Ausflüge zum Aumeister und zur Menterschwaige
Ausflüge zum Aumeister und zur Menterschwaige
Der rheinische Dichter Wolfgang Müller von Königswinter war im Jahre 1855 in München und hat seine Eindrücke einem „Münchner Skizzenbuch" anvertraut. Daraus sind diese Abschnitte entnommen:
Es ist ein arger Irrtum, wenn man die Umgegend der bayerischen Hauptstadt für unschön und öde verschreit. Die meisten Leute besuchen sie von Augsburg her, und dieser Weg ist allerdings ziemlich reizlos und kahl, zumal da er sich stundenlang ohne alle Abwechslung hinzieht. Ganz anders aber wird es, sobald man sich der Isar nähert; denn wo gäbe es ein Flusstal, welches nicht in der einen oder andern Beziehung eigentümliche malerische Vorzüge entwickelte! Oder will man es leugnen, dass eine Fahrt nach der Bavaria, die auf der linken Seite des Flusses auf einer alten Uferböschung liegt, bei klarem Wetter allerliebste landschaftliche Bilder entrolle?
Ich rede hier nicht von dem nördlich gelegenen München, obgleich es einen ganz hübschen Eindruck macht. Aber gegen Süden erheben sich über kleinen, waldigen Vorbergen, die sich vielfach übereinanderschieben, die kühnen zackigen Hörner der bayerischen Alpen und bieten ein Gemälde, auf dessen Mannigfaltigkeit der Blick gern ausruht, besonders wenn es ihm selten gegönnt ist, die Eis- und Schneeberge zu grüßen. Ein anderer schöner Weg erstreckt sich auf dem höheren rechtsseitigen Isarufer hinter der Vorstadt Au nach Haidhausen hin. Dort ist das Land auch fruchtbar und trägt Korn und Weizen in schwerer goldener Fülle, was dem Auge und Herzen als Vordergrund so überaus wohl tut. Nach Süden rückt hier das bayerische Gebirge noch stolzer und mächtiger in die Nähe. Am Sonnenuntergang hat man zugleich herrliche Blicke in die Niederung, in welcher München gelegen ist, dessen Türme und Paläste alsdann oft in einem seltsamen Meere von goldigen Lüften schwimmen, die man bei uns am Rhein und in Norddeutschland nicht so leicht wiederfindet.
Im Englischen Garten, der sich fast zwei Stunden den Lauf der Isar entlang nach Norden dehnt, ist das herrlichste Waldleben zu finden. Riesenhafte Baumgruppen wechseln mit weiten Rasenplätzen. Hin und wieder rauscht das wilde opalgrüne Bergwasser des Flusses in gewundenen Armen durch die tiefe Grüne, indem es unterwegs mitunter einen Weiher bildet, auf dem Schwäne kreisen, mitunter aber auch in einem See ausruht, über welchen die Möwe hin und wieder zieht und schrille Töne ausstößt.
Die Vegetation besteht freilich nicht aus den deutschen Lieblingsbäumen, nämlich aus Buchen und Eichen, aber ich habe nie die Weiden, die Eschen, die Silberpappeln und die Erlen in so riesenhaftem, grandiosem Wuchs gesehen wie in diesem Parke, der nur Bäume zieht, die ein großes Maß von Nässe ertragen können. Eines Tages machten wir eine Partie zum Aumeister, wie ein Vergnügungsort heißt, der eine Stunde weit in dieser Wildnis liegt. Dort wohnt der Förster, dem die Pflege des Parks anvertraut ist. Professor Riehl hatte eingeladen, und Geibel, Heyse und Lasaulx waren von der Gesellschaft. Dass es also nicht an guter und anregender Gesellschaft fehlte, lässt sich denken. Da der Sommertag überaus prächtig war, so hob sich die Stimmung noch ganz besonders. Wie nah blickte man da nicht mitunter in Szenen, die sonst nur die Einsamkeit und Stille enthüllt! Eine Kette Fasanen rauschte hier ins Gebüsch, dort flüchtete ein Reh in das Dickicht. Und welche kräftige, goldige Beleuchtung gegen Abend! Funkelnde Strahlen fielen durch das saftige Laub, das ich selten so groß entwickelt und tief gefärbt sah. Es war eine Naturschwelgerei, die man so nah an einer Hauptstadt nicht leicht finden wird.
Eine andere hübsche Fahrt machte ich mit einem rheinischen Landsmanne nach der Menterschwaige. Wir hatten den ganzen Morgen in den Glypto- und Pinakotheken verbracht und sehnten uns aus der Kunst in die Natur. Heiße Mittagshitze brütete überall, als uns der Wagen über die Isar und die südlich sich hebenden Höhen hinauf-führte, an denen zuweilen ein leiser Luftzug, den die Schneeberge gekühlt hatten, voll Labung dahinstrich. Die Straße ging dann zwischen Fruchtfeldern und kleinen Weilern hin, bis sie rechts in eine Art von Baumgarten abzweigte. Der Kutscher hielt, und wir befanden uns in einem der berühmtesten und vielbesuchtesten Vergnügungsorte der Umgegend. Menterschwaige heißt in unserem Deutsch das Gehöft des Menter, der sein früherer Besitzer war. Aus dichten Bäumen erheben sich die traulichen Gebäude. Vor dem Hause streuen die Linden einen erquicklichen Schatten über Tische und Bänke, an welchen große Gesellschaften Platz finden können. Hier und dort steht auch ein Sommerhaus oder ein überdachtes Zelt, das bei Regenwetter Schutz und Schirm bietet.
Zugleich hat man hier einen großartigen Blick in eine wilde und unbändige Natur; denn links im Grunde gewahrt man das breite und seltsam gestaltete Bett der Isar, die mehr als hundert Fuß tief über Kies und Gerölle dahinfährt. Man gewinnt hier recht eigentlich das Bild eines reißenden Gebirgsstromes, der, wenn Schnee und Eis im Frühjahr schmelzen, unzählige und reiche Zuflüsse erhält, welche ihn in einer Weise anschwellen, dass er ganz aus Rand und Band kommt, während er im Sommer, nur durch die Wasser der Gletscher genährt, ziemlich anständig und ruhig dahinfließt.
Durch die Tauzeit aber wird der Charakter dieses Flussbettes bestimmt, das sich als eine tiefausgewaschene Rinne mitten in der Hochebene offenbart, die man nicht eher zu Gesicht bekommt, als bis man am Abgrunde steht. Bei großer Wasserfülle mag es hier noch seltsamer aussehen, wenn der flutende Strom in der Tiefe braust und zischt. Aber auch jetzt war es ein Gemälde voll wilder Naturkraft und Fülle und dabei von einer Einsamkeit, dass einem, zumal wenn man nur nach Süden schaut, Gedanken an die unangebauten Strecken der neuen Welt kommen. Weithin ist nämlich alles mit Wald bewachsen, über dem die weißen Häupter der Alpen ragen. In dieser Gegend wird auch die München-Salzburger Eisenbahn über die Isar gelegt. Wir sahen uns den kühnen Bau an und fanden dort Hunderte von Arbeitern beschäftigt, den mächtigen Viadukt, welcher die Ufer verbinden soll, aus der Tiefe heraufzuführen. Es wird ein stolzes Werk, in dem der Mensch seine Herrschaft über die Hindernisse, die ihm die Natur in den Weg legt, glänzend betätigt.
Als wir uns alles angesehen hatten, setzten wir uns zum Mittagsmahl in die Kühle der schattigen Bäume und erfreuten uns der trefflichen Forellen und des freundlichen Wirtes, der uns auf mancherlei Fragen verständige und bescheidene Antwort gab. Der gute Mann hieß Zörnlein, aber wie Lucus a non lucendo, denn er war die personifizierte Sanftmut. Sein Gesicht war das Wohlwollen selbst. Keine Gedanken von Neugierde, Zudringlichkeit und Renommisterei, wie sie sonst diesem Genus so leicht zu eigen werden. Wir durften einen Blick in die Küche tun, wo die blank gescheuerten Gefäße an den Wänden standen, und wo es in den Töpfen sott und auf den Pfannen briet; denn oben in dem Salon mit den großen Fenstern sollte ein Mittagsmahl stattfinden, zu dem die saubersten und reinlichsten Anstalten getroffen waren. Es wurden ja auch Fürsten und Grafen erwartet.
Unterdessen saßen unten die armen Flößer des Gebirges und tranken ihr Bier und aßen ihr Brot. Sie hatten ihr Holz den Strom hinab und weiter in die Donau bis nach Wien gebracht. Nun kamen sie in Gruppen oder einzeln, ihre Äxte auf dem Rücken, das Ufer herauf. Die Menterschwaige schien ihnen als Sammelplatz zu dienen. Die Ankömmlinge wurden jauchzend begrüßt. Bald saß in unserer Nähe ein ganzer Schwarm um einen Tisch und führte die lebendigste Unterhaltung in einer Sprache, die wir für eine fremde halten mussten, obgleich es oberbayerisch war. Französisch und englisch hätten wir besser verstanden. Wir traten hinzu, um uns die Trachten anzusehen. Da wurden wir gleich treuherzig begrüßt. Diese Tiroler schüttelten uns die Hände und sagten uns — soviel verstanden wir nämlich von den harten Kehllauten — dass es mit dem Holzhandel schlecht stehe, und dass sie in Wien wegen des österreichischen Papiergeldes ihre liebe Not hätten. Als wir Abschied nahmen, fanden sich auch die vornehmen Gäste ein, um sich oben an den Rheinwein- und Champagnerbatterien wohl sein zu lassen. Wie gemütlich ist doch ein solches Wirtshaus, wo sich Hoch und Gering mit gleicher Behaglichkeit niederlässt! In einer solchen süddeutschen Kneipe entfaltet sich gleich das ganze Volksleben. Und so fuhren wir durchaus befriedigt nach München zurück, das sich unten in der Niederung vor unseren Augen ausdehnte.
Der „Viadukt" der München-Salzburger Eisenbahn ist die Großhesseloher Eisenbahnbrücke, die um die Mitte der fünfziger Jahre in Kombination von Ziegel im Unterbau und Eisen (die sogenannten Paulischen Träger) im Oberbau errichtet wurde. Mit ihrer Länge von 300 m und einer Höhe von 30 m über dem Normalspiegel der Isar galt sie zu ihrer Zeit als ein Wunderwerk der Technik.