Ludwig II. im Urteil seiner Zeitgenossen
Belangreiches über den jungen König Ludwig hat Luise von Kobell mitzuteilen. Als Gattin des Kabinettschefs von Eisenhart gewann sie in manches Einblick, was anderen verborgen blieb. So zeichnet sie in zarten Strichen dieses Bild des Königs:
Der König, der im jugendlichen Alter von achtzehn Jahren — er war geboren am 25. August 1845 — zur Regierung berufen ward, leistete am 11. März vormittags zehn Uhr unter dem Vorsitze seines erlauchten Oheims, Prinz Luitpold von Bayern, in Gegenwart der übrigen königlichen Prinzen und sämtlicher Mitglieder des Staatsrates den Eid auf die Verfassung. In der Antwort auf die Anrede des Ministers des Auswärtigen, Freiherrn von Schrenk, gab Ludwig II. die Zusicherung, im Geiste des hohen Verstorbenen und im Geiste der Verfassung die Regierung führen zu wollen. Vielfach wurde des Königs würdevolles Benehmen gerühmt und die Rücksichtnahme auf die von seinem hohen Vorgänger herrührenden Anordnungen. Denn weder im Ministerium noch im Kabinett oder in der Hofhaltung traten irgendwelche Änderungen ein.
Nach einem Morgenbesuche bei der „Königin-Mutter" — welchen Titel die Witwe Maximilians II. nach Verfügung ihres Sohnes führte — nahm König Ludwig vormittags neun Uhr den Vortrag seines Sekretärs von Pfistermeister entgegen und empfing an jedem Wochentage je einen anderen Staatsminister, um mit ihm persönlich die laufenden Geschäfte zu besprechen. Im jugendlichen Feuereifer, alles rasch zu erledigen, ließ der König anfangs sogar öfters am Tage im Kabinett anfragen, ob von den Ministerien keine Anträge zur Unterschrift gekommen seien.
Alsbald besuchte König Ludwig die im Bade Kissingen weilenden russischen und österreichischen Majestäten, und nach München zurückgekehrt erteilte er Audienzen und zeigte sich allenthalben so leutselig, dass seine Äußerungen als geflügelte Worte in Umlauf kamen. Am 25. August feierte der Monarch seinen Namenstag mit seiner Mutter und mit Prinz Otto in Hohenschwangau.
Adolf Friedrich Graf von Schack sagt in seinen Lebenserinnerungen „Ein halbes Jahrhundert" über den jungen König und seine literarischen Neigungen:
Den Sohn und Nachfolger König Maximilians II. hatte ich schon bei Lebzeiten des Vaters mehrfach gesehen und den angenehmsten Eindruck von dem schönen Knaben empfunden. Er war von seinem Gouverneur sehr streng erzogen worden. Als nun der junge Prinz ganz unerwartet mit achtzehn Jahren den Thron bestieg, vermochte er, der bisher fast noch als ein Kind betrachtet worden war, in den plötzlichen Wandel seiner Lage sich kaum zu finden. Er zeigte eine gewisse Scheu und Bangigkeit und konnte sich nur schwer entschließen, unter Menschen zu gehen.
Je mehr früher sein Hang zur Poesie unterdrückt worden war, desto leidenschaftlicher gab er sich jetzt demselben hin. Vor allem war Schiller sein Lieblingsdichter, und er las ihn so viel, dass er manche von dessen Schauspielen zuletzt Wort für Wort auswendig wusste. Bei diesem dichterischen Sinn des Königs war es nun auffallend, dass er doch nie Neigung zeigte, die Länder, in denen die Poesie besonders ins Leben getreten ist, namentlich Italien, zu besuchen. Die wenigen kurzen Reisen, welche er machte, hatten fast nur den Zweck, Örtlichkeiten zu besichtigen, welche in Schillers Dramen vorkommen, so namentlich den Vierwaldstätter See und die Kathedrale von Reims.
Weniger als mit der Vorliebe Ludwigs II. für die Schauspiele unseres großen Dichters konnte ein deutscher Sinn mit dem lebhaften Interesse sympathisieren, welches er für alles auf Ludwig XIV. sich Beziehende zeigte. Das Stück „Die Herzogin" von J. L. Klein zog seine Aufmerksamkeit auf sich, bloß weil der französische Monarch darin auftrat. Trotz aller Bedenken befahl der König, dass es völlig unverkürzt in Szene gehen sollte. Der Erfolg war vorauszusehen: Schon gegen Ende des ersten Aktes begann das Haus sich merklich zu leeren, und gegen Schluss des zweiten war kaum noch ein Zuhörer da.
Paul Heyse schildert in „Jugenderinnerungen und Bekenntnisse" persönliche Eindrücke:
Um für die Weitergewährung der Pension meinen Dank abzustatten, hatte ich um eine Audienz nachgesucht. Es war das einzige Mal, dass ich dem jungen Könige gegenüberstand. Er empfing mich freundlich, doch mit einer gewissen, gesucht hoheitsvollen Haltung, die erkennen ließ, dass ihm seine königliche Würde noch eine Rolle war, in die er erst hineinwachsen sollte. Doch war der Blick der schönen, großen Augen, in denen ein träumerischer Glanz leuchtete, gewinnend. Von Dönniges wusste ich auch, dass der junge Herrscher ein ungewöhnlich sicheres Urteil über jeden besaß, der in seine Nähe kam.
Stiftspropst Ignaz von Döllinger schreibt in seinen Briefen:
Unser junger König beginnt kostspielige Liebhabereien zu entwickeln, und große Summen schlüpfen ihm durch die Finger. Von der zarteren Hälfte des menschlichen Geschlechtes, glaubte man bisher, wisse er sehr wenig. Neulich gab er doch seine Meinung kurzweg auch über den Sexe ab: „Ach die Weiber! Auch die Gescheiteste disputiert ohne Logik!" Wo er nur diese Entdeckung gemacht haben mag! Wenn er einmal eine Frau hat, wird er sehr froh sein, dass sie ihm nicht mit der Logik des Kopfes immer entgegentritt, sondern der Logik des Herzens folgt.
Ihr werdet euch über unseren Ministerwechsel gewundert haben. Soviel ist sicher, dass der junge König einen sehr festen Willen hat und schon gar gerne sagt: ich befehl's. Neumayr dagegen gefällt ihm als Minister. Da man von einem Minister einerseits klare Bestimmtheit, anderseits große Biegsamkeit erwartet, so werden auch die Neuen sich sehr unsicher auf ihren Ministerstühlen fühlen.