Studentenadresse und Zeughaussturm
Otto Freiherr von Völderndorff erlebte als junger Mann die Münchner Sturmtage des Februar und März 1848 mit und erzählte darüber später in seinen „Harmlosen Plaudereien eines alten Münchners":
Der lebhafteste Tag war nach meiner Erinnerung der 4. März, über den ich in meinem Tagebuch verzeichnet finde: „Studentenadresse, Rede auf dem Rathhaus, Zeughaussturm, Dultplatz." Ich saß noch beim Frühstück, als drei Kommilitonen ins Zimmer stürmten mit der Eröffnung, es solle eine Studentenadresse beraten werden, und ich müsse mitkommen. Nun war mir dies zwar auffallend, weil die drei Auffordernden bisher zu den enragiertesten Anhängern des Korpswesens gehört hatten, ich aber stets einen Anflug von burschenschaftlichen Tendenzen besaß, allein die Zeiten waren derart, daß man eine Gesinnungsänderung wohl annehmen konnte, und so ging ich mit. Während ich indessen, wie bemerkt, vordem auf der studentischen Linken gestanden war, befand ich mich in dieser Versammlung plötzlich auf der äußersten Rechten, denn die vorgeschlagene Adresse war nicht nur radikal au po88ib1e, sondern sie wollte auch der Regierung die Ansichten der Studenten über auswärtige Politik darlegen. Dazu war ich denn doch zu nüchtern, und ich versuchte in verschiedenen Reden begreiflich zu machen, daß in der Politik die Studenten als solche nichts Besonderes bedeuten würden, sondern daß wir uns bei der soeben im Rathause stattfindenden allgemeinen Bürgerversammlung beteiligen müßten. Als dies durchaus nichts half, sondern sogar der Passus angenommen wurde (das Aktenstück wurde in dieser Fassung wirklich überreicht und muß sich also noch heute in den Archiven vorfinden): „Wenn Krieg, dann mit Frankreich gegen Rußland", da verließ mich die Geduld und ich die Versammlung, und ich begab mich auf das Rathaus. Auf dem Wege begegnete ich Lerrn Staatsrat von Lerrmann, welcher mir mitteilte, daß bezüglich der Gesinnungen des in Würzburg weilenden Kronprinzen nachteilige Gerüchte verbreitet würden, und daß es notwendig sei, dem entgegenzutreten, was am besten durch euren Nichtbeamten geschehe. Er selbst half mir derm auch im großen Rathaussaale auf einen Tisch, vor: dem herab ich „aus zuverlässigster Quelle" alle Erzählungen über feindselige Äußerungen des Kronprinzen gegen die Münchner Bürger und so weiter dementierte, was einen sehr guten Eindruck machte, welcher wesentlich dadurch gehoben wurde, daß ich ein rotes Gilet anhatte, dessen Schösse länger waren als mein kurzes graues Studentenröcklein. Auf einmal ertönt der Ruf: „Die Proletarier von der Au wollen das Zeughaus stürmen und sich bewaffnen". Anfänglich Bestürzung, die aber rasch dem Entschlüsse weicht, dieser gefährlichen Eventualität dadurch vorzubeugen, daß man sich der Waffen selbst bemächtige. Junge Bürger, Künstler und Studenten strömen darauf in Massen nach dem Anger und verlangen mit Angestüm die Schlüssel zu den Waffenkammern, allein der wackere Zeugwart Rinspacher, der sie in der Tasche hat, tut nicht dergleichen, sondern schreit selbst mit und entgeht dadurch allem Verdachte. Leider hilft dieses heroische Verhalten nichts, die Türen werden erbrochen, und alles bewaffnet sich mit Morgensternen, alten Luntenflinten, Lellebarden, Armbrüsten und dergleichen antediluvianischem Gerät; etliche setzen auch Äelme und Sturmhauben auf, und mein Freund ..., als vorsichtiger Familienvater, ergreift einen enormen Schild, hinter dem seine kurze Gestalt völlig gesichert marschiert. So gerüstet, bewegt sich der Zug nach dem Karlsplatz und schwenkt dann rechts ein in den alten Pageriehof. Ich nahm an diesem Marsche keinen Anteil, sondern hatte inzwischen mich in der Stadt umgesehen und war innegeworden, daß das Bürgermilitär auf dem Promenadeplatz versammelt sei, und zwar die Gewehre bei sich habe,nichtaberscharfePatronen,daßfernerdieBürgervollständigvon Militär eingeschlossen und auf dem Dultplatze — ungefähr da, wo jetzt das Schiller-Monument steht — Kanonen aufgefahren und die Kürassiere zur Charge bereit waren. Zu unseren Lehrgegenständen in der Pagerie hatte nun auch die Taktik und Strategie gehört, und wenn auch der Unterricht in diesen Fächern (ehedem war so etwas keineswegs ungewöhnlich) nicht von einem Militär, sondern von einem königlichen Oberpostrate erteilt wurde, und ich insbesondere die Stunden der „Tiktak" (wie wir mit einer Konsequenz, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, zwei Jahre lang das Wort aussprachen), größtenteils damit ausfüllte, auf die gestellten Fragen möglichst unpassende Antworten zu ersinnen, so hatte ich doch genügend kriegswissenschaftliches Verständnis erlangt, urn einzusehen, daß die schlecht bewaffneten Fußkämpfer insgesamt verloren seien, wenn sie aus der Lerzog-Max-Burg auf den Dultplah debouchieren würden. Ich war selbst deshalb aufAmwegen zurückgeeilt und erschöpfte mich inVemühungen, dieses begreiflich zu machen. Natürlich vergeblich; der freiheitsbegeisterte Laufe — und es war die Elite der Studenten- und Künstlerjugend dabei vertreten — stürmte blindlings auf den freien Platz hervor, und ich kann heute noch nur mit innerlichem Entsetzen daran denken, welcher namenlose Jammer über Lunderte von Familien gekommen wäre, wenn die mit Kartätschen geladenen Kanonen damals gesprochen hätten. Zum Gliick geschah dies nicht. Vielmehr erschien bekanntlich Seine Königliche Loheit der Prinz Karl von Bayern mit der Botschaft von der allerhöchst bewilligten Einberufung der Kammern, und zwar ritt der heldenmütige Prinz, was uns alle sofort zu einem begeisterten Loch hinriß, ganz allein, furchtlos und mit der größten Ruhe unter die Laufen hinein, freundlich und besänftigend zum Auseinandergehen ermahnend. Nur einen Augenblick sah ich den edlen Lerrn erregt werden, als ihm aus der Menge heraus zugerufen wurde, ob das auch wahr sei, was er sage. „Wer sind Sie, der mich das fragt?" sprach er, auf den Rufenden zureitend, mit erhobener Stimme. „Ich bin der Wagnertoni" war die Antwort. „Nun wohl, ich bin Prinz Karl von Bayern, und was der versichert, wird der Wagnertoni wohl glauben können." Der Wagnertoni, unser nachmaliger Major, der ein durchaus wackerer Bursche war, reichte ihm jetzt treuherzig auf das Pferd hinauf die Land und sagt: „Wohl, wohl, jetzt glaub' ich's." Darauf erneutes allgemeines Loch und jubelnder Rückmarsch in das Zeughaus, wohin so ziemlich alles dort Weggenommene redlich wieder abgeliesert wurde.