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Sagen & Geschichten

Königliche Proklamation am 6. März

Ich habe Mich entschlossen, die Stände Meines Reiches um Mich zu versammeln; dieselben sind auf den 16. dieses Monats in die Kauptstadt berufen. Die Wünsche Meines Volkes haben in Meinem Kerzen jederzeit voll Widerhall gefunden. An die Stände des Reiches werden ungesäumt Gesetzesvorlagen gelangen, unter anderen: Aber die verfassungsmäßige Verantwortlichkeit der Minister; über vollständige Preßfreiheit; über Verbesserung der Stände-Wahlordnung; über Einführung der Öffentlichkeit und Mündlichkeit in die Rechtspflege mit Schwurgerichten; über die in der IX. Verfassungs-Beilage angedeutete umfassendere Fürsorge für die Staatsdiener und deren Relikten, dann deren Ausdehnung auf die übrigen Angestellten des Staates; über Verbesserung der Verhältnisse der Israeliten. Ferner ordne Ich in diesem Augenblicke die schleunige Abfassung eines Polizei-Gesetzbuches an; ebenso befehle Ich die unverzügliche Beeidigung Meines Leeres auf die Verfassung und lasse Ich von heute an die Zensur über äußere wie innere Angelegenheiten außer Anwendung treten. Bayern, erkennt in diesem Entschlüsse die angestammte Gesinnung der Wittelsbacher! Ein großer Augenblick ist in der Entwicklung der Staaten eingetreten. Ernst ist die Lage Deutschlands. Wie Ich für die deutsche Sache denke und fühle, davon zeugt Mein ganzes Leben. Deutschlands Einheit durch wirksame Maßnahmen zu stärken, dem Mittelpunkte des vereinten Vaterlandes neue Kraft und nationale Bedeutsamkeit mit einer Vertretung der deutschen Nation am Bunde zu sichern und zu dem Ende die schleunige Revision der Bundesverfassung in Gemäßheit der gerechten Erwartungen Deutschlands herbeizuführen, wird Mir ein teurer Gedanke, wird Ziel Meines Strebens bleiben. Bayerns König ist stolz darauf, ein deutscher Mann zu sein. Bayern! Euer Vertrauen wird erwidert, es wird gerechtfertigt werden! Scharet Euch um den Thron! Mit Eurem Kerrscher vereint, vertreten durch Eure verfassungsmäßigen Organe laßt uns erwägen, was Ans, was dem gemeinsamen Vaterlande nottut. Alles für Mein Volk! Alles für Deutschland!

München, den 6. März 1848

Ludwig

Maximilian Kronprinz, Luitpold Prinz von Bayern, Adalbert Prinz von Bayern, Karl Prinz von Bayern
Fürst v. Oettingen-Wallerstein, v. Beisler, v. Keres, v. der Mark, v. Voltz

Wie diese Proklamation wirkte und was weiterhin folgte, erzählt Luise von Kobell: Die Stadt hallte von Jubel. Vor der Residenz, wo vor kurzem noch Kanonen gestanden, dröhnte es am 7. März von Lochrufen; von Läufern und Kirchtürmen wehten blauweiße Flaggen; Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen lustwandelten, die bayerische Kokarde auf dem Lut oder an der Schulter. Gerührt las uns der Vater die königliche Proklamation vor, und zu Mittag tranken wir in der Familie Champagner und toastierten auf des Königs Wohl und auf die Königsfamilie.

Nachmittags wurden sämtliche Truppen und Offiziere auf dem Maximiliansplah (Dultplah) beeidigt; tags darauf begannen die am 4. März beeidigten Studenten in 16 Kompanien ihre Exerzitien unter der Leitung von Landwehr- und Linienoffizieren und Anteroffizieren. And gleich ihnen organisierten sich Professoren-, Künstler- und Beamtenkompanien, die alle zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt beitragen wollten. Das Marsfcld, wo die Exerzitien größtenteils abgehalten wurden, zeigte ein buntes Tun und Treiben. Schaulustige Frauen und Mädchen zogen hinaus und betrachteten stolz ihre Väter, Brüder, Söhne und Freier im neuen Amte, und fröhliche Szenen spielten sich neben dem Ernste ab ...

Aber schon am 16. März begannen wieder Tumulte und Straßenkrawalle. Die von einigen ausgegebene Parole „Gräfin Landsfeld ist schon wieder da; sie ist im Schloß Fllrstenried" machte die Leute wie rasend. Sie zogen hinaus zur Verfolgung der Verhaßten. Da sie sie nicht fanden, entstand das Gerücht, sie sei nach München in das Polizeigebäude geflüchtet. Diese Annahme verleitete die Tumultanten zur Stürmung des Polizeigebäudes. Bierwagen wurden umgestürzt, mit den Deichseln die Fensterstöcke eingestoßen, die Tore gesprengt und in den Amtszimmern die Gräfin gesucht. Ohne Erfolg, denn sicherlich war Lolas Rückkehr eine böswillige Erfindung. Dann zog der fanatische Troß vor jedes Laus, in dem er der Gräfin Zuflucht vermutete, in groben Ausschreitungen gegen Militär und Studenten, die unerschrocken und voll Pflichttreue handelten. Offizielle Maueranschläge, welche bekundeten, Gräfin Landsfeld sei am 14. März von Karlsruhe nach Frankfurt gereist, das bayerische Jndigenat sei der Gräfin genommen, wurden verhöhnt, und johlend setzten die Anführer ihr Landwerk fort, durch Geld von dieser und jener Partei unterstützt, wie behauptet wurde.

Am 18. März und die folgenden Tage war München wie im Belagerungszustand. An 10000 Bewaffnete, Militär und Freikorps, waren teils auf Plätzen und Straßen aufgestellt, teils in den Kasernen konsigniert. Den revolutionären Amtrieben sollte ein Ende gesetzt werden. Deputationen begaben sich zu den: König und zu den einge- troffenen Abgeordneten der Ständekammer. Dunkle Gerüchte kommen wie die Raben herbei, und wer nicht zu den Aufrührern zählte, harrte bange der Lösung der Dinge.