Das neue Volkstheater am Gärtnerplatz
In Hermann Schmids Zeitschrift „Heimgarten" liest man im Jahrgang 1864:
Zu den Übelständen der Zeit, welche überall beklagt werden, gehören auch die Verhältnisse der Bühnen, in welchen nur darauf Bedacht genommen ist, der Menge zu Bier, Tabak und anderem auch dramatische Spiele zum besten zu geben, welche meistens wie dem guten Geschmack so auch der Sittlichkeit geradezu ins Gesicht schlagen. Je schwerer es ist, zu bessern und zu helfen, desto erfreulicher ist jeder Anfang, der dazu gemacht wird. Als ein solcher muss das Unternehmen begrüßt werden, in der kunstberühmten Hauptstadt München statt der beiden, bisher dort bestandenen Schweigerschen Bühnen ein Volkstheater im echten und schönen Sinne des Wortes zu gründen, das, ohne Lustigkeit und Frohsinn des Volkes zu verkümmern, darauf bedacht ist, ihm statt französischen Abhubs gesunde, nationale Unterhaltung zu bringen.
Das auf Aktien begründete Unternehmen ist bereits so weit gediehen, dass am 25. August, als dem Namenstage des jugendlichen Königs von Bayern, der die Genehmigung erteilte, der Grundstein des Theatergebäudes gelegt werden konnte. In denselben wurde eingelegt folgende von Dr. E. Fentsch in Reimen verfasste
Urkunde
Und so geschah mit Gottes Gnad,
Als man das Jahr gezählet hat
Tausend achthundert sechzig vier:
Da hub man an zu Münchens Zier,
Zu seiner Bürger Ehr und Nutz,
Zu der Philister Spott und Trutz,
Der hohen, edlen Kunst zu Dank
Für ernstes Spiel und heitern Schwank
Ein feines Schauspielhaus zu gründen,
Wie dieses Instrument tut künden.
Herr Reifenstuel, der Senior,
Hat als Baumeister ehzuvor
Gar manchen Tag und manche Nacht
Den Riß ersonnen, den Plan erdacht,
Bis dass er ihm zu dieser Frist
Gar löblich auch gelungen ist.
Am fünfundzwanzigsten August,
Da man mit sonderlicher Lust
Wohl auf und ab im Lande Bayern
Des besten Königs Fest tat feiern:
Da setzte man den ersten Stein
Mit Gunst dem Fundamente ein
Und sprach darob ein fröhlich „Amen",
Dass, wie der Baum aus kleinem Samen,
So aus dem Stein, der im Grunde ruht,
Der Bau aufwachse schön und gut,
Mit Mauern fest und ohnewank,
Mit Säulen und Pilastern schlank,
Und drin ein prunkendes Gelaß,
Gefügt mit Kunst und Ebenmaß,
Allwo die Muse anmutvoll
Sich eine Stätte gründen soll!
Dazu verhelf' des Bauherrn Kunst,
Vor allem aber Gottes Gunst,
Der seinen Segen uns verleihe,
Auf dass der Bau gar wohl gedeihe
Vom ersten Stein im Fundament
Zum letzten Stein im Giebelend.
In der von Dr. Hermann Schmid gehaltenen Festrede wurde namentlich der Begriff des „Volkstheaters" betont und wie folgt entwickelt:
„Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass mit dem Worte Volk nicht der Begriff verbunden ist, den vielleicht eine frühere Zeit damit verband, und der es nahezu gleichbedeutend mit Pöbel machte. Wer zählte heutzutage nicht zum Volk? Wer dächte daran, sich loszusagen von ihm, und wer vermöchte es in Wirklichkeit? Volk ist hier einzig in jenem Sinn gemeint, in welchem überall und gemeinverständlich von Volksliedern, Volksbüchern, Volksstücken und Volksdichtung die Rede ist. Die deutsche Kunst überhaupt und die dramatische insbesondere hatten viele Wandlungen zu durchlaufen, je nachdem die Vorbilder Griechenlands, Frankreichs oder Englands überwiegend waren. Trotz dieser Geschmacksänderungen aber, die sich mehr in den höheren Kreisen vollzogen, blieb das Volk in seinem Wesen unverändert; seine Sehnsucht, sein Geschmack und seine Liebe sind im Großen und Ganzen dieselben geblieben. Das Volk will überall nur den Kern, das immer Gültige, dessen Wirkung es auch in der unbehilflichsten Form empfindet, das es versteht, weil es darin das allgemein Menschliche erkennt und sich selbst wieder findet. Ein solches Bild des allgemein Menschlichen, zurückgestrahlt aus dem Spiegel der besonderen Volks- und Stammeseigentümlichkeit, soll dieses neue Volkstheater werden. Das bayerische Volk ist in seinem Grundcharakter heiter und zur vollsten Lustigkeit geneigt, aber es ist auch reich begabt mit einem sinnenden, gemütlichen Zug; es ist offen und kurz angebunden, bieder und kräftig. In dem neuen bayerischen Volkstheater wird daher der Kothurngang der Tragödie nicht ertönen, und wenn auch ein gerührtes, erschüttertes Herz, ein nasses Auge darin keine Fremdlinge sein dürfen, so werden seine freundlichen Räume doch am öftesten und lautesten widerhallen von Volkslied, Volksgesang und Volkswitz und von Gelächter über die Torheiten des Lebens."
Am 4. November 1865 wurde das Theater, dessen entscheidender geistiger Führer im ersten Jahrzehnt Hermann von Schmid war, eröffnet. Widrige finanzielle Schicksale waren dem Hause beschieden, bis Ludwig II. das Theater 1872 auf die Zivilliste übernahm. Fortan hieß es Königliches Theater am Gärtnerplatz. Das oberbayerische Volksstück, das gebirglerische dramatische Sittengemälde, hatte hier seine klassische Heimstätte, ebenso der bodenständige Schwank und die saftige Posse; der junge Ludwig Ganghofer und Neuert wurden nach H. v. Schmid die Hausdichter, zuletzt trat Rauchenegger dazu. Das Volksstück wurde hier so meisterhaft gespielt, dass ein Ensemble des Theaters mit Amalie Schönchen, Neuert, Dreher, Albert, Hofpauer ganz Deutschland erfolgreich bereiste. Berühmte Komiker, die hier auftraten, waren außerdem Ferdinand Lang, Eduard Sigl und Eduard Brummer. Später opferte man in dem Hause vorwiegend der Muse der Operette. — Hier muss auch auf die in München heimischen „Volkssänger", die sogenannten „Komiker", hingewiesen werden; der berühmteste war Jakob Geis, genannt „Papa Geis", der von den 1870er Jahren bis zur Jahrhundertwende in Flor stand.