Die Auflösung „Neu-Münchens“
Franz von Dingelstedt schreibt hierüber in seinen „Münchener Bilderbogen":
Um die Mitte der fünfziger Jahre begann die Wendung einzutreten, welche, anfangs langsam, dann — genau nach den Gesetzen des Falles — mit doppelter Geschwindigkeit, die Auflösung der Kolonie Neu-Münchens herbeiführen sollte. Das erste Opfer war Dönniges, ich das zweite. Natürlich. Wir standen am meisten ausgesetzt, er auf seinem politischen Posten, ich im offenen Feldlager des Theaters, während die Dichter verhältnismäßig die am wenigsten Angefochtenen blieben und die Gelehrten in ihrem Katheder einen festen Boden unter den Füßen hatten.
So namentlich Liebig, den kein Sturm und keine Wühlerei von seiner sicheren Höhe herabzuwerfen vermochte, obwohl er seinen Grundsätzen und seinem Streben niemals etwas vergab, Missbräuchen, wo er sie fand, schonungslos entgegentrat, in der Universität wie in der Akademie Reformen durchsetzte und bald auch Resultate erzielte, zum Beispiel in der jährlichen Wahl des Rektors magnificus, aus welcher eines schönen Tages, zu aller Welt Erstaunen, ein homo novus hervorging: Jolly.
Dönniges war in die Dienste des Königs Max gekommen, da dieser noch als Kronprinz in Bamberg residierte. Von ihm stammte die seinerzeit viel besprochene Denkschrift gegen die Jesuiten in Bayern, welche unter dem Ministerium Abel dem König Ludwig vom Kronprinzen vorgelegt worden war. Nächst Wendland, später bayerischer Gesandter in Paris, galt Dönniges für den vertrautesten Ratgeber seines Herrn. Obwohl geborener Preuße — irre ich nicht, sogar ein Pommer — bekannte er sich nicht zu der Lehre von der preußischen Spitze in Deutschland, auch nicht zu dem unitarischen Programm des jungen Nationalvereins.
Seine Politik gipfelte in der Triasidee, die vielleicht ganz, gewiss zum großen Teil sein Werk, in den Dresdner Konferenzen durch ihn lebhaft vertreten wurde. Auch später, in den Bamberger Konferenzen, versuchte er aus den deutschen Mittelstaaten eine dritte Macht im Bundestage zusammenzusetzen, die, zwischen Österreich und Preußen gestellt, in kritischen Fällen den Ausschlag gebend, von großer Bedeutung gewesen sein und namentlich Bayern zu solcher verholfen haben würde. Dieses sein Adoptiv-Vaterland liebte Dönniges wirklich und warm. Er glaubte an eine hohe Sendung, eine schöne Zukunft Bayerns in und mit Deutschland. „Österreich die Zölle und den Handel! — Preußen das Heer und die Vertretung nach Außen — Bayern Wissenschaft und Kunst", so teilte er, wenn wir dann und wann aus Bowlen- und Zigarrendämpfen politische Geschichte lasen, die Rollen aus in dem welthistorischen Drama.
Was er im Kabinett des Königs schrieb und trieb, war gewiss ebenso oft bayerische Politik wie persönliche Politik des Königs Max, welche beide Dönniges sich nicht getrennt denken konnte. Dessenungeachtet aber begab es sich, und das nicht selten, dass diese Politik sich im Widerspruch befand mit derjenigen, welche das Staatsministerium am grünen Sitzungstisch machte und vor den Kammern vertreten musste. Daher dann die Missverständnisse, die Ketzereien, die stillen Intrigen, die offenen Kämpfe und endlich der Zusammensturz einer Stellung, die in ihrer Unverantwortlichkeit freilich wider alle konstitutionellen Usancen verstieß, aber doch des Guten viel vermittelte und erschuf.
Da wir im Herbst 1855 aus den Sommerferien nach Hause und wieder zusammenkamen, fehlte einer in unserem Kreise, der Mittelpunkt: Dönniges. Er war ins Exil gegangen, geschickt worden und hatte sich, in einen losen Zusammenhang mit der bayerischen Gesandtschaft zu Turin gebracht, in Nizza niedergelassen. Dort fand ich ihn noch drei Jahre später, in einem weitläufigen, unheimlichen Hause am Saume der Stadt, zwischen Meer und Gebirge gelegen. Auf dem flachen Dache des Steinhaufens hatte er sich eine primitive Sternwarte gebaut und betrachtete durch eine alte lederne Hutschachtel, welcher der Boden ausgeschnitten worden, den Vollmond.
Von Nizza war damals Dönniges nach kurzer Rast, von innerer Unruhe getrieben, nach Sardinien gegangen. Aus Sassari schrieb er mir, am 19. Februar 1856, einen langen Brief: „... Allerdings war dieses Jahr 1855 ein sehr schweres für mich, und ich kann mich noch immer nicht trösten, aus dem Kreise meiner Freunde und aus meinen alten Verhältnissen geschieden zu sein, nach denen ich mich manchmal trotz aller Freuden der göttlichen Natur und des wundermilden Klimas hier sehr zurücksehne. Bisweilen will es mir scheinen, als wenn eine einzige mündliche Unterredung mit Seiner Majestät alles ausgeglichen hätte. Sollte meine Entfernung wirklich als die Entfernung eines Hindernisses angesehen werden, so bleibt Seiner Majestät stets der königliche Ausweg, mich anderweitig angemessen zu beschäftigen und mich dann zurückzurufen, wann es an der Zeit erscheint."
Wilhelm von Dönniges ist später wieder an hervorragender Stelle im diplomatischen Dienste Bayerns in der Schweiz und in Italien verwendet worden.