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Sagen & Geschichten

Das Münchner Stadtjubiläum im Jahre 1858

Es war am Tage des hl. Cosmas, den 27. September im Jahre 1858—so erzählt Eduard Fentsch in dem von ihm herausgegebenen Gedenkbuch der Jubiläumsfeier —, die Sonne hatte den leichten herbstlichen Morgennebel bald überwunden, und ein Heller, gottfreudiger Tag ging aus über der guten Stadt München. Schien es doch, als wollte auch der Limmel seinen Segen drein geben, daß ein schönes, erhebendes, denkwürdiges Fest gelinge, davon unsere Kinder noch den Enkeln erzählen sollen. Wir wenigstens wollen ihnen das vordersainst raten, damit diesen das Lerz warm bleibe und ihnen nach aberhundert Jahren der Mut zur Feier des achten Säkularfestes nicht minder gebreche als ihren Ahnen, denen das siebente weidlich zu schaffen machte.

Schon in den ersten Morgenstunden ward es rege und lebendig in allen Gaffen und auf allen Plätzen der Stadt, insbesondere drunten am Anger, wo noch die beiden stämmigen Tortürme wie ein paar alte, riesige Gedenksteine einer hinabgesunkenen Zeit dreinschauen—schier fremd, und als ob's ihnen nicht mehr recht geheuer wäre unter all den zierlichen, seinen, modernen Bauten eines Jahrhunderts von völlig anderem Gefüge. Am selbigen Morgen aber mochte es den beiden grauen Kumpanen doch wohl bedünken, als seierr die alten Zeiten der Sendlinger und Püttriche und Diener wieder ausgewacht; als hätten die Geister der edlen, schöffen-barfreien Geschlechterherren wieder Fleisch und Blut gewonnen und wollten sich einmal nach vielhundertjährigem Schlafe in ihren Grüften zu St. Peter und bei Anserer lieben Frauen das München ihrer Epigonen beim Hellen Tageslichte wieder beschauen! Denn von allen Seiten und aus allen Gassen schritten sie herbei, alte, längstvergessene Gestalten mit Cuculle und Mäntelchen — aus der grauen Zeit, da der handrasche Löwenherzog das erste Brückengebälke legen ließ über den wilden Strom, oder bunter und hellfarbiger aus dem phantastischen Mittelalter oder ernster und eiserner aus den stürmischen Tagen des dreißigjährigen Krieges oder sein und galant, wie sie die kokette, höfische Zeit Ferdinand Marias ausstaffierte.

Welch ein reges buntes Leben entfaltete sich nun in den Räumen der Schrannenhalle und auf den umgebenden Straßen! Es galt die Ordnung der sieben großen Gruppen des historischen Zuges unter der Leitung von Meister Seitz, und die Arbeit war keine geringe, eine Masse von etwa 2000 Personen zu Fuß, zu Roß und zu Wagen in das Geleise zu bringen. Erst eine volle Stunde nach Mittag war das Werk vollendet, und um ein Ahr ritten die Trompeter, welche den Zug des zwölften Jahrhunderts ansührten, unter dem dämmernden Bogen des Isartores herein ins Tal. Die ernsten, einfachen Fanfaren erklangen — eine ungewohnte Weise, die ans Ohr schlug, wie eine Mahnung längst versunkener Jahrhunderte. Das Volk, das Kopf an Kopf gedrängt zu beiden Seiten der Straße des konlmcnden Zuges harrte, ward stille, uild schon die erste Gruppe der Reisigen aus dem Zeitalter Heinrichs des Löwen bereitete die Wirkung vor, die nachgerade diese wundersamen Bilder aus der siebenhundertjährigen Geschichte der guten und getreuen Stadt hervorriefen. Es war eine Art Andacht, die sich des Volkes bemächtigte. Nicht allein das Echte uird Wahre, was diese Gestalten zu leibhaftigen Erscheinungen aus denr tiefen Mittelalter machte, nicht nur der Reiz ungewohnter Schönheit und Form des Gewandes war es, was diese Stimmung weckte. Man hatte sich nicht getäuscht, als man voraussetzte, daß jede Mahnung an eine tatenreiche Vergangenheit des Volkes im Volke selbst ernst und bewegend anklingen werde, daß diese lebendigen Bilder aus seiner Geschichte gewaltig rührend zu seinem Gemüte reden würden.

Wir haben es wahrgenommen, wie sie die Äüte vom Kopfe zogen, wie deren viele die Äände falteten und ihnen das Wasser ins Auge stieg; wie selbst das Lächeln schwand aus dem Gesichte jener, die vorwitzig den ganzen Zug zu einem Mummenschanz zu stempeln beliebten, die es behaglich fanden, den Anternehmern des Werkes die Arbeit recht sauer zu machen, und denen kein Witz zu wohlfeil war, um nicht die drastische Wirkung an dieser projektierten „öffentlichen Maskerade" zu versuchen. Mehr denn einmal hatte sich der Jubiläumsverein der Verse des Dichters zu getrosten. 

Doch Seelen gibt's, für Worte unerreichbar.
Mit siebenfachem Leder überzogen.
Dem Schild des Ajax im Lomer vergleichbar!

Aber er rechnete auf die „Wirkung der Tat" und — ward nicht getäuscht!

Der Festzug bewegte sich von seinem Aufstellungoplatze an der Maximiliansgetreidehalle durch die Müller- und Rumfordstraße, das Jsartor und Tal in die Dienersgasse, von da durch die Residenzstraße auf den Max-Zoseph-Platz, vorüber an dem Postgcbäude, dem Hoftheatcr und der neuen Residenz. Nach der Huldigung durchzog er die Ludwig-, Theresien- und Türkenstraße, lenkte am Wittelöbacher Palais in die Brienner-, Theatincr- und Weinstraße, dann in die Kaufingerstraße, Ett- und Karmelitcngaffe ein und umging den Promenadeplatz. Von da bewegte er sich über den Karlsplatz in die Neuhauser- und Kaufingerstraße, sodann durch die Rosen- und Sendlinger Gasse über den Sendlinger Torplatz in die Müllerstraßc und kehrte an seinen Ausgangspunkt zurück. „Die Sendlinger, Püttrichc, Diener": Namen alter Patrizierfamilien der Stadt München. — Meister Seitz: Franz von Seitz (1817 —1883) war ein geschätzter Maler und hervorragender Meister dekorativer Kunst. Bei den Hoftheatern war er als Leiter des Kostüm- und Dekorationswesenö tätig.