Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 136)
In seinem „Panorama vor: München" plaudert August Lewald über die Münchnerin:
Die so sehr beliebte Riegelhaube, die besonders den jungen Münchnerinnen gar zierlich zu Gesichte steht, ist ein ganz eigentümlicher Kopfputz, der mit keinem an dem in Deutschland einige Ähnlichkeit zeigt. Das Läubchen ist flach und hat einen mäßig gewölbten Deckel, etwa einen Zoll hoch, und nur so groß, um den Zopf, der oben auf dem Scheitel in ein Nest geschlungen wird, zu umfassen und zu bedecken. Das Hintere Ende dieses Deckels ist in der Mitte aufgezogen und durch eine Spange befestigt, so daß an jeder Seite eine kleine Spitze entsteht, die sich horizontal ausstreckt. Während nun das Läubchen auf dem Zopfe sitzt, stehen die beiden Spitzchen nach hinten in freier Luft, und zwar wird die Riegelhaube so getragen, daß man darunter das Laarnest deutlich sieht. Auch dieser provinzielle Kopfputz, der nur in München und seiner nächsten Umgebung angetroffen wird, ist indes der Mode unterworfen und hat im Laufe der Zeiten manche Veränderung erleiden müssen. Die älteste Form, die wir noch bei ganz alten Mütterchen, wiewohl selten antteffen, ist die sogenannte „Zughauben", bedeutend größer und mit einem ziemlich breiten Vorstoße angekrauster Spitzen versehen. Vor zehn Jahren noch würden die zierlichsten Bürgermädchen das Riegelhäubchen nicht anders aufgesetzt haben als tief in den Nacken geschoben, wie es jetzt nur noch ältere Frauen ttagen, während die junge Welt es auf die beschriebene Weise, hoch droben, auf dem Zopfe schwebend, ttägt. Auch erfindet die Mode von Zeit zu Zeit andere Muster in derZeichnung, den Stickereien usw., die von den eleganten Münchnerinnen genau beobachtet werden müssen. Dies nennt man: „Es ist ein neuer Riß aufgekommen". Wie Otto König von Griechenland wurde, brachte der schöne „Ottoriß" eine allgemeine Riegelhäubchenreform hervor, und alles eilte, seine alten Läubchen auszubrennen, um sich eine moderne anzuschaffen. Da der Preis einer solchen vier Louisdors, auch mehr ist, da man sie von Gold hat, mit echten Perlen reich bestickt, und der reine Metallbettag nach dem Brennen nur gering ist, so sieht man leicht ein, daß diese Mode so kostspielig wie eine andere mitzumachen ist.
Jüngere Frauenzimmer aus dem Bürgerstande tragen außer der Riegelhaube nichts mehr, was an die altbürgerliche Tracht erinnerte, und kleiden sich im übrigen ganz genau so, wie es die allgemeine Mode verlangt. Zum Unterschiede von anderen Damen nennt man diese daher schlechtweg „Riegelhäubchen".
„Last du das bildhübsche Riegelhäubchen gesehen?" kann man oftmals auf Bällen hören. Oder „ich habe mit einem allerliebsten Riegelhäubchen getanzt" usw. Der König hat einige der schönsten Riegelhäubchen für seine Privatgalerie vonStieler malen lassen, und diese Porttäts sind auch im Kunstverein und in der Kunstausstellung gesehen worden. Es ist nicht wohl anzunehmen, daß dies Beginnen der Moralität förderlich sei. Die stillen Bürgerstöchter sehen sich auf solche Weise zu einer Celebrität erhoben, die ihnen oftmals sehr verderblich wird. Sie erregen Aufmerksamkeit, wo sie sich blicken lassen, und der Gedanke „Du bist die Schönste, weil es ja der König selbst gesagt hat und Stieler dich malen mußte", verdreht die Köpfchen, facht Loff- nungen und Wünsche an und untergräbt oft das Glück des ganzen Lebens.
Zwei der bekanntesten dieser in die Galerie des Königs aufgenommenen Schönheiten waren die Tochter eines Wildbreihändlers, gewöhnlich nur „die schöne Wildbretstochter" und ein Dienstmädchen bei dem Kaufmann Auracher, „das Auracher- madl" geheißen. Beide waren indes nichts weniger als vollkommen schön und bedurften sehr der Kunst des Malers, die es verstanden hat, ihre Vorzüge im hellsten Lichte darzustellen. Die erstere erschien gewöhnlich an der Seite ihrer Mutter, welcher sie sehr ähnlich sah, und deren plumpe, gealterte Züge daher den jugendlichen der Tochter nicht eben zur Folie dienten. Die Augen waren ohne Ausdruck, der Mund gekniffen, die Rase aber edel, feingebogen und vor allem die Laut, hier das „Fell" genannt, überaus zart, durchsichtig und schön gefärbt.
Das Benehmen, der Gang, die Lattung dieser Schönheit war jedoch auffallend steif und gemessen; die natürliche Grazie, welche sonst den Riegelhäubchen angehört, war ganz verschwunden, wahrscheinlich eine Folge des Lochmuts, sich auf eine zierlichere, ausgezeichnete Weise benehmen zu wollen, die dann in unangenehme Geziertheit ausartete.
Das „Aurachermadl" konnte für ein Bild der Anschuld, Gutmütigkeit und Züchtigkeit gelten. Die Augen lagen etwas tief, waren aber dunkel und ausdrucksvoll, das Näschen war fein, und wenn je Lippen verdient hatten, mit einem Purpurkirschenpaar oder noch besser mit Rosenknospen verglichen zu werden, so waren es diese. Das Mädchen sah im Putze des Sonntags mit dem Silberhäubchen auf dem rabenschwarzen Laar wirklich allerliebst aus. Aber auch diese hob die Augen nicht vom Boden und ging nie ohne sichtbare Bewegung an gaffenden Männern vorüber, als Folge der durch das Malen erlangten Celebrität. Man erzählte, daß der König dieser Schönheit als Aussteuer tausend Gulden versprochen haben solle, sie aber bestimmt verweigerte, als ein ffemder Abenteurer sich um ihre Land bewarb, wahrscheinlich um in den Besitz der Aussteuer zu gelangen. Das Mädchen grämte sich darüber einige Zeit lang und sah kränklich aus. Sie wurde allgemein beklagt; jetzt aber wird sie einem Zöglinge der Akademie der bildenden Künste die Land reichen. So interessierte das Schicksal eines Mädchens, von dem sonst niemand Notiz genommen haben würde, die ganze Stadt bloß deswegen, weil sie schön und als Schönheit gemalt worden war!