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Sagen & Geschichten

Die Schackgalerie und ihre Meister

Rosalie Braun-Artaria (1840—1919) schreibt in ihren Lebenserinnerungen „Von berühmten Zeitgenossen" folgendes über die Entstehung und die Künstler der Schackgalerie, deren Bedeutung für das Kunstleben Münchens sie richtig erkennt:

Schon in den fünfziger Jahren war Leyse durch den ihm und Schack nahe befreundeten Maler Karl Roß auf das große Talent Genellis aufmerksam geworden, dem es nie gelungen war, für seine vielen monumentalen Entwürfe einen Auftrag von König Ludwig I. zu erhalten, so daß er allmählich in bittere Rot sank und oft nicht mehr so viel hatte, um Kartonpapier und Stifte für seine von niemand begehrten großen Zeichnungen zu bezahlen. Leyse und Roß, die ihn menschlich wie künstlerisch aufs höchste schätzten, vereinigten sich dann, auf Schack zu seinen Gunsten einzuwirken, und erreichten es, daß dieser Genelli aufsuchte und seine reichgefüllten Mappen besah. Bei Schacks besonderer Richtung auf edle Stoffe und Größe der Darstellung entzückte ihn der Inhalt so sehr, daß er gleich eine Farbenzeichnung „Die Vision des Ezechiel" ankaufte und weitere Entwürfe bestellte. Bis dahin hatte er hauptsächlich die großen Alten in Italien und Spanien bewundert, aber zur modernen deutschen Kunst kein Verhältnis gehabt. Nun kam durch die, auch wieder auf Veranlassung seiner beiden Berater folgenden weiteren Ankäufe ein neues Interesse in sein Leben, und so wandelte sich allmählich der bisher nur der Literatur ergebene Schack zum Kunstmäzen um. Aber an Platz für die wachsende Bilderzahl fehlte es in dem kleinen Laus mit vielen Fenstern und schmalen Pfeilern. Ich erinnere mich noch sehr wohl des Nachmittags, wo wir, seiner Einladung folgend, zur Besichtigung des neuerworbenen Bildes „Lerkules und Omphale" hinkamen. In dem oberen Salon stand das große Bild ganz provisorisch über den beiden Armlehnen eines Sofas gegen die Wand gestützt und man konnte nicht absehen, wie es in dem kleinen Raum überhaupt aufgehängt werden sollte. Doch gab es anderen Rat. Inmitten der vielen Gärten, die von Schacks Laus rückwärts den ganzen Raum zwischen Brienner- und Karlstraße füllten, stand in dem seinigen ein quadratischer Pavillon, in dem er Sommers zu arbeiten pflegte. Dieser wurde nun geräumt und nahm bald die neuen Erwerbungen an seinen Wänden auf. Später wurde er durch einen langen Zwischengang mit dem Laupthause verbunden, und dort sah man dann in den nächsten Jahren auch die herrlichen Kopien nach Tizian, Rubens und Velasquez, die der junge Lenbach in Italien und Spanien machte.

Es ist später in Künstlerkreisen viel gelästert worden über die karge Bezahlung dieser von den Originalen kaum zu unterscheidenden Meisterwerke. Doch hätte man dabei nicht vergessen sollen, daß Lenbach damals ein unbekannter junger Anfänger in sehr ärmlichen Verhältnissen war, für den die Verbindung mit Schack ein großes Glück bedeutete. Anvergeßlich ist mir der erste Eindruck seiner noch höchst unzivili-fierten Persönlichkeit, als ihn mein Mann eines Abends zum Essen mit heimbrachte. Der Laarbusch hing unordentlich in die Stirne, hinter den runden Brillengläsern sahen wohl ein Paar scharfe, kluge Augen hervor, aber der dicklippige Mund und ein wahrer Bocksbart am Kinn wirkten entschieden faunenhast. Ohne viel Amstände setzte er sich zum Essen nieder, half mit den Fingern nach, wenn die Gabel nicht genügend fassen wollte, und zog dabei unablässig über alles her, was damals Münchner Kunst hieß. Ganz entsetzt hörte ich zu und sagte nach seinem Weggehen zu meinem Mann: „Was hast du mir denn da für einen Landwerksgesellen mitgebracht?" Aber sehr ernsthaft erwiderte er: „Das wird künftig einer unserer ersten Künstler sein; er ist ein Mensch von ganz ungewöhnlicher Begabung und originellem Geist. Nach seinen Manieren freilich darf man ihn nicht beurteilen."

Es war dies unmittelbar vor Lenbachs Abreise nach Italien, die eine entscheidende Wendung in seinem Leben bedeutete. Er konnte sehr froh sein und war es auch, mit freier Reise und einigen hundert Gulden für jedes Bild den langen Aufenthalt dort zu gewinnen, der für seine ganze Kunst ausschlaggebend wurde. Eine ähnliche Rettung waren Schacks Aufttäge auch für Feuerbach und Böcklin. Beide waren vorher hart von Geldnot bedrängt, beiden wurde dadurch wesentlich geholfen. Feuerbach besonders würde ohne Schack in verzweifelte Lage geraten sein, wie heftig er sich auch jederzeit über des Lerrn Baron Verständnislosigkeit und Bevormundung empörte. Die Dankbriefe der von diesem aufs höchste geschätzten Mutter sprechen eine andere Sprache, so sehr sie vielleicht im Innersten dem Sohne recht gab.

Bei Erwägung aller dieser Amstände soll man auch bedenken, daß die Mittel des „reichen Mannes" keineswegs unbeschränkt waren. Was er im ganzen jährlich für Kunst ausgeben konnte, würde heute ein Berühmter für ein einziges großes Bild verlangen. Daß es ihm mit verhältnismäßig kleinen Mitteln gelang, in den Jahrzehnten, während deren durch Ludwigs II. Teilnahmslosigkeit die Neue Pinakotheknur wenig Zuwachs erhielt, eine solche Fülle herrlicher Kunstwerke zu erwerben, das war wohl sein großes Glück, aber auch das Verdienst seiner edlen Gesinnung, die sich der bedrängten Künstler annahm, ehe er ahnen konnte, welcher Nachruhm ihm selbst daraus erwachsen würde. And große Freude hat er, obgleich er kein wirklicher Kenner war, stets an seiner Galerie und der bewundernden Besucherzahl gehabt. Doch sollte er sie nicht bis zum Ende behalten; ein jahrelanges Augenleiden ging in fast völlige Blindheit über, die er mit großartiger Standhaftigkeit ertrug, bis im Jahre 1894 der Tod den fast Achtzigjährigen erlöste.

Seine Galerie wollte er ursprünglich der Stadt München überlassen, die es aber am nötigen Entgegenkommen fehlen ließ. So vermachte er sie dem Deutschen Kaiser, indessen entführte sie dieser nicht, wie man fürchtete, nach Berlin, sondern ließ sie in großherzigem Entschluß dennoch in München, wo sie heute als höchste Zierde des preußischen Gesandtschastspalastes weite Säle füllt.

Graf Schack, der sich im Jahre 1857 in München niedergelassen hatte, wurde von dem holsteinischen Landschaftsmaler Carl Roß (1819—1858) zur Kunstpflege hingeführt. Am wesentlichen kam Schacks Galerie in den sechziger und siebziger Jahren zusammen. Von Anselm Feuerbach (1829—1880) besitzt Schack Gemälde aus den Jahren 1863—1866, von Arnold Böcklin (1827—1901) aus der gleichen Zeit, doch blieb die Verbindung Schacks mit Böcklin, der 1871—1874 wieder in München lebte, bis zu diesem Jahre aufrecht.

Bonaventura Genelli (1798—1868), der Meister allegorischer Bilder, lebte vorübergehend in München und starb in Weimar. Er ist der Held der in München spielenden, das geniale Treiben der maximi-lianischen Zeit blitzartig beleuchtenden Novelle „Der letzte Centaur" von Paul Heyse.

Franz von Lenbach (1836—1904) ist als Sohn eines Maurermeisters in Schrobenhausen geboren. 1856 trat er in Pilotys Atelier ein. Die Kopien für Schack malte er zu Beginn der sechziger Jahre. Lenbach, der sich als hervorragender Bildnismaler eines Weltrufes erfreute, entwickelte sich zum Malerfürsten, dessen Haus ein Sammelpunkt internationaler Größen wurde. Am Rahmen der Künstlergesellschaft „Allotria" veranstaltete und leitete er Münchens große Künstlerseste; er war jahrzehntelang eine beherrschende Erscheinung der Münchner Gesellschaft.

Für seine schönen Gemälde ließ sich Schack durch Lorenz Gedon (1843—1883) die Schackgalerie an der Briennerstraße erbauen; im Jahre 1909 wurde die kostbare Sammlung sodann in eigene, würdige Räume im Gebäude der preußischen Gesandtschaft an der Prinzregentenstraße übergeführt; auch nach deren Auflassung blieben die Gemälde in München im gleichen Hause beisammen.