertum war das Modell, versteht sich, das weibliche. Sie zwitscherten in den Ateliers, brachten Leben in die Bude, waren ebenso anziehend wie ausgezogen. Ein Parfüm von Leichtsinn und naiver Verderbnis umwitterte ihre blonden und brünetten Persönchen. Höhere Töchter erröteten, wenn man von ihnen sprach, und machten ihnen ganz insgeheim, so dass es niemand merkte, Gelegenheitskonkurrenz. So manches kleine Modell war nachher Frau Kunstmaler oder gar Frau Professor geworden; die anderen tauchten, wenn ihre Zeit vorbei war, wieder in den Vorstädten unter, aus denen sie eine glückliche Welle emporgehoben hatte, heirateten, wurden Zimmervermieterinnen, wussten, je länger, je mehr, zu erzählen, wie sie noch Modell beim Lenbach, beim Kaulbach gewesen waren, denn das Modell kam ja überall herum, darin gab es keinen Rangunterschied zwischen den Malern. So trugen auch sie in ihren Kreisen dazu bei, die Kunst noch immer volkstümlicher zu machen. Um es in ein Gleichnis zu fassen: Diese Hierarchie der Münchner Kunst war wie ein unsichtbarer und dennoch von allem Volke wahrgenommener Dom, in dessen Altarnischen sich die kleinen Puttenfiguren der Modelle gruppierten, während hoch oben die Malerfürsten, ein Lenbach, ein Kaulbach, die Turmhaube darstellten. Er überragte in den Augen der Zeitgenossen ganz Deutschlands und aller Welt jedes andere Denkmal der Stadt und war ihr weltberühmtes Wahrzeichen, nur noch den Frauentürmen vergleichbar.
Es waren die letzten Jahre Ludwigs II., die ich in München sah. Die Menschenfeindschaft und Geistesverdüsterung des Königs war nicht mehr weit von ihrer Krisis. Tragische Vorahnungen erfüllten die Atmosphäre von Stadt und Land, obwohl gewiss noch keiner sich ein Bild von der Lösung der immer dringlicheren Königsfrage machen konnte.