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Sagen & Geschichten

Die Münchner Presse

Eine nicht allzu stark vordringende Note des Münchner Schrifttums der Maxi-milianszeit bildete die Presse. Julius Grosse hat in seinen „Arsachen und Wirkungen" der Münchner Presse, die bis in die sechziger Jahre hinein rein lokalen Charakter trug und besonders hinter Augsburgs Presse in beträchtlichem Abstand marschierte, folgende Charakteristik gewidmet:

Während in allen anderen Großstädten Deutschlands, in Wien und Berlin voran, sich seit dem Jahre 1848 die Presse mit wahrhaft vulkanischer Energie zu einer Großmacht entwickelt hatte und von Tag zu Tag unaufhaltsam wuchs, war München inzwischen auf diesem Gebiet der Kultur ganz erheblich zurückgeblieben. Nicht als ob es in der Lauptstadt des drittgrößten Staates Deutschlands an Zeitungen fehlte. Es waren über ein Dutzend kleiner Blätter vorhanden, aber keines galt als das tonangebende, herrschende, wenn man nicht sagen will, daß diese führende Rolle der „Allgemeinen Zeitung" in Augsburg zufiel. So war es aber in der Tat. Dieses vornehme, im vorigen Jahrhundert unter den Auspizien Schillers gegründete Weltblatt war damals noch — ich rede vom Anfang der fünfziger Jahre — allen anderen deutschen Zeitungen in Süd und Nord an Reichhaltigkeit, Gediegenheit und Ansehen weit voraus. 3m Ausland repräsentierte die „Allgemeine Zeitung" Deutschland als Kulturmacht; in politischer Beziehung großdeutsch liberal, eigentlich mehr farblos universal — wie die weiße Farbe alle anderen einschließt —, stand sie in der wissenschaftlichen Beilage geradezu unerreicht da. Die geistreichsten Korrespondenten in allen Hauptstädten Europas, die schneidigsten Wortführer ganz Deutschlands auf allen Gebieten der Wissenschaft und Kunst bildeten ihre Phalanx, und wenn speziell von München aus ein Liebig oder Lasaulx, ein Fallnierayer oder Steub seine Stimme erhob, so war das immer ein Ereignis und ein Fest. Überhaupt gehörte die „Allgemeine Zeitung" in München zum täglichen Brot jedes Gebildeten und ist es noch lange Jahre geblieben ...

Neben dieser stolzen und allbeherrschenden „Allgemeinen Zeitung" kam die Münchener Lokalpresse eigentlich kaum in Betracht. Ihr Einfluß wie ihre Geltung teilte sich nach den beiden mächtigsten Parteien: der ultramontanen und der liberalen. Diese ultramontane Leeresmacht war uns als Norddeutschen und Protestanten damals ein fremdartiges, schier lustiges Spektakulum, wobei niemand selbst die tollsten Sprünge ernst nahm, obgleich sie der Fremde damit entschieden unterschätzte. Dieselben Leute, die den „Volksboten" wegen seiner Frechheit und seines Fanatismus verlachten und zu verachten schienen, hatten doch ihre heimliche Freude daran. Man liebt den Verrat, aber man haßt den Verräter, und doch wäre Laß ein viel zu scharfes Wort für den Lerrn Zander, der, ursprünglich ein Mecklenburger Jude, sich hier zum Wortführer der Altramontanen aufgeschwungen hatte. Man gönnte ihm die Ehre, gefürchtet zu sein, um so williger, weil seine Grobheit dem bayerischen Geschmack als volkstümlich erschien, obgleich dieser norddeutsche Pfeffer doch lediglich ein Kunstprodukt war, das später von Sigls naturwüchsig bayerischem Bierbankton sofort überholt worden ist. Zanders „Volksboten" zur Seite stand als Adjutant der „Bayerische Courier", redigiert von Peter Rothlauf, und weiter als Reserve die „Augsburger Postzeitung", beide Blätter weit anständiger als der Volksbote, aber eben deshalb weit weniger gefürchtet. Dieses Trifolium hat trotz des sehr mäßigen Ansehens ihrer Blätter dennoch lange Dezennien in Bayern geherrscht, hat Ministerien gestürzt und erhoben und ist heute (1896) auch in den Nachfolgern noch ein Faktor geblieben, mit dem selbst der Deutsche Reichstag erheblich zu rechnen hat.

Jener schwarzen Trinität gegenüber stand eine Dreiheit liberaler Richtung: die „AugsburgerAbendzeitung",der„FreieLandesbote" und die„Neuesten Nachrichten". Diese letztere Zeitung, heute (1896) und seit Jahren eine siegreiche Großmacht, war damals nur ein kleines, winziges Annoncenblättchen, das von Knorr und Schurich im Jahre 1848 gegründet worden war, ein mageres Sammelsurium von Depeschen und Lokalnotizen, im redaktionellen Teil ein Lerold des hauptstädtischen Liberalismus, in Streitfragen von hitziger Wichtigtuerei, im ganzen eine Art Straßenecke, die weithin durch Plakate und Reklame wirkte, aber als Zeitung sich kaum über kleinstädtischen Dilettantismus erhob.

Zwischen diesen beiden Polen tummelte sich noch eine Anzahl kleiner, kaum nennenswerter Lokalblätter, während als Münchener Spezialität schon damals allerhand Witzblätter florierten und vegetierten wie die „Stadtfraubas" u. a., allen voran die weltberühmten, unübertroffenen „Fliegenden Blätter", daneben als Münchener Kladderadatsch Schleichs „Punsch ", ein gern gelesenes, meist höchst grimmig sich gebärdendes Blättchen von blauweißem Größenwahn. Martin Schleich, der sich später als sehr glücklicherund fruchtbarer Lustspieldichter entwickelte, lebte damals noch ausschließlich vonver-biffenstem Preußenhaß. And wenn die Purzelbäume dieses liberalen Clowns auch meist über die Schlagbäume der Reaktion voltigierten, so zog er oft genug an demselben Strang wie der ultramontane „Volksbote" und zwar sehr zur Erbauung aller echten Bajuwaren.

Reben dieser in aller Kürze skizzierten Phalanx der Lokalpresse existierte nun noch eine farblose, halb oder drittel offizielle Zeitung, äußerlich von vornehmem Gepräge. Ihre beiden Redakteure mußten persona gratader Regierung sein, die sich bei besonderen Anlässen dieses Organs bediente; im übrigen war die Zeitung ohne direkte Korrespondenzen, mit Lilfe von Ausschnitten möglichst billig hergestellt und deshalb ebenso langweilig, und leer, wie die meisten offiziellen Zeitungen, trotzdem aber wegen ihrer amtlichen Inserate von verhältnismäßig weitester Verbreitung über das ganze Königreich. Diese Zeitung also war ausersehen, nun das Hauptquartier der neuen literarischen Aera zu werden. Leinrich Wilhelm Riehl, bisher nur Mitarbeiter der „Allgemeinen Zeitung" in Augsburg, ward zunr Professor seiner neugeschaffenen Wissenschaft, der Kulturgeschichte, ernannt und sollte als solcher die politische Redaktion des Lofblattes leiten, obgleich er kein Bayer war. Lier war von Anfang an ein gewisser innerer Widerspruch vorhanden, der sich sehr bald geltend machen sollte. In Bayern lag die historische Schichtung der Parteien ganz wesentlich anders, als sonst in Deutschland. Wirkten im Bürgertum wie im Volke immer noch die großen Erinnerungen an den deutschen Krieg vor zweihundert Jahren fort, dann an die doppelte französische Zeit unter Max Emanuel, wie später zur Zeit Napoleons, so war von ultramontaner Seite, speziell noch durch die Jesuiten, seit mehr als zwei Jahrhunderten ein intensiver Laß gegen den Protestantismus großgezogen worden, der sich auch jetzt noch in versteckter Furcht vor Preußen wie als blinde Liebe zu Österreich zeigte, von wo man alles Lei! der Zukunft erwartete.

Des Königs Vorliebe für norddeutsche Art und Weise fand deshalb von Anfang an bei seinem eigenen Volke zwar Entstellung und Widerwillen, gleichwohl ließ die loyale Königstreue seiner Bayern ihn gewähren, um so mehr, als man wußte, daß in politischer Beziehung der König gleichfalls von Mißtrauen gegen Preußen erfüllt war. Zu diesen Widersprüchen, wie zu anderem halb Anerklärlichen zählte die Antipathie der Münchner gegen alle Nichtbayern, obschon doch die Argesundheit des Volkes in sozialer Gleichheit aller Stände ohne Vorwiegen des Adels oder sonstigen Kastengeistes, gleichsam in republikanischem Leben und Lebenlassen, jede Daseinsart gelten ließ und läßt. Nicht zu vergessen ist, daß damals, im Jahre 1855, die politische Reaktion noch auf unbestrittener Löhe stand.

Das erwähnte offizielle Organ, zu dessen Leitung H. W. Riehl am 1. Januar 1854 bestellt wurde, war die Neue Münchner Zeitung. Am Jahre 1859 trat zu den hier erwähnten Zeitungen als großliberales Organ die „Süddeutsche Zeitung" unter Leitung des hervorragenden Journalisten Karl Brater.

Martin Schleich (1827—1881), der Herausgeber des „Punsch", ist der Verfasser des Faschingsschwankes „Die letzte Hexe von München" und des Stückes „Bürger und Junker". Er übersetzte auch Baldes lateinische Oden und ist überhaupt aus dem Münchner Kulturbild von 1860—1880 nicht wegzudenken. Johann Sigl (1839—1902), RcichStagsabgeordneter, der gefürchtete Preußen- und Judenfresser, gab seit dem Jahre 1868 das von ihm gegründete „Bayerische Vaterland" heraus.

Jakob Fallmerayer (1790—1861), der hier als einer der Hauptmitarbeiter der Allgemeinen Zeitung genannt wird, wurde 1848 auf GörreS' Lehrkanzel als Professor der Geschichte berufen. Sein Buch „Fragmente aus dem Orient" fand Beifall wie nicht leicht eine zweite gelehrte Publikation der Zeit. München taufte er wegen seiner Kirchlichkeit „Derwischabad". 1849 wurde er, der dem Frankfurter Parlament angehört hatte, seiner Professur enthoben.

Ludwig Steub (1812—1888), der in diesem Buche wiederholt selbst das Wort ergriff, lebte als Notar in München. Er ist der Klassiker der Reisebcschreibung, im besonderen der alpinen, hat sich aber auch als Romanschriftsteller und als Dramatiker versucht.

Die „Allgemeine Zeitung" wurde 1882 nach München übergeführt, wo sie bald nach dem Weltkrieg einging. Die „Fliegenden Blätter" wurden 1844 von Braun und Schneider begründet. Sie überdauerten die wesenöverwandten Münchner Blätter „Punsch" und „Leuchtkugeln" und fanden erst in Georg Hirthö „Jugend" und Albert Langens „Simplizissimus" Mitstrebende. Heute sind sie mit den „Meggen-dorfcr Blättern" vereinigt. Als neue große Tageszeitung trat, von Hermaun Haaö gegründet, 1892 die „Münchner Zeitung" in Erscheinung.