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Sagen & Geschichten

Wachsende Mißstimmung

Die Stimmung der Bevölkerung war unbedingt gegen Wagner. Dass der Sänger Ludwig Schnorr von Carolsfeld, wahrscheinlich infolge der Überanstrengung, am 21. Juli 1865, fünf Wochen nach der ersten „Tristan"-Aufführung, starb, rechnete man Wagner an; vor allem aber war das Benehmen der von Wagner nach München gezogenen Freunde nicht derart, dass es die Sache Wagners fördern konnte. Darüber hören wir Josephine Kaulbach:

Die Zukunftsmusiker haben wieder eine entsetzliche Geschichte angerichtet. Bülow, der auf dem besten Wege war, sich die Achtung und Bewunderung der Münchner zu erringen durch seine geniale Leitung der Proben, verdirbt sich noch seine ganze schöne, angenehme Stellung hier. Vor einigen Tagen, während einer Probe, in der er sehr aufgeregt war, ließ er sich bei irgendeiner kleinen Veranlassung hinreißen, das Münchner Theaterpublikum — „Schweinehunde" zu nennen! Diese ungeschickte Äußerung ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt und kam auch dem jungen König zu Ohren, der Bülow schriftlich zurechtwies. Gestern Abend sollte ihm eine Katzenmusik gebracht werden, doch wurde es noch glücklicherweise von der Polizei verhindert. Frau von Siebold sagte mir, in Berlin sei „Schweinehund" kein Schimpfname; wir hätten einen falschen Begriff davon, es sei beinah als ein Liebesname, als eine Neckerei aufzufassen!

Wenige Tage später schrieb Frau Kaulbach: Wir leben hier in großen Aufregungen; die Gerüchte wachsen aus der Erde, und kein Tag vergeht, an dem nicht wieder etwas Neues, Unerhörtes sich ereignet. Wagner spielt die Rolle der Lola und, wenn die Erbitterung und der Hass gegen ihn und Bülow so fortgeht, so ist ihres Bleibens nicht mehr lange. Als der Abend kam, waren große Plakate angeschlagen, auf denen zu lesen war, dass die Aufführung wegen Erkrankung Frau Schnorrs unterbleibe. Der Schreck war ungeheuer, denn kein Mensch glaubte daran. Man dachte, die Polizei habe dies alles so veranstaltet, weil sie fürchtet, es könne einen Skandal geben. Die Studenten wollten Bülow mit Äpfeln und faulen Eiern bewerfen und ihn mit Kinderratschen empfangen, sobald er den Dirigentenstuhl besteige.

Auch Martin Schleich, ein Vorkämpfer der Antiwagnerianer, machte mit den Waffen der Satire gegen Wagner mobil. Er ließ in seinem „Punsch" eine dramatische Szene erscheinen, die sich gegen Wagners angeblich sehr luxuriöses Leben wandte. Sie ist betitelt:

Morgenstündchen eines neudeutschen Komponisten.

Morgenstündchen eines neudeutschen Komponisten.

Prachtvolles Schlafzimmer: Samttapeten, Seidenvorhänge, Wollteppiche, Spiegelplafond mit Fresken von Pecht und Kaulbach. Gegen das Fenster zu ein kleines Orangenwäldchen, wo von Zeit zu Zeit eine eben zeitig gewordene Frucht absällt. Der Waschtisch befindet sich in einer Felsengrotte, mit wohlriechendem Moos, Efeu und Buchs bepflanzt. Aus dem Fels entspringen zwei Quellen, eine kalte und eine warme, die sich in zwei kristallene Lavoirs ergießen. Links und rechts wachsen die feinsten Schwämme, in perlmutterfarbigen Muscheln sind Pariser Seifen versteckt. Ein hinter prismatische Gläser gestelltes Flämmchen läßt über der ganzen Gruppe einen Regenbogen erscheinen, der jedoch, da sich die Morgensonne mit rosenfarbigen Strahlen von besonderer Schönheit ins Zimmer drängt, etwas erbleicht. Rumorhäuser, der große Komponist, erwacht, streckt sich, aber nicht nach der Decke, sondern nach der Länge, blickt umher und reißt an einem Glockenzug. Man hört sogleich das Trompetensignal aus Lohengrin. Kammerdiener, in Schuhen und Strümpfen tritt ein.
Rumorhäuser: Trab' nicht so, du weißt, daß ich keinen Lärm ausstehen kann; meine Ohren werden von Tag zu Tag empfindlicher. Bring mir Socken.
Kammerdiener verneigt sich entschuldigend, schleicht auf den Zehen hinaus und kommt bald darauf mit einer silbernen Platte zurück, auf welcher sechs Paar Socken verschiedener Farbe liegen.

Rumorhäuser: (besehnd): Äm! Keine Auswahl. Mehr Socken! (legt sich zurück).
 Kammerdiener tritt mit Vorsicht wieder ab, kommt bald darauf mit einer noch größeren Platte zurück, auf welcher zwölf neue und verschiedenfarbige Socken liegen.

Rumorhäuser : Äm! Gefällt mir nichts davon. Ich will die gestrigen wieder anziehen! (es geschieht). — Man bringe mir den Katalog meiner seidenen Schlafröcke. (Der Katalog kommt.) Ich wünsche den veilchenblauen mit gelb ausgenähter Ornamentik, in welchem ich neulich die große Tenorarie für den Riesen Fafner komponiert habe; so was Lohes gibt's nicht mehr, es ist die Zugspitze unter allen Arien. (Er steht auf.) Mein braunes Lauskäppchen, dasjenige, auf welches mir die Fürstin Vitzlibutzli mit grüner Seide den Lorbeerkranz gestickt hat. (Rumorhäuser ist in die Morgentoilette geschlüpft und geht hin und her.)
Kammerdiener: (besieht wieder) Wer hat heute die Gnaden, Lerrn Direftor den Kaffee bringen zu dürfen?

Rumorhäuser: Kannst du dir gar nichts merken, du Böotier? Trink' ich den Kaffee schwarz, so bringt ihn der Mohr, trink' ich Melange, bringt ihn der Mulatte und will ich ihn weiß, so darfst du ihn mir vorsehen. Wir wollen später sehen. Jetzt will ich mich waschen. (Tritt ans Felsengrotten-Boudoir und betrachtet das Bächlein.) Was ist das? Warum sehe ich denn so wenig Goldfische! Was ist denn das für eine Lumperei? Das Wasser muß lustig sein, lebendig. Mehr Goldfische her!
Kammerdiener: Herr Direktor entschuldigen, sie sind eben sehr schwer zu bekommen.
Rumorhäuser: Ach was — schwer zu bekommen. Für mich gibts keine Schwierigkeit. Man schicke einfach in den k. Wintergarten und lasse sagen: Ich brauche Goldfische, dann ist's in Ordnung.
Kammerdiener (verneigt sich): Gut.

Rumorhäuser: Ist das Nebenzimmer in Ordnung und gehörig geheizt? Lat es diejenige Temperatur, welcher ich bedarf, um ein Duett zu komponieren? Donnerwetter, auf was bin ich da getreten? Was ist das für ein Schandteppich? In dem Gewebe sind ja lauter Knoten und Knöpfe, daß man sich die Füße ruiniert.
Kammerdiener: Pariser Ware — durch Schneider und Diß bezogen — von Steinmetz gespannt.
Rumorhäuser: Was Pariser Ware, wer wird sich denn heutzutage noch auf einem Pariser Teppich Lühneraugen holen? Wozu haben wir jetzt die bequeme Verbindung mit dem Orient? Ich habe nie andere als indische oder höchstens persische Teppiche leiden können. Bis morgen will ich auf einem andern Boden stehen, verstanden? überhaupt, ihr einfältigen Europäer, ihr müßt euch etwas asiatisieren, sonst kommen wir nicht ails miteinander. (Er wäscht sich.)
Kammerdiener: Das ist eben das Wunderbare, daß Euer Gnaden bei allem orientalischen Geschmack doch der echte Repräsentant deutscher Krastmusik sind.

Rumorhäuser: Wir Deutschen stammen ja von Asien, wir gehören zur indogermanischen Rasse, verstehst du?
Kammerdiener: So, so; daß ich zu einer Rasse gehören muß, habe ich mir schon gedacht, und daß es die hintergermanische ist, freut mich zu wissen. (Rumorhäuser geht ins Nebenzimmer und betrachtet den großen Blumentisch.)
Rumorhäuser: Lm! Nicht übel. Kamelien, Azaleen, Veilchen, Nelken, alles mögliche für diese Zeit. Nur etwas mehr Lorbeerbäume soll man mir hereinstellen, ich sehe mir nie genug Lorbeer. Sag auch dem Lofgärtner, hinter den Vorfenstern da sollen Alpenrosen wachsen und Edelweiß.

Kammerdiener: Das wird kaum gehen, wegen der Temperatur!
Rumorhäuser: Es muß gehen! Wer so lange Opern komponiert wie ich, den geniert keine Temperatur (wirft sich in ein Sofa). Dort an der Wand hängt ein Glockenzug, nicht wahr? Ich wünsche statt dessen einen andern Mechanismus. Wenn ich ziehe, soll's an eine große Trommel schlagen, das stört mich weniger im Komponieren als das Geklingel. Theatermaschinist Penkmair ist mit dem Vollzug meiner Anordnung beauftragt. Jetzt aber wünsche ich — schwarzen Kaffee.
Kammerdiener: Also der Mohr! (springt hinaus).
Rumorhäuser:  (summt neue Arien für sich hin) Für Tenor: Oho! Ohe! Lam Li! La, Lo! Allaho! Ollahe! La, Lu! Leijoh, Lollahehahi! Für Sopran: Eia pupeia, Tralala, walala Wugala weia!
Mohr tritt mit Frühstück und Pfeife ein; auf der silbernen Platte liegt auch die Allgemeine Zeitung, Hauptblatt Nr. 50.

Rumorhäuser: (läßt sich die Pfeife anzünden, schlürft vom Kaffee und nimmt die Zeitung):

Richard Wag — wie? Richard Wagner und — und was? und die öffentliche Meümng (blättert um mrd liest). La, schändlich! And was für ein Stil! — Schulden in Wien — erbärmlich! Sybaritismus — lächerlich — Volksliebe — man traut seinen Augen nicht — so was kann nur in München vorkommen.
(Wirft dem Mohren die Pfeife an den Kopf, geht ins Schlafzimmer zurück und riegelt die Türe hinter sich zu.)
Kammerdiener eilt aus den Lärm bestürzt herein und räumt zusammen.
Rumorhäuser:  (von innen) Man rufe meinen langjährigen Freund Pecht.

Selbst außerhalb Münchens merkte man bald, wie Wagners Stellung unhaltbar wurde, und Georg Lerwegh rief dem alten Kampfgenossen folgenden Gruß zu:


„Vielverschlag'ner Richard Wagner,
Aus dem Schiffbruch von Paris
Nach dem Isarstrand getrag'ner,
Sangeskundiger Ulyß!

Ungestümer Wegebahner,
Deutscher Tonkunst Pionier,
Unter welche Insulaner,
Teurer Freund, gerietst Du hier!

Und was hilft Dir alle Gnade
Ihres Herrn Alkinous?
Auf der Lebenspromenade
Dieser erste Sonnenkuß?

Die Philister, scheelen Blickes,
Spucken in den reinsten Quell;
Keine Schönheit rührt ihr dickes,
Undurchdringlich dickes Fell.

Ihres Hofbräuhorizontes
Grenzen überstiegst Du keck,
Und Du bist wie Lola Montez
Dieser Biedermänner Schreck.

‚Solche Summen zu verplempern,
Nimmt der Fremdling sich heraus!
Er bestellte sich bei Sempern
Gar ein neu Komödienhaus!

Ist die Bühne, draus der Robert,
Der Prophet, der Troubadour,
Münchens Publikum erobert,
Eine Bretterbude nur?

Schreitet nicht der große Vasco
Weltumsegelnd über sie?
Doch Geduld — Du machst Fiasko,
hergelaufenes Genie!‘

Ja, trotz allen Deinen Kniffen, —
Wir versalzen Dir die Supp';
Morgen wirst Du ausgepfiffen —
Vorwärts, Franziskanerklub!“