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Lola Montez

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 269)

Luise von Kobell erzählt in ihrem Buche „Unter den vier ersten Königen Bayerns": Am 9. Oktober 1846 ging ich die Briennerstraße entlang, da sah ich vor dem Bayersdorfpalais eine schwarzgekleidete Dame, einen Schleier aus dem Kopf, einen Fächer in der Land, des Weges kommen. Plötzlich funkelte mir etwas ins Gesicht. Ich blieb jählings stehen und betrachtete verwundert die Augen, die dieses Gefunkel verbreiteten. Sie leuchteten aus einem blassen Gesichte, das einen lächelnden Ausdruck über mein bewunderndes Anstarren annahm. Dann ging sie oder schwebte vielmehr an mir vorüber. Ich vergaß ganz die mir eingeprägte Anstandslehre, „nie umzusehen", und schaute ihr nach, bis ich nichts mehr von ihr erblicken konnte.

So, dachte ich mir, müßten die Feen in den Märchen gewesen sein. Fast atemlos eilte ich nach Laus und erzählte von der Begegnung. Marie und Emma teilten meinen Enthusiasmus durch ein langgestrecktes Aah!, aber der Vater sagte fast verdrießlich: „Das wird die spanische Tänzerin Lola Montez gewesen sein."

„Sie tritt ja morgen im Theater auf; da kannst du von mir aus in die Loge gehen", bemerkte die Mutter, „ich inache mir nichts aus dem Ballett." Ich dankte lebhaft, denn ich wollte sehen, ob dies wirklich die spanische Tänzernr war oder am Ende doch eine andere, die auch den Vater entzückt hätte.

Ich ging also Samstag, den 10. Oktober, ins Hoftheater; weil ich viel zu frühe in die Loge kam, las ich erwartungsvoll den Zettel: „Der verwunschene Prinz. Schwank in 3 Akten von I. v. Plötz. In den beiden Zwischenakten tanzt Demoiselle Lola Montez aus Madrid spanische Nationaltänze." Dann sah ich voll Ungeduld den Vorhang an, lauschte dem ersten Akte des Lustspieles; nun fiel wieder der Vorhang. Jetzt erhob er sich, da erschien meine Fee von gestern: Lola Montez.

Im Parterre klatschte und zischte man, das letztere „wegen der verschiedenen Gerüchte", erklärte meine Nachbarin, „denn Lola Montez soll eine Missionärin der englischen Freimaurer sein, eine Feindin der Jesuiten, eine Kokette, die schon Liebesabenteuer in allen Weltteilen erlebt hat, nach den Berichten der Zeitungen."

Lola Montez stellte sich in Mitte der Bühne, nicht in Trikots mit dem üblichen kurzen Ballettröcklein, sondern in spanischer Tracht, mit Seide und Spitzen angetan, da und dort schimmerte ein Diamant. Sie blitzte mit ihren wunderbaren blauen Augen und verbeugte sich wie eine Grazie vor dem Könige, der in seiner Loge saß. Dann tanzte sie Nationaltänze, wobei sie sich in den Lüsten wiegte und bald diese, bald jene Laltung einnahm, voll unerreichter Schönheit.

Solange sie tanzte, fesselte sie alle Zuschauer; die Blicke hafteten an ihren geschmeidigen Körperwendungen, an ihrer Mimik, die oft von der glühendsten Leidenschaft in die anmutigste Schalkhaftigkeit überging. Erst als sie aufhörte, sich rhythmisch zu bewegen, war der Bann gebrochen, und „der Spektakel ging wieder los", wie mein Onkel trocken bemerkte. Aber ich ging ganz verzückt nach Lause ...

Der König hatte sie, wie sonstige fremde Künstler und Künstlerinnen, vor ihrem Gastspiele in Audienz empfangen; ihre Schönheit und ihre anregende Unterhaltung entzückten Ludwig I. Aberdies erfteuten ihn ihre Erzählungen über Spanien, wohin er zu reisen gedachte, sowie der in das Gespräch eingesiochtene Sprachunterricht. Mit der Zeit las diese geistreiche Bajadere ihrem königlichen Gönner Calderons Dramen vor und fügte zu der Poesie des Don Quixote die ihres Vortrages.

Anterdessen ging das im Unschuldskleide bekannte Gespenst „Man sagt" von einem zum andern und erregte den König und seine Antertanen. Eine fieberhafte Anruhe bemächtigte sich bald der Bevölkerung. Anter den Studenten war eine Spaltung eingetreten. Einige, der Verbindung „Palatia" angehörend, machten sich zu Satelliten der „Tochter Babels", weshalb sie von den übrigen Studenten aus dem Korps- verbande gestoßen wurden. Sie gründeten eine neue Verbindung „Allemannia". Liberale und Altramontane feindeten sich mit neuer Kraft an.

Joseph Görres, das Laupt der Strengkatholischen, eiferte gegen Lola und ihren Einfluß. Die Presse schürte. Schmähreden und Schmähschriften ereilten die Tänzerin. Sie rächte sich durch ihre Wünsche bei dem König, den sie mehr und mehr für sich einzunehmen verstand. Sie drang aus ihre Erhebung in den Adelstand, welcher ihr die höheren Kreise erschließen sollte. Zur Aufnahme in die Adelsmatrikel mußte man das bayerische Jndigenat erwerben, und so kam die Sache damals in den Staatsrat.

Dieser trat dem Gesuche entgegen, desgleichen das Ministerium, das dem Monarchen in einem Memorandum seine Gründe darlegte, aus welche sich der Wunsch stützte, Lola Montez aus Bayern entfernt zu sehen. Die Wirkung glich der Kugel, die den trifft, der sie abfeuert. Die Schwester eines Ministers las eines Tages im geheimen das Memorandum, teilte es im geheimen ihren Freundinnen mit, diese lasen es gleichfalls im geheimen, dann wanderte das wichtige Schriftstück in das geheime Fach des Schreibtisches zurück, und plötzlich — man wußte nicht wie, noch woher — erschien der Inhalt des Memorandums in der Zeitung. Die Minister erschraken heftig; der König glaubte an Verrat; das Ministerium Abel wurde am 17. Februar 1847 entlassen und durch das Ministerium Maurer-Zu Rhein ersetzt...

Lola Montez ward zur Gräfin Landsfeld erhoben. Angesichts dieser Tatsache stellte der Aniversitätsprofessor Lasaulx den Antrag an den Senat, dem Exministerium eine Adresse in Anerkennung des Memorandums zu überreichen.

Dieser Antrag erzürnte den König und hatte Lasaulx' Quieszenz zur Folge. Eine lebhafte Aufregung bemächtigte sich der Studenten. Sie zogen vor das Laus des Professors und huldigten ihm enthusiastisch, dann zogen sie in die Theresienstraße vor Lolas Wohnung und machten ihrem Zorn in einer Demonstration Luft. Gräfin Landsfeld stellte sich ans Fenster, hob höhnisch ein Glas Champagner in die Löhe und trank es aus. Aber die verächtlichen Blicke und Gebärden der Angesammelten reizten alsbald ihre Wut; sie ergriff eine geladene Pistole und rnachte Miene, sie auf die Studenten abzufeuern. Der hinter ihr stehende Artillerieleutnant Nußbaum hinderte sie noch rechtzeitig daran, wofür sie ihm eine Ohrfeige gab. Der arme Leutnant mußte später den Vorfall mit seiner Entlassung arts dem Leere büßen.

Weitere Einzelheiten über Lola berichtet Josephine Kaulbach ihrem Mann, der damals in Berlin arbeitete, in Briefen vom August und September 1847:

Also du willst von den Altramontanen, von Lola etwas hören! Unsere Freunde sind mit allem unzufrieden, was jetzt geschieht, es mag gut oder schlecht sein. Ich bin so gleichgültig gegen diese Geschichten; mir sind die Sachen so zuwider und so zum Ekel. Die Minister sind noch dieselben, obwohl man immer erzählt, daß Veränderungen vorgenommen werden. Die Feuerprobe müssen die Lerren erst bestehen, wenn der König wieder zurückkehrt und sie auffordert, bei der Signora zu erscheinen.

Ein Herr, namens Berks, ist zum Staatsrat ernannt worden, weil er sich angeboten hat, den Kavalier der Lola zu machen. Sie ist seit acht Tagen hier, nachdem Dr. Walter erklärte, der Zustand der Königin wäre von der Art, daß jede Gemütsbewegung für sie die schlimmsten Folgen haben könnte. Darauf wurde beschlossen, die Signora solle nach Würzburg. Darüber soll sie schon wütend gewesen sein, und nun wurde sie dort von den Studenten und Bürgern sehr schlecht ausgenommen;  sie zog schnell ab, nachdem sie vorher einem Soldaten zwei Ohrfeigen erteilte, der ihr untersagte, im Lofgarten ihren Lund frei laufen zu lassen. So kam sie nach München. Leeb, Metzger empfingen sie in ihrem Laufe in Gala, kniend; den anderen Morgen war große Aufwartung. Zwei Studenten, die von ihren Kameraden aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden (Lolajaner), erschienen in größter Gala, mit Stiefel und Sporen und boten der Lola ihre Dienste an; sie wollten leben und sterben für sie. Man soll die Lola viel unter ihrem Laustor sitzen sehen in Gesellschaft des Lerrn .... und Kompanie, ihren Lund auf dem Schoß, dem sie die Flöhe absuchen!

Vor einigen Tagen haben 170 Studenten (Philosophen) eine Eingabe an den König direkt geschickt, worin sie bitten, ihnen Lasaulx als Professor wiederzugeben. Darauf kam eigenhändig ein Schreiben von oben an den Senat der Aniversität, worin verlangt wird, der Senat solle die 170 Studenten vorladen und ihnen die vom König aufgestellten zwölf Fragen beantworten lassen; unter anderem, warum sie Lasaulx so sehr wünschten, warum sie die Eingabe nicht durch die Aniversität nach Aschaffenburg abschickten usw. Die meisten Studenten waren schon fort; nur zwölf fanden sie noch auf, und die beantworteten diese Fragen mit einer solchen Entschiedenheit, daß der Senat staunte; man ist allgemein begierig, was vom König erfolgt. Vor einigen Tagen sollte ein Duell zwischen einem Günstling der Lola (Nußbaumer) und einem Offizier namens Berchstorff stattfinden. Sie soll diesen Lern: auf der Straße beleidigt haben. Nachdem sie die Stunde und den Ort, wo und wann das Duell stattfinden sollte, erfahren hatte, hat sie nachts einspannen lassen und fuhr in Begleitung des Staatsrats Berks und eines neuen Ministerialrats Mussinan in die Menterschwaige und blieb die Nacht dort. Den anderen Morgen, als die Lerren kamen, war sie so in Verzweiflung, daß sie dem Offizier zu Füßen fiel und für das Leben ihres Liebhabers bat; das Duell fand wirklich nicht statt. Ich sage dir, das gibt noch schöne Geschichten. Die Gesellschaft in ihrem Lause wird immer größer; ihren früheren Gesellschafterinnen ist das Laus verboten; sie steigt nun schon in die höheren Regionen, wo es genug ihresgleichen gibt: da finden sich genug Lerren und Damen. Es kommt noch dahin, wie ich immer sagte: so ein gemeines, sittenloses Betragen von oben kann ein ganzes Volk moralisch zugrunde richten. Man hört hier und da schon die Zeit herbeiwünschen, wo unsere Freunde am Ruder waren.

25. August. Leute am Geburtstag und Namenstag unseres Allergnädigsten wurde die Lola zur Gräfin ernannt. Gräfin Landsfeld heißt sie. Sie fuhr in die Kirche, und der ganze Weg dahin war mit Gendarmen besetzt. Abends war Beleuchtung und Musik in ihrem Garten; es sollen achtzig Personen dagewesen sein ...

14. September. Der göttliche Lilari begegnete mir heute und erzählte, daß die Gräfin Landsfeld ihn nach Leoni rufen ließ, um ihn zu fragen, ob er gesonnen sei, sein Laus zu verkaufen. Als er dies bejahte, lud sie ihn ein, bei ihr zu speisen; er wollte es ablehnen, allein es half nichts. Lilari kann ihre Liebenswürdigkeit, ihr königliches Benehmen nicht 

genug rühmen. Sie ließ Champagner kommen und brachte ein Loch auf den König, die Königin und die Kinder aus, in welches die ganze Sippschaft einstimmte. Dann erzählte sie, mit welchem Jubel der König in der Pfalz ausgenommen wurde, und als Lilari sich auch als einen Pfälzer vorstellte, ließ sie diese auch hochleben, und wieder erscholl ein Loch von den Genossen. Nach dieser Komödie ging der ganze Trupp, an der Spitze die Gräfin, geführt von Lerrn Staatsrat Berks, dann Bildhauer Leeb, Metzger, Choko- lademacherRottenhöfer, Nußbaumer, der Portier Blötz, zwei zweifelhafte Damen aus Würzburg und eine Parapluimacherstochter aus Bayreuth, Lilari und Lofgärtner Linkert nicht zu vergessen, ging also die ganze Gesellschaft in das Laus, von dem sie entzückt waren. Lilari hofft nun einen guten Käufer an der Lola gefunden zu haben. Aber Frau Lilari soll über ihren Mann entrüstet sein und will mit keinem Schritt mehr das Laus betreten. Das erzählte er mir mit einer Gutmütigkeit, daß ich lachen mußte. Minister Zenetti und Zu-Rhein sind um ihre Entlassung eingekommen; man glaubt aber nicht, daß sie von dieser Lola befreit werden, bis die Ständeversammlung vorbei ist. Das gibt schöne Geschichten! Die Königin hat der Lola den Theresienorden zugeschickt; nun denke dir die Schmach für die anderen Damen!

Lola Montez (1820—1861), geboren zu Montrose in Schottland als Tochter eines schottischen Offiziers und einer Kreolin, seit 1837 mit einem Leutnant James verheiratet, folgte diesem nach Ostindien, verließ ihn 1840, übersiedelte nach Paris und führte seitdem ein unstetes Abenteurerleben.

Wie Lola König Ludwig kennen lernte, darüber berichtet ein Akt im Geheimarchiv deö Wiener Polizeiministeriums, fußend auf Informationen von dem Münchner Kommiffar dieses Amtes, HinciS mit Namen, folgendes: „Als die Lola im vorigen Jahr (1846) nach München kam, wollte sie im Theater tanzen, waö ihr jedoch von der Intendanz nicht gestattet werden wollte. Sie verfügte sich hierüber sogleich zu dem König, hatte gleich im Vorzimmer mit dem diensttuenden Kammerdiener eine heftigen Streit, weil er sie nicht vorlassen wollte, bis endlich der König, von dem anmaßenden und kecken Auftreten unterrichtet, befahl, sie vorzulassen, er würde ihr schon selbst den Kopf waschen. Als sie eintrat, war der König sichtlich überrascht und sogleich für sie eingenommen, und hier soll auch die in München vielseitig erzählte Szene vor sich gegangen sein, daß die Lola, als der König einigen Iweifel über die Realität der ersichtlichen Wölbung ihres Busens andeutete, eine Schere von des Königs Schreibtisch nahm und sich damit daö Kleid vor der Brust aufschnitt. Von diesem Moment an soll die Anknüpfung des jetzigen Verhältnisses datieren."

DaS Ministerium Karl von Abels (1788—1863), bestehend aus Graf Seinsheim, Schrenk und von Gumppenberg, war entschieden ultramontan gerichtet. Staatsrat Georg Ludwig von Maurer (1790 bis 1872), Rechtöhistoriker, Universitätsprofessor und an dem griechischen Thronabenteuer der Wittelsbacher hervorragend beteiligt, übernahm zusammen mit Friedrich Freiherrn Iu-Rhein, zuvor Regierungspräsident von Unterfranken, die Kabinettsbildung, wurde aber in seinem freisinnigen Regiment bald abgelöst von dem Ministerium des Fürsten L.K.E. von Oettingen-Wallerstein (1791—1870), der in das konservative Fahrwasser zurücklenkte.

Ernst von Lasaulx (1805-1861), seit 1844 Professor der Philosophie und Ästhetik an der Universität, war rinbedingter Parteigänger der Ultramontanen. Gleich ihm wurden Moy, Höfler und Philipps des Lehrstuhls entsetzt; doch wurde er im März 1849 zurückberufcn. 1848 war er in der deutschen Nationalversammlung; später gehörte er der Angeordnetenkammer an.

Hilari-Bolgiano, K.Konfektmeister, war ein Freund des Hauses Kaulbach. — Der Theresien-Orden gestiftet 1827 von der Königin Therese, wurde nur an Damen des hohen Adels (alö an „Ehrendamen") verliehen und trug als Devise auf der Kehrseite die Worte „Unser Erdenleben sei Glaube an das Ewige".