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Sagen & Geschichten

Richard Wagner in München

König Ludwig II. hatte, kaum zur Regierung gelangt, dem von ihm seit seinem 16. Lebensjahr schwärmerisch verehrten Tondichter Richard Wagner den in dessen verzweifeltster Stunde seine hilfreiche Land entgegengestreckt. Er hatte durch seinen Kabinettssekretär Lofrat von Pfistermeister Wagner suchen lassen. Pfistermeister fand ihn inStuttgart im LotelMarquardt und übermittelte ihm mitBriesen und Geschenkenden Wunsch des Königs, ihn nach München in seine nächste Umgebung zu ziehen. Wagner dantte dafür mit diesem Brief:

Teurer, huldvoller König!

Diese Tränen himmlischer Rührung sende ich Ihnen, um Ihnen zu sagen, daß nun die Wunder der Poesie wie eine göttliche Wirklichkeit in mein armes, liebebedürftiges Leben getteten sind! — And dieses Leben, sein letztes Dichten und Tönen gehört nun Ihnen, mein gnadenreicher junger König: verfügen Sie darüber, als über Ihr Eigentum! Im höchsten Entzücken, tteu und wahr

Stuttgart, 3. Mai 1864                   Ihr Untertan Richard Wagner.

Friedrich Pecht, ein alter Freund Richard Wagners, berichtet in seinen, Wagner gegenüber durchaus nicht voreingenommenen Erinnerungen „Aus meiner Zeit" über Wagners Verhältnis zu König Ludwig II.:

Die Schwärmerei des jungen Königs für den Tondichter hatte zuerst etwas fast Kindliches; er behandelte ihn durchweg als Ratgeber und Freund, während Wagner wieder die väterlichste Zärtlichkeit für ihn zur Schau ttug, aber zugleich auch in Gedanken das Königreich Bayern mittegierte. So bekam ich denn auch viele Briefe und Billette des Königs an Wagner zu lesen, die mir schon damals weit mehr als durch ihren Geist durch ihre Überschwenglichkeit auffielen. Daß dieselbe durch den Amgang mit dem genialen, aber zugleich unglaublich aufgeregten Meister nicht vermindert werden konnte, lag auf der Land, umsomehr als derselbe geneigt war, die ganze Menschheit, mit einigen kleinen Ausnahmen, zu verachten und für bloßes Material zum Verbrauchtwerden durch die Auserwählten zu halten. Wagner hat daher ganz sicher keinen guten Einfluß auf den jungen König ausgellbt, jedenfalls dessen Neigung, sich in eine phantastische Traumwelt einzuspinnen, nur gesteigert. War er doch selber nur zu sehr disponiert, diese Welt nur dazu vorhanden zu glauben.

Wagnersche Musik zu hören und alles andere daneben gering zu schätzen. Solch natürlicher Egoismus des Genies war aber alles eher als von günstigem Einfluß für einen Charakter wie den jungen König, da es den seinigen nur steigern konnte. Da Wagner überdies eine Menge Schulden und große Bedürfnisse hatte, so war er genötigt, die Kasse des Königs übermäßig in Anspruch zu nehmen, was ihm jedenfalls die stille Feindschaft aller Lofbeamten zuzog.

So kamen denn alsbald die abenteuerlichsten Gerüchte über seine Ausbeutung des hohen Beschützers ins Publikum. Der biedere Philister nicht allein, sondern auch die Lofkreise würden es ganz natürlich gefunden haben, wenn der König an eine hübsche Maitreffe zehnmal soviel gewendet hätte, aber an einen großen Künstler — das war unerträglich! Man verstand es denn auch von gewisser Seite vorttefflich, die über eine angebliche Günstlingsherrschaft entstandene Auftegung noch zu steigern. In Wahrheit existierte dieselbe gar nie, denn es zeigte sich sehr bald, daß der König zwar wohl Wagners Amgang gelegentlich liebte, aber nicht im geringsten geneigt war, sich durch ihn oder irgend jemand anderen übermäßig beeinflussen zu lassen. In dieser Beziehung war das wechselseitige Verhältnis im Gegenteil sogar nie ganz aufrichtig. Der König ward oft ärgerlich über Wagner und entwickelte überhaupt früh einen Charakter ohne jede Äingebung.---- Das außerordentlich einschmeichelnde

und verführerische Wesen, das Wagner in so hohem Grade zu Gebote stand, gefiel offenbar dem jungen Fürsten sehr, ohne daß er indes jemals auch nur einen Augenblick den ungeheueren Abstand vergessen hätte, der einen Fürsten, nicht nur seiner Meinung nach, von allen übrigen Sterblichen ttennt. Ohne Zweifel hätte sich Wagner in München, beschützt vom König, wie er es war, immerhin noch lange halten können, wenn er nicht in Äans von Bülow einen Genossen hergezogen hätte, der es in ganz ungewöhnlichem Grade verstand, bei den Münchnern sich unbeliebt und Wagner zahllose Feinde zu machen...

Ich mußte noch einmal sehr lebhaft an den Wagnerschen Angelegenheiten teilnehmen. Es war das bei dem projeftierten großen Festtheater für die Aufführung Wagnerscher Opern, das der König drüben über der Isar errichten lassen wollte. Da empfahl ich nun Wagner feinen alten Anglücksgenossen Semper für den Bau, der denn auch richtig gewählt und zur Anfertigung von herrlichen Plänen und Modellen veranlaßt ward, was ihn mehrfach nach München führte, so daß wir schon hofften, ihn ganz dahingezogen zu sehen. Da erhob sich aber über dieses Projekt, dessen sich zu freuen die Münchner alle Arsache gehabt hätten, da es ihre Stadt um eine herrliche Zierde bereichert und ihnen einen großen Künstler gewonnen hätte, ein solcher Sturm in der Presse und in der mißleiteten Bevölkerung, daß der König es ein für allemal aufgab, für München irgend etwas zu tun. Er hat denn auch bekanntlich alle seine Schlösser auswärts gebaut; das Theater aber ward in Bayreuth als eine Bretterbude errichtet und hat dieser Stadt die Millionen eingetragen, welche die aufgehetzten Münchner so unvernünftig verscherzten.

Da mit der Dummheit und Roheit eines hohen wie niederen Pöbels bekanntlich selbst die Götter vergeblich kämpfen, so gab zuletzt auch Wagner den Widerstand auf und zog in die Schweiz, wo man ihn gewiß nicht besser verstand, aber wenigstens in Ruhe ließ. Denn das Merkwürdigste an diesem Münchner Aufenthalt war und blieb, daß selbst zur Zeit ihrer größten Empörung gegen den Meister die Münchner doch seine Musik immer gleich gerne hörten und seine Opern das Theater jedesmal bis zum letzten Platz füllten. Sie bewiesen also, daß sie den großen Künstler sehr gut vom Menschen zu ttennen wußten, der ihnen allein antipathisch war und blieb, weil er nun einmal so wenig zu ihrer phlegmaüschen und schlichten Art paßte, wie der Vesuv auf den Gasteig passen würde.

 

Ignaz von Döllinger läßt in den Briefen an seine junge Freundin das Verhältnis des Königs zu Wagner wiederholt anklingen, so am 29. Dezember 1864:

...... Anser junger König hat doch angefangen, die geistige Leere, die seine mangelhafte Erziehung in ihm gelassen hat, einigermaßen ausfüllen zu wollen. Professor Äuber soll ihn in die Philosophie einweihen — eine ungemein schwierige Aufgabe! Inzwischen hält sein Enthusiasmus für die Musik an. Reben Richard Wagner hat er nun auch einen Klavierspieler, Äans von Bülow aus Berlin, dessen Frau eine Tochter Liszts ist, hieher gezogen, als „Vorspieler Sr. Majestät des Königs". And eben ist von einer dritten musikalischen Berufung die Rede: Peter Cornelius. Wenn das so fortgeht, werden den guten Bayern die ftemden Tonkünstler bald so widerwärtig werden, als ihnen die vom Vater hereingerufenen ftemden Gelehrten geworden sind....... Von unserm König erzählt man sich fortwährend viel Gutes; er ist geistig begabter als sein Vater, allem Gemeinen entschieden abhold, religiös und zu stiller, einsamer Zurückgezogenheit geneigt. Bei Audienzen-Erteilung sind ihm jene Männer willkommen, aus deren Gespräch er etwas lernen kann, wie er sagt. Seine vorherrschende Neigung ist bis jetzt Musik und das ernste Drama. Er hat verlangt, daß die großen Tragödien ganz unverkürzt gegeben werden sollen. Sein Äauptgünstling ist noch immer Wagner, der ihn denn auch sehr viel Geld kostet. Da er kein rechtes musikalisches Gehör besitzt, so weiß man sich diese Vorliebe nicht recht zu erklären. Übrigens ist der König sehr gutmütig, es macht ihm Freude zu schenken; zugleich ist er aber auch sehr eifersüchtig auf seine Königsmacht und hierin seinem Großvater ähnlich.

27. Januar 186

Peter Cornelius (1824—1874), ein Neffe des Malers, der Komponist der Oper „Der Barbier von Bagdad", war, von Wagner gerufen, von 1864 an als Lehrer an der Münchner Musikschule tätig.