Industrie-Ausstellung und Cholera 1854
Franz von Dingelstedt erzählt in den „Münchner Bilderbogen":
Die erste große Industrie-Ausstellung im neuerbauten Glaspalast war eröffnet worden zum großen Mißbehagen der ultramontanen Presse, die längst ein Konzert von Unkenrufen anstimmte. Gleichsam zur Bestätigung zog mit dem Fremdenstrom gleichzeitig die asiatische Seuche ein, um ihre Geißel zu schwingen.
Die Zustände wurden allmählich schreckenerregend. Ein schwefelgelber Dampf schien über der Stadt zu liegen; auf den Straßen sah man nur die bekannten schwarzen Wagen, alle Fremden stoben in panischer Flucht davon. Schwer wie Blei stockte das Blut auch in den Gliedern der Gesunden, als wäre die Luft vergiftet. Die Zahl der Toten stieg allmählich auf hundert und mehr jeden Tag.
Mit dem alten Pangkofer hatte ich noch vorgestern im Kaffeehause Schach gespielt, als einer in der Zeitung las: „Gestern starb auch der Redakteur Or. Pangkofer." Niemand hatte auch nur erfahren, daß er erkrankt war. Meister Konrad Knoll, der Bildhauer, mit denr ich in letzter Zeit zusammen speiste, kam zu mir. „In unserem Lause sind heute nacht wieder fünf gestorben, in meiner Etage allein drei; wenn ich bleibe, komme ich auch an die Reihe. Geh mit mir nach Starnberg, bis Gauting können wir fahren." So weit war in diesem Jahre bereits die neue Eisenbahn eröffnet.
Für die Erste allgemeine deutsche Industrie-Ausstellung, deren Eröffnung am 15. Juli erfolgte, und der zu Ehren daö „Gesamtgastspiel" stattfand, war im Areal des Botanischen Gartens von der Firma Cramer-Klett in Nürnberg der Glaspalast, der so manche Ausstellung von höchstem Belang beherbergte, innerhalb 78 Tagen in Glas- und Eisenkonstruktion fcrtiggestellt worden. Wie bei seiner Einweihung die Cholera München ins Unglück stürzte, so war auch des Glaspalastü Ende nach siebenundsiebzigjährigem Bestehen von Grauen unwittert. An einer einzigen Nachtstunde, zwischen 3 und 4 Uhr morgens am 6. Juni 1931, brannte der Glaöpalast vollkommen nieder. Mehr als 3000 Kunstwerke wurden dabei vernichtet, darunter auch 110 Werke deutscher romantischer Malerei.
I. A. Pangkofer, von dem der hübsche Aufsatz stammt „Wie die Bavaria entstand" (vgl. S. 304ff.), war namentlich auch als Dialektdichter geschätzt und neben Franz von Kobell zu seiner Zeit der volkstümlichste auf diesem Gebiete.
Die Eisenbahn nach Starnberg war die zweite Linie, die man, nach der Verbindung München- Augsburg, baute; 1857 wurde sie eröffnet. Die Fahrt von München nach Starnberg kostete 21 Kreuze«.