Zum Inhalt springen
Menü

Sagen & Geschichten

Die „Tristan“-Uraufführung

Die positivste Auswirkung der Beziehungen zwischen König Ludwig und Richard Wagner war die Uraufführung des Musikdramas „Tristan und Isolde" am 10. Juni 1865. Da damals schon die Letze gegen Wagner eingesetzt hatte, so wurde das Werk, das Laus von Bülow dirigierte, nicht eben ffeudig ausgenommen. Auch erwies es sich, daß das Publikum für das Verständnis der Kunst Wagners noch nicht die nötige Reife befaß. Selbst eine so fein empfindende Frau wie Josephine Kaulbach war der Größe des Werkes nicht gewachsen und schrieb darüber ihrem Mann nach Berlin:

Gestern, Donnerstag, war im Loftheater die erste Probe zur Wagnerschen Oper „Tristan und Isolde", die künftigen Montag zur Aufführung kommen wird. Diese Probe kann schon als vollkommene Aufführung gelten, nur mit dem Unterschied, daß dies Publikum von Wagner und Bülow eingeladen ist — nur „die Auserwählten und die Freunde", wie Wagner in seiner Rede, die er vor dem Beginn an uns gehalten, gesagt hat. Die Rede war vorzüglich, bescheiden, schlicht und herzlich. Ich wollte, man könnte das auch von seiner Oper sagen. Die Parkettsitze waren alle dicht besetzt, und ich sah lauter Freunde und Bekannte. Frau von Bülow hatte mir zwei Karten gegeben und, da Maria nicht wohl war, lud ich Freund Dietz ein. Neben uns saßen Riehls, Siebold, Wüllner, Pfeuffer usw. Bülow als Dirigent streckte seinen Kopf gewaltig in die Löhe und wollte nach Wagner auch noch eine Rede halten. Leider blieb er schon beim ersten Satz gründlich stecken. Er kam in seiner Verwirrung über die gewöhnlichen Phrasen von Dank und Aufopferung nicht hinaus. Endlich fand er den Schluß, und es begann die Ouvertüre, die mit wirklicher Meisterschaft ausgeführt wurde, aber unsere herkömmlichen Begriffe von Musik nicht überschreitet. Den Inhalt der Oper kennst Du ja. Die Steigerung der wütendsten Leidenschaft füllt den ganzen zweiten Akt, der aus einem Duett besteht, welches dreiviertel Stunden dauert, ohne Melodie, die höchst barbarischen, ich möchte sagen, die Leidenschaften eines vorsintflutlichen Geschlechtes ausdrückend. Für unsere schwachen Nerven und Ohren ungenießbar. Der Gesang besteht nur in heulenden, schrillen Tönen; sie brüllen, wüten, toben und werden dazu von dem Orchester mit den kunstvollsten Dissonanzen begleitet: Pauken, Trompeten, Zimbeln und noch andere neuerfundene Instrumente steigern sich zu wahrer Raserei. Das Orchester hat diese schwierige, mühsame Arbeit meisterhaft durchgeführt; in keiner anderen Stadt wäre dies möglich gewesen. Aber vor allem gebührt Schnorr und seiner Frau das höchste Lob. Letztere übertraf alles bisher Dagewesene sowohl als Sängerin, wie als Schauspielerin. An Gestalt und Aussehen ist sie eine Krimhilde; ebenso herrlich wirkt Schnorr. Nur diesen beiden großen Künstlern wird Wagner den Erfolg zu danken haben; sie besitzen sowohl die körperlichen, wie die geistigen Kräfte, um dieser Riesenarbeit nicht zu erliegen. — Mit diesen drei Aufführungen wird wohl „Tristan und Isolde" sich ins Privatleben zurückziehen müssen. Man ist besorgt, daß Bülow bei der ersten Aufführung (wegen der Schweinehundgeschichte) schlecht empfangen wird, denn die Erbitterung gegen ihn ist sehr groß. Der junge König soll in der großen Probe vor Begeisterung bis zu Tränen gerührt gewesen sein. Aus allen Teilen Deutschlands sind Freunde Wagners hierhergekommen. Die gute Bülow strahlt vor Entzücken.

Die gereizte Stimmung der Münchner kommt in diesem Brief gut zum Ausdruck. Im übrigen ging, dank umsichtiger Maßnahmen, die Uraufführung doch glatt vonstatten. Die Erregung galt überhaupt mehr als Wagner seinem Schildknappen HanS von Bülow (1830—1894), der 1864 als Hofpianist nach München berufen worden war und sich durch sein extravagantes Wesen mißliebig gemacht hatte, und seiner etwas absonderlichen Gattin Cosima, einer Tochter Liszts, die später Wagners Gemahlin wurde. Bülow verließ indessen München erst im Jahre 1869, also vier Jahre später als Wagner. Julius Schnorr von Carolsfeld (1836—1865) und seine Gattin Malwine waren aus Dresden zur Uraufführung berufen worden, da Wagner die einheimischen Kräfte nicht für ausreichend hielt.