Im goldenen Hahn
Julius Grosse erzählt von einer Dichterrunde; sie bestand meist aus Einheimischen und zum Teil aus Amateuren, aber manchem Wackern darunter:
Gegenüber dem Polizeigebäude in der Wein-straße lag ein nun längst verschwundenes Gasthaus „Zum goldenen Lahn". Dort im entlegenen großen Linterzimmer des Loses tagte oder nächtigte eine ehrsame Zunft. Vorsitzender war ein hochgewachsener Lerr von militärischer Laltung, der frühere Oberleutnant Medikus, jetzt Großindustrieller als Papierfabrikant in der Au, neben ihm allerlei Originale: der kleine Pangkofer, eine
Art zweiter gestiefelter Kater von unergründlicher
Mystik, der Blumenfabrikant Billing, eine Art bürgerlicher Tiberius Gracchus, der hochgelehrte Professor Goßmann, Vater der berühmten Schauspielerin, der brandrote RabbinatskandidatZirndorffer, der schockweise Sonette produzierte,Lermann Schmid, damals nur berühmt als Dramatiker, August Becker, dessen großes Epos bereits vollendet war und erwartet wurde — er selbst war im ersten Jahre abwesend —, endlich eine stattliche militärische Phalanx von schöngeistigen Offizieren: Leinrich Reder, Karl Rottmann, von Mussinan, von Lutten, Woldemar Neumann, G. Betzel u. a.
Es war damals eine merkwürdige Übergangszeit aus dem deluge zu neuem Weltmorgen, aus Zusammenbruch und Negation zur Aufraffung und Erstarkung. Die alte Romantik war tot; die Märzpoesie mitsamt den Achtundvierzigern war untergepflügt; die Neuronmntik erhob ihr Laupt in Redwitz, Roquette und Bodenstedt. Im Norden schlossen sich ihnen an Putlitz und Rodenberg, am Rhein Kinkel im „Otto der Schütz", Scheffel im „Trompeter von Säckingen", Wolfgang Müller und andere.
Auch hier in München sprudelte derselbe Quell, wenn auch aus breiterer, historischer Grundlage, um in der Freude an altdeutscher Tüchtigkeit das wunde Gemüt des deutschen Volkes wieder aufzurichten. Diese Vertiefung in sich selbst nahm mannigfache Formen an; mit Vorliebe griff man zur epischen als dem eigentlichen Ausdruck der Ruhe. Das deutsche Epos hing gleichsam in der Lust, wie etwas Anerreichbares, wie eine Konkurrenzaufgabe, die allen gestellt war. Lermann Schmid suchte sie im „Winlandsfahrer" zu gestalten, eine deutsche Odyssee im fünfzehnten Jahrhundert, ein prächtiges Rundgemälde in wechselnden Formen. August Becker gab in seinem „Iungfriedel" ein Zeitbild des sechzehntenIahrhunderts von viel echterem Ton und blendenderer Farbe als jemals nachher die Baumbach und Wolff. Es war Münchner Lyrik und Lichtmalerei im Schwindschen Stil, leider nur zu ernst genommen in der Nixenromantik, die ja doch nur dekorative Illusion und Syrnbolik war. Leinrich Reder arbeitete damals schon an seinem „Wilden Jäger", Neumann schuf ein Lied vom Spielmann Volker; der alte Grätsch verstieg sich noch weiter rückwärts zu den Agilolfingern, während Lingg in der Verborgenheit an der „Völkerwanderung" schmiedete und Wilhelm Jordan den neuen Weltmorgen im „Demiurgos" heraufzubeschwören wähnte.
Neben jenen größeren Pfadsuchern wirkten hier in der Meistersängerzunft eine Schar kleinerer in derselben Richtung. Ich kann sagen, jene Abende im Goldenen Lahn führten mich wie mit einem Zauberstabe zur Literatur zurück. Fand auch der Idealist von Lalle noch keine anerkannten Führer zmn Gipfel, so entschädigte doch süddeutscher Lumor und bajuwarische Lebensfreude. Die meisten jenes Kreises sind mir als Freunde nähergetreten und es lebenslang geblieben. Damals schlossen sich mir zunächst an Pangkofer, der wunderliche Mystiker, der mir oft schon morgens seine phantastisch tiefsinnigen Träume erzählte, dann der verbitterte Karl Rottmann, Sohn des berühmten Landschaftsmalers, damals noch Leutnant, dessen Spezialität die verzwicktesten Ghaselen waren; Neumann, der weiche Tannhäuser, mit dem tiefen Brustton; vor allem Franz Trautmann, der sich in der verfehlten modernen Zeit selber vorkam wie ein ausgegrabener Mönch des vierzehnten Jahrhunderts. Er hatte bereits sein köstliches Volksbuch „Lerzog Christoph der Kämpfer" vollendet und begann seine prächtigen Münchner Stadtgeschichten.
Von den hier genannten Dichtern sind folgende als wesentlich und über ihre Zeit hinaus wirkend hervorzuheben: Hermann Schmid (1815—1880), damals Assessor am Stadtgericht, Autor zahlreicher vaterländischer, besonders in der Bergwelt spielender Romane, Verfasser hübscher Bauernstücke, die später in dem von ihm geleiteten Volkötheater am Gärtnerplatz viel gespielt wurden. August Becker (1828—1891) schrieb außer „Jung-Friedel" als Hauptwerk „Des Rabby Vermächtnis". Heinrich von Reder (1824—1909) starb als Generalmajor und Militär-Max-Josefs-Ordensritter in München. Als Dichter, Maler und Musiker dilettierend, fand er starke, eigene lyrische Töne und war noch in der modernen literarischen Bewegung der neunziger Jahre tätig. Franz Trautmann (1813—1887), der Alt-Münchner Novellist und Stadtgeschichtenerzähler, kommt auch in diesem Buche zu Wort. Außer seinem „Herzog Christoph" sind seine „Alt-Münchner Wahr- und Denkzeichen", sein „Münchner Stadtbüchlein", sein „Plaudcrstüblein", seine „Schwanthaler-Reliquien" besonders bemerkenswert. Trautmann versuchte sich auch als Maler; jedoch mit recht wenig Erfolg. Darüber war er unglücklich, brachte aber dennoch der bildenden Kunst stets wärmstes Interesse entgegen.