Stimmung 1866
Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1819—1901), bayerischer Reichsrat und seit 31. Dezember 1866 bayerischer Ministerpräsident, später Statthalter von Elsass-Lothringen und seit 1894 deutscher Reichskanzler, gibt in den aus seinen Tagebüchern geschöpften „Denkwürdigkeiten" folgende Schilderung der Begebenheiten von 1866, soweit sie Bayern und München betreffen:
31. Mai 1866. Die Stimmung ist hier gegen Preußen. Die Sympathien für Preußen, die in der Armee geherrscht haben, sind verschwunden, wie man sagt. Ich ging gestern lange mit Bodenstedt auf dem Dultplatz auf und ab, der insbesondere für Volksbewaffnung sprach, natürlich neben den stehenden Heeren. Es sei nun einmal ein Schlagwort der Demokratie, und wenn die Leute sich diese Kosten und Unannehmlichkeiten machen wollten, so solle man sie damit beglücken. Revolution werde dadurch nicht entstehen.
Der König hat sich unter den Münchner Bürgern durch seine Reise nach der Schweiz sehr geschadet. Man soll ihm öffentlich auf der Straße Schimpfworte nachgerufen haben. Bei der Fahrt nach der Kirche am Eröffnungstag des Landtages ist er vom Publikum nicht behurrat worden, und man hat ihn kaum gegrüßt. Nun hat er den Polizeidirektor Pfeufer, wie man sagt, deshalb nach Augsburg als Regierungsdirektor versetzt und Fritz Luxburg zum Polizeidirektor ernannt, der darüber unglücklich ist und sich noch nicht entschieden hat, ob er annehmen soll.
Pfordten erklärt wiederholt, dass er die Wirtschaft satt habe, bleibt aber doch und wird wahrscheinlich als Bundesbevollmächtigter zu den Konferenzen gehen. Ich begreife nicht recht, wie dies mit dem Landtag zusammenpassen wird, da dann kein Minister da ist, der die Vorlagen der Regierung vertreten kann.
Gestern abend (2. Juni 1866) war wieder Bierkrawall im Sterngarten. Die Landwehr schoss auf Tumultanten, wobei ein Mensch getötet und zwei verwundet wurden. Ich hörte das Schießen, dachte aber, es sei Feuerwerk in einem der Biergärten. Dass dieser Unfug durch bezahlte Leute veranlasst wird, unterliegt gar keinem Zweifel. Heute Nachmittag soll beim Löwenbräu der Lärm wieder beginnen. Wer es anstiftet, ist nicht klar. Die Liberalen sagen, es seien die Ultramontanen, die Revolution machen wollten, um den jungen König zu vertreiben; die andern sagen, es seien Bismarcksche Agenten, die den Spektakel veranlassten, um Bayern zu nötigen, einen Teil seiner Truppen von der Grenze ab- und nach dem Innern zu ziehen.
16. Juni 1866. Die bayerische Armee ist in keinem genügenden Zustand. Der Prinz Karl als Oberfeldherr ist zu alt. Die Offiziere haben kein rechtes Vertrauen in die eigene Kraft. Ich glaube nicht, dass wir große Lorbeeren ernten werden bei der noch so guten Gesinnung der Mannschaft und trotz der Rauflust der Bayern ...
Den König sieht jetzt niemand. Er wohnt mit Taxis und dem Reitknecht Völk auf der Roseninsel und lässt Feuerwerke abbrennen. Auch die Reichsräte, welche ihm die Adresse überbringen wollten, sind nicht empfangen worden, ein Fall, der im konstitutionellen Leben Bayerns unerhört ist. Ergebenheitsadressen nicht zu empfangen, und zwar von dem getreuen Reichsrat, das stimmt die hohe Kammer sehr trüb. Die eigentlichen Münchner räsonieren wieder recht. Andere Leute kümmern sich nicht um die Kindereien des Königs, da er ja die Minister mit den Kammern ganz ungestört regieren lässt. Es ist aber sein Benehmen unklug, weil es Gelegenheit dazu bietet, ihn verhasst zu machen ...
Das große Publikum sieht die ganze Krisis mit einer gewissen Gleichgültigkeit, mit einem objektiven Interesse an. Dass die gegenwärtigen Zustände nicht dauern können, das sieht jedermann ein. Warum für die Erhaltung derselben Krieg führen?
5. Juli 1866. Die Nachrichten aus Böhmen bringen hier eine sehr niedergeschlagene Stimmung hervor. Dazu kommt, dass die bayerische Armee aus purer Unfähigkeit ihrer Führer den Hannoveranern nicht zu Hilfe gekommen ist. Die „Bayerische Zeitung" entschuldigt dies damit, „dass man im Hauptquartier nicht gewusst habe, wo die Hannoveraner seien". Kann man sich etwas Absurderes denken? In unserem Kriegsministerium geht es nach altem bürokratischen Schlendrian her. Selbstzufriedenheit und Langsamkeit überall. Der Kriegsminister von Lutz ist, soviel ich in den Ausschußsitzungen der Kammer der Reichsräte beurteilen konnte, ein Mann von sehr geringen geistigen Fähigkeiten. Ein solcher Mann, der sich noch dazu neulich seinen Kopf beim Aufsteigen aufs Pferd an die Tür anrannte und dadurch noch unfähiger wurde, leitet jetzt die bayerische Armeeverwaltung. Prinz Karl ist ein alter ängstlicher Herr; die Generalstabsoffiziere sind zum Teil nicht gescheiter als der Minister. Ich sehe mit Schrecken auf den Fortgang des Krieges. Gut ist es wenigstens, dass unsere bayerischen Soldaten ganz besonders rauflustig sind, insbesondere wenn sie gut genährt werden. Es ist möglich, dass die Soldaten das wieder gutmachen werden, was ihre Führer verfehlen.
13. Juli 1866. Die letzten Tage hier waren Tage großer Aufregung über die Gefechte in und bei Kissingen. Das Publikum machte seiner Aufregung durch Schimpfen Luft, wie unter gewöhnlichen Leuten zu geschehen pflegt.
13. August 1866. ... Gestern Abend war ich in einer Volksversammlung. Ich hielt dort trotz einer Hitze von 25 Grad und einer Stickluft von Menschenausdünstung und Biergeruch bis 11 Uhr aus. Kolb sprach gegen den Anschluss an Preußen, Völk für denselben. Die Stimmung in der Versammlung war geteilt. Allgemein war nur der Beifall, wenn die Tapferkeit der Armee gelobt, wenn die Führung derselben verdammt und wenn auf von der Pfordten geschimpft wurde. Ich fand im Saal keinen Platz und brachte den Abend auf einem Gestell für Bierfässer in dem Büfett zu.
Gestern (17. August) ging das Gerücht, Bayern habe mit Preußen eine Allianz geschlossen und ihm 100.000 Mann zur Verfügung gestellt, wogegen Preußen auf jede Gebietsabtretung und Geldentschädigung verzichtet habe. Erkundigungen ergaben aber, dass dies Gerücht erfunden war. Der König beschäftigt sich mit Erfindung von Dekorationen für die Oper „Wilhelm Tell" und lässt sich Kostüme machen für Opern, die er dann anzieht, und womit er in seinem Zimmer umhergeht. Unterdessen handelt es sich darum, dem Königreich Bayern dreißigtausend Einwohner in Franken und siebenhunderttausend in der Pfalz wegzunehmen ...
Bayern wird wahrscheinlich zwanzig Millionen Gulden zahlen und einen kleinen Teil von Unterfranken und ein Stück von Oberfranken, Hof usw. abtreten müssen. Nun muss ich zur Ehre unseres Vaterlandes konstatieren, dass selbst in den schlimmsten Tagen unserer neuesten Geschichte sich kein Fürsprecher für einen französischen Bund gefunden hat, mit Ausnahme vielleicht eines Münchner Winkelblattes, das diesen Gedanken verteidigt hat. Es bleibt also nur das Bündnis mit Preußen. Hier entsteht nun die Frage, ob es jetzt schon an der Zeit sei, dieses Bündnis anzustreben. Man könnte dagegen einwenden, es sei Bayerns nicht würdig, jetzt schon dem siegreichen Feind die Hand zu reichen. Ich gestehe, dass ich diesen Einwand nie verstanden habe. Wir haben Frieden mit Preußen geschlossen; Friede aber bedeutet Versöhnung und schließt jeden Gedanken der Rache und Bitterkeit aus.
Die viel Staub aufwirbelnde Reise des jungen Königs ging, von Biessenhofen aus zu Pferd ausgeführt, nach Tribschen bei Luzern, zu Richard Wagner. Ludwig II. ließ sich nur von dem Reitknecht Völk, seinem Günstling, begleiten.
Prinz Karl (1795—1875) war seit 1841 bayerischer Feldmarschall und Oberkommandierender der bayerischen Armee. — L. K. H. von der Pfordten (1811—1880), Freund Österreichs und Anhänger der „Triasidee", war wiederholt bayerischer Staatsminister des Äußeren und Vorsitzender im Ministerrat; er trat in entscheidender Zeit, im Dezember 1864, an die Spitze der bayerischen Regierung. Am 29. Dezember 1866 musste er sein Amt niederlegen. Sein Nachfolger war Fürst Chlodwig zu Hohenlohe.
Der Friede, geschlossen am 22. August, fiel für Bayern glimpflich aus; es mussten 30 Millionen Gulden bezahlt und die unwesentlichen Gebiete Orb, Kaulsdorf und Gersfeld abgetreten werden.