Das Münchner Bürgertum
In den bürgerlichen Kreisen ließ sich Leben und Geselligkeit anders an als in den hier mit Bevorzugung geschilderten gelehrten und künstlerischen Zirkeln. Paul Leyse schreibt darüber in seinen „Iugenderümerungen und Bekenntnissen":
In München fand ich gerade das, was mir bisher gefehlt hatte: eine sehr unliterarische Gesellschaft, die sich um mein Tun und Treiben wenig oder gar nicht bekümmerte, am wenigsten mich durch Arteile verwirren konnte. Man sprach damals selbst in den gebildeten Münchner Kreisen niemals von Literatur, höchstens vom Theater. Dafür empfing mich eine unfreundlich, wo nicht feindselig gesinnte Schar einheimischer Kollegen, deren Verhalten gegen den Fremdling seinen Charakter stählte und ihn dazu trieb, stets sein Bestes zu geben. Wichtiger noch war, daß der Großstädter, der bisher nur in den Läufern guter Freunde heimisch gewesen war, sich hier zum erstell Male auf einen breiten, derben Volksboden gestellt fand, auf dem sich ein eigenwüchsiger, nicht immer löblicher, aber kraftvoller und vielfach poetischer Menschenschlag bewegte, nicht von fern mit dem zu vergleichen, den man ill Berlin „Pöbel" nannte. Von diesem sich fernzuhalten, war wohlgetan gewesen, zumal man von der Literaturfähigkeit des Berliner Iargoils, die heutzutage so eifrig angestrebt wird, damals noch keine Ahnung hatte. Eine Berührung aber mit dem altbayerischen Stamm, der seine eigenen Volkslieder und volkstümlichen Poeten besaß, konnte dem Norddeutschen nur heilsam sein und seine dichterischen Nerven erfrischen. Zudem galt es hier für mich, da gesellschaftliche Lorbeeren nicht zu erringen waren, über die nächsten Grenzen hinaus vor dem deutschen Volke zu beweisen, daß ich nicht von Königsgnaden allein zu den „Berufenen" zählte.
München war im Jahre 1854 eine Stadt von wenig über 150000 Einwohnern. Schon im Sommer 1842 auf der Reise mit meinem Vater und dem Petersburger Onkel über Dresden, Prag, Wien, Graz und Ischl war ich auch nach München gekommen, wo wir König Ludwigs große künstlerische Anternehmungen zum Teil noch im Werden fanden. Noch hatten wir nur erst das Modell der Bavaria in der hohen Bretterhütte bestaunt, waren in der Basilika auf den Gerüsten herumgeklettert, auf denen Leß und Schraudolph ihre Fresken malten, und in der Ludwigskirche legte Meister Cornelius die letzte Land an sein großes Jüngstes Gericht. Jetzt, zwölf Jahre später, fand ich die schöne Kunststadt an der Isar in vollem Glanz. Das Siegestor und die noch unvollendeten Propyläen begrenzten damals im Norden und Westen, das Loftheater im Osten die Stadt, die erst durch König Max bis an den schönen, starken Strom fortgeführt wurde, während nach Süden hin die Straßen sich ohne Abschluß bald ins freie Feld verliefen und die Vorstädte Au, Giesing, Laidhausen und Schwabing sich's noch nicht träumen ließen, daß sie dermaleinst in den Ring der Stadt einbezogen werden sollten. Es lag damals auch noch eine Menge großer Gärten zwischen den Läusermaffen verstreut, wenn auch der jetzt so lustig grünende Dultplatz noch eine dürre Wüste war, da man zu gewissen Zeiten dort die Budenstadt hinpsianzte. Den Berliner aber, der diese in fröhlichem Aufschwung begriffene, lachende Stadt betrat, heimelte sie im Vergleich zu den endlosen Straßenzügen und schwerfälligen Palästen seiner Vaterstadt fast mit ländlichem Reize an, während doch wieder die vielen Kirchen und die drei großen Museen dem Ganzen ein vornehmes Gepräge gaben und die malerischen, altertümlichen Stadtteile daran erinnerten, eine wie lange, merkwürdige Geschichte dies Isar-Athen zu erzählen hatte.
Nicht minder fand sich der Norddeutsche, zumal wenn ihm das muntere Blut des „fahrenden Schülers" noch in den Adern stoß, durch die ungebundenen Sitten und den farbigen, volkstümlichen Zuschnitt des Lebens angezogen, wenn er auch manches Liebgewohnte vermißte. So gab es zum Beispiel keine eigentliche Geselligkeit, kein uneingeladenes Eintreten bei Freunden, sehr selten eine Lausfreundschaft, wie ich sie von meinem Elternhause, der Kuglerschen und anderen Berliner Familien her gewöhnt war.
Die Männer gingen allabendlich in ihr gewohntes Bierhaus; die Frauen saßen in sehr zwangloser Toilette zu Lause und empfingen höchstens eine Freundin — gelegentlich wohl auch einen „Freund", den das Negligee nicht abschreckte. Wenn ein Gast von fem zugereist kam, bestellte ihn sein Münchner Gastfreund auf den Abend ins Wirtshaus, oder wenn er ihn zu seinem Tische einlud, kam die Magd herein, zu fragen, was der Lerr zu Nacht zu speisen wünsche. Das wurde dann nebst dem trefflichen Abendtrunk aus dem nächsten Wirtshaus „über die Gasse" geholt. Ich erinnere mich sogar, daß Kobell uns einmal ausnahmsweise zum Abend einlud, ein Drama mit anzuhören, das ein ihm empfohlener junger Poet der Familie vorlesen wollte. Als wir alle versammelt waren, trat der Lausherr herein, begrüßte uns freundlich und sagte: „Nun, unterhalten Sie sich gut! Ich muß in meine Gesellschaft." Wir konnten, als die Lektüre begann, freilich begreifen, daß er es vorgezogen hatte, in sein „Alt-England" zu gehen. Aber von den ortsüblichen Bräuchen der Gastlichkeit hatten wir doch einen seltsamen Begriff bekommen.
Desto liebenswürdiger erschien uns hier im Süden gegenüber der strengen Sonderung die Stände, der in der Leimat herrschte, der freiere Verkehr der verschiedenen Gesellschaftsklassen untereinander an öffentlichen Orten, der schon an Italien erinnerte. Zwar konnte es in München nicht vorkommen, wie ich es in Nom erlebt hatte, daß ein Bettler im Cafe von Tisch zu Tisch ging und, nachdem er so viel gesammelt hatte, um seinen Kaffee zu bezahlen, sich ohne Verlegenheit unter die Gäste setzte, um vom Kellner wie jeder andere bedient zu werden. Aber die demokratisierende Macht des Bieres hatte doch eine Annäherung bewirkt. Der geringste Arbeiter war sich bewußt, daß der hochgeborene Fürst und Graf keinen besseren Trunk sich verschaffen könnte als er; die Gleichheit vor dem Nationalgetränk milderte den Druck der sozialen Gegensätze. And wenn im Frühling noch der Bock dazu kam, konnte man in manchem Wirtsgarten eine so gemischte Gesellschaft zwanglos beisammen finden, wie sie in Berlin nirgends anzutreffen war.
Sei mir gegrüßt, du Leld im Schaumgelock,
Streitbarer Männer Sieger, edler Bock!
Nicht graues Zwielicht dampfdurchwölkter Schenken,
Den Mittag liebst du und der Gärten Frische.
Hier finden sich auf brüderlichen Bänken
Hoch und Gering in traulichem Gemische:
Den Knechten nah, die seine Pferde lenken.
Der Staatenlenker vom Ministertische;
Pedell, Professor, Famulus, Student —
Du spülst hinweg die Schranke, die sie trennt.
Es wird von jenem Trevi-Quell berichtet.
Daraus man ew'ges Leimweh trinkt nach Rom,
Sehnsucht, die unermüdlich denkt und dichtet.
Nur einmal noch zu schau'n Sankt Peters Dom.
So hat auf München nie ein Herz verzichtet.
Das je hinabgetaucht in deinen Strom.
So rasche Wurzeln hier geschlagen hält' ich
Nie ohne dich und deinen Freund, den Rettich.
Das gewann mich sofort für meine neuen Landsleute, daß sie, so sehr sie Rang und Stand zu schätzen wußten, sich durch die Nähe eines höherstehenden nicht einschüchtern oder im behaglichen Lebensgenuß stören ließen. Freilich hatte das alte München auch noch keine breite Arbeiterbevölkerung. Noch herrschte unter einem strengen Zunftzwang die Handwerksarbeit im kleinen vor; es fehlte fast gänzlich an Fabriken und jeder Art von Großindustrie, wie denn auch hier vor fünfzig Jahren diejenigen gezählt werden konnten, die nach heutigen Begriffen für reich gegolten hätten. Dafür gab es auch durchaus keine Massenarmut, die in großen Städten dem Menschenfreunde das Herz beklemmt. Bettler waren genug vorhanden, an den Kirchenpforten wie in den Häusern. Aber sie waren sämtlich mit ihrem Lose zufrieden, da in wohltätigen Vereinen und durch das obligate Almosenspenden frommer Seelen dafür gesorgt wurde, daß sie sich in ihrem Stande wie in einer auskömmlichen Sinekure wohl fühlen konnten. Der gewerbetreibende Bürgerstand vollends genoß eines so reichlichen Lebens- und Nahrungszuschnitts, wie er in dem sparsamen und nüchternen Norden unerhört war. Zweimal, auch wohl dreimal am Tage Fleisch essen, erschien hier als etwas, das der gute Bürger als sein Recht in Anspruch nehmen konnte. Dafür arbeitete er nicht mehr als nötig war, um das nahrhafte, vergnügliche Leben fortzusetzen, und wurde durch strenge Zunftgesetze gegen betriebsamere Konkurrenten geschützt. Aufs genaueste, für den Uneingeweihten oft unverständlich, war vorgeschrieben, was jeder Handwerker oder Händler anfertigen oder verkaufen durste. War dann ein ehrsamer Meister, der selbst nicht höher hinausgewollt hatte, zu einigem Wohlstand gediehen, so ließ er den Sohn, wenn er ihn nicht der Kirche widmete, wohl auch studieren, obwohl er, wie ein bekannter Großbrauer, der Meinung war: „Studieren hält auf!" Es war eben noch die gute alte, pattiarchalische Zeit, deren Sitten und Ansitten im Gegensatz zu der stark sich aufschwingenden norddeutschen Industrie einen „gemütlich" anheimelnden Charakter ttug.
Die großen Schöpfungen König Ludwigs hatten alte und junge Künstler jeder Art nach München gezogen, hier fanden sie außer großen, weitreichenden Aufgaben auch alle Mittel zu ihrer Durchführung, vor allem unter den Mädchen aus den niederen Klassen, die sich durch eine kräftige, raffemäßige Schönheit und frische Anmut auszeichneten, Modelle genug, während es in Berlin einem ehrbaren Dienstmädchen als eine Beleidigung erschienen wäre, einem Maler diesen Dienst erweisen zu sollen. Daß dies Vorwiegen der Künstlerschast dazu beittug, die Anbesangenheit im Verkehr der Geschlechter überhaupt zu steigern, liegt auf derhand. König Ludwig selbst hatte sich ein „gemaltes Serail" angelegt, nicht blos als ein platonischer Verehrer der Schönheit. And so ging ein Lauch von fröhlicher, warmer Sinnlichkeit durch alle Schichten der Gesellschaft, ein wenig phäakenhaft, doch nicht in unfruchtbares „süßes Nichtstun" ausartend, da eben auf dem Boden, wo Leben und Lebenlassen der Wahlspruch der gesamten Bevölkerung war, jene großen künstlerischen Taten geschahen, denen das heutige München seinen Rang als erste deutsche Kunststadt verdanken sollte.
Damals freilich ging noch ein ganz anderer Geist durch die Münchner Künstlerschaft. Wie alle sich hatten bescheiden müssen, bei den Aufträgen des Königs mehr auf die Ehre als auf reichen Lohn zu sehen, so war auch von einem Kunstmarkt wie heutzutage noch keine Rede. Freilich auch nicht von einer so übermäßigen Konkurrenz, an der seit Jahrzehnten auch noch die immer wachsende Zahl der „Malweibchen" in beängstigender Weise teilnimmt. Die Künstler waren keiner fieberhaften Bilderproduktion beflissen, sondern manche, die mehr Verstand als Glück hatten, ergaben sich sogar zeitweise einem behaglichen Müßiggang, weil es ihnen „so billiger kam". Wo es aber galt, öffentliche Feste zu verherrlichen, war jeder bereit, seine Dienste anzubieten, ohne sich für den Zeitverlust entschädigen zu lassen. Die Frühlingsfeste an den reizenden, waldigen Jsarufern bei Pullach, Grünwald, Schwaneck, die alles, was an Schönheit, Jugend und Lumor in den gebildeteren Kreisen der Stadt vorhanden war, in buntem Gemisch hinauslockten, erschienen dem norddeutschen Gast wie ein lebendig gewordenes Bild aus einem Märchen.
Diese Jugendzeit der Münchener Kunst ist längst dahin. Eine Periode ernster, ruhiger Arbeit ist ihr gefolgt, deren Führer und Meister nur noch bei seltenen Gelegenheiten sich um eine öffentliche Lustbarkeit der Stadt mithelfend verdient machen. Zeit ist Geld geworden, und auch die bildenden Künste haben sich dem Industrialismus anbequemen müssen, der seit dem französischen Kriege alle Lebensgebiete beherrscht. Viel Schönes ist trotzdem zur Erscheinung gekommen. Wem aber die damaligen Anfänge in der Erinnerung fortleben, dem klingen wohl Linggs Verse im Ohr:
Schöner war die trübe Schwüle als die Helle Kühle jetzt.
Jene frühen Vollgefühle, kennst du was, das sie ersetzt?
Zur Ergänzung der Naturgeschichte des Münchner Bürgers möge ein Abschnitt aus den „Erinnerungen" Felix Dahns dienen, der seit früher Jugend in München lebte:
Der wärmere Limmelsstrich, die schönere Landschaft und das Bier statt des Tees als althergebrachter Abendtrunk bringen es mit sich, daß man in Süddeutschland die Geselligkeit so gern in das Freie verlegt. Künstler, Studenten, andere Gesellschaften feiern ihre Waldfeste, geben auch im Sommer Tanzvergnügungen im Freien, wo es viel poetischer, fröhlicher, ungezwungener hergeht, als bei den großen Bällen des Winters. Ja, um das Jahr 1840 etwa war es noch ganz herkömmlich, daß Damen wie Frau Monten, meine Mutter, Offiziersfrauen am Sonntagnachmittag im „Pers"-Kleid auf dem wenig glatten Tanzboden des chinesischen Turms oder in Neuberghausen oder Neuhausen oder im „Controlor" zu Nymphenburg sich im Walzer und Schottisch drehten, wo sich jetzt nur Handwerksgesellen und Dienstmädchen vergnügen. Dann aber war und ist es noch heute in München üblich, die Abende des lange währenden Sommers und des oft noch warmen Frühherbstes im Freien in den Wirtsgärten zu verbringen. An die Stelle von Reidels Kaffeehaus trat später der „Frühlingsgarten" an der Ecke der Königin- und der von der Tann- (damals Frühlings-)Straße, oder man war im Englischen Cafe, im Achaz auf dem Dultplatz oder auf dem luftigen Keller unter dem Schatten der Bäume. Dahin „verloben" (verabreden) sich befreundete Familien und verbinden Natur, Bier und Freundschaft zu gefälligem Dreiklang unter sehr geringen Ausgaben. And es stört den Lerrn Losrat und die Frau Oberlandesgerichtsrat nicht im mindesten, daß am Tische daneben sein Schuster oder ihre Schneiderin sich derselben Larmonien erfreuen. Am lebhaftesten trat (und es ist hoffentlich noch heute so) dieser schöne Zug der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hervor während der Bockzeit im „Achazgarten", wo man den Baron von Liebig, den General von Spruner, den Oberstleutnant von Bothmer und ein tonsuriertes Psäfflein, ein paar Studenten, Kaulbach, Schwind, Geibel, Carriere mit seiner sittlichen Weltordnung neben einer Gruppe von Lartschieren, ein paar Lofherren neben Packträgern, den Lerrn Geheimrat von Sybel neben mir allzeit antreffen konnte.
Das ist ein schöner Zug freier, unbefangener Menschlichkeit, wie sie unsere oberdeutsche Art in gar vielen Dingen gegenüber der niederdeutschen schmückt. Ein solches Nebeneinander wie im Achazgarten wäre in der Königsberger „Zentralhalle" undenkbar: der Lochmut der Löherstehenden wie das Gefühl des Nicht-her-gehörens des Geringeren schließt das aus. Freilich muß auch gesagt werden: Nie ist in München eine solche Gesellung durch Rohheit der Ärmeren gestört worden; in Ostdeutschland möchte ich es nicht immer daraus ankommen lassen. Anser süddeutsches Volk hat viel mehr Selbstgefühl, so auch ungleich mehr Liebenswürdigkeit im Verkehr mit den Gebildeten; im Nordosten ist die Masse mißtrauisch, äußerlich unterwürfiger, z. B. in dein greulichen slavischen Landkuß von Mann gegen Mann; aber dann bei Ausbruch der Rohheit allerdings bestialischer. Verglichen mit dem Gift des Branntweins, ist das Bier ein Segen.
Lobte ich nun die Vorzüge des süddeutschen Verkehrs, zumal im Freien, so muß ich freilich auch die argen Mängel der Alt-Münchnerischen Geselligkeit hervorheben. Diese Geselligkeit war eine Angeselligkeit und erst der dankenswerte Einfluß der Norddeutschen hat hierin Besserung geschaffen. Wie war das denn bestellt anno 1840 in einer Münchner Kaufmanns- oder Beamtenfamilie? Die Frau, die Seele feiner gesellschaftlicher Anterhaltung, war gar nicht in der Lage, irgendeine gesellschaftliche Form einzuhalten. So gut wie ausnahmslos katholisch — Protestanten siedelten anfangs nur spärlich aus Franken, aus Augsburg, aus Norddeutschland an die Isar über — war das Bürgermädchen, wenn es nach Erledigung der Volksschule noch eine Bildungsschule besuchte, in einem Kloster herangebildet worden, wo es sehr viel Religion, Fertigung zierlicher Landarbeit, französisch plappern, singen, vielleicht auch Spinett spielen, aber außerdem gewiß gar nichts lernte. Von Literatur, von Geschichte, von dem klassischen Altertum, von bildender Kunst, vom Schauspiel war keine Rede; ja, das Theater ward noch etwa 1840 vielfach als eine Veranstaltung des bösen Feindes angesehen. Ein Gespräch führen mit „Fremden" — unmöglich! Es gab gar keine Fremden; der Lerr Vetter und d'Frau Bas, der Lerr God (Gevatter) und die Frau Gödin, — sonst kam niemand zu Besuch. Feste gab es nur bei Lochzeiten, Kindstaufen, Begräbnissen; der Geburtstag ward nicht gefeiert, der Namenstag durch ein „Präsent" geehrt, die Weihnachtsfeier war unbekannt. Den Christbaum haben erst in den dreißiger Jahren protestantische Familien aus Norddeutschland an die Isar verpflanzt. Statt dessen kam am 6. Dezember der Niklo mit Nute und Sack und die Berchtfrau mit Äpfeln und Nüssen. Im Karneval gingen Ehepaare minder strenger Weltanschauung vielleicht einmal aufdie „maskierteRedoute"; im Sommer „wallfahrtete" man am ganz frühen Morgen „in d'Eich" oder nach Blutenburg. Man reiste nie, höchstens, wieder im Wege der Wallfahrt, nach Altötting, aber gewiß nicht nach Berlin! Wovon hätte die Frau Assessor oder die Frau Priechlerin mit fremden Menschen einen Abend lang sprechen sollen? Gegenüber der Frau Bas freilich ging der Rede Fülle nicht zu Ende: über die „Ehehalten" (Dienstboten), die teueren Preise der Knackwürste, das letzte Mirakel in Deggendorf, die Krankheiten der Kinder, im Flüsterton auch über das viele Trinken des „Lerrn". And wie die Mutter, so die Töchter! Die ganze Einrichtung der Wohnung, wie die Tagesordnung schlossen jede Geselligkeit aus. Schon früh — was übrigens gar löblich! — stand man auf; in der Kirche und in der Küche verbrachten Mutter und Tochter den Morgen bis Mittag. Am zwölf Ahr ward ausgiebig gespeist, um sechs Ahr oder sieben Ahr Abendessen; dann ging der „Lerr" so regelmäßig, wie die Sonne zu Golde geht, in das oft durch Erbgang vom Vater überkommene Wirtshaus — und Mutter und Tochter nach Abstrickung der vorschriftsmäßigen Maschen ins Bett, sehr früh, um acht oder neun Ahr. 3m Sommer freilich ging die ganze Familie einschließlich des Schnauzl und der kleinsten Kinder auf den Keller um fünf oder sechs Ahr. An dieser streng geregelten Tagesordnung zu rütteln um des Besuches eines Fremden willen: das war ganz undenkbar! Aber wie an Zeit, so fehlte es in dem Lause zur Geselligkeit an Raum. Zwar gab's den „Saal" oder die „Ehrenstube" — aber das war ein schrecklicher Raum! Muffige Luft verriet, daß die Fenster nie geöffnet wurden; die an den Wänden in Reih und Glied aufgestellten Stühle mit rot und weiß gewürfeltem Kattun oder bunt geblümten „Pers"-Schonern überzogen, „die Kommod" zwischen den zwei Fenstern gegenüber dem Eingang mit dem Christus und der „schmerzhaften Mutter" aus Wachs, grell bemalt, unter einem zersprungenen Glassturz, links und rechts, in schnörkeligen Vasen aus dem XVII. Jahrhundert, von den Töchtern im Kloster zu Nymphenburg gefertigte, höchst unwahrscheinliche Blumensträuße, daneben eine Perlmuttermuschel, zwei Äpfel aus Wachs, über dem ganzen Aufbau von der Decke herab an einem Goldfaden schwebend ein „heiliger Geist", d. h. eine Taube aus Wachs mit Flügeln von Rauschgold — dem Ganzen entströmend ein dumpfer Geruch von Wachs und Staub und Papierblumen und ein Lauch steifer, gähnender Langweile! Wie hätten Menschen in diesem Gelaß plaudern, lachen, zwanglos vergnügt sein sollen? Jeder Wirt und Besucher war froh, hatte man diese feierliche „Tödten" (Tot-Heit) wieder im Rücken.
So ist denn für jene Zeiten nur wenig übertrieben die gute Geschichte der „Fliegenden Blätter", wonach ein Alt-Münchner monatelang die Gastfteundschaft einer befreundeten Familie in Berlin, mittags und abends deren Tisch teilend, genossen und beim Scheiden den Berliner zum Besuch in München eingeladen hat. An einem Sommerabend lehnt der Biedere in einem Fenster seines Lauses im ersten Stock; da erscheint der Berliner, höflich hinauf grüßend, vor seiner Türe: „Jesses, Maria und a bisserl an Josef", ruft der Verwandte des Lerrn Nudelmeyer, „ja, wo führt denn der Teifi Jhna her? No, jeh woll mer a mal g'mütli sei! Alle Abend um achte treffen's mi am Franziskanerkeller."