Die Eskimo-Katastrophe
Kaum ein Ereignis hat die Gemüter der Münchner in den beginnenden achtziger Jahren so erschüttert wie das Brandunglück auf der Karnevalskneipe der Kunstakademiker in Kils Kolosseum am 19. Februar 1881. Ludwig Ganghofer erzählt darüber im „Buch der Freiheit" seines „Lebenslaufs eines Optimisten":
Im Winter, unter dem Regiment der Narrenkappe, am 19. Februar, verwandelte sich eine Stunde fröhlichen Lebens zu einem grauenhaften Trauerspiel der Jugend. In Kils Kolosseum hielten die Kunstakademiker ihr Faschingsfest ab, das eine heitere Reise um die Welt illustrierte. Alle wilden Völker waren da zu fidelen Sitten dressiert. Rings um den großen Saal, in dem sich viertausend vergnügte Menschen durch eine einzige Türe versammelt hatten, wimmelte es von lustig bevölkerten Wigwams, Kralen, Pfahlhäusern und Laubhütten.
Nicht weit von dieser einzigen Tür — im Säulengang, der den Saal umzog — hatte die Bildhauerschule des Professors Max Widnmann eine Eskimotruppe installiert, unter den niederen Dächern zweier Schneehöhlen, in denen Hofbräu als Tran verschluckt und Heringe auf rußendem Ölflämmchen gebraten wurden. Es sah sehr malerisch aus: wie diese heiteren Zottelmännchen sich im rotbraunen Zwielicht drängten, Gesicht und Hände glänzend von Fett, in dicken, täuschend aus Werg und Watte nachgemachten Eisbärengewändern, „wasserdichten" Schellackringen um Hals, Handgelenke und Fußknöchel. Gelächter und Stimmengewirr. Den überfüllten Saal durchrauscht die Fatinitza-Quadrille, Champagnerpfropfen knallen wie die Gewehrschüsse eines Vorpostengefechtes, der Frohsinn wird turbulente Mitternachtsstimmung, wird toller Rausch des ausgelassenen Übermutes, und im Zuge der heiß gewordenen Luft bewegen sich diese schreienden Farben an den Wänden: die komischen Schildereien, die Wimpel und Fähnchen, die Festons und Girlanden, der künstliche Rosenfrühling und dieser verschwenderisch angebrachte Papierschmuck.
Aus der kleineren Eskimohütte prasselt eine fidele Lachsalve heraus. Was war denn los? Ach, nur so eine kleine Dummheit, die ein bisserl gefährlich hätt' ausfallen können! Auf der Heringstonne, die als Tischchen diente, ist eine Talgkerze umgefallen, und das purzelnde Flämmchen streifte die Ärmelzotten eines Eskimos. Ein jähes Aufleuchten. Doch zwei junge, keck zugreifende Hände ersticken flink den aufzüngelnden Schein. Und nun lacht man über den kleinen Schreck. Die Talgkerze wird wieder angezündet, mit aller nötigen Vorsicht natürlich. Aber einer unter diesen weißgrauen Zottelbären — ein junger Berliner — will die heitere Stimmung nicht mehr finden. „Nee", sagt er, „hier is es nich jemietlich, ick jehe!" Er tritt aus der Eskimohütte. Hinter ihm ein gellender Schrei, ein grelles Auflodern. Brüllend rennt eine schlanke, drei Meter hohe Flammensäule aus der Hütte heraus. Der junge Berliner wird ohnmächtig vor Schreck und kollert lautlos unter eine Bank.
Ein Dutzend Zottelmänner springen aus den Hütten heraus, wollen helfen, schütten Bier und Champagner in diese schlanke, sich drehende Feuersäule. Viele, die das sehen, halten es für einen verwegenen Künstlerjux. Ein Kluger schreit entrüstet: „Was sind denn das für dumme Witze!" Da lodert eine zweite Flammensäule gegen die Decke des Säulenganges hinauf, eine dritte, vierte, fünfte. Drei Zottelmänner, die Feuer gefangen, wälzen sich auf dem Boden und ersticken die Flammen. Neun junge Menschen brennen lichterloh — und wie sie schreien in ihrem Schmerz, das hört sich an wie tolles Gelächter. Ein Märchen der Geschichte, die Mythe von den brennenden Fackeln des Nero, ist grauenvolle Wahrheit geworden. Und Tausende von den fröhlichen Menschen im überfüllten Saale wissen, sehen und hören nichts von diesem herzzerdrückenden Schauspiel.
Das Schmerzgelächter erstickt unter dem Lärm der tausendstimmigen Heiterkeit, im Rauschen der Musik. Zwischen diesem Lichtgewoge, Farbengewirr und Laternengeflacker fällt der Schein der schlanken Feuerspindeln, die sich in der Ecke des Säulenganges zusammendrängen, schon über zwanzig Schritte hinaus nicht mehr auf. Werg und Watte brennen schnell. Das Geloder ist schon wieder erloschen, noch ehe die Zunächststehenden, die das Entsetzen wortlos machte, zu dieser einzigen Türe flüchten können. Kreischende Stimmen beteuern bei der Tür: „Nichts, nichts, es ist nichts geschehen! Es ist alles schon vorbei! Nur Ruhe, Ruhe, Ruhe!" Bei der Tür, wo sich die Menschen zu stauen drohen, schreit das einer dem andern zu, und jeder glaubt es. Das Lachen und der Lärm im Saale verliert keinen heiteren Atemzug, die Musik mit Geigen, Pauken und Tschinellen wirbelt weiter, und das bunte Fest bleibt jubelnde Freude ohne Störung.
Feuerwehrmänner und Sanitätsgehilfen haben wollene Decken, Türvorhänge und Tischtücher um diese schwarzen, mageren Gestalten gewickelt, die auf dem Boden liegen oder noch stehen, gehen, taumeln und nur noch eine schwer zu enträtselnde Ähnlichkeit mit jungen Menschen besitzen. Man trägt die leise Wimmernden und die völlig Stummgewordenen aus dem Saal, durch diese einzige Türe hinaus. Jener junge Berliner erwacht aus seiner Ohnmacht; ihm ist nichts geschehen, er ist gerettet; zitternd stiert er in das Dunkel der zwei leergewordenen Eskimohütten. Und vierzig, fünfzig, hundert verlassen das heitere Fest. Wer zuerst diese lodernden Flammensäulen und dann diese schwarzen Pakete sah, redet kein Wort mehr. Das Entsetzen hat die Kehle der Wissenden gewürgt; sie gehen bleich und schweigend davon mit dem Gedanken: Was ich weiß, das müssen doch auch die anderen wissen!
Jedem, der durch diese einzige Türe hinausgegangen, wird die Rückkehr in den Saal verwehrt, um eine Panik zu verhindern, um ein noch größeres Unglück zu verhüten. Im Korridor und in der Garderobe liegen die Verkohlten und noch Lebenden auf Bänken und Tischen. Junge Ärzte suchen Hilfe zu bringen. Ein grauenvolles Bild! Wer es im Vorübergehen sehen muss, wendet sich mit geschlossenen Augen ab. Von den Zwölfen, die man nach der Klinik brachte, starben neun noch in der Nacht und während der folgenden Tage. Nur drei kamen mit dem Leben davon, um Entstellte oder Krüppel zu bleiben. Das heitere Fest der Ahnungslosen, die im Saal geblieben, dauerte bis in die fünfte Morgenstunde.
Während des Vormittags durchsickerte das Gerücht von diesem Schrecklichen die Stadt. Und am Abend lasen es die Münchner in der Zeitung, dass blühende Jugend in der reifenden Kraft des Lebens, mit Talent beglückt, mitten in Lust und Freude verglühen und verkohlen musste. — Die Trauer lag auf der erschrockenen Stadt wie ein drückender Alp. Doch trotz allem Schreck empfand man ein tröstendes Aufatmen. Glückliche Zufälle, aus wirbelndem Leichtsinn und sprachlosem Entsetzen, aber auch aus Barmherzigkeit des Lebens geboren, hatten ein noch größeres Unglück verhütet. Ein Unglück, dessen Grauen sich nicht ausdenken ließ! Wäre in dem überfüllten Saal eine Panik entstanden, oder hätte das Feuer der lebenden Fackeln die Überfülle dieses papierenen Schmuckes erfasst, um die einzige Türe mit Flammen zu sperren, so hätte man die Opfer an Zerdrückten und Erstickten, an Verbrannten und Verkohlten nach Hunderten, vielleicht nach dem Tausend zählen müssen.