Max von Pettenkofer
In den siebziger und achtziger Jahren war Max von Pettenkofer vielleicht die maßgebendste Persönlichkeit im öffentlichen Leben Münchens, das er durch seine erfolgreiche Bekämpfung der Cholera zur gesunden Stadt gemacht hatte. Damals wurde Pettenkofer die Verkörperung des Kultur-Münchnertums. Luise von Kobell hatte um jene Zeit eine Unterredung mit Pettenkofer, die sie in ihr Buch „Münchener Porträts" aufnahm. Sie brachte zurückgreifend das Gespräch auf die Cholera des Jahres 1854 und sprach mit Pettenkofer im Folgenden besonders über die Gründung des hygienischen Instituts an der damaligen Findling-, heute Pettenkoferstraße.
„Als wir anderen im Jahre 1854 bangend und sorgenvoll vor der Cholera flohen, da folgten Sie ihr gerade unerschrocken auf Schritt und Tritt und erforschten ihr unheilvolles Wesen. Durchzuckte es Sie dabei wie ein Blitz, dass gewisse Bodenverhältnisse der Krankheit Vorschub leisten?"
„Diese Frage muss ich mit einem entschiedenen Nein beantworten. Meine Ansichten über die Verbreitungsart der Cholera reiften sehr allmählich. Ich hatte zwar schon die erste Choleraepidemie, welche München im Jahr 1836 heimsuchte, miterlebt, aber damals war ich in der Oberklasse des Wilhelmsgymnasiums und dachte nicht daran, dass ich je veranlasst sein könnte, mich mit medizinischen Fragen zu beschäftigen. Damals hatte das bayerische Ministerium eben die Cholera für eine nicht ansteckende Krankheit erklärt, und man handelte nach diesem Grundsatz. In meinen Armen starb ein Studiengenosse und teurer Freund, ohne dass ich deshalb erkrankte. Auch ich glaubte selbstverständlich damals, dass die Cholera vom genius epidemicus herrühre, mit diesem komme und gehe. Als die Cholera 1854 abermals in München ausbrach, dachte man schon wieder anders. Ich selbst war einer der ersten Fälle. Dann erkrankte meine Köchin, welche im Krankenhause an der Cholera starb, und schließlich erkrankte meine Tochter Anna sehr schwer, verfiel in das Choleratyphoid, aber genas schließlich doch.
Da mich die Cholera in meiner Familie packte, glaubte ich ihr etwas näher nachgehen zu müssen; sie war mir interessant geworden. Bestimmte Ideen über ihre Ätiologie kamen mir aber erst nach Ablauf der Epidemie, als ich auf der Generalstabskarte von Bayern alle Orte verzeichnete, welche epidemisch ergriffen wurden, welche nur eine sogenannte Hausepidemie, welche vereinzelt gebliebene (sporadische) Fälle hatten, und welche ganz frei geblieben waren. Da zeigten sich die gewaltigen Unterschiede einzelner Orte und einzelner Gegenden, die nur durch lokale Einflüsse erklärlich schienen.
Später besuchten mich zwei junge englische Ärzte, Douglas Cunningham und Timothy Lewis, welche nach Indien kommandiert waren. Durch diese lernte ich denn auch die Bewegung der Cholera in ihrer Heimat kennen und gewann die Überzeugung, dass die Cholera außerhalb Indiens jedenfalls den gleichen Gesetzen der örtlichen und zeitlichen Disposition unterliegen müsse wie in Indien. Ich verfolgte dann die Verbreitungsart der Choleraepidemien auf dem europäischen Kontinente weiter und kam zu den Ansichten, welche ich 1887 in meiner Schrift ‚Zum gegenwärtigen Stand der Cholerafrage‘ zusammengestellt habe. Ich bin jedoch überzeugt, dass die darin vorgetragenen epidemiologischen Tatsachen wieder gewürdigt werden, wenn der Bakterienrausch, den die an sich so wertvolle Entdeckung des Choleravibrio durch Koch verursacht hat, etwas vorüber ist."
Und nicht nur in der Heimat, auch in der Fremde suchte Pettenkofer die Cholera zum Studium auf. Im Jahre 1865, als die Epidemie in Altenburg und in den sächsischen Flusstälern wütete, war er zur Forschung an Ort und Stelle. 1868 reiste er nach Lyon, Marseille, Gibraltar, Malta, stets nur von seiner großen Idee erfüllt, die Wahrheit zu ergründen und der Menschheit zu helfen.
Eingedenk der einstigen, gütigen Äußerung des Stiftspropstes I. von Döllinger: „Da Sie zu fragen verstehen, antwortet man gern", erlaubte ich mir, mich bei dem Geheimrat von Pettenkofer noch zu erkundigen, wie er die Grundwassertheorie beim Typhus entdeckt habe?
„Diese Entdeckung", erwiderte er in seiner bestimmten, freundlichen Art, „darf man mir nicht zuschreiben. Ich habe allerdings die ersten fortlaufenden Beobachtungen über die Bewegung des Grundwassers in München gemacht, die Veranlassung dazu war aber nicht der Typhus, an dem München früher so viel gelitten hat, sondern die Cholera von 1854. Der Verlauf der Choleraepidemien nach Flusstälern brachte mich auf den Gedanken, dass ein Wechsel der Bodenfeuchtigkeit bei gewissen Bodenverhältnissen von Einfluss sein könnte. Mein Freund und Kollege Buhl verglich die Zahl der monatlichen Typhussektionen mit dem monatlichen Grundwasserstande und fand, dass die Typhuskurve sich umgekehrt mit der Grundwasserkurve bewegt. Unser Freund und Kollege, der Mathematiker Ludwig von Seidel, unterwarf dann die Zahlen der Wahrscheinlichkeitsrechnung und brachte heraus, dass man 36.000 gegen 1 wetten kann, dass zwischen der Typhusfrequenz und der Grundwasserbewegung ein ursächlicher physikalischer Zusammenhang stattfindet.
Es gelang mir mit Hilfe derselben, den Bürgermeister von Erhardt und den Oberbaurat von Zenetti zu überzeugen, dass der Schwerpunkt jedenfalls in der Verunreinigung des Bodens mit den Abfällen des menschlichen Haushaltes liege. Erhardt war ein kritischer Kopf. War er von etwas überzeugt, so ruhte er nicht, bis alle Hindernisse beseitigt waren. Die Assanierung Münchens durch Kanalisation und Wasserversorgung, Entfernung aller Versitzgruben und so weiter wurde energisch betrieben, und im Jahre 1889 konnten Kollege von Ziemssen und ich in den ‚Münchener Neuesten Nachrichten‘ zwei Gutachten veröffentlichen: ‚München eine gesunde Stadt.‘ Früher starben jährlich von 100.000 Einwohnern durchschnittlich 177 an Typhus, seit 1881 schwankt die Zahl zwischen 6 und 8. Und dieses großartige Resultat wurde erreicht, ohne einen Typhuskranken zu isolieren, bloß durch Reinigung und Reinhaltung des Münchner Bodens."
„Furchtlos haben Sie die Epidemien ergründet, aber das ‚Gruseln‘ haben Sie, wie es scheint, nie gelernt!"
„Nein, ich kenne den Schrecken nicht, und das ist nicht mein Verdienst, sondern Naturanlage. Als Knabe fuhr ich einmal auf einem Heuwagen ins Feld. Plötzlich werden die Pferde scheu und rasen davon. Ich bleibe ruhig, sehe das Leitseil baumeln, trete auf die Deichsel und trachte, die Balance haltend, das Seil zu erwischen. Es gelingt mir, und wir sind gerettet. Aber erschrocken bin ich nicht dabei, so wenig wie damals, da ich als Gymnasiast in die Herzogspitalkirche ging und eine Steinmasse vom Portal herunterfiel, die mich streifte."
„Da haben Sie doch wenigstens die Gefahr nicht vorausgewusst, aber als Sie sich den Kommabazillus vor einigen Jahren einverleibt haben —"
„Hatte ich natürlich keine Furcht, denn ich wusste, dass ohne örtliche und zeitliche Disposition keine Aussicht auf bedenkliches Choleragift sei. Ich löste die pilzhaltige Masse in einem Glas Wasser und trank sie hinunter, nachdem ich meine Magensäure erst mit Soda neutralisiert hatte. Dann ging ich gemütsruhig an meine Arbeiten. So lieferte ich für die Richtigkeit meiner Theorie den Beweis."
„Die Furchtlosigkeit ist also ein Schutzmittel." — „Und die Angst eine der wirksamsten Ursachen, welche zur Erkrankung disponieren." — „Wären diese Ansichten nur populärer. Auch wäre es so ersprießlich, die Hygiene volkstümlicher zu machen." — „Der Wunsch lag mir stets am Herzen. Ich war Rektor Magnifikus, als Ludwig II. den Thron bestieg. Der König fragte mich schließlich: ‚Haben Sie keinen persönlichen Wunsch?‘ — ‚Einen, Majestät. Dass die Hygiene ein obligatorisches Lehrfach für die Mediziner werde.‘ — ‚Gut, sprechen Sie mit meinem Kultusminister.‘"
„Damit ist schon viel erreicht", erlaubte ich mir zu bemerken, „aber wie die Feuerbeschau in den Wohnungen nachsieht, so sollten auch beamtete Hygieniker die hygienischen Verhältnisse in den Häusern einer Prüfung unterwerfen."
„Die Absicht, Sanitätsinspektoren aufzustellen, besteht bereits. Auch nehme ich mich einer anderen Institution an, des Mäßigkeitsvereins, dessen Bestrebungen unter dem Protektorate der hochherzigen Prinzessin Therese von Bayern vom besten Erfolg gekrönt sein werden. Statistisch ist nachgewiesen, dass ein unmäßiger Biertrinker durchschnittlich nur sechsundvierzig Jahre erreicht. Der Arbeiter vertrinkt oft die Hälfte seines Verdienstes. Das Bekanntwerden solcher Tatsachen wirkt."
„Wie verhält sich der Alkoholgehalt bei den verschiedenen Getränken, Herr Geheimrat?" — „Das bayerische Bier hat 4 Prozent, der gewöhnliche Tischwein 6—8 Prozent, der Schnaps 25—30 Prozent. Professor Bollinger hat eine merkwürdige Sammlung von Münchner Bierherzen, und der Umfang dieser Herzen ist von einer geradezu erstaunlichen Größe." — „Ein Liter Bier entspricht nicht ganz dem Nährwert einer Semmel. Diese kostet 3 Pfennig, ein Liter Bier 26 Pfennig. Der Geldunterschied beträgt also 23 Pfennig." — „Und welches tägliche Bierquantum hält der Mäßigkeitsverein für ungefährlich?" — „Zwei Liter für den Mann, ein Liter für die Frau. Aber besser ist es, wenn man unter dem Maximum bleibt."
Im Jahre 1872 bekam Pettenkofer einen Ruf an die Universität Wien. In München standen ihm nur einige Zimmer im physiologischen Institut zu Gebote. Er teilte den Antrag dem Minister von Lutz mit. „Nehmen Sie nicht voreilig an", sagte dieser, „vielleicht geht der Landtag auf die Errichtung eines hygienischen Instituts in München ein." Es erforderte 160.000 Gulden; die Summe wurde genehmigt, und er lehnte den Ruf nach Wien ab. Jählings schnellte der Plan des Hofgärtners Effner, auf der angrenzenden Theresienwiese einen Stadtpark anzulegen, die Preise der Baugründe in eine solche Höhe, dass Pettenkofers Kostenvoranschlag ins Wanken kam. Es blieb nur noch die eine Hoffnung, den dem Hofe gehörenden Bauplatz zunächst der Heustraße zu erwerben. Dieser Wunsch wurde erfüllt, zum Ärger der Nachbarschaft, welcher der zu errichtende „Hypothesenpalast" die Aussicht auf Bavaria und Alpen zu nehmen drohte.
Da besuchte ihn im März 1876 der preußische Gesandte von Werthern und eröffnete ihm im Namen Bismarcks, er sei zum Direktor des neu errichteten kaiserlichen Gesundheitsamtes in Berlin ausersehen. Abermals teilte er dem Minister denselben mit. „Tun Sie, was Sie wollen", sagte unwirsch Herr von Lutz, „aber wenn Sie gehen, unterbleibt der Bau des hygienischen Instituts in München." Dieser energische Ausspruch gab sofort den Ausschlag. Pettenkofer lehnte den Berliner Antrag ab und förderte nun das hiesige Institut an der Findlingstraße. Im Jahre 1878 konnte er seinen Einzug darin halten.
Pettenkofers Hörsaal glich bald einer internationalen Versammlung Wissbegieriger. Aus allen deutschen Gauen, aus Russland, England, Italien, Amerika, Japan strömten Schüler herbei. Er teilte mir mit, dass von seinen Schülern bereits neunzehn Universitätsprofessoren der Hygiene seien. 1883 überreichte ihm der Magistrat die goldene Bürgermedaille und errichtete 1888 die „Pettenkofer-Stiftung".
Und aus Preußen, Russland, Schweden, Italien wurden Pettenkofer strahlende Sterne und Kreuze gesandt. Die meisten dieser Auszeichnungen trafen zu Pettenkofers Doktorjubiläum im Juni 1893 ein. Pettenkofers Schüler stellten in der Wohnung des verehrten Lehrers dessen Marmorbüste auf: „Dem Städtereiniger, dem unermüdlichen Kämpfer gegen Vorurteil und Irrlehre, zum Dank."
Vom 1. November 1896 ab wurde Pettenkofer von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzregenten als Präsident der Akademie bestätigt und mit dem Prädikat „Exzellenz" ausgezeichnet. Mit Fug und Recht sagt Karl von Voit: „Die von Pettenkofer angesammelten Kenntnisse sind einem Baum voller Blüten und Früchte vergleichbar."