Der Tod des Königs Max
Julius Grosse schreibt nach eigenem Erleben in seinen „Arsachen und Wirkungen":
Eines Nachmittags im März erschien der Minister des Innern, Lerr von Neumayr, aus der Redaktion und wünschte den Chefredakteur Vogl unter vier Augen zu sprechen.
„Sie werden auf der Stelle ein Extrablatt hinaussenden. Seine Majestät der König liegt im Sterben." „Aber Exzellenz, wollen wir nicht zuvor die Erkrankung melden?" „Das wird unmöglich sein, denn dieses Stadium würde vom folgenden überholt werden. Der König leidet am Rotlauf, und nach dem Arteil der Ärzte wird er kaum die kommende Nacht überleben."
Die Kunde wirkte wie ein betäubender Donnerschlag durch die Stadt, durch das Land Bayern, ja durch ganz Deutschland. Es war einer jener umschleierten, silbergrauen, lauen Vorfrllhlingstage, wie sie nur München kennt, stimmungsvoll, wie sonst nur der Serbst, und so ist mir auch die Stimmung dieses Tages für immer unvergeßlich geblieben. In Scharen strömten die Massen des Volkes zum Schloß, wie sonst nur in Revolutionszeiten, und weiter in das Innere, die Treppen empor bis in die Vorzimmer, wo die Hofstaaten versammelt waren, um den Andrängenden aus allen Ständen Bescheid zu erteilen. So ging es denn die ganze Nacht hindurch bis zum anderen Tage, und als um elf Ahr plötzlich alle Glocken läuteten, da wußte München, daß ein edles Königsherz aufgehört hatte zu schlagen. And wie innig der König geliebt gewesen, trotzdem es nie so geschienen, jetzt zeigte es sich in der Stunde der Erschütterung, die alle ergriff. Eine dumpfe Schwüle der Betäubung lastete auf der Hauptstadt, als sei etwas Unbegreifliches geschehen. Nur im Jahre 1886 bin ich Zeuge einer gleichen panikähnlichen Bestürzung gewesen. Auch damals schon erzeugten sich plötzlich törichte Gerüchte, wie zweiundzwanzig Jahre später. Die Erfindungen erschreckter Phantasien mochten verwerflich sein, menschlich begreiflich warm sie gewiß, denn dieses jähe Ende, ohne vorausgehende Krankheit, erschien gegen allen Lauf der Natur. In Wahrheit war der König schon schwer leidend heimgekehrt.
König Maximilian II. starb am 10. März 1864 im 53. Lebensjahr. Man sprach, da sein Ableben ganz unerwartet kam, von einer Vergiftung. Robert von Hornstein legte in seinen „Memoiren" nieder, wie ihm seine Erlebnisse bei dem unerwarteten Tod des Königs im Gedächtnis geblieben waren. Ich kam von der Residenz, schreibt er; Menschenmassen hatten sich angesammelt. Ach kam die Treppen hinauf, welche von Leuten aller Stände eingenommen waren. Endlich gelangte ich halb geschoben in einen großen Raum, unweit der Gemächer des Königs. Der Adjutant des Königs, Baron Moy, erschien von Zeit zu Zeit, um den Versammelten Nachricht über das Befinden des Königs zu geben. Die Nachrichten wurden immer trostloser. Lautlos wurden die Meldungen hingenommen. Höchstens wurde ein leises Flüstern vernommen. Endlich erscheint Moy, um mit tränenerstickter Stimme mitzuteilen, daß Seine Majestät eben verschieden seien. Allgemeines Schluchzen erfolgte auf diese Worte. Anfangs blieb alles wie gebannt stehen. Allmählich verließ die Menge in größter Sülle den Saal und stieg langsam die Treppen hinab. Ach hatte mich unten noch einen Augenblick postiert, als Erzbischof Scherr, der am Totenbett des Königs gestanden war, mit lächelnder Miene und eiligen Schrittes die Treppe herabkam. Ein Geistlicher kam ihm in den Weg. „Nun, wie steht's?" — ,,'ö ist schon rum", antwortete der Kirchenfürst.
Einer der Erschüttertsten war F. v. Kobell. Wie Geibel und H. v. Schmid feierte er den Heimgegangenen in Versen. Seine Elegie schloß mit den Worten:
„Verblüht sind die Rosen, verblichen ihr Rot, — Dahin ist die Jugend, mein König ist tot."