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Sagen & Geschichten

Es wird wieder schön in München

Das „satyrische Originalblatt" Münchens, der von dem um Münchens Publizistik hochverdienten M. E.Schleich 1848 gegründete „Punsch", brachte am 1. Oktober 1854 folgenden grotesken Abschied von der Cholera und ihrer Zeit:

Da die Epidemie als solche aufgehört hat und gegenwärtig keine neuen Trauerspiele gegeben werden, so sind einunddreißig Totengräber als überflüssig ihres Dienstes entlassen worden. Niemals hat eine Brotlosigkeit solche allgemeine Freude erregt. Die Kaffeehäuser beleben sich, die Polizeistunden werden wieder übertreten. Man spricht von heiteren Gegenständen: von unserer Literatur, vom fechtenden Karlchen, vom bayerischen Landtag usw. Die Gemeindewahlen sind ergänzt, habemus papam — wir haben wieder einen Bürgermeister, und alles wird wieder ins alte Geleise zurückkehren! Sogar acht bis zehn Fremde sind hier eingetroffen und haben sich, als gegenwärtig die neuesten Merkwürdigkeiten Münchens, gegenseitig betrachtet. Die Aufseher im Glaspalast haben die ungeheuere Ironie ihres Daseins abgestreist, und wenn man an den Treppen der Galerien steht, so sieht man, wie die Besucher fortwährend steigen. Mit einem Wort: Es wird wieder schön in München! Noch ist es Zeit, sich davon zu überzeugen — aber die höchste Zeit! Denn die Industrie-Ausstellung ist kein badischer Kriegszustand, den man alle vier Wochen um einen Monat verlängern kann. Sie schließt am 15. Oktober unwiderruflich und für immer. Wer sich von ihren Fontänen betauen lassen, ihre Orgelklänge noch hören, ihre feenhaften Auslagen noch sehen und den Obelisk von Seife noch riechen will, der eile, sonst donnert ihm entgegen der deutsche Schlachtenruf: Zu spät!