Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 134)
August Lewald (1792—1871), der bekannte Publizist und Theatermann, hatte bereits acht Jahre seines bewegten Lebens in München, der Vaterstadt seiner Gattin, verbracht und war eben daran, seinen Stab nicht ganz freiwillig weiterzusehen, als er im Jahre 1835 sein „Panorama von München" erscheinen ließ, eine unterhaltsame, der satirischen Würze nicht ermangelnde Naturgeschichte Münchens. Dem „Panorama" ist nachfolgendes Stück entnommen:
Ein Münchner Bürger, der einigermaßen sein Auskommen hat, arbeitet wenig und lebt nur dem Vergnügen. Er überläßt seinen Gesellen die Arbeit, seiner Frau den Verkauf und die Wirtschaft. Er steht nicht zu früh auf und ißt mit seiner Frau die Morgensuppe, die bald aus Brot, bald aus geröstetem Mehle besteht und durch Pfeffer sehr pikant gemacht wird, um zum Trünke zu reizen. Sobald das Fleisch, das für den Mittag bestimmt ist, den ersten Grad der Eßbarkeit erlangt hat, was bei den Franzosen „succulant“ genannt wird oder „dans son jus“, so wird ein gutes Stück heruntergeschnitten und dem Wackern Meister mit Senf zum Imbiß aufgetragen. Dieses Gericht wird „Schüsselfleisch" benannt und ist sehr beliebt. Nachdem es eingenommen worden, nimmt der Meister Lut und Stock und begibt sich ins Weinhaus, um ein gehöriges Quantum Würzburger oder Äberrheiner Weins zu sich zu nehmen. So nahet sich Essenszeit, zwölf Ahr. Der Meister begibt sich nach Lause. Die Speisen, die alle Tage auf seinen Tisch kommen, können seinen Gaumen nicht mehr reizen. Es ist eine sogenannte eingekochte Suppe, eine Fleischbrühe mit irgendeiner Art von Mehlteig; dann das Voressen: aus dem Kopse, den Füßen oder den Eingeweiden des Kalbes bestehend, in sauerer Tunke und endlich das Rindfleisch, „altes Fleisch" genannt, mit Gemüse. Dieselbe Ordnung und dieselben Gerichte kehren alle Tage wieder. Nur der Fasttag macht eine Ausnahme und der Feiertag. An dem ersten wird die Fastensuppe, Knödel und Nudel aufgetischt, an den: letzter» erscheint ein Kalbsbraten und Salat und an den höchsten Feiertagen, den Kirchweihen usw., wohl noch ein Ragout in Pastetenteig, welches das feierlichste und vornehmste Gericht ist, das wohl jemals auf der Tafel eines Münchner Bürgers erscheint.
Nach Tische wird ein kurzer Schlummer nicht verschmäht und dann im eigenen Einspänner oder zu Fuße und, wenn es das Gewerbe zuläßt, auch in Gesellschaft der Frau eine weitere oder kürzere Promenade gemacht. Das kopiöse Frühstück, das den Appetit von Mittag verdrängt, ist jetzt verdaut, und man fühlt sich geneigt, Schinken, Käse oder Wurst zu verzehren und einige Gläser Bier dabei zu trinken. Das nimmt den ganzen Nachmittag in Anspruch, und die fünfte Stunde, die sonst wohl erst zum Spaziergange einzuladen pflegt, fordert hier zur Leimkehr auf. Die Frau, wenn sie den Mann begleitete, wird nach Lause gebracht, und dieser stopft seine Pfeife von neuem, pfeift seinem Lunde und geht auf den Keller, um sein Bier zu trinken und mit einem Stück Kalbsbraten oder einem gebratenen Luhn die Reihe der täglichen Mahlzeiten auf eine würdige Weise zu beschließen. Der Winter macht hierin nur insofern eine Abänderung, als statt des Kellers am Abend irgendein Kaffeehaus oder eine geschlossene Gesellschaft besucht wird.
Wenn man auf solche Weise den Mann nur selten im Lause antrifft, so ist es hingegen die Frau, die, wie bei den Franzosen, dem Geschäfte vorsteht, die Rechnungen führt, den Verkauf besorgt und von Morgen bis Abend alle Lände voll zu tun hat. Dies bringt dem Geschäfte nur Gewinn; denn während der Mann nicht sehr einnehmend in seinen Manieren ist und von zuvorkommender Löflichkeit nichts wissen will, ist die Frau bemüht, den Käufer durch Freundlichkeit anzuziehen und mit einer Fülle von gutmütiger Bereitwilligkeit, unermüdlich des kleinsten Gegenstandes wegen, zu unterhandeln.