Stürmische Februartage 9. bis 12. Februar 1848
Über die Ereignisse des 9. Februar berichtet die Augsburger Postzeitung:
Bekanntlich haben schon seit einiger Zeit die übrigen Studierenden aus Arsachen, die hier unberührt bleiben mögen, die „Alemannen" überall und auch in den Lör- sälen mit der entschiedensten Verachtung behandelt, so daß vorgestern der Fürst Wallerstein sich persönlich zur Aniversität begab, um Ruhe innerhalb der Lörsäle zu bewirken. Leute mittag nun, zu einer Zeit, wo eben eine große Anzahl von Studenten aus den Kollegien kam, gab es wieder einen Konflikt mit den Alemannen. Man begann zu pfeifen, Pereat zu rufen und auf ähnliche Weise seinen Lohn gegen dieselben auszudrücken, was einen großen Teil der Straße hinauf bis in die Nähe des Bazars fortdauerte. Lier stellt einer der Verfolgten (Graf Lirschberg) einen der nachfolgenden Studenten, zieht einen Dolch und führt damit mehrere Stöße auf ihn, die jedoch glücklicherweise sehlgehen. Ein Offizier und ein Gendarm fallen dem Stechenden in den Arm und hindern ihn, einen Mord zu begehen. Lierauf stürmen nicht nur die Studenten, sondern was vom Volk eben Zeuge der Tat war, auf den Grafen Lirschberg ein und fordern von einem herbeigekommenen Polizeikommissar und von den Gendarmen, als Lirschberg sich in das Rottmannersche Kaffeehaus flüchtet, Arretierung wegen eines Kriminalfalles auf offener Straße. Der Polizeikommissar und die Gendarmen weigern sich aber, den „Alemannen" zu verhaften. Inzwischen war auch die Gräfin Landsfeld in der Theatinerstraße in Konflikte gekommen, die verschiedenartig erzählt werden. Eine Pistole, welche sie bei sich führte, wurde ihr entweder entrissen oder entfiel ihr, ist aber alsbald aufgehoben worden. Bei dem sofort entstandenen Auflauf wird sie ergriffen und sehr hart gegen ein Eisengitter gedrückt. Die ganze Masse drängt nach, so daß sie in höchster Gefahr ist, erdrückt zu werden, und flehentlich um Schonung und Lilfe bittet. Lerbeigeeilten Gendarmen gelingt es indessen, sie soweit zu befreien, daß sie sich in die nahestehende Theatinerkirche flüchten kann, wohin eine Menge Menschen, anscheinend jedoch nur aus Neugierde — denn die Leiligkeit der Kirche ist nicht verletzt worden — nachströmen. In der Zwischenzeit hatten sich große Massen Menschen vor der Theatinerkirche und bis hinter den Odeonsplatz hinunter angesammelt, und um 1% Ahr betrug die Menge bedeutend über 2000 Köpfe. Am diese Zeit wurden die m der Kirche befindlichen Leute herausgeschafft, und endlich trat auch die Gräfin Landsfeld leichenbleich aus der Kirchentür, was das Signal zu gellendem Pfeifen, Pereat-Rufen und Schreien von allen Seiten her gab. Die immer zahlreicher herbeigeeilten Gendarmen umringten sie jedoch gleich so dicht, daß sie den Augen der Masse ganz entzogen wurde. Langsam bewegte sie sich in dieser Weise etwa sechzig Schritte die Straße hinunter, wo sie mit ihrer Amgebung sehr lange stehen blieb, vielleicht unschlüssig, ob sie sich nach ihrer entfernten Wohnung begeben solle. Unglücklicherweise mischte sich um diese Zeit ein anderer „Alemanne", an der roten Kappe gleich kenntlich, in das dichte Gedränge, worauf nicht nur das Pfeifen und Schreien auf betäubende Weise überhand nahm, sondern er auch von allen Seiten angespien wurde, während er nach jeder Richtung herumfuhr und herausforderte, es solle „ihm nur einer kommen". Die ganze, allmählich sehr bedeutend gewordene Gendarmenschar beschränkte sich indessen darauf, die Gräfin Landsfeld zuvörderst eine Zeitlang noch dicht an den Läufern zu decken, dann aber machte der berittene Teil derselben so viel Platz durch die Menge, daß die Fußmannschaft sie sicher in die gegenüberliegende Residenz bringen konnte. Die Masse, unter der sich jedoch mehr als die Lälfte bloß ruhiger Zuschauer befanden, drängte pfeifend und rufend nach, wurde aber ohne Mühe durch die Gendarmerie und die Residenzwache zurückgehalten, so wie es denn überhaupt zu keinen weiteren Tätlichkeiten kam. Bei Los war eben ein Kammerball, dem Ihre Majestät die Königin nicht, jedoch Seine Majestät der König beiwohnte, der durch diese Ereignisse von demselben abgerufen wurde.
Aber die Vorfälle vor dem Kultusministerium am Morgen des 10. Februar wird der „Augsburger Postzeitung" berichtet:
Lofrat Thiersch hielt vom Balkon (seiner Villa in der Arcisstraße) aus eine treffliche Rede an die Studierenden, die auch großen Eindruck machte. Vor dem Karlstor hatten sie sich wieder vollständig gesanunelt und kamen darauf durch die Neuhauser Straße in corpore, ihr „Gaudeanms" singend, bis an die Akademie, wo das Ministerium des Innern für Kultus- und Anterrichtsangelegenheiten sich befindet. Fürst Wallerstein war glücklicherweise bereits dort, und die Versammelten brachten Sr. Durchlaucht wiederholte Lebehochs; doch fiel auch nicht die mindeste Anordnung vor, kein Pfeifen, kein Schreien. Gerade in diesen: Moment aber rückte vom Dultplatz her eine Abteilung Gendarmerie, teils zu Fuß, teils zu Roß mit einem Offizier und einem Polizeikommissär an. Die Fußmannschaft stellte sich mit geschultertem Gewehr quer über die Straße auf, die Berittenen aber sprangen vorwärts unter die Studenten, welche nach allen Richtungen sich eiligst zerstreuten, und zwar ohne daß irgendein Ruf sich hören ließ. Angefähr zwanzig bis dreißig, darunter auch andere Leute, blieben innerhalb des Tores der Akademie ruhig stehen, offenbar bloß aus Neugierde, um zu sehen, was die Gendarmerie mache. Mit einemmal eilte eine Anzahl der aufgestellten Gendarmen mit gefällten Gewehren auf Befehl des Offiziers auf dieses Tor zu, wozu um so weniger Anlaß war, als zu beiden Seiten der Straße weit größere Massen von neugierigen Menschen aller Klassen standen und auch von denen im Tor nicht der mindeste Anfug geschah. Als die jungen Leute die Gendarmen mit den Bajonetten auf sich zustürzen sahen, zogen sie sich schnell zurück, und einige von ihnen machten eilig die Torflügel zu, augenscheinlich, um sich gegen diesen unprovozierten Anfall zu schützen. Da indessen der innen geleistete Widerstand nur sehr gering war, so gelang es den Gendarmen leicht, das noch nicht völlig geschlossene Tor aufzudrücken, worauf sie sofort mit den Bajonetten dreinstachen, auch ein berittener Gendarm mit der Faust dreinschlug, da seine Säbelklinge sich im Mantel verwickelt hatte. Eine Widersetzung von seiten der Angegriffenen fand durchaus nicht statt; sie hatten auch weder Stöcke noch sonst eine Waffe irgendwelcher Art. Die meisten flohen bald rückwärts durch die Akademie. Verhaftungen, wozu keine Arsache vorhanden, sah man nicht stattfinden. Aber alsbald wurde ein Student, der einen Bajonettstich voll hinten in den Kopf erhalten hatte, stark blutend von einigen seiner Kommilitonen herausgeleitet, und die tapferen. Gendarmen kehrten wieder zu ihrem Offizier zurück. Glücklicherweise ist dieser ganze unverantwortliche Auftritt oben vom Ministerium mrd von den Akademiefensteril genau gesehen worden, so daß man dort aus eigener Wahrnehmung urteilen konnte. Daß der Fürst Wallerstein darüber sehr entrüstet gewesen sein muß, geht schoir daraus hervor, daß er augeilblicklich dem Gendarmerieoffizier den Befehl schickte, mit seiner Mannschaft abzuziehen. Sobald dieselbe von dannen war, verhielt sich alles so ruhig wie zuvor, obwohl sich noch viele Studenten namentlich vor dem Lause eines Baders fandeil, wo der Verwundete verbunden wurde. Die Wunde am Linterkopf blutete zwar stark, soll aber nicht gefährlich sein, wenigstens nicht lebensgefährlich. Ein anderer nebeir ihm stehender Student ist in die Schulter gestochen worden, aber wie es heißt, ohne daß das Bajonett ins Fleisch einge- drungen ist. Daß noch mehr verletzt sind, hört man bis jetzt nicht.
In einer Nachschrift trägt das genannte Blatt folgende sehr ernste Trauerpost nach: Außer jenem Studenten, der am Kopfe verwundet worden, hat noch ein anderer, namens Faber, einen tödlichen Bajonettstich durch den Lals erhalten und ist, wie ich eben erfahre, bereits vor anderthalb Stunden verschieden. Noch mehrere andere sind leicht verwundet. Zugleich ist zu ergänzen, daß der Bajonettanfall der Gendarmerie ohne alle vorausgeschickte Warnung, Drohung oder irgend dergleichen weder von seiten des Gendarmeriehauptmanns Bauer noch des Polizeikommissärs neben ihm geschehen ist, so daß ohne Zweifel hier das Kriminalgericht einzutreten haben wird. Dem Verlauten nach ist auch der Lauptmann Bauer kaum eine Stunde nach dem Vorfall vor Seine Majestät den König beordert worden. Welche Dinge übrigens die „Alemannen" sich erlaubt haben, ist daraus zu entnehmen, daß sie sich sogar erfrecht haben, von den Fenstern herunter auf die Offiziere der Truppen zu speien, die dafür auf dem gesetzmäßigen Wege bei ihren Kommandeurs Satisfaktion verlangt haben. Lierauf hin sollen dann sämtliche „Alemannen" arts München sofort ausgewiesen worden sein.
Am 11. Februar 1848 brachte die „Augsburger Abendzeitung" folgenden Bericht aus München:
Gestern nach eingetretener Nacht gab es Straßenskandale, bei denen sich jedoch weder Studierende, noch Bürger, noch Gebildete überhaupt beteiligten. Am diese Zeit war die arbeitende Klasse auf den Beinen, die sich durch Pfeifen, Schreien und Schimpfen ankündigte, nach der Barerstraße zog, aber von dem dort aufgestellten Militär zurückgedrängt wurde, wobei sogar ein Individuum verwundet wurde. Später zerteilte man sich in den Straßen. Vor der Polizei wurden mittels Bräuwagen Barrikaden gebildet, so daß die Kürassiere nicht passieren konnten, wonach die Fenster des Polizeigebäudes ohne Störung eingeworfen werden konnten. Durch die meisten Straßen pfiff und lärmte es fort bis gegen 10 Ahr, die Kürassiere zerstreuten die dichten Laufen, und später erlosch allmählich der Lärm, so daß die Stille der Nacht nur durch die reitenden und gehenden Patrouillen unterbrochen wurde. Leute früh las man am schwarzen Brett der Aniversität den schon gestern abend an den Magistrat ergangenen allerhöchsten Erlaß folgenden Inhalts: „Jetzt, da die Bürger sich ruhig zurückgezogen haben, ist mein Vorhaben, daß statt mit dem Wintersemester 1848/49 bereits mit dem Sommersemester die Aniversität wieder geöffnet werde, wenn bis dahin Münchens Einwohner sich zu meiner Zufriedenheit benehmen. Ludwig." Die Studierenden fühlten sich hiedurch nicht befriedigt, gelobten sich aber gegenseitig ein ruhiges Verhalten, nachdem die Bürger sich auch ferner ihrer annehmen werden. In der Tat waren die Bürger diesen Vormittag wieder auf dem Rathaus versammelt, da auch sie dieser allerhöchste Bescheid nicht zufriedenstellte; man verlangte allgemein und laut die Entfernung der Gräfin Landsfeld und der „Alemannen". Lauptmann Bauer wurde schon gestern entsetzt, und der an seine Stelle tretende Lauptmann Neumann ist bereits gestern abend aus Augsburg hier eingetroffen. Anterdessen aber erschien der Platzkommandant Generalmajor von Kunst auf dem Rathaus und zeigte den Bürgern an, daß Se. Majestät der König den Befehl gegeben, die Gräfiir Landsfeld habe unsere Lauptstadt nach einer Stunde zu verlassen. Die Freude, der allgemeine Jubel bei dieser Nachricht, die mit Blitzesschnelle durch die ganze Stadt sich verbreitete, läßt sich nicht beschreiben. Jeder dankte im Kerzen dem Monarchen für diesen aus freier Nachgiebigkeit gefaßten Beschluß, wodurch bei der im höchsten Grade herrschenden Aufregung die übelsten Folgen verhütet wurden. Im „Bayerischen Los" hatten sich eine Anzahl Adeliger, die hier anwesenden Reichsräte bei dem Fürsten von Leiningen, zu Beratungen über die bedrohte Ordnung des Staates versammelt. Gegen halb 12 Ahr marschierten die Bürger, der Magistrat an der Spitze, wieder nach der Residenz, wo sie sich in Ordnung aufstellten. Bald darauf erschien Fürst Wallerstein mit dem allerhöchsten Erlaß, welcher ihnen vorgelesen wurde, wodurch die Entfernung der Landsfeld bestätigt wurde und das Kier- bleiben der Studierenden beschlossen wird.
Als der König einen Augenblick am Fenster erschien, ertönte von vielen tausend Stimmen ihm ein dreimaliges Koch entgegen; dasselbe geschah Ihrer Majestät der Königin, als sie im Neglige einen Moment sichtbar wurde. Am %11 Ahr verließ die Gräfin Landsseld ihr Kaus, nachdem sie zuvor sich allerdings mit persönlichem Mute den Drohungen gegenübergestellt hatte, bestieg ihren Wagen, machte einen Versuch, in die Residenz zu gelangen, aber die Tore waren verschlossen. Endlich fuhr sie aus der Stadt, man sah es und verfolgte sie durchaus nicht; nur zwei Kavaliere fuhren ihr eine Strecke nach, um sich zu versichern, daß sie die Stadt auch wirklich verlassen. Sie fuhr nach Starnberg. Obgleich eine Masse Menschen ihr ganz nahe waren, so erfuhr sie doch keine Realinsulte. Sie war in ihrem Wagen nicht allein. Von diesem Augenblick an aber trat die Ordnung sichtbar wieder ein, nur den Gendarmen drohte noch die Volksrache, und vor der Polizei ging es deshalb auch dann noch lebhaft her. Aber man hielt schon um die Mittagstunde die Ordnung sür so gesichert, daß man die Militärmacht aus den Straßen zurückziehen konnte, ohne daß die geringste Störung vorfiel. In den Straßen herrscht wieder der alltägliche Verkehr, und die Gemüter sind froh gestimmt. Wie wir hören, soll ein weiterer königlicher Entschluß den Befehl enthalten, daß die Gräfin Landsfeld das Königreich Bayern innerhalb 24 Stunden zu verlassen habe, und Fürst Wallerstein mit der Vollziehung dieses Befehles beauftragt sein. Wie die Sachen jetzt stehen, wird das gegenwärtige Wintersemester seinen ruhigen Verlauf nehmen, und die Studierenden, welche sich dadurch vollständig satisfaziert sehen, daß die „Alemannen" ihre Laufpässe erhielten, werden sich von nun an der gegenwärtigen Ordnung der Dinge mit der ganzen Einwohnerschaft nur freuen können. Daß gestern abend Seine Majestät der König im Theater erschien und diesen Vormittag unter den dichten Volksmassen ruhig promenierte, ja einen Bürger, welcher als bekaimter Anhänger der Landsfeld tätlich mißhandelt wurde, um ihn zu schützen, am Arme nahm und durch das Gedränge führte, sind erwähnenswerte Momente.