Das Münchner Bürgertum
In den bürgerlichen Kreisen ließ sich Leben und Geselligkeit anders an als in den hier mit Bevorzugung geschilderten gelehrten und künstlerischen Zirkeln. Paul Heyse schreibt darüber in seinen „Jugenderinnerungen und Bekenntnissen":
In München fand ich gerade das, was mir bisher gefehlt hatte: eine sehr unliterarische Gesellschaft, die sich um mein Tun und Treiben wenig oder gar nicht bekümmerte, am wenigsten mich durch Urteile verwirren konnte. Man sprach damals selbst in den gebildeten Münchner Kreisen niemals von Literatur, höchstens vom Theater. Dafür empfing mich eine unfreundlich, wo nicht feindselig gesinnte Schar einheimischer Kollegen, deren Verhalten gegen den Fremdling seinen Charakter stählte und ihn dazu trieb, stets sein Bestes zu geben.
Wichtiger noch war, dass der Großstädter, der bisher nur in den Häusern guter Freunde heimisch gewesen war, sich hier zum ersten Male auf einen breiten, derben Volksboden gestellt fand, auf dem sich ein eigenwüchsiger, nicht immer löblicher, aber kraftvoller und vielfach poetischer Menschenschlag bewegte, nicht von fern mit dem zu vergleichen, den man in Berlin „Pöbel" nannte. Eine Berührung mit dem altbayerischen Stamm, der seine eigenen Volkslieder und volkstümlichen Poeten besaß, konnte dem Norddeutschen nur heilsam sein und seine dichterischen Nerven erfrischen.
München war im Jahre 1854 eine Stadt von wenig über 150.000 Einwohnern. Jetzt fand ich die schöne Kunststadt an der Isar in vollem Glanz. Das Siegestor und die noch unvollendeten Propyläen begrenzten damals im Norden und Westen, das Hoftheater im Osten die Stadt, die erst durch König Max bis an den schönen, starken Strom fortgeführt wurde, während nach Süden hin die Straßen sich ohne Abschluss bald ins freie Feld verliefen und die Vorstädte Au, Giesing, Haidhausen und Schwabing sich's noch nicht träumen ließen, dass sie dermaleinst in den Ring der Stadt einbezogen werden sollten. Es lag damals auch noch eine Menge großer Gärten zwischen den Häusermassen verstreut. Den Berliner aber, der diese lachende Stadt betrat, heimelte sie im Vergleich zu den endlosen Straßenzügen seiner Vaterstadt fast mit ländlichem Reize an.
Nicht minder fand sich der Norddeutsche durch die ungebundenen Sitten angezogen, wenn er auch manches Liebgewohnte vermisste. So gab es zum Beispiel keine eigentliche Geselligkeit, kein uneingeladenes Eintreten bei Freunden, sehr selten eine Hausfreundschaft, wie ich sie von meinem Elternhause her gewohnt war. Die Männer gingen allabendlich in ihr gewohntes Bierhaus; die Frauen saßen in sehr zwangloser Toilette zu Hause und empfingen höchstens eine Freundin. Wenn ein Gast von fern zugereist kam, bestellte ihn sein Münchner Gastfreund auf den Abend ins Wirtshaus. Ich erinnere mich sogar, dass Kobell uns einmal ausnahmsweise zum Abend einlud, ein Drama mit anzuhören. Als wir alle versammelt waren, trat der Hausherr herein, begrüßte uns freundlich und sagte: „Nun, unterhalten Sie sich gut! Ich muss in meine Gesellschaft." Er war in sein „Alt-England" gegangen.
Desto liebenswürdiger erschien uns hier im Süden der freiere Verkehr der verschiedenen Gesellschaftsklassen untereinander an öffentlichen Orten. Die demokratisierende Macht des Bieres hatte eine Annäherung bewirkt. Der geringste Arbeiter war sich bewusst, dass der hochgeborene Fürst keinen besseren Trunk sich verschaffen könnte als er. Und wenn im Frühling noch der Bock dazu kam, konnte man in manchem Wirtsgarten eine so gemischte Gesellschaft zwanglos beisammen finden, wie sie in Berlin nirgends anzutreffen war.
Sei mir gegrüßt, du Held im Schaumgelock, Streitbarer Männer Sieger, edler Bock! Hier finden sich auf brüderlichen Bänken Hoch und Gering in traulichem Gemische: Den Knechten nah, die seine Pferde lenken, Der Staatenlenker vom Ministertische; Pedell, Professor, Famulus, Student — Du spülst hinweg die Schranke, die sie trennt.
Das gewann mich sofort für meine neuen Landsleute. Freilich hatte das alte München auch noch keine breite Arbeiterbevölkerung. Noch herrschte unter einem strengen Zunftzwang die Handwerksarbeit im Kleinen vor. Dafür gab es auch durchaus keine Massenarmut, die in großen Städten dem Menschenfreunde das Herz beklemmt. Bettler waren genug vorhanden, aber sie waren sämtlich mit ihrem Lose zufrieden. Der gewerbetreibende Bürgerstand vollends genoss eines so reichlichen Lebenszuschnitts, wie er im Norden unerhört war. Zweimal, auch wohl dreimal am Tage Fleisch essen, erschien hier als etwas, das der gute Bürger als sein Recht in Anspruch nehmen konnte.
Die großen Schöpfungen König Ludwigs hatten Künstler jeder Art nach München gezogen. Dass dies Vorwiegen der Künstlerschaft dazu beitrug, die Unbefangenheit im Verkehr der Geschlechter überhaupt zu steigern, liegt auf der Hand. Und so ging ein Hauch von fröhlicher, warmer Sinnlichkeit durch alle Schichten der Gesellschaft, ein wenig phäakenhaft, doch nicht in unfruchtbares „süßes Nichtstun" ausartend. Damals freilich ging noch ein ganz anderer Geist durch die Münchner Künstlerschaft. Die Frühlingsfeste an den reizenden Isarufern bei Pullach, Grünwald und Schwaneck erschienen dem norddeutschen Gast wie ein lebendig gewordenes Bild aus einem Märchen.
Zur Ergänzung möge ein Abschnitt aus den „Erinnerungen" Felix Dahns dienen:
Der wärmere Himmelsstrich und das Bier statt des Tees bringen es mit sich, dass man in Süddeutschland die Geselligkeit so gern in das Freie verlegt. Künstler, Studenten, andere Gesellschaften feiern ihre Waldfeste. Dann aber war und ist es noch heute in München üblich, die Abende im Freien in den Wirtsgärten zu verbringen. Dahin „verloben" (verabreden) sich befreundete Familien und verbinden Natur, Bier und Freundschaft zu gefälligem Dreiklang. Und es stört den Herrn Hofrat nicht im Mindesten, dass am Tische daneben sein Schuster derselben Harmonien erfreut. Am lebhaftesten trat dieser schöne Zug der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hervor während der Bockzeit im „Achazgarten", wo man den Baron von Liebig, den General von Spruner, Kaulbach, Schwind, Geibel und den Herrn Geheimrat von Sybel allzeit antreffen konnte.
Das ist ein schöner Zug freier Menschlichkeit. Ein solches Nebeneinander wäre in der Königsberger „Zentralhalle" undenkbar. Unser süddeutsches Volk hat viel mehr Selbstgefühl, so auch ungleich mehr Liebenswürdigkeit im Verkehr mit den Gebildeten. Verglichen mit dem Gift des Branntweins, ist das Bier ein Segen.
Lobte ich nun die Vorzüge, so muss ich freilich auch die argen Mängel der alt-münchnerischen Geselligkeit hervorheben. Diese Geselligkeit war eine Ungeselligkeit. Wie war das denn bestellt anno 1840? Von Literatur, von Geschichte, von bildender Kunst war keine Rede. Ein Gespräch führen mit „Fremden" — unmöglich! Es gab gar keine Fremden; der Herr Vetter und die Frau Base, der Herr Göd (Gevatter) und die Frau Gödin — sonst kam niemand zu Besuch. Den Christbaum haben erst in den dreißiger Jahren protestantische Familien aus Norddeutschland an die Isar verpflanzt.
Wovon hätte die Frau Assessor mit fremden Menschen einen Abend lang sprechen sollen? Gegenüber der Frau Base freilich ging der Rede Fülle nicht zu Ende: über die „Ehehalten" (Dienstboten), die teuren Preise der Knackwürste, das letzte Mirakel in Deggendorf und im Flüsterton auch über das viele Trinken des „Herrn". Und wie die Mutter, so die Töchter! Am zwölf Uhr ward ausgiebig gespeist, um sechs Uhr oder sieben Uhr Abendessen; dann ging der „Herr" so regelmäßig, wie die Sonne zu Grunde geht, in das Wirtshaus — und Mutter und Tochter nach Abstrickung der vorschriftsmäßigen Maschen ins Bett, sehr früh, um acht oder neun Uhr. Im Sommer freilich ging die ganze Familie auf den Keller. Aber wie an Zeit, so fehlte es im Hause zur Geselligkeit an Raum. Zwar gab's den „Saal" — aber das war ein schrecklicher Raum! Jeder Wirt und Besucher war froh, hatte man diese feierliche „Tödten" (Totheit) wieder im Rücken.
So ist denn für jene Zeiten nur wenig übertrieben die gute Geschichte der „Fliegenden Blätter", wonach ein Alt-Münchner monatelang die Gastfreundschaft einer befreundeten Familie in Berlin genossen und beim Scheiden den Berliner zum Besuch in München eingeladen hat. An einem Sommerabend lehnt der Biedere in einem Fenster seines Hauses; da erscheint der Berliner vor seiner Türe: „Jesses, Maria und a bisserl an Josef", ruft der Münchner, „ja, wo führt denn der Teifi Ihna her? No, jetzt woll' mer amal g'mütli sei! Alle Abend um achte treffen's mi am Franziskanerkeller."